Der Dampfboot-Capitain.

In das südliche Ufer des Arkansas mündet, noch im sogenannten »Indianischen Territorium,« aber unfern der westlichen Grenzen von Nordamerika's »Vereinigten Staaten,« ein kleiner Fluß oder »Creek,« die Red Fork. Ein Städtchen der Eingeborenen liegt auf der südlichen Landspitze, die der Zusammenfluß der beiden Wasser bildet, und das Ufer ragt hier, gleich geschützt gegen die Ueberschwemmung der südlichen wie westlichen Bergwasser, viele Fuß hoch über die rauschende Fluth empor.

Das Städtchen, wenigstens der Theil desselben, der in einem fast rechten Winkel nach Osten zu Front gegen den Arkansas, nach Norden hin gegen die Mündung des Creek bildete, glich den übrigen towns und villages der, von Weißen bewohnten, westlichen Staaten auf ein Haar; es bestand aus einfachen, meist einstöckigen Blockhäusern, hie und da mit bequemen hölzernen Verandas versehen, alle aber wieder für sich von verschiedenartigen Fenzen umzogen und abgeschlossen. Graue Schindeldächer, oft nur von den gewöhnlichen weight poles oder Lasthölzern gegen die Herbst- und Frühlingsstürme geschützt, deckten die Wohnungen, und die noch hie und da mitten auf dem Landungsplatz und in der ersten Straße stehengebliebenen Baumstümpfe verriethen deutlich genug, wie erst vor Kurzem der ganze Platz dem Walde abgerungen worden.

So etwa bot sich wenigstens die vordere Stadt in ihren Eigenthümlichkeiten den Augen des Landenden der entweder den Arkansas herauf, aus den civilisirten Staaten auf keuchendem Dampfboot anlangte, oder die Red Fork herab in roh ausgehauenem Canoe von einem Jagdzug im Innern zurückkehrte. Nur um eine Straße aber weiter zurück, und zwischen den dort einzelner stehenden Häusern, ragten nicht selten die spitzen phantastisch geschmückten Giebel indianischer Wigwams empor, und hellblauer Rauch kräuselte aus den cylinderförmig gelegten Fellen in die sonnige Luft hinauf.

Von dieser Seite her drängte sich auch noch der grünende Urwald voll und üppig zwischen die halb civilisirten, halb der alten Sitte treu gebliebenen Wohnungen hinein, als ob er jetzt selber gekommen sei, »die Stadtleute« zu besuchen, die ihm Alle, und so auf einmal, untreu und abhold geworden. Und hatte er das etwa um sie verdient? – war er ihnen nicht immer ein treuer liebender Vater gewesen, der seine Söhne geschirmt hatte, gegen Kälte und Sonnenbrand, gegen den schneidenden trockenen Nord, wie den niederfluthenden Regen; der ihnen süße Früchte und saftige Bärenrippen und Massen von Hirsch- und Truthahnfleisch geliefert? – aber das ist leider das alte Lied in der Welt, mag der Boden nun Amerika, Europa oder Australien heißen; mit Mühe und Noth ziehen die Eltern die Kinder heran, und sind sie erwachsen und im Stande, allein das Haupt in das Schaffen und Treiben ihrer Mitmenschen hineinzuheben, dann sagen sie dem väterlichen Dache Lebewohl und schreiten rüstig mit geschürzten Lenden, davon – die Eltern aber strecken ihnen wehmüthig die Arme nach und trauern über die Verlorenen.

Auch der alte treue Urwald streckte seinen bösen abtrünnigen Kindern liebend die laubigen Arme nach, über die Fenzen selbst lief er hin, mit seinen schönsten und blumigsten Lianen und Moosen, die wilden Weinbeeren und Früchte hing er ihnen lockend und schmeichelnd bis über das fremdartige Dach, und mit Wohlthaten sogar vergalt er die scharfen, sicher gezielten Axtschläge der Undankbaren. Blüthen und würzige Beeren ließ er zurück, wenn seine sichersten Stützen gefällt, und bis zum letzten vereinzelten Stamm gaben diese den Wohnungen der Abtrünnigen noch Schutz und Schatten gegen den heißen Mittagsstrahl, dämmten sie noch die rohe Kraft der nordischen Stürme.

Es war ein lieblicher Anblick, dieses kleine, von rauschendem Wald umschmiegte indianische Städtchen, mit seinen pittoresken Wohnungen, den Shantees und Wigwams, den mitten darin hin galoppirenden Pferden, den kläffenden Hunden und sich munter zwischen allen herumtummelnden rothhäutigen, halbnackten Kindern; es war ein lieblicher Anblick, wie sich dicht an der kiesigen abdachenden Uferbank hin der breite reißende Strom so friedlich vorbeischmiegte, während den Hintergrund mit seinen lianenüberwachsenen Stämmen der rauschende herrliche Urwald bildete.

So anziehend übrigens, besonders für den Europäer, die äußere Erscheinung des kleinen Ortes sein mochte, so interessant waren ebenfalls die bunten Gruppen der Bewohner, die gerade heute ein etwas außerordentlicher Gegenstand ungewöhnlich zahlreich am Landungsplatz versammelt hatte. Eine gemischte Schaar von Indianern, theils in europäischer, theils noch in ihrer ursprünglichen Tracht, mit Fellen oder Decken behangen, und mit Federn und andern Zierrathen besteckt, Neger und Mulatten, weiße Händler und Jäger, und hie und da eine neugierige dunkelfarbige Squaw standen an manchen Stellen ziemlich dicht gedrängt, an manchen mehr zerstreut, das Ufer entlang, und selbst die wilde jubelnde Schaar der halbnackten Knaben und Mädchen, die sich bis dahin einander jauchzend und schreiend gehetzt und Jagd, Krieg und Hochzeit gespielt, drängten schweigend um die Erwachsenen und blickten den spiegelglatten, im heiteren Licht der Nachmittagssonne blitzenden Strom erwartungsvoll hinunter.

Der so außergewöhnliche Gegenstand war aber auch wirklich nichts Geringeres, als eines der kleinen Dampfboote, die meistens nur den Arkansas bis Fort Smith, zur Grenze des indianischen Territoriums, oder höchstens, wenn sie noch ja weiter gehen wollten oder konnten, bis zu dem nicht mehr fern gelegenen Fort Gibson hinauffuhren. Sehr selten aber, und nur bei günstigem Wasserstand, besuchten sie die kleinen, noch höher aufwärts gelegenen indianischen Ansiedlungen, und zwar weniger um die Produkte der Eingeborenen dort abzuholen, als selbst mitgebrachte Waaren, besonders verbotenen Whiskey, den rothen Kindern amerikanischer Erde entweder für baares Geld, oder noch lieber gegen andere Tauschartikel, aus denen sie hoffen durften in den Städten und Ansiedlungen der Weißen doppelten Gewinn zu ziehen, zu verkaufen.

Das Dampfboot Fox lag in diesem Augenblick, wahrscheinlich um Holz einzunehmen, noch etwa eine englische Meile unterhalb, an der entgegengesetzten Seite des Flusses, und die Menschengruppen, die es in unserem kleinen Städtchen Redtown erwarteten, unterhielten sich indessen sowohl über das seltene Anlaufen von Dampfern, wie auch über die Ursachen, die den Capitain vermocht haben konnten, so weit über seinen gewöhnlichen Landungsplatz hinauszusteuern.

»Ursachen? was wird's da große Ursachen haben?« fiel hier dem letzten Sprecher ein stattlicher, kräftig gebauter Indianer in die Rede, der sich in dem blauwollenen europäischen Rock und den pfeffer- und salzfarbenen Beinkleidern keineswegs so wohl zu befinden schien, als das sonst Behäbige seiner Person hätte andeuten können, »'s ist eines von den speculirenden Blaßgesichtern, das, trotz Rossas Verbot, dennoch frech genug sein wird, seinen Whiskey hier keck und offen an's Land zu schaffen, ohne auch nur einer rothen Mutter Sohn deshalb um Erlaubniß anzugehen. Was nützt uns da jenes, sonst so treffliche Gesetz, das den Weißen verbietet, sich, ohne unser Verwandter zu sein, unter uns anzusiedeln? es giebt auch schlechtes Volk in unserem eigenen Stamm, unter den rothen Kindern des großen Geistes, das sich kein Gewissen daraus macht, selber das Gift in die Hütten der Seinen zu tragen, wenn es nur das schimmernde Metall, oder den Genuß des Feuerwassers dafür erhalten kann. Hol Nannabozho die Bande – Tomson verachtet sie von Grund seiner Seele aus.«

»Tomson,« wiederholte mit leisem Grunzen ein dicht neben ihm stehender Eingeborner, der aber, trotz seiner civilisirten Umgebung, keineswegs den neueren Sitten zu huldigen schien, denn noch deckte nur das ächt indianische Büffelfell seine braunen Schultern, noch schmückte die bunte Federzier sein Haupt, und die Kriegsfarben prangten auf dem edlen, fast römisch geschnittenen Gesicht des jungen Kriegers. Er war bis an den Gürtel hinab nackt, und nur um den Hals trug er eine einfache Schnur so wilder als eigenthümlicher Zierrathen; abwechselnd aufgereihte Klappern der Klapperschlange und Fänge des »grauen Bären,« die ihm tief bis auf die Brust herabhing. Um den Gürtel wand sich ihm ein aus gefärbtem Hirschleder wunderlich geflochtener und mit bunten Federn des Holzhahns und Kardinals, wie mit farbigen Wampumstücken geschmackvoll besetzter Gürtel. Seine Beine deckten weich gegerbte, reich mit Fransen besetzte Leggins, und den stolzen Zierrath erbeuteter Scalpe trug er sowohl in langen Streifen an diesen herunter, wie auch um die Bänder, die seine Leggins unter dem Knie fest zusammenhielten. Seine Moccasins waren schlicht gearbeitet, und mit der Rinde der schwarzen Wallnuß dunkelbraun gefärbt. Von den Schultern aber hing ihm in vollen seidenartigen Falten ein prachtvolles, an der nach außen hin gedrehten Fleischseite mit den künstlichsten Schildereien geschmücktes Büffelfell, dessen buschiger Schwanz weit und keck hinter ihm herschleifte.

An Waffen trug er sichtbar nur ein kleines Scalpirmesser, und zwar oben in seinem Haarschmuck auf der rechten Seite der Scalplocke, mit dem Griff nach unten, daß er es leicht und rasch ergreifen konnte, und im Arm die gewöhnliche aus hartem Holz verfertigte Kriegskeule, die ein hineingeschlagener scharfer und breiter Stahl zu einer fürchterlichen Angriffswehr machte. Wie die meisten seines Stammes ging er im bloßen Kopf, und von dem geschorenen Scheitel trotzte nur, von zwei großen Adlerfedern durchstochen und unten mit einem dünnen Streifen Wampum umwunden, die lange glatte Scalplocke, den Feind herausfordernd, der es wagen würde, nach ihr die kecke Linke auszustrecken.

»Tomson,« sagte der junge Krieger, »hat mein Vater schon ein Kind des großen Geistes gesehen, das seine Mutter Tomson rief? ist es nöthig, daß uns das Gift in hölzernen Kalebassen hergeschafft werde, tragen wir es nicht, unter der eigenen Farbe, im eigenen Herzen? – Weiße sollen nicht in unserer Mitte ihre Wigwams bauen, aber unsere eigene Haut bleicht unter den heißen Kleidern der blassen Männer. Schon-ka-ki-he-ga, den Roßhäuptling nannten Dich die Krieger Deines Stammes, und der Wampum, der früher in Deiner Hütte hing, kündete, wie Du diesen Namen verdient. War es eine Waffenthat, die dem stolzen Häuptling der Rosse den Namen Tomson verschaffte?«

»Der Tomahawk ist begraben, Pah-me-o-ne-qua,« erwiederte der Angeredete ruhig dem scharfen Spott des jungen Kriegers, »zwischen weißen und rothen Männern soll kein Krieg mehr sein – es sind Alles Kinder eines Gottes, und die Religion, die uns diesen Glauben lehrt, ist gewiß die richtige. Der weiße Priester nannte mich, als er mich in den Bund der Christen aufnahm, Tomson, und Schon-ka-ki-he-ga liegt mit dem Häuptlingsprunk im stillen Grab.«

»Und doch wünschte unser frommer Christ Tomson, daß Nannabozho die Strafbaren treffen möge« – lachte ein junger Weißer, der in halb europäischer, halb indianischer Tracht zu der Gruppe trat – »wie verträgt sich das mit dem Christenthum?«

Tomsons broncefarbigen Wangen nahmen eine noch viel dunklere Röthe an, und er warf einen halb verlegenen, halb unwilligen Blick auf den Spötter; dieser aber, der den ihm sonst befreundeten Indianer nicht kränken oder beleidigen wollte, streckte ihm freundlich die Hand entgegen und sagte:

»Kommt, Tomson, macht kein so finsteres Gesicht – es fuhr mir nur so heraus und war nicht bös gemeint. Aber – in einem habt Ihr Unrecht – Ihr meint, jener Dampfbootscapitain werde, trotz dem Verbot, frech genug sein, von Euch verbotenen Whiskey hier ans Ufer zu schaffen. Ei, Mann, wenn Ihr Alle so denkt, und das selbst aussprecht, dann hat jener Weiße ganz recht, und Ihr verdient es nicht besser; wozu habt Ihr aber die Gesetze, wenn Ihr sie nicht in Kraft erhalten wollt? wozu bildet Ihr eine »Indianische Nation«, wenn Ihr nicht einmal den Versuch macht, der Willkür Einzelner zu steuern? Gebt jenen Speculanten doch nur ein Beispiel – laßt sie nur einmal sehen, daß Ihr Ernst macht und, mein Wort zum Pfande, sie werden sich zum zweiten Mal bedenken, ehe sie wieder eine Ladung theueren Guts auf's Spiel setzen.«

»Was hülfe uns das,« entgegnete ihm Tomson etwas kleinmüthig, und mit dem Kopf schüttelnd, »wir haben es neulich gethan und demselben Dampfer fünf ganze Fässer voll zurückbehalten, drei Wochen später aber brachte er ein Schreiben von Little Rock, und wir mußten nicht allein den Whiskey wieder heraus, sondern ihn auch noch dem Gericht der Amerikaner, wie sich die Menschen keck genug nennen, übergeben.«

»Wer viel frägt, wird viel berichtet, lautet bei uns ein altes Sprichwort,« sagte der junge Europäer, »wäre ich hier Häuptling, und wollte ein Weißer gegen die Gesetze des Landes handeln, so sollte er das auch nur auf seine Verantwortung thun; aber entschieden würde ich auftreten, und weder ihm, noch seinen Gerichten Gelegenheit geben, vor der Ausführung ein Wort mit einzuwerfen.«

»Aber wie?« frug Tomson.

»Wie? – einfach genug;« erwiederte der Weiße, »Ihr mögt meinetwegen vorher erst noch einmal warnen, und die Ausschiffung von Whiskey, falls sie versucht würde, laut dem Gesetz verbieten – obgleich das nicht einmal nöthig ist; denn jeder Händler kennt dies Gesetz, wie viel mehr denn ein Dampfboot-Capitain, der des Jahres zehn, zwölf mal den Arkansas heraufkömmt. – Trotzt der Bursche aber auf frühere ungestrafte Landungen – ei dann schlüge ich den Fässern den Boden ein, und ließe den Whiskey sich selbst seinen Weg in den Fluß hinunter suchen. So leicht er nachher im Stande wäre, die mit Beschlag belegte Waare dem Arkansas wieder zu entziehen, ebenso leicht wird er auch einen amerikanischen Gerichtshof bewegen können, Schadenersatz für ihn zu beanspruchen. Wer sich sein Recht nimmt, hat's – doch Ihr wißt, Tomson, ein Blinzeln ist einem blinden Pferde gerade so nützlich wie ein Nicken, also good bye, Alter, ich muß noch heut Abend den Fluß ein Stück abwärts reiten; haltet die Augen offen und – vor allen Dingen – steht fest zusammen – Euere ewigen Kriege untereinander sind ja doch die einzige Ursache Euerer jetzigen Schwäche.«

Und mit einem freundlichen, Tomson zugewinkten Gruß schritt er rasch, ohne sich um die Uebrigen weiter zu bekümmern, dem kleinen Wirthshaus zu, das am Ende des freien Platzes durch ein Schild, auf dem sich zwei Friedenspfeifen kreuzten, bezeichnet war.

»Kennt mein Bruder das Bleichgesicht?« sagte da plötzlich ein ältlicher indianischer Krieger, der in seine Decke gehüllt, aber ohne – wenigstens sichtbare – Waffen, zu Tomson trat; denn Pa-me-o-ne-qua, der rothe Donner, hatte sich mit finsterem Blick entfernt, als einer der verhaßten Weißen keck genug gewesen war, die Rede aufzunehmen, die er, der tapfere Häuptling der Konzas, mit einem rothen Mann begonnen – »er sprach gut, und seine Worte klangen, als ob ihre Wurzeln im Herzen säßen.«

»Der »Wolf vom Berge« gehört nicht zu den Engländern,« erwiederte Tomson, und heftete erst jetzt sein Auge, das der davonschreitenden Gestalt des Fremden gefolgt war, auf den Neugekommenen. »Die Gräber seiner Väter liegen, wie er mir einst gesagt, weit, weit über den fernen Salzseen im Osten. Auch seine Sprache klingt anders, und er vielleicht vor Allen ist das einzige Bleichgesicht, dessen Herz seine Zunge nicht Lügen straft.«

»Er ist ein Händler,« sagte der Andere verächtlich.

»Ja, aber nicht in dem Sinn, wie wir die Elenden hier in Masse dulden müssen,« vertheidigte der alte Mann den Fremden – »wenn's überhaupt Einen unter den Bleichgesichtern gäbe, dem ich trauen möchte – der wär' es.«

»Mag sein jetzt noch – wie viele Winter die Ehrlichkeit der blassen Haut gedauert, kündet vielleicht der nächste Schnee – aber was hat mein Bruder beschlossen? – das große Canoe da unten ächzt schon wieder mit der Brust gegen den mächtigen Strom an – soll das Feuerwasser seinen Weg in die Wigwams unseres Stammes, oder zurück in das rauschende Bett des Arkansas finden?«

»Wir wollen die Häuptlinge zusammenrufen,« sagte Tomson nach kurzem Sinnen. – Der alte Mann hatte lange Zeit innerhalb der Vereinigten Staaten gelebt, auch einige der größeren Städte des Westens besucht, und dadurch einen gewaltigen Respekt vor der Macht der Weißen bekommen; deshalb konnte er die Scheu nicht sogleich überwinden, feindlich gegen sie aufzutreten, wenn er hier auch das vollkommenste und beste Recht auf seiner Seite hatte. Ueberdies war er der erste Häuptling des kleinen Ortes, und für jede derartige Handlung verantwortlich, kein Wunder, daß er das nicht so ohne alles Bedenken übernehmen mochte.

»Gut so!« sagte Tcha-to-ga, zog seine Büffeldecke fester um sich her, und schritt, ohne das jetzt rasch nahende Boot eines Blickes weiter zu würdigen, dem Berathungshause zu, das inmitten des kleinen Ortes, selbst eine der einfachsten und unansehnlichsten Blockhütten unter allen, lag.

Tcha-to-ga, der tolle Büffel, war ein reicher Häuptling der Osagen, der jedoch, in freundlicher Beziehung mit den Chocktaws und Cherokesen stehend, seinen eigenen Stamm verlassen hatte, und mit seiner einzigen Tochter, dicht unterhalb der Stadt, eine kleine, von Sclaven cultivirte Farm besaß, sich selbst aber noch keineswegs den Sitten civilisirter Nationen fügen mochte, und sogar die Tracht der Seinen, das Büffelfell und den bunt stattlichen Federschmuck beibehielt. Auch würde er es für tief unter der Würde eines tapferen Kriegers gehalten haben, Spaten oder Hacke in die Hand zu nehmen; aber am Berathungsfeuer der Cherokesen galt seine Stimme viel, und sein tapferer Arm hatte ihnen auch manchmal schon wirklich thätliche Hülfe gegen die diebischen »Creeks« geleistet, von denen sich ein nicht unbedeutender Trupp etwas weiter die Red Fork hinauf, aber an demselben südlichen Ufer derselben, niedergelassen.

Tcha-to-ga verschwand in der Thür der kleinen Halle, und ihm folgte bald darauf Tomson mit noch einigen andern, meistens wie er in europäische Tracht gekleideten Indianern. Die Masse der Bevölkerung schien übrigens viel zu sehr in dem Anblick des jetzt sich ziemlich rasch nähernden Bootes vertieft, um die Bewegung der Ihrigen viel zu beachten; Aller Augen hingen an den rauchenden Schornsteinen, an der puffenden 'scape pipe, an der schäumenden Fluth, die sich hoch aufbrausend unter dem runden Buge kräuselte.

Der Fox war nur eines der kleinsten und unbedeutendsten Boote des Arkansas, aber dennoch in dieser abgelegenen Gegend eine großartige Erscheinung, und als die Klingel endlich tönte, die Stangen der Deckhands, um den Bug vor dem Auflaufen zu bewahren, in den Kies stießen, und der schwimmende Vulkan, nur noch innerlich keuchend, als ob er von der gehabten Anstrengung nicht zu Athem kommen könne, durch die ausgeworfenen und befestigten Taue gehalten, still und ruhig lag, da drängte sich die Schaar der neugierigen Wilden rasch und ungestüm den Planken zu, und bald kletterten und sprangen wohl funfzig und mehr halbnackte, braunrothe Gestalten von Kindern und Erwachsenen an den Seiten des Fahrzeugs, an den Radkasten und die Kajütentreppen hinauf, und schwärmten oben über das Boiler- und Hurricanedeck und über die Gangwege hin, bis hinten zur Ladies Cabin, wo ihnen jedoch ein paar wohl frisirte und trotzige Mulattengesichter das weitere Vordringen auf das entschiedenste verwehrten.

Der Capitain, ein grießgrämiger kleiner ausgetrockneter bleicher Gesell, mit unstäten Blicken und einer ächten Galgenphysiognomie, duldete auch diesen etwas sehr ungenirten Besuch seines Fahrzeugs auf das nachsichtsvollste. Er hatte übrigens seine guten Gründe, weshalb er es gerade jetzt mit den Bewohnern des kleinen Ortes nicht verderben wollte; ja diejenigen der Eingeborenen, bei denen sich etwa die Vermuthung rechtfertigen ließ, daß sie irgend einen Rang bekleideten, oder gar Häuptlinge seien, nahm er sogar zum Büffet, traktirte sie dort mit Liqueur und Weinen, und unterhielt sich mit ihnen auf das freundlichste und leutseligste.

Indessen waren aber seine Leute unten auch nicht müßig gewesen; die Feuerleute öffneten rasch, sobald das Boot sich dem Lande näherte, die eisernen Thüren und gossen mehre Eimer Wasser über die wildaufzischenden sprühenden Kohlen, daß dicker schwarzer und glühender Rauch aus den dunkeln Schornsteinen wie aus einem zornigen Vulkan emporstieg. Die Deckhands, oder Matrosen des Dampfboots, wenn ein paar schmutzig freche abgerissene Burschen den Namen Matrosen überhaupt verdienten, rissen unter der Zeit die Vorderluke auf, die zwischen dem Gangspill und den auf Deck befindlichen Kesseln lag, und tauchten in den dumpfigen engen und dunklen Raum hinab.

Der Capitain stand noch oben vor seinem »bar room« oder Schenkstand, als ein ungewöhnlich hellfarbiger Eingeborener, Einer der sogenannten half breed, von indianischer Mutter und weißem Vater abstammend, zu ihm trat und ihm ein, von den Uebrigen nicht bemerktes Zeichen gab, ihm einen Augenblick zu folgen.

Es war eine starkknochige, breitschultrige Gestalt, dieser Halb-Indianer, und zeigte sowohl in seiner Tracht wie Hautfarbe das Gemischte seiner Abstammung. Er trug allerdings wie Tomson die europäische Kleidung, den blau gewebten und frackartig ausgeschnittenen Rock, wie ihn fast alle Hinterwäldler tragen, eben solche Beinkleider und einen schwarzen Hut, aber kein Hemd. Das rothseidene Halstuch war um seinen nackten Hals geknüpft und die Füße staken in hellgelben rohgearbeiteten Moccasins, die, anstatt von Lederriemen, wie das gewöhnlich der Fall ist, von starkem aufgedrehten Bindfaden zusammengehalten wurden. Auch den indianischen Schmuck hatte er noch nicht ganz abgelegt; in den Ohren hingen ihm lange klappernde Perlenglocken, und ein aus rothem Wollenzeug geschnittener, mit weißen Perlen gestickter Gürtel war ihm fest um die Hüften geknotet und trug ein einfaches kurzes Messer, mit einem aus Büffelhorn roh zugeschnitzten Hefte.

So gemischt und unbestimmt aber auch sein Anzug sein mochte, so entschieden unangenehm, ja widerlich war der Ausdruck seiner Züge, und man wußte beim ersten Anblick wirklich nicht, ob das schielende linke unstete Auge, die dünnen zusammengekniffenen Lippen oder die niedere, von den schwarzen Haaren wirr umstarrte Stirn mehr die Schuld des ersten Abscheus trug.

Capitain Burkner folgte übrigens dieser wunderlichen Erscheinung augenblicklich, und trat mit ihr hinaus auf den Starbord Gangweg, wo der Halb-Indianer mit rascher und unterdrückter Stimme zu ihm sagte:

»Habt Acht, Captain – sie wollen nicht Whiskey hier an Land nehmen, Santa Debbelo, wär' ein verfluchter Streich!«

»Unsinn, Dodge,« lachte der Capitain, »wenn es weiter Nichts ist; ich glaubte schon, es wäre wunder was vorgefallen. Wollen den Whiskey nicht an's Ufer nehmen? ei Mann, sie müssen, und ihr Wollen wird da gar nicht befragt. Glaubst Du, daß ich die funfzehn Fässer voll wieder mit nach Little Rock, oder auch nur nach Fort Gibson zurücknähme? fällt mir nicht ein, seit fünf Jahren nun, oder wie lange das kleine Nest hier besteht, schaff' ich meinen Whiskey hier her und an Land, und ich werde heute wahrhaftig keine Ausnahme machen sollen, wo es vielleicht irgend einem Thoren gerade eingefallen ist, sich auf alte vergessene oder veraltete Gesetze zu berufen.«

»Sprecht nicht so laut,« bat der Halb-Indianer und sah sich dabei scheu um – »Tomson ist sehr schwacher Mann, aber Tcha-to-ga ist schlimm. – Tcha-to-ga hat viel Macht auf die Häuptlinge – wenn Tcha-to-ga sagt nein – kein Häuptling in Redtown sagt ja!«

»Aber was können sie thun, wenn ich ihn trotzdem lande?« frug der Amerikaner, durch die erhaltene Warnung doch etwas unschlüssig gemacht. –

»Wegnehmen« – meinte Dodge.

»Bah, das haben sie neulich schon versucht und mußten ihn wieder herausgeben; das Nämliche wagen sie nicht zum zweiten Male,« lachte der Dampfbootscapitain – »hahaha, Dodge, ich habe damals, das heißt unter uns gesagt, einen verdammt klugen Streich ausgeführt. In Little-Rock wollten sie von meiner Klage Nichts wissen, und da sie hier von Papieren verdammt wenig verstehen, so – doch – das thut Nichts zur Sache, und ob Du das weißt oder nicht.«

Der Halbindianer begriff aber nicht so ganz schwer, als der Amerikaner vielleicht vermuthete; ein tückisches Grinsen verzog wenigstens für einen Moment, aber auch nur so lange, seine Züge, die Sorge für das gefährdete Gut wurde bald wieder überwiegend, und er fuhr mit leiser, ängstlicher Stimme fort:

»Dann werden sie die Waare zerstören.«

»Sie sollens wagen,« knurrte der Capitain mit finster zusammengezogenen Brauen, »meine Leute sind lauter gute Schützen und dann – hehehe – geh ich denn nicht auf die Thorheit wirklich ein? Diese halb civilisirten Burschen haben etwas ungemein Nützliches in hohem Grade gelernt, die Bedenklichkeit – sie wagen es nicht

»Wenn aber doch?« wiederholte der vorsichtige Halbwilde seine frühere Befürchtung – »will der Weiße sein Feuerwasser preis geben?«

»Capitain,« sagte in diesem Augenblicke der Lootse des Fox und öffnete die kleine Glasthüre, die hinaus auf den Gangweg führte, auf dem die beiden Männer standen – »oh ich störe wohl« – er wollte eben wieder zurück, Capitain Burkner streckte aber die Hand nach ihm aus –

»Bitte, Pilot, bleiben Sie doch einen Augenblick hier, ich muß Ihnen etwas mittheilen, bleiben Sie nur, ich habe hier nichts Geheimes mehr zu verhandeln und – prenez garde« – setzte er dann mit einem von Dodge nicht bemerkten Blick in französischer Sprache hinzu, von der er glauben konnte, daß sie der Halbindianer nicht verstehen würde.

Der Pilot kannte seinen Capitain zu gut, um nicht rasch zu begreifen, was Jener ungefähr beabsichtige und trat deshalb, einen Fuß auf den Schutz stemmend, der um den Gangweg herum lief, auf den Radkasten zu, von wo aus er, wie in Gedanken vertieft, nach dem Strom und dem jenseitigen Ufer hinausschaute.

»Wie sagtest Du vorher, Dodge?« frug jetzt Capitain Burkner, als ob er die Rede seines »Geschäftsfreundes« nicht verstanden habe.

Dodge hob den Kopf empor, obgleich ihn aber Burkner scharf fixirte, konnte er doch nicht genau bestimmen, auf wem, ob auf ihm oder dem Lootsen, sein Blick gerade ruhe; denn auf allen Beiden haftete eines der unheimlichen dunklen Augen des Wilden; endlich erwiederte dieser mit einem spöttischen Zucken um die Lippen:

»Will der Weiße Feuerwasser preis geben, wenn Tcha-to-ga es nimmt?«

»Ja« – lautete die mit einem Blick auf den Lootsen gegebene Antwort – »so lange ich es in Verwahrung habe – hast Du es aber erst einmal übernommen, dann gehört es Dein und geht mich Nichts weiter an.«

»Gut,« sagte Dodge – »wollen sehen.«

»Aber halt, noch eins, mein Bursche,« rief ihm der Capitain nach, als er schon die Starbord Cajütentreppe hinunter an Deck springen wollte. »Ging es denn gar nicht an, daß ich die Red Fork hinauf bis gleich zu Eurem Dorf, oder doch wenigstens ein Stück hinaufführe? nachher brauchten wir den ganzen Streit mit Denen in Redtown nicht und könnten sie noch hinterdrein auslachen.«

»Geht nicht,« sagte Dodge und stieg die letzten Stufen der kleinen Treppe hinunter – »nur vierzehn Zoll Wasser auf Sandbank, und Fox zieht zwanzig.«

»Ei so geh zum Teufel,« brummte Burkner leise vor sich hin, als er sich scharf auf seinem Absatz herumdrehte; »Du bist mir gut genug für funfzehn Fässer, und schützen mich die Vereinigten Staaten auch nicht in einer Klage auf Schadenersatz für, in das Indianische Territorium geführten Whiskey, so thun sie es jedenfalls bei einer Schuldforderung, die ich an einem der rothhäutigen Ansässigen darin halte. Ihr habt doch gehört, was wir mit einander abgemacht, Pilot?«

»Ja,« erwiederte dieser, »aber ich sehe nicht ein, was Ihnen das helfen soll – der Bursche ist schlau genug den Whiskey nicht eher wirklich zu übernehmen, als er sich vollkommen sicher weiß.«

»Haha,« lachte da Burkner, »er hat ihn aber übernommen, sobald ich ihn an's Ufer geschafft habe; unser schriftlich abgefaßter Contrakt, noch von früherer Zeit her, lautet dahin; im äußersten Fall also hätt' ich wenigstens einen Rückhalt, aber ich denke auch noch selber mein gutes Recht vertheidigen zu können – es ist überdieß die letzte Fahrt, die ich mit dem Fox, als dessen Capitain mache, und der nach mir Kommende mag später sehen, wie er mit den Eingeborenen selber fertig wird.«

»Capitain Burkner,« rief in dem Augenblick vom Deck aus die Stimme des Mate[6] – »Alles fertig – können wir anfangen?«

[6]: Der Mate oder Steuermann, der zweite im Befehl nach dem Capitain auf allen Fahrzeugen.

»Sind denn die Karren da, die Dodge schicken wollte?« frug der Angerufene zurück, indem er selbst nach dem Boilerdeck zuschritt.

»Da kommen sie eben aus der Straße heraus,« sagte der Mate, und kletterte vorne am Lastrad, das gerade über der Luke vor dem Boilerdeck angebracht war, zu diesem hinauf; »ich denke wir schaffen am besten das Mehl und den Whiskey gleich hinaus, und hielten uns dann nicht mehr überlang hier oben auf; erstlich fühlt man sich zwischen den rothen Hallunken nie ganz wohl, und dann hätt ich auch gern, daß wir vor Dunkelwerden über die letzte Sandbank zurückkommen; unser alter Fox hält nicht mehr viel Püffe aus und das Wasser fällt. Wird es aber nur noch drei Zoll niedriger, als es schon ist, so bleiben wir ohne Gnade und Barmherzigkeit sitzen, ich habe selbst das Senkblei ausgeworfen, und weiß, wieviel Raum wir haben müssen.«

»Nun dann bleibt mir ja nicht einmal mehr Zeit zum Ueberlegen,« sagte der Kapitain rasch, »gut denn, Mate, geht ans Werk und seht, wie bald Ihr Eure Arbeit beenden könnt.«

»Soll nicht lange dauern, Sir,« erwiederte dieser, augenscheinlich zufrieden mit der erhaltenen Antwort. »Holla da unten, Ihr Ben, Virginny, he Ned' – aus mit den Fässern; Ihr schafft sie an Deck und die Feuerleute schaffen sie ans Ufer – munter, rührt Euch, Donnerwetter, schlaft da unten nicht ein mit den Haken – dauert das eine Ewigkeit.«

»Ay Ay, Sir!« lautete die Antwort der geschäftigen Arbeiter – während ihr »A oy– i!« mit dem vollen Accent auf der letzten, hoch und scharf ausgestoßenen Silbe weit hin über das Ufer klang und die kleine fröhliche Schaar der indianischen Kinder, Knaben und Mädchen im Nu verlockte, auf einer dort ans Land gezogenen alten und halb verfaulten Pirogue[7] alle Bewegungen und Laute nachzuahmen, die sie als Muster von dem vor ihnen liegenden Dampfboot sehen und hören konnten.

[7]: Eine große Art von Canoe.

Mehlfaß an Mehlfaß stieg jetzt aus dem engen »Hold« des Dampfbootes auf und wurde von den rußigen Händen der Feuerleute eben so rasch über die schmale, schwankende Planke hin ans Ufer gerollt, wo die verschiedenen Käufer, die großentheils schon im Fort Gibson den Handel mit dem Capitain abgeschlossen hatten, das ihre entweder wieder in Canoes nehmen ließen, um es selber mit stromab oder auf zu nehmen, oder auch gleich, falls sie in der Stadt hier wohnten, die einzelnen Fässer selber durch ihre Squaws in die benachbarten Wohnungen wälzen ließen.

Indessen arbeitete die Mannschaft des Fox rüstig fort, und laut hin schallte der Chorgesang der Arkansas Boote:

»If we go down to New-Orleans
And land her on long side,
There wi'll discharge our cargo
All to our captain's pride;
There wi'll discharge our cargo,
Without any dread or fear,
And damn my eyes if I do'nt knock down
The man that insults my dear.«

Und dann der Chor, während sich die Heraufziehenden mit erneuten Kräften in die Seile hingen und nach dem Takt mit den Händen wechselten:

»Little Rock in Arkansaw
The damnest place I ever saw
Little Rock, oh bless my soul
A miserable wolfish hole«

Während die Leute hiemit auf das emsigste beschäftigt waren und Mehl und Pökelfleisch, Salz, Blei, Pulver, wollene Decken und Stangen rohen Eisens – denn es gab unter den Cherokesen und Chocktaws schon recht wackere Schmiede, die das Letztere wohl zu jedem Gebrauch verarbeiten konnten – an's Ufer schafften, hatte sich oben unter den Neugierigen auch eine Gruppe von Männern gebildet, die das ganze Verfahren an Bord des Fox mit augenscheinlich weit größerem Interesse beobachteten. Es waren dieß die Häuptlinge Tomson, Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk – die große Krähe, ein anderer »chief,« der zu den Angesehensten des Ortes gehörte, und bei den Berathungen ebenfalls eine ziemlich entscheidende Stimme abgab. Diese drei nun standen zusammen und schauten schweigend nach den Fässern hinüber, wie sie aus dem »Hold« emporstiegen, und noch hatte keiner von ihnen auch nur eine Silbe geäußert, als Tcha-to-ga plötzlich ein lautes und tief aus der Kehle heraufgeholtes Wah! ausstieß, und mit der Hand nach der Bootsluke deutete.

An der Kette, von den beiden kräftigen Haken gehalten, schwang eben ein starkes Faß empor, und der rothangestrichene[8] Boden desselben verrieth nur zu deutlich was es enthalte.

[8]: An den Whiskeyfässern in den ganzen Vereinigten Staaten ist stets der eine Boden zinnoberroth angestrichen.

»Wah!« sagte Tcha-to-ga und deutete hinab – »die Weißen bringen dem rothen Mann seine Farbe, aber die Kinder Manitos sind nicht blind; sie können einen Truthahn-Geier wohl von einem Truthahn unterscheiden – kommt! –« Und ohne weiter eine Antwort der anderen Beiden die noch unentschlossen zu sein schienen, abzuwarten, schritt er rasch die ziemlich steile Bank zum Boot hinab. Tomson und Ko-ha-tunk zögerten aber auch nur einen Moment, und noch war ihr kühnerer Gefährte nicht in Sprungslänge von ihnen entfernt, als sie ihm ebenfalls folgten und nun mit ihm zugleich, gerade in dem Augenblick die Planke erreichten, als Einer der Deckhands das vorhererwähnte Faß, dem schon ein anderes ähnliches in der Luke folgte, an's Ufer rollen wollte.

Der Capitain stand, seine Cigarre rauchend, oben vorn auf dem Hurricanedeck und schaute mit vorgebogenem Körper, während er sich mit der linken Hand an einen der starken Drähte hielt, die den großen eisernen Schornsteinen Festigkeit geben müssen, nach vorn herunter.

»Halt!« sagte da Tomson, der am besten von den Dreien Englisch sprach, und legte dabei seine große breite Hand auf das Faß. Der Deckhand blieb stehn, und sah erstaunt zu ihm auf – »rollt das Faß zurück.«

»Halloh da unten!« rief jetzt der Capitain, der etwas Aehnliches schon erwartet haben mochte, vom oberen Deck nieder – »was giebts da? he, Tomson, was solls?«

»Capitain Burkner« erwiederte Tomson, und trat einige Schritte zurück, um zu dem Capitain besser aufschauen zu können, »dürft keinen Whiskey hier an's Ufer schaffen – ist gegen das Gesetz!«

»O Unsinn, Tomson« lachte Burkner – »Ihr habt dieselbe Geschichte schon einmal gehabt – Ihr braucht ihn ja nicht zu trinken; das Gesetz ist gegen das Trinken, nicht gegen das in Fässern halten. Whiskey ist auch gute Medicin, zum Einreiben und Waschen. Mach fort, Virginny – roll' es zu den übrigen hinauf, aber etwas mehr links – es wird gleich abgeholt.«

Virginny, wie ihn der Capitain nannte, war eine wunderliche Gestalt, mit langem, sonst bei den Amerikanern höchst ungebräuchlichen Schnurrbart, dem ein um den Kopf geschlungener dünner Shawl dabei noch etwas Muselmännisches gab – er wollte auch seine Abstammung von jenen herleiten. Kaum hörte er des Capitains Befehl, als er sich niederbog, die breite Schulter gegen das Faß stemmte, und seine Arbeit auf's Neue begann.

»Halt!« sagte aber da Tomson, dessen Antlitz jetzt einen ihm sonst nicht so eigenen Ausdruck von finsterer Entschlossenheit angenommen hatte – »Ihr dürft nicht weiter gehen – zurück da, weißer Fremder, dieß Land gehört dem rothen Manne!«

»Rothen – Narren hätt' ich bald gesagt,« brummte Burkner, »wir wollen ja weder Euer Land, noch sonst etwas von Euch, Mann, im Gegentheil, wir wollen Euch etwas bringen, und Ihr macht einen Lärm als ob Euch das größte Unglück passiren sollte. Kommt einmal herauf, Tomson und laßt den Burschen seine Arbeit thun.«

»Das Gesetz,« sagte aber der Indianer ernst und seinen Platz behauptend, »das Gesetz verbietet weißem Mann Whiskey in indianisches Territorium zu schaffen – ja es verbietet ihm sogar, das Feuerwasser, selbst in dem kleinsten Maaß, an den rothen Mann zu verkaufen. Die Stämme haben Tomson, Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk zu ihren Häuptlingen erwählt, und Tomson, Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk sagen, kein Whiskey soll, so lange wir es hindern können, nach Redtown hineingeschafft werden.«

»Aber er kommt auch nicht nach Redtown hinein,« rief Burkner jetzt ärgerlich werdend, »Tod und Teufel, Mann, dort stehen schon die Karren, die ihn ins Land, in das Dorf der Creeks, oder wenigstens in die Nähe desselben führen; schreit deshalb nicht eher, ehe man Euch ein Leides gethan. Mach kurz, Virginny, damn it Bursche, bezahl ich Dich dafür, daß Du den ganzen Tag da halten bleibst, und die rothen Gesellen anstarrst, als ob Du in Deinem Leben keine kupferfarbene Haut gesehen hättest – hinauf mit dem Faß!«

»Fort da, my old fellow,« rief aber auch jetzt seinerseits Virginny, aufs Neue die Kraft an dem schweren Faß versuchend, »fort da vorn und gebt Raum – Wetter, Mann, glaubt Ihr ich könnte das Faß über Euch weg rollen? –

room boys, room, by the light of the moon
and it's: why shouldn't ev'ry man enjoy his own room.
«

Virginny warf sich mit aller Kraft gegen das Faß, und wollte es augenscheinlich auf Tomsons Füße rollen, damit dieser ihm aus dem Wege mußte: kaum hatte er aber sein ganzes Gewicht dahinter gebracht, als er plötzlich Tcha-to-gas schwere Hand auf seiner Schulter fühlte, und im nächsten Moment fand er sich auch durch eiserne unwiderstehliche Gewalt von der Planke hinab in den, hier allerdings kaum zwei Fuß tiefen Strom geschleudert.

»Pest und Gift!« schrie Burkner vom Hurricanedeck aus, »das ist Gewalt, und das sollt Ihr mir theuer genug bezahlen. He Tom, Ben, Jim – vor, Ihr Burschen; die Pest über die rothen Hunde, nehmt Eure Büchsen, und – den ersten, der Hand an Euch legt, schießt über den Haufen – ich verantwort' es. Wenn etwas Ungesetzliches durch Weiße geschieht, so dürfen sie sich bei der Regierung der Vereinigten Staaten darüber beklagen, aber nie selber mit eigener Hand ihr Recht durch Gewalt erzwingen.«

Burkner konnte von da, wo er stand, das ganze Ufer leicht, bis in die Straßen hinein überschauen, und er sah recht gut und mit einem Blick, daß er von den versammelten Indianern, die fast alle unbewaffnet am Ufer standen, nichts zu fürchten hatte. Virginny kam auch in diesem Moment naß und wüthend die kiesige Bank herauf gesprungen und wollte sich im ersten Zorn rücksichtslos auf den Häuptling werfen; dieser aber behauptete ruhig seinen Platz, trat nur mit dem rechten Fuß einen Schritt zurück und hob seine, mit dem scharfen Stahl bewaffnete Keule, der Blick aber, den er dabei auf den Heranstürmenden schoß, war so fest und voll so tödtlichen Hasses, daß dieser trotzig wohl, aber doch eingeschüchtert anhielt, und endlich, mit einem bitteren Fluch auf den Lippen, über das Faß hinweg wieder auf die Planke sprang, die zum Boot hinüber führte.

Dort eilten aber auch jetzt die beiden Lootsen, der Mate, die Ingenieure und der Capitain, Alle bis an die Zähne bewaffnet, herbei, und Burkner selber, der die Cajütentreppe in aller Eile mehr herunterstürzte als sprang, erklärte jetzt dem ruhig dabei stehenden Tomson, sie selbst die Indianer, hätten den Frieden gebrochen und zuerst Hand an einen weißen Mann gelegt; auf ihre Gefahr also auch die Folgen, soviel aber versicherte er sie und schwöre es bei seinem Manito, einen Schwur, den er nie gebrochen – er log das, als er es sagte, aber er sah aus als ob er die Wahrheit rede, – daß er den ersten, der sich der Arbeit seiner Leute thätlich entgegenwerfen, und dadurch die »Bewegungen frei geborener Amerikaner« behindern würde, mit eigner Hand über den Haufen schießen wolle.

Nun hat der Indianer, was offenen Kampf betrifft, eine eigene Natur; er ist nicht feige, aber er hält es auch für eine sehr große Thorheit, und nicht Tapferkeit, sich auf freiem Plan einer gezogenen Büchse frei entgegen zu stellen. Wo er zum Handgemenge kommt, kämpft er mit ruhiger und verzweifelter Entschlossenheit, aber er benutzt auch jede Gelegenheit seinen Körper zu decken und hält es, seinen Kriegsgesetzen nach, keineswegs für unmännlich oder gar feige, aus dem Hinterhalt eine günstige Gelegenheit zu erwarten, seinen Feind unschädlich zu machen.

Hier also standen die drei Häuptlinge, fast unbewaffnet, denn was konnten sie mit ihren Kriegskeulen gegen die rasche und tödtliche Kugel ausrichten, den Amerikanern gegenüber, die, wenn es später vor den Gerichtshof der Vereinigten Staaten gekommen wäre, doch am Ende recht bekommen hätten, so lange sie nur der Gewalt ebenfalls wieder mit Gewalt entgegentraten.

Tcha-to-ga allerdings schien nicht übel Lust zu haben seinen Platz, auf jede Gefahr hin, zu behaupten, denn sein Blut war dadurch, daß er zuerst selbst Hand angelegt hatte, erregt worden, ein paar von Tomson in indianischer Sprache geflüsterte Worte aber bewogen ihn doch von solchem Vorhaben, wenn das überhaupt, in seinem Plan gelegen, abzustehen, und er und Ko-ha-tunk traten, den Weg frei lassend, von der Planke zurück und nur Ko-ha-tunk wandte sich gegen den Capitain, der diese Bewegung mit höhnischem triumphirenden Lächeln beobachtete.

»Es ist nicht gut, Blut zu vergießen,« sagte der Indianer, »das Feuerwasser hat schon zu viel Blut vergossen, und deshalb wollen wir es gerade von uns fern halten – wäre das erreicht, wenn jetzt die weißen Männer auf uns schössen? – nein, Tomson, Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk würden fallen, aber keiner der Weißen würde seinen Wigwam wieder sehen. Der Geistervogel würde Nachts in den Zweigen über seinen Zeltstangen sitzen und über der rauchlosen Stätte sein Todtenlied singen, dem unten die schluchzenden Squaws horchten; Gras würde in dem Pfad wachsen und Waldblumen, den sonst der Jäger betrat, wenn er unter seinem Thierfelle vorschritt, dem Wild zu folgen. Und mit der Sonne würden viel Krieger kommen den Tod ihrer Brüder zu rächen – weh! – Ko-ha-tunk sieht die Erde roth mit dem Blut der Krieger wie das Ende jenes Fasses ist.«

»Es ist nur gut, daß Ihr Verstand genug habt das einzusehn!« lachte der Capitain.

»Gut so« – fuhr der Wilde ruhig fort. »Indianer ist friedlich – er hält seine Streitkeule ruhig im linken Arm, aber Indianer hat auch weißen Mann verboten das Feuerwasser in seine Jagdgründe zu bringen – Feuerwasser macht rothen Mann faul und träge – kann nicht jagen, legt sich unter einen Baum bis dunkel ist, und Squaws sitzen in Wigwam und kochen Wurzeln – kein Fleisch – Whiskey macht Indianer fechten – schießt seinen Bruder und seinen Vater – Whiskey ist nicht gut.«

»Das ist eine sehr schöne Rede,« erwiederte ihm Capitain Burkner, der den geschwätzigen Wilden sehr zum Aerger seines Mate ruhig und geduldig angehört – »ich will mich auch gar nicht darauf einlassen das darin Gesagte etwa zu bestreiten, aber jetzt, meine wackeren Burschen, gebt Raum da vorn. Denn, bei Gott, ich warte nun nicht länger mehr. Der Fluß fällt, und ehe eine Viertelstunde vergeht, muß der Whiskey am Ufer sein!«

»So thu' es denn auf Deine eigene Gefahr, Du hartnäckiger weißer Mann!« rief jetzt Tomson, wandte sich, und stieg raschen Schrittes die Uferbank hinauf – der Raum war nun frei, die beiden anderen Häuptlinge zogen sich ebenfalls langsam zurück, und unter dem jubelnden Ahoy der Leute, die zuerst, wie zum Hohn, dem »wackeren Magistrat von Redtown« drei schallende Hurrahs brachten, wurden die rothbestrichenen Fässer rasch, den übrigen nach, die Bank hinaufgerollt, und Capitain Burkner selbst ging mit hinauf, um sie dem dort ruhig bei seinem Karren haltenden Dodge zu übergeben.

Hier aber fand er sehr ungehofften Widerstand. Dodge nämlich, mit den Sitten und Gebräuchen der Indianer, unter denen er aufgezogen worden, auf das genaueste bekannt, sah bald, daß irgend etwas im Werke sei, und die Häuptlinge sich keineswegs auf solche Art, mitten unter den Ihren würden Trotz bieten lassen. Capitain Burkner war auch wirklich nur durch seine, bis jetzt oft ungestraft hingegangenen Umgehungen der Gesetze so kühn geworden, und glaubte jetzt um so kecker auftreten zu können, da es ja überhaupt das letzte Mal war, daß er diesen Handelsplatz zu berühren gedachte.

»Danke, Capitain,« sagte Dodge in seinem gebrochenen Dialect, als ihm Burkner die Facturen übergeben wollte und das Geld für den Betrag verlangte, – denn der Handel mit den Indianern, die unter keiner Bedingung selbst nicht die besten Banknoten nehmen, und das Gold ebenfalls nicht kannten, wurde einzig und allein in Silber geführt; »danke – kann Whiskey nicht übernehmen – Tcha-to-ga Ne sehon tie rehu und sein Arm ist lang – ich kaufe Whiskey by'm by[9] – von Fort Gibson – von Fox – aber nicht hier – – by'm by

[9]: By and by – nächstens, mit der Zeit, gelegentlich, ein Wort, das sich die halbcivilisirten Indianer aus der englischen Sprache sehr angeeignet haben, und das sie gern gebrauchen.

»By'm by? – Du rother Hallunke,« rief aber jetzt Burkner, durch den spöttischen Trotz in des Burschen Zügen nur noch mehr gereizt – »by'm by? – Du mußt den Whiskey nehmen, denn« –

Er hielt plötzlich inne – ein wirres Toben und Lärmen drang aus der nächsten, der innern Stadt zuführenden Straße heraus, und fast in demselben Augenblick schwärmte von Tcha-to-ga und Ko-ha-tunk angeführt, eine ganze Schaar halbnackter Indianer hervor, denen sich jedoch ein ernsterer Haufe von Männern, auch Eingeborene, aber wie Farmer, in die Tracht der Hinterwäldler gekleidet – anschlossen. Capitain Burkner wollte jetzt rasch an Bord zurück, weil er in der That, und im ersten Moment fürchtete, daß die Schaar einen Angriff auf sein Boot beabsichtige. Bald fand er freilich, daß er in der Hinsicht wohl Nichts zu fürchten habe, sollte aber doch Zeuge sein, wie die Indianer wenigstens soviel Muth und Einigkeit noch bewahrt hätten, da Volksjustiz zu üben, wo es ihre eigenen Gesetze und Rechte galt. Mit Beilen, Tomahawken und Keulen fielen sie nämlich über die ihnen aufgedrungenen Fässer her, und so gut gemeint und wohl angebracht waren die Schläge, daß die gelbe spirituöse Fluth bald in förmlichen Bächen aus ihren Häusern quoll und, eine der durch den Regen ausgewaschenen Rinnen zum Bett wählend, dem Flusse zusprudelte.

Hier aber geschah etwas, das Tomson schon lange vorausgesehen und gefürchtet hatte; das wirklich wilde Volk von Redtown, so gern es sich auch hatte dazu brauchen lassen, Eigenthum der Weißen, und zwar nur der guten Sache wegen, zu vernichten, sah kaum die Fluth, von der sie sich jeden einzelnen Becher voll nur mit so vieler Mühe und gegen so schweres Geld verschaffen konnten, einem Sturzbach gleich die Uferbank hinabtosen, als auch ein ganz anderer Geist in sie fuhr, wie der der Müßigkeit. Eine Squaw machte den Anfang, sie sprang rasch den Hügel hinab, und fing mit einer Kalebasse, die sie wahrscheinlich zufällig bei sich trug, die »liebe Gottesgabe« auf und kaum hatte sich dem Schwarm die Möglichkeit eines solchen Beginnens gezeigt, als zwanzig oder dreißig mit allem, was ihnen gerade unter die Hände fiel, und was sich nur irgend dazu eignete, eine Flüssigkeit, sei es auch blos auf wenige Secunden zu bewahren, hinabstürmte und auffangen und trinken wollte.

Es gab hiergegen nur ein Mittel, und das hatte der umsichtige Tomson vorher bedacht und vorbereitet. Es galt hier nämlich nicht allein sich vor schwerer Verantwortung zu schützen, wenn das Gesindel vielleicht den Whiskey auffing und der Dampfboot-Capitain dann später eine Klage bei dem Gerichte der Weißen anhängig machte, daß man seinen Whiskey, als verbotenes Getränk, nicht etwa blos vernichtet, sondern geplündert habe; nein, es galt auch der Gefahr zu begegnen, daß die, schon überdieß aufgeregten Gemüther, durch unmäßigen Genuß des süßen Giftes vollständig gereizt und zu Handlungen getrieben würden, die zwischen weißen und rothen Männern doch nur zu bösem Blutvergießen führen konnten. Es gab aber, wie schon gesagt, ein Mittel, das zu verhüten, und der plötzliche und vollständige Erfolg, den dieses hatte, gab zu den komischsten und groteskesten Scenen Veranlassung.

Tomson sah nämlich kaum, daß die Seinen dem also preisgegebenen Whiskey mit jubelndem Freudenschrei zustürmten – und kein Gott hätte sie, das wußte er recht gut, jetzt mehr davon zurückhalten können, als er sich rasch zu dem einen, gerade frisch ausquellenden Fasse niederbog; und die Wirkung, die sich gleich darauf herausstellte, war in der That fabelhaft. Irgend eine Veränderung des Whiskeystromes war nicht zu erkennen, die Sonne schien so freundlich und still darauf hernieder, und die schießende Fluth funkelte und blitzte in ihrem Glanz wie vorher, aber mit wildem Aufschrei fuhren plötzlich alle die, die sich eben noch so gierig darüber hergeworfen, zurück, die Gefäße, die sie in Händen hielten, schleuderten sie weit von sich, zwischen Andere hinein, daß diese wieder ihrerseits blitzesschnell auseinander stoben; die Kleider rissen sie sich ab und sprangen wie besessen umher, und zwanzig oder dreißig wohl, ohne recht zu begreifen, was mit ihnen vorgegangen und nur dem Schmerz gehorchend, der sie trieb, warfen sich ohne weiteres in den Strom, tauchten unter, und kamen nachher mit furchtsam entsetzten Gesichtern wieder zum Vorschein.

Und was war denn die Ursache? – der Whiskey brannte und die lichtblaue, im Sonnenstrahl vollkommen unsichtbare Flamme, die sich aber gleichwohl mit elektrischer Schnelle dem ganzen Spiritus mitgetheilt und Alles erfaßt hatte, was mit diesem in Berührung gekommen, wurde natürlich von der erschreckten Schaar nicht eher entdeckt, als sie die Haut brannte und die Kleider erfaßte.

Zu dem Schmerz der Flamme kam aber auch jetzt noch bei Vielen, welche die brennbare Eigenschaft des Whiskeys gar nicht kannten, der starre Aberglaube. Das war der böse Geist, der in dem Feuerwasser hauste und ihre Glieder sengte; das war der fürchterliche Manito, der sie strafte, daß sie der Verführung gelauscht und den Trank der weißen Fremden entwendet hätten. Mit wildem Geschrei wollten sie nach allen Seiten hinaus und ein solcher panischer Schrecken erfaßte auch jetzt die oben auf der Uferbank Stehenden, die ebenfalls gar keine Ursache solch plötzlichen Wehrufs erkennen konnten, daß sie, wie die Uebrigen rasch in die Stadt hineinsprangen und nun bald, natürlich nichts anderes vermuthend, als einen jähen und feindlichen Angriff der Weißen, mit allen nur in der Eile aufgegriffenen Waffen zum vermeintlichen Kampfe zurückkehrten.

Wunderbar gleichmüthig benahmen sich aber vor allen anderen die, die gerade am meisten bei dem Vorgange betheiligt schienen. Dodge saß in höchster Gemüthsruhe auf einem seiner Karren, und amüsirte sich, wie sich das gar nicht verkennen ließ, ungemein über die lebendige Scene wilder Verwirrung, und selbst Capitain Burkner, obgleich von dem Mate und seinen Leuten gedrängt, die mit gewaffneter Hand Vergeltung für das geopferte Gut haben wollten, hielt diese zurück und sagte lächelnd: »er hätte gar nicht gehofft, seinen Whiskey zu so vortheilhaften Bedingungen abzusetzen.«

Das Entzünden desselben zerstörte ihn übrigens auf das vollständigste – von den Indianern wagte sich keiner mehr, selbst auf hundert Schritt heran, und ehe zehn Minuten vergingen, war auch das letzte entweder in den Strom hinabgeflossen oder von der leckenden Gluth verzehrt worden.

»Nun, Dodge, Ihr ruht ja da gewaltig behaglich auf Eurem Karren, als ob gar Nichts in der Welt vorgegangen wäre, was Euch interessiren könnte,« sagte der Capitain endlich zu diesem, als sich die Indianer auf der Uferbank beruhigt hatten, und er selber die Kiesbank wieder langsam bis zu dem Karren hinaufgestiegen war.

»Ist auch Nichts vorgegangen,« sagte Dodge, zeigte zwei Reihen blendend weißer Zähne, und sah mit dem einen Auge den Capitain und mit dem andern das Pferd an, das schläfrig vor dem Karren stand und sich nicht im mindesten um all das rege es umtosende Treiben bekümmerte – »ist gar nichts vorgefallen – blos ein Bischen Whiskey verbrannt – noch mehr in Little Rock. – Capitain Burkner kann sich anderen holen!«

»Capitain Burkner?« wiederholte dieser verwundert, »Capitain Burkner hat mit dem Whiskey gar nichts mehr zu thun, mein Bursche; überlieferte und übernommene Waaren gehn den Dampfboot-Capitain, wie Ihr wohl recht gut wißt, nichts mehr an.«

»Dodge wird nicht so dumm sein und Whiskey annehmen, wenn Tcha-to-ga, der tolle Büffel, gesagt hat, Whiskey soll Berg hinunter laufen – Tcha-to-ga ist Hund – aber er lügt nie! Dodge ist sehr gleichgültig, ob Whiskey brennt oder ersäuft.«

»Hallo, mein Freund,« sagte aber jetzt, dem Halb-Indianer einen Schritt näher tretend, der Capitain – »pfeift der Wind aus der Richtung? gut, dann ist's besser, ich schenke Dir gleich reinen Wein ein, damit wir wissen, wie wir zu einander stehn. Kennst Du dieses Papier hier, he? – weißt Du, was hier – sieh wohl her – weißt Du, was hier steht? – »Ich betrachte die Waaren als von mir und auf meine Verantwortung übernommen, sobald sie das Dampfschiff verlassen haben und auf die Uferbank hinaufgerollt sind« – nun? – noch irgend etwas zu bemerken? – Die Schrift hier ist gültig – zwei Advokaten, und Deine Häuptlinge Tomson und Ko-ha-tunk haben sie unterzeichnet, und ich will jetzt nur sehen, ob Deine Farm beim Dorfe der Creeks nicht so viel werth ist, als sechzehn Fässer ächter Monongehela Whiskey.«

»Sechzehn?« lachte der Halb-Indianer, und der ganze Ausdruck seines Gesichts nahm, als er auf die brennenden Ueberreste der Fässer deutete, einen eigenthümlich wilden, boshaften und tückischen Charakter an – »sechzehn, so? und Dodge zählte nur – doch – nebber mindby'm by kommt Alles – ist Capitain Burkner klug?«

»Bursche!« drohte dieser.

»Gut – wenn Capitain Burkner klug, wird er wissen, Indianer sehr gut eine Fährte folgen. Indianer weiß – sobald er in Schnee Bärenspuren findet – wenn er an einem Ende ist, muß Bär am andern sein – kann nicht fortfliegen von Spuren. Dodge ist Indianer – Dodge fand große Bärenspur und Dodge kann nachgehen, Schritt bei Schritt.«

»Und was soll das hier?«

»Weiße Mann hat ein Papier – Dodge hat seinen Namen drunter geschrieben – Dodge war ein großer Narr – Dodge weiß auch ein Papier – weißer Mann hat fremden Namen drunter geschrieben und weißer Mann war auch ein großer Narr –«

»Die Pest über Dich, Schuft, was soll das heißen?« rief der Capitain ärgerlich, aber augenscheinlich beunruhigt – »ich habe Deine Unterschrift, in der Du erklärst, jedes Stück Gut, was ich für Dich von meinem Boot aus oben auf die Uferbank geschafft habe, als übernommen anzusehn. Kannst Du das läugnen?«

»Nein –«

»Gut, so weißt Du auch, daß ich den Schein nur dem Gericht der Weißen zu überliefern habe, und Dein Haus und Feld bürgt mir dann für die Bezahlung meines Whiskeys.«

Der Halb-Indianer stieß ein tiefes Grunzen aus, faßte dann den Karren, auf dem er saß, mit beiden Händen, und schlenkerte seine Beine aus Leibeskräften.

»Ugh – weiße Mann ist ein Thor,« sagte er nach einer Pause, in der ihn Burkner aufmerksam und mit verbissenem Zorn beobachtet hatte – »giebt Indianer ein gut Reifel in die Hand, und kommt dann mit kleine Scalpirmesser gegen ihn an – Dodge weiß besser!« und sein eines Auge schaute den einen Neger an, der dicht daneben mit seiner großen Karrenpeitsche knallte, während das andere die westwärts ziehenden Wolken zu betrachten schien.

»Verstehst Du Dich gutwillig dazu, mir den zerstörten Whiskey zu bezahlen oder nicht?« sagte der Capitain endlich, und sein Blick haftete in bitterem Ingrimm auf dem boshaft kalten Auge des Wilden – »gieb kurze Antwort, denn in wenigen Minuten bin ich unterwegs, und Du weißt, der Arm der Vereinigten Staaten ist lang – er reicht bis weit über die Felsengebirge hinaus zum stillen Meere, und erdrückt, was sich seinen Söhnen hier feindlich oder widerspenstig entgegen stellt. Willst Du, oder nicht?«

Dodge glitt von seinem Sitz herunter, trat bis dicht an den Capitain heran, legte diesem in kecker Vertraulichkeit die Hand auf die Schulter und sagte leise, aber bestimmt:

»Nein – und noch mehr, Capitain – Dodge ist schuldig zwei Fässer vom vorige Mal – zahlt auch nicht – und weshalb? – Dodge weiß prachtvolles Geheimniß vom weißen Mann – hat weißer Mann schon Strick um Hals gehabt? – Ugh – ist häßliches Gefühl, weißer Mann hat falsch Papier gemacht – soll Dodge nach Little Rock gehen und das vorlegen?«

»Schuft!« rief der Capitain durch die zusammengebissenen Zähne hindurch.

»Nebber mind – by'm by!« – lachte der Wilde, ohne sich an das Wort weiter zu kehren – »aber, Capitain –« und seine Stimme wurde zu einem leisen Flüstern, während er den Blick rasch umherwarf, und sich dicht zu dem Ohr des weißen Mannes hinüberbog – – »Dodge weiß ein Mittel für Euch, das Geld zu kriegen!«

Burkner sah ihn mißtrauisch an, es lag aber so viel boshafte teuflische List in diesem Augenblick in den Zügen des Gelben, daß er wenigstens nicht an dem ernsten Willen des Mannes zweifelte – als er schwieg, fuhr Dodge ebenso leise fort:

»Kennt der weiße Mann Tcha-to-ga – den tollen Büffel?«

»Das ist gerade der Schurke, der mir die ganze Verhandlung zu leiten schien!«

Dodge nickte mit freudigem Grinsen den Kopf und zischte weiter:

»Sein Wigwam ist letzter vom Dorf – zwei Meilen von hier, gerade wo kleine Arm von Red Fork in Arkansas kommt – Dampfboot-Holz an Ufer, große Stange und Scalpe dran – Tcha-to-ga, gewaltiger Häuptling – aber Hund – hat Dodge peitschen lassen – schadet nichts – by'm by –«

»Aber was soll's mit dem?« frug Burkner gespannt.

»Weißer Mann Thor – begreift schwer,« brummte der Halb-Wilde – »Tcha-to-ga hat Tochter – einzig Kind, und ist ein Indianer – zahlte lieber funfzig Faß, eh' er A-na-las-ka, die schwankende Birke, auf zwei Stunden in Gewalt von Weißen sähe – hah!«

»Schlange,« rief der Capitain, »Du willst mich auf falsche Fährten locken, daß ich Deine Spur verlieren soll und nachher keine Ansprüche mehr an Dich machen könnte. Mag Tcha-to-ga zum Teufel gehen, Du bist der Mann, an den ich mich halte.«

»Ah tiesch ti,« lachte höhnisch der Gelbe, »Papier gegen Papier – das gleiche Waffe ist – Blaßgesicht weiß best, ob Dodge Recht finden kann oder nicht – by'm by

Er wandte sich ab und wollte in die Stadt hinein, Burkner aber, der die finstere Entschlossenheit in des indianischen Händlers Zügen sah, und zu spät bereute, dem listigen Feind die Waffen gegen sich selber in die Hände gegeben zu haben, ergriff Dodge's Arm, während dieser lächelnd stehen blieb und über seine Schulter weg nach dem Fluß hinüber schaute.

»Tcha-to-ga ist Dein Feind?« frug lauernd der Weiße.

»Er ist ein Hund,« lautete die finstere Antwort.

»Und Dodge wird seine weißen Freunde führen und unterstützen?«

»Dodge geht nach Hause – er weiß nicht, bei was er das Blaßgesicht unterstützen soll,« knurrte der Wilde, und ohne eine weitere Erwiederung abzuwarten, machte er sich von der Hand des Capitains los, und verschwand bald darauf mit seinen Wagen in der Straße, die durch die Stadt hin dem Inneren des Landes zuführte. Die Bevölkerung des kleinen Ortes war, wie sich das gar nicht verkennen ließ, gegen den Weißen sowohl wie auch gegen ihn, da er doch mit die Ursache des ganzen Vorfalls gewesen, gereizt, und er mochte nicht, durch zu langes Zögern vielleicht, das Ziel werden, gegen das sich der Ausbruch ihres Zornes richten mochte.

In dumpfes zürnendes Brüten versenkt, blieb der Capitain, seinem eigenen Nachdenken überlassen, am Ufer zurück – und er stampfte in ohnmächtiger Wuth den Boden, wenn er daran dachte, wie machtlos er jetzt hier, der Weiße, Amerikaner, den grinsenden »rothen Hunden« von Indianern gegenüber stände. Sollte er, ein Spott und Gelächter dieser »kupferfarbenen Bande,« den Ort verlassen? und blieb ihm eine andere Möglichkeit, Genugthuung für den Schimpf sowohl als Ersatz für den Schaden zu bekommen? – An Gewalt hier durfte er nicht denken; er hätte wohl sein eigenes Boot selbst gegen eine Uebermacht vertheidigen können, aber an's Land durfte er sich nicht in feindlicher Absicht wagen; die verschiedenen Trupps, die kampfgerüstet und bewaffnet überall auf den einzelnen und höchsten Punkten der Uferbank zerstreut standen, würden seine kleine Schaar schon durch ihre Ueberzahl erdrückt haben – und die Gesetzeer hatte dagegen gehandelt, und es blieb ihm nur wenig Hoffnung, daß ihm der Staat da beistehen würde, wo er sich selbst im Unrecht fühlte.

»Zur Hölle mit dem Gesetz,« murmelte er leise vor sich hin – »hätt' ich nur zwanzig Hände mehr an Bord!«

»Capitain,« sagte da die Stimme des Mate, der an's Ufer gekommen war, den Zögernden aufmerksam zu machen, wie der Fluß wirklich noch im Fallen und die Gefahr also vorhanden sei, daß sie auf dem Sande könnten zurückgelassen werden – »wenn wir noch länger warten, steh' ich für nichts.«

»Soll ich den Whiskey hier im Stich lassen, und nicht meine Rache an den rothen Hunden nehmen können?« rief zürnend der Amerikaner.

»Ugh!« rief plötzlich ein tiefer Gaumenlaut dicht an seiner Seite, und als sich Burkner rasch wandte, stand Tcha-to-ga neben ihm und schaute finster und wild zu ihm nieder – »Ugh – das Bleichgesicht schreitet in den Fährten des rothen Mannes und tritt seinen Schatten mit Füßen – er speit auf die Gräber seiner Väter und nennt die Kinder Hunde. Tcha-to-ga sieht einen Wolf und die Kriegskeule regt sich in seiner Hand!«

Der Weiße warf einen Blick voll giftigen Hasses auf den alten Mann und der Gedanke an den gerathenen Raub zuckte ihm durch's Hirn.

»Tcha-to-ga ist ein Thor,« zischte er endlich durch die zusammengebissenen Zähne hindurch, »daß er den Wolf noch reizt, der seine rechte Hand doch zwischen den Fängen hält!«

Der Indianer stutzte – es lag ein eigner Ausdruck, ein zu sicheres Bewußtsein in den Worten, als daß sie der alte schlaue Krieger hätte mißachten sollen – aber was konnten die dunklen Worte bedeuten?

»Bah!« sagte er endlich verächtlich – »der weiße Mann hat die Zunge des Hehers – er äfft die Stimme des Raubvogels nach, und sucht Würmer auf den Zweigen. Tcha-to-ga ist reich – aber er gäbe Alles hin, was er besitzt, wenn seine Augen nicht mehr auf den bleichen Gesichtern der Fremden zu ruhen brauchten – ihr Anblick ekelt ihn an!«

Es lag ein bitteres Wort auf Burkners Lippen, die stahlbewehrte Keule ruhte aber so fest in des zürnenden Kriegers Hand, daß er dem Grimm, der in ihm kochte, nicht Worte zu geben wagte – desto gährender wuchs der aber auch mehr und mehr in ihm – desto heißer trieb und drängte die rachedürstende Seele nach Befriedigung ihrer Leidenschaft – nur die Furcht hielt ihn noch zurück. Wie dann, wenn er die Indianer hier in ihrem eigenen Lande thätlich beleidigte und – verlor? – Sein scheuer Blick schweifte fast unwillkürlich nach den Scalpstreifen nieder, die mit dem flatternden Haupthaar an Tcha-to-ga's Leggins hingen. Dem Häuptling entging aber der Blick nicht – ein höhnisches Lächeln umzuckte seine Lippen und er sagte:

»Der weiße Mann nennt die rothen Kinder Manitos Hunde, aber er sieht scheu nach den Spuren, die sie im Sande zurücklassen – geh! Tcha-to-ga's Arm hat den falschen Creek Indianer gestraft, weil er der rothen Frucht gleicht, die Labung verspricht und die Zunge brennt – Tcha-to-ga ist stark und der weiße Mann ein Thor!«

»Wenn ich dem Schuft nur eins zwischen die schwarzen Augen hineindrücken dürfte!« brummte der Mate halblaut vor sich hin – »hui, wie mir's in den Gelenken juckt!«

»Tcha-to-ga ist ein Dieb, der dem Weißen sein Gut raubt, weil er vielleicht selber heimlich damit handelt!« rief eben jetzt der Capitain, der zum Aeußersten gereizt und getrieben, seine Wuth nicht länger mäßigen konnte, und ihr wenigstens Worte geben mußte.

»Das lügt das Bleichgesicht!« zürnte der Krieger und richtete sich, die Falten des Büffelfells von seinem rechten Arm zurückwerfend, hoch auf.

Durch den Wortwechsel herbeigelockt, näherten sich von rechts und links her einige der bewaffneten und jetzt noch vereinzelten Trupps, und der Mate, nicht mit Unrecht bei einem so ungleichen Kampf für ihre Sicherheit besorgt, ergriff den Arm des Capitains und flüsterte ihm zu, an Bord zurückzukehren. Capitain Burkner sah auch selbst wohl ein, wie gefährdet er hier unter den wilden drohenden Gestalten sei, aber sich nicht versagen konnte er es, den Feind wenigstens die Waffe fühlen zu lassen, die er, gerade gegen ihn, in Händen halte:

»Es ist gut, Tcha-to-ga,« rief er boshaft lächelnd aus und wandte sich, im Gehen begriffen, noch einmal nach diesem um – »aber ehe die Sonne untergeht, die dort schon im Westen über den Wipfeln der Bäume hängt, zahlt mir der tolle Büffel den Preis für den Whiskey – und mehr noch, wenn ich es verlange oder – der weiße Mann macht sich selbst bezahlt!«

Und mit raschen Schritten eilten die beiden Männer an Bord ihres Bootes. Hier aber standen die Deckhands, auf des Mate's Befehl, schon zu augenblicklicher Abfahrt bereit, das eine Tau wurde rasch gelöst, die Planke eingezogen, der bis jetzt der Strömung zugekehrte Bug fuhr herum, und wenige Minuten später schoß das Boot mit der Strömung hinab, und so dicht am diesseitigen Ufer hin, als es das hier nicht übermäßig tiefe Fahrwasser nur irgend erlaubte.

Tcha-to-ga aber hatte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit jede Bewegung des Bootes beobachtet, und jetzt war es auf einmal, als ob ihn zum ersten Mal der Gedanke an die Gefahr durchzuckte, der seine eigene Heimath preisgegeben sei, wenn die weißen Männer während seiner Abwesenheit dort landeten. Ein eigenthümlich ausgestoßener, scharf gellender Ton rief mit Blitzesschnelle eine Anzahl der jungen Leute an seine Seite – einige rasche Worte genügten – fort stob die Schaar, im Laufe noch Andere anfeuernd, aufmunternd, und als das Boot, das allerdings zu Wasser eine kürzere Bahn hatte, wie sie, die sie der vollen Biegung des Stromes am Ufer folgen mußten – kaum der jenseitigen Spitze gegenüber war, sprengte auch schon eine Anzahl ungesattelter Ponneys, die rothen kecken Reiter mit den wehenden Federn und Büffelhäuten auf ihren Rücken, in flüchtigen Sätzen am Ufer hin, der Wohnung ihres Häuptlings Tcha-to-ga zu.


Etwa zwei englische Meilen unterhalb Redtown, mündete ein kleiner Bach, oder eigentlich eine Art Bayo in den Arkansas, die nicht weit vom Creekdorf ab, aus der Red Fork selbst entsprang und nur bei hohem Wasserstande dessen Bett die rothlehmige Fluth entführte und dem größeren Strome zu leitete. Hier lag, ziemlich einsam und abgeschlossen, Tcha-to-ga's, des tollen Büffels, Hütte, wohl eine halbe Meile von den letzten Häusern, oder vielmehr Wigwams, des kleinen Städtchens entfernt, denn der untere Theil desselben war fast ganz indianisch und wurde sogar noch von Insassen bewohnt, die nicht selten, dem alten Nomadenleben treu, ihre Heimath gänzlich wechselten, die Zelte auf die Rücken ihrer Lastthiere warfen und dorthin zogen, wo die frischen Spuren der Büffel ihnen Nahrung und Jagdlust versprachen.

Tcha-to-ga dagegen hatte sich für einen nicht unbeträchtlichen Theil der Summe, welche die Vereinigten Staaten an alle Häuptlinge als Entschädigung der östlich vom Mississippi in Besitz genommenen Ländereien ausgezahlt, Neger-Sclaven gekauft und durch diese eine vortreffliche Farm, die sich eine volle englische Meile am Flußufer hinunterzog, anlegen lassen. Er selbst aber arbeitete natürlich nichts; als Häuptling lag ihm nur die Bekämpfung der Feinde und die Jagd ob, und am Berathungsfeuer lauschten die jungen Männer des Stammes mit athemlosem Schweigen seinen Worten.

Eigenthümlich war dabei die Mischung von Civilisation und alter ursprünglicher Lebensweise, die besonders auffallend in seiner eigenen Wohnung wurde. Mit Widerstreben nur hatte er nämlich alles das angenommen, was die »bleichen Männer« den rothen Kindern der Wälder von Sonnenaufgang gebracht. Lange hing er mit kaum zu besiegender Hartnäckigkeit an den alten Gebräuchen, Sitten und Geräthschaften seines Stammes, und wich nur Schritt für Schritt den wirklichen Verbesserungen menschlicher Zustände, die sein sonst gesunder und leicht empfänglicher Sinn doch recht gut zu würdigen wußte.