Während dieser Unterredung, bei welcher die Climberge zugegen wer, hatte Jacobine die Augen beständig zur Erde geheftet. Endlich sagte sie zum Herzog: Ich habe Sie gelassen angehöret, lassen Sie mir nun auch Zeit, Ihre Gründe zu untersuchen. Vorläufig aber muß ich Ihnen gestehen, daß sie mir sehr seicht vorkommen; vielleicht aber finde ich sie bei genauerer Erwägung triftiger. Sie würden mich gering schätzen, wenn ich blinder Weise in Ihren Vorschlag einwilligte. Sie werden also verzeihen, wenn ich mich nicht übereilt entschließe. Der Herzog war einstweilen mit dieser Antwort zufrieden, und da er wohl einsahe, daß Jacobinens Standhaftigkeit schon ziemlich erschüttert war, wollte er vor diesmal nicht weiter in sie dringen, sondern entfernte sich, und überlies der Climberge, das übrige für ihn zu bewerkstelligen.

Diese redete Jacobinen folgendergestalt an: Nun Madame! werden Sie doch einsehen, daß Ihre Angelegenheiten eine günstige Wendung bekommen. Der Herzog von Glocester bietet Ihnen sein Herz, seine Hand und die ganze furchtbare Macht, über die er zu gebieten hat, dar. Er verspricht noch über dieses die Hülfe des römischen Stuhls: wollten Sie nun noch einen Augenblick anstehen, aus unzeitiger und furchtsamer Scham, der ungerechten Gewalt des Herzogs von Brabant, der sich so verächtlich gemacht hat, zu entsagen? — Ich verabscheue ihn auch, erwiederte Jacobine, allein die Rache, die ich vielleicht schon zu weit getrieben habe, muß mich nicht selbst bei der Welt verächtlich machen. Wird man mir nicht, wenn ich in das Begehren des Herzogs von Glocester einwillige, vieles vorzuwerfen haben? kann man, unter welchem Vorwand es sei, einem rechtmässigen Gemahl entsagen, ohne sich dem Tadel auszusetzen? In Beurtheilung der menschlichen Handlungen wird selten Rücksicht auf Unglücksfälle genommen, und ohnerachtet meiner Unschuld, würde ich bald dem Tadel jener strengen Geister, die da wollen, daß man alles dulden und sich nie beklagen soll, ausgesezt sein. — Aber Madame! erwiederte die Climberge, wenn Sie einen Pabst, der Ihr Vater, Seelsorger und Gewissensrichter zugleich ist, zum Gewährsmann haben, was können Sie noch befürchten? Oder hassen Sie etwa gar den Herzog von Glocester? — Ich kann fast nicht entscheiden, antwortete Jacobine, ob ich Liebe oder Haß in meinem Herze habe, und es liegt so etwas Seltenes in meinem Schicksal, daß der Wohlstand erfordert, es meinen Empfindungen ganz unabhängig zu überlassen. Ich habe mich schon zu viel über etwas gegen den Herzog von Glocester herausgelassen, das mich jezt sehr beunruhiget. Ich verstehe hier, wegen der angetragenen öffentlichen Ehescheidung, wovon der Schimpf auf mich zurück fallen würde, denn die Kirche, unter zwei entgegengesezten Häuptern, kann sicher in dieser mißlichen Sache nicht entscheiden. — Also Madame! unterbrach die Climberge, mit dergleichen Heldenträumereien, wollen Sie lieber den tödtenden Gift geduldig einsaugen, als ihn durch heilsame Gegenmittel vertreiben. Was! weil wir zwei Päbste haben, wollen Sie sich keines derselben bedienen. Ha! Madame! denken Sie nicht so schwach; wer weis ob es nicht der Himmel auch um Ihrer Angelegenheiten wegen verfügt hat, daß dermalen zwei Päbste sein müssen. Beeifert, sich gegeneinander alles streitig zu machen, werden sie nicht verfehlen, hier ihre Gewalt zu beweisen. Fehlen Sie nun, wenn dieselbe Sie begünstigen; so liegt ja die Verantwortung auf ihnen selbst, und Sie, Madame! haben sich desfalls keine Vorwürfe zu machen. Denn sobald der eine, oder der andere entschieden haben wird, können Sie in aller Gewissensruhe dem Herzog von Brabant entsagen, den Herzog von Glocester ehelichen, und den Genus Ihrer noch jugendlichen Jahre, in welchen Sie schon so viel gelitten haben, befriedigen. — Climberge! erwiederte Jacobine, die Päbste sind Menschen, und oft Menschen, deren Herzen ganz verdorben sind; wie können sie daher göttliche Gesetze, die schon viele Jahrhunderte bestehen, und die jedem wahren Christen unverbrüchlich sein müssen, zernichten? — Die Päbste, antwortete Climberge, sitzen auf ihrem Gerichtsstuhl, den Unterdrückten Gerechtigkeit und Hülfe zu ertheilen. Sie sind nicht die erste tugendhafte Frau die ihre Zuflucht dahin genommen hat, Sie würden aber sicher die Einzige sein, die es in dergleichen Fall unterlies.

Climbergs Gründe waren Jacobinens Herzen sehr schmeichelhaft. Ausser daß der Herzog von Glocester ein angesehener Fürst war, hatte er zugleich fürtrefliche Eigenschaften. Bei näherer Untersuchung seiner Verdienste verlohren sich alle, der Ehescheidung entgegengesezte Schwürigkeiten. Jacobine schloß, daß, sobald die Ursachen ihrer Flucht öffentlich bekannt würden, die Schande allein auf den Herzog von Brabant zurückfallen werde.

Schlaflos brachte Jacobine die ganze Nacht mit Bestreitung ihrer Zweifel zu. Und obgleich in derselben der Antrag des Herzogs von Glocesters durch die Climberge nicht unterstüzt werden konnte, sprach doch etwas weit vermögenderes zu seinem Vortheil, und die Liebe besigte bald alle Schwürigkeiten. Climberge und Descaillon, die beide dem Herzog von Glocester ganz ergeben waren, unterstüzten die günstigen Gesinnungen Jacobinens, die nun, ob sie gleich noch einige innerliche Zweifel beunruhigten, sich nicht mehr weigerte ihre Einwilligung zu geben.

Sobald Jacobine die Erlaubnis gegeben hatte, den Pabst Benedickt wegen ihrer Ehescheidung anzugehen, empfand der Herzog von Glocester unaussprechliche Freude darüber. Er wollte, daß ganz England theil daran nehmen sollte; deswegen unterlies er nicht, bei allen Gelegenheiten seine großmüthige Freigebigkeit gegen jedermann zu zeigen. Derweil man mit dem Pabst in Unterhandlung war, erfand er täglich neues Vergnügen, Jacobinen die Zeit angenehm zu vertreiben, und sobald der Scheide-Brief des günstigen Pabsts eintraf, wurde die Vermählung zwischen dem Herzog von Glocester und Jacobine von Baiern vollzogen. Um der Feierlichkeit ein majestätisches Ansehen zu geben, berief der Herzog alles, was nur im Stande war, die Pracht und den Glanz derselben zu erheben, nach London. Jacobine war noch in der Blüte Ihrer Jahre, dabei sehr liebenswürdig und der Herzog so verliebt, daß er das ihm widerfahrne Glück nicht genug zu schätzen vermochte. Beide aber verlebten einige Monate ganz unbekümmert, ob sie noch andere Leiden in der Welt zu erdulden hätten.

Jacobinens Verhängnis aber war zu grausam, sie lange in dem Genus einer so süssen Ruhe zu lassen. Es bereitete ihr viel schmerzhaftere Streiche, als die, welche sie schon empfunden hatte. Mitten im Genus des Vergnügens zog ein fürchterliches Wetter über sie auf. Das Concilium zu Costanz hatte Benedickt abgesezt, und hierdurch alle Schlüsse dieses Pabsts vereitelt. Bei dieser Nachricht wollte Jacobine fast verzweifeln. Der Herzog von Glocester gab sich alle nur erdenkliche Mühe, sie zu trösten und verwünschte im Eifer die ganze Kirchen-Versammlung. Allein was halfen hier tröstliche Worte und Drohungen? Jacobine, die bessere Einsichten, als Klugheit hatte, fand nichts darinn, das ihr die Furcht benehmen konnte. Sie zweifelte nicht, der Herzog von Brabant würde sich, auf des von Degre Antrieb, an den Pabst Martin wenden. Ich werde das Gelächter und der Abscheu der ganzen Welt sein, sagte sie zum Herzog von Glocester. Man wird mich hinführo nicht anderst, als wie ein schändliches Ungeheuer betrachten, und meine Schwachheiten wird niemand entschuldigen. Zwei lebende Ehegemal! Gerechter Himmel! wie abscheulig! Ha! Warum ist der bitterste Tod meinen Ausschweifungen nicht zuvorgekommen? — Sie bereuen also, daß Sie mich geliebt haben, erwiederte der Herzog, und Sie wollen meine Zärtlichkeit damit bestrafen, daß Sie sich Leiden vorstellen, die nur in dem Gehirn der niedrigsten Klasse von Menschen Statt haben? Was habe ich bis jezt anderst gethan, als Sie bis zur Anbetung geliebet, und was kann ich mehr thun als Ihnen die theure Versicherung zu geben, daß, entstehe auch was da wolle, diese Liebe nur mit meinem Tode aufhören wird? Lassen Sie den Martin im Eifer schmählen, so lang er will, er ist nichts anderst als ein wiederrechtlicher Regent der Kirche, der nur einem der niedrigdenkensten Menschen Gehör geben kann. Wir sind glüklich und in Sicherheit. Warum wollen Sie das Gemüth mit schrekhafter Einbildungen martern, indessen Sie nur süsse Tage verleben können? Ha! Herr Herzog! antwortete Jacobine, Sie sehen nicht ein, was ich am meisten zu befürchten habe, und was mir den tiefsten Schmerz verursachet. Sie lieben mich jezt, und ich gestehe aufrichtig, daß ich es glaube: Wer kann mir aber die Versicherung geben, daß Sie mich beständig lieben werden? Die armseligen Reize, die Sie gerührt haben, waren zu schwach, die Unbeständigkeit des Herzogs von Brabant zu hintertreiben. Die Zeit und der Genuß sind die Klippen, an denen Zärtlichkeit und Treue oft scheitern; und vielleicht werden Sie eines Tags der erste sein, der mein Betragen mißbilligen wird, ob Sie mich gleich darzu verleitet haben. Lassen Sie mich also meinen bejammernswürdigen Zustand beweinen. — Sie bürden mir viele Ungerechtigkeiten zugleich auf, Madame! erwiederte der Herzog seufzend, und ich glaubte, Sie würden mehr Zutrauen in meine Redlichkeit setzen, als mir ein so beleidigendes Mißtrauen äusern. Was soll ich thun, und welche Beweise meiner ewigen Treue soll ich Ihnen geben? Wollen sie, daß ich England und dessen Regierung, die mich bindet, verlassen, und daß wir uns in einem verborgenen Winkel der Erde niederlassen sollen, wo wir gegen den Ausbruch des Wetters, das Sie ohne Zweifel zu arg fürchten, gesichert, nichts von aufgeblasenen Kirchen-Vätern und treulosen Ehemännern mehr hören, und wo wir uns einzig und allein mit unserer gegenseitigen Liebe ungestört beschäftigen können? Ihre Ehre und Ruhm liegt mir all zu viel am Herzen, und ich würde mich schlecht rechtfertigen, wenn ich zugäbe, daß Sie solche meinetwegen in einer finstern Einöde vergraben würden. Dieß ist der Weg nicht, den ich einzuschlagen wünsche. Wenn Sie in der Liebe gegen mich beharren, schätze ich mich nicht ganz unglüklich; verlassen Sie mich aber, so bleibt mir nichts als die äuserste Verzweiflung übrig.

Der Herzog umarmte hierauf Jacobinen auf das zärtlichste, und beide vergassen auf einige Zeit dergleichen vergebliche Zweifel, die sie beunruhiget hatten. Die dienstfertige Climberge, die den Herzog von Brabant haßte, und die gegentheils dem Herzog von Glocester, der sie mit Freigebigkeiten überhäuft hatte, ganz ergeben war, bemühte sich, die Bekümmernisse ihrer Gebieterinn zu zerstreuen, worinn es ihr auch oft geglückt haben würde, wann deren nicht täglich neue entstanden wären.

Die Gräfin von Hennegau war über das Betragen ihrer Tochter ausserordentlich aufgebracht. Sie erwog die Gründe nicht, die eine junge beleidigte Fürstin zu ihrer Rechtfertigung haben konnte. Sie war ganz auf des Herzogs Seite, verwarf öffentlich den Scheidebrief des Benedikts, und behauptete gegen jeden, daß die Ehe, die er begünstigt habe, unzulässig sei.

Ob sich nun gleich die von Degre, die noch bei dem Herzog von Brabant in grosser Gunst stand, freuete, daß er seine Gemalinn loß war, wuste sie doch, um so besser uneigennüzig zu scheinen, ihre Zufriedenheit dergestalt zu verbergen, daß man nicht merken konnte, wie sie an Jacobinens gänzlichem Verderben arbeite.

Ist es möglich, sagte sie zum Herzog, daß eine grosse Fürstin ihre Würde so erniedrigende Handlungen begehet, und daß sie eines unbedeutenden, Verdrusses wegen, der nur die Folge ihres Uebermuths war, ihren Gemal verläßt, über See gehet, und sich den Umarmungen eines Andern Preiß giebt? Ist es überdieß noch möglich, daß ein Gegenpabst, ein Mensch, der weder Ehre noch Gottesfurcht besizet, sich unterstehet, dergleichen freche Handlungen, den göttlichen Gesezen schnur straks zuwieder, und die die Menschlichkeit empören, öffentlich zu erlauben und zu begünstigen? Sollen dergleichen Mißbräuche nicht bestrafet werden, und wollen Sie sich nicht durch Behauptung Ihrer Gerechtsame desfals rächen?[J] Ganz bezaubert über diese Rede, erwiederte der Herzog: Liebste von Degre! Der Fehler der Herzogin von Glocester ist uns zu vortheilhaft, als daß wir darüber klagen sollten. Sie hat mehr für uns gethan, als sie hätte thun sollen, wenn sie es zuvor recht überlegt hätte; denn nun kann ich Ihnen ihren Plaz ohne Wiederrede einräumen. Sie haben sie aus meinem Herzen verdrängt, und freiwillig hat sie sich von mir entfernet. Benedikt ist mir mit seiner Gefälligkeit zuvorgekommen, und hat mir die Mühe erspart, ihn selbst darum anzugehen, welches ich sicher gethan haben würde. Das Koncilium zu Costanz giebt mir ein neues Hülfsmittel, um Ihnen ehestens die Würde meines Rangs ertheilen zu können. Nein! Herr Herzog! antwortete dieses schändliche Mädchen, Nein! mein Erheben würde Ihrem Ruhm nachtheilig sein, und ich bin genug befriediget, da ich das Glük habe, Ihnen nicht zu mißfallen. Ich strebe nach keiner andern Ehre, sondern nur nach Ihrer beständigen Liebe. Aber verfolgen Sie die Undankbare, die Sie verachtet hat; und da der Päbste Aussprüche göttlich sein sollen, so suchen Sie den Pabst Martin auf Ihre Seite zu bringen, damit diese Männersüchtige, durch öffentliche Beschimpfung gewahr werde, daß sie unter der Gewalt eines Menschen stehe, der im äusersten Fall genommen, nur als ihr Buhler angesehen werden kann. Ihre Ehre erfordert es, und ich beschwöre Sie darum, sezte sie hinzu (auf die Knie vor den Herzog fallend), denn ich kann nicht zugeben, daß der Schimpf einer solchen Schandthat auf Ihnen sitzen bleibe. — Der Herzog, ganz von der Degre geäuserten Ergebenheit eingenommen, glaubte leicht, daß sie ihm diesen Anschlag aus aufrichtigem Herzen gäbe; und ohne weitere Untersuchung, versprach er ganz nach ihrer Vorschrift zu verfahren; wie er dann auch von Stund an bedacht war, die Wiederrufung der Bullen des Pabst Benedikts vom Pabst Martin zu erhalten. Der mit Blindheit geschlagene Herzog hatte bei diesem Unternehmen eine ihm verborgene Hülfe und Unterstüzung. Philipp, Herzog von Burgund, der im äusersten Grad ehrsüchtig war, sahe Jacobinens Besitzungen mit neidischen Augen an; schon lange wünschte er, Gelegenheit zu finden, solche an sich bringen zu können.

Diese Zwietracht war ihm also zu Erreichung seiner Absichten sehr willkommen. Er stellte sich zwar dem äuserlichen Schein nach, als ob er sich alle Mühe gäbe, die Partheien zu vergleichen; allein die minder Klügsten konnten leicht einsehen, daß es ihm nicht Ernst war. Jacobinens Aufführung machte ihm heimlich boshaftes Vergnügen, nicht zweifelnd, er würde im Trüben fischen, und sich bald durch den Raub ihrer Staaten bereichern können. Einverstanden mit dem Herzog von Brabant, fiel es ihm nicht schwer, vom Pabst Martin ein donnerndes Urtheil, das jenes vom Pabst Benedikt zerschmettern sollte, zu erhalten. Die Ausdrücke desselben waren ausgesucht und der Kühnheit des Päbstlichen Stuhls eigen. Wonnevoll, ganz entzückt war die von Degre darüber. Der Herzog von Brabant glaubte, gerächt zu sein; die Gräfin von Hennegau, die beständig über ihre Tochter loszog, frohlokte über diesen schönen Erfolg; und der Herzog von Burgund freute sich innerlich, daß ihm nunmehr die Unordnungen in seiner Famillie Gelegenheit verschaften, gemächliche Entwürfe zu machen, den Besiz der schon inne habenden Staaten sich zuzusichern, und solchen zu erweitern. Nur der Graf von S. Paul, des Herzogs von Brabant Bruder, ärgerte sich über diese Mißhelligkeiten und das unkluge Betragen seines Bruders; allein mit dem besten Willen war er zu ohnmächtig, es zu hintertreiben.

Diese Nachricht blieb in England nicht lange unbekannt. Ob sie gleich Jacobine erwartet hatte, war sie ihr nichts desto weniger empfindlich zu vernehmen. Ihr heftiger Schmerz vermehrte sich; sie bezeigte solches ihrem Gemal, der sich alle Mühe gab sie zu trösten und zu beruhigen. Die Climberge brauchte gleichfalls ihre ganze Beredsamheit; allein Jacobine warf ihr mit vieler Bitterkeit vor, daß sie es nur ihrem dringenden Zureden zu verdanken hätte, daß sie nunmehr so unglüklich wäre.

Indeß Jacobine allen Muth und fast den Verstand verlohr, schmeichelte der Herzog von Burgund dem von Brabant ganz ausnehmend; der Herzog von Bedford aber, damaliger Regent in Frankreich, nahm sich seines Bruders an. Es wurden einige Versuche gemacht, die Partheien zu vereinigen; wie man sich dann auch würklich zu Amiens versammlet hatte, allein der Erfolg entsprach diesen Bemühungen nicht. Um die Thränen seiner Gemalin zu stillen, gieng der Herzog von Glocester, nachdem er so viel Völker, als er nöthig glaubte, Besiz von denen, dem Hause Hennegau zugehörenden Ländereien nehmen zu können, aufgebracht hatte, mit ihr nach Calais über.

Gerührt bei dem Anblik ihrer rechtmässigen Fürstin, empfiengen sie die Einwohner der Provinz unter lautem Freudengeschrei, ob sie gleich dem Herzog von Brabant das Gegentheil zugesagt und geschworen hatten: Allein da eben damals Johann von Baiern Jacobinens Oheim in dem Haag vergiftet wurde, und sie dadurch dieser noch einzig übrig gebliebenen Stütze ihres Hausses beraubet ward, nuzte der Herzog von Brabant dieses, und bemächtigte sich einiger der beträchtlichsten Oerter. Hierdurch brach die Kriegsflamme in voller Wut aus. Der Herzog von Glocester wollte seine Gemalin in Sicherheit nach England zurük bringen; allein eigensinniger Weise blieb sie in Bergen, und wollte lieber alles wagen, als, wie sie sich ausdrükte; schimpflich die Flucht nehmen.

Hier hatte sie aber neuen Verdruß zu erdulten. Da die Gräfin von Hennegau, die noch beständig für den Herzog von Brabant eingenommen und gegen Jacobinen aufs äuserste aufgebracht war, sich an dem nehmlichen Ort befand, erforderte es der Wohlstand, daß sie sich einander sahen. Aeusserlich vermied die Gräfin von Hennegau alles, was den Schein eines Unwillens haben konnte, und Jacobine beobachtete ihre Schuldigkeit sehr sorgfältig und mit vieler Bescheidenheit. Allein bei der ersten Unterredung redete die Gräfin Jacobine in stolzem Ton folgendergestalt an: Jezt Madame! nachdem sie Ihren Gemal, ihre Mutter und ihre Staaten verlassen, die gesittete Welt durch Ihre Aufführung geärgert und die Päbste gegeneinander aufgebracht haben, kommen Sie mit fremden Kriegsvölkern nach Bergen, uns heimzusuchen und vermuthlich auf keine Weise unserer zu schonen. — Madame! erwiederte Jacobine, es wird genug zu meiner Rechtfertigung sein, wenn ich Ihre beleidigende Vorwürfe, die ich nicht verdiene, gedultig und ehrerbietig anhöre. Die Beleidigungen, die mir der Herzog von Brabant zugefügt hat, sind Ihnen nicht unbekannt, und diese haben mich bewogen, ihn als einen Treulosen und Undankbaren, der mich ins Elend gestürzt hat, zu verlassen, und mit Erlaubnis der Kirche, einen Fürsten zu heirathen, der mir ganz uneigennüzig gedienet und Schuz gegeben hat. Ich sehe daher nicht ein, was in diesem Betragen tadelnswürdig ist. Allein Madame! leid ist es mir, mich gezwungen zu sehen, Ihnen ohne Rükhalt zu sagen: Daß mir Ihre Gleichgültigkeit, die Sie mir in meinen Leiden bewiesen haben, alle Ueberlegungskraft benommen hat. Denn hätten Sie mir nur einige theilnehmende Liebe gezeigt, so würde meine Erkenntlichkeit Ihre Güte übertroffen haben. — Mit verächtlichem Ton erwiederte die Gräfin: Die Erlaubnis, auf die Sie sich so vest stüzen, ist eben von keiner grossen Wichtigkeit, da sie nur aus dem Mond[K] ihre Entstehung hat; und Sie sehen auch, wie wenig das Konzilium drauf achtet. Ich glaubte, Sie würden vorsichtiger und klüger zu Werke gehen, als durch Ihre Uebereilung zwei Fürstlichen Häussern einen solchen Schandfleken anzuhängen, den sie Ihnen mit Recht noch nach vielen Jahrhunderten vorwerfen werden. — Ihnen zu gefallen Madame! antwortete Jacobine, will ich die Schuld ganz auf mich nehmen, und Sie nicht anklagen; allein hätten Sie mir die Freiheit gelassen, meine erste Verbindung im Wittwenstand zu betrauren, so würden Sie mir alle diese Leiden und sich selbst den Verdrus erspahret haben. War es nöthig, um Ihnen gefällig zu sein, daß ich ewig unter der Abhängigkeit eines eigensinnigen Fürsten, dem nicht einmal die Worte von Ehre und Tugend bekannt sind, leben muste? Sollte ich der von Degre Schandthaten durch gefälliges Betragen noch selbst begünstigen? Und muste ich endlich gelassen zusehen, daß eine Handvoll Menschen aus der Hefe des Volks sich anmasse, mir Geseze vorzuschreiben, da wo ich allein unumschränkt zu befehlen habe? — Sie musten sich beklagen, fuhr die Gräfin fort, und dieß war alles, was Ihnen die Klugheit zu thun erlauben konnte. Es ist jezt ein schöner Anblik für mich, Ihnen, nachdem Sie unsinniger Weise das Meer durchstrichen, unter Begleitung eines Wollüstlings, der Sie in sein Nez gelokt hat, und der Ihnen, wenn er nur Ihr wahrer Liebhaber gewessen wäre, besser geschonet haben würde, wieder hier zu sehen. Denn sein Betragen zeiget deutlich, wie niedrig er Sie achtet, und daß er sich nur Ihrer als einer ganz in Ehren verlornen Frau, zur Befriedigung seiner Lüste bedienet. Diese grausame Mutter wollte hierauf weiter nichts anhören noch sagen, sondern gieng in ein anderes Zimmer; und Jacobine, vom tiefsten Schmerz gebeugt, begab sich in das ihrige.

Da der Herzog von Brabant damals zu Brüssel war, führte in seiner Abwesenheit die Gräfin von Hennegau die Regierung in Bergen. Allein das Blatt drehte sich bald anderst. Die Einwohner, die Jacobinen wirklich so sehr liebten, als sie ihre Mutter und den Herzog von Brabant hasseten, erklärten öffentlich, daß sie nur ihr gehorchen wollten, indem der Herzog sich des Titels ihres Souverains unwürdig gemacht hätte.

Seines eigenen Vortheils wegen, ließ sich der Herzog von Burgund sehr angelegen sein und wandte seine ganze Aufmerksamkeit auf den Nuzen, den er daraus zu ziehen gedachte; dieser zielte schlechterdings dahin, Jacobine gänzlich zu unterdrücken. Er foderte den Herzog von Glocester trozig auf, und zwischen beiden Theilen entstund ein Briefwechsel, der keine andere Folgen als den Krieg nach sich zog. Humphrei, der damals seine Gemalin zärtlich liebte, war über die ihr wiederfahrne Kränkung äuserst gerührt. Die harte Unterredung, die ihre Mutter mit seiner Gemalin gehabt hatte, sezte ihn vollends in Wuth; und da er alle Kräfte anwenden wollte sie zu rächen, beschloß er, eine Reise nach England zu machen, um von da desto leichter die erforderlichen Hülfs-Völker zu beziehen.

Die Gräfin von Hennegau, die ihrer Tochter mit so grosser Strenge, begegnet war, empfand, mehr aus Furcht, als aus anderm Triebe, einige Reue, und wollte sich nun in etwas menschlicher bezeigen. Dem zufolge gieng sie zu ihr, und bat sie, während der Abwesenheit des Herzogs von Glocester, in Bergen zu bleiben. Die Einwohner, die ihr dem Anschein nach ganz ergeben waren, erboten sich sie zu bewachen. Jacobine sahe so viele Wiederwärtigkeiten in ihrem Schiksal, daß ihr alles, ja sogar Humphreis Sorgfalt, dessen Eifer sich verdoppelte, verdächtig war. Da der Tag seiner Abreise anbrach, wollte sie ihn einige Meilwegs ausser Bergen begleiten. Beim Abschied schienen beide gleich gerührt, und eben sagten sie sich das lezte Lebewohl, als ein Frauenzimmer, das sich durch Schönheit und verbissene Wuth besonders auszeichnete, das Volk das sie umgab, durchdrang, und den Herzog von Glocester in vollem Eifer also ansprach: Verräther! feiger und treuloser Fürst! gieb mir meine Ehre wieder, die du mir geraubet hast, oder tödte mich vor den Augen derjenigen, die die Ursache deines Meineids ist. Madame! fuhr sie fort, sich zu Jacobinen wendend, verzeihen Sie meine Ausschweifung und entschuldigen solche in Rüksicht meiner Verzweiflung. So lange es mir möglich war, habe ich im verborgenen gelitten; allein die Kräfte eines zärtlichen und betrogenen Mädchens, die ohne Hülfe ist, sind nicht unerschöpflich. Dieser heimtückische Fürst, der Ihnen seine Hand gegeben hat, vergab ein Gut, das ihm nicht mehr eigen war. Er mißbrauchte die Unschuld meiner Jugend, und verführte mich unter Ausstosung der theuresten Schwüre, die ich unverbrüchlich zu sein glaubte. Sie sehen meine Person, ausserdem aber bin ich aus einer guten edlen Famillie entsprossen, daß er keine Ursache zum erröthen gehabt haben würde, wenn er sein heilig beschwornes Versprechen gehalten hätte.

Dieser unvermuthete Auftritt verursachte Jacobinen eine wunderbare Bestürzung. Mit vieler Aufmerksamkeit betrachtete sie die, die ihn erregt hatte. Sie fand, daß sie viele Reize hatte; und konnte sich nicht enthalten, sie zu bedauern. Der Herzog, ganz beschämt, war in der grösten Verlegenheit, wie er sich aus diesem verdrüslichen Handel wickeln sollte. Endlich, nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte er zu Jacobinen: Madame! Kehren Sie sich an den Reden einer Unsinnigen nicht; nach ihrem Betragen können Sie auf ihre Unverschämtheit urtheilen. Die wahre Tugend schreiet nicht so laut und vor so vielen Zeugen. Ich versichere, daß ich Ihnen sehr treu bin, und daß ich jezt von Ihnen verliebter scheide, als ich es jemals war. Hierauf und ohne ihr weitere Zeit zur Erholung zu lassen, umarmte er sie, sezte sich aufs Pferd, und jug mit solcher Geschwindigkeit davon, daß man ihn augenbliklich aus den Augen verlohr. Die Bekümmerte aber, die ihn in Verlegenheit gesezt hatte, lief ihm mit einer Schnelligkeit, die man ihrer Schwäche nicht zugetrauet hätte, nach!

Der Lerm, den diese Begebenheit verursacht hatte, verbreitete sich bald bis zur Gräfin von Hennegau; und Jacobine, die wieder zurük nach Bergen gegangen war, hatte von ihrer Mutter die empfindlichste Spötteleien auszuhalten. Wenn ich mich nicht irre, sagte sie zu ihr, so schmeichelt sich die verzweiflungsvolle Schöne mit einem glüklichen Erfolg ihres zärtlichen Ausfalls, und der eine merkwürdige Epoche in Ihrem Roman machen wird. Die kleine Ausschweifung des Herzogs von Brabant war Ihnen empfindlich, weil Sie ihn nicht liebten, und die weit grössere des Herzogs von Glocester werden Ihnen noch viel empfindlichere Schmerzen verursachen. Aus Mittleiden muß man Sie bedauern und aus Vernunft tateln; denn überhaupt sind Sie nicht zu entschuldigen. Die aller unschuldigsten meiner Handlungen, erwiederte Jacobine, werden Ihnen allezeit wie unverzeihliche Fehler vorkommen; denn nur gegen den Herzog von Brabant sind Sie leicht nachsichtlicht. So groß aber dieses gefällige Betragen ist, weis ich dennoch nicht, ob er es nicht einstens erschöpfen wird. Wenn der Herzog von Glocester vor unserer Bekanntschaft einige flüchtige Liebes-Verständnisse gehabt hat, folget daraus daß er mich verlassen wird? Wenn eine Verwegene sich selbst anklaget, kann deswegen der Schimpf, auf mich zurükfallen? Sie suchen mich nur zu beleidigen; denn Sie müssen den Schimpf den mir der Herzog von Brabant, da er mich schändlicher Weise der von Degre aufopferte, angethan hat, einem unbedeutenden Liebeshandel, den der Herzog von Glocester vor unserer Verbindung gehabt hat, nicht vergleichen. Betrügen Sie sich Madame! erwiederte die Gräfin honlächelnd, und schmeicheln Sie wenigstens mit freiwilliger Blindheit Ihren Verwirrungen. Sie bedürfen keines Raths; und da Sie den Weg nach England allein gefunden haben, so können Sie leicht weit entlegenere Betrüger finden. Unter Ausstosung dieser beleidigenden Worte verließ sie Jacobinen, die ihrem beklemmten Herzen bei der Climberge, mit einer Thränenfluth Luft zu machen suchte. Nun siehest du, sagte sie zu ihr, in welche Kette von Leiden ich mich durch dein Zureden verwickelt habe. Du siehest die Päbste, meine Anverwandte und alle vernünftig denkende Menschen gegen mich aufgebracht. Du siehest ferner eine Unbekannte aus der Erde empor kommen, der es vermuthlich der Himmel eingegeben hat, mich durch ihren Vorgang auf das zu bereiten, was mir unbezweifelt selbst wiederfahren wird. Ha! Climberge! ich bin an meinem Unglük schuld! Die schnelle Abreise des Herzogs von Glocester überzeuget mich, daß er nichts zu meiner Beruhigung zu sagen wuste. Seine Liebste ist ihm nach, sie ist schön und entschlossen; vieleicht sind sie schon vereiniget; denn ich sehe nur schrekhaften Auftritten entgegen. Ich gebe zu Madame! antwortete die Climberge, daß Sie einige Ursache haben verdrüslich zu sein; allein ist der Verdrus von solcher Beschaffenheit, daß er Sie in einen so verzweiflungsvollen Zustand sezen sollte? Seit dem der Herzog von Glocester Ihr Gemal ist, was können Sie ihm vorwerfen? Seine ehrerbietige und sorgfältige Aufmerksamkeit hat Ihrer Zärtlichkeit entsprochen; die seinige hat er Ihnen durch stets gefälliges Betragen bewiesen, und Sie beunruhigen sich dar über, weil es einer thörigten Creatur beliebt, ihre Ausschweifung selbst öffentlich bekannt zu machen? Er hat Ihnen nicht gesagt, daß er niemalen einige verliebte Abentheuer gehabt hätte. Wenn diese Unverschämte noch einige Gewalt über das Herz Ihres Gemals hätte, würde sie wohl mit solcher Wuth vor Ihnen ihr Recht zu behaupten suchen? Beruhigen Sie sich Madame! mit diesen Betrachtungen, und lassen Sie diese Ehrvergessene dem Herzog von Glocester immer nachlaufen; er schien bei ihrem Anblik so gleichgültig, daß man unbezweifelt einsehen konnte, er sei der Gunstbezeugungen, die sie ihm vermuthlich all zu freigebig aufgedrungen hat, überdrüssig: Die Ihrigen aber, die ihm von weit höherem Werth sind, wird er auch gewiß besser zu schätzen wissen. Schmeichle! unterbrach Jacobine, schmeichle so viel du willst. Dir allein, durch dein Zureden, habe ich meine jezige Leiden zu verdanken. Hiemit endigte sich diese Unterredung; Jacobine aber blieb ganz tiefsinnig.

Durch einige Engländer erfuhr Jacobine nach der Hand, daß die, die ihr dermalen so empfindliche Kümmernis verursachte, ein junges Frauenzimmer von guter Famille, Namens Eleonore, sei, die der Herzog von Glocester ehedessen vorzüglich geliebt hatte, und man damals auch in London geglaubt habe, daß er sich mit ihr vermälen würde. Durch einige wahrscheinliche Betrachtungen, die Jacobine desfals machte, tröstete sie sich einigermassen, da sie aber die Unbeständigkeit der Männer schon erfahren hatte, wiedersezte sich stetes Mistrauen ihrer Ruhe.

Ganz ohne Freunde war Jacobine nicht; verschiedene derselben hatten sich bemühet, den Pabst Martin für sie zu gewinnen; und da die Hohenpriester der römischen Kirche gewöhnlich dergleichen Knoten nicht so vest knüpfen, daß sie nicht auflösbar sein sollten; zog auch dieser sein eigenes Urtheil wieder ein, und hob hierdurch Jacobinens Beschämung zum Theil auf. Allein dieser gefällige Pabst gab damit neuen Anlaß zum Krieg. Der Herzog von Brabant war nichts weniger als ein Held; er zog das Vergnügen dem Geräusch der Waffen bis zur Feigheit vor; und da der Herzog von Burgund, der nur Jacobinens gänzlichen Sturz zum Augenmerk hatte, sahe, daß sie nur unter dem Schuz eines unerfahrnen Volks war, lies er ohne alle Achtung für das weibliche Geschlecht und der Würde einer Fürstin, die Provinz ihrer Zuflucht mit Kriegsvölker überziehen und in derselben übel haussen. Die Gräfin von Hennegau, die äusserlich sich stellte, als ob sie auf ihrer Tochter Seite wäre, aber ganz auf der des Herzogs von Burgund war, brachte durch ihre listige Unterhandlungen einen Vergleich zu stande, vermöge welchem: dem Herzog von Brabant die Provinz Hennegau zum Eigenthum verblieb, wo er züglich alle Beleidigungen, die ihm etwa in derselben wiederfahren wären, zu vergessen und zu vergeben versprach, und daß Jacobine, bis der Proces, den man wieder aufs neue beim römischen Hof anhängig gemacht hatte, entschieden wäre, dem Herzog von Burgund zur sicheren Verwahrung übergeben werden sollte.

Diese Uebereinkunft, die Jacobinen so ganz nachtheilig war, verursachte ihr den tiefsten Schmerz. Nun sahe sie erst recht die Falschheit ihrer Mutter; und die Untreue der Einwohner Bergens ganz ein. Ob ihr gleich die Nachläßigkeit des Herzogs von Brabant bekannt war, glaubte sie dennoch nicht, daß er dem Ehrgeiz des Herzogs von Burgund alles so schlechterdings aufopfern würde. Man drohete ihr, daß, falls sie diesen Vergleich nicht eingehen würde, sie dem Herzog von Brabant zu überantworten. Ihre eigenen Bediente wurden gefangen gesezt. Sie selbst aber wurde nicht nur als eine Staatsgefangene, sondern als eine würkliche Mißethäterin behandelt. Da sie keine Nachricht vom Herzog von Glocester hatte, und daher nicht wissen konnte, was in England vorgieng, marterte dieses ihr Gemüth um so mehr. In dieser äusersten Verlegenheit lies sie folgendes Schreiben an den Herzog ergehen:

„Es würde überflüssig sein, Ihnen eine weitläuftige Erzählung meines bejammernswürdigen Zustands zu machen; denn das Gerücht trauriger Begebenheiten verbreitet sich nur all zu schnell und zu sorgfältig. Dieses finde ich aber nöthig, Ihnen in Erinnerung zu bringen, daß Sie mir mit Ihrer Hand zugleich Ihr Herz zugesichert haben. Mich von Ihnen nicht mehr geliebt und verlassen sehen, würde mein trauriges Herz unter allen Leiden, die auf mich losstürmen, das empfindlichste sein. Mein gröster Feind hier ist meine eigne Mutter. Ich bin meiner Länder beraubet, und meine noch wenige, getreu gebliebene Diener liegen in Fesseln. Mir selbst aber ist keine andere Wahl gelassen, als mich der Sclaverei des Herzogs von Burgund, oder der des Herzogs von Brabant, zu unterwerfen. Urtheilen Sie also was aus mir werden würde, wenn Sie mich verliessen. Nicht der Ehrgeiz, sondern meine gegen Sie tragende Liebe fordert Sie auf. Denn wären Sie mir weniger schäzbar gewessen, so würde ich jezt mehr Muth haben. Ziehen Sie bei dieser Gelegenheit die Reize der schönen Eleonore nicht zu Rath; sie dürften mir nachtheilig sein. Da ich nicht angestanden habe, Ihnen mein Herz zu schenken, gebe ich Ihnen jezt auch die Versicherung, daß ich mit unverbrüchlicher Treue Zeitlebens sein werde &c. Jacobine.“

Der Eilbote, den sie mit diesem Schreiben eigends abgefertigt hatte, beschleunigte so viel ihm möglich war seine Reise; allein wiedrige Winde vereitelten diese gute Meinung, und er kam erst in London an, nachdem sich Jacobinens Wiedersacher ihrer schon ganz bemeistert hatten. Unter dem Geleit des Prinzen von Oranien und einiger andern Herren, die der Herzog von Burgund darzu gewählet hatte, wurde sie von Bergen weg und nach Genf gebracht, alwo sie noch ziemlich ehrerbietig bedient ward.

Den Herzog von Glocester rührte Jacobinens elender Zustand sehr. Er säumte keinen Augenblik an seinen Bruder den Herzog von Bedford nach Frankreich zu schreiben, der sich dann auch gleich bei Empfang des Briefs, mit Achthundert Reuter und unter Begleitung vieler vom Adel, Jacobinen beizustehen auf den Weg machte, und zu Corbie in der Picardie anlangte. Die Herzogin von Bedford wollte ihren Gemal zu dieser Unternehmung begleiten; allein es geschahe mehr um die ganze Sache zu hintertreiben, da sie eine Schwester des Herzogs von Burgund war. Dieser besuchte sie gleich bei der Ankunft, und unter dem Vorgeben, sie besser bewirthen zu können, führte er sie auf einige Tage nach Hedin, wo er durch verstellte Sanftmuth den Herzog von Bedford so ein zu nehmen wuste, daß der bedrükten Jacobine gar nicht gedacht wurde.[L] Ob gleich der Herzog von Bedford Regent in England war, wollte ihm diese Nation dennoch nicht als ihrem Souverain gehorchen. Sie versagten ihm ihren Beistand mit ziemlichem Ungestüm. Er fühlte diese Beleidigung sehr empfindlich, er sahe aber keinen Ausweg sich zu rächen. In dieser seiner Unvermögenheit war er auf eine besondere Rache bedacht, und foderte zu dem Ende den Herzog von Burgund zum Zweikampf auf. Beide Fürsten bereiteten sich auch hierzu; allein der Herzog von Bedford, der es in Zeiten erfuhr, gab nicht zu, daß sie sich durch ein so abentheuerliches Benehmen vor der ganzen Welt lächerlich machen sollten.

Jacobine, die den Pallast der Grafen von Flandern in Gent zur Wohnung hatte, ward gleichwohl in demselben ihrem Rang nach bedienet. Diese glimpfliche Behandlung benahm ihr aber keineswegs das Andenken ihrer gehabten, ihrer jezigen und die Vorstellung ihrer künftigen Leiden. Welchen Namen man auch ihrem Auffenthalt geben mochte, war er doch im Grunde eine wirkliche Gefangenschaft; sie konnte daher ihren dermaligen Zustand nicht anderst als die Folgen einer unerträglichen Tiranei ansehen, die sie unmöglich erdulten konnte. Außerdem marterten sie noch gewiße Gemüthsunruhen. Die Briefe des Herzogs von Glocester wurden ihr vorenthalten, und unter so vielem Verdrus strebte sie sehnlichst nach der Freiheit. Man hatte ihr überdem gestekt, daß der Herzog von Burgund vorhabe, sie auf immer in Lisle einzusperren. Die Furcht einer ewigen Gefangenschaft flößte ihr, mit Beihülfe der Climberge, und des Descaillon, die ihr beständig treu verblieben waren, neuen Muth und Entschloßenheit ein. Sie schrieb an einige angesehene und vermögende Holländer, und sprach sie um ihren edelmüthigen Beistand an. Keiner unter ihnen versagte ihr denselben, zu welchem Ende sie auf das schleunigste nach Gent giengen. Daselbst war sie nicht so genau bewachet, daß man nicht, mit Beobachtung einiger Vorsicht, hätte zu ihr kommen können. Sie hatte eine gerechte Sache, und unmöglich konnte man sie, ohne von ihrer Schönheit und Anmuth gerührt zu sein, ansehen. Ihre Befreier verabredeten sich und trafen so gute Vorkehrungen, daß sie sie, nebst der Climberge, in Mannskleidern aus Gent und glüklich nach Antwerpen brachten, daselbst zog sie wieder ihre gewöhnliche Kleidung an, und langte über Breda in der Grafschaft Holland an. Hier wurde sie als Gebieterinn empfangen, und die Angesehensten der Provinz giengen wegen ihrer wichtigen Angelegenheit mit ihr zu Rath. Der Herzog von Burgund, der über ihre Flucht in Wuth gerieth, versammlete ein so fürchterliches Heer, als ob er wolle die ganze Welt bezwingen, und drang damit in Holland ein, um die schon unter seine Bottmässigkeit gebrachten Oerter im Gehorsam zu erhalten. Man sahe ihn auf die gänzliche Unterdrükung einer liebenswürdigen Fürstin, die fast so viele Unglüksfälle gehabt, als sie an Alter Jahre zählte, ganz erbittert.

Es dauerte nicht lang, so trafen die zwo Parteien auf einander, und wurden handgemein. Obgleich Jacobinens Heer sehr gering war, erhielte es doch verschiedene Vortheile, von welchen sie dem Herzog von Glocester Nachricht gab, der denn auch entschloßen schien, ihr zu Hülfe zu kommen. Silvatier, unter dem Karacter seines General-Leutenants, an der Spitze von fünfhundert der tapfersten entnommener Engländer, wurde hierzu ernannt; allein der Herzog von Burgund, deßen Macht all zu beträchtlich war, behielt die Oberhand. Dieses zwar tapfere, aber all zu schwache Heer wurde geschlagen, und fast ganz in die Pfanne gehauen. Der Sieger aber gieng nach Flandern, um das seinige, welches gleichfals viel gelitten hatte, wieder zu ergänzen.

Dieser unglükliche Ausschlag benahm Jacobinen den Muth dennoch nicht. Der Schmerz, den sie darüber empfand, war heroisch; denn mit wahrem Heldenmuth, der ihrem Geschlecht sonst nicht eigen ist, stellte sie sich selbst vor die Spitze ihres kleinen Heers und belagerte Harlem. Dies Unternehmen glükte ihr nicht. Denn die Vorkehrungen, die der Herzog von Burgund zur Vertheidigung dieser Stadt getroffen hatte, wurden zu genau befolget, und sie muste daher mit Kummer ihre lezte Anstrengung vereitelt sehen. Der Herzog von Glocester verfuhr sehr nachläßig. Die See schied sie von einander, und Jacobine zweifelte nicht, daß sich die entschloßene Eleonore in London befinde, und diese Nachläßigkeit verursache. Wenn der Herzog an sie schrieb, war es in so verlegenen Ausdrücken, die leicht ihre Muthmaßung bestättigen konnten, und indeßen sie ihre Völker in eigener Person anführte und sich allen Gefahren aussezte, blieb er, unter dem Vorwand, die Engländer auf seine Seite zu bringen, und die Hülfe seines Bruders, des Herzogs von Bedfords abzuwarten, dem es auch kein Ernst war, ganz unthätig in London. Alle diese traurigen Betrachtungen bekümmerten Jacobine stets, und verursachten ihr manche Gemüthsunruhen. Jezt Climberge! sagte sie zu dieser ihrer Vertrauten, siehest du die betrübten Folgen der Falschheit des Herzogs von Glocester. Er überläßt mich ganz meinem Schiksal und der Himmel straft mich wegen meiner thörigten Leichtgläubigkeit. Die Rolle, die ich spielen muß, schikte sich weit besser für ihn. Wie? indem ich ein Heer zur Vertheidigung unserer Gerechtsame anführe, überläßt er sich ganz in träger Unthätigkeit seiner verrätherischen Leidenschaft. Grausame Climberge! Warum stimmte meine Schwachheit mit deinen unbedachtsamen Rathschlägen so überein? Warum habe ich mich durch deine schmeichlerische Zunge verführen lassen? Und endlich warum muste ich dir, zu meinem grösten Nachtheil, folgen? Wilst du nun noch einen Menschen entschuldigen, der mich im grösten Jammer ganz verläßt? und wirst du mich noch ferner mit seigten Trostgründen beruhigen können? Betrachte mich von nun an wie ein verstoßenes in der Welt herum irrendes Geschöpf, das von Anverwandten gehaßt und von Feinden verfolgt ist, und siehe, ob du im Stande bist, mir die verlohrne Unschuld wieder zu verschaffen. — Ich gestehe Madame! erwiederte die Climberge, daß mich mein Diensteifer kann betrogen und zu weit getrieben haben; allein sind Sie deswegen straffällig? haben Sie dem Herzog von Brabant Anlaß zu seiner Ausschweifung mit der schändlichen von Degre gegeben? und geben sie jezt dem Herzog von Glocester Ursache undankbar zu sein? In beiden Fällen sind Sie unschuldig. — Ich war zu leichtgläubig und zu voreilig, erwiederte Jacobine, ich hätte die Wichtigkeit meiner Handlungen beßer überlegen sollen und dieses habe ich mir mit Recht vorzuwerfen.

Der Herzog von Brabant, den die von Degre beständig anreizte, verfolgte, während der Zeit, den so viel wiedersprochenen Scheidungs-Proceß beim römischen Hof aufs schärfste. Zur gründlichen Untersuchung dieser Sache ernannte der Pabst eine Congregazion von verschiedenen Kardinälen; und da diese auf Seiten des Herzogs von Brabant die Ursachen zur Ehescheidung nicht hinlänglich genug fanden, erkannten sie ohne weiteres Jacobinens Ehe mit dem Herzog von Glocester für ungültig, wenn auch gleich der Herzog von Brabant mit Tode abgehen sollte. Diesem Urtheil nach, von welchem nicht zu appeliren war, wurde beschloßen, daß das unschuldige Schlachtopfer, zur Befriedigung der gegenseitigen, durch Eigennutz geleiteten Partei, auf ihre eigene Kosten gefangen und dem Herzog von Savoien in sichere Verwahrung gegeben werden sollte. Gleich nach dem dieses, für Jacobinen so fatale, Urtheil bekannt wurde, erklärte sich der Herzog von Glocester auf die unedelste Art, daß er mit Jacobinens Angelegenheiten nichts mehr zu schaffen haben wollte; und wenige Tage drauf, heurathete er die nehmliche Eleonore, die ihn bei der Abreise von Bergen mit ihren Vorwürfen so überrascht hatte.

Ob nun gleich jezt Jacobinen die Größe ihres Unglücks ganz einsahe, verlohr sie darum den Muth noch nicht. An der Spitze ihres kleinen Heers führte sie den Krieg noch immer fort, und auch bei verschiedenen Gelegenheiten mit günstigem Erfolg. Allein den eifersüchtigen Herzog von Burgund, der einmahl ihre völlige Zernichtung geschworen hatte, glükten wegen seiner großen Obermacht die Unternehmungen weit beßer.

Damals, nehmlich 1426. im April, starb der Herzog von Brabant, dem sein Bruder, der Graf von St. Paul, in der Regierung seiner Länder folgte. Da aber dieser ein sehr friedliebender Herr und unvermält war, bekümmerte er sich weiter nicht um Jacobinens Angelegenheiten, deren eigenthümliche Staaten sich nunmehr der Herzog von Burgund ganz zueignete.

Jacobinen blieb noch ein wahrer Freund in ihrer ganz verlaßenen Lage übrig. Es war der Graf von Brederode, dieser stellte sich an die Spitze ihres übrig gebliebenen kleinen Heers, und erfochte wirklich mit dieser geringen Anzahl Völker ziemlich beträchtliche Vortheile in Nordholland. Allein endlich muste er doch der großen Obermacht des Feindes unterliegen; nach einer tapfern Gegenwehr wurde er überwunden, gefangen und muste zusehen, daß verschiedene Edelleute von seiner Partei enthauptet wurden. Er würde auch das nehmliche Schiksal erfahren haben, wenn man nicht befürchtet hätte, da er von dem ehemaligen Grafen von Holland abstammte,[M] die ganze Provinz dadurch aufzubringen.

Nun wurde die unterdrükte Jacobine gezwungen, der unrechtmäßigen Gewalt nachzugeben und einen Vergleich einzugehen, vermöge welchem sie sich anheischig machen muste, ohne Einwilligung des Herzogs von Burgund, ihres nunmehrigen Gesezgebers oder vielmehr Tirannen und nächsten Blutsverwandten, nicht wieder zu heirathen. Dieser Vergleich wurde von ihnen beiden, in Gegenwart des Adels und der Deputirten der Städte, zu Delft eigenhändig unterschrieben. Da nun hierdurch der Herzog von Burgund seine haabsüchtigen Absichten erreicht hatte, ernannte er einen jungen Edelmann, Namens Franz von Borselle, der einer der tapfersten und wohlgestaltesten Edelleute der damaligen Zeit war, zum Gouverneur über die unrechtmäßig an sich gebrachten Länder. Um sich mehr Ehre und größeres Ansehen zu geben, führte er Jacobinen, gleichsam wie im Triumpf, mit sich nach Bergen.

Hier hatte sie nun volle Muße, Betrachtungen über die vielen Wiederwärtigkeiten, die ihr begegnet waren, anzustellen. Sie befand sich an einem Ort, wo ihr alles zu Befehl stehen sollte, wo sie aber leider nichts mehr zu sagen hatte. Man erwies ihr zwar einige Ehrenbezeigungen; allein mit weniger Achtung und mit vieler Nachläßigheit. Stündlich beweinte sie die Härte ihrer Leiden, den Tod des Dauphins und den ihres Vaters, des Grafen von Hennegau, und verwünschte ihre unglüklichen Ehen mit den Herzogen von Brabant und von Glocester. Vielfältige Betrachtungen machte sie über das schändliche Verfahren der Päbste, und alle andern Ereigniße, die sie in den Abgrund des Verderbens gestürzt hatten. Aller ihrer Vorrechte beraubt, unvermögend die geringsten Bedürfniße befriedigen zu können, verachtet in ihren eigenen Staaten, und unterdrükt von einem Fürsten, der ihr Blutsfreund war — was muste sie bei ihrer erhabenen Denkungsart nicht alle dabei empfinden? Sie fühlte noch zärtliche Regungen für den untreuen Herzog von Glocester, die zu tiefe Wurzeln gefaßt hatten, als daß sie so leicht hätten können ausgerottet werden; und man konnte in Wahrheit von ihr sagen; daß das schönste, geistigste und anmuthigste Frauenzimmer, das aller elendste auf Erden war, worüber der Herzog von Burgund frohlokte. Ihr elender Zustand rührte die Gräfin von Hennegau, ihre Mutter, auf keine Weise; und die von Degre, die nicht unterlies übertriebene und nachtheilige Erzählungen und Lügen von ihr auszustreuen, spottete sie allerwegen aus. Dieses alles aber verhinderte nicht, daß ihr die Liebe in ihrem Schicksal neue Prüfungen zubereitete. Der von Borselle hatte sie verschiedenemalen angetroffen, da sie ihrem kummervollen Herzen durch eine Tränenfluth Luft zu machen gesucht hatte. Nichts erhebt die Schönheit eines Frauenzimmers mehr, als traurige Blicke; und wer nur die geringste Anlage zu zärtlichen Empfindungen hat, der kann unmöglich ein liebenswürdiges Frauenzimmer im Kummer sehen ohne Mittleiden zu fühlen und ohne von ihren Reizen gerührt zu werden. So gieng es auch dem von Borselle; und ob er gleich dem Herzog von Burgund sein ganzes Glük zu verdanken hatte, so sahe er doch denselben von Stund an wie seinen ärgsten Feind an, und lies sich in seinen zärtlichen Regungen für Jacobinen nicht irre machen.

Anfangs betrachtete Jacobine Borsellens gefälliges Betragen als Wirkungen der Großmuth und des Mittleidens; sie wurde aber bald gewahr, daß er aus ganz andern Empfindungen handele. Selbst die Climberge, die noch immer Jacobinens Vertraute war, bemerkte es und unterredete sich ohne weitern Zwang darüber mit ihr. Wie? antwortete ihr Jacobine, wirst du nach dem allem, was mir begegnet ist, noch thörigt genug sein, mir von neuen Liebhabern zu sprechen? Ist Borsellens Rang und Geburt nicht weit unter der meinigen? und wenn er mich redlicher und treuer wie die vorigen liebte, würdest du ihn würdig genug halten, drei angesehenen Fürsten in dem Ehebete zu folgen. Ich weiß wohl, erwiederte die Climberge, daß er nicht von so hoher Abkunft ist, demohnerachtet ist er doch aus edlem Blut entsproßen, liebenswürdig wegen seiner angebohrnen Anmuth, über die Maßen großmüthig, und eifrigst beflissen, Ihnen zu dienen. Können Sie versichert sein, ob nicht ihm die Ehre, Sie zu befreien, und der Ruhm, Sie glüklich zu machen, vorbehalten ist? — He! Wer hat dir denn gesagt, fuhr Jacobine fort, daß er mir so geneigt ist? Kanst du ihm ins Herz sehen oder hat er dir sein Geheimnis offenbahret? Man darf nur Augen haben, erwiederte die Climberge, um dergleichen Bemerkung zu machen; denn entweder giebt es keine wahre Verliebte, oder Sie haben dem von Borselle die heftigste Leidenschaft eingeflößt. In diesem Fall, antwortete Jacobine, da eben Borselle zur Thür herein tratt, würde er zu bedauern sein. Da er ziemlich schüchtern und bleich aussahe, seine Blicke auch zärtlich und ehrerbietig waren, so bestättigte dieses Climbergens Aussage vollkommen. Jacobine erröthete bei seinem Anblik, und, um ihre Verwirrung zu verbergen, nahm sie ein erkünsteltes Lächeln an. Sie werden schlechten Dank bei dem Herzog von Burgund verdienen, sagte sie zu ihm, daß sie eine arme Gefangene, die alle, welche einiges Mitleiden für sie blicken laßen, mit ins Unglük stürzet, besuchen. Wenn Sie die Gewogenheit und des Zutrauens eines mißtrauischen Gebieters fernerhin theilhaftig sein wollen, so behandeln Sie mich nicht zu edelmüthig. Ich gebe Ihnen die aufrichtige Versicherung, daß ich mit den, mir schon erzeigten Gefälligkeiten vollkommen zufrieden bin, und Ihnen dafür ewig verbunden sein werde. — Madame! antwortete Borselle, Sie sind mir auf keine Weiße Verbindlichkeit schuldig; und wenn gleich Ihre Gütigkeit meine gute Meinung dahin rechnen wollte, so ist bei derselben mein Unvermögen so groß, daß ich mich darüber schämen muß. Sie sind ganz ohne Fehler und demohnerachtet sind Sie unglüklich. — Sie sind zu ausschweifend in Ihrer Höflichkeit, unterbrach ihn Jacobine; denn von strengern Richtern würde ich nicht so vortheilhaft beurtheilet werden. Wißen Sie nicht, welche ärgerliche Gerüchte man von mir ausgestreuet hat, und auf welche, meiner Ehre nachtheilige Weiße man von mir spricht? Dieses habe ich der christlichen Liebe der Päbste zu verdanken; diese wollten mich vermuthlich durch dergleichen grausame Demüthigungen zur strengeren Buße anhalten. Die Päbste, erwiederte Borselle, waren von jeher die Geisseln rechtschaffener Menschen. Welche Lästerzunge darf sich wohl erfrechen, Ihnen ein Vergehen anzudichten. Was? weil Männer undankbar und unsinnig genug gewesen waren, Ihnen mit Verachtung zu begegnen, will man Sie ihre Verbrechen entgelten laßen? Ich behaupte vor der ganzen Welt, daß, wenn jemand unfehlbar ist, Sie es gewiß sind. — Ha! Borselle, erwiederte Jacobine, Ihre Nachsicht ist übertrieben; ich laße mir selbst Gerechtigkeit wiederfahren und gestehe freimüthig, daß ich zu unvorsichtig gehandelt habe. Um aber das Gespräch von meinen Angelegenheiten abzubrechen, bitte ich Sie, mir die Ursache Ihrer Traurigkeit und Verlegenheit zu sagen. Sollte ich etwa noch unglüklich genug sein, Ihnen Verdruß zu verursachen, und sollte das traurige Verhängniß, daß mich überall verfolget, auch Einfluß auf Sie haben? — Sie allein Madame! erwiederte er, verursachen unschuldiger Weise die Gemüthsruhe, die sie an mir bemerken; denn meine Liebe ist so gränzenlos, daß ich die Hochachtung, die ich Ihnen schuldig bin, darüber auf die Seite setze. Ihre Reitze, durch Leiden erhöhet, sind vermögend, die härtesten Seelen zu rühren; wie kann also die meinige, die von ganz anderer Beschaffenheit ist, ohne Empfindung sein? Ich sage dieses mit keiner unbedachtsamen Verlegenheit; denn ich weiß den Unterschied, der zwischen uns ist, sowohl in Ansehung der Geburt als des Standes, nur zu gut, dieserwegen ist dennoch meine Liebe nicht weniger heftig. Erzürnen Sie sich nicht über einen Unglücklichen, den die Stärke der Leidenschaft hinreißt, durch diese Erklärung seinem beklemmten Herzen Luft zu schaffen. Obgleich dieser große Unterschied zwischen uns ist, indem Sie des Glüks eines der ersten Königen theilhaftig sein sollten, vermindert diese Betrachtung dennoch meine empfindsame Leidenschaft nicht. — Borselle! antwortete Jacobine, ich habe Sie ungestört reden laßen, weil mit Ihre unvermuthete Erklärung die Sprache benommen hat. Ohne Ihnen die Anmerkung, die Sie selbst in Ansehung des Unterschieds unseres Standes gemacht haben, nochmals zu wiederholen, wird es genug sein, Ihnen zur Betrachtung zu geben, daß alle dergleichen Leidenschaften, die ich unglüklicher Weise schon eingeflößt habe, gleich nach ihrer Entstehung verschwunden sind, daß man mir, nur mich beßer betrügen zu können, geschmeichelt hat, und daß, anstatt daß man mir hätte Treue und Versprechen halten sollen; es vielmehr scheinet, als ob mein Herz und meine Hand vergiftet wären; denn so bald ich deren Besiz eingeräumet habe, wurden solche gleich verachtet und verschmähet, ohne zu gedenken, daß ich unglüklich genug war, meinem ersten Gemal den Tod zum Brautschaz mit zu bringen. Wenn es also wirklich an dem ist, daß meine geringen Reize, die niemand mehr unglüklich machen sollen, Sie beunruhiget haben, so nützen Sie diese Betrachtungen, Ihre aufkeimende Leidenschaft zu unterdrücken, und vermehren Sie mein Elend nicht durch Ihr eigenes Leiden. — Ich würde, erwiederte Borselle, wenn es in meinem Vermögen stünde, Ihnen gehorchen; allein eine Leidenschaft, die so heftig wie die meinige ist, läßt sich nicht bezwingen Sein Sie vielmehr versichert, Madame! daß sie von ewiger Dauer sein wird. Nur der Tod kann mir solche rauben, und ich weiß nicht ob sie mir nicht noch jenseit des Grabes folgen wird. Ah! welcher Unterschied ist in der Liebe, zwischen den hohen Ungetreuen, die Sie verrathen haben und dem unglüklichen Borselle? Warum kann die Geburt seine Leidenschaft nicht rechtfertigen, und warum hat er keine Kronen zu Ihren Füßen zu legen? — Sie haben, erwiederte Jacobine, gute Eigenschaften genug, die zu Ihrem Vortheil sprechen; aber um des Himmels willen dringen Sie weiter nicht in mich, und überlegen Sie, daß ich schon unglüklich genug war. Hierauf lenkte sie das Gespräch auf andere Gegenstände; und Borselle der nun einmal den Schritt, der manchen Liebhaber in Verlegenheit setzet, gemacht hatte, sezte vor jezt nicht weiter in sie.

Von diesem Tag an verdoppelte er seinen Fleiß und seine Sorgfalt, Jacobinen gefällig zu sein. Der Herzog von Burgund, der sie so vest gebunden hatte, war auf Borsellens Betragen wenig aufmerksam. Dies günstige Uebersehen verknüpfte diesen Umgang bald sehr eng. Die Climberge, der ihr gezwungener Aufenthalt in Bergen unerträglich wurde, legte Borsellens unbedeutenste Handlungen großen Werth bei. Ja! Madame, sagte sie zu ihrer Gebieterin, weil man Sie noch nicht wirklich geliebt hat, wird es Ihnen um so viel süßer sein, nach Ihren Verdiensten geliebt zu werden. Hat nicht schon der Himmel Ihre treulosen Gemale bestraft? Der Herzog von Brabant ist in der Blüte seiner Jahre gestorben, und der Herzog von Glocester hat sich durch seine Verbindung mit einer entehrten Person, ganz Europas Verachtung zugezogen, und Sie mit Aufopferung seiner eigenen Ehre gerächet. Borsellens Beständigkeit in der Liebe wird diese Rache vermehren. Wollten Sie lieber in den Feßeln, die Ihnen der Herzog von Burgund angelegt hat, schmachten, als das Glük eines verdienstvollen Mannes befördern? Man hat Ihnen unbillige Geseze vorgeschrieben, denen Sie sich zu unterwerfen nicht verbunden sind. Wenn Sie durch Borsellens Tapferkeit wieder in Ihre Gerechtsame werden eingesezt sein, haben Sie alsdann nicht Würde und Hoheit, die ihn dem grösten Fürsten gleich stellen, mit ihm zu theilen? Er ist von edler Geburt, und seine Thaten machen ihn ehrwürdig. Sollten Ihnen dieses nicht Beweggründe genug sein? — Spreche! unterbrach sie Jacobine, spreche immerfort und leite mich aus einem Irrweg in den andern: weil es deine und meine Bestimmung ist. Ich sollte die Liebhaber und Ehemänner mehr als den Tod fürchten, und doch höre ich dir gelaßen zu; ja! ich weiß nicht, ob du mich nicht noch gar überreden wirst. Gefährliche Freundin! Warum hast du mich in meinem Unglük allerwegen begleitet? Glaubst du, daß deine Beharrlichkeit mir nachtheiliger als der andern Treulosigkeit ist? Wie ich in London ankam, war ich wenig geneigt zu thun, was ich nachher gethan habe; Du allein warst schuld an der Thorheit, die ich begieng, jezt willst du mir eine weit größere zumuthen, und am Ende werde ich mich mehr über dich, als über die von Degre zu beklagen haben.

Während Jacobine in einem Strom von Unruhen dahin schwamm, sahe Borselle, der wirklich und aufrichtig liebte, wohl ein, daß er ihr nicht verhaßt war; er sezte daher so anhaltend in sie, daß es ihm glükte das lezte Geständnis von ihr zu erhalten. Er hatte Jacobinens wegen außerordentlich große Ausgaben gemacht. Denn zu der Zeit, da sie an allem Mangel litte, sezte er sie in Ueberfluß. Er trat geheime Vorkehrungen, die des Herzogs von Burgund seine vereiteln sollten, und heirathete Jacobinen mit der zu diesem Unternehmen nöthigen Behutsamkeit und erforderlichem Geheimniß. Die Climberge, der Descaillon und zwei vertraute Freunde des Borselle, waren die einzigen, die dieser Handlung beigewohnt hatten; das neue Paar war aber dieserwegen nicht wenig glüklich. Sicher ist es, daß Borsellens Liebe, statt zu erkalten, täglich zunahm; denn es schien, als ob die Zeit ihr neue Kräfte gäbe. Allein Borselle konnte nicht länger unthätig bleiben; er hatte zu viel Muth, das Interesse einer Person, die alles für ihn aufgeopfert hatte, zu vernachläßigen. Er muste sich daher von ihr entfernen. Schreklich war für beide dieses nothwendige Scheiden, das auf die beweglichste Weise, mit Versicherung ewiger Liebe, erfolgte.

Man wurde bald gewahr, daß Borselle Jacobinens Angelegenheiten wegen in Bewegung war. Es dauerte nicht lang, so wurde der Herzog von Burgund davon benachrichtiget; und ob gleich das Ehebündniß sehr geheim gehalten war, erfuhr er es doch auch gar bald. Da er einer der stolzesten rachsüchtigsten Fürsten war, geriet er bei dieser Nachricht in die gröste Wuth. Hundert Eilboten wurden mit dem Befehl abgefertiget, sich des Borsellens zu bemächtigen, der sich zu sehr auf seinen Muth verlaßen, und sich mit seiner geringen Anzahl Leute zu viel gewagt hatte, gefangen genommen und in die Hände seines Feindes geliefert wurde.

Der Herzog von Burgund, der nun seiner Beute gesichert war, wollte die strengste Rache ausüben. Er befahl zu dem Ende, Borsellens Prozes zu beschleunigen. Bis zur Wuth gegen Jacobinen, die ihn so hintergangen hatte, aufgebracht, wollte er ihr das Schiksal, das ihrem Gemal bevorstand, selbst ankündigen. Sie können nun auf den fünften Gemal bedacht sein, sagte er zu ihr; denn ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Sie in einigen Tagen der Mühe überheben werde, den Scheide-Brief Ihres vortreflichen Ehebündnißes mit dem Borselle, von Rom aus kommen zu laßen. Ein Scharfrichter wird hier die Stelle des Hohenpriesters vertreten, und Ihnen diese Erlaubniß verschaffen. Denn ich glaube nicht, daß Sie mich feig genug halten werden, dergleichen grobe Beleidigungen ungestraft zu laßen. Ganz unvergleichliche Ehre haben Sie den Baierischen und Burgundischen Häusern erwießen, daß Sie ihr Blut mit dem eines elenden Kriegers vermischt haben, der nur meiner Gnade, das was er ist, zu verdanken hat, und der nun bald dem Volk zum Schauspiel und den Raben zur Speise dienen wird. Schämen Sie sich nicht, nach so erniedrigenden Ausschweifungen, noch das Tageslicht anzuschauen? Der Herzog von Brabant that klug daran, daß er die Gesellschaft einer Frau, wie Sie sind, mied; und der Herzog von Glocester hat recht gehabt, Ihnen ein geschändetes Mädchen vorzuziehen.

Er würde ihr noch mehr Unangenehmes gesagt haben, wenn es sein Zorn zugelaßen hätte. Jacobine hörte ihm schmerzlich bestürzt zu; aber da er sie so erniedrigend behandelte, konnte sie nicht länger an sich halten. Mit trotzigem Blik sagte sie zu ihm: Ob Sie mir gleich im gebieterischen Ton sprechen, so sind Sie deßwegen noch lange nicht befugt, mir Geseze vorzuschreiben; und es macht Ihnen eben keine große Ehre, daß Sie sich mein Unvermögen und Unglük zu nutz machen. Welches Recht haben Sie, mir meine Güter zu rauben und mich zur Sclavin zu machen? Ja! ich habe den Borselle geheirathet, und wenn etwas vermögend wäre, mich es bereuen zu laßen, so wären es die Leiden, die ich ihm dadurch zugezogen habe. Schwärzen Sie sich immer damit, daß Sie ihn Ihrem Ehrgeiz aufopfern. Es wird das Maaß Ihrer Ungerechtigkeiten voll, und Sie vollends abscheuungswürdig machen. — Ja! Ja! antwortete der Herzog, ich werde der Nachkommenschaft ein Beispiel geben; denn man soll nicht von mir sagen, daß ich einen Menschen, der die ersten Häuser Europens beschimpfet hat, ungestraft laße. Hierauf entfernte er sich, und verließ die erschrokene Jacobine im tiefsten Schmerz versenkt.

So leicht als er es wollte glauben machen, war es doch dem Herzog von Burgund nicht, den Borselle seiner Rache aufzuopfern. Dieser Edelmann war durchgehends geachtet und beliebt, auch war Jacobine in den Jahren, in welchen sie von ihrem Thun und Laßen keine Rechenschaft mehr zu geben hatte. Es war leicht einzusehen, daß nur die Furcht Jacobine möchte Leibeserben bekommen, den Herzog zu diesem blutgierigen Entschluß reizte. Da nun Jacobine dieß alles wohl überlegte, war sie minder in Verlegenheit.[N]

Sie bediente sich der Vermittelung des Grafen von Meurs, durch diesen versprach der Herzog von Burgund, daß wenn Jacobine auf alle ihre Gerechtsame Verzicht thun würde, so wollte er sie und den Borselle in Friede laßen.[O] Die dringenden und traurigen Umstände, darinn sich Jacobine befand, und einen Gemal, den sie zärtlich liebte, zu retten, nöthigten sie, dieße harte Bedingniß einzugehen. Sie entsagte also zu Gunsten des Herzogs von Burgund allen ihren Staaten,[P] und man sahe dieße große Fürstin, und rechtmäßige Erbin so beträchtlicher Länder, in die äuserste Dürftigkeit versezt.

Borselle wurde hierauf seiner Gefangenschaft entlaßen. Jacobine empfieng ihn mit der nehmlichen Zärtlichkeit, als ob sie gar nichts zu seiner Befreiung aufgeopfert hätte. Beim ersten Anblik sagten sie sich einander die rührensten Sachen. Borsellens Herz strömte aus Erkänntlichkeit über; und Jacobine, die sich nun für die glüklichste Person auf der Welt schäzte, beeiferte sich, ihm ihre zärtliche Liebe noch mehr zu zeigen. Durch die Bemühungen ihrer beiderseitigen Freunde wurde der Herzog von Burgund nach und nach besänftiget. Er warf seiner Nichte einen Gehalt aus, der aber in Betracht deßen, was er ihr entrissen hatte, gering war. Der Borselle erhielt, wegen seines Bündnisses mit verschiedenen hohen Fürstenhäuser, den Orden des goldenen Vliesses. Dieser liebte, oder vielmehr verehrte seine Gemalin von Tag zu Tag mehr, und Jacobine schäzte ihn eben so. Allein da ihr Leben mit so vielen und anhaltenden Verdrißlichkeiten verwebt war; so konnte es nicht anderst sein, als daß ihr Körper sehr geschwächt wurde, und dieses verursachte ihren frühzeitigen Tod, der dann 1436, sechs Jahre nach der Zeit, als sie den lezten Vergleich mit dem Herzog von Burgund eingegangen war, der nun in dem ruhigen Besiz aller der Länder, die er ihr entrissen hatte, blieb, erfolgte.