So ganz recht war es ihnen aber doch nicht, und wenn sie es sich auch nicht wollten gegen die Frauen merken lassen, untereinander sprachen sie darüber und wünschten sich ziemlich offen, daß ihre Jungen nur erst wieder zurück aus dem verbrannten Krieg wären – nachher wollten sie mit derartigem Gesindel schon rasch genug aufräumen, daß ihm der Wald und besonders der Dogwood[3] darin, bald zu warm werden sollte.
[3]: Dogwood ist eine Art wilder Corneliuskirsche mit sehr bröcklicher Rinde; an diese kleinen Bäume wurden gewöhnlich Strolche angebunden, die man bei einem Pferdediebstahl erwischt hatte. Während man sie dann peitschte und sie sich um den Baum herumwanden, scheuerten sie die Rinde ab und man nannte sogar die Strafe danach »Dogwood schälen.«
Aber die »Jungen« kehrten nicht so bald aus dem Krieg zurück, denn der Süden hatte, wie sich jetzt herausstellte, mit seinen immerwährenden Siegesnachrichten, die er im Westen ausgestreut, nur gelogen, und den Beweis sollten sie bald thatsächlich bekommen. Nicht allein, daß sie die Gewißheit erhielten, Vicksburg sei wirklich nach einem furchtbar blutigen Kampfe genommen, nein, eines Morgens kamen sogar Flüchtlinge von Little Rock herauf, die nach dem Ozark-Gebirge wollten und die Kunde brachten, die Hauptstadt des Staates sei von den Unionstruppen besetzt und General Steene befehlige jetzt dort, während sich die Sesesch nach den »Heißen Quellen« mit Texas im Rücken hinübergezogen hätten und nicht etwa dort Stand hielten, sondern ihre Flucht ohne Säumen bis über den Redriver selber fortsetzten.
Aber ein Weheschrei ging zugleich durch die ganze Ansiedelung, denn das Schlimmste, was sie bis jetzt gefürchtet, war eingetroffen. Droben an dem Petite-Jeanne war Einer der jungen, damals mit fortgegangenen Leute als Krüppel heimgekehrt, und wie ein Lauffeuer zog sich die Unglücksbotschaft durch die Hütten, daß jener ganze, so hinterlistig fortgelockte Trupp nach Vicksburg hinabgeschleppt sei. Dort hatten sie es möglich gemacht, die belagerte Stadt in der Nacht zu gewinnen, aber sie kamen gerade im letzten Augenblick, wo die Stadt selber schon an ihrer Rettung verzweifelte. Sturm folgte auf Sturm. Drei Tage und drei Nächte lang kam kein Schlaf in die Augen der Vertheidiger, und da man die junge, ausgeruhte Mannschaft am Unerbittlichsten dabei verwandte, hatte sie auch natürlich die furchtbarsten Verluste aufzuweisen.
Vom Fourche-la-Fave allein waren sieben todt geblieben. Unter ihnen Gustav – Klingelhöffers einziger Sohn, und die Todesbotschaft traf den alten Mann ins Herz. Selbst die Nachricht hörte er von da an mit Gleichgültigkeit, daß mit dem Fall Vicksburgs die Rebellion der Sesesch den Todesstoß erhalten habe, denn die Unionisten befanden sich jetzt im Besitz der großen Wasserstraße des Mississippi und hatten damit die Einschließung des ganzen südlichen Gebiets vollendet. Allen jenen rebellischen Staaten war jetzt die Verbindung mit dem Ausland vollständig abgeschnitten und nicht einmal den so nothwendigen Proviant, wie z. B. Schlachtvieh, das sie sonst unbehindert aus Arkansas bezogen, konnten sie mehr bekommen. Ihre Unterwerfung war von nun an keine Frage mehr, sondern nur eine Sache der Zeit geworden, während der Norden auch mit raschem Entschluß seine Truppen in den Westen sandte, Arkansas selber oder doch die wenigen Hauptplätze besetzte, und ein Heer Neger nach Texas hineinwarf, um auch dort die Rebellion zu vernichten und den Rebellen damit die letzte Stütze, den letzten Zufluchtsort zu nehmen.
Zu spät! – Der furchtbare Schlag war gefallen – gefallen auf viele viele Häupter – der Sieg mit zu theuerem Blut erkauft worden und stumm, ja fast gleichgültig sah man den kommenden Ereignissen entgegen.
Aber die Bewohner der Fourche sollten trotzdem selbst aus ihrem Schmerz aufgerüttelt werden, denn ihre schlimmste Zeit war noch nicht überstanden, und eine Gefahr drohte ihnen, an die sie bis jetzt kaum gedacht.
Vor wenigen Tagen war die Countystraße entlang ein Bataillon Unions-Truppen gegen Little Rock marschirt, um sich dort mit General Steene zu vereinigen. Ein paar Pferde aus der Range schienen dabei abhanden gekommen zu sein und einige Kühe. Die Soldaten betrachteten sich ja in Feindes Land und daß die Beraubten gerade zufällig lauter gute Unionisten waren, konnten sie nicht wissen.
Da durchlief plötzlich die Schreckenskunde die Range, daß die so lang gefürchteten Jay-hawkers bei Wells oben am Fourche-la-Fave eingebrochen seien und den alten kranken Wells, auf seinem Bett selbst, todtgeschossen hätten.
Wells war einer der ältesten Ansiedler, ein schlichter einfacher Mann, der selten nur mit einem der Nachbarn verkehrte, aber deshalb doch aushalf, wo er nur irgend konnte. Dabei gab es keinen besseren Jäger und Schützen in der ganzen Range als ihn, und seine etwas gebräunte Hautfarbe, sein langes straffes schwarzes Haar ließ ihn sogar, in der Meinung der Hinterwäldler, vom indianischen Blut abstammen. Er hatte dabei ein bewegtes Leben geführt und vor langen Jahren sogar einmal, als Texas noch von wilden Indianerhorden schwärmte, einen Jagdzug dorthin allein unternommen und sich mehre Jahre dort, selbst einmal von Indianern gefangen genommen, aufgehalten. Zu seinem Unglück mußten die Verbrecher erfahren haben, daß er krank darnieder liege, sie würden sich sonst wohl kaum an ihn gewagt haben, denn daß er seinen Schuß nie fehlte, war bekannt.
Niemand war bei ihm im Haus gewesen als seine Frau und diese erzählte jetzt, daß der Ueberfall durch sechs fremde Männer geschehen sei, die sie wenigstens früher nie am Fourche-la-Fave gesehen. Nur der Eine von ihnen, und wie es schien, der Anführer der Schaar, habe ein geschwärztes Gesicht gehabt und sei ihr bekannt vorgekommen, sie wäre aber nicht im Stande, irgend einen bestimmten Namen zu bezeichnen.
Daß die Räuber mitgenommen hatten, was sie irgend gebrauchen konnten, versteht sich von selbst, besonders Well's zwei Büchsen und alle Munition, aber auch sonst noch an Fellen und Pelzwerk, was gerade da war, und außerdem eine Menge anderer Dinge, die für sie selber keinen Werth haben konnten. Die Vermuthung lag deshalb nahe, daß sie das Geraubte nach irgend einem Versteck gebracht, oder auch vielleicht durch irgend einen Zwischenhändler nach Little Rock zum Verkauf geschickt hatten.
Die alten Backwoodsmen rüsteten sich jetzt so gut sie konnten, aber was waren sie im Stand zu thun, wo sie sich einzeln nur auf ihrem von jeder Hülfe entfernten Platz im Wald befanden. Möglich war auch, daß es nur ein vereinzelter Raubzug gewesen, denn volle acht Tage lang hörte man Nichts mehr von Räubern, bis sie auf's Neue, und dies mal mit wahrhaft teuflischer Bosheit auftraten.
Oben am Fourche wohnte ebenfalls ein alter Ansiedler Hogan, der, wie es dort hieß, vor kurzer Zeit auf einem Jagdzug in den Ozarkgebirgen, eine jener Silberminen entdeckt haben sollte, von denen man sich erzählte, daß schon vor vierzig und funfzig Jahren Venetianer aus dem Osten gekommen wären, um sie heimlich zu bearbeiten. Ob etwas an der Sache war oder nicht, konnte natürlich Niemand sagen, aber wie derartige Gerüchte rasch überhand nehmen, so wollte man schon hie und da wissen, daß Hogan zu Fuß zurückgekehrt sei, weil sein Thier kaum im Stande gewesen sei, die schweren Silberstücke fortzuschaffen, die er dort zwischen den Steinen gefunden – und das gerade mußte die Räuber angezogen haben.
Hogan selber begegneten sie draußen im Wald oder lauerten ihm auch vielleicht auf und schossen ihn gleich nieder, dann hatten sie leichte Mühe mit seinem Haus, in dem sie nur die alte Frau, ein paar junge Mädchen und zwei kleine Knaben fanden. Der Platz wurde umstellt, und nun sollte die Frau bekennen, wo sie das Silber versteckt halte, das ihr Mann aus den Bergen mitgebracht habe. Die Frau beschwor zwar die Männer nicht zu glauben, was sich das Volk am Fourche-la-fave erzähle. Ihr Mann sei allerdings oben am Whiteriver in den Ozarkgebirgen gewesen, aber nur um sich einen Platz zur Ansiedlung auszusuchen. Silber habe er gar nicht gefunden und nur ein paar bunte Steine mitgebracht, mit denen die Kinder eine Weile gespielt und sie dann weggeworfen hätten. Die Steine würden auch wohl die erste Ursache zu dem Gerüchte gegeben haben, an dem aber nicht eine Sylbe Wahres sei.
Der Führer der Schaar, der wieder ein geschwärztes Gesicht trug, hielt sich, wie die Kinder später aussagten, die Zeit über an der Thür des Hauses und gab von dort aus seine Befehle. Er betrug sich gerade so, als ob er fürchte, erkannt zu werden. Der Bericht der Frau aber wurde von den Jay-hawkern mit wilden Flüchen beantwortet. Ihr Leugnen helfe ihr Nichts – man wisse genau, daß sie das Silber im Haus versteckt halte und wenn sie es nicht gutwillig herausgebe, wolle man sie schon zu einem Geständniß zwingen.
Die Frau weinte und flehte, die Kinder schrieen. Der Eine der rohen Buben nahm den ersten Knaben und schleuderte ihn mit solcher Gewalt in die Ecke, daß er dort winselnd am Boden liegen blieb, dann sprang ein Anderer zum Kamin und stieß die Kohlen mit dem Fuß auseinander und nun setzten sie die alte Frau, die in Todesangst um Erbarmen bat, auf einen Stuhl, banden sie dort fest, umschnürten ihr die nackten Füße mit einem Seil und hielten sie gewaltsam über die glühenden Kohlen.
Die Frau kreischte laut auf, die Töchter warfen sich den Räubern zu Füßen – umsonst. Die Frau sollte gestehen, wo Silber, das sie in ihrem Leben nicht gesehen, versteckt sei, und als sie endlich ohnmächtig wurde, ließ man sie los und vom Stuhle herunter fallen, und durchwühlte nun die Hütte von oben bis unten, riß die Dielen auf, grub den Heerd auf und verwandelte die ruhige stille Heimath guter friedlicher Menschen in wenigen Minuten in eine Wüste. Silber fanden sie natürlich nicht, nur den ärmlichen, schon halb zerstörten Hausrath eines Backwoodsman, und aus Wuth, mit allen Rohheiten gegen die Töchter selber, streuten sie zuletzt die glühenden Kohlen und Feuerbrände im Haus umher, schichteten das Stroh aus den Betten darauf und verließen erst den Platz, als sie sich überzeugt hatten, daß er in hellen Flammen stand.
Die Frau starb, unter den furchtbarsten Schmerzen noch in der nämlichen Nacht – die Mädchen flüchteten mit den kleineren Kindern in den Wald, weil sie die Rückkehr der Räuber fürchteten und wagten sich erst, halb verhungert, nach einigen Tagen wieder vor, um eines Nachbars Wohnung und dort Schutz zu suchen.
Jetzt folgten die Ueberfälle rasch einer dem anderen, und Rankins, ein alter Ansiedler in der Nachbarschaft, ließ sich endlich durch die dringenden Bitten der Seinen bewegen, in den Wald und den Buben aus dem Weg zu gehen, denn sie hatten schon nach ihm gefragt, und daß sie kein Erbarmen kannten, wußte man. Er ging auch und hielt sich 14 Tage lang versteckt, bekam aber draußen das Fieber und mußte, da er nicht jagen konnte, eines Abends wieder zurück, um sich Lebensmittel zu holen.
Von den Jay-hawkern hatte man die letzten Tage Nichts gehört, denn wieder waren Unions-Truppen durch gekommen, von denen eine Abtheilung sogar nach ihnen suchte, weil man vermuthete, daß sie mit den Bushwhackern in Verbindung ständen. Aber vergebens; die Verbrecher mußten über alle gegen sie beabsichtigten Bewegungen gut unterrichtet sein, denn sie ließen sich nicht eher wieder blicken, als bis sich die Truppe entfernt hatte.
Rankins war in der Zeit gerade zurückgekommen, und die Frauen drängten ihn, sein Versteck wieder aufzusuchen, aber er weigerte sich. Nur eine Nacht müsse er, wie er meinte, wieder einmal in seinem Bett schlafen, er hielte es da draußen im kalten Wald, durch den jetzt schon die Winterstürme tobten, nicht mehr aus. Lieber von den Jay-hawkern todt geschossen werden, als da draußen elend in den nassen Büschen und Zoll bei Zoll verkommen. Morgen wolle er sie wieder verlassen, aber auch in der Nähe bleiben, und so viel Kraft werde er ja doch wohl noch haben, wenigstens den Rädelsführer der Schurken von seinem Pferd zu schießen.
Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen graute, stand die Frau auf, um Caffee zu kochen und dem Mann seine mitzunehmenden Lebensmittel zurecht zu legen.
Rankins Haus stand etwa eine englische Meile vom Fourche-la-Fave ab, an der Countystraße nach Little Rock, da dröhnte plötzlich in dem stillen Morgen der Hufschlag rasch herangaloppirender Pferde durch den Wald.
Das sind gewiß Soldaten, rief Frau Rankins, der aber doch das Herz in der Brust zu hämmern anfing. Rankins selber, eben wach geworden, sprang, wie er war aus dem Bett und griff seine neben ihm lehnende Büchse auf. Aber die Reiter brachen schon hervor – wie ein wildes Wetter sprengten sie gegen die niedere Umzäunung an und setzten mit ihren Thieren in voller Flucht darüber hin. Das Pferd des Einen stürzte und warf seinen Reiter gegen das Haus. Der eine der Männer trug wieder das geschwärzte Gesicht.
Teufel! schrie der alte Rankins und seine Büchse fuhr empor, aber zu gleicher Zeit zerschmetterte eine Kugel seinen Arm, eine andere traf ihn in den Hals und zurücktaumelnd fing ihn seine Frau auf und bog sich jammernd über ihn.
Im Nu waren die Räuber jetzt aus den Sätteln und das Rauben und Plündern begann, wie in alter Weise, nur daß sie hier noch wilde Flüche ausstießen und den Sterbenden einen verdammten Abolitionisten nannten, dem sie schon lange aufgelauert hätten. Sie schwuren auch, daß sie nicht eher Frieden geben würden, bis sie die ganze »Range« von allen Vaterlandsverräthern gesäubert und reine Bahn für die Südstaaten gemacht hätten und schlossen dann ihre Blutarbeit wie gewöhnlich, indem sie einen Feuerbrand unter das Dach warfen, und dann direct in den Wald hineinritten.
Rankins Knaben, einem Burschen von etwa 10 Jahren, der bei Annäherung der Räuber entwischt war, und der dicht dabei im Busch auf der Lauer gelegen, gelang es zwar das Feuer wieder zu löschen, aber das angerichtete Elend konnte er nicht mehr ungeschehen machen. Der alte Rankins war todt und die Frauen erfüllten mit ihrem Wehgeschrei die Luft.
Noch an dem nämlichen Abend überfielen die Jay-hawker eine andere Ansiedlung, erschlugen den alten Hewes, dem sie gehörte, und waren im Begriff eine seiner Töchter mit in den Wald zu schleppen, als glücklicher Weise ein kleiner Trupp Cavallerie angesprengt kam und sie, zum großen Theil selbst die gemachte Beute im Stich lassend, in den Wald flüchten mußten. Allerdings setzten ihnen die Soldaten nach und es gelang ihnen auch, Einen von ihnen vom Pferd zu schießen. Die Andern entkamen aber, und die Patrouille war nicht stark genug, um sich zu weit mit ihren überdies schon ermüdeten Thieren in die Berge hinein zu wagen.
Den erschossenen Räuber kannte übrigens Niemand; er mußte mit seinen Genossen von irgend einem andern Staat oder County herübergekommen sein. Uebrigens fanden sie eine Menge Werthsachen, zwei Uhren, sechs oder acht Goldstücke und eine goldene Kette bei ihm, Dinge, die natürlich gleich als gute Beute erklärt wurden, denn die Burschen konnten Alles gebrauchen. Dann ließ man den Körper an der Straße, wohin man ihn geschleppt, liegen, damit die Nachbarn ihn betrachten und, wenn sie wollten, auch begraben konnten. Das war aber kaum nöthig, denn Wölfe gab es dort genug im Walde, die den Cadaver schon beseitigen würden.
Es schien fast, als ob die Räuber durch diese Ueberraschung eingeschüchtert wären; man hörte wenigstens lange Nichts von ihnen, bis sie plötzlich in der Nähe des Arkansas und an der Mündung des Fourche-la-fave wieder auftauchten.
Klingelhöffers alten Platz, wo er früher gewohnt, plünderten sie total aus, fanden aber glücklicher Weise den Eigenthümer nicht. Klingelhöffer selber erhielt gleich danach Botschaft von Perryville, und die Warnung, auf seiner Hut zu sein und lieber mit seiner Familie in die »Stadt« zu kommen, denn man vermuthete natürlich, daß ihm jetzt der nächste Besuch zugedacht sein würde. Der alte Mann war aber nicht dazu zu bringen, seinen Platz zu verlassen. Nach dem Tod des einzigen Sohnes lag ihm selber Nichts am Leben, und nur seine noch von Deutschland herübergebrachten Gewehre, eine Doppelflinte, eine Büchsflinte und eine Pirschbüchse brachte er in Ordnung und lud sie frisch, verbarrikadirte dann seine Fenz und schwur, daß er wenigstens fünf von ihnen unschädlich machen wollte, wenn sie es wagen sollten, die Hand an seine Umzäunung zu legen.
Sie kamen aber nicht dorthin – der Platz lag ihnen unbequem, gerade auf der Spitze zwischen dem Fourche und Arkansas. Sie konnten keine sichere Nachricht erhalten, ob nicht dort vielleicht gerade die jetzt fortwährend vorbeipassirenden Dampfer der Yankees, die häufig bei Klingelhöffer anlegten, um Hühner, Eier, oder andere Provisionen zu kaufen, Bewaffnete an Land gesetzt hätten, und durch den einen Ueberfall schüchtern, oder wenigstens vorsichtig gemacht, schienen sie keine rechte Lust zu haben, sich in diese Art von Falle, wo es nur nach einer Richtung hin einen Rückweg gab, zu begeben.
Jenkins, ebenfalls gewarnt, hatte aber sein Haus und seine Familie nicht verlassen wollen und nur ein paar Büchsen bereit, um ebenfalls bei einem Einbruch die Zähne zu zeigen. Außerdem hielten zwei handfeste Hunde den Platz in der Nacht vor einem Ueberfall gesichert und kamen die Räuber in zu großer Menge, dann hatte er immer noch Zeit, sich, von den Hunden gedeckt, nach seinem großen, bereit liegenden Canoe zurückzuziehen. Betsy verstand übrigens ebenfalls eine Waffe zu führen, und ihrer zwei waren sie der Bande auch schon eher gewachsen.
Jenkins selber, den Kopf in die Hand gestützt, saß eines Morgens an seinem Frühstückstisch. Er dachte an den eigenen Sohn, von dem er so lange keine Nachricht gehabt, und an das Schicksal des armen Klingelhöffer, und das Herz war ihm übervoll.
Betsy war draußen an der Landung gewesen, und hatte eben noch den Strom hinabgesehen, wo sich wieder eins der kleinen Dampfboote gegen die Fluth abmühte und dabei nur langsamen Fortgang machte.
»Das Boot kommt, Vater,« sagte sie, als sie die Schwelle des Hauses betrat; »es hat jetzt wohl eine Stunde da unten festgesessen, ist aber wieder flott geworden. Vielleicht bringt es Briefe von Jim mit.«
Der alte Mann seufzte und reichte ihr eine Zeitung hin.
»Da lies,« sagte er – »das ganze Blatt enthält fast weiter nichts als Todtenlisten und Angaben von den 2000 – oder gar 3000 Vermißten – armen Teufel, die nach der Schlacht elend im Walde umgekommen und von den Wölfen gefressen wurden. Armer Jim! wer weiß, wo ihn sein Schicksal erreicht hat, und ob wir uns je wiedersehen werden.«
»Hallo the house!« rief da plötzlich eine Stimme und als die Hunde wie immer, wüthend anschlugen und Betsy in die Thür trat, um zu sehen wer da das Haus anrief, bemerkte sie einen einzelnen Reiter draußen an der Fenz, einen Fremden, den sie nicht kannte und der jetzt den Hut gegen sie lüftete und anfrug, ob Mr. Jenkins zu Hause wäre.
Der Mann war in der gewöhnlichen Tracht der Backwoodsmen gekleidet, trug aber keine Waffe und sah aus wie ein Ansiedler aus irgend einer anderen Range, der vielleicht seinen Weg verfehlt hatte, oder auch von dem eigentlichen Pfad abgeritten war, um ein Frühstück zu erbitten. Es kam das ja gar nicht so selten vor, denn das nächste Haus an der Straße von dort ab war noch wenigstens sieben Miles entfernt.
»Steigen Sie ab Sir,« sagte das junge Mädchen, der Gastfreundschaft des Landes folgend, indem sie die Hunde zurücktrieb, »Vater ist im Haus, wenn Sie ihn sprechen wollten.«
»Danke,« sagte der Fremde, indem er etwas schwerfällig aus dem Sattel stieg und der Einladung Folge leistete. – »Dann bin ich den weiten Weg doch nicht umsonst gekommen. Kann ich ihn vielleicht einmal sehen?«
»Wollt Ihr nicht in das Haus treten?« sagte das Mädchen.
»Gleich,« erwiederte der Mann, der wie es schien, den rechten Fuß nicht gut gebrauchen konnte; indem er sich überall im Hofe umsah. »Muß mir nur erst einmal einen Platz aussuchen, wo ich mich ein wenig ausruhen kann.« Er humpelte dabei auf einen, etwa funfzehn Schritt vom Haus entfernten Klotz zu, auf den er sich setzte und dabei seinen rechten Fuß in die Höhe nahm, als ob er Schmerzen darin habe.
»Fehlt Euch etwas?« frug Betsy theilnehmend.
»Hm, nichts Besonderes, bin nur damals, als wir auf der Flucht waren, mit dem Pferd gestürzt und habe mir ein Bischen weh gethan.«
»Auf der Flucht?«
»Ja,« sagte der Mann – »die verdammten Sesesch kamen hinter uns her, und ich und der Sohn hier vom Hause –«
»Bringt Ihr Nachricht von meinem Bruder?« rief Betsy rasch – »oh Pa, hier ist ein Mann, der Jim kennt – oh habt Ihr Nachricht von ihm.«
»Weiter Nichts als einen Brief,« sagte der Fremde, indem er ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche nahm – »aber nein Miß,« rief er, als Betsy hastig danach greifen wollte – »habe ihm fest versprechen müssen, es nur in die Hände des alten Herrn selber abzugeben.«
»Ein Brief? ein Brief von Jim?« rief jetzt auch der alte Mann, der vor Aufregung zitternd in die Thür trat, die zwei Stufen daran hinabstieg und auf den Fremden zueilte. »Oh gebt ihn her – wie lange habe ich von dem Jungen Nichts gehört.«
Der Fremde reichte ihm jetzt ohne Weiteres das Papier, das er mit bebenden Händen öffnete. Da knallte von der Fenz herüber, und kaum zwanzig Schritt von ihnen entfernt, ein Schuß und Betsy wandte sich rasch und erschreckt dorthin. In demselben Moment aber brach auch ihr Vater, das Papier noch in der Hand haltend, wo er stand zusammen, und mit einem Angstschrei warf sich die Tochter über ihn. Aber nicht lange sollte sie sich ihrem Schmerz hingeben dürfen. Wilder Lärm störte sie auf und als sie den Blick zurückwarf, sah sie fünf, sechs Männer über die Fenz springen. Die Hunde fuhren allerdings wie rasend auf sie ein, aber ebenso viele Revolverschüsse knallten ihnen entgegen und trieben sie heulend zurück, während Einer der Burschen – der Jay-hawker mit dem geschwärzten Gesicht direct auf Betsy zusprang.
»Hendricks!« schrie sie, wie sie nur den Blick auf ihn warf – entsetzt und zurückbebend. »Feiger, nichtswürdiger Mörder!«
»Miß Betsy,« sagte der Mann aber, und die geschwärzten Züge legten sich in drohende Falten, »Sie sind meine Gefangene. Sträuben Sie sich nicht; es würde Sie nur nutzlos einer rohen Behandlung aussetzen. Der ganze Platz ist umstellt, und unten am Strom liegt mein Canoe.«
Betsy sah ihn starr an. Es war, als ob sie noch immer nicht einmal das ganze Fürchterliche der eben ausgesprochenen Drohung begriff. Aber der Bube sprach im Ernst; das Blut, das langsam aus dem Schlaf ihres armen gemordeten Vaters quoll, war ein entsetzlicher Zeuge des beabsichtigten Bubenstücks, und krampfhaft faßte sie mit beiden Händen ihre eigene Stirn und warf den Blick scheu und verstört umher. – Aber auch nur für einen Augenblick, denn wie ein zündender Strahl durchzuckte sie der Gedanke: lieber den Tod als Schande.
Das Grundstück ihres Vaters, wenigstens der Hofraum, innerhalb dessen die doppelte Blockhütte stand, lag unmittelbar am Ufer des Arkansas, der jetzt wohl im Steigen war, seine volle Höhe aber noch nicht erreicht hatte. Unmittelbar unterhalb der Farm stieg das Ufer allerdings mehr allmählich und mit kleinen Weiden- und Baumwollenholzschößlingen bewachsen, empor, dicht unter dem Haus aber fiel es steil ab in die wirbelnde Fluth und der alte Jenkins hatte diesen Platz nicht allein deshalb für den Bau seines Hauses gewählt, weil hier in dieser Gegend der höchste Uferpunkt war, sondern auch weil er hier nur an drei Seiten eine hohe Fenz zu errichten brauchte. In der konnte er dann einmal hineingetriebenes Vieh auch bequem halten, denn an der offenen Seite nach dem Strom zu war kein Stück im Stande auszubrechen.
Der Verbrecher hielt natürlich eine Flucht des Mädchens für unmöglich, denn fünf, sechs wilde Gestalten schwärmten schon über den Hof und wenn sich auch die meisten mit dem Haus selber beschäftigten, sah Betsy doch zwei der Buben schon auf sich zu kommen und daß sie – erst einmal in deren Händen, kein Erbarmen zu erwarten hatte, wußte sie. Noch einmal hob sie scheu und wild den Blick zu Hendricks auf, aber der Blick genügte auch. Schon streckte der Bube selbst den Arm nach ihr aus, um sie zu umfassen, aber selbst unter seinen Händen stürzte sie fort. – An eine Waffe dachte sie wohl dabei, und hätte sie eine erreichen können, so wäre es um Hendricks geschehen gewesen. Aber wie konnte sie – ein einzelnes schwaches Wesen, der Bande Widerstand leisten.
Ehe der rasch ausgreifende Arm des Buben sie erreichte, war sie ihm schon entschlüpft und mit Sätzen, so flüchtig wie ein gejagter Hirsch, flog sie gegen das schroffe, abschüssige Ufer des Arkansas zu.
Hendricks folgte ihr im Nu und es gab keinen rascheren Läufer in der Range, aber gleich beim Ansprung stolperte er über die Leiche des alten Mannes, die Entfernung bis zum Uferrand betrug überdieß kaum mehr als zwanzig Schritt. Als er sich rasch wieder aufgerafft und schon die Hand ausstreckte, um Betsy's wehendes Kleid zu erfassen, hatte sie den Rand erreicht und warf sich mit einem Angstschrei in die gelbe gurgelnde Fluth hinab.
Hendricks schrak zurück, denn fast wäre er ihr selber in der Wucht des Laufes, nachgestürzt. Aber konnte sie ihm selbst jetzt entgehen? sein Canoe lag gleich unterhalb – zwei seiner Leute warteten darin.
»Teufel,« zischte er aber zwischen die Zähne durch, als er erst jetzt – bis dahin völlig mit seinem Bubenstück beschäftigt – das gerade aufkommende kleine Dampfboot entdeckte, das indessen fast unter der Landung angelangt und so geräuschlos aufgerückt war, da die steile Uferbank den Schall dämpfte. Von diesem aber war schon ein Boot abgestoßen, das jedenfalls Passagiere etwas weiter unten absetzen wollte und das hinabspringende Mädchen mußte von ihnen gesehen, ihr Schrei jedenfalls gehört sein, denn im Nu wandte sich der Bug des kleinen Bootes stromauf.
In wilder Wuth, sich so getäuscht zu sehen, riß der Räuber die Büchse an die Backe – er wollte Rache – aber die Waffe war ja, nach dem Schuß, der den alten Jenkins so feige niedergeworfen, noch nicht wieder geladen worden.
Ein zweiter Blick überzeugte ihn aber auch, daß die Leute im Boot bewaffnet, daß es Soldaten waren, und schon pfiff eine Kugel dicht an seinem Ohr vorüber, die, aus dem Boot abgefeuert, wohl nur durch das Schwanken desselben ihr Ziel verfehlt hatte.
»Wo kommen die Canaillen jetzt auf einmal her,« rief einer seiner Kameraden, der zu ihm gesprungen war, aber auch bei dem Schuß zurückfuhr. »Ich werde ihnen einmal ein Stück Blei hinüber schicken.«
»Fort! fort!« rief aber Hendricks, der todtenbleich geworden war, »das ist der Sohn dessen da« – und scheu zeigte er nach der Leiche – »fort.«
»Aber so viel Zeit haben wir doch wahrhaftig,« rief sein Gefährte, »daß wir das Nest erst noch plündern und in Brand stecken können. Die brauchen wenigstens noch eine Viertelstunde, ehe sie zu uns hier heraufkommen können.«
»Fort,« wiederholte aber Hendricks und warf scheu den Blick umher, als ob er schon jetzt das Nahen der Rächer fürchte – »der Platz wird hier zu warm. Säumen wir nur noch Minuten hier, so sind wir verloren.« Und ohne nur einen weiteren Einwurf abzuwarten, ja ohne sich selbst Zeit zu nehmen, seine Büchse wieder zu laden, sprang er über den freien Hofplatz an der Leiche vorbei, hinaus aus der Fenz, warf sich auf sein Thier und floh damit in den Wald hinein.
Die Uebrigen hätten den einmal gewonnenen Platz allerdings nicht gern sogleich wieder verlassen. Die Furcht des Kameraden schien aber auch sie anzustecken.
Jenkins Frau, die wieder krank auf ihrem Bett gelegen, war aufgesprungen und erfüllte jetzt, als sie die Leiche des Gatten am Boden liegen sah, die Luft mit ihrem Wehegeschrei, die verwundeten Hunde heulten, und der scharf ausgestoßene Dampf des kleinen Bootes, dicht unter der Farm, machte das Ganze ebenfalls unruhig genug. Es war den Schurken selber nicht mehr recht geheuer da oben, und was sie nur im Moment fassen konnten, die Büchsen im Haus und die Kugeltaschen, griffen sie auf und folgten dann, nicht viel langsamer als Hendricks ihnen vorangegangen war, dem Führer in das Dickicht.
Zu spät – zu spät nur um wenige Minuten kam die Hülfe, weil das Boot auf der Sandbank festgesessen! Hatte denn Gott selber gewollt, daß so Furchtbares geschehen sollte, wo es so leicht gewesen war, es abzuwenden, oder herrscht nur ein blinder Zufall auf dieser Welt, der eben geschehen ließ, was geschah, ohne sich weiter darum zu kümmern?
Jim Jenkins kniete neben der Leiche seines gemordeten Vaters. Nur die Schwester hatte er mühsam mit dem Boot gerettet, und mit wenigen Worten, ja nur mit den zwei Silben – Hendricks – das Furchtbare erfahren.
John Wells, der mit ihm zurückgekehrt, war den Verbrechern mit Cook und noch einigen andern zur Begleitung nachgeeilt, um sich nur wenigstens der Richtung zu vergewissern, in der sie geflohen wären. Daß ein Canoe unten an der Landung lag, hatten sie gar nicht beachtet, und die beiden dabei gestörten Räuber sich wohl gehütet, aus den Büschen herauszukommen, in welche sie sich bei der Ankunft des Dampfers zurückgezogen. Jetzt erst, als dieser vorüber war, drückten diese sich wieder in ihr schwankes Fahrzeug, und Jenkins eigenes Canoe ebenfalls abschneidend, nahmen sie es mit stromab zu dem schon früher mit den Genossen besprochenen Versteck. Dadurch machten sie eine Verfolgung auf dem Strom vor der Hand unmöglich, und daß sie im Wald niemand finden sollte, dafür wollten sie schon Sorge tragen.
Nach einer Stunde etwa kehrte der junge Wells zurück. Da sie ohne Pferde waren, hätte es ihnen ja gar nichts geholfen, eine Verfolgung aufzunehmen, noch dazu, da sich die Jay-hawker in der bedeutenden Mehrzahl befanden und doch außer Zweifel alle gut bewaffnet waren. Jim war indessen um seine ohnmächtig gewordene Mutter bemüht, die er anfangs ebenfalls für todt hielt, aber unter seinen Liebkosungen erholte sich die alte Frau wieder, und Betsy, die in der Nähe und unter dem Schutz des Bruders und Bräutigams rasch jede Furcht verlor, war, nachdem sie sich umgekleidet, an seiner Seite.
Und jetzt mußte sie erzählen, was hier in den letzten Monden vorgefallen – eine ununterbrochene Schreckensgeschichte von Mord und Blut, und John Wells stand dabei, die Zähne fest aufeinander gebissen, das Antlitz vollkommen blutleer, die Augen stier und fast geisterhaft auf den Mund der Sprechenden geheftet.
Und woher sie selber kamen? Mit wenigen Worten war das berichtet. Sie hatten sich dem Heer zutheilen lassen, das bestimmt war, Little Rock zu nehmen. Nur so konnten sie hoffen, dem nichtswürdigen Treiben der Sesesch-Partei in Arkansas rasch ein Ende machen zu helfen. Die Eroberung war aber leicht gewesen und als sie – in Little Rock angekommen – die Kunde von zahlreichen hier verübten Verbrechen hörten, hatten sie Urlaub genommen, um die Ihrigen selber zu besuchen und zu hören, wie es hier stehe. Das Furchtbare freilich konnten sie nicht erwarten.
Aber es waren keine Naturen, die sich lange einem nutzlosen Schmerz hingegeben hätten. Vor allen Dingen mußten sie Pferde haben, um an irgend eine Verfolgung denken zu können und auf der eigenen Farm fanden sie auch kein einziges Stück Vieh mehr. Die Jayhawker mit ihrer, wie es schien, weitverzweigten Verbindung, hatten schon Alles, was sie erreichen konnten, fortgetrieben und nicht einmal vermuthen ließ es sich, nach welcher Richtung sie die verschiedenen gestohlenen Thiere geschafft hatten. Klingelhöffer allein, als ziemlich nächster Nachbar konnte da vielleicht aushelfen und John Wells übernahm es, ihm die Trauerkunde von dem Tod seines alten Freundes Jenkins zu bringen, um seine Hülfe in der Verfolgung der Räuber zu erbitten.
Jim indessen, von den Freunden dabei unterstützt, schaufelte ein Grab für den Vater in seinem kleinen Garten aus, dann legten sie den alten wackeren Mann hinein, breiteten Bretter und Stützen über ihn, daß die eingeworfene Erde nicht auf die Leiche pressen konnte und wölbten den Hügel über der einfachen Gruft.
Kein Wort wurde dabei gesprochen, kaum noch eine Thräne von den Männern vergossen, denen jetzt nur das nagende Gefühl der Rache das Herz zusammenzog, und der Gedanke verscheuchte unerbittlich alle anderen. Allerdings waren sie sich noch nicht klar, wie sie den gemeinsamen Feind erreichen konnten, aber was that das? Ihr ganzes Leben hatte jetzt kein anderes Ziel und wie der Bluthund auf der Fährte waren sie fest entschlossen, nicht nachzulassen bis an's Ende.
Abends kehrte John Wells zurück. Klingelhöffer stellte ihnen alle seine Pferde zur Verfügung und würde sie selber begleitet haben, aber ein heftiger Rheumatismus hatte ihn wieder auf sein Lager geworfen, um das herum aber nichts destoweniger seine geladenen Gewehre standen. Er schwur, daß er so lange schießen werde, als er noch einen Finger krumm biegen könne, und dann möchten sie ihm selber den Hals abschneiden und verdammt sein.
Die einzige Hülfe, die sie noch erwarten konnten, lag in Perryville selber, an das sich die Räuber natürlich nicht getrauten, wenn sie auch in der Nähe herum Alles an Pferden gestohlen hatten, was sie nur bekommen konnten. Die jungen Backwoodsmen aber durften keinen von ihrer kleinen Schaar dorthin senden, um sich nicht zu schwächen und Jenkins jüngster Bruder, ein Knabe von zehn Jahren, der bei dem Ueberfall gerade im Walde gewesen, wurde deshalb abgeschickt. Allerdings war es eine starke Tagereise für den kleinen Burschen, aber er ging ja oft schon allein Tage lang auf die Jagd und kannte auch genau den Weg.
Die jungen Leute brachen jetzt zur Verfolgung der Mörder auf, während sie Betsy indessen mit der Mutter zu Klingelhöffers nicht sehr fernem Hause schickten. An der Fähre wohnten ja Leute, die sie über die Fourche setzen konnten. In dieser Richtung hin hatten sie auch nichts zu fürchten, und selbst die von Perryville erbetene Hülfe war dorthin bestellt, wo sie sich mit ihnen vereinigen wollten.
Aber all' ihr Suchen war vergebens. Bis zum Mamelle hinüber, alle die Bergrücken südlich am Fourche la Fave liefen sie ab, und scharfe Augen waren es, die den Fährten folgten; nirgends ließ sich jedoch eine frische Spur der Räuber in den Bergen erkennen. Weiter oben, mehr nach Westen zu, fanden sie allerdings ein paar alte Lagerplätze, die es unzweifelhaft ließen, daß sich die Jay-hawker dort eine ganze Zeitlang, vielleicht sogar eine Woche aufgehalten, aber diese Stellen hatten sie auch ebenso sicher wieder, und zwar nicht erst seit Kurzem verlassen, denn die ausgebrannten Kohlen waren vom Regen überwaschen worden. Die ganze Richtung, der sie bis dahin gefolgt, ging von dem oberen Fourche nach dem unteren, und die einzigen bisher verschonten Wohnplätze waren die, durch ihre Lage begünstigte Klingelhöffersche, und die benachbarte Farm gewesen. Man durfte also fast annehmen, daß sie ihre Wirksamkeit am Fourche als beendet betrachten mußten, und wohin konnten sie sich nun von hier gewendet haben? Außerdem lief der erhaltene Urlaub der jungen Leute auch bald wieder ab und was dann? Durften sie daran denken, die Ihrigen in einer solchen bedrohten und auf's Aeußerste gefährdeten Gegend schutzlos zurückzulassen?
Sie waren zu Klingelhöffer hinübergeritten, um mit diesem das Weitere zu berathen. Der alte Mann fühlte sich heute etwas wohler und saß mit ihnen und fünf von Perryville heruntergekommenen Farmern vorn auf der schmalen Veranda seines Hauses, von der man den Arkansas überschauen konnte, und den hier ziemlich breiten Strom dicht zu Füßen hatte. Aber er wußte selber keinen Rath, denn das Land bot jetzt zu viele Schlupfwinkel, wo sich ein ganzes Heer hätte verbergen können, vielmehr denn ein kleiner Trupp von Leuten, denen nur daran gelegen war, eine kurze Zeit verborgen zu bleiben.
In ruhigen Jahren, ja, da hatte den Fourche la Fave der offenste, herrlichste Wald umgeben, mit großen stattlichen Bäumen wohl, aber lichtem Unterholz, denn die Jäger hielten schon darauf, daß im Winter das trockene Gras und Gestrüpp ordentlich und regelmäßig abgebrannt wurde. Dadurch bekam nicht allein das Vieh, sondern auch das Wild gleich im Frühjahr junge saftige Aesung und der Jäger konnte, wenn er durch den Wald pirschte, diesen nach allen Richtungen hin überschauen. Jetzt dagegen war Alles total verwildert, und die Niederung nicht allein von Dornen und Sassafras-Büschen dicht durchwachsen, nein selbst an den Hängen war ein so üppiger junger Kiefer- und Hickoryschlag emporgewachsen, daß man sich nicht selten selbst mit dem Messer Bahn hauen mußte, um nur durchzukommen. Wer sich dort verstecken wollte, konnte es gewiß, und war auch vor Entdeckung sicher, wenn ihn der Zufall nicht einmal verrieth.
Vertheilten sich aber sämmtliche noch waffenfähige Männer über die Berge, so blieben sie nicht allein der Gefahr ausgesetzt, von dem geschlossenen Trupp einzeln aufgerieben zu werden, sondern wer bürgte ihnen dann dafür, daß sich die jetzt schon keck und übermüthig gewordene Bande indessen nicht auf die übrigen Häuser, ja in diesem Fall selber nach Perryville hineinwarf und den letzten Zufluchtsort zerstörte.
Noch während sie sprachen, hatte Klingelhöffers Blick an dem gegenüber liegenden Ufer gehangen, an dem sich den Sommer hindurch eine breite helle Sandbank bis über die Hälfte des Stromes ausdehnte. Jetzt aber reichte der Strom bis ziemlich an die jungen Baumwollenholz-Schößlinge hinan, die den Wald der Niederung ränderten, und nur ein schmaler hellerer Streifen war noch übrig geblieben, auf dem man jetzt, aber genau und scharf abgezeichnet, die dunkle Gestalt eines Mannes erkennen konnte, der sich den Fluß hinaufwandte. Klingelhöffer deutete mit seinem Arm hinüber und sagte:
»Dort drüben geht Jemand.«
»Wo?« – rief Jim – »ah dort! oh das wird ein Jäger sein.«
»Nein, er geht zu rasch. Da hinauf zu kann er aber auch kein anderes Haus erreichen, denn die slews sind jetzt voll Wasser.«
»Vielleicht sieht er nach seinem Vieh. Es wird der alte Boyles sein, der nach seinen Pferden sieht – ein Sesesch wie er im Buche steht.«
»Jetzt ist er in den Wald hinein,« sagte Wells.
Die Männer hielten noch einen Augenblick die Augen auf die Stelle geheftet, denn in dieser Zeit erweckte auch das Kleinste und Unbedeutendste Verdacht.
»Da kommen mehrere aus dem Wald,« rief da plötzlich Jim Jenkins, in der Erregung des Augenblicks von seinem Stuhl emporfahrend. »Ob sie uns hier, von dort aus sehen können?«
Mehrere Minuten beobachteten die Männer schweigend das, was sich da drüben augenscheinlich am Waldrand regte, endlich sagte Klingelhöffer, dessen Augen noch scharf wie die eines Luchses waren:
»Dort ist noch immer nur ein Mann zu sehen, aber er schleppt ein Canoe aus den Büschen heraus. Wenn es Mehrere wären, würden sie ihm helfen.«
»Klingelhöffer hat Recht,« sagte Wecks. »Jetzt kommt er damit in's Freie; er will in den Strom hinaus.«
»Es ist besser, wir ziehen uns in's Haus zurück,« meinte Jenkins. »Es braucht Niemand zu wissen, daß wir hier so zahlreich versammelt sind.«
»Vielleicht kommt er herüber.«
»Wir werden's bald sehen. Er ist schon damit am Wasserrand. Ob das Boyles selber sein kann?«
Die Männer hatten sich langsam von der offenen Veranda in das Haus gezogen. Nur Klingelhöffer blieb draußen sitzen und es war bald keinem Zweifel mehr unterworfen, daß das Canoe von drüben herüber halte und den Landungsplatz an der diesseitigen Farm zu erreichen suchte, denn der Rudernde hielt den Bug immer seitwärts stromauf, damit er von der starken Strömung nicht zu weit hinab geführt würde. Wer es sei, ließ sich allerdings noch nicht erkennen, da der Mann gebückt im Canoe saß und einen alten Strohhut noch außerdem über die Augen gezogen hatte, aber das mußte sich bald auch entscheiden, denn jetzt erreichte er schon fast die über der Farm liegende felsige Spitze und indem er sein etwas schwankes Fahrzeug treiben ließ, lenkte er es gleich darauf in den Sand-Einschnitt von Klingelhöffer's Ufer, in welchem schon dessen Skiff befestigt lag.
»Boyles! wahrhaftig,« rief Jim Jenkins, der jetzt auf die Veranda hinausgetreten war, denn vor dem einzelnen Nachbar brauchten sie sich nicht mehr zu verstecken – »Hallo, Boyles, woher kommt Ihr und wo wollt Ihr hin?«
Boyles sah auf und erkannte den noch immer in der Uniform steckenden jungen Mann nicht gleich. Die Uniform selber gefiel ihm ebenfalls nicht, denn er war mit Leib und Seele Sesesch – ja, einen Moment schien es fast, als ob er nicht übel Lust habe, wieder mit seinem Canoe zurückzukehren. Klingelhöffer selber machte aber seinen Zweifeln ein Ende:
»Kommt herauf Mann, Ihr seid hier unter Freunden und habt Nichts zu fürchten. Kennt Ihr Jim Jenkins nicht mehr?«
»Jim, bei Gott!« sagte Boyles – »das ist recht – den wollte ich gerade sprechen – das trifft sich glücklich;« er sprang jetzt die steile Sandbank mehr hinauf, als er sie stieg und stand auch wenige Minuten später inmitten der jungen Leute, die ihn wohl freundlich aber trotzdem nicht herzlich grüßten. Boyles war ihnen nie ein angenehmer Nachbar gewesen und daß er sich so ganz zur Partei der Sclavenhalter schlug, auch selber der Einzige fast in der ganzen Nachbarschaft war, der Neger hielt, konnte sie ihm nicht geneigter machen.
Von den Negern waren übrigens nur noch zwei auf der ganzen Plantage geblieben, die Uebrigen aber, sobald die Unionisten dort einrückten, nach Little Rock gelaufen. Was sollten sie jetzt noch arbeiten, wo sie freie Leute geworden waren. Boyles selber mochte auch früher wohl zwischen den einfachen Backwoodsmen ein wenig den Pflanzer gespielt, und sich etwas vornehmer als die Nachbarn gedäucht haben. Er war in der That reicher und sein Haus wohnlicher und bequemer eingerichtet gewesen als die der Uebrigen, bis die Emancipation der Neger auch ihn ruinirte, oder doch wenigstens seine großen Plantagen, deren er zwei besaß, werthlos machte.
Die eine in Missouri liegende, hatte er aber glücklicher Weise vor kurzer Zeit noch zu einem ziemlich guten Preis verkaufen können, denn gerade jetzt glaubten manche Farmer im Norden einen guten Handel zu machen, wenn sie sich ohne Sclavenarbeit im Süden niederließen. Allerdings war das erste immer ein Experiment, aber es fand trotzdem Nachahmer, und die südlichen Pflanzer, die nach dem Fall von Vicksburg die Unterwerfung des Südens mit Recht für unausbleiblich hielten, verkauften unter solchen Umständen nur zu gern.
Klingelhöffer wunderte sich allerdings, daß gerade Boyles ihm einen Besuch abstattete; denn wenn sie auch miteinander in Frieden lebten, hatten sie sich – schon ihrer verschiedenen politischen Ansichten wegen – bisher viel eher gemieden als gesucht. Er sollte aber darüber bald eine Erklärung erhalten, denn kaum betrat Boyles das Haus, als er auch schon ausrief:
»Gott sei ewig gedankt, daß ich hier brave und wackere Männer finde, die einen Freund gegen Räuber und Mörder schützen können.«
»Hallo,« rief John Wells, von seinem Stuhl aufspringend, denn er selber haßte den alten Boyles, mit dessen Sohn er auch früher einmal Streit gehabt, und nahm deshalb wenig Notiz von ihm. Seine Worte aber machten ihn aufmerksam, denn sie deuteten auf das Einzige, was in diesem Augenblick seine ganze Seele füllte – die Spur der Jay-hawker – »wißt Ihr was von den Schuften? – Haben sie Euch ebenfalls einen Besuch abgestattet?«
»Ach was,« rief Jenkins; »wir haben ja ihre Spuren in den Wald hinein verfolgt. Nach dem Mamelle werden sie hinüber sein – nicht über den Arkansas.«
»Nein,« rief Boyles rasch, – »drüben sind sie – vorgestern haben sie den Strom etwa drei Miles unterhalb in zwei großen Canoes gekreuzt – Warner, der gerade von Little Rock kam, hat sie gesehen.«
»Da ist dann unser Canoe dabei,« sagte Jim, »das die Schurken neulich bei dem Mord gestohlen haben. Aber wo sind sie jetzt?«
»Weit können sie nicht sein,« erwiderte Boyles, »denn gestern waren sie bei Auburn drüben – der alte Auburn behielt kaum noch Zeit, in den Sumpf zu flüchten, wo er sechzehn Stunden in Schlamm und Wasser stecken blieb, ehe er sich wieder hinausgetraute. Dort aber hat ihnen der eine Neger erzählt, daß ich meine eine Farm verkauft und viel Geld im Hause hätte, und Auburn's kleiner Junge war eben bei mir, um sich ein Stück Fleisch zu borgen, weil die Räuber Alles, was sie an Lebensmitteln fanden, fortgeführt, und der sagte mir, ich solle mich vorsehen, denn sie hätten gelacht und gemeint, ich würde wohl so gut sein und mit ihnen theilen.«
»Und habt Ihr das Geld wirklich im Haus?«
»Gott bewahre, das liegt sicher genug in Little Rock, aber das wissen ja die Schufte nicht und werden es jetzt bei mir wie bei dem armen alten Hogan machen. Frau und Kinder hab' ich auch deshalb mit den beiden Negern gleich nach Auburn's hinübergeschickt, denn zweimal kommen sie nie auf einen Platz, und ich selber hatte die Absicht, hier bei Euch Schutz zu suchen, Klingelhöffer, bis die Gefahr vorüber ist. Mögen sie mir da drüben Alles verwüsten und das Haus in Brand stecken. Ich kann es nicht hindern – aber ich will doch nicht von ihnen todtgeschossen werden oder meine Familie ihren Mißhandlungen aussetzen.«
»Und Ihr glaubt wirklich, daß sie die Absicht haben, Euer Haus zu überfallen?« frug der junge Cook.
»Ich bin fest davon überzeugt. Dort in der Nachbarschaft liegt weiter keine einzelne Farm und lange werden sie sich hier nicht mehr halten können, denn wie ich gehört habe, will General Steene die beiden Counties besetzen lassen, um diesem Räuberwesen ein Ende zu machen.«
»Ja wohl, jetzt kommen sie,« brummte Klingelhöffer, »wo die Canaillen schon alles nur erdenkliche Unheil angerichtet, und Botschaft nach Botschaft haben wir seit Wochen hinein in die Stadt gesandt. Gott bewahre, nicht einmal Munition durften wir hinausbringen, um uns selber zu schützen.«
»Und wißt Ihr ganz bestimmt, daß die Jay-hawkers, die auf dieser Seite ihr Wesen trieben, jetzt über den Fluß gegangen sind?« frug Wells.
»Es giebt keine zweite solche Bande in der Nachbarschaft,« versicherte Boyles, »und daß diese mit ihren Pferden über den Strom gesetzt ist, hat Warner mit eigenen Augen gesehen.«
»Dann können sie aber auch eben so gut mit ihren Booten zu mir herüberkommen,« meinte Klingelhöffer, »denn was sie bis jetzt von mir abgehalten hat, war weiter nichts als die Furcht, hier auf der Landspitze einmal von irgend einem Trupp Bewaffneter abgeschnitten zu werden.«
»Aber sie haben keine Canoes mehr,« rief Boyles. »Warner war nicht von ihnen gesehen worden und hielt sich in seinem Versteck, bis sie die beiden Fahrzeuge, gleich über der zweiten Sandbank unten, wo die kleine Slew einmündet, in die Büsche hineingezogen und versteckt hatten, und als er sich ganz sicher wußte, schlich er sich dort hinein und wollte die Canoes in den Strom schieben und forttreiben lassen, aber er war dazu allein nicht im Stande und hat deshalb ganz in der Stille und gerade zwischen ihnen ein tüchtiges Feuer angezündet, bei dem er blieb, bis er sie völlig zerstört wußte. In den Canoes setzen sie gewiß nicht wieder über den Arkansas.«
»Dann ist auch Hoffnung, daß wir sie drüben erwischen,« rief Cook rasch. »Wie wär's, wenn wir das Haus besetzten? nachher laufen sie uns gerade in die Hände.«
»Hm,« sagte Wells, »ich habe auch schon darüber nachgedacht, aber – wie viel waren in den Canoes, die Warner gesehen hat?«
»Er behauptet, es müßten etwa zehn oder elf gewesen sein. Natürlich wagte er sich nicht zu weit hinan, denn wenn sie ihn entdeckten, wäre er jedenfalls verloren gewesen.«
»Und sie denken Geld bei Euch zu finden?« frug Jenkins.
»Sie wissen, daß ich meine Farm in Missouri verkauft und das Geld dafür erhalten habe. Soviel hat ihnen der schurkische Neger erzählt. – Sie werden jetzt vermuthen, daß ich es versteckt halte.«
»Die Canaille verdient gehangen zu werden.«
»Verdient hat er's,« sagte Boyles, »denn wie ich höre soll er sich den Schuften angeschlossen haben, was also jetzt etwa elf oder zwölf Mann für die Bande machen würde, wenn sie sich nicht außerdem verstärkt hat. Verdächtiges Gesindel trieb sich wenigstens die letzte Zeit gerade genug am Arkansas herum.«
»Laßt uns die Nacht hinüberfahren,« rief da Wells, – »verdammt, wenn wir uns ordentlich eintheilen, laufen sie uns gerade in die Büchsenläufe hinein.«
»Ihr glaubt, daß sie bei Euch nach vergrabenem Gelde suchen werden?« fragte Jenkins.
»Dasselbe war wenigstens bei Hogan der Fall, bei dem sie Silber vermutheten und der arme Teufel hatte wohl kaum einen Viertel Dollar Silber im Hause.«
»Sie kommen sicher,« rief Wells, mit der Hand auf den Rand der Veranda schlagend, »wenn wir uns in dem Hause eintheilen, haben wir sie.«
Jenkins schüttelte mit dem Kopf und sagte:
»So weit ich das Haus kenne, glaub' ich es nicht. Es ist kein Logcabin, wo man nach allen Seiten Schießscharten öffnen kann, sondern von behauenen Balken aufgesetzt und mit Brettern beschlagen und die Fenster liegen alle nach dem Fluß hin, während sich die Thür hinten befindet. Dicht darum her stehen aber die kleinen Negerhäuser, jetzt wahrscheinlich alle leer und ich kann mich nicht so genau auf den ganzen Platz besinnen, ob man durch diese hin muß und durch sie verdeckt wird, wenn man zum Hause kommt oder ob sie mehr Seit' ab liegen.«
»Mr. Jenkins,« bemerkte Boyles, »Sie haben Recht. Die Negerhütten liegen der Art, daß man von ihnen verdeckt bis dicht an das Haus hinan kann. Ich weiß, wie mich das die paar Stunden, die ich heute noch drüben war, beunruhigt hat, weil ich jeden Augenblick fürchtete, sie möchten sich an denen hin heranschleichen.«
»Und wenn wir nun die Negerhütten besetzten?« fragte Cook.
»Ja, das wäre ganz gut, wenn man genau wüßte, ob sie den Weg oder vom Wald herein kämen. In der Nacht ist es aber ebenfalls schlimm. Wir haben freilich jetzt Vollmond, aber gerade um das Haus herum stehen die Hickory- und Pfirsichbäume, und der wilde Wein, den ich an die letzteren angepflanzt habe, hat sie dicht und undurchsichtig gemacht.«
»Ich will Euch etwas sagen,« meinte Jenkins, der den Platz da drüben genau kannte, weil er selber früher dort viel jagte – »Ihr kennt doch die künstliche Salzlecke gleich im Rohr drin, Boyles, die ich selber einmal angelegt?«
»Gewiß – sie liegt ja keine zweihundert Schritt von meiner Fenz, und es führt sogar ein kleiner Pfad hin, den sich die Kühe gemacht.«
»Dieselbe,« sagte der junge Mann, »gleich daran, wenn man von Eurem Hause hinüber geht, ist doch die kleine runde Waldblöße, die genau so aussieht, als ob Menschen selber dort Bäume und Büsche sorgfältig ausgerodet hätten, denn nicht einmal ein Strauch wächst darauf, nur hohes Gras und ein paar Grün-Dornen.«
»Ganz recht, aber was damit?«
»Habt Ihr Niemanden mehr im Haus drüben?«
»Keine Seele – der Platz ist jetzt vollkommen verlassen, denn ich konnte ihn allein nicht schützen, und wenn sie mir ihn abbrennen, so muß ich's eben ertragen.«
»Habt Ihr Courage, Boyles?«
»Gegen einen offenen Feind, ja,« sagte der Mann, »aber nicht gegen diese Halunken. Denkt nur daran, wie heimtückisch sie Euren eigenen Vater erschossen haben.«
»Ihr würdet nicht wieder hinübergehen und in dem Hause bleiben?«
»Nicht für hunderttausend Dollar,« erwiederte Jener bestimmt, »denn ich weiß, daß sie mir nie etwas nützen könnten. O dieser unselige Krieg. Was für Elend hat der schon über das Land gebracht.«
»Wenn Ihr nur anfangt es einzusehen,« sagte Jenkins düster – »aber was geschehen, läßt sich eben nicht mehr ändern – es muß ertragen werden und nur das bleibt übrig, diese Schurken, die weder Freund noch Feind angehören, wo wir sie fassen können zu züchtigen, und darin können wir uns getrost die Hand bieten. Wo ist mein Bruder Bill, Klingelhöffer? war er nicht vorhin hier?«
»Er wird drüben in der Corncrib mit den Mädchen sein,« antwortete der Deutsche – »ich hörte, daß sie vorhin davon sprachen. Was soll er?«
»Wir müssen Jemanden im Hause drüben haben,« sagte der junge Mann finster und entschlossen – »Laßt mich nur machen – ich glaube, ich habe den richtigen Plan – jedenfalls ist es ein Versuch; Bill aber, so klein er sein mag, ist ein ganz gescheuter und durchtriebener Bursche, der seine Sache schon geschickt machen wird.«
»Ihr wollt doch, um Gottes Willen, den Knaben nicht drüben allein lassen, wenn die Jayhawker das Haus überfallen?« rief Boyles erschreckt.
»Allerdings will ich das, aber sorgt Euch nicht deshalb. Bill und ich werden das schon in Ordnung bringen. Ueberlaßt das mir. Ich habe mein Leben eingesetzt, des Vaters niederträchtigen Mord zu rächen, der Knabe setzt das seine mit Freuden dafür ein, deß seid versichert – laßt mich nur mit ihm sprechen. – Noch eins, Boyles – habt Ihr Kienholz drüben an Eurem Haus?«
»Nein – was wollt Ihr damit? Kienholz wächst ja nicht drüben im Bottom.«
»Hier liegt genug,« sagte Klingelhöffer – »was wollt Ihr damit?«
»Ich erkläre Euch Alles nachher, vorher aber muß ich mit Bill sprechen,« und ohne den Männern weiter zu antworten, ging Jenkins hinaus, um den Bruder aufzusuchen und die nöthige Abrede mit ihm zu nehmen.
Bill Jenkins war noch fast ein Kind, aber Kinder in jenen wilden Wäldern aufgezogen, wo sie schon täglich nicht selten sechs oder acht Miles allein durch den Wald reiten müssen, um nur zum Schulhaus zu gelangen, sind nicht mehr das, was sie, in unseren Verhältnissen aufgewachsen, sein würden. Der kleine Bill, der kaum eine Büchse tragen konnte, war schon ein ganz vortrefflicher Schütze, und wenn er auch eine Holzgabel mit in den Wald nehmen mußte, um die Waffe beim Schießen aufzulegen, so hatte er doch in seinem neunten Jahr schon ganz allein einen großen Panther im Wald erlegt und sogar einmal einen Bären so verwundet, daß ihn sein Vater nachher mit den Hunden einholen und erlegen konnte. Es mag sein, daß er sich der Gefahr, die er dabei lief, nicht recht bewußt gewesen, aber er würde sie auch trotzdem nicht geachtet haben, und auch jetzt ging er mit Freuden und vollem Eifer auf des Bruders Plan ein, ja jubelte laut auf, als er erfuhr, daß er selber etwas mit dazu beitragen solle und könne, den verruchten Mördern ihre That heimzuzahlen. Es bedurfte auch keiner langen Erklärung, denn er begriff im Augenblick, was man von ihm verlange und brannte jetzt selber vor Begier, den an seinem Vater verübten Mord gerächt zu sehen.
So lange es Tag war, durften sich aber die Männer – denn die von Perryville herübergekommenen erboten sich augenblicklich Theil an dem Unternehmen zu haben, da sie selber ja ebenso durch die immer mehr wachsende Bande bedroht blieben – nicht über den Strom einschiffen, da man nicht wissen konnte, ob die Jayhawker nicht etwa das Ufer überwachen ließen. Mit einbrechender Dunkelheit waren sie aber fertig gerüstet, und da der Mond etwa um sieben Uhr aufging, behielten sie auch reichlich genug Zeit, um ihren Versteck zu erreichen. Klingelhöffer, der sie nicht selber begleiten konnte, da ihn sein Kreuz immer noch plagte, und der auch sein Haus, bei solcher Nachbarschaft, nicht ganz ohne Schutz lassen wollte, drang ihnen aber noch, ehe sie gingen, Lebensmittel auf, die sie allerdings anfangs nicht mitnehmen wollten; er hatte aber ganz Recht, wenn er sagte, sie wüßten gar nicht, wann die Schurken kämen, und ob sie nicht vielleicht vierundzwanzig Stunden in ihrem Versteck liegen müßten, und wenn sie dann genöthigt wurden, nach Eßwaaren auszuschicken, konnten sie Alles verderben.
Das Skiff mußte zwei Mal gehen, um Alle hinüberzubringen, und das zweite Mal fuhr die jüngste Tochter vom Haus mit, um es zurückzunehmen, damit es die Jayhawker nicht vielleicht zufällig fänden. Sie betraten auch die Lichtung gar nicht, auf welcher die Häuser standen, sondern schritten, von Jenkins geführt, quer und so geräuschlos als möglich durch den Wald, bis sie den besprochenen Platz, am Rand eines dichten Schilfbruchs erreichten, und nun hier im Stockfinsteren allerdings nichts thun konnten, als den Aufgang des Mondes abzuwarten.
Der kam aber bald, und Jenkins, der indessen schon den Uebrigen seinen ganzen Plan mitgetheilt hatte, ging jetzt mit ihnen scharf an die Arbeit, um die wenigen, aber doch nöthigen Vorbereitungen zu treffen.
Eine Schaufel hatten sie mitgebracht, mit dieser wurde ein wenig Erde an einer von ihm bestimmten Stelle ausgeworfen, daß es beim ersten Anblick so aussah, als ob hier vor kurzer Zeit der Boden umgegraben und nicht wieder ordentlich zusammengescharrt wäre. Dann wurden einige, dort im Ueberfluß herumliegende Aeste darüber geworfen, daß sie den Platz scheinbar verdeckten, und jetzt suchten sich die Männer auf der gegenüber liegenden Seite ihre Stellen, von denen aus sie den Plan, ohne selber gesehen zu werden, überschießen konnten.
Die Ortslage selber war wie für einen solchen Hinterhalt gemacht, denn gerade dort vorüber zog sich eine, selbst jetzt noch trockene, oder wenigstens nur mit etwas Regenwasser seicht gefüllte Slew, die erst dann gefüllt wurde, wenn der Arkansas seinen höchsten Stand erreichte und seine Wasser durch diese Einläufe in den Sumpf hineinsandte. Jetzt konnte man sie leicht durchwaten, dahinter aber hatte der mit eingewaschene Sand eine wohl sechs bis acht Fuß hohe und ziemlich steile, wenigstens völlig kahle Wand angespült, von der gedeckt sich wohl funfzig Menschen hätten sicher verbergen können. Wer wenigstens von der Richtung des Hauses herüber kam, konnte sie unmöglich bemerken. Nur im Rücken konnten sie angegriffen werden, und um sich auch dagegen vollständig zu decken, wurde Einer der jungen Leute aus Perryville in den Wald hineinpostirt, damit sie selber jedenfalls sicher vor einem Ueberfall blieben.
Uebrigens lagen sie immer zwei und zwei beisammen, so daß Einer wenigstens, wenn sie die ganze Nacht dort wachen mußten, schlafen konnte, um dann seinen Nachbar abzulösen.
Bill indessen, der kleine Bursch, hatte die Männer bis zu ihrem beabsichtigten Versteck begleitet, damit er selber das Terrain selber genau kennen lernte, und erst als sie die Arbeit beendet hatten und er nun genau wußte, wie Alles stand, schulterte er seinen Sack mit Kienholz, das er brauchte, wenn sie in der Nacht ankamen, nahm einige Lebensmittel und schritt neben dem Pfad – um keine Spuren zurückzulassen, dem gar nicht fernen Hause zu. Er fürchtete sich auch nicht im Mindesten; was wissen amerikanische Kinder überhaupt von Furcht, denn Gespenstergeschichten, mit denen Kinder bei uns von ihren Ammen oder Wartefrauen groß gezogen werden, kannte er gar nicht, und böse Menschen? ei auf die wartete er gerade, und je eher sie kamen, desto besser. Er lief auch in der That keine andere Gefahr, als daß die Räuber vielleicht, gleich bei dem ersten Anprall in das Haus hineingeschossen hätten. Aber das geschah schwerlich, denn wer schießt gern seine Büchse, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, ab, und den kleinen Burschen, der noch jünger aussah, als er wirklich war, würden sie schwerlich geschädigt haben.
Als Bill den Platz erreichte, zündete er vor allen Dingen ein tüchtiges Feuer im Kamin an. Es war ziemlich frisch die Nacht, und er mußte auch Licht haben. Nachdem das geschehen und er ein Stück Kienholz auf das Feuer geworfen, schüttete er die übrigen Kienreste hinter dem Haus auf den Holzplatz und ließ nur noch etwas neben dem Kamin liegen. Hiernach legte er sein mitgebrachtes Essen in den Fliegenschrank, in dem er aber noch ein Stück Maisbrod und etwas kalten Speck fand. Hierauf untersuchte er die in der Ecke stehende große Kaffeekanne, und richtig, sie war noch fast halb gefüllt – der kleine Bursch lachte still vor sich hin, denn er konnte nun bald einen Becher heißen Kaffee's bekommen, und damit ließ sich dann schon eine Nachtwache halten.
Aber sollte er überhaupt wachen? nein. Blieb er am Feuer sitzen, so konnte doch am Ende Einer von den schlechten Menschen, und wenn auch nur aus nutzloser Bosheit, auf ihn schießen. Legte er sich aber in eine Ecke und drangen sie dann in das Haus ein und fanden nur den Knaben vor, so hatte er kaum etwas für sich zu fürchten, und das Weitere? Des Knaben Augen blitzten, als er sich sein Begegnen mit den Jay-hawkern ausmalte, aber er biß die Zähne auf einander, denn die Thränen traten ihm in die Augen, wenn er an den Vater dachte, und er wollte jetzt nicht weinen. – Er mußte eine Beschäftigung haben, den Kaffeetopf setzte er deshalb auf's Feuer und holte sich dann sein Abendbrod herzu, das er verzehrte und sich einen Becher Kaffee dazu ausschenkte.
In der Ecke stand ein großes, bequemes, mit einem Mosquitonetz überzogenes Bett, aber in das wagte er nicht sich hineinzulegen. Es sah so vornehm und sauber aus und er war nicht daran gewöhnt. Er nahm sich deshalb nur eine der wollenen Decken herunter, schob sich ein paar am Kamin liegende Säcke für ein Kopfkissen zurecht, wickelte sich dann in die Decke und legte sich ruhig und unbesorgt in die eine Ecke, wo ihm der Feuerschein nicht auf die Augen fallen konnte, und sich seine ganze Gestalt in der That in Schatten befand, nieder.
Er wollte aber gewiß nicht schlafen, sondern wachbleiben und aushorchen, wenn er die Leute könne kommen hören; aber der Knabe hatte sich da wohl zu viel zugetraut. Eine Weile ja, blieb er munter und beobachtete an der Wand die wunderlichen Schatten, die der unstete Schein des Feuers durch einen Stuhl und sein darüber gelegtes Röckchen warf. Wie aber das Feuer mehr und mehr niederbrannte und das Licht matter und ungewisser wurde, schienen auch ihm die Augenlider schwerer und schwerer zu werden. Ein paar Mal raffte er sich wohl noch gewaltsam auf; er wollte nicht schlafen, ja das half aber Nichts – der Sandmann kam doch und streute seine Mohnkörner über ihn. Er träumte schon, als er noch glaubte, daß er vollkommen wach wäre, und nur wenige Minuten später, so schlief er sanft und süß – und schlief fort bis zum anderen Morgen und bis die Sonne ihm durch ein kleines über der Thür angebrachtes Fenster gerade in die Augen schien.
Erschreckt fuhr er von seinem Lager empor. – Wo war er denn eigentlich? Er konnte sich im ersten Moment gar nicht gleich darauf besinnen. Wie ihm aber der Gedanke kam, weshalb er hier übernachtete, schoß es ihm auch wie ein eisiges Gefühl durch's Herz – das Gefühl der Gefahr, in der er sich noch immer hier befand, während die Abends stets viel stärkere Aufregung geschwunden war, und sich das kleine Kinderherz doch jetzt mit Sorge und wohl auch mit etwas Furcht erfüllte.
Wer von uns Allen hat nicht schon ein ähnliches Gefühl erlebt, wenn ihm der Morgen mit seiner nüchternen Wirklichkeit irgend eine Sorge oder Angst und sei sie noch so gering gewesen, vor die Seele brachte, und ein ganz eigenes erkältendes Gefühl durch die Nerven zuckte. War es ein Wunder, daß es auch das Kind beschlich, das sich hier allein auf der Farm, ja in der Absicht da befand, einer Bande von Räubern die Stirn zu zeigen, die ihm den eigenen Vater gemordet hatten und Blut und Verzweiflung in manche stille Hütte getragen? Aber diese Schwäche dauerte trotzdem nicht lange. – »Wenn sie nur kämen,« zischte er, seiner eigenen Angst trotzend, zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, und verrichtete dann ruhig seine gewohnte Arbeit. Zuerst wusch er sich, dann setzte er sich seinen Kaffee wieder auf das indessen zusammengeschürte Feuer und war damit so eifrig beschäftigt, daß er gar nicht weiter auf das achtete, was um ihn her vorging. Er hielt gerade das Schüreisen in der Hand, um die noch von gestern Abend her übrig gebliebenen Kohlen ein wenig zusammenzuschüren, als er plötzlich so zusammenschrak, daß ihm das Eisen aus der Hand und klirrend auf die Heerdsteine fiel, denn eine rauhe Stimme in der Thür selbst sagte:
»Hallo mein junger Bursch! so allein hier im Haus? Ist denn das ganze Nest ausgeflogen, und hältst Du Haus allein?«
Bill war todtenblaß geworden – er zitterte an allen Gliedern, aber es war keine Furcht mehr, die des Knaben Herz im entscheidenden Augenblick beschlich, wenn sich auch zuerst wohl ein scheuer Schreck mit dem Gefühl mischte. Es war das Bewußtsein, daß die Entscheidung gekommen; die Fremden aber nahmen es selbstverständlich für die natürliche Furcht des Kindes und achteten nicht weiter darauf, ja suchten den Knaben eher zu beruhigen, damit er ihnen Rede und Antwort stände.
»Na fürchte Dich nicht,« fuhr der Mann fort, der ihn zuerst angeredet hatte und in dem Bill jetzt augenblicklich den Schurken Hendricks erkannte. »Wir wollen Dir ja Nichts thun, sondern uns nur nach Mr. Boyles erkundigen. Hat er sich versteckt? – Ist es Dein Vater, mein Junge?«
»Nein,« sagte Bill, der nicht gleich wußte, wie er auf die Frage antworten sollte – aber es war gut gewesen, daß er sie verneint hatte, denn ein Anderer antwortete für ihn.
»Ist denn der nicht ein Junge von Jenkins über dem Fluß drüben?« rief der, und als Bill zu ihm aufsah, erkannte er Auburn's Neger, der manchmal drüben bei ihnen gewesen war, um nach Vieh zu sehen, das Auburn auch auf jener Seite laufen hatte.
»Gewiß bin ich's,« sagte Bill, der in dem Augenblick blutroth wurde.
»Und was machst Du hier drüben, mein Bursch?« frug Hendricks, der ihn jetzt ebenfalls erkannte.
Bill war durch seinen Bruder auf diese mögliche Frage vorbereitet worden, und antwortete wohl scheu, aber doch bestimmt: »Den Vater haben böse Menschen todtgeschossen, Schwester und Mutter sind fortgegangen nach Perryville und da hat mich Mr. Boyles seit etwa acht Tagen zu sich genommen, bis die Jayhawker aus der range vertrieben sind.«
»So?« lachte Hendricks – »also in Perryville ist Deine Schwester?«
»Ja, aber mit dem ersten Soldatenzug, der wieder die Straße herabkommt, geht sie nach Little Rock.«
»Aha! sehr vorsichtig,« nickte der Bursche – »nun vielleicht können wir ihr in diesen Tagen sicheres Geleit geben, damit sie von den Jay-hawkern nichts zu fürchten hat. Bei wem ist sie im Haus?«
»Bei Thomsons,« sagte Bill, auf gut Glück einen der dortigen Namen nennend.
»Ach, laßt die Dummheiten,« unterbrach ihn aber einer der Uebrigen, und es waren indessen etwa fünf Mann ins Haus getreten. »Da haben wir doch jetzt Wichtigeres zu thun, als solche Faxen. Wo steckt Boyles?«
»Er ist auch gestern Abend über den Fluß gefahren und nach Perryville gegangen.«
»So? und was will er da, mein Herz?«
»Er will Hülfe haben, daß ihn böse Menschen nicht auch umbringen und ausplündern können.«
»Ei, sieh mal an,« lachte Hendricks, »ja, den Weg hätten wir ihm ersparen können. Wir sind selber hierher gekommen, um bei ihm zu bleiben, denn die Jay-hawker treiben sich wirklich in der Nachbarschaft herum. Aber bist Du hier ganz allein auf der Farm oder wer ist sonst noch bei Dir?«
»Ich bin ganz allein hier,« sagte der Knabe, »denn die Frauen sind auch den Fluß hinab in die Ansiedlung gegangen, weil sie sich fürchten hier zu bleiben.«
»Hm – fürchten, wovor, wenn wir da sind,« lachte Hendricks – »Aber Boyles hat auch wohl Ursache, die bösen Menschen zu scheuen, denn, wie ich gehört, soll er viel baares Geld mit von Missouri herunter gebracht haben. Ist das wahr?«
»Ich weiß es nicht,« sagte der Knabe scheu.
»Wie lange bist Du bei ihm?«
»Etwa acht Tage.«
»Aber seit der Zeit ist er doch erst zurückgekommen und hat denn doch sicher zu Haus davon gesprochen. – Wie?«
»Ja – das wohl,« flüsterte Bill.
»Nun siehst Du wohl, mein kleiner Bursch,« meinte Hendricks, indem er einen Blick mit den Gefährten wechselte, »er hat es doch sicher und gut aufgehoben, damit es die Räuber nicht gleich finden können.«
Bill nickte nur, denn er wagte gar nicht, den Mörder seines Vaters anzusehen.
»Nun das dacht' ich mir,« lächelte Hendricks, »gewiß hier unter der Diele.«
Bill schüttelte mit dem Kopf.
»Oder oben unter dem Dach?«
Bill schüttelte wieder.
»Was? auch nicht? ja dann werden es die Jay-hawker gewiß finden, denn die sind in so etwas schlau.«
»Nein, die finden es nicht,« sagte aber Bill bestimmt, »denn er hat es draußen im Wald vergraben und sie wissen den Platz nicht.«