»In der That? – aber Du weißt ihn, wie?«

Bill schwieg und sah vor sich nieder.

»Nun mein Junge, kannst Du nicht antworten?« rief der andere Bursche rauh, denn das Verhör dauerte ihm zu lang.

»Laß doch nur,« rief aber Hendricks, indem er dem Gefährten hinter des Knaben Rücken zuwinkte – »wir haben ja Zeit, denn wir bleiben ja doch hier, bis Mr. Boyles mit seinen Leuten von Perryville zurückkommt. Nicht wahr Du weißt, wo er das Geld vergraben hat?«

Bill nickte jetzt leise mit dem Kopfe, antwortete aber noch immer nicht weiter.

»So?« sagte Hendricks – »nun das ist gut, dann wollen wir auch schon dafür sorgen, daß ihm die Jay-hawker nicht zu nahe kommen. Wo ist denn der Platz?«

»Ich darf's nicht sagen,« erwiederte aber Bill jetzt. »Mr. Boyles hat es mir streng verboten.«

»Ja, keinen fremden Leuten,« lachte Hendricks, »aber uns schon, wir wollen ihm ja gegen die Andern helfen – also wo ist der Platz, weit von hier, oder im Garten drüben?«

»Ich darf's nicht sagen, oder Mr. Boyles schlägt mich,« erwiderte der Knabe, und warf einen scheuen Blick nach dem Frager hinauf.

»Ach was! wir vertrödeln hier die Zeit in höchst alberner Weise,« rief aber jetzt der Andere, der ebenfalls ein Führer zu sein schien und einen großen schwarzen Bart trug. Er faßte dabei den Knaben fest am Arm. »Komm her mein Bursch und sei vernünftig – Mr. Boyles giebt Dir vielleicht eine Tracht Schläge, wenn er zurückkommt, das ist möglich, aber mit uns bist Du noch viel schlimmer d'ran, denn wenn Du uns jetzt die Stelle nicht zeigst, wo das Geld eingesscharrt ist, so binde ich Dich da draußen an den nächsten Pfirsichbaum und prügele Dich so lange, bis Dir das Fleisch in Fetzen vom Rücken herunter hängt – hast Du mich verstanden?«

Hendricks schüttelte unwillig den Kopf, denn dadurch machten sie jedenfalls mehr als nöthigen Lärm auf der Farm. Bill aber klagte:

»Aber ich darf's ja nicht sagen, Mr. Boyles hat es mir so streng verboten.«

»Sip!« rief der mit dem Bart da dem Neger zu. »Spring einmal hinaus und schneid' mir ein paar tüchtige Stöcke ab, aber derbe, verstehst Du? Der kleine Bursch scheint hier hartnäckiger Art zu sein und da wollen wir doch einmal sehen, ob wir ihm den Trotzkopf brechen können!«

Sip blieb nicht lange aus und Bill suchte sich indessen von der Hand des Mannes loszumachen, was aber freilich einem Stärkeren schwer geworden wäre. Der Mann lachte auch nur zu dem Versuch und suchte dabei in seiner Tasche nach einem Stück Seil, um die Hände des Knaben zusammenzuschnüren, so daß dieser endlich wie in Todesangst ausrief:

»Ach schlagt mich nur nicht, schlagt mich nur nicht; ich will Euch ja auch gern zu dem Platz führen, aber Ihr dürft Mr. Boyles nicht sagen, daß ich es gethan habe, oder er jagte mich sonst gleich wieder aus dem Hause«.

»Aha,« lachte der Jayhawker – »nun denn heraus mit der Sprache, wo ist es? weit von hier? im Garten vielleicht?«

»Nein – ein Stück im Wald drin,« antwortete der Knabe, während der wilde Bursch den ihm von dem Neger gebrachten Stock in die Luft probirte.

»Wo hinaus?«

»Gleich dort drüben. Es führt ein schmaler Pfad nicht weit davon vorbei.«

»Kannst Du ihn auffinden?«

»Ich – weiß es nicht – ich glaube ja.«

»Wie lange haben wir zu gehen?«

»Oh, gar nicht lange – noch an dieser Seite vom Schilfbruch ist's.«

»Nun also denn vorwärts,« rief der Bärtige, der jetzt den Oberbefehl über die Bande zu haben schien – »und glaub' nicht etwa, mein Junge, daß Du uns im Wald davon huschen kannst. Wie Du nur Miene machst fortzulaufen, drehe ich dir den Hals um, darauf kannst Du Dich verlassen.«

»Ich kann ja nicht fortlaufen,« klagte Bill, »ich habe ja ein lahmes Bein.«

»Desto besser für dich,« nickte der Schwarze »denn das hält Dir den Hals gerade – aber nun vorwärts. – Nein, mein Junge, nicht losmachen, ich behalte Dich an der Hand, denn sicher ist sicher. Komm nur mit; es hilft Dir jetzt nichts weiter. Und die Stöcke bring ebenfalls Sip, wenn ihn unterwegs vielleicht sein Gedächtniß verlassen sollte.«

Bill leistete keinen Widerstand weiter, denn Alles, was er wollte, hatte er ja erreicht: Sie glaubten ihm und waren im Begriff, ihm zu folgen, aber trotzdem beschlich den Knaben jetzt eine und zwar nicht unbegründete Furcht.

Daß ihn die Freunde nicht mit ihren Kugeln treffen würden, wenn sie auf die Räuber schossen, wußte er gut genug und scheute sich wahrlich nicht davor, aber der baumstarke Mann mit dem großen schwarzen Bart, hielt seinen Arm wie in einem Schraubstock und merkte er Verrath – von dem er jetzt aber noch keine Ahnung haben konnte, so war es sicherlich um ihn geschehen. Aber trotzdem schritt der Knabe, der jedoch wirklich so that, als ob er nicht rasch von der Stelle könne, neben dem Jayhawker her. Weigern hätte ihm auch jetzt nichts mehr geholfen, das wußte er gut genug und nur die Kugeln der Freunde konnten ihn wieder frei machen und in Sicherheit bringen.

Der Pfad war ziemlich schmal und das kleine Gestrüpp an beiden Seiten desselben, wie auch überall in diesen Wäldern, in den letzten Jahren wild und üppig emporgeschossen, aber verfehlen konnte Bill seinen Weg schon deshalb nicht, weil ihn die hin- und herwechselnden Kühe offen und betreten gehalten. Trotzdem wurde seinen Begleitern die Zeit lang und der Schwarze brummte.

»Höre mein Bursch, wenn Du glaubst, daß Du uns hier zum Narren haben kannst, so bist Du im Irrthum. Soweit vom Haus hat der alte Boyles sein Geld wahrhaftig nicht begraben. Sind wir bald da?«

»Seht Ihr den lichten Fleck da vorn?« fragte der Knabe.

»Gleich da vor uns die Oeffnung?«

»Ja – dort ist's – aber Mr. Boyles wird so böse werden.«

»Sorg Dich nicht um den, mein Bursche,« lachte der Schwarze, »denn wenn Du unter unserem Schutz stehst, wird er wohl die Hände von Dir lassen. Liegt denn das Geld so dicht am Pfad?«

»Nur ein klein Stückchen rechts davon, – er hat abgebrochenes Holz darüber gezogen, damit es Niemand finden kann.«

»Gescheut gemacht, alter Gesell,« lachte der mit dem Bart – »Boyles ist von jeher ein grundpfiffiger Kerl gewesen – und nun mein kleiner Bursch, da sind wir an der Stelle. Wo ist jetzt der Platz?«

»Gleich da drüben, seht Ihr unter dem Baumwollenholzstumpf, den der Blitz abgeschlagen hat.«

Der Jay-hawker blieb stehen und zwang dadurch auch die Anderen, zu halten. Wie das Wild, ehe es eine größere Waldblöße erreicht, stehen bleibt und umhersichert, ob ihm auch von keiner Seite Gefahr droht, so blieb der den Gesetzen verfallene Mörder ebenfalls halten und überflog rasch mit seinem Blick die angrenzenden Büsche. – Aber selbst sein scharfes Auge konnte nichts Verdächtiges bemerkt haben, doch Bills kleines Herz klopfte ihm wie ein Hammer in der Brust. Der Moment war gekommen, und obgleich er selber den Versteck der Freunde kannte, war er nicht im Stande, auch nur das Geringste von ihnen zu bemerken. Hatte ihnen die Zeit zu lange gewährt und die Schaar den Platz verlassen? – was dann?

Der Führer schien sich aber überzeugt zu haben, daß ihnen hier keine Gefahr drohe. Nur um ganz sicher zu sein, wandte er sich zu dem Neger und sagte zu diesem:

»Du, Sip – steig einmal da drüben die Bank hinauf – wenn Du Dir auch die bloßen Beine ein wenig naß machst, und spür' einmal den Platz ab. Sowie Du etwas Verdächtiges merkst, kommst Du zurück – und nun vorwärts, Ihr Burschen. Habt Ihr die Hacken mitgenommen? Das ist Recht. Das sieht mir selber so aus, als ob dort die Erde frisch umgewühlt wäre. Vorwärts, in einer Viertelstunde müssen wir mit der Sache zu Ende sein.«

Siebentes Kapitel.
Der Hinterhalt.

Die jungen Backwoodsmen vom Fourche la Fave hatten indessen den Abend hinter ihrer Sandbank ziemlich ruhig verbracht, denn sie glaubten selber nicht, daß die Jay-hawker zu dieser Zeit einen Ueberfall unternehmen würden. Es war das wenigstens bis jetzt noch nicht ein einziges Mal geschehen. Am liebsten kamen sie in früher Morgenstunde, ja meistens mit anbrechendem Tag, bis zu welcher Zeit auch sämmtliche Indianerstämme ihre Angriffe aufschieben, weil sie den Feind dann selten oder nie gerüstet finden.

Allerdings hielten die Freunde abwechselnd ihre Wacht und beobachteten dabei ein vorsichtiges aber auch nothwendiges Stillschweigen. Schon der Klang einer Menschenstimme hier im Wald, würde einem herumschleichenden Feind den ganzen Plan verrathen haben, aber an wen es gerade war, sich zum Schlafen nieder zu legen, der that das in voller Ruhe und in einem Gefühl von Sicherheit, das jedoch rasch schwand, als der Whip-poor-Will Morgens seinen ersten Laut hören ließ, und damit den nahenden Tag verkündete.

Jetzt wurden Alle geweckt und lautlos, ihre Büchsen im Arm, horchten sie der Richtung zu, in welcher das Haus lag, ob sie nicht den wilden Schrei von dort herüber hören konnten, mit dem sich die Jay-hawker schon verschiedene Male bei ihren Opfern eingeführt – aber es blieb Alles still. Der Tag dämmerte, die Sonne ging auf und stieg höher und höher, ja stand schon über den Baumwipfeln, und noch immer regte sich Nichts nach jener Richtung zu im Wald, und nur ein paar Spechte hämmerten ununterbrochen an einem alten Stamm herum und stießen manchmal dazu ihr heiseres Gekreisch aus.

Hatten die Jay-hawker ihren Angriff auf Boyles' Haus aufgegeben und waren am Ende doch mit einem vielleicht irgendwo sonst aufgefundenen Canoe nach der anderen Seite zurückgekehrt? Sie hätten jetzt selbst Perryville vollkommen schutzlos gefunden und dort nach Belieben wirthschaften können.

Halt! das klang wie eine menschliche Stimme – wenn sie jetzt kamen. Den jungen Leuten schlug das Herz, als ob sie sich hätten an einen Bären anpirschen wollen. Sie Alle waren aber auch Jäger genug, um zu wissen, daß sie sich vollständig decken mußten, wenn sie den schlauen Feind überlisten wollten. Das Blitzen der Sonne auf einem Büchsenlauf, die runden dunkeln Umrisse eines Kopfes nur auf dem hellen Sand konnten sie schon verrathen, und nicht allein, daß ihre ganze Arbeit dann umsonst gewesen wäre, nein, sie gefährdeten in dem Fall auch auf das Ernstlichste das Leben des Knaben, denn welche Gewissensbisse hätten sich jene Burschen gemacht im ersten Moment und in Wuth und Rache selbst das Leben eines Kindes zu nehmen.

Jim Jenkins hatte dafür auch schon vorher seine Ordre gegeben. Alle mußten sich vollkommen hinter dem Sandrücken verborgen halten, und er selber häufte, eben mit den Augen über dem Rand, für seinen Kopf eine Parthie Reiser und Ranken so auf, daß sie ihm einen Blick hinausließen, aber ihn auch sonst vollständig verdeckten. Erst wenn die Freunde sahen, daß er sich selber schußfertig machte, sollten sie das Nämliche thun, die Büchsen dann hinausschieben und rasch, aber sicher zielen und abdrücken – um Gottes Willen keinen Schuß nutzlos vergeuden.

Jetzt konnte Jim die dunklen Gestalten der Jay-hawker schon deutlich im Wald erkennen. Sie kamen näher und näher und das Blut stockte ihm fast, als er sah, daß der Erste den Arm seines Bruders fest in der Faust hielt, und der Kleine dadurch nicht einmal frei war, sich, der Verabredung nach, gleich bei dem ersten Schuß in das Dickicht zu werfen – aber jetzt blieb keine Zeit mehr zum Besinnen – wo war Hendricks? Jim's Blick suchte ihn, aber er fand ihn nicht unter den Vorderen. War er am Ende gar nicht unter der Schaar? – Jim schrak unwillkürlich zusammen. Die Jay-hawker hielten noch im Waldrand, so daß er bis jetzt nur auf den Einen hätte mit Sicherheit zielen können. Hatten sie etwa Verdacht geschöpft – aber durch was? Jim durfte allerdings nicht einmal den Kopf zur Seite drehen, um sich nicht durch die, selbst unbedeutende Bewegung selber zu verrathen, und nur den Mund öffnete er weit, so schwer kam ihm der Athem aus der Brust.

Wie still das gerade jetzt im Walde war – deutlich konnte man das Klopfen des Spechtes, den Schrei eines kleinen Falken hören, der mit zitterndem Flügelschlag fast wie eine Lerche hoch in der Luft stand, und über die Richtung, die er nehmen sollte, unschlüssig zu sein schien. Kein Blatt regte sich dabei, so still und fast schwül war die Luft. – Jetzt aber schienen sich die Jay-hawker endlich überzeugt zu haben, daß ihnen hier keine Gefahr drohe. Der Platz in dem sie das vergrabene Geld vermutheten, lag überhaupt zu nahe und die Ungeduld trieb sie die Stelle zu untersuchen.

Als ihr Führer aus dem, von Dornen eingeengten Pfad trat, breiteten sich seine Begleiter ebenfalls auf der Lichtung aus – Jim zählte, wenn er in dem Augenblick überhaupt zählen konnte, etwa elf oder zwölf Mann, aber sein Auge suchte Hendricks unter ihnen und fand ihn, aber noch immer von den Uebrigen gedeckt. Sollte er warten bis er vollständig vortrat – aber der geringste Zufall konnte ihn den Räubern verrathen – ein günstigerer Zeitpunkt kam für ihn kaum wieder, denn der Trupp erreichte jetzt den Platz und der Mann mit dem schwarzen Bart, der bis dahin Bill an der Hand gehalten, ließ ihn los, um selber einen der schweren Aeste aufzuheben.

Jim winkte zurück mit der Hand, und die Büchse, deren Hahn er schon gespannt hatte, mit beiden Händen fassend, hob er sich etwas auf den Knieen aus seiner gebückten Stellung empor.

Es waren acht Männer die dort im Hinterhalt lagen – der neunte hielt noch am Holzrand Wacht, sollte aber ebenfalls nach dem ersten Schuß herbeieilen. – Dort drüben stand ein Trupp von wenigstens zwölf so verzweifelten Burschen als sie vielleicht das weite Land aufzuzeigen hatte – hätten sie alle ihre Gewehre abgeschossen, so hatten die Feinde, mit ihren geladenen Büchsen und Revolvern, jedenfalls die Uebermacht. Aber wer von ihnen Allen hätte deshalb auch nur für einen Moment den Angriff verzögern mögen. Sie durften es auch gar nicht; der Neger schritt gerade auf sie zu – dort waren diese, von der Welt für vogelfrei erklärten Jay-hawker, von Mord triefend und eben wieder im Begriff, einen neuen Raub zu begehen. Ein günstigerer Zeitpunkt kam nicht wieder, und ohne jetzt auch nur noch mit einer Wimper zu zucken, hoben sie sich gemeinschaftlich empor – die Büchsenläufe suchten ihr Ziel – und der Wald wurde lebendig.

Der Neger hatte, wenn auch nicht die größte, doch die erste Ueberraschung. Ohne eine Gefahr zu ahnen, watete er durch das seichte Wasser, dem Sandrücken zu, hinter dem die Männer lagen. Da sah er vor sich, wie mit einem Schlag, die dunklen Gestalten der Rächer auftauchen, und ehe er selbst nur einen Warnungsschrei ausstoßen konnte, traf ihn die erste Kugel in die Brust.

Aber fast in demselben Moment auch fielen die anderen Schüsse – wenigstens unmittelbar nacheinander, und jetzt waren die Schützen selber auch nicht mehr zu halten. Die Ueberraschung, der erste Schreck der Räuber mußte benutzt werden, und wie sie nur ihre Kugel abgesandt, sprangen sie auch auf die Sandbank und dann wie ein Wetter gegen die Räuber an, die in wilder Furcht gar nicht wußten, wohin sie sich wenden sollten. – Fünf brachen wild dem nächsten Dickicht zu, aber schon nach wenigen Schritten taumelten Einige und hätten den Kolbenschlag nicht mehr gebraucht, der sie – eine Leiche, zu Boden schmetterte. Da und dort brach es noch durch die Büsche hinein und die Verfolger griffen die erbeuteten Büchsen auf, feuerten hinterher, und stürzten dann wieder nach, die Kolben schwingend.

Bill war der Einzige gewesen, der die Bewegung hinter der Sandbank bemerkte, und nach ihm der Neger – für ihn selber aber zu spät. Wie der kleine Bursch aber die Büchsenläufe in die Höhe gehen sah, warf er sich auch platt auf den Boden nieder und die Uebrigen mochten glauben, daß er gestolpert wäre – achteten wenigstens in der Erwartung des vergrabenen Geldes nicht auf ihn, bis sie die zwischen sie einschlagenden und sicher genug gezielten Kugeln inmitten ihrer verbrecherischen Laufbahn ereilten.

Nur Einer war todt auf dem Platz geblieben; der schwarzbärtige Gesell, der Bill an der Hand geführt, denn er hatte die Kugel in den linken Schlaf bekommen und wohl kaum seinen Tod gefühlt. Fünf Leichen lagen in zehn bis zwanzig Schritt von der Stelle, und andere Verwundete hörten sie noch nach verschiedenen Richtungen hin durch die Büsche brechen.

Jim selber hatte keinen freien Schuß auf Hendricks bekommen können, denn Einer der anderen Jay-hawker stand vor ihm. Es blieb ihm Nichts übrig als auf diesen zu schießen, in der Hoffnung, daß die Kugel durchschlagen und Beide treffen möge – aber unter den Todten fand er ihn nicht, und sein Ruf sammelte die Freunde, daß sie sich nicht tollkühn einer unnöthigen Gefahr aussetzten.

Zuerst mußten sie ihre Büchsen wieder laden, dann wollten sie den Wald absuchen und wer von Allen auch nur einen Streifschuß erhalten hatte und nicht mehr so rasch von der Stelle konnte, mußte dann sicher in ihre Hände fallen.

Kein Wort wurde dabei gesprochen – wachsam nur flogen die Blicke umher, denn jeder Augenblick konnte noch von einem der Flüchtigen eine Kugel herübersenden, während die Hände fast mechanisch die abgeschossenen Büchsen wieder luden. Bill selber aber hatte sich schon eine der Büchsen vom Boden aufgesucht – seines Vaters Waffe, die Einer der Räuber damals mitgenommen. Den wenigstens hatte die Vergeltung erreicht, und der kleine Bursch sah so kaltblütig nach dem Zündhütchen, ob auch Alles in Richtigkeit sei, als ob er schon in Gefahren grau geworden wäre – aber die Kugeltasche fehlte noch. Der Todte trug sie noch an seinem Leibe. Bill legte die Büchse auf die Leiche, hob den Körper mit aller Kraft an der rechten Seite in die Höhe, und hing sich dann die Tasche selber um.

Und jetzt begann die Verfolgung der Verbrecher, die auch insofern ein günstiges Resultat lieferte, als die Verfolger noch bald darauf einen Todten und zwei schwer Verwundete antrafen, mit denen aber wenig Umstände gemacht wurden.

John Wells rief zwar, man solle sie aufhängen, denn Erschießen sei zu gut für sie. Wenn aber auch die Männer mit der vorgeschlagenen Todesart einverstanden gewesen wären, hätte ihnen das doch zu viel Zeit weggenommen. Ein paar erbarmungslose Hiebe mit derselben Kaltblütigkeit geführt, als ob sie einen angeschossenen Wolf abgefertigt hätten, beendeten die Leiden der Verbrecher, und weiter stürmte dann die Schaar, denn noch immer fehlte Hendricks unter den Opfern, und Jenkins wie Wells suchten ja doch nur den Einen vor allen Andern.

Weiter – das Terrain war insofern der Verfolgung günstig, als der Arkansas hier einen großen Bogen machte, und während sechs von den Leuten abgeschickt wurden quer durch, nach dem Rand des oberen Ufers zu zu suchen, vertheilten sich die Uebrigen, Bill seine Büchse schulternd mitten zwischen ihnen, durch den Wald.

Da wo noch Einer der Räuber durch die Gründornen gebrochen war, fanden sie Blutspuren und folgten nun, wie gierige Schweißhunde, der aufgefundenen warmen Fährte. Aber der Verwundete mußte Lebenskraft genug haben, um rascher vorwärts zu rücken, als sie ihm folgen konnten, da sie gezwungen waren, die oft kaum sichtbare Fährte zu halten. Sie erreichten sogar endlich das Ufer des Arkansas, wo sie deutlich sahen, daß der Verwundete, dessen Blut die Uferbank färbte, den Strom betreten haben mußte. Hatte er noch Kraft behalten, um hinüber an's andere Ufer zu schwimmen? Die Fläche war breit und es gehörten kräftige Arme dazu – oder war er nur eine kurze Strecke stromab getrieben, um die Verfolger von seiner Fährte zu bringen und sich dort bis einbrechende Nacht versteckt zu halten.

Beide Fälle waren möglich und zwei der jungen Leute erboten sich augenblicklich, nach zu schwimmen und drüben die Ufer abzusuchen, während die Andern an dieser Seite den ganzen Flußrand abspüren sollten. Das Letztere zeigte sich aber nicht so leicht, denn eine Masse von unterwaschenen Bäumen waren mit ihren Wipfeln in den Strom gestürzt; an anderen Stellen hing das Rohr über die steile unterwaschene Bank, so daß man sich nur mit Gefahr an den äußersten Rand wagen und dann noch nicht einmal selbst die kleine Stelle vollkommen genau überschauen konnte.

Die Verfolger gaben sich gewiß Mühe ihr Opfer aufzuspüren, aber vergebens. Hatte der Verwundete im Arkansas seinen Tod gefunden? Es war möglich, ja sogar wahrscheinlich, falls er wirklich, zur Verzweiflung getrieben, gewagt haben sollte ihn zu kreuzen. An diesem Ufer schien er sich aber nicht gehalten zu haben und man mußte nun abwarten, welche Nachricht die beiden Schwimmer brachten.

Gegen Abend sammelten sich die Backwoodsmen wieder auf dem Platze ihres Hinterhalts und Cook machte den Vorschlag, die Leichen zu begraben, was aber von dem Rest der Schaar fast zornig zurückgewiesen wurde.

Begraben? hatten diese Buben ein ehrliches Begräbniß verdient? wahrlich nicht. Es gab Wölfe und Aasgeier genug im Walde, um sie im Lauf der nächsten Tage zu beseitigen und das Einzige, wozu sich die Rächer verstanden, war, es den Thieren des Waldes bequem zu machen, indem man den Leichen die Kleider auszog, diese dann auf einen Haufen Reisig warf und das Ganze anzündete. Dann, nachdem sie alle Waffen und Kugeltaschen gesammelt hatten, kehrten sie nach Boyles' Farm zurück, wo die beiden jungen Leute, die über den Fluß geschwommen, zu ihnen trafen.

Diese aber schienen sich in größter Aufregung zu befinden und wie sie nur ans Ufer sprangen, schrieen sie den Gefährten schon zu:

»Er ist drüben, er ist entkommen, Hendricks lebt noch!«

»Und Ihr habt ihn gesehen?« rief Jenkins fast außer sich.

»So dicht wie Euch!« erwiderte der Eine, »aber was sollten wir machen? Er hielt uns einen Revolver vor, wir hatten nichts als unsere Messer, und ich begreife eigentlich jetzt noch nicht, weshalb er uns nicht Beide über den Haufen schoß.«

»Weil er sich fürchtete, daß sein Revolver versagte,« knirschte John Wells zwischen den Zähnen durch. »Teufel noch einmal, weshalb seid Ihr nicht auf ihn gesprungen.«

»Weil ich kein Stück Blei im Leibe haben wollte,« knurrte der Andere. »Die Revolverpatronen kann man ein paar Stunden in's Wasser legen und sie gehen doch los, und der Bursche war so zur Verzweiflung getrieben, daß er wahrhaftig wenig Umstände mit uns gemacht haben würde.«

»Und wo traft Ihr ihn?«

»Keine hundert Schritt vom Ufer,« sagte der Erste wieder. »Er schien von der Schwimmpartie erschöpft und wir hatten ebenfalls keinen Athem mehr. Wir fanden den Platz, wo er an's Land gestiegen war, gleich an der Slew, die etwa eine halbe Meile über Klingelhöffer's Platz in den Arkansas mündet. So weit hatte ihn der Strom mit hinab genommen.«

»Und weiß Klingelhöffer darum?«

»Gewiß, der Alte riß augenblicklich, trotz seiner Kreuzschmerzen, seine Büchse von der Wand und eilte hinüber.«

»Und Ihr seid ihm nicht gefolgt?«

»Weil wir Euch hier erst Nachricht geben wollten. Wenn wir jetzt Alle zur Verfolgung ausgehen, kann er gar nicht entkommen.«

»Gut denn – hinüber!« rief Jenkins rasch. »Es ist vielleicht auch gut so, denn der Schuft hat jetzt wenigstens noch eine Weile Todesangst auszustehen, bis wir ihm wieder auf den Fährten sitzen. Hat Einer von Euch ein Seil?«

»Hier im Hause sind genug,« sagte Bill. »Dort in der Ecke liegen drei oder vier Stricke.«

»Gut, nehmt ein paar mit und nun vorwärts. Unser Werk ist nur halb gethan, wenn uns Hendricks entkommt.«

Die Männer hielten sich in der That nicht auf, und wie nur die erste Hälfte übergesetzt war, flogen sie auch mehr als sie gingen, am Ufer hinauf, um die Stelle zu erreichen, wo der Verbrecher zuerst gesehen worden – umsonst. Nach etwa einer Stunde trafen sie Klingelhöffer, der die Fährte verloren hatte, und sie nun an dem höheren Land, das mit einzeln stehendem Rohr und kleinem Baumwuchs bestanden war, wieder aufzufinden suchte. Der Boden dort war aber trocken, da das Regenwasser rasch in die Niederung ablaufen konnte, die beiden Hunde, die er mitgenommen, verstanden nicht auf einen Menschen zu jagen und setzten hinter einem vor ihnen aufstehendem Hirsch her, und als die Nacht einbrach, in der jede Verfolgung nutzlos wurde, mußten sie es aufgeben und nach Klingelhöffer's Haus zurückkehren.

Achtes Capitel.
Die Suche.

In den nächsten Tagen war Alles, was sich noch von waffenfähigen Männern am Fourche-la-Fave, wie an der anderen Seite des Stromes befand, auf den Füßen und im Sattel, denn wie ein Lauffeuer hatte sich das Gerücht über die Zersprengung und fast vollständige Vernichtung der Jay-hawker-Bande verbreitet, und Alles wollte jetzt Theil nehmen, um die Letzten dieser gefürchteten Schaar mit einfangen und bestrafen zu können.

Der Haupttrupp nahm auch dabei Hendrick's Fährte auf – umsonst. Die Männer auf der anderen Seite des Arkansas trafen noch auf einen Verwundeten, der in einen Schilfbruch gekrochen war und sich kaum noch regen konnte. Das aber schützte ihn nicht; er wurde hervorgezogen und an dem nächsten Dogwood aufgehängt, während die Rächer am Fourche-la-Fave auch keine Fußspur mehr von dem Flüchtigen fanden.

Wo er sich versteckt hatte, ließ sich kaum denken, denn weiter geflohen konnte er unmöglich sein, oder sie hätten ihn finden müssen; aber nach drei Tagen vergeblicher Suche gaben sie die Sache endlich auf – die Meisten wenigstens, die in ihre Heimath zurückkehrten, während aber John Wells wie Jenkins einen heiligen Schwur leisteten, nicht zu ruhen noch zu rasten, bis sie den Mörder ihrer beiden Väter erreicht und deren Tod an ihm gerächt hätten.

Vor der Hand mußten sie allerdings nach Little Rock zurück, aber General Steene, als er die Einzelheiten jener Verbrecherschaar gehört, gab ihnen gern Urlaub, mit der Bedingung freilich, die Mörder, falls es ihnen irgend möglich sein sollte, lebendig nach Little Rock einzuliefern. Er wolle selber sein Urtheil fällen, und daß Hendricks bei ihm auf keine Gnade zu hoffen hätte, darauf könnten sie sich fest verlassen.

John Wells versprach das augenblicklich, als ihm aber Jim nachher Vorwürfe darüber machte, lachte der junge Bursche kalt und höhnisch auf und murmelte zwischen den zusammengebissenen Zähnen:

»Wenn er das aushält, was ich mit ihm anfange, sobald er mir in die Hände läuft, und nachher wirklich noch lebendig ist, dann werde ich ihn so an den alten Herrn abliefern. Wahrscheinlich ist's freilich nicht.«

»Aber Du hast es versprochen.«

»Zum Teufel auch,« rief Wells, »ich hätt' ihm versprochen, ein Stück Mond herunter zu holen, wenn er's verlangte, nur um loszukommen. Jetzt komm Jim. Wenn der Schuft noch lebt, so ist ihm hier der Boden unter den Füßen zu warm geworden; dann aber hat er sich auch nirgends anders hingewandt, als nach dem gesegneten Texas – und dorthin liegt jetzt unser Ziel.«

»Und die Unseren daheim?«

»Mein Bruder wird so lange für sie sorgen – er hat's fest versprochen. Deine Schwester zieht zu meiner Mutter und Bill ebenfalls; der Junge ist ein Prachtkerl, und lebt Hendricks noch, dann finden wir auch seine Fährte – oh nur die Seligkeit, ihm die Schnur um den Hals zu knüpfen – weiter verlange ich ja nichts auf der Gotteswelt.«

»Und wann brechen wir auf?«

»In drei Tagen. Ich muß noch erst einmal nach Hause, um Alles dort in Ordnung zu bringen. Hast Du Geld, Jim?«

»Keinen Dollar im Vermögen.«

»Ich auch nicht, aber das schadet nichts – wohin wir gehen, brauchen wir nichts, als was wir uns leicht mit der Jagd verdienen können. Hast Du noch einen anderen Anzug, denn in der Uniform dürfen wir nicht reisen – Texas ist noch im Aufstand.«

»Ja, mein neues Zeug, das mir Betsy erst in dieser Woche fertig gemacht hat.«

»Gut – ich will ebenfalls sehen, daß ich einen anständigen Rock auftreibe, denn die letzte Suche hat dem meinigen bös mitgespielt. Wollene Decken haben wir den Jayhawkern genügend abgenommen. Was ist denn das für eine Büchse, die Du da trägst?«

»Meines Vaters Waffe, die Bill dem einen Todten abgenommen. Ich habe dem Knaben die meinige dafür gegeben.«

»Alles in Ordnung denn. Am dritten Tag von heute hol' ich Dich ab,« und sein Pferd wendend ritt er in scharfem Trab den Strom hinauf.


John Wells hielt sein Wort. Zu thun gab es jetzt auch Nichts mehr für sie am Fourche-la-Fave, denn den Jay-hawkern war das Handwerk gelegt, und wieder Land urbar zu machen oder zu pflanzen, dazu hatte keiner der Leute Lust. Wußten sie denn, für wen sie es thaten, und waren ihnen nicht jetzt drei Jahre hinter einander die Ernten von durchstreifenden Soldatentrupps der einen oder anderen Partei geplündert oder zerstört worden? Erst mußte wieder Frieden sein, ehe sie in diesen dem Wechsel des Krieges ausgesetzten Districten an die ruhige Beschäftigung des Ackerbaues gehen konnten. Das Wenige, was sie selber zum Leben brauchten, konnte jeder schon ziehen oder durch die Jagd beibringen; jetzt hatte John Wells kein anderes Ziel als den zehnfachen Mörder zu erreichen und dann – ja, was er dann mit ihm thun würde, wußte er selber noch nicht, und nur in Wuth und Ingrimm knirschte er die Zähne zusammen, wenn er an den Buben dachte.

Texas! und war er auch wirklich nach Texas geflohen? Konnte er sich nicht westlich zu den Indianern gewandt haben? Wie mancher Verbrecher schon hatte die weiten Prairien aufgesucht, um sich dem Arm der ihn verfolgenden Gesetze zu entziehen.

John hielt sein Pferd an und schien unschlüssig, aber wie wir bei allen Menschenklassen, die den größten Theil ihres Lebens draußen in der freien Natur verbringen, bald mehr bald weniger immer einen gewissen Grad von Aberglauben finden, so sagte er sich jetzt selber: Dein erster Gedanke fiel auf Texas – Gott selber muß es Dir eingegeben haben, denn er kann nicht wollen, daß ein solcher Bube frei und ungestraft auf seiner Erde wandelt – also nach Texas! und als er zur verabredeten Zeit mit Jim zusammentraf, konnte er den Moment nicht erwarten, wo er seinem Thier erst die Sporen geben durfte.

Aber Texas ist ein großes – ein ungeheuer großes Land, und wenn sie es erreichten, nach welcher Richtung sollten sie dann suchen? Doch die Frage fand vielleicht schon ihre Erledigung auf dem Weg, denn wenn sich der Flüchtige überhaupt dorthin gewandt, so konnte er fast nur durch Arkansas die Straßen über Washington und Fulton eingeschlagen haben. Der folgten sie jetzt ebenfalls, um vielleicht in irgend einer Hütte wieder auf die Spur des Verbrechers zu kommen. Er war jedenfalls durch eine der Kugeln getroffen worden, das bewies das Blut, das sie in seinen Fährten gefunden, und möglich war's, daß sie gerade dadurch leichter auf seine Spur kommen oder ihn wohl gar erschöpft in irgend einer Cabin fanden.

Die Hoffnung sollte sich indessen nicht bewähren, denn Kunde bekamen sie allerdings genug von verdächtigen Individuen, die sich dort in der letzten Zeit auf der Straße herumgetrieben, und meist alle den Weg nach Texas eingeschlagen hatten, aber ob der Gesuchte zwischen ihnen gewesen, wer konnte es sagen. Verwundet waren ebenfalls Einige gewesen, das aber konnte in jetziger Zeit, wo der blutige Krieg Tausende von Opfern kostete, kaum auffallen. Es schien vielmehr sonderbar, wenn noch ein junger Mann mit unverletzten Gliedern in der Welt herumlief.

So setzten sie ihren Weg fort, bis sie endlich den Red-River erreichten, diesen kreuzten und dann in die ungeheueren Wälder des weiten Landes eintauchten.

Dort hörte jede Spur auf, denn dort gab es nur einzelne, jetzt ebenfalls wüstliegende Plantagen und das Land war so wildreich, daß sich ein einzelner Wanderer, wenn er besonders Menschen ausweichen wollte, recht gut verbergen und von jedem Pfad abseits erhalten konnte – und Hendricks wußte gut genug in der Wildniß Bescheid, um gerade einen solchen Cours, seiner größeren Sicherheit wegen, zu verfolgen.

Die Kreuz und die Quer zogen so unsere beiden jungen Backwoodsmen durch die am wenigsten besiedelten Theile des großen Staates, und wenn sie auch mit Manchem zusammentrafen, der recht gut in den Staaten einer solchen Raubbande angehört haben könnte, den allein Gesuchten fanden sie nicht, und konnten ihn auch von Keinem erfragen.

Lange Monate hatten sie dabei dies Leben fortgeführt, und sogar schon in der einen kleinen Ansiedelung, die sie erreichten, die Nachricht erhalten, daß der Feldherr der Secessionisten: General Lee, capitulirt habe und der Krieg somit beendet sei, wenn sich auch in Texas selber eine Truppenmacht der Rebellen hielt.

Sollte sich Hendricks am Ende diesen angeschlossen haben? Es schien nicht wahrscheinlich, denn ein Meuchelmörder sucht nicht den offenen Kampf, so lange er aus sicherem Hinterhalt sein Opfer treffen kann. Aber wo in aller Welt stak er dann, und vergeudeten sie nicht hier ihre Zeit in völlig nutzlosem Umhersuchen, während der Verbrecher vielleicht vollkommen sicher und unbehelligt in irgend einem anderen Theil des weiten Landes, und dann jedenfalls unter einem angenommenen Namen saß?

Jim und John lagen an einem, im Wald entzündeten Feuer ausgestreckt. An der Gluth briet ein von dem Ersteren erlegter Truthahn, und die beiden jungen Leute hatten das Für und Wider ihrer langen mühseligen Wanderung hin und her erwogen. Sie fingen an einzusehen, daß sie auf diese Weise ihr Ziel wohl kaum erreichen würden.

»Das geht nicht länger John,« sagte Jim nach einer langen Pause, in der er still sinnend in die Flamme gestarrt hatte. »Wer weiß ob der Schuft überhaupt noch lebt, und wir ziehen hier wie die Narren mitten im Wald herum, als ob wir weiter in der Gottes Welt Nichts zu thun hätten, als auf die Jagd zu gehen – und daheim liegen doch unsere Farmen brach.«

»Und hast Du etwa Lust unsere Jagd aufzugeben?«

»Wenn ich die Möglichkeit eines Erfolges sähe, bei Gott nicht, aber wir wissen nicht einmal, ob sich Hendricks nach Texas gewandt hat, und wo ihn dann suchen? Er kann eben so gut in Minnesota wie in Florida sitzen.«

»Vielleicht hast Du Recht,« nickte John, nach einer kleinen Weile – »wir könnten unsere Chancen verdoppeln, und das ist es, woran auch ich schon gedacht habe.«

»Und in welcher Art?«

»Indem wir uns trennen und jeder einen anderen District absucht.«

»Und was dann, wenn ihn Einer findet? Haben wir nicht Beide Antheil an der Rache?«

»Das ist eben der Teufel, und wenn das nicht wäre,« meinte John, »so hätte ich Dir den Vorschlag schon vor vier Wochen gemacht – sobald wir uns aber nach zwei Richtungen wenden, liegt doch viel eher die Möglichkeit vor, ihn anzutreffen und sind wir ihm nur erst einmal auf der Spur – wissen wir bestimmt, daß er in Texas ist, dann wäre es auch nachher ein Leichtes, ihn gemeinschaftlich wieder zu treffen.«

»Und dann müßten wir ihn das erste Mal laufen lassen,« sagte Jim mit dem Kopf schüttelnd – »Du wärst der Letzte, der das thäte, John. Denk nur an das Versprechen, das Du dem General in Little Rock gegeben.«

»Bah, soviel für den; der hatte kein Anrecht an unserer Rache, aber Du hast es, und ich möchte es Dir nicht verkümmern. Uebrigens braucht Hendricks, wenn ihn Einer von uns aufspürt, gar nicht zu erfahren, daß wir in der Nähe sind. Wir wollen nur herauszubekommen suchen, wo er sich aufhält, und uns dann an einem verabredeten Sammelplatz treffen.«

»Das ist weitläufig,« sagte Jim, mit dem Kopf schüttelnd, »und bekommt er nachher Wind, so sind wir auf dem alten Fleck. Nein, Du weißt, daß uns neulich einmal der Neger, den wir trafen, einen Mann beschrieb, der möglicher Weise Hendricks gewesen sein kann. Der soll sich aber in der Nähe einer deutschen Colonie aufhalten. Wie wär's, wenn wir zusammen dorthin aufbrächen und dann erst – sobald wir unseren Verdacht nur in etwas bestätigt finden, getrennt suchen.«

»Es ist ein verwünscht weiter Weg.«

»Aber will uns das Glück wohl, so finden wir ihn vielleicht eben so leicht in dieser Richtung, wie in irgend einer andern.«

»Aber die Beschreibung paßte nur in etwas auf die Person, sonst wären wir ja gleich auf der Spur nachgegangen,« rief John. »Jener Bursche war der Sohn eines Pflanzers aus Florida, dem die Unionisten die Plantage zerstört hatten.«

»Bah, Geschichten sind leicht erzählt und Hendricks ist erfinderisch. Was sollen wir hier? Hier steckt er nicht, oder wir hätten ihn längst gefunden, also weshalb ihn nicht in einer anderen Richtung suchen.«

»Gut! einverstanden,« nickte John endlich, »aber – in der deutschen Colonie werden wir Geld brauchen und das –«

»Nicht einen Cent,« rief Jim – »denk an Klingelhöffer – würde der Geld für ein Nachtquartier nehmen? Sie sind alle gastfrei, und außer dem bringen wir auch leicht ein Dutzend Hirschhäute zusammen, wenn wir ja einmal ein paar Dollar brauchen sollten. Vorwärts, der Wald bleibt uns immer und giebt uns Nahrung und Quartier.«

Es wurde Nichts weiter über die Sache gesprochen. Die Männer beendeten ihre Mahlzeit, holten dann ihre »ausgehobbelten« (to hobble a horse, ein Pferd an den Vorderbeinen fesseln) Pferde herbei, schnürten ihre Decken zusammen und schlugen mitten durch den Wald die etwaige Richtung ein, die sie ihrem nächsten Ziel entgegenführen mußte.

Neuntes Kapitel.
In der Colonie.

Man muß den Charakter dieser zähen amerikanischen Backwoodsmen kennen, um zu begreifen, wie zwei junge Leute, nur mit ihren Büchsen und Pferden, und eine wollene Decke am Sattel festgeschnallt, Monate lang und allein das eine Ziel verfolgend, in einem wilden Land herumziehen konnten. Es war ihnen aber eben Nichts weiter als eine Jagd, auf der sie früher ja auch halbe Jahre verbrachten; an Ausdauer fehlte es ihnen wahrlich nicht dazu – an Bequemlichkeiten waren sie nie gewöhnt gewesen – solche ausgenommen, die ihnen die Wildniß bot, und sie betrachteten die ganze Tour mehr als einen Streifzug, um zugleich auch ein ihnen bisher fremdes Land kennen zu lernen, in dem sie sich vielleicht später selber einmal eine Heimath gründen konnten. Arkansas war ihnen verleidet worden, und es giebt ja überhaupt kaum ein rastloseres Volk in der Welt, als eben diese westlichen Jäger, die selbst ihre Farmen verkaufen, sobald ihnen nur halbwegs ein Gebot gethan wird, und dann mit der größten Zufriedenheit weiter westlich in eine neue Wildniß ziehen.

So verfolgten auch unsere beiden Freunde ihren Weg, ohne aber auch nur für einen Augenblick ihr eigentliches und blutiges Ziel aus den Augen zu verlieren. Ueberall in den zerstreuten Ansiedlungen oder Städten, die sie erreichten, horchten sie umher – überall vergebens, denn der gesuchte Verbrecher war nirgends zu finden. Wohl aber hörten sie, als sie sich jener deutschen Ansiedelung »Blumenthal« näherten, Gerüchte von einer Räuberbande, die sich, wenn auch nicht in unmittelbarer Nähe derselben, doch in der Nachbarschaft in einem wilden Schilfbruch festgesetzt haben und die Gegend unsicher machen sollte. Mancher Reisende durch jene Strecken war verschollen, und der Verdacht lag ziemlich nahe, daß sie eben jenen Buben zum Opfer gefallen.

Die beiden jungen Leute kamen hier in eine freundliche und reiche Gegend – in eine Strecke, die durch den unseligen Krieg wenig oder gar nicht berührt war, und deutschen Fleiß und Arbeitssinn deßhalb so viel deutlicher zeigen konnte.

Hatten sie überhaupt schon je einmal in ihrem Leben einen solchen Platz gesehen, wo Farm neben Farm lag, eine Fenz in die andere griff, und die Acker von Wurzeln und Unkraut gereinigt, ebenen Prairien glichen, während wohnliche Häuser und große aus Stein erbaute Scheunen Reichthum sowohl als Behaglichkeit verriethen?

Das waren Farmen, wie sie eigentlich sein sollten, und wie sie ähnliche auch wohl von Leuten, die aus dem fernen Osten kamen, beschreiben hörten. Wo aber hätten sie selber sie schon in ihrem Leben betreten? – Am Fourche-la-Fave? – Wilder Wald lag zwischen den einzelnen Wohnungen und selbst diese boten wenig – keine von allen auch nur mehr als den nothdürftigsten Schutz gegen das Wetter und die Kälte, während sich hier sogar schon ein ihnen vollständig fremder Luxus Bahn gebrochen und die Stuben mit Teppichen, die Fenster mit Gardinen geschmückt hatte.

Allerdings waren sie auf ihrem letzten Zug in Tennessee und Mississippi durch reiche Districte gezogen, wo in Friedenszeiten die herrlichsten mit Allem ausgestatteten Plantagen gelegen, aber wie sahen diese Plätze aus, als ihr Fuß sie betrat? Die Häuser waren verbrannt, oder lagen mit eingeschlagenen Fenstern und Thüren verödet da. Die Fenzstangen schienen zu Feuerholz gedient zu haben, die Felder selber, seit Jahren nicht mehr bestellt, waren von Büschen und Unkraut überwachsen, und Elend und Zerstörung starrte ihnen überall entgegen.

So hatten sie sich die ganze Zeit von einem Schlachtfeld zum andern herumgetrieben, und als sie nach Hause in ihre Waldesheimath zurückkehrten, wohnte dort der Mord, und das Blut der ihnen theuersten Menschen färbte den Boden roth.

Auch seit der Zeit durchstrichen sie wilde und wüste Gegenden, die noch dazu meist alle durch den Krieg heimgesucht worden waren, bis ihr Fuß hier plötzlich ein kleines friedliches Paradies betrat, das so still und versteckt in den Bergen lag, um selbst den feindlichen Fouragirzügen zu entgehen.

Eigentlich war der Platz hier für eine Colonie so ungeschickt als möglich gewählt, denn Blumenthal hatte fast gar keine Communication mit der übrigen Welt. Auf dem von einem Amerikaner entworfenen Plan der jungen Stadt befanden sich allerdings Eisenbahnen genug, die es zu einem Centralpunkt des ganzen Staates machen sollten, aber das war nur auf dem Papier gewesen. In Wirklichkeit existirte noch kaum eine Fahrstraße nach dem nächsten kleinen Fluß, auf dem man einzelne Producte, aber nur in günstiger Jahreszeit stromab schaffen konnte. Sonst liefen nur ein paar Maulthierpfade einer nach Süden, einer nach Osten aus.

Trotzdem aber war die junge Colonie gewachsen, denn wo der Deutsche erst einmal seinen Pflug in den Boden getrieben hat, läßt er auch nicht locker und arbeitet nicht allein stetig weiter, sondern zieht auch Freunde und Familienglieder allmählich nach. Der Platz hatte sich auch in der That so gehoben, daß man eben daran gehen wollte, eine gute Fahrstraße in das niedere und mehr besiedelte Land zu bauen und dadurch die Bahn zu einem Schienenstrang zu öffnen, als der Krieg im Norden ausbrach und natürlich jede industrielle Arbeit entweder sistirte, oder wenn noch nicht begonnen, hinausschob auf bessere Zeiten.

Das aber was die Bewohner von Blumenthal früher als ein schweres Unglück betrachteten, war eben zu ihrem Glück gewesen, denn das hielt sie, in ihrer Abgeschiedenheit, von den Lasten des Krieges vollständig verschont und nur ein einziges Mal verirrte sich ein kleiner Trupp von zersprengten Sesesch-Soldaten hierher und zeigte Lust den Ort zu brandschatzen. Das aber war den Ansiedlern außer dem Spaß, und da doch Jeder von ihnen, fast ohne Ausnahme, seine Jagdflinte oder Büchse mit herüber nach Amerika gebracht hatte, so erschienen sie plötzlich in so wuchtiger Zahl zusammen und unter Waffen, daß die Sesesch außerordentlich freundlich wurden, nur um die nöthigen Lebensmittel ersuchten – mit dem Erbieten sogar, für dieselben zu bezahlen, und dann als sie freigebig erhalten hatten, was sie wirklich brauchten, die Ansiedlung wieder rasch verließen.

Seit der Zeit hatten sie in Frieden gelebt, bis sich nördlich oder vielmehr nordwestlich von ihnen, an den Quellen des Colorado Gesindel festzusetzen schien, das anfing die Gegend unsicher zu machen. Allerdings hielt man die Uebelthäter für einen Trupp versprengter Sesesch-Soldaten, die noch dort für kurze Zeit in den Bergen ihr Wesen trieben – vielleicht auch gar für eine Bande mexicanischer Diebe, die sich möglicher Weise über die Grenze hereingezogen. Merkwürdig nur, daß sie jedes Mal so genau wußten, wer Geld hatte, und nie Leute behelligten, die dort draußen waren, um ihr Vieh zu suchen oder nur zu jagen. Man war auch nach dieser Richtung hin noch nie verdächtigem Gesindel begegnet, und nur ein Mann einmal, ein Amerikaner, der sich zwischen ihnen niedergelassen, war von drei Strolchen angefallen worden, von denen er aber fest behauptete, daß es Mexicaner gewesen wären. Er hatte, wie er erzählte, einen erschossen und einen andern verwundet, und obgleich sie mehrfach auf ihn gefeuert, seine Flucht bewerkstelligt.

Hierauf wurden ein paar Streifzüge nach dieser Richtung hin unternommen, aber ohne den geringsten Erfolg. Man fand keine Spur der Räuber, nicht einmal den Todten, den sie jedenfalls fortgeschleppt und beerdigt hatten und eine Zeitlang ruhte die Sache, bis wieder ein sehr reicher deutscher Farmer, der da oben Vieh gekauft hatte und es bezahlen wollte, ebenfalls nicht zurückkehrte und durch seinen wahrscheinlichen Tod die kleine Ansiedlung in erneute Unruhe versetzte.

Der Fall war um so trauriger, als sich die Tochter desselben Mannes in den nächsten Tagen hatte mit einem jungen Amerikaner verheirathen wollen, und dieser, der Nämliche, der schon früher angefallen worden, war jetzt mit fünf oder sechs seiner Landsleute, und etwa zwanzig jungen deutschen Farmern ausgegangen, um die Gegend gründlich abzusuchen und diesem nichtswürdigen Räuberwesen ein Ende zu machen.

Gerade in dieser Zeit trafen unsere beiden Freunde in der Ansiedlung ein und wurden dort, wie das unter den Umständen wohl natürlich ist, mit einigem Mißtrauen betrachtet.

Ein Wunder war es nicht, denn Jim wie John, die sich jetzt unausgesetzt schon lange Monate im Wald oder doch auf den verschiedenen Straßen herumgetrieben, sahen eben wild genug aus, um ihnen selbst das Schlimmste zuzutrauen, und die Aengstlichsten in dem kleinen Städtchen, das zum großen Theil für den Augenblick von waffenfähigen Männern geräumt war, befürchteten schon den indeß verabredeten Ueberfall einer größeren Bande, von der dies möglicher Weise die Vorläufer sein konnten.

Beide Freunde übrigens, mit keiner Ahnung, daß man sie hier in einem solchen Verdacht haben konnte, erkundigten sich, sobald sie den Ort erreichten und sich plötzlich unter lauter Fremden befanden, ob kein Amerikaner im Ort wäre und wurden nach einem der nächsten Häuser zu einem alten Mann – und zwar einem der ersten Ansiedler hier, gewiesen.

Und hielt sich hier ein Mr. Rollridge auf? so sollte sich des Pflanzers Sohn genannt haben, von dem ihnen der Neger erzählte.

Die Leute, an welche die Frage gerichtet wurde, sahen sich unter einander an, gaben aber keine directe Antwort darauf, sondern erwiederten nur, daß die Fremden bei Mr. Warner, wie der alte Mann hieß, wohl Alles, was sie zu wissen wünschten, erfahren könnten. – Und woher sie selber kämen? – Aus dem Wald, – wohin sie wollten? – sie wüßten es noch nicht, – sie wären Leute, die sich nach einem Platz zur Niederlassung umsähen.

Das sagte ein Jeder, dem daran lag keine genaue Auskunft über sich zu geben, aber Warner war, ebenso wie Friedensrichter im Ort, auch ein alter gescheuter Bursch, der ihnen schon auf den Zahn fühlen würde und dem konnten sie das Weitere deßhalb ruhig überlassen.

Jenkins wie Wells jedoch, wie sie sich nur kurze Zeit mit ihrem älteren Landsmann unterhielten, fanden bald, daß sie es mit einem einfach schlichten Mann zu thun hatten, dem sie aus dem Zweck ihrer Reise kein Geheimniß zu machen brauchten. Warner schüttelte aber den Kopf, als sie ihren Verdacht gegen Rollridge äußerten. Er hatte selber dessen Vater gekannt, und die Befürchtung lag hier in Blumenthal außerdem nahe genug, daß sogar Rollridge, als er den Platz habe verlassen wollen, ermordet oder sonst zu Schaden gekommen sei. Er hatte wenigstens sein nächstes Ziel – eine bestimmte Farm am Colorado, nie erreicht und man wisse dabei, daß er ziemlich viel Geld mit sich führte.

Wieder also waren sie vergebens eine so endlos weite Strecke gewandert, wieder ihre Hoffnungen getäuscht worden und Jenkins selber fing an, der Verfolgung müde zu werden. Hier erfuhren sie außerdem, daß der Krieg vollständig beendet sei, und wie sollten sie jetzt, mit all den entlassenen Soldaten, die sich über die Staaten zerstreuten, noch irgend eine bestimmte Spur verfolgen können.

Warner selber sprach dabei die feste Ueberzeugung aus, daß die Räuber, die hier in der Nachbarschaft ihr Wesen trieben, jedenfalls dem mexicanischen Stamm angehörten. Mr. Rawlins, wie der Amerikaner hieß, dessen Schwiegervater gerade als letztes Opfer gefallen, war übrigens ein ganz tüchtiger Mann und, wie er erklärt hatte, fest entschlossen, diesmal alle seine Kräfte aufzubieten, um die Mörder auszuspüren und zu bestrafen, und sie durften also hoffen, daß der überdies starke Zug nicht so ganz unverrichteter Sache zurückkehren würde. Jedenfalls hatten sie die Unbill lange genug geduldet, und es müßte ihr einmal ein Ende gemacht werden.

Und was nun? – Jim machte seinem Freund den Vorschlag nach Haus zurückzukehren. Hatten sie dabei Glück, so konnten sie Hendricks ebensogut in der, wie in jeder anderen Richtung antreffen, hatten sie aber keins, nun dann half es ihnen auch Nichts, wenn sie den weiten Staat noch länger, bald nach der, bald nach jener Himmelsgegend durchkreuzten. Wenn Hendricks ihnen aber auch jetzt noch entging, später erfuhren sie doch vielleicht einmal seinen Aufenthalt und dann war ihr Rachewerk wohl aufgeschoben, aber wahrlich nicht aufgehoben gewesen.

John Wells schien anfangs keine rechte Lust dazu zu haben, aber er mußte dem Freund doch auch Recht geben, daß sie in dieser Art wenig Aussicht auf Erfolg hätten. Er war ebenfalls müde geworden und die beiden jungen Leute beschlossen deshalb, nicht einmal die Rückkehr der Ausgezogenen abzuwarten, sondern gleich wieder nach Arkansas aufzubrechen.

Das litt aber der alte Warner nicht, der, wie sich im Gespräch herausstellte, Wells Vater gekannt, und selber einmal hier in Texas eine Weile mit ihm gejagt hatte. Er wollte die beiden Freunde wenigstens nicht wieder fortlassen, bis sie sich erst ordentlich ausgeruht, und dazu fanden sie im ganzen weiten Staat keinen besseren Platz als gerade Blumenthal.

John Wells fand an einem solchen, wie er meinte, zwecklosen Aufenthalt, kein sonderliches Behagen, Jenkins selber aber redete ihm zuletzt zu, ein paar Tage auf die hiesige Umgegend zu verwenden, die ihm wenigstens außerordentlich gefiel. Das Land war reich, das Klima schien gesund, Wild gab es ebenfalls ziemlich viel in der Nachbarschaft, und an dieser Gegend hafteten doch nicht für sie so trübe Erinnerungen, als an ihrer bisherigen Heimath, in der sie Alles an die erlittenen Verluste mahnte.

Warner unterstützte ihn lebhaft darin und erbot sich auf das Bereitwilligste, sie in den nächsten Tagen selber in der ganzen Nachbarschaft herumzuführen. Es gab noch ein reizendes Thal in kaum zwei Miles Entfernung von der kleinen Stadt, in dem bis jetzt kein Baum gefällt, kein Acker Land aufgenommen war, und er sprach seine feste Ueberzeugung aus, daß sie in sämmtlichen Staaten kein freundlicheres Fleckchen Erde finden könnten. – Und eine Uebersiedelung hierher? – Lieber Gott, die hatte für einen Backwoodsman auch nicht die geringste Schwierigkeit, denn ihr ganzer Hausstand konnte leicht auf einem kleinen Karren, ja oft sogar auf ein paar Pferden fortgeführt werden. Jedenfalls wollten sie den Platz erst einmal sehen und ein Entschluß stand ihnen ja dann immer noch frei.

Die nächsten Tage verwandten sie auch in der That dazu, so viel als möglich von der Umgegend zu sehen und kennen zu lernen. Die Nachbarschaft der Deutschen gefiel dem jungen Jenkins ebenfalls, denn er hatte am Fourche-la-Fave schon viele von diesen kennen lernen und lieb gewonnen. Ihm selber behagte der ganze Distrikt ungemein und wenn auch John Wells noch keine besondere Neigung dafür zeigte, konnten sie sich das ja noch immer unterwegs überlegen, und nachher mit den Ihrigen besprechen. Zu übereilen war eben Nichts an der Sache.

Am vierten Tag standen endlich ihre bis dahin vollkommen ausgeruhten und ordentlich aufgefütterten Pferde bereit, und die alte Mrs. Warner packte ihnen gerade noch ein tüchtiges Stück Wildpret und Fleisch ein, weil sie unmittelbar in der Nähe der Ansiedlung doch wohl nicht viel zu jagen finden würden, als draußen auf der Straße plötzlich ein wunderlicher Lärm gehört wurde, der rasch ihre Aufmerksamkeit erregte und sie vor die Thür lockte.

Die ausgezogenen Männer waren zurückgekehrt. Warner's Sohn ritt gleich darauf am Hause vor und erzählte ihnen, daß sie von den Räubern selber allerdings keine Spur, wohl aber den Leichnam des alten Deutschen gefunden hätten, der, mit einer einzigen Kugel gerade durch den Kopf, nicht weit von dem Pferd ab unter einem Maulbeerbaum gelegen hatte und nur mit Laub und Reisig zugedeckt gewesen war. Nur durch die Aasgeier wurden sie auch auf den Platz aufmerksam, an dem sie sonst jedenfalls vorüber geritten wären.

Und war Rawlins mit ihnen zurückgekehrt?

Ja – aber nach Hause geritten, um sich umzuziehen und dann seine Braut und Schwiegermutter zu trösten.

»Du lieber Gott,« seufzte Mrs. Warner, die mit gefalteten Händen vor ihrer Hausthür gestanden und den traurigen Bericht gehört hatte – »da kommt das arme Mädchen – wie blaß und elend sie aussieht – das ist freilich ein schwerer Tag für sie. – Habt Ihr denn die Leiche mitgebracht?«

»Es war nicht mehr möglich,« sagte der junge Warner – »wir mußten sie gleich an Ort und Stelle begraben. Arme Catharina – sie wird wohl schon alles erfahren haben. Tröstet Ihr sie, Mutter, ich mag ihr jetzt lieber nicht begegnen,« fuhr er fort, und schritt in das Haus hinein.

Das junge Mädchen kam näher – sie sah bleich und angegriffen aus und schien auch die beiden fremden jungen Leute gar nicht zu beachten, oder nur zu sehen. Still und lautlos schritt sie auf Mrs. Warner zu und als diese ihr mitleidig die Hand entgegenstreckte, lehnte sie ihr müdes Haupt an die Schulter der alten Frau und ohne daß eine Klage über ihre Lippen gekommen wäre, liefen ihr die großen Thränen an den Wangen nieder.

Catharine Fischer war eines der schönsten Mädchen im ganzen Ort und manche der jungen deutschen Farmerssöhne hatten sich schon um sie beworben, aber alle ohne Erfolg, bis sich der junge fremde Amerikaner, wie im Sturm und in ganz kurzer Zeit ihr Herz gewann und von den Eltern – die freilich lieber einen deutschen Schwiegersohn gesehen hätten – angenommen wurde. Jetzt hatte sie dieser Schlag mitten in ihr junges Leben getroffen, und zwar ein Schlag wie aus heiterem Himmel, ungeahnt, unvorbereitet.

Jim Jenkins stand, die Zähne fest aufeinander gebissen, neben ihr. Hatte er denn nicht den nämlichen Schmerz zu tragen, denselben Verlust erlitten, wie das arme Kind da, und war denn Jammer und Sünde in solcher Art über das schöne Land hereingebrochen, daß solches Elend nur allein alle guten Menschen traf und die Verbrecher immer ungestraft entkommen sollten? – War das himmlische Gerechtigkeit, wie es ihnen die herumziehenden Prediger vorreden wollten? Blut überall, wohin ihr Fuß trat – heimtückisch und feige aus dem Hinterhalt vergossenes Blut, und die Mörder frei da draußen in der schönen sonnigen Welt.

Er trat zu seinem Pferd, um sich die Zügel zurecht zu legen – er wollte fort – Schmerz und Ingrimm genug trug er im eigenen Herzen, ohne das fremde Leid auch noch mit anzusehen, als er sich plötzlich angerufen hörte.

»Hollo Jim – Wetter noch einmal Mann, wo kommst Du her – und John auch – welcher Wind hat Euch nach Texas geblasen?«

Jim sah überrascht auf und erkannte einen alten Kriegsgefährten aus einem Indiana-Regiment, mit dem sie drüben über dem Mississippi gemeinsam gekämpft und zusammen nach Little Rock gezogen waren.

»Oh Peters – wie kommst Du nach Texas? Ich glaubte, Ihr stündet noch in Little Rock?«

»Nein – wir sind ausbezahlt und abgelöst worden,« antwortete der junge Mann, indem er auf die Freunde zutrat und ihnen die Hände schüttelte.

»Und wo kommst Du jetzt auf einmal her?«

»Waren nur zusammen, um die verdammten Mörder aufzusuchen, die sich hier schon seit einiger Zeit herumtreiben,« lautete die Antwort, »sind aber unverrichteter Sache wieder zurückgekehrt. Weiß der Henker wo die Schurken stecken mögen. Aber wo wollt Ihr hin?«

»Zurück nach Arkansas.«

»Jetzt gleich?«

»Wir wollen eben fort.«

»Fällt Euch gar nicht ein,« rief aber der Indiana-Mann – »doch wahrhaftig nicht eher, als bis Ihr mich auch einmal in meinem Hause besucht habt. Ich bin hier verheirathet – habe eins von den deutschen Mädchen und solch ein freundliches kleines Häuschen und Weibchen, wie es sich ein Mann nur wünschen kann. Vorwärts Jungen! daß Ihr aufgesattelt habt ist schon ganz recht – aber bei mir sattelt Ihr erst wieder ab.«

»Das geht nicht, Peters.«

»Ob es geht! oder meine Alte würde nicht schlecht böse werden, wenn ein paar alte Freunde ihres Mannes so mir nichts Dir nichts an dem Haus vorüber ritten. Ihr müßt wenigstens einmal sehen wie ich wohne, und wenn es Euch dann nicht bei mir gefällt, könnt Ihr nachher noch immer thun, was Ihr wollt.«

John Wells schien nicht recht damit einverstanden zu sein, Jenkins aber, indem er in den Sattel sprang, rief aus:

»Was thut's, John – auf ein paar Stunden kommt's nicht an – ob wir etwas später oder früher am Fourche la Fave eintreffen. Ich denke, wir gehen mit.«

Die Straße herab kam der Schall galoppirender Pferdehufe. Ein Reiter sprengte heran und es schien fast, als ob er auf dasselbe Haus zu wolle, vor dem die jungen Leute standen. Schon dicht daran aber warf er sein Pferd herum, grüßte flüchtig und verfolgte dann seinen Weg die Straße hinab, rascher noch fast, als er hergekommen.

John hatte sich gerade mit seinem eigenen Thier beschäftigt und nicht auf den Fremden geachtet; Jim aber griff seinem eigenen Pferd plötzlich so rasch und gewaltsam in den Zügel, daß es hoch aufbäumte, und sich beinahe mit ihm überschlagen hätte. Peters sprang zu, riß es noch herunter und rief dann:

»Was zum Wetter hat denn die Bestie – scheut sie?«

»Manchmal – ja,« sagte Jim, kaum auf die Frage achtend, und den Blick noch stier die Straße hinabgewandt – »wer war das?«

»Wer? – der eben vorbeisprengte? – Dein Pferd erschrak wohl und Du auch – so ein alter Reiter – Du siehst kreideweiß im Gesicht aus.«

»Wer war der Reiter, Peters?«

»Das war Rawlins,« sagte Peters, mit einem zur Seite geworfenen mitleidigen Blick nach dem jungen Mädchen, »der Bräutigam der armen Catharine da,« setzte er leiser hinzu.

»Und ist er schon lange hier in der Ansiedlung?«

»Etwa drei Monate – vielleicht nicht ganz so lange. Weshalb?«

»Und wißt Ihr, woher er stammt?« frug Jenkins mit vor Aufregung fast heiserer Stimme.

»Ich glaube aus dem alten Staat (Virginien), das wenigstens hat er hier erzählt. Kennst Du ihn?«

John war indessen ebenfalls aufgestiegen und ritt an Jim's Seite.

»Weißt Du, wer das war, John?« rief jetzt Jenkins, des Freundes Arm ergreifend und fast krampfhaft zwischen seinen Fingern pressend.

»Der Reiter, der eben vorüber sprengte? Ich habe ihn nicht gesehen.«

»Hendricks!« zischte ihm Jenkins in's Ohr – »bei meinem Leben und meiner Seligkeit – er selber –«

»Und Du hast Dich nicht geirrt?« rief John, fast unwillkürlich nach seiner Büchse greifend.

»Er trägt keinen Bart mehr!« sagte Jenkins – »er kam mir auch fast jünger vor, als ich ihn am Arkansas gesehen und geht besser gekleidet – aber das Gesicht wollte ich unter Tausenden heraus kennen. Er ist es und meinen Hals setz ich zum Pfande.«

»Hendricks?« fragte Peters – »Das war Rawlins, der Schwiegersohn des Ermordeten.«

»Und vielleicht der Mörder selber,« rief Jenkins, »komm Peters, zu Pferd und führ uns, so rasch uns die Thiere tragen können, jenem Herren nach, dessen nähere Bekanntschaft wir dringend wünschen.«

»Aber ich begreife Dich nicht.«

»Ich erzähle Dir Alles mit wenigen Worten unterwegs. Fort! wir versäumen hier die kostbarste Zeit, fort!«

Zehntes Kapitel.
Die Verfolgung.

Die jungen Leute trabten nebeneinander die Straße hinab. Jenkins aber gab dabei dem früheren Kampfgenossen in flüchtigen Umrissen ein Bild der am Fourche-la-Fave vorgefallenen Gräuelthaten, die ihn selber wie seinen Begleiter so nahe getroffen hatten, daß sie sich Beide aufgemacht, um Wald und Wildniß nach dem Uebelthäter abzusuchen.

»Und Ihr glaubt, daß Rawlins jener Mörder sei?« rief Peters entsetzt.

»Ich glaube es,« sagte Jenkins bestimmt. »Ist er es aber, dann kann er uns jetzt nicht mehr entgehen, und ist er es nicht, nun dann darf er sich auch nicht darüber beleidigt fühlen, daß ihn Jemand, im raschen Vorbeireiten, für einen Anderen gehalten.«

»Und wenn das jener Hendricks wirklich ist,« rief da Peters, fast wie erschreckt sein Pferd einzügelnd – »wäre es denn da nicht möglich, daß er selber mit jener Bande in Verbindung stünde, die hier bis jetzt ihr Unwesen in der Gegend getrieben?«

»Vorwärts, Kamerad, vorwärts!« drängte aber John – »wir dürfen keinen Augenblick verlieren, denn wenn der Bursche uns erkannt hat, läßt er sicher kein Gras unter seinen Hufen wachsen. Gewiß ist es möglich, und sollte mich nicht wundern, wenn er der Führer und Leiter der ganzen Bande wäre. Aber wohin reiten wir? Hier haben wir drei Straßen vor uns und der Boden ist ringsumher von Hufen zerstampft. So rasch kann er doch nicht geflohen sein.«

»Dort links ist die Wohnung seiner Braut, der er jedenfalls zuritt,« sagte Peters. »Er selber hat sein Haus am andern Ende der Stadt, aber hierher zu schlug er die Richtung ein.«

»Ich sehe nirgends ein Pferd angebunden. Wir hätten gleich sein eigenes Haus besetzen sollen.«

»Er wird es hineingeführt haben – er ist ja dort ebenfalls zu Haus.«

»Dann gnade Gott dem Elenden,« sagte Jim, seinem Pferd nun fester die Sporen gebend, und jetzt wurde zwischen den Männern kein Wort weiter gewechselt, bis sie die kleine freundliche Wohnung – jetzt freilich ein Haus der Trauer – erreichten, aber der Gesuchte war nicht dort.

Peters sprang augenblicklich vom Pferd, um sich nach ihm zu erkundigen, der zwölfjährige Bruder Catharinens versicherte ihn aber, Mr. Rawlins nicht gesehen zu haben, seit er vor einigen Tagen mit den anderen Männern in den Wald gegangen sei. Keinenfalls wäre er eben hier gewesen, denn er selber habe schon seit einer Stunde fast hier an der Thür gestanden und Mais auf der kleinen Mühle gemahlen.

»Habe ich es Dir nicht gesagt?« rief John fast außer sich, als Peters wieder heraus und auf sein Pferd sprang – »er ist fort! Laß uns den Weg hier verfolgen – dort führen Pferdespuren hinaus.«

»Hier kam er nicht vorbei!« sagte Peters, sein eigenes Thier herumwerfend, »denn dem Burschen da drinnen wäre ein vorbeigaloppirendes Pferd nicht entgangen.«

»Das glaube ich auch nicht,« erwiederte Jim, »wenn er fliehen will, wird er gewiß seine Beute nicht im Stich lassen und ist zu seiner eigenen Wohnung geritten. Hätten wir die nur gleich aufgesucht. Vorwärts Peters –«

»Und wenn Du Dich nun geirrt hast!«

»Vorwärts! Das Alles können wir später besprechen. Wo ist seine Wohnung? Reite voran, so rasch Dich Dein Thier trägt – jede Verantwortung auf mich!« – Und wie ein Wetter jagten die drei jungen Leute die ziemlich lange Straße hinab, bogen dann, fast am Ende der Stadt rechts in eine Nebengasse hinein und erreichten dort wieder die dichter stehenden Häuser. Hier war ein Gasthof, und ein Trupp dort angebundener Pferde, durch welche sie nicht so rasch hindurch konnten, hielt sie etwas auf. Es war auch möglich, daß sich Rawlins selbst hier befand, sie mußten jedenfalls nach ihm fragen. Hier aber hatte ihn, seit sie die Stadt erreicht, Niemand gesehen. Bei Warners würden sie ihn finden, rief ihnen einer zu, er hatte gesagt, daß er zu dessen Haus wollte.

Dort war er nicht; das wußten sie gut genug, und es blieb ihnen jetzt in der That nichts übrig, als seine Wohnung aufzusuchen.

Wenn es wirklich jener Hendricks war, so konnte er ja doch noch keine Ahnung haben, daß er erkannt sei und so rasch verfolgt würde.

Wieder klapperten ihre Hufe die harte Straße entlang, aber hier durften sie nicht so rasch jagen, denn überall spielten Kinder in der Straße, Karren mit Holz oder andere die in die Mühle wollten, begegneten ihnen und die beiden Verfolger vergingen fast vor Ungeduld.

»Haben wir denn noch weit? wir müssen ja durch den ganzen Ort geritten sein,« rief John.

»Das sind wir auch, denn sein Haus liegt gerade am äußersten Ende, aber dort drüben ist die Wohnung, die kleine weiß angestrichene Cabine mit dem einzelnen Baum davor.«

»Aber auch hier steht kein Pferd.«

Peters antwortete nicht mehr. Sie waren kaum noch funfzig Schritt von der Wohnung entfernt, und wenige Secunden später warfen sich die Männer aus den Sätteln.

»Dort unten die Straße entlang sehe ich einen Reiter,« rief Jim, dessen Blick rasch nach allen Seiten umherflog.

»Bei Gott, dort galoppirt Jemand,« rief auch John, indem er im Nu wieder im Sattel saß – »spring in das Haus und sieh nach. Ist er nicht dort, so kann er uns da draußen nicht mehr entgehen.«

Peters war schon an der Thür, die nur angelehnt schien. Er stieß sie auf und warf einen Blick in das Innere. Jim stand an seiner Seite.

In der Stube sah es wild und wunderlich aus, als ob Diebe darin umhergewühlt und was sie nicht gebraucht, über den Boden gestreut hatten. Eine kleine Kiste war mitten in die Stube gezogen und die Hälfte ihres Inhalts lag daneben am Boden. Jim sprang darauf zu – während sein Blick durch den Raum flog, hatte er ein kleines blau und roth gestreiftes Tuch entdeckt, das mitten in dem Wust lag. Er kannte es, es war früher Eigenthum seiner Schwester gewesen – aber er gab sich keinen Betrachtungen darüber hin.

»Das genügt als Zeichen,« rief er, das Tuch vom Boden reißend und damit gegen die Thür springend – »kennst Du das, John? – Fort!«

John warf nur einen einzigen Blick darauf und in demselben Augenblick sein Pferd herumreißend, bohrte er ihm die Hacken in die Seite und flog mit ihm in gestrecktem Carrière die Straße entlang. – Jim war fast ebenso rasch draußen bei seinem Thier.

»Aber so bleibt nur noch einen Moment,« rief Peters – »ich hole meine Büchse und begleite Euch.«

Jim hörte ihn schon gar nicht mehr. Nach! das war der einzige Gedanke, den er hatte – nach! und sein Thier strengte alle Kräfte an, den vorangeeilten Gefährten wieder einzuholen.

Erst in dem wilden Ritt wurde er auch ruhiger. John, der noch immer voraus auf seinem Rappen dahinflog, hatte vielleicht den flüchtigen Verbrecher im Auge – er folgte dem Rappen, und es blieb ihm Zeit, sich nach der Richtung umzusehen, die sie einhielten. Ihr Cours lag etwa, wie der Weg jetzt lief, südwestlich, also den Ansiedlungen wieder zu und zog sich, wenn auch hier oben sehr allmählich, von der Hochebene hinab, auf der das kleine Städtchen gelegen war und wo es, wie sich jetzt deutlich erkennen ließ, höhere Berggruppen einschlossen.