Drittes Kapitel.
Die Schatzkammer.

Ihr Führer schritt mit ihnen direkt wieder zum Strand zurück und der Richtung zu, in welcher ihr Boot lag. Der Steuermann aber, immer noch die Gedanken an das Wrack im Kopf, wollte die Gelegenheit nicht versäumen, vielleicht etwas Näheres darüber zu erfahren, und als sie wieder den freien Raum betraten, von dem aus man die dunklen Umrisse des gestrandeten Fahrzeugs eben erkennen konnte, sagte er, anscheinend leichthin: »Was ich gleich sagen wollte, Freund! Was war das eigentlich für ein Fahrzeug, das da drüben in den Büschen so fest vor Anker liegt?«

»Welches?« sagte der Schwarze, als ob es zehn verschiedene gegeben hätte.

»Welches? Das da drüben – das große Fahrzeug der Weißen, das an Eurer Küste liegt.«

»O das,« meinte der Dolmetsch gleichgültig; »altes Schiff, liegt schon viel lang drüben – weiß es nicht.«

Der Steuermann hätte nun darauf schwören wollen, daß das verunglückte Fahrzeug noch gar nicht etwa so lange da drüben liegen konnte, denn die Malerei daran sah viel zu frisch dafür aus, und von Verwitterung war keine Spur zu erkennen. Aber er merkte auch wohl, daß der Bursche nichts gestehen wollte oder durfte, und mochte selber nicht gleich Neugierde verrathen, um keinen Verdacht zu erwecken. Traten sie erst mit dem Volk hier in einen näheren Verkehr, so fand sich auch wohl einmal eine Gelegenheit, um das Wrack zu besuchen, wenigstens dicht hinan zu laufen, und dann getraute sich der Seemann auch schon nähere Daten darüber selber herauszufinden. Bis dahin war es weit gerathener, vorsichtig zu Werk zu gehen.

Ihr Führer schritt indessen nicht direkt auf ihr Boot zu, das sie schon von Weitem erkennen konnten, sondern bog etwas mehr rechts ab, und zwar einem wunderlich gestalteten, hohen und spitzen Hause zu, das sich nur dadurch von den übrigen Wohnungen unterschied, daß es fest verschlossen schien und keine offene Thüre zeigte.

Der Doktor war einige Schritte dicht an der Umzäunung desselben hingegangen und näherte sich jetzt einem eigenthümlichen, fest überdeckten Vorbau, als er plötzlich erschreckt zur Seite fuhr, denn fast unmittelbar neben ihm stieß ein Löwe sein heiseres Gebrüll aus.

Die Eingebornen lachten und auch der Steuermann amüsirte sich über den Satz, den der Doktor machte; übrigens war er selbst zusammengefahren, denn hier, mitten im Dorf, hatte er keine solche Bestie erwartet, die da jedenfalls hinter dem Palissadenwerk gefangen gehalten wurde. Sie waren jetzt auch gerade über ihrem Boot angekommen, das etwa hundert Schritt von ihnen entfernt unten am Strand lag, als ihr Führer vor diesem Löwenzwinger stehen blieb und dort hineindeutend sagte: »Ihr glaubt nicht, Fremde, daß unser König Waaren hat, um mit euch zu handeln. Seht, was da drinnen aufgeschichtet liegt. Ihr wäret nicht im Stande, auch nur die Hälfte davon zu kaufen.«

»Hoho, mein Bursche!« sagte der Doktor, der sich eigentlich schämte, vorhin eine plötzliche Schwäche gezeigt zu haben, aber das Gebrüll war auch zu unerwartet und aus zu unmittelbarer Nähe gekommen: »und was hättet Ihr da?«

»Jedenfalls Sachen, die werthvoller sind als Eure Geschenke,« grinste der Schwarze. »Seht nur hindurch.«

Die Fremden trauten nicht recht; hinter dem Gitter schritt der Löwe umher, und der Doktor bemerkte jetzt auch dicht daneben eine wohl starke, aber doch nur hölzerne Thür, die allein von zwei breiten Holzriegeln verschlossen gehalten wurde und in den Zwinger führte. Aber was konnte ihnen geschehen? und wenn er auch nicht recht begriff, welche Kostbarkeiten der Löwenkäfig enthalten könne, trat er doch mit dem Steuermann dicht an die Palissaden und sah hindurch.

»Alle Teufel!« rief da der Seemann plötzlich; »Doktor, was meint Ihr – da drin läge Fracht für uns.«

»Elfenbein!« sagte dieser, aber wirklich überrascht von der Masse, die er da drinnen aufgeschichtet sah. »Bless my soul, die scheinen ja sämmtlichen Elephanten die Zähne ausgerissen zu haben. Junge, Junge, wo habt Ihr all' das Elfenbein her?«

»Nun?« sagte der Schwarze, augenscheinlich von dem Erstaunen der Fremden befriedigt; »hat der König zu viel gesagt?«

Da drinnen lag in der That ein unschätzbarer Reichthum von werthvollen und zum Theil außerordentlich großen Elephantenzähnen aufgeschichtet, und der Löwe schien dabei als trefflicher Wächter zu dienen. Entsetzt rief aber der Doktor aus, als er den Blick jetzt in dem inneren Raum umher schweifen ließ: »Heiliger Gott, was ist das? füttert Ihr denn hier die Bestie mit Menschenfleisch? Sehen Sie um des Himmels willen die Schädel und Knochen, Brooks, die da drin umhergestreut liegen.«

»Das ist nichts,« sagte der Eingeborne gleichgültig, »nur Sklaven oder Kriegsgefangene, wenn sie krank oder schwer verwundet sind. Ja Zambiri ist ein großer König und gerade jetzt jagen unsere Truppen einen feindlichen Stamm. Wenn Ihr ein paar Tage hier bleibt, könnt Ihr sie mit Beute beladen zurückkehren sehen.«

»Und das Elfenbein gehört Alles dem König?«

»Alles, und noch weit mehr, viele große Büffelhörner voll Perlen, Schildpatt, Gold. Zambiri ist sehr reich, es ist ein großer König.«

»Und verkauft er die Zähne?«

»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, »aber es kommt darauf an, was Du ihm bieten kannst. Viel mußt Du ihm bringen, und vor allen Dingen Geschenke für ihn, sonst macht Ihr ihn nur böse, und dann ist er furchtbar, wie ein Löwe selber.«

»Die kleine schwarze Bestie,« brummte der Doktor leise vor sich hin, bemerkte aber auch in demselben Augenblick den nämlichen kleinen schwarzen Burschen, der vorher auf dem Rücken des Königs herumgestiegen war, und der nun in einiger Entfernung hinter dem Dolmetsch stand und ihm geheimnißvolle, aber scheue Zeichen machte. Sollte das eine Warnung sein, und drohte ihnen Verrath? Fast unwillkürlich griff er mit der Hand nach dem unter dem Rock versteckten Revolver, der Kleine aber, als ob er die Bewegung verstanden hätte, schüttelte mit dem Kopf und deutete auf seinen Mund. Wollte er ihm etwas sagen? Jedenfalls mußte er in seine Nähe zu kommen suchen, aber der Dolmetsch war ihm dabei im Weg.

»Schafft mir den schwarzen Kerl einen Moment bei Seite, Steuermann,« flüsterte er diesem rasch zu, »geht mit ihm zum Boote, ich folge.«

Der Steuermann sah ihn erstaunt an und begriff nicht, was er wolle, der Doktor mußte aber jedenfalls seinen Grund dafür haben, und sich an den Dolmetsch wendend, sagte er: »Unter den Umständen wird es am Besten sein, gleich an Bord zurückzufahren und das Werthvollste herauszusuchen, was wir haben, damit wir Deinen König zufrieden stellen. Wir sind als Freunde hierhergekommen, und ich hoffe, wir sollen als Freunde mit einander verkehren. Aber da unten sehe ich Früchte, könnten wir wohl einige davon mit an Bord nehmen? Wir haben eine lange Fahrt gehabt, und nichts Grünes unterwegs gefunden,« und dabei schritt er, von dem Matrosen dicht gefolgt, zum Boot hinunter.

»Gewiß,« nickte der Dolmetsch, der sich an seiner Seite hielt. Der Doktor blieb dabei ein paar Schritte zurück, als der Junge dicht an ihn hinanglitt und zugleich im reinsten Englisch flüsterte: »Rettet uns – gefangen – vom Schiff...« In demselben Moment aber auch und gerade als sich der Dolmetsch nach ihm umdrehte, sprang er nach vorn, auf diesen zu und sagte irgend etwas in seiner Sprache.

Der Schwarzbraune blickte ihn zornig an, und sah bald auf ihn, bald auf den Doktor, da dieser aber mit der gleichgültigsten Miene von der Welt ein paar hier auf dem Sand liegende Muscheln aufhob und aufmerksam betrachtete, schien sein plötzlich gefaßtes Mißtrauen zu schwinden.

»Ich muß zum König,« sagte er zum Steuermann, »wartet für einen Augenblick, ich werde Euch Früchte schicken; gebt den Leuten Taback dafür – aber keinen Branntwein – er ist streng verboten und nur der König darf ihn trinken,« und damit, die Weißen sich selber überlassend, rief er dem Knaben einige Worte zu und eilte, diesen am Arm fassend, mit ihm zu seines Oberhauptes Wohnung zurück.

Wie gerne hätte der Doktor noch Weiteres von dem jungen Burschen gehört, aber er sah auch ein, daß das nicht möglich sei, ohne augenblicklich Verdacht zu erregen und jede Aussicht auf Erfolg abzuschneiden. Dem Steuermann theilte er aber jetzt mit, was ihm der Junge zugeflüstert, und dieser rief, seine rechte Faust in die linke flache Hand schlagend: »Ob ich es mir denn nicht gedacht habe? Mit dem Wrack da ist faul Spiel gewesen, und uns wollen sie jetzt bloß kirre machen, um uns nachher ebenso zu bedienen.«

»Und die Elephantenzähne sind auch nicht alle aus dem Land gekommen, Sir,« sagte der junge Matrose, der daneben stand. »Zwei davon, das hab' ich deutlich durch das Gitter gesehen, waren mit Schiemanns-Garn zusammengebunden, und Schiemanns-Garn haben sie nur an Bord von Schiffen.«

»Gar nicht unmöglich,« nickte der Seemann, »das Fahrzeug kann schon recht gut an der Küste gekreuzt und Elephantenzähne eingehandelt haben, und das hat dieser schwarze Heide jetzt Alles in seinem Waarenlager aufgeschichtet.«

»Aber was nun?«

»Dort kommen die Früchte,« sagte der Steuermann, »die wollen wir erst einnehmen, und dann so rasch als möglich an Bord zurück, um dem Kapitän Bericht abzustatten. Hol's der Teufel, wir müssen doch wenigstens einen Versuch machen, vielleicht sogar unsere Landsleute zu retten, und geht das nicht, ei dann laufen wir nach dem Kap hinunter und schicken ein Kriegsschiff her, denn ungestraft sollen sie sich beim Himmel nicht an einem Fahrzeug der Weißen vergriffen haben.«

Das Gespräch war hier abgebrochen, denn allerdings kamen jetzt Eingeborne mit Früchten heran, erst einzeln und dann immer mehr. Der Steuermann hielt sich aber nicht lange auf, hatte auch nicht genug Waaren bei sich, um mit ihnen einen großen Tauschhandel zu eröffnen. Nur den Ersten nahm er, was sie brachten, ab, und gab ihnen Tabak dafür, dann sprangen die Männer wieder in ihr Boot und ruderten, so scharf sie konnten, in See hinaus, um den ihnen schon wieder entgegenkommenden Schooner zu erreichen.

Kapitän Oacutt war übrigens, als sie an Bord zurückkehrten, mit dem Resultat ihrer Fahrt nicht besonders zufrieden. Er hörte wohl den Bericht mit der gespanntesten Aufmerksamkeit an, schüttelte aber dabei bedenklich mit dem Kopf und meinte endlich: Das mit dem Elfenbeinvorrath klänge allerdings sehr gut und verlockend, aber trotzdem scheine es ihm fast, als ob er, wenn er unter diesen Verhältnissen auf einen Handel einginge, am Ende gar noch Schiff und Mannschaft verlieren und die Zeche mit seinem eigenen Leben bezahlen könne. Des Steuermanns Gegenvorstellungen, die von dem Doktor kräftig unterstützt wurden, hatten aber zu viel Gewicht. Er durfte die Küste rechtlicherweise gar nicht wieder verlassen, ohne nicht wenigstens einen Versuch gemacht zu haben, Näheres über das verunglückte Fahrzeug zu hören, und da sie jetzt durch den Knaben die Gewißheit hatten, daß wenigstens Einer an Land sei, der darüber zu erzählen wisse, so blieb ihnen nichts übrig, als dem weiter nachzuforschen.

Der Kapitän mußte ihnen darin beistimmen, und sehr verlockend wirkte dabei auch die Schilderung des Haufens von Elephantenzähnen, die aber auf so entschiedene Weise von einem der wildesten Ureinwohner, dem Löwen, bewacht wurden. Jedenfalls hatte der Doktor recht, wenn er meinte, sie riskirten wenig durch eine zweite Fahrt an Land, auf welcher sie ja nur die Geschenke und Proben für den Handel mitzunehmen brauchten. Es käme vor allen Dingen darauf an, jenen dicken Fleischklumpen, den Tyrannen des Distrikts, etwas freundlich für sie zu stimmen und selber gierig auf eine Handelsverbindung zu machen, nachher wäre es ein Leichtes, mehr über die Verhältnisse dort zu erfahren. Günstigeren Zeitpunkt durften sie außerdem nicht hoffen, dafür zu finden, als gerade jetzt, da sich, wie sie ja am Ufer gehört, der größte Theil der bewaffneten Macht auf einem Streifzug und Sklavenfang im Inneren befand. Die Gefahr eines Ueberfalls begann erst, wenn die zurückkehrte, und je eher sie deßhalb hier an's Werk gingen, desto besser.

Einem Kapitän ist immer die Sicherheit seines eigenen Fahrzeugs das Höchste, und muß es sein, denn nicht allein das Eigenthum seiner Rheder, sondern auch das Leben seiner Mannschaft steht dabei auf dem Spiel, aber Aussicht auf Gewinn und die Pflicht, dem Schicksal eines verunglückten Fahrzeugs nachzuforschen, wirkte hier gleich stark, und er sträubte sich nicht länger, sein Boot zum zweiten Mal hinüber zu senden. Nur die Wahl der Geschenke hatte noch einige Schwierigkeit, da er gern so wenig als möglich opfern wollte, während der Doktor wie auch der Steuermann darauf bestanden, daß man sich dießmal, nach dem ersten verunglückten Versuch, ganz besonders splendid benehmen müsse. Sie setzten auch zuletzt ihren Willen durch, und ein chinesischer Koffer wurde mit wirklich werthvollen Dingen, seidenen Kleidern und Schärpen, wollenen bunten Stoffen, vergoldeten Uniformtroddeln, reich verzierten Messern, hübsch aussehenden Glaskorallen und anderen derartigen Dingen fast gefüllt. Außerdem sollte auch noch eine Probe der Waaren beigegeben werden, welche Oacutt gegen Elfenbein oder andere werthvolle Produkte einzutauschen gedachte, auch Brod und guten Branntwein mußten sie mitnehmen, den Letzteren nur für den König selber; und also vorbereitet, durften sie schon eher hoffen, das Herz jenes schwarzen Fleischklumpens für sich zu gewinnen.

Heute war es natürlich mit all' diesen Berathungen und dem Auswählen zu spät geworden, um noch einen zweiten Landungsversuch zu machen; von der Nacht mochten sie sich auch drüben nicht überraschen lassen, und der Kapitän hielt deßhalb mit seinem Schooner weiter von der Küste ab. Allerdings mochten die Eingebornen, wenn sie die Bewegung sahen, glauben, die Weißen hätten auf den Handel mit ihnen verzichtet, und wären wieder abgefahren, aber das schadete nichts; um so begieriger wurden sie nachher darauf, und das konnte das Geschäft für morgen nur erleichtern.

Indessen hatte sich aber auch unter der Mannschaft die Nachricht verbreitet, daß die »Niggers« am Ufer weiße Männer in der Gefangenschaft hielten, und die Wuth darüber war grenzenlos. Noch an demselben Abend kam eine Deputation zum Kapitän, die ihn bat, er möchte mit dem Schooner an Land fahren und das Nest in Grund und Boden zusammenschießen. Alle meldeten sich als Freiwillige zum »Entern« und schienen besonders, der Beschreibung ihres Kameraden nach, Rache an dem dicken Ungethüm zu verlangen, das Sklavenhandel treibe und seine eigenen Unterthanen dem Löwen vorwerfe. Oacutt aber, so sehr er sich über die gute Stimmung der Leute freute, stellte ihnen vor, daß sie erstlich noch nicht einmal genau wüßten, ob wirkliche Weiße dort gefangen gehalten würden, dann aber auch durch einen Angriff auf die Eingebornen diese vielleicht verjagen, aber nie im Leben wirklich Gefangene befreien könnten. Er versprach ihnen indeß, morgen früh sechs von ihnen, gut bewaffnet, mit an Land zu schicken, um zu sehen, was sich machen ließe, und daß er sich dann auf sie verlasse, sie würden im Nothfall ihre Schuldigkeit thun, verstand sich von selbst.

Viertes Kapitel.
Der zweite Besuch.

Am nächsten Morgen mit erstem Tagesgrauen war die Sarah Miles schon wieder fast auf der nämlichen Stelle angelangt, wo sie gestern Abend gelegen, und hielt jetzt direkt dem Lande zu, um ihr Boot abzusetzen. Das brauchte auch nur in See gelassen zu werden; die ganze Ladung lag schon bereit, die dafür bestimmte Mannschaft stand gerüstet an Deck und schien selber die Zeit kaum erwarten zu können, wo sie da drüben ihre Thätigkeit beginnen möchte. Rasch wurde auch dem Befehl: »a shore!« Folge geleistet; mit lautem Hurrah hißten sie das kleine Segel, und fort ging es, der Mündung der Bai entgegen. Kapitän Oacutt mochte aber heute seine Leute mit dem einmal gegen die Eingebornen gefaßten Verdacht nicht wieder, so wie gestern, aus Sicht lassen. Daß sie in der Bucht tief Wasser hatten, wußte er schon vom Steuermann, und langsam folgte er deßhalb seinem Boot, um dort entweder zu kreuzen, oder wenn es sicher befunden wurde, auch vor Anker zu gehen.

Brooks steuerte indessen sein Boot der Landung entgegen und wunderte sich nur, daß sie heute gar keine Kanoes zu sehen bekamen. Am Ufer schien dafür eine ungewöhnliche Bewegung zu herrschen; er unterschied mit dem Fernrohr eine Menge Frauen und Kinder. Ob sie die Fremden schon bemerkt hatten? Fahrzeuge zeigten sich aber nicht auf dem Wasser, und der Seemann hielt deßhalb die Gelegenheit für passend, um jetzt so dicht als möglich an das Wrack hinan zu laufen und es ein wenig näher zu untersuchen. Das ging auch leichter, als er selbst geglaubt, denn während sie sich am linken Ufer hielten, wurden sie durch die vorhängenden Büsche desselben verdeckt, ja das Wrack selber stand ein Stück in die Bai hinaus. Der Steuermann ließ auch sein Boot dort anlaufen und kletterte rasch an Deck; aber da war freilich nichts weiter zu sehen, als daß es eine nicht sehr große Brigg gewesen, die jedoch rein ausgeplündert worden, wie sich das in dieser Nachbarschaft auch von selbst verstand. Sogar das Skylight hatten sie abgehoben und weggeführt, und die Kajüte war natürlich blank und leer. Aber auch keine Spur eines Namens fand sich, denn ebenso wie das Namensbrett am Stern herausgebrochen worden, so fehlten auch die beiden Bretter an der Gallion, auf welchen früher wahrscheinlich ebenfalls der Name gestanden, und da am Bugspriet kein Bild, sondern nur eine sogenannte Krulle auslag, ließ sich auch nach der nichts bestimmen. Aber die ganze Eintheilung und Bauart des Fahrzeugs war jedenfalls amerikanisch, auch die Art der Malerei, und der Steuermann wurde durch diese Entdeckung gerade nicht freundlicher gegen die Schwarzen gestimmt.

Uebrigens durfte er sich hier nicht zu lange aufhalten, es half ihm auch nichts, denn an den Hölzern ließ sich nichts weiter erkennen, und sie hätten das schwarze Gesindel am Ufer nur vor der Zeit mißtrauisch gemacht. Rasch deßhalb wieder in das Boot hinabsteigend, stieß er ab, und während er den Leuten unterwegs erzählte, was er oben gefunden, und für welchen Landsmann er das Fahrzeug halte, glitten sie am Ufer hinauf, dem Landungsplatz entgegen.

Daß indessen dort etwas vorgegangen sein mußte, ließ sich nicht verkennen, und je näher sie kamen, desto deutlicher hörten sie das Weh- und Klagegeheul von Frauenstimmen. Vielleicht war es ein Begräbniß, bei welchem die Frauen ja gewöhnlich ihre Trauer laut und oft herzzerreißend kund geben, und sie kamen dann gerade zur rechten Zeit, um der Ceremonie beizuwohnen. Dem Doktor, der das Boot wieder begleitete, fiel es dabei auf, daß er so viele Bewaffnete bemerkte, schwarze Kerle, die mit ihren langen Lanzen überall am Ufer herumstanden und den Platz besonders einzuschließen schienen, in dem die Elephantenzähne lagen. Hatten sie etwa Besorgniß, daß die Weißen einen Angriff darauf machen könnten, oder bedeutete es Schlimmeres?

Der Steuermann schien etwas Aehnliches zu befürchten, denn er gab Befehl, das Segel einzunehmen und zu den Rudern zu greifen. Sie blieben dadurch weit besser Herr ihrer Bewegungen und konnten, wenn es sein mußte, gleich zurück, oder wenigstens in freies Wasser halten. Mit ihren Feuerwaffen wehrten sie dann schon leicht jeden etwaigen Angriff ab. Sonderbarerweise bekümmerten sich aber die Leute am Ufer fast gar nicht um sie, nur ein Platz wurde freigehalten, wo sie landen konnten, und zwar durch Bewaffnete, und die Seeleute sahen jetzt, daß sich Alles um das Gitter oder die Verpallisadirung drängte, um dort hineinzuschauen.

In diesem Augenblick erschien der Dolmetsch an der Landung, und es kam dem Steuermann fast so vor, als ob er über den so frühen Besuch der Weißen etwas verlegen sei – sie waren keinenfalls schon erwartet worden – und was bedeutete das Klagen und Jammern der Weiber? Der Doktor mußte jedenfalls wissen, was da vorgegangen wäre, und frug den Burschen direkt deßhalb. Dieser aber sagte ausweichend: »O nichts – schlechte Menschen giebt es immer – Diebe – bei den Schwarzen, wie bei den Weißen – aber Zambiri ist ein großer und strenger König.«

»Alle Teufel!« rief der Steuermann erschreckt aus, »sie haben doch nicht etwa wieder dem Löwen einen Menschen hineingeworfen?«

»Bloß einen Dieb,« versicherte der Dolmetsch, »hatte dem König Taback stehlen wollen, verdammter Sklave. – Aber da kommt Zambiri – er hat Euch gesehen – bringt nur an Land, was Ihr mitgebracht habt, damit er nicht ungeduldig wird.«

Zambiri schien in der That dem entsetzlichen Schauspiel als eine Art von Morgenvergnügen beigewohnt zu haben. In seinen rothbaumwollenen Königsmantel gekleidet, noch schmutziger und wilder als gestern aussehend, und den Knaben wieder an seiner Seite, der ihm einen großen schweren Speer tragen mußte, kam er eine Leiter heruntergestiegen, die, wie der Doktor jetzt erst bemerkte, oben zu einer Art von Balkon führte. Auf dem hohen Land aber blieb er stehen, er ging nicht bis an das Boot hinunter und verlangte, daß die Weißen zu ihm hinauf kommen sollten.

Der Steuermann hatte keine rechte Lust dazu, er traute dem schwarzen Fleischklumpen nicht über den Weg.

»Wozu habt Ihr alle die Leute mit den Lanzen da stehen?« frug er mürrisch den Dolmetsch, »wir sind friedliche Händler und wollen keinen Krieg mit Euch. Wir sind auch nur Wenige und Ihr Hunderte.«

»Wenn Du Dich fürchtest, weßhalb bist Du zu uns gekommen?« sagte der Schwarze finster, »wir sind auch Freunde der Weißen und wollen Euch keinen Schaden thun.«

»Und wo kommt das Schiff her, dessen Rumpf da draußen liegt?« sagte der Doktor.

»Was geht Dich das Schiff an?« brummte der Dolmetsch; »Zambiri wartet. Wenn ich Euch rathen soll, macht ihn nicht ärgerlich.«

»Hol's der Henker, Mate,« sagte der Doktor, »wir sind einmal dazu hergekommen, und müssen die Sache nun auch ausbaden. Furcht sollen uns die schwarzen – Gentlemen doch wenigstens nicht vorwerfen. Laßt den Koffer hinaufschaffen und Seiner Wohlbeleibtheit die Sachen vorlegen; ich denke, dann wird er schon freundlich werden. Hier unten können wir doch nicht liegen bleiben.«

»Meinetwegen,« sagte der Seemann, »aber,« setzte er leise hinzu, »seid auf der Hut, und bei dem geringsten Zeichen von Verrath nur so rasch als möglich zum Boot hinunter. Dort wollen wir uns schon freie Bahn halten.«

»Und wo habt Ihr die Sachen?«

»Laßt ein paar von Euren Leuten anfassen und sie hinauftragen.«

»Und können das nicht Eure Leute thun?« frug der Dolmetsch.

»Ich will Dir was sagen, mein Bursche,« rief aber nun der Steuermann, jetzt ebenfalls ärgerlich werdend, »die bleiben als Wache im Boot, und wenn Ihr Eure jungen Leute nur dazu braucht, um wilde Bestien damit zu füttern, so laßt sie meinethalben oben. Das ist das Kurze und Lange von der Sache.«

Der Dolmetsch stand einen Moment unschlüssig, aber Zambiri brüllte ihm etwas in seiner Sprache zu, und er gab jetzt rasch ein paar Burschen den Befehl die mitgebrachten Sachen aus dem Boot zu nehmen und zum König hinaufzubringen. Das geschah auch ungesäumt, denn mit dem regierenden Herrn schien heute nicht zu spaßen; er hatte seinen bösen Tag, und es war besser, ihm rasch zu Willen zu sein. Mit den Geschenken durften aber auch die Weißen darauf rechnen, eine freundliche Aufnahme zu finden, und Steuermann wie Doktor schritten jetzt langsam neben dem ziemlich schweren Koffer her, um den Inhalt desselben dem Oberhaupt des Stammes vorzulegen.

Merkwürdig sah der Mensch aus, als er dort aufrecht vor ihnen stand, und der Doktor gestand sich, etwas Scheußlicheres und Unförmlicheres nie im Leben gesehen zu haben. Er war selber nicht übermäßig groß, aber wenn er den Arm ausstreckte, konnte der Wilde recht gut darunter durchgehen, ohne anzustoßen, und Beine sah man dabei fast gar nicht an dem Fleischklumpen, während der eine ausgestreckte Arm, der die Lanze hielt und sich daran stützte, reichlich so dick und fleischig schien, wie ein starkes Bein.

Der Ausdruck seines dicken, geschwollenen Gesichts verrieth auch keinen freundlichen Gedanken und seine Augen flogen mürrisch und trotzig zugleich über die Weißen und schweiften dann von ihnen nach dem Schooner hinüber, der jetzt deutlich unten an der Mündung der Bucht erkennbar war. Da der Steuermann aber keine Zeit verlor und den Koffer rasch öffnete, heiterte sich seine Miene doch etwas auf, denn er mußte wohl sehen, daß ihm die Fremden heute würdigere Geschenke gebracht, als gestern.

Er ließ eine Decke auf die Erde breiten und die Gegenstände darauf legen, und fegte dabei eigenhändig den Platz mit seiner Lanze frei, daß ihm sein eigenes Volk nicht zu nahe rückte. Er traute ihnen wahrscheinlich nicht, und doch mochte sie wohl nur die Neugierde heranpressen, denn die Strafe folgte hier, wie sie eben gesehen, dem Vergehen auf dem Fuße. Zu gleicher Zeit unterhielt sich Zambiri fortwährend mit dem Dolmetsch in seiner eigenen Sprache, oft selbst mit unterdrückter Stimme, und dieser ging dann langsam zu dem Boot hinab, wobei er angelegentlich mit Einigen der Leute sprach.

Dem Doktor gefiel das nicht, und er behielt den Burschen, so viel das irgend anging, im Auge, konnte aber weiter nichts Auffälliges oder Verdächtiges erkennen; ja die Zahl der Bewaffneten in ihrer Nähe schien sich sogar zu verringern, und er bemerkte, wie kleine Trupps von ihnen langsam am Ufer hinabschritten und sich dann in den Büschen verloren. Nur ein Theil der Mädchen und Frauen waren noch bei ihnen geblieben, während das Wehgeheul der Anderen jetzt aus dem Dickicht von Fruchtbäumen heraustönte, das den Platz umschloß, und wo wahrscheinlich ihre Wohnungen lagen.

Im Ganzen mochten vielleicht vierzig »Krieger« zurückgeblieben sein, die hinter und um den König in einzelnen Gruppen standen, und jedenfalls seine Beiwache bildeten.

Der Dolmetsch kam jetzt zurück, und da der König auch wohl die mitgebrachten Gaben zur Genüge gemustert hatte und befriedigt schien – er grunzte wenigstens ein paar Mal still vergnügt vor sich hin – befahl er zweien von seinen Leuten, den Koffer in sein Haus zu tragen, und es begannen nun die Verhandlungen über ein etwaiges Geschäft, wobei der Steuermann erklärte, daß sie einzelne Stücke der Dinge, welche sie gesonnen wären, gegen Elfenbein oder andere Produkte auszutauschen, mitgebracht hätten und dem Häuptling vorlegen könnten.

»Aber wo sind sie?« frug dieser rasch.

»Unten im Boot.«

»Und weßhalb bringt Ihr sie nicht herauf?«

Der Steuermann hatte wohl mit Recht vermuthet, daß der Schwarze Alles, was ihm dort auf die Uferbank gebracht wurde, als Geschenk betrachten und mit Beschlag belegen könne. Er bat deßhalb den Dolmetsch, Seine Majestät zu veranlassen, mit ihm hinunter zum Boot zu gehen, aber der Dicke wollte nicht. Zwei Boten waren schon abgeschickt gewesen, und kamen jetzt mit dem Löwenfell herbei, das sie dort für ihn ausbreiteten, und worauf er sich niederließ, und nun verlangte er, daß ihm die Sachen heraufgebracht und vorgelegt würden, dann wolle er bestimmen, was er dafür geben könne.

Dem Steuermann schien das unbequem, denn alles weiter Mitgebrachte lag lose, oder nur in Stücken Segeltuch eingeschlagen in ihrem Boot, und schickte er Schwarze hinunter, um es herauf zu holen, so war er vor ihren diebischen Händen nicht sicher. Wo sie irgend etwas bei Seite schaffen konnten, thaten sie es gewiß und an wen sollte er sich nachher halten, wie die Thäter herausfinden? Das Beste war immer – denn daß der Dicke jetzt nicht von dieser Stelle zu bringen war, sah er ein – zwei von seinen eigenen Leuten damit zu betrauen. Es blieben immer noch vier im Boot und sie selber dann in zwei gleiche Trupps getheilt. Die Eingebornen zeigten sich dabei so friedlich, daß an eine Gefahr wohl kaum zu denken war, ja es schien fast, als ob der König die übrigen Soldaten nur weggeschickt habe, um ihnen auch jede Befürchtung eines Verraths zu nehmen. Außerdem brauchten sie nur wenige Schritte zum Boot hinab und die gerade ausgehende Ebbe erleichterte ihnen die rasche Verbindung mit dem Schooner ebenfalls.

Der Doktor übernahm es, die Leute herauf zu bringen, und der Dicke schien indeß geduldig die Ankunft derselben zu erwarten. Brooks bemerkte nur, daß die rechts von ihm stehenden Soldaten etwas bei Seite treten mußten, um ihm die Aussicht nach dem unteren Theil der Bucht zu gestatten, wo der Schooner, der bis dahin auf und abgekreuzt war, fest auf einem Punkt zu liegen schien. Er mußte vor Anker gegangen sein, da die stark ausgehende Ebbe und der beinahe eingeschlafene, hier wenigstens von dem höheren Land gebrochene Wind ihm das Segeln wohl unmöglich machte. Der Dolmetsch sprach indessen angelegentlich zu ihm, während Zambiri nach dem Boote sah. Wo hatte jener Bursche auch nur sein Englisch gelernt? Doch sicher auf irgend einem Schiff, dem er nachher davongelaufen, um hier wieder die Sitten und ungezwungene Tracht seines Landes anzunehmen. Dem Steuermann gefiel sein Gesicht auch nicht im Mindesten, und Bosheit wie Trotz lag zugleich darin, während sich der ganze Ausdruck desselben, sobald er mit dem Dicken sprach, in knechtische Unterwürfigkeit verwandelte. Aber es half nichts, sie brauchten ihn eben, und mußten deßhalb mit ihm verkehren, denn der kleine Bursche, jedenfalls ein Sklave des Königs, der den Doktor ebenfalls englisch angeredet hatte, schien sich heute gar nicht an sie heran zu getrauen und blieb nur immer scheu und furchtsam hinter seinem Herrn sitzen, kannte doch der arme kleine Bursche den grausamen Charakter des Mannes gut genug.

Jetzt kehrte der Doktor mit den beiden Matrosen, die einen Theil der Waaren trugen, zurück und der Steuermann breitete sie, während der Dolmetsch die Unterhandlung leitete, vor dem König aus und pries ihm den Werth der Dinge. Bei ihm war, mit der Voraussicht auf einen guten Handel, der Yankee wieder zum Durchbruch gekommen, und er vergaß in dem Geschäft alles Andere.

Allerdings zeigte es sich dabei als Hauptschwierigkeit, dem König begreiflich zu machen, er habe nur Proben vor sich; er wollte die ganzen Waaren vor sich aufgeschichtet sehen, um danach seinen Preis zu bestimmen, und der Dolmetsch hatte nicht geringe Mühe, ihm zu erklären, daß die Sachen an Land geschafft werden würden, ehe er sie zu bezahlen, oder den Werth dafür herauszugeben habe. Er veranlaßte auch, daß ein Elephantenzahn aus des Königs Wohnung herbeigeschafft wurde, um als Maßstab zu dienen und Brooks berechnete sich schon, nach dem was ihm der Dicke zugestand, daß sie ungefähr 500 Prozent Nutzen an ihren Waaren haben würden. Der König bewilligte, wie er nur erst einmal den Handel begriff, einen Zahn nach dem anderen, und besonders für Taback stellte sich der Nutzen ganz enorm heraus.

Aber es zögerte sich auch furchtbar in die Länge, denn wenn Brooks glaubte, sie wären fertig, so ließ Zambiri die ganze Sache noch einmal von vorn anfangen, und wollte dann immer wieder etwas abhandeln. Dabei hatte er sich jetzt so gesetzt, daß er das Fahrzeug draußen immer im Auge behielt, während der Steuermann, den er bald da, bald dort hin rief, die Waaren zu zeigen, der See den Rücken zu drehte.

Neben diesem standen noch die beiden Matrosen als Wächter der umhergestreuten Sachen. Der Doktor aber, dem der Handel langweilig wurde, da er persönlich gar kein Interesse daran hatte, schlenderte langsam nach der Umzäunung hinauf, von woher zu Zeiten das dumpfe Brüllen des Löwen herübertönte. Was war da heute Morgen vorgegangen? Er bekam vielleicht nie im Leben wieder so passende Gelegenheit, um sich den Platz etwas näher zu betrachten, denn von den Leuten achtete Niemand auf ihn, oder legte ihm das Geringste in den Weg. Ein Schauder erfaßte ihn aber, als er den Platz, um den herum schon eine Menge von Aasgeiern ihren Sitz genommen, erreichte, und durch die Spalten in den Palissaden die verstümmelten Ueberreste jenes Unglücklichen entdeckte, den die Grausamkeit des wilden Ungethüms eines erbärmlichen kleinen Diebstahls wegen zum Tod, zu einem solchen Tod verurtheilt hatte.

Dort drüben, dicht neben den Schätzen des Wütherichs, lag der zerstückelte Leichnam, von dessen Anblick sich selbst das Auge des Arztes in Ekel und Mitleiden abwandte, und der jetzt gesättigte Löwe ging mit langen, majestätischen Schritten in der Umzäunung auf und ab, peitschte sich die Flanken mit dem Schweif und leckte sich die Lefzen mit der rauhen Zunge. Die Aasgeier aber warteten nur auf den Moment, wo sich der rastlose König der Thiere zur Ruhe ausstrecken würde, um dann ebenfalls auf die willkommene Beute niederzufallen und ihre Schnäbel einzuhauen.

Und wie scheinbar schwach war eigentlich der ganze Umbau, der das Raubthier einschloß. Wenn es die riesigen Kräfte, die es besaß, genau gekannt hätte, mußte es ja im Stande sein, diesen luftigen Kerker zu durchbrechen. Auch sogar die Thür bestand nur aus roh gezimmerten Balken, die man durch Schnüre oder Streifen ungegerbter Büffelhaut allerdings fest verbunden hatte. Den ganzen Verschluß bildeten jedoch zwei von außen vorgeschobene hölzerne Riegel, während eine Abtheilung im Inneren dazu bestimmt schien, den Löwen in einem Theil des Platzes abzuschließen, um dann ungefährdet zu den Elephantenzähnen zu gelangen. Zwei hölzerne Riegel nur, und nicht einmal ein Pflock war davor geschlagen, um sie gegen einen doch möglichen Zufall zu schützen. Der Doktor versuchte den einen, er ging leicht und bequem; wie aber seine Hand nur die Thür berührte, stutzte der Löwe da drin, wandte sich halb und duckte sich wie zum Sprunge nieder. Er kannte jedenfalls den Ausgang, wenn er ihn auch nicht benutzen durfte.

Dem Doktor wurde es unheimlich der lauernden Gestalt des grimmen Thieres gegenüber; hatte er doch auch schon oft davon gehört, wie furchtbar eine solche Bestie den Menschen wird, wenn sie mit Menschenfleisch genährt, ja nur ein einziges Mal erst Menschenfleisch gekostet habe. Ordentlich erschreckt zog er die Hand zurück und wich von den Pallisaden ab, um ihn selbst nicht zu einem Sprung zu reizen. Wie leicht konnte das vielleicht schon mürbe Holz der Wucht eines solchen Anpralls nachgeben!

Welche Ewigkeit das aber auch da unten mit dem Handel dauerte; es war gar kein Ende abzusehen, und ein Wunder nur, daß der Kapitän nicht ungeduldig wurde. Zwei Stunden saßen sie dort jetzt wenigstens bei einander, und wenn sie schon zu den Proben solche Zeit brauchten, wie sollte es erst nachher werden, wenn die Waaren an Land kamen!

Er wandte sich langsam ab um wieder zurück zu der Gruppe zu gehen, als er den Steuermann plötzlich emporfahren und nach dem Schooner hinüber deuten sah. Fast in demselben Augenblick fiel von dort ein Schuß, und als er sich erschreckt der Richtung zu drehte, bemerkte er, wie die ganze Bai von dunklen Kanoes schwärmte, die alle auf den Schooner zuzuhalten schienen.

Fünftes Kapitel.
Der Löwe.

Doktor Spruce hatte in der Ueberraschung des ersten Augenblicks wirklich gar nicht auf seine unmittelbare Umgebung geachtet, denn im Moment war ihm klar, daß dort ein Ueberfall vorbereitet werde – also Verrath! Aber eben diese Umgebung drang sich ihm selber auf, denn er sollte nicht lange in Zweifel gehalten werden, wie weit die schurkischen Eingebornen am Ufer mit dem feindlichen Angriff da draußen in Verbindung standen.

Wer den Angriff begonnen, konnte er nicht erkennen, aber er sah nur, daß der König selber mit seiner Lanze nach einem der Weißen schlug, während sich der Dolmetsch mit einem Cutlaß, den er jedenfalls dem verdachtlos neben ihm stehenden Matrosen entrissen haben mußte, auf den Steuermann warf und einen Schlag nach ihm führte. Aber er war an den Unrechten gekommen, denn Brooks' Hand hatte fast unwillkürlich schon im ersten Moment den Griff seines Revolvers gesucht, und nicht rascher holte der Schwarze mit der scharfen Waffe zum Schlag aus, als es zweimal schnell hintereinander aus dem Rohr blitzte, und der Eingeborne, wo er stand, in die Kniee brach und zu Boden stürzte. Ehe sich der Seemann aber nur gegen einen neuen Feind wenden konnte, fielen ihm von hinten vier oder sechs riesige Schwarze in die Arme, Andere warfen sich auf die Matrosen; ein Theil unten stürmte gegen das Boot an, und er selber fand sich von etwa einem Dutzend Wilder angegriffen, die mit ihren gehobenen Wurfspeeren auf ihn einsprangen. Allerdings hatte er die eigene Waffe schon in der Faust, und drei Schüsse feuerte er mitten hinein in den Trupp. Einer fiel auch, aber ihre Wurfspeere flogen aus, und er fühlte einen stechenden Schmerz in Arm und Bein.

Fast blind vor Wuth schoß er seine letzten Kugeln gegen die Feinde ab und wandte sich dann zur Flucht. Aber wohin – voraus – nach rechts und links war ihm der Weg abgeschnitten, und nur auf die Umzäunung, die den Löwen barg, trieben sie ihn zu. Und wie brüllte die Bestie, als sie die in ihrer unmittelbaren Nähe abgefeuerten Schüsse und das wüthende Geheul der Eingebornen hörte!

Der Doktor wußte kaum, was er that, denn er sah den Tod von allen Seiten auf sich eindringen. Erbarmen hatte er von den Menschen nicht zu hoffen, und wie von einer unbewußten Gewalt getrieben, floh er der Thür des Käfigs zu, als ob er Schutz suchen wollte bei der Bestie.

Mit einem Jubelruf folgten ihm die Wilden, denn dort konnte er ihnen nicht mehr entgehen; wieder hoben sich die Speere zum Wurf, da riß er, von Verzweiflung getrieben die Riegel der Thür zurück – Rache wollte er haben – nicht allein von der mörderischen Bande hingeschlachtet werden, und wenn er dann untergehen sollte, wenigstens Verderben über seine Mörder bringen.

Kaum hatte er aber die Riegel der Thür erfaßt, als ein wilder, gellender Angstschrei aus der Menge brach – jetzt flog die Pforte auf, und mit einem Sprung stand der Löwe – freudiges Gebrüll ausstoßend, daß es wie dumpfer Donner durch das Thal rollte, auf der Schwelle. Furchtbar schön war auch der Anblick des so plötzlich seiner Freiheit sicheren Thieres, hoch schwang es den buschigen Schweif und hob sich die trotzig geschüttelte Mähne, und flammend kreiste das Auge rings umher, wie nach dem ersten Opfer suchend, während sich der Doktor scheu und selber erschreckt von der so plötzlichen Erscheinung des Raubthiers an die Pallisaden drückte.

Ordentlich zauberhaft wirkte aber die Erscheinung des freien Löwen auf die Bande der Schwarzen. Was kümmerten sie jetzt die Fremden, was ihr eigener so gefürchteter König. Wenn sie der Löwe fraß, war es mit ihnen jedenfalls vorbei, und im Nu stob der ganze Schwarm auseinander. Die dem Wasser Nächsten warfen sich in blinder Angst in die Fluth, Krokodile und Haifische verachtend – die Anderen schossen pfeilschnell über den Boden hin, den nächsten Büschen und Häusern zu – die Bootsmannschaft bekam Luft, und war wahrlich nicht faul, die Gelegenheit zu benutzen. Wen sie erreichen konnten, hieben sie mit ihren Cutlassen zusammen, und die im Boot unten sahen auch in der That den Löwen erst, als er jetzt in langen Sätzen, und sich weder um die flüchtigen Eingebornen, noch die Weißen kümmernd, dem nächsten Dickicht zufloh.

Der Einzige jedoch von Allen, der nicht von der Stelle konnte, und nur starr vor Schrecken und Entsetzen zu dem entfesselten Löwen hinaufstarrte, war Zambiri, der König jener Helden, während sein Knabe in flüchtigen Sprüngen bei den Weißen Schutz gesucht. Der Steuermann ließ ihm aber keine lange Zeit zum Ueberlegen. Denn kaum sah er, daß sie selber den Angriff des Raubthiers nicht mehr zu fürchten brauchten, als er eine der von den Eingebornen weggeworfenen Kriegskeulen aufgriff, und mit den Worten: »Und das für Dich, Du verrätherischer Schurke!« den Dicken dermaßen über den Schädel traf, daß er wie ein Sack zusammenknickte.

»Hurrah!« rief aber jetzt der von oben niederspringende Doktor, »mein Löwe hat uns Bahn gemacht, aber den Dicken in's Boot. An dem haben wir eine Geißel, und beim Himmel, die Schufte sollen bezahlen, wenn sie ihn wieder haben wollen!«

»Das war ein glücklicher Gedanke, Doktor,« rief der Steuermann, »angefaßt, Jungens, daß wir den Fleischklumpen bewältigen können – schlagt ein Tau um und schleift ihn auf dem Sand hinunter – so recht – nur rasch – und dann von Elephantenzähnen in's Boot, was wir laden können, denn die Bahn da oben ist frei.«

»Aber der Schooner!« rief der Doktor.

»Hahaha,« lachte der Steuermann, »seht Ihr nicht, wie unser alter Kapitän zwischen die Schufte hinein gepfeffert hat? Die Drehbasse war ihnen zu viel. Er muß seinen Anker haben sitzen lassen, denn wie ein Wetter war er los und mit dem Segel auch, mitten zwischen der Bande drin. Drei Kanoes sind gesunken.«

Noch während er sprach, hatte er sowohl als der Doktor frische Patronen in ihre Revolver geschoben, indessen die Matrosen mit lautem Hurrah den noch bewußtlosen Körper des Fleischkolosses mit ein paar Enden Tau umschlangen und zum Boot hinabschleiften. Dort kostete es freilich einige Mühe, ihn hinein zu bringen, aber die kräftigen Burschen hoben mit einem gutgewillten Ho! ahoi! und hinein flog der Klumpen in die Jölle und unter die Doften, wo er liegen blieb.

Von den Eingebornen war augenblicklich allerdings nichts mehr zu sehen, aber man wußte doch nicht, wie rasch sie, wenn sie die Gefahr beseitigt glaubten, zurückkehren könnten, und es galt deßhalb rasch zu handeln.

Während der Doktor jetzt den kleinen, zu ihm geflüchteten schwarzen Burschen examinirte, lief ein Theil der Matrosen in die Umzäunung oben, die kein Löwe mehr bewachte, hinein, um die stärksten dort liegenden Elephantenzähne zum Ufer zu schleppen. Sie sahen dabei, wie der Schooner jetzt mit einsetzender Fluth und ziemlich günstiger Brise keck mitten in die Bucht und auf sie zu hielt, und wußten nun, daß sie für ihre Sicherheit nichts mehr zu fürchten brauchten.

Der Kleine erzählte indessen rasch und gedrängt, daß die Eingebornen hier, wie sie es bei diesem versucht, jenes Fahrzeug, an dessen Bord er selber gewesen, geentert, die Mannschaft erschlagen und außer ihm nur zwei Leute, einen Passagier und den ersten Steuermann, gefangen in's Land geschleppt hätten. Die Brigg sei schon länger an der Küste gefahren und sollte viel Elfenbein an Bord gehabt haben; das Meiste, was dort in der Umzäunung lag, stammte daher, denn aus dem Land kam wenig Elfenbein, da Zambiri nur hauptsächlich Sklavenhandel mit portugiesischen Karawanen trieb.

»Und wo waren die Weißen jetzt?«

Der kleine Bursche wußte es nicht zu sagen, denn er hatte von dem Augenblick seiner Gefangenschaft an die unmittelbare Nähe des Häuptlings nicht verlassen dürfen. Es hieß allerdings, wie er meinte, daß weiße Händler, jedenfalls Portugiesen, die Weißen mitgenommen, aber er konnte es nicht verbürgen. Gesehen hatte er sie nie mehr seit der Zeit.

Den Steuermann drängte es wieder fort, um an Bord des Schooners zu kommen; sie durften auch nicht mehr einnehmen, denn das Gewicht Zambiri's allein drückte schon die Jölle. Was noch hinein ging, wurde allerdings geladen, dann aber sprangen die Leute nach, und ruderten, so rasch es die Schwere des kleinen Bootes erlaubte, gegen die Strömung an, auf den Schooner zu.

Sie waren auch nicht ohne Verlust weggekommen, der Doktor hatte zwei Wunden von Wurfspeeren, der Steuermann einen Stich in den Schenkel und der eine Matrose einen Hieb mit einer Keule und einen bösen Stich in der Seite. Schlimmer hatten die Feuerwaffen freilich unter den Eingebornen aufgeräumt, denn fünf von diesen lagen todt oder schwer verwundet auf dem Platz, und Manche der Entflohenen mochten wohl ebenfalls noch getroffen sein.

Doch jetzt war keine Zeit, nach Denen zu sehen; hatten sie sich doch auch die Folgen ihrer Verrätherei nur selber zuzuschreiben.

Und Zambiri, der mächtige König des Landes? Er mochte wohl noch in seinem ganzen Leben in keinen schlimmeren Händen gewesen sein, denn unten im Boot, in einer nichts weniger als bequemen Lage, schienen sich die Matrosen ein Vergnügen daraus gemacht zu haben, die erbeuteten Elephantenzähne quer über ihn wegzulegen, so daß ihm die Last beschwerlich genug fallen mußte. Anfangs fühlte er das freilich nicht, der Schlag hatte ihn betäubt; als ihm aber die Besinnung wiederkehrte, fing er an zu stöhnen und zu grunzen und schrie einzelne Befehle mit zorniger Stimme vor. Er schien noch keine Ahnung zu haben, wo und in wessen Händen er sich eigentlich befand.

Das Boot näherte sich indessen dem Schooner mehr und mehr, und mit einem Hurrah wurde die Mannschaft begrüßt, als sie nur in Rufsweite gekommen waren. Allerdings schien die Gefahr noch immer nicht ganz beseitigt, denn eine Menge von Kanoes schwamm noch in der Bucht und folgte langsam nach, und diese mußten sie allerdings wieder passiren, wenn sie den Rückweg antreten wollten; aber die Eingebornen hatten Respekt vor den Feuerwaffen der Fremden bekommen und getrauten sich nicht wieder nahe hinan. Jetzt wenigstens wurden sie nicht gestört.

Vor allen Dingen wurde nun der schwer verwundete Matrose in einem rasch hergerichteten Stuhl an Deck gehoben, dann folgte das erbeutete Elfenbein und zuletzt der Fleischklumpen Zambiri's, mit dem die Seeleute aber verwünscht wenig Umstände machten. Einer der Leute festigte oben an das Gaffel einen Block, ein Tau wurde hindurchgezogen und dem unglücklichen Fürsten dann unter den Schultern durchgeschlagen, dann zog die Mannschaft mit einem: Oh, jolly men ho! kräftig an, und wenige Sekunden später war Zambiri, schreiend und vor Wuth mit den kurzen Beinen austretend, an Deck gehoben, wo ihn lautes Gelächter der Schoonermannschaft begrüßte.

Steuermann und Kapitän tauschten jetzt ihre Berichte gegen einander aus; Beide aber waren einig darüber, daß es das Beste wäre, nicht über Nacht vor der Stadt liegen zu bleiben, da die Wilden möglicherweise einen neuen Angriff wagen konnten. Aber in kurzer Zeit begünstigte sie auch wieder die ausgehende Ebbe, und bis dahin konnten sie wenigstens einen Versuch machen, einen Theil der feindlichen Schätze als rechtmäßige Beute zu bergen, noch dazu da sie für den Augenblick auch nichts von der Tapferkeit der einzelnen Truppen zu fürchten brauchten. Es war wenigstens kein einziger von ihnen auch nur zu sehen, und da der Platz fast unmittelbar am Ufer lag, eine Landung leicht und fast sicher auszuführen.

Zu einer solchen Arbeit sind die Matrosen immer leicht zu bekommen. Gefahr? was kümmerte sie die, wenn es galt, irgend einen tollen Streich auszuführen, und wie ihnen nun die Kameraden von der Umzäunung erzählten, in welcher der Löwe die Wache gehalten und wo die prachtvollen Elephantenzähne aufgeschichtet lägen, waren sie kaum mehr zurückzuhalten.

Indessen verfolgte der Schooner ruhig seine Bahn stromauf, und vorn am Bug stand der Steuermann, das Fernrohr am Auge, um das Land nach jeder Richtung hin abzusuchen. Aber nirgends war auch nur ein lebendes Wesen zu erkennen; der an dem Morgen noch so rege Platz schien wie ausgestorben, und nur die aus den Büschen aufragenden Giebel und Dächer verriethen, daß jene Strecke bewohnt sei – sonst wirbelte von keiner einzigen Feuerstelle selbst nur Rauch empor. Der Löwe hatte Wunder gewirkt.

Allerdings war es unter der Zeit schon ziemlich spät geworden, aber noch stand die Sonne am Himmel, und ein Versuch zur Landung konnte jedenfalls gemacht werden. Der Kapitän beorderte auch das zweite Boot auf's Wasser, was rasch geschehen war, und während der Schooner hier in vollkommen ruhiger, unbewegter See vor einem Nothanker lag, stießen sie ab und ruderten dem Land entgegen. Es wurde auch keine Vorsicht dabei versäumt, einem etwaigen Hinterhalt zu begegnen; die Leute gingen bis an die Zähne bewaffnet, und der Kapitän war dabei im Stande, mit seiner Drehbasse das ganze Ufer zu bestreichen.

Mit einem lauten Hurrah stürmten die Burschen, sobald die kleinen Fahrzeuge nur das Land berührten, die Bank hinauf und von dem Steuermann geführt der Umzäunung zu, wo sie sich dann freilich nicht zu den hier aufgehäuften Schätzen nöthigen ließen. Genau genommen war es vielleicht Raub, aber die verrätherischen Schwarzen mußten auch gezüchtigt werden, und wären sie Sieger geblieben, so würde wohl kaum ein Mann der Besatzung mit dem Leben davongekommen sein. Die moralische Seite der Frage beschäftigte die Leute aber auch in der That nur sehr wenig. Allerdings schauderten sie, als sie den Platz zuerst betraten und die indeß herbeigestrichenen Aasgeier von ihrem eklen Mahl verjagten; der verstümmelte Körper jenes unglücklichen Sklaven sah auch entsetzlich aus – aber sie durften sich nicht dabei aufhalten. Schon sank die Sonne hinter den Wipfeln der Bäume, und die Dämmerung ist gar kurz in diesen Ländern. So faßten sie denn auf, was sie erreichen konnten, und hatten erst zum zweiten Mal den Weg gemacht, als ihnen der Kapitän schon wieder das Zeichen zur Abfahrt gab. Es dunkelte, und er wollte seine Leute nicht der Gefahr eines Ueberfalls aussetzen.

Sechstes Kapitel.
Der Gefangene.

Unter der Zeit hatte aber auch der gefangene Häuptling sein volles Bewußtsein wieder erlangt und schäumte ordentlich vor Wuth, als er sich, gebunden und zu Boden geworfen, in der Gewalt seiner weißen Feinde sah. Aber die Seile hielten und schnitten ihm nur tief in die Fettwulsten seiner Glieder ein, und zu seinen Füßen saß, mit Schadenfreude in den dunklen Zügen, der Knabe und beobachtete vergnügt die machtlosen Anstrengungen des einst so gefürchteten Mannes.

Kapitän Oacutt lag aber weit weniger daran, dieß schwarze unförmliche Menschenbild zu quälen, als durch ihn seinen Zweck zu erreichen, nämlich die gefangenen Weißen zu befreien, falls sich diese noch in der Gewalt der Eingebornen befinden sollten. Es dauerte freilich lange, bis er Zambiri so weit brachte, ihm Rede zu stehen, und auf's Neue gerieth dieser außer sich, als er den Knaben, den er gewohnt war als Sklaven zu mißhandeln, frei und trotzig neben sich stehen und ihn verhöhnen sah. Aber er fühlte doch auch, wie machtlos er jetzt sei, und gab sich endlich ruhig in sein Schicksal. Allerdings wollte er Anfangs auf die an ihn gerichteten Fragen – wobei jetzt der Knabe als Dolmetsch gebraucht wurde, nicht antworten; als ihm dieser aber sagte, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder erlangen könne und die Weißen ihn sonst mit in ihr Land als Sklaven schleppten, wurde er geschmeidiger.

Zuerst leugnete er freilich, von dem Wrack, wie den darauf befindlich gewesenen Weißen das Geringste zu wissen; endlich aber gestand er ein, daß sie Krieg mit ihnen geführt, weil die Weißen seine Unterthanen als Sklaven hätten fortführen wollen. Auch das gab er zu, daß sie zwei von ihnen gefangen an Land gehabt hätten, aber sie wären vor Kurzem mit einer portugiesischen Karawane fortgegangen, und er wüßte nichts weiter von ihnen.

Der Kapitän sagte ihm jetzt, daß er nur dadurch seine Freiheit wieder erlangen könne, wenn er die beiden Weißen herbeischaffe, denn er würde seinen Lügen nie glauben. Zambiri blieb aber bei seiner Behauptung und forderte die Weißen auf, den Knaben hinüber zu schicken und dort selber nachzufragen. Alle Eingebornen würden seine Aussage bestätigen.

Das war übrigens leichter gesagt, als ausgeführt, denn beide Boote befanden sich gerade an Land und die Leute dort emsig genug beschäftigt. Ueberdieß durfte er sie nicht länger drüben lassen, denn schon setzte mit der Abenddämmerung ein leichter dünner Nebel ein, der den freien Blick auf einige Entfernung hemmte. Unter dem Schutz desselben hätten die Wilden recht gut plötzlich vorbrechen können, und er war sogar der Gefahr ausgesetzt, daß sich der Nebel dichte und er den Weg nicht mehr aus der Bucht hinaus fand. – Für heute hatten sie jedenfalls ihre Arbeit hier gethan; er gab das Zeichen zur Abfahrt, und als die Boote an Bord zurückkehrten, kam der leichte Anker in die Höhe und der Schooner trieb langsam mit der Ebbe stromab und wieder in See hinaus.

Zambiri heulte laut auf, als er die Bewegung sah und jetzt bemerkte, daß sie weiter und weiter ab von seinem Reiche trieben, aber Niemand achtete auf ihn. An der Mündung der Bai fischte die Sarah Miles ihren vorher an einer Buoye gelassenen Anker wieder auf und hielt dann auf's Neue in offenes Wasser hinaus, wo sie keinen Angriff zu fürchten brauchte.

Erst am nächsten Morgen kehrte sie zurück, aber nicht wieder in die Bucht, in die sich der Kapitän nicht mehr hineinwagen mochte, sondern gegen das untere Ufer hielt er an, wo sie jetzt Eingeborne entdecken konnten. Wie aber nur das Boot ausgesetzt wurde, flohen sie in den Wald hinein und es hatte nicht geringe Schwierigkeiten, sie zu überzeugen, daß man keine Feindseligkeit beabsichtige, sondern nur zu unterhandeln wünsche. Der Knabe, obgleich er sich Anfangs dagegen sträubte, weil er fürchtete, daß man ihn zurückhalten würde, mußte endlich allein an Land, und es gelang ihm auch, Einzelne der tapferen Krieger zum Stehen zu bringen.

Die Auskunft, die er von diesen erhielt, lautete aber wirklich ganz ähnlich so wie die, welche ihnen schon Zambiri gegeben. Die beiden gefangenen Weißen hatten, weil sie immer krank waren und keine Arbeit verrichten konnten, mit den portugiesischen Händlern vor etwa drei Monaten das Land verlassen, und Niemand wußte zu sagen, wo sie jetzt wären – jedenfalls aber weit von hier.

Damit kehrten die Botschafter an Bord zurück, denn was hätte ihnen ein längerer Aufenthalt am Lande genützt? Aus Zambiri selber war ebenfalls nichts weiter heraus zu bekommen. Jetzt, mit der Todesangst, daß er fortgeschleppt werden sollte, war er auch mürbe und zahm geworden und unter Thränen schwur er, daß er die Wahrheit gesprochen – würde er den Fremden doch gern hundert Gefangene für seine eigene Freiheit gegeben haben. Er bot ihnen auch wirklich so viele von seinen eigenen Leuten als Sklaven an, wenn sie ihn wieder an's Ufer setzen wollten, und erklärte dabei, auf jeden Handel einzugehen, den sie vorschlagen würden. Oacutt traute aber dem Burschen nicht und wollte auch keine Sklaven haben. Mitnehmen konnten sie ihn aber nicht, was sollten sie mit dem Koloß an Bord thun, und der Knabe wurde deßhalb noch einmal an Land geschickt, um wenigstens ein Lösegeld für den König zu erhalten.

Zuerst sollten die Eingebornen die noch in der Umzäunung lagernden Elephantenzähne, welche die Matrosen gestern nicht alle fortgeschafft, zum Ufer herunterbringen, und ebenso den Koffer mit Geschenken, den er gestern erhalten – außerdem aber sämmtliche Sachen, die sie von jenem Fahrzeug der Weißen geraubt und die sich in Zambiri's Wohnung befanden.

Unter der Zeit hatte sich auch wieder eine Zahl von Eingebornen am Ufer versammelt, denn sie sahen wohl, daß die Weißen keine feindseligen Absichten mehr zeigten, und kamen jetzt, wahrscheinlich um ihren gefangenen König loszubitten. Uebrigens schienen sie sämmtlich bewaffnet, als ob sie doch noch einen Angriff der Fremden fürchteten, und da Oacutt auch das letzte Mißtrauen zu zerstreuen wünschte, so wurde der Doktor, den Knaben als Dolmetsch bei sich, mit einer weißen Flagge hinübergesandt. Der Steuermann nämlich konnte nicht gehen, da ihn seine Wunde zu sehr schmerzte.

Die Bedingung, die Spruce zu stellen hatte, lautete, daß die Eingebornen das »Lösegeld« am Ufer niederlegen und sich dann entfernen sollten. Die Weißen würden es dort in Empfang nehmen und ihren König dann ungesäumt an Land setzen.

Das Boot näherte sich, dieser Masse von Eingebornen gegenüber, nur höchst vorsichtig dem Ufer, und der Doktor hielt es für gerathen, selbst vornhinein zu treten und die Fahne zu schwenken, damit sie sähen, daß sie in friedlicher Absicht kämen.

Die Eingebornen standen indessen still und regungslos etwa hundert Schritt vom Ufer ab und unmittelbar vor dem nächsten Dickicht, wahrscheinlich um dort, wenn es etwa nöthig werden sollte, gleich hinein zu tauchen, und nur erst als das Boot, das aber vorsichtigerweise nicht auflief, sondern flott blieb, den Strand berührte und der Doktor, die Fahne in der Hand und nur den Knaben als Dolmetscher an seiner Seite, an's Ufer sprang, kamen drei der Schwarzen, aber ohne Waffen, zum Wasserrand herab, um zu hören, was die Weißen von ihnen wollten.

Der kleine Bursche richtete dabei die Botschaft aus, indem es ihm der Doktor auf Englisch vorsagte und er die einzelnen Theile übersetzte, und sie hörten ihn ruhig und aufmerksam an. Als er aber geendet, erwiederten sie, daß sie sich darüber erst mit dem Stamm berathen müßten – sie sollten nur ein wenig warten, sie kämen gleich wieder zurück.

Damit gingen sie und der Doktor machte sich schon auf eine lange Wartezeit gefaßt, denn daß die Eingebornen einen schwierigen Stand mit dem dicken König selber bekamen, wenn sie all' sein Eigenthum – und sei es auch zu seiner eigenen Rettung – hergaben, ließ sich denken. Sie schienen aber weniger Zeit zu brauchen, als er selber geglaubt, denn obgleich die Unterhandlung da oben ziemlich stürmisch herging und viel und laut gesprochen wurde, dauerte sie doch kaum eine volle Viertelstunde. Dann kamen die schwarzen Botschafter wieder zurück und ihre Antwort lautete in der Uebersetzung etwa folgendermaßen:

»Unser König war Zambiri. Er war blutdürstig und grausam. Er hat viele unserer jungen Leute hingeschlachtet und an die Weißen verkauft; wir waren Alle seine Sklaven. Ihr habt ihn weggenommen und auf euer Schiff gebracht – das ist gut. Behaltet ihn. Wir haben einen andern König gewählt und Alles, was dem früheren gehörte, ist jetzt sein Eigenthum. Wir wollen auch keinen Krieg mit den Fremden oder mit einem andern Stamm – wir wollen Frieden – Llefugo hat gesprochen.«

Der Doktor lachte gerade hinaus, als ihm der Knabe die Antwort übersetzte. Das war ein liebender Volksstamm, der sich herzlich freute, den Landesvater los zu werden, und nicht einen Elephantenzahn geben wollte, um ihn wieder zu bekommen. – Und was nun? Würdevoll aber standen die Abgesandten vor ihm. Sie hatten ihren Auftrag ausgerichtet und kein ferneres Interesse an der Sache. Eine weitere Verhandlung zeigte sich auch als völlig zwecklos, denn die Eingebornen ließen sich auf nichts mehr ein. Die Weißen mochten Zambiri mit fortnehmen, wenn es ihnen Freude machte; sie hatten einen andern König und wollten keinen Krieg.

Dabei winkte der Sprecher mit der Hand, und als thatsächlicher Beweis des eben Gesagten kamen eine Anzahl Frauen und Kinder, Anfangs zwar noch schüchtern, aber dann doch zutraulicher werdend, an die Landung herunter und brachten Körbe mit Früchten, Mangas, Cocosnüsse, Eier, junge Hühner und Ferkel, die sie zum Tausch anboten. Eine solche Aushülfe war nun allerdings erwünscht, und der Doktor hatte auch schon zu dem Zweck eine Partie Schmuck, Kattun und Tabak im Boot, was er ungesäumt gegen frische Provisionen eintauschte. Von ihrem König wollten sie aber nichts weiter hören – Zambiri war ihr König nicht mehr, wie sie sagten, und nur ein böser, schwarzer Mann, den die Weißen verkaufen sollten, wenn sie Lust hätten – sie wollten ihn aber nicht.

Damit fuhr der Doktor an Bord zurück und überraschte seinen Kapitän mit der allerdings unerwarteten Nachricht. Vollkommen wie rasend geberdete sich dagegen Zambiri selber, als ihm der Kleine mit boshafter Schadenfreude das wieder erzählte, was sein treues Volk über ihn gesagt, und als er hörte, daß sie an Land einen neuen König gewählt, fing er so an zu wüthen, daß die Matrosen endlich ein Stück Segeltuch über ihn herwarfen und ihn festhalten mußten, er hätte sonst, trotz seiner Bande, ein Unglück angerichtet.

Kapitän Oacutt kratzte sich den Kopf und lief auf seinem Quarterdeck mit raschen Schritten auf und ab. – Daß die hier früher gefangen gehaltenen Weißen den Platz wieder verlassen hatten, schien vollkommen sicher zu sein, denn halb und halb bestätigte das ja auch die Aussage des Knaben; was aber sollten sie jetzt mit dem Fleischklumpen an Bord machen, den sein eigenes Volk nicht einmal wieder haben wollte? Ihn mitnehmen? – Er wäre ihnen eine nutzlose Last gewesen – und über Bord werfen? – Verdient hätte er es, denn sein Steuermann saß mit einer häßlichen Wunde an Deck, und der eine Matrose war so bös getroffen, daß der Doktor schon bei dem ersten Verband bedenklich mit dem Kopf schüttelte. – Aber es ging doch nicht. Gefangen durfte er ihn nehmen, aber über den Gefangenen stand ihm kein Recht auf Leben und Tod zu.

»Ei, zum Henker!« rief da der Kapitän plötzlich aus, indem er stehen blieb und sich gegen den Doktor wandte, »was geht uns denn hier die ganze Bande an, ob sie ihren König wieder haben wollen oder nicht; wir können ihn keinenfalls gebrauchen und seinethalben auch keine Stunde länger an der Küste bleiben. Zimmermann, nehmt Euch einmal zwei Leute in die kleine Jölle und setzt mir den Fettfleck an Land – mir wird übel, wenn ich das Ungethüm sich da noch länger wälzen sehe.«

»Und der Junge, Kapitän, soll der auch wieder mit fort?«

»Wenn er will, meinetwegen.«

Der Knabe hatte der für ihn verhängnißvollen Frage mit augenscheinlichem Erschrecken gelauscht, jetzt aber warf er sich vor dem Kapitän nieder und bat in so angstgepreßten Tönen, nicht wieder jenem grausamen Manne überliefert zu werden, daß der Seemann endlich sagte: »Gut, da bleib', ich hab' nichts dagegen, aber nun auch rasch, daß wir den dicken Burschen von Bord kriegen. Bindet ihn los, Zimmermann, und sag' ihm, mein Junge, daß er an's Ufer soll; nachher mag er sehen, wie er selber mit seinen Leuten fertig wird.«

Der Befehl wurde rasch ausgeführt; während die Leute den abgesetzten König losbanden, sagte ihm der Knabe, daß er frei sei und an Land gehen könne; dann schnürten sie ihm ein Tau um den Leib, ließen ihn wieder in's Boot hinunter und wenige Minuten später ruderten sie den Koloß zum Ufer hinüber.

Jetzt aber band sie auch nichts mehr an die Küste, und dem Kapitän lag selber daran, so rasch als möglich wieder fortzukommen. Noch während die Jölle unterwegs war, wurde das andere größere Boot an Bord genommen und der Anker gehoben, und indeß der Kapitän die dazu nöthigen Befehle gab, stand der Doktor an der einen Want, das Teleskop am Auge, und sah nach der Landung hinüber, um zu beobachten, wie König Zambiri von seinen treuen Unterthanen empfangen werden würde.

Die Eingebornen am Ufer hatten sich indeß zum großen Theil zerstreut, denn sie hielten nach ihrer gegebenen Erklärung die Sache wahrscheinlich für abgemacht. Ein Theil von ihnen war aber doch noch zurückgeblieben, um den Schooner und dessen Abfahrt zu überwachen, und diese wurden jetzt plötzlich aufmerksam, als sie das Boot noch einmal zur Küste zurückkehren sahen. Was es enthielt, vermochten sie freilich nicht gleich zu unterscheiden, da man den Schwarzen auf der ihnen entgegengesetzten Seite des Schooners niedergelassen; aber vorsichtig näherten sich die zuerst Gesandten wieder dem Strande. Da verrieth ihnen das rothe, jetzt freilich arg zerrissene Oberhemd ihres früheren Königs Zambiri vor der Zeit dessen Anwesenheit, und einen lauten Schrei ausstoßend liefen sie zu den Ihrigen zurück, um ihnen wahrscheinlich die Entdeckung mitzutheilen.

Jetzt kam Leben in den Schwarm. Der Doktor bemerkte, wie nach allen Seiten Leute abgeschickt wurden, die pfeilschnell über den Boden schossen, indeß die Schaar der Bewaffneten mit ihren Lanzen und Schilden näher zum Strand hinunterrückte. Dem Zimmermann wurde auch, wie er später erzählte, nicht ganz wohl im Boot, und es lag ihm gar nichts daran, den jetzt jedenfalls gereizten Eingebornen zu übermäßig nahe zu kommen. Darin begünstigte ihn aber die indessen stark eingetretene Ebbe; gleich unterhalb bemerkte er einen etwas weiter auslaufenden Sandstreifen, auf den er augenblicklich zuhielt, und hier bekam Zambiri die Ordre, wie nur der Kiel den Sand berührte, auszusteigen und seinen Weg allein fortzusetzen – was schadete es auch, wenn er mit seinen bloßen Beinen nasse Füße bekam.

Zambiri schien keine rechte Lust zu haben, denn das ganze Benehmen seiner Unterthanen am Ufer mochte ihm ebenfalls nicht gefallen – aber es blieb ihm keine Wahl, denn weit mehr fürchtete er an Bord zurückgeschafft zu werden. Er stieg aus, im Nu schoß das dadurch fast um die Hälfte seines Gewichts erleichterte Boot wieder zurück in tiefes Wasser, und Zambiri, den zerfetzten rothen Mantel um die Schultern, stand an der Spitze der Sandbank und starrte nach dem Ufer hinüber.

Das Boot hielt sich nicht auf; rasche kräftige Ruderschläge brachten es zum Schooner zurück, und während es dort eingehakt und an der Seite aufgezogen wurde, kam auch der Anker herauf und der Bug der Sarah Miles schwang langsam mit der Strömung herum der offenen See entgegen.

Noch stand Zambiri am Strand, und eben so fest behaupteten die Krieger oben ihren Platz. Jetzt aber mochte er doch wohl fühlen, daß er dort draußen nicht länger bleiben könne, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Einen Blick warf er nach dem Fahrzeug der Weißen zurück, dessen Segel sich voll ausblähten und an dessen Bug sich schon das Wasser zu kräuseln begann – dann drehte er sich um und schritt entschlossen die Uferbank hinauf.

Jetzt regte sich auch da oben die dunkle Masse – der Doktor konnte noch erkennen, obgleich sich die Entfernung mit jedem Augenblick vergrößerte, daß von allen Seiten mehr Bewaffnete herbeiliefen. Da dröhnte plötzlich, bis zu ihnen selbst hinaus, ein einziger gellender Aufschrei aus Aller Kehlen, und wie ein Schatten über einen von der Sonne beschienenen Plan wälzte sich der dunkle Schwarm dem König entgegen.

Dieser warf die Arme empor, dann verschwand Alles in einem wilden Gewirre von schwarzen Gestalten, und als sich diese endlich wieder zum Ufer hinaufgezogen, blieb nur ein einziger dunkler Punkt auf dem hellen Untergrund des Strands zurück.

Der Doktor schob sein Glas noch etwas mehr zusammen, um den Punkt in den Fokus zu bekommen.

»Nun, Doktor, wie ist's?« lachte der Kapitän; »können Sie noch was erkennen? – Wie haben sie unsern Dicken aufgenommen?«

»Dort liegt sein unbeholfener Leichnam am Strand,« sagte der Doktor, indem er das Glas zusammenschob, denn die Entfernung wurde jetzt zu groß, »und wenn die Fluth wieder steigt, wird sie ihn in die See schwemmen.«

»Ein fetter Bissen für die Krokodile!« lachte der Seemann. »Alle Wetter! das erste, das ihm begegnet, bekommt ein richtiges Maul voll – ein Glück nur, daß er uns zu seinen Erben eingesetzt. Aber was haben sie mit ihm gemacht?«

»Ihm wahrscheinlich ihre Lanzen in den Leib gerannt,« nickte der Doktor. »Sonderbar doch; vorher hatte er nicht mehr Macht und Gewalt über sie als jetzt, und doch duldeten sie Alles und ließen sich verkaufen und abschlachten, wie es dem grausamen Tyrannen gefiel. Jetzt, da der Nimbus gefallen ist, der ihn umgab, rennen sie ihm ihre Speere in den Leib und lassen den Kadaver draußen auf dem Sande liegen.«

»Menschennatur,« sagte der Yankee gleichgültig. »Na, wir sind ihn wenigstens los und haben keine Verantwortung. Die Brise frischt auf, Doktor – ich denke, jetzt halten wir gerade auf das Kap zu.«

Der Schooner neigte sich vor dem frisch einsetzenden Wind auf die Seite und flog schäumend durch die leichtbewegte Fluth. Vom Land aus hatten ihm die Eingebornen nachgesehen, aber er wurde kleiner und kleiner und verschwand endlich wie ein lichter Punkt am Horizont.