Der Mexikaner.
Peruanische Erzählung.

Erstes Kapitel.
Die verlassene Frau.

In Lima lebte im Jahr 1850 in einem kleinen Häuschen in der Vorstadt eine arme deutsche Schusterfrau, der es außerordentlich knapp zu gehen schien, denn sie war von ihrem Mann verlassen worden und hatte sich nun hier draußen bei einer armen peruanischen Familie einquartieren müssen. Sie ging auch, besonders in deutsche Häuser, plätten und nähen und suchte sich wirklich auf ehrliche Art ihr Brot zu verdienen, wobei sie denn von den wenigen deutschen Familien nach Kräften unterstützt wurde.

Der Mann war – so viel wußte man – im Jahr 48, als die erste Nachricht der in Kalifornien entdeckten Schätze nach Peru drang, plötzlich verschwunden, und sollte in Callao – dem Hafen von Lima, kurz vor der Abfahrt eines nach San Francisco bestimmten Schiffes gesehen worden sein. Der Verdacht lag also sehr nahe, daß er sich auf diesem entfernt habe, um, wie tausend Andere, sein Glück in den Minen zu versuchen. Daß er die Frau dabei in den dürftigsten Umständen und fast ohne einen Dollar Geld zurückließ, war natürlich schlecht, aber es wäre doch wohl noch zu entschuldigen gewesen, wenn er sich nur später um sie gekümmert, wenn er nur einmal etwas Geld geschickt oder wenigstens einen Brief geschrieben hätte.

Aber Nichts dem Aehnliches erfolgte, und die arme Frau mußte zuletzt die Hoffnung aufgeben, ihren Mann je wieder zu sehen und von ihm Hülfe zu erhalten. Allerdings erkundigte sie sich – als nun fast zwei Jahre vergangen waren, und viele Peruaner aus den kalifornischen Goldminen zurückkehrten, bei Jedem wohl nach dem Verlorenen und ob sie ihn nicht in Kalifornien getroffen hätten – aber, lieber Gott, Kalifornien war groß und die dorthin gegangenen Goldwäscher staken oben in den Gebirgsschluchten, wohin weder Weg noch Steg führte; wer sollte sie dort finden. Man konnte Monate lang in ihrer unmittelbaren Nähe sein und bekam sie trotzdem nicht zu sehen. Es wußte ihr auch Niemand auch nur den geringsten Trost oder Anhaltepunkt zu geben – sie mußte sich selber trösten, vielleicht kehrte er, wie die Meisten sagten, einmal ganz plötzlich mit einem großen Sack voll Gold zurück, und dann hatte alle ihre Noth ein Ende.

Aber er kam nicht – Woche nach Woche verging, wie Monat nach Monat vergangen war, und die verlassene Frau beschloß endlich, in ihre Heimath nach Deutschland zurückzukehren, wo ihr noch wohlhabende Verwandte lebten; die einzige Schwierigkeit schien nur die, ein Schiff zu bekommen, das sie für eine mäßige Passage hinüber brachte. Aber auch das fand sich endlich. Ein in Callao ankernder hamburger Kapitän hatte von dem Schicksal der Deutschen gehört, und als er sie zufällig einmal bei Bekannten traf und sie ihm ihre Noth klagte, erbot er sich freundlich, sie gegen einen sehr mäßigen Preis hinüber zu schaffen.

Viel trug dazu auch ihr Aeußeres bei – Frau Bockenheim mußte in ihrer Jugend wirklich einmal schön gewesen sein, und sie war selbst jetzt noch, in den dreißiger Jahren, eine hübsche, stattliche Frau zu nennen. Früher galt sie auch unter den übrigen Handwerkerfamilien für stolz und hochfährig; sie trug gern seidene Kleider und putzte sich manchmal so heraus, daß man in ihr nie eines Schusters Frau vermuthet haben würde. – Das hatte sich freilich jetzt durch ihren Nothstand gründlich gelegt; von dem Moment an, wo sie sich abhängig von fremden Leuten fühlte, wurde sie eine ganz Andere. Sie ging höchst einfach, nur in die billigsten Stoffe gekleidet, und schränkte sich wirklich nach Möglichkeit ein, um nur keine Schulden zu machen. Trotzdem verkehrte sie aber wenig oder gar nicht mit ihres Gleichen – mit anderen Handwerkerfrauen – von denen sie auch in der That keinen Verdienst erwarten konnte.

Jetzt hatte das überhaupt aufgehört und sie begann das Letzte zu thun, was ihr übrig blieb, um ihre Passage zu bezahlen, nämlich die Ueberreste ihres kleinen Hausstandes zu verkaufen. Da aber das zu langsam ging, denn das Schiff wollte segeln, so setzte sie endlich eine Auktion an, auf welcher auch das Handwerksgeräth ihres Mannes losgeschlagen wurde. Was sollte sie auch damit machen? Der Verlorene kehrte doch nicht wieder.

In Lima hatte sich indessen das Schicksal der Schusterfrau und ihre Absicht, Peru zu verlassen, ausgesprochen, und schon aus Mitleiden mit ihrem Schicksal besuchten Viele die Auktion, so daß die oft werthlosen Gegenstände noch zu einigermaßen gutem Preis verkauft wurden.

Die Auktion war vorüber; die letzten Sachen waren abgeholt; nur noch ein Koffer und ein Reisesack standen in dem öden Raum, und die Frau hatte eben einen kleinen Knaben aus dem Haus nach einem Peon oder Diener geschickt, um sie forttransportiren zu lassen, als draußen ein Schritt auf der Treppe laut wurde. Sie glaubte, es wäre der erwartete Packträger, und noch seufzend einen Blick in den Räumen umherwerfend, in denen sie so manche einsame und traurige Stunde verlebt, sagte sie:

»Da, Freund – nehmt die Sachen und tragt sie mir –«

»Bertha,« flüsterte da eine Stimme, die ihr das Blut zum Herzen zurückdrängte, und als sie sich erschreckt danach umwandte, stand ein mit einem Poncho behangener fremder Mann auf ihrer Schwelle. Sie kannte ihn nicht – er trug einen großen dunklen Bart und den Hut fest in die Augen gezogen, rührte sich auch nicht, und nur als sie ihn erstaunt anstarrte, wiederholte er, mit der nämlichen Stimme das eine Wort, das ihren Herzschlag stocken machte: »Bertha!«

»Um der Wunden Christi Willen!« stöhnte die Frau, »wer ist denn das der – der meinen Namen –«

»Und kennst Du mich nicht mehr?«

»Ja – wach' ich denn oder träum' ich – Casper?«

»Hab' ich mich denn so verändert?« lachte er und streckte ihr die Arme entgegen, aber mit einem lauten, gellenden Freudenschrei stürzte sie auf ihn zu und umschlang ihn krampfhaft mit ihren Armen.

»Casper! Du bist's – Du – und oh mein Gott, wie lange hast Du mich warten lassen – oh wie ewig lange. Wo, wo bist Du nur gewesen?«

»Und wenn ich ein klein wenig später gekommen wäre,« lächelte der Mann, ohne die Frage für jetzt zu beantworten, »so hätte ich Dich am Ende gar nicht mehr getroffen. Du wolltest verreisen –«

»Nach Deutschland zurückkehren!« rief die Frau, »was sollte ich länger allein hier in dem fremden Land? Ich hielt es nicht mehr aus und mußte Dich ja todt glauben, da Du mir nicht ein einziges Mal geschrieben. – Ach, das war nicht Recht, Casper.«

»Ja, schreiben,« nickte dieser, »liebes Kind! Wo ich mich die ganze Zeit herumgetrieben habe, gab es weder Feder noch Dinte noch Papier, viel weniger Posten, und ich hätte einen Brief selber nach San Francisco tragen müssen.«

»So warst Du die ganze Zeit in Kalifornien?«

»Gewiß war ich –«

»Und hast Du Glück gehabt?«

Der Mann schwieg und sah sie mit einem Blick an, der ihr ordentlich bis in's innerste Herz hinein stach – mit einem Blick, wie sie ihn noch nie von ihm gesehen. Ueberhaupt kam er ihr so merkwürdig verändert vor. Machte das vielleicht der große schwarze Bart, den sie allerdings nicht an ihm gewohnt war? – und er sah dabei so bleich aus – so düster. – Er hatte jedenfalls Unglück gehabt und kehrte als armer Mann zurück.

»Oh mein Gott,« stöhnte die Frau, als ihr der Gedanke kam, »und jetzt hab' ich all' das Unsere, selbst Dein Handwerkszeug, um einen Spottpreis verkauft – Nichts ist mir geblieben, als meine Kleider und Wäsche und die paar hundert Thaler, die ich für die Ueberfahrt zahlen wollte.«

Da zuckte es wie ein Lächeln über des Mannes Gesicht, und er sagte:

»Gott sei Dank, daß wir den alten Plunder los sind, wir hätten ihn doch nicht mehr gebrauchen können.«

»Nicht mehr gebrauchen können, Casper?« wiederholte die Frau erstaunt, »ich weiß nicht, Du – Du bist so sonderbar – ich begreife Dich nicht.«

»Weil ich mit einem ganzen Sack voll Gold zurück komme, Schatz,« lachte der Mann laut auf.

»Mit einem Sack voll Gold?«

»Was ich Dir sage – unsere Noth hat nun aufgehört – ich habe Glück, viel Glück in den Minen gehabt – unserer Zwei trafen eine enorm reiche Stelle – aber das Alles erzähle ich Dir später. – Was will der Bursche da?«

Während er noch sprach, war ein Peon auf der Schwelle der weit offen stehenden Thür erschienen und sah in's Zimmer herein.

»Die Sennorita hat einen Mann verlangt, um ihr Gepäck fort zu tragen.«

»Ach ja – bueno –« rief der Zurückgekehrte »du, guter Freund, schultert einmal die Sachen und tragt sie in das amerikanische Hôtel – oder wir gehen besser gleich mit, denn hier haben wir doch wohl Nichts weiter zu thun, Schatz, wie?«

»Es ist Alles fort, selbst der letzte Stuhl –«

»Also gänzlicher Ausverkauf,« lachte der Mann, »desto besser, dann werden wir auch durch Nichts mehr gehindert – vamos nos, companero, vamos nos« – und damit gab er seiner Frau den Arm und schritt mit ihr die Treppe hinab, die Vorstadt entlang und dann über die Brücke, immer die Hauptstraße nieder und hinter dem Peon mit ihren Sachen her, bis sie das Hôtel erreichten, wo er augenblicklich zwei Zimmer und ein gutes Diner für sie bestellte.

Die Frau ging wie in einem Traum an seiner Seite; sie fühlte kaum, wie ihre Füße den Boden berührten. War denn das Alles wirklich wahr, und der Mann, den sie schon lange todt geglaubt und in Verzweiflung aufgegeben, nicht allein zurückgekehrt, sondern auch reich, mit Schätzen beladen? Wie ein Märchen klang's ihr in den Ohren und sie bemerkte dabei gar nicht, daß die Leute, denen sie unterwegs begegneten, fast immer stehen blieben und dem etwas wunderlichen Paar nachschaueten.

Und es war in der That ein wunderliches Paar für einen heißen, sonnigen Tag in Lima. Der Mann trug einen alten breiträndrigen und chokoladenfarbigen Filzhut, einen dicken, blau und roth gestreiften Poncho, und dazu mexikanische, an den Seiten herunter offengeschlitzte Sammethosen mit kleinen silbernen Knöpfen daran. Die Frau an seiner Seite ging dabei in echt deutscher Handwerkertracht mit einem langen, braunen, etwas abgenutzt aussehenden Kattunkleid, ohne Steifröcke darunter, einem rothwollenen Tuch um, und einem Hut, von dem man eigentlich nicht sagen konnte, daß er hier aus der Mode gekommen, denn er war in Lima wohl noch niemals Mode gewesen. Auch die Blumen darauf sahen zerknickt und schmutzig aus, und so viel die Frau auch wohl früher auf ihre Toilette gegeben hatte, und so nett sie sich gehalten: jetzt, mit den Sorgen der letzten Zeit im Herzen, schien sie Alles vernachlässigt zu haben, und dachte auch in diesem Augenblick wahrlich an Nichts weniger, als an ihre abgetragenen Kleider.

In dem ziemlich großartigen Hôtel betrachteten sich die Kellner das sonderbare Paar ebenfalls ziemlich erstaunt und schienen nicht übel Lust zu haben, sie etwas über die Achseln zu behandeln; als aber der Mann, nicht etwa höflich, sondern mit barschem Ton »Zwei Zimmer vorn heraus und vor Allem eine Flasche Champagner und dann so rasch als möglich ein gutes Diner« bestellte, wurden sie aufmerksamer. Der Mann mußte Geld haben oder er wäre höflich gewesen, und er wurde jetzt, trotz seinem unscheinbaren Aeußeren, pünktlich bedient.

Oben aber, in dem elegant möblirten freundlichen Gemach, dem Champagner, der der Frau ebenfalls trefflich mundete, gar wacker zusprechend, saß der von Kalifornien zurückgekehrte glückliche Miner und erzählte, nur erst einmal in flüchtigen Umrissen, seine Abenteuer: Wie er Anfangs, und wohl anderthalb Jahr hindurch, mit eisernem Fleiß und unermüdlicher Ausdauer gearbeitet und ein Loch nach dem andern gegraben habe, immer und immer aber wieder getäuscht, immer wieder auf neue Hoffnung angewiesen worden. Ja, er verdiente sich, was er eben zum Leben brauchte, aber auch nicht mehr – Gold gab es ja überall. Da machte er endlich die Bekanntschaft eines Mexikaners, der großes Vertrauen zu den nördlichen Minen hatte. Mit dem war er an den Yubafluß gegangen, und dort in einer der Ravinen, die noch wahrscheinlich kein weißer Mann entdeckt, trafen sie plötzlich auf ein Goldlager, wie sie es bis dahin nicht für möglich gehalten. Stücke fanden sie dort, so groß wie die Wallnüße, und einzelne größer, die wie in einem geschmolzenen und dann erkalteten Zustand vor Jahrtausenden vielleicht in der kleinen, engen Schlucht herabgewaschen waren.

Dort arbeiteten sie, von Niemandem gestört, ja von Niemandem bemerkt, heimlich und versteckt sechs volle Monate, bis sie die ganze Goldader, so weit das wenigstens anging, ausgebeutet hatten. Dann kauften sie sich Maulthiere unten in Yubacity, einem kleinen Goldwäscherdorf, holten die indeß vergrabenen Schätze ab, luden sie auf und zogen damit nach Sacramento hinunter, von wo sie dann mit dem Dampfschiff nach San Francisco gingen. Von hier aus kehrte der Mexikaner in sein eigenes Vaterland zurück, und er selber ging an Bord des ersten nach Panama abfahrenden Dampfers, um von dort wieder mit dem südlichen vapor so rasch als irgend möglich Peru zu erreichen. Deshalb war es ja auch gar nicht möglich gewesen, vorher zu schreiben, denn die erste Gelegenheit, die sich dazu bot, um rasch einen Brief zu senden, benutzte er, und er hätte einen solchen nur selber mitnehmen, nie aber vorher hierher befördern können.

Der armen Frau kam es die ganze Zeit, während der Mann sprach, genau so vor, als ob sie irgend eine wunderbare Geschichte in einem Buche läse, aber keine Möglichkeit vorhanden wäre, daß das Alles sie mit betreffen könne und das Gold, das viele Gold, das ihr Mann mitgebracht, ja doch nun auch ebenso gut ihr gehöre und sie damit reiche und vornehme Leute geworden wären.

»Aber wo hast Du das viele Gold, Casper?« frug sie ihn endlich, »doch nicht bei Dir?«

»Bei mir?« lachte der Mann, indem er eine Handvoll großer goldener Doublonen aus der Tasche nahm und ihr vorhielt, »so ein paar Stück kann man schon bei sich führen, aber ich möchte das Ganze wahrhaftig nicht auf der Schulter tragen.«

»So viel ist es?«

»Nun natürlich – Gold wiegt schwer, mein Kind – und ich konnte mich damit doch nicht in der ganzen Stadt herumschleppen, bis ich Dich da draußen, im äußersten Winkel von Lima, aufgesucht? Es steht in zwei kleinen Koffern sicher in einem Handlungshaus, das ich von früher kannte. Jetzt will ich Dir aber wenigstens die Proben des Mitgebrachten zeigen.«

Damit stand er auf, schloß erst vorsichtig die Thür zu und schnallte sich dann einen ledernen langen Sack von den Hüften ab, dessen Inhalt er vor den erstaunten Augen der Frau ausschüttete.

Du lieber Gott! einen solchen Reichthum hatte sie bis dahin gar nicht für möglich gehalten – und was für große schwere Stücken dabei waren, und wie wunderlich geformt! – Und das sollte erst der kleinste Theil des Ganzen – nur eine Probe sein? Ihr Mann packte aber die Stücke wieder zusammen, denn draußen klopfte es, und der Kellner frug sehr artig durch die Thür, ob die lady und der gentleman jetzt zu speisen wünschten.

Das Essen wurde gebracht, aber nach Tisch ging der frühere Schuhmacher augenblicklich daran, den Koffer seiner Frau zu revidiren, um zu sehen, was sie an Kleidern und Wäsche habe, und was sie Neues brauchen würde. Da sah es freilich bös aus – sie brauchte fast Alles neu, denn das Wenige, was sie noch hatte, war so abgenutzt, daß ihr der Mann augenblicklich erklärte, damit könne sie nicht mehr auf der Straße erscheinen. Der heutige Abend sollte denn auch dazu benutzt werden, alle die nöthigen Einkäufe zu machen, und nachher konnten sie dann in aller Ruhe überlegen, ob sie vor der Hand noch hier in Lima bleiben oder ohne Weiteres nach Deutschland zurückkehren sollten. Gegen den letzteren Plan sprach sich aber Madame Bockenheim auf das Entschiedenste aus. War ihr Mann wirklich so reich, dann hielt sie es auch für nöthig, den Leuten hier in Lima, die sie selber so oft über die Achsel angesehen, zu zeigen, was sie könnten, und daß sie jetzt im Stande wären, sich den »Besten« an die Seite zu stellen. Was lag auch daran, ob sie sich hier einmal ein halbes Jahr einmietheten?

Das war nun freilich ein Festtag für die Frau, wie sie ihn nie in ihrem ganzen Leben für möglich gehalten, als sie an dem Abend mit ihrem Gatten durch all' die großen, herrlichen Läden gehen und dabei aussuchen durfte, was ihr Herz begehrte. Da war auch Nichts zu kostbar. Wo sie nur halbwegs Bedenken hatten, sowie ihr Mann nur merkte, daß es ihr gefiel, ließ er es augenblicklich bei Seite legen, zahlte dann die Rechnung in Doublonen und beorderte es in ihr Hôtel.

Früher hatte er die Packen selber getragen; jetzt dachte er gar nicht mehr daran und schien sich mit dem ausgewaschenen Gold auch gleich die Sitten und Gewohnheiten eines vornehmen Mannes angeeignet zu haben.

Zweites Kapitel.
Der Mexikaner.

Am nächsten Tag sprach man fast von Nichts weiter, als dem aus Kalifornien steinreich zurückgekehrten deutschen Schuster, und das Gerücht vergrößerte dabei natürlich die Schätze, die er wirklich mitgebracht, um das Zehnfache. Allerdings gab es noch Einzelne, die nicht so recht an einen solchen Erfolg in den Minen glauben wollten; aber selbst diese mußten zuletzt eingestehen, daß der Mann dort jedenfalls Glück gehabt, denn er verausgabte gerade in den ersten zwei oder drei Wochen eine sehr bedeutende Summe Geld, und bezahlte Alles gleich baar in blankem Gold. – Er machte nicht für einen Centabo Schulden. Ebenso bestätigten die Kaufleute, daß er sich immer die besten und kostbarsten Stoffe ausgesucht, und als er sich bald darauf noch das schönste Pferd in Lima um achtzehn Unzen kaufte und mit dem silberbedeckten Zaumwerk und Sattel in der Stadt herum galoppirte, fing man doch an, ihn weniger mißtrauisch zu betrachten, und Leute, die sonst gar nicht daran gedacht hätten, sich um ihn zu bekümmern, bewarben sich jetzt um seine Freundschaft und machten ihm Besuche.

Casper Bockenheim, wie der Deutsche hieß, besaß übrigens genug gesunden Menschenverstand, um derartige Burschen zu durchschauen, und hatte in seinen früheren Jahren zu häufig mit der vornehmen Welt durch seine Arbeit verkehrt, um nicht zu wissen, wie er sich gegen sie zu benehmen hatte. Er ließ die Schmarotzer eben ablaufen, und gab sich dabei Mühe, in die wirklich vornehmen Cirkel der Stadt zu kommen, mit denen er sich selber, so weit es bedeutende Geldmittel ermöglichen konnten, auf eine Stufe gestellt. Aber das gelang ihm ebenso wenig; denn wenn er sich auch die äußeren Manieren eines »caballero«, so weit es seine Bildung zuließ, aneignete, und seine Frau jetzt ebenso schöne Brillanten trug, wenn sie sich Abends auf der Plaza zeigte, als irgend eine Sennorita der Stadt, so hatte er doch sein ursprünglich rauhes Wesen nicht so abschleifen können, um seinen früheren Stand weniger als seine ganze frühere Lebensweise vollständig vergessen zu lassen, und die haute volée von Lima, welcher Nation sie auch angehörte, wich ihm, so weit das anständiger Weise geschehen konnte, aus.

Bockenheim wurde dadurch nicht liebenswürdiger; er fühlte, daß hier in Lima noch ein »Vorurtheil«, wie er es nannte, gegen ihn herrsche, und beschloß endlich, Peru vielleicht schon mit dem nächsten Dampfer zu verlassen, um nach Deutschland zurückzukehren; und das war ja auch jetzt der einzige und sehnlichste Wunsch seiner Frau, denn dort konnte sie nachher Staat mit sich machen – hier war es in der That nicht möglich.

Madame Bockenheim oder Sennora Bockenheim hatte sich auch wirklich in den letzten Monaten sehr verändert, und so einfach und zurückgezogen sie sonst gelebt, so ganz aus sich herausgesprungen schien sie jetzt. Ihr Mann, der Schuhmacher, suchte seinen Reichthum nur in äußerem Pomp zu zeigen. Er trug schwere goldene Uhrketten, große Brillant-Tuchnadel, eine Menge Ringe und sein, wie schon erwähnt silberbedecktes Sattelzeug, bummelte aber sonst noch ebenso nachlässig über die Straße, wie früher, fiel auch wohl einmal in ein gewöhnliches deutsches Bierhaus hinein und spielte dort seine Partie Skat, wie er es sonst gewohnt gewesen. Seine Frau dagegen, der der Hochmuthsteufel in den Kopf gestiegen, schwebte fast nur immer in höheren Regionen. Sie war gerade keine ungebildete Frau, und deshalb auch früher überall gern gesehen gewesen, aber sie wußte sich nur in der Sphäre zu bewegen, der sie angehörte, und fiel aus der Rolle, sobald sie darüber hinausstieg. Daß sich wirklich vornehme Personen fast immer durch ein ungenirtes, leutseliges und selbstverständlich artiges Benehmen kundgeben, hatte sie übersehen; sie suchte das Vornehme in alberner Aufgeblasenheit und machte sich dadurch nur lächerlich.

Bockenheim hatte sich in der Stadt ein sehr hübsches Haus gemiethet, das sogar einen kleinen freundlichen Garten umschloß. Die Einrichtung desselben war prachtvoll und schien auf einen jahrelangen Aufenthalt in Peru hinzudeuten. Jetzt dachte er schon wieder daran, sie zu veräußern, und ließ, erst einmal mit dem Entschluß im Reinen, seine Absicht in die Zeitung setzen.

Natürlich besuchte nun eine Menge von Leuten das Haus, die sich entweder in der Absicht, die Sachen zu kaufen, diese betrachteten oder auch nur neugierig waren zu sehen, wie sich der deutsche, so plötzlich reich gewordene Schuster eingerichtet habe. Von Morgens an aber gingen und kamen die Leute, Abkömmlinge aller Nationen, und besonders strömten die señoritas herbei, die dann von der Sennora Bockenheim in allem Pomp eines seidenen, spitzenbedeckten Kleides empfangen wurden und sich nachher halbtodt über die komische Deutsche lachen wollten.

Bockenheim selber ließ sich wenig dabei sehen. Ihm war die ganze Sache fatal, und er bereuete schon bitter, das Alles nicht früher und besser überlegt zu haben, ehe er sich eine solche Last aufbürdete. Aber seine Frau hatte ja so fest darauf bestanden; sie wollte den Bewohnern von Lima zeigen, »was sie konnten«, und wenn sie auch ein paar tausend Dollars Schaden dabei hatten, was lag daran? Schon damit zeigten sie, wie reich sie waren.

Lästig blieben diese ewigen Besuche gleichgültiger Menschen aber doch, und Bockenheim war wirklich kaum im Stand gewesen, sich eine freie Mittagsstunde auszuwirken, daß er sein Essen ungestört verzehren konnte. Ein Zettel an seiner Thür sagte, daß die Lokalitäten von zwei bis vier nicht geöffnet würden; darnach mochten sich die Leute richten; er war nicht gesonnen, ihnen seine ganze Bequemlichkeit zu opfern.

Es war eben vier Uhr vorbei, und Casper Bockenheim saß am offenen Fenster, die Füße gegen ein niederes eisernes Gitter gestemmt, seinen Kaffee neben sich und rauchte seine Cigarre, als der eine Peon herein kam und meldete, es sei ein fremder Herr draußen, der den Sennor zu sprechen wünsche.

»Mich? – Hol' ihn der Teufel,« brummte der Deutsche, »er soll zu meiner Frau gehen, die wird ihn herumführen. Ich habe mit der Geschichte Nichts zu thun und will ungestört meinen Kaffee trinken.«

»Aber er will Sie selber sprechen, Sennor.«

»Mich selber? Wer ist es denn?«

»Ich kenne ihn nicht,« sagte der Peon, »er spricht sehr gut kastilianisch, aber mit einem so sonderbaren Accent. Aus Peru kann er nicht sein.«

»Hm,« brummte Bockenheim leise vor sich hin, »und wie sieht er aus?«

»Ja, ich weiß nicht; er trägt einen großen Bart und hat einen sehr schönen Poncho umhängen, als ob er von der Reise käme.«

»Na, so laß ihn in des Bösen Namen herein. Frag' ihn aber erst, ob er die Möbel sehen will, und wenn er Ja sagt, schick' ihn zu meiner Frau; die wird am besten mit den Leuten fertig.«

Der Peon ging, kehrte aber gleich darauf mit dem Fremden zurück, der ihm auf dem Fuß folgte. Bockenheim war verdrießlich; er haßte Nichts mehr, als sich spanisch zu unterhalten, denn wenn auch schon längere Jahre im Land, konnte er mit der Sprache doch noch nicht gut fertig werden, und mißhandelte sie auch auf das Grausamste. Er war langsam aufgestanden, um den Fremden zu begrüßen und zu hören, was er wolle – aber er kam nicht weit. Wie nur sein Blick auf die Züge des vor ihm Stehenden fiel, war es ihm, als ob ihm Jemand einen Stich durch's Herz gäbe. Er fühlte, daß er leichenblaß wurde, seine Kniee zitterten, und er mußte sich an dem nächsten Stuhl festhalten, um nicht zusammen zu sinken.

Dem Fremden konnte auch die Erregung, die den Deutschen erfaßt hatte, nicht entgehen. Ein spöttisches, fast verächtliches Lächeln zuckte aber nur um seine Lippen und er sagte trocken:

»Buenos dias, Don Gaspár – ich sehe, Ihr kennt mich noch, obgleich ich ein paar Monate an der Wunde das Lager hüten mußte.«

Casper Bockenheim stierte ihn noch immer an, als ob er einen Geist gesehen hätte; er brauchte Minuten lang, um sich zu sammeln, behielt aber doch so viel Besinnung, daß er dem Peon zuwinkte, das Zimmer zu verlassen. Er mußte mit dem Mann allein sein. Dieser schien das auch ganz in der Ordnung zu finden und ließ indessen seinen Blick in dem höchst eleganten und reich ausgestatteten Raum umher fliegen, wobei er nur langsam und wie, als ob er eine Vermuthung bestätigt erhalten, mit dem Kopf nickte. Aber er sprach kein Wort weiter; es war, als ob er jetzt erst eine Anrede des Deutschen abwarten wollte, zu der er ihm völlig und ungestört Zeit ließ.

Das war insofern gefehlt, als er diesem dadurch auch völlig Raum gab, sich von seiner ersten Ueberraschung zu erholen, und Bockenheim schien Gebrauch von der Gelegenheit zu machen.

Sein finsterer Blick maß den Mexikaner, der ihm übrigens ganz unbefangen gegenüber stand, und jetzt sogar, als wenn er hier zu Hause wäre, zu einer dort stehenden Cigarrenkiste trat und sich eine Havana herausnahm.

»Ah Don Gaspard,« lachte er dabei, »Ihr raucht jetzt feine puros! Wißt Ihr wohl noch, wie wir auf dem Wege nach Macalome alle Taschen umdrehten, um ein wenig Taback für eine Cigaretta darin zu finden?«

»Mit wem habe ich das Vergnügen?« sagte da der Deutsche trocken, indem er den unwillkommenen Gast mit finster zusammengezogenen Brauen betrachtete. »Sie müssen jedenfalls in ein falsches Haus gerathen sein, Sennor.«

»Caramba,« lachte der Mann und drehte sich rasch nach ihm um. »Ihr kennt mich wohl nicht mehr? Wahrhaftig, wenn mein Gedächtniß zum Teufel wäre, sollt' es mich nicht Wunder nehmen; denn der Hieb, den Ihr mir damals über den Kopf gegeben, hätte einem anderen Menschen wahrscheinlich den Hirnkasten von einander gesprengt. Aber wie Ihr seht, habe ich mich vollständig wieder erholt und befinde mich, den Umständen nach, wohl, während Ihr Euch,« setzte er mit einem Blick umher hinzu, »besser zu befinden scheint.«

»Dürft' ich fragen, was Ihr von mir wollt, Sennor?« sagte der Deutsche trocken. »Ich habe nicht viel Zeit und noch weniger Lust, mich lange mit Euch abzugeben.«

»En verdad, Señor?« lachte der Mexikaner. »Nun gut, dann werde ich Euch mit einem Wort sagen, was ich will: Geld! – Das Geld will ich, das Ihr mir damals, als Ihr mich bei Macalome meuchlings überfielt und für todt im Walde liegen ließet, abgenommen. Habt Ihr mich verstanden?«

»Ich verstehe so viel,« sagte der Deutsche, »daß Ihr jedenfalls wahnsinnig sein müßt; denn ich habe Euch in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen, und die Beschuldigung ist deshalb eine niederträchtige Lüge!«

»So?« sagte der Mexikaner. »Und weshalb erschrakt Ihr da so, als ich ins Zimmer trat?«

»Wer sagt Euch, daß ich erschrocken bin?«

»Carajo!« rief der Mexikaner, ungeduldig werdend, »wir wollen den Tag nicht mit nutzlosen Redensarten vergeuden. Ich lebe noch, wie Ihr seht, und bin Eurer Spur wie ein Schweißhund gefolgt – jetzt aber bleibt Euch kein Ausweg mehr. Ich kam zu Euch, weil ich die peruanischen Gerichte nicht unnützer Weise bemühen wollte. – Mir liegt nichts daran, Euch gehangen zu sehen, und Strafe hatte ich verdient, weil ich dumm genug gewesen war, auch nur einem einzigen Menschen auf der Welt zu trauen, wo die Verführung auf der Hand lag, mit einem Schlag reich zu werden. Aber Ihr habt die Geschichte ungeschickt angefangen. Wolltet Ihr einmal einen Mord verüben, so mußtet Ihr auch sicher gehen und Eurem Opfer noch wenigstens den Hals abschneiden – das habt Ihr versäumt und kommt jetzt in die unangenehme Nothwendigkeit, das Geraubte wieder herausgeben zu müssen. Also macht keine Umstände, oder ich zeige Euch hier bei den Gerichten als Straßenräuber an, und was Euch dann erwartet, brauche ich Euch doch wohl nicht zu sagen!«

»Ihren werthen Namen, wenn ich bitten darf,« sagte der Deutsche außerordentlich höflich.

Der Mexikaner biß die Zähne zusammen, und der Blick, den er auf den früheren Gefährten schleuderte, war so voll Gift und Haß, daß Bockenheim unwillkürlich nach der Lehne des neben ihm stehenden Stuhles griff, um nur irgend eine Schutzwaffe bei der Hand zu haben, denn er erwartete wirklich nichts weniger, als daß sich der zum Aeußersten gereizte Südländer jetzt auf ihn stürzen würde. Der Fremde schien aber, wenn auch vielleicht der Gedanke für einen Moment in ihm aufgestiegen war, etwas Derartiges nicht zu beabsichtigen. Wohl war er unter dem Poncho mit der Hand nach der Seite, möglich nach seinem Messer, gefahren; aber es blieb bei der Bewegung. Der Mann bewahrte sein kaltes Blut; denn er wußte gut genug, wie viel Leute im Haus waren, und daß er nie hoffen durfte, seinen Zweck mit Gewalt zu erreichen. Er hätte sich nur selber der größten Gefahr ausgesetzt.

»Also Ihr leugnet bestimmt, daß Ihr mich kennt?« sagte er endlich, nach einer ziemlich langen Pause. »Ihr leugnet, daß Ihr mich, als wir zusammen von Richgulch nach Macalome ritten, da, wo wir lagerten, überfallen –«

»Geht zum Teufel mit Euren albernen Märchen!« rief aber jetzt Bockenheim unwillig, indem er die auf dem Tisch stehende Klingel ergriff und heftig schellte, »und das sag' ich Euch, laßt Ihr Euch noch einmal in meinem Hause blicken, so ruf' ich die Polizei zu Hülfe!«

In der Thür erschienen ein paar Peons, der Befehle ihres Herrn gewärtig. Der Mexikaner aber sah recht gut ein, daß er vor der Hand hier Nichts weiter ausrichten könne und jedenfalls den Kürzeren ziehen müsse. Er wußte aber jetzt auch, was er von dem Deutschen im Guten zu erwarten hatte. Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als die Polizei zu Hülfe zu rufen.

»Bueno, Señor,« sagte er ruhig, »ich werde Ihnen nicht länger zur Last fallen. – Auf Wiedersehen!« Und mit den Worten drehte er sich um und schritt zur Thür hinaus, wobei Bockenheim den Peons befahl, hinter ihm zu bleiben und aufzupassen, daß er auch wirklich das Haus verließ. Es wäre, wie er sagte, ein ganz gemeiner Vagabond, der Geld hatte von ihm erpressen wollen, und welchem deshalb auch Alles zuzutrauen. Sie sollten nur das Haus gut zuschließen.

Kaum hatten sie übrigens den Raum verlassen, als Bockenheims Frau in furchtbarer Aufregung aus der nächsten Stube trat, wo sie jedenfalls das Ganze angehört haben mußte.

»Um Gottes Willen, Caspar!« rief sie, »was war das? Was ist vorgefallen? Was hattest Du mit dem Mann?«

»Was ich mit dem Mann hatte?« sagte Bockenheim, der mit untergeschlagenen Armen und zusammengezogenen Brauen finster brütend mitten in der Stube stand. »Nichts – gar Nichts! Ein Betrüger war es, der Geld von mir erpressen wollte – aber wenn er mir wieder kommt – beim ewigen Gott – –«

Die Frau hatte ängstlich zu ihm aufgeschaut.

»Und kanntest Du den Mann gar nicht? – Hast Du ihn nie früher gesehen oder mit ihm gesprochen?«

»Nie – der Henker soll all' das mexikanische Gesindel kennen, das sich in Kalifornien in den Minen herumtreibt!«

»Und was verlangte er von Dir?«

»Ach, Unsinn,« erwiderte mürrisch, aber doch ausweichend der Mann, »er – er wollte nur Geld geborgt haben.«

»Er sprach von einem Todtschlag,« flüsterte die Frau.

»Bah – Geschwätz – laß mich mit dem Blödsinn zufrieden!« rief Bockenheim. »Der Kerl ist verrückt, und, wahrscheinlich ohne Centabo aus den Minen zurückgekehrt, hat er vielleicht hier gehört, daß ich Glück dort oben gehabt, und will mir nun ein paar hundert Dollars abschwindeln. Aber verdamm mich! er ist an den Unrechten gekommen. Wo hat er Beweise? – Nichts – gar nichts – es ist Nichts, als niederträchtige gemeine Lüge – weiter Nichts,« und damit verschränkte er die Arme wieder und ging mit raschen, unruhigen Schritten in dem so behaglich eingerichteten Zimmer auf und ab.

Die Frau hatte, während ihr Mann sprach, keinen Blick von ihm verwandt, und eine unsagbare Angst ergriff ihr Herz. Aber es war nicht die Furcht, daß ihr Mann ein Verbrechen verübt haben, sondern die, daß es entdeckt werden könne, und mit leiser Stimme sagte sie endlich:

»Laß uns fort von hier, Caspar – ich habe Dich schon lange darum gebeten; wärst Du mir nur gefolgt.«

»Ja, und eben weil ich Dir gefolgt bin, können wir es jetzt nicht,« knurrte Bockenheim ärgerlich, »denn den ganzen Plunder, den ich mir Deinetwegen angeschafft, kann ich nicht auf den Buckel nehmen.«

»So laß die Sachen hier! – Was liegt daran? Gieb Jemand den Auftrag, sie unter der Hand oder auf Auktion zu verkaufen. – Uebermorgen geht der Dampfer nach Panama – übermorgen können wir weit draußen in See schwimmen und wieder nach Deutschland fahren, und dorthin kommt der freche Bursche gewiß nicht.«

»Hm,« sagte Bockenheim, der, während die Frau sprach, leise vor sich hin mit dem Kopf genickt hatte, »das ginge vielleicht – aber wenn er mich hier verklagt?«

»Bah, Du kennst doch die peruanischen Richter,« lachte die Frau, »und dann wäre es doch wahrhaftig schlimm, wenn jeder Lump da ohne Beweise, ohne Zeugen herkommen und einen ehrlichen Mann eines Verbrechens anklagen könnte, das er tausend Meilen von hier entfernt begangen haben soll. Es ist kein Sinn und Verstand darin.«

Bockenheim war wieder eine Weile in dem Zimmer auf und ab gelaufen und schien noch nicht mit sich im Reinen.

»Und wenn Du meinem Rath folgst,« sagte die Frau, die ihre Sinne wenigstens vollkommen beisammen hatte, »so gehst Du jetzt vor allen Dingen augenblicklich selber auf die Polizei und machst die Anzeige, daß ein mexikanischer Strolch, der wahrscheinlich davon gehört hätte, daß Du Lima mit dem nächsten Dampfer verlassen wolltest – verstehst Du mich? – zu Dir gekommen wäre und gesucht hätte, ein paar hundert Dollars von Dir zu erpressen.«

»Hm – und dann?«

»Nun, dann bittest Du den Direktor oder wie der Beamte heißt, ein wachsames Auge auf den Burschen zu haben; denn Du fürchtetest, daß er Dir nach dem Leben trachte, weil Du ihn so grob abgewiesen.«

»Er wird mir sagen, daß ihn das nichts anginge.«

»Kommt es Dir auf hundert Dollars an?«

»Nein.«

»Gut, dann gieb ihm die und bitte ihn, sie unter ein paar Polizeidiener zu vertheilen, daß sie sich hier in der Nähe des Hauses aufhalten.«

»Bah, dann steckt er sie einfach in die Tasche,« brummte Bockenheim, »ich müßte meine Peruaner nicht kennen.«

»Und soll er denn das nicht?« rief die Frau. »Du bist wie ein kleines Kind. Nachher weißt Du aber doch sicher, daß er Deine Partei nimmt. – Hab' ich nicht Recht?«

Bockenheim lachte – zum ersten Mal wieder an dem Morgen.

»Wahrhaftig, Schatz, ich glaube, ich werd's so machen,« rief er, indem er seinen Panamahut von dem nächsten Stuhl nahm, »und kannst Du bis morgen Abend mit Packen fertig werden?«

»Bis heut Abend, wenn es sein muß. Der Tischlermeister Müller kann nachher Alles übernehmen, was hier zurückbleibt. Hast Du noch Schulden in Lima?«

»Keinen Pfennig.«

»Desto besser – das Geld schickt er uns später an eine Adresse, die wir ihm aufgeben. Geh nur rasch, daß Du keine Zeit versäumst.«

»Und wenn der – Schuft jetzt zurück käme?«

»Wenn ich mich nicht fürchte, brauchst Du doch keine Angst zu haben. Ich gebe Dir mein Wort, daß ich den Burschen, falls er noch einmal Lust haben sollte einzudringen, in sicherer Entfernung halten werde. Laß ihn nur kommen; unsere Leute hier im Haus werden wahrhaftig kurzen Prozeß mit ihm machen.«

Der Mann blieb einen Augenblick zögernd an der Thür stehen, als ob er noch etwas sagen wollte; aber plötzlich drehte er sich scharf auf dem Hacken herum und schritt wenige Minuten später die Straße hinab, über die Plaza und dem Polizeigebäude zu.

Drittes Kapitel.
Die Flucht.

Der Mexikaner Felipe Corona, wie er mit Namen hieß, verließ indessen mit bitteren Rachegedanken das Haus des Deutschen. Aber während er die Straße hinab schritt, war er sich doch auch bewußt, auf wie unsicherer Basis die Klage ruhte, die er hier, selber ein Fremder, gegen einen in Lima ansässigen Mann vorbringen wollte. Und sollte er ihn deshalb im Besitz aller der Schätze lassen, die, wie er fest behauptete, ihm – allein nur ihm gehörten? Nein! bei dem Blute des Gekreuzigten, nein. Wahrlich nicht, so lange seine Faust noch ein Messer führen konnte, und wenn ihm die Peruaner sein Recht nicht verschafften – er biß die Zähne fest zusammen und schritt, finster vor sich hin brütend, die Straße hinab, wo er das Haus eines Advokaten wußte. Der sollte ihm helfen – oder doch wenigstens einen Rath geben, wie er sich zu verhalten habe, welche Schritte er hier in dem fremden Lande thun müsse, um den Schuldigen zu überführen und zu strafen.

Er fand den Herrn auch zu Hause, und zwar ziemlich behaglich in einer Hängematte liegend und eine Cigarre rauchend; was sollte er sich bei der Hitze anstrengen, wo er es so bequem haben konnte? Die Geschäfte mochten eben warten bis die Abendkühle eintrat – oder vielleicht auch bis morgen früh. Die Gerechtigkeit ist blind und kann sich deshalb nicht Hals über Kopf in einen Strudel von Arbeiten stürzen; sie muß eben langsam und vorsichtig zu Werke gehen.

Nach dem eintretenden Mexikaner drehte er auch kaum den Kopf, als dieser das kühle, luftige Gemach betrat. Der Mann trug einen Poncho, war also jedenfalls ein Peon oder Diener, denn ein Caballero ging nicht mehr mit diesem eigentlich alt-peruanischen Kleidungsstück über die Straße; es war völlig aus der Mode gekommen. Er brachte ihm wahrscheinlich eine Botschaft, und die konnte er ebenso gut liegend anhören – ja eigentlich noch viel besser.

»Und was wollt Ihr, amigo

»Eure Hülfe oder Euren Rath, Sennor, gegen einen Schurken,« sagte der Mexikaner ruhig.

»So? Hm – und wie heißt der Schurke?«

»Er ist ein Fremder, Don Gaspard, der aus Kalifornien mit vielem Geld hierher gekommen.«

»So? Der Deutsche? Und was habt Ihr gegen ihn?«

»Das Gold, das er mitgebracht, ist mein,« sagte der Mexikaner ruhig, »ich hielt ein Spielzelt am Richgulch in Kalifornien und verkaufte zugleich Waaren. Ich verdiente viel Gold. Da aber die Americanos dort kein Spiel mehr haben wollten, trieben sie uns fort, und ich lud mein Gold und meine Waaren auf Maulthiere und zog nach dem Macalome hinüber, wo ich noch einen Bruder hatte. Mit diesem wollte ich nach Mexiko zurückkehren – ich brauchte nicht mehr. Unterwegs traf ich den Aleman. Es sind sonst gute, rechtliche Leute, und wir Mexikaner verkehrten dort nur mit ihnen und den Franzosen. Ich freute mich, daß ich Begleitung bekam; denn ich hielt mich mit meinen schwer beladenen Thieren nicht für ganz sicher im Wald. Manchen von uns hatten die Amerikaner gemordet, und uns selber wurde es dann zur Last gelegt. Ich hatte mir aber den schlimmsten Feind zu meiner Begleitung ausgesucht. Als wir, kaum noch eine halbe Legua vom Macalome entfernt, eine kurze Zeit im Wald rasteten, nahm er die Gelegenheit wahr und schlug mich mit seinem schweren Messer über den Kopf – hier an der Seite, Sennor, seht Ihr noch die kaum verharrschte Narbe. Ich brach besinnungslos zusammen, und er hielt mich jedenfalls für todt; ich war es auch fast. Landsleute fanden mich später und trugen mich in die Minerstadt, und als ich nach Wochen wieder zu mir kam und meinen Bruder an meinem Bett sitzend fand, war meine erste Frage nach meinen Thieren, meinen Schätzen – umsonst – man hatte Nichts bei mir gefunden – gar Nichts – der Räuber mußte Alles mit fortgenommen haben, Thiere, Waaren und Gold, und ich war wieder arm, wie ein Bettler.«

»Hm – eine verwünschte Situation,« brummte der Advokat, sich eine neue Cigaretta anzündend, »und Ihr wißt gewiß, daß dieser Don Gaspard derselbe ist, der Euch damals begleitete?«

»Hört nur weiter,« fuhr der Mexikaner fort. »Vierzehn Tage brauchte ich wohl noch, bis ich mich vollständig erholt hatte und meine Wunde vernarbt war – dann folgte ich seinen Spuren. Mein Bruder hatte mir einige Unzen Gold geborgt, damit wanderte ich aus, und es dauerte nicht lange, so war ich auf der Fährte des Mörders. In Stockton hatte er meine Maulthiere und Waaren verkauft und war zu Schiff nach San Francisco gefahren, und bald erfuhr ich, daß er nach Panama gegangen. Ich nahm Zwischendeckspassage und folgte ihm. In Panama ließ ich mir die Passagierlisten geben und sah seinen Namen nach Peru eingeschrieben. – Ich mußte mein Geld sparen und bekam freie Passage als Kajütenaufwärter hierher. – Ich brauchte in Lima nicht lange nach ihm zu suchen. Das Gerücht, daß er so viel Gold in den kalifornischen Minen gefunden, hatte ihn rasch bekannt gemacht. Ich habe ihn heute gesehen.«

»In der That?« rief der Advokat, der sich doch jetzt für die Sache zu interessiren anfing, indem er sich in seiner Hängematte halb emporrichtete, »und was sagte er?«

»Er leugnet Alles.«

»Nun natürlich, versteht sich von selbst – aber wo haben Sie Ihre Zeugen?«

»Zeugen habe ich gar nicht – wir waren allein.«

»Den Teufel auch! gar keine Zeugen? Aber es hat Sie doch dort Jemand zusammen wegreiten sehen, oder Sie sind Anderen begegnet? –«

»Allerdings – Menschen genug; aber wer das war und wo die jetzt sind, wer könnte es sagen?«

»Bitte, lieber Freund,« sagte der Advokat, sich jetzt in seiner Hängematte aufsetzend, »wollen Sie mir vielleicht vorher erklären, ob Sie über bedeutende Mittel verfügen, um einen längeren Prozeß durchzuführen? Hundert Dollars müssen vor allen Dingen einmal bei mir deponirt werden, nur um die ersten Ausgaben zu decken.«

»Ich besitze nicht einmal mehr hundert Dollars in meinem ganzen Vermögen,« sagte der Mexikaner finster, »jener Schuft hat mir ja Alles geraubt; aber wenn mir mein Recht zugesprochen wird –«

»Entschuldigen Sie einen Augenblick, daß ich Sie unterbreche. Habe ich den Fall folgender Art klar verstanden, daß Sie von Kalifornien, ohne Geld in der Tasche, hierher gekommen sind, um einen hier ansässigen Fremden anzuklagen, daß er an Ihnen in den kalifornischen Wäldern einen Raubmord verübt und Ihnen Alles abgenommen hat, ohne dafür weitere Zeugen und Beweise beibringen zu können, als Ihr Wort?«

»Das ist genau so der Fall,« sagte der Mexikaner; der Advokat fiel aber in seine Hängematte zurück, als ob er geschossen wäre, pfiff nur leise vor sich hin und sah nach der Decke hinauf.

»Und wollen Sie mir dazu verhelfen?« fragte der Mexikaner.

»Mein sehr verehrter Herr,« sagte der Rechtsanwalt, ohne aber seine Stellung im Mindesten zu verändern, »vorher erlauben Sie mir denn wohl die Frage an Sie zu richten: Halten Sie mich für verrückt?«

»Aber wenn ich, was ich sage, auf die Hostie beschwören kann?« rief der arme Teufel. »Trag' ich denn nicht die Narbe jener Wunde, die mir sein schweres Messer geschlagen, auf dem Kopf?«

»Reden Sie keinen Unsinn,« bemerkte der Peruaner, »als vernünftiger Mann müssen Sie doch einsehen, daß Sie mit der Narbe weiter Nichts beweisen können, als früher einmal einen Hieb über den Kopf bekommen zu haben. Wo aber das geschehen ist und durch wen, mögen Sie selber wohl sehr genau wissen, werden aber keinen Richter davon überzeugen können.«

»Aber ist denn gar keine Gerechtigkeit in Peru?« rief der Mexikaner bestürzt aus. »Soll denn der Räuber das Gold behalten dürfen?«

»Gerechtigkeit genug,« erwiderte der Advokat. »Sie behaupten, das Geld gehöre Ihnen, er behauptet, es wäre das seine. Befände sich die Summe in den Händen des Gerichts, so bekämen Sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, Beide keinen kupfernen Centabo davon. So hat es aber der Deutsche, und daß der gutwillig etwas davon herausgeben sollte, bezweifle ich – versuchen Sie's aber immerhin noch einmal, denn ohne die geringste Beweisführung können die Gerichte gar nicht gegen ihn einschreiten.«

»Und wenn er sich weigert?«

Der Advokat zuckte mit den Achseln.

»Und Sie wollen sich meiner nicht annehmen?«

»Lieber Freund, ich habe mich Eurer angenommen,« rief der Advokat, »und wenn Ihr nicht ein armer Teufel wäret, so bäte ich mir jetzt eine halbe Unze für die Berathung aus – aber ich will Nichts, als daß Ihr mich nun ungeschoren laßt, denn ich mag mit der Sache nichts weiter zu thun haben.«

»Dann muß ich mir selber helfen,« knirschte der Mexikaner zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch.

»Das ist jedenfalls das Gescheuteste,« nickte der Advokat lächelnd vor sich hin, »aber auch zu gleicher Zeit ein etwas gefährliches Experiment. Seid Ihr kitzlich am Hals, amigo

Der Mexikaner antwortete nicht; er hatte ein paar Momente schweigend vor sich nieder gestarrt; jetzt drehte er sich plötzlich um und schritt der Thür wieder zu. »Buenos dias, Señor,« sagte er dabei. »Vielen Dank für den guten Rath – ich werde meinem Hals ganz besondere Vorsicht widmen. – Dios lo paga,« und damit verschwand er aus der Thür.

»Ja wohl,« brummte der Advokat vor sich hin, »Dios lo paga – wenn der liebe Gott alle die Wechsel acceptiren sollte, die auf ihn gezogen werden, wäre er nicht allein allmächtig, sondern auch allbeschäftigt. – Lumpengesindel! Daß der Präsident nur so viel Vergnügen daran findet, die Fremden ins Land zu ziehen – wenn ich wie er wäre, hielt ich unsere Race rein – dann bliebe doch auch noch etwas zu verdienen,« und sich wieder lang ausstreckend, gab er sich bald ganz seiner Siesta hin.


Der Mexikaner verließ das Haus, aber nicht etwa, um nach des Advokaten Rath einen gütlichen Vergleich mit seinem Feind zu schließen, sondern sein Glück noch einmal auf der Polizei zu suchen, traf es aber dort nicht glücklich, denn Bockenheim war schon vor ihm da gewesen, und der eine Beamte fuhr den armen Teufel so wild an, als ob er ihn auf der Straße gefunden hätte. Er sollte sich auch selber legitimiren, ehe er einen Anderen, einen bis dahin unbescholtenen Mann eines Verbrechens zeihen wollte, und da er das nicht vermochte, wurde er bedeutet, binnen acht Tagen einen Nachweis zu bringen, womit er sich hier ernähre, oder die Stadt zu verlassen.

Damit durfte er gehen. Eine ganze Hölle aber von Wuth und Ingrimm im Herzen, und düsteren Gedanken folgend, wühlte seine Hand, während er über die Straße schritt, wild und trotzig in dem schwarzen struppigen Vollbart, daß ihm die Begegnenden scheu auswichen und ihm nachsahen, so lange sie ihm mit den Augen folgen konnten.

Er befand sich auch in der That in einer verzweifelten Lage; denn was er hier in Peru für Schutz von den Gerichten zu erwarten hatte, davon war ihm eben der vollgültige Beweis geliefert worden. Und was sollte er jetzt thun? Den Räuber in seiner eigenen Höhle aufsuchen und niederstechen? Damit hätte er allerdings seiner Rache genügt, aber für sich auch gar Nichts erreicht; denn es war nicht denkbar, daß er das Gold in seiner Wohnung liegen hatte. Aber selbst wenn das der Fall gewesen wäre, wie blieb ihm nachher Zeit darnach zu suchen? Und wurde er ergriffen, so konnte die Warnung des Advokaten zur Wahrheit werden.

Und in Güte? – Er traute dem Deutschen nicht – wenn er ihm aber nun anbot, die Hälfte des Raubes ungestört und als rechtmäßiges Eigenthum zu behalten, mußte er da nicht mit beiden Händen zugreifen? – Er wollte wenigstens den Versuch machen, und gestand er ihm selbst das nicht zu – dann Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und mit dem Entschluß schritt er auf das nicht mehr ferne Haus des Deutschen zu. – Hier erwartete ihn aber eine Ueberraschung.

Kaum näherte er sich der kleinen, grün lackirten Thür, die hinein führte, als von der gegenüber liegenden Seite der Straße ein Polizeidiener, der dort vor einem Bilderladen gestanden hatte, auf ihn zu kam und ziemlich barsch sagte:

»Compañero, wollt Ihr einen guten Rath annehmen?«

»Como no, compañero?« erwiderte der Mexikaner eben nicht in besonderer Laune, »aber ich weiß nicht, daß ich Euch schon darum gebeten hätte.«

»Thut auch nicht nöthig,« lautete die Antwort. »Ihr seid doch der Mexikaner, wie?«

»Ob ich der Mexikaner bin, weiß ich nicht – ein Mexikaner bin ich gewiß. Weshalb?«

»Oh, nur wegen einer Kleinigkeit – wegen dem Hause da. Ich bin hierher gestellt, um Euch abzuweisen, wenn Ihr das erste Mal kommt, und Euch auf die Polizei zu schaffen, wenn Ihr den Versuch zum zweiten Mal machen solltet.«

»Aber ich habe mit dem Sennor da drinnen zu reden.«

»Ja, das glaub' ich Euch wohl,« lachte der Polizeidiener, »aber er nicht mit Euch, und nun tragt Euren Schatten in ein anderes Stadtviertel hinüber, hier habt Ihr Nichts mehr zu suchen.«

»Und wenn ich ihm selbst nur einen Vorschlag zur Güte zu machen hätte – es wäre vielleicht in zehn Minuten erledigt.«

»Er hat mir besonderen Auftrag gegeben, Euch unter gar keinem Vorwand zu ihm zu lassen. Was Ihr von ihm wollt, das sollt Ihr vor den Gerichten anbringen – und so gehört sich's auch, also helfen Euch keine weiteren Redensarten, und nun vamos nos, denn ich möchte hier nicht länger bei Euch in der Sonne stehen bleiben.«

»Also er verweigert jeden weiteren Verkehr mit mir?«

»Na ja, nun fangt Ihr noch einmal von vorne an! Ich dächte doch wahrhaftig, ich hätte deutlich genug gesprochen. Laßt Ihr Euch noch einmal hier am Hause sehen, so werdet Ihr beigesteckt. Habt Ihr das verstanden?«

»Ja wohl, amigo – es war nicht mißzuverstehen; also adios und einen vergnügten Abend auf der Promenade,« und damit rückte der Mexikaner seinen Hut und schritt rasch und trotzig die Straße hinab. –

Von dem Augenblick an ließ er sich nicht wieder in der Gegend der Stadt blicken, ja, er mußte Lima ganz verlassen haben, da ihn keiner der Polizeileute selber nachher mehr zu Gesicht bekam. Bockenheim war übrigens gar nicht böse darüber, denn er behielt jetzt völlig freien Raum, um seine Vorbereitungen zu schleuniger Abreise zu treffen. Er übergab, wie ihm seine Frau gerathen hatte, seine ganze, ziemlich werthvolle Einrichtung einem bekannten Deutschen, der das dafür gelöste Geld dem ***schen Konsul überliefern sollte, und fuhr dann, ohne von irgend wem weiter Abschied zu nehmen, mit seiner Frau und seinem Gold nach Callao hinunter, von wo der englische Dampfer noch an demselben Tage nach Guayaquil, und von da weiter nach Panama abging.

Das war ein wonniges Gefühl, als die Räder des mächtigen Fahrzeuges erst zu arbeiten begannen, der scharfe Bug die Wasser theilte und das Boot das Land immer weiter und weiter zurückließ, bis sie endlich draußen, weit draußen in See auf der blauen Tiefe schwammen.

»Gott sei Dank!« murmelte er leise vor sich hin, als er vorn am Bug stand und mit leuchtenden Blicken die Schnelle beobachtete, mit welcher sich der Dampfer vom Hafen entfernte. »Gott sei Dank, und nun kann Don Felipe, wenn er wieder nach Lima zurückkommt, sich ein Vergnügen machen, mich dort aufzusuchen. Daß der Schuft auch –,« er murmelte das Uebrige nur leise durch die Zähne; denn selbst die neben ihm stehende Frau sollte nicht erfahren, nach welcher Richtung seine Gedanken abschweiften.

Die Fahrt nach Guayaquil war eigentlich eine Vergnügungstour, und die fünf Tage vergingen den Reisenden wie im Flug. Besonders genoß aber Madame Bockenheim dieselben; denn von Niemanden gekannt, war sie hier vollkommen im Stande, die vornehme Frau zu spielen, und that das wirklich nach besten Kräften. Auf der spiegelglatten See und dem geräumigen Fahrzeug wurde natürlich Niemand krank. Damen kleiden sich trotzdem gewöhnlich an Bord außerordentlich einfach, denn sämmtliche Passagiere bilden ja doch, für die Dauer der Reise, gewissermaßen eine Familie, und man ist da nicht gern genirt. Es befanden sich denn auch etwa acht oder neun Sennoritas in der Kajüte – einige davon aus den ersten Familien Lima's und Valparaiso's, auf einer Vergnügungstour nach Europa; aber wirkliche Toilette machten sie auf der ganzen Reise nicht, und gingen nur gewöhnlich in einem ganz einfachen Hauskleid, in dem sie sich frei und bequem bewegen konnten.

Madame Bockenheim strahlte zwischen ihnen; schon zum Frühstück rauschte sie in Seide und Spitzen unter ihnen herum, und zum Diner erschien sie sogar mit ihrem Brillantschmuck und lächelte vergnügt vor sich hin, wenn die anderen Damen leise mitsammen zischelten – war es ja doch nur der blasse Neid, der sie bewegte.

Am fünften Tag erreichten sie Guayaquil, die südliche Hafenstadt Ecuadors; aber die Passagiere bekamen keine Zeit, das Land zu betreten, da sich der Dampfer nur wenige Stunden hier aufhielt, die für Ecuador bestimmten Passagiere absetzte, Andere für Panama an Bord nahm und dann augenblicklich wieder den Strom hinabkeuchte. Der Steward erhielt kaum Gelegenheit, eine Partie der wundervollen Früchte an Bord zu nehmen, die in Canoes an der ganzen Landung aufgeschichtet lagen und die Luft mit ihrem Arom erfüllten.

Eine Menge neues Volk war dadurch an Bord gekommen, besonders aber viel Kajüten-Passagiere, da eine neue Revolution in Ecuador auszubrechen drohte, und manche Ecuadorianische Familien es doch vorzogen, dieselbe in einem anderen Theile Amerika's abzuwarten. Es fehlte dadurch fast an Bedienung an Bord, und besonders mußten alle Aufwärter aus der vorderen Kajüte oder vielmehr dem Zwischendeck herbeigezogen werden, um bei Tisch zu bedienen. Die Zwischendecks-Passagiere mochten sehen, wie sie allein fertig wurden; denn viel Umstände machte man mit denen nicht.

Am besten bedient waren aber, merkwürdiger Weise, die beiden Deutschen an Bord, Bockenheim und seine Frau; denn einer der Aufwärter, den sie bis Guayaquil noch gar nicht an Bord gesehen, nahm sich ihrer an und schien nur auf ihren Wink zu lauschen, um ihnen augenblicklich zu Diensten zu stehen. War es, daß ihm das vornehme Aussehen der Dame imponirte, oder hatte er sich vielleicht kluger Weise eine ihm reich scheinende Familie ausgesucht, um dann nachher von dieser ein desto ansehnlicheres Trinkgeld zu erhalten: genug, wenn er sich selbst am entferntesten Ende des Salons befand und Bockenheim drehte nur den Kopf, so schoß er schon herbei, um seine Befehle zu erwarten und dann mit fabelhafter Schnelle auszuführen.

Leider war der Bursche – Peruaner oder Ecuadorianer ließ sich nicht gut unterscheiden, da man alle möglichen Schattirungen der Haut bei beiden Völkern trifft – vollkommen stumm, eine Unterhaltung mit ihm also nicht möglich, auch trug er um das linke Auge eine schwarze Binde. Ueberhaupt konnte man ihn nicht hübsch nennen, denn eine auffallend dicke Oberlippe gab seinem Gesicht einen merkwürdigen, fast unangenehmen Ausdruck. Aber er blieb die Gefälligkeit und Aufmerksamkeit selber und gewann sich dadurch die Zuneigung der Frau auf das Vollständigste.

Sein Lohn blieb auch nicht aus. Als sie endlich Panama erreichten, wo die Passagiere in den Hôtels den Abgang der »Karavane« erwarten mußten, gab sie ihm selber »für gute Bedienung« ein Zwanzig-Frankenstück, und hatte dafür die Genugthuung, daß er ihr demüthig und dankbar die Hand küßte. Sprechen konnte der arme Teufel ja nicht. Nur seinen Namen hatte er ihnen schon früher einmal aufschreiben müssen. Er hieß Pablo.

In Panama wurden die Reisenden einige Tage aufgehalten; denn die Eisenbahn, die den Isthmus kreuzt, war damals erst im Bau begriffen, und sie mußten deshalb den weit beschwerlicheren und kostspieligeren Weg per Maulthier zu Land bis dahin zurücklegen, wo sie den Chagresfluß erreichten, und dann ihre Reise, diesen kleinen Strom hinab in Canoes, und von der Strömung getragen, bequemer fortsetzen konnten.

Aber selbst nicht ohne Gefahr war dieser erstere Weg; denn amerikanisches Gesindel hatte in der letzten Zeit angefangen, den von Kalifornien zurückkehrenden und meistentheils goldbeschwerten Reisenden aufzulauern und sie zu überfallen und zu berauben. Ja sogar verschiedene Mordthaten waren verübt worden, so daß sich Niemand mehr allein über den Isthmus getraute, sondern die Reisenden, wenn der Dampfer in Panama landete, jedesmal geschlossene und gut bewaffnete Züge bildeten, von denen die Strauchdiebe dann wohl die Hände lassen mußten.

So geschah es auch hier. Der Dampfer von San Francisco hätte eigentlich auch gerade in dieser Zeit eintreffen sollen, war aber ausgeblieben, und da die vom Süden kommenden Passagiere ebenfalls schon einen ganz ansehnlichen Zug stellen konnten, beschlossen sie, nicht auf das Unbestimmte in dem überdies entsetzlich theuren Panama zu warten, sondern ungesäumt ihre kleine Karavane zu ordnen und aufzubrechen.

Das geschah am dritten Tage nach ihrer Ankunft, und so arg mußten es die Isthmus-Räuber doch in der letzten Zeit getrieben haben, daß sich die Neu-Granadiensische Regierung sogar veranlaßt sah, den Reisenden als Schutz eine kleine Abtheilung Kavallerie mitzugeben, um ihre Truppe zu verstärken und sicher zu stellen. Es waren, besonders von Amerika, zu viel Reklamationen eingelaufen, und man wollte doch wenigstens zeigen, daß man den guten Willen hatte, Fremden Sicherheit im eigenen Lande zu gewähren. Viel war es immer nicht, denn bei dem Ueberfall einer größeren Horde hätten sich die Neu-Granadiensischen Soldaten auch wahrscheinlich nicht lange aufgehalten. Was sollten sie ihr kostbares Leben einer Anzahl Fremder wegen aufs Spiel stellen?

Der Trupp war aber doch so zahlreich geworden, daß sie allein durch den Lärm, den sie machten, Achtung einflößen konnten, und mit gutem Muth begannen sie die Tour, die freilich schon an und für sich durch den weichen, morastigen Boden und die ewigen Regen in Mittel-Amerika genug des Unangenehmen bot – ohne noch Räubern und Mördern auf der Straße zu begegnen.

Madame Bockenheim stand aber noch, ehe sie aufbrachen, eine Ueberraschung bevor; denn als an dem Morgen im Hof des Panama-Hôtels die Maulthiere vorgeführt wurden, um beladen zu werden, meldete sich plötzlich der gefällige Kellner vom Dampfboot, der stumme Pablo, bei ihnen und zeigte so viel Freude und machte ihr durch Zeichen so klar, daß er ebenfalls über den Isthmus, und sie unterwegs bedienen wolle, daß sie den Burschen augenblicklich engagirte. Ein treuer Diener war auf einer solchen Reise allerdings von unschätzbarem Werth, und Bockenheim, der mit Maulthieren nicht besonders umzugehen wußte, zeigte sich mit der neuen Acquisition vollkommen einverstanden.

Pablo verstand seine Sache aus dem Grunde. Er sah augenblicklich die Packsättel der Maulthiere nach und warf den einen, der nicht ordentlich aufgelegt schien, ohne Weiteres wieder hinab, um die darunter liegenden Decken frisch zu ordnen, damit die Thiere nicht wund gedrückt würden. Dann sprang er hinauf, um das Gepäck zu holen, und wenn Bockenheim das auch lieber selber besorgt hätte – denn die kleinen Colli enthielten viel Gold und waren schwer – so hatten sie ja doch in so starker Begleitung Nichts zu fürchten, und der arme stumme Mensch konnte auch Nichts ausplaudern, und schien überhaupt sehr stiller, friedlicher Natur.

Durch Pablo's Hülfe gelang es ihm auch weit rascher, mit all' seinen Vorbereitungen zu Stande zu kommen, als das sonst wahrscheinlich der Fall gewesen wäre, und kaum eine Stunde später setzte sich der Zug in Bewegung, um so bald als möglich die Ufer des Atlantischen Ozeans zu erreichen.

Viertes Kapitel.
Auf dem Chagresfluß.

Es war in der That eine mühsame Tour. Wer noch nie diese tropische, dicht bewaldete und von ewigem Regen feucht gehaltene Wildniß durchwandert hat, kann sich wirklich keinen Begriff von den Schwierigkeiten machen, die sich da dem Reisenden entgegenstellen und ihm überall Hindernisse in den Weg werfen.

Die Vegetation ist unglaublich, und während Palmen und Laubhölzer ein anscheinend festes Dach über den Wanderer wölben, daß kein Sonnenstrahl wenigstens auf den Boden fallen, keine frische Brise seine heiße Stirn kühlen kann, läßt es den niederfluthenden Regen in Strömen durch, denn jedes Palmenblatt bildet eine besondere Wasserrinne. Der Boden wird dadurch natürlich fortwährend naß und weich gehalten, sumpfige Strecken durchziehen nach allen Richtungen hin den Pfad, so daß die Maulthiere bald hier, bald da bis über die Knie im Morast versinken und manchmal durch die Treiber selber wieder herausgehoben und auf die Füße gebracht werden müssen. Und dabei dies oft undurchdringliche Unterholz mit dornigen Schlingpflanzen, breiten, nassen Blättern, Palmschößlingen und niederen Büschen, durch das man sich an vielen Stellen die Bahn mit dem Messer oder der macheta hauen muß, und in welchem die Thiere trotzdem überall hängen bleiben.

Kein Wunder, daß man auf solchem Boden nur kleine, sehr kleine Tagereisen machen kann. Den Abend verbringen die total durchnäßten Reisenden dann unter einem von Palmblättern rasch hergestellten und sogenannten Rancho, unter dem sie wenigstens trocken liegen. Außerdem ist auch das Klima so warm, daß ihnen die Nässe selber Nichts schadet, denn Erkältungen kommen dort nicht vor.

Hier aber, im ersten Nachtlager, zeigte sich erst, welchen vortrefflichen Begleiter die Familie Bockenheim auf ihrem Wege gewonnen hatte; denn Pablo schien im Urwald und bei einem niederströmenden Regen unbezahlbar. Ohne dazu beauftragt zu sein, lud er die Maulthiere ab, brachte das Gepäck zusammen auf einen engen Raum, legte die Decken darüber und über diese die Packsättel, und ging dann mit einem kleinen Beil, das er jedenfalls nur zu diesem Zweck bei sich führte, augenblicklich daran, eine Palme zu fällen, die Blätter derselben dann zu spalten und nach einer passenden Stelle zu schaffen, wo er das Lager für seine neue Herrschaft aufzuschlagen gedachte. Rasch hatte er jetzt Pfähle gehauen und in den Boden gerammt, Querhölzer darüber gelegt und deckte die temporäre Hütte dann mit den Palmzweigen so fest und dicht, daß auch kein Tropfen Regen hindurchdringen konnte.

Auch weiche breite Blätter suchte er aus, um ein bequemes Lager zu bereiten, und schichtete sie dick unter dem Palmendach auf, so daß Bockenheim und seine Frau, wie sie nur erst ihr Gepäck an sich genommen und ihre Decken ausgebreitet hatten, so bequem und weich wie in einem Bette lagen.

Dabei sorgte der stumme Diener für Alles, bereitete ihnen das Abendbrod, zog sich dann auf sein eigenes Lager am äußersten Rand des Blätterdachs zurück, und hatte am nächsten Morgen ihre Maulthiere zuerst von allen beigetrieben und gesattelt.

In gleicher Art verbrachten sie das zweite Nachtquartier; dieser Tagemarsch war aber fast noch beschwerlicher gewesen, als der erste, denn ein wahrer Wolkenbruch entlud sich über die Höhen und wandelte die weiche Moorerde zu einem flüssigen Morast, so daß einzelne Maulthiere abgeladen werden mußten, um sie nur wieder aus den Sumpflöchern zu befreien, in denen sie eingesunken waren. Natürlich hielt das die ganze Karavane auf. Die einzelnen Reisenden durften sie doch nicht im Stich lassen, und wenn auch nicht mehr weit vom Chagresfluß entfernt, konnten sie ihn doch nicht an diesem Abend erreichen, und mußten zum zweiten Mal im Walde lagern.

Endlich am dritten Morgen kamen sie in Sicht des Stromes, und Pablo winkte hier seinem neuen Herrn, daß er nur bei dem Zuge bleiben solle, indeß er selber voraus eilte und ein Canoe für sie schaffte. Es gab allerdings eine Menge von Indianern in jener Gegend, die es einträglich gefunden hatten, sich mit dem Transport von Fremden zu befassen; aber es war doch immer besser, sich gleich von vornherein ein Canoe zu sichern, um nicht einmal der Möglichkeit ausgesetzt zu sein, in dieser Wildniß von den Uebrigen zurückgelassen zu werden. Jetzt nämlich, mit dem Strom vor sich, der sie in kurzer Zeit an die Küste bringen konnte, hätte Keiner mehr auf den Anderen gewartet. Es dauerte auch nicht lange, so kehrte Pablo zurück und winkte der Sennora, ihm nur zu folgen. Er mußte jedenfalls ein passendes Boot gefunden haben, säumte auch nicht lange, sondern nahm die Thiere und führte sie eine kurze Strecke stromauf, wo sie schon durch die dort offenen Büsche eine Lichtung mit einer Hütte erkennen konnten.

Dicht darunter lag ein nicht sehr großes, aber bequemes Canoe, das er für sie gemiethet zu haben schien. Der Preis dafür war allerdings, wie er in den Sand schrieb, eine Unze, also sechszehn Dollars, aber auch wieder nicht zu viel, wenn man bedachte, wie gerade dieser Volksstamm durch den zahlreichen Verkehr verwöhnt worden war, hohe Preise zu fordern. Bockenheim zahlte es auch mit dem größten Vergnügen; denn hatten sie doch jetzt die beschwerliche und sogar gefährliche Landreise hinter sich, und durften also hoffen, bald, recht bald das Ziel ihrer Reise zu erreichen. Einmal erst an Bord des Dampfers, und sie waren so gut wie zu Hause.

Und wie glücklich war bis jetzt Alles gegangen. Von Räubern hatten sie auch nicht die Spur unterwegs gesehen, noch weniger irgend eine Unbequemlichkeit von ihnen erlitten. Die Neu-Granadiensische Eskorte nahm hier, mit einer reichlichen Belohnung für die einzelnen Leute, Abschied von ihnen, um eine gerade stromauf gekommene Gesellschaft zurück zu eskortiren. Sie hörten auch hier, daß zwei Dampfer, der eine für New-York, der andere für San Thomas bestimmt, vor Colon lagen. Der amerikanische wartete also auf die San Francisco Mail, der westindische dagegen segelte gleich ab, und je eher sie deshalb hinab kamen, desto besser.

Wenn die Reisenden nun aber auch kein räuberisches Gesindel unterwegs und auf dem festen Land getroffen hatten, so war damit die Möglichkeit noch gar nicht ausgeschlossen, daß sich einzelne solcher Strolche auf dem Chagresfluß selber herumtrieben, und es blieb deshalb gerathen, die Canoes der verschiedenen Parteien dort ebenso zusammen zu halten, wie auf dem Lande ihre Maulthiere. Bockenheim wäre allerdings, da er am ersten mit Pablo's Hülfe reisefertig geworden, auch am liebsten voraus gefahren, denn der Boden brannte ihm hier unter den Füßen; Pablo selber aber rieth ihm durch Zeichen, zu warten, bis die Uebrigen sich ihnen anschließen konnten, und Mittag war es etwa, als sich die kleine Canoeflotte endlich in Bewegung setzte und mit der ziemlich starken Strömung rasch den Fluß hinabglitt.

Der Indianer, dem das von Pablo gemiethete Canoe gehörte, saß am Steuer oder ruderte vielmehr im Stern seines kleinen Fahrzeuges; vor ihm, seine Schätze zu seinen Füßen, saß Bockenheim, dann kam Pablo, der ebenfalls ein Ruder führte, um sie rascher vorwärts zu bringen, und vorn im Bug hatte er der Sennora noch kurz vorher, ehe sie aufbrachen, von breiten Bananenblättern und übergebogenen Bambusstäben ein kleines Zeltdach gebaut, das sie gegen die Strahlen der Sonne oder etwa eintretende Regenschauer vollkommen schützen konnte. Allerdings hatten sich noch einige Reisegefährten als Mitpassagiere gemeldet, weil sie dadurch billiger wegzukommen hofften; Pablo zupfte aber dann jedesmal seinen neuen Herrn verstohlen, um ihm abzurathen, und Bockenheim selber hatte seine besonderen Gründe, keine fremden Menschen in sein Fahrzeug zu nehmen. So blieben sie denn allein und führten auch, von den beiden kräftigen Rudern vorwärts getrieben, bald den ganzen Zug an.