2.
Zweite lustige Fahrt.

Der Trichter. Der Lieutenant Strober und der Capitän Lani. Frühstück. Der Baron, Hippias, Herr Herrmann Bleicamb und Aristipp. Physiologische Definitionen. Gespräche über Gretchen, Lieschen, Faust. Die diabolische Natur und die Erbsünde. Rede des Barons gegen die Franzosen. Würdigung des deutschen Volkes. Promenade vor dem Trichter. Volk, Volksgedränge. Parallele zwischen dem Grafen Blücher-Altona und einem Tyrannen. Das Joachimsthal. Geschichte des Barons und des Herrn Hoyers. Hamburg und die Hamburger. Phantasie Aristipps über die Einführung von Stiefelwichsern in Hamburg. Nutzen derselben und Richard Savage. Das Hôtel de France. Die Familie Guilleaume und Fräulein Adeline. Die Commis voyageurs. Deutsche und Russische Ansichten über Liebe. Gespräche, Räthsel, Calembourgs. Der Jungfernstieg. Der Alster-Pavillon. Rückerinnerungen an Fr. Wille, Franz von Florencourt und Dr. Wienbarg. Vertheidigung der Emancipation der Israeliten, basirt auf Stellen aus der heiligen Schrift. Der Graf d’ Espagne und die falschen Zähne des Herrn Calais. Witz eines Ditmarschers. Legitimistische Aeusserungen des Barons. Entgegnung von Seiten Hippias. Keller des Herrn Langewisch. Ein Hamburger Wirth. Ende der Geschichte des Barons und des Holländischen Doctor-Capitäns. Betrachtungen. Ansichten, Gefühlswelt.

Der Trichter liegt — wie alle Menschen wissen, die in Hamburg waren, — der Reeperbahn gegenüber, und zwar in der Mitte zwischen dem Wege von dem Altonaer nach dem Hamburger Thore. Den ungeheuren Zuspruch den er hat, verdankt er theils dieser Lage, theils seinem geräumigen Locale und der Güte aller jener Getränke, Speisen etc., welche man dort erhält. Es ist nichts Seltenes, an einem schönen Sommer-Abende Tausende von Menschen beiderlei Geschlechts, dort zu finden, die in dem geschmackvollen Garten, auf der Gallerie um das Gebäude herum, sitzen, die schöne Luft genießen, dem Spiele einer ausgezeichneten Musikbande zuhören und die Vorübergehenden, Reitenden und Fahrenden betrachten. Die gewöhnliche Gesellschaft, die man dort findet, besteht meistens aus den Schiffs-Capitänen aller Nationen, deren Schiffe in Hamburg und Altona vor Anker liegen und die durch ihren Besuch die Kameradschaft mit ihrem ehemaligen Collegen, dem Besitzer des Trichters, aufrecht erhalten. Gewöhnliche Gäste des Trichters sind außerdem einige Officiere des Hanseaten-Corps in Hamburg, unter welchen der Lieutenant Strober einer der interessantesten ist; der mit dem einnehmendsten Wesen die Gabe besitzt, hinter einem guten Glase Stroberschen Bieres, d. h. Grog von Cognac, eine angenehme Unterhaltung zu machen. Ihm zur Seite erscheint gewöhnlich der Capitän Lani, dessen Leben reich an Aventüren mancher Art war, und dem es bei der Geläufigkeit seiner Zunge ein Leichtes ist, „einen ergötzlichen Faden abzuspinnen.“ Da diese beiden erwähnten Herren durchaus keine Menschenfeinde sind, so rathe ich einem jeden Fremden, der den Trichter besucht, ihre Bekanntschaft zu suchen, und versichere ihm, daß er, sehr befriedigt durch die Unterhaltung beider, dieselben verlassen wird. Zwischen den übrigen Gästen sind diese Herren leicht zu erkennen. Der Lieutenant ist fast immer in Uniform, sein hoher Wuchs, seine schlanke Taille, seine römische Adlernase und der stechende Blick seiner Augen, von denen er gewöhnlich das eine halb schließt, lassen ihn nicht leicht mit einem Andern verwechslen. Der Capitän ist gewöhnlich in einem schwarzen Fracke gekleidet, trägt ein Paar dunkelgraue Unaussprechliche, einen Schnurbart; den übrigen Bart aber wegrasirt, und hat Etwas in seinem Gesichte das Gutmüthigkeit und Schlauheit ausdrückt. Ein besonders großer Theil seines Gesichtes bildet die Nase, welche man aber weder eine römische, noch griechische, sondern nur, die Nase des Capitän Lani nennen kann.

Daß man im Trichter alle Zeit- und Literatur-Schriften findet, versteht sich von selbst. Auch ein vortreffliches Billard ist dort, auf welchem fleißig à la poule gespielt wird. Wer aber nicht gerade ein ausgezeichneter Meister, ein Monsieur Eugène, sein sollte, der wird dort schwerlich eine Poule gewinnen. Im Trichter findet man zwar eine Schenke, aber keine Schenk-Mamsellen darin, wenn gleich das Geforderte durch Personen weiblichen Geschlechtes verabreicht wird. Diese machen aber keinen Anspruch auf jenen Titel, sondern sind schlichte, rechtliche Bürger-Mädchen, in Hauben und gewöhnlichem Anzuge eines ordentlichen Hamburger Dienstmädchens. In der Mitte des Locales steht ein kupferner Ofen, dessen Röhren durch das ganze Zimmer laufen. Das Ganze ist einfach, aber elegant meublirt. Man sieht, daß der Geist des ehemaligen Schiffscapitäns noch nicht verschwunden ist, denn überall herrscht Ordnung, Reinlichkeit und Sauberkeit.

Nachdem ich meine Leser auf diese Weise eingetrichtert und dem Trichter die besten Empfehlungen gegeben habe, obgleich ich selbst nicht gerne dort sein mag, weil ich Menschen und das Menschen-Gewühl hasse, so ersuche ich sie, sich im Geiste im Trichter einzufinden.

Hippias und ich traten um elf Uhr dort ein. Der Baron und Herr Bleicamb waren schon dort. Wir begrüßten uns mit den gewöhnlichen Fragen und Antworten:

„Gut geschlafen?“

„Vortrefflich.“

„Angenehme Träume gehabt?“

„Keinen Katzenjammer?“

„Den habe ich nie.“

„Lieschen nicht im Traume erschienen?“

„Nein. Gottlob nicht!“

„Die Melancholie noch nicht vorby?“ etc.

„Meine Herren,“ sprach der Baron, „das ganze Leben dreht sich eigentlich nur um Essen, Trinken und Weiber. Für die beiden ersten Punkte habe ich gesorgt. Im Nebenzimmer erwartet uns ein Frühstück, so gut es hier zu haben ist: Beefstakes aux pommes de terre. Folgen Sie mir.“

Wir gingen hinein und setzten uns.

„Es ist mir unbegreiflich, wie man so viel essen kann!“ rief Herr Bleicamb, ein ungeheures Stück Beefstake zu Munde führend.

Wir lachten!

„Du hast wohl einen Magen gemiethet, der für Dich verdauet,“ meinte der Baron. „Wie ich es in irgend einer Zeitschrift gelesen, so hat man es jetzt ja so weit gebracht, sich mit irgend einem Andern in einen magnetischen Rapport setzen zu können, dessen Magen dahin zu bringen, daß er für einen verdauet. Ich glaube, Dein Magen würde sich vortrefflich zu einem solchen Amte passen. Laß Dich in die Zeitung rücken, und ein Schild vor Deine Thüre nageln, mit der Inschrift: Hier sind magnetische Magen zu vermiethen à Stück zwei Mark per Tag.“

„Du, mach mich nicht böse! Ich esse für meine ganze Familie.“

„Verzeihe es mir! Du weißt, ich kränke Niemanden absichtlich.“

„Ich habe auch diese Erzählung gelesen,“ bemerkte Hippias, „in welcher von diesen magnetischen Magen die Rede ist. Der Einfall ist wenigstens neu, und da schon so viel geschrieben ist und immer geschrieben wird, so muß man zuletzt auf das Baroqueste kommen.“

„Ich bin hierin nicht Ihrer Meinung. Je mehr wir das Baroque suchen, je mehr entfernen wir uns von dem Wahren, dem Natürlichen,“ antwortete der Baron. „Wie viele Dinge oder Gegenstände in, an, um uns her sind uns unerklärlich, von denen wir uns keine Rechenschaft zu geben wissen; von denen wir nicht wissen, wie und auf welche Art sie bewirkt werden.

Wir schreiben, wir philosophiren, wir disputiren über die entferntesten, unerklärlichsten Gegenstände und die gewöhnlichsten Gegenstände im Leben wissen wir uns nicht zu erklären, nicht richtig zu definiren. Wir lachen, wir seufzen, wir weinen, wir gähnen etc. Wenn ich Sie oder die gelehrtesten unserer jungen Literaten nun aber ersuchte, mir eine physiologische Erklärung oder Definition des Weinens, des Lachens etc. zu geben, würden Sie dazu im Stande sein? Definiren Sie mir z. B.: Seufzen! — Sie schweigen — Sie können es nicht. Ich selbst war vor einiger Zeit nicht im Stande dazu, weil ich mich auch nur „unerklärliche Geheimnisse“ zu erforschen bemühte. Zufälligerweise machte ich in einem kleinen Flecken die Bekanntschaft eines jungen interessanten Arztes, welcher mir eines Abends folgende Definitionen mittheilte:

Erstens. Was ist Küssen? Küssen ist ein Saugen, wobei aber die Mundöffnung plötzlich von dem Gegenstande, an den sie sich befestigt hatte, abgezogen und, durch ein gleichzeitiges und schnelles Eindringen der Luft von Außen her, der gewöhnliche Ton beim Küssen entsteht.

Zweitens. Was ist Saugen? Saugen ist ein Anhalten des Athems. Weder durch den Mund, noch durch die Nase tritt Luft in die Lungen. Die Mundhöhle wird gewissermaßen luftleer gemacht; durch eine eigenthümliche Bewegung der Zunge aber wird der luftleere Raum vergrößert und dann dringt, durch den Druck der Luft von Außen her, das Eingesaugte in die Lufthöhle.

Drittens. Was ist Seufzen? Seufzen besteht in einem langsamen, tiefen Einathmen, mit darauf folgenden langsamen, passiven Ausathmen mit zitterndem Tone verbunden.

Viertens. Was ist Weinen? Weinen besteht in tiefem Einathmen, worauf dann abgestoßenes an Heftigkeit immer abnehmendes Ausathmen entsteht.

Fünftens. Was ist Schneuzen? Hier findet, damit sich viele Luft ansammle, tiefe Inspiration statt, dann wird Mund und Nase geschlossen, die Luft mit voller Gewalt in die Nase getrieben, und dann die Nase plötzlich geöffnet.

Sechstens. Was ist Lachen? Lachen ist die Modification der Respiration, wobei auf ein tiefes Einathmen kurze, mit einem eigenen Tone verbundene Exspirationen erfolgen.

Siebtens. Was ist Schluchzen? Schluchzen entsteht durch eine convulsivische, zugleich mit schneller, abgebrochener Inspiration vergesellschaftete Contraction des Zwergfelles.

Achtens. Was ist Niesen? Niesen besteht in tiefem Einathmen, worauf dann eine heftige, abgesetzte, mit besonderem Geräusch verbundenen Exspiration erfolgt, die durch einen Reiz in der Nase erregt ist.

Neuntens. Was ist Gähnen? Gähnen besteht darin, daß die Inspirations-Muskeln sich unwillkührlich erweitern; zugleich erweitern sich auch die Lungen, nehmen viel Luft auf, und nachdem diese angefüllt sind, treten die Exspirations-Muskeln in besondere Thätigkeit. Bei der Exspiration und Inspiration öffnet sich der Mund. Dieses Oeffnen rührt von der angestrengten Thätigkeit der Streck-Muskeln der untern Kinnlade her.

Zehntens. Was ist Hauchen? Hauchen besteht in einem willkührlichen Ausathmen bei weiter Stimmritze und offenem Munde. Wird der Mund dabei meist geschlossen, so wird es Blasen. Tritt die Luft durch eine noch kleinere Oeffnung, so ist es Pfeifen; hierbei wird die Luft aber mehr zusammengepreßt, so, daß sie mit großer Kraft hervortritt.

Ich theile Ihnen diese Definitionen nicht mit, meine Herren, um mit einer erborgten Gelehrsamkeit zu prahlen. Wie gesagt, ich habe dieselben von einem jungen Arzte, und wahrscheinlich sind sie jedem Mediciner bekannt, vielleicht auch schon gedruckt. Ich wollte nur damit beweisen, daß es so hunderttausend Gegenstände giebt, die uns so unendlich nahe liegen, von denen wir uns keine Erklärungen geben können, weil wir sie nicht mit Aufmerksamkeit betrachten, und, daß es durchaus nicht nothwendig ist zu baroquen Behauptungen, Sätzen oder Annahmen unsere Zuflucht zu nehmen, um neu und interessant zu sein.“

„Ich bin Deiner Meinung,“ sagte ich. „Wir haben durchaus nicht nöthig uns das Unerklärliche erklären zu wollen. Es ist genug, nur das Erklärliche oder Natürliche richtig auffassen und erklären zu können, um ein großer Geist, ein bedeutender Schriftsteller zu sein. Das Geheimnißvolle in der Natur durchdringen wollen, ist lächerlich. Sunt certique denique fines. Die Gegenstände im Leben aber deutlich aufzufassen, zu durchdringen, die der menschliche Geist zu fassen im Stande ist, und sich keiner Täuschung oder Illusion, hinzugeben, das muß das Streben des vernünftigen Mannes sein. Sind wir dahin gelangt, daß wir keiner Täuschung oder Illusion im gewöhnlichen Leben Raum geben, so stehen wir auf der rechten Höhe. Wir verlieren zwar viel dabei, denn so bald keine Täuschung mehr möglich ist, hört die Phantasie auf, und das Herz verliert, was der Geist oder die Vernunft gewinnt. Jeder körperliche Gegenstand, von diesem Gesichtspuncte aufgefaßt, erscheint nur als Skelett, von jeder lebendigen, freundlichen Bekleidung entblößt.“

„Das ist ein fürchterliches Anmuthen,“ versetzte Hippias. „Auf diese Weise würde der Mann, wie er nach Deiner Ansicht sein sollte, Mephistopheles selber sein müssen.“

„Findest Du denn diesen so gar fürchterlich? Glaube mir, es giebt zehntausendmal ärgere Mensch-Teufel, als diesen interessanten Goethischen Teufel! Denke Du nur an Deine Geschichte von gestern mit Lieschen zurück. Thut Mephistopheles etwas Schlechteres, als was Du gethan? Hattest Du nicht Freude am Bösen? Ja, hattest Du nicht mehr, als er, den Genuß? Ich will freilich nicht leugnen, daß Mephistopheles gewiß auch diesen mit Vergnügen sich zueignete — aber das liegt für ihn im Bereich der Unmöglichkeit. Die Natur des Goethischen Teufels ist geschlechtslos.“

„Du scheinst die Teufels-Natur genau studirt zu haben. Das wußte ich noch nicht.“

„Ich habe diese Betrachtung aus dem Munde eines Hannoverschen Predigers, der mir die Geschlechtslosigkeit des Teufels durch die beiden Verse bewies:

„Ja wohl, mein Freund! Ich hab’ euch oft beneidet
Um’s Zwillingspaar, das unter Rosen weidet,“

oder mit anderen Worten, die beiden Verse mir durch die Geschlechtslosigkeit des Teufels erklärte. Der Goethische Mephistopheles ist überhaupt weiter nichts, als der Mensch ohne Illusion, der ohne Scheu, oder, wenn Ihr lieber wollt, ohne Schimpf und Schande, das „vor keuschen Ohren nennt, was keusche Herzen nicht entbehren können.“

„Und was ist denn Faust?“

„Faust? Das bist Du, der Baron, ich, kurz alle Menschen, denen noch der Doctor im Leibe steckt, die das wollen, was sie nicht können und eine ungeheure Idee von ihrem erbärmlichen homo sum haben, die sich für ein wundervolles Ganze halten, wenn der kluge Mephistopheles sich damit begnügt zu sagen: „ich bin ein Theil von jener Kraft“....“

„Und Gretchen?“

„Gretchen ist weiter nichts, als Dein Lieschen, nur, daß sie etwas empfindsamer und katholisch war, und sich ihrer Phantasie zu sehr überließ. Wenn Du es aber hochtrabender haben willst, so ist Gretchen das unterdrückte Angstgeschrei der gemordeten Unschuld, der Klagelaut der geopferten Weiblichkeit!“

„Das sind ja ganz neue Ansichten über den Faust!“ rief der Baron. „In den beiden letzten Puncten magst Du wohl Recht haben, Aristipp, was aber den Mephistopheles, anbetrifft so ist Dein Ausdruck: er sei der Mensch ohne Illusion, eine famose Paradoxe, die dir kein Mensch vergeben kann. Der Goethische Teufel, ist der wahre Teufel, der erst den Menschen zur Sünde verlockt, und dann, wie das böse Gewissen, sich an seine Schritte unablässig und verhöhnend heftet! Uns Menschen die Phantasie rauben, das Herz nehmen, ist ein abscheulicher Gedanke, und ich danke dafür, in einer Welt zu leben, die Du mit lauter Teufeln bevölkerst.“

„Wenn wir aber die Erbsünde annehmen, so sind wir in der That eine kleine Art von Teufeln, die von Grund aus schlecht sind, und zwar noch schlechter, als der Teufel selber, denn er war wenigstens gut, ein Engel, ehe er fiel.“

„Ich bin weit davon entfernt, die Erbsünde anzunehmen. Meiner Ansicht nach sind alle Menschen gut von Natur. Es ist ja wirklich wider alle gesunde Vernunft, anzunehmen, Gott habe die Menschen schlecht in die Welt gesetzt, um sie nachher für die Schlechtigkeiten zu bestrafen, deren Keim er selbst in sie legte. Ebenso widersinnig ist es, anzunehmen, daß Gott nach einigen tausend Jahren sich erst besonnen habe, es sei jetzt wohl Zeit, die Menschen aus den Klauen des Bösen zu reißen, seinen Sohn sandte, und durch das Blut der Versöhnung und die heilige Taufe die Menschheit rettete und die Erbsünde vernichtete.

„Wenn Du auf diese Weise redest, so bist Du kein lutherisch-evangelischer Christ!“

„Ich mache einen Unterschied zwischen Gott und Kirche. Mein Gott ist der Gott aller Geschöpfe, aller Wesen. Ich habe nichts dagegen, daß man ihn auf verschiedene Weisen zu verehren suche, nur muß ich bitten, auch mir meine Weise zu erlauben. Glaube mir, Aristipp, dem höchsten Wesen ist es sehr einerlei, wie man es verehrt, wenn man es nur warm und ehrlich meint. Ein liebevolles, frommes, gutes Herz ist Gottes schönster Tempel, und nicht St. Peters Dom mit goldener Kuppel.“

„Ich habe nichts dagegen, Du frommer, liebevoller Mann! Das von der Erbsünde warf ich nur so hin, und mit meiner Welt von Teufeln war es auch nicht so bös gemeint. Wir Deutschen können ohnehin nie eine lebendige Conversation führen! Wir werden gleich so breit! Wird ein Wort hingeworfen, so schnappt es gleich der Andere auf und predigt darüber eine Stunde. Ich denke doch, Du wärest lange genug in Frankreich gewesen, um eine bessere Lebensart zu lernen.“

„Ich verstehe Deinen Vorwurf, aber ich bin aus Frankreich als Deutscher wieder heimgekehrt: noch mehr, ich habe nie einen größern Stolz darin gesetzt, ein Deutscher zu sein, als nachdem ich die Franzosen habe kennen lernen. Wahrlich! wir haben es nicht nöthig, den Witz, die Lebendigkeit der Franzosen zu beneiden! Wir haben das Gemüth, die Tiefe des Gefühls für uns. Laß den Briten den ganzen Stolz seines Albions zur Schau tragen — es ist nur der Stolz einer engherzigen Krämer-Seele! Wir Deutschen sind und denken edeler, als er. Der Deutsche ist von Geburt zu allem Großen, Schönen, Erhabenen geneigt, und nur die uns angeborene Bescheidenheit bewirkt es, daß unsere großen und herrlichen Eigenschaften verborgen bleiben. Und diese Bescheidenheit ist wiederum eine deutsche Tugend. Wir prahlen nicht! Wir sind keine Scharlatane, wie die Franzosen, und wenn wir auch manch Mal etwas breit und langweilig werden, so geschieht es nur, um sicherer zu gehen und Alles reiflich zu erwägen. Und welche Eigenschaft ist es denn, Aristipp, die wir höher, als alle andere schätzen? Es ist die Vernunft! Und welches Volk besäße sie in einem höhern Grade, als das Deutsche?“

„Und besonders wir,“ fiel ich lächelnd ein, „die wir heute Morgen hier im Trichter Beefstakes essen und Porter trinken, gestern den ganzen Tag in Saus und Braus gelebt, und heute noch den ganzen Tag zu unserm Vergnügen bestimmt haben!“

„Persönlichkeiten gehören nicht zur Sache. Vier liederliche Männer machen nicht das Volk aus, und ist es meine Schuld, daß ich in so schlechte Gesellschaft gerathen bin?“

„Bravo!“ fiel Bleicamb ein, „so mag ich Dich gern hören. Das Philosophiren paßt nicht für Dich. Man merkt es doch, daß es nicht aus voller Ueberzeugung ist. Was nicht vom Herzen kommt, geht nicht zum Herzen. Erzähle uns von Deinen Fahrten, von schönen Frauen, das läßt Dir ungleich besser, als wenn Du uns Vernunft predigst, oder von Deinen edlen deutschen Gesinnungen uns vorschwatzest. Keiner ist weniger seinem Charakter, seinen Sitten, seinem Handlen nach ein Deutscher, als Du.“

„Meinen Charakter kennst Du nicht. Meine Sitten, meine Handlungen sind nicht deutsch? Auch gut! Meine Gesinnungen aber und meine Ansichten sind deutsch. Mein Vaterland braucht sich meiner nicht zu schämen. Ich bin vor anderen Nationen nicht gekrochen, habe nicht dem Engländer, noch dem Franzosen geschmeichelt, sondern stets in ihren Landen stolz und kühn mein Vaterland vertheidigt, und ihnen gezeigt, wie unendlich viel höher wir Deutsche in tausend Beziehungen über ihnen stehen. Ich habe nie zu jenen elenden Ueberläufern gehört, die durch Herunterreißen und Heruntersetzen ihres eigenen Vaterlandes jenen ichsüchtigen Nationen Weihrauch streuten! Wenn wir Deutschen die Größe anderer Nationen aus Gerechtigkeitsliebe anerkennen, so dürfen wir auch mit Recht verlangen, daß sie unseren Werth anerkennen. Ich habe den lächerlichen Anmaßungen der Franzosen einen ruhigen Ernst entgegengesetzt; an diesem Bollwerk ihr Feuer und ihren Witz zersplittern lassen und sie dann in ihren eigenen Behauptungen und Worten gefangen und zu Boden geschlagen. Ich habe ruhig angehört, wie sie ihren Voltaire, Racine, Corneille etc. über Goethe, Schiller, Wieland setzten und sie nur zuletzt gefragt: ob sie Deutsch verständen, ob sie Wieland, Schiller, Goethe gelesen hätten? Sie kannten nur die Namen — Sie waren besiegt. Ich habe dem Stolze des Engländer’s einen gleichen Stolz entgegengesetzt, und von ihm verlangt, daß er in Deutschland Deutsch mit mir reden sollte. Unsere zu große Bescheidenheit und Gefälligkeit gegen Fremde ist die Ursache, warum sie uns verächtlich behandeln. Der Deutsche muß kühner, kecker, stolzer gegen sie auftreten. Das Gefühl ihres Werthes muß unseren Deutschen Landsleuten klar, anschaulich gemacht werden. Wir Literaten müssen dahin streben, ihnen ihren wahren Werth zu zeigen. Nur dadurch können wir dem Deutschen das richtige Selbstgefühl einflößen, die Deutsche Nation heben; nicht aber dadurch, wenn wir, im Vergleiche zu anderen Nationen, unsere eigene Nation als eine erbärmliche, knechtische schildern, wie einige Schriftsteller es thun, die des Deutschen Namens unwerth sind! Ich ereifere mich, meine Herren! Aber dieses ist der Punct, wo ich verwundbar bin! In meinen Adern fließt das reinste deutsche Blut, und durch einen tausendjährigen Zeitraum ist meiner Familie die Liebe zum Deutschen Vaterlande, zu dem angestammten Deutschen Fürsten und der Haß gegen die Franzosen eingeimpft! In tausend Schlachten hat sie für diese Gesinnungen geblutet! Was meine Sitten anbetrifft, so magst Du sie immerhin leicht und französisch nennen, Bleicamb! Sie sind es! Ich hasse die Formen und bin leidenschaftlich! Was meine Handlungen aber anbetrifft, so glaube ich doch, daß sie fast alle den Stempel deutscher Gutmüthigkeit und eines deutschen Herzens tragen!“ —

Der Baron schwieg, ergriff ein Glas Porter und trank es langsam aus. Er schien in einer gewaltigen Bewegung zu sein. Seine Augen sprühten Feuer und schienen in allen Ecken des Zimmers einen Gegner zu suchen; seine Haltung war stolz, drohend und herausfordernd. Hätte er einer feindlichen Batterie gegenüber gestanden, er hätte nicht kampflustiger aussehen können. Nach und nach beruhigte er sich, und nur ein höhnisches Lächeln umspielte seine Lippen. Ein Lächeln, daß so leicht dem Menschen zur Gewohnheit wird, der sich häufig im Leben verkannt sieht, und das etwa sagen will: „ich verachte Euch! da Ihr mich falsch versteht, und da ich die innere Ueberzeugung habe, daß ich besser bin, als Ihr glaubt.“

„Und nun wieder vorby!“ rief Herr Bleicamb aus, „wozu Dich so erhitzen? Kann man denn kein Wort mehr sagen, ohne daß Du wüthend wirst? Wir sind hier, um uns zu amüsiren; keinesweges aber, um uns zu beleidigen und anzufeinden! Wer will gleich über ein Wort böse werden! Darin liegt gerade ein großer Fehler der Deutschen, daß sie gleich empfindlich werden! Wenn wir beisammen sind, wollen wir vergnügt sein und die Freiheit haben, das zu sagen, was uns gerade einfällt. Wenn man unter Freunden ist, so muß man immer den Grundsatz annehmen, daß Keiner den Andern beleidigen will, und ist die Absicht nicht vorhanden, so kann auch nie eine Beleidigung stattfinden. Und nun wieder vorby!“

„Recht so, Herr Bleicamb,“ sprach Hippias. „Männer wie wir müssen immer nur eine Unterhaltung führen, die kein Kopfbrechen verursacht und lehrreich ist, ohne zu langweilen. Die zu große Empfindlichkeit hindert im allgemeinen stets die Fortsetzung gegenseitiger Mittheilungen und ist die Folge verletzter Eigenliebe. Je weniger Eigenliebe wir besitzen, je edler, reiner und schöner stehen wir da, weil eine große Selbstüberwindung dazu gehört, um die Aufwallungen zu unterdrücken, welche durch die Verletzung der Eigenliebe in uns rege werden.“

„Wenn ich mich zu sehr über den Vorwurf, welchen Herr Bleicamb mir machte, ereifert habe,“ nahm der Baron das Wort, „und ich muß es gestehen, daß ich dieses gethan, so muß ich sehr um Entschuldigung bitten, lieber Hippias. Es paßt sich für keinen gebildeten Mann, hitzig, zornig zu werden, weil, wie Sie richtig bemerkten, dann der Austausch der Gedanken aufhört. Der zornige und empfindliche Mann ist nicht mehr Herr seiner Gefühle; die Leidenschaftlichkeit seiner innern Aufwallung verhindert ihn, klar und deutlich zu denken, ruhig und besonnen zu urtheilen; er wird ich- und streitsüchtig, persönlich. — Ich habe darin gefehlt. Wenn Sie mich aber genau kennten, so würden Sie mir gewiß vergeben. Ich habe in der Meinung der Welt, sei es durch mein Betragen, sei es durch die Verleumdung meiner Feinde, sehr verloren. Wenn man mir nun also auch das letzte Gute absprechen will, daß ich nach meiner festen, innern Ueberzeugung wirklich besitze, nämlich: Deutsche Gesinnungen, Menschenliebe und eine gewisse aufopfernde Gutmüthigkeit in meinen Handlungen gegen meine Mitbrüder, so muß mich dieses aufbringen. Besonders aber, wenn ein Mann dieses thut, der mich so lange kennt, als Bleicamb; der seit zwei Jahren sowohl der Zeuge meiner Verirrungen, als der Zeuge meiner guten Handlungen war. Es mußte daher sehr kränkend für mich sein, wenn derselbe in Ihrer Gegenwart, in der Gegenwart eines Fremden! von mir zu sagen wagt: Keiner ist weniger seinem Charakter, seinen Sitten, seinem Handlen nach ein Deutscher, als Du!“

„Na ja!“ unterbrach Herr Bleicamb. „Ich habe Unrecht gehabt, aber nichts Böses dabei gedacht! Du kennst mich ja von alten Zeiten, daß ich ein lustiger, alter Knabe bin, und Du nimmst es auch nicht immer mit Deinen Worten so genau. Komm her! Stoß an! Und damit wieder vorby.“

„Wir wollen mit anstoßen!“ bemerkte ich: „Eintracht und Friede! meine Herren!“

Unser Frühstück, oder vielmehr die Gespräche, welche wir bei unserm Frühstücke geführt, hatten ziemlich lange gedauert. Die Promenade vor dem Trichter und der Trichter selbst füllten sich mit Menschen. Hamburg und Altona schienen ihrer Bewohner sich entledigen zu wollen. Eine ungeheure, dichtgedrängte Masse von Menschen erfüllte den Raum zwischen dem Altonaer und Hamburger Thore. Die Reeperbahn, der Platz vor dem Gebäude, in welchem sich die Menagerie des Herrn van Aken befand, enthielt mehre Tausende von Menschen, die sich durch einander drängten. Das Karoussel, die Waffelbude, der Pulcinell-Kasten wurden von Tausenden umringt und belagert. Glänzende Equipagen, Reuter zu Pferde, Wochenwagen aus der Umgegend mit ihrem leinenen Ueberzug, die neuerrichteten Omnibus, Cabriolets aller Art, füllten den Fahrweg an und die Ohren der Lustwandelnden durch das donnernde Geräusch, welches sie verursachten. Von Zeit zu Zeit erschien eine Patrouille der schönen Hamburger Dragoner. Schaaren lustiger Matrosen, die Cigarre im Munde und singend, zogen beim Trichter vorüber. Die Musik aus den verschiedenen Gast- und öffentlichen Häusern schmetterte durch die Luft. Alles athmete Leben, Fröhlichkeit um uns her. Wir konnten aus dem Trichter dieses Alles beobachten, sehen und hören. — Wir standen von unserm Frühstück auf, bezahlten, gingen fort, faßten uns Arm unter Arm und mischten uns unter die vergnügte, fröhliche Menge. Da gab es freilich Püffe genug! Die Masse achtet keiner Persönlichkeit! Ordensbänder, feine Anzüge, Cachemir-Shawls, seidene Kleider, Glacé-Handschuhe, Schnurbärte verschaffen keinen Respect; sie gehen unter in dem ungeheuren Menschen-Gewühle! Nur dem Mann weicht man aus, der Kraft genug besitzt, um sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen. Nur er kommt vorwärts! Der Zierbengel, im eleganten Fracke, mit der Lorgnette in der Hand, wird, wie eine zu leichte Waare stets auf den alten Platz zurückgeworfen, wenn er es wagt, in ein solches Gedränge sich zu mischen. In einem Volks-Gewühle kommt es nur darauf an, stärker vorwärts zu schieben, als man geschoben wird. Dazu gehört Kraft. Es ist nichts Fürchterlicheres für einen Schwächling, einen Feigling, als ein Volks-Gewühl! Nur der körperlichen Kraft weicht die rohe Menschenmasse. Nur dem Hintermanne macht der erschrockene Vordermann Platz, von dem er einen Puff erhält, den er in gleicher Stärke und Kraft nicht wieder zu ertheilen sich fähig glaubt und fühlt, indem er sich etwas zur Seite drängt, um nicht einen zweiten Stoß zu erhalten. Nur allgemein anerkannte und geschätzte Persönlichkeiten machen hiervon eine Ausnahme. Kein Wesen ist bereitwilliger die Verdienste eines Mannes anzuerkennen, als der gemeine Mann, das Volk. Wir selbst erlebten hiervon ein Beispiel. Aus dem Altonaer Thore trat ein hoher Mann, mit einem schlichten, grünen Oberrocke bekleidet. Die ungeheure Menschen-Masse stand auf einen Augenblick stille. Ein Jeder machte ihm Platz, und von Munde zu Munde lief das Gemurmel: „Graf Blücher von Altona!“ Wahrlich! Der Elephanten-Orden des Königs von Dänemark gereicht dem Biedermanne weniger zur Ehre, als dieser Beweis der Achtung des Volkes! Ein Mann, der die Liebe und Achtung seines Königs und seiner Mitbürger besitzt, ist immer ein großer Mann!

Kein Hamburger und Altonaer Bürger hätte da einen Tyrannen Platz gemacht! Im Gegentheil, es hätte ihn gefreuet, ihn etwas quetschen zu können! Nichts ist gefährlicher für einen ungerechten Regenten oder Tyrannen, als der Zusammenlauf von Menschen! Die Masse giebt dem Einzelnen Muth, und das Gefühl der Ueberlegenheit der körperlichen Kräfte eines Volkshaufen über die Kräfte eines Einzelnen wird in solchen Augenblicken Jedem klar und anschaulich. Die Stimme des Einzelnen wird zu der Stimme von Hunderttausenden, weil Jeder es wagt, das zu schreien, was sein Nebenmann schreit. Das Schlimmste bei der Sache ist, daß der gemeine Mann, oder das Volk gleich zu Thätlichkeiten disponirt ist; seinen Unwillen oder Zufriedenheit äussert. Die Stimmung des Volkes hält in solchen Augenblicken sogleich Gericht. Es giebt daher, wie erwähnt, nichts Gefährlicheres und Fürchterlicheres für einen Tyrannen, als die Stimmung eines Volkshaufen; nichts Erhebenderes aber auch als die anerkennende Ehrerbietung desselben für einen guten Regenten; nichts Belohnenderes für einen Privat-Mann, als der Beweis der allgemeinen Achtung des Volkes.

Während diese Gedanken mich bewegten, waren wir, „schiebend und fortgeschoben,“ bis an das Joachimsthal gelangt. Das Joachimsthal ist eins der schönsten Gebäude St. Pauli, nicht weit vom Altonaer Thore gelegen. Die Façade desselben ruht auf Säulen, welche eine Art von Arkade bilden. Auch hier wird an Sonntagen getantzt, und ist einem Jeden gegen die mäßige Entrée von vier Schilling der Eintritt gestattet. Für diese Entrée erhält man sogar am Büffet Getränke zu gleichem Preise. Der Tanzsalon selbst ist einer der schönsten, die man sehen kann. Der Plafond desselben wird von Säulen getragen; das Orchester ist sehr gut besetzt und hinter dem Hause befindet sich ein schöner Garten. An den Tanzsalon stößt ein Billardzimmer. Eine Treppe hoch läuft eine Gallerie um das ganze Lokal, von welcher man einen Blick auf das bunte Gewühl der unten Tanzenden werfen kann. Im Winter werden dort Masken-Bälle gegeben. Madame Harten, die Besitzerin dieses schönen Etablissements, ist eine der schönsten Frauen; gebildet und geistreich, wenn gleich nicht mehr im jugendlichen Alter. Ihre Tochter eine allerliebste Brünette. Herr Harten und seine Söhne sind Weltmänner. Die Letztern vortreffliche Billardspieler.

Hippias, Bleicamb, der Baron und ich, setzten uns auf einige Stühle unter der Arkade hin, zündeten unsere Cigarren an, und betrachteten die vor uns wogende Menschenmasse.

„Ich kann dieses Local nie ohne eine angenehme Rückerinnerung betreten,“ begann ich nach einer Pause. „Dies ist das erste öffentliche Haus, in welches ich in Altona und Hamburg meinen Fuß setzte. Es geschah dieses in Begleitung von zwei Ehrenmänner, wie man sie selten trifft, der Eine ist der Weinhändler Hoyer in der großen Elbstraße, der Andere der Brannteweinbrenner Tiemer in der Königsstraße in Altona. Ich weiß von Euch Allen, daß es Euch nicht unangenehm sein wird, einen Zug von seltener Herzensgüte erzählen zu hören, und daher will ich mir, unaufgefordert, die Erlaubniß nehmen, Euch diesen Vorfall zu erzählen, oder, um mich nicht zu wiederholen, Euch diese Begebenheit vorzutragen: Es sind jetzt ungefähr acht Jahre verflossen, daß ich mich auf einer Tour durch die beiden Herzogthümer Schleswig und Holstein befand. Ich reisete zu Fuße und hatte einen Knaben von etwa vierzehn Jahren mit mir, der in einem kleinen Ranzen mein Zeug trug. Fritz war sein Name. Auf meiner Wanderung kam ich auch nach Rendsburg, dieser uneingenommenen aller Festungen. Ich trat dort in dem besten Gasthofe ab und blieb zwei Tage dort, theils um mich von meiner Fußwanderung auszuruhen, theils weil ich in Rendsburg eine alte Bekannte getroffen hatte. Am letzten Tage meines Aufenthaltes aß ich an der Table d’hôte. Dieselbe war gut besetzt. Mehre Dänische Officiere hatten ihren Mittagstisch daselbst. Am obern Ende des Tisches, bei der sehr hübschen Wirthin, saß ein wohlbeleibter, gesund aussehender Mann, dessen Ausdruck Menschenfreundlichkeit und Wohlwollen verrieth. Mir gegenüber saß ein Mann, dessen Gesichtszüge mir nicht unbekannt schienen, und während der Dauer der Tafel fand es sich, daß wir zu derselben Zeit in Göttingen studirt hatten. Ihr könnt Euch denken, daß diese Entdeckung mehre Flaschen Wein auf den Tisch und mehre sogenannte Studenten-Streiche auf das Tapet, wie man es nennt, brachte. Ich gab mich in ungebundener Fröhlichkeit den angenehmen Erinnerungen der schönen Burschenzeit hin, und erzählte in lustiger Laune einige tolle Geniestreiche. Der dicke Mann, am obern Ende des Tisches schien sehr vielen Antheil an unseren Gesprächen zu nehmen. Er lächelte in sich und verwandte kein Auge von mir. Nach aufgehobener Tafel ging ich in mein Zimmer zurück. Einige von den Dänischen Officieren begleiteten mich, und wir begannen eine Partie Whist. Nachdem wir einige Zeit gespielt hatten, ging ich aus dem Zimmer um Etwas zu bestellen. Auf dem Gange, der von meiner Stube nach dem Wirthszimmer lief, begegne ich dem dicken Herrn. Der Gang war so schmal, der dicke Herr so stark, daß er ihn fast ganz ausfüllte. Wir rannten also beinahe gegeneinander und blieben nolens, volens vor einander stehen. „Ich höre, Sie reisen nach Altona,“ begann der dicke Herr. „Ich mache dieselbe Tour und habe noch einen Platz in meinem Wagen frei. Wenn Sie wollen, steht er zu Ihren Diensten. Ich bin der Weinhändler Hoyer aus Altona.“

Ein wildfremder Mensch, der mir einen Platz in seinem Wagen anbot, der mir nicht einmal vorgestellt war; ein Kaufmann, der es wagte, einem Reichsfreiherrn einen Vorschlag zu machen — das war mir etwas Unerhörtes! Ich faßte mich aber doch und antwortete ihm sehr höflich: „Sie sind ungemein gütig; wenn Sie es erlauben, werde ich Ihren Vorschlag überlegen und Ihnen dann Bescheid sagen lassen.“ „Wie Sie wollen,“ antwortete Herr Hoyer. Wir trennten uns. Ich ging zu meinen Officieren zurück und erzählte ihnen diesen Vorfall, indem ich ihnen nicht undeutlich meine Verwunderung darüber zu erkennen gab, daß ein ganz fremder Mensch mir diesen Vorschlag gemacht habe. Sie riethen mir aber Alle ja diese Proposition anzunehmen, und stimmten sammt und sonders darin überein, daß dieser Hoyer einer der herrlichsten Männer sei, die es gebe. Ich ging zu Bette und ließ am andern Morgen dem Herrn Hoyer sagen: „daß, wenn er noch derselben Meinung wie gestern sei, ich so frei sein würde, sein gütiges Anerbieten zu benutzen.“ Herr Hoyer ließ mir kurz darauf erwiedern: „wenn er einmal etwas geäussert habe, so bliebe er dabei. Um elf Uhr führe er ab.“

Diese kurze Antwort frappirte mich etwas. Ich war damals noch sehr von einem unerträglichen Adelstolze befangen, den ich erst durch Reisen, Erfahrungen, Schicksale mancher Art verlor. Die Neugierde jedoch diesen groben dicken Mann, von dem ich so viel Gutes gehört hatte, kennen zu lernen, die Annehmlichkeiten, welche mir sein nettes Wägelchen versprach, auch meine ziemlich leere Börse überwogen den angeborenen Stolz. Um elf Uhr saßen Herr Hoyer und ich im Wagen; mein Fritz auf dem Bock desselben und so fuhren wir aus dem Thore der niebezwungenen Festung Rendsburg. Die schöne, frische Luft, das schnelle Vorbeirollen des Wagens an so manchen, verschiedenen Gegenständen, stimmte mich bald heiter, und da ich es für meine Pflicht hielt, dem Herrn Hoyer für seine Güte mich mitzunehmen, wenigstens so viel als mir möglich angenehm zu unterhalten, so begann ich eine lebhafte Unterredung mit ihm, zu welcher mir Rendsburg, unser Zusammentreffen etc. reichlichen Stoff boten. Herr Hoyer ging, wie es schien, mit Vergnügen in diese Unterhaltung ein und zeigte sich in dieser, als ein ebenso gebildeter, als gefühlvoller Mann. Wir wurden bald mit einander bekannt. Vertraulich, und offen, wie ich es von Jugend auf war, hatte ich, als wir am Abend in Heide, der Hauptstadt von Norder-Dithmarschen, eintrafen, dem Herrn Hoyer eine vollständige Mittheilung aller meiner persönlichen- und Familien-Verhältnisse gemacht. Ein frugales Abendessen und einige Flaschen Wein im Gasthofe zu Heide entfernten von mir jede Zurückhaltung; bald war für Hoyer keine Falte in meinem Herzen mehr vorhanden. Ich hatte außerdem ein Buch bei mir, welches ich selbst geschrieben hatte; ich las Hoyer aus demselben vor. Es hatte das Glück, ihm zu gefallen, und auf diese Weise blieben wir bis gegen zwölf Uhr Abends zusammen. Am folgenden Tage fuhren wir über Meldorf nach Itzehoe. In Meldorf wollte Hoyer den dortigen Landvogt besuchen, der, wie er mir sagte, ein sehr gescheuter Mann sein sollte, und sich alle ersinnliche Mühe gebe, aus den braven, guten Dithmarschen ein christliches, höfliches, civilisirtes Volk zu bilden. Der Landvogt war aber nicht zu Hause und so fuhren wir denn durch die Hauptstadt von Süder-Dithmarschen, ohne den großen Reformer derselben gesehen zu haben. Hoyer war an diesem Tage sehr heiter gestimmt, vergalt mein gestriges Vertrauen mit gleichem Vertrauen, und so kamen wir, als die besten Freunde, in Itzehoe an. Hier trennte sich eigentlich unser Weg, denn ich hatte die Absicht, eine Schwester von mir zu besuchen, die auf dem Lande, nicht weit von Itzehoe lebte. Hoyer aber, nachdem ich ihm dieses mitgetheilt hatte, bestand darauf, mich dorthinzubringen, um Zeuge des Wiedersehens zwischen mir und meiner Schwester zu sein. Ihr könnt denken, daß ich ihm dieses nicht abschlug. Wir fuhren also zu meiner Schwester und wurden von diesem vortrefflichen Frauenzimmer mit Freuden empfangen. Hoyer blieb einige Stunden bei uns, dann ließ er anspannen und fuhr nach Altona. Beim Abschiede mußte ich ihm versprechen, ihn in Altona zu besuchen. Ich that dieses nach einigen Tagen. Er empfing mich sehr freundlich in seinem schönen Hause in der großen Elbstraße und bat mich zum Abendessen, wozu er, wie er sagte, noch einen Freund eingeladen hätte, den es mich freuen würde kennen zu lernen.

Zur bestimmten Zeit fand ich mich bei Hoyer ein und traf dort den Branntweinbrenner Tiemer. Dieses waren die beiden ersten Männer, welche ich in Altona kennen lernte. Wollte Gott! ich hätte nie andere Bekanntschaften gemacht! Nachdem wir ein vortreffliches Abendessen zu uns genommen und von dem besten Weine getrunken hatten, sagte Hoyer: „Sie müssen Altona kennen lernen. Gehen wir.“ Auf diese Weise kamen wir auch hier in das Joachimsthal. Es war Sonntag, Musik und Ball wie heute. Ich muß gestehen, daß die rauschende Musik, der Anblick so vieler Fröhlichen mich traurig machte. Ich hatte in der Zeit viele Unannehmlichkeiten gehabt, und war arm. Die Musik, die raschen Walzer, die rasenden Gallopps erinnerten mich an die vergnügten Abende, welche ich so oft in unserer Residenzstadt genossen hatte. Sie führten manches liebliche Bild meinem geistigen Auge vor. Ich lehnte mich an eine der vielen Säulen und blickte traurig in die allgemeine Fröhlichkeit hinein. Auf meinem Aeußern muß wohl der Zustand meiner innern Verstimmung sich abgespiegelt haben. Hoyer, der während dieser Zeit mit vergnügtem Gesichte den Tanzenden zugesehen hatte, näherte sich mir auf ein Mal.

„Wollen Sie mir eine Bitte nicht abschlagen?“ fragte er.

„Gewiß nicht.“

„Gut. Sie sind ein junger Mann. Sie können in so großen Städten, wie Hamburg und Altona, nicht ohne Geld sein. Ich bin unverheirathet und lege gewöhnlich etwas von meinen Ersparnissen zu guten Zwecken zurück. Hier — nehmen Sie — und nun kein Wort mehr davon.“ —

Er drückte mir eine Rolle Geld in die Hand und ließ mich betroffen stehen.

Meine Geschichte ist aus, meine Herren! Bewundern Sie die Delicatesse, die Großmuth dieses Mannes mit mir. Aus meinen Mittheilungen war ihm der beklagenswerthe Zustand meiner Finanzen nicht entgangen. Er beschloß mir zu helfen, und wartete den rechten Augenblick ab. Wie zart: in so großen Städten können Sie nicht ohne Geld sein! Meine Geschichte ist ein Pendant zu der Deinigen mit dem Herrn von Pichmeier im Hôtel de France. Beide sind uns ein Beweis, daß es noch edle Männer giebt; Beide müssen uns aber ein Sporn sein, ihre Güte zu verdienen, und ihnen durch unser Betragen zu beweisen, daß wir einer so seltenen Großmuth nicht unwerth waren und sind. Das Joachimsthal wird mir daher ewig unvergeßlich sein, und jedesmal, wenn ich es betrete, denke ich mit Rührung und den Gefühle des innigsten Dankes an Hoyer zurück.“

„Du hast sehr Recht gethan, Aristipp,“ sprach der Baron, „uns die Mittheilung zu machen. Die edlen Thaten der Menschen muß man nie vergessen, im Gegentheil sie immer wieder uns und Anderen in die Erinnerung bringen; ebenso wie es Pflicht ist, das Böse, was die Menschen uns zugefügt haben, zu verzeihen und gänzlich aus dem Gedächtnisse zu verbannen. Du, Aristipp, hast jetzt hier die Pflicht welche die Dankbarkeit Dir auferlegte, erfüllt. Wie wäre es, wenn Ihr mir erlaubtet, Euch an den Ort zu führen, wo ich meinen rettenden Schutzgeist fand? Wir wollen ohnehin nach Hamburg. Essen wir im Hôtel de France?“ Wir stimmten bei. Eine Droschke wurde genommen. „Hôtel de France!“ riefen wir dem Kutscher zu.

Ich muß hier wohl einen kleinen Absatz machen und erst etwas über Hamburg im Allgemeinen sagen, bevor ich den Leser ersuche, mir und meinen Freunden bei den Besuchen, welche wir einzelnen Localitäten dieser altergrauen Handelsstadt abstatten werden, zu folgen. Der bloße Gedanke an Hamburg hat für mich immer etwas Belebendes, Erquickendes, Erfreuliches. Von allen Städten, die ich in Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland und Afrika gesehen habe, ist mir Hamburg immer die liebste gewesen, und wohl kann ich es dem reichen Weinhändler Manke in der Theaterstraße nicht verdenken, wenn er nur in Hamburg sich wohl befindet. Es ist ja auch in der That Alles in Hamburg zu finden, was der Geist, das Herz, das Auge, der Magen des unersättlichsten Menschen sich nur zu wünschen vermag. Literatur und Kunst werden gehegt, befördert, belohnt und bezahlt. Die Hamburgerinnen sind hübsch, gebildet, und sittsam. Die schönsten Anlagen in der Stadt und um dieselbe vergnügen das Auge, und der Magen findet in Hamburg Alles, was das größte Rafinement eines Wohlschmeckers verlangen kann. Der Hamburger Bürger ist artig, zuvorkommend gegen Fremde — ich muß ihm dieses Lob ertheilen, wenn gleich manche Schriftsteller das Gegentheil behaupten — hat ein ehrenvestes Aeussere und einen gewissen Stolz in seinem Auftreten, den ich billige, weil in diesem Stolze die Liebe zu seiner schönen Vaterstadt, das Bewußtseins ihrer Größe, ihrer Blüthe und ihrer Kraft liegt. Außerdem kann man es einem freien Republikaner gerne verzeihen, wenn er etwas härter auftritt, als ein leichtfüßiger Höfling. Der Hamburger ist sinnig, ordnungsliebend und wohlthätig. Er wirft nichts weg, aber er ist nicht geizig, noch filzig. Er ist ehrlich, offen und derb. Er betrachtet bei jedem Gegenstande, sei es Mensch oder Sache, den Nutzen den er von ihm ziehen kann. „So viel ist das mir werth! So viel ist der Mann mir werth!“ ist sein Wahlspruch. Er macht aber den Ueberschlag des Werthes eines Menschen, einer Sache nicht mit kleinlicher Berechnung. Er bezahlt die volle Kraft, die nützt, mit vollem Geldgewicht. Er hat vollkommen Recht, denn nur so viel der Mann nützt, nur so viel ist er werth! Der Hamburger Bürger im Allgemeinen ist religiös und sittlich. Er giebt nicht leicht ein öffentliches Beispiel allgemeiner Sittenverderbniß. Der Speculationsgeist führt den Hamburger selten zu weit. Er zieht das Solide, das Gewisse einer unsichern Speculation vor. Politischen Schwindeleien ist er gänzlich fremd. Er haßt aber die Ungerechtigkeiten in den Welt- und Völker-Händeln. Darum haßt selbst der gemeine Hamburger Bürger den eigenmächtig handelnden Despoten, ebenso wie er den König von Dänemark ehrt, weil er ein gerechter Monarch ist. Die Zuneigung zu diesem Fürsten hat freilich durch die Einrichtung der Zolllinie etwas abgenommen. Denn der Hamburger bleibt immer erst Hamburger. Er kann dem unmöglich gut sein, der seinen Handel beeinträchtigt. Ist dieser Punct erst beseitigt, dann wird der Hamburger gerecht und erkennt mit Freuden die guten Seiten fremder Fürsten und Nationen. Der Hamburger Bürger ist seiner Geburt und der Verfassung seiner Vaterstadt nach ein Republikaner. Er bekümmert sich aber nicht weiter darum, und nirgends hört man weniger von Freiheit und Gleichheit reden, als in Hamburg. Eine Hauptzierde der berühmten Stadt ist die vorzügliche Ordnung, welche dort herrscht, und die vortreffliche Polizei. Wenn Tausende und aber Tausende von Menschen auf einem Platze versammelt sind, hört man nicht den geringsten Tumult, nicht die allerkleinsten Excesse werden begangen, kein Unglück geschieht. In dieser Hinsicht kann Hamburg allen großen Städten zum Muster dienen. Der Hamburger liebt, achtet seine Obrigkeit und ist ihr gehorsam. Die Hamburger Bürgergarde ist sehr schön uniformirt und für eine Bürgergarde, noch dazu eine Deutsche, gut einexercirt. Das Linien-Militär ist gleichfalls vortrefflich uniformirt, und ausgezeichnet gut einexercirt.

Zwei Sachen finde ich nur in Hamburg auszusetzen: daß die Thorsperre noch immer besteht und, daß es keine Stiefelputzer (décrotteurs) in einer so großen Stadt giebt.

Die Thorsperre ist für den Fremden sowohl, als den Bewohner der Vorstädte und dem Hamburger selbst ein unerträglicher Zwang, der ihm in jeder Beziehung, selbst in der Geschäfts-Beziehung, störend sein muß, da es ihm nicht immer einerlei sein kann, 4, 8, 12 Schillinge auszugeben, wenn er durch Geschäfte verhindert wurde, vor der Thorsperre heimzukehren. Die Thorsperren sind in allen großen Städten Deutschlands jetzt aufgehoben, weil man das Lästige dieses Zwanges eingesehen hat, und es steht zu hoffen, daß eine Stadt wie Hamburg, die sonst gewiß in der Civilisation und Kultur mit jeder Stadt Deutschlands gleichen Schritt hält, sogar sie überflügelt hat, auch in diesen barbarischen Absperrungen nicht allein zurück bleiben werde. Mag das Geld, welches durch die Thorsperre eingeht, zur Verschönerung Hamburgs angewandt werden, wie ich höre, es wäre besser, Hamburg weniger zu schmücken und seinen Bürgern, seinen Vorstädten eine freiere Communication zu gestatten!

Was den zweiten Punct anbetrifft, so wäre es allerdings wünschenswerth, sogenannte décrotteurs in Hamburg anzutreffen, da der Schmutz, welcher in den Gassen einer so volkreichen Handelsstadt nicht zu vermeiden ist, häufig angenehm erscheinen lassen würde, einen Stiefelwichser bei der Hand zu haben. Nicht allein, daß Jedermann, welcher etwas auf Eleganz und Reinlichkeit hält, gerne in blankgeputzten Stiefeln erscheint, sondern auch, daß eine gutbereitete Wichse das Schuhzeug conservirt, rechtfertigt diesen Wunsch. Für Fremde, Franzosen, Engländer und Russen würden die Stiefelputzer eine schätzbare Erscheinung sein. Es giebt keine, noch so kleine Stadt in Frankreich, wo man nicht décrotteurs fände! Die eleganten Französischen Commis voyageurs würden überglücklich sein, wenn sie solche in Hamburg träfen, und die edlen Briten würden viertelstundenlang auf einer Bank des Jungfernstieges sitzen, und sich die Stiefel blank putzen lassen. Die jungen Elegants aus Altona, welche zu Fuße in die Stadt kommen, würden erfreut sein, in glänzendem Schuhzeuge ihre Visiten machen zu können; und der Hamburger selbst würde nach und nach an eine Reinigungs-Anstalt sich mit Freuden gewöhnen, die es ihm möglich machte, den Schmutz seiner schönen Vaterstadt nicht in die Häuser und Salons zu bringen. Eine solche Stiefelwichser-Einrichtung würde außerdem ein neuer Erwerbszweig für alte und gebrechliche Personen beiderlei Geschlechtes sein, denen der Gebrauch ihrer Hände blieb. Es käme nur darauf an eine Association zu bilden, welche ihnen das nothwendige Material zu diesem Geschäfte verabreichte, bestehend: in einem Kasten, in welchem eine Schmutzbürste, eine Glanzbürste, ein stumpfes Messer und ein Schächtelchen Stiefelwichse enthalten sein müßten. Ueber diese Stiefelputzer müßte natürlich ein Aufseher bestellt sein, damit sie den Gewinn des Ertrages ihrer Arbeit täglich ablieferten, bis sie so viel gewonnen, daß der Apparat, den die Association ihnen gegeben, bezahlt sei. Dieses würde nicht lange dauern, wenn man den Preis des jedesmaligen Reinigens und Putzens eines Paar Stiefel oder Schuhe auf 1½ Schilling setzte. Dann könnten sie auf ihre eigene Hand fortfahren zu putzen; Hamburg hätte eine Annehmlichkeit mehr, und viele arme Leute einen ehrlichen Erwerbszweig gewonnen.

Ich muß meine eleganten Leserinnen um Entschuldigung bitten, ihre Phantasie solange mit einem widrigen Gegenstande beschäftigt zu haben; ich habe aber die Entbehrung der Stiefelputzer in Hamburg nie schmerzlicher empfunden, als wenn ich gezwungen war, in schmutzigen Stiefeln und besprütztem Unterzeuge in einem eleganten Boudoir oder Salon zu erscheinen, und es bei der bekannten Sittsamkeit des weiblichen Geschlechtes, welche sich durch das zu-Bodensenken der schönen Augen beim Erblicken eines Mannes am deutlichsten beurkundet, nicht verhindern konnte, daß der zweite Blick auf diese schmutzige Partie meines Anzuges fiel. Aus diesem Grunde darf ich hoffen, daß sie sich meiner Vorschläge zur Errichtung einer Stiefelputzer-Gesellschaft nicht widersetzen, sondern sogar dieselben unterstützen werden. Ferner darf ich mit Gewißheit auf die Billigung aller Haus-Mädchen rechnen, sei es in Privat- Gast- oder Cafée-Häusern, denen Dreiviertel ihrer Arbeit beim Auskehren durch einen Stiefelputzer abgenommen würde. Habe ich die Damen erst auf meiner Seite, dann bin ich gewiß, daß mein Vorschlag angenommen werde! Ich empfinde jetzt schon den Vorgenuß jenes erhabenen Gefühls wenn ich, (nachdem dieses Büchlein anonym gedruckt sein wird, die Stiefelputzer-Gesellschaft schon thätig ist) nach Hamburg kommen werde und mir, dem unsterblichen Einführer dieser nützlichen und wohlthätigen Reinigungs-Anstalt, incognito, die Stiefel werde putzen lassen!

„Seit wann“ frage ich dann „werden in Hamburg die Stiefel geputzt?“

„Dat wet ick nich,“ antwortet der Stiefelputzer, indem er die Glanzbürste aus dem Kasten nimmt, „Se seegt dat disse Mode uht den Uhtlande kohmen is. Dat is mi nun glieke veel, aberst ick verdeene mien Brod daby. Se seegt, dat is een Herr Artipp, de hät den Vörschlag mookt.“

„Sie fragen, seit wann man hier die Stiefel putzt, mein Herr?“ bemerkt ein reinliches Hamburger Kinder-Mädchen, das auf derselben Bank, auf welcher ich mich niedergelassen, saß. „Ich will es Ihnen sagen: Vor einiger Zeit erschien hier ein Buch von einem gewissen Herrn Aristipp, ich glaube, verlegt von der Buchhandlung von Hoffmann und Campe, die ja alle Neuerungen begünstigen, und das ganze junge Deutschland verlegt haben! In diesem Buche befand sich eine Abhandlung über das Stiefelputzen. Der Herr Aristipp soll ein hübscher, junger Mann sein. Unsere Madams lasen das Buch; nach ihnen die Kammermädchen, und die erzählten den Hausmädchen, daß auch von ihnen die Rede in diesem Buche sei. Die Hausmädchen wollten die Stelle sehen, in welcher von ihnen die Rede sei. Diese handelt nun gerade von Stiefelputzern und von deren Nutzen. Die Hausmädchen, geschmeichelt durch einige Worte des Herrn Aristipp, nahmen sich der Sache an. Die Kammermädchen, die es mit den Hausmädchen nicht verderben dürfen, ihrer Liebschaften wegen, unterstützten die Sache bei ihren Madams; die Madams, die es nicht mit den Kammermädchen verderben dürfen, brachten die Sache bei ihren Männern zur Sprache, und so wurde der Vorschlag des Herrn Aristipp angenommen. Wir haben jetzt Stiefelputzer in allen Gassen, und das Buch des Herrn Aristipp wird von allen Menschen gelesen; er selbst zum Himmel erhoben!“

„Was!“ rief ich aus, mein Incognito vergessend. „In ganz Hamburg werden jetzt die Stiefel geputzt, und ich in ganz Hamburg gelesen! Die Stiefelputzer und ich sind der Lion du jour! Der Russische Thronfolger, der nicht kam, ist vergessen! Die Stiefelputzer in allen Gassen, und ich in dem Munde aller Madams, Kammermädchen und Hausmädchen der Stadt! Folglich populär! Mademoiselle! Ihre Stimme ist für mich die Stimme des Volkes, dieser Stiefelwichser der Beweis Ihrer Worte. Ich selbst bin dieser Aristipp! Ich selbst empfinde diesen Augenblick die Wahrheit jenes Satzes: Pauca, sed selecta! Ein einziger Satz, der Hunderttausende beglückt, oder Hunderttausenden nützt, ist besser, als hundert Bände, die nur Hunderttausende amüsiren!“

Glückliche Phantasie eines Schriftstellers! Die sich schon das vorhanden denkt, was kaum zu Papier gebracht, zu welchem noch kein Verleger gefunden! Richard Savage! Du bist gedacht, geschrieben, nur aufgeführt, durch den Freischütz empfohlen, während meine Abhandlung über Stiefelwichser noch verschlossen in meinem Pulte ruht, und vielleicht nie das Licht der Welt erblicken wird! Du lockst den Leuten das Geld aus den Taschen, anstatt, daß mein Werk Arme bereichern würde! Es ist nur ein Unterschied zwischen uns: Du gefällst, und ich nütze! — — — — —

Wir kehren jetzt zum Hôtel de France zurück.

Das Hôtel de France liegt auf den großen Bleichen und gehört der Madame Guilleaume, welche, nach dem Tode ihres Gemahls, mit Hülfe ihres zweiten Sohnes die Gastwirthschaft fortgesetzt hat. Mit den großen Gasthäusern am Jungfernstiege kann freilich das Hôtel de France an äußern Glanz nicht wetteifern, wohl aber dürfte es wegen einer gewissen Gemüthlichkeit, welche in ihm herrscht, den großen, weltberühmten Hôtels vorzuziehen sein. Ist man in jenen Gasthäusern prachtvoll logirt, schnell bedient, so ist man im Hôtel de France, wie zu Hause und wird mit Freuden bedient; findet man in jenen einen eleganten, unterthänig zuvorkommenden Wirth, so thut einem hier die ruhige, würdevolle Weise wohl, mit der Madame Guilleaume ihre Gäste empfängt, für ihre Bedürfnisse mit mütterlicher Fürsorge wacht, und gleichsam einen jeden Fremden wie ein Mitglied ihrer Familie behandelt. Ihr Sohn seinerseits ist unermüdlich, um seine Gäste zufrieden zu stellen, den ganzen Tag in Bewegung und läßt es in Aufmerksamkeiten aller Art gewiß nicht fehlen. Die beiden Töchter der Madame Guilleaume verleihen durch ihr anständiges, freundliches Wesen, durch ihre Bildung und eine gute Conversation dem Hôtel de France einen eigenthümlichen Reiz. Ein großer Vorzug dieser Familie besteht für Fremde darin, daß sie vortrefflich Französisch spricht und auch im Englischen nicht unbewandert ist. Das dienende und aufwartende Personal dieses Hôtels ist ausgezeichnet; zuvorkommend und gefällig, ohne Interesse, thut ein Jeder seine Pflicht. Die Küche ist Französisch und der alte Koch des Hauses bedarf wohl keiner andern Empfehlung, als, daß er vierzig Jahre zur Zufriedenheit seiner Herrschaft und ihrer Gäste seinem Amte vorgestanden hat. Die Zimmer des Hôtels sind geräumig, gut meublirt, die Betten vortrefflich. Der Salon, in welchem gespeist wird, ist groß, hell und mit zwei außerordentlich schönen Spiegeln verziert. Madame Guilleaume nimmt während des Diners ihren Platz am obern Ende des Tisches, um das Ganze übersehen zu können und jeder Unaufmerksamkeit der Kellner durch einen Wink nachzuhelfen. Ihre Familie nimmt an ihrer Seite Platz und dann folgen les habitués des Hauses, dann die Fremden, nach der Anciennität, der Dauer ihres Aufenthaltes. Eine große Zierde dieses Hôtels ist ein sehr hübscher Garten mit einem Pavillon hinter dem Hause. Die Weine, welche man erhält, besonders der Tischwein und der Rheinwein, sind vortrefflich. Letzteren bezieht Madame Guilleaume von Herrn Mappes. Das Hôtel de France wird meistens von Russen und Franzosen besucht; von der letzten Nation logiren dort fast alle Commis voyageurs, oder négocians, wie sie sich im Auslande gerne nennen hören. Wer die Französischen Commis voyageurs kennt, der wird wissen, daß ein einziger von ihnen hinreichend ist, um eine ganze Gesellschaft durch seinen Frohsinn, seine Masse von Anecdoten, seine Fertigkeit in Kunststücken aller Art, zu unterhalten. Der Commis voyageur hat sämmtliche Departements Frankreichs bereis’t, sich überall das Merkwürdigste notirt, und repräsentirt auf diese Art ganz Frankreich. Er ist im eigentlichsten Sinne Français avant tout. Er kennt Alles, überall ist ihm etwas Auffallendes arrivirt und ist dieses nicht der Fall, so ersinnt er etwas und erzählt es so oft, bis er es selbst glaubt. Die meisten Commis voyageurs sind Republikaner, la jeune France und la Révolution du Juillet sind ihre Steckenpferde, und ihre Schuld ist es nicht, daß Louis Philippe noch auf dem Thron sitzt. Diese eigenthümliche Menschenclasse ist übrigens durchaus nicht uninteressant, meistens sehr gebildet, witzig und von guten Manieren. Da im Hôtel de France fast immer Einige von ihnen bei Tafel gegenwärtig sind, so wird man sich dort nie langweilen, wenn man ihnen einige Bravaden und Französischen Eigendünkel nachsehn will. Im Allgemeinen läßt sich über das „Gasthaus von Frankreich“ das Urtheil fällen: daß, wenn man auch nicht Alles dort findet, was man wünschen könnte, man wenigstens mit dem, was man dort findet, vollkommen zufrieden sein kann.

Die Table d’hôte hatte schon begonnen, als wir im Hôtel ankamen. Wir wurden sogleich in den Eßsalon geführt, wo wir eine zahlreiche Gesellschaft vorfanden, die nach der oben beschriebenen Weise um den Tisch herum saß; wir erhielten natürlich die untersten Plätze, weil wir die Letzten waren. Wir setzten uns einander gegenüber; der Baron und ich an der einen, Herr Bleicamb und Hippias an der andern Seite der Tafel. Wir wurden sogleich bedient. Da die meisten Gäste Ausländer waren, so wurde die Unterhaltung meistens auf Französisch geführt. Zuweilen wurden die harmonischen Laute dieser schönen Sprache durch einige Russische Gurgeltöne unterbrochen; oder, wenn eine Pause eingetreten war, vernahm man das zischende Gelispel der Söhne Albions. Wir waren die Einzigen, welche sich in Deutscher Sprache unterhielten. Sämmtliche Gäste waren nach der neusten Mode gekleidet, ihre Haare wohl pomadisirt und von Monsieur Eugène frisirt. Besonders elegant war ein junger, hübscher Russe, der an der Tafel den Ton anzugeben schien, und im Bewußtsein seines Reichthums sich behaglich auf seinem Stuhle hin und her wiegte. Sein Platz dicht bei der Familie Guilleaume schien auf eine lange Anwesenheit zu deuten. Er schien fast sämmtliche Gäste zu kennen und nahm sich die Freiheit, manche von ihnen scherzhafter Weise aufzuziehen. Er sprach vortrefflich Französisch. Seinen Manieren nach hätte man ihn auch für einen Franzosen halten müssen, wenn nicht die Form seines Kopfes, der Schnitt seiner Augen den Russen verrathen hätte. Er trank Champagner und bewirthete mit diesem seine Bekannte. Ihm gegenüber saß ein junges Mädchen in einem schwarzen Kleide, mit großen dunkeln Augen, braunen Haaren, deren Blick zerstreut umherschweifte, und die wenig oder gar keinen Antheil an dem, was um sie vorging, zu nehmen schien. Der junge Russe gab sich alle Mühe sie zu unterhalten.

„Warum so traurig, mein Fräulein,“ sprach er auf Deutsch in einem komisch schnarrenden Tone, „Sie sind verliebt bis über die Ohren. Was soll das? Er wird schon kommen, der Mensch! Trinken Sie ein Glas Champagner, ich bitte. Man muß nie traurig sein, es hilft nichts und macht häßlich. Trinken Sie, ich bitte.“

„Na, so trinken Sie doch, Adelinchen,“ sprach Madame Guilleaume, die neben dem traurigen Kinde mit den schönen Augen saß, „Sie essen auch gar nicht! Wer wird wohl so melancholisch sein!“

„Du lebst wirklich von der Luft, Adeline,“ sprach die Tochter der Madame Guilleaume, „Du wirst ganz mager hier bei uns. Das dürfen wir nicht zugeben.“

„Was wir lieben, Fräulein!“ rief der junge Russe, sein Glas emporhebend.

„Was wir lieben!“ wiederholte Mlle Guilleaume.

Das schöne, blasse Mädchen nahm das Glas und benetzte kaum die Lippen mit dem flüchtigen Getränke.

„Was ist das!“ rief der Russe. „Das ist kein Trinken! Bei uns, in Rußland, trinken die Damen aus, wenn sie die Gesundheit ihres Geliebten trinken! Trinken Sie aus, ich bitte.“

„Ich danke,“ antwortete die schöne Adeline. „Ich trinke selten, fast nie. Uebrigens bin ich Ihnen für die Güte, mich aufheitern zu wollen, sehr verbunden, Herr von Jadis; aber Sie wissen, es hilft nichts.“

„Der Teufel hole die verliebten Leute!“ rief der Angeredete. „Sie verderben alle gute Gesellschaft! bei Ihnen ist Hopfen und Malz verloren!“

Dem jungen Mädchen entlockten diese kräftigen, komisch hervorgestoßenen Ausdrücke ein vorübergehendes Lächeln, wobei sie zwei Reihen der schönsten Zähne zeigte. Sie hatte etwas unbeschreiblich Anziehendes. Sie erinnerte an Mignon. Man hätte sie fragen können: „Was hat man Dir, Du armes Kind, gethan?“ Der Baron schien ganz in ihrem Anschauen verloren. „Bei Gott,“ sagte er mir leise, „eine solche Aehnlichkeit sah ich nie! Wie dieser plumpe Russe mit seinen rohen Scherzen das Zartgefühl des holden Kindes beleidigen muß! Das Mädchen ist krank, sehr krank. Ihre Krankheit ist die des gebrochenen Herzens. Ich kenne das. Triviale Scherze sind kein heilender Balsam für solche Kranke. Da hilft nur Mitgefühl! Ich muß erfahren, wer sie ist, Aristipp. Ihr Anblick erweckt in mir eine traurige, sehr traurige Erinnerung.“

Das Gespräch wurde dadurch unterbrochen, daß der Kellner vier Gläser Champagner vor uns hinsetzte und im Begriff war, sie vollzuschenken.

„Wer hat den Champagner bestellt?“ fragte der Baron.

„Der Herr von Jadis, der junge Russe, hat mir befohlen, den Herren einzuschenken.“

„Ich lasse mir von keinem Unbekannten einschenken!“ erwiederte der Baron stolz.

„Es ist ein Freund des Herrn von Pichmeier,“ erwiederte der Kellner.

„Des Herrn von Pichmeier! Schnell schenken Sie ein. Wo ist Herr von Pichmeier?“

„Auf dem Lande.“

„Trinken Sie, meine Herren!“ rief der Russe über den Tisch herüber. „Der Champagner ist gut! Er ist von Herrn Mappes! Herr Mappes soll leben!“

Wir tranken.

„Sie kennen Pichmeier?“ fragte der Russe den Baron.

„Gewiß. Er ist einer der edelsten und liebenswürdigsten Menschen, die es giebt. Ich bin ihm viele Verpflichtungen schuldig. Er ist ein vortrefflicher Mann.“

„Das ist er gewiß,“ bemerkte Madame Guilleaume.

„Höchst gebildet und angenehm!“ sagte Mlle Guilleaume.

„Er hat Gefühl und Herz!“ flüsterte das traurige Mädchen, indem sie das schöne Auge zum Himmel erhob.

„Wenn Herr von Pichmeier nicht hier ist, fehlt dem Ganzen der Geist, und die Seele, nicht wahr, Fräulein?“ sprach ein junger Mann mit glänzend schwarzen Haaren, schönen blauen Augen und etwas orientalischer Gesichtsbildung, welcher neben Fräulein Adelinen saß.

„Das ist wahr!“ ergänzte ein großer blonder Mann, dessen Nachbar. „Der Herr von Pichmeier ist ein edler Mensch!“

Mehre der Tischgesellschaft pflichteten dieser Meinung über den Herrn von Pichmeier bei.

„Wie glücklich dieser Mann ist!“ rief der Baron aus. „Unter so vielen Menschen nur eine Stimme des Lobes über ihn und noch dazu hinter seinem Rücken! Es liegt etwas Bezauberndes in der allgemeinen Achtung, dem allgemeinen Beifall der Menschen! Was hilft alles Berühmtsein, aller Verstand, wenn man nicht geachtet und geliebt von seinen Mitmenschen ist! Gewiß, beneide ich den Herrn von Pichmeier nicht, aber ich gäbe zwanzig Jahre meines Lebens darum, wenn man von mir spräche, wie man hier von ihm spricht!“

„Das allgemeine gute Urtheil über einen Menschen hat allerdings etwas sehr Anziehendes,“ sprach Hippias. „Es ist bei weitem leichter Bewunderung, als die allgemeine Achtung und Liebe zu erwerben. Daher möchte ich auch lieber gut, als groß sein. Beides zusammen vereinigen, ist sehr schwierig.“

„Ihr seid wieder auf gutem Wege!“ rief Herr Herrmann Bleicamb. „Ich habe gehofft, in der Gesellschaft von lustigen, jungen Leuten meinen Tag hinzubringen, und befinde mich unter lauter Philosophen. Die Welt beurtheilt Euch ganz falsch, meine jungen Herren. Ich bemerke, daß Ihr die Weisheit auf dem Grunde eines leeren Champagner-Glases sucht und findet. Es freut mich und ich werde es gelegentlich zu rühmen wissen. Wir müssen aber Höflichkeit um Höflichkeit tauschen und jetzt dem Russen einschenken lassen, wenn wir uns nicht lumpen lassen wollen!“

„Du bist heute außerordentlich höflich!“ sprach der Baron.

„Eine Flasche Champagner!“ rief ich dem Kellner zu.

Das Diner nahte sich jetzt seinem Ende. Madame Guilleaume, ihre Töchter und die interessante Unbekannte erhoben sich von ihren Sitzen und verließen den Speisesaal. Einige von den Herren folgten ihnen, die anderen rückten näher zusammen und der Champagner begann zu kreisen. Der junge Russe besonders schien sich über die Entfernung der Damen zu freuen.

„Gut! gut! daß sie fort sind“ rief er aus. Was wollen die Damen an der Table d’hôte? Sie geniren nur. Er trank ein Glas Champagner und sang: