3.
Dritte lustige Fahrt.

Der Gasthof zum König von Preußen. Unterredung zwischen dem Baron und Aristipp. Glockenspiel des Petri-Thurms. Empfindungen. Die Sternschnuppe. Der belebende Hauch Gottes. Religiöse Ansichten. Gipsy. Der Keller des Herrn Unbescheiden. Der Doctor Riem aus dem Hannoverschen. Fanny, la Créole, und der Baron, eine Provençalische Geschichte. Plötzliche Abrufung des Herrn Herrmann Bleicamb aus der Gesellschaft. Gespräche über Ehe und Frauen. Der Hamburger Polizei-Diener und der Brief des armen Lieschen. Hippias Abschied von seinen Freunden. Allgemeiner Aufbruch. Aristipp allein am Monumente Klopstocks. Nachgedanken. Entschluß.

Das Gasthaus: „der König von Preußen,“ ist dem Herrn Richter gehörig und liegt, wie bereits gesagt, auf dem Neuenwall. Man muß diesem Gasthause das Lob ertheilen, daß Alles, was man dort erhält vortrefflich ist. Der Wirth ist ein Mann, der seine Sache versteht; an Wirthschaftlichkeit übertrifft gewiß keine Hôtesse Madame Richter, und in ihrer Tochter, der Madame Heller, findet jeder Reisende eine gebildete Dame. Die Kellner sind aufmerksam und zuvorkommend, sowie der Lohnbediente Baas, das Non plus ultra aller Lohnbedienten ist.

Meine Leser wissen aus dem Vorhergehenden, daß Hippias, der Baron, Herr Herrmann Bleicamb und ich die Nacht im Könige von Preußen zubrachten. Wir schliefen ganz vortrefflich. Das wunderschöne Glockenspiel des Petrithurms erweckte mich. Mit steigendem Entzücken hörte ich diesen bis in die höchste Höhe steigenden Accorden zu. Zufälligerweise wandte ich meine Blicke nach der Seite, wo das Bett stand, in welchem der Baron ruhte. Er saß halb aufrecht in demselben, und schien, wie ich, die Macht dieser reinen, ergreifenden Harmonie zu empfinden. Sein Auge begegnete dem meinen.

„Es ist mir unmöglich, Aristipp,“ begann er nach einigen Augenblicken, „dieses Glockenspiel zu hören, ohne von einer süßen, wehmüthigen Empfindung ergriffen zu werden! Wie rein, wie klar hallen diese Töne durch die heitere Luft des Morgens bis in die tiefste Tiefe der Seele hinein! Es ist mir, als ob es die vox humana wäre, die den Menschen ermahnte, vom frühen Morgen an, menschlich zu empfinden, menschlich den Tag über zu handeln. Wenn sie aber in immer steigenden zitternden Tönen nach und nach unter dem Dome des Himmels sich klagend verliert, so kommt sie mir vor, wie die klagende Stimme der betrübten Mutter, die dem geliebten Sohne Vorwürfe über die in unedler Schwelgerei hingebrachten Stunden des vorigen Abends, der vergangenen Nacht mit Schonung, Ernst und Liebe zu machen pflegt. Ich kann mir kein traurigeres Bild denken, als das der weinenden Mutter, kein schöneres, als das der Mutter des Heilandes mit dem Kinde von Raphael, kein schöneres Gedicht, als die Wallfahrt nach Kevlar von Heine. Es ist nicht zu leugnen, Aristipp, daß ein gewisses Gefühl für das Geheimnißvolle, das Religiöse, bei der geringsten Anregung von Außen in uns erwacht. O, daß wir dieses Gefühl nicht länger zu fesseln verstehen, und es in dem rauschenden, nichtigen Tumulte des Tages verlieren oder betäuben müssen! Es ist mir unbegreiflich, wie ein denkender Mensch das Dasein eines Gottes, den Glauben an Unsterblichkeit der Seele leugnen und aufgeben kann; da in unserm Innern, bei der leisesten Berührung, ein Gefühl rege wird, welches uns über die Nichtigkeit dieses Lebens erhebt, und mit einer mysteriösen Ahnung von dem Dasein eines höhern Wesens, mit einer unbegreiflichen Sehnsucht und Wehmuth nach dem Edlern und Bessern, was wir freilich noch nicht kennen, erfüllt. Die Wehmuth, die Betrübniß, welche wir in solchen Augenblicken empfinden, entsteht aus den Vorwürfen, welche wir uns machen müssen, oder welche unser Gewissen uns macht: daß wir, trotz dem, daß unsere unsterbliche Seele dem Reinen und Schönen entgegenstrebt, wir sie stets durch die Gewalt der irdischen und thierischen Triebe in uns zur Erde niederreißen, und auf diese Weise ihre göttlichen Schwungfedern hemmen. Hast Du es wohl bemerkt, wie der Sonnen-Adler, dessen Fittige beschnitten, stets sie prüft, um zu den lichten Regionen empor zu schweben? wie er mit den strahlenden Augen die Zonen des Himmels mißt, und stets nach Oben das Haupt wendet? So ist es mit unserer Seele auch, sie will stets dem Höchsten sich nahen, und nur der Körper, in welchem sie nach unerklärlicher Vorschrift eingeengt ist, hält sie zurück die Fesseln zu brechen. Du magst es nun glauben, Aristipp, oder nicht, es giebt keinen Menschen auf der Welt, durch dessen wildbewegten Lauf des Lebens sich deutlicher der rothe Faden der Religiösität, des Glaubens, der Ueberzeugung an das Dasein eines Gottes, der Unvergänglichkeit der Seele windet, als gerade mich selbst.“

„Ich habe nie daran gezweifelt, Baron. Aus diesem Grunde geschah es auch, daß ich, wo ich es konnte, Deine Partei nahm.“

„Ich habe auch mehrere Gründe zu glauben, als andere Menschen,“ fuhr der Baron fort. „Ich habe Zeichen und geheimnißvolle Einwirkungen erhalten und empfunden, die diesen Glauben in mir wunderbar bestätigt haben. Da Hippias und Bleicamb noch schlafen, so werde ich Dir Einiges darüber mittheilen. Ich verlange nicht, daß Du es glauben sollst, aber Du wirst gestehen, daß diese Zufälligkeiten merkwürdiger Art waren. Ich befand mich auf dem Gute meines Oheims in der Provence. Ich hatte die Absicht nach Spanien zu gehen, um in die Dienste der Königin zu treten, da ich nicht zu Don Carlos gelangen konnte, ohne meinen Onkel zu compromittiren. Der Tag der Abreise war da. Um ein Uhr in der Nacht verließ ich das Landhaus meines Oheims, um mich nach La-Ciotat, der Poststation, zu begeben. Der Abschied von meinen treuen Wirthen war mir schmerzlich. Ich wandelte in dem geheimnißvollen Dunkel der Nacht den Weg meiner Bestimmung zu. Ueber mir thronte der provençalische Himmel, zu meiner Linken brausete das mittelländische Meer, und rechts von mir lagen in Olivenfeldern die weißlichen Bastiden der Provence in Sternen-Beleuchtung. Mein Herz war schwer von Ahnungen. Aus dem ruhigen Landleben ging ich einem stürmischen, kriegerischen Leben entgegen. Wer sagte mir, daß ich jemals die Meinen, mein Vaterland, meine Geliebte wieder erblicken würde! Von solchen Gedanken ergriffen wandte ich meinen Blick zu den leuchtenden Sternen, mein Gemüth, meine Seele zu Gott. Wenn es möglich wäre, so sprach ich zu dem höchsten Wesen, daß ich dereinst meine Mutter, meine Geliebte, meine Schwestern, mein Deutsches Vaterland wiedersehen könnte! Dann, o großer Gott! gieb mir ein Zeichen! Ich hatte kaum diese Worte gesprochen, als eine Sternschnuppe den Himmel durchschnitt und vor mir niederfiel. Ich will durchaus nicht behaupten, Aristipp, daß diese zufällige Sternschnuppe eine bejahende Antwort des höchsten Wesens auf meine Frage, meine Bitte gewesen sei — aber es war doch sonderbar! Warum sollen wir aber nicht eine Theilnahme des allliebenden Vaters, selbst in unseren kleinlichen Angelegenheiten annehmen? Verlieren können wir durch diesen Glauben nichts, wohl aber Trost und Stärkung gewinnen!

Zu den geheimnißvollen Einwirkungen, welche in mir den Glauben und die Ueberzeugung an Gott und ewiges Leben befestigt haben, gehört folgender Vorfall, der mir in Algier, im Hospitale Bab-azoun begegnete. Ich hatte drei Monate an einer der fürchterlichsten Krankheiten gelitten. Mein Magen war gänzlich verdorben, und nicht im Stande, auch nur flüssige Lebens-Mittel, Wasser ausgenommen, bei sich zu behalten. Ich war kein Mensch mehr! Ein elendes Gerippe, in welchem nur der Funke des Lebens glimmte. Ich hatte einen congé de reform bekommen, und erwartete mit Sehnsucht den Augenblick nach Frankreich eingeschifft zu werden, so krank, so matt ich war. Zwei Tage vor der bestimmten Abreise lag ich, elender noch als sonst, auf meinem Lager. Ein brennender Durst quälte mich. Der Infirmier hatte vergessen mein blechernes Trinkgeschirr mit Wasser zu füllen. Es war Nacht. Die Lampe, welche den Saal erhellte, in welchem ich mit noch mehren Unglücklichen lag, war ausgegangen. Im Hofe des viereckigen Gebäudes plätscherte die Fontaine, welche fast in allen Höfen maurischer Gebäude sich befindet. Ich konnte mich vor Durst nicht lassen. Ich raffe meine letzten Kräfte zusammen, stehe auf und wanke dem Springbrunnen zu. Alles war ruhig, wie im Grabe. Ich schreite langsam dem Brunnen zu und in dem Zwielichte des Afrikanischen Himmels sehe ich eine weißliche Gestalt dabei stehen. Der Anblick war mir grausenhaft, doch schritt ich herzhaft auf den Brunnen und die Gestalt zu.

„Sie kommen nicht von hier fort,“ redete mich die Gestalt an.

„Warum nicht?“ antwortete ich, „morgen Abend geht das Dampfboot ab, es sind nur zwei Tage mehr bis dahin.“

„Sie kommen nicht dahin,“ antwortete die Gestalt, „man wird Sie dorthin bringen,“ sie wies mit der Hand auf die Todtenkammer, „die Schakals werden Sie fressen.“

„Ich glaube Sie sind toll,“ versetzte ich: „wer sind Sie?“

„Das geht Sie nichts an,“ erwiederte die Gestalt, „ich sage es Ihnen nocheinmal, dort in das Amphitheater wird man Sie bringen, Sie sehen Frankreich nicht wieder.“

Darauf entfernte sie sich. Ich blieb sprachlos beim Brunnen stehen. Ich war krank, sehr krank, meine einzige Hoffnung das Verlassen Afrika’s, außerdem war der kommende Tag ein Freitag, ein Tag, den ich immer gefürchtet habe. Der Gedanke an die Möglichkeit, so nahe der Rettung zu unterliegen, bemeisterte sich meiner. Mein ohnedies zerrüttetes Nervensystem vermogte kaum die Massen widerwärtiger, ängstigender Gefühle zu ertragen. Maschinenartig füllte ich meinen Becher, und wankte unter immer stärker werdendem Herzklopfen meinem Lager zu. Ich sank darauf nieder. Meine Phantasie gewann von Augenblick zu Augenblick mehr Spielraum. Die Bilder, die geliebten Züge meiner Mutter, meiner Geliebten, meiner Schwestern schwebten auf und ab vor meinem Geiste. Ich richtete ein brünstiges Gebet zu Gott, und flehte ihn an, mich der Geliebten wegen zu erhalten. Plötzlich war es mir, als ob ein belebender, erfrischender Hauch auf mich sich niedersenkte. Ich empfand Beruhigung, ein tröstendes Gefühl, ich schlief ein und war gerettet! Warum, Aristipp, soll ich nun nicht annehmen, daß ich wirklich die Gegenwart des Höchsten in diesem lebenbringenden Hauche empfunden? Warum nicht, daß er durch eine innige, einfache, kindliche Bitte sich hat rühren lassen, und durch diesen Hauch mich den Meinigen oder meiner künftigen Bestimmung erhielte?

„Es würde wohl schwer sein, lieber Freund,“ entgegnete ich, „hierüber etwas Bestimmtes zu sagen. Ich sehe es wenigstens nicht ein, warum man eine nähere Gemeinschaft mit dem höchsten Wesen in gefahrvollen, wichtigen Augenblicken ableugnen sollte. Wenn wir annehmen, daß Gott allmächtig ist, so können wir Alles glauben und für möglich halten. Wir verlieren uns aber hier in das Reich der Wunder. Ein sicheres Resultat können wir nie ziehen. Es würde aber sehr thöricht sein, uns nicht mit ganzer Seele dem Glauben hinzugeben, der unserer Seele Trost und Linderung schafft, in uns die Ueberzeugung an das Dasein eines allmächtigen, zwar unbegreiflichen, aber liebenden Wesens und an die Fortdauer unserer Existenz nach diesem Leben bestärkt und befestigt. Welche Bewandnisse hatte es aber mit der weißlichen Gestalt an dem Springquell im Hospital Bab-azoun?“

„Das habe ich nachher erst erfahren. Es war einer der Infirmiers, dem ich zu lange lebte. Ich hatte nämlich einige hundert Franken unter meinem Kopfkissen, derer er sich bemächtigt haben würde, wenn ich den Geist in der Nacht aufgegeben hätte. Er wollte dieses dadurch bezwecken, daß er mich durch einen tödtlichen Schreck um das Leben bringen wollte. Seinen Namen habe ich vergessen; ich behalte überhaupt nur die Namen der Männer, die mir Gutes thaten.“

„Vortreffliche Moral! Jemehr und je näher ich Dich kennen lerne, jemehr Dein weiches, kindliches Gemüth sich mir öffnet, jemehr sehe ich ein, daß Dein innerer Kern sich rein und gesund erhalten hat, wenngleich die Außenseite Deines Wesens und Deines Lebens nicht vom Tadel frei ist. Doch wer ist tadellos? Nur der darf es sich erlauben einen Andern zu richten, der selbst makellos dasteht; und auch dieser nur mit christlicher Liebe und Nachsicht.

„Das ist es gerade, Aristipp, was mich so häufig, im Leben kränkt. Die Menschen beurtheilen mich falsch und zwar aus dem Grunde, weil ich den Schein nicht beobachte. Glaube nicht, daß ich die öffentliche Stimme verachte. Ich will nicht besser scheinen, als ich bin, das ist mein Unglück. Ich nehme mich der Menschen an, die die Welt verstößt. Ich folge meinem Gefühle und erkenne die großen Fehler, die ich an mir habe. Ich tadle sie selbst, anstatt, wie die Meisten es thun, sie zu bedecken, sie zu beschönigen. Das nennt man aber im gewöhnlichen Leben „sich in den Augen der Welt heruntersetzen,“ wenn man seine Fehler eingesteht, und die Partei derjenigen nimmt, die die Welt verdammt.“

„Richtig! so denken die anerkannten Soliditäten.“

Ein furchtbarer Stoß gegen die Thüre sprengte in diesem Augenblicke dieselbe. Mit funkelnden Augen und fletschendem Maule stürzte die Bulldoghündin in das Zimmer und auf ihren Herrn los, den sie durch Liebkosungen erdrücken zu wollen schien. Ein abgerissener Strick hing an ihrem eisernen Halsbande.

„Bomben und Granaten!“ rief Herr Herrmann Bleicamb in seinem Bette in die Höhe fahrend.

„Was giebts?“ schrie Hippias, die Augenlieder aufreißend.

„Nichts, meine Herren,“ versetzte der Baron lachend. „Meine Gipsy, welche wir bei Timm gelassen, hat es nicht länger ohne ihren Herrn aushalten können, und sich, sans façon, einen Weg durch die Thüre gebahnt! Komm, Gipsy! Mein altes treues Thier! Es war schändlich von mir, dich solange vergessen zu haben!“

„Die verdammte Bestie!“ murmelte Herr Bleicamb. „Es ist doch um toll zu werden! Wecken die Manichäer einen nicht durch ihr Klopfen an die Stubenthür auf, so muß man durch dieses Beest gestört werden, wenn man einmal gut zu Nacht gegessen und lange schlafen will.“

„Es ist wohl Zeit aufzustehen, sich anzukleiden, meine Herren, und dann sich wieder auf die Wanderung zu begeben,“ bemerkte ich.

„So ist es!“ stimmte der Baron bei.

„Faullenzen taugt nicht!“ rief Herr Bleicamb, sich die Augen reibend und mit der Hand durch die Haare fahrend. „Ich bin auch dabei. Wo soll es hingehen?“

Wir waren in einigen Augenblicken gewaschen und angekleidet.

„Ich schlage vor, in der Alsterhalle Cafée zu trinken,“ sagte der Baron.

Wir willigten ein, empfahlen uns dem Wirth zum Könige von Preußen, berichtigten unsere Schuld für das Nachtlager, und eilten der Alsterhalle zu.

Es war noch früh am Morgen, und keine andere Gäste zugegen.

Wir ließen uns nieder, bestellten vier Portionen Cafée; wurden servirt und genossen den bräunlichen Trank der Levante.

„Ihr habt heute einen Beweis der Anhänglichkeit meiner Gipsy zu ihrem Herrn gehabt. Sie zerriß alle Banden, sie suchte ihn auf,“ bemerkte der Baron. „Ihr würdet dieses Thier lieben, wie ich es thue, wenn ihr wüßtet, wie werth und warum es mir werth ist.“

„Du kannst ja die „Memoiren eines Hundes“ schreiben,“ versetzte Herrmann Bleicamb. „Wer weiß ob Du nicht eher einen Verleger und mehr Anklang fändest, als wenn Du über „Frankreich und seine Revolution in Beziehung auf Deutschland“ schreibst?“

„Du magst immerhin Recht haben,“ versetzte der Baron lächelnd. „Politische und religiöse Schriften finden wenig Beifall. Man muß immer die Leihbibliotheken berücksichtigen.“

„Haben Sie den Hund schon lange?“ fragte Hippias die löwenartige Hündin streichelnd, welche eben einen ihrer ungeheuren Tatzen auf den Tisch legte, um anzuzeigen, daß auch sie in der Welt wäre.

„Ich habe dieselbe von einem Engländer geschenkt bekommen, als ich von Alais, einer Stadt dritten Ranges im südlichen Frankreiche, zu Fuße durch ganz Frankreich nach Hamburg wanderte.“

„Sie machten also den ganzen Weg zu Fuße?“

„Aufzuwarten. Von Alais bis in den König von Preußen, wo wir diese Nacht logirten.“

„Du würdest uns ein Vergnügen machen,“ sagte ich, „wenn Du uns etwas von dieser Reise mittheiltest. Hippias und ich haben die Absicht unsere Avantüren in Hamburg und Altona herauszugeben, und in einer solchen Schrift würde eine kurze Relation Deiner Reise nicht unanwendbar sein.“

„Ich werde mit Freuden dazu bereit sein. Wenn Gipsy reden könnte, so würde sie vielleicht besser, als ich, die verschiedenen Vorfälle mittheilen können, weil sie eine Engländerin ist, und sich gewiß alles Sehenswerthe und Merkwürdige notirt hätte, was ihr auf der grand tour begegnete. Leider! ist sie aber, trotz ihrer vortrefflichen Eigenschaften, nur ein Hund, und so muß ich wohl dieses Geschäft für sie übernehmen. Hört also:

„Ich hatte mich längere Zeit in Pau am Fuße der Basses-Pyrénées aufgehalten, um wie man es glaubte, in die Dienste der Königin von Spanien zu treten. Dieses war aber durchaus nicht meine Absicht. Ich brütete im Stillen über einen ganz andern Plan. Ich wollte selbst ein Freicorps errichten, und wie die alten Soldaten der Fortuna auf meine eigene Hand umherkriegen. Dieses konnte ich in den Diensten der Königin nicht, wohl aber in den Diensten des Don Carlos. Beide Parteien schienen mir damals gleich erbärmlich; ich hatte nur meinen eigenen Vortheil, meinen Ehrgeiz vor Augen. Ich hatte aus diesem Grunde so viele Anhänger, als möglich, unter den Soldaten der nouvelle création de la légion étrangère française für meine Sache zu gewinnen gesucht. Ich hatte Geld, gab ihnen zu trinken, zuweilen auch Geld, und bildete mir binnen Kurzem einen bedeutenden Anhang unter ihnen. Ich wurde trefflich von einem Fourier, Namens Rundsdorff, unterstützt, der ein geborner Preuße war. Es gelang uns, viele der Soldaten zu gewinnen, zu bereden. Es verging keine Nacht, wo nicht mehre mit Sack und Pack desertirten und die Französische Observationslinie passirten. Was meine eigene Person betraf, so wollte ich mich nicht eher selbst nach Spanien begeben, als bis ich von der Hand des Don Carlos selbst ein Patent als Compagnie-Chef über die von mir zu errichtende Truppe erhalten hätte. Um dieses zu erhalten, mußte ich mit einem Agenten Don Carlos in Unterhandlung treten. Es war sehr gefährlich für mich, weil alle meine Schritte bewacht wurden. Endlich fand sich einer. Ich beredete mich mit dem Fourier und dieser bestellte denselben Abends acht Uhr au chéval noir um mit demselben Abrede zu treffen. Glücklicher Weise mußte ich an diesem Abend zu einer Hochzeit gebeten sein, die ein Deutscher Bierbrauer Namens Heit, ein vortrefflicher, reicher Mann gab, dem ich die größten Verbindlichkeiten habe. Ich kam zu spät nach dem chéval noir. — Der Agent des Don Carlos war von den Gensdarmen Louis Philippes aufgehoben worden, mit ihm mehre Soldaten und Unterofficiere der Legion, welche um mein Geheimniß wußten. Ich hielt es jetzt für vernünftiger, mich von Pau zu entfernen! Ich reisete nach Toulouse, wo ich einen vielvermögenden und liebenswürdigen Bekannten, den Herrn Toussaint, directeur de la société de dictionnaires hatte. Bei diesem Manne lebte ich eine zeitlang, versah den Posten eines sousdirecteur und hatte dadurch Gelegenheit, mich den Männern meiner Partei, z. B. dem Herrn Dugabé, avocat et député, zu nähern. Die Rachsucht eines Polen brachte mich um die Freundschaft meines Toussaint. Ich ging von Toulouse nach dem saut du Tarn, einer Eisenfabrik, welche dem Marschall Soult theilweise gehört, und hielt mich einige Zeit bei dem Herrn James Jackson, einem Engländer, auf, welcher bei dieser Fabrik angestellt war. Es war ein vortrefflicher Mann. Ich theilte ihm meine Avantüren und meine Besorgnisse mit. Er billigte die Letztern und gab mir den Rath nach Alais, zu einem seiner Bekannten zu gehen, dessen Name James Wall war. Dieses that ich. James Wall behielt mich mehre Wochen bei sich. Ich lebte wie die gemeinen Eisen-Arbeiter, nur mit dem Unterschiede, daß ich nicht wie sie arbeitete. Doch auch hier war meines Bleibens nicht. Von einigen meiner Bekannten erhielt ich die Nachricht, selbst von James Jackson, daß die Regierung auf mich aufmerksam geworden und die Polizei Louis Philippes mir nachspüre, um mich festzunehmen. Er beschwor mich, sobald als möglich das Land zu verlassen. Hier war kein Zaudern möglich. Wie aber mir einen Paß verschaffen, da die Polizei aufmerksam auf mich war? Es gehörte Muth dazu, um Frankreich, angefüllt mit Gensdarmen, ohne Paß zu durchstreifen. Ich that es. Am Tage vor meiner Abreise schenkte mir James Wall diese Hündin, mit den Worten: „sie ist so gut, wie zwei Pistolen.“ Allein, ohne irgend eine Waffe, ohne Paß verließ ich Alais, nur von meiner Gipsy begleitet. Sie folgte mir stets auf den Fersen, und wenn meine Füße durch das angestrengte Marschiren wund geworden waren, leckte das treue Thier mir die wunden Stellen. So kamen wir beide matt und elend nach einem Marsche von 50 Tagen hier in Hamburg an. Gipsy selbst hatte sich auf der harten Chaussee so die Nägel an den Pfoten abgelaufen, daß sie zuweilen mitten auf dem Wege sitzen blieb, weil sie nicht weiter konnte; hier in Hamburg machte ich dem treuen Thiere, das, trotz der gräßlichsten Schmerzen, halb hüpfend, halb hinkend mir gefolgt war, Nägel von Wachs. Sie war es, welche durch ihr zorniges, löwenartiges Aeußere, durch ihre funkelnden Augen Alle zurück hielt, welche während unserer Reise vielleicht die Absicht hatten sich meiner Börse zu bemächtigen oder mich anzugreifen. Es wagte keiner die Hand an mich zu legen, denn er war gewiß, von meiner Gipsy sogleich an die Gurgel gepackt zu werden. Ich will es Ihnen gerne gestehen: vielleicht ohne dieses edle Thier hätte ich nicht den Muth gehabt diese weite und gefährliche Reise anzutreten. Es war eine Reise auf Leben und Tod, denn ich hätte mich um keinen Preis festnehmen lassen. Da ich Gipsy bei mir hatte, konnte ich es mit dreien aufnehmen. Auf diese Weise verdanke ich es meinem Hunde, daß ich den Rhein überschritt und hier unter Euch bin.“

„Du hast uns nur eine kurze Skizze Deiner Reise erzählt. Es scheint mir, als wenn Du dieselbe recht gut weiter ausarbeiten und sie dann mit der Fortsetzung Deiner Memoiren dem Publiko mittheilen könntest. Deine Memoiren haben überhaupt den Fehler, daß man nicht weiß, was aus dem Helden des Dramas wird.“

Ein sehr natürlicher Grund, weil bis jetzt noch nichts aus ihm wurde!

„Etwas, welches mir beinahe unglaublich bei Ihrer Erzählung erscheint, ist, daß Sie ohne Paß ganz Frankreich durchreisen konnten. Wie fingen Sie dieses an?“

„Ich schlug die Art und Weise ein, die gewöhnlich politische Flüchtlinge oder Verbrecher nicht einschlagen. Anstatt bei Nacht und Nebel, verstohlen und schüchtern zu reisen und aufzutreten, ging ich nur bei Tage, redete sogar die Gensdarmen an und entfernte dadurch allen Verdacht von mir. Außerdem bediente ich mich einer Kriegslist. An dem ersten, großen Ort, den ich passirte, ging ich in ein Cafée-Haus und fand dort einen Gensdarmen. Ich ließ mich in eine Unterredung mit ihm ein, proponirte ihm eine Partie Billard um deux petits verres; verlor, spielte quitte à deux, verlor wieder, und so ging es fort, bis mein Gensdarme den Kopf durch die Menge der petits verres, welche er gewonnen und getrunken, verloren hatte. Jetzt redete ich ihn en ancien militaire, en mon brave an, bat ihn um einige Empfehlungen an seine Kameraden von der nächsten gensdarmerie départementale, empfing sie und ging, sobald ich dort angekommen, in das Gebäude der Gensdarmerie, wo ich nach dem und dem fragte, den er mir genannt und dem er mich empfohlen hatte. So trieb ich es weiter, und auf diese Weise entwischte ich.“

„Das ist nicht übel, so wahr ich Herrmann Bleicamb heiße!“ rief der Genannte aus.

„Was mir das Angenehmste bei dieser Parforcetour war,“ bemerkte der Baron, „besteht darin, daß ich weiß, was ich zu leisten vermag. Ich glaube, ohne meine Kräfte zu überschätzen, daß, wenn es einmal darauf ankommen sollte, ich im Stande sein würde, meiner Partei zu nützen.“

„Man weiß eigentlich nicht recht, zu welcher Partei man Sie rechnen soll.“

„Ich bin ein „adeliges Phaenomen,“ wie Clemens Gerke mich nennt. Ich halte es mit dem Regenten, weil ich finde, daß wir nicht reif, nicht rein, nicht sittlich genug für eine Republik sind; ich liebe und vertheidige die Rechte des Volkes, weil ich den Menschen schätze, und ihn nicht zu einer Maschine, zu einem Sclaven herabgewürdigt wissen will. Vor allem aber bin ich ein Freund der Ordnung. Nur der Staat kann gedeihen, nur der König kann glücklich sein, auf welche folgende Verse passen:

„Wo geschützt in jeder Sphäre
Arbeit, Kunst und Wissenschaft,
Frei, im Segen der Altäre,
Ihm sein Reich zum Eden schafft.“

Diese Verse sind von dem berühmten Reinhard, französischen Gesandten am Bundestage. Er dichtete sie zu der Krönung Carl X. Er ist todt, lebt aber in dem Gedächtnisse aller Bieder-Männer und in der Leichenrede fort, welche der famose Talleyrand ihm hielt, in welcher dieser sagt: daß die Basis der Diplomatie Redlichkeit sei.“

„Sein ganzer diplomatischer Lebenslauf, sein zweideutiger Charakter widerlegen diesen Ausspruch.“

„Es war eine Phrase!“ bemerkte ich.

„Wahrscheinlich!“ unterbrach mich Hippias. „Es läßt sich aber nicht leugnen, daß Talleyrand der klügste Mann seiner Zeit war. Selbst Napoleon wurde von ihm überlistet. Der weiseste von allen jetzt lebenden Staatsmännern ist ohne Frage der Fürst Metternich.“

„Wie kannst Du das zu äußern wagen?“ fuhr ich fort, als Hippias schwieg. „Ein Buch, das zu Gunsten des Fürsten Staatskanzlers, von dem der Deutsche Bund regiert wird, eine Erwähnung enthält, wird von keinem Republikaner, keinem Anhänger des jungen Deutschlands gelesen werden! Ich bemerke nur dieses, weil ich, wie Du weißt, unsere Tour und unsere Unterhaltungen niederschreiben werde.“

„Das kann mir einerlei sein. Jeder Mann, er gehöre zu welcher Partei er wolle; er sei Aristokrat, Republikaner, Carlist oder Christinos, Anhänger des Absolutismus oder der Constitution, ist in meinen Augen achtungswerth, wenn er consequent in seinen Handlungen bleibt, wenn er sein ganzes Leben einer Ansicht widmet, und seine Grundsätze durchzuführen versteht ohne zu niedrigen Mitteln seine Zuflucht zu nehmen.“

„Ihre Ansicht ist die meine,“ versetzte der Baron. „Die meisten politischen Ansichten werden durch Geburt, Erziehung, durch die Umgebung gebildet; meistentheils durch den persönlichen Vortheil bedingt. Ein edler Republikaner ist in meinen Augen ebenso achtungswerth, als ein guter, edler Royalist. Mir ist nur der Egoist verächtlich und der Intolerante. Es ist lächerlich die guten Seiten eines Mannes nicht anerkennen zu wollen, weil seine politischen Farben von den unsrigen abweichen. Ich liebe Berryer, nicht minder Odilon-Barrot.“

„Und nun genug Politik, meine Herren!“ rief Herrmann Bleicamb. „Wie Hippias mir sagte, ist es heute der letzte Tag, den wir zusammenbleiben. Darum lustig! Wir wollen uns amüsiren! Der alte Cafée taugt nichts! Wenn man den Abend vorher viel gegessen und getrunken hat muß man was Warmes genießen. Laßt uns zu Unbescheiden auf dem breiten Giebel gehen. Da giebt es was um den Magen zu kuranzen! Austern, frische Häringe, Caviar und alle Sorten Fleisch. Seid Ihr es zufrieden?“

„Warum nicht!“ antworteten wir Alle und erhoben uns.

Wir gingen über den Jungfernstieg. Es war schon sehr lebendig dort. Unter der Menschenmenge begegnete uns die liebliche Gestalt Fräulein Adelinens. Wir grüßten sie.

Die Physiognomie des Barons wurde finster. Wir befanden uns einige Augenblicke darauf im Keller des Herrn Unbescheiden. Wir setzten uns nieder. Jeder forderte, was ihm angenehm war.

Außer uns, jedoch an einem Tische für sich, saß ein großer langer Mann, dessen Ausdruck geistreich, wenngleich maliciös war. Sein Auge war durchbohrend. Seine Nase etwas größer, als die gewöhnlichen. In seinem Gesichte zeigten sich deutlich die Spuren eines leidenschaftlichen Lebenslaufes. Er war elegant gekleidet und schien ein Fremder zu sein. Er las im Telegraphen und hatte eine Bouteille Madeira vor sich stehen. Als wir in das Zimmer traten, musterte er uns mit einem prüfenden Blicke, wandte ihn aber schnell von uns und nahm eine vornehme und unzufriedene Miene an. Man konnte nicht anders, als ihn für einen Aristokraten halten, oder für einen, der aristokratische Manieren liebt. Weil er sich nicht um uns bekümmerte, nahmen auch wir keine Notiz von ihm, nur Gipsy alleine heftete ihre funkelnden Augen auf ihn, gleichsam, als wollte sie in seinen Bewegungen, in seinen Gesichtszügen lesen, ob auch etwas Gefahrbringendes für ihren Herrn in der Gegenwart dieses Fremden liegen könne. Nach einigen Minuten sprang sie auf, ging auf den Fremden zu und leckte ihm die Hand, welche jener nachlässig auf das Knie gestützt hielt. Dann kehrte sie zu ihrem Herrn zurück.

Wir ließen uns die Delicatessen des Herrn Unbescheiden vortrefflich schmecken, mit Ausnahme des Barons, der zerstreut schien.

„Du hast es mir versprochen,“ begann ich, „mir dasjenige mitzutheilen, was Dich beim Erblicken Fräulein Adelinens so heftig erschütterte, und wie ich bemerke, auch heute wieder ergriffen hat.“

„Es sei darum, wenngleich die Erinnerung an diese Begebenheit eine sehr traurige für mich ist:

An der Küste des mittelländischen Meeres liegt im südlichen Frankreiche, im Departement du Var, eine alte Ruinenstadt, Namens Taurentum, wie man sagt von den Römern erbaut. Nur einzelne Mauern, nur einzelne Höhlen oder souterrains bezeichnen den Platz, wo sie stand, und die Wogen des Mittelmeers, welche diese Ruinen bespühlen, sind wohl die einzigen verschwiegenen Zeugen ihrer vormaligen Größe. Wenn der alterthumforschende Fremde diese Ruinen verlassen, so begiebt er sich nach dem naheliegenden Kirchhofe St. Cyr, um von dort auf die Landstraße zu gelangen, welche nach Toulon oder nach La-Ciotat, einem kleinen Seehafen führt; schlägt er aber den Weg ein, welcher von St. Cyr gerade ausläuft, so nimmt er seine Richtung durch die Besitzungen des Grafen von Planicourt, und erreicht, nach dem Verlaufe von zehn Minuten, das Landhaus, die Villa, oder die Bastide dieses wohlhabenden Provençalen. Vor diesem Hause steht eine Gruppe wilder Cypressen, es ist Alles ruhig und stille rings umher; das Haus scheint von Niemandem bewohnt zu sein. Hier ist der Wohnsitz des Herrn Grigoir, Cousin und homme d’affaires des Grafen von Planicourt. Ich muß Euch mit dem Charakter dieses Mannes und mit seiner Familie bekannt machen, bevor ich die Erzählung beginne.

Monsieur Grigoir war ein Mann von 69 Jahren, groß und schlank gebaut. Er hatte früher in der Königlichen Marine gedient, war ein eingefleischter Carlist, und hatte sich ungefähr 40 Jahre, vor dem Zeitpuncte, den ich erwähnen werde, in die Dienste des Grafen von Planicourt begeben, um sich eine ruhige Retraite zu sichern. Sei es Ueberdruß am Leben, sei es durch Widerwärtigkeiten im Leben bewirkt, kurz Herr Grigoir war ein Menschenfeind geworden, und, das größte Unglück, was einem Menschen begegnen kann, er hatte das Vertrauen zu seinen Mitmenschen verloren. Nur drei Gegenstände hatten noch Interesse für ihn: die Familie des Grafen Planicourt, die ältere Linie der Bourbons, und die strengste Beobachtung des katholischen Ritus. Die beiden Priester des naheliegenden Kirchdorfes St. Cyr waren die einzigen Fremden, welche sein Haus betraten; die Messe von St. Cyr, der einzige Ort den er besuchte, und wo er während der Zeit des Gottesdienstes beständig auf den Knieen lag. In der Woche that er nichts anders, als auf einem Stuhle vor dem Kamine seines Salons sitzen und zuweilen ein altes Französisches Werk, das die Thaten der Französischen Marine schilderte, zu durchblättern. Obgleich hoch in Jahren, war er noch kräftig und gesund, selbst seine Zähne hatte er sich erhalten, seine Gesichtsfarbe war röthlich, gesund; sein Anzug bestand aus einer groben, gelblichen Jacke von schlechtem Tuche; Pantalons und Weste waren von derselben Farbe, von demselben Stoffe. Nur zweimal im Jahre wechselte er sein Zeug; Anfang Winters und Anfang Sommers, wo dann ein blauer Ueberrock die Stelle der gelben Jacke einnahm. Er trug stets eine weiße Halsbinde, Schuhe und weiße Strümpfe. Auf dem Kopfe hatte er beständig einen weißen sogenannten Pflanzerhut, mit ungeheuer breitem Rande, den er auch im Zimmer niemals abnahm; unter diesem trug er auch eine seidene Mütze, die unter dem Hute hervorsah, und auf der röthlichen Nase ein Paar silberne Brillen. Der Ausdruck seines Gesichtes war nicht zu dechiffriren; sein Blick, soviel man durch die Brille bemerken konnte, war unstät und falsch. Um seinen Mund bemerkte man häufig ein freundliches Lächeln. Seine Haltung war ruhig. Dieses war der Mann, welcher das Glück hatte, der Ehegemahl der Madame Josephine Grigoir zu sein, einer kleinen, verwachsenen, aber klugen und lebhaften Frau, die wie er schon hoch bei Jahren war, und sich durch drei Eigenschaften auszeichnete: sie war bigott, geizig und von einer so unglaublichen Heftigkeit, daß sie häufig Nervenanfällen ausgesetzt war, deren Entstehen sie den Vapeurs zuschrieb. Sie theilte mit ihrem Manne den Haß und das Mißtrauen gegen alle Menschen. Aus der Umarmung dieses merkwürdigen Ehepaares war ein ebenso merkwürdiges Geschöpf hervorgegangen: Mademoiselle Fanny Grigoir. Es ist mir unmöglich eine deutliche Beschreibung oder Charakteristick dieses, in seiner Art, so einzigen Frauenzimmers zu entwerfen. Sie hatte braune, glühende Augen, schwarze Augenbrauen, einen ziemlich großen Mund, aber zwei Reihen der schönsten Zähne. Ihr Busen war voll, üppig und von blendender Weiße; sie war klein, aber stark. Ihr Gang, ihr Wesen war ungraciös. Jeder einzelne Zug ihres Gesichtes war schön, das Ganze häßlich, und doch konnte sie Augenblicke haben, in welchen ein gewisser Heiligenschein ihr einen eigenthümlichen Reiz verlieh. In solchen Augenblicken war Mademoiselle Fanny schön. Sie hatte von ihrer Mutter den heftigen Charakter geerbt. War sie verletzt, so war sie eine Furie; betete sie sitzend das Pater-Noster, so war sie eine Madonna. Die geistigen Fähigkeiten der Mademoiselle Grigoir wage ich nicht zu beurtheilen. Sie hatte Verstand, Scharfsinn, aber zu gewissen Zeiten erschien sie wie blödsinnig. Ihre Manieren waren die eines Kindes; als solches wurde das 30jährige Mädchen von ihren Eltern behandelt. Ihre Sprache war unvollkommen. Sie redete von sich stets in der dritten Person. Aus diesem Grunde nannte man sie in der Umgegend la Créole. Sie war, wie ihre Eltern, bigott, das heißt, sie beobachtete den Ritus der katholischen Religion, ohne die Religion zu verstehen. Mutter und Tochter communicirten jeden Sonntag; jeden Sonnabend beichteten sie ihrem pére spirituel. Fanny Grigoir war Mitglied der Congrégation du sacré coeur de Jésus et de Marie. Jeder Procession wohnte sie bei im weißen Kleide, mit weißem, fliegendem Schleier. War irgend ein Wesen würdig, dem Bilde der Hochgebenedeieten zu folgen, so war es Mademoiselle Grigoir, la Créole, denn sie war unschuldig wie ein Engel; sie hatte keinen Begriff eines sündigen Gedankens. Mademoiselle Fanny kannte nicht den Unterschied beider Geschlechter.“

Der Fremde, welcher, wie es schien, der Erzählung zugehört hatte, stieß ein leises, heiseres Gelächter aus; blickte den Baron scharf an, und fuhr fort im Telegraphen zu lesen.

„Diese drei Personen waren es,“ setzte der Baron seine Erzählung fort, „welche das Landhaus des Grafen Planicourt bewohnten. Außer ihnen befand sich in dem weitläuftigen Gebäude nur Mlle Clairon, das Hausmädchen, und ein großer, gelber Kater, der Liebling des Herrn Grigoir. Ihr wißt, daß ich den Krieg in Afrika mitmachte. Ihr wißt, wie elend ich dort wurde. Der Graf von Planicourt war ein Verwandter von mir. Um meine Gesundheit herzustellen, bot er mir sein Landhaus in der Provence zu meinem Aufenthalte in jenem Clima an, welches meinem Zustande angemessen sein sollte. Herr Grigoir hatte Befehl erhalten, mich bei sich aufzunehmen. Ich wurde dorthin gebracht. Die sorgfältige Pflege, welche ich in jenem Hause, durch Herrn und Madame Grigoir erhielt und meine Jugend überwanden für diesesmal die fürchterliche Krankheit, an welcher ich litt. Im Verlauf von einem Jahre, war ich rüstiger, stärker, sah ich wohler aus, als ich je ausgesehen hatte. Es wird Euch sehr natürlich erscheinen, wenn ich Euch sage, daß ich nach meiner vollständigen Wiederherstellung mein Möglichstes that, um den braven Leuten, welchen ich durch ihre Sorgfalt mein Leben verdankte, durch allerhand Aufmerksamkeiten, meine Dankbarkeit zu beweisen. Ich spielte mit den Alten des Abends Domino und begleitete sie am Sonntage in die Messe, woselbst ich ihretwegen, wenn das Glöcklein erschallte, mit ihnen zugleich, auf meine Kniee niedersank. Ich warf mir dieses nicht als ein Verbrechen vor. Man kann überhaupt ebensogut knieend, als stehend, oder sitzend beten. Da Monsieur Grigoir ein weitläuftiger Verwandter des Grafen war, so nannte ich ihn mon Cousin; seine Frau und seine Tochter ma Cousine und wurde von ihnen Allen wiederum mon Cousin genannt. Ich übersah die Eigenheiten der alten, würdigen Leute, schickte mich in ihre Launen, und bemühte mich das zu thun, was ich ihnen nur, wie man es sagt, an den Augen absehen konnte. Auf diese Weise bildete sich ein wirklich freundschaftliches Verhältniß unter uns. Es war sehr natürlich, daß meine Artigkeiten sich bis zu Mlle Fanny erstreckten, welche bei meiner Ankunft so scheu war, daß man sie nicht bewegen konnte in das Zimmer zu kommen wo ich war. Nach und nach gewöhnte sie sich aber an meinen Anblick, und versuchte es erst den lutherischen Ketzer von der Seite anzublicken; später schlug sie ihr wirklich schönes Auge zu mir auf, wagte es mit mir zu reden und endlich schien sie mit einer gewissen Herzlichkeit an mon Cousin zu hängen. Dieses sonderbare Wesen hatte für mich einen eigenthümlichen Reiz. Ich hatte nicht die geringste Idee ihr Liebe einflößen zu wollen, aber es machte mir Vergnügen zu betrachten, wie nach und nach ihre geistigen Fähigkeiten durch den Umgang mit mir sich entwickelten. Ich hatte außerdem noch einen andern Zweck vor Augen. Ich wollte nämlich versuchen, ob es mir gelingen könnte, die furchtbare Heftigkeit, welche sie sich sogar gegen ihre Eltern erlaubte, durch den Einfluß, welchen ich auf sie erhalten, zu mildern. Ich sprach häufig mit ihr über Religion und suchte es ihr verständlich zu machen, daß die erste Pflicht einer Christin Demuth und Gehorsam gegen ihre Eltern sei, worauf sie zuletzt antwortete:

„Wenn mon Cousin das meint, so glaubt Fanny das auch und Fanny wird es thun.“

Sie wurde wirklich folgsamer und gehorsamer. Sie lauschte jedem meiner Worte, und war stets bereit auch den kleinsten meiner Wünsche zu erfüllen. Den Erfolg meiner guten Absicht bemerkend, suchte ich sie zu belohnen. Ich wurde immer freundlicher gegen sie, ich begleitete sie, wenn sie zur Messe oder zur Vesper ging, oder brachte, wenn ich alleine ausgegangen war, ihr eine Blume, einige Bonbons oder sonst eine unbedeutende Kleinigkeit mit. Fanny veränderte sich ganz. Ihr Gesicht bekam Ausdruck, sie wurde sorgfältiger in ihrem Anzuge. Fanny fing an zu empfinden, daß sie eine Jungfrau sei. Sie erhielt einen undeutlichen Begriff ihrer weiblichen Bestimmung. Ich war der erste Mensch gewesen, der sie nicht als Kind behandelt hatte. Die Liebe bemeisterte sich, ihrer selbst unbewußt, ihres Herzens. Die Unglückliche! Was von meiner Seite nur Theilnahme, Freundschaft war, senkte in ihr Herz die Flamme der furchtbarsten Leidenschaft. Fanny liebte! Fanny Grigoir la Créole liebte mit der rasendsten Gewalt eines unentweihten Herzens, mit der ganzen Gluth einer Provençale! Fanny wurde sanft, denn mon Cousin wünschte es. Fanny wurde arbeitsam, denn mon Cousin liebte das. Fanny bat ihre Eltern um Vergebung, wenn sie sie beleidigt hatte, denn sie wußte es, daß sie dadurch mon Cousin gefiel; Fanny wurde ordentlich, reinlich, denn sie liebte mon Cousin. Fanny lernte einige Wörter, wie Vater, Mutter, Schwester, Vetter, Geliebte, Geliebter, Braut und Bräutigam auf Deutsch sagen, denn mon Cousin war ja ein Deutscher. Wie viel leichter wurden der armen Creolin die harten Laute der Deutschen Sprache hervorzubringen, als Französisch zu sprechen! Sie hatte ja die Töne dieser Sprache aus dem Munde von mon Cousin gehört! Mon Cousin war der Erste gewesen, der herzlich mit Fanny gesprochen hatte, dessen Worte zu Fannys Herzen gedrungen waren. Wie schön, wie herrlich klangen diese Töne dem Ohre der liebenden Fanny! Wie schön, wie weich war nicht die Sprache ihres Geliebten, wenn er in einer fremden Sprache sich ausdrückte, wie himmlisch mußte nicht die Sprache sein, die die eigenthümliche, angeborne Von mon Cousin war! O, nur Eins ängstigte Fanny! Mon Cousin war ein Ketzer, verdammt, seine Seele auf ewig verloren, wie der curé de village ihr es sagte. Was hätte Fanny nicht darum gegeben, wenn mon Cousin kein Ketzer gewesen wäre! Aber mon Cousin war so gut, er war so freundlich gegen Fanny, er kniete in der Kirche und ging mit Fanny zur Vesper. Fanny vergaß, daß mon Cousin ein Ketzer sei, Fanny vergaß Alles; sie hatte nur eine Empfindung mehr, und diese war mon Cousin...........

Fanny hatte im Vorzimmer gesessen, als mon Cousin mit ihrer Mutter über Fanny sprach. Fanny hatte gehört, daß mon Cousin gesagt hatte: „Freuen Sie sich nicht, Madame, daß unsere Fanny jetzt soviel liebenswürdiger wird? Fanny ist ein hübsches Mädchen, sie hat herrliche Augen, wundervolle Zähne und eine prachtvolle Brust. Ich bin ihr herzlich gut.“

Fanny hatte dieses gehört. Fanny sah sich zum ersten Male im Spiegel. Sie betrachtete sich. Sie entblößte ihren Busen, weil mon Cousin ihn prachtvoll genannt hatte. Sie trat in das Zimmer mit verschämtem Blicke. Fanny hatte empfunden, daß sie Reize besäße. Das Tuch, welches ihren Hals bedeckte war verschoben. Sie blickte mon Cousin unverwandt an, und lachte, mehr als gewöhnlich, um ihre Zähne zu zeigen, denn mon Cousin hatte sie herrlich und schön gefunden. Fannys Busen hob sich schneller als sonst, denn sie wußte, mon Cousin würde ihn beachten. Mon Cousin erhob sich um Schlafen zu gehen. Er drückte Fanny die Hand. Wie durchzuckte dieser Druck das ganze Sein der armen Creolin!

Als mon Cousin fortgegangen war, machte ihre Mutter der armen Fanny Vorwürfe, daß ihr Tuch sich verschoben habe, und daß Fanny durch die zur Schautragung ihrer Reize vielleicht mon Cousin gegeben habe, sündigen, fleischlichen Gedanken nachzuhängen.

Fanny weinte. Sie beichtete ihr Vergehen dem Priester, erhielt eine scharfe Ermahnung zur Sittlichkeit und zur Ertödtung der thierischen Begierden in ihr, und die strenge Weisung: durch Bloßstellung ihrer körperlichen Reize nicht die Begierden der Männer zu erregen, und sinnliche Lüste zum Genusse ihres Körpers zu erwecken.

Fanny ahnete jetzt zum ersten Male, daß es Begierden gäbe, daß ein ihr unbekannter Genuß existire, den sie selbst zu gewähren fähig sei. Sie machte sich bittere Vorwürfe, daß sie mon Cousin Anlaß zu sündigen Gedanken gegeben, und verhüllte ihre Brust mit doppelten Tüchern, aber sie freute sich innerlich, daß mon Cousin sie schön gefunden hatte. Fanny sagte am andern Morgen:

Mon Cousin, ich muß Sie um Vergebung bitten.“

„Warum, Fanny?“

„Fanny ist schuld daran, daß mon Cousin gesündigt hat, und, daß irdische Begierden in ihm durch Fanny erregt worden sind.“

„Wie das, ma Cousine?“

„Fanny hat mon Cousin ihren entblößten Busen gezeigt. Fanny freute sich, daß er mon Cousin gefiele. Monsieur le Curé hat es Fanny verwiesen. — Fanny wird am Sonntage nicht die Absolution erhalten, denn Fanny hat gesündigt und Fanny freut sich, daß sie sündigte, weil sie mon Cousin gefallen hat.“

„Heilige Einfalt und Unschuld! Fanny muß sich trösten, denn Fanny wußte nicht, daß sie Unrecht that.“

„Fanny wußte es nicht, aber jetzt weiß Fanny es, und Fanny wird es wieder thun, wenn sie weiß, daß mon Cousin einen Gefallen daran findet.“

Fanny entfernte sich. Sie ging in den Garten, pflückte eine Orangen-Blüthe und zerblätterte sie. —

„Eine Gänseblume! Liebt er mich? Liebt er mich nicht?“ Murmelte der Fremde in sich hinein, indem er einen forschenden Blick auf den Baron warf, und in einer ungewöhnlichen, scharfen, aber nicht unangenehmen Tonart folgende Worte an diesen richtete: „Um Vergebung, mein Herr! Ihre Geschichte fängt an, mich zu interessiren. Eine Unschuld von dreißig Jahren, Liebe, Leidenschaften, katholische Priester, das ist so mein Steckenpferd!“ Er schenkte sich ein Glas Madeira ein, schlug den Telegraphen zu und zündete eine Cigarre an.

Der Baron machte ihm eine leichte Verbeugung und fuhr dann fort:

„Ihr werdet aus diesem Allen den Gemüthszustand der armen Fanny erkannt haben. In ihrem Herzen war der Kampf der Liebe mit den Vorschriften ihres Glaubens. Die erstere siegte. Fanny wurde jetzt von Tage zu Tage ernster; sie saß stundenlang, ohne den schönen Blick von mir zu wenden. In ihrem Auge drückte sich ein Gefühl aus, was sie empfand, ohne es zu kennen.

Fanny war mit mon Cousin nach St. Cyr gegangen. Die Krautkrämerin, bei welcher Fanny ihren Hut zu lassen pflegte, hatte mit Fanny über mon Cousin gesprochen. Sie hatte ihr gesagt, daß mon Cousin vor einigen Tagen bei ihr gewesen und für Mademoiselle Grigoir einige Bonbons gefordert, daß er mit ihr über sie gesprochen und gesagt habe: „Mademoiselle Grigoir ist ein gutes Mädchen, sie ist so unschuldig, daß man sie lieben muß.“

Mon Cousin liebt mich?“ dachte Demoiselle Grigoir. Sie war entzückt.

„Wenn mon Cousin mich liebt,“ antwortete sie der Krautkrämerin, „so glauben Sie nur, auch Fanny liebt mon Cousin.“

„Die Blödsinnige!“ rief die Krautkrämerin in Gedanken. „Warum sollte er Sie auch nicht lieben, Mademoiselle,“ fuhr sie laut fort, „wenn man Sie mit anderen jungen Mädchen vergleicht, so sind Sie noch immer hübsch zu nennen.“

„Das hat mon Cousin auch meiner Mutter gesagt,“ versetzte die Creolin.

„So? Ei, ei! So weit ist es schon? Was sagt aber der Herr Pfarrer dazu? Ihr Cousin ist ein Ketzer.“

Mon Cousin,“ erwiederte Fanny, „ist mon Cousin, das sei Ihnen genug, Madame.“

Mademoiselle Fanny Grigoir entfernte sich im heftigsten Zorne von der Krautkrämerin. Am selbigen Abend wußte ganz St. Cyr, daß Mlle Fanny Grigoir, oder die Creolin, in den Deutschen Baron verliebt sei, daß er sie wieder liebe.

An demselben Abend sagte Mlle Fanny ihrer Vertrauten, der Mlle Clairon:

„Clairon! mon Cousin liebt mich!“

„Sie sind ein Kind,“ versetzte jene. „Was wissen Sie von Liebe?“

„Ich bin ein Kind!“ dachte Fanny bei sich, „aber ich liebe mon Cousin!“ Die Creolin hatte dieses Mal die erste schlaflose Nacht. Sie fühlte sich beengt. Sie empfand die Sehnsucht nach einem Gegenstande. Sie wünschte, mon Cousin bei sich zu haben. Das Zimmer von mon Cousin war dicht bei Fanny ihrem an. Fanny horchte auf. Sie vernahm die Schritte von mon Cousin, sie hörte ihn singen. Fanny vergaß ihr Gebet.

„So nah ist mon Cousin bei mir?“ fragte Fanny sich leise. „Warum ist er nicht ganz bei mir? Wäre es eine Sünde, wenn er bei mir wäre? Aber mon Cousin ist ein Mann? Schlafen Vater und Mutter nicht in einem Zimmer? Ist Fanny ihr Vater nicht auch ein Mann? Ist ein Mann denn etwas so Fürchterliches? Es kann nicht sein, denn mon Cousin ist ein Mann!“

Gegen Morgen schlief Mlle Fanny Grigoir ein. Ihr träumte von mon Cousin, sie hielt ihn im Traume umfangen.

Am nächsten Sonnabend blieb Madame Grigoir länger, als gewöhnlich in der Beichte. Endlich kam sie erschöpft und erhitzt zu Hause. Der Curé de village hatte ihr das Gewissen geschärft, sie auf den gefährlichen Umgang ihrer Tochter mit mon Cousin aufmerksam gemacht, und ihr zu verstehen gegeben, daß sie Alles aufbieten müsse, um den Ketzer zu entfernen und die sündige Neigung ihrer Tochter zu ihm zu vernichten. Er hatte ihr Vorwürfe gemacht, daß sie die Pflichten einer echt katholischen Mutter nicht befolge. Madame Grigoir war außer sich. Bei der Krautkrämerin erhielt sie einen Nerven-Anfall, weil diese ihr sagte, Mademoiselle Fanny habe ihr gesagt, daß sie den Deutschen Ketzer liebe.

Dieser Abend verging sehr unangenehm. Am andern Morgen war Madame Grigoir mit ihrer Tochter und dem Mädchen in der Kirche. Herr Grigoir und ich waren alleine zu Hause.

„Guten Morgen, mon Cousin,“ sagte ich, in das Zimmer tretend.

Herr Grigoir erhob sich von seinem Sitze, und sagte in einem traurigen Tone:

„Es ist etwas sehr Unangenehmes vorgefallen, mon Cousin.“

„Was? Ist Ihre Frau Gemahlin nicht wohl?“

„Das nicht! Aber wir müssen uns trennen, mon Cousin. Die infame Welt —“

„Nun, was ist es?“

„Die Leute sagen, Sie liebten meine Tochter, sie liebte Sie. Der Ruf meiner unglücklichen Tochter ist zernichtet. Sie kennen nicht dieses Otterngezücht. Ist ein Wort gesprochen, so wird es schneller weiter getragen, als die Feder vom Winde. Mon Cousin, wir müssen uns trennen! Wer steht mir dafür, daß man nicht auch sagen würde, Sie machten meiner Frau die Cour!“

„Ihrer Frau? Wie wäre das möglich?“

„Alles ist möglich in dieser Welt,“ versetzte Herr Grigoir. „Unglücklicher Vater, der ich bin!“

Nach dieser Unterredung wurde ausgemacht, daß ich mich nach einem andern Orte begeben solle. Ich willigte gerne ein. Der häusliche Friede war gestört. Wo Mißtrauen herrscht, da ist kein Glück mehr zu finden. Herr Grigoir verließ uns denselben Abend, um in Toulon Alles zu meiner Abreise vorzubereiten. Ich blieb mit Madame Grigoir, ihrer Tochter und Clairon allein zu Hause. Wir aßen zu Abend. Fanny war ihrer selbst nicht mächtig. Mit dem Ausdrucke der glühendsten Leidenschaft hing sie an meinen Blicken. Sie verschlang jedes meiner Worte. Sie war furchtbar aufgeregt. Mit zitternder Stimme sagte sie mir gute Nacht.

Madame Grigoir, Clairon und ich begaben uns in verschiedenen Zimmern zur Ruhe. Es war eine mondhelle Nacht; die schwarzen Cypressen vor dem Hause erschienen in gespenstischer Beleuchtung wirklich unheimlich. Ich war eben im Begriffe einzuschlafen, als die Thüre aufging und eine Gestalt in das Zimmer trat.

„Wer ist da?“ rief ich erschreckt.

Die Gestalt nahte sich meinem Lager. Ich erkannte die unglückliche Fanny! Mit fliegenden Haaren, und in ein leichtes Nachtgewand gehüllt schritt sie vorwärts. Sie sank auf mein Bett nieder und umschlang mich in wüthender Umarmung.

„Großer Gott! Fanny!“ rief ich aus. „Was thun Sie? Um Gotteswillen eilen Sie fort.“

Mon Cousin, — je vous aime!“ War das Einzige, was die Unglückliche sprechen konnte. Sie blieb einige Augenblicke an meinem Herzen liegen.

„Fanny, ma Cousine,“ sagte ich, „der Schritt, den Sie thaten ist unverzeihlich. Gehen Sie! Möge der Gott der Liebe Ihnen verzeihen, was Liebe Sie wagen ließ.“

Dieu!“ schrie sie auf einmal. „Meine Seele ist verloren! O, heilige Mutter Gottes, Du verläß’st mich!“

Fanny verließ mich weinend. Sie verließ mich, wie sie gekommen war, rein, unbefleckt, aber ihre moralische Unschuld war verloren. Fanny hatte gegen den heiligen Geist gesündigt. —

Die Folgen dieses nächtlichen Besuches konnte ich voraussehen. Fanny mußte denselben beichten. Ich wußte vorher, daß man mir die Schuld aufbürden würde, daß man nicht an die Unschuld Fannys mehr glauben würde. Wie ich es vorausgesehen, traf es ein. Ich reisete nach Barcelona. Verließ Fanny in Thränen gebadet und betend. In Barcelona erhielt ich einen Brief meines Verwandten, des Grafen von Planicourt, in welchem er mir die bittersten Vorwürfe machte, die Familie des braven Herrn Grigoir entehrt zu haben. Er kündigte mir seine Freundschaft auf. Umsonst schrieb ich Briefe über Briefe. Ich erhielt keine Antwort. Der Schein war gegen mich. Während ich die größte Selbstüberwindung bewiesen, deren ein junger, kraftvoller Mann fähig ist, wurde ich des schwärzesten Verbrechens angeklagt!

Was aus der unglücklichen Fanny geworden, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist sie in ein Kloster gesperrt worden, um ein Vergehen zu büßen, das sie nie beging!

„Ihre Geschichte hat mir eine wahre Freude gemacht,“ nahm der Fremde das Wort. „Sie haben sie gut eingekleidet. Ich bin ein Freund von solchen Geschichten. Ich liebe das. So geht es im Leben, man wird immer verkannt. Freilich! hier war es etwas zu entschuldigen, denn der Schein ist in der That gegen Sie, und nur einem Arzte würde es möglich sein, ihre Unschuld zu beweisen. Eine fatale Geschichte! Erlauben Sie mir, ein Glas Wein mit Ihnen zu trinken. Ich bin der Doctor Riem aus dem Königreiche Hannover und habe eine besondere Vorliebe für gebildete junge Leute mit angenehmen Manieren. Ich liebe das Aristokratische in denselben. Ich nehme zehntausendmal lieber meinen Hut vor einem vornehmen Mann ab, als daß ich für einen reichen Geldfilz mein Haupt entblöße.“

„Sie sind sehr gütig,“ erwiederte der Baron. „Mit Freuden werde ich die Ehre haben, Ihnen Bescheid zu thun. Haben Sie die Güte, sich etwas bei uns niederzulassen. Diese Herren, sind meine Freunde. Herr Aristipp, ein angehender Literat, Herr Hippias desgleichen, und Herr Herrmann Bleicamb, ein Freund lustiger Gesellschaften. Mein Name —“

„Ist mir schon bekannt. Ich logire auch im Könige von Preußen; hörte Sie gestern Abend kommen, und fragte den Lohnbedienten, wer die Herren wären. Ich bin ein Freund aller Literaten, aller Genies, nur bedauere ich, daß sie so wenig bei uns gelten. Im Allgemeinen fehlt immer der nervus rerum gerendarum, das Geld, bei den Herren. Sie verzeihen meine Offenheit, aber ich sage immer gerne die Wahrheit, und die Lüge nur, wenn ich muß. Mundus vult decipi. Sie sind mir schon länger bekannt, wenigstens aus der Literatur. Ich habe Ihre Memoiren gelesen, sie sind auch wahrhaft interessant. Ist nicht auch etwas Poesie darin! Die Scene im Postwagen mit der Madame Mère der kleinen übelgewordenen Brut klingt etwas romantisch, denn von einer Bank auf die andere unbewußt zu gelangen, setzt einen fürchterlichen Stoß in einem todtenähnlichen Schlaf voraus. Und man mögte doch wohl annehmen, daß, was immer geschah, wachend vollbracht wurde; von solchen Stößen wacht man auf!“

Der Doctor lachte heiser in sich. Man konnte es ihm anmerken, daß er wußte, daß das, was er sagte, gefallen würde. Er irrte sich auch dieses Mal nicht.

„Aber nun sagen Sie mir einmal, meine Herren, was ist Ihre Absicht?“ fuhr der Doctor fort. „Schriftstellerei ist recht gut, aber eine sichere Anstellung ist noch besser. Nehmen Sie mir diese Frage nicht übel. Ventre Saint Gris! je ferais tou pour un homme d’esprit, pour un gentilhommae comme il faut!

„Die Theilnahme eines gescheuten Mannes ist immer sehr schmeichelhaft für uns,“ bemerkte ich. „Ich glaube aber nicht, daß Sie etwas Anders für uns thun könnten, als, wenn sie uns einen Verleger verschafften.“

„So. Sie wollen also zusammen etwas herausgeben? Schön! Schön! Worüber handelt denn dieses neue Werk?“

„Es sind Lebens-Ansichten.“

„Auch über Politik darin?“

„Freilich! Welcher Mann wäre heutigen Tages im Stande, ein Buch zu schreiben, ohne das politische Capitel zu berühren?“

„Das ist wohl wahr, aber nehmen Sie sich in Acht. Die Censur ist zu strenge. Romane, Romane, mein Herr, das ist viel besser! Kein Verleger übernimmt gerne die Verantwortlichkeit der Herausgabe eines politischen Werkes. Haben Sie wohl die Predigten von Sackmann gelesen? Kennen Sie wohl Näheres über ihn? Ich wüßte einen Buchhändler, der es gerne sehen würde, wenn man ihm einige Beiträge zu der fünften Auflage dieses Werkes liefern würde.“

„Leider nicht. Wir wollen überhaupt gern etwas Eigenes produciren. Meine Freunde und ich sind jetzt drei Tage in Hamburg; wir haben Vieles gesehen und beobachtet, über manche Gegenstände geredet, und diese Tour, welche wir machten, bin ich Willens zu beschreiben und herauszugeben.“

„Der Teufel! Da muß man sich ja vorsehen! Sie könnten am Ende mich auch noch mit in Ihrem Werke anführen. Ihr seid gefährliche Leute, Ihr Literaten.“

„Das könnte wohl der Fall sein.“

„Welchen Titel wollen Sie denn Ihrem Buche geben? denn darauf kommt es viel an.“

„Aristipp in Altona und Hamburg im Jahre 1839.“

„Steht denn die Zahl 1839 in einer engen Verbindung mit dem Inhalte des gedachten Werkes?“

„Nein! außer, daß wir im Jahre 1839 hier waren. Hamburg oder etwas über Hamburg thut immer schon viel.“

Der Doctor lächelte wieder heiser.

Die Unterredung wurde dadurch unterbrochen, daß ein kleiner Knabe in das Zimmer trat, nach Herrn Herrmann Bleicamb fragte, und demselben ein Billet mit dem Bemerken, „von seiner Frau“ überreichte.

„Ich muß fort, so wahr ich Herrmann Bleicamb heiße!“ rief dieser, nachdem er das Billet gelesen. „Meine Frau ist wüthend, daß ich drei Tage ausgeblieben bin, und ist aus Aerger darüber zu früh niedergekommen. Na! da ist auch noch ein Glück dabei! Ich hätte doch nichts mehr für die Krabbe zu fressen gehabt! Empfehle mich meine Herren!“

Herr Herrmann Bleicamb rannte zur Thüre hinaus.

„Ein Rabenvater!“ bemerkte der Doctor. „Jedoch hat er nicht ganz Unrecht. Ein todtes Kind ist besser, als ein lebendes, das man nicht ernähren kann. Ich warne einen Jeden sich zu verheirathen. Hat der Priester einmal den Segen gesprochen, so tritt der Unsegen ein. Die Frau hat Rechte und weiß sie geltend zu machen.“

„Ich bin der entgegengesetzten Meinung,“ nahm der Baron das Wort. „Ich glaube, daß nur dann der Mensch zur Ruhe kommt, wenn er eine liebenswürdige, und verständige Gefährtin des Lebens gefunden.“

„Das glauben Sie jetzt — Sie werden später anders sprechen. Ich bin froh, daß ich mir ein Paar vom Halse geschafft habe, die mir noch jetzt Geld genug kosten. So leicht lasse ich mich nicht wieder fangen! Wozu soll es auch? Ist denn die Ehe etwas anderes, als die privilegirte Erlaubniß, mit einer Frau sich den irdischen Genüssen hingeben zu dürfen? Wozu soll der Priester dazu seinen Segen hergeben? Ich lobe mir ein Serail! Die Monotonie der Ehe langweilt. Ueberdieß trifft man unter 10000 Frauen, gewiß 1000 Untreue an, während man unter 100000 Maitressen oder Geliebten kaum 1000 Untreue antreffen wird.“

„Kann sein. Ich aber bin der Meinung, daß, wenn die Frau untreu wird, dieses lediglich die Schuld des Mannes ist, und ebenso umgekehrt. Ein zartes, inniges, glückliches Verhältniß kann ich mir nur unter zwei christlichen Eheleuten denken. Ich verabscheue den Gedanken an Vielweiberei. Es würde mir nicht möglich sein, meine Liebe unter mehrere Frauen zu theilen; wenn ich es könnte, würde ich mich selbst verachten.“

„Sie nehmen die Sache sehr ernst,“ meinte der Doctor.

„Alles, was Ordnung, die Gesetze und das Heilige, wie das Religiöse anbetrifft, nehme ich immer ernst.“

Chacun a son gout! Verbrennen Sie sich nur erst einmal die Finger, und sie werden wohl einige andere Ansichten über die Ehe bekommen. Der Engel, den Sie in der Geliebten anbeten, wird zu einer rasenden, schnaubenden Megäre. Ihre Freiheit ist verloren. Das Auge der Eifersucht bewacht Sie schärfer, als alle Bediente der heimlichen Polizei. Sie werden unschuldig verdammt. Keine Entschuldigungen werden angenommen, Vernunftgründe und Beweise gelten nichts. Das Weib in seiner Eifersucht verliert den Verstand und tritt mit geschwungenem Stahl vor das Bette ihres Mannes, wenn der geringste Schein einer erträumten Schuld auf ihm haftet.“

„Sie müssen traurige Erfahrungen gemacht haben. In der Ehe ist es aber auch Pflicht selbst den Schein zu meiden, und können wir es den Frauen verdenken, wenn sie, nur dem Einzigen angehörend, nur für ihn lebend, athmend, betend, auch von ihm verlangen, daß er ihr nur angehöre, nur sie liebe, nur ihr treu sei?“

„Mit diesen Ansichten kommen Sie nicht durch. Ich gratulire zum Pantoffel im Voraus.“

„Meinetwegen!“ versetzte der Baron lachend. „Ich fürchte ihn nicht. Ich habe bisjetzt nur das Glück gehabt lauter edle und vortreffliche Frauenzimmer gekannt zu haben, und die ich mir erwähle, wird hiervon keine Ausnahme machen.“

„Du bist mir noch eine Antwort schuldig,“ sprach ich. „Wie steht Fräulein Adeline in Verbindung mit Deiner Avantüre in der Provence?“

„Wie ich sie so stille, so traurig sitzen sahe, dachte ich an die Unglückliche, die auch durch Liebe unglücklich geworden. Außerdem erinnerten mich ihr schönes, braunes Auge, ihre schwarzen Augenbrauen an Fanny. Mögte der, den Adeline liebt, sie beglücken, wie sie es zu verdienen scheint!“ —

„Ist Herr Hippias, welcher vor drei Tagen bei Madame Grünbein in Ottensen angekommen, hier?“ fragte die ziemlich rauhe Stimme eines Hamburger Polizeibeamten.

„Der bin ich. Was soll es?“

„Hier ist ein Brief an Sie. In der Vorstadt St. Pauli hat sich diese Nacht ein Freuden-Mädchen erhängt. Die Polizei fand diesen Brief unter Ihrer Adresse bei ihr. Die Direction ersucht den Herrn Hippias ihr Auskunft über diesen Vorfall zu geben.“

Der Polizeibeamte ging.

Hippias erbleichte. Er ergriff den Brief, erbrach das Siegel, und las mit zitternder Stimme: