13. BRIEF.
VON VALPARAISO NACH ANTOFOGASTA. – DIE CHILENISCHE SALPETER-INDUSTRIE.

Auf der südlichen Halbkugel muß man sich an die verkehrte klimatische Rechnung gewöhnen, daß es um so heißer wird, je höher man nordwärts kommt. Aus dem Herbst in Süd-Chile war ich in den Sommer von Valparaiso geraten, nun ging es in den Norden den Tropen zu. Der Dampfer »Thuringia« der deutschen Kosmos-Gesellschaft nahm uns auf, um uns bis Antofogasta zu bringen. Er war dabei so menschenfreundlich, nie weiter, als 4-5 Kilometer vom Ufer zu fahren, so daß man während zweieinhalb Tagen stets das schönste Gebirgspanorama vor Augen hatte. Die Kordillere zieht sich hier in ziemlicher Höhe bis dicht ans Gestade des Ozeans heran. Die Landschaft ist einförmig, aber dennoch immer reizvoll. Es ist kaum glaublich, welch eine Unmenge von verschiedenen, immer zarten und weichen Farbentönen diese mit grauem Sand und rötlich-braunem Gestein bedeckte Gebirgskette annehmen kann. An sich ist sie das ödeste, was es überhaupt gibt. Stein und Sand, Sand und Stein, nicht die leiseste Spur von vegetativem oder organischen Leben. Aber aus der Ferne im wechselnden Licht der Sonne, oder gar bei Mondschein, nimmt sich das alles aus wie ein Zauberland. In weich opalisierendem Glanz heben sich die schönen und ausdrucksvollen Konturen des Gebirgszuges vom leuchtenden blauen Himmel ab. In den Tälern und Klüften lagern dunkle violette Schatten. Das ganze Bild hat etwas Unirdisches – ein Eindruck, der sich noch verstärkt, wenn bei aufgehendem Mond die Farben ins Bläulich-Silbergraue zu spielen beginnen.

Wenn man dieses lockend und verführerisch scheinende Land betritt, gibt es freilich eine arge Enttäuschung. Antofogasta ist ein grauenhaftes kleines Nest, wichtig nur als außerordentlich gut geschützter Handelshafen und als Zentrum des chilenischen Salpeterexportes. Sonst bietet es nichts, außer einem lärmenden Anlegeplatz mit Dampfkrähnen, die nach allen Richtungen in die sonnendurchglühte Luft starren, prustenden Lokomotiven, schreienden »lancheros«, die heftig gestikulierend ihre Boote anpreisen, staubigen ungepflasterten Straßen, kümmerlichen häßlichen Bauten und einem steinigen Strand, der hier, wie überall in Chile, in eine übelriechende Kloake verwandelt ist.

Aber der Salpeter, der Salpeter – der ist wichtig genug, um Antofogasta unter allen Städten der Republik einen höchst bemerkenswerten Platz einzuräumen. Der Salpeter ist der eigentliche Lebensnerv der chilenischen Wirtschaftspolitik. In der Geschichte des Landes hat er eine hervorragende Rolle gespielt. Er war es, der den casus belli im letzten »Kriege« zwischen Chile und Bolivien abgab. Die Geschichte dieses Krieges ist überaus charakteristisch für die südamerikanischen Verhältnisse und wohl wert, erzählt zu werden.

Die ergiebigsten und umfangreichsten Salpeterfelder liegen in der Hochebene der Kordillere, die Chile von Bolivien trennt. Antofogasta war ein bolivianischer Hafen, Chile hat seine Rechte darauf dem Nachbarstaate abgetreten unter der Bedingung, daß Bolivien nie eine Ausfuhrsteuer auf Salpeter erheben würde. Ein Weilchen ging alles höchst vorzüglich. Bolivien hatte seinen Hafen, und Chile exploitierte ungeschoren seine Salpeterfelder. Aber nicht lange vermochte Bolivien, dem mit fabelhafter Leichtigkeit gewonnenen Wohlstande des Nachbars zuzuschauen. Es brach den Vertrag und belegte ein Quintal (ca. 36 kg) Salpeter mit der allerdings sehr bescheidenen Steuer von 10 Centavos. Da hatte es aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn der Wirt der Companie de Selitres de Antofogasta war niemand anderes als die chilenische Regierung, da sich die Hauptaktien dieser Gold- d. h. Salpeterfelder natürlich in Händen chilenischer Minister befanden. Als Antwort auf sein schönes Steuerprojekt erhielt Bolivien von Chile ein militärisches Ultimatum. Die bolivianische Regierung darauf, auch nicht faul, erließ den Befehl, die Salpeterwerke zu versteigern, um auf diese Weise zu der Steuer zu gelangen. Nun setzte Chile 500 Soldaten auf ein Kriegsschiff und schickte diese gewaltige Heeresmacht nach Antofogasta. Darauf war Bolivien nicht vorbereitet. So wurde denn Antofogasta mit viel Kriegsgeschrei, aber ohne Blutverlust »erobert«. Das war nicht schwer, denn die Einwohnerschaft der Stadt bestand zu zwei Dritteln aus Chilenen, zu einem Drittel aus Ausländern, und der einzige Bolivianer – der Präfekt – hielt es für ratsam, keinen Widerstand zu leisten. Damit war der Krieg zu Ende. Jetzt hat Chile seine Salpeterfelder und den Hafen Antofogasta, Bolivien dagegen nichts, als das – Nachsehen.

Es bedarf von Antofogasta aus einer sechsstündigen Eisenbahnfahrt, um die chilenischen Salpeterfelder zu erreichen. Selbst wenn man sich für Salpeter nicht besonders interessiert, wird man diese Strapaze nicht bereuen. Denn eine Strapaze ist es. Unter den sengenden Strahlen der Tropensonne schleicht der Zug bergaufwärts. Die chilenischen Waggons erster Klasse ähneln in der Konstruktion den Trambahnwagen mit quer gestellten Bänken. Wirklich bequem kann man sich auf keine Weise hinsetzen, besonders wenn man lange Beine hat.

Ringsum – eine Wüste, eine regelrechte Wüste. Über dem grau-gelben Sande vibriert die glühende Luft im Sonnenglast. Hin und wieder unterbricht ein erbärmliches Stationsgebäude aus Zinkblech die einförmige Öde. Zu essen gibt es nichts außer einem scheußlichen chilenischen Nationalgericht, den sogenannten »empanadas«, einer Art Pastetchen, deren undefinierbare Farce hauptsächlich aus süßen Zwiebeln, Safran, Weintrauben, irgend etwas Fleischähnlichem und unmenschlich viel Pfeffer besteht. – Allmählich beginnt der Wüstensand weißlich zu schimmern. Der Salpeter naht! Auf einer der nächsten Stationen hieß es »aussteigen!« Die Officina »Annibal Pinto« war erreicht.

Ich hatte schon vielfach die chilenische Gastfreundschaft rühmen hören, bis dahin jedoch keine Gelegenheit gehabt, sie selbst zu erproben. Hinter der Wirklichkeit blieben alle hochgespannten Erwartungen weit, weit zurück. Auf der Station empfingen uns – wir waren telephonisch angemeldet – drei Mitglieder der Betriebsleitung. Einer bemächtigte sich meines Reisekameraden, ein anderer meiner, der dritte unseres Koffers, und von dem Augenblicke an waren wir der Gegenstand so ausgesuchter bezaubernder Liebenswürdigkeit, wie wir sie bis dahin nicht erlebt hatten, obgleich man in dieser Beziehung als Tourist in Südamerika, besonders seitens der Deutschen, nicht wenig verwöhnt wird. Als Nachtquartier wurde uns die ganz luxuriös eingerichtete Wohnung des Generaldirektors, der gerade Europaurlaub hat, angewiesen; die exquisiten Diners und Dejeuners, herrliches eisgekühltes Bier, kostbare chilenische und französische Weine, die fabelhaftesten »drinks« und »cocktails« in allen Farben spielend, von goldbraun bis rosarot, wie die Berge der Kordillere, – alles das erweckte den Anschein, das man sich zum mindesten im Plaza-Hotel von Buenos Aires befände. Die ans Märchenhafte grenzenden Revenuen der Salpeterwerke erlauben es, hier oben in der Wüste einen Luxus zu treiben, wie er sonst auf tausend Meilen im Umkreise, weder in Chile noch in Bolivien, zu finden ist.

Einige von den mir bereitwilligst zur Verfügung gestellten Zahlen mögen das Gesagte erläutern. Das Aktienkapital, mit dem die fünf »Officinas«, d. h. Betriebe der Gesellschaft gegründet wurden, beläuft sich auf 16 Millionen. Schon im ersten Betriebsjahre wurde dieses Anlagekapital getilgt, da der Reingewinn 18 Millionen (!) betrug. Und auch jetzt noch, obgleich der Betrieb stetig vergrößert wird, tragen die Aktien eine Dividende von 100-120 Prozent. Natürlich sind nicht alle Salpetergesellschaften so glänzend gestellt, wie die, deren Gäste wir waren, doch ist der Salpeter unter allen Umständen das lukrativste Geschäft in Chile. Auch für den Staat, der jetzt den Salpeterbetrieb selbst besteuert hat und daran ca. 180 Millionen Pesos (1 Peso ist mehr als ein Franc und nicht ganz eine Mark) gewinnt. Wie wichtig dem Staate die Salpeterindustrie ist, erhellt aus dem Umstande, daß der chilenische Senat einen Preis von zehn Millionen Pesos ausgesetzt hat für rationelle Verwertung der Salpeterüberbleibsel. Die »Compania de Selitres« verdankt ihre kolossale Rentabilität der wahrhaft ingeniösen Betriebsanlage ihres Hauptingenieurs Senor Louis B., der während der Besichtigung unseren liebenswürdigen Führer abgab. Trotz der enormen Salpeterproduktion (5000 Quintals aus 45 000 Quintals salpeterhaltiger Erde täglich), beschäftigt der Betrieb nur 1200 Arbeiter, die nebenbei gesagt, auch ihre 8-13 Pesos täglich verdienen.

Wie wird der Salpeter gewonnen? Nichts einfacher als das: man hat ihn nur zu nehmen, er liegt ja überall herum, der ganze Boden kilometerweit im Umkreise ist weiß davon. Das erste Stadium der Salpetergewinnung scheint trotzdem das schwierigste zu sein, denn nur dort sieht man arbeiten, alles weitere vollzieht sich ganz von selbst. Ein halbstündiger Ritt führte uns in die »Pampa« hinaus, wo wir die »calicha«, d. h. salpeterhaltige Erde im Urzustande sahen. Links und rechts um uns stiegen von Zeit zu Zeit mächtige Rauchsäulen in die Luft, ein dumpfer Knall verriet sie, auch wenn man ihnen den Rücken zukehrte – die calicha wird mit Dynamit auseinandergesprengt, um leichter geschaufelt werden zu können. Riesige von Maultier-Troikas gezogene Wagen bringen die Erde zum Schienenstrange, auf kleinen »carretos« wird sie zu Zerkeinerungsmühlen gebracht, von dort geht es weiter zu den Kesseln, in denen die Erde mit jodhaltigem Wasser gekocht wird. Die Erde bleibt in den Kesseln zurück, von wo sie von fast ganz nackten Arbeitern bei einer Temperatur von 50-75° herausgeschaufelt wird, die salpeterhaltige Lösung fließt in ein ganzes Arsenal voluminöser Reservoirs ab, wo sich der Salpeter an der freien Luft kristallisiert. Dann wird das gelbliche Wasser wieder abgeleitet, und in den Reservoirs liegt meterhoch schneeweißer reiner Salpeter. An Ort und Stelle wird er in Säcke verpackt, auf Plattformen verladen, an die Station, von dort nach Antofogasta gefahren und am Anlegeplatz der Compania in die mächtigen Bäuche der Europadampfer verstaut. Und an seiner Stelle strömt das Gold in die Kasse der Compania zurück. Der Prozeß ist, wie man sieht, höchst einfach.

Einen wundervollen, mystisch geheimnisvollen Anblick gewähren die »Officinas« bei Nacht im Lichte der unzähligen elektrischen Lampen (denn hier wird Tag und Nacht schichtweise gearbeitet). Der ganze Horizont dieser bei Tage unendlich öden Wüste belebt sich. Eine Kette roter leuchtender Sterne scheint ihn einzusäumen. Im Mondlicht (das hier nie zu fehlen scheint) zeichnen sich die gespenstischen, phantastischen Konturen der Fabrikgebäude ab, die wie riesige Gerippe in den Nachthimmel ragen. Dieses Bildes konnte man nicht müde werden, obgleich unsere liebenswürdigen Führer zum letzten »drink«, auf den noch ein allerletzter folgte, drängten. Als ich um Mitternacht endlich im Himmelbette des Generaldirektors lag, kam es mir erst zum Bewußtsein, daß ich zehn Stunden lang ununterbrochen Spanisch geredet hatte, wenigstens mußte ich es geredet haben, denn außer diesem Idiom war auf der Officina kein anderes bekannt. Sonderbar. Bis jetzt glaubte ich kein Spanisch zu verstehen. Man erfährt auf Reisen die merkwürdigsten Dinge. Jedenfalls kommt mir noch heute die Geschichte von meinem Spanisch höchst – spanisch vor.

14. BRIEF.
BOLIVIEN. – ORURO. – LA PAZ.

Wenn man auf die Karte von Südamerika blickt, scheint Bolivien das Stiefkind unter den südamerikanischen Republiken zu sein. Ohne Zugang zum Meere liegt es eingeschlossen zwischen den unwegsamen Einöden der Küstenkordillere und den Schreckensgebieten des Gran Chaco, die auf den besten Karten noch weiß, weil »unexplored«, sind, wo wilde Indianer hausen, die, wie man hier mit Sicherheit behauptet, zum Teil noch Menschenfresser sein sollen, und über die überhaupt die abenteuerlichsten Gerüchte zirkulieren von vergifteten Pfeilen und ähnlichen für reisende Europäer wenig erheiternden Scherzartikeln.

Auf den Reisenden, der von der Küste des Stillen Ozeans her ins Land hereinfährt, macht Bolivien anfangs einen trostlosen Eindruck. Man kann nichts ahnen von den Reichtümern und Herrlichkeiten, die das Land birgt und die seinen Einwohnern unter allen Umständen eine höchst angenehme Existenz sichern, obgleich sie von aller Welt abgeschnitten zu sein scheinen.

Vierzig Stunden lang klettert der Eisenbahnzug von Antofogasta aus in die bolivianische Hochebene hinauf. Der Laie bemerkt an der Wüste von Gestein und Geröll, die ihn umgibt, nichts Außergewöhnliches, außer der bunten Färbung der Berge, ihren zum Teil pittoresken Formen. Sie sehen so aus, als hätte der liebe Gott sie anmalen wollen und aus Versehen seinen Farbenkasten umgeworfen. Rote, blaue, gelbe, grüne, violette Klexe überall. Noch sieht man stellenweise den schlanken Kegel irgend eines Vulkans rauchen, von ferne her grüßen die Schneekoppen der Hauptkordillere.

Für den Geologen dagegen ist das ganze Gebiet, das man durchfährt, eine Quelle ununterbrochenen Entzückens. Zuerst geht es durch die Salpeterfelder mit ihrer weißlich schimmernden »caliche«; dann durchquert die Bahn das Becken prähistorischer Gebirgsseen, die aussehen, als seien sie mit Zucker bestreut. Es ist reiner Borax, der einer englischen Kompanie, die diese Felder ausbeutet, hübsche Sümmchen jährlich abwirft. Sieht man den Schnee gelb schimmern, so weiß man, daß dahinter reiche Schwefelgruben stecken, und von den Zinn- und Silberminen, die ihren Besitzern fabelhafte Reichtümer einbringen, von den merkwürdigen Schichten, in denen das kostbare Wolfram-Metall gefunden wird, läßt man sich von gesprächigen Mitreisenden Wunderdinge berichten. Staunend hört man die Erzählungen über Silberminen, die durch unrationellen Betrieb dahingebracht werden, daß das Grundwasser sie rettungslos zerstört. Die Arbeiter hämmern, bis an die Brust im Wasser stehend, das kostbare Erz los, bis das steigende Wasser sie oder die Mine ersäuft. Hier herrscht ja überall fast noch reiner Handbetrieb. Große Maschinen lassen sich in die fabelhaften Höhen, in denen das Erz lagert, nicht hinauf bringen. Versucht man es, so kann es einem gehen, wie einer englischen Gesellschaft im tropischen Goldgebiete Boliviens. Sie machte eine Maschinen-Anlage für Goldwäschereien am Benifluß, die Millionen und Abermillionen kostete und nicht betrieben werden kann, weil alle wirtschaftlichen Vorbedingungen dazu fehlen. Und die englischen Ingenieure mit dem verpulverten Kapital müssen dasitzen und zusehen, wie irgend ein alter Inländer gegenüber am Fluß sozusagen mit einem Tellerchen seine 500 Pesos Gold monatlich aus dem Beni herauswäscht, während ihre kostbare Patentbaggermaschine hoffnungslos versandet.

Sitzt man im Eisenbahnzuge Antofogasta–Oruro, so merkt man von Stunde zu Stunde mehr, daß Höhengrade erreicht werden, für die unsere europäischen Lungen ganz und gar nicht eingerichtet sind. Ohrensausen, Kopfschmerzen, die ersten Anzeichen der Bergkrankheit stellen sich mit tödlicher Sicherheit ein. Ein Gang aus dem Pullman-Car in den Speisewagen raubt einem nicht nur den letzten Rest von Atem, sondern leider auch den Appetit. Oruro liegt 4000 Meter hoch. Das schreibt sich leichter hin, als es sich ertragen läßt. Nur langsam gewöhnt man sich daran und an die damit verknüpften verrückten klimatischen Verhältnisse, tagsüber brennt einem die Tropensonne senkrecht auf den Kopf, abends wird es schneidend kalt, und kein Überzieher ist dick genug gegen die dünne Luft. Dann greifen alle Einwohner der Stadt zu einem auch anderwärts bekannten Remedium gegen Kälte – dem Alkohol. Wenn die Sonne untergeht, findet man in den Bars an der Plaza kein Plätzchen mehr. Die gesamte männliche Einwohnerschaft Oruros versammelt sich dort, um dem Körper vermittelst unzählbarer Cocktails die nötige Wärmemenge zuzuführen. Und die ganze Plaza wiederhallt vom Klappern der Würfel, mit denen an allen Tischen diese Cocktails ausgespielt werden. So ohne weiteres bezahlt nämlich in Bolivien niemand sein Getränk. Jedermann würfelt mit 5-10 Gesinnungsgenossen die »Runden« aus. Und wenn man Pech hat, kann man vor dem Essen seine 15-20 Pesos in Cocktails anlegen.

Äußerlich bietet Oruro gleich den meisten anderen bolivianischen Städten ein merkwürdiges Bild. Anzeichen altspanischer Kultur vermengen sich mit moderner Physiognomielosigkeit, ein gewisser behäbiger Wohlstand mit primitiver Armut. Neben würdevollen Ziegelbauten in maurischem Stil stehen elende strohgedeckte Lehmhütten. An den Haustüren sind überall noch die guten alten Türklopfer zu sehen, davor strahlen abends elektrische Bogenlampen. Über die zum größten Teil ungepflasterten Straßen poltern vorsintflutliche Riesendroschken mit Maultieren bespannt und halten vor den Portalen hellerleuchteter Kinematographen-Theater. Die Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Indianern und Angehörigen der Mischrasse, die wenigen Europäer sind Angestellte der ausländischen Banken und größeren Handelshäuser.

Die bolivianischen Indianer sind als Menschenschlag nicht häßlich. Jedenfalls sind sie Schönheiten im Vergleich zu den chilenischen Mapuches, an deren schlitzäugig-mongolischem Aussehen, wie man sagt, ein in unvordenklichen Zeiten gestrandetes Schiff mit chinesischer Bemannung Schuld sein soll. Dieser mongolische Typus fehlt unter den bolivianischen Indianern vollständig, sie haben runde Gesichter mit weichen Zügen. Zu der kupferbraunen Haut und den kohlschwarzen Haaren sehen die grellbunten Ponchos, die allen ausnahmslos über die Schultern hängen, famos aus. Dank der farbenfrohen Kleidung der Indianer ist das Straßenbild in den bolivianischen Städten außerordentlich belebt. Männer und Weiber wetteifern in der Auswahl der leuchtendsten Farben für ihre Ponchos respektive Kleiderröcke. Sieht man sich dieses Giftgrün, Knallgelb, Feuerrot in der Nähe an, so tun einem die Augen weh. Eine der schönsten und beliebtesten Farben ist ein sattes, ziemlich helles Violett. Der übrige Anzug besteht bei den Männern aus ebenso bunten gestrickten Zipfelmützen, auf denen außerdem ein weißer Filzhut aus dem Stoff der Bajazzomützen sitzt, und Hosen, die unten bis zur halben Wade geschlitzt sind und in zwei Bahnen am Fuß herabhängen. Diese merkwürdige Fasson erklärt sich durch die Notwendigkeit, die Hosen jeden Augenblick aufkrempeln zu müssen, nämlich bei den Übergängen über die Flüsse und reißenden Bäche, von denen Weg und Steg im Gebirge durchkreuzt sind, und von denen auch ich bald ein Lied singen lernen sollte. Die Frauen sehen von den Hüften abwärts alle wie verkappte Ballerinen aus. Sie tragen eine Unzahl Röcke, ziehen immer einen über den anderen und nie einen aus, wird der oberste schlecht, so wird er durch einen neuen nur verdeckt, nicht ersetzt. Das ist weder appetitlich noch hygienisch, dafür aber bei dem hiesigen Klima zweckmäßig, weil wärmend. Auf dem Kopfe sitzt den Weibern ein hellgelber, kesselförmiger Strohhut, darunter hängen immer zwei wundervolle, festgeflochtene schwarze Zöpfe hervor. Das ganze Ensemble sieht aberwitzig aus, besonders bei den Cholofrauen, d. h. Mischlingen, die als Rasseabzeichen hohe Schnürstiefel mit spitzigen hohen Hacken unter den halblangen Röcken tragen. Vollblut-Indianer und Indianerinnen gehen immer barfuß.

»Sehenswürdigkeiten« im europäischen Sinne bietet keine der bolivianischen Städte. Sie sind selbst in ihrer Eigenart sehenswürdig genug. La Paz, die Hauptstadt des Landes, Sitz der Regierung und des Präsidenten, hat genau denselben Charakter wie Oruro. Das Klima ist besser, denn La Paz liegt »nur« 3600 Meter hoch. Übrigens ist die Lage der Stadt vom malerischen Standpunkt aus wundervoll. Tiefeingeschlossen in einem Talkessel, umrahmt von pittoresken Felsblöcken liegen die Häuser da, geordnet in winkelige Straßen, die mitunter unglaublich steil bergauf und bergab führen. Sogar für die »Plaza« hat man keine wagerechte Ebene finden können. So sieht dieser schräg abfallende Platz aus, als sei er eben durch ein Erdbeben aus dem Gleichgewicht gebracht. Keines der Gebäude, das ihn umgibt, hat eine gerade Fassade. Auch schimmert in La Paz hin und wieder das Grün schöner Platanen zwischen den Häusern, während Oruro kahl wie ein Greisenschädel ist. Das Schönste in La Paz aber ist der »Illimani«, der Riese der bolivianischen Kordillere, dessen leuchtend weißes Haupt sich 7500 Meter hoch in den azurblauen Tropenhimmel erhebt.

Der Zugang zur Stadt ist erst seit einigen Jahren erleichtert worden durch eine elektrische Bahn (ich glaube, die einzige in ganz Bolivien), die 400 Meter herab vom sogenannten »Alto« zur Stadt hinunter führt. Als ich die schwindelnden Kurven dieser Bahn hinabfuhr, fiel mir eine ergötzliche Geschichte ein, die mir ein bolivianischer Parlamentarier auf dem Dampfer zwischen Valparaiso und Antofogasta erzählt hatte. Vor nicht allzulanger Zeit machte sich der englische Ministerresident in La Paz höchst unbeliebt. Als sein Treiben den Bolivianern zu bunt wurde, entledigten sie sich seiner auf eine sehr drastische Weise. Sie setzten ihn rückwärts auf einen Esel, gaben ihm den Schwanz in die Hand und führten ihn so zur Stadt hinaus zum Alto hinauf. England schnaubte Rache, doch was sollte man mit dem kleinen vorwitzigen Bolivien machen, dem zu einer Flottendemonstration, die England so liebt, die Meere fehlen! Da nahm man in London die Karte Südamerikas zur Hand, strich Bolivien einfach aus und schrieb an seine Stelle das einzige aber vielsagende Wort »savage« hin. So die Überlieferung.

Ja, was soll man mit Bolivien machen, wenn es sich Dreistigkeiten herausnimmt, die anderswo nicht ungerochen bleiben würden. Strategisch ist das Land von allen Seiten her absolut unzugänglich. Darauf bauend hat die Regierung sich bis zur letzten Zeit auch wenig um militärischen Schutz gekümmert. Erst die traurige Geschichte vom Verluste Antofogastas, die ich im vorigen Briefe erzählte, hat diese Frage mehr in den Vordergrund des Interesses gerückt. Man gönnt Chile den Hafen nicht, und will ihn auf alle Fälle zurückerobern. Dazu braucht man aber Soldaten, die man bis vor kurzem in Bolivien nicht hatte. Da hat man endlich mit der Erziehung einer Armee begonnen. Zuerst wurde diese schwierige Aufgabe – gilt es doch hauptsächlich Indianer zu drillen, die ausnahmslos Analphabeten sind und außer ihren zungenbrechenden Idiomen »Aimara« und »Quechoa« keine Silbe verstehen – französischen Instruktoren anvertraut. Erst als damit gar nichts erreicht wurde, berief man nach dem Beispiel Chiles deutsche Offiziere. Diese haben in der bolivianischen Armee wahre Wunder zustande gebracht. Davon durfte ich mich selbst überzeugen. Auf die freundliche Einladung des Generalissimus der bolivianischen Armee, des preußischen Majors K., wohnten mein Reisekamerad und ich einer Manöverübung in Oruro bei. Die Übung war gleichzeitig Schlußprüfung für sogenannte Dreimonate-Rekruten, die nicht länger von ihrer Feldarbeit ferngegehalten werden sollen. Was diese Burschen auf allen Gebieten militärischen Drills leisteten, war tatsächlich erstaunlich. Die Exaktheit, mit der nicht nur Gewehrgriffe, sondern auch komplizierte Bewegungsmanöver ausgeführt wurden, hätten einem beliebigen europäischen Regiment zur Ehre gereicht. Famose Schützen sind die Indianer mit ihren sprichwörtlichen Adleraugen natürlich allesamt. Eine Aufmerksamkeit, die uns der liebenswürdige Oberkommandierende bei dieser Gelegenheit erwies, möchte ich noch erwähnen. Beim Flaggensignalisieren zwischen zwei Truppenteilen überreichte uns der leitende Offizier die erste signalisierte Parole. Sie lautete: »Boshe Zarja chrani«. Diese Worte – der Anfang der russischen Nationalhymne – mögen in der bolivianischen Hochebene inmitten rothäutiger Indianersoldaten zum ersten Male gehört worden sein.

In La Paz hatten wir später Gelegenheit, die bolivianische Kadettenschule zu besichtigen. Sie untersteht ebenfalls der Leitung eines deutschen Offiziers, des Hauptmanns M. Es ist eine Freude zu sehen, mit welcher Lust diese kräftigen braunen Jungen turnen, mit welch einem geradezu akrobatischen Geschick sie die schwierigsten Evolutionen an Reck und Barren ausführen. Diese Vorführungen fanden zu Ehren einiger chilenischer Minister statt, die in diplomatischer Mission in La Paz weilten. Als die Gesellschaft nachher bei einem Glase Champagner zusammensaß oder vielmehr stand – der erste Toast galt übrigens wieder dem russischen Zaren – passierte mir ein peinliches Mißverständnis, an das ich noch jetzt ungern zurückdenke. Ich unterhielt mich mit einem Herrn, der mir als S. Exzellenz der Herr Kriegsminister genannt worden war. In der sichern Annahme, es sei der chilenische, erging ich mich in Lobeshymnen über das chilenische Militär, das ich in Santiago und Valparaiso gesehen hatte. Das Gesicht meines Partners wurde dabei zu meinem Erstaunen immer länger, seine Miene immer saurer. Endlich unterbrach er meinen Redeschwall: »Sie mögen recht haben, aber warum sagen Sie gerade mir das?« Sprachs und drehte mir den Rücken. Es war der bolivianische Minister. Man muß das übertünchte Freundschaftsverhältnis beider Republiken kennen, um die Tragik dieser Anekdote zu verstehen.

La Paz, im Herzen Boliviens liegend, wird für uns der Ausgangspunkt einer sechswöchigen Tour in die Tropenebene das Landes. Man hält hier solch einen Ausflug für ein gewagtes Unternehmen. Wir wollen sehen, ob unsre Erlebnisse die Befürchtungen unsrer bolivianischen Freunde rechtfertigen werden.

Tafel 5


Oruro (Bolivien)

Straßentypen in Oruro

Lamas in Ängsten vor dem »Kodak«

Tafel 6
PROBEN ALTSPANISCHER ARCHITEKTUR IN LA PAZ (BOLIVIEN)

 
 

15. BRIEF.
IM TROPISCHEN BOLIVIEN.

1. VON LA PAZ BIS ACHECACHI.

Vom Anfang unserer Reise an war es beschlossene Sache einen Ausflug ins tropische Bolivien zu machen. Die einzige Frage, die uns Sorge machte, war die, von welcher Seite dieses Wunderland am besten zu erreichen sei. Der ursprüngliche Plan, von Argentinien aus durch den sogenannten »Gran Chaco« in die Urwälder Boliviens einzudringen, mußte aufgegeben werden, weil er in der Zeit, die uns zur Verfügung stand, nicht ausführbar war. Bei den hiesigen Verkehrsverhältnissen muß man sich daran gewöhnen, daß Wochen, ja Monate als »quantités négligeables« behandelt werden. Reisen werden durch die Jahreszeiten bestimmt, wenn überhaupt. Es heißt etwa: »wenn Sie jetzt losgehen, können Sie noch im Winter da und da anlangen«, ob das aber im Juni, Juli oder August sein wird, darüber wagt man keine Vermutungen. Anfangs hält man diese sehr unsicheren Zeitangaben für eine Folgeerscheinung von Denkfaulheit, Indolenz und jenes trägen »laisser aller, laisser passer«, an dem die Südamerikaner der lateinischen Rasse allerdings leiden. Hat man jedoch die Wege und Verkehrsverhältnisse im Innern des Kontinents aus eigener Anschauung kennen gelernt, so ist man geneigt, selbst diese primitiven Zeitbestimmungen für unbegreiflichen Leichtsinn zu halten.

Schneller als durch die argentinische Ebene ist das tropische Bolivien von der Küste aus zu erreichen, obgleich es hierbei gilt, den gewaltigen Höhenzug der Hauptkordillere zu übersteigen. Diesen Weg entschlossen auch wir uns zu nehmen. So wurde La Paz zum Ausgangspunkt unserer »Expedition«. Dieser Ausdruck klingt etwas laut und anmaßend, man sieht gleich ganze Herden bepackter Kamele und Lamas, Regimenter eingeborener Sklaven vor sich, denkt an blutige Kämpfe mit wilden Stämmen nackter Indianer, Tigerjagden und Riesenschlangen. Dieses Bild bot unsere Reise freilich nicht, obgleich sie für europäische Verhältnisse immerhin noch interessant genug verlief.

Als einzige ernste Gefahr, abgesehen von den Strapazen der Reise, wurde uns in La Paz warnend das überall im tropischen Bolivien herrschende Fieber vorgehalten. Davor glaubten wir jedoch durch eine rationelle Chinin-Prophylaxe ausreichend geschützt zu sein. Leider war dies nicht der Fall, denn bei unserer Rückkehr nach La Paz erkrankten doch zwei Mitglieder unserer Reisegesellschaft, glücklicherweise nur leicht, an einer Form des Tropenfiebers, der sogenannten Tertiana.

Neben der Beschwerlichkeit, überhaupt in jene Gegenden vorzudringen, ist das Fieber wohl der Hauptgrund, weshalb der mit allen Reichtümern der Natur gesegnete Landstrich des tropischen Boliviens verhältnismäßig so wenig Anziehungskraft auf den Unternehmungsgeist der Bevölkerung ausübt. Wer nicht unbedingt muß, steigt nicht in die Tropen hinunter, zumal er vorher beinah in den Himmel, nämlich auf den Rücken der Hauptkordillere hinaufsteigen muß. Von regelmäßigen Verkehrsverhältnissen zwischen dem in der Hochebene gelegenen und dem tropischen Teile Boliviens ist unter solchen Bedingungen natürlich keine Rede. Daher der hochtönende Name »Expedition« für jede Reise, die ins Innere des Landes führt.

Auf eigene Faust eine solche Expedition zu wagen, ist für einen mit den Landesverhältnissen nicht vertrauten Europäer nicht nur schwer, sondern einfach unmöglich. Auch uns wäre sie nicht gelungen, hätten nicht wieder einige Herren von der Deutschen Überseeischen Bank, der deutsche Konsul und Vizekonsul in La Paz, uns wenigstens im ideellen Sinne die Wege geebnet.

Die Reisegesellschaft bestand aus vier Personen. Von unserem Unternehmungsgeist angesteckt, schlossen sich zwei deutsche Herren dem Ausflüge an, der preußische Bergassessor W. und der allzeit liebenswürdige und lebenslustige Prokurist der Deutschen Bank in Valparaiso, Sch.

Am 5. April, 7 Uhr morgens, ging die Reise los. Ein kurzes Streckchen noch durften wir die Errungenschaften der Kultur genießen. Wenn man das genießen nennen kann. In einer »Elektrischen«, bei der der Fußboden aus den Stiefeln anderer Leute zu bestehen schien, und alles übrige aus Ellbogen und Knieen, ging es eine halbe Stunde hinauf durch die brauenden Morgennebel nach dem sogenannten »Alto« von La Paz. Es ist der Endpunkt der Eisenbahn, die nach La Paz führt, 400 Meter über der eigentlichen Stadt. Dort fanden wir unsere weiteren Fahrgelegenheiten vor. Unsere beiden Reisegefährten stiegen in eine »Diligence«, die einmal wöchentlich den Verkehr zwischen La Paz und dem zehn bis zwölf Stunden entfernt liegenden Städtchen Achecachi besorgt. Ich hatte es mir nicht gedacht, daß ich solch einen herrlichen alten Postwagen wirklich noch einmal leibhaftig vor mir sehen würde. Zwölf Menschen nahmen in ihm Platz, Säuglinge an der Mutter Brust, oder hier auch, nach der indianischen Sitte, auf der Mutter Rücken, ungerechnet. Auf hohem Bock thront ein Kutscher, in beiden Fäusten den Wirrwarr von Leinen, mit denen er seine sechs langgespannten Pferde lenkt. Der schöne Wagen ist einst rot gewesen, jetzt schon etwas verwittert und nicht ganz bestimmbar mehr in der Farbe: sein Aussehen leidet auch ein wenig durch das Chaos undefinierbarer Gepäckstücke, das sich auf dem Dache emportürmt. Für uns stand eine vorsichtigerweise bestellte Extrakutsche bereit. Die ist zwar zehn Mal teurer, dafür aber auch zwanzig Mal bequemer. Allerdings hat sie nur vier Pferde. Doch unseren Kutscher beseelte ein löblicher Ehrgeiz, der ihm dazu verhalf, das Wettrennen bis Achecachi richtig mit einer Wagenlänge zu gewinnen. Daß wir dabei einen Federbruch erlitten und die »Diligence« ein Rad verlor, beeinträchtigte den Spaß nur wenig.

Herrlich ist solch eine Wagenfahrt durch die bolivianische Hochebene! Die ganze »Puna« – so lautet der spanische Ausdruck für dieses Gebirgsflachland – ist von warmem Sonnenschein überflutet. Man genießt ihn in der ruhigen Zuversicht, daß es nie drückend heiß werden kann, denn das läßt die Höhe von 4200 Metern selbst in der tropischen Zone nicht zu. Solange die Wege gut und eben sind, werden die Pferde nicht geschont, meist geht es im Galopp, Troika-Stil. Bei den Flußübergängen – und ihrer sind zahllose – haben sie Zeit sich auszuruhen. Dann rumpelt der Wagen über das Geröll der breiten jetzt zu Anfang des Winters ausgetrockneten Flußbetten. Hin und wieder freilich gilt es, die Beine hochzuziehen, denn das Wasser überflutet doch zuweilen das Fußbrett des Wagens.

Die Landschaft bleibt sich den ganzen Tag über gleich und dennoch wird man nicht müde, sie anzusehen. Nach drei Seiten hin dehnt sich unübersehbar weit die Puna aus. Nur im Osten hat man die ganze Zeit den stolzen Zug der »Königskordillere« zur Seite. Mit Recht trägt dieser Teil des südamerikanischen Gebirges seinen Namen. Es sind wirklich zwei Könige der Gebirgswelt, der 7600 Meter hohe Llampu und der 7500 Meter hohe Illimani, die diesen Höhenzug im Süden und im Norden begrenzen. Zwischen ihnen recken in geschlossener Kette ihre zahllosen weißhäuptigen Trabanten, die zum größten Teil namenlos sind, ihre blitzenden Schneekronen in den tiefblauen Himmel hinein.

Viel Leben und Abwechslung freilich sucht man auf der »Puna« vergebens. Von Zeit zu Zeit begegnet man einem Trupp Indianern, die ihre mit nickenden Mais- und Weizenbüscheln beladenen Esel nach La Paz treiben. Lustig sieht es aus, daß auf jedem Esel ein Huhn, resp. ein Hahn als stolzer Reiter sitzt. Die Indianer nehmen auf diese Weise stets ihre ganze Hühnerzucht mit sich, um die frischen Eier für horrende Preise in der Stadt zu verkaufen.

In noch größeren Abständen passiert man eine und die andere indianische Ansiedlung. Elende aus Lehm zusammengeknetete Hütten. Auf vielen steckt als Zeichen der siegreichen katholischen Kirche, meistens schief, ein mit Bindfaden zusammengebundenes Kreuz aus zwei Holzstäbchen. Und dennoch verrät sich in diesen ärmlichen Behausungen und in den Lehmmauern, von denen sie umgeben sind, eine Art Stil. Es ist ein einheitlicher Zug in der kunstlosen Architektur, in den Mustern der groben Friese, mit denen die Mauern und die Simse der fensterlosen Hütten geschmückt sind. Eine dieser Mauern sahen wir übrigens im Vorüberfahren plötzlich lebendig werden. Es war eine Million riesengroßer Erdratten, die daran hinauf, herunter, hinein und herauskrabbelten. Für zarte Gemüter kein sehr erfreulicher Anblick. In seinem prächtigen Buche über die Chaco-Indianer behauptet Nordenskjöld, daß die Erdratte dort an einem Stäbchen schön gebacken als besondere Delikatesse bei Festessen gilt. Hier scheint das nicht der Fall zu sein, sonst könnten sich diese gräßlichen Tiere nicht in so erschreckender Weise vermehren.

Gegen Mittag wurde in einem dieser Indianerdörfer umgespannt. Die vier flinken Pferde machten ebenso vielen zwar weniger schnellen, dafür aber ausdauernden Maultieren Platz. Die Reisenden konnten sich unterdessen mit heißem Tee aus Thermosflaschen und einem kalten Hühnerbein stärken. Nach Überwindung einiger nicht bedeutender Steigungen, bekamen wir beim Örtchen Posadas zum ersten Mal den Titicaca-See zu Gesicht, und zwar gleich in nächster Nähe. Von der Ebene aus gesehen, hat er noch nicht die wundervolle intensiv indigoblaue Farbe, in der sein Wasserspiegel nachher ins Hochgebirge hin aufleuchtet. Doch gibt sein hier unten grünlich schimmerndes Wasser mit dem rosenroten Gestein der umgebenden Hügel, dem blauen Himmel und dem violetten Dunst, der das ganze Bild verschleiert, immer noch eine ganz unwahrscheinlich schöne Farbensymphonie ab.

Außer seiner Schönheit ist der Titicacasee durch seinen Wildreichtum berühmt. Für jedermann, der etwas Jägerblut in den Adern hat, ist das der Ort zum toll und rasend werden. Das sollte ich am eigenen Leibe erfahren. Mein Gewehr ruhte wohlverpackt in seinem Futteral, die dazu gehörigen Patronen steckten in den tiefen Gründen irgend eines Koffers. Trotzdem und trotz der Proteste des ehrgeizigen Kutschers, der sich durchaus nicht vom Postwagen überholen lassen wollte, wurde das ganze Schießzeug auf offener Straße in Bereitschaft gesetzt. Ich ließ Wagen Wagen sein und Kutscher Kutscher, zumal wir der »Diligence« um mindestens 5-6 Meilen voraus waren und stieg zum Uferschilf hinab, in und über dem ich es schwärzlich wimmeln sah. Das Resultat rechtfertigte diese Eskapade. In weniger als einer halben Stunde hatte ich eine Beute von 15 Wasservögeln von acht verschiedenen Sorten beisammen, darunter 5 Enten, einen prächtigen Reiher und das Staatsstück – einen schwarzen Adler. Allerdings muß ich meinen Jägerruhm durch die Bemerkung schmälern, daß die Vögel des Titicacasees augenscheinlich keine Ahnung davon haben, was eine Flinte und ein Jäger sind, denn ich habe keinen Schuß weiter als auf 20 Schritte abgegeben. Und von den Enten – herrliche fette Tiere mit schwarzem Gefieder und roten Schnäbeln, über deren Eßbarkeit die Gelehrten allerdings noch streiten – hätte ich ebenso leicht 50 statt 5 haben können, denn nach jedem Schuß setzten sie sich wieder friedlich im Kreise rings um mich herum. Nur dem Reiher mußte ich nachstellen, und zwar gelang mir das mit Hilfe eines Indianers, der nach dem ersten Schuß eiligst in seiner schwanken schmalen, aus Bast geflochtenen »Balza« durchs Uferschilf herangestakt kam. In wildem Jagdeifer vertraute ich mich ohne weiteres diesem seelenverkäuferischen Fahrzeuge an, kniete darauf nieder und ließ mich, kunstvoll balancierend, in den See hinaus rudern, was der Indianer hinter mir stehend, mit zwei Händen ein Ruder handhabend, außerordentlich geschickt besorgte. Fast hätte ich bei dieser Fahrt das Schießen vergessen. Unter mir das tiefe klare Wasser, dem man bis auf den Grund sehen konnte, von dem aus sich wunderbar geformte grünlich-blaue Wasserpflanzen emporrankten, zu beiden Seiten das hohe Schilf, das über unseren Köpfen zusammenschlug und darinnen ein Geschwirr von bunten Libellen, winzigen Vögeln, Käfern und allerhand zirpendem Getier. Eine liebliche Sommermittagstimmung! So recht geschaffen, um sich in dem schmalen Kahne auszustrecken und alles ringsumher zu vergessen ...

Der Kutscher empfing mich trotz der vielen schönen Vögel, die ich mitbrachte, mit Gebrumm. Einen Aufenthalt hatten wir wegen des erwähnten Federbruches schon gehabt und in der Ferne zeigte sich schon die »Diligence«. Die armen Maultiere mußten daran glauben. Mit Hott und Hüh ging es über Stock und Stein. Wenigstens kam man auf diese Weise schnell vorwärts. Fast gleichzeitig hielten beide Wagen vor dem Hotel in Achecachi. Nicht alles was so heißt, ist ein Hotel. Dieses war z. B. keines. Nicht einmal eine Herberge. Über einen dunklen Hof arbeiteten wir uns durch ein Gewirr von Maultierschnauzen zu einer baufälligen Treppe durch, die zum einzigen Fremdenzimmer dieses »Hotels« führte. Zerschlagen von der langen Wagenfahrt ließen wir die müden Glieder auf ein Kanapee fallen. Diese Unvorsichtigkeit war mit einigen blauen Flecken zu büßen. Trost brachte ein aus rotem Landwein artistisch gebrauter Grog. Es ist, wie ich erklärend beifügen muß, in dieser Höhe abends hundekalt.

Eine in einen Rahmen gespannte Tapete, eine Art Theaterdekoration, teilte das Fremdenzimmer des Hotels in Salon und Schlafgemach. Ein amüsanter Zufall wollte es, daß die Wand über meines Gefährten Bett ein Porträt des russischen Zaren schmückte. Ich ruhte unter dem sanften Blick Abdul-Hamids ebenso gut.

Tafel 7


»Balza« auf dem Titicaca-See (Bolivien)

Flötenblasender Indianer

2. VON ACHECACHI NACH SORATA.

Wir waren in Achecachi in der Dunkelheit angekommen, konnten die Stadt also erst am nächsten Morgen in Augenschein nehmen, nachdem uns der achtjährige, einzige Kellner des »Hotels« prompt mit dem ersten Hahnenschrei geweckt hatte. Viel Zeit raubte diese Besichtigung der Stadt nicht. Es gibt in Achecachi ein einziges Gebäude, das wert ist, angesehen und photographiert zu werden. Das ist eine alte Kirche aus der Zeit, als die spanischen Jesuiten den freien Geist Boliviens unterjochten. Fast in allen bolivianischen Städten sieht man noch die festgefügten Baudenkmäler dieser finsteren Zeit. Sie sind ohne Zweifel das Beste, was die Jesuiten hierzulande zuwege gebracht haben. Doch haben sie sich dadurch bei der indianischen Bevölkerung keine größere Beliebtheit erworben, als anderswo. Für den Indianer ist der katholische Priester heutzutage noch ein Zauberer, der mit Zauberformeln, die niemand verstehen kann, Geburt, Ehe und Tod des Menschen »bespricht«. Heute noch halten die Indianer hartnäckig an ihrem Aberglauben fest, dem nach die Jesuiten in den Monaten nach der Ernte als Gespenster, eine Art Vampyre, nachtwandeln und den Indianern nicht etwa das Blut, sondern das Fett aussaugen. Daher stammen, nach Ansicht der Indianer, die, auch hier häufigen, Embonpoints der Geistlichkeit. Wehe dem unglücklichen Priester, der nachts im März oder April einem Indianer in den Weg läuft.

Von der nächsten Station, dem Städtchen Sorata, das zum eigentlichen Ausgangspunkte unseres Tropenausfluges werden sollte, waren uns Maultiere entgegengeschickt worden. Da wir einen achtstündigen Ritt vor uns hatten, mußten wir uns beeilen. Gleich wenn man aus Achecachi hinausreitet, öffnet sich ein wundervoller Blick auf den Llampu (in Geographiebüchern wird dieser indianische Name meist durch den spanischen »Sorata« ersetzt). In seiner ganzen Pracht liegt der Riese da. Die Kappe von blendendweißem jungfräulichen Schnee scheint sich bis zu der Höhe herabzuziehen, auf der wir uns befinden. Mit einer Deutlichkeit, als schaue man durch ein Zeissobjektiv, zeichnet sich jede Schneefalte der enormen Gletschergefilde vom blitzblauen Himmel ab. Noch ist seine einsame Höhe von keines Menschen Fuß entweiht worden. Weder der Illimani, noch der Llampu sind bestiegen. Es hat's kaum jemand versucht. Oder doch! Vor wenigen Jahren erschien in Begleitung zweier handfester, schweizer Bergführer eine gletschersüchtige Engländerin in Bolivien, um die beiden Herrscher der Kordillerenwelt zu bezwingen. Sie kam jedoch nicht weiter als bis zum ersten Schneesattel des Illimani, der aus unerfindlichen Gründen den Namen »Paris« trägt. Dieser Paris fand an der unternehmenden Britin keinen Gefallen. Er jagte sie mit allen Schrecken der Gletscherwelt, Schneestürmen, Bergkrankheit und Frost in die Flucht. Sie verschwand sang- und klangloser als sie gekommen war aus Bolivien, und ist vielleicht eben dabei ihren Spleen am Gaurisankar auszulassen.

Drei Stunden lang geht der Weg direkt auf den Llampu zu. Er führt, vollständig eben, über eine Art Damm, der im sumpfigen Ufergelände des Titicacasees aufgeworfen ist. Diese Straße ist außerordentlich belebt, da sie die Verbindung mit allen Indianerdörfern am jenseitigen Ufer des Titicacasees herstellt. Ununterbrochen begegnen uns Trupps eseltreibender Indianer. Die Frauen sind hier meist ganz dunkel gekleidet, bis an die Fußspitzen verhüllt. Aus den Rückentüchern hört man das Wimmern von Säuglingen. Um so bunter angetan sind die Männer. Ein Poncho in irgend einer Farbe, vor der die Augen weh tun, eine bunte gestrickte Schlafmütze, an der lange Ohrenklappen herabhängen, oft mit Perlen bestickt, darüber noch ein runder weißlichgelber Filzhut. Aus den geschlitzten Leinenhosen schauen ein paar kräftige, kupferrote Beine hervor. Man sieht hier besonders unter den jüngeren Indianern Gestalten von außerordentlicher Schönheit. Die Frauen laufen ausnahmslos zu Fuß, wenn jemand reitet, so ist es der Mann.

Wir hatten den ganzen Weg über, und später noch viel mehr, Gelegenheit uns zu überzeugen, wie unglaublich flinke und ausdauernde Läufer die Indianer sind. Obgleich wir stundenlang Trab ritten, blieb unser Führer, ein Vollblut-Indianer, der sogar kein Wort spanisch sprach, nicht um einen Meter hinter uns zurück. Eine willkommene Abwechslung waren die uns häufig begegnenden Lamatrupps. Ich kenne kein komischeres Tier, als dieses »aristokratischste der Lasttiere«, wie es ein französischer Schriftsteller nennt. So ein Lama sieht aus wie ein Schaf, dessen Urahne ein Techtelmechtel mit einem Kamel gehabt hat. Die Dummheit des Schafes verbunden mit dem Größenwahn des Kamels bildet eine höchst ridiküle Mischung. Die altjüngferliche Koketterie und prüde Indignation, mit der jedes einzelne den begegnenden Reiter mustert, reizt einen jedesmal unwiderstehlich zum Lachen. Die Verteidigungsart dieser vierbeinigen Aristokraten ist übrigens keine sehr vornehme. Sie wehren sich gegen Angriffe durch Spucken.

Um von Achecachi nach Sorata zu kommen, muß man einen Paß von ca. 4½ tausend Meter überschreiten. Für bolivianische Verhältnisse ist dies ein Kinderspiel. Uns schien der Fall doch schon recht ernst. Statt des ebnen Weges hatten wir bald eine ziemlich steil aufsteigende Wüste von Geröll, Schiefersplittern und vom Wasser kugelrund gewaschenen Kieseln vor uns. In einem Indianerdorfe machten wir Halt, um zu frühstücken und die Tiere ausruhen zu lassen. Zu welchem Zweck sich die Indianer in dieser Höhe, in dieser öden Wüste, wo es weder Baum noch Strauch gibt, ansiedeln, ist mir bis zum heutigen Tage rätselhaft. Auch, wovon sie leben, bleibt unklar. Tatsache ist, daß man weder für Geld noch für gute Worte irgend etwas Eßbares von ihnen erhandeln kann, nicht einmal einen Maiskolben oder eine Handvoll Reis, von Brot ganz zu schweigen. Außerhalb der Städte ist der Reisende hier ganz auf sich selbst, beziehungsweise auf seinen mehr oder weniger gut assortierten Eßkorb angewiesen. Nur unserem Indio gelang es für einen Silberling eine Handvoll trockener Kokablätter zu erstehen. Er erklärte uns durch Zeichen, daß er für den ganzen Tag weiter keine Nahrung bedürfe. Der Nährwert der Kokablätter, aus denen die Indianer ihre Kraft – im wahren Sinne des Wortes – saugen, muß demnach eine außerordentliche sein. Schmecken tun sie dahingegen abscheulich, etwa wie ein Gemisch von Tee und Chinin. Gourmandise kann man den Indianern also auf keinen Fall vorwerfen.

Je höher man steigt, desto schöner wird der Blick nach allen Seiten. Endlich sieht man auch den ganzen Titicacasee wie ein himmelblaues Tuch zwischen den Bergen ausgebreitet, daliegen. Man bedauert, daß man nicht schielt, um die ganze Zeit über mit dem linken Auge den See, mit dem rechten den Llampu anschauen zu können. Doch wird es noch schöner. Wenn man den Paß überschritten hat, öffnet sich der Blick auf das 2000 Meter tiefer liegende Sorata, das wie das sauber aufgestellte Spielzeug eines artigen Kindes aussieht. Zwischen dem saftigen Grün der Gärten blitzen die weißen Blechdächer in der Sonne. Der Abstieg ist sehr steil und dauert drei Stunden, doch wird er einem nicht zu lang.

Sorata hat ein wundervolles Klima und wäre es leichter zu erreichen, so stände es unter den Luftkurorten der Welt wahrscheinlich an erster Stelle und hätte allenfalls nur die Konkurrenz von Madeira zu befürchten. Durch die Berge von Winden geschützt, aber durchaus nicht eingeengt, liegt Sorata ca. 2500 Meter über dem Meeresspiegel. Die Tropensonne zaubert bei ewig blauem Himmel eine Vegetation von unglaublicher Üppigkeit und halbtropischem Charakter hervor. Alle Bergabhänge sind bedeckt mit Feldern und Anpflanzungen, sie sehen wie phantastische Schachbretter aus, jedes Fleckchen ist ausgenutzt. Soviel Agrikultur, wie im Tale von Sorata, habe ich sonst in ganz Südamerika nicht beisammen gesehen.

Wir reiten durch – buchstäblich – mannshohe Weizenfelder, Reis- und Maispflanzungen. Die Blumenpracht zu beiden Seiten des Weges ist unbeschreiblich. Leuchtend rote Kakteen, Büsche gelber und weißer Margueriten, Hecken herrlicher weißer Rosen, Magnolien, Gardenien von unwahrscheinlicher Größe, Fuchsien-Haine, irgendwelche leuchtend violette Schlingpflanzen, die sich bis hoch in die Baumkronen hinaufziehen. Der Weg ist zum Lachen malerisch. Bald führt er an überhängenden Felsgrotten vorbei, bald windet er sich, von Sturzbächen zerfressen, an steilen Abgründen hin. Hier steht eine alte zerfallene Wassermühle von wucherndem Grün fast begraben, dort zwischen hohen Maisstauden eine verwitterte Indianerhütte. Immer wieder öffnet sich der Blick auf Sorata. Die Sonne ist im Untergehen. Tief herabhängende rosa-violette Wolken schweben auf den Bergkämmen. Als Introduktion nicht übel! Man durfte auf das Weitere gespannt sein.

Wir erreichen Sorata noch vor Einbruch der Dunkelheit.

Im gastlichen Hause des deutschen Großkaufmanns G., den man scherzweise »El Rey de Sorata« nennt, fanden wir freundliche Aufnahme. Auf dem Hofe sahen wir zum ersten Mal die großen schwarzen Gummiklumpen zu mächtigen Haufen zusammengetürmt daliegen – der erste handgreifliche Gruß aus den Gebieten, in die wir uns hineinwagen sollten. Wir vergnügten uns ein Weilchen mit harmlosem Ballspiel, wozu sich die Rohgummi-Ballen als sehr geeignet erwiesen, um dann noch lange auf der Gartenterrasse des Hauses die balsamische Abendluft zu genießen.

In Sorata galt es, den Plan zur Weiterreise reiflich zu überlegen und alles dazu Notwendige sorgfältig, mit Liebe und Verstand vorzubereiten. Dank dem außerordentlich freundlichen Entgegenkommen des Herrn G. gelang es uns, in der für bolivianische Verhältnisse merkwürdig kurzen Zeit von zwei Tagen reisefertig zu sein.

Vorerst mußte das nächste Reiseziel festgesetzt werden. Das tropische Bolivien – ja, aber das tropische Bolivien ist groß. Wo kann man dort irgend etwas in der Art eines Unterkommens finden, wo läuft man am wenigsten Gefahr, am Beri-Beri, gelben Fieber oder irgend einem sonstigen Tropenkoller zu Grunde zu gehen? Gleich diese Frage entschied unser liebenswürdiger Wirt mit dem Vorschlage, nach seinen Gummi- und Kaffee-Plantagen im Gebiete des Mapiriflusses zu gehen und eine seiner Haziendas, San Carlos, zum Ausgangspunkte weiterer Ausflüge und Unternehmungen zu machen.

Damit war uns das nächste Reiseziel gegeben. Obgleich der Ort Mapiri selbst als total verseuchtes Fiebernest gilt, sollte es in der weiteren Umgebung des Mapiriflusses nicht so schlimm mit dieser Gefahr stehen. Außerdem schluckte ja jeder von uns schon seit La Paz täglich sein halbes Gramm Chinin.

Nun hieß es, einen »Ariero«, d. h. Maultierreisen-Unternehmer, gefügig zu machen, uns das nötige vierbeinige Material zur Verfügung zu stellen. Das war auch leichter gedacht, als getan. Die Arieros sind auf diese Art Unternehmungen schlecht zu sprechen, da die Tiere dabei kolossal strapaziert werden und nicht selten als Beute für die Kondore und Aasgeier im Gebirge liegen bleiben. Wir passierten nachher manches häßliche Knochenfeld. Dank den energischen Bemühungen des Herrn G. fand sich endlich doch ein Mann, der den Kontrakt unterschrieb, uns mit vier »mulas de sella« (Reittieren) und vier »mulas de carga« (Lasttieren) nach San Carlos und zurück zu bringen. Leider unterließen wir es dabei, den Rückweg genau zu bestimmen, und mußten daher denselben Weg zurückkommen, den wir gegangen waren, da der Ariero sich weigerte, einen anderen durch das Tal des Goldflusses »Tipuani« zu nehmen, der allerdings, wie es hieß, kaum passierbar sein sollte.

Nachdem diese beiden wichtigen Fragen zu allseitiger Befriedigung gelöst waren, wurde die Ausrüstung in Angriff genommen. Auch hiermit wären wir ohne Herrn G. nicht weit gekommen. Außer seinen Gummi-Latifundien von der Größe eines mitteldeutschen Herzogtums besitzt dieser »König von Sorata« nämlich noch »den« Kaufladen der Stadt. Er ist nicht nur der König, sondern auch der »Wertheim« von Sorata. Das war ein lustiges Einkaufen! Am liebsten hätten wir alles mitgenommen. Aus La Paz hatten wir nur unsere Feldbetten und Schlafsäcke nach Sorata geschickt. Nun ging es ans Verproviantieren, Legionen Knorrscher Suppentafeln, Bouillonwürfel, Maggi – alles Dinge, die mir bisher nur aus dem Annoncenteil der »Lustigen Blätter« bekannt waren – Erbswürste, Gemüsekonserven, Corned beef, Sardinen und andere Herrlichkeiten türmten sich auf dem Ladentisch auf und wurden säuberlich in Kisten verpackt, dazu Spirituskocher, Kessel, Kannen, Becher, Pfannen usw. An jede Kleinigkeit mußte gedacht werden. In der Nacht noch sprangen wir abwechselnd auf, um einen vergessenen Korkenzieher, Büchsenöffner, oder sonst etwas zu notieren. Brot und Zwieback wurden in zwei mächtige Blechkasten verlötet, und jedes Stück Brot kostete nachher einen zerschlagenen Daumen, oder ein zerschundenes Handgelenk. Lichte und Streichhölzer wurden in Glasflaschen verschlossen, da sie sonst in der feuchten Tropenhitze sofort unbrauchbar werden. Endlich das Zaumzeug und die Sättel, von denen ich noch ein Lied singen werde, Decken, regendichte Ponchos, kurz alles für die persönliche Bequemlichkeit erforderliche, nicht zu vergessen eine umfangreiche Apotheke, vor allem Salmiak und sonstige Mittel gegen Moskitosstiche, sowie – last not least – den Alkohol, Whisky und Kognak, in ausreichender Quantität, die sich nachher dennoch als knapp erwies, als wir auf dem Rückwege den Kordillerenpaß im Schneesturm passierten.

Mit einigem Bangen für die Mularücken sahen wir zu, wie unser Gepäck abends auf dem Hofe des G.'schen Hauses zusammengestapelt wurde. Man sollte meinen, daß es für ein Regiment Soldaten gereicht hätte. Vier gesunde Männer konsumieren in 4-5 Wochen was ganz Erkleckliches. Noch nach dem Schlafengehen waren wir mit unseren sorgenden Gedanken in der »Tienda«, d. h. im Kramladen, und von Zeit zu Zeit hörte man einen der Schläfer von gefülltem Weißkohl, petit pois, Bismarckheringen und ähnlichen, schönen Dingen murmeln.

3. VON SORATA NACH SAN CARLOS.

Am 8. April um 7 Uhr morgens war unsere kleine Karawane reisefertig. Abenteuerlich genug sahen die vier Reiter aus: auf dem Kopfe ein Tropenhelm oder ein breitkrempiger spanischer Torreadorhut, um den Hals in kunstvollen Windungen geschlungen die »Cancha«, ein breiter endlos langer Schal – in der Höhe ein absolut unentbehrliches Kleidungsstück – hohe spanische Schnürstiefel mit mächtigen Zackensporen, wie man sie in Europa nur noch auf Porträts von Don Quichote sieht, Revolver und Messer im Gürtel, auf dem Rücken Büchse oder Gewehr, resp. Feldstecher oder -flasche. So stak jeder in seinem Sattel, wie eine Fischgabel im Etui. Sitzen ist ein Ausdruck, der nicht anwendbar ist auf die Lage, in der sich der Reiter auf einem bolivianischen Gebirgssattel befindet. Man ist zwischen eine Art Brust- und Rückenwehr eingeklemmt, die Füße hängen senkrecht herunter, sie stecken in zwei aus Holz geschnitzten oder aus Leder genähten Steigbügeln, die man anfangs verflucht, und die man nachher, wenn selbst in strömendem Regen die Füße trocken bleiben, nicht genug segnen kann. Überhaupt muß man diesen Sätteln nachsagen, daß sie mindestens ebenso praktisch wie unbequem sind. Was geht da nicht alles dran und drauf und drunter. Unten kommen zwei Decken hin, hinten wird der Poncho angeschnallt, solange man ihn nicht braucht. Ebendort hängen zwei geräumige Satteltaschen, in denen man die notwendigsten Gegenstände unterbringen kann, etwas Proviant und die unentbehrliche Whiskyflasche. Vorne sind drei Riemen angebracht, an die man am zweckmäßigsten den Kodak, den Trinkbecher und die Patronentasche anhängt, auf dem Sattel liegt eine kleine Decke aus Schaffell, die man bei Nacht als Kopfkissen verwendet. Elegant ist das Gesamtbild einer derartig gesattelten Mula mit dem Reiter darauf nicht, dafür ist man aber gegen alle möglichen Vorkommnisse gewappnet.

Mit gesenkten Köpfen stehen die Lasttiere da, sie tragen schwerer als die Reitmulas unter den Bettsäcken, Proviantkisten und Felleisen, sogenannten »petacas«, die unsere übrigen Habseligkeiten enthalten. Große Geschäftigkeit entwickelt die »Mannschaft«, nämlich der Ariero, ein Cholo, d. h. Halbblutindianer, der spanisch spricht, obzwar kaum besser, als wir selbst und zwei waschechte Rothäute, deren Hauptbeschäftigung nachher darin bestand, die entlaufenen »Carga-Mulas« wieder einzufangen, wobei sie mit affenartigem Geschick die halsbrecherischen Felsabhänge hinauf und hinunter klettern, um den Tieren den Weg abzuschneiden, denn von hinten läßt sich keine Mula, die etwas auf sich hält, einfangen, wie ich aus eigener bittrer Erfahrung weiß. Der Weg nach San Carlos war auf vier Tagereisen veranschlagt. Jeden Tag waren 45 bis 50 Kilometer zurückzulegen, was bei den kolossalen Steigungen als recht gute Leistung zu bezeichnen ist, weniger für uns als für die Tiere. Die täglichen Wegstrecken mußten genau eingehalten werden, da außer den vorgemerkten Nachtquartieren keine Behausungen weiter unterwegs anzutreffen waren.

Gleich am ersten Tage galt es, den Paß der Hauptkordillere zu überschreiten. Es ist der höchste Gebirgspaß in ganz Südamerika, ich glaube nicht, daß er mit seinen 5500 Metern überhaupt irgendwo seinesgleichen hat. Mit Lust und Energie begannen die Maultiere den Aufstieg, hinterher mit Hott und Hüh die »Carga« nebst den Indios. Aber das Vergnügen dauerte nicht lange.

Ist jemals einer meiner verehrten Leser auf einer Mula einen steilen Berg hinaufgeritten? Nur dann kann er nachfühlen, was man dabei zu leiden hat. Die Maultiere sind zwar sehr brave und ausdauernde Geschöpfe, aber Reiter von nervösem Temperament können sie rasend machen. Je nach dem Steigungswinkel bleiben sie alle zwanzig, zehn oder fünf Schritte stehen, um Atem zu schöpfen. Anfangs hat man Mitleid, denn man fühlt, wie die Flanken des Tieres unter einem schlagen. Man wartet also, bis es von selbst weitergeht. Beim nächsten Mal jedoch wird man schon ungeduldig. Man versucht es mit Zungenschnalzen, Pfeifen und allen spanischen Schmeichelnamen, die einem im Moment einfallen. Keine Reaktion. Nun schwingt man die Zügel und zieht dem Tiere mit dem, wie bei den russischen Iswoschtschiki verlängerten Ende der Leine, eins hinten über. Keine Reaktion. Jetzt wird man heftig und fängt mit den Sporen an zu bohren und am Haarschopf zu ziehen. Nichts hilft. Nun bleibt einem nichts übrig, als mit dem Revolver zu schießen, oder ruhig abzuwarten. Das erstere wäre unklug, aber das zweite ist für ungeduldige Gemüter nicht leicht, zumal wenn andere Reiter mit kräftigeren Tieren einen hohnlachend überholen. Man steigt also ab und geht zu Fuß. Nun fängt man an die Mula zu verstehen. In dieser Höhe ist es nämlich tatsächlich unmöglich, mehr als zehn Schritte zu machen, ohne nach Luft zu schnappen. Wir waren vor der Bergkrankheit, der sogenannten »Saroche« gewarnt. Also steigt man doch lieber auf und wappnet sich mit Geduld, denn ruhig im Sattel hockend, spürt man die Wirkung der dünnen Luft fast gar nicht. Aber kalt wird es, empfindlich kalt. Man greift nach dem »Poncho«, wickelt den Schal fester, aber je höher es geht, desto kälter wird es. Nur eines hilft – der Sweater – wenn man einen hat. In einem Anfall von Hellseherei hatte ich meinen von Moskau mitgenommen.

Nach achtstündigem Aufstieg ist der höchste Punkt des »Yachazani«-Passes erreicht. Schon den ganzen Weg über hatten wir wundervolle Gebirgslandschaften vor uns gehabt. Hier oben läßt sich der Blick mit gar nichts vergleichen, was ich früher – auch in den Kordilleren – gesehen hatte. In greifbarer Nähe steht der Llampu vor einem. Wir hatten Glück. Kein Wölkchen verhüllte sein majestätisches Haupt. Am liebsten hätte man sich stundenlang von diesem Anblick nicht losgerissen. Aber es ist schneidend kalt, und wenn man im Schnee herumtanzte, um sich zu wärmen, ging einem doch sofort der Atem aus. Außerdem trieb der Ariero erbarmungslos zur Eile. Wir waren verspätet oben angekommen. Damals wußten wir noch nicht, was für Folgen eine jede Verspätung in diesen Gegenden hat. Die müden Tiere werden also wieder bestiegen und weiter geht es, eine lange Strecke durch einen ziemlich eben scheinenden Gebirgskessel, dann abwärts. Es ist schon 5 und noch haben wir ein tüchtiges Stück zu reiten. Ohne Erbarmen werden die Mulas wieder in Trab gesetzt. Aus dem Tal steigen dicke weiße Nebelwolken hervor und hüllen die ganze Landschaft ringsumher in einen undurchdringlichen Schleier. Es wird immer dunkler. Um 6 ist es mit gewohnter Tropenpräzision stockfinstere Nacht. Das letzte Stück des Weges – glücklicherweise nur 1¾ Stunden – hat wohl niemand von uns als besonders gemütlich empfunden. Unsere einzige Hoffnung waren die Mulas. Zu Fuß war kein Schritt möglich, da man in dieser sternenlosen Tropennacht nicht die Hand vor den Augen sah. Rechts hörte man das Brausen eines Gebirgsflusses, aber wo und wohin er fließt, sieht kein Mensch. Von Zeit zu Zeit erschallt in der Dunkelheit die Stimme des Ariero, der die Richtung angibt. Man segnete die Spürnase der Mulas, die Vorsicht, mit der sie Schritt vor Schritt machten und gelobte, am nächsten Tage die Sporen abzuschnallen.

So langten wir im Indianerdorfe »Injenio« an, ohne es zu merken, denn nicht einmal die Konturen der Häuser ließen sich in dieser rabenschwarzen Nacht unterscheiden. Aber die Mulas kannten ihren Weg. Als sie stehen blieben, wußten wir, daß wir angelangt waren und abzusteigen hatten. In Injenio steht ein altes verlassenes und zerfallenes Haus, das einst einen wohlhabenden Besitzer gehabt haben muß, und jetzt, was selten genug vorkommt, von durchreisenden Fremden als Nachtquartier benutzt wird. Wir installierten uns in einem Zimmer, das zwar nur noch Fragmente von einem Fußboden, dafür jedoch Reste von Tapeten an den Wänden aufwies. Von Tischen, Stühlen oder sonstigen Bequemlichkeiten natürlich keine Spur. Wir erleuchteten dieses Gemach sofort prächtig vermittelst zweier »bolivianischer Nachtleuchter«, d. h. einfacher Stearinkerzen, die mit der ganzen erwärmten Längsseite an die Wand gepappt wurden. Schnell wurden die Feldbetten aufgeschlagen, da sie zugleich Tische und Stühle ersetzen mußten. Ein alter Indianer, den der Ariero unterdessen aufgestöbert hatte, brachte Reisig, und im Nebenzimmer, das schon gar keine Andeutungen einer Bretterdiele mehr aufwies, wurde ein Feuer angemacht. Appetit hatte niemand von uns. Das pflegt einem am ersten Tage nach erlittenen Strapazen immer so zu gehen. Man begnügte sich mit einer Tasse Tee oder Kakao, und konnte nicht schnell genug die müden Glieder in den Schlafsack und diesen und sich selbst auf das Feldbett strecken. Durch die zerbrochenen Fensterscheiben hörte man den Wind ums Haus gehen. Auf dem Hofe schnauften die Mulas, zwischen ihren Zähnen knirschte die frische Gerste, die wir ihnen vorgesetzt hatten. Sie hatten sie verdient. Guten Appetit!

Am nächsten Morgen um ½5 Uhr hieß es: aufstehen! Jetzt waren wir durch die Erfahrung gewitzigt und wären auch noch früher aufgesprungen, um einer Verspätung aus dem Wege zu gehen. Es ist nicht leicht, in der Dunkelheit die Mulas einzufangen, sie zu satteln und zu bepacken. Während wir unseren Morgenimbiß einnehmen, fängt es an zu dämmern. Wir sehen uns unser Nachtquartier an. Jetzt erscheint es schon weniger einladend, als gestern abend. Der Fußboden, oder das was ihn ersetzt, hat vielleicht vor zwei Jahren zuletzt eine Bürste gesehen. Wenn man ihn näher untersucht, läßt sich das Menü früherer Reisegesellschaften mit ziemlicher Sicherheit bestimmen. Über der Tür hängt die Hälfte eines faulenden Balkons. Keine Fensterscheibe ist heil. (Während ich dies niederschreibe, denke ich lächelnd daran, daß, als wir fünf Wochen später nach Injenio zurückkehrten, mein Reisekamerad vor diesem Hause ausrief: »Gott sei Dank, endlich wieder ein anständiges Lokal!«)

Von den indianischen Ansiedlungen Boliviens ist Injenio unstreitig eine der interessantesten. Es ist ein altes Inka-Dorf. Aus dem Fluß, den wir am Abend vorher hatten rauschen hören, haben vor langen Zeiten die »Söhne der Sonne« unermeßliche Reichtümer an reinem Golde herausgewaschen. Jetzt ist der Vorrat versiegt. Nur mit großer Mühe gelang es, von einem alten Indianer einige Körner Flußgold zu erstehen. Oben in den Bergen hofft man, noch Gänge des edlen Erzes zu finden. Eine amerikanische Gesellschaft ist eben dabei, mit kolossalem Kostenaufwande oberhalb Injenios einen maschinellen Goldminenbetrieb einzurichten. Heute noch sieht man beim Durchschreiten des Dorfes, wie wert den Inkas Injenio gewesen ist. Imposante Dammarbeiten durchziehen die Gegend, Mauern aus mächtigen Quadern, in denen die Jahrhunderte keinen Stein haben lockern können. Von Zyklopen errichtet scheinen auch einzelne Häuser zu sein. Die Inkas wollten hier für die Ewigkeit bauen. Sie konnten es nicht wissen, daß sie selbst so viel früher zugrunde gehen würden, als ihre Werke. Noch eine lange Strecke außerhalb Injenios sieht man am Ufer des Flusses und an den Hängen der Berge die verlassenen Ruinen alter Inkaherrlichkeit einsam dastehen.

Der Weg, der anfangs am Fluß entlang führt, beginnt wieder sich einen Berg hinaufzuschlängeln. Bald ist die Vegetationsgrenze erreicht. Nur große weiße Sternblumen, gleich verkrüppelten Margueriten ohne Stengel, und rote und violette Gebirgsglocken, unseren Alpenveilchen nicht unähnlich, bedecken die Abhänge.

Diese zweite Tagereise ist ermüdender, als die erste, geistig noch mehr als körperlich. Es geht ununterbrochen bergauf und bergab, ohne daß man einen merklichen Höhenunterschied überwindet. Was man eben gewonnen hat, büßt man in den nächsten fünf Minuten wieder ein. Schließlich wird man resigniert. Es ist den ganzen Tag über neblig. Keine Spur von Aussicht. Man sieht nicht weiter, als hundert Schritte. Gleich feuchten Treibhausdämpfen steigen die Nebel empor. Sie kommen aus Palmenwäldern und Bananenhainen. Der Weg wird immer schlechter. Sogar die Mulas stolpern. Alle Augenblicke muß man absteigen, damit die Mula nicht sich selbst die Beine und dem Reiter den Hals bricht.

Gegen Mittag setzt ein feiner Regen ein, der immer stärker und stärker wird. Endlich schüttet es wie aus Eimern. Der Weg ist so schlüpfrig und glatt, daß man jetzt selbst bei den gewagtesten Passagen den Mulahufen mehr vertraut, als den eigenen Stiefelsohlen. Man reitet gesenkten Hauptes, von der Hutkrempe geht es von Zeit zu Zeit wie ein Sturzbach nieder. Gegen diesen Wolkenbruch schützt auch der »regendichte« Poncho nicht. Man fühlt sich langsam aber sicher durchweicht, und sorgenden Blicks sieht man, daß dasselbe Schicksal auch die Schlafsäcke auf den »carga-Tieren« erreicht.

Wenigstens verspäten wir uns nicht. Um 5 Uhr ist das zweite Nachtquartier, das »Grand Hotel« Tola Pampa, erreicht.

Giftiger Hohn hat einer Scheune, die einsam auf Bergeshöhe steht, einst diesen hochtönenden Namen gegeben, der ihr seither anhaftet. Als wir das Haus von Ferne sahen – 50 Kilometer im Umkreise gibt es kein anderes – erhoben sich unsere Lebensgeister. Voller Energie ritten wir darauf zu.

Prosit Mahlzeit! Besetzt!

Das »Grand Hotel« – vier Mauern mit einem Dach darüber – besteht aus zwei Räumen. In einem hatten sich sechs Bolivianer niedergelassen, so fragwürdigen Aussehens, daß man unwillkürlich nach dem Revolver griff. Im anderen, kleineren, hockten frierend fünf Indianer. Was war zu machen? Die Bolivianer-Festung im Sturm zu nehmen, trauten wir uns nicht zu. Also mußten die armen Indios daran glauben. Macht geht hier überall vor Recht, den Indianern gegenüber natürlich ganz besonders. Wir konnten ihnen nicht helfen, die armen Burschen mußten hinaus und sich unter der Dachtraufe niederlassen. Der eine mußte sogar noch den Fußboden aus gestampftem Lehm reinfegen. Wenigstens sind die Braven an Trinkgeldern nicht zu kurz gekommen. Dem einen kauften wir für 2 Bobs (zirka 4 Mark) einen Arm voll trocknen Holzes ab, das er, weiß der Himmel von wo hergenommen hatte, dem andern einige Stück Brot, wobei allerdings ein ganzer Bob für jedes Stück zu erlegen war. Der dritte holte uns Wasser von einer ziemlich entfernten Quelle. Jede Flasche erzielte annähernd den Preis von Münchener Export-Bier!

Wenigstens waren wir bis auf weiteres vor Wind und Wetter geschützt. Das hatten wir aber auch sehr nötig. Schlafsäcke und Betten waren total durchweicht, wir selbst ebenfalls, das einzige Trockne waren die Decken, die unter den Sätteln gelegen hatten. In keineswegs sehr gehobener Stimmung ließen wir uns auf unseren nassen Betten nieder. Im Raume nebenan schwelte das bolivianische Lagerfeuer. Der Rauch drang durch die Mauerritzen und beizte uns die Augen. Einen Schornstein, oder wenigstens ein Loch in der Decke hatte das »Grand Hotel« Tola Pampa nicht. Dennoch machten auch wir in unserer »Nummer« ein Feuer an, was schwierig war, da man sich in dem Räume, nachdem die Betten aufgestellt waren, kaum herumdrehen konnte. Immerhin hob sich der Lebensmut ganz beträchtlich, als wir in zwei Kesseln, die kunstreich an einem nassen Stabe übers Feuer gehängt waren, das Wasser brodeln hörten. Nun stellte sich zu unserer freudigen Überraschung heraus, daß preußische Bergassessoren auch mehr können, als Minen-Gutachten abgeben – nämlich Suppe kochen! Unser Assessor W. jedenfalls braute aus Knorrs Suppentafeln, Liebigs Fleischextrakt, Wurstresten, Cornedbeef, Erbsenkonserven und den Überbleibseln einer einst sehr schönen Hammelkeule eine Suppe zusammen, die dem maître d'hotel bei Adlon Tränen kollegialer Rührung in die Augen getrieben hätte. Dieses Meisterwerk der Kochkunst war unerreichbar. Und als dann das Wasser im zweiten Kessel sich in Grog verwandelt hatte, der immer mit Whisky »verdünnt« wurde, ward uns immer »wöhler« zu Mute, wie man hierzulande sagt. Um 8 Uhr lagen wir auf den nassen Betten, der Ariero, der übrigens seinem ominösen Namen – Don Botello (die Flasche) – alle Ehre machte, als Wächter quer vor der Türe.

Um 4 Uhr am nächsten Morgen rasselte der sorglich auf einem Emailleteller aufgestellte Wecker. Nicht ohne Bangen traten wir vor das Portal des »Grand Hotel«. Regnet es immer noch? Nein. Dem Schicksal sei Dank. Ein wolkenloser Sternenhimmel von großartiger Pracht spannt sich über die Berge. Noch ist es Nacht.

Als wir zum Ausritt bereit waren, begann ein Naturschauspiel von unvergeßlicher, geradezu berückender Schönheit – der Sonnenaufgang. Im Westen am dunklen Himmel erblich der Mond, im Osten, von tiefschwarzen Silhouetten der Berge eingesäumt, begann der Himmel sich rot zu färben, ein Rot von so dunklem satten Ton, als rührte es von einem mächtigen Kohlenfeuer her. In dieser Farbe leuchteten plötzlich die Schneekoppen der Hauptkordillere auf. Zu unseren Füßen dehnte sich unübersehbar weit ein brauendes Nebelmeer aus, das sich wie die Wellenbrandung eines märchenhaften Ozeans durcheinanderschob, milchig, von fast bläulichem Weiß, bis auch hier der Lichtschein hindrang und die ganze grenzenlose Fläche rosenrot färbte. Es war schwer hierbei seine fünf Sinne beisammenzubehalten und noch dazu auf die Mula aufzupassen, die im unsicheren Morgenlichte schnuppernd ihren Weg suchte.

In der Ferne auf dem Kamm eines Berges sah man die winzig scheinende Gestalt eines Indianers stehen. Ich dachte daran, daß diese Naturkinder, wie man mich versichert hat, heute noch alle Sonnenanbeter sind, trotzdem viele von ihnen, besonders in den Umgebungen der Städte, natürlich getauft sind. Und ich dachte daran, daß ihre Religion vielleicht doch nicht so ganz inferior ist, wie es uns von der Höhe unserer europäischen Weisheit herab, vielleicht scheinen mag. Naiv genug ist er ja, der Sonnenkultus der Indianer. Sie bringen ihrem Gott nicht einmal Opfer. Sie beschränken sich darauf, ihn als Erzeuger und Erhalter der Welt zu bewundern. Der Anschauung der Indianer nach gehören ihrem Gott alle Dinge, die er zuerst bescheint, das heißt, alles was sich auf dem Gipfel der Berge befindet. Dieser Gedanke ist schön und billig zugleich. Vielleicht glaubt der Indianer auch, daß auf den Höhen der Berge, die so wundervoll im Sonnenlicht glänzen, wer weiß was für Herrlichkeiten verborgen sind. Denn in den weiteren Postulaten seiner Weltanschauung ist der Indianer sehr bescheiden. Von den Produkten der Erde beansprucht er für sich nur die gewöhnlichsten, die ihm zur Nahrung, Kleidung und Behausung dienen. Alles was kostbar und schön ist, – das Gold, die Vicunnas, aus deren samtweichem Fell man die schönen Decken macht, die noch zarteren Chinchillas usw., alles das gehört ausschließlich den »Söhnen der Sonne«, den Inkas. Der ordinäre Indianer hat darauf kein Recht.

Was es mit den Inkas eigentlich für eine Bewandtnis hat, darüber habe ich übrigens in Bolivien ebensowenig sicheren Aufschluß finden können, wie in Europa. Die Geschichte des Landes setzt sich aus Legenden zusammen. Ziemlich allgemein nimmt man an, daß der Stamm der Inkas auf die Bemannung eines gestrandeten Normannen-Schiffes zurückzuführen ist, die wegen ihrer hellen Haare und Augen als Sonnenabkömmlinge angesehen wurden. In Peru gibt es noch Indianer, die ihre Herkunft von den Inkas ableiten. Jetzt freilich ist ihre Haut braun, wie die der übrigen Indianer. Doch sind es alles auffallend schöne, hochgewachsene Gestalten mit edlen reinen Gesichtszügen.

Von Tola Pampa begann ernstlich der Abstieg. Eine Stunde noch führte der Weg durch das steinige Felsgeröll, das wir schon zur Genüge kannten. Dann setzte die Vegetation ein, und zwar gleich mit völlig tropischem Charakter: Farrenbäume, Fächerpalmen, zuerst alles noch recht winzig, kaum mannshoch, und vereinzelt. Doch mit jedem Schritt, den wir hinab tun, wächst und verdichtet sich der Wald. Von den Maultieren sind wir abgestiegen und lassen sie hinterher laufen. Beim Abstieg brauchen wir sie nicht. Vor uns liegt ein sonnenüberglühter Grat, ein Weg von fast zwei Stunden. Er führt in leichter Neigung hinab. Nachdem wir ihn überschritten haben, kommen wir in Schatten. Gleichzeitig beginnt der Teil des Weges, der im Volksmunde mit Recht »amargurani« – Bitternis – heißt. Ein geradezu grauenhaft schlechter, vom Regen total ausgewaschener, von breiten Felsspalten durchschnittener Weg. Oft ist man in Verlegenheit, wohin man beim nächsten Schritt den Fuß setzen soll. Wenigstens geht es konstant abwärts. Es wird immer heißer. Man hat bald die Empfindung, daß man in dampfdurchglühter Treibhausluft vorwärts schreitet. Die Kleider kleben am Leibe. Der Schweiß fließt in Strömen.

Und dennoch vergißt man alle körperlichen Beschwerden über der vegetativen Pracht, die einen umgibt. Der Wald wird mit jedem Schritt dichter, endlich ist zu beiden Seiten des Weges richtiger undurchdringlicher Urwald.