Was für ein Wald! Kein Märchen kann ihn schöner schildern. Riesenfarren mit fächerartig ausgebreiteten Ästen, Schlingpflanzen, die wie Girlanden von Baum zu Baum und über den Weg hängen. Üppig wucherndes Buschwerk mit glänzenden, gleichsam lackierten Blättern; überall leuchten gelbe, rote, violette Blüten hervor, einzeln und in schweren Dolden. Tausende von Pflanzen, die bei uns als kostbare Ziergewächse gezüchtet werden, alles in riesengroßen unwahrscheinlichen Dimensionen, mannshohe Schilfblätter, sogenannte Gummibäume (die übrigens mit dem Nutz-Gummibaum nicht das Geringste gemeinsam haben), gigantische Nesseln, deren Blätter von einer Seite samtgrün, von der anderen scharlachrot sind, Palmen von jeder Form und Größe, einzeln und in Gruppen, wie sie kein Kunstgärtner schöner zusammenstellen kann. Ein Wirrwarr von saftigem Grün aller Schattierungen mit leuchtenden Farbenflecken dazwischen. Fast alle größeren Bäume sind mit Moosen bedeckt, Moosen von allen Farben, nilgrün, grau, bläulich, ja dunkel weinrot. Und hier, welch eine Pracht! Aus dem Moose schauen die ersten Orchideen hervor. Man traut seinen Augen nicht. Man greift nach den Blüten, und wenn man sie in der Hand hält, läßt sich ihre Existenz nicht mehr in Abrede stellen. Man kann sich nicht satt sehen an den feinen hellila und dunkelvioletten Blumen. Es sind wahre Wunderwerke der Natur, diese bizarren Kelche mit ihren exzentrischen Formen und herrlichen Farben. Am schönsten sind die großen, goldbraunen Dolden, an denen oft bis dreißig einzelne Blüten sitzen. Man hat bald den ganzen Arm voll von dieser Blütenpracht und weiß nicht, wohin damit.

Es ist Frühstückszeit! An einem kleinen Sumpfe, den sogenannten »Lagunillas« wird Halt gemacht. Hier lernen wir die erste Schattenseite der Tropen kennen – den Mangel an Trinkwasser. Die Thermosflaschen sind alle leer getrunken. Im ganzen Walde ist kein Stückchen trockenes Holz aufzutreiben, um Feuer zu machen und das Sumpfwasser zu kochen. Alle Versuche schlagen fehl. Der Durst wird immer quälender. Schließlich pfeift man auf Fieber und Typhus, schöpft einen Becher voll des trüben Wassers aus dem Sumpf, tut einen »Desinfektionsschuß« Whisky hinein, und nimmt einen herzhaften Schluck. Wie das wohltut, obgleich es scheußlich schmeckt. Nun kann die Reise weiter gehen.

Gleich nach dem Frühstück hatte ich Glück. Ich blieb mit meinem Gewehr eine halbe Stunde zurück, da ich in den Baumkronen mancherlei flattern sah, was mich interessierte. In den Wald zu schießen, hat keinen Zweck, wenn man nicht mit einem Schlagmesser, einer sogenannten »macheta« ausgerüstet ist, wie es hier jeder Indianer bei sich hat. Ohne dieses Instrument ist im Walde keine zwei Schritte vom Wege an ein Durchkommen zu denken. Man muß also geduldig warten, bis die erhoffte Beute über den Weg fliegt.

Da! ich schieße. Und vor mir auf dem Wege liegt ein regelrechter Papagei, prächtig grün und rot gefiedert. In der Freude meiner Seele werfe ich meine Papiros mitsamt meiner schönsten Bernsteinspitze in den Urwald – ich habe sie nie wiedergefunden – und hänge meine bunte Beute an den Sattelknopf. Die schönste Feder kommt an den Hut, der sich übrigens im Laufe der Wochen in einen regelrechten indianischen Federkopfputz verwandelte.

Dieses Mal übernachten wir in einer Indianer-Herberge. Noch um eine Nüance primitiver als in Tola Pampa. Dafür stehen ums Haus herum wilde Zitronen- und Apfelsinenbäume, und unten am Abhänge sehen wir eine Bananenpflanzung. Auch nicht zu verachten.

Wir teilen den einzigen verfügbaren Raum, da er groß genug ist, mit einer Gesellschaft indianischer Packeseltreiber. Sie kochen in einer Ecke stumm – Indianer reden nie, außer dem Allernotwendigsten miteinander – ihren Reis, wir in der anderen geräuschvoll unsere Suppe.

Zu unseren Häupten über den Feldbetten siedelten sich auf einer Stange sämtliche Hühner des Hauses an und machten sich bald unangenehm bemerkbar.

Zu dem durchlöcherten Dach schaut der Sternenhimmel herein, durch den offenen Giebel das Kreuz des Südens, das wir jetzt endlich kennen. Dieses Kreuz ist übrigens ein bluff. Erstens ist es überhaupt nichts Besonderes und zweitens ist es kein Kreuz. Genau ebensogut könnte es einen Triumphwagen oder eine Kaffeekanne vorstellen. Es ist ein unregelmäßiges Parallelogramm von vier Sternen, deren einer ziemlich schwach leuchtet. Warum das ein Kreuz bedeuten soll, ist unerfindlich, jedenfalls weiß das kein Mensch, außer dem Astronomen, der es so getauft hat.

Theoretisch hatten wir von Lorenzo Pata, unserem letzten Nachtlager, bis San Carlos einen Tag. Praktisch wurden zwei daraus. Aber nicht durch unsere Schuld, denn um 5 Uhr war die ganze Gesellschaft auf den Beinen, und um 6 ritten wir aus, wohlgemut, trotz des strömenden Regens. Alles ringsumher trieft. Wir sehr bald ebenfalls. Der naßgeregnete Urwald bietet ein anziehendes Bild. Das Grün scheint noch saftiger. Man glaubt es ordentlich zu spüren, wie die fruchtbaren Kräfte sich darin regen. Die Moose schwellen, die Blumenkelche öffnen sich.

Um 11 Uhr klärte es sich auf. Die Tropensonne tat das ihrige, um uns schnell zu trocknen. Wir dampften richtig. Aus dem Tal – wir sind ja immer noch 1½ Tausend Meter hoch – steigen Nebelfetzen herauf und verfangen sich in den Baumkronen. Der Weg führt bergauf, bergab, bergab, bergauf. Eine gefährliche Stelle ist noch zu überwinden – der sogenannte »tornillo« (die Schraube), – eine korkenzieherartig gewundene Wegstrecke, die an einem Abgrunde entlang führt.

Den ganzen Weg, von Sorata an, war es uns aufgefallen, daß auf dem Gipfel jeder Steigung ein mächtiger Steinhaufen aufgeschichtet war, von besonders riesigen Dimensionen bei den schwierigsten Stellen, am Jachazani-Paß, beim Beginn des Amargurani-Abstiegs, hier am Tornillo. Don Botello gab uns die Erklärung dafür. Wenn der Indianer einen Berg emporsteigt, nimmt er in jede Hand einen Stein, trägt ihn hinauf und legt ihn dann fein säuberlich hin. Er glaubt, daß ihm das Steigen erleichtert wird, wenn er die Steine näher zur Sonne bringt. Psychologisch ist dieser Aberglaube sehr verständlich und berechtigt. Der Indianer denkt die ganze Zeit während des Aufstiegs an seine Steine, und das lenkt die Aufmerksamkeit von der eigenen Erschöpfung ab. Im Laufe der Jahrzehnte bekommt ein jeder Gipfel auf diese Weise ein kunstloses, aber imposantes Denkmal. Bemerkenswert ist, daß die Indianer ihre Steine oft in der Form eines Kreuzes anordnen.

Um 3 Uhr erreichten wir eine »Finca«, San José, des Herrn G., durch dessen Gebiet wir schon seit zwei Tagen ritten. Nun waren noch 3 Stunden bis San Carlos. Nach kurzem Aufenthalt begannen wir den letzten, sehr steilen Abstieg. Allein wir hatten die Rechnung ohne den Regen gemacht, der am Morgen herabgeströmt war. Ein Gebirgsbach – der Rio d'Oro – der unten im Tal den Weg durchschnitt, war derart angeschwollen, daß an ein Passieren gar nicht zu denken war. So mußten wir den ganzen Weg wieder hinauf. Ich blieb unvorsichtiger Weise, vom Jagdeifer beseelt, zurück, schoß auch richtig ein langschwänziges Ungeheuer, halb Papagei, halb Fasan und – beinahe – einen Affen. Doch mußte ich dafür büßen, nämlich den ganzen zweistündigen Aufstieg zu Fuß machen. An diese Stunden denke ich ungern zurück. Ein siebenstündiger Weg, meist zu Fuß, lag schon hinter uns. Halbtot langte ich in San José an. Die Kochkunst unseres vortrefflichen Assessors und eine Flasche wirklich echten Münchener Bieres, das überall in den Tropen, wo es Menschen gibt, verzapft wird, freilich zu Phantasiepreisen, brachte mich nur langsam wieder auf die Beine. Trotz Hunden, Mäusen und einem Hahn, die sich in unserem Zimmer bekriegten, schlief ich wie ein Erschlagener.

Am nächsten Morgen ließen wir uns nicht zurückhalten und nahmen auch glücklich das Hindernis, das uns in Gestalt des Rio d'Oro den Weg versperrte. Dennoch hatten wir auch jetzt, trotz des verhältnismäßig niedrigen Wasserstandes, beim Durchreiten des Stromes das Gefühl, gleich vom Strudel mitgerissen zu werden. Allein das Schicksal meinte es besser mit uns, und nur die Füße wurden naß, ungeachtet der ingeniösen Steigbügel. Gegen Mittag erreichten wir das gelobte Land – San Carlos.

Tafel 8


Bolivianische Postkutsche

Das »Grand Hotel« Tola Pampa

Tafel 9


Die Hacienda »San Carlos« (Bolivien)

Indianer im Poncho vor einem Bananenhaine

4. SAN CARLOS.

Die Hazienda San Carlos ist entzückend gelegen. Ich würde sagen idyllisch, wäre dieser Ausdruck nicht in den Tropen überhaupt und unter allen Umständen deplaciert. In einem Talkessel, der die Aussicht nach einer Seite freiläßt, sind in regellosem Durcheinander die acht bis zehn Häuser des Gutshofes hingebaut. An einer Seite zieht sich eine üppige Bananenpflanzung hin, deren Früchten wir mehr als einen exquisiten kulinarischen Genuß verdanken.

Von allen Pflanzen der Tropen ist die Bananenstaude, meinem Geschmack nach, die malerischste. Die ganz hell lichtgrünen Blätter von der Form riesiger Palmenwedel falten sich an der Spitze des Baumes zu einem breiten schattenspendenden Dache auseinander. Der Stamm geht von unten nach oben allmählich aus einem bräunlichen Rot in dasselbe Lichtgrün des Laubwerkes über. Zwischen den Blättern lasten schwer die mächtigen Fruchtkolben, an denen sich die Bananen, je nach dem Stadium der Reife und der Sorte, grün, goldgelb oder kupferbraun auseinanderspreizen.

An der anderen Seite der Hazienda ziehen sich die Kaffeeplantagen entlang. Schon von weitem sieht man die feuerroten Kaffeebohnen aus dem Laube hervorleuchten. Ums Wohnhaus herum stehen Orangen und Zitronenbäume, über und über mit reifen Früchten bedeckt.

Nur das Wohnhaus ist ein Bretterbau. Die Wände der übrigen Häuser bestehen, wie überall unten in den Tropen, aus aneinandergereihten Bambusstäben, die einfach in die Erde gesteckt und nur lose mit Bast zusammengeflochten werden. Fenster haben diese Bambuskäfige, von denen ich noch zu erzählen haben werde, nicht. Alle Gebäude sind mit Palmstroh gedeckt. Oberhalb der Plantagen sind die sie umgebenden Hügel mit wundervollem dichten Urwald bestanden.

Obgleich wir unangemeldet in San Carlos eintrafen, wurde uns ein überaus freundlicher Empfang seitens des Verwalters – hier nennt man ihn »gerente« – zuteil. Auf der luftigen Veranda, während unsere Zimmer zurecht gemacht wurden, bekamen wir sofort einen prächtigen rosenroten Cocktail aus Zuckerrohrschnaps vorgesetzt. Ohne das geht es hier nicht. Kein Verbrechen wird strenger gerochen, als wenn man die »cocktail-time« versäumt. Nun, man läßt es sich ja schließlich gefallen. Wenigstens braucht man, wenn man zu Gast ist, nicht um die »Cocktails« zu würfeln, wie wir das in Oruro und La Paz bis zur Besinnungslosigkeit tun mußten.

Vor dem Frühstück noch wurde uns ein langentbehrter Genuß zuteil. Wir konnten baden. Hinter dem Hause hat sich nämlich der umsichtige und reinliche »gerente« mit Bedacht und Fleiß ein Schwimmbad hergerichtet. Es besteht aus einem großen Holzkasten, geräumig genug für eine ganze Familie. Das krystallklare Wasser eines kühlen Gebirgsstromes wird vermittelst zweier Holzröhren herein und wieder hinausgeleitet. Man plätschert also in fließendem Wasser. Daß das Bad von einer gewaltigen Bananenstaude beschattet wird, gibt der ganzen Sache einen, dem Ort entsprechenden, äußerst exotischen Charakter.

Während der fünf Tage in den Kordilleren waren wir alle total verwildert, ganz »en Schwein« wie Heine sagen würde, mit sprossenden Vollbärten. Wir erkannten uns gegenseitig kaum wieder, als wir uns sauber gewaschen und gekämmt an der Frühstückstafel zusammenfanden.

Was die tropischen Menüs anbetrifft, so muß man sich anfangs an mancherlei gewöhnen, was man später nicht mehr entbehren möchte. Dazu gehört allerdings nicht die rote Ahi-Pfefferschote, vor der wir noch von Brasilien her einen Heidenrespekt hatten. Hier wurden die Speisen nur soweit gepfeffert, daß man wenigstens nicht alle seine Tränen zu einer Mahlzeit zu vergießen brauchte. Vor der Suppe werden meist gekochte oder geröstete Bananen aufgetragen, oder eine mehlige kartoffelartige Wurzel »juca«, die mit Butter gegessen wird. Den Bananen haftet in dieser Form ein unangenehm süßlicher Geschmack an. Die größte Tropen-Delikatesse, die man sich gerne gefallen läßt, ist ein Salat aus jungen Trieben der Palmen. Für eine Schüssel müssen vier Stämme gefällt werden. Das ist eigentlich ein Frevel, aber ein außerordentlich wohlschmeckender. Herrlich sind die tropischen Früchte hier, in Brasilien hatten sie mir gar nicht behagt. Da ist vor allen die »chirimoja«, die Königsfrucht, die von außen ungefähr wie eine grüne Zedernuß aussieht, und deren schneeweißes festes Fleisch einen überaus würzigen, fein aromatischen Geschmack hat. Dann die »grenadillos«, Früchte der Passionsblume, die aussehen wie riesige Stachelbeeren und auch ähnlich schmecken. Dann die »palta«, um deren Kern ein grünliches Fleisch von pikantem nußartigem Geschmack sitzt. Man ißt sie meist vor der Mahlzeit mit Salz und Pfeffer. Unangenehm schmeckt das weiße, wollige und faserige Fleisch der »pacais«, die man bei uns in getrocknetem Zustande »Johannisbrot« nennt. Nicht zu verachten dagegen sind die »papaillos«, eine Sorte edler Kürbisse, die ungefähr so behandelt werden, wie bei uns die Kartoffel. Keinen besonderen Geschmack konnte ich den sogenannten »süßen Zitronen« abgewinnen, die überall zu Tausenden wild wachsen. Sie haben überhaupt keinen Geschmack, weder einen süßen, noch einen sauren, noch sonst irgend einen, sind allerdings sehr saftig, was ihnen in wasserarmen Gegenden großen Wert verleiht.

Während der fünf Tage, die wir in San Carlos verweilten, aßen wir langsam aber sicher einen Ochsen auf, bis zu den Gedärmen inklusive, den sogenannten »tripas«, die hier hochgeschätzt, dennoch eine kulinarische Scheußlichkeit sind.

Im übrigen verging die Zeit nur zu schnell in dem angenehmen Bewußtsein, daß man nichts zu tun hatte, als nichts zu tun. In den ersten Tagen strich ich viel mit dem Gewehr umher, brachte auch stets Beute heim, einige von den prächtigen feuerroten »tuncis«, einer ziemlich seltenen Papageisorte, »celestinas«, mit ihrem unwahrscheinlich schönen siebenfarbigen Gefieder, und viel Raubzeug. Die als Braten hochzupreisenden Bergpfauen – »pavo de monte« – habe ich wohl gehört, aber nie zu Gesicht bekommen. Ebenso ging es mit den Affen. Es wird auf die Dauer langweilig, daß man bei solchen Ausflügen nur auf die mehr oder weniger gebahnten Wege angewiesen ist. Im Walde selbst ist auch hier nirgends ein Durchkommen. Wagt man sich einen Schritt seitwärts, so ist man sofort rettungslos von tausend stachligen Schlingpflanzenarmen umgarnt. Der Jäger kann dem Wild nicht nachstellen, sondern muß warten, bis es zu ihm kommt. Dazu gehört mehr Geduld, als mancher besitzt. Läßt man sich aber zu einem verfrühten Schuß verleiten, so muß man es schwer büßen. Auf dem Rückwege aus Mapiri hatte ich die seltene Gelegenheit einen mächtigen Kondor vor die Flinte zu bekommen. In der Aufregung schoß ich zu früh, und er fiel vielleicht dreißig Schritte weit in den Wald hinein. Es dauerte mehr als 1½ Stunden bis wir uns zu zweit diese dreißig Schritte in das Dickicht hineingearbeitet hatten und noch eine weitere halbe Stunde bis es gelang, den Vogel aus der Palme, auf die er gefallen war, herauszuschütteln. Und endlich konnten wir ihn doch nicht mitnehmen, weil er zu schwer war, und es nicht anging, ihn durch das Gewirr von Schlingpflanzen durchzuschleppen.

Die Jagdleidenschaft wurde durch eine harmlosere abgelöst – den Schmetterlingsfang. Zu hunderten gaukeln die bunten Riesenfalter in den Wäldern umher und zwar vorzugsweise an den Wegen, da sie so poesielos sind, eine besondere Vorliebe für Mulamist zu hegen. Es ist nicht so leicht ihrer habhaft zu werden. Erstens sie überhaupt zu fangen, und zweitens wenn man sie glücklich im Netz hat, sie nicht zu beschädigen, denn mit einem kräftigen Flügelschlage kann ein solcher Falter die ganze Pracht seiner Zeichnung stören. Aber Übung macht den Meister. Wenn man sehr geduldig, vorsichtig und leise ist, kann man den sitzenden Schmetterling mit den Fingern an den zusammengelegten Flügeln fassen. Allerdings ist er meist so infam, im allerletzten Augenblick zu entschlüpfen, und es kann einem recht heiß werden bei solch einer Jagd, die oft kilometerweit den Weg entlang führt, zumal Mittags in der Tropensonne. Im Verlaufe der ganzen Reise, vorzugsweise aber in San Carlos, gelang es uns, eine stattliche Sammlung von über 160 Sorten zusammenzubringen. Als wir nachher in La Paz auspackten, hatten wir die Genugtuung, daß selbst Dr. B., der Direktor des allerdings noch jungen bolivianischen Naturhistorischen Museums, eine ganze Reihe von unseren Faltern noch nicht besaß.

Die ersten Tropennächte schläft man schlecht. Sie sind zu schön, diese Nächte. Vor allem sind sie zu unruhig, zu enervierend, zu aufregend. Mit einer unglaublichen Plötzlichkeit brechen sie an. Man hat eben noch im Freien gelesen, da legen sich weiche schwarze Schatten rings auf Wald und Feld, ein kühler Wind streicht durch die Bäume, am dunkelblauen Himmel blitzt ein Stern nach dem anderen auf. Und nun gehts los, als wären alle guten und bösen Luft- und Nachtgeister entfesselt. Ein wahrhaft ohrenbetäubendes Konzert beginnt. Legionen von Grillen, Zykaden, und anderem Nachtgetier zirpen, pfeifen, girren – brüllen, würde ich am liebsten sagen. In den Bäumen schluchzen und klagen die melancholischen Sänger der Nacht. Das Geräusch wird endlich so stark, daß man, wie beim Treswon der Moskauer Kremlglocken keine einzelnen Töne mehr unterscheiden kann. Ein rasender Liebestaumel scheint alles Lebende ergriffen zu haben. Das Locken und Schmeicheln nimmt kein Ende. Riesige Nachtfalter, Fledermäuse, leise Nachtvögel tauchen schattenhaft im Dunkel auf, um gleich wieder zu verschwinden. Und nun beginnt die allabendliche Illumination des Waldes. Unzählige Funken und Flämmchen blitzen überall auf – es sind Millionen von Leuchtkäfern. Alle Bergabhänge sind besät mit ihnen, als wären die Sterne vom Himmel gefallen und könnten im duftenden Laub nicht verlöschen. Doch ein Blick nach oben belehrt einen, daß die Sterne noch an Ort und Stelle stehen. Und auch sie scheinen ihre Leuchtkraft verdoppeln zu wollen, als müßten sie genau hinschauen, was dort unten auf der Erde eigentlich vor sich geht. Sie flimmern und flackern und können ihre Unruhe nicht bemeistern.

Und unter solchen Umständen soll man schlafen. Unmöglich. Man liegt im Liegestuhl, stumm und wunschlos, und trägt mit einer Zigarette sein bescheidenes Scherflein zu der allgemeinen Illumination bei.

Die schönen Tage von San Carlos vergingen nur zu schnell. Immer wieder gab es etwas anderes zu sehen. Wir gingen in die Kaffeeplantagen hinein und halfen die schönen roten Bohnen von den zierlichen Sträuchern pflücken. Dann sahen wir zu, wie die Bohnen von ihrer äußeren Hülle gereinigt werden, was in einer Art Riesenkaffeemühle geschieht, die jedoch von Indianern mit der Hand betrieben wird. Größere Maschinenbetriebe sind hier unten natürlich unmöglich, denn man kann hierher nichts transportieren, was ein größeres Gewicht hat, als eine Mula auf dem Rücken tragen kann.

Vor dem Wohnhaus in San Carlos ist eine große Tenne angelegt, die ich anfangs für einen vernachlässigten Tennisplatz hielt. Das war jedoch ein Irrtum. Auf diese Tenne werden die von ihrer äußeren Hülle befreiten Kaffeebohnen geschüttet und in der prallen Sonne getrocknet. Von Zeit zu Zeit laufen Indios mit nackten Beinen in dem Kaffee umher, um die Bohnen zu wenden und mit der Luft in Kontakt zu bringen. Nirgends in der Welt habe ich besseren Kaffee getrunken, als in San Carlos. Das Geheimnis seiner Zubereitung ist das, daß der Kaffee in gar keine Berührung mit irgend einem Metall kommt. Auf der Lehmfläche des Ofens wird er geröstet, dann nicht gemahlen, sondern zwischen zwei Steinen zerrieben, in einem Tongefäß aufbewahrt und auch gekocht. Nur auf diese Weise erhält sich sein Aroma ganz rein. Gekocht wird ein Extrakt von männermordender Stärke. Er wird kalt serviert und ein Spitzglas davon in der Tasse mit heißem Wasser verdünnt. Das Resultat ist ein Getränk, gegen das Nektar und Ambrosia Spülwasser gewesen sein muß. Ehrgeizige Hausfrauen mögen das Rezept ausprobieren.

Mit Indianern, die vermittelst ihrer säbelartigen »machetos« den Weg durchschlugen, drangen wir in den Urwald ein, um den Chinabaum zu finden, dessen Rinde hier früher ein wichtiger Exportartikel war, bis man sie von anderswo her billiger nach Europa schaffen konnte. Jetzt wird die bittere Rinde nur für den Hausbedarf abgeschält und verarbeitet. Man kämpft damit gegen das Fieber, ohne jedoch radikale Abhilfe schaffen zu können.

Ein weiterer Ausflug führte uns nach den »gomales«, jenem Teil des Urwaldes, in dem der Gummi gewonnen wird, dem die hiesigen Haziendenbesitzer ihren Wohlstand verdanken. In den Wäldern von San Carlos arbeiten mehr als 500 sogenannte »picadores«, Indianer, die täglich zweimal jeder einen Rayon von zirka einem Quadratkilometer abgehen und 100-150 Gummibäume anzapfen. Sie schlagen mit einer spitzen Hacke hinein und befestigen unter der Öffnung ein kleines Blechgefäß, in das der milchige Gummisaft abfließt. Bei der zweiten Runde werden all diese kleinen Becher, von denen an jedem Baum oft zehn bis zwanzig stecken, in einen größeren Eimer entleert. Die weitere Bearbeitung des Gummis besteht darin, daß er über einem schwachen Holzfeuer – im Walde noch – geräuchert wird. Dadurch wird er erstens schwarz und backt sich, zweitens, zusammen. Dann sind die rohen Klumpen zum Export fertig. Die Gummibäume werden hier übrigens nicht gepflanzt, sondern wachsen wild mitten im Urwalde. Die »picadores« müssen sich jeden Tag ihren Weg aufs neue durchschlagen, da die unglaublich schnell wuchernden Schlinggewächse ihn sofort wieder versperren.

Von allen kultivierten Pflanzungen sind, nächst den Bananen, die Kakaoplantagen die schönsten und malerischsten. Der Kakaobaum ist sehr hochstämmig mit einer breiten Blätterkrone, unseren Eichen nicht unähnlich. Im dunkelolivengrünen Laube verstecken sich die Früchte. Eine leuchtend orangegelbe Schale umschließt die bläulichen Bohnen. Das weiße, weichlich-wollige Fleisch, das die Bohnen umhüllt, wird von Liebhabern gegessen, zu denen ich mich jedoch nicht bekennen konnte.

Hin und wieder führte unser Weg durch Reisfelder. Kurzsichtige können ihn für Gerste oder Hafer halten. Er wird auch ebenso abgeerntet. Nur der Drusch bietet ein eigenartiges Bild. Das erste Mal glaubte ich, eine Horde Wahnsinniger, oder Angehörige der Springersekte vor mir zu haben. Doch waren es Indianerweiber, die mit wilden Gesten auf den Reisbüscheln herumtanzten und stampften, und auf diese sehr primitive Weise die Körner aus den Halmen entfernten.

Alle diese Ausflüge wurden nebenbei zum Schmetterlingsfang benutzt. Unser Hauptaugenmerk richtete sich natürlich auf die großen blauschillernden Falter, die in Europa unter Laien unter dem Namen »brasilianischer« bekannt sind. Hier sind sie in drei Sorten vertreten, heller und dunkler gefärbt, mit samtschwarzem beziehungsweise goldbraun gewürfeltem Rande. Im Fluge bilden sie ein bezauberndes Bild, sie schweben so ruhig und aristokratisch daher, als seien sie überzeugt, daß niemand die Dreistigkeit haben könnte, sie zu fangen. Dem Netz, das nach ihnen hascht, weichen sie nicht weiter aus, als unbedingt notwendig ist. Wer beschreibt unsere Freude, als wir eines Tages bei einem Spazierritt unter einem Baum japanischer Paradiesäpfel 40-60 dieser Riesenfalter beisammensitzen sahen. Zum Überfluß schien die ganze Gesellschaft vom Genuß des Fallobstes berauscht zu sein. Sie ließen sich einer nach dem andern ruhig greifen. Wir hatten nicht genug Papiertüten bei uns, um sie alle sorglich zu verpacken.

Die am wenigsten sympathischen Bewohner des Urwaldes sind die Schlangen. Glücklicherweise haben sie vor dem Menschen genau ebensoviel Respekt, wie er vor ihnen, und kneifen beim leisesten Geräusch aus. Ich habe auf meinem Wege keine einzige gesehen. Doch schreckt man unwillkürlich zusammen, wenn man das Laub rascheln hört. Es sind tausende von Eidechsen, die hier eine unwahrscheinliche Größe erreichen. Wie der Blitz huschen sie über den Weg und verschwinden im Moose, man hat kaum Zeit, ihre grünschillernde Schwanzspitze zu sehen. Als wir eines Morgens auf die Veranda traten, prallten wir entsetzt zurück. Im Sande vor dem Hause lag eine enorme Riesenschlange. Erst bei näherem Hinsehen bemerkten wir, daß sie keinen Kopf mehr hatte, obgleich sie sich noch den ganzen Tag ringelte und wand. Ein Indianer hatte das scheußliche Tier nicht weit vom Hause erschlagen. Ihre drei Meter lange, einen halben Meter breite, prächtig blau und grüngolden schimmernde Haut bildet jetzt ein Staatsstück meiner Sammlung.

Von den wilden Tieren des Urwaldes hört man wenig und sieht man gar nichts. Abends tönt ab und zu der Schrei einer Wildkatze aus den Bergen herüber. Alle Jubeljahre einmal stattet ein Leopard seine Visite ab, um dann freilich in einer Nacht eine ganze Schafherde umzubringen, denn er saugt den Tieren nur das Blut aus und läßt die Kadaver liegen.

Tafel 10


Abschalen der China-Rinde

Anzapfen eines »Gummibaumes«

5. MAPIRI UND GUANAY.

Allmählich wurde es Zeit für uns, an die Weiterreise zu denken. Wir beschlossen zunächst nach Mapiri zu gehen und von dort aus flußabwärts bis Guanay zu fahren.

Eine Tagereise lag vor uns, als wir uns am Morgen des 17. April auf den Weg machten. Der liebenswürdige »gerente« von San Carlos gab uns das Geleit. Da wir es der Fiebergefahr wegen vermeiden wollten, in Mapiri zu übernachten, kehrten wir unterwegs in San Antonio, der Hazienda eines bolivianischen Senators, ein. Wir wurden aufs freundlichste aufgenommen und beherbergt. Die Annehmlichkeit des Aufenthaltes wurde nur dadurch geschmälert, daß wir veranlaßt wurden, nach hiesiger Sitte, unsere Bekanntschaft mit den Administratoren der Hazienda bis zur Bewußtlosigkeit – nicht im buchstäblichen Sinne des Wortes – mit Cocktails aus Zuckerrohrschnaps zu begießen.

Am nächsten Tage hatten wir nur zwei Stunden bis Mapiri zu reiten, einen wunderschönen Weg, die malerisch bewaldeten Bergabhänge hinunter. Wenn nur die Hitze nicht gewesen wäre, die mit jedem Schritt abwärts unerträglicher wurde. Wir hatten gedacht, in Mapiri ein stattliches Städtchen vorzufinden, da es der Hauptschlüssel zum ganzen Beni-Gebiete ist, von dem aus enorme Gummi- und Kaffeetransporte an die Küste befördert werden. Statt dessen fanden wir ein elendes Nest vor, nicht größer als eine der Haziendas, die wir verlassen hatten. Der ganze Ort hat knapp hundert Einwohner, und auch die werden, so schien es uns, nicht lange mehr leben. Alle bis auf den letzten Mann sind schwer fieberkrank. Sie sehen entsetzlich aus, diese wandelnden Leichen, gelb, vertrocknet, hager mit glanzlosen Augen und erloschenem Blick. Den traurigsten Eindruck machten die Kinder mit ihren schlaffen Körpern, dünnen Armen und Beinen und greisenhaft ernsthaftem Aussehen.

Mapiri besteht aus einer Straße, die mit flachen fensterlosen Häusern – den schon beschriebenen Bambuskäfigen – eingefaßt ist. Auf dieser Straße wuchert Unkraut, Nesseln und haushohe Disteln. Dazwischen spazieren Schweine umher und fressen die überall herumliegenden Bananenschalen. Hin und wieder sieht man ein Maultier oder einen Esel den Kopf unter dem glühenden Sonnenbrande senken. Vor einer Haustür spielt ein Indianerbube mit einem grauen langgeschwänzten Affen. Die Einwohnerschaft ist merkwürdig international. Man muß schon ein ganz verzweifelter Patron sein, um sich in diesem Fieberneste anzusiedeln. Wir trafen einen Dalmatiner dort, Chinesen und zwei Türken, deren einer durchaus seine Flinte und seine Frau verkaufen wollte. Für die Flinte fand er auch bald einen Abnehmer. Die Frau war zu teuer.

Sehr bald erfuhren wir, daß unser Plan, gleich weiter zu fahren, unausführbar sei. Es würde zwei Tage dauern, ein Boot für uns instand zu setzen. Wir wappneten uns also mit Resignation, verdoppelten und verdreifachten die Chininrationen und gingen – Schmetterlinge fangen. Hier wurde ein wunderschöner, samtgrüner, goldgemusterter Falter mit zierlichen Frackschößen das Ziel unserer Sehnsucht. Dieser »Grüne« hat uns nachher noch viel Sorgen und Aufregung gekostet, viel Anlaß zu Spott, Hohn und gegenseitigen Eifersüchteleien gegeben, kurz, unsere schlechten Instinkte entfesselt.

Unser Nachtquartier schlugen wir im Hause eines Holländers auf, eines verbitterten, fieberkranken Krüppels ohne Beine. Er besaß einen Kramladen und fuhr unwirsch auf einem vierrädrigen Holzkarren, den er sein »Automobil« nannte, hinter dem Ladentisch her und hin, wenn er sich nicht mühselig sitzend, durch den Staub schleppte. Das ganze Milieu – ein Cauchemar!

Wenigstens gab es auch hier Münchener Bier. Löwenbräu! Lauwarm freilich, Kostenpunkt zirka 6 Mark die Flasche, aber immerhin ein Labsal bei der Tropenglut. Und da weiter unten im reichen Beni-Gebiet, wie wir wußten, 10-15 Mark für die Flasche bezahlt wird, mußten wir es hier sogar billig finden.

Als wir uns abends auf unsere Feldbetten gelegt hatten und noch darüber nachdachten, wie wir uns am besten gegen die Moskitos, die Hauptträger der Infektion, schützen sollten, drangen plötzlich Laute an mein Ohr. Ich horchte hin, – kein Zweifel, das mußte eine Art Musik sein. Wenn man eine Liebhaberei hat, so läuft man ihr nach, egal, ob das auf dem Nordpol oder in den Tropen ist. Ich sprang natürlich auf und trat vor die Tür. Wundervoller Mondschein überflutet Mapiri. Selbst dieses elende Nest sieht im taghellen Silberschimmer des Tropenmondes ordentlich poetisch aus. Ich lausche, kein Zweifel, es ist irgend eine Musik zu hören, ganz deutlich lassen sich die Schläge einer großen Pauke unterscheiden. Ich werfe die notwendigsten Kleidungsstücke über und gehe den Tönen nach. Sie werden immer deutlicher, Flöten und Pfeifen sind dabei. Die ganze Sache klingt höchst sonderbar. Man wird nicht recht klug daraus, zehn Minuten vor der »Stadt« gelange ich auf eine Wiese.

Dort bietet sich mir folgendes Bild dar: mitten auf der Wiese, vom Mondlicht hell beschienen, stehen zirka fünfzehn Indianer in engem Kreise und blasen auf Tod und Leben in ihre Panspfeifen und langen Flöten hinein. Einer schlägt auf einer riesigen Trommel. Der Kerl hat Rhythmus! Sämtliche Musikanten bewegen die Oberkörper gleichmäßig im Takt. Es stellt sich heraus, daß eine »Probe« abgehalten wird zu einem Feste, das nach zwei Monaten stattfinden sollte. Ja, die Musik ist eine schwere Kunst, zumal das Orchesterspiel. Schon wollte ich fragen, ob sie nicht einen Dirigenten brauchen.

Ich setzte mich ins Gras zu einer kleinen Gruppe anderer Musikliebhaber, und endlich gelang es mir doch, mich einigermaßen in dem Chaos von Tönen zurechtzufinden. Zwei Indianer bliesen eine Melodie, wobei sie sich nach Art der alten russischen Hornmusikanten ablösten, d. h. wenn einem auf seiner Flöte ein Ton fehlte, so blies ihn der andere. Die Schnelligkeit, mit der diese Ablösung geschah, war bewundernswert. Das ist gar nicht einfach. Es kostete meinem Reisekameraden und mir heißes Bemühen, uns nachher in dieser Weise den Donau-Walzer auf zwei indianischen Panspfeifen einzustudieren. Doch das nur nebenbei. Die übrigen zehn oder zwölf Musikanten bliesen zu dieser Melodie die abenteuerlichsten Kontrapunkte, dank denen mitunter ganz merkwürdige Harmonien entstanden. Es gelang mir, im Laufe der Probe, drei Melodien nachzuschreiben. Eine davon gefällt mir mit jedem Tage besser. Ich werde sie in Europa als symphonisches Thema feilbieten.

Als ich tiefbefriedigt von diesem musikalischen Genusse heimkehrte, empfing mich in unserem Bambuskäfig eine höchst aufregende Szene. Auf einer leeren Bierflasche schwankte ein Licht, meine sämtlichen drei Gefährten mit Stöcken und Schmetterlingsnetzen bewaffnet jagten irgend einem Phantome an der Wand nach. Endlich erblickte auch ich es – eine Vogelspinne. Die scheußlichste Kreatur, die ich je in meinem Leben gesehen habe, faustgroß mit zahllosen behaarten Beinen und zwei langen krummen Zähnen am glatten Bauch, in dem wahrscheinlich schon mancher schöne Singvogel verdaut worden war. Ihr Biß ist absolut tödlich. Der tapfere Assessor erlegte sie nach langer Jagd mit einem wohlgezielten Hieb. Das Abenteuer ließ uns lange nicht schlafen, man glaubte immer wieder, die langen haarigen Beine solch eines Scheusals auf der eignen Stirn oder Hand zu spüren. Endlich begannen die Sinne sich doch zu verwirren. Die Moskitos schienen die schöne Indianer-Melodie zu summen ... Außerdem stachen sie leider auch!


Aus meinem Tagebuche. 20. April. Am Morgen um 7 Uhr stiegen wir zum Fluß hinab, um uns einzuschiffen. Unser Boot wartete schon. Es trägt den stolzen Namen »Orion« mit schwarzen Lettern an seinem grauschmutzigen Bug. Wir kommen nicht weg. Es geht hier alles nicht so schnell, obzwar die »Mannschaft« ums Boot herumwimmelt und unendlich geschäftig tut. Es sind sieben indianische Jünglinge in weißen Hemden und Hosen, barhäuptig und barfüßig. Man nennt sie »balzeros«, auch wenn sie nicht auf einer Balza fahren. Es dauert eine Ewigkeit, bis unser Gepäck verstaut ist. Die notwendigsten Sachen sind natürlich ganz nach unten geraten. Nur die überflüssigen sind zur Hand. Auch haben wir Ladung. Kaffeesäcke. Das steht eigentlich nicht im Kontrakt. Erst um 9 Uhr geht die Fahrt los. Uns zu Häupten kreist sehr niedrig ein Aasgeier. Die Flinte ist unter Kaffeesäcken begraben. Ich schieße mit dem Revolver nach ihm. Natürlich vorbei.

Mit langen Stangen wird das Boot bis in die Mitte gestakt. Nun gehts flußabwärts. Heidi! ist das ein Tempo!

Die Balzeros sitzen alle sieben auf dem Bootsrande, baumeln mit den Beinen im Wasser und lenken mit kurzen Rudern. Ein Steuer gibt es nicht.

Das Boot fliegt vorwärts mit dem Strom. Oft scheint es direkt gegen die Felswände des Ufers zu sausen, wendet sich seitwärts, dreht sich ganz um. Man wird schwindlich, macht seine Rechnung mit Gott und der Welt. An dieser Felsenkante müssen wir zerschellen. Nein. Im eleganten Bogen lenken die Balzeros herum. Sie sind doch vertrauenswürdiger als sie aussehen. Sie kennen den Fluß, der nur aus Stromschnellen zu bestehen scheint, wie ihre fünf Finger. Allmählich gewöhnen wir uns an die rasende Geschwindigkeit. Liegen wie Bratheringe auf den Kaffeesäcken in der Sonne.

Das Frühstück besteht aus Konservenwurst und corned-beef. Wir essen aus der Hand. Aus der eigenen natürlich. Die linke Handfläche dient als Teller, die Finger der rechten – als Gabel. Der Frühstückskorb ist mit der Flinte in den tiefsten Gründen des Bootes verloren gegangen.

Die Ufer des Mapiri-Flusses sind malerisch, aber einförmig, sie ziehen sich auf beiden Seiten ziemlich hoch hinauf. Viel Fächerpalmen. Schmetterlinge fliegen ums Boot, setzen sich auf die blendend weißen Hemden der Balzeros, die sie augenscheinlich für duftiger halten als sie sind.

Ein »Grüner« setzt sich W. auf den Rücken, Sch. bemerkt ihn, L. fängt ihn, ich töte ihn, als einziger Besitzer eines Ätherflakons, jeder beansprucht das Eigentumsrecht. Die Geschichte von den zwei Knaben mit der Nuß in komplizierterer Lesart!

Gegen 5 Uhr langten wir auf der Hazienda von Don Carlos S. gegenüber Guanay an. Wir haben 120 Kilometer in 8 Stunden zurückgelegt ohne einen Ruderschlag zu tun. Vorläufig hat die Bootsfahrt ein Ende. Schade darum. Eine kleine vertrocknete Frau mit großen Fieberaugen und einem fieberkranken Kinde auf dem Arme empfängt uns. Ihr Mann – der »gerente« – ist in den Gommales.

Wir bekamen Tee, welch ein Labsal, amüsierten uns mit einem kleinen grünen Papagei, der in Freiheit dressiert auf Tisch und Stühlen herumspringt.

Uns werden zwei Kammern des Bambuskäfigs, ähnlich denen in Mapiri, angewiesen. Gestampfter Lehmboden. Die Wände sehr durchsichtig. Wir sehen uns nach Spinnen um, finden auch einige, aber harmlose.

Als es dunkel wurde, kam der »gerente« heim. Ein Italiener mit langem roten Rübezahlbart. Das Mittagessen sehr bolivianisch. Altes Fleisch – Stiefelsohlen! Auch hier keine frische Milch. Die gräßlichen Blechbüchsen mit »condensed milk«, die wir schon seit La Paz nicht mehr sehen können und dennoch täglich sehen müssen. Konservenbutter.

Von 8 Uhr an göttlicher Mondschein. Es wird fast taghell. Wunderschön sind die Silhouetten der hohen Palmen, die sich am silbernen Himmel scharf und deutlich abzeichnen. Wir sitzen stundenlang auf dem freien Platz vor dem Hause in Liegestühlen. Trinken die unvermeidlichen Cocktails, die hier übrigens besser sind, und hören aus dem Hause ein wirklich vorzügliches – Grammophon. Fast den ganzen »Faust« mit Geraldine Farrar und Caruso, auch die Tettrazini, Melba, Sembrich, Titto Ruffo, Tamagno. Plötzlich tönen russische Laute an unser Ohr, eine Arie aus »Romeo und Juliette«. Wir fahren auf – Sobinow! Erraten! Ein ganz klein wenig patriotischer Stolz regte sich doch in uns.


Drei Tage genossen wir die Gastfreundschaft des im Beni-Gebiet abwesenden Don Carlos S., auf seiner Hazienda. Die Tage vergehen in den Tropen schneller als anderwo, weil um 6 Uhr mit unerbittlicher Regelmäßigkeit die Nacht anbricht. Wir vertrieben uns die Zeit mit Jagd und Schmetterlingsfang.

Täglich fuhren wir nach Guanay hinüber, das sich eigentlich in nichts von Mapiri unterscheidet. Die Flußüberfahrt ist jedesmal wegen der Stromschnellen ein aufregendes Unternehmen. Es wird dazu eine »Balza« benutzt, ein kleines Floß mit aufwärts gebogenem Schnabel, in der Mitte ein Sitz aus gespaltenem Schilfrohr, der sehr wenig dauerhaft aussieht und es wahrscheinlich auch nicht ist. Zwei Balzeros, die jetzt ihren Namen mit Recht tragen, lenken das Fahrzeug vermittels eines langen Bambusstabes und eines kurzen Ruders. Man muß ein tüchtiges Stück aufwärts fahren und läßt sich dann vom Strom auf die andere Seite reißen. Das Anlegen ist ein Kunststück, das nicht jeder fertig bringt. Man kommt fast nie an der Stelle an Land, die man bei der Abfahrt in Aussicht genommen hat.

Unterhalb Guanays mündet der Goldfluß Tipuani in den Mapiri. Wir wanderten täglich dorthin, um ein Bad in dem wunderbar kühlen, krystallklaren Wasser des Tipuani zu nehmen. Die schmutzigen graugelben Fluten des Mapiri sind wenig einladend zum Baden.


In Guanay lernten wir einen Deutschen, einen Mann mit einem merkwürdigen Schicksal kennen, in dessen Hause wir manche Stunde verplauderten. In Europa als angesehener Fabrikdirektor ohne eigenes Verschulden in Bankrott geraten, war er vor einigen Jahren ohne einen Pfennig in der Tasche in Buenos Aires angelangt. Die Anden überschritt er, indem er sich als Maurer, Anstreicher und Eisenbahnarbeiter den Lebensunterhalt verdiente. In Chile gelang es ihm eine kleine kaufmännische Stellung zu finden, von dort wurde er, als man seine frühere Spezialität erfuhr, mit sehr hohem Gehalt als Direktor an eine Fabrik berufen. Dort gab er entgegen den eigenen Interessen, der Administration den Rat, den Betrieb einzustellen, schnürte wieder sein Bündel und ging von Abenteuerlust ergriffen, auf die Wanderschaft – präziser ausgedrückt – Gold suchen. Da er keins fand und seine Ersparnisse aufgebraucht waren, strandete er in Guanay. Ein echt amerikanisches Lebensschicksal. In der Regel hat ja jeder Mensch nichtamerikanischer Nationalität, den man in Amerika trifft, was zu erzählen, und meistens Interessantes. Der Deutsche, dessen Lebenslauf ich eben kurz skizziert habe, war übrigens ein überaus feiner Kopf, hochgebildet, von großer Energie und mit scharfer Beobachtungsgabe ausgerüstet. Ich glaube an die Zukunft solch eines Menschen, trotz seiner Abenteuerlust und Phantasterei.

Wenn wir auf den merkwürdigsten Sitzgelegenheiten in seiner mit allerhand undefinierbarem Kram angefüllten Stube herumsaßen, und eine köstliche Limonade aus selbstgepflückten Zitronen tranken, erfuhren wir mancherlei Interessantes über das tropische Bolivien aus seinem Munde.

Hier ist das Land, wo starke und rücksichtslose Naturen am vollkommensten zum Genuß ihrer persönlichen Freiheit gelangen. Der Kampf ums Dasein wird mit Waffen geführt, die wir im zivilisierten Europa nicht kennen. Das einzige Recht, das Anspruch auf Geltung hat, ist das Faustrecht, moralisch und physisch. Eine andere Gerichtsbarkeit existiert nur dem Namen nach.

Dort nicht weit am Fluß, z. B., sitzt ein Mann auf einer Hazienda, die ihm nicht gehört. In einem langwierigen Prozeß hat man ihm in La Paz schon vor sechs Jahren das Eigentumsrecht abgesprochen. Dennoch geht er nicht hinaus, sondern exploitiert die Reichtümer der Hazienda ruhig weiter. Was soll man mit dem Manne machen? Eines schönen Tages erschienen zwanzig Polizisten, um ihn zu verhaften oder zu vertreiben. Er ließ es darauf ankommen und setzte sich mit seiner treuen Dienerschaft zur Wehr. Die Polizisten spielten die Klügeren und gaben nach, da sie in der Minderzahl waren. Nach einigen Runden Cocktails schieden sie als die besten Freunde. Weiter hat der Vorfall keine Folgen gehabt. Man kann doch nicht wegen eines renitenten Haziendenbesitzers ein Regiment Soldaten über die Kordillere schicken.

Mord und Totschlag sind im allgemeinen an der Tagesordnung. Die Indianer, gutmütig so lange sie nüchtern sind, morden in betrunkenem Zustande aus reiner Freude am Totschlag als solchem. Sie sind übrigens feige und greifen ihre Opfer nie von vorne, sondern immer von hinten an. In Guanay und Umgegend leben zahllose notorische Mörder, sie leben unbehelligt, froh und munter, obgleich jedermann sie kennt, denn der einzige Polizist des Städtchens hat natürlich keine Kourage, sie zu verhaften.

Tatsache ist ferner, daß in Guanay es niemand wagt, abends Licht in seinem Hause anzuzünden, um meuchelmörderischen Flintenschüssen der Indianer nicht als Zielscheibe zu dienen. Und diese Zustände gelten als vollkommen normal. Kein Mensch regt sich mehr darüber auf. Der allgemeine Kriegszustand ist Regel. »Homo homini lupus est«. An unseres freundlichen Wirtes Bettpfosten hingen zwei Karabiner und ebenso viele Revolver.

In Guanay hörten wir so viel Interessantes und Anziehendes über das Beni-Gebiet, besonders über die Jagdgelegenheiten dort, daß wir den Plan faßten, von Guanay aus den ganzen Mapiri-Fluß hinunter bis zum Beni, dann diesen abwärts bis zum Amazonenstrom und quer durch Brasilien nach Para im nordöstlichen Winkel Südamerikas zu fahren. Wir konnten den Plan nicht ausführen. Jetzt sind wir ganz froh darüber, denn in La Paz hörten wir nachher, daß die Krankheitsgefahr im Beni-Gebiet mit jedem Schritt, den man ins Innere tut, wächst. Ein deutscher Militärarzt, der vor nicht langer Zeit eine Militärexpedition nach dem Beni geleitet hatte, erzählte uns, daß er von 380 Mann nur 120 zurückgebracht hatte. Alle übrigen waren an Beri-Beri und verschiedenen Fieberformen, darunter auch dem gelben Fieber, zugrunde gegangen. Unser Vorhaben scheiterte an dem Umstande, daß es sich als unmöglich herausstellte, Geld von La Paz oder Sorata nach Guanay zu bekommen. Eine regelmäßige Postverbindung existiert dort überhaupt nicht. Die Post nach Mapiri und Guanay wird abgesandt, wenn sich genug angesammelt hat, um einen Indio damit zu beladen. Das kann einmal wöchentlich oder auch nur einmal monatlich sein. Wir saßen gerade in Guanay vor dem Hause unseres deutschen Freundes als der Postbote erschien. Er brach buchstäblich vor der Türe zusammen. Sechs Tage war er von Sorata bis Guanay gelaufen und schien schon so wie so nicht sehr kapitelfest zu sein – ein alter knickebeiniger Indianergreis. Geld kann man dem natürlich nicht anvertrauen. Wir hätten das wissen sollen, denn wir selbst wurden in jenen Gegenden als Geldbriefträger benutzt, mußten eine ziemlich große Summe von La Paz nach Sorata und ebensolcheine von Guanay nach Mapiri bringen. Das einzige Geld übrigens, das hier unten, besonders von den Indianern akzeptiert wird, ist Silber und allenfalls Ein-Boliviano-Scheine, größere Banknoten werden nicht gewechselt. Mit einem Fünf-Boliviano-Schein kann man schon ähnliches erleben, wie der Mann mit der Millionenpfund-Note bei Mark Twain.

Kurz, wir mußten uns entschließen, denselben Weg zurückzugehen, den wir gekommen waren, da man einen anderen Weg, durch das Tal des Tipuani-Flusses, als absolut unpassierbar bezeichnete. So wurde denn der »Orion« wieder instand gesetzt, und die nötige Zahl Balzeros – dieses Mal zehn – angeworben.

Am Morgen des 24. April waren wir reisefertig, kamen jedoch nicht zur Zeit weg, denn als wir im Begriff waren, unser Boot zu besteigen, ertönte ein Freudengeschrei am Ufer des Flusses: Don Carlos S. kehrte vom Beni heim. Bei der Biegung des Mapiri unterhalb Guanay zeigte sich sein Boot. Langsam schob es sich längs dem Ufer herauf. Zwanzig Balzeros purzelten übereinander, um es schneller vorwärts zu bekommen.

Diese Heimkehr war ein stolzer Anblick. Auf dem Mast des Bootes wehte die grün-gelb-weiße bolivianische Flagge, hoch auf dem Sonnendach hockte ein mitgebrachter prächtiger, grauschwarzer Affe. Vorne am Bug auf einer Ladung mächtiger Gummiballen stand Don Carlos S., der reine Lohengrin, eine Hünenfigur mit kurzverschnittenem, blonden Bart, der wie ein Heiligenschein das schwarzbraun gebrannte Gesicht umgab. Vier Monate war der Hausherr abwesend gewesen. Seine Frau begrüßte der blonde Riese mit einem Händedruck. Doch beider Augen leuchteten. Das ganze Personal der Hazienda überbot sich in Freudenäußerungen bei der Begrüßung. Da konnten wir nicht zurückstehen. Ein Trunk Löwenbräu besiegelte unsere Bekanntschaft. Dazu hörten wir allerlei interessante Geschichten über das Beni-Gebiet, Tapirjagden, Affenfang und ähnliches.

Die Fahrt des Bootes flußaufwärts, die wir ein Stückchen mit angesehen hatten, gab uns einen Begriff davon, was uns bevorstand. Tatsächlich brauchten wir für die Strecke, die wir in 8 Stunden abwärts gesaust waren, bei der Rückfahrt nicht mehr und nicht weniger, als genau sechs Mal 24 Stunden.

Die Zeit drängte, wir mußten aufbrechen, wenn wir überhaupt noch wegkommen wollten. Gegen Mittag schieden wir mit kräftigem Händedruck von Don Carlos S. und seinen Leuten, die uns so freundliche Gastfreundschaft gewährt hatten.


Aus meinem Tagebuch. 24. April. Da sind wir wieder an Bord des »Orion«. Das ganze Boot ist vollgepackt mit unseren Sachen. Es scheinen immer mehr zu werden. Um 12¼ stoßen wir ab. Aus Guanay winkt man uns Abschiedsgrüße zu. Die Fahrt stromaufwärts scheint wenig erheiternd zu werden. Das Boot ruckt, schwankt, stößt, kratzt auf den Steinen. Wir fahren mit vier Balzeros ab, die übrigen sammeln wir langsam am Ufer aus ihren Häusern auf, reißen sie, beziehungsweise, aus den Armen ihrer liebenden Gattinnen. Jeder bringt eine Bastmatte und ein Bündel Proviant mit. Vier Nächte am Ufer des Flusses ist das Wenigste, was man uns in Aussicht gestellt hat.

Die Technik des Balzeros ist höchst mannigfaltig. Bald werden wir an langen, grauen Bindfäden gezogen, bald gestakt mit langen Bambusstäben, bald gerudert, bald geschoben. Zuweilen dreht sich das Boot um und fährt trotz aller Bemühungen abwärts. Das passiert jedesmal, wenn wir das andere Ufer mit der geringeren Stromschnelligkeit gewinnen wollen. Die Balzeros sind oft bis an die Brust im Wasser. Sie springen wie die Ratten aus dem Boot und wieder hinein. Dabei bekommen wir jedesmal eine Douche. Mit affenartiger Geschwindigkeit wechseln die Burschen ihr Handwerkszeug. Das ist für uns mit Lebensgefahr verbunden. Die Ruder fliegen uns um die Köpfe, die Stricke schlingen sich um unsere Beine, nächstens werden wir an den langen Stecken aufgespießt.

Um 2 Uhr machen wir eine Pause. Holen den Anführer unserer Balzeros ab. Wir müssen in seiner Hütte einkehren. Sie liegt höchst malerisch, von Bananenstauden umgeben, dicht am Wasser. Seine Frau, ein hübsches, aber nicht ganz sauberes Indianerweib kredenzte uns »Chicha«, das nationale Indianergetränk. Wir mußten es trinken, nicht ohne heimliches Grausen. Eine Absage wäre eine tödliche Beleidigung gewesen. Es schmeckt gräßlich, besonders wenn man die Zubereitungsart kennt. Der Hauptbestandteil ist gekauter – jawohl gekauter – Mais! Die Indianer sehen dort im Mapiri-Gebiete alle aus als ob sie die fürchterlichsten Zahngeschwüre hätten. Jeder trägt einen Ballen Mais in der Backentasche, an dem er herumkaut. Abends wird der ganze Vorrat, den die Familie tagsüber gekaut hat, zusammengeschüttet, mit Wasser und etwas Schafsmilch versetzt und zum Gären gebracht. Das ist »Chicha«. Guten Appetit!

Unser Balzero hat auch eine Schnapsdestillation, die er uns voller Stolz zeigte. Sie besteht aus einem Lehmofen und zwei Schweinetrögen. Das ist der ganze Apparat, den ein Weib bedient. Auf welche Weise darin aus Zuckerrohr zwanziggrädiger Spiritus gewonnen wird, bleibt rätselhaft. Wir nehmen einige Flaschen für unsere Jungens mit. Hoffentlich betrinken sie sich nicht gleich von vorneherein.

Kurz vor sechs Uhr legen wir an einer steinigen Uferstelle an. In der Dunkelheit ist man auf dem Fluß vollständig verloren. Die Balzeros bauen aus hohen Palmenschäften zwei Dreiecke auf, die durch eine Stange verbunden werden. Darüber wird ein Segeltuch gehängt – unser Zelt ist fertig. Die vier Betten haben genau Platz darin!

Wir sammeln Holz am Ufer und am Waldesrande. Sch. ist unser vereidigter Feuerwerker. Er bringt ein prächtiges Feuer zustande. Assessor W. kocht. Er hat seinen Beruf verfehlt. Menü: Rumford-Suppe (irgend jemand behauptet, daß sie so heißt, weil man immer mit dem Löffel drin »rumfohrt«), corned-beef mit jungen Erbsen. Dann Tee, Tee in unendlichsten Quantitäten. Zum Tee hatten wir noch einen Kessel reinen Wassers mit. Die Suppe wurde aus dem gelbschmutzigen sandigen Mapiriwasser gekocht. Die schüchternen Versuche, das Wasser durch ein Taschentuch zu filtrieren, verliefen ziemlich ergebnislos. Mit viel List und Tücke wurden die Moskitonetze aufgehängt. Um 9 Uhr steckten wir in den Schlafsäcken.

25. April. Um 5 Uhr heraus. Fast gar nicht geschlafen. Erstens der Mondschein; zweitens – die Ameisen! Scheußliche Bestien! Es gibt hier von allen Größen welche. Sie krabbeln an den Bettpfosten herauf unter das Netz. Keine Hilfe.

Vor dem Frühstück ein herrliches Bad in einem Gebirgsbach, der in den Mapiri mündet.

Das Boot liegt voller Bananen und süßer Zitronen, die uns die Balzeros gebracht haben. Einer behauptet eben, sich ein Bein verstaucht zu haben. Ich glaube, er ist einfach faul und simuliert. Jetzt sitzt er mit einem Gesicht, als wäre seine ganze Verwandtschaft gestorben, auf dem Deck des Bootes.

Es geht kaum vorwärts, jeder Zentimeter des Stromes muß förmlich erobert werden. Die übrigen sieben Jungens arbeiten großartig. Ratsch! Da sind die Näßlinge wieder im Boot.

Abends dasselbe Bild wie gestern. Erbswurstsuppe. Auch der Tee aus schmutzigem Wasser. Er schmeckt aber doch. Nach dem Essen machten wir das Feuer hoch und blieben bei einer Flasche Portwein lange wach. Am gegenüberliegenden Ufer eine Million Leuchtkäfer. Um unser Zelt ein betäubendes Konzert von Grillen und anderem Nachtgetier.

26. April. Dank einer wahrhaft genial erdachten Konstruktion meines Moskitonetzes hatte ich diese Nacht auch vor Ameisen Ruhe. Die anderen sind recht verbeult. Die Balzeros haben uns heute ein tadelloses Sonnendach aus ihren Matten errichtet. Wir liegen uns zuzweit gegenüber. Sch. schnitzt sich einen Bambusstock. W. erzählt Soldatengeschichten, L. repariert ein Schmetterlingsnetz. Sonst das übliche Bild: sechs Balzeros im Wasser, ziehend, schiebend, stoßend, einer mit einem langen Staken vorne am Bug, einer (der mit dem kranken Bein) sauer und böse am Heck. Es ist unglaublich heiß. Wir zerfließen buchstäblich.

Hopp! Da sind Sch. und W. auch schon im Wasser.

Am Nachmittag kamen wir an einer frischen Quelle vorüber und versorgten uns mit Trinkwasser. Während der Frühstückspause machten wir Versuche, vermittelst Dynamitpatronen Fische zu fangen. Die Patronen explodierten zwar, aber meist erst dann, wenn die Fische, denen sie galten, schon 3 Kilometer flußabwärts waren.

An einer Insel versprach mir der Anführer der Balzeros eine Jagd auf Bergpfauen. Wir stiegen eine Stunde lang im Dickicht der Insel umher. Wer nicht da waren, waren die Bergpfauen. Dafür gelbe Papageien, und einige wilde Tauben, – die ganze Beute.

Abends machte Sch. ein wahres Höllenfeuer an. Die Landschaft ist entzückend. Eine stille Bucht. Fächerpalmen und eine Art Trauerweide, deren Zweige weit übers Wasser hinaushängen, das vom Wiederschein des Feuers blutig rot gefärbt ist. Soeben eröffnete uns der Balzero-General, daß wir noch mindestens drei Tage bis Mapiri haben. Nicht alle sind zufrieden damit. Mir ist es recht. Diese herrlichen Abende am Flußufer sind mit gar nichts zu vergleichen, man kann nicht genug davon erleben. Eine höchst romantische Lederstrumpf-Stimmung. W. übt Keulenschwingen mit glühenden Bambusstäben am Waldesrande. Die funkelnden Kreise auf der schwarzen Laubwand sehen großartig phantastisch aus.

Tafel 11


Eine »Balza« auf dem Mapiri

Unser Wohnhaus in Guanay

Tafel 12


Stromaufwärts

Die »Stadt« Mapiri

6. DIE RÜCKKEHR.

In derselben Tonart klingt mein Tagebuch weiter. Besondere Erlebnisse hatten wir keine. Wir genossen das Leben auf, in und an dem Flusse. In Mapiri langten wir am 1. Mai um die Mittagsstunde an. Wir fanden das ganze Bild unverändert, auch unseren holländischen Freund ohne Beine. W. und ich machten uns sofort zu Fuß nach San Carlos auf, da wir unsere Maultiere nicht vorfanden. Unterwegs erlegte ich einen Kondor, was ich schon, nicht ohne Stolz, erzählt habe. Im übrigen war die achtstündige Wanderung eine Qual. Wir hatten die Sonnenglut und die große Steigung, die es zu überwinden galt, nicht in Betracht gezogen, als wir uns nach dem langen Sitzen im Boot, »die Füße ein wenig vertreten« wollten. Außerdem hatten wir die Zeit falsch berechnet und mußten die letzte Wegstrecke von ½7 bis 8 in absoluter Finsternis durch den Urwald tappen.

Erst am Abend des nächsten Tages langten unsere Gefährten mit dem Gepäck an. Wir gönnten uns zwei Ruhetage in San Carlos. Dann mußten wir wohl oder übel daran denken, wieder über die Kordillere nach Hause, d. h. nach La Paz, zu steigen.

Die Zeit drängte insofern, als die Jahreszeit vorrückte. Der erste Wintermonat stand vor der Tür. Von Juni an ist der Yachazani-Paß überhaupt nicht mehr zu überschreiten.

Ungern, sehr ungern schieden wir von San Carlos, seinen liebenswürdigen Bewohnern und – den Schmetterlingen, die nun wieder Ruhe haben sollten.

Unser braver Don Botello war mit dem langen Aufenthalte, den wir in dem tropischen Gebiete gehabt hatten, sehr unzufrieden. Seine Maultiere, gewöhnt an die Höhenluft, vertrugen das Klima nicht und wurden von Tag zu Tag magerer und matter, obgleich sie ein faules Leben, herrlich und in Freuden, auf den saftigen Weideplätzen der Hazienda, führten. Mit einigem Bangen sahen wir die dürren Gestelle an, als sie uns am Morgen des 2. Mai vorgeführt wurden. Als wir uns aufsetzten, fürchteten wir, daß sie in die Knie brechen würden. Doch konnten wir uns keine Tierschutzverein-Sentimentalitäten erlauben. Die Kordillere mußte überschritten werden und zwar sofort und ohne Aufenthalt, das weitere Schicksal der Maultiere durfte uns nicht interessieren.

Die Befürchtung, daß der Weg, den wir ja schon kannten, auf der Rückreise langweilig erscheinen würde, bestätigte sich nicht. Im Gegenteil, die Rückreise wurde kurzweiliger und unterhaltender, als wir voraussetzen konnten, meistenteils freilich in einem Sinne, der uns nicht recht lieb war.

So mußten wir, z. B. am zweiten Tage schon um 5 Uhr morgens aus den Schlafsäcken kriechen: der »Amargurani«-Aufstieg lag vor uns. Hatten wir auf der Hinreise den Weg reichlich schlecht gefunden, so war uns der Name »Amargurani« doch etwas übertrieben erschienen, wenigstens im Vergleich zu anderen Wegstrecken, die reichlich ebenso »bitter« waren. Aber damals waren wir abwärts gestiegen. Außerdem milderten die wunderbaren ersten Eindrücke der einsetzenden tropischen Vegetation die Beschwerlichkeiten sehr erheblich. Man war viel zu beschäftigt mit allen Details des eigenartigen, für uns durchaus neuen landschaftlichen Bildes, um viel auf die Schwierigkeiten des Abstieges zu achten. Jetzt galt es, dieselbe Strecke hinaufzuklettern. Die Tropenpracht der Wälder war durch das im Mapiri-Gebiete Gesehene weit übertroffen worden, reizte das Interesse infolgedessen längst nicht im früheren Maße. Außerdem war der Weg durch die inzwischen niedergegangenen Regengüsse stellenweise buchstäblich grundlos geworden. Von Reiten war keine Rede. Vierzehn Stunden sind wir von Lorenzo Pata bis Tola Pampa hinaufgekeucht. Obgleich wir um 4 Uhr morgens aufbrachen, durfte keine Minute verloren werden, wenn wir nicht vor dem Ziel von der Dunkelheit überrascht werden wollten.

Die Witterungsverhältnisse dabei waren folgende: wir ritten in rabenschwarzer Nacht aus, die Don Botello vergebens mit einem Lichtstümpfchen zu erleuchten bemüht war. Man sah nicht die Ohren des eigenen Maultieres vor sich. Nach einer Viertelstunde ging ein Wolkenbruch auf uns nieder, wie ich ihn selbst in den Tropen noch nicht erlebt hatte. Im Nu war kein trockener Faden mehr an Roß und Reiter. Gleichzeitig brach ein Gewitter von unglaublicher Heftigkeit los. Nach jedem Schlag kniff man sich ins Bein, um sich zu vergewissern, daß man nicht verkohlt war. Für Sekunden erleuchteten die Blitze den Weg, der dann gleich darauf in dreifach verdichtete Finsternis getaucht war. Die zwei Stunden bis zum Sonnenaufgange dauerten eine Ewigkeit. Wir waren gerade am Fuße des Hauptanstieges angelangt. Das Gewitter verzog sich. Dafür begann mit dem Sonnenaufgange die Tropenglut. Als unliebsame Begleiter stiegen mit uns dicke weiße Nebeldämpfe aus dem Tal in die Höhe. Im Gebiete der Vegetationsgrenze verdichteten sie sich zu einer feuchten, undurchdringlich scheinenden Wand. Amagurani! Jetzt konnten wir die »Bitternis« Schritt für Schritt schmecken. Als wir in dem schon geschilderten »Grand Hotel« Tola Pampa anlangten, fielen wir gleich toten Ratten auf unsere Betten und hatten das Gefühl, als müßten wir die sich lockernden Muskeln mit Bindfaden an die Knochen binden.

Der Nebel verließ uns in der Höhe nicht mehr. Der beginnende Winter machte sich geltend. Das wurde uns bald noch überzeugender zum Bewußtsein gebracht. Von Injenio, dem alten Inka-Dorfe, das dieses Mal einen noch rauheren, phantastischeren Eindruck machte, begann der Aufstieg zum Yachazani-Paß. Nach drei Stunden trafen wir die ersten Spuren frisch gefallenen Schnees. Der feine Regen, in dem wir ausgeritten waren, verdichtete sich zu einem regelrechten Schneegestöber.

Der Eindruck, den die Kordillere bei solch einem Wetter macht, ist der einer fast beängstigenden, rauhen und schroffen Wildheit. Es war hundekalt. Weder Sweater noch Poncho, noch Lederjacke boten genügend Schutz gegen Frost, Wind und Schnee. Dabei das erbarmungslos langsame Begräbnistempo, in dem die Mulas den verschneiten Weg hinankrochen! Der schneidende Wind raubte ihnen augenscheinlich den letzten Rest von Atem, den sie noch hatten. Man glaubte jeden Augenblick, daß einem die Füße abfrieren würden. Absteigen war nicht ratsam, denn man hätte bis an die halben Waden im Schnee waten müssen.

Auf dem höchsten Punkte des Passes ließ das Schneegestöber nach. Die Wolken ballten sich zusammen und krönten die Bergspitzen, die uns umgaben. Der Himmel wurde klar. Eine Symphonie von Blau und Weiß ringsumher, wie man sie in solch makelloser Reinheit und Schönheit wohl selten zu sehen bekommt. Schade, daß es zu kalt war, um dieses einzigartige Bild lange zu genießen. Uns fehlten seit einigen Tagen auch die künstlichen Wärmemittel. Ein Gemisch aus Brennspiritus und Wasser war doch nur ein sehr mangelhafter Ersatz für Whisky und Kognak.

Abgestiegen und im Laufschritte hinunter! Die Wärme, nach der wir uns so sehnten, wurde uns bald im Übermaße zuteil. Die fünf Stunden Abstieg vom Yachazani-Paß nach Sorata bringen einen in dieser Jahreszeit aus Eis und Schnee direkt in die Tropentemperatur von 30-35 Grad Celsius – ein Temperaturwechsel, wie man ihn schärfer anderswo kaum erleben kann. Ein Kleidungsstück nach dem anderen wurde den Mulas aufgeladen, bis das Tropen-Déshabillé glücklich wieder erreicht war.

Kurz vor Sorata, beim Passieren eines Indianerdorfes, hatten wir Gelegenheit, das höchst interessante Leben und Treiben bei einer indianischen Festlichkeit mitanzusehen. Es wurde eine Hochzeit gefeiert. Das gibt sämtlichen Bewohnern des Dorfes Anlaß, nicht mehr und nicht weniger als eine volle Woche lang sich unentwegt zu betrinken und ebenso unentwegt zu tanzen. Was die Indianer im Tanzen leisten können, grenzt ans Unwahrscheinliche. Es gibt Burschen, die von Sonnenaufgang bis zur Dunkelheit in unausgesetzter Bewegung sind. Eine Art Extase, ähnlich dem Delirium der indischen Drehderwische, scheint sie zu überkommen. In Gruppen von zehn bis fünfzehn Mann drehen sie sich in langsamen gemessenen Bewegungen, deren Tempo nur selten gesteigert wird, im Kreise und um die eigene Achse herum. Sie sind alle im Festtagskleide, oder irgend einem spezifisch indianischen, phantastischen Maskenanzuge. Hier ist eine Gruppe im herrlichsten Federschmuck, auf dem Kopf ein meterhoher Aufputz von vielfarbigen Papageifedern, der Oberkörper nackt, von der Taille bis zu den Knien wieder eine Art Ballettröckchen von grellgrünen oder roten, in dichten Kränzen aneinandergefügten Federn. Dort eine andere Gruppe hat sich mit Tigerfellen geschmückt. Sie haben eine Art Panzer aus den harten Fellen gebogen, der in Beulen von Rücken, Schultern und Brust absteht, die Beine stecken in Hosen und nur die Rückseite ist mit einer mächtigen grünen Federtournüre ausgestattet. Die Kerls sehen aberwitzig aus, drehen sich stieren Blickes in die Runde, wobei sie sich auf langen Flöten eine grauenhaft mißtönende Musik selber liefern.

Eine andere Gruppe hat abschreckende Tier- und Teufelsmasken vorgebunden, sie schwingen dreigezackte Kriegsspeere und springen mit unmelodischem Geheul regellos durcheinander. Der ganze Dorfplatz scheint sich zu drehen. Dem Zuschauer wird nach zehn Minuten schwindlich zu Mute, man begreift nicht, wie es die Tänzer stundenlang aushalten, ohne Rast und Ruhe in die Runde zu wirbeln.

Hin und wieder verläßt eine Gruppe den Platz, torkelt und taumelt im Gänsemarsch durch ein paar Straßen, um jedoch bald wieder auf den Ausgangspunkt zurückzukommen. In einigen Gruppen machen Knaben von zehn Jahren aufwärts mit. Nur sekundenlang sind die Pausen, in denen ein tiefer Zug aus der kreisenden Flasche mit Patinno-Schnaps getan wird. Die Tänzer scheinen alle total vertiert, in Blick und Ausdruck haben sie nichts Menschliches mehr an sich. Seit vier Tagen erlebt keiner von ihnen eine nüchterne Minute. Doch sind es ausschließlich Männer, die sich an diesem wahnwitzigen Treiben beteiligen. Die Frauen halten sich zaghaft im Hintergrunde. Sie sehen mit glänzenden bewundernden Blicken ihre taumelnden Ehegesponse an und sind glücklich, wenn sie die vor Erschöpfung niedersinkenden Tänzer mit einem Schluck kühler »Chicha« wieder auf die Beine bringen dürfen. Vor Zuschauern haben diese exotischen Tänzer übrigens nicht die geringste Scheu, auch nicht vor photographischen Apparaten. Mir schien, daß kein einziger von ihnen mehr begriff, was überhaupt um ihn herum vorging.

Gegen 5 Uhr nachmittags erreichten wir Sorata und das gastliche Haus seines »Königs« G. Das Städtchen erschien nach den kulturellen Entbehrungen der letzten fünf Wochen wie ein kleines Paris. Ich glaubte, nie einen herrlicheren Konzertflügel unter den Händen gehabt zu haben, als das alte gelbgezähnte Scheusal von Pianino, das dem Salon des G.'schen Hauses als Zimmerzier diente.

Wir waren in Sorata an einem aufregenden Tage angelangt, dem Tage der Präsidentenwahl. An diesem Tage herrschte in Sorata eine ganz fürchterliche Besoffenheit. Soweit die indianischen Bewohner der Stadt nicht in der Gasse lagen, zogen sie mit Pfeifen, Singen und Gebrüll durch die Straßen und trugen den Kaufpreis ihrer Wahlzettel aus einer Kneipe in die andere. Bis in den frühen Morgen hörte man an allen Enden und Ecken der Stadt das unmelodische, sinnlose Geklimper der »Charangos«, einer Art Gitarre, deren Leib aus dem Panzer eines Gürteltieres besteht, dem beliebtesten Instrument der städtischen Indianer.

Im gastfreien Hause des »Königs von Sorata« durften wir uns, dank der überaus liebenswürdigen Einladung des Hausherrn, drei Ruhetage gönnen. Wir konnten sie nach den Strapazen des zweiten Kordilleren-Überganges gut gebrauchen. Es würde zu weit führen, wollte ich noch alle die schönen Ausflüge, die wir zu Fuß und zu Maultier von Sorata aus machten, im einzelnen beschreiben. An den Abenden versammelten wir uns meist auf der luftigen Terrasse des Hauses, die in einen paradiesischen Tropengarten hineinragt, zu einem echt deutschen Skat. Das heißt ganz deutsch war er nicht immer. Wenn der spanische Arzt des Städtchens zu unseren Partnern gehörte, wurde auf spanisch gespielt. Die spezifisch deutschen Skatausdrücke nehmen sich in der Sprache des Cervantes höchst kurios aus: »sastre« (Schneider), »negro« (schwarz), »curazon« (Herzen) usw.

Erst am vierten Tage wurde uns gestattet, von einer langentbehrten Kulturerrungenschaft – dem Telegraphen – Gebrauch zu machen, und eine Kutsche von La Paz nach Achecachi zu bestellen. Bis Achecachi mußten wir noch einen Tag per Maultier reisen. Nicht ohne Bedauern nahm ich – sicherlich für lange, wenn nicht für immer – von dieser Verkehrsmethode Abschied. Hat man sich erst an den Fischgabelsitz in den bolivianischen Gebirgssätteln gewöhnt und sein Temperament dem des Maultieres angepaßt, so ist es ein Hochgenuß, langsam und gemütlich durch die herrliche Gebirgswelt der Kordillere zu reiten. Auf den Weg braucht man nicht aufzupassen. Das besorgen die Tiere. Man genießt die wundervoll reine Luft, die wilde weite Aussicht und läßt seine Gedanken weithin in die Ferne schweifen.

Die Reise bis La Paz verlief ohne bemerkenswerte Erlebnisse. Kurz vor der Stadt, noch im Wagen, überfiel meinen Gefährten ein heftiger Fieberanfall, dasselbe Schicksal ereilte gleich nach der Ankunft in La Paz noch einen Teilnehmer unserer Reise, den kerngesunden und vergnügten Sch. Übrigens sind die unvergeßlichen Eindrücke solch einer Reise im Tropengebiete mit ein paar tüchtigen Schüttelfrösten nicht zu teuer bezahlt.

Tafel 13


Sonnenaufgang beim Yalhazani-Paß (Bolivien)

Frühstückspause

Indianisches Denkmal

Tafel 14


Indianisches Stubenmädchen in Sorata

Der Balzero »Sonnenschein«

Indianerin beim Maismahlen