16. BRIEF.
IM SCHNELLZUG DURCH PERU. – DER TITICACA-SEE. – MOLLENDO. – LIMA.

Der Abschied von La Paz wurde uns schwer. Nicht ohne Wehmut schieden wir von Bolivien. Erstens mußten wir uns nun von unseren beiden Reisegefährten und den zahlreichen lieben Freunden, die wir uns während des ziemlich langen Aufenthaltes in La Paz erworben hatten, trennen. Zweitens scheint uns – hoffentlich zu Unrecht – daß der interessanteste Teil der Reise jetzt hinter uns liegt.

Die Verbindung zwischen La Paz und der peruanischen Küste kann keineswegs bequem genannt werden. Sie besteht aus drei Etappen: Eisenbahnfahrt bis zum Titicaca-See, Dampferfahrt über den See nach Puno, Eisenbahnfahrt vom Peruanischen Ufer des Sees bis zur Küstenstadt Mollendo. Nun scheinen leider die drei Betriebsgesellschaften in Fehde miteinander zu leben. Man kann nie mit Sicherheit darauf rechnen, daß man Anschluß findet. Verspätet man sich auf einer der beiden ersten Etappen, so ist man verloren, denn die Dampfer auf dem Titicaca-See und die peruanischen Schnellzüge verkehren nur zweimal in der Woche. Gewartet wird nicht. Das ist besonders ärgerlich, wenn man in Mollendo einen bestimmten von den auch nicht allzu häufig verkehrenden Küstendampfern erreichen will.

Die bolivianische Hochebene, die wir zweimal im Wagen passiert hatten, durchquerten wir nun im Eisenbahn-Coupé. Kein Mensch wird behaupten, daß der enge Waggon mit seinen schlüpfrigen Wachstuchpolstern bequemer wäre, als der geräumige Phaeton. Aber reizvoll war die Fahrt auch so. Zum letzten Mal verabschiedeten wir uns vom majestätischen Illimani und seinen schneegekrönten Trabanten.

Die interessanteste Station auf dieser Eisenbahnfahrt ist Tiguanaco – eine uralte, von Einwohnern fast verlassene Inka-Stadt. Als der Zug hielt, stürzte eine Horde schmutziger Indianerbuben in den Waggon herein. Mit ohrenbetäubendem Geschrei priesen sie »Reiseandenken« an, zerbrochene Löffel und verrostete Stricknadeln, die sie für Pfeilspitzen und prähistorischen indianischen Hausrat ausgaben. Als Goldplättchen alter Inka-Schätze konnte man zusammengeknetete Kapseln von Subercaseaux- und Santa Rita-Flaschen, chilenischen Weinsorten, erstehen. Ja, an diesen Plätzen eines lebhafteren Fremdenverkehrs muß man beim Einkauf von Antiquitäten vorsichtig sein.

Die Stadt Tiguanaco mit ihren grandiosen Inka-Ruinen, die nun allerdings fraglos echt sind, bietet von weitem einen sehr pittoresken Anblick. In der Nähe konnten wir sie leider nicht besehen.

Den Titicaca-See erreichten wir nach Anbruch der Dunkelheit. Glücklicherweise verspäteten wir uns nicht und fanden im Hafen einen zwar sehr kleinen, aber äußerst appetitlichen Dampfer vor, der natürlich »Inka« hieß. Die Pietät, mit der man dieses durch die brutalen Eroberer ausgerotteten stolzen Volksstammes gedenkt, ist wirklich rührend.

Die Überfahrt über den Titicaca-See dauerte eine ganze Nacht. Es war herrlichster Mondschein, als der »Inka« seine Anker lichtete. Die schwarze Silhouette der Königskordillere hob sich ordentlich gespenstisch vom hellen Nachthimmel ab. Wie ein silberner Strom teilte die glitzernde Mondstraße die unergründlichen schwarzen Fluten des Sees. Allmählich verdüsterte sich jedoch der Himmel. Es wurde empfindlich kalt und windig, die Fahrt des »Inka« immer weniger stolz und immer unruhiger. Plötzlich setzte ein regelrechter Schneesturm ein. Nicht schnell genug konnte man in die winzige Kabine flüchten. Kolossale Schneemassen fegten über das Verdeck. Man muß in dieser Gegend auf die merkwürdigsten Überraschungen gefaßt sein. Am nächsten Morgen noch lag auf Bug und Achterdeck des Dampfers eine dichte Schneedecke, die die Sonne freilich schnell zum Schmelzen brachte.

Die Eisenbahnfahrt vom Ufer des Titicaca-Sees an die peruanische Küste des Stillen Ozeans ist sicherlich eine der schönsten, interessantesten und aufregendsten, die man auf den fünf Erdteilen machen kann. Der Höhenunterschied zwischen beiden Endstationen beträgt mehr als 4000 Meter. Man legt die Strecke in ca. 12 Stunden zurück. Der Zug rast mit atemversetzender, echt amerikanischer Geschwindigkeit vorwärts, obgleich der Winkel des Gefälles oft ein beträchtlicher ist, und kühne Kurven das Geleise nur meterweit an gähnenden Abgründen vorbeiführen. Die Passagiere des Pullman-Wagens fliegen von ihren Sesseln nicht selten unerwarteter und meistens unerwünschter Weise einander in die Arme. Zwischendurch promeniert der Schaffner und erzählt in lässigem Spanisch wenig erheiternde Anekdoten von abgestürzten Eisenbahnzügen.

Die ganze Fahrt über hat man die herrlichste Hochgebirgs-Landschaft vor Augen. Ein Panorama mit den charakteristischen, schon oft geschilderten Farbenspielen der Kordillere. Hier ist die Färbung vorzugsweise hellrosa oder rötlich braun. Weite Strecken des Gerölls sind mit feinem hellgrauen Sande bedeckt. Es sieht aus, als hätte man Decken aus zartestem schwedischen Leder über die Berge gebreitet. In einigen Talkesseln fegt der Wind diesen Sand zusammen, und es bilden sich merkwürdige Hügel, die einander so genau gleichen, als seien sie aus einer Form gegossen. Sie ähneln den Kratern kleiner Vulkane, oder den Brustwehren alter Burgen, denn von einer Seite – woher der Wind weht – sind sie offen. Natürlich wird diese Menge von Flugsand dem Bahnbetriebe oft gefährlich.

Der Zug hält auch bei den wichtigsten Stationen, den Schwefelbädern Jura und der peruanischen »Großstadt« Arequipa nur wenige Minuten.

Arequipa ist im fruchtbarsten Teil des peruanischen Küstengebietes gelegen (immerhin noch 2500 Meter hoch). Hier fließen eine ganze Menge kleiner Gebirgsflüsse zusammen. Man kann ihren Lauf vom Eisenbahnwagen aus weithin verfolgen. Gleich schmalen grünen Bändern ziehen sie sich durch das öde, unwirtliche Gestein. Fast unwahrscheinlich wirkt dank seiner absolut regelmäßigen, geradezu mathematisch genauen Kegelform der schneebedeckte Vulkan Misti, der das Landschaftsbild von Arequipa krönt.

Ein grauenvolles kleines Nest ist die sonnendurchglühte Hafenstadt Mollendo. Hier muß man seine Ansprüche auf Komfort auf ein nicht mehr zu unterbietendes Minimum herunterschrauben.

In der Stadt selbst und in ihrer Umgebung fehlt, ebenso wie in den chilenischen Küstenstädten, jede Spur vegetativen Lebens. Die Sonnenstrahlen prallen überall auf nacktes Gestein und strahlen mit verdoppelter Glut zurück. Ganz wundervoll ist hier allerdings die Ozeanbrandung, die himmelhoch über das weit in die See hineingebaute Hafenbollwerk herüberschäumt.

So schön die Wellen der Brandung aus der Entfernung aussehen, so wenig angenehm sind sie, wenn man sich auf ihnen schaukeln muß. Und das muß man leider.

Die Küstendampfer ankern weit draußen auf der Reede. Kleine Ruderböte, die wie Nußschalen auf den majestätisch dem Ufer zurollenden Wogen herumtanzen, besorgen den Verkehr mit dem Hafen. Nie in meinem Leben habe ich eine ungemütlichere Ruderpartie gemacht. Die Böte haben außer dem Ruderknecht noch eine andere ständige Bemannung: ein bis zwei Knaben, die das immerfort hereinschlagende Wasser ausschöpfen. Eine nicht geringe Geschicklichkeit gehört auch dazu, um zu verhindern, daß das Boot beim Anlegen an die Falltreppe des Dampfers umkippt oder zerschellt. Als ich das gehörig schwankende Deck der »Orissa« betrat, kam es mir nach dieser fürchterlichen Ruderpartie vor, als hätte ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen.

Die Küstenfahrt bietet keinerlei neue Eindrücke, sondern immer nur dasselbe Bild, das wir von der Fahrt zwischen Valparaiso und Antofogasta her schon genugsam kannten. In zwei Tagen brachte uns die »Orissa« nach Callao.

Callao ist der Hafen der peruanischen Haupt- und Residenzstadt Lima. Hier zum ersten Male zeigt die pazifische Küste Süd-Amerikas ein etwas freundlicheres Aussehen. Mit Behagen ruht das Auge auf dem saftigen Grün der üppigen tropischen Vegetation, die sich bis dicht an den Ozean hinzieht.

Callao und Lima sind durch eine elektrische Bahn verbunden. Die Fahrt dauert eine knappe halbe Stunde. Von allen Städten der Westküste Süd-Amerikas ist Lima ohne Frage die europäischste. Breite, gutgepflasterte Straßen, konventionelle Regierungsgebäude, anständige Hotels, vorzügliche Läden, Droschken im Stil der Wiener Fiaker, Automobile, gute Restaurants, in denen die Speisenzubereitung nach den bolivianischen Stiefelsohlen geradezu raffiniert, lukullisch erscheint. Alles in allem: recht kulturell, aber – uninteressant.

Nur eine Merkwürdigkeit, eine »Spezialität« von Lima kann ich nicht unerwähnt lassen. In einem fashionablen Laden wurde sie uns als »Reiseandenken« angeboten, jedenfalls war es das sonderbarste Souvenir, dem ich je begegnet bin, denn es war nichts anderes, als – der Kopf, nicht Jochannaans, sondern eines indianischen Mädchens. Keine Nachahmung, kein Papier-maché, kein bluff, sondern echt. Der Kopf eines einst lebendig gewesenen Menschen, oder der Kopf einer Leiche, wie man will. Kein nackter Totenschädel, sondern ein virtuos balsamiertes menschliches Gesicht, mit Glasaugen und langem Haarschopf. Nur die Haut ein wenig verschrumpft. Mir schauderte, als ich mir dieses anmutige Reiseandenken auf meinem Schreibtisch als Briefbeschwerer, oder unter einer Glasglocke in der guten Stube vorstellte.

Die Europäer in Lima treiben mit diesen Scheußlichkeiten einen schwunghaften Handel. Der Absatz ist enorm. Die Indianer, die sehr rasch begriffen, daß ihre Leichenköpfe als Handelsartikel gut bezahlt wurden, fingen an, Freund und Feind hinzumorden, balsamierten ihre Köpfe ein und brachten sie in großen Mengen auf den Markt. Da erst legte sich die Regierung ins Mittel. Jetzt dürfen nur »alte« Köpfe verkauft werden, während »frische« verpönt sind. Aber wer wagt es zu entscheiden, ob solch eine Mumie von gestern oder von anno dazumal stammt? Jedenfalls ist der Artikel rar geworden und infolgedessen im Preise gestiegen. Der Kopf, der uns angeboten wurde, sollte 50 englische Pfund kosten. Ich hätte ebensoviel zugezahlt, um ihn nicht zu besitzen.

Mit diesem unappetitlichen Eindruck schieden wir von Lima. Der peruanische Küstendampfer »Guatemala« nahm uns auf. In acht Tagen soll er uns nach Panama bringen.

Tafel 15
INDIANER IM FESTSTAAT (BOLIVIEN)

 
 
 

17. BRIEF.
PANAMA UND EINE ALLIGATOR-JAGD.

Durch drei Dinge ist Panama berühmt. Erstens durch den Panama-Kanal, zweitens durch den Panama-Skandal, drittens durch die Panama-Hüte. Der Panama-Skandal ist nicht mehr aktuell. Der Panama-Kanal wird es bald sein, wenn er nämlich wirklich, wie es heißt, im nächsten Jahre eröffnet wird. Die Panama-Hüte sind es immer und werden es so lange sein, als es für vornehm gilt, was Besseres auf dem Kopfe, als drin zu haben.

Über den Panama-Skandal werde ich mich nicht verbreiten. Wer sich daran erquicken will, lese in den betreffenden Jahrgängen der Pariser Zeitungen nach.

Aber von den Panama-Hüten und dem Panama-Kanal will ich erzählen.

Die Panama-Hüte heißen wahrscheinlich deshalb so, weil sie nicht in Panama gemacht werden. Ihr Entstehungsort ist die Republik Equador, besonders die Gegend um Guayaquil und Payta herum. Dort sitzen die fleißigen Indianerweiber, bleichen und spalten das haarfeine Palmstroh, aus dem ihre geschickten Finger die kostbaren Kopfbedeckungen flechten. In Panama selbst ist man dagegen so unnobel, die Hüte, die den Namen der Stadt tragen, mit einem ziemlich hohen Einfuhrzoll zu belegen. Wer also glaubt, daß man in Panama »billig und gut« Panama-Hüte kaufen kann, wird an Ort und Stelle gar bald eines Besseren, oder vielmehr Schlechteren belehrt. Man zahlt in Panama genau denselben Preis für einen Hut, wie in Europa, nicht unter 10 Dollar für mittelgute Ware. Natürlich gibt es auch hier Hüte, für die 200 Dollar von dreisten Verkäufern verlangt und von verrückten Amerikanern gezahlt werden. Die Zugehörigkeit von Panama-Hüten zu Panama versucht man dadurch kenntlich und glaubhaft zu machen, daß man alberne kleine Reisesouvenirs in Form von Puppen-Panamahüten verkauft.

Was nun den Panama-Kanal anbetrifft, so ist er allerdings sehr großartig in der Anlage, aber doch nicht so imposant, wie man ihn sich in Europa vorstellt, oder wie ich ihn mir wenigstens vorgestellt habe. Es ist kein einheitlicher, schnurgerader Durchstich, der nach dem Prinzip der kürzesten Linie die Küste des Stillen Ozeans mit der des Atlantischen verbindet, sondern vielmehr eine Kombination von vielen einzelnen Kanälen und Schleusen-Systemen, wobei auch die den Isthmus bewässernden Flüsse und einige kleine Binnenseen als Verbindungswege ausgenutzt sind. Wenn man also fragt: »Wie breit ist der Kanal?« so muß die Gegenfrage lauten: »An welcher Stelle?« Die Breite schwankt zwischen 300 und 1000 Fuß, die Länge beträgt genau 50 englische Meilen. Auch die Tiefe ist keine einheitliche. Das Minimum sind 41 Fuß, so daß immerhin ganz gewaltige Passagierdampfer und die größten Kriegsschiffe ihn passieren können. Die flacheren Stellen des Kanals machen, besonders wenn, wie jetzt, kein Wasser drin ist, durchaus keinen imponierenden Eindruck. Wenn man sie betrachtet, so muß man sich die Milliarden ausgebaggerter Kubikmeter Erde vorstellen, um in den vom Führer verlangten Zustand der Andacht und Bewunderung zu geraten. Mit einem »very nice«, womit ihn englische und amerikanische Touristinnen unter ihrem Reiseschleier hervor beglücken, ist er nicht zufrieden. Am sichtbarsten ist die beim Durchstich geleistete enorme Arbeit, mit der übrigens auch heute noch über 40 000 Menschen beschäftigt sind, bei den Schleusen, die frei daliegen und mit ihren gewaltigen Mauern und Riesen-Dampfkränen den Eindruck phantastischer Zyklopen-Festungen machen.

Im Januar 1914 muß der Kanal bekanntlich, laut Kontrakt, dem Verkehr übergeben werden. Danach sieht er jedoch zurzeit nicht aus. Auf allen Strecken wird fieberhaft gearbeitet, auf keiner einzigen noch sind die Arbeiten schon ganz abgeschlossen. An den Schleusen wird gebaut und gemauert, in den Gräben hocken Tausende von Arbeitern mit Spaten und Hacke, auf den Seen knattern und rumoren zahllose Baggermaschinen und fördern Millionen und Abermillionen von Eimern mit Schlamm und Sand ans Tageslicht. Es ist ein betäubender Betrieb. Das ganze Gebiet des Kanales gleicht einem riesigen Ameisenhaufen, und ebensowenig wie bei einem solchen kann man hier bei flüchtiger Betrachtung Plan und Ziel der gemeinsamen Arbeit feststellen.

Ein äußerst buntes Bild bietet die Schar der Arbeiter. Amerikaner, Japaner, Chinesen, Neger, Mulatten – alles wimmelt durcheinander. Betrachtet man die kräftigen halbnackten Gestalten, so denkt man mit Grausen daran, wieviele Menschenopfer diese Kraftprobe technischen Vorwitzes gekostet hat. Zu Hunderttausenden sind die Kanalarbeiter vom Sumpffieber jeder Art weggerafft worden. Eine Zeitlang stockte ja der Betrieb überhaupt, weil es unmöglich war, Arbeiter zu finden, die für hohen Lohn den sicheren Tod in den Kauf nehmen wollten. Dann erst ging man ernstlich daran, die fieberverpesteten Sumpfgebiete des Isthmus zu sanieren. Dieses schwierige Werk ist jetzt gelungen und zwar vermittelst selbsttätiger Petroleum-Pulverisatoren, die in den Wäldern und Sümpfen aufgestellt sind und im Frühjahr alle Wasserflächen mit einer dünnen Schicht Petroleum überziehen, unter der sich die Moskitos nicht entwickeln können. Jetzt gibt es kein Fieber mehr in Panama, denn es gibt keine Moskitos, die die einzigen Träger der Infektion sind. Die Furcht vor ihnen ist aber noch nicht ganz geschwunden. Sämtliche Häuser im Kanalgebiete sind mit einem dichten Schutzgeflecht aus feinstem Draht umgeben. Die Häuser sehen aus wie große viereckige schwarze Käseglocken.

In wirtschaftlicher und politischer Beziehung ist Panama ein Unikum. Der Aufenthalt dort hat für den Fremden manche Schwierigkeit. Vor allen Dingen weiß man nie, ob man sich im gegenwärtigen Augenblick in den Vereinigten Staaten von Nordamerika oder in der spanischen Republik Panama befindet. Seit zehn Jahren ist nämlich Panama – ich wage nicht zu sagen »bekanntlich« – eine selbständige Republik. Nur ein schmaler Streifen Landes, die sogenannte »Kanalzone«, wurde damals den Vereinigten Staaten abgetreten.

In dieser Kanalzone nun ist das beste und einzig komfortable Hotel Panamas gelegen. Dort lebt man natürlich, und befindet sich folglich in den Vereinigten Staaten, spricht englisch, zahlt mit Dollars und wird von amerikanischen Negern bedient. Ums Haus herum promeniert ein »policeman« in dem für die nordamerikanische Polizei charakteristischen Tropenhelm. Macht man jedoch drei Schritte zum Hotelgarten hinaus, so befindet man sich plötzlich und unvermutet in der spanischen Republik Panama. Will man eine Auskunft haben, so muß man sie auf spanisch einholen, an den Straßenecken stehen spanische Polizisten in kühnen Torreadorhüten, macht man einen Einkauf, so heißt es mit spanischen Pesos bezahlen. Da man aber, vom Hotel kommend, nie spanische Pesos in der Tasche hat, wird man beim Wechseln amerikanischer Dollars mit notorischer Sicherheit übers Ohr gehauen. Im Hotel gibt es nur Goldwährung, in der Stadt jedoch Gold-, Silber- und Papierwährung. Kurz, es ist ein unbeschreiblicher Kohl, und schließlich kauft man lieber gar nichts mehr, um nicht eine halbe Stunde lang Rechenexempel mit Pesos und Dollars lösen zu müssen und in der nächsten halben Stunde doch zu merken, daß man Golddollar statt Silberdollar bezahlt hat.

Im übrigen ist Panama ein ganz interessantes kleines Städtchen mit schönen alten spanischen Kirchen, anständigen Droschken und sogar Automobilen, die die engen Straßen verpesten. Man hat im allgemeinen durchaus den Eindruck, daß hier europäische, respektive nordamerikanische Kultur mehr abgefärbt hat, als in allen Städten der westlichen südamerikanischen Republiken zusammengenommen.

Wenige Minuten außerhalb der Stadt Panama und der Kanalzone ist das Land freilich noch ganz wild. Davon konnten wir uns überzeugen, als es uns eines schönen Tages gelang, ein Unternehmen in Szene zu setzen, auf das wir uns schon seit Brasilien gespitzt hatten – eine Alligatorjagd. Alle derartige Unternehmungen sind hier stets mit solchen Schwierigkeiten verbunden, daß man von besonderem Glück reden kann, wenn es gelingt, einen gefaßten Plan auch wirklich auszuführen. Wer hätte, z. B., gedacht, daß man im Lande der Revolver einen offiziellen Erlaubnisschein zum Tragen von – Jagdgewehren braucht. Ich will nicht schildern, was wir zu leiden hatten, bis wir diesen Erlaubnisschein bekamen. Wer einen russischen Utschastok kennt, weiß genau, auch ohne daß ich viele Worte mache, wie es in der Kanzlei des »Alkaden« von Panama hergeht. Doch Beharrlichkeit führte auch hier zum Ziel. Endlich war alles in Ordnung.

Wohlausgerüstet mit Büchsen, Patronen und Proviant machten wir uns auf den Weg. Dieser Weg ist nicht ganz kurz. Er führt quer über die ganze Bucht von Panama, dann vier Stunden stromaufwärts in einem der vielen Flüsse, die den Isthmus bewässern. Wir hatten ein Motorboot gemietet, dessen Besatzung aus zwei Mann bestand, die auf die stolzen Namen »Kapitän« und »Mechaniker« hörten. Leider rechtfertigten sie nachher ihre Titel in keiner Weise. Wir wußten noch nicht, was uns bevorstand, als unser Boot am Morgen fix und geschmeidig über die Bucht von Panama dahinglitt, vorüber an glitzernden kleinen Felseilanden und palmenbestandenen Märcheninseln. Wir freuten uns über die Morgensonne, die das Meer in eine Fläche flüssigen Silbers verwandelte, und über die aberwitzigen langgeschnäbelten Pelikane, die in Scharen unser Boot umschwärmten.

Nach ungefähr fünf Stunden erreichten wir die Mündung des Flusses, dessen Namen, der nichts zur Sache tut, ich vergessen habe. Das Ufer ist zu beiden Seiten mit dichtem Urwalde bestanden. Man erwartet nicht, kaum 60 Kilometer vom kultivierten Panama solch eine Wildnis zu finden. Dieselben dichten Wände von Schlingpflanzen, die wir vom tropischen Bolivien her genügsam kannten, machen den Wald unpassierbar. Allerhand merkwürdiges Wassergetier flatterte von Zeit zu Zeit am Ufer auf. Ich konnte meine Schießgelüste, die schon bei den Pelikanen erwacht waren, nicht bezähmen und machte einem wunderschönen schneeweißen Reiher den Garaus. Allerdings hielt ich ihn (er verzeiht mir diesen Irrtum wohl noch nach dem Tode) für eine wilde Gans. Er hätte seinen stolzen langen Hals nicht einziehen sollen, wenn er für das genommen werden wollte, was er war.

Alligatoren gab es in dem breiten Strome, den wir uns hinaufarbeiteten, keine. Die sollten wir erst an der Mündung eines kleinen Nebenflusses, tiefer im Lande, finden. Mit begreiflicher Spannung sahen wir diesem Ziel entgegen. Endlich stoppte der Motor. Es ist 3 Uhr nachmittags. Der »Kapitän« macht uns auf einige mächtige Baumstämme aufmerksam, die in einem schmalen Seitenflüßchen unter den überhängenden Schlinggewächsen des Ufergebüsches daliegen. Hallo, da setzt sich einer von den Baumstämmen in Bewegung und rudert nach dem anderen Ufer hinüber. Das also sind die Alligatoren. Donnerwetter! Klein sind sie nicht. Ich hatte sie mir ungefähr von der Größe der Nilkrokodile gedacht, aber diese »fellows«, wie sie der Kapitän zärtlich nennt, erreichen eine Länge von mindestens 3-4 Metern. Imposante Kerle. Doch zeigen sie leider nur ihren Rücken. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man ein schläfrig blinzelndes Auge von der Größe einer Backpflaume. Und dahinein soll man treffen? Ausgeschlossen, wenigstens bei der Entfernung, in der wir uns vorläufig befanden, d. h. ca. 150 Schritt.

Um unseren Jagdeifer etwas zu dämpfen, gab uns der Kapitän außerdem die tröstliche Versicherung, daß es unter allen und jeden Umständen unmöglich sei, eines Alligators habhaft zu werden, mag man ihn noch so tot schießen. Er geht sofort unter Wasser und bleibt dort, bis ihn sein aufgeblasener Leib an die Oberfläche hebt. Dann gab uns der offenbar sehr bewanderte Mann noch den Rat, zu warten, bis die Ebbe einsetzen würde, d. h. ungefähr drei Stunden. Bei niedrigem Wasserstand sei Hoffnung, daß sich die Alligatoren auf den Sandbänken sonnen würden. Nun versuche man, ausgerüstet mit einer trefflichen Winchester-Büchse, von Alligatoren rings umschwommen, drei Stunden ruhig zu warten. Schon nach zwanzig Minuten pfiffen wir auf Ebbe und Sandbänke und befahlen, unsere kleine Nußschale von Ruderboot ins Wasser zu lassen. Der »Mechaniker« wurde zum Ruderknecht. Die Büchse im Arm fuhren wir das Flüßchen hinauf. Die ersten zehn Schüsse wurden aus einer Entfernung von 20-30 Metern abgegeben. Es erfolgte darauf prompt ein heilloser Skandal im Wasser, mächtige Wellenkreise erfaßten unser kippendes und schwankes Boot, und wer nicht mehr zu sehen war, war der Alligator. Da sahen wir denn selbst ein, daß die Sache auf diese Weise aussichtslos war. Wir wappneten uns also mit Geduld und Schweigen und glitten stumm und regungslos unter den Uferbüschen dahin, jedes Geräusch mit den Rudern wurde vermieden. Ja ein empörter Blick des Ruderers traf mich, als ich mir eine Zigarette anzünden wollte.

Da, plötzlich wird er selbst unruhig. Mit einem mehr als ausdrucksvollen Minenspiel weist er nach einer Stelle des gegenüberliegenden Ufers hin und lenkt den Kahn in der angedeuteten Richtung. Ich sehe gar nichts, mein Freund augenscheinlich auch nicht. Halt, da nicht weiter als drei Schritte vom Steuer ein dicker, grünlicher Balken – der Kopf eines Alligators mit geschlossenen Augen. Ich kann mich nicht umwenden, um zu schießen. Mein Freund sitzt bequemer. Er nähert den Lauf seiner Büchse buchstäblich auf einen halben Meter dem berühmten Auge und drückt los. Donnerschlag, der Radau, der sich erhob! Aus Lederstrumpf und Konsorten wußte ich, daß Alligatoren, wenn angeschossen, die Kähne ihrer Jäger mit Vorliebe vermittelst des Schwanzes umkippen. Ich sah mich im Geiste schon zerfleischt und verdaut im Magen des grünen Ungeheuers. Aber nein, Gott sei Dank, wir leben. Der Alligator leider auch. Mit donnerähnlichem Getöse war er unter Wasser verschwunden.

Also so geht die Sache auch nicht. Was tun? Wie recht hatte unser Kapitän! Wir beschließen, das Flüßchen so weit als möglich hinaufzufahren, die Ebbe abzuwarten und dann mit der Strömung noch lautloser, als vorhin längst einem Ufer hinabzugleiten. Der Ruderknecht legt sich fester in die Riemen. Ich tue mir keinen Zwang an, weder mit Zigarettenrauchen, noch mit Schießen. Mancher exotische Wasservogel muß sein Leben lassen. Das Flußbild ringsherum ist von einer bezaubernden Romantik. Über unseren Köpfen schlagen die Kronen der Palmen und Riesenfarren fast zusammen. Der Fluß fällt rapide. Der Wald am Ufer sieht aus, als sei er auf einem kunstvoll angelegten Damm aus braunen, schlammbedeckten Pfählen erwachsen.

An der nächsten Biegung scheint der Fluß versperrt durch ein weißliches Gebirge. Bei genauerem Hinsehen entdeckten wir, daß dieses Gebirge auf uns zuschwimmt. Es ist der himmelwärts gekehrte Bauch einer Alligatorleiche. Das Tier ist von einer unheimlichen Größe, wir müssen unser Boot dicht ans Ufer drängen, um den Kadaver vorbei zu lassen. Er nimmt die ganze Breite des Flusses ein. Darauf sitzt krächzend ein Schwarm von zwanzig oder dreißig Aasgeiern. Scheußliche, kahlhalsige Tiere. Ich töte mit einem Schrotschusse vier. Die anderen fliegen träge auf, setzen sich aber sofort wieder zum leckeren Mal auf das faulende stinkende Fleisch nieder.

Bei der Abwärtsfahrt sehen wir an den Ufern des inzwischen durch die Ebbe stark verengten Flußbettes eine Unmenge Alligatoren, aber immer nur Kopf und Rücken. Kein einziger wagt sich auf eine Sandbank hinauf, um seinen weichen Bauch als bequemere Zielscheibe darzubieten. Wir verschießen unseren ganzen Patronenvorrat, mehr aus Freude an dem daraufhin entstehenden Wasserbeben, als in Hoffnung auf Beute. Erst bei der Mündung des Flüßchens sehen wir den grünlich-blauen Riesenleib eines prächtigen Alligators, langhingestreckt auf dem sandigen Ufer. Aber ehe wir in Schußweite sind, gleitet auch die letzte Hoffnung stumm und lautlos ins Wasser. Ich glaube, das infame Tier hat uns dabei nicht ohne Sarkasmus angeblinzelt. Die Flintenkugel, die so ein Amphibium ins Gehirn bekommt, regt es wohl nur zu lebhafterem Denken an, ohne seine Lebensgeister ernstlich zu gefährden. Und mit Kanonen hatten wir uns leider nicht bewaffnet.

Es wurde dunkel, und wir rüsteten uns zur Heimfahrt. Dabei hatten jedoch Kapitän und Mechaniker die Rechnung ohne die Ebbe gemacht. Kurz, nach einer halben Stunde saßen wir fest. Regungslos, rettungslos, hoffnungslos. Drei Stunden galt es, zu warten, bis die Flut unser Boot wieder flott machte. Unsere Mannschaft fand das ganz in Ordnung. Wir nicht. Zumal wir für solche Extrastationen durchaus nicht genügend verproviantiert waren und sich Hunger nie fühlbarer macht, als wenn man eine aufregende Jagd hinter sich hat.

Endlich spüren wir einen Ruck. Das Boot, siehe da – es bewegt sich, schwebt. In weniger als zwei Stunden ist die Bucht erreicht. Vertrauensvoll lassen wir uns ins Meer hinaussteuern. Alles geht glatt, in der Ferne sieht man schon die Lichter von Panama aufblitzen. Da, auf einmal ruckt und huppt der Motor so merkwürdig, jetzt setzt er ganz aus, jetzt springt er wieder an, setzt wieder aus, noch einmal, die Pausen werden immer länger, und endlich gibt er mit einem langen Seufzerhauche seinen letzten Lebensodem von sich. Selten ist mir ein Todesfall so nah gegangen.

Was soll ich nun weiter von dieser traurigen Begebenheit erzählen? Um es kurz zu machen: natürlich gelang es weder dem »Mechaniker«, noch dem »Kapitän«, den Motor wieder in Gang zu bringen. Diese würdigen Meister ihres Faches eröffneten uns kaltlächelnd, daß wir die Nacht auf dem Wasser zubringen würden und hoffen könnten, am nächsten Morgen von irgend einem zufällig vorbeifahrenden Dampfer aufgesammelt zu werden. Zwar hatte das Boot einen Mast und auch ein Segel und obgleich niemand zu segeln verstand (auch der »Kapitän« eingestandenermaßen nicht), zogen wir es auf, aber in Ermangelung des leisesten Windhauches hing es schlaff und kraftlos herunter und war nicht dazu zu bewegen, sich zu blähen.

So schaukelten wir denn auf den Wellen als willenloses Spielzeug der Ozeandünung. Das letzte Butterbrot war längst verspeist, der letzte Tropfen Tee getrunken. Es gibt Stimmungen, die man »weißglühende« nennt. Als uns gegen 5 Uhr morgens die Zigaretten ausgingen, glühte ich weiß, schneeweiß, durchsichtig. Begegnungen mit der Mannschaft vermied ich, um nicht zum Mörder zu werden. An Schlaf war vor Wut und Hunger kein Gedanke.

Das wundervolle Schauspiel des Sonnenaufganges konnte unter solchen Umständen natürlich auch nicht gebührend genossen und bewundert werden. Endlich um 10 Uhr morgens erblickten wir am Horizonte ein anderes Motorboot, das direkt auf uns zusteuerte: der Besitzer unseres Bootes, von Sorge um unseren Verbleib erfüllt (wir hatten noch nicht bezahlt), kam uns suchen. Freundlich war der Empfang, den wir ihm bereiteten, trotz aller Freude, nicht. Er nahm uns, schuldbewußt, in Schlepptau, und nach drei langen Stunden kamen wir in Panama an, wo wir uns in die erste beste Hafenkneipe stürzten.

Darüber, daß wir keinen Alligator mithatten, war der Bootsbesitzer keineswegs erstaunt. Er erzählte uns zum Trost, daß er vor einigen Wochen zweiundzwanzig Amerikaner in dieselben Jagdgründe expediert hatte, und daß sie nach einem mörderischen Feuer von Tausend Schuß ebenso beutelos heimgekehrt waren wie wir. Vor unserer Abfahrt hatte er uns diese lehrreiche Geschichte wohlweislich verschwiegen. Und die Moral von der Geschicht'? Fahr auf dem Meer auf Motorbooten nicht.

18. BRIEF.
VON PANAMA NACH NEW YORK. – JAMAIKA. – CUBA.

Da der Kanal noch nicht schiffbar ist, muß der Isthmus im Schnellzuge durchquert werden. Die Fahrt dauert knappe zwei Stunden. Aus dem bequemen Pullman-Car läßt man noch einmal die wechselnden Bilder der Kanalbauten an sich vorüberziehen, denn der Schienenstrang hält ziemlich genau die Richtung des Durchstiches ein. Die weiten Sümpfe, mit dichtem Tropen-Urwalde bestanden, bieten stellenweise ein überaus reizvolles landschaftliches Bild. Beruhigend hinsichtlich der Moskito-Gefahr wirken die mächtigen Petroleum-Behälter, an denen man von Zeit zu Zeit vorüberfährt.

Colon, an der atlantischen Seite der Landenge gelegen, ist der wichtigste Hafen Mittel-Amerikas. Er ist der Knotenpunkt des gesamten Schiffahrt-Verkehrs zwischen Europa, den Westindischen Inseln, Nord- und Mittel-Amerika.

Am Pier erwartete uns ein prächtiger neuer Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie »Karl Schurz« – also benannt nach dem Kölner Freiheitskämpfer, der in den Vereinigten Staaten zu der Stellung eines führenden Staatsmannes gelangte und dem kürzlich ein prächtiges Standbild über der Amsterdam-Avenue in New-York enthüllt worden ist.

Die achttägige Seefahrt von Colon bis New York gehört zu den angenehmsten Erinnerungen unsrer Reise. Aus Dankbarkeit möchte ich die Hauptursache unseres Wohlbefindens an Bord des »Karl Schurz« erwähnen. Es war dies die außerordentliche Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit des gesamten Schiffspersonals, vom Ober-Steward bis zum letzten Schiffsjungen. Alle Angestellten des Dampfers sorgten sich um jeden einzelnen Passagier so, als hinge von dessen Wohl und Wehe ihr eigenes Seelenheil ab. Herrlicher Zustand! Ich glaube, ich bin mein Lebtag nicht besser bedient worden, als im Rauchsalon und im Speisesaale des »Karl Schurz«.

Auf der Route Colon–New York sind zwei Stationen vorgesehen: in Kingston auf Jamaika und in Santiago de Cuba. Auf Jamaica hatten wir einen ganzen Tag Aufenthalt. Diese Insel – wenigstens soviel wir davon zu sehen bekamen – ist ein bezauberndes Fleckchen Erde. Vom ersten Schritt an, den man auf Jamaica tut, spürt man mit Behagen, daß die spanische Lotterwirtschaft, die einem manche Strecken Süd-Amerikas verekelt, aufgehört hat.

Englische Kultur weit und breit. Ihre Vorzüge kann man erst richtig ermessen, wenn man sie sechs Monate lang entbehrt hat.

Eine mehrstündige Automobilfahrt führte uns weite Strecken am Ufer der Insel entlang. Zum ersten Mal konnten wir über die Herrlichkeiten einer gepflegten Tropen-Flora staunen. Es ist bekanntlich eine Spezialität der Engländer, die Natur in Parks zu verwandeln. Das haben sie auch auf Jamaika fertig gekriegt.

Samtene Rasenflächen – echte »greens« – dehnen sich kilometerweit um die Fahrwege, die, nebenbei gesagt, von vorzüglicher Beschaffenheit sind. Die Palmenhaine sind überall vom Unterholz sorglich gereinigt. Blühende Hecken phantastischer Tropenblumen ziehen sich an den Wegen entlang. Man erhält den Eindruck, als sei die ganze Insel ein großer wohlgepflegter Garten. Aus dem Grün blickten überall saubere Villen hervor, deren Bauart vollkommen dem Stil englischer Landhäuser ähnelt.

Das Ziel unserer Fahrt war eine hügelige, mit dichtem Walde bestandene Landzunge, die wir in den Ozean hineinragen sahen. Wer beschreibt unser Erstaunen, als wir erfuhren, daß dies der Aufenthaltsort englischer Zwangssträflinge sei! Wäre nicht die in der Tropenglut doch einigermaßen erhitzende Arbeit im nahen Steinbruch, so möchte man fast einen kleinen Einbruch verüben, um für ein Weilchen hierher deportiert zu werden.

Die Stadt Kingston bietet nichts besonders Bemerkenswertes. Der Eindruck, den man von ihr davonträgt, ist der einer Farbe: Weiß. Weiß sind alle Häuser, weiß die Straßen, weiß ist der Staub, der von Automobilen und verschiedenerlei Fuhrwerken in sehr reichlicher Quantität aufgewirbelt wird, weiß ist die Kleidung aller Passanten männlichen und weiblichen Geschlechts. Nur eines ist nicht weiß: die indigene Einwohnerschaft der Stadt. Die ist nämlich schwarz. Übrigens sind die Jamaika-Neger grauenhaft häßlich, besonders die Frauen, die ja überhaupt bei allen »wilden« Völkern nie und unter keinen Umständen Anspruch darauf erheben können, das schönere Geschlecht zu sein.

Ich ahne, daß man von mir erwartet, ich solle nun etwas vom Jamaika-Rum erzählen. Leider kann ich diesen Wunsch nicht erfüllen. Von diesem Trost aller Grogtrinker habe ich auf Jamaika nicht mehr gesehen als in Europa. Eher weniger. Vielleicht, weil die dampfende Hitze hier jeden »Nasenwärmer« völlig überflüssig macht.

Als wir zum Dampfer zurückkehrten, erwartete uns ein eigenartiger Anblick: eine schier endlose Negerprozession wanderte vom Hafenquai zum Dampfer. Jeder trug einen Bananenkolben auf dem Kopfe. Vor dem Laderaum des Zwischendecks stand ein enormer Neger, mit einem langen Schlachtmesser bewaffnet. Damit hieb er nach dem Kopf jedes vorüberziehenden Prozessionsmitgliedes. Man glaubte, sie müßten alle enthauptet in die Luke purzeln. Das taten sie jedoch nicht. Es stellte sich heraus, daß der grimmige Henker nur die Strünke der Bananenkolben abschlug. Jeder Neger nahm seinen Strunk wieder mit. Er mußte ihn am Ladeplatz abliefern, um einen neuen herübertragen zu dürfen. Eine höchst primitive, aber unfehlbare Ehrlichkeitskontrolle.

An Kuba habe ich nur eine dumpfe Erinnerung, obgleich der Besuch dieser Insel wenige Tage zurückliegt. Mir kommt es immer noch merkwürdig vor, daß ich Santiago wirklich lebend verlassen habe.

So was an Hitze! Dagegen erschien die Treibhaus-Atmosphäre des Mapiri-Tales als Eiskellerluft.

Ein Halbkreis blendendweißer Kalksteinfelsen umgibt die Stadt. In diesem Fokus sammelt die Sonne ihre sengenden Strahlen. Der Boden, den man betritt, scheint weiß zu glühen. Den Druck der heißen Luft auf dem Kopf empfindet man als physischen Schmerz.

Um vom Hafen in die Stadt zu gelangen, muß man einen zirka zweihundert Schritte breiten Platz überschreiten, der den Sonnenstrahlen schutzlos preisgegeben ist. Trotz eines reichlichen Aufgebots von Energie konnte ich den Entschluß nicht fassen, mich auf diesen Platz hinauszuwagen. Ich fühlte, daß ich die andere Seite nicht lebend erreichen würde und umschlich ihn mit großem Bogen im kümmerlichen Schatten der Hauswände.

Kuba ist das Eldorado aller Tabakraucher. Die Kuba-Zigarren hatten auch mich verlockt, den Dampfer zu verlassen. Nachdem ich meinen Einkauf in halb besinnungslosem Zustande besorgt hatte, eilte ich – soweit die Temperatur das zuließ – auf den Dampfer zurück.

Von Santiago habe ich infolgedessen wenig gesehen. Hatte auch keine Sehnsucht, die Tiefen der engen Gassen zu erforschen. Die Stadt macht einen unappetitlichen, unordentlichen Eindruck. Sie scheint ein einziger großer Drogenladen zu sein: überall stehen Fässer, Kisten, Kasten, Warenballen, Tonnen, Flaschenkörbe umher. Die Straßen werden, scheint's, nie gefegt. Spanische Wirtschaft!

Entschädigt wird man dafür durch das reizvolle und malerische Bild, das die Insel darbietet, wenn der Dampfer in langsamer Fahrt die Bucht von Santiago verläßt. Die Ausfahrt ist übrigens so schmal, daß man wetten wollte, unser Kapitän würde sein Schiff nicht durchzwängen. Wider Erwarten gelang es doch. An einer Seite des Felsentores steht eine spanische Festung. Mit einer Batterie kann man hier eine ganze Armada in Schach halten.

Auf der Fahrt von Colon nach New York erlebten wir unseren ersten regelrechten Sturm auf dem Ozean. Die Wellen, die übers Schiff sprangen, verwandelten das Promenadendeck in eine Schlittschuhbahn – ein Umstand, der von allen Pikkolos und Schiffsjungen, soweit sie seefest waren, natürlich eifrigst ausgenutzt wurde. Den ganz Geschickten gelang es, unter dem Druck eines Windstoßes ohne Aufenthalt vom Vorderdeck bis zum Heck zu schliddern. Ein pudelnasser, aber zweifellos sehr vergnüglicher Sport. Er mußte eingestellt werden, als der Dampfer sich gar zu steil zu bäumen anfing. Es war ein wundervolles Schauspiel, wenn sich die Spitze des 6000-Tonnen-Schiffs so tief senkte, daß es regelrecht Wasser schöpfte, und der schäumende Gischt sich wie ein Sturzbach vom Bug zum Steuer ergoß. Das Betreten des Deckes war unter solchen Umständen natürlich verboten. Übrigens gab es unter den Passagieren nur sehr wenige, die dieses Verbot hätten übertreten können.

Erst wenn man den Ozean im Sturm gesehen hat, weiß man, wie großartig schön er sein kann. Nur den ganz Gewaltigen raubt ein Zornesausbruch nichts von ihrer Majestät.

Tafel 16
JAMAICA

 
 
 
 

19. BRIEF.
NEW YORK.

1. DER ERSTE EINDRUCK.

Schon vierundzwanzig Stunden, bevor man die Metropole der Vereinigten Staaten zu Gesicht bekommt, bemächtigt sich des Reisenden eine unerklärliche Unruhe. Selbst wenn man vorher unter den abenteuerlichsten Bedingungen einen ganz fremden, ebenso phantastischen wie interessanten Kontinent – Südamerika – bereist hat. Trotzdem fühlt man es deutlich: das eigentliche Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten beginnt erst mit den Vereinigten Staaten, präziser ausgedrückt mit – New York.

Dieses Vorgefühl trügt in der Tat nicht. Überall in Südamerika, in den Städten und selbst in der Wildnis, gelingt es, wenngleich nicht immer ohne Anstrengung, irgendwelche Anknüpfungspunkte mit dem europäischen Leben zu finden. Die Vergleichsmöglichkeit überhaupt ist gegeben. In New York dagegen muß man von vornherein darauf verzichten, mit den uns gewohnten Lebensbedingungen Vergleiche anzustellen. Mir wenigstens ist es so ergangen.

Ich habe mich nirgendwo, weder in den argentinischen Pampas, noch in den Urwäldern Boliviens, weder auf dem ungastlichen Rücken der Kordilleren noch im buntbewegten Panama so fremd, so wenig heimisch gefühlt, wie in New York. Und dieses Gefühl ist nicht geschwunden, obgleich ich in New York länger geblieben bin und bessere Gelegenheit hatte, mich mit allen Lebensbedingungen vertraut zu machen, als in irgend einer der südamerikanischen Städte.

Die Unruhe, die einen schon vor New York überkommt, verläßt einen dort für keinen Augenblick. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, als stünde man unmittelbar vor irgendwelchen Katastrophen des allgemeinen oder persönlichen Lebens, man wird es erst los, wenn man das Schiff besteigt, um nach Europa zurück zu fahren. Dann atmet man ordentlich auf. Der Grund dieser sonderbaren Aufregung ist, glaube ich, nicht in der fabelhaften Großartigkeit des äußeren Stadtbildes, auch nicht im schwindelerregenden Straßenverkehr und im rasenden Tempo des geschäftlichen Lebens zu suchen, obzwar auch dieses alles genügt, um in der ersten Zeit ein Durchschnittstemperament außer Rand und Band zu bringen. Aber schließlich sind London und Paris auch keine Dörfer, und zu Zeiten geht es dort ebenfalls recht lebhaft her. Endlich gibt es keinen Radau, an den man sich nicht gewöhnen könnte. Warum sollte also der New Yorker Straßenverkehr eine Ausnahme machen?

Nein, der Grund, weshalb man in New York innerlich nicht ruhig werden kann, liegt darin, daß man den prinzipiellen Unterschied zwischen den Begriffen »amerikanisch« und »europäisch« fühlt, und sich von Stunde zu Stunde mehr der unüberbrückbaren Kluft bewußt wird, die unseren guten alten Kontinent von der neuen Welt trennt, trotz des täglichen Verkehrs, der zwischen ihnen aufrecht erhalten wird.

Dem Nordamerikaner ist die Psychologie des Europäers ebenso fremd, wie diesem das Innenleben eines Schimpansen. Man versteht sich gegenseitig nicht, denn man ist aus ganz verschiedenem Material geknetet. Und ebensowenig, wie man den einzelnen Menschen versteht, begreift man die Formen, die das Leben dort angenommen hat. D. h. mit dem Verstande wohl, nicht aber mit dem Herzen. Das jedoch ist die Grundbedingung dazu, um sich irgendwo heimisch, oder auch nur gemütlich zu fühlen.

Dieser Umstand braucht einen nicht zu hindern, den Vereinigten Staaten den Zoll aufrichtiger Bewunderung zu entrichten. Es ist ein wundervolles Land, und man bedauert vielleicht schmerzlich, daß es einem innerlich immer verschlossen bleiben muß.


Einen unvergeßlichen Anblick bietet die Bucht von New York, wenn man an einem sonnigen Sommermorgen die Einfahrt passiert. Weithin sichtbar erhebt sich die kolossale Freiheitsstatue auf ihrem breiten Granitsockel. Ihr goldenes Haupt scheint Blitze zu sprühen. Unzählige Dampfer, Segelschoner, Schaluppen schaukeln sich auf den Wellen, dazwischen schießen pfeilschnell in allen Richtungen Motorboote und die kleinen Dampfkutter, die den Verkehr zwischen der Stadt, den vielen Inseln der Bucht und den weiter gelegenen Vororten vermitteln. Es ist ein unwahrscheinlich buntes und belebtes Bild. Im Vergleich dazu scheint Cuxhaven der Vorhof einer Toteninsel.

Bald wird die Aufmerksamkeit von der nächsten Umgebung des Dampfers abgelenkt: vom Morgennebel noch ein wenig verhüllt zeichnet sich die Silhouette der Stadt in immer deutlicher werdenden Umrissen am Horizont ab. Im ersten Augenblick ist es schwer, sich über die Linie dieser Silhouette klar zu werden. Sie hat so merkwürdig viele Ecken und gerade Linien, die hoch in den Himmel hineinragen. Wenn man näher kommt und einzelne Bauwerke unterscheiden kann, begreift man, was man vor sich hat.

Das also sind die berühmten Wolkenkratzer! Vom Meer aus erfaßt man ihre Dimensionen noch ganz und gar nicht. Sie sehen nur so merkwürdig aus, weil sie vereinzelt dazustehen scheinen, denn die Häuserzeile mit Gebäuden unter zehn Stockwerken bleibt unbemerkt.

Es dauert überhaupt eine ganze Weile, zum mindesten einige Tage, bis man das Straßenbild von New York mit vollem Bewußtsein in sich aufzunehmen vermag. Wir sind solche Dimensionen nicht gewöhnt; der Blick gleitet darüber hinweg, ohne daß der Verstand erfaßt, was das Auge sieht. Erst allmählich lernt man begreifen, was man vor sich hat, und erst dann kann man anfangen zu staunen.

Alle Achtung vor den amerikanischen Architekten, deren berühmtester übrigens – eine Frau ist. Sie verstehen es, die kolossalen Steinmassen so zu gliedern, daß man sich von den enormen Gebäuden, die die Straßen umsäumen, keinen Augenblick bedrückt oder eingeengt fühlt. Zählen lassen sich übrigens die Stockwerke der Wolkenkratzer ebensowenig, wie etwa die Waggons eines vorüberfahrenden Güterzugs. Man hat keine Anhaltspunkte. Ist man glücklich in die Gegend von zwanzig gekommen, so muß man sicherlich wieder von vorne anfangen.

Kurz vor unserer Ankunft war das höchste Gebäude New Yorks, auf das sogar die Amerikaner ganz besonders stolz sind, fertig geworden. Es steht in vollster Pracht, von Gerüsten befreit, am Broadway da. Es ist die Kleinigkeit von siebenundsechzig Stockwerken hoch, d. h. es soll so viele Etagen haben. Nachzählen habe ich sie nicht können. Bei einem Zählversuche muß hier auch das sicherste Auge versagen, aus dem einfachen Grunde, weil man in der schwindelnden Höhe der obersten zwanzig Stockwerke keine einzelnen Fenster unterscheiden kann, man mag noch so weitsichtig sein. Man kann sich von den Dimensionen des Gebäudes annähernd eine Vorstellung machen, wenn man erfährt, daß es fast dreihundert Meter, d. h. beinahe ebenso hoch wie der Eifelturm ist. Da es trotzdem durchaus den Eindruck eines Hauses und nicht den eines Turmes macht, kann man sich denken, welch einen enormen Flächenraum es bedeckt. Wie mag es den Leuten zumute sein, die etwa im sechzigsten Stockwerke wohnen und eine Fernsicht fast bis Europa genießen? Unsereines hätte sicherlich nicht die innere Ruhe für solch ein luftiges pied-à-terre, das übrigens in diesem Falle lieber pied-en-air heißen sollte. Schon der Feuersgefahr wegen. Es brennt in New York täglich an allen Ecken und Enden, und zwar vorzugsweise in den Wolkenkratzern. Kein Mensch regt sich mehr darüber auf. Die Zeitungen registrieren ganz geschäftsmäßig die Zahl der Leichen.

Die Wolkenkratzer in New York rangieren nicht als gleichberechtigt unter der großen Masse der übrigen Häuser. Sie sind Aristokraten, und werden individuell behandelt. Bei den Lebenden leugnet die demokratischste aller Nationen den Adel ab, unter toten Gebäuden schafft sie ihn sich. Das äußert sich darin, daß jeder »sky-scraper« seinen Namen hat. Dieser Name bezeichnet entweder den Besitzer des Gebäudes: »Astor-Haus«, oder eine Bestimmung: »Rubber-building«, »Times-building«, oder ist einfach aus freier Phantasie geschöpft: »Atalanta«, »Independencia« usw. Dieser Name genügt natürlich als Adresse, sowohl der Post, als auch den Lenkern der Verkehrs-Vehikel.

Das Wolkenkratzer-Viertel ist die Geschäftsgegend der Stadt, New York-City. Es beschränkt sich auf die Straßen, die den Anfang des Broadway durchqueren. Dieser Broadway ist übrigens eine unfaßliche Straße, nach europäischen Begriffen wenigstens. Er ist – sage und schreibe – 45 Kilometer lang. Wenn man als Kind an einem Ende ausgeht, kommt man als Greis am andern an.

Seine Häuser individualisiert New York, die Straßen dagegen nicht. Es gibt nur wenig Straßen, die einen Namen haben. Die Numerierung der Straßen erleichtert einem zwar das Orientieren in der Stadt, hat aber im übrigen etwas Geisttötendes an sich, ebenso, wie die »Linien« auf dem »Wassili-Ostrow« in Petersburg. Längelang wird die Stadt vom Broadway und zwölf Avenuen durchschnitten, von denen nur eine einen Namen hat: die »Amsterdam Avenue«, quer durch gehen ca. 270 Straßen, deren jede ihre Nummer hat, durch zwei Zahlen und die Hausnummer läßt sich also jede beliebige Stelle der Stadt genau fixieren. Dieses Verfahren ist ebenso bequem wie langweilig, was sich übrigens auch von manchen anderen »amerikanischen« Einrichtungen sagen läßt.

Von den Avenuen ist die großartigste die berühmte »Fünfte«. Die verwegenste Rechenkunst muß an dem Exempel versagen, wieviele Milliarden schwer die Bewohner dieser Straße sind. Im Rayon der ersten siebzig bis achtzig Querstraßen ist die 5. Avenue die vornehmste Kaufstraße New Yorks. Die ganze »Rue de la paix« und »Avenue de l'Opéra« von Paris, die »New-bond-street« aus London haben hier ihre Filialen. Am meisten ins Auge stechen die fabelhaften Juwelierläden und die märchenhaften Blumengeschäfte. Nebenbei bemerkt, trägt jede fashionable New Yorkerin, die die 5. Avenue zu Fuß oder im Auto passiert, einen ziemlich umfangreichen Blumenstrauß im Gürtel, meistens Orchideen oder Rosen.

Beim sogenannten »Central-Park«, einem entzückend gepflegten Stadtgarten, beginnt die vornehmste Wohngegend New-Yorks, der Rayon der »Einfamilienhäuser«. Hier hat sich unter anderem die ganze Dynastie Vanderbilt angesiedelt. Ein Palast steht neben dem anderen. Jeder Chauffeur nennt einem die Bewohner der einzelnen Häuser und erzählt gerne und ausführlich ihre Familiengeschichten. Die Paläste der Dollarkönige zeugen übrigens von einigem Geschmack der – Architekten. Nur dokumentiert sich in fast allen eine gewisse Vorliebe für schwere klobige Steinmassen und wenig Lichtfreudigkeit. Die Häuser sind meistenteils in etwas finster anmutendem romanischem Stil erbaut.

Von den Bewohnern weilt übrigens jetzt kein Mensch in der Stadt. Die ganze 5. Avenue hinauf sind alle Fenster ohne eine einzige Ausnahme verhängt. Ohne sie zu sehen, kennt man diese Bewohner, wenn man einen schwatzhaften Chauffeur hat. Man weiß auch bald, wieviel Geld sie haben, ob sie in glücklicher oder unglücklicher Ehe leben, wieviel ihre Häuser gekostet haben usw. Das teuerste Haus besitzt ein Sohn des berühmten Cornelius Vanderbilt. Es soll die Kleinigkeit von 7 Millionen Dollar gekostet haben, sieht aber nicht danach aus. Einen verhältnismäßig bescheidenen Eindruck macht das Haus des jüngst verstorbenen Pierpont Morgan. Es ist nicht an der 5. Avenue, sondern in einer ihrer Querstraßen gelegen. Der Besitzer hat die wenig geschmackvolle Idee gehabt, mitten zwischen die umgebenden Mietskasernen einen griechischen Tempel für seine weltberühmte Bildergalerie hinbauen zu lassen. Das ganz aus weißem Marmor aufgeführte Gebäude ist an sich wunderschön, ideal in den Proportionen, rein und edel in allen Linien, doch nimmt es sich an dieser Stelle aus, wie eine Edelpalme auf einem Kohlfelde.

Von den öffentlichen Gebäuden New Yorks ist das schönste die »Carnegie-Hall«, ein stilvoller Tempelbau in der vornehmen Umgebung der 5. Avenue. Er beherbergt unter anderem eine wundervolle Bibliothek, in deren Zeitungssaal ich täglich die hauptsächlichen Moskauer Zeitungen lesen konnte.

Schöner noch als die 5. Avenue, wenngleich sie für etwas weniger vornehm gilt, ist die sogenannte »River-side«, das hochgelegene Ufer des imposanten Hudson-River. Unter den herrlichen Villen, die dort stehen, erregt am meisten Bewunderung die Besitzung eines gewissen Mr. Schwab, des getreuen Mitarbeiters Andrew Carnegies. Es ist eine altdeutsche Burg, ungefähr von den Dimensionen des Münchener Nationalmuseums.

Entzückend sieht der Hudson-River mit seinen grünen Ufern an sonnigen Sommertagen aus. Unzählige Segel- und Motor-Jachten beleben seine glänzende Wasserfläche. Einen unbeschreiblich großartigen Eindruck machen die vier Riesenbrücken, die ihn überwölben und die Verbindung zwischen New York und Brooklyn herstellen. Der Anblick dieser zwei Kilometer langen Brücken, die in kühnem Bogen die beiden gegenüberliegenden Ufer verbinden, und mit ihren kolossalen Strebepfeilern fast in die Wolken hineinzuragen scheinen, benimmt einem geradezu den Atem.

Von allen Städten, die mir bis jetzt zu Gesicht gekommen sind, ist New York bei weitem die internationalste. Jedes Volk fast hat dort sein Stadtviertel, in dem es seine Eigenart vollkommen bewahrt. Am interessantesten sind die Stadtviertel der Italiener, Juden, Chinesen und Neger.

2. HOTELS, ZEITUNGSWESEN, REKLAME.

Der Hotel-Komfort in Europa wird immer raffinierter und raffinierter. Das verdanken wir den Yankees. Sie sind es »bei sich zu Hause« so gewöhnt und wollen es in Europa, wenn sie uns mit ihrem Besuch beehren, auch nicht schlechter haben. Und da dürfen wir nun mitgenießen, obgleich wir es bei »uns zu Hause« durchaus nicht so gewöhnt sind.

Aber trotz aller unserer Anstrengungen gelingt es uns nicht, die Amerikaner in bezug auf Hotel-Luxus auch nur annähernd zu erreichen, geschweige denn zu übertrumpfen. Weder »Cecil« und »Carlton« in London, noch die glänzendsten Hotels in Paris, noch »Adlon« in Berlin können mit den amerikanischen Hotelpalästen konkurrieren.

In Amerika geht bekanntlich alles ins Grandiose. Neben der Qualität kommt auch die gemeine Quantität zu ungebührlicher Bedeutung. Die Sucht nach großen Zahlen beseelt das Leben und Streben der Amerikaner. Das gilt ganz besonders auch vom Hotel-Betriebe.

Das »Astor-Hotel« in New York genießt den Ruf »vornehm und ruhig« zu sein. Was soll man nun dazu sagen, wenn man hört, daß in diesem »ruhigen« Hotel neun Orchester beschäftigt werden, die zu allen Tages- und Nachtzeiten in den verschiedenen Speisesälen des Hauses konzertieren. Aber selbst damit ist dem unersättlichen Musikbedürfnis der Hotelleitung und ihrer Gäste nicht Genüge getan. Im »Astor-Hotel« steht im großen Bankett-Saal die größte Orgel der Vereinigten Staaten, ein wundervolles Werk amerikanischer Orgelbaukunst, auf der ein eigens angestellter Organist – nebenbei gesagt ein Meister seines Faches, der mit seinen 6000 Dollar Gehalt gewiß nicht zu hoch bezahlt ist – die Tafelfreuden der reichen Yankees würzt.

Während unseres Aufenthaltes im »Astor-Hotel« wurde dort von verschiedenen offiziellen und inoffiziellen deutschen Vereinigungen das 25jährige Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms gefeiert. Der gewöhnliche Betrieb des Hotels erlitt dadurch keine Einbuße. Doch erzählte der Direktor des Hotels nachher nicht ohne Stolz, daß an diesem Abend Diners für insgesamt 2800 Personen serviert worden waren, womit jedoch das Küchenpersonal des Hotels und die 600 Kellner keineswegs überanstrengt wurden.

Eine Sehenswürdigkeit von New York ist der »roof-garden«, des »Astor-Hotels«. Es gibt auch anderswo in der Welt Dachgärten, z. B. in Petersburg auf dem »Hotel d'Europe«. Doch kann er sich mit der vorwitzigen Probe amerikanischer Gartenbaukunst auf dem Dache des »Astor-Hotels« natürlich nicht im entferntesten messen. Schon den Dimensionen nach ist der »Astor-roof-garden« unendlich viel imposanter. Dort gibt es offene und geschlossene Wandelhallen, Squares mit wundervollen Blumenrabatten, ganze Palmenhaine und weiß der Himmel was alles noch. Eine wahrhaft geniale Einrichtung kann man während der mit Recht berüchtigten amerikanischen Hitzwellen nicht genug preisen. Ein großer Teil des Gartens hat nämlich ein Dach aus Glas, und über dieses Dach rieselt ununterbrochen kühles Wasser, wodurch die Temperatur dort immer erträglich ist. Überdies machen diese fließenden Wasser abends beim Lichte unzähliger bunter elektrischer Flammen einen höchst phantastischen Eindruck. Man wähnt sich auf dem Grunde des Ozeans und wartet auf die Fische und Seesterne, die gleich vorbeischwimmen werden. Dekoration zu Rheingold, erster Akt. Und das alles in der Höhe des fünfzehnten Stockwerkes.

Entsprechend diesem Restaurant-Luxus sind natürlich auch die Wohnräume des Hotels aufs raffinierteste eingerichtet und mit allen Bequemlichkeiten der modernen Hoteltechnik versehen. Daß jedes Logis sein eigenes Badezimmer hat und auch im Waschtisch fließendes heißes Wasser, versteht sich in Amerika von selbst. Weniger selbstverständlich, aber ebenso angenehm ist das Telephon in jedem Logis, und zwar ein Telephon, mit dem man nicht nur die Dienstboten anruft, sondern Anschluß nach Chicago, Philadelphia, mit einem Wort überallhin, wo es Telephonleitungen gibt, haben kann. Elektrische Glocken sind übrigens verpönt. Auf einen Anruf der Zentrale des Hotels erscheint prompt der gewünschte dienstbare Geist.

Ein Patent des »Astor-Hotels« ist eine ingeniöse Einrichtung, vermittels derer jeder Hotelgast sofort erfährt, wenn Post für ihn da ist. Jede Nummer hat ihr Postfach. Wenn nun ein Brief oder auch nur eine Visitenkarte in das Postfach hineingeschoben wird, schließt sich eine elektrische Leitung, und in der betreffenden Nummer leuchtet an der Wand ein Menetekel in roter Schrift auf: »mail for you in the office«. Natürlich freut man sich diebisch über diese frohe Botschaft, wenn man abends sein Zimmer betritt. Ein Ruf ins Telephon, und nach fünf Minuten ist man im Besitze seiner Briefe.

Dennoch gab es in New York eine Zeit, in der wir sowohl die Post als auch das Telephon verwünschten. Das war während der ersten vier bis fünf Tage. Und verekelt wurden uns diese beiden nützlichen und angenehmen Institutionen durch meine lieben Kollegen – die New Yorker Journalisten.

Das ist ein Kapitel für sich und sein Inhalt ist tragikomisch. Wenn ich bei seiner Wiedergabe etwas persönlich werde, werden mir das meine verehrten Leser hoffentlich nicht verübeln.

Die Amerikaner bilden sich bekanntlich ein, die demokratischste aller Nationen zu sein. Das hindert sie jedoch keineswegs, einem so dreisten und naiven Snobismus zu huldigen, wie er in Europa glücklicherweise nur noch ausnahmsweise vorkommt. Mein Reisekamerad führt vor seinem Namen einen nach amerikanischen Begriffen außerordentlich hohen Titel. Dieser Umstand genügte, um bei unserer Ankunft in New York an der Landungsbrücke der Hamburg-Amerika-Linie ein ganzes Heer von Reportern und Photographen zu versammeln, denn die Passagierliste des Dampfers war nach New York telegraphiert worden. Da wir auf diesen Ansturm völlig unvorbereitet waren, gaben wir den Herren bereitwilligst Auskunft über alles, was sie wissen wollten, in der Annahme, daß sie sich wirklich für unsere Erlebnisse in den südamerikanischen Tropen interessierten. Stutzig wurden wir, als auch bei unserer Ankunft im Hotel, wo wir ebenfalls telegraphisch angemeldet waren, uns die Visitenkarten einiger Berichterstatter amerikanischer Zeitungen überreicht wurden. Sie folgten uns auf Schritt und Tritt, wo wir gingen und standen, assistierten uns beim Frühstück, notierten sich eifrig das Menü, fragten nach lauter Dingen, die sie ganz und gar nichts angingen und interessierten sich besonders für unsere Meinung über die amerikanischen Frauen. Am nächsten Morgen schon durften wir die Früchte dieser aus angeborener Höflichkeit gewährten Interviews genießen. Alle New Yorker Zeitungen brachten spaltenlange Artikel, die sich aufs ausführlichste mit unserer Wenigkeit beschäftigten. Die Phantasie der Reporter feierte dabei wahre Orgien. Von unseren südamerikanischen Erlebnissen kein Wort, dagegen die Mitteilung von lauter zu sensationellen Ereignissen aufgebauschten Nichtigkeiten.

Wir hatten unseren Koffer, der unsere Gesellschaftsanzüge enthielt, nicht gleich bekommen können und waren infolgedessen gezwungen, in Jackettanzügen zum Mittagessen im Speisesaal des Hotels zu erscheinen: Daraus wurde ein fulminanter Artikel: »Russian Prince dining in the Astor-Hotel in a white flannel suit«. Der phantasiebegabte Journalist schilderte in lebhaften Farben das Entsetzen, das wir beim maitre d'hôtel hervorgerufen hatten, das Aufsehen, das wir bei der Tischgesellschaft erregten, zählte die Gläser »wodki« auf, die wir angeblich getrunken, und die Portionen Kaviar, die wir gegessen hatten, schilderte dann den Inhalt unserer vierzehn (!) Koffer, als wenn er sie selbst eingepackt hätte, und schloß mit der weisen Sentenz, daß wahre Vornehmheit sich auch in einer weißen Flanelljacke nicht verleugnen könne. Von alledem war nur wahr, daß wir statt in Smokings in blauen Anzügen klein und bescheiden in einer Ecke des Speisesaales zu Mittag gespeist hatten.

Ein anderer Reporter ging gleich in medias res. »Russian Prince in New York not for a bride but for study« war sein Artikel mit Riesenlettern überschrieben. Darin standen die wunderbarsten Dinge, die wir angeblich über die Frauen sämtlicher Weltteile und besonders über die amerikanischen Damen geäußert hatten. Sittliche Entrüstung hatten bei uns der »Tango«, der »Turkey-Trot« und wie alle diese geschlichenen, geschaukelten und geschwungenen amerikanischen Schiebetanz-Scheußlichkeiten sonst noch heißen, hervorgerufen. Dem »Mondscheintanz« (??) der bolivianischen Indianerinnen gaben wir entschieden den Vorzug. Diesen ganzen Unsinn hatte sich der kühne Federheld bis auf den letzten i-Punkt aus den Fingern gesogen.

Noch ein anderer schilderte in tragischen Tönen ein völlig belangloses Erlebnis: »Real Russian Prince lost in the L-train«, dem die wahre Begebenheit zugrunde lag, daß wir uns am ersten Abend vergeblich bemüht hatten, mit den Untergrund- und Hochbahnen nach Coney-lsland zu kommen, was mißlang, da wir stets in die falschen Wagen einstiegen und von den bis zur Grobheit unhöflichen Yankees auf keine Weise eine vernünftige Auskunft erhalten konnten. Lange leutselige Gespräche, die mein Kamerad dabei mit den Schaffnern und Mitreisenden geführt hatte, erfuhren wir aus diesem Artikel zum erstenmal.

Da meine Person als solche den amerikanischen Journalisten zu gering war, avancierte ich je nach Bedarf zum »Baron« oder »Professor«. Ein ganz dreister Reporter, den ich nie gesehen habe, leistete sich dabei eine wundervolle Beschreibung meiner äußeren Erscheinung, wobei er sich lange bei der Schilderung meines wallenden weißen Bartes aufhielt und voller Rührung erzählte, welch ein herrliches Verhältnis zwischen dem »genial old gentleman«, dem intimsten Freunde des Grafen Tolstoi (das war ich), und seinem Schutzbefohlenen (mein Reisekamerad) herrsche und mit welch einer Andacht der junge Springinsfeld von Prinz die Weisheit von den Lippen seines »general adviser« lese, der übrigens zuweilen auch als »safety-brake« (Sicherheitsbremse) zu funktionieren habe.

Zuerst amüsierten wir uns über den Unsinn, dann ärgerten wir uns, endlich schnaubten wir Wut, besonders als uns auch aus anderen amerikanischen Städten, Boston, Chicago, Philadelphia Zeitungsausschnitte zugingen, die denselben haarsträubenden Blödsinn, noch verbrämt und ausgeschmückt, enthielten. Den ganzen Tag rasselte das Telephon. Erst waren es nur Reporter, dann Photographen, die uns bei uns, bei sich, vor dem Hotel, im Auto, auf der Straße, immer unentgeltlich photographieren wollten, dann klingelten allerhand Agenten, Wucherer, Damen »der Gesellschaft«, die uns zu Fünfuhr-Tanzkränzchen einluden, verkrachte Russen, darunter ebenfalls einige Fürstinnen und Gräfinnen, die die unglaublichsten Anliegen hatten usw. Denn alle Zeitungsartikel erschienen mit voller Nennung unserer Namen und genauer Angabe der Adresse. Da wir nur wenige gute Freunde in New York hatten, die der Hotel-Administration ausnahmslos bekannt waren, war es glücklicherweise nicht schwer, Gegenmaßregeln zu ergreifen. Wir ordneten kurz entschlossen an, daß kein Mensch, wer es auch sei, empfangen werde und daß keine Telephonverbindung mit unserer Nummer herzustellen sei. Dann hatten wir endlich Ruhe. Aber der »Russian Prince« spukte noch lange in den amerikanischen Blättern.

Für den Snobismus der Amerikaner und ihr Zeitungswesen ist das Erzählte sehr charakteristisch. Es gibt nur zwei Dinge, von denen sich die amerikanischen Journalisten nähren: Klatsch und Sensation. Sonst existiert für sie nichts. Das Niveau aller amerikanischen Zeitungen – auch der deutschen – ist ein geradezu klägliches. Die verpöntesten Pariser Klatschblätter sind trockene wissenschaftliche Revuen dagegen.

Übrigens gibt es noch ein Drittes, wovon die amerikanischen Zeitungen schwellen und ihre Besitzer reich werden: die Reklame. Über das Reklame-Unwesen in Amerika ließen sich Bände schreiben und sind wohl auch schon geschrieben worden. Doch zeigt es sich zuweilen in ganz amüsanten und sogar hübschen Formen. Zu diesen gehört die fabelhafte Lichtreklame, die abends und nachts in den Straßen von New York getrieben wird. Man kann sich denken, welch wunderbare Flächen für Elektrizitäts-Orgien die Brandmauern der Wolkenkratzer abgeben. Diese Gelegenheit nutzen die Amerikaner denn auch gründlich aus. Ganz New York scheint am Abend in Flammen zu stehen. Die Beleuchtungstechnik feiert Triumphe. Die unglaublichsten Dinge spielen sich an den Wänden der Häuser ab, dargestellt durch elektrische Lampen: Boxerkämpfe, Pferderennen, Tänze, weiß der Himmel was alles noch. Diese Illumination bietet ein feenhaftes Bild, an dem man sich anfangs gar nicht satt sehen kann. Außerdem sind diese weithin leuchtenden Reklameschilder vortreffliche Orientierungstafeln für alle Fremde. Zu unserem Leitstern wurde ein zirka dreißig Etagen hoher Frauenkopf, der freundlich mit dem linken Auge blinzelte. Er lud zum Einkauf von »Spearmint« ein. Das ist eine besonders beliebte Sorte des amerikanischen Kaugummis. In Amerika kaut nämlich jedermann von morgens früh bis abends spät Gummi. Hoffentlich ist das ebenso hygienisch, wie es unästhetisch ist. Der Fremde freilich verwünscht den Gummi in der Amerikaner Munde. Zu einer Konversation wird dieser Gummi nämlich nicht etwa herausgenommen oder ausgespuckt, sondern bloß mit der Zunge beiseite geschoben. Nun spricht der Amerikaner sowieso sein Englisch als wenn er Brei im Munde hätte. Dieser Gummiballen in der Backentasche verwandelt seine Aussprache vollends in eine Folge unartikulierter Laute und Geräusche. Wenn man gerade eine halbe Stunde lang mit einem Chauffeur oder Schutzmann geredet hatte, um ihr Kautschuk-Englisch endlich doch gründlich mißzuverstehen und dann zu der freundlich blinzelnden Spearmint-Dame aufblickte, schien ihr Lächeln nur noch Spott und Schadenfreude auszudrücken, und man wußte nicht, was man mehr verwünschen sollte, die Gummi-Industrie oder die elektrische Beleuchtungstechnik, die für sie Reklame macht.

3. POLIZEIWESEN, DETEKTIVS, VERBRECHERKNEIPEN UND OPIUMHÖHLEN.

Der Mord-, Spiel- und Skandalprozeß des amerikanischen Polizeileutnants Becker hat die New Yorker Polizei in den Augen Europas diskreditiert. Wir sind ja froh, wenn wir den Nachbarn jenseits des Großen Wassers nachsagen können, daß bei ihnen irgend etwas faul ist. Müssen wir doch in vielen Dingen, wenn auch noch so ungern und widerstrebend, ihre Überlegenheit zugeben. Aber auch in bezug auf die amerikanische Polizei sollte man sich hüten, auf Grund sensationeller Zeitungsnachrichten ein vorschnelles Urteil zu fällen. Eine Eiterbeule beweist noch lange nicht, daß der ganze Organismus krank ist.

Tatsache ist jedenfalls, daß die Einrichtungen der New Yorker Polizei über jedes Lob erhaben sind. Wie diese Einrichtungen funktionieren, ist eine andere Frage, die man erst nach gründlichem Studium der einschlägigen Verhältnisse beantworten könnte.

Bei flüchtigem Einblick wirkt die Organisation der Kriminalpolizei in New York verblüffend. Dank einer einflußreichen Empfehlung durften wir die Einrichtungen des Haupt-Polizeiamts aufs Genaueste in Augenschein nehmen. Es scheint unmöglich, daß jemand, der einmal mit der New Yorker Kriminalpolizei in Berührung gekommen ist, sich jemals wieder vor ihr verbergen könnte.

Ein besonderer Raum enthält die Verbrecher-Albums, d. h. Photographien-Schränke, in denen an beweglichen Rahmen, sorglich geordnet und numeriert, die Porträts sämtlicher Personen zu finden sind, die das Kriminalamt als verdächtig passiert haben. Jede Karte zeigt zwei Aufnahmen, die eine en face, die andere im Profil. Für den Physiognomiker ist diese Porträt-Galerie natürlich eine wahre Fundgrube, aber auch dem Laien fällt es schwer, die Durchsicht der Schränke einzustellen. Leider ist es unmöglich, diese ganze, weit über Hunderttausend Nummern umfassende Sammlung in Augenschein zu nehmen.

Man findet unter den Verbrecher-Physiognomien außerordentlich interessante Gesichter. Man möchte gerne einen oder den anderen Kopf genauer betrachten. Und es reizt einen natürlich, die Geschichte der betreffenden Personen kennen zu lernen. Das ist dem Beschauer übrigens leicht gemacht. Neben der Photographie befindet sich eine zweite Karte, die nicht nur das Signalement des Verbrechers enthält, sondern auch eine kurze Angabe der Art und der Zahl seiner Verbrechen. Neben Raubmördern finden sich dort harmlose Hochstapler, neben Dieben und Wechselfälschern – Heiratsschwindler und Falschmünzer. Eine Nummer auf der Karte verweist einen an einen der Schränke des nebenanliegenden Archivs. Dort findet man in dem betreffenden Schubfache nicht nur das ganze Aktenmaterial, sondern auch alle Zeitungsnotizen über den betreffenden Verbrecher und alle Darstellungen, die seine Schandtaten in der Presse gefunden haben. Oft ist es eine ganze kleine Bibliothek, die zu diesem oder jenem Verbrecherkopf gehört. Wieder eine andere Nummer gibt die Stelle an, wo man das genaue Signalement des Mannes, die Resultate der an ihm vorgenommenen anthropometrischen Messungen und die Photographie seiner Fingerabdrücke finden kann. Überall herrscht eine so musterhafte Ordnung, daß sich jeder Laie sofort zurechtfinden kann, ohne fremder Beihilfe zu bedürfen.

Ein Kapitel für sich bilden die Fingerabdrücke. Der uns begleitende Kriminalbeamte konnte sich nicht genug tun in Lobpreisungen dieses angeblich unfehlbaren Mittels zur Diagnostik von Verbrechern. Das Liniensystem der Fingerspitzen ist jetzt minutiös klassifiziert. Mit kabalistisch anmutenden Zahlen und Buchstaben kann jeder Fingerabdruck aufs genaueste rubrifiziert werden. Das erleichtert nachher seine Auffindung unter dem schon vorhandenen Material sehr erheblich. Unser Führer zeigte uns nachher die Abdrücke eines Zeige- und Mittelfingers, die kürzlich am Tatort eines Verbrechens an einem silbernen Eßlöffel nachgewiesen worden waren und die zur unfehlbaren Identifizierung des Verbrechers – es handelte sich um einen ganz scheußlichen Raubmord – geführt hatte. Wenn man sich das Gewirr der Linien eines Fingerabdrucks unter der Lupe betrachtet, wird allerdings ohne weiteres klar, daß eine genaue Wiederholung dieses komplizierten und bizarren Labyrinths an einem anderen Finger unmöglich ist. Leider sind jetzt nur schon viele amerikanische Verbrecher so schlau, in Handschuhen zu »arbeiten«.

Eine höchst wichtige Rolle im amerikanischen Kriminalwesen spielen die Detektivs. Es wimmelt in New York von Geheimpolizisten. Auf Schritt und Tritt begegnet man allerhand Nick Carters und Nat Pinkertons aus Fleisch und Bein.

In allen Theatern und großen Kaufläden, auf den Bahnhöfen, in den Stadtbahnzügen, an allen öffentlichen Plätzen und in sämtlichen großen Hotels sind sie in Massen zu finden.

In der Halle des »Astor-Hotels« lernten wir sie, durch den Direktor aufmerksam gemacht, bald von anderen Hotelgästen unterscheiden. Mit einem, der ganz besonders vertrauenerweckend aussah, befreundeten wir uns sogar. Der Mann erzählte so viel Interessantes von seiner Tätigkeit, daß in meinem Reisekameraden und in mir der Wunsch erwachte, das Feld seiner früheren Tätigkeit, d. h. die eigentliche Verbrecher-Gegend New Yorks kennen zu lernen. Daraufhin machte uns der Brave den Vorschlag, uns eine Nacht in den verrufensten Stätten des dunkelsten New York herumzuführen. Nachdem uns die Hotel-Administration versichert hatte, daß wir uns dem Mann ruhig anvertrauen könnten, nahmen wir diesen Vorschlag mit Freuden an.

Am nächsten Abend um 12 Uhr fuhr das Auto vor, und los ging es – ins dunkelste New York. Dieser Ausdruck gilt zunächst im buchstäblichen Sinn des Wortes. Durch eine Reihe von miserabel erleuchteten Straßen erreichten wir das Neger-Viertel der Stadt. Das größte Kontingent der Verbrecher in den Vereinigten Staaten ist unter den Schwarzen zu suchen. Wenn man sieht, wie diese Leute behandelt werden, kann man es ihnen eigentlich nicht übel nehmen, daß sie von Haß und Rachedurst gegen die Weißen erfüllt sind. Der weiße Amerikaner sieht den Neger nicht als Menschen an, sondern als inferiores Wesen, vor dessen Berührung ihn ekelt. Ich lernte in New York eine alte Dame kennen, die täglich die unzähligen Treppenstufen zu ihrer im achten Stockwerk gelegenen Wohnung hinauf keuchte, weil sie es für nicht vereinbar mit ihrer menschlichen Würde hielt, den Lift zu benutzen, der von einem Negerboy bedient wurde. Doch das nur nebenbei.

Dieser Horror vor allem, was ein »colored man« ist, zwingt die Neger, in dem für sie reservierten Stadtviertel zu leben und zu sterben. Wir suchten zuerst eine Negerkneipe dritten Ranges auf. Unser Nick Carter schien dort wohlgelitten zu sein. Der Wirt empfing ihn mit ausgesuchter Höflichkeit. Es ging in dem Lokal etwas laut, aber keineswegs anstößig zu. In der Mitte des ziemlich kleinen Raumes drehten sich einige Negermädchen und -burschen im Tanz. Die Musik dazu lieferten ein schwarzer Pianist und zwei ebenso schwarze Gitarristen. Sie eroberten meine Sympathien sofort. Ich habe eine große Schwäche für die originellen Rhythmen der Negermelodien. Sie enthüllen ihren ganzen Reiz aber erst, wenn man sie von Negern selbst spielen hört. Diese Selbstverständlichkeit und Elastizität der stets synkopierten Rhythmen bringt ein Europäer nie und nimmer heraus, er mag noch so musikalisch sein. Furchtbar aber ist es, wenn die Neger anfangen zu singen. Leider tat das eine anwesende Negermaid. Sie hatte, wie alle ihre Stammesgenossen, eine grauenhafte Stimme, ein Mittelding zwischen einem schlecht geschmierten Wagenrad und einem verbeulten Gießkannenrohr. Trotzdem erntete sie beim anwesenden Publikum rauschenden Beifall.