IV.
Eine vom Autor in die Buchausgabe nicht mitaufgenommene Szene des „Revisor“.[1]

8. Szene (des vierten Aufzuges)

Chlestakóff und Hübner.

Hübner. Ich habe die Ehre, mich zu rekommandieren: Doktor der Armenanstalten Hübner.

Chlestakóff. Bitte nehmen Sie gefälligst Platz.

Hübner. Es freut mich sehr, die Ehre zu haben, einen so würdigen Mann zu sehen, den die hohe Obrigkeit bevollmächtigt hat ...

Chlestakóff. Bitte kein Deutsch, da bin ich recht wenig ... Sprechen wir doch lieber russisch. Was ich sagen wollte: die Herren Beamten beziehen jetzt allgemein ein recht gutes Gehalt. Haben Sie sich mit Geld versehen?

Hübner. Geld? Wieso Geld?

Chlestakóff. Nun, ich würde Sie in dem Falle gebeten haben, es mir zu borgen ... zu borgen ... Soll natürlich heißen: Sie gibt es mir jetzt, und ich gebe[2] es Ihnen später wieder.

Hübner. Geld ... Geld habe ich keins ... (zieht eine Brieftasche heraus und schüttelt sie aus). Sehen Sie! Nichts da ... nur eine Zigarre ... weiter nichts ...

Chlestakóff. Na, dann ist nichts zu machen. Wo nichts ist, hat auch der Kaiser sein Recht verloren.

Hübner (steckt die Brieftasche ein und greift in die Rocktasche). Wollen Sie eine Zigarre rauchen? (Zieht sie heraus und überreicht sie ihm).

Chlestakóff. Recht gern, gut! Geben Sie her, gibt (nimmt sie und steckt sie an). Ganz leidliche Zigarre; gewiß aus Petersburg. (Bläst den Rauch vor sich hin).

Hübner. Nein ... aus ... Riga ...

Chlestakóff. Aus Riga? So, das dachte ich mir gleich.

Hübner (steht auf und verbeugt sich). Ich darf Sie nicht mehr beunruhigen (sic!) und Ihnen die teure Zeit rauben, die Sie den Staatsgeschäften widmen. (Verabschiedet sich).

Chlestakóff. Adieu. War mir sehr angenehm.

9. Szene

Chlestakóff (allein). Auch eine Zigarre ist mal ganz nett. Wieviel Beamte es doch hier gibt usw.

V.
Vorwort
zu einer zum Besten der Armen geplanten Ausgabe des „Revisor“.
1846.

Fast alle russischen Schriftsteller haben aus Teilen ihrer Werke Spenden zum Besten der Armen gemacht: manche gaben zu diesem Zweck ganze Bücher heraus, andere steuerten bereitwillig zu Sammelwerken bei; noch andere endlich veranstalteten eigens dafür öffentliche Vorlesungen. Ich allein hatte mich abseits gehalten. Vom Wunsche beseelt, diese meine Unterlassung, wenn auch spät, zu sühnen, bestimme ich die vierte und fünfte gleichzeitig in Moskau und Petersburg erscheinende Ausgabe des „Revisor“ zum Besten der Notleidenden. Sie ist um eine dem Publikum noch unbekannte Skizze: „Die Deutung des Revisors“ vermehrt, die aus verschiedenen Gründen und Umständen bisher nicht veröffentlicht werden konnte und hier zum erstenmal ihren Platz findet.

Der Erlös dieser beiden Ausgaben soll ausschließlich solchen Bedürftigen zugute kommen, welche sich in unscheinbaren, niedrigen Stellungen befinden und bei einem Einkommen, das kaum für den eigenen Unterhalt notdürftig hinreicht, noch ärmere Anverwandte zu unterstützen, oft sogar zu erhalten gezwungen sind; mit einem Wort: er ist für diejenigen bestimmt, denen das bittere Los fiel, die doppelte Last des Lebens zu tragen. Und deshalb bitte ich alle meine Leser, welche bereits durch den Kauf dieses Buches das wohltätige Werk begonnen haben, es auch in gleicher Weise fortzusetzen, namentlich aber, soweit es ihre Zeit erlaubt, über alle in erster Linie Bedürftigen in Moskau sowohl wie in Petersburg nach Möglichkeit Kunde einzuziehen, sich die Mühe nicht verdrießen zu lassen, um in deren drückende Verhältnisse selbst hineinzuschauen, und alle derartigen Nachrichten denen zu übermitteln, die mit der Verteilung der Unterstützungen betraut sind.

Es herrscht viel Elend um uns her, von dem wir nichts wissen; oft siecht in derselben Stadt, derselben Straße, ja in demselben Hause, in dem wir wohnen, ein Mensch unter der schweren Last der Not und dem durch sie erzeugten Herzenskummer dahin, dessen ganzes Schicksal vielleicht abgewendet werden konnte, wenn wir nur einmal den Blick auf ihn gerichtet hätten; wir aber schauten uns nicht nach ihm um; wir leben sorglos und unbekümmert weiter, hören fast teilnahmslos die Nachricht, daß ein jemand, der neben uns lebte, zugrunde gegangen ist, und ahnen nicht einmal, daß die Ursache seines Unterganges lediglich die war, daß wir uns nicht die Mühe gaben, nach ihm hinzusehen. Um Christi willen bitte ich inständigst einer mündlichen Rücksprache mit solchen nicht aus dem Wege zu gehen, welche verschlossen und zurückhaltend sind, stumm sich grämen, stumm leiden und stumm dahinsterben, so daß man nur selten und oft erst nach ihrem Tode erfährt, sie seien unter der unerträglichen Last ihres Kummers zusammengebrochen. Alle diejenigen meiner Leser, welche durch wichtige Geschäfte und Pflichten gebunden nicht die Muße haben, sich direkt der Lage der Bedürftigen anzunehmen, bitte ich, sich einer möglichst weitgehenden pekuniären Beihilfe nicht zu versagen und diese einer von den mit der Verteilung der Unterstützungen betrauten Personen zu überweisen, deren Namen und Adressen am Schluß dieses Vorwortes verzeichnet sind.

Ich erachte es für meine Pflicht hierbei mitzuteilen, daß ich für diese Mühewaltung lediglich solche von den mir bekannten Persönlichkeiten ausgewählt habe, welche, ohne durch eigene Sorgen und Geschäfte an der für dergleichen Angelegenheiten notwendigen Muße gekürzt zu sein, sich überdies aus Herzensbedürfnis gedrungen fühlen, dem Nächsten zu helfen und diese mühselige Arbeit freudig auf sich genommen haben, ungeachtet dessen, daß sie sie vieler angenehmer gesellschaftlicher Vergnügungen beraubt, auf die man sonst ungern verzichtet. Deshalb darf sich jeder Gebende überzeugt halten, daß die von ihm gewährte Unterstützung auch mit Überlegung verteilt und keine Kopeke nutzlos vergeudet werden wird. Die Betreffenden werden keinem Menschen eher beispringen, bevor sie ihn nicht aus der Nähe kennen gelernt, alle obwaltenden Umstände erwogen und so die volle Einsicht gewonnen haben, auf welche Art und Weise die jenem zugedachte Unterstützung zur Anwendung kommen soll. In solchen Fällen jedoch, wo der Unglückliche sein schweres Los selbst verschuldet hat und sein Elend mit Gewissensfragen in Verbindung steht, werden sie die Beihilfe nur durch erfahrene Geistliche und namentlich solche Beichtiger zur Ausführung bringen lassen, die nicht zum erstenmal mit Seele und Gewissen des Menschen zu tun hatten. Es wäre wünschenswert, wenn jeder, der Nachforschungen nach Bedürftigen anzustellen gedenkt, sich der Mühe unterziehen wollte, die Ergebnisse den Verteilern der Unterstützungsgelder persönlich und nicht schriftlich darzulegen; denn bei mündlicher Rücksprache lassen sich all’ jene Mißverständnisse leicht beseitigen, die bei brieflicher Mitteilung nie zu vermeiden sind. Auf diese Weise wird jeder sich nach Beschaffenheit seines Falles selber darüber ein Urteil bilden können, an welche der bezeichneten Personen er sich lieber, bequemer und zweckentsprechender wenden mag, auch erwägen können, wann die mitfühlende Beteiligung einer Frau, wann das kräftige, brüderlich ermutigende Wort eines Mannes im besonderen vonnöten sei. Noch nützlicher wäre, wenn zu solchen Besprechungen ein für allemal eine bestimmte Stunde festgesetzt würde, beispielsweise von 11-12, eine Stunde, die überhaupt für alle, wenigstens für die Mehrzahl, die geeignetste ist; und sollte sie trotzdem dem einen oder anderen nicht genehm sein, so wird der zu dieser Stunde Vorsprechende auf jeden Fall die Ansage einer anderen, geeigneteren erhalten können.

Zur Verteilung der Unterstützungsgelder haben sich bereit erklärt:

In Moskau:

Awdotja Pietrowna Jelagina.
Katerina Alexandrowna Swjerbejewa.
Wjera Sergejewna Aksakowa.
Alexej Stjepanowitsch Chomjakoff.
Nikolai Filippowitsch Pawloff.
Pjotr Wassiljewitsch Kirejewski.

In Petersburg:

Olga Stjepanowna Odojewskaja.
Gräfin Anna Michailowna Wjeljegorskaja.
Gräfin Daschkowa.
Arkadij Ossipowitsch Rosseti.
Jurij Fjodorowitsch Ssamarin.
Wladimir Alexejewitsch Muchanoff.

VI.
Die Deutung des Revisors

Personen:

Erster Schauspieler, Komiker: Michailo Sjemjonowitsch Schtschepkin.
Eine hübsche Schauspielerin.
Zweiter Schauspieler.
Fjodor Fjodorowitsch, Theaterenthusiast.
Pjotr Pjetrowitsch, ein vornehmer Herr.
Sjemjon Sjemjonowitsch, ein Herr aus ebenfalls ziemlich gutem Stande.
Nikolai Nikolajewitsch, ein Literat.
Schauspieler und Schauspielerinnen.

Erster Schauspieler (tritt auf die Bühne). Nun, jetzt wäre Bescheidenheit unangebracht. Diesmal, darf ich sagen, habe ich ausgezeichnet gespielt und der Applaus des Publikums war nicht unverdient. Fühlt man das selber, ohne sich vor sich selbst zu schämen, dann war eben die Leistung vollkommen.

(Eine Menge Schauspieler und Schauspielerinnen betreten die Bühne)

Zweiter Schauspieler (einen Kranz in der Hand). Michailo Sjemjonowitsch, jetzt kommen wir, nicht das Publikum, um Ihnen diesen Kranz zu bringen. Das Publikum verteilt seine Kränze nicht immer nach strenger Wahl; es schenkt sie auch geringeren Leistungen. Wenn aber Kollegen, die doch oftmals neidisch und unbillig sind — wenn eben diese Kollegen jemandem einmütigen Sinnes einen Kranz bringen, dann besagt das, daß dieser Mann des Kranzes vollkommen würdig ist.

Erster Schauspieler (den Kranz entgegennehmend). Liebe Kollegen, ich weiß diesen Kranz zu schätzen.

Zweiter Schauspieler. Nein, nicht in der Hand, aufs Haupt sollen Sie ihn setzen!

Alle Schauspieler und Schauspielerinnen. Aufs Haupt den Kranz!

Die hübsche Schauspielerin (vortretend, mit befehlender Gebärde). Michailo Sjemjonowitsch, den Kranz aufs Haupt!

Erster Schauspieler. Nein liebe Kollegen, den Kranz nehme ich zwar von Euch an, aber aufsetzen darf ich ihn nicht. Etwas anderes ist’s, vom Publikum einen Kranz zu empfangen, als den gewohnten Ausdruck des Dankes, womit es jeden beschenkt, der seinen Beifall zu erringen wußte; einen solchen Kranz nicht aufsetzen, würde Geringschätzung gegenüber seiner Gunst bedeuten. Um aber einen Kranz im Kreise gleichwürdiger Kollegen aufzusetzen, dazu bedürfte es weit größerer Selbstüberhebung, als ich sie besitze.

Alle. Den Kranz aufs Haupt!

Die hübsche Schauspielerin. Den Kranz aufs Haupt, Michailo Sjemjonowitsch!

Zweiter Schauspieler. Das ist unsere Sache, hier richten wir, nicht Sie. Setzen Sie ihn bitte nur erst mal auf, dann wollen wir Ihnen schon sagen, weshalb wir Sie bekränzt haben. So ist’s recht! Und nun hören Sie! Der Kranz gebührt Ihnen darum, weil Sie uns schon reichlich zwanzig Jahre angehören, ohne daß auch nur ein einziger unter uns sich jemals von Ihnen gekränkt gefühlt hätte; darum, weil Sie hingebender als wir alle ihre Pflicht getan und eben dadurch auch unseren Ehrgeiz geweckt haben, auf unserer Bahn nicht zu ermatten, wozu wir sonst schwerlich die Kraft gehabt hätten. Gibt es denn eine Macht, die stärker fortreißen könnte, als das anfeuernde Beispiel eines Kollegen? Und darum auch, weil Sie stets nicht nur an sich selbst gedacht, sich nicht nur Mühe gegeben haben, Ihre eigne Rolle gut zu spielen, sondern auch Sorge trugen, daß jeder andere die seine nicht verderbe, keinem Ihren Rat versagt und keinen gering geachtet haben. Und endlich darum, weil Sie die Kunst so geliebt haben, wie niemals einer von uns übrigen. Nun wissen Sie, warum wir einmütig Ihnen jetzt diesen Kranz widmen.

Erster Schauspieler (mit Rührung). Nein, liebe Kollegen, so war es nicht, wiewohl ich wünschte, es wäre so gewesen.

(Es erscheinen Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch, Pjotr Pjetrowitsch und Nikolai Nikolajewitsch.)

Fjodor Fjodorowitsch (den ersten Schauspieler lebhaft umarmend). Michailo Sjemjonowitsch, ich bin außer mir, weiß gar nicht, was ich zu Ihrem Spiel sagen soll: so schön haben Sie noch nie gespielt!

Pjotr Pjetrowitsch. Ohne alle Schmeichelei, Michailo Sjemjonowitsch, aber ich muß aufrichtig bekennen: ich habe niemals — trotzdem ich, wie ich ohne mich zu brüsten sagen darf, alle erstrangigen Theater Europas besucht und die vorzüglichsten Schauspieler gesehen habe — niemals habe ich ein ähnlich vollkommenes Spiel gesehen, nein niemals, ohne alle Schmeichelei!

Sjemjon Sjemjonowitsch. Michailo Sjemjonowitsch! ... (außerstande, sich in Worten auszudrücken, mit einer Handbewegung). Sie sind der reine Dämon!

Nikolai Nikolajewitsch. So vorzüglich, so restlos vollkommen, so verständnisvoll und mit so tiefer Auffassung seine Rolle spielen — nein, das geht über eine einfache Darstellung hinaus, das ist eine zweite Gestaltung, ist eine Neuschöpfung!

Fjodor Fjodorowitsch. Die vollendete Kunst hat ihren Kranz erhalten! Hier endlich begreift man die Hoheit der Kunst. Was hat denn z. B. die Persönlichkeit, die Sie eben darstellten, sonst reizvolles an sich? Ist’s möglich, dem Zuschauer durch Verkörperung irgendeines beliebigen Schurken Genuß zu bereiten? Ihnen ist das gelungen. Ich habe geweint, nicht aus Teilnahme für das Schicksal dieses Menschen, sondern weil ich hingerissen war. Mir wurde hell und leicht ums Herz, und zwar deshalb, weil Sie alle Züge dieses verderbten Charakters ans Licht brachten, weil Sie klar erkennen ließen, was so ein Schurke bedeutet.

Pjotr Pjetrowitsch. Gestatten Sie mir immerhin, um ganz abzusehen von der meisterhaften Darstellung des Stückes, dergleichen ich aufrichtig gestanden noch nie gesehen habe — und ich bin doch, ohne Rühmens gesagt, in den besten Theatern gewesen — ich weiß auch nicht einmal, wem der Autor mehr zu Dank verpflichtet ist: Ihnen, meine Herrschaften, oder unserer Theaterleitung; wahrscheinlich aber beiden zugleich, denn eine derartige Aufführung hebt jedes Stück (ich bitte meine Worte nicht als leere Schmeichelei aufzufassen!). Immerhin also gestatten Sie mir, wenn wir von alldem absehen, eine Bemerkung über das Stück selbst zu machen, dieselbe Bemerkung, die sich mir schon vor zehn Jahren, bei Gelegenheit der ersten Aufführung aufdrängte: ich vermag nämlich im „Revisor“, auch wenn er so vortrefflich wie jetzt gespielt wird, nicht den geringsten Nutzen für die Allgemeinheit zu erkennen, so daß man sagen dürfte, das Stück sei für sie unentbehrlich.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Ich meinesteils halte es sogar für schädlich; es wird darin unsere Entwürdigung geschildert. Ich kann nicht glauben, daß derjenige, der es schrieb, sein Vaterland liebt. Überdies: welche Nichtachtung, welche Rücksichtslosigkeit offenbaren sich darin! Ich fasse es überhaupt nicht, wie man wagen kann, allen ins Gesicht zu sagen: „was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!“

Fjodor Fjodorowitsch. Aber Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund, du vergißt ja ganz, daß das nicht der Autor, sondern der Polizeimeister sagt, der aufgebrachte, zornige Schurke, der natürlich wütend ist, weil man über ihn lacht.

Pjotr Pjetrowitsch. Fjodor Fjodorowitsch, dagegen wäre doch einzuwenden, daß gerade diese Worte eine befremdende Wirkung taten, und daß sicherlich sehr viele Zuschauer den Eindruck gehabt haben, als richte der Autor jene Worte: „Was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber!“ ausdrücklich an sie. Ich sage das — meine Herrschaften, Sie werden meine Worte nicht so auffassen, als ob ich dem Autor persönlich übelwollte, oder voreingenommen gegen ihn wäre, oder ... kurz, als ob ich irgend etwas gegen ihn hätte, verstehen Sie mich recht; nein, ich gebe lediglich meinem eigenen Empfinden Ausdruck; mir kam es aber wirklich so vor, als ob in diesem Augenblick ein Mensch vor mir stünde, der sich über alles an uns lustig macht, über unsre Eigenschaften, unsre Sitten und Gewohnheiten; und, indem er uns zwingt, selber über all dies zu lachen, uns ins Gesicht sagt: „ihr lacht über euch selber!“

Erster Schauspieler. Erlauben Sie mir hier ein Wort einzuschalten. Das hat sich ganz unwillkürlich so ergeben: in einem an sich selbst gerichteten Monologe pflegt sich der Schauspieler gewöhnlich dem Publikum zuzuwenden. Obwohl nun der Polizeimeister halb bewußtlos und dem Wahnsinn nahe ist, muß er doch erkennen, wie überaus lächerlich er sich durch seine ohnmächtigen Drohungen gegen Chlestakóff macht, der zur selben Zeit im Postwagen über Stock und Stein auf Nimmerwiedersehen davonjagt. Mag man dem immerhin die Deutung geben, von der Sie reden: dem Autor jedenfalls hat jede derartige Absicht ferngelegen; ich sage Ihnen das deshalb, weil ich ein kleines Geheimnis dieses Stückes kenne. Gestatten Sie mir übrigens eine Gegenfrage: was wäre denn, wenn der Autor wirklich die Absicht gehabt hätte, dem Zuschauer begreiflich zu machen, daß er über sich selber lacht?

Sjemjon Sjemjonowitsch. Danke für das Kompliment! Ich für mein Teil vermag nichts an mir zu entdecken, was ich mit den im „Revisor“ geschilderten Personen gemein hätte. Verzeihen Sie! Ich will mich gewiß nicht rühmen, ohne Fehler zu sein, wie das ja auch sonst kein Mensch kann, aber jenen Leuten gleiche ich doch nicht. Das fehlte noch gerade! Im Motto heißt es: „Den Spiegel soll nicht schelten, wer eine Fratze hat.“ Pjotr Pjetrowitsch, ich frage dich: habe ich eine Fratze? Und dich, Nikolai Nikolajewitsch, frage ich: habe ich eine Fratze? (Sich an die übrigen wendend.) Meine Herrschaften, ich frage Sie alle: habe ich etwa eine Fratze?

Fjodor Fjodorowitsch. Aber, Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund, du stellst wunderliche Fragen. Ein Ausbund von Schönheit bist du freilich nicht, wie ja auch wir allesamt Sünder sind. Man kann wirklich nicht so ohne weiteres behaupten, daß dein Gesicht die Vollkommenheit selber wäre; wie man es sich auch betrachtet, ein wenig schief ist es doch; nun, und was schief ist, ist schließlich auch eine Fratze.

Pjotr Pjetrowitsch. Aber meine Herren, Sie kommen ja ganz vom Thema ab! Das ist doch jedermanns eigene Gewissenssache; und wir amüsieren uns darüber zu streiten, wer eine Fratze hat, und wer nicht. Die eigentliche Frage war aber doch, um wieder darauf zurückzukommen: ich sehe in dieser Komödie nichts von Vernunft, ich sehe nichts von einem Zweck darin, wenigstens geht aus dem Werke selbst nichts dergleichen hervor.

Nikolai Nikolajewitsch. Ja, was wollen Sie denn noch für einen Zweck, Pjotr Pjetrowitsch? Die Kunst trägt doch ihren Zweck in sich selbst; das Streben nach dem Schönen und Erhabenen, das ist Kunst; das ist das unverbrüchliche Gesetz der Kunst, und ohne dies ist Kunst nicht Kunst. Und darum kann sie in keinem Falle unmoralisch sein. Sie strebt durchaus zum Guten, positiv oder negativ, ob sie uns nun das Edelste darstellt, was der Mensch besitzt, oder sich über die Häßlichkeit seiner Laster lustig macht. Wenn man alles Schlechte zur Schau stellt, was im Menschen steckt, und so kraß darstellt, daß jeder Zuschauer tiefen Abscheu davor empfindet, dann frage ich: Ist das nicht eine Verherrlichung alles Edlen? Nicht eine Verherrlichung der Tugend?

Pjotr Pjetrowitsch. Unstreitig, Nikolai Nikolajewitsch, doch möchte ich trotzdem ....

Nikolai Nikolajewitsch (fortfahrend). Nicht das ist schlimm, daß man uns im Sünder die Sünde zeigt, so daß wir erkennen, wie schlecht sie ist, sondern schlimm ist, wenn sie so dargestellt wird, daß man nicht weiß, auf welche Seite man sich stellen soll; schlimm endlich, daß uns die Tugend in einer Weise gezeigt wird, daß man in ihr nichts mehr von Tugend erkennt.

Erster Schauspieler. Wahr und schön gesprochen, Nikolai Nikolajewitsch! Sie haben ausgesprochen, was von jeher meine Überzeugung war, nur daß ich selbst es nie so treffend formulieren konnte. Ja, das ist das Schlimme, daß man in der Tugend die Tugend nicht mehr erkennt. Dies Übel kommt aber von all den modernen Dramen her, mit denen wir das Publikum unterhalten müssen. Der Zuschauer verläßt das Theater, ohne sich Rechenschaft geben zu können, was er denn eigentlich gesehen hat, ob ein böser oder ein guter Mensch vor ihm stand; er leitete ihn nicht zur Tugend, er hielt ihn nicht vor dem Laster zurück, und so bleibt er wie in einem Traum befangen, ohne aus dem, was er gesehen, eine brauchbare Richtschnur fürs Leben gewinnen zu können, ja sogar irre gemacht auf dem Wege, den er bisher gegangen, und bereit, dem ersten besten zu folgen, der ihn abseits führt, ohne zu fragen wohin und warum.

Fjodor Fjodorowitsch. Fügen Sie noch hinzu, Michailo Sjemjonowitsch, welche Überwindung es einen Schauspieler kosten muß, eine derartige Rolle zu spielen, sofern er ein echter, wahrer Künstler ist.

Erster Schauspieler. Sprechen Sie nicht davon, Ihre Worte treffen mich mitten ins Herz. Sie können gar nicht ermessen, wie bitter das manchmal ist. Man lernt, man studiert seine Rolle, und weiß doch selber nicht, wie man sie verkörpern soll. Dann vergißt man sich mitunter, versetzt sich in die Lage der darzustellenden Person, erhitzt sich, erschüttert die Zuschauer — und wenn man sich schließlich besinnt, wodurch man das erreicht hat, wird man uneins mit sich selbst: man möchte in die Erde versinken, und glüht beim Applaus wie vor eigener Scham. Ja, ich vermag nicht zu entscheiden, was verwerflicher ist: die Niedertracht so darzustellen, daß es den Zuschauer mit ihr zu sympathisieren gelüstet, oder das Walten der Tugend so wenig zur Erscheinung kommen zu lassen, daß jener gar nicht den Wunsch fühlt, ihr zu folgen. Eines wie das andere ist meiner Meinung nach — Fäulnis, aber keine Kunst. Nikolai Nikolajewitsch hat weise gesprochen: schlimm ist’s, wenn man in der Tugend die Tugend nicht erkennt.

Zweiter Schauspieler. Wahr, sehr wahr; schlimm, wenn man in der Tugend die Tugend nicht erkennt.

Pjotr Pjetrowitsch. Dagegen habe ich ganz und gar nichts einzuwenden. Nikolai Nikolajewitsch hat weise gesprochen, und Michailo Sjemjonowitsch hat es noch weiter ausgeführt. Jedoch ist all dies keine Antwort auf meine Frage. Das, was Sie eben ausgesprochen haben, nämlich: daß die Tugend mit einer magischen Kraft dargestellt werden solle, fähig, nicht nur den guten, sondern auch den schlechten Menschen an sich zu ziehen, und andererseits das Laster in so durchsichtiger Weise, daß der Zuschauer nicht nur keine Neigung spürt, mit den dargestellten Personen zu sympathisieren, sondern umgekehrt den lebhaften Wunsch fühlt, sie weit von sich zu stoßen, — all dies, Nikolai Nikolajewitsch, muß selbstverständlich die absolute Vorbedingung jedes Dichterwerkes sein; um von Zweck schon gar nicht zu reden. Jedes Dichterwerk aber muß darüber hinaus noch Sinn und Bedeutung selbständiger Art besitzen, Nikolai Nikolajewitsch, sonst geht seine Originalität verloren, sehen Sie das wohl ein? Deshalb kann ich im „Revisor“ nicht die große Bedeutung erkennen, die andere ihm beimessen. Es ist notwendig, daß volle Klarheit darüber herrsche, warum solch ein Werk unternommen wurde, speziell was es bezweckt, worauf es zielt und was es neues durch sich sagen will. Darum handelt es sich, Nikolai Nikolajewitsch, und nicht um das, was Sie im allgemeinen über Kunst sagen.

Nikolai Nikolajewitsch. Aber wozu denn erst fragen, was es bezweckt? Das liegt doch auf der Hand.

Pjotr Pjetrowitsch. Nein, Nikolai Nikolajewitsch, das liegt keineswegs auf der Hand. Ich kann in dieser Komödie keinen besonderen Zweck erkennen, es sei denn, der Autor hätte ihn absichtlich verhüllt. Dann aber bedeutet das eine Verletzung des Kunstprinzips, was Sie auch dagegen einwenden mögen. Betrachten wir diese Komödie doch mal genauer: der „Revisor“ bringt doch gewiß nicht die Wirkung hervor, daß die Zuschauer sich hinterher erhoben fühlen; im Gegenteil, ich denke, Sie wissen es selber, daß die einen zwecklos beunruhigt, andere sogar erbittert wurden, und alle samt und sonders ein drückendes Unbehagen mit nach Haus nahmen. Wenn wir absehen vom Vergnügen, das die geschickt erfundenen Szenen bereiten, von der komischen Situation vieler Personen, von der gewiß meisterhaften Zeichnung einzelner Charaktere absehen, so bleibt doch in Summa so etwas — ich kann das gar nicht einmal klar bezeichnen — so etwas unnatürlich Düsteres, so etwas wie Schrecken über unsere Sittenlosigkeit zurück. Gerade das Erscheinen des Gendarmen, der wie eine Art Henker in die Tür tritt, dies Versteinern, welches sich in allen Gesichtern ausprägt, während er das Eintreffen des wahren Revisors ankündigt, der sie alle zerschmettern, vernichten, vom Erdboden vertilgen soll, — all dies ist unerhört schreckhaft! Ich bekenne Ihnen ganz aufrichtig, à la lettre, daß mir keine einzige Tragödie jemals eine so trübe, drückende, trostlose Stimmung verursacht hat; weshalb ich sogar argwöhne, der Autor habe durch die letzte Szene seiner Komödie absichtlich diese Wirkung hervorbringen wollen. Es ist ausgeschlossen, daß das durch bloßen Zufall zustande gekommen sein sollte.

Erster Schauspieler. Da sind Sie also doch endlich bei dieser Frage angelangt. Der „Revisor“ wird nun schon an die zehn Jahr auf den Bühnen dargestellt; mehr oder minder haben alle an der niederdrückenden Wirkung, die er auf sie ausübte, Anstoß genommen; und dennoch hat sich niemand die Frage vorgelegt: weshalb mußte diese Wirkung erzielt werden? Als wenn der Autor seine Komödie nur so aufs Geratewohl geschrieben haben sollte, ohne überhaupt daran zu denken, wozu sie nützen und welche Folgen sie haben könnte. Gestehen Sie ihm doch wenigstens dieses Quentchen Verstand zu, das Sie sonst keinem Menschen absprechen; jede Tat hat doch schließlich einen Beweggrund, selbst bei unvernünftigen Leuten.

(Alle sehen ihn erstaunt an.)

Pjotr Pjetrowitsch. Erklären Sie sich genauer, Michailo Sjemjonowitsch, das ist nicht ganz verständlich.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Sie scheinen uns Rätsel aufgeben zu wollen.

Erster Schauspieler. Ja, ist Ihnen denn wirklich gar nicht aufgefallen, daß der „Revisor“ keinen Schluß hat?

Nikolai Nikolajewitsch. Wieso keinen Schluß?

Sjemjon Sjemjonowitsch. Was denn noch für einen Schluß? Fünf Akte sind doch da, auf sechs bringt es keine Komödie. Soll etwa noch ein weiterer Skandal nachfolgen?

Pjotr Pjetrowitsch. In der Tat, Michailo Sjemjonowitsch, was wäre denn das für eine Art Stück, wenn es keinen Schluß hätte? Ist das etwa auch eine Kunstregel, Nikolai Nikolajewitsch? Das kommt mir wirklich so vor, als wenn man vor uns alle ein verschlossenes Kästchen hinstellen und fragen wollte, was darin sei.

Erster Schauspieler. Und wenn es nun tatsächlich zu dem Zweck hingestellt wäre, damit Sie sich selber bemühen, es zu öffnen?

Pjotr Pjetrowitsch. Dann muß einem das wenigstens gesagt, oder gleich der Schlüssel in die Hand gegeben werden.

Erster Schauspieler. Aber wenn der Schlüssel nun doch daliegt, neben dem Kästchen liegt?

Nikolai Nikolajewitsch. Sprechen Sie doch nicht weiter in Rätseln! Sie haben von irgend etwas Kenntnis. Sicherlich hat Ihnen der Autor den Schlüssel an die Hand gegeben, und Sie halten ihn fest und spielen den Geheimnisvollen.

Fjodor Fjodorowitsch. Erklären Sie sich, Michailo Sjemjonowitsch; es interessiert mich allen Ernstes zu erfahren, was dahinter stecken mag! Mit meinen Augen sehe ich nichts.

Sjemjon Sjemjonowitsch. So öffnen Sie uns doch das rätselhafte Kästchen! Was ist’s mit diesem seltsamen Ding, das uns geheimnisvoll gebracht, geheimnisvoll vor uns aufgestellt und geheimnisvoll vor uns verschlossen gehalten wird?

Erster Schauspieler. Und was dann, wenn es sich so öffnet, daß Sie sich wundern müßten, es nicht selber haben öffnen zu können? Wenn dann etwas darin liegt, was manchem als wertloser Groschen, anderen aber als blanker Dukaten gilt, von dauerndem Wert, wie auch seine Prägung sich verändern möge?

Nikolai Nikolajewitsch. Jetzt genug mit Ihren Rätseln! Geben Sie uns ohne Umschweife den Schlüssel!

Sjemjon Sjemjonowitsch. Den Schlüssel, Michailo Sjemjonowitsch!

Fjodor Fjodorowitsch. Den Schlüssel!

Pjotr Pjetrowitsch. Den Schlüssel!

Alle Schauspieler und Schauspielerinnen. Michailo Sjemjonowitsch, den Schlüssel!

Erster Schauspieler. Den Schlüssel? Werden Sie ihn auch annehmen, meine Herrschaften? Ihn nicht vielleicht mitsamt dem Kästchen fortschleudern?

Nikolai Nikolajewitsch. Den Schlüssel! Weiter wollen wir nichts hören. Den Schlüssel!

Alle. Den Schlüssel!

Erster Schauspieler. Gut also, ich will Ihnen den Schlüssel geben. Möglicherweise sind Sie nicht gewohnt, aus dem Munde eines Komikers derartige Worte zu vernehmen; doch einerlei, heut glüht meine Seele, ich fühle mich leicht und frei, und will darum alles aussprechen, was ich auf dem Herzen habe, wie Sie auch immer meine Worte aufnehmen mögen. Nein, meine Herrschaften, der Autor hat mir den Schlüssel nicht anvertraut, aber es gibt Momente der Seelenstimmung, wo man plötzlich erkennt, was vordem unbegreiflich war. Ich fand diesen Schlüssel und mein Herz sagt mir, daß es der rechte sei; das Kästchen tat sich vor mir auf, und meine Seele sagt mir, daß der Autor selber nichts anderes gemeint haben könne.

Schauen Sie einmal genau in jene Stadt hinein, die im Stück geschildert wird! Alle ohne Ausnahme sind überzeugt, daß es eine solche Stadt in ganz Rußland nicht gibt; man hat nirgendwo bei uns von einem Orte gehört, in dem sämtliche Beamten solche Schurken wären; immer sind doch wenigstens zwei bis drei ehrenhafte darunter. Hier aber kein einziger. Mit einem Wort, solch eine Stadt existiert nicht, nicht wahr? Wie aber nun, wenn dies vielmehr unsere eigene Seelenstadt wäre, die sich in einem jeden von uns befindet? Nein, lassen Sie uns nicht mit irdischen Augen auf uns schauen — denn kein irdisches Wesen wird dereinst über uns zu Gericht sitzen, — versuchen wir doch einmal mit den Augen dessen auf uns zu schauen, der von allen Menschen Rechenschaft fordern wird, vor dem auch die besten unter uns, beherzigen sie das, vor Scham die Blicke zu Boden senken werden, und dann wollen wir einmal sehen, ob noch ein einziger den Mut haben wird zu fragen: „habe ich denn eine Fratze?“ Ob er nicht vielmehr über seine eigene Verworfenheit dann ebenso erschrecken wird, wie er über die Verworfenheit aller jener Beamten erschrak, die er vorhin im Stück sah. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, sagen Sie mir nicht: „das ist alter Kram“ oder „das wissen wir längst!“ Lassen Sie auch mich einmal reden. Bin ich denn etwa bloß zum Spaßmachen da? Dinge, die uns zu dem Zweck gegeben sind, damit wir ewig an sie denken sollen, darf man nicht alt heißen: wie etwas Neues sollen wir sie aufnehmen, gleich als hörten wir sie zum erstenmal, ohne Ansehung dessen, der sie ausspricht, sei er wer er sei. Nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, nicht um unsere Vortrefflichkeit darf es sich handeln, sondern um die Sorge, daß unser Leben, welches wir für eine Komödie anzusehen uns gewöhnt hatten, nicht auch so tragisch ende, wie die Komödie, die wir vorhin gespielt haben. Man sage was man will, furchtbar aber ist jener Revisor, der uns an den Pforten des Grabes erwartet. Und Sie wüßten nicht, wer dieser Revisor ist? Wozu die Verstellung? Dieser Revisor ist unser erwachendes Gewissen, das uns jählings zwingt, uns mit scharfem Auge selbst zu betrachten. Vor diesem Revisor wird nichts verborgen bleiben, weil er in Sendung des Allerhöchsten kommt und gerade in dem Augenblicke gemeldet wird, wo es keinen Schritt zurück mehr gibt. Dann wird sich vor uns, wird sich in unserm eignen Innern ein solches Gräuel enthüllen, daß sich vor Schrecken unser Haar sträuben wird. Darum ist es besser eine Revision von alle dem, was in uns ist, im Anfang des Lebens vorzunehmen, und nicht erst am Schlusse; besser, statt schalen Selbstlobs und schaler Selbstbeschönigungen schon jetzt in diese unsaubere Seelenstadt einzutreten, die oftmals verwahrloster als jede andere Stadt ist, und in der unsere Leidenschaften wie verworfene Beamte hausen, die den Schatz unsrer eigenen Seele bestehlen. Am Anfang des Lebens soll man einen Revisor nehmen und Hand in Hand mit ihm alles durchprüfen, was in uns ist, — einen wirklichen Revisor, keinen falschen, keinen Chlestakóff! Chlestakóff ist ein Windbeutel, Chlestakóff ist das leichtfertige irdische Gewissen, das feile, betrügerische Gewissen; ein Chlestakóff wird von den in unsrer Seele hausenden Leidenschaften sofort bestochen; an seiner Hand werden wir in unserer Seele nichts entdecken. Sehen Sie doch, wie sich jeder Beamte im Gespräch mit ihm geschickt herauswindet, rechtfertigt und fast wie ein Heiliger davongeht. Bedenken Sie, ist nicht jede unserer Leidenschaften noch viel schlauer als diese schurkischen Beamten? Die Leidenschaften nicht nur, nein sogar jede beliebige gleichgültige, platte Gewohnheit? Sie weiß sich uns so geschickt zu entwinden und zu rechtfertigen, daß man sie geradezu für eine Tugend hält, sich vor seinem Nächsten noch brüstet und spricht: „sieh, wie herrlich meine Stadt ist, wie alles darin so ordentlich und sauber ist!“ Heuchler sind unsere Leidenschaften, Heuchler, sage ich Ihnen, denn ich habe für mich selbst mit ihnen zu schaffen gehabt. Nein, mit dem leichtfertigen irdischen Gewissen entdeckt man in sich nichts davon: dies wird von jenen, und jene werden von diesem geprellt, wie die Beamten von Chlestakóff, und schließlich verflüchtigt es sich auf Nimmerwiedersehen. Und man steht dann da wie der Dummkopf Polizeimeister, der schon wer weiß wie hoch hinauswollte, sich schon General träumte, ganz zuversichtlich verkündete, er werde in der Residenz der Erste sein, den anderen bereits Ämter und Würden versprach, und dann doch plötzlich wahrnehmen muß, daß er komplett betrogen und übertölpelt worden ist von einem Bürschchen, einem Schlingel, einem Windbeutel, der nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem wirklichen Revisor besessen hatte. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, nein, meine Herrschaften, alle, alle, die ihr solcher Anschauung sein mögt, entschlagt auch dieses weltlichen Gewissens! Laßt uns nicht mit Chlestakóff, sondern mit dem wirklichen Revisor auf uns schauen. Ich versichere euch, unsere Seelenstadt ist es wert, daß für sie so von uns gesorgt werde, wie ein gewissenhafter Herrscher für sein Reich sorgt. Mit Ernst und Strenge, wie er aus seinen Landen die Bestechlichen entfernt, so laßt uns die bestechlichen Elemente aus unsrer eigenen Seele vertreiben! Ein Mittel, eine Geißel gibt es, womit man sie austreiben kann: mit dem Lachen, meine werten Landsleute! Mit dem Lachen, das all’ unsre niederen Leidenschaften so fürchten, dem Lachen, das uns geschenkt ist, um über alles, was die echte Schönheit des Menschen entstellt, lachen zu können. Geben wir doch dem Lachen seine wahre Bedeutung wieder! Entreißen wir es denen, die es erniedrigt haben zu einem leichtfertigen, weltlichen Gespött über alles, ohne Unterschied zwischen Gut und Böse. In derselben Weise, wie wir über die Verderbtheit anderer gelacht haben, laßt uns hochherzig lachen über die eigenen Schwächen, welcher Art sie auch sein mögen! Laßt uns nicht nur diese eine Komödie, sondern alles, was aus der Feder jedes beliebigen Schriftstellers kommt, der Laster und Niedrigkeit lachend an den Pranger stellt, so auf uns selbst beziehen, als wenn es lediglich für uns geschrieben wäre: alles werden wir in uns aufspüren, sofern wir unsere Seele nur nicht mit einem Chlestakóff, sondern mit dem wirklichen und unbestechlichen Revisor betreten. Und nicht wollen wir uns irre machen lassen, wenn so ein aufgebrachter Polizeimeister oder richtiger: der böse Geist selber uns zuraunt: „Warum lacht ihr? Ihr lacht über euch selbst!“ Stolz wollen wir ihm dann entgegnen: „Jawohl, wir lachen über uns selbst, weil wir die Stimme unseres edlen russischen Wesens vernehmen, weil wir den Befehl des Höchsten vernehmen, der uns gebietet, besser zu werden als die übrigen!“ Meine lieben Landsleute, seht, in meinen Adern fließt dasselbe russische Blut wie in den euren. Schaut her: ich weine! Ich, der Komiker, der euch noch eben belustigt hat, ich weine jetzt. Gönnt mir das Bewußtsein, daß auch mein Lebensweg so ehrenhaft ist, wie der eines jeden von euch, daß auch ich meinem Vaterlande so ehrlich diene, wie ihr andern alle, daß ich kein beliebiger Possenreißer bin, geschaffen zur Kurzweil der gedankenlosen Menge, sondern ein treuer Beamter des großen Gottesreiches; und daß ich ein Lachen in euch erweckt habe — nicht das sündhafte, mit dem ein Mensch den andern verspottet, und das die nichtige Leere des Müßiggangs gebiert, — sondern jenes Lachen, welches aus der Nächstenliebe quillt. Einträchtig wollen wir aller Welt beweisen, daß in russischen Landen alles, was da lebt, klein und groß, bemüht ist, dem zu dienen, dem man auf Erden dienen soll, und (nach oben blickend) nach dorthin aufwärts strebt zur höchsten, ewigen Schönheit.

VII.
Nachtrag
zur „Deutung des Revisors“.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Was bedeutet das, Michailo Michailowitsch, von was für einer Seelenstadt reden Sie?

Michailo Michailowitsch. Es war eine Eingebung. Mir schien, es sei dies meine eigene Seelenstadt, und die letzte Szene stelle die letzte Szene des Lebens vor, wo das Gewissen einen plötzlich zwingt, sich selbst scharf zu betrachten und vor sich selber zu erschrecken. Mir schien, als sei dieser wirkliche Revisor, dessen bloße Ankündigung am Schluß der Komödie solchen Schrecken hervorruft, unser wahres Gewissen, welches uns an der Pforte des Grabes entgegentritt; und dieser Windbeutel Chlestakóff, dieser Schelm, oder wie Sie ihn sonst nennen wollen, sei unser falsches weltliches Gewissen, das, indem es sich unsern Schrecken zunutze macht, unversehens die Maske des wahren annimmt und sich von unseren Leidenschaften bestechen läßt, wie Chlestakóff von den Beamten, um dann wie dieser spurlos zu verschwinden. Mir schien, als träte jener trostlos niederdrückende Schluß, der die Zuschauer so betrübt und erschüttert hat, mit der Mahnung vor mich hin, daß auch das Leben, das wir gewöhnlich als eine Komödie betrachten, einen solch düster-tragischen Abschluß haben könne. Mir schien, als lehre der gesamte Inhalt der Komödie, daß man die Pflicht habe, zu Anfang jenen Revisor zu nehmen, der uns am Schluß entgegentritt, um an seiner Hand die eigene Seele genau so durchzuprüfen, wie ein gerechter Herrscher sein Reich revidiert, und daß man sich ebenso gegen die eigenen Leidenschaften wappnen müsse, wie sich ein solcher gegen bestechliche Beamte wappnet; und zwar darum, weil jene ebenso rücksichtslos die Schätze unserer Seele bestehlen, wie diese die Kassen und das Vermögen des Staates. Mit dem echten Revisor soll man es tun, weil unsere heuchlerischen Leidenschaften, und nicht nur sie allein, sondern jede geringste alberne Gewohnheit so schlau uns beizukommen, sich so geschickt vor uns zu beschönigen versteht, wie nur irgend die schurkischen Beamten vor Chlestakóff, so daß man drauf und dran ist, sie für Tugenden zu halten und sich der Ordnung in der eigenen Seelenstadt zu rühmen, ohne auch nur im entferntesten zu argwöhnen, daß man hinterher der Betrogene sein könne, gleichwie der Polizeimeister. So kam es mir vor.

Pjotr Pjetrowitsch. Michailo Michailowitsch, all das ist schön gesprochen; wo aber fanden Sie hier die Ähnlichkeit? Was für eine Beziehung besteht denn zwischen Chlestakóff und dem leichtfertigen weltlichen Gewissen, oder zwischen dem echten Revisor und dem echten Gewissen? Nikolai Nikolajewitsch, sagen Sie mir offen: finden Sie hier irgendwelche Analogie?

Nikolai Nikolajewitsch. Nicht die geringste.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Auch ich nicht; wie weit ich auch die Augen aufsperre, ich sehe nichts davon.

Fjodor Fjodorowitsch. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, Michailo Michailowitsch, obgleich der Gedanke nicht übel ist und einer künstlerischen Arbeit sehr wohl als Thema dienen könnte, daß ich dennoch nicht glauben kann, der Autor habe ihn im Sinn gehabt.

Nikolai Nikolajewitsch (bestimmt). Unsinn! er ist ihm nicht einmal eingefallen!

Michailo Michailowitsch. Ja, habe ich denn etwa behauptet, daß der Autor ihn im Sinne gehabt hat? Ich erklärte Ihnen doch vorhin schon: „Der Autor gab mir den Schlüssel nicht, ich biete Ihnen dafür den meinen.“ Selbst wenn er diesen Gedanken gehabt hätte, würde er doch in einem solchen Falle unklug gehandelt haben, wenn er ihn deutlich erkennen ließe. Dann wäre die Komödie auf eine Allegorie hinausgelaufen, hätte sich in eine dürre, moralisierende Predigt verwandelt. Nein, seine Sache war es vielmehr, lediglich den Abscheu vor tatsächlichen Mißständen, nicht solchen in einer ideellen Stadt, sondern in einer realen, irdischen, zur Darstellung zu bringen, und alles Schlechte unserer Heimat so zusammenzufassen, daß man es sofort als solches erkennt und nicht etwa für das unvermeidliche Übel hält, welches ebenso unausweichlich zwischen das Gute gemengt ist, wie die Schatten auf einem Gemälde. Seine Pflicht war es, diese Schatten so schwarz zu malen, daß ein jeder fühlen soll, es müsse dagegen angekämpft werden; daß den Zuschauer Schrecken erfaßt und ihm der Schauder durch Mark und Bein geht. Das war seine Pflicht. Unsere Pflicht aber ist es, die Moral daraus zu ziehen. Wir sind Gott sei Dank keine Kinder mehr. Ich habe darüber nachgesonnen, was für eine Moral ich für mich selbst daraus ziehen könnte, und bin auf jene verfallen, die ich Ihnen soeben mitgeteilt habe.

Pjotr Pjetrowitsch. Michailo Michailowitsch! Eine Komödie wird für alle geschrieben; es soll jedermann die Moral daraus ziehen können, eine Moral, die naheliegt und allen erreichbar ist, nicht aber so fern liegen darf, daß höchstens ein ungewöhnlich begabter Mensch sie für sich allein finden kann. Warum, frage ich, hat niemand außer Ihnen diese Moral gefunden?

Nikolai Nikolajewitsch. Sehr richtig, das ist der springende Punkt! Erklären Sie erst einmal, weshalb nur Sie, und nicht auch alle anderen sie gefunden haben?

Sjemjon Sjemjonowitsch. Ja, Michailo Michailowitsch, weshalb haben Sie und nur Sie allein sie gefunden?

Michailo Michailowitsch. Zunächst einmal: woher wissen Sie, daß nur ich allein diese Moral gefunden habe? Und ferner: aus welchem Grunde halten Sie sie für fernliegend? Ich meine doch, daß uns unsere Seele näher liegt, als alles andere. Ich hatte damals meine eigene Seele im Sinne, ich dachte an mich selbst, und darum eben zog ich diese Moral daraus. Hätten auch andere vor allem an sich selbst gedacht, dann hätten auch sie gewiß die gleiche Moral wie ich finden können. Dringt denn aber jeder von uns so tief in das Dichterwerk ein, wie die Biene in die Blüte? Um herauszusaugen, was man braucht? Nein: wir suchen in allem eine Moral für andere, nicht für uns; wir sind immer dabei, die Allgemeinheit zu behüten und zu bewahren, indem wir eifrigst für die Moralität anderer Leute Sorge tragen — und unsere eigene vergessen. Machen wir uns doch gern über andere lustig, nicht aber über uns selbst; freuen uns, die Fehler der anderen zu bemerken, nicht aber die eigenen. Wie dem nun auch sein mag, schauen Sie doch aber mal hin: dreitausend Menschen kommen ins Theater; alle wissen, daß sie gekommen sind, um sich zu amüsieren und jeder von diesen dreitausend setzt voraus, er werde Gelegenheit finden, sich über andere lustig machen zu können, nicht aber über sich selbst. Die leiseste Andeutung, daß er selber vielleicht gar dem ähnele, über den er lachte, kann ihn erzürnen und er würde sofort wütend wiederholen: „habe ich denn eine Fratze?“

Sjemjon Sjemjonowitsch. Michailo Michailowitsch, in diesem Sinne meine ich das nicht ...

Michailo Michailowitsch (ihn unterbrechend). Gestatten Sie, Sjemjon Sjemjonowitsch! Sie, ein ehrenwerter Mann, mit echt russischem Herzen, ein Mensch, der mit wahrhaft christlichem Auge das Leben betrachtet, — warum sprechen Sie aus, was Ihrer eigenen Denkungsart widerstreitet? Vor allem, warum vergessen Sie jedesmal, daß das Thema der Komödie und überhaupt der Satire nicht das Tüchtige, sondern das Verächtliche im Menschen ist? Daß, je schwärzer sie das Laster schildert und je stärker sie den Zuschauer erbeben und vor ihm schaudern macht, sie desto vollkommener ihren Zweck erreicht? Warum vergessen Sie das jedesmal und weisen der Satire Motive zu, die vielmehr dem Bereiche der Tragödie gehören? Warum betrachten Sie nicht auch das Werk des Schriftstellers mit dem Auge des Christen? Nein, wer eine Moral haben will, wird sie für sich selbst auch finden; wer in seine eigene Seele schaut, wird von überallher nehmen, was er braucht: wird auch in dieser realen Stadt seine eigene Seelenstadt erkennen, wird erkennen, daß man sich mit aller Kraft gegen die Heuchelei wappnen muß. Nein, lassen Sie die Satire unbehelligt, sie tut ihre Schuldigkeit. Das Laster darf nirgendwo geschont werden, mag es zu Tage treten, wo es wolle. Wenn Sie aber schon christlich handeln wollen, dann beziehen Sie die Satire auf sich selbst, wenden Sie die Komödie auf sich selbst an, ehe Sie eine Beziehung auf die Allgemeinheit darin suchen. Will man wahrhaft christlich handeln, dann ist es Pflicht, jede Dichtung, in der das Laster gegeißelt wird, auf sich selbst zu beziehen, gleich als wäre Sie bloß unsertwegen verfaßt. Sie wissen es ja doch, daß wir keinen Fehler an anderen entdecken können, den wir nicht wenigstens als Reflex auch selber besäßen, — in geringerem Maßstabe, anders geartet, in anderer Verkleidung, anständiger, liebenswürdiger und verbrämter als Chlestakoff. Einerlei was man sucht, wenn man in seine Seele nur mit jenem unbestechlichen Revisor hineinschaut, der unser an der Pforte des Grabes harrt! Wir wissen das sehr wohl, wollen es aber nicht wissen! Tagtäglich gestehen wir uns ein, daß unser Inneres von Leidenschaften wimmelt, aber austreiben wollen wir sie nicht. Und haben doch eine Peitsche in der Hand, um sie austreiben zu können.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Eine Peitsche? Welche Peitsche denn?

Michailo Michailowitsch. Ist das Lachen etwa keine Peitsche? Oder meinen Sie, es wäre uns umsonst geschenkt, während doch selbst der verworfenste Mensch sich davor fürchtet? Fürchtet sich doch sogar derjenige davor, der sich sonst vor nichts fürchtet! Also ist es uns zu einem wichtigen Zwecke geschenkt. Und wozu? Meinen Sie etwa, um uns in oberflächlicher Weise zu amüsieren? Haben wir es aber zu dem Zwecke erhalten, um damit alles zu geißeln, was die edleren Eigenschaften des Menschen befleckt, warum geißeln wir dann nicht zuerst einmal das, was unsere eigene Seele verunziert? Warum verwenden wir es nicht gegen das eigene Innere, treiben nicht aus dem eigenen Lande die eigenen Schurken hinaus? Warum soll die leise Andeutung, daß wir über uns selbst lachen, uns Ärger verursachen? Sei dem wie ihm wolle, aber jede unserer Leidenschaften, jede unserer schlechten Gewohnheiten will immer eine möglichst vornehme Rolle spielen und äußerlich vornehm scheinen, und schleicht sich lediglich unter dieser Maske in unsere Seele ein, die, weil von edlerer Natur, jene in ihrer schmutzigen Nacktheit sonst zurückweisen würde. Aber glauben Sie mir, würden wir sie vor uns selbst dem Lachen preisgeben und so schonungslos geißeln, daß man selber vor Scham erglüht und nicht weiß, wo man sein Antlitz verbergen soll, — sie würde nicht wagen, sich in unserer Seele einzunisten, und würde spurlos verschwinden.

Sjemjon Sjemjonowitsch. In der Tat, Ihre Worte geben zu denken. Sie glauben also, die Anwendung des Lachens auf sich selbst, gegen die eigene Person, sei möglich?

Pjotr Pjetrowitsch. Ich bin der Meinung, daß das bloß derjenige vermag, der den Adel der menschlichen Natur fühlt und Schauder vor seinen eigenen Fehlern empfindet.

Michailo Michailowitsch. Und ich meinerseits bin überzeugt, daß, wer nur ein echt russisches Herz besitzt, es ganz leicht kann. Ein jeder von uns besitzt ja doch dies Lachen; ein gewisser schonungsloser Sarkasmus ist selbst unter unseren niederen Volksschichten verbreitet. Auch besitzen wir den Mut, aus uns herauszugehen und uns selbst nicht zu schonen. Und gerade deshalb ist es vielleicht uns allein möglich, dem Lachen seine ihm gebührende Richtung zu geben. Widerlegen Sie mich, beweisen Sie mir, daß ich lüge; vernichten Sie, zerstören Sie meine Überzeugung, und vernichten Sie zugleich mich selber, den armseligen Possenreißer, der für diese Überzeugung lebt, die er an seinem eigenen Leibe erprobt hat. Sjemjon Sjemjonowitsch, fließt nicht in meinen Adern das gleiche russische Blut wie in den Ihren? Fühle ich in meinen erhabensten Momenten etwas anderes, als Sie in solchen zu fühlen fähig sind? Stehe ich nicht gerade jetzt in meinem erhabensten Momente vor Ihnen? Meine Laufbahn ist beendet; ich verlasse das Theater, dem ich zwanzig Jahre lang gedient habe. Sie selber haben mich mit dem Kranz geschmückt, haben mich in Wallung gebracht. Sie selber haben mich fast gezwungen zu sagen, was ich eben gesagt habe. Sehen Sie her: ich weine. Ich, der Komiker, der Sie noch eben belustigte, ich weine nun. Gönnen Sie mir das Bewußtsein, daß auch mein Lebensweg so ehrenhaft war, wie der eines jeden von Ihnen; daß auch ich meinem Vaterlande treu gedient habe, daß ich kein alberner Possenreißer, sondern ein ehrlicher Beamter des großen Gottesreiches war, und in Ihnen nicht etwa das törichte Lachen erweckt habe, womit ein Mensch den anderen verspottet, sondern jenes Lachen, welches aus der Nächstenliebe quillt. Nikolai Nikolajewitsch, Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch, und ihr andern Kameraden alle, mit denen ich Stunden der Arbeit und Stunden lehrreicher Aussprache geteilt, von denen ich vieles gelernt habe und von denen ich jetzt mich trenne, — Freunde! Das Publikum liebte mein Talent, ihr aber liebtet mich selber! Entreißt, wenn ich nicht mehr da bin, entreißt dieses Lachen denjenigen, die es herabgewürdigt haben zu einem Gespött über alles, ohne Unterschied zwischen Gut und Böse! Ich sage euch: glaubt diesen meinen Worten ... Es ist edel, es ist ehrenhaft, dieses Lachen. Es ist uns ausdrücklich darum geschenkt, damit wir über uns selbst, nicht über unsern Nächsten lachen sollen. Und wer nicht den Mut hat, über seine eigenen Fehler zu lachen, der sollte besser überhaupt nicht lachen! ... Er wird einst dafür Rechenschaft geben müssen! ...

Eine Heiratsgeschichte

Eine ganz unwahrscheinliche Begebenheit in zwei Aufzügen

1833

Deutsch von Carl Ritter und André Villard

Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt

Personen.