„Also es gab auch für uns eine Zeit, wo wir nicht jedem Kapitalbedarfe entsprechen konnten; das war damals, als die Ausrüstung mit arbeitsparenden Maschinen erst noch zu vollbringen und gerade deshalb unsere Leistungsfähigkeit noch sehr beschränkt war. Jetzt ist unsere Ausrüstung mit kraftersparenden Maschinen der Hauptsache nach durchgeführt, es kann sich nun bloß darum handeln, diese Maschinen zu verbessern und zu ergänzen; unsere Leistungsfähigkeit aber ist gerade dadurch unermeßlich groß geworden.
„Wenn du also siehst, daß wir von der ‚Ersten Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft‘ im Begriffe sind, neuerlich dreiviertel Millionen Pfund Sterling in Gebäuden, Maschinen und Werkzeugen anzulegen, so verlasse dich darauf, das geschieht nicht deshalb, weil wir diese dreiviertel Million wie unser übriges Anlagekapital zinslos vorgestreckt erhalten, sondern weil die Aufträge, die uns teils schon zugegangen, teils nach dem Aufschwunge des freiländischen Verkehrswesen mit Sicherheit zu erwarten sind, dringend nach solchen Neubauten verlangen.
„Doch jetzt trachten wir heimzukommen!“
Die elektrische Bahn beförderte uns mit Blitzesschnelle nach Edenthal und da Freund Karl sein Häuschen mit Rücksicht auf möglichste Bequemlichkeit der Verbindung gewählt hatte, setzte uns unser Waggon unmittelbar vor demselben ab. Wenige Sekunden später eilte uns die Hausfrau entgegen, die offenbar durch das Anhalten des elektrischen Wagens auf die Ankunft ihres Mannes aufmerksam gemacht worden war. Die Vorstellung erforderte nicht viel Zeit und da mich Karl in der That seiner Gattin gegenüber sehr oft erwähnt hatte, so waren wir bald gute Freunde.
Wir betraten das Haus, wo mir dessen verschiedene Räume gezeigt und die für mich bestimmten angewiesen wurden. „Ich habe,“ so erklärte mir Karl, „gleich bei Anlage des Baues für etwas Nachwuchs vorgesorgt, und wir haben daher jetzt, wo sich dieser Nachwuchs auf einen Knaben von vierzehn Monaten beschränkt, noch überflüssigen Raum. Du erhältst also ein Schlafgemach nebst Badezimmer, einen Empfangssaal und eine Gartenterrasse zu deinem ausschließlichen Gebrauch.“
Nun fiel mir plötzlich ein, daß es in Edenthal keine Dienstboten gäbe, und es tauchten in mir Skrupeln auf, ob ich nicht vielleicht meine Gastgeber gewaltig belästigen würde. Doch meine über diesen Punkt Frau Wera gegenüber vorgebrachten Entschuldigungen hatten das Mißgeschick, von ihr nicht verstanden zu werden.
„Robert“ — so erläuterte Karl ironisch — „scheint zu besorgen, daß ich oder du ihm die Kleider werden putzen müssen.“
Gegen diese Auslegung meiner Bedenken protestierte ich denn doch energisch, nicht ohne Genugthuung auf meine diesfalls schon im Hotel gewonnenen Erfahrungen mich stützend. „Ich kann mir wohl denken,“ meinte ich, „daß das Kleiderreinigen auch in den Privathäusern von Angestellten der Gesellschaft für persönliche Dienstleistungen besorgt wird; aber es mag vorkommen, daß man anderer Dienste bedarf; was thut man, um sich solche zu verschaffen?“
„Dasselbe, was du in diesem Falle im Hotel gethan hättest. Man klingelt und binnen längstens zwei Minuten steht ein dienstbeflissener Geist zur Verfügung.“
„Und wo hält sich dieser dienstbeflissene Geist vor dem Klingeln auf, um so rasch zur Hand zu sein?“
„In einer der Wachtstuben, welche die soeben von dir genannte Gesellschaft in allen Stadtteilen unterhält und mit deren einer alle Schellen eines jeden Edenthaler Hauses in Verbindung stehen. Jedes Gemach hat sein elektrisches Läutewerk, und wenn irgendwo geläutet wird, zeigt ein in der Wachtstube befindlicher Apparat die Hausnummer, ein anderer im Vorraum jedes Hauses die Nummer des Zimmers an, in welchem geläutet worden ist. Dein Klingeln wird uns also gar nicht stören, ja von uns nicht einmal gehört werden. Einer der wachthabenden Angestellten der Gesellschaft eilt auf dem Velocipede herbei, sieht im Vorraume deine Zimmernummer und begiebt sich dann direkt zu dir. Im übrigen wirst du, wenn du nicht sehr bequem bist, diese Klingel wenig gebrauchen. Denn die meisten regelmäßig wiederkehrenden Bedürfnisse, wie Säuberung der Kleider und Zimmer, Bereitung des Bades (das wir Freiländer nebenbei bemerkt täglich zu nehmen pflegen), Herrichten des Frühstücks-, Mittags- und Abendtisches u. dgl. werden von dieser Gesellschaft, ohne daß wir uns darum zu kümmern brauchen, mit größter Pünktlichkeit besorgt. Ich habe die Direktion schon davon verständigt, daß ein neuer Gast in mein Haus gezogen ist; binnen kurzem wird einer ihrer Beamten bei dir erscheinen und dich einem eingehenden Kreuzverhör über alle deine Gewohnheiten, Bedürfnisse und Wünsche unterziehen; hast du dem Manne einmal Rede und Antwort gestanden, so kannst du dich darauf verlassen, hier besser bedient zu werden als in irgend einem europäischen Gasthause.“
„Das ist ja wunderbar,“ mußte ich gestehn. „Ihr habt solcherart die vortrefflichste Bedienung ohne unsere europäische Domestikenmisere. Aber teuer muß die Sache sein, denn natürlich verlangen alle diese Angestellten und Arbeiter der Gesellschaft für persönliche Dienstleistungen jene Bezahlung, wie sie in Freiland allgemein üblich ist?“
„Das ist natürlich,“ erklärte Frau Wera. „Aber teuer finde ich diese Dienstleistungen trotzdem nicht; wir haben im Vorjahre alles in allem zweiunddreißig Pfund Sterling für Bedienung gezahlt.“
„Wie ist das möglich?“ fragte ich. „So hoch kommt ja in Europa trotz der miserablen Löhne der letzte Diener zu stehen.“
„Weil ein europäischer Diener“ — erklärte Karl — „alles mit seinen Händen verrichtet, während unsere Leute alles durch Maschinen besorgen. Diese Maschinen gehören teilweise zur Einrichtung des Hauses, teilweise werden sie von den Angestellten der Gesellschaft mitgebracht, teilweise nehmen diese die Gegenstände mit sich und vollbringen deren Reinigung in ihrer Anstalt vermittelst der dort vorhandenen Apparate.“
„Ich bin jetzt ganz darauf gefaßt, zu hören,“ sagte ich, „daß diese allgegenwärtige Gesellschaft für Dienstleistungen Ihnen, verehrte Frau, auch die Last der Wartung und Pflege Ihres Kindes von den Schultern nimmt.“
„Mit Verlaub, das besorge ich in der Regel doch selbst,“ war die Antwort. „Aber völlig auf mich angewiesen bin ich dabei keineswegs, und wenn ich wollte, könnte ich die ganze Mühe von mir abwälzen. Es besteht nämlich auch eine Gesellschaft weiblicher Pflegerinnen eigens zu dem Zwecke, um Frauen, die infolge von Krankheit oder Schwäche auf weibliche Unterstützung angewiesen sind, solche jederzeit bieten zu können. Diese Gesellschaft ist der Hauptsache nach geradeso organisiert, wie die Association für persönliche Dienstleistungen; sie hat ebenfalls ihre Wachtstuben, man kann sich auch mit ihr wegen regelmäßiger Dienstleistungen in Verbindung setzen, und ich brauchte mich daher um mein Kind nicht mehr zu kümmern, als dies, wie ich aus meiner Kindheit weiß, europäische Damen zu thun pflegen. Dies widerspräche jedoch meinen Neigungen. Bis vor wenigen Monaten hatte die Frauengesellschaft allerdings ziemlich viel auch in unserem Hause zu thun, und wenn es Sie interessiert, kann ich Ihnen mitteilen, daß mich die zur Wartung meines Knaben in dessen erstem Lebensjahre in Anspruch genommene Hilfe siebenundzwanzig Pfund Sterling kostete; jetzt aber haben diese Helferinnen so gut als nichts bei mir zu thun; das Pflegen und Warten meines Kindes ist mein Geschäft.“
„Also tragen Sie Ihr Kind, das ja mit vierzehn Monaten noch schwerlich weite Ausflüge machen kann, bei Ihren Ausgängen, oder schieben Sie es im Rollwägelchen vor sich her?“ fragte ich.
„Bewahre! Wozu hätten wir denn die Krippe und den Kindergarten in der Nachbarschaft? Wenn ich ausgehe, gebe ich meinen Kleinen dorthin, wo er unter vortrefflicher Pflege und Aufsicht steht. Doch auch, wenn ich zu Hause bin, lasse ich Paulchen tagsüber sehr viel dort, denn man will, man sei noch so zärtliche Mutter, etwas für sich selber thun, lesen, sich unterhalten, am öffentlichen Leben teilnehmen u. s. w., wobei Kinder stören; aber den größten Teil der Zeit behalte ich ihn unter meinen eigenen Augen.“
„Sie sprachen vorher von den Mitgliedern der Frauengesellschaft, die solcherart Geld verdienen; wie ich zu wissen glaube, haben alle Frauen Freilands Anspruch auf Versorgung durch das Gemeinwesen — wozu brauchen also die fraglichen Frauen derartigen Verdienst?“
„Freilich besitzt jede freiländische Frau Versorgungsrecht; aber unter diesem Titel wird nicht mehr gezahlt, als drei Zehntel des Durchschnittsverdienstes eines freiländischen Arbeiters und es giebt eben Frauen, die mehr haben wollen; außerdem mag bei vielen der Wunsch ausschlaggebend sein, sich irgendwie außer Hause zu beschäftigen, und da es nicht jedem gegeben ist, dies auf dem Gebiete geistiger Thätigkeit zu thun, so liegt den meisten Frauen nichts näher, als die Pflege hilfsbedürftiger Mitschwestern und Kinder. Jene Frauen, die das Zeug zu geistiger Thätigkeit in sich verspüren, wählen mit Vorliebe den Beruf der Lehrerin, was natürlich nicht ausschließt, daß alle anderen Berufe ihnen eben so offen stehen.“
Unter diesen Gesprächen war es sieben Uhr abends geworden und es erschien ein Angestellter der Speisegesellschaft mit der Meldung, daß das Abendmahl angelangt sei.
Wir begaben uns auf eine in den Garten hinausführende Terrasse, wo der Tisch gedeckt war, und nahmen an der Tafel Platz. Von Speisen war nichts zu sehen, bis Frau Wera einen Wandschrank öffnete, der sich im Bereiche ihrer Hände befand, und demselben eine dampfende Suppe, dann einen kalten Fisch entnahm; diesem folgte ein Gemüse, hierauf ein Braten und den Schluß bildete ein Dessert, bestehend aus Käse und mannigfachen Obstsorten. Die Hausfrau erklärte mir, daß dieser Wandschrank auch von der andern Seite, nämlich vom Vorraume aus, zu öffnen sei und daß in ihm die von der Speisegesellschaft gebrachten Gerichte hinterlegt würden; diese gebrauche dabei besondere Apparate zum kühl- oder warmerhalten der Speisen; auf Wunsch der Kunden würden einzelne Gerichte, die den Transport schlecht vertragen, von den Angestellten der Gesellschaft an Ort und Stelle gargekocht. Es befänden sich zu diesem Behufe in den meisten Häusern kleine Küchen mit elektrischen Öfen, die im Bedarfsfalle augenblicklich in Glut gebracht werden können. Ebenso besorgen, wenn es gefordert wird, die Angestellten der Gesellschaft das Aufwarten bei Tisch, was jedoch sehr teuer, und mit Ausnahme besonders festlicher Gelegenheiten, in Freiland nicht üblich sei. Sie zum mindesten empfinde die Anwesenheit fremder Personen in traulichem Kreise stets als eine Störung.
Während des Tafelns kam das Gespräch abermals auf die Frauenfrage, insbesondere auf das den Frauen durchwegs eingeräumte Versorgungsrecht. Man muß nämlich wissen, daß der bereits mitgeteilte zweite Punkt des Grundgesetzes: „Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfähige haben Anspruch auf auskömmlichen, der Höhe des allgemeinen Reichtums billig entsprechenden Unterhalt,“ derart gehandhabt wird, daß ein wegen Alter oder Gebrechen arbeitsunfähig gewordener Mann vier, jede Frau drei Zehntel des vom statistischen Amte jeweilig erhobenen Durchschnittswertes der freiländischen Arbeit vom Gemeinwesen ausgezahlt erhält; mit Kindern gesegnete Familien beziehen während der Unmündigkeit der Sprößlinge einen Zuschlag von einem Zwanzigstel des jeweiligen Arbeitswertes für jedes Kind; dieser Zuschlag erfährt für den Todesfall des einen der Eltern eine Verdoppelung, und Waisen werden gänzlich in Verpflegung des Gemeinwesens genommen, wo sie eine Wartung und Erziehung erhalten, die in allen Stücken der in freiländischen Familien üblichen ebenbürtig ist. Da im Vorjahre der durchschnittliche Arbeitsverdienst in Freiland sich mit 360 Pfund Sterling berechnete, so entfielen als Versorgungsanspruch auf einen arbeitsunfähigen Mann 144 Pfund Sterling, auf jede Frau 108 Pfund Sterling, der Kinderzuschlag betrug 18 Pfund Sterling für das Kind, wenn beide Eltern lebten, und sechsunddreißig Pfund Sterling für das Kind einer Witwe oder eines Witwers. Da die Preise aller wichtigeren Lebensbedürfnisse in Freiland außerordentlich wohlfeil sind, so ist der wirkliche Wert dieser Versorgungen wesentlich höher als der jener Pensionen, welche europäische Staaten ihren bestgezahlten Beamten oder deren Witwen und Waisen gewähren; sie genügen nicht bloß, um die also Bedachten vor Not zu schützen, sondern ermöglichen ihnen auch, an allen jenen Annehmlichkeiten und Vergnügungen teilzunehmen, die jeweilig in Freiland, dem allgemeinen Stande des Reichtums entsprechend, üblich sind. Da die Bezüge nicht in festen Summen, sondern in Bestandteilen des Arbeitsverdienstes bemessen werden, so erhöhen sie sich mit jedem Wachstume der durchschnittlichen Arbeitsergiebigkeit, und es ist solcherart dafür gesorgt, daß auch der Nichtarbeitende teilnehme an allen Fortschritten des allgemeinen Wohlstandes.
Als ich mich anschickte, die in diesen Bestimmungen zum Ausdruck gebrachte Großmut zu loben, unterbrach mich Freund Karl mit der Bemerkung, daß hierzulande niemand Großmut in einer Handlungsweise sehe, die nichts anderes sei, als einfache Erfüllung einer Pflicht, die Anerkennung eines Rechtes, welches auch die Arbeitsunfähigen an dem allgemeinen Reichtum haben.
„Das scheint mir denn doch etwas zu weit zu gehen,“ meinte ich. „Ich billige es, wie gesagt, durchaus, daß auch den Hilflosen möglichst ausgiebige Unterstützung zu teil wird; aber daß die Gesamtheit der Arbeitenden zu sothaner Hilfeleistung verpflichtet sei und daß die in solchem Umfange Versorgten ein Recht auf ihre Bezüge besäßen, vermag ich nicht einzusehen. Was ihnen zu teil wird, ist ja doch das Ergebnis der Arbeit anderer, die Arbeitsfähigen haben es aus eigenen Kräften hervorgebracht und könnten es also, wenn sie nur das strenge Recht üben wollten, ausschließlich für sich behalten.“
„Meinen Sie das wirklich?“ — unterbrach mich Frau Wera mit blitzenden Augen. „Nach allem, was mir Karl über Sie erzählte, kann ich gar nicht glauben, daß das Ihre letzte wohlerwogene Ansicht sei. Sie stehen offenbar noch teilweise unter dem Banne jener Wahnvorstellungen, die unzertrennlich verknüpft sind mit den schrecklichen Verhältnissen, denen Sie erst kürzlich entrannen. Ich habe eine sehr hohe Meinung von meinem Manne, aber daß er das, was er leistet, aus eigener Kraft hervorbringe, daß die Lehrsätze der Geometrie und Algebra, die er anwendet, von ihm ersonnen seien, daß die Dampfmaschinen, die er konstruieren läßt, seinem Geiste entsprangen, scheint mir denn doch eine allzuweitgehende Schmeichelei. Ich glaube, mein lieber Karl würde, wenn er wirklich bloß darauf angewiesen wäre, was er kraft seiner eigenen Fähigkeiten hervorzubringen vermöchte, als armseliger Wilder nackt in den Wäldern umherstreichen, und ich bezweifle, daß es irgend einem von uns besser ginge. Alles, was wir haben und sind, verdanken wir der Vorarbeit ungezählter Generationen, und daraus, so glaube ich, folgt, daß die Stärkeren und Geschickteren unter uns, welche die Errungenschaften der Vorfahren allein zu handhaben vermögen, deshalb noch kein alleiniges und ausschließliches Anrecht auf die Früchte dieser ihrer Arbeit haben, denn diese ihre Arbeit wird erst möglich auf Grund jener Behelfe, die unser aller gemeinsames Eigentum sind. Oder meinen Sie vielleicht, daß Watt die Dampfmaschine und Stephenson die Lokomotive nur für Sie und meinen Mann, nicht aber auch für mich und mein Kind oder für den Greis und den Krüppel erfunden haben? Ein solcher Gedanke kann nur entstehen in einer Welt, die den Nutzen aller Erfindungen einigen wenigen Privilegierten zuspricht. Wo man sieht, daß die ungeheuere Mehrzahl aller Menschen ausgeschlossen ist vom Mitgenusse der Ergebnisse wachsender Arbeitsergiebigkeit, und von denjenigen, die im Alleinbesitze allen Reichtums der Menschheit sind, bloß das zu kümmerlicher Fristung ihres Lebens Erforderliche als Lohn dafür zugemessen erhält, daß sie die von den Vorfahren überlieferten Reichtümer für jene wenigen nutzbar macht — dort allerdings muß auch die Vorstellung entstehen, daß jene, die arbeitsunfähig sind, gar keinerlei Recht genießen. Man füttert doch bloß nützliche Haustiere, die nutzlosen haben keinen Anspruch auf Stall und Futterraufe, und wenn ihnen diese trotzdem zu teil werden, so ist es eben das Gnadenbrot, das man ihnen zumißt. Hier hat jedermann, sofern er überhaupt der menschlichen Familie angehört, ein Recht auf alles, was Eigentum der menschlichen Familie ist. In Freiland werden bei Beurteilung des Ausmaßes dieser Rechte dieselben Grundsätze in Anwendung gebracht, die auch in Europa und Amerika zur Geltung gelangen, wenn es sich darum handelt, den Fruchtgenuß einer reichen Erbschaft unter den Erben zu verteilen. Stellen Sie sich vor, daß es sich um die Fabrik eines Mannes handelt, der mehrere Kinder hinterließ, unter denen einige arbeitsfähig, andere arbeitsunfähig sind; werden die ersteren das ganze Erbe erhalten, weil sie allein dasselbe nutzbringend zu verwerten vermögen? Sie werden sich, wenn sie den Geschwistern kein Geschenk machen wollen, ihre Mühewaltung vergüten lassen, sie werden einen größeren Anteil fordern; aber als frechen Hohn würde es jedermann betrachten, wollten diese Tüchtigen sich als die alleinigen Erben und ihre Geschwister als Bettler hinstellen, denen man bestenfalls im Gnadenwege ein Almosen hinwerfen müsse.“
Beschämt gestand ich der tapferen kleinen Frau, daß sie mich vollständig überwunden habe, wenn überhaupt das Widerlegen eines mit den eigenen Grundsätzen gar nicht übereinstimmenden Vorurteiles „überwinden“ genannt werden darf. Und aus Eigenem fügte ich dann hinzu, daß die in Freiland geübte Ausdehnung der Gleichberechtigung auch auf die Arbeitsunfähigen in dem schließlichen Interesse selbst der Arbeitenden läge. Denn Not und Elend, Entwürdigung und Schande seien ein fressendes Geschwür, das, unerbittlich um sich greifend, endlich den ganzen Organismus zerstören müsse, wenn ihm nur irgendwo am Körper der Gesellschaft Raum gelassen werde. Gleichwie eine vornehme Familie nicht dulde, daß eines ihrer Mitglieder der Entwürdigung verfalle, so dürfe auch eine zu wirklicher Vornehmheit emporgediehene ganze Gesellschaft nicht dulden, daß wer immer aus ihrer Mitte in seiner Menschenwürde gekränkt werde. Auf sich selbst, auf eigenem Recht muß in einer solchen Gesellschaft jedermann stehen, sonst kann die Würde und das Recht der anderen nicht ungefährdet bleiben.
Ein anerkennender Blick aus Frau Weras Augen belohnte mich. Indessen hielt mich dies nicht ab, eine andere Frage zur Erörterung zu bringen, die mir im freiländischen Versorgungswesen trotz des Vorhergegangenen noch nicht ganz klar geworden war. „Warum,“ so fragte ich, „haben in Freiland alle Frauen ohne Ausnahme Versorgungsrecht? Man könnte hierin sogar eine Art Herabsetzung des weiblichen Geschlechtes erblicken. Vermögen denn die Frauen wirklich nichts zu leisten und können sie zugeben, daß solches grundsätzlich von ihnen vorausgesetzt werde? Oder hält man vielleicht hier die europäische ‚Dame‘ für das Frauenideal, jene Dame, die, um durchaus und in allen Stücken als solche zu gelten, selbst den entferntesten Verdacht, daß sie zu irgend etwas in der Welt nütze sei, von sich fernhalten muß?“
Frau Wera protestierte energisch. „Wir freiländischen Frauen wollen uns nützlich machen und wir thun es auch. Aber wir meinen, und unsere Männer teilen diese Anschauung, daß uns die Natur der Hauptsache nach auf einen Beruf angewiesen hat, der fernab von Erwerbsthätigkeit liegt. Wir sind zunächst die Gebärerinnen und die Erzieherinnen unserer Kinder, dann aber die Vertreterinnen des Schönen und Edlen in der Gesellschaft; zu diesem Berufe werden wir erzogen und erziehen wir uns fortgesetzt selber. Wir haben das Recht, auch jeden beliebigen andern Beruf zu ergreifen, aber wenn wir mit Bezug auf die Sicherung einer unabhängigen Existenz auf diese andern Berufe angewiesen würden, so wäre das im Prinzip vielleicht sehr schön, würde aber der übergroßen Mehrzahl von uns Frauen nicht das geringste nützen. Sehen Sie z. B. mich; ich könnte zwar ganz gut als Modellzeichnerin mein Brot verdienen, aber ich thäte es eben nicht, auch wenn ich kein Versorgungsrecht genösse; weder mir noch meinem Manne und am allerwenigsten meinem Kinde würde das passen. Ich würde also thatsächlich nichts verdienen und wäre auf die Gnade meines Herrn und Gebieters angewiesen. Das Schlimmste aber ist, daß ich höchst wahrscheinlich auf diese Versorgung durch den Mann gewartet, daß ich also in der Ehe eine Versorgung gesehen hätte, während ich gestützt auf mein freiländisches Versorgungsrecht, ausschließlich dem Zuge meines Herzens folgen konnte. Und auch das ganze Eheverhältnis nimmt bei uns in Freiland gerade wegen dieser durchgängigen Unabhängigkeit der Frauen einen ganz anderen Charakter an, wie in Europa. Wir stehen nicht unter der Vormundschaft unserer Männer und deswegen haben wir niemals das Gelüste, sie unter unsern Pantoffel zu bringen. Die europäische Frau ist der Hauptsache nach ja doch nur eine Sklavin, und wenn sie Freiheitsgelüste spürt, so muß sie dieselben auf Schleich- und Umwegen zu bethätigen trachten; sie muß, da sie eigenen Willen nicht haben darf, bestrebt sein, sich den Willen ihres Mannes unterthan zu machen. Bei uns ist das alles anders. Hier ist mein Mann weder der Herr noch der Versorger, sondern ausschließlich“ — hier traf den also Angeredeten ein zärtlicher Blick aus den schönen Augen, der auch sofort gleich feurige Erwiderung fand — „der Geliebte; ich glaube, das ist wohl das Beste, und zwar nicht bloß für mich, sondern auch für ihn. Aber es ist nicht bloß gut so, das Gegenteil wäre auch ungerecht. Kann ich erwerben, wenn ich mich meinem Kinde und meinem Hause widme, kann ich es zum mindesten, ohne eine Überbürdung auf mich zu laden, von welcher der Mann in Freiland nichts weiß? Oder ist vielleicht meine Leistung als Mutter und Hausfrau minder nützlich, als beliebige Erwerbsthätigkeit? Aber alleinstehende Frauen, so werden Sie vielleicht einwenden, könnten doch erwerben, ohne sich zu überbürden. Richtig, und zahlreiche thun es auch. Aber sie dazu nötigen wollen, wäre unklug und ungerecht zugleich. Ersteres, weil die Mädchen dadurch von ihrem eigentlichen Berufe abgelenkt, ihre Ausbildung in falsche Bahnen gedrängt würde; letzteres, weil damit gerade jene Frauen, deren Erziehung die richtige, dem weiblichen Berufe entsprechende bliebe, zu wirtschaftlicher Abhängigkeit verurteilt würden. Jetzt müßten sie erst recht Versorgung in der Ehe suchen, und das, diese Entwürdigung des schönsten heiligsten Gefühls der Menschenbrust — der Liebe nämlich — zu einer Sache des Erwerbs, das ist es, was zu verhüten vornehmster Zweck des freiländischen Versorgungsrechts der Frauen ist.“
Ich hatte meine Stellung als Ingenieur in der „Ersten Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft“ angetreten und mich rasch in derselben zurecht gefunden. Meine Lebensweise richtete ich, so unabhängig ich auch in allem war, im Wesen doch nach derjenigen meiner Gastgeber und der Freiländer überhaupt. Es wird hier ziemlich allgemein bald nach Sonnenaufgang, d. h. also nach sechs Uhr Morgens, aufgestanden und zunächst ein kühles häusliches Bad genommen. Hierauf folgt ein erstes Frühstück, bestehend zumeist aus einer Tasse Schokolade, Kaffee oder Thee, und diesem ein Spaziergang entweder durch die Straßen und großartigen öffentlichen Anlagen der Stadt oder wohl auch auf eine der umliegenden Höhen, welche durch elektrische Bahnen in zehn bis fünfzehn Minuten zu erreichen sind. Dieser Spaziergang, unterbrochen in der Regel von etwas leichter Lektüre findet seinen Abschluß durch ein kompakteres Frühstück, und darauf begiebt man sich an sein Geschäft. Um zwölf Uhr sucht man entweder sein Haus oder eines der zahlreichen und großartig eingerichteten Badehäuser auf, die an den Ufern des Tana und des Edensees erbaut sind. Um ein Uhr wird gespeist, jedoch nicht allzureichlich, da die eigentliche Hauptmahlzeit in Freiland erst nach Erledigung aller Geschäfte, also des Abends, gehalten wird. Man begnügt sich des Mittags mit einer Warmspeise, Käse und Obst; nur besonders starke Esser legen noch ein Gericht zu. Nach dem Mittagessen sind die meisten Freiländer, sofern sie nicht ein Schläfchen vorziehen, in den öffentlichen Bibliotheken und Lesesälen zu finden, die Verheirateten meist in Begleitung ihrer Frauen, die dort Bekannte treffen, lesen, und die öffentlichen Angelegenheiten des Landes besprechen gleich den Männern. Um drei Uhr wird wieder ans Geschäft gegangen und bis sechs Uhr gearbeitet. Hierauf lassen diejenigen, die nicht schon vor Tisch gebadet haben, ein zweites Bad im Edensee oder Tana folgen, doch giebt es viele Freiländer, die morgens, mittags und abends baden, ein Vergnügen, das, wenn die einzelnen Bäder nicht zu lang ausgedehnt werden, in diesem Klima als der Gesundheit sehr zuträglich gilt. Um sieben Uhr wird die Hauptmahlzeit eingenommen, bestehend in der Regel aus drei bis vier Gerichten. Dann macht oder empfängt man Besuche, besucht die Theater oder Konzertsäle, hört irgend einen wissenschaftlichen Vortrag, kurz, geht allerlei Vergnügungen oder Belehrungen nach, an denen in Edenthal, wie überhaupt in Freiland, nirgends Mangel ist. Die Sonntage sind des Vormittags ernster Lektüre, bei fromm angelegten Gemütern wohl auch Andachtsübungen gewidmet, die Nachmittage gehören meist dem Vergnügen. Man veranstaltet Ausflüge, Picknicks, bei denen musiziert und vom jungen Volke leidenschaftlich getanzt wird.
Ich benutzte natürlich meine freie Zeit mit Vorliebe zur Besichtigung der öffentlichen Anstalten Freilands, unter denen die Centralbank und das Centrallagerhaus mein besonderes Interesse erregten. Daß erstere der Bankier des ganzen Landes ist, angefangen von der öffentlichen Verwaltung und den großen Produktionsgesellschaften bis zum letzten Arbeiter, ja bis zum letzten Kinde, die allesamt ihr eigenes Konto in den Büchern besitzen, habe ich bereits mitgeteilt. Natürlich unterhält die Bank Zweiganstalten in jedem größeren Orte des Landes. Man würde aber irren, wollte man glauben, daß diese sich auf alles erstreckende Buchführung einen sonderlich großen Apparat von Angestellten und sehr verwickelte Schreibereien notwendig mache. Gerade weil alles durch die Bank geht, ist deren Gebarung eine überaus einfache. Jedes Guthaben des einen entspricht genau der Verpflichtung irgend eines anderen Foliobesitzers; Zinsenberechnungen existieren nicht und außerdem sind die meisten Ein- und Austragungen so gleichmäßiger Art, daß in vorgedruckte Formulare bloß die Ziffern eingetragen zu werden brauchen. Die Folge davon ist, daß siebzehnhundert Bankbeamte genügen, um für den freiländischen Staat, für nahezu zweitausend Associationen und für 21/2 Millionen einzelne Menschen Buch zu führen, und die Fachmänner sind der Überzeugung, daß mit dem Wachstume der Bevölkerung die Gebarung sich verhältnismäßig noch vereinfachen wird.
Da in Freiland niemand mit Bargeld zahlt — ich habe in den acht Wochen meines bisherigen Aufenthaltes hier außer den Barmitteln, die ich selbst mitbrachte, noch kein Geldstück zu Gesicht bekommen — wunderte es mich anfänglich, warum die Freiländer überhaupt das Gold beibehalten haben und nach demselben rechnen. Ihre Hauptmünze ist nämlich das Pfund Sterling, jedoch nicht das englische, welches 25 Franken 22,15 Centimes wert ist, sondern ein Pfund in genauem Goldfeingehalte von französischen 25 Franken. Dieses Pfund wird in 20 Mark und die Mark in 100 Pfennige geteilt. Ich erklärte mir die Sache durch die Bedürfnisse des Außenhandels, den Freiland in sehr bedeutendem Umfange mit fremden Ländern treibt, beschloß aber doch, mir an maßgebender Stelle Auskunft zu holen und machte mich zu diesem Zwecke mit dem Leiter der freiländischen Bank bekannt, der dieselbe Lesehalle wie ich zu besuchen pflegte.
Dieser gemütliche, schon etwas ältere Herr war mit Vergnügen bereit, mich zu belehren, und so erfuhr ich denn, daß man in Freiland hauptsächlich aus dem Grunde das Gold als Geld beibehalten habe, weil es der beste aller derzeit möglichen Wertmesser sei, Freiland aber eines guten Wertmessers noch viel dringender bedürfe als irgend ein anderes Land.
„Ist denn nicht Arbeit der beste Wertmesser? Tauschen wir die Dinge nicht im Verhältnis des zu ihrer Herstellung erforderlichen Arbeitsaufwandes gegeneinander?“ fragte ich. „Wenn dieses Buch fünf Mark und jener Tisch zehn Mark kostet, so heißt das doch nichts anderes, als daß die Herstellung des Buches so viel Arbeit erfordere, wie die Herstellung des in fünf Mark enthaltenen Goldes, und die Herstellung des Tisches so viel Arbeit, als die des in zehn Mark enthaltenen Goldes. Wäre es nicht viel einfacher, den Arbeitsaufwand, der in Buch und Tisch enthalten ist, direkt zu bezeichnen und das Gold ganz aus dem Spiele zu lassen, etwa zu sagen: Das Buch ist eine Stunde und der Tisch ist zwei Stunden Arbeit wert?“
„Ich kann Ihnen das Lob nicht vorenthalten, mein junger Freund,“ antwortete verbindlich der Bankmann, „daß Sie gerade durch die zutreffende Art und Weise, mit welcher Sie das Wesen des Geldes auseinanderlegten, mir den Nachweis, daß Gold ein guter, der Arbeitsaufwand aber der denkbar schlechteste Wertmesser ist, außerordentlich erleichtert haben. Wenn wir sagen: das Buch kostet fünf und der Tisch zehn Mark, so haben wir damit allerdings den Wert nicht für alle Zukunft bezeichnet, denn das Buch kann nach Jahresfrist ebensogut vier als sechs Mark und der Tisch neun oder elf Mark wert werden, wenn sich nämlich das wechselseitige Verhältnis des in Buch, Tisch und Mark enthaltenen Arbeitsaufwandes zwischenzeitig verändert. Geschieht dies aber auch, so spricht mindestens die Vermutung dafür, daß die Ursache nicht im Golde, sondern im Buche oder im Tische gelegen sei, d. h. wir können voraussetzen, daß, wenn z. B. ein solches Buch im nächsten Jahre bloß vier Mark kostet, dies nicht deshalb der Fall sei, weil nunmehr zur Herstellung von vier Mark Gold eine Stunde erforderlich geworden sei, wie früher zur Herstellung von fünf Mark, während zur Herstellung des Buches nach wie vor eine Arbeitsstunde erforderlich ist; vielmehr wird unsere Vermutung dahin gehen, daß nach wie vor fünf Mark Gold in einer Stunde fabriziert werden können, der zur Fertigstellung eines solchen Buches erforderliche Arbeitsaufwand aber sich um ein Fünftel verringert habe. Und zwar vermuten wir das nicht etwa aus dem Grunde, weil dem Golde irgend eine mystische Eigenschaft der Wertbeständigkeit innewohnen würde, sondern deshalb, weil der Wert aller anderen Dinge der Hauptsache nach von jenem Arbeitsaufwande abhängt, der augenblicklich zu ihrer Herstellung erforderlich ist, während beim Wert des Goldes, von welchem seiner großen Haltbarkeit wegen im Verlaufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sich große Vorräte aufgestapelt haben, dieser Einfluß einer Änderung des Arbeitsaufwandes nur verhältnismäßig langsam vor sich geht. Der Wert des Goldes ist also etwas zum mindesten verhältnismäßig Beständigeres als der Wert der anderen Dinge, und da es im Wesen der Sache liegt, daß man zum Messen des Wertes besser solche Dinge gebrauchen kann, deren eigener Wert möglichst beständig bleibt, so ist Gold zwar kein absolut guter, aber doch unter allen Dingen der verhältnismäßig beste Wertmesser. Das wird Ihnen auch allen anderen Dingen gegenüber von Anbeginn eingeleuchtet haben. Es bedarf keines tieferen Nachdenkens, um einzusehen, daß der Wert jedes Dinges viel besser, sicherer, dauernder bestimmt ist, wenn man ihn in gewissen Mengen Goldes ausdrückt, als wenn man es in bestimmten Mengen einer beliebigen anderen Ware thäte. In tausend Mark besitzen Sie doch offenbar einen unveränderlicheren Wert, als beispielsweise in hundert Centnern Getreide. Denn Sie werden im großen und ganzen mit diesen tausend Mark alle Ihre Bedürfnisse im nächsten Jahre ziemlich genau so gut decken können, wie heute, während, wenn heuer eine gute und im nächsten Jahre eine schlechte Ernte ist, dieselben hundert Centner Getreide Ihnen im nächsten Jahre die Deckung der doppelten Gesamtsumme von Bedürfnissen ermöglichen wie heuer.
Unter allen möglichen Dingen aber wäre der Arbeitsaufwand der denkbar schlechteste Wertmesser. Denn während alle andern Dinge ihren Wert, d. i. ihre Tauschkraft der Gesamtheit der andern Lebensbedürfnisse gegenüber nur möglicherweise verändern können, verändert menschliche Arbeit ganz gewiß fortwährend ihre Tauschkraft der Gesamtheit der Lebensbedürfnisse gegenüber, denn mit jedem Fortschritte der Kultur sinkt der zu Beschaffung der Gesamtheit aller Bedarfsartikel erforderliche Arbeitsaufwand. Dieser Tisch z. B. wird, wenn er in diesem Jahre zweistündigen Arbeitsaufwand zu seiner Herstellung erfordert, im nächsten Jahre wahrscheinlich in 19/10 Stunden, abermals nach einem Jahre in 18/10 Stunden, nach zehn Jahren vielleicht in einer Stunde herzustellen sein. Und da es sich durchschnittlich mit allen andern Dingen ebenso verhalten dürfte, so folgt daraus, daß, wenn ich Ihnen tausend Arbeitsstunden schuldig bin, diese meine Verpflichtung nach zehn Jahren den doppelten Wert erlangt hat, während es doch meine und Ihre Absicht bei Feststellung unseres Schuldverhältnisses ist, Vorteil und Last desselben möglichst dauernd zu bestimmen, was am besten dadurch geschieht, daß wir dieses Schuldverhältnis nicht in Arbeitsstunden, sondern in Gold feststellen, also nicht sagen: ich bin Ihnen tausend Arbeitsstunden, sondern: ich bin Ihnen fünftausend Mark schuldig. Ich will dies an einem Beispiele erläutern. Sie sind Mitglied der „Ersten Edenthaler Maschinen- und Transportmittel-Baugesellschaft“, welche Association in unsern Büchern mit 21/2 Millionen Pfund Sterling belastet ist. Diese Schuld entspricht zum heutigen Arbeitswerte ziemlich genau zehn Millionen Arbeitsstunden; zur Zeit jedoch, wo diese Darlehen aufgenommen wurden, war der Wert der Arbeitsstunde viel geringer. Die Herstellung der Gebäude und Maschinen, welche Sie heute benutzen, hat weit über zwanzig Millionen Arbeitsstunden verschlungen, weil der Arbeitsaufwand zur Herstellung der nämlichen Dinge ein desto größerer war, je weiter wir in der Reihe der Jahre zurückschreiten. Wäre es nun nicht die schreiendste Ungerechtigkeit, ja, wäre es überhaupt mit dem Bestande Ihrer Association vereinbar, wenn sie zwanzig Millionen Arbeitsstunden schuldig wäre und zahlen müßte, während doch nach den heutigen Arbeitsverhältnissen in zwanzig Millionen Arbeitsstunden ihre gesamten Gebäude, Maschinen und Werkzeuge zweimal hergestellt werden könnten? Und nach ferneren zehn Jahren würden vielleicht zwanzig Millionen Arbeitsstunden genügen, um jene Anlagen viermal zu erneuern. Da wir in Gold rechnen, seid ihr 21/2 Millionen Pfund schuldig und das ist so ziemlich der Betrag, um welchen euere Einrichtungen auch heute zu erneuern sind und nach zehn Jahren wahrscheinlich zu erneuern sein werden. Eine Verschiebung kann ja Platz gegriffen haben und in Zukunft Platz greifen; aber wenn es der Fall ist, so wäre das eine bloß zufällige Verschiebung, gegen die sich nichts machen läßt und die keineswegs besonders große Tragweite besitzt; die Verschiebung des Arbeitswertes dagegen wäre eine notwendige, gewaltige, und ein Zahlungsverhältnis auf Grund des Arbeitswertes aufbauen, hieße den Verpflichteten von vornherein und absichtlich ruinieren.“
„Aber das ist noch nicht alles. Unsere ganze Wirtschaft würde in der Luft schweben, wenn wir den Wert der Dinge nach dem in ihnen steckenden Arbeitsaufwande bestimmen wollten. Denn der erste und wichtigste Zweck des Wertmessers ist ja, den Wert der Arbeit selber zu messen. Wieviel das Buch, der Tisch, das Getreide oder das Eisen wert sein mögen, das sind Fragen von untergeordneter Bedeutung; worauf es uns zunächst ankommt, das ist, jederzeit genau zu wissen, wieviel die auf eine Sache gewendete Arbeit wert ist. Wüßten wir das nicht, von wo sollten wir wissen, worauf wir unsere Arbeit zu wenden haben? Oberste Aufgabe jeder Wirtschaft ist doch, daß jene Dinge erzeugt werden, auf welche sich der Bedarf richtet, und das vollzieht sich in der Weise, daß die Arbeiter sich jenem Produktionszweige zuwenden, in welchem sie bei gleicher Anstrengung den ihren Fähigkeiten entsprechenden höchsten Ertrag für die aufgewendete Mühe finden. Das heißt z. B.: dieser Tisch wurde aus dem Grunde produziert, weil die zehn Mark, die er wert ist, den mit seiner Produktion beschäftigten Arbeitern fünf Mark für die Stunde abwarfen, womit sie zufrieden waren. Diese zehn Mark für den Tisch oder fünf Mark für die Stunde erhielten sie bloß, weil Nachfrage nach Tischen war; hätten sich der Tischlerei mehr Arbeiter zugewendet, als der Nachfrage nach Tischlereiprodukten entsprach, so wäre der Preis des Tisches gesunken, die mit seiner Herstellung beschäftigten Arbeiter hätten weniger erhalten, als dem Durchschnittswerte der Arbeit entsprach; das hätte sie veranlaßt, ein anderes Gewerbe aufzusuchen, nach dessen Produkten verhältnismäßig stärkere Nachfrage herrschte, und gerade dadurch wäre das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage wiederhergestellt worden. Wenn aber der Wert des Tisches nicht in Geld, sondern in dem zu seiner Herstellung erforderlichen Arbeitsaufwande ausgedrückt würde, dann erhielten die Tischler, gleichviel ob man ihre Erzeugnisse braucht oder nicht, unabänderlich den gleichen Preis, nämlich zwei Stunden, solange ein Tisch zweier Stunden zu seiner Herstellung bedarf, weniger nur dann, wenn der Arbeitsaufwand zur Herstellung des Tisches sinkt, und unter allen Umständen für den gleichen Arbeitsaufwand den gleichen Wert, ihre Erzeugung mag dem Bedürfnisse entsprechen oder nicht. Dann bliebe uns nur zweierlei Möglichkeit offen: entweder müßten wir uns damit zufrieden geben, daß Dinge erzeugt werden, die niemand braucht, während an Dingen, die dringend gesucht werden, der größte Mangel herrschen könnte; oder wir müßten an die Stelle der Freiheit in der Berufs- und Arbeitswahl obrigkeitlichen Zwang setzen. Unsere Behörden hätten dann darüber zu bestimmen, was erzeugt werden soll, was natürlich zur ferneren Folge hätte, daß die Behörden die ganze Leitung der Produktion in die Hand nehmen müßten. Um das zu vermeiden, giebt es kein anderes Mittel, als den freien Markt mit wirklich brauchbarem, d. h. möglichst wertbeständigem Wertmesser; ein solcher ist das Gold und deswegen haben wir am Goldgelde als Wertmesser festgehalten.“
„Und warum werden einzelne Leistungen hier doch nach Arbeitsstunden bemessen?“ fragte ich.
„Weil wir bei diesen Leistungen — wie Gehalte, Versorgungsansprüche u. dgl. — haben wollen, daß ihr Wert nicht unveränderlich bleibe, sondern schritthaltend mit dem Wachstume der Arbeitsergiebigkeit zunehme.“
Ich dankte für die empfangene Belehrung, fragte aber des ferneren, wie man in Freiland über jene abergläubische Angst denke, welche die meisten Socialisten Europas und Amerikas vor dem Golde empfinden.
„Wir halten dies“ — so war die Antwort — „für ein bloßes Mißverständnis. Ob Gold oder irgend etwas anderes, meinethalben selbst der Arbeitsaufwand das Wertmaß wäre, bliebe sich mit Bezug auf jene Gefahren, die dem Gelde nachgesagt werden, mit diesem aber nicht das Geringste zu thun haben, ganz gleichgültig. Nehmen Sie an, man würde in Europa nicht nach Geld, sondern nach Arbeitscertifikaten rechnen; würde dadurch die Macht der großen Kapitalisten geringer werden, wenn sie statt über so und so viele Millionen Mark, Franken oder Pfund über so und so viele Millionen Arbeitsstunden oder Arbeitstage verfügen würden? Das Übel der ausbeuterischen Welt liegt darin, daß der Arbeitende nicht den vollen Wert dessen erhält, was er erzeugt, sondern den Löwenanteil an Grundrentner, Kapitalisten und Unternehmer abtreten muß. Oder glauben die europäischen Socialisten, daß, wenn beispielsweise ein Centner Getreide statt mit zehn Mark mit zehn Arbeitsstunden bezahlt würde, diese zehn Arbeitsstunden dem Arbeiter gehören würden, der das Getreide hervorgebracht hat? Um das zuwege zu bringen, nützt die Änderung des Wertmessers nicht das Geringste; Boden und Kapital muß den Arbeitern zugänglich gemacht und ihnen dadurch die Möglichkeit geboten werden, den Arbeitsprozeß zu eigenem Nutzen zu betreiben; dann gehört ihnen das Produkt, gleichviel wie dessen Wert ausgedrückt wird, und damit, daß ihnen dieser Wert gehört, ist gründlich geholfen. Die Furcht vor dem Gelde gleicht dem Zorne des Kindes, das den Fußboden schlägt, auf dem es gestürzt, vermeinend, dieser Boden sei schuld an seinem Sturze; laßt dieses Kind einmal das Gehen erlernt haben und es wird desto sicherer auf seinen Füßen stehen, je fester der Boden ist, auf dem es sich bewegt.“
Um die freiländischen Lagerhäuser kennen zu lernen, stattete ich den in Edenthal gelegenen in Begleitung Karls einen Besuch ab. Auch die Lagerhausverwaltung unterhält, trotzdem ihr Betrieb einheitlich für das ganze Land zusammengefaßt ist, in den meisten größeren Orten besondere Zweiganstalten, die dazu bestimmt sind, auf der einen Seite die Erzeugnisse der örtlichen Produktion aufzunehmen und an die Centrale abzugeben, auf der andern Seite für den örtlichen Bedarf die Erzeugnisse des ganzen Landes verfügbar zu halten. Nicht minder geht der Außenhandel durch die Hände der Lagerhausverwaltung. Es mag hier sofort bemerkt werden, daß Freiland beinahe ausschließlich bloß solche Güter fabriziert, bei deren Produktion Maschinenkraft eine hervorragende Rolle spielt, während jene Güter, die ihrer Natur nach hauptsächlich durch Handarbeit hervorgebracht werden müssen, vom Auslande eingeführt werden. Denn die freiländischen Arbeiter wären vermöge ihrer höheren Intelligenz und körperlichen Tüchtigkeit wohl auch in Handarbeit den ausgemergelten Knechten der bürgerlichen Welt in allen Stücken überlegen; trotzdem kann freiländische Handarbeit ihres hohen Wertes halber, der im Durchschnitt ungefähr das fünfzehnfache europäischen Tagelohns beträgt, mit bürgerlicher Handarbeit nicht konkurrieren: unsere Konkurrenzfähigkeit beginnt erst, wenn wir unsere stählernen Sklaven eintreten lassen können für die Knechtesarbeit der bürgerlichen Tagwerker. Denn diese unsere Sklaven sind noch genügsamer als die Knechte des Auslandes, die doch zum mindesten Kartoffeln zur Füllung ihres Magens und einige Lappen zur Bedeckung ihrer Blößen verlangen, während die unserigen durch die Elemente beinahe kostenlos gespeist werden und ein wenig Schmieröl genügt, um ihre Glieder gelenkig zu erhalten. Freiland nimmt solcherart im Außenhandel gleichsam die Rolle des großen Fabrikherrn, das Ausland die Rolle des Taglöhners ein, ganz dasselbe Verhältnis, welches, wenn auch nicht in so ausgesprochenem Maße, im Außenhandel aller Länder stattfindet, deren Arbeitslöhne verschieden sind. So ist es z. B. die englische Fabriksindustrie, welche für China, und die chinesische Handarbeit, welche für England produziert.
Das freiländische Lagerhaus berechnet den Produzenten nichts für Einlagerung und Verkauf der Waren; die Gebühr wird aus der allgemeinen Steuer gedeckt und gelangt solcherart in der einfachsten Weise zur Verteilung an alle Produzenten. Der Verkauf der Massenartikel geschieht im Wege von Auktionen, in welchen die großen Kunden, das sind die freiländischen Associationen und das Ausland, ihren Bedarf decken. Doch auch die Gegenstände des Einzelbedarfs werden in der Regel von der Lagerhausverwaltung der Güte nach klassifiziert und der Preis für dieselben nach dem von der statistischen Centralstelle und der Bank mitgeteilten durchschnittlichen Kostenbetrage angesetzt, welcher Kostenansatz jedoch keineswegs als etwas Unabänderliches gilt, sondern, so oft die Nachfrage das Angebot zu überflügeln sich anschickt, entsprechend erhöht, im umgekehrten Falle entsprechend ermäßigt wird.
Als wir die Möbelabteilung des Lagerhauses durchschritten, wo tausende und abertausende der verschiedenartigsten Einrichtungsstücke übersichtlich geordnet und mit Preisangaben versehen ausgestellt waren, fiel uns vor einem besonders kunstreich ausgeführten Schrank, in tiefe Gedanken versunken stehend eine Gestalt auf, in der wir alsbald Professor Tenax, unsern einstigen Lehrer der Nationalökonomie — wir hatten nämlich beide während unserer technischen Studien dieser Wissenschaft zwei Semester an der Universität unseres Geburtsortes gewidmet — erkannten. Wir begrüßten freudig den grundgelehrten, bei all seinen Schülern überaus beliebt gewesenen Mann und wollten ihn eben fragen, was ihn hierher geführt und wie lange er sich in Freiland aufzuhalten gedenke, als er, diese Auseinandersetzung kurz abwehrend, in die zornigen Worte ausbrach: „Und das nennt man das Land der Freiheit! Seht her, Ihr jungen Leute, dahin muß es kommen, wenn man gegen die Grundsätze der Wissenschaft verstößt! Dieses wundervolle Stück hier, welches in Europa seine guten tausend Mark wert ist, muß sich gefallen lassen, hier unter allerlei miserable Marktware gemengt für fünfhundert Mark feilgehalten zu werden. Ist das nicht der Tod aller hervorragenden Geschicklichkeit, wenn solcherart die Produzenten gezwungen werden, ihre Erzeugnisse nach der unberechenbaren und unkontrollierbaren Laune einer allmächtigen obersten Behörde abschätzen zu lassen?“
„Aber, mein verehrter Lehrer,“ so wagte Karl schüchtern einzuwenden, „es zwingt ja niemand die Erzeuger dieses Schrankes, sich der Abschätzung der Lagerhausverwaltung zu fügen; wenn ihnen diese unzutreffend erscheint, wenn sie glauben, mehr erhalten zu können, so steht es ihnen frei, einen beliebig hohen Preis anzusetzen. Wenn sie sich mit fünfhundert Mark für ein Stück begnügen, welches in Europa allerdings den doppelten Preis hätte, so liegt dies nur daran, daß man hier alles mit Maschinen, in Europa dagegen zumeist durch bloße Handarbeit fabriziert. Sie werden dieselbe verhältnismäßige Wohlfeilheit auch bei den anderen Möbeln finden. Der Preisansatz der Lagerhausverwaltung entspricht offenbar dem wirklichen Werte des Stückes.“
Es war die Eigenheit unseres geschätzten Lehrers, eine Widerlegung, gegen welche er nichts Stichhaltiges vorzubringen vermochte, damit zu beantworten, daß er eine ganz neue Frage aufwarf; und so meinte er denn mit einem verächtlichen Achselzucken: „Und ist es vielleicht ‚Freiheit‘, daß man hier jeden Menschen zwingt, sich in irgend eine große Association einschachteln zu lassen, wenn er irgend etwas arbeiten will?“
„Auch dazu wird ja niemand gezwungen,“ nahm nun ich das Wort.
„So?“ — fragte ironisch Professor Tenax. „Dann sagen Sie mir einmal, Sie junger Alleswisser, wer in Freiland auf eigene Faust, allein auf sich gestellt, arbeitet?“
„Niemand,“ gab ich zu. „Aber das unterbleibt nur, weil niemand Lust dazu hat.“
„Wundervoll!“ höhnte Tenax. „Es hat niemand Lust dazu, weil niemand es wagen darf, ein solches Gelüste zu zeigen. Ist es etwa nicht wahr, daß ihr die Benutzung jedes Fleckchens Boden und die Bewilligung jedes Produktionskredits an die Bedingung knüpft, daß alle Welt an der mit Hilfe dieses Bodens und dieses Kredits in Gang gesetzten Produktion teilzunehmen das Recht haben müsse?“
„Allerdings,“ erklärte ich. „Aber abgesehen davon, daß ich darin, wenn an die Benutzung einer aller Welt gehörigen Sache die Bedingung geknüpft wird, deren Gebrauch müsse aller Welt zugänglich sein, kein Unrecht zu erblicken vermag, abgesehen davon ist es gar nicht das, was irgendwen hindert, auf eigene Faust zu arbeiten Sollte sich ein Sonderling finden, der Lust bezeugte, eine Arbeit für sich allein zu betreiben, so würde wohl alle Welt hier über ihn verwundert den Kopf schütteln, sich aber schwerlich jemand finden, der sich ihm zu dem Zwecke aufdrängte, an seiner Thorheit teilzunehmen.“
„Was man nicht alles lernt, wenn man alt genug wird!“ rief Professor Tenax. „Also auf eigene Faust zu arbeiten, ist eine so unermeßliche Thorheit, daß hier in diesem Lande der alles durchdringenden Vernunft sich niemand findet, der derselben fähig wäre? Merkwürdig nur, daß wir da draußen all die Jahrtausende unserer bisherigen Kultur hindurch just das Gegenteil von dem vor uns sahen, was hier mit einemmale als das einzig Mögliche hingestellt wird. Möchten Sie mir nicht erklären, woher dieser Umschwung in den Anschauungen und Neigungen der Menschen hier so urplötzlich eingetreten ist?“
„Es ist das kein Umschwung der Anschauungen und Neigungen, sondern ein solcher der äußeren Existenzbedingungen,“ antwortete Karl. „Auch da draußen würde jedermann lieber mit vereinten Kräften mehr und besseres, als vereinzelt weniger und schlechteres erzeugen, wenn er nur die Mittel dazu hätte, nämlich das zu großer Produktion erforderliche große Kapital. Hier wo diese Möglichkeit für jedermann gegeben ist, zwingt den Arbeiter sein eigener Vorteil, sich einer großen Vereinigung von Arbeitskräften anzufügen, weil er nur in dieser Vereinigung jene großartigen Arbeitsbehelfe handhaben und ausnutzen kann, die den Ertrag seiner Arbeit verzehnfachen und verfünfzigfachen.“
Abermals wechselte Professor Tenax das Thema und fragte, schon einigermaßen gereizt, ob wir denn auch rechtfertigen könnten, daß Produzenten, die unter allem erdenklichen Aufwande von Fleiß und Geschicklichkeit ihr Geschäft in Blüte gebracht hätten, durch die sogenannte Freizügigkeit der Arbeitskräfte gezwungen würden, jeden Unhold in ihrer Mitte aufzunehmen, der ihnen die Ehre erweisen wolle, an den Früchten ihrer Arbeit teilzunehmen. „Wenn ich nicht einmal das Recht habe, mir die Genossen meiner Arbeit nach meinem Geschmacke auszuwählen, so ist das nicht Freiheit, sondern Galeerensklaverei.“
„Also wählen sich in der bürgerlichen Welt die Arbeiter ihre Genossen nach ihrem Geschmacke?“ fragte nun ich, Spott mit Spott zurückgebend. „Davon habe ich in europäischen Fabriken nichts bemerkt.“
„Aber in Europa hat wenigstens der Arbeitgeber oder dessen Stellvertreter das Recht, sich die Leute anzusehen, bevor er sie aufnimmt.“
„Richtig. Doch thut er dies nicht auf ihre Liebenswürdigkeit und ihre gefälligen Umgangsformen hin, sondern sieht sie bloß darauf an, ob sie ihm für die Arbeit, zu welcher sie sich anbieten, geeignet erscheinen oder nicht; das thun unsere Direktoren auch, und der Unterschied liegt bloß darin, daß diese unsere Direktoren, welche zwar nicht über die Aufnahme, wohl aber über die Verwendung jeglicher Arbeitskraft zu entscheiden haben, Beauftragte nicht eines den Arbeitern fremd und kalt gegenüberstehenden Arbeitgebers, sondern der Arbeiter selbst sind. Schlimmer also, als in der bürgerlichen Welt, ist es bei uns in diesem Punkte auf keinen Fall.“
„Aber auch nicht um vieles besser,“ knurrte Professor Tenax; „und ihr rühmt euch doch, die beste aller Welten eingerichtet zu haben.“
„Daß ich nicht wüßte,“ erklärte Karl. „Wir glauben, die den derzeitigen Existenzbedingungen der Menschheit entsprechende bestmögliche Ordnung eingeführt zu haben; das absolut Beste, an und für sich Vollkommene zu erreichen, überlassen wir den Göttern. Solange die Menschen nicht Engel geworden sind — und wir maßen uns nicht an, sie dazu machen zu können — werden sie etwaige Folgen ihrer Fehler zu ertragen haben. Und wenn daher einzelne Genossen nicht in allen Stücken eines Herzens und eines Sinnes mit den übrigen sind, so müssen das beide Teile als etwas Unabwendbares hinnehmen, ohne sich das Recht anzumaßen, um dieser mangelnden vollkommenen Harmonie willen den andern Teil in seinem Rechte zu kränken.“
„Aber begreifen Sie denn nicht,“ rief Professor Tenax, „daß es unter Umständen geradezu unleidlich werden kann, sich an Personen gekettet zu sehen, die einem — gleichviel aus welchem Grunde — nun einmal zuwider sind?“
„Es fragt sich nur, was Sie unter diesem ‚aneinander gekettet sein‘ verstehen. In mein Haus, in meine Familie, in meinen gesellschaftlichen Verkehr werde ich nur Menschen zulassen, die mir angenehm sind; aber in der Fabrik handelt es sich ja nicht um geselligen Umgang, sondern um Produktion, und damit diese einträchtig von statten gehe, genügt es, daß mein Nebenmann die Arbeit verstehe, auch wenn er keinerlei Verständnis und Sympathie für meine geistigen oder gemütlichen Regungen besitzt. Insbesondere im modernen Großbetrieb tritt die Persönlichkeit des Arbeitenden so sehr in den Hintergrund vor der Gewalt der Maschine, daß nur einigermaßen vernünftige Disciplin vollauf genügt, um alle aus persönlichen Gegensätzen herrührenden Mißhelligkeiten von vornherein unmöglich zu machen. Wenn wir uns das Recht anmaßen wollten, unsympathische Personen von unsern Fabriken fernzuhalten, warum sollten wir sie dann in unseren Städten dulden? Unangenehme Gewohnheiten, Anschauungen oder Neigungen eines Menschen sind mir viel unbequemer, wenn ich mit ihm denselben Wohnort, als wenn ich die Arbeitsstätte mit ihm teilen muß. Denn nur in dem ersteren habe ich mit ihm als Menschen, in der letzteren hauptsächlich als Gütererzeuger zu thun. Wenn Sie also, geehrtester Professor, ein Feind der Freizügigkeit sind, weil sie uns mit jedem beliebigen ‚Unhold‘ in Verbringung bringen kann, dann sollten Sie in erster Linie gegen die politische Freizügigkeit zu Felde ziehen, die aber, wie ich sehr gut weiß, obenan steht auf dem Programme gerade jener politischen Richtung, zu deren Zierden Sie gehören, nämlich der liberalen.“
„Mit Fanatikern gleich euch ist nicht fertig zu werden,“ brach jetzt Professor Tenax das ihm unbequem gewordene Gespräch ab, was ihn jedoch, da er von Natur guten Herzens ist, nicht hinderte, Karls Einladung, während seiner Anwesenheit in Edenthal recht häufig unser Gast zu sein, bereitwilligst anzunehmen.
Ich hatte sehr rasch begreifen gelernt, warum der Grundsatz der Freizügigkeit, der in nichts anderem als in der Hinwegräumung jedes dem wohlberatenen Eigennutze entgegenstehenden Hindernisses besteht, zur Harmonie aller wirtschaftlichen Verhältnisse führen müsse; um Unklarheiten, die sich mir in diesem Punkte aufdrängen mochten, vollends zu beseitigen, genügte es, wenn ich die großen Klassiker der nationalökonomischen Wissenschaft, insbesondere Adam Smith zu Rate zog, deren Lehre ja in allen Stücken auf der Durchführung dieses Grundsatzes beruht und die bei ihren Schlußfolgerungen bloß darin irrten, daß sie vermeinten, die politische Freiheit allein könne genügen, um die der freien Bethätigung des Eigennutzes Aller entgegenstehenden Hindernisse zu beseitigen. Nur eines wurde mir nicht völlig klar, die Frage nämlich, ob denn nicht unter Umständen auch über Freiland eine jener Krisen hereinbrechen könne, eine jener allgemeinen Absatzstockungen, von denen die bürgerliche Welt periodisch heimgesucht wird. Die Arbeitserträge gleichen sich in Freiland unter dem Einflusse der Freizügigkeit in der Weise aus, daß es den Arbeitern ermöglicht ist, der Stätte des jeweilig höchsten Ertrages zuzuziehen. Das ist nun in der bürgerlichen Welt allerdings nicht möglich, denn die Arbeiter haben dort nicht die Macht, sich ihre Arbeitsstätten auszuwählen; sie müssen warten, bis der Unternehmer ihrer bedarf. Aber der Nutzen der Unternehmer ist es, was in der bürgerlichen Welt — zum Teile wenigstens — den freiwaltenden Eigennutz der Arbeitenden ersetzt; wenn es den Unternehmern schlecht geht, entlassen sie Arbeiter, wenn es ihnen gut geht, nehmen sie welche auf, und man sollte also meinen, daß — langsam zwar, aber schließlich doch in der gleichen Weise wie in Freiland — die Gewinne sich ausgleichen, jede Absatzstockung vermieden werden müßte. Da dies in der bürgerlichen Welt nicht der Fall ist, ja, da mehr und mehr allgemeine Absatzstockung, d. h. Überproduktion zur Regel wird, so suchte ich lange vergeblich nach dem letzten Erklärungsgrunde für den Unterschied, den ich so sinnfällig vor Augen sah und von welchem eine innere Stimme mir sagte, daß er sich als notwendig begründen lassen müsse. Der Vorsteher des Lagerhauses brachte mich bei einem Besuche, den ich ihm kürzlich in geschäftlichen Angelegenheiten meiner Gesellschaft abstattete, mit wenigen Worten auf die rechte Spur.
Als ich ihn fragte, ob sich nicht gelegentlich eine allgemeine Überfüllung der Lagerräume infolge zum mindesten vorübergehender allgemeiner Absatzstockung einstelle, antwortete er mir mit der verwunderten Gegenfrage: „Ja wozu sollten denn in einem solchen Falle alle hier aufgestapelten Waren produziert worden sein? Ihr von der Edenthaler Transportmittel-Gesellschaft erzeugt doch die Maschinen, welche ihr hersendet, nicht, weil es euch Vergnügen macht, mit Eisen und Stahl zu hantieren, sondern weil ihr mit dem Ertrage eurer auf diese Maschinen gewendeten Arbeit eure unterschiedlichen Bedürfnisse decken wollt; das nämliche gilt von den Gesellschaften, welche die der Lagerhausverwaltung eingesendeten Möbel, Kleidungsstoffe, Nahrungsmittel u. dgl. erzeugt haben; alle verkaufen sie bloß, um zu kaufen, und es kann sich daher stets nur darum handeln, ob gerade die richtigen Dinge erzeugt worden sind, jene Dinge nämlich, auf welche sich die Nachfrage der Verkäufer, welche zugleich Käufer sind, richtet, und damit das zuwege gebracht werde, dafür sorgt eben unsere Freizügigkeit. Daß im allgemeinen mehr erzeugt werde, als man braucht, dazu wäre erforderlich, daß unsere Produzenten nicht arbeiten, um zu genießen, sondern um der Plage der Arbeit willen.“ Und als ich des ferneren einwendete, daß das alles auch in der bürgerlichen Welt gelte und trotzdem Überproduktion dort sogar die Regel sei, meinte der Lagerhausverwalter lächelnd: „Sie übersehen, daß sich all das in der bürgerlichen Welt eben nicht so verhält; zwar arbeiten auch dort die Leute, nicht um sich zu plagen, sondern um zu genießen, aber sie mögen um noch so vieles mehr erzeugen, sie können deswegen doch nicht mehr genießen, weil ja der Ertrag ihrer Arbeit nicht ihnen, d. h. nicht den Arbeitenden, sondern einer Minderheit, den Arbeitgebern, gehört.“
„Richtig. Aber diese letzteren wollen doch genießen, was die anderen hervorbrachten?“
„Nein, auch diese wenigen können und wollen nur zum Teil genießen, was jene hervorbringen; sie können es nur zum Teil, weil sie ja schließlich auch nur je einen Magen und je einen Körper haben; sie wollen es nur zum Teil, weil sie es vorziehen, einen andern Teil der ihnen gehörigen Arbeitserträge nicht als Genußmittel, sondern als Machtmittel anzuwenden.“
„Sie meinen, die Arbeitgeber wollen einen Teil der Arbeitserträge kapitalisieren?“ entgegnete ich. „Kapitalisieren heißt aber den Arbeitsertrag in ein Instrument neuer Arbeit verwandeln. Und ob nun die Arbeitgeber Spitzen und feine Weine, oder ob sie Maschinen, Fabrikseinrichtungen und Werkzeuge kaufen, bleibt sich in dem Punkte, um welchen es sich hier handelt, ganz gleichgültig; sie wollen immer für das, was sie verkaufen, etwas anderes kaufen. Und immer wieder sollte es sich nur darum handeln, ob gerade die richtigen Dinge erzeugt werden, nicht aber darum, ob überhaupt Dinge in genügender Menge auf dem Markte gesucht werden.“
„Ja, wenn die bürgerlichen Arbeitgeber neben Spitzen und Weinen nur Maschinen, Werkzeuge und Fabrikseinrichtungen auf dem Markte suchen wollten oder könnten, dann gäbe es freilich auch in der bürgerlichen Welt kein allgemeines Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage; aber darin liegt’s eben: sie können und sie wollen keine Werkzeuge und Maschinen kaufen, weil sie keine Verwendung für diese haben, d. h. wohlverstanden, keine über ein gewisses, sehr eng begrenztes Maß hinausgehende Verwendung. Man kann doch keine neuen Spinnereien bauen, wenn der Verbrauch an Gespinsten nicht zunimmt, keine neuen Schuhwarenfabriken errichten, wenn nach wie vor die große Masse der Menschen barfuß oder in zerrissenen Stiefeln umherlaufen muß. Den Arbeitgebern bleibt nichts übrig, als ihre sogenannten Ersparnisse dazu zu verwenden, um bereits bestehende Fabriken, Eisenbahnen und sonstige Anlagewerte zu kaufen, d. h. den Preis derselben wetteifernd in die Höhe zu treiben. Damit aber, daß eine bereits bestehende Fabrik oder Eisenbahn oder die über diese Fabrik oder Eisenbahn im Umlauf gebrachten Besitztitel im Preise steigen, wird keinerlei Nachfrage auf dem Gütermarkte hervorgerufen; die Kapitalisten der bürgerlichen Welt sind also regelmäßig in der Lage, zwar alle ihnen gehörigen Erzeugnisse verkaufen, aber nur für einen Teil des Erlöses andere Erzeugnisse auf dem Markte kaufen zu wollen; das ruft natürlich ein Mißverhältnis hervor, welches man mit dem Namen Überproduktion belegt hat, und welches, wenn es stärkeren Umfang erreicht, Krisis heißt.“
Diese einfache Darlegung machte mir klar, warum hierzulande ein derartiges allgemeines Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage gänzlich ausgeschlossen ist. Da es unzweifelhaft einem allgemein geltenden Gesetze entspricht, daß niemand produziert zu anderm Zwecke, als um für den Erlös seiner Produktion irgend etwas einzutauschen, und da es hier nichts anderes als Erzeugnisse menschlicher Arbeit giebt, die man eintauschen kann, so muß immerwährendes Gleichgewicht herrschen, etwas, was bekanntlich die großen Ökonomisten auch für die bürgerliche Welt als notwendig hingestellt haben, ohne sich selbst klar zu sein, warum es, wie ihrem Scharfsinne niemals vollständig entging, doch thatsächlich nicht zutraf. Auch der Freiländer kann dasjenige, was er erzeugt, wenn er will in irgend einer Form beiseite legen, ersparen; aber die Form, in der er das thut, kann unter keinen Umständen eine andere sein, als daß er dem Markte irgend ein Erzeugnis menschlicher Arbeit entnimmt. In ein Machtmittel, in einen verbrieften Anspruch auf zukünftige Arbeitsergebnisse anderer Menschen vermag er in Freiland sein Arbeitsergebnis niemals zu verwandeln und er kann daher niemals das Gleichgewicht des freiländischen Marktes stören, indem er im Austausch für seine Erzeugnisse statt der Erzeugnisse anderer, solche Machtansprüche über andere zu erwerben sucht. So lange es für Freiland ein Ausland giebt, geschieht es, daß freiländische Sparer ausländische zinstragende Werte kaufen; aber auch das kann natürlich nur auf dem fremden, nicht aber auf dem freiländischen Markte ein Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage nach Waren hervorrufen; denn in diesem Falle sind es eben freiländische Erzeugnisse, die für ausländische Besitztitel hintangegeben werden; es vermindert sich also in einem solchen Falle allerdings die Nachfrage, ebenso aber auch das Angebot von Waren in Freiland.
Ebensowenig vermag der Außenhandel das Gleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot in Freiland zu stören. Da es doch offenbar ist, daß uns das Ausland nichts schenkt, sondern stets nur Ware gegen Ware tauscht, so steht notwendigerweise den zum Verkaufe bei uns angebotenen fremden Waren eine entsprechende Nachfrage aus dem Erlöse freiländischer, im Auslande verkaufter Waren gegenüber. Der Außenhandel bewirkt bloß, daß wir unsern Bedarf an solchen Gütern, die vorteilhafter im Auslande als im Inlande erzeugt werden, nicht direkt durch die Selbsterzeugung dieser Dinge, sondern dadurch decken, daß wir an ihrer Statt solche Dinge hervorbringen, die vorteilhafter bei uns als im Auslande produziert werden können, was natürlich zur Folge hat, daß wir diesen Teil unseres Bedarfes besser und reichlicher zu decken vermögen, als wenn wir die fraglichen Dinge unmittelbar selber herstellten. Dagegen läßt sich allerdings nicht leugnen, daß die Handelsbeziehungen mit dem von häufigen und heftigen Produktionsschwankungen heimgesuchten Auslande häufigere und heftigere Schwankungen des Gleichgewichtes unserer eigenen Produktionserträge hervorrufen, als durch die Schwankungen unserer eigenen Produktions- und Nachfrageverhältnisse von Haus aus bedingt wäre. Es kommt mitunter vor, daß das Ausland gewisse Güter, die auch bei uns selbst erzeugt werden, zu Schleuderpreisen bei uns verkauft, was dann zur selbstverständlichen Folge hat, daß auch unsere eigenen Preise und damit die Erträge unserer eigenen davon zunächst betroffenen Produktionen herabgedrückt werden; allein solche Ungleichheiten werden dank unserer Freizügigkeit leicht und ohne tiefergehende Schädigung der dabei Beteiligten überwunden. Wollten wir uns gegen das Ausland absperren, so könnten wir uns gegen solche Schwankungen schützen; aber da dies auf Kosten der internationalen Arbeitsteilung und folglich auf Kosten unseres Wohlstandes vor sich ginge, indem wir solcherart dauernd genötigt wären, statt jener Dinge, die wir mit dem größten Vorteil produzieren, jene Dinge zu erzeugen, die wir unmittelbar selber verbrauchen, so läßt sich hier niemand beifallen, derartige Absperrungsmaßregeln zu befürworten.
Eine ganz besondere Art von Hinterlegung der Produkte gegenwärtiger Arbeit für zukünftigen Gebrauch findet durch Vermittelung der Versicherungsabteilung unserer freiländischen Centralbank statt. Wie bereits erwähnt, hat jeder Freiländer für den Fall seiner Arbeitsunfähigkeit Anspruch auf Versorgung durch die Gesamtheit; doch beträgt dieser Versorgungsanspruch bloß vier Zehntel des durchschnittlichen Ertrages freiländischer Arbeit für Männer und drei Zehntel für Frauen; das genügt zwar für behäbiges, ja reichliches Auskommen, nicht aber unter allen Umständen, um den Beteiligten die ganz unveränderte Fortführung jener Lebensweise zu gestatten, an die sie sich während der Zeit ihrer Thätigkeit gewöhnt haben mögen. Die Versicherungsabteilung bietet nun denjenigen, die im späteren Alter für sich und ihre Frau mehr als den allgemeinen Versorgungsanteil haben wollen, das Mittel, diesen ihren Zweck zu erreichen. Wer eine nach Altersklassen abgestufte Prämie zahlt, kann seine Versorgungsrente beliebig erhöhen.
Das eigentümliche dieser freiländischen Versicherung besteht darin, daß für die eingezahlten Prämien zwar keine Zinsen angerechnet werden, dafür aber die gesamte Verrechnung nicht in Geld, sondern in Arbeitswerten vor sich geht. Es ist dies folgendermaßen zu verstehen. Europäische oder amerikanische Versicherungsanstalten bezahlen z. B. einem Manne bestimmten Alters, der bis zu einem vorher bestimmten Zeitpunkte jährlich fünfhundert Mark einzahlt, nach diesem Zeitpunkte — sagen wir — jährlich tausend Mark als Rente; die freiländische Versicherung zahlt einem solchen Manne für je hundert Stundenwerte, die er jährlich bis zu eintretender Arbeitsunfähigkeit als Prämie entrichtet, von da ab eine Jahresprämie von zweihundert Stundenwerten; nun beträgt aber der Stundenwert gegenwärtig in Freiland fünf Mark; er dürfte bei Eintritt des hier ins Auge gefaßten Rentenbezuges vielleicht zehn Mark betragen und bis zum Tode des Bezugsberechtigten auf zwölf Mark steigen; unser Mann hätte also eine allmählich von fünfhundert bis zu tausend Mark steigende Jahresprämie gezahlt und sich dafür eine von zweitausend auf zweitausendvierhundert Mark steigende Rente gesichert. Der Zweck dieser Einrichtung ist, Leistung wie Gegenleistung mit der Leichtigkeit der Einzahlung einerseits und mit dem durch den allgemeinen Reichtum bedingten Wachstume der Bedürfnisse anderseits in Einklang zu bringen; wenn der Wert der Arbeit in Freiland steigt, sollen, gleich den allgemeinen Versorgungsansprüchen, auch die von der Versicherung gezahlten Renten steigen.
Da die Versicherungsanstalt in Freiland natürlich keine Zinsen machen kann, so ist das solcherart eintretende Wachstum der Versicherungsrenten streng genommen nach versicherungstechnischen Grundsätzen ungerechtfertigt; die Versicherten erhalten im Durchschnitt wesentlich mehr, als ihrer Einzahlung entspricht, und der Unterschied muß natürlich von der Gesamtheit getragen werden. Aber man ist in Freiland der Ansicht, daß hierin keine Ungerechtigkeit liegt. Zinstragend kann die Versicherungsanstalt die Einzahlungen der Versicherten allerdings nicht anlegen, aber sie legt sie eben doch und zwar durch Vermittelung der Centralverwaltung fruchtbringend an, sei es in Form dem allgemeinen Nutzen dienender Bauten, sei es in Form der den Associationen gewährten Kredite. Das Gemeinwesen ist es, welches den Vorteil aus allen diesen Anlagen hat, und zwar nehmen daran nicht bloß die Einzahlenden und ihre Zeitgenossen, sondern auch die kommenden Geschlechter teil; die Versicherten haben aus ihren Ersparnissen der Gesamtheit für Gegenwart und Zukunft Instrumente fruchtbarer Arbeit zur Verfügung gestellt, und wenn ihnen nun bei Bemessung der Rente außer den eingezahlten Beträgen selbst noch ein Teil des kraft dieser Einzahlungen erzielten Zuwachses der Arbeitserträge vergütet wird, so ist dies nicht mehr als billig.
Nebenbei bemerkt erwächst für die Gesamtheit einstweilen und wohl noch auf Jahrzehnte hinaus aus dieser Versicherungseinrichtung keinerlei Last, im Gegenteil ermöglichen die Eingänge aus den Versicherungsprämien, daß dem Kapitalbedürfnisse der Gesamtheit entsprochen werden kann, ohne daß die allgemeine Steuer jene Höhe erreichen müßte, die andernfalls zur Aufbringung der erforderlichen Beträge notwendig wäre. Es übersteigen nämlich derzeit die Prämieneinzahlungen weitaus die Renten, und das wird insolange währen, als infolge der Neuheit dieser Einrichtung einerseits und des rapiden Wachstums der Bevölkerung anderseits die Menge der zahlenden Versicherten so vielfach größer ist als die Menge der Zahlung Empfangenden. Später einmal wird sich das ändern; aber wenn es geschieht, wird inzwischen die Ergiebigkeit der freiländischen Arbeit und zwar unter Mitwirkung der von den Versicherten beigesteuerten Kapitalien so gewaltig gewachsen sein, daß eine allfällige geringfügige Erhöhung des Steuersatzes leicht zu ertragen sein wird.
Zum Schlusse will ich noch erwähnen, daß diese ganze Einrichtung sich lediglich auf Altersrenten, nicht aber auf die Versorgung von Kindern bezieht. Letzteren genügt unter allen Umständen ihr unveräußerlicher Anspruch auf den Fruchtgenuß des Gesamtreichtums. Daß die Zukunft zu Gunsten von Menschen belastet werde, die in der Vergangenheit noch nichts geleistet haben, halten die Freiländer für unsinnig. Über die Ergebnisse seiner eigenen Arbeit kann jedermann nach seinem Belieben im Leben wie für den Todesfall verfügen; es steht ihm also frei, seinen Kindern zu hinterlassen, was er ersparte — mehr aber nicht.