Mehr als einmal griff Pieter Maritz nach seiner Büchse, und er traute es sich wohl zu, den Prinzen herabzuschießen. Die Engländer zielten wenig, sie schossen in die Masse hinein, kein Buer stand in der äußeren Linie. Aber ein Gefühl der Scheu hielt den Buernsohn zurück. Er mochte den tapferen Mann nicht fällen. War er dem Degenstoß bei Gingilowo nicht erlegen, so wollte ihn eine höhere Bestimmung wohl nicht durch die Hand fallen lassen, die damals das Schwert gegen ihn führte. Pieter Maritz getraute sich nicht, auf Dabulamanzi zu schießen.

Jetzt trat unter den ungeheuren Verlusten, welche die Zulus erlitten, ein Stocken in ihrem Angriff ein, ein Schwanken ward in ihren Schlachthaufen bemerklich, die Regimenter schienen sich aufzulösen. Sirajos Flügel strömte bald darauf rückwärts, das Centrum wich langsam unter den unaufhörlich einschlagenden Shrapnels und Gatlinggeschossen. Ein lautes Hurra ertönte in den von Pulverdampf umwallten Gliedern der Engländer.

Da ritt Lord Chelmsford vor die Reihen der Ulanen und zeigte mit der Hand auf Dabulamanzis Flügel, der noch immer standhielt. Hatten in der letzten Schlacht die Dragoner Lorbeeren errungen, so sollten heute die Ulanen den Sieg vollenden. Das Viereck öffnete sich, das stolze Regiment trabte hinaus, das Feuer verstummte auf der rechten Flanke, und die Schwadronen ritten zu staffelförmiger Attacke auf. Dann legte die vorderste Schwadron die Lanzen ein und jagte, die blinkenden Spitzen mit den flatternden Fähnchen gesenkt, gerade auf die Zulus los.

Aber die Zulus hatten von ihren Feinden gelernt, und Dabulamanzi war in ihrer Mitte. Sie schlossen sich eng zu einem Knäuel zusammen, streckten die Schilde vor und feuerten. Viele der Reiter mußten den Sattel räumen. Eine zweite Schwadron stürmte heran und griff über den Flügel der ersten hinaus mit der Lanze an, die dritte und vierte folgten, immer die vorderen überflügelnd, und ritten in die Feinde ein. Die Zulus erlagen unter dem wilden Ansturm. Vergeblich waren ihre Speere und Schilde, die langen Lanzen der Engländer, mit der Wucht von Roß und Mann vorwärts getrieben, durchbohrten Schild und Brust, und einer der tapferen Verteidiger nach dem andern sank zu Boden. Verzweiflungsvoll flüchtete Dabulamanzi mit einer kleinen Schar. Doch nahe an hundert Mann ließ das Ulanenregiment auf dem Platze zurück.

Jetzt brachen auch die Buern auf des Oberbefehlshabers Wink aus dem Karree hervor, und Humbatis Truppen wurden auf die Fliehenden losgelassen. Weithin bedeckte sich die Ebene mit flüchtigen Scharen, hinter denen die Kavallerie herjagte, und Schwerthieb und Lanzenstich räumten unter den Zulus und den Amatongas auf, welche heute das Zuluheer verstärkt hatten. Langsam rückte das schwere Viereck vor, das Hurrarufen der Sieger donnerte über das Schlachtfeld hin, und die Klänge des »Rule Britannia« spielten dazwischen.

Pieter Maritz ritt an der Spitze der Buern einher, das Schwert in der Rechten, doch brauchte er es nicht mehr, denn die Feinde leisteten keinen Widerstand. Er lenkte nach dem Lickasikrale hin, aber der Hügel war leer, der König war verschwunden. Er ritt nach Ulundi zu und sah, daß die englischen Reiter schon in der Hauptstadt waren. Er kam an die äußersten Hütten hinan, sie waren leer. Als er aber bis zur Wohnung des Königs kam, da sah er den schönen Rasenplatz, auf dem einst die Frauen getanzt hatten, von den Ulanen angefüllt, und aus der Veranda leckten die Flammen empor.

Er ritt langsam zurück, Traurigkeit beschlich sein Herz beim Anblick der Verwüstung und des Todes auf den Stätten, wo er einst ein fröhliches Volk gesehen hatte.

Noch einmal blickte er sich um: Ulundi brannte an allen Ecken und Enden, die leichten Hütten flackerten wie Fackeln auf, düsterer schwarzer Rauch stieg zum Himmel empor. Tschetschwajos Macht war gebrochen, und zum Falle seines Reiches, zum Brande seiner Hauptstadt spielte die englische Musik das »Rule Britannia«.

Fünfundzwanzigstes Kapitel
König Tschetschwajos Gefangennahme

Rauch und Hitze machten den Aufenthalt in Ulundi bald unerträglich, und die Truppen versammelten sich wieder in der freien Ebene, wo Lord Chelmsford den entscheidenden Sieg erfochten hatte. Pieter Maritz sah, wie die Flammen sich ringsum in Ulundi verbreiteten, bis der ganze weite Ring von Hütten, der den großen Platz einschloß, einem riesigen brennenden Pechkranz glich. Der Himmel verfinsterte sich durch den ungeheuren Qualm, der von so vielen leicht brennbaren Hütten emporstieg. Währenddessen richtete die Artillerie ihre Geschosse auf die benachbarten Krale, welche ehedem Residenzen der Zulukönige und Zeugen manches Triumphes der siegreichen Eroberer über schwächere Nachbarn gewesen waren. Diese Krale konnten noch Feinde bergen, und die Engländer hielten es für sicherer, sie zu zerstören, oder gaben vielleicht auch nur dem Triebe der Vernichtung nach, der im Kriege in den Herzen der Menschen riesengroß anwächst. Raketen und Shrapnels sausten in die Hüttenringe hinein, und bald schlugen aus allen ringsum sichtbaren Kralen die Rauchwolken und Flammen ebenso wie aus Ulundi empor. Der ganze nördliche und östliche Horizont hüllte sich in schwarzen Dunst, so daß die vorher hell schimmernden fernen Höhenzüge und der klare durchsichtige Äther gleichsam in Trauer gekleidet erschienen.

Lord Chelmsford führte seine Armee in das befestigte Lager zurück, aus welchem er heute morgen aufgebrochen war, und gab Befehl, daß nur eine geringe Macht, hauptsächlich Kavallerie und Artillerie, die Verfolgung der geschlagenen Feinde fortsetzen solle. Die Masse des Heeres sollte zurückmarschieren. Schon im Laufe des Tages der Schlacht, mehr aber noch an den folgenden Tagen zeigte sich die große Bedeutung des englischen Sieges in dem Erscheinen von Zulufürsten, welche ihre Unterwerfung ankündigten. Alle jene Vornehmen, welche nur durch Waffengewalt zum Gehorsam gezwungen worden waren, dazu die Ehrgeizigen, welche hofften, nach der Besiegung Tschetschwajos selbständige Herrscher in ihrem Gebiete zu werden, kamen mit ihren Anhängern in das Lager des mächtigen Siegers und huldigten ihm. Tschetschwajos Macht bröckelte auseinander. Die Indunas berichteten, der König habe nur noch sechstausend Mann um sich, und mit diesen habe er sich nach Nordosten gewandt, um in die fernsten, wildesten Gegenden seines Reiches zu fliehen.

Lord Chelmsford nahm alle Indunas freundlich auf, lobte sie wegen ihrer Gefügigkeit und versprach ihnen die Unterstützung der englischen Macht bei ihren Plänen auf Selbständigkeit. Seine Truppen folgten indessen den Spuren des Königs. Die Ulanen und Dragoner, die Scharfschützen des 60. Regiments, vor allem aber die Buern und Humbatis schwarze Truppen, waren mit der Artillerie vereint im schnellen Marsche hinter der letzten kleinen Armee der Zulus. Es ging zunächst auf Mainze-kanze, wo der König Halt gemacht hatte, wie seine verräterischen Indunas aussagten.

Noch auf dem Wege dorthin, und mehrere Meilen südlich vom Zusammenflusse des Schwarzen und des Weißen Umvolosi, ritt Pieter Maritz eines Abends mit dem Leutnant Dubois zusammen an der Spitze einer Buernschar durch das gebirgige Land, als er Humbati bemerkte, der in Eile vorwärts drängte und einen der englischen Befehlshaber, den Obersten Barrow, führte. Humbati war, nachdem der Sieg bei Ulundi erfochten worden war und während so viele Indunas sich einem neuen Glücke zuwandten, eine sehr angesehene und geachtete Persönlichkeit unter seinen Landsleuten geworden, und viele Indunas bewarben sich wie ehedem, als er noch des Königs Günstling war, um seine Freundschaft. Sie erblickten in ihm einen der zukünftigen Herrscher im Zululande. Er aber behielt das finstere Wesen, das Pieter Maritz schon im Lager am Tugela bei ihm bemerkt hatte, und es schien dem Buernsohn, als sei er mehr von dem Durst nach Rache als von Ehrgeiz getrieben.

Der Abend war vom Glanze des Mondes erhellt, und es war fast so hell wie am Tage, nur gab das silberweiße Licht allen Gegenständen ein geheimnisvolles Aussehen, und die Felsen und Bäume in diesen zerklüfteten Landschaften der Flußufer nahmen oft wunderbare Gestaltungen durch die tiefen Schatten ihrer vom Monde abgewandten Flächen an. Oberst Barrow hatte einen Zug Dragoner hinter sich, und er winkte dem Leutnant Dubois, ihm mit den Buern ebenfalls zu folgen. Humbati schritt leichtfüßig voran, und die Offiziere und Mannschaften folgten ihm in ein Seitenthal. Der Weg wurde schwierig und schwieriger, nur mit Mühe folgten die Reiter dem eilig vorangehenden Zulu. Das Thal war eng und düster, nur oberhalb der Baumwipfel zeigte sich der Streif des hellen Nachthimmels, und die Sterne funkelten hell, indem sie aus dem Dunkel heraus gesehen wurden. Endlich endete das Thal, und ein offener Platz, ringsum von sanften Höhenrücken begrenzt, zeigte sich. Hier standen nur einzelne kleinere Bäume, eine Palmenart, und viele gewaltig große Felsblöcke lagen umher, die zum Teil von Gras und Schlinggewächsen überwuchert waren. Es war ein Platz, der ungemein einsam und versteckt aussah.

Humbati machte Halt und sprach einige leise Worte mit dem Obersten, worauf dieser mehrere Soldaten absteigen ließ. Mit diesen näherte sich Humbati einem der Haufen von Felsblöcken und fing an, die Steine wegzuräumen. Pieter Maritz sah nun, daß alsbald unter den von der Natur ohne Ordnung zusammengewürfelten Steinen ein regelrecht geformter Felsenbau, ähnlich einem ungeheuer großen Kasten, erschien. Die Steine waren lang und platt, schichtenweise gelagert. Humbati schob nun an einem dieser langen Steine, der auf der Kante stand, und brachte ihn mit Hilfe der Soldaten in eine Drehung und zum Falle. Polternd stürzte er von seiner Unterlage herab in das Gras, und nun zeigte sich hinter ihm ein hohler Raum, den er wie eine Thür verschlossen gehalten hatte. Die Offiziere und auch Pieter Maritz näherten sich dem Gewölbe und sahen, daß es mit glänzenden Gegenständen angefüllt war. Goldene Ringe und metallene Gefäße, zusammengeschnürte Ballen, in denen Stoffe und Straußenfedern sein mochten, sowie alle solche Dinge, welche Pieter Maritz wohl als Kostbarkeiten an Tschetschwajos Hofe gesehen hatte, waren in diesem Steingewölbe angehäuft. Humbati hatte den Weißen die Schatzkammer des Königs verraten.

Aber in diesem Augenblicke, als aller Augen sich voller Neugierde auf die dunkle Höhlung richteten und Humbati einen der glänzenden Gegenstände hervorholte, auf welchem nun das Mondlicht spielte, war ein wilder, gellender Schrei zu vernehmen, und in der nächsten Sekunde erschien eine hohe schwarze Gestalt jenseits des Felsenbaues und stürzte zum Angriff heran. Gleich darauf war ein Schar Zulus zu erblicken, welche den gegenüberliegenden Hang herabgelaufen kam.

Es war ein Augenblick der höchsten Gefahr, das fühlte Pieter Maritz. Er sprang alsbald vom Pferde herab und nahm die Büchse zur Hand. Gleich ihm waren die übrigen Buern schnell im Grase und kampfbereit, und die Engländer folgten dem Beispiel und gaben ihre Kampfweise zu Pferde auf, um es den landeskundigen Buern nachzumachen. Schüsse krachten durch die Nacht, und der geheimnisvolle stille Platz, wo König Tschetschwajo seine Schätze verborgen hatte, verwandelte sich in einen lärmerfüllten Kampfplatz.

Pieter Maritz konnte, so sehr er mit der Sorge für sich selbst und für Jager beschäftigt war, den Blick nicht abwenden von der zuerst erschienenen Gestalt. Er hatte Dabulamanzi erkannt, der mit Büchse, Schild und Speer herangestürmt war. Pieter Maritz sah, daß des Königs Bruder keinen andern Feind zu kennen schien, als allein den Verräter, Humbati. Er sprang gerade auf diesen los, und ein wilder Zweikampf entspann sich, denn Humbati dachte nicht an Flucht. Keinen Fußbreit wich er zurück, sondern, wo er gestanden hatte, vor dem Eingang der Schatzkammer, da blieb er stehen und erwartete seinen Feind. Er hatte eine Büchse auf der Schulter, wie auch Dabulamanzi eine Büchse trug, aber in diesem Kampfe, der den persönlichen Haß der beiden Indunas gegeneinander zum Austrag bringen sollte, verschmähten sie beide die fremde Feuerwaffe, warfen die Büchsen hin und griffen zum Assagai. In gewaltigem Satze, dem Löwen gleich, sprang der tapfere Prinz mit hoch geschwungenem Speere auf seinen Feind los, und Humbati duckte sich, wie der schwarze Panther sich zusammenbiegt, wenn er seine Zähne und Tatzen gebrauchen will.

Pieter Maritz vergaß zu schießen, indem der Anblick dieser beiden nackten, herrlich gebildeten schlanken Gestalten, dieser geübten und vornehmen Krieger ihn gänzlich fesselte. In Dabulamanzis Blick und Gebärde las er den Stolz und den Zorn des Herrschers und des Besiegten, die unbezähmbare Kampflust eines wilden Sinnes, den brennenden Wunsch, das erlittene Leid zu rächen und die Wut über die Niederlage des Zulureiches an diesem einen Manne auszulassen, der als Verräter dem königlichen Hause verhaßter war als die siegreichen Engländer. Nun hatte der Prinz ihn auf der That ertappt, sah mit eigenen Augen, wie die königlichen Schätze dem Feinde überliefert wurden, und wollte ihn mit eigener Hand strafen. In Humbatis trotzigem Antlitz dagegen glaubte Pieter Maritz den finsteren Blick wiederzuerkennen, den er damals auf den König gerichtet hatte, als dieser ihm den jüngeren Bruder raubte und zum Tode sandte. Mit schmeichelnden Worten hatte der schlaue Induna den Racheplan überkleidet, den er damals im Herzen trug, aber er hatte niemals die Beleidigung und den Schmerz vergessen, die ihm, dem verdienten Freunde des Königs, dadurch zugefügt wurden, daß sein Lieblingsbruder vor den Augen des ganzen Hofes seiner Ehren und Würden beraubt ward wegen eines Fehlers, der ebensowohl Dabulamanzis Schuld als die seinige war. An dem Bruder des Königs selbst hätte jetzt Humbati gern seine Rache vollzogen und Blut gegen Blut genommen. Dabulamanzi stieß mit dem Assagai zu und richtete die Wucht seines Sprunges und Stoßes gegen des Feindes Brust. Aber schnell und geschmeidig wandte sich Humbati im entscheidenden Augenblick und schlug mit der Hand die Speerspitze zur Seite, so daß sie an seinem linken Oberarm vorbeifuhr. Dann stieß er selber zu, indem er blitzschnell vorwärts sprang. Dabulamanzi trug den Schild am linken Arme, während Humbatis Linke unbewehrt war. Er parierte den Stoß mit dem Schilde, aber die Spitze fuhr in schräger Richtung durch das Ochsenfell hindurch und streifte die Haut. Beide Kämpfer waren so nahe aneinander, daß sie die Speere nicht mehr gebrauchen konnten. Dabulamanzi ließ den Schild fallen, in welchem die Assagaispitze feststeckte, warf den Speer aus der Rechten und griff seinen Gegner mit den Händen an. Humbatis Speer sank mit dem Schilde zu Boden, und auch er warf sich unbewaffnet dem Feinde entgegen. Die beiden nackten nervigen Gestalten umschlangen sich mit den Armen und rangen Brust an Brust. Sie waren fast gleich an Wuchs, Dabulamanzi überragte seinen Gegner nur um zwei Fingerbreiten. Beiden schwollen in der gewaltigen Anstrengung die Muskeln der Arme und der Schenkel, indem sie sich ringend umschnürten und mit den Füßen in den Boden stemmten. Die schwarze Haut der starken Ringer glänzte im silbernen Lichte des Mondes. Jetzt schien Dabulamanzis eiserner Griff die Oberhand zu gewinnen, und die Sehnen Humbatis schienen sich zu erweichen. Ein kräftiger Ruck des Prinzen, und Humbati stürzte zu Boden, Dabulamanzi über ihn her. Aber indem sie das Gras berührten, kam eine neue Bewegung in die aalglatten geschmeidigen Glieder, der Ringkampf ward am Boden fortgesetzt, denn Humbati hatte sich im Fallen zur Seite geworfen. Für eine Zeitlang schien es jetzt, als ob ineinander verwickelte Schlangen in dem hohen Grase kämpften. Die schwarzen schimmernden Glieder waren so ineinander verflochten und in solchem Wirbel schneller Windungen, daß Pieter Maritz nicht mehr zu unterscheiden vermochte, ob er des Prinzen oder Humbatis Arme und Beine aus dem Grase hervorblicken sehe. Sie rollten von der Seite fort, indem ein jeder sich bestrebte, den andern nach unten zu drücken, und zwischen den Felsblöcken hin bewegte sich das kämpfende Paar wie ein einziges seltsames Tier in verwirrender Eile. Nur für Sekunden war ein Gesicht zu erkennen, dann tauchte es wieder unter, und die Gestalten schwebten so schnell und in so unbestimmten Umrissen vorüber, daß der Buernsohn sie nicht voneinander zu unterscheiden vermochte. Nun glaubte er Dabulamanzis kurzes Haar und stolze Augen zu sehen, aber schon war dies Gesicht verschwunden, und der düstere Blick Humbatis funkelte gleich dem des gereizten Tigers, und seine weißen Zähne, in der Kampfwut zusammengebissen, glänzten aus dem schwarzen wilden Gesicht hervor. So entfernte sich der Zweikampf von der Stelle, wo er begonnen hatte, und die Ringenden wälzten sich nahe an die Steine heran, die von der Schatzkammer hinweggeräumt worden waren. Mit einem Male sah Pieter Maritz eine Veränderung in der Scene. Eine Gestalt löste sich von der andern los, Dabulamanzi sprang empor, und Humbati blieb liegen. Er mußte mit dem Kopfe, wie es Pieter Maritz vorkam, an eine scharfe Ecke eines Steines geschlagen sein und das Bewußtsein verloren haben. In den nächsten Sekunden schon hatte Dabulamanzi den Speer vom Boden aufgerafft, den er vorhin von sich geworfen, nun kehrte er mit einem langen Satze zu der Stelle zurück, wo Humbati lag, und mit einem gellenden Triumphruf bohrte er den Assagai dem Besiegten durch die Brust.

Der Kampf hatte kaum eine Minute gedauert, und zwischen den Weißen und Dabulamanzis Schar waren währenddessen Kugeln gewechselt worden. Die Zulus blickten auf ihren Führer und warteten den Ausgang seines Einzelkampfes ab, bevor sie sich mit dem Assagai auf die Engländer stürzten. Aber Dabulamanzi mochte ihre Anzahl für ungenügend halten, um den Angriff fortzusetzen. Als er Humbati tot zu seinen Füßen sah, rief und winkte er seiner Schar und verschwand mit ihr so schnell, wie er gekommen war, ohne nur einen Versuch zu machen, den Schatz des Königs zu hüten. Kugeln pfiffen hinter den Zulus her, aber ohne Erfolg, denn die schwarzen Krieger duckten sich in das Gras und tauchten sehr bald wieder hinter dem deckenden Höhenrücken unter.

Oberst Barrow aber fürchtete, daß sie in größerer Zahl wiederkehren möchten, und da er nur etwa fünfzig Mann bei sich hatte, wünschte er ein Gefecht in dieser abgelegenen Gegend zu vermeiden. Er ließ in Eile die wertvollsten Gegenstände aus der Felsenhöhle zusammenraffen und dann wieder die Pferde besteigen. Auf demselben Wege, den sie gekommen waren, zogen die Weißen zurück und erreichten glücklich wieder die Straße, auf welcher die Hauptmasse der Truppen marschierte.

Am Tage darauf bekamen sie Mainze-kanze zu Gesicht und betraten das hoch gelegene Ufer, von dem aus sie die hellen Ströme sich vereinigen sahen. Mainze-kanze war besetzt, die Offiziere erkannten durch ihre Gläser das Blitzen der Waffen in Dabulamanzis festen Plätzen. Schon fuhr die Artillerie auf, um die Krale zu beschießen, da zeigte sich eine weiße Fahne auf dem hohen Schornstein der Fabrik inmitten des größten Hüttenringes. Die Engländer warteten mit der Beschießung, und nach einiger Zeit kam ein Zug von Männern von unten herauf, an deren Spitze ein Induna in weißem Mantel schritt. Dabulamanzi selbst kam in Friedenstracht, um seine Unterwerfung anzuzeigen. Der ehrgeizige Mann setzte keine Hoffnung mehr auf das Glück seines königlichen Bruders und hoffte, wenn er Frieden schlösse, in seiner Herrschaft über Mainze-kanze und das umliegende Land anerkannt zu werden.

Der englische Befehlshaber, Lord Gifford, nahm die Unterwerfung an, und nun ergab sich der letzte Rest der Zuluarmee auf Gnade und Ungnade. In langen Zügen marschierten die Regimenter heran und legten die bei Isandula erbeuteten Gewehre, soweit sie noch vorhanden waren, vor den Zelten der Engländer nieder, fuhren auch mit vorgespannten Ochsen die Geschütze heran, welche sie damals erobert hatten und deren Gebrauch ihnen fremd geblieben war. Auch der Degen des kaiserlichen Prinzen kam jetzt zum Vorschein und wurde mit großer Freude von den Engländern in Empfang genommen. Er sollte nach England gesandt werden, wohin die Leiche des Prinzen schon zur feierlichen Bestattung unterwegs war.

Lord Gifford sandte Meldung von seinem Erfolge nach Ulundi zurück, wo inzwischen Sir Garnet Wolseley eingetroffen war, und erhielt den Befehl, mit einer geringen Macht die Verfolgung Tschetschwajos fortzusetzen, die übrigen Truppen unter Oberst Barrow aber zurückzusenden. Das englische Heer war wieder im Rückmarsch nach Port Natal und sollte zu Schiffe in die Heimat befördert werden. Nur mit sechshundert Mann Truppen: Dragonern, reitenden Schützen und Buern, dazu noch einigen hundert Schwarzen, setzte Lord Gifford den Marsch nach Nordosten fort. Es war gegen Ende des Monats Juli.

Aber noch gab es manchen heißen und schwierigen Marsch. Das Land wurde immer wilder und gebirgiger, je weiter die Truppen vordrangen. Die Krale lagen hier sehr vereinzelt, die Bevölkerung war sehr dünn, und wilde Tiere fanden sich hier noch in großer Menge. Nicht allein gegen Überraschungen von seiten der Zulus, sondern auch zum Schutze gegen Löwen und Leoparden mußten allnächtlich Wachen ausgestellt und Wachtfeuer unterhalten werden. Wochenlang streiften die Reiter im Gebirge hin und her, bald hierhin, bald dorthin durch wechselnde Nachrichten über den Aufenthalt des Königs gelockt. Vielfach kamen Zulus zu den Weißen, welche, um ihre Hütten und Herden zu retten, ihnen mitteilten, wo der gefürchtete Tyrann sich verborgen halte, aber wenn die Verfolger den bezeichneten Punkt erreichten, zeigte sich, daß Tschetschwajo schon wieder fort war. Das einsame, wüste, zerklüftete Land kam seiner Flucht sehr zu statten.

Pieter Maritz ritt oft mit Lord Fitzherbert zusammen, und sie erneuerten in dieser Zeit ihre alte Freundschaft. Manche Nacht lagen sie zusammen unter dem Sternenhimmel am Feuer, manche Jagd führten sie zusammen aus. Denn die Jagd vereinigte sich mit dem Kriege auf dieser langen Suche nach dem flüchtigen schwarzen Fürsten. Mehreremal fielen Löwen trotz aller Wachsamkeit in das Lager ein und raubten Pferde und Schlachtochsen. Major Marter allein, der die Dragoner kommandierte, verlor drei Pferde nacheinander durch Löwen, teils im Lager, teils auf der Jagd. Auf diesem Marsche bekamen Pieter Maritz und Lord Fitzherbert auch zum erstenmal in ihrem Leben Giraffen zu sehen.

Sie waren an einen Fluß gekommen, den die Zulus Umlanluwe nannten und der an der Stelle, wo sie ihn erreichten, breit und glänzend in einem weiten Thale strömte. Es war früh am Morgen, nur vier Dragoner und vier Buern befanden sich bei der Patrouille, welche bei Sonnenaufgang vom Lager ausgesandt worden war. Als die Reiter aus dem Walde herauskamen, sah Pieter Maritz in weiter Entfernung am jenseitigen Ufer eine Herde von zwölf der riesenhohen Tiere, zum Teil im Wasser stehend, zum Teil am sonnigen Ufer. Er zeigte sie dem Lord, und beide berieten, voll Jagdbegierde, wie sie an die scheuen Tiere herankommen könnten. Der Wind blies den Reitern entgegen, und dies war günstig, da er die Witterung des Menschen den Tieren nicht zutragen konnte. Sie ließen ihre Reiter zurück in das Versteck des Waldes treten und versuchten, den Fluß zu überschreiten. Der Engländer trug gleich dem Buernsohn eine Martini-Henry-Büchse. Glücklich fanden sie eine Stelle, wo das Wasser seicht war, so daß die Pferde hindurchgehen konnten, und sie gelangten an das jenseitige Ufer, ohne daß sie von den Giraffen bemerkt wurden. Dann ritten sie durch hohes Mimosengebüsch langsam und vorsichtig der Herde näher. Der Wind hatte sich ganz gelegt. So kamen sie bis auf etwa zweihundert Schritte an die Herde heran, hier aber mußten sie halten, denn das Gebüsch hörte auf, und die stachligen Sträucher, an denen die Giraffen weideten, standen nur noch vereinzelt. Sie sahen die Tiere deutlich vor sich. Einige grasten, andere rupften mit ihren harten Lippen und schwarzen Zungen an den Mimosen. Sie wedelten mit den Schweifen nach den Sirutfliegen, die sie belästigten, und verschiedene Vögel flatterten um ihre Köpfe, setzten sich sogar auf die kurzen Hörner oder auf die Nase der Tiere, um die Insekten wegzufangen, die den riesigen bunten Gestalten in die Nüstern stechen wollten. Es war ein prächtiges Schauspiel. Das orangefarbene, schwarzgefleckte Fell der Tiere glänzte im Sonnenschein und schillerte bei jeder Bewegung, bald glich es dem Atlas, bald der Goldbronze. Die großen schwarzen Augen waren von wunderbarer Schönheit, sanft wie die Augen der Antilopen, aber noch viel tiefer und glänzender, wie sie auch viel größer waren.

»Ich habe nie gewußt, was Giraffen sind,« flüsterte der Lord seinem Freunde zu. »Ich habe sie in den zoologischen Gärten in Paris und London gesehen, aber sie haben dort in dem kalten Klima und in der Gefangenschaft gar keine Ähnlichkeit mit diesen wunderschönen Tieren.«

Pieter Maritz nickte ihm zu. Sein Herz klopfte.

»Ich schieße nicht,« sagte er. »Die Tiere sind zu schön, und sie thun niemand etwas zuleide.«

»Ich schieße,« entgegnete der Lord, »ich kann es nicht lassen.«

In diesem Augenblicke und als der Engländer seine Büchse erhob, regte sich ein Lüftchen in den Zweigen, und dieser Lufthauch wehte von den Reitern nach den Giraffen hin. Sofort standen sie still, hörten zu weiden auf und richteten ihre wundervollen Augen nach der Stelle hin, wo die Jäger waren, während sie ihre Köpfe hoch in die Luft streckten. Lord Fitzherbert ward unruhig und schoß sehr schnell, weil er fürchtete, die Tiere möchten ihm entfliehen. Sein Schuß mochte wohl getroffen haben, denn eines der Tiere zuckte zusammen. Dann setzte sich die ganze Herde vom Ufer weg in Trab.

»Hinter ihnen her!« rief der Engländer voll Eifer.

Beide trieben ihre Pferde an, und im Reiten schoß der Lord noch zweimal. Aber er hatte ohne Erfolg geschossen, die Tiere liefen weiter. Sie liefen im Trabe, mit großer Gemächlichkeit, wie es schien; aber die Entfernung, welche sie von ihren Verfolgern schied, wurde doch immer größer. Die Jäger ritten den stärksten Galopp, aber sie kamen den Giraffen nicht näher, denn jeder Schritt der langtrabenden hohen Tiere war mindestens zwölf Fuß weit, und es war klar, daß die Pferde mit solchen Beinen nicht wettlaufen konnten. Die Reiter erinnerten sich ihrer militärischen Aufgabe und kehrten um, nachdem sie eine halbe Meile weit in das Land hineingeritten waren. War die Jagd auch erfolglos gewesen, so sollten sie doch auf dem Heimwege Glück haben. Pieter Maritz erblickte mehrere Zulus, die sich in heimlicher Weise durch das Buschwerk schlichen, und es kam ihm so vor, als ob ihm einer davon bekannt sei. Zwar hatte er ihn nur eine Sekunde lang zu Gesicht bekommen, als der Mann quer über einen Pfad sprang, den das Wild gebahnt hatte, aber die hohe und absonderliche Frisur, besonders aber die auffallende Beinbekleidung ließen keinen Zweifel, wer dieser Zulu sei. Nur der Leibarzt König Tschetschwajos trug eine rote Hose. Pieter Maritz sprengte alsbald hinter den Zulus her, und Lord Fitzherbert folgte ihm durch das Gestrüpp. Die Zulus schienen es nicht sehr eilig mit der Flucht zu haben, denn sonst hätten sie wohl in dem dichten Busch den Reitern entgehen können. Aber sie machten es, wie jetzt im Unglück Tschetschwajos die meisten Zulus es machten: sie fügten sich dem Sieger, um nicht ihr Besitztum oder gar das Leben zu verlieren. Kaum hatte Pieter Maritz die Flüchtigen angerufen und ihnen gedroht, er werde schießen, wenn sie nicht stehen blieben, als auch schon der Mann mit der roten Hose still stand und seine Begleiter aufforderte, es ihm nachzumachen. Pieter Maritz und der Lord erkannten mehrere Leute vom Hofstaat Tschetschwajos, die den Leibarzt begleiteten, und sie nötigten sie, als Gefangene mit zum Lord Gifford zu gehen.

Schon unterwegs erzählte der Leibarzt, daß Tschetschwajo in der letzten Zeit häufige Anfälle von Schwermut zugleich mit Atemnot gehabt habe, so daß ihm die Flucht sehr schwer und lästig falle, und als ihm dann im Lager Lord Gifford eine Belohnung zusicherte, verriet er, daß der König sich im Negowewalde, im Krale Molihabantschis, befinde. Molihabantschi habe seine Besitzung im Norden verlassen, um als Minister des Königs an dessen Hofe zu leben; nun aber habe er den König, in dessen Begleitung von Vornehmen nur noch Prinz Sirajo sei, in den versteckt liegenden Kral seiner Heimat geführt.

Lord Gifford versprach dem Leibarzt eine Herde Ochsen, wenn er den König seinen Händen überliefere, und dieser erklärte sich bereit dazu. Dann befahl Lord Gifford dem Oberst Clarke, sich mit dreihundert Mann und einer Schar Zulus aufzumachen, um unter Führung des Leibarztes Molihabantschis Kral aufzusuchen und den König lebend zu fangen. Oberst Clarke brach mit Untergang der Sonne auf und teilte seine Schar in vier kleine Abteilungen, die den Kral von allen Seiten umringen sollten. Die stärkste dieser Abteilungen, welche von Süden kommen sollte, ward von Major Marter kommandiert, und bei dieser, welche aus sechzig Dragonern, vierzig Buern und etwa fünfzig Zulus bestand, waren auch Pieter Maritz und Lord Adolphus Fitzherbert.

Die ganze Nacht hindurch ward marschiert, und das Land ward immer schwieriger zu durchschreiten. Berg und Thal wechselten beständig, tiefe Schluchten, dichtes stachliges Gebüsch und kleine Wasserläufe machten den Ritt sehr beschwerlich. Das Gebrüll der wilden Tiere und das Schreien der Paviane begleitete den Zug unaufhörlich. Bei Tagesanbruch endlich, als sie an den Saum eines Waldes kamen, gab der verräterische Leibarzt ein Zeichen, zu halten, damit die blitzenden Waffen beim Heraustreten aus dem Schatten der Bäume nicht gesehen würden. Major Marter stieg ab und schritt mit dem Leibarzt vor. Nur Pieter Maritz war dabei, um als Dolmetscher zu dienen.

Die Sonne schien hell und beleuchtete eine wildgebirgige Landschaft. Eine einzelne kahle Höhe lag inmitten eines Bergkessels und war ringsum von tiefen Schluchten umgeben. Hohe Bergketten schlossen von allen Seiten in engeren und weiteren Linien den Thalkessel ein, und schwarze Schatten wechselten mit den von der Sonne beschienenen, violett und grün glänzenden Bergseiten ab. Jene Höhe, welche vom Standort der Verfolger etwa eine halbe Meile entfernt sein mochte, ward wie von einem Kranze durch kreisförmig gebaute Hütten gekrönt, den Kral Molihabantschis, wie der Leibarzt sagte. Die Hütten lagen schwarz auf dem gelbgrünen Gipfel des Hügels.

Major Marter beschloß, da ein Hinankommen auf geradem Wege unthunlich erschien, die Höhe zu umgehen. Nach halbstündigem Marsche traten sie wieder an den Waldsaum vor und spähten nach dem Krale. Der Hügel zeigte sich jetzt in etwas anderer Form, und es war zu sehen, daß nördlich von dem Krale ein Waldstreifen bis auf wenig hundert Schritte an die Hütten heranreichte. Es war zu fürchten, daß Tschetschwajo, wenn er etwa den Feind bemerkte, sich in diesen Waldstreifen retten und dann ferner fliehen könnte. Das Terrain war äußerst günstig zu versteckter Flucht und fast gänzlich unzugänglich für Reiter. Auf die Zulus aber, welche am besten dem Flüchtling hätten folgen können, wollte sich Major Marter nicht verlassen. Sie hätten sich vielleicht einschüchtern lassen oder hätten den König wohl auch ermordet. Major Marter wollte den König lebend gefangen nehmen und wollte ihn mit eigener Hand und mit Hilfe zuverlässiger Leute greifen.

So ward denn beschlossen, diesen Tag überhaupt keinen Versuch zu machen, dem Krale näher zu kommen, sondern, wenn nicht etwa die andern Abteilungen anlangten, die Nacht zu erwarten und im Schleier der Dunkelheit den König zu überraschen. Posten wurden im Waldsaum aufgestellt und das ganze Land ward von verschiedenen Punkten aus beobachtet. Aber Major Marter ward ungeduldig. Er konnte es nicht ertragen, den ganzen Tag unthätig zu liegen. Nach einigen Stunden Wartens ließ er von neuem aufbrechen und weiter nach Nordosten marschieren, um wo möglich den Waldstreifen hinter Molihabantschis Kral zu erreichen. Auf diesem Marsche näherte sich der Trupp allmählich dem Hügel, so daß Pieter Maritz nun vom Walde aus die Hütten deutlich unterscheiden konnte. Endlich aber mußte die Abteilung eine Strecke weit über offenes Land ziehen, und nun bemerkte Pieter Maritz, daß sie vom Krale aus gesehen worden seien. Mehrere schwarze Gestalten zeigten sich, und er glaubte sogar den König selbst an der großen starken Figur zu erkennen. Eilig zogen die Truppen weiter und erreichten den unteren Teil des Waldstreifens, der sich die Höhe hinaufzog.

Major Marter ließ halten. Durch offenen Angriff und Schnelligkeit den König zu überrumpeln, war nicht gut möglich, da die Reiter bergan und über den sehr durchschnittenen Boden hin von keiner Seite schnell genug vorwärts kommen konnten. Es war nur möglich, wie es schien, durch Heimlichkeit und Stille den geplanten Angriff auszuführen. Major Marter ließ die Sättel abschnallen und die Säbel abgürten, damit nicht das Klirren der Bügel und eisernen Scheiden gehört würde. Die Reiter mußten auf nackten Pferden und allein mit der Klinge in der Hand weiter vordringen. Zulus eilten vorauf. So stieg der Zug von Nordosten her den Hügel hinan. Unter den ersten von den Reitern, welche aus dem Waldstreifen hervorbrachen und nun auf den nahen Kral zuritten, war Pieter Maritz. Er erblickte den König, der vor den Hütten stand und von einer kleinen Schar seiner Getreuen umgeben war.

Die Zulus, welche den Weißen vorauf waren, sprangen auf den König los und schrieen laut: »Der weiße Mann kommt! du bist gefangen!«

Tschetschwajo beachtete diese Leute so wenig, als ob sie eine Koppel Hunde gewesen wären, die ihn angekläfft hätten. Er blieb unbeweglich stehen, und mit ihm standen Sirajo und Molihabantschi, wie die andern Begleiter ruhig und schweigend da. Dann, als die Weißen näher kamen, drehte Tschetschwajo sich um und ging mit dem Gefolge in den Kreis der Hütten, wo er dem Blicke Pieter Maritz' entschwand.

Aber die Zulus folgten ihm, und als jetzt die Schar der Reiter versammelt und Major Marter selbst zugegen war, ging es in den Kral hinein. Die Zulus zeigten auf die größte der Hütten und bedeuteten die Verfolger, daß der König darin sei.

Major Marter stieg ab, mit ihm sprangen mehrere Dragoner vom Pferde, und dann trat der Major vor die Hütte und rief dem König zu, er möge herauskommen und sich ergeben. Pieter Maritz übersetzte diese Aufforderung in die Zulusprache.

Da ertönte aus dem Innern der Ruf des Königs: »Nein! kommt ihr herein!«

Aber Major Marter bestand auf seinem Verlangen, und nach mehrmaliger Weigerung entschloß sich endlich Tschetschwajo, Gehorsam zu leisten. Er kam hervor.

Als er aus der niedrigen Thür kam, mußte er auf Händen und Füßen kriechen, dann aber richtete er sich auf und stand in würdiger, stolzer Haltung und mit ruhiger Fassung da. Er trug einen roten Mantel, ein einfach viereckiges Stück Zeug, welches auf der linken Schulter mit einer Spange zusammengehalten wurde und der römischen Toga ähnlich den riesigen Körper umgab. Sein Blick weilte ruhig auf den Gestalten der englischen Krieger.

König Tschetschwajos Ergebung.

Einer der Dragoner trat auf ihn zu und wollte ihn am Arme fassen, aber der König warf den Kopf empor, maß den Mann mit verachtungsvollem Blick, machte mit der linken Hand eine abwehrende Bewegung und sagte: »Weißer Krieger, rühre mich nicht an!«

Alsdann wandte er sich zu Pieter Maritz und sagte mit völlig ruhigem Tone: »Sage den Kriegern der Königin von England, sie möchten mich erschießen.«

Pieter Maritz übersetzte dies dem Major Marter, und dieser ließ dem König antworten, daß die Engländer nicht daran dächten, ihm ein Leid zu thun, vielmehr nur verlangten, daß der König ihnen folge.

»Ist dieser Mann ein Induna? Welchen Rang hat der Befehlshaber dieser Truppen?« fragte der König.

Pieter Maritz gab ihm Auskunft.

Währenddessen waren nicht nur Major Marters Leute, sondern auch die andern englischen Abteilungen herangekommen, und Lord Gifford selbst erschien. Der Kral und der Hügel füllten sich mit Pferden und Soldaten. Der König ward aufgefordert, den Kral zu verlassen und sich in das englische Lager zu begeben. Sein Benehmen war so stolz, daß die Offiziere voll Verwunderung waren und daß sich gleichsam von selbst Ehrenbezeugungen für ihn bildeten. Als er mit seinem kleinen Gefolge von Indunas und Weibern den Kral verließ, standen die reitenden Schützen und Dragoner zu beiden Seiten in Linie aufmarschiert, und er ging mit sehr langsamem Schritte, den Kopf hoch, durch ihre Reihen hindurch, mit hartem, forschendem Blick die englischen Soldaten betrachtend, als ob er seine eigenen Krieger mustere. Er ragte mit seinem nackten, ganz schmucklosen Kopfe über alle hinweg und schritt an seinem elfenbeinernen Stabe mit der gelassenen Vornehmheit eines Herrschers dahin, dem von seinen Unterthanen die schuldigen Ehren erwiesen werden.

Seine ruhige Würde behielt er auf dem ganzen Wege. Er wurde nach Lord Giffords Lager geführt und von dort nach Ulundi. Am 31. August ward die ehemalige Hauptstadt des schwarzen Königs erreicht. Pieter Maritz war in der Begleitung, um als Dolmetscher zu dienen. Vor Ulundi war ein großes englisches Lager, und dort erblickte Pieter Maritz das kluge Gesicht des Oberbefehlshabers Sir Garnet Wolseley. Lord Chelmsford war nach England zurückgekehrt. General Wolseley war begleitet von seinem Stabschef, Sir George Pomeroy Colley, und ordnete mit diesem die Angelegenheiten des Zululandes. Er nahm die Huldigungen der Indunas entgegen und ließ alle Waffen europäischer Art im Lager abliefern. Er ging damit um, das Land in mehrere kleine Fürstentümer zu teilen.

Auf General Wolseleys Befehl ward Tschetschwajo in Begleitung eines Dutzends seiner Lieblingsfrauen und einiger Diener nach Port Durnford in Natal geschafft, um von dort zur See nach der Kapstadt gebracht zu werden. Die Indunas seiner Umgebung, auch Sirajo und Molihabantschi, blieben im Lande zurück.

Ein Wagen mit acht Maultieren ward zur Verfügung des Königs gestellt, dem lange Märsche zu Fuß zu beschwerlich waren und der auch nicht zu reiten liebte. Eine Eskorte von Dragonern begleitete diesen und zwei andere Wagen, auf welchen die Frauen und Diener fuhren. Pieter Maritz auf Jagers Rücken blieb bei dem Reisezuge bis Port Durnford. Dort, als die schwarze Figur des Königs das schwankende Brett betrat, welches vom Ufer in das Boot führte, sah er den einst so mächtigen Tyrannen zum letztenmal.


Sechsundzwanzigstes Kapitel
Von Pretoria nach Kimberley

Ein kleiner Reitertrupp zog den Weg entlang, der unweit der Stadt Pretoria nordwärts über die Höhenzüge führt. Die Männer waren als Buern zu erkennen, sie trugen den breitkrempigen Hut, die Bluse, die hohen Reiterstiefel und die Büchse nebst Patronengurt. Pieter Maritz befand sich unter ihnen, nun als schlanker, kräftiger Jüngling, denn seit der Beendigung des Zulukrieges waren ein Jahr und zwei Monate vergangen, und der Buernsohn stand in seinem achtzehnten Lebensjahre.

Es war ein afrikanischer Dezembermorgen, die Luft klar und warm. Als die Reiter die Höhe erreichten, hielt der vorderste von ihnen sein braunes Pferd an und blickte sich nach allen Seiten um, während auch seine Begleiter Halt machten. Hinter ihnen lag die Stadt mit ihren hellen Gebäuden inmitten tiefdunkler Baumschatten, daneben dehnten sich unübersehbare grüne Weiden aus, welche mit großen Herden bedeckt waren. Im klaren Sonnenschein erschien das Bild ungemein lebhaft und farbreich und es war ein Bild tiefen Friedens. Gemächlich lag das schwere Vieh auf dem saftig grünen Teppich, freundlich sah die Stadt aus, und im herrlichsten Blau spannte sich die weite Himmelsdecke über die Erde aus.

Der Reiter, welcher zuerst sein Pferd angehalten hatte, betrachtete schweigend und gedankenvoll die Landschaft und wies dann mit der Hand seitwärts nach einem länglichen Viereck von Zelten, die weiß schimmernd dalagen, sowie nach einem regelmäßig geschnittenen dunklen Stern, der neben dem Zeltlager zu sehen war. Diese Sternfigur, aus deren Mitte eine Fahne an hoher Stange wehte, die in solcher Entfernung nicht größer als eine Briefmarke zu sein schien, zeigte nebst den Zelten die Gegenwart von etwas Fremdem an, das mit dem friedlichen Anblick des schönen Landes nicht in Einklang stand.

»Seht dort,« sagte der Reiter mit finsterem Gesicht, »seht das Fort und die Zelte! Ist nicht ihre Gegenwart eine fortdauernde Beleidigung und Drohung für die Republik? Sie mißachten unsere Vorstellungen, sie verhöhnen unsere gerechten Ansprüche. Laßt uns nicht uns selbst täuschen: der Bitte wird das harte englische Herz sich stets verschließen. Wir müssen Gewalt der Gewalt entgegensetzen, erst dann wird man Achtung vor der Gerechtigkeit unserer Sache bekommen.«

Beifallsgemurmel war zu vernehmen, und dann antwortete ein anderer der Reiter: »Alle Bürger stimmen Ihnen zu, Herr Krüger, und wir sehen alle ein, daß die Zeit der Verhandlungen vorüber und die Zeit der Thaten gekommen ist. Die Engländer werden mit jedem Tage übermütiger, und seitdem sie die Zulus besiegt haben, betrachten sie ganz Südafrika als ihr Kolonialgebiet. Der Augenblick ist da, wo wir ihnen zeigen müssen, daß wir freie Männer sind. Jetzt haben sie nur eine kleine Truppenzahl im Lande, und wenn sie sich nun unseren Forderungen nicht fügen wollen, so treiben wir sie hinaus.«

Der Reitertrupp setzte seinen Weg fort und traf nach einstündigem Ritte auf zwei Männer, die zu Pferde in einem Engpasse hielten. Sie ritten Pferde von kleiner kräftiger Figur und waren in voller kriegerischer Ausrüstung, hatten die Büchse vor sich auf dem Sattel und überwachten, wie es schien, das Land, welches sich vor ihnen ausdehnte. Sie begrüßten ehrfurchtsvoll den kleinen Reitertrupp, der sich ihnen näherte, tauschten einige Worte mit dem Präsidenten Krüger aus und blieben dann auf ihrem Posten, während dieser mit seiner Begleitung weiterritt.

Nicht lange nachher öffnete sich ein Thal vor den Blicken der Reiter, und der Schauplatz eines bewegten kriegerischen Treibens lag vor ihnen. Vor allem zeigten sich die hellen Zeltdächer der Buernwagen auf dem grünen Untergrunde der Thalsohle, doch waren die Wagen nicht im Kreise zusammengeschoben, sondern standen reihenweise an verschiedenen Punkten. Zwischen ihnen brannten Feuer, und blauer Rauch kräuselte sich empor, während schwarze Männer und Weiber, mit Zubereitung von Speisen beschäftigt, mit Töpfen und Tiegeln um die Feuer herum hantierten. Viele Pferde waren weidend und mit Leinen an Pflöcke gefesselt zu sehen, und überall gingen oder saßen die Gestalten von Buern umher.

Die Erscheinung des Präsidenten Krüger und seiner Begleiter brachte Bewegung in die Ruhe des Lagers, und viele Männer gingen den Ankömmlingen entgegen. Händedruck und grüßende Worte wurden ausgetauscht, und nach und nach versammelten sich alle Buern in einem weiten Kreise um den Präsidenten, der zu Pferde über aller Köpfe hinwegragte. Gegen sechshundert Männer mochten es sein, die im Lager waren. Sie waren von sehr verschiedenem Alter und Aussehen. Viele waren braun oder blond und zeigten im Schnitt ihres Gesichts den Charakter der germanischen Rasse, andere waren dunkelfarbig von Haut und von schwarzen blitzenden Augen. Viele waren schon graubärtig und trugen Haar und Vollbart ungebändigt durch Schere und Kamm, manche aber waren jung und schlank und hatten offenbar Sorgfalt auf die Pflege ihres Äußern verwandt. Alle aber waren von sehr hohem, stattlichem Wuchse, breitschulterig und mit langen starken Gliedern, standen und gingen mit der der Kraft eigentümlichen nachlässigen Ruhe und drückten in ihrer männlichen Erscheinung Selbstvertrauen und Festigkeit aus. Prachtvolle Gestalten gab es unter ihnen, Männer von herkulischem Bau mit stolzen, tapferen Gesichtern, während wenige überhaupt unter sechs Fuß hoch waren; und im ganzen war es eine Schar, wie sie wohl in keinem andern Lande so eigenartig durch kraftvolles, trotzig-kühnes Wesen gesehen werden konnte. Der Anzug war sehr gleichförmig, obwohl immerhin kleinere Verschiedenheiten zu bemerken waren. Alle trugen den breitkrempigen Hut, doch war er hier von anderer Form als dort und zuweilen mit einem Federstutz verziert, auch von verschiedener Güte und Neuheit des Stoffes. Der eine hatte die Krempe niederhangend über einem düsteren Antlitz, der andere hatte sie keck auf der Seite oder vorn aufgeschlagen und auch wohl mit einer Spange befestigt, um das mit zierlich gestutztem Bart geschmückte, scharf geschnittene Gesicht frei zu zeigen. Eine dunkle Bluse oder auch wohl ein ledernes Koller oder eine derbe Tuchjacke, aus welcher der Hemdkragen und ein Halstuch hervorblickten, umschloß die breite Brust, ein lederner Gürtel die Hüften, und die langen starken Beine steckten ausnahmslos in ledernen Hosen und langen Reiterstiefeln, deren Schäfte zuweilen mit Riemen und Schnallen, den Gamaschen gleich, versehen waren.

In dem Kreise der Buern war auch der alte Baas van der Goot zu erkennen, und neben ihm standen mehrere andere Männer aus der nördlichen Gemeinde, zu der Pieter Maritz gehörte. Sie hatten ihre Familien, Herden und Häuser verlassen, um dem Rufe des Präsidenten Folge zu leisten.

Dieser winkte jetzt mit der Hand, zum Zeichen, daß er reden wollte, und sprach, als Stille entstanden war, mit tiefer voller Stimme: »Meine Freunde, aus euerm Erscheinen ersehe ich eure Bereitwilligkeit, die Politik zu unterstützen, welche mir durch die Lage der Republik geboten erscheint, und ich danke euch im Namen des Staates für euern Eifer. Ich weiß, welche Opfer ihr bringt, indem ihr friedliche lohnende Beschäftigungen verlassen habt, um zu den Waffen zu greifen, aber ich vertraue darauf, daß mit Hilfe des allmächtigen Gottes dies Opfer zu einem Gewinne führen wird, der reichlich für alles entschädigt. Nicht als glaubte ich, daß der Krieg durchaus unvermeidlich wäre. Der Krieg ist ein schreckliches Ding, und namentlich ist der Krieg gegen andere Christen nicht wohlgefällig vor den Augen des Höchsten, wenn er nicht durchaus notwendig ist. Deshalb wird von seiten der Regierung bis zum letzten Augenblicke alles geschehen, um den Frieden zu erhalten. Die Erhaltung des Friedens ist der heißeste Wunsch in meiner und unser aller Brust; sollte aber die Regierung der Königin bis zuletzt für unsere gerechten Forderungen kein Verständnis zeigen, so wollen wir den Krieg mit jener Energie führen, welche die beste Bürgschaft des Erfolgs ist, und wollen dem Feinde zeigen, daß die alte Tapferkeit der Buern, die sich in so manchem Kampfe bewährt und unter der glorreichen Führung des großen Andreas Pretorius zur Errichtung der Südafrikanischen Republik geführt hat, in unseren Herzen nicht erloschen ist.«

Der Präsident blickte im Kreise umher, und ein tiefes dröhnendes Beifallsrufen aus den Reihen der starken Männer zeigte ihm, daß er den empfindlichen Nerv der Zuhörerschaft getroffen hatte.

»Ihr wißt, meine Freunde,« fuhr er fort, »daß nichts unversucht geblieben ist, die Räte der Königin über die wahre Lage der Dinge aufzuklären und ihnen unsern guten Willen und unsere Friedensliebe zu zeigen. Ich selbst war vor drei Jahren zum erstenmal mit unserem gelehrten und tapferen Freunde und Mitbürger Doktor Jorissen in London und legte persönlich dem Kolonialsekretär Lord Carnarvon unsere Petition vor, in welcher wir gegen den eigenmächtigen und ungesetzlichen Schritt des Sir Theophilus Shepstone protestierten. Aber der Lord erklärte uns, das Ansehen der britischen Krone gestatte nicht, daß die Annexion widerrufen werde. Auch die Adressen und Petitionen aus unseren Mutterländern in Europa, zumal dem Königreich der Niederlande, auch aus dem Oranjefreistaat und der Kapkolonie, hatten keinen Erfolg bei dem stolzen Minister der Königin. Wir kehrten heim und fanden, daß in den treuen edlen Herzen der Bürger von Transvaal wohl der Schmerz über den Mißerfolg unserer Sendung, aber auch der kühne Entschluß zu Thaten lebendig war. Im Jahre 1878 sah sich die britische Regierung in den Kapländern genötigt, strenge Maßregeln gegen die Kundgebungen unseres gerechten Unwillens anzuordnen, und sie legte Garnisonen britischer Truppen in unser freies Land. Noch einmal machten wir uns auf nach England. Im Juli 1878 hatte ich, begleitet von dem ehrenwerten Herrn Jakobus Petrus Joubert, eine Unterredung mit Sir Michael Hicks-Beach, welcher dem Lord Carnarvon im Amte gefolgt war. Wir überreichten einen Protest gegen die Annexion, der von 6591 Unterschriften bedeckt war, Namen von ehrenhaften, wackeren, frommen Männern, die ihr Vaterland liebten und den Frieden zu erhalten wünschten.«

Wiederum erscholl der Beifallsruf aus den rauhen Buernkehlen.

»Was antwortete der Kolonialsekretär?« fuhr der Präsident fort. »Sir Michael Hicks-Beach erging sich in den leeren Ausflüchten und hochmütigen Phrasen, welche immer dem Unterdrücker zu Gebote stehen, der die hell leuchtende gerechte Sache dessen, den er für schwach hält, nicht sehen mag. Ihr wißt alle, meine Freunde, welcher Schmerz jedes treue Bürgerherz ergriff, als uns diese höhnische Abfertigung wurde. Schon damals griffen die Fäuste tapferer Männer zu den Waffen, und leise scholl der Ruf durch das Land: Laßt uns die frechen Eindringlinge hinauswerfen! Aber die Klugheit und der recht verstandene Patriotismus geboten Geduld. Denn gerade zu jener Zeit war Schiff nach Schiff auf dem Meere, um englische Truppen zum Kriege gegen Tschetschwajo herüberzubringen, und die Übermacht der Söldner hätte vielleicht den Heldenmut der für ihr Vaterland kämpfenden Patrioten im Blute erstickt. Aber jetzt ist jene Truppenmacht wieder heimgekehrt, und nur eine geringe militärische Macht steht dem Befehlshaber in Natal und dem Gouverneur Lanyon bei Pretoria zu Gebote. Jetzt ist es Zeit, unsere Ansprüche zu erneuern. Vielleicht ist jetzt die englische Regierung bereit, der Gerechtigkeit Gehör zu geben, und dann wird unter Gottes Gnade Frieden bleiben; aber wenn wir wiederum zurückgewiesen werden, müssen die Waffen entscheiden. Euch, meine Freunde, habe ich hierher berufen, um für den Fall der Not zur Hand zu sein. Es wäre nicht klug, den Engländern zu drohen, ohne sofort der Drohung den Schlag folgen lassen zu können. Ihr sollt in der Nähe von Pretoria im geheimen bereit stehen und sofort mit starker Hand auf die englische Garnison bei unserer Hauptstadt schlagen, wenn unser letzter Vorschlag zurückgewiesen werden sollte. Tausende unserer Mitbürger werden euch folgen, sobald der Krieg entbrannt sein wird.«

Die Buern riefen laut und schwenkten ihre Hüte in der Luft.

»Mit eurer Zustimmung, meine teueren Mitbürger,« fuhr der Präsident von neuem fort, »ist eine Regierung ins Leben getreten, welche in dieser schwierigen Lage des Vaterlandes energisch handeln soll. Sie besteht, außer mir als Präsidenten, aus den Herren Pretorius und Joubert. Diese Regierung wird am morgigen Tage offen als Regierung der Südafrikanischen Republik hervortreten und an die englische Regierung die Forderung richten, die Konvention von 1852, welche mit England abgeschlossen wurde, wiederherzustellen. Transvaal soll ein freies Land sein, welches sich selbst regiert, und kein Fremder soll sich in seine Angelegenheiten, namentlich nicht in das Verhältnis zwischen Buern und Kaffern, hineinmischen. Die große Friedensliebe jedoch, welche uns alle beseelt, veranlaßt uns, der englischen Regierung die Annahme unserer Bedingungen dadurch zu erleichtern, daß wir alle während der Annexion vorgenommenen öffentlichen Akte gutheißen und einem britischen Konsul die Residenz in unserem Lande gestatten. Wir wollen keinen Bruch mit England, wir wünschen vielmehr ein Bündnis mit diesem christlichen mächtigen Staate. Nur nicht Englands Sklaven wollen wir sein; eher bis zum letzten Manne kämpfen!«

Der Präsident rief diese letzten Worte mit lauterer Stimme und hoch erhobener Hand, und brausender Beifallsruf folgte dem Schluß seiner Rede. Die Buern umdrängten ihn und seine Begleiter, und die Versicherungen ihres vollen Vertrauens in seine Leitung der Angelegenheiten mischten sich mit den Beteuerungen, im Kampfe ausharren zu wollen, bis das von allen ersehnte Ziel der Befreiung des Vaterlandes erreicht worden sei.

Nachdem diese Scene stürmischer Begeisterung vorüber war, trat der Präsident mit den angesehensten Führern in eine Beratung der etwa notwendig werdenden kriegerischen Maßregeln ein und rief alsdann Pieter Maritz zu sich, der unter den Ältesten seiner Gemeinde stand.

»Pieter Maritz,« sagte er zu dem jungen Mann, der alsbald vor ihn trat, »Sie haben der Republik gute Dienste geleistet, und ich spreche Ihnen für den Eifer und die Geschicklichkeit, die Sie bewiesen haben, meine volle Anerkennung aus. Ich höre von verschiedenen Seiten Ihren Namen lobend erwähnen, und es ist Ihren Bemühungen mit zu verdanken, daß überall im Lande die Politik der Regierung bekannt ist und alle Bürger der Republik sich rüsten, beim ersten Aufbruch bewaffnet herbeizueilen. Monatelang haben Sie das Gebiet des Transvaallandes durchritten und die Gemeinden auf den entscheidenden Schritt vorbereitet, den wir thun wollen. Aber noch ist das Werk nicht vollendet, und ich muß Ihre Thätigkeit in derselben Weise wie bisher in Anspruch nehmen. Es ist, wie Sie wissen, wichtig für Transvaal, daß auch die Landsleute in den andern Gebieten Südafrikas, namentlich im Oranjefreistaat, Partei nehmen. Unsere Bemühungen, den Präsidenten Brand zu einem Bündnis zu bewegen, sind freilich gescheitert, denn der Oranjefreistaat ist nicht gleich uns dem Drucke unterworfen, und der Präsident mag hoffen, auch in Zukunft seine Selbständigkeit behaupten zu können. Sicherlich sind die Sympathien der Buern im Oranjefreistaat für uns. Dies müssen wir benutzen. Wir müssen versuchen, die Bürger zu thätiger Teilnahme am Kriege zu bewegen. Schon sind mehrere Abgesandte von uns auf der Reise, um die Buern südlich des Vaalflusses über die Bedeutung des bevorstehenden Krieges zu belehren, und Sie, Pieter Maritz, sollen dieselbe Aufgabe vollführen. Der Weg, den Sie zu nehmen und die Gemeinden und Ortschaften, welche Sie zu besuchen haben, soll Ihnen schriftlich vorgezeichnet werden, und Sie werden eine Anzahl von Druckschriften erhalten, welche Sie verteilen sollen. Dieselben enthalten eine Darlegung der politischen Lage und der Ziele der Buern. Außerdem aber muß Ihre persönliche Überredung wirken. Sagen Sie den Buern im Oranjefreistaat, daß die Buern in Transvaal ihre Brüder sind und für die Freiheit des ganzen Stammes kämpfen. Sagen Sie ihnen, daß bei uns schon die bewaffneten Corps völlig bereit stehen, um zuzuschlagen. Sagen Sie ihnen, daß jeder Mann, der seine Büchse ergreift, um an unserer Seite zu stehen, für die Zukunft des eigenen Herdes kämpft. Denn die Engländer unterdrücken nach und nach jedes Volk, und sie kennen selbst nicht die Dankbarkeit gegen Bundesgenossen. So haben sie jetzt ihre Truppen im Basutolande liegen und führen einen schändlichen, ungerechten Krieg gegen die Basutos, welche ihnen im Zulukriege geholfen haben. Machen Sie unsere Landsleute drüben auf diesen Punkt besonders aufmerksam. Wo aber die Leute Bedenken haben und Ihnen etwa entgegnen, daß wir viel zu schwach wären, um gegen England Krieg zu führen, da seien Sie klug, mein junger Freund. Antworten Sie, daß England freilich ungeheuer mächtig ist, daß ihm der Preis des Sieges aber zu hoch ist, um ihn dafür zu erkaufen, und daß wir in unseren Bedingungen den Engländern schon die goldene Brücke des Rückzugs gebaut haben. Sollte aber diese Klugheit vergeblich sein — nun, so wisse der Buer für die Freiheit zu sterben!«

Pieter Maritz übernahm gehorsam den Auftrag, den ihm der Präsident gegeben, und tags darauf ritt er von Pretoria aus nach Süden, um in das Gebiet des Oranjefreistaats zu gelangen. Er ritt auf dem ihm wohlbekannten Wege nach Heidelberg, und er war voll Stolz auf das Vertrauen, welches die besten Männer seines Vaterlandes auf ihn setzten, und voll freudiger Hoffnung für die Zukunft seines Volkes.

Er war noch etwa eine Meile von Heidelberg entfernt, als er auf der Straße vor sich das Glänzen von Waffen bemerkte und bald darauf die Uniform der Dragoner erkannte. Einen Augenblick dachte er, es sei ratsam, der Patrouille nicht zu begegnen, sondern seitwärts die Flucht zu ergreifen. Denn er war sich bewußt, mit einer Sendung betraut zu sein, die den Engländern feindlich war. Aber dann sagte er sich, daß noch Frieden herrsche und daß er keinen Grund habe, seine Reise durch einen Umweg zu verzögern, auch wohl nicht klug handle, durch Flucht sich verdächtig zu machen und etwa eine Verfolgung hinter sich her zu locken. So ritt er denn ruhig weiter und ward, als er nahe an die Dragonerschar herankam, angenehm überrascht, indem er seinen Freund, Lord Adolphus Fitzherbert, erkannte, den er seit einem Jahre nicht gesehen hatte.

Aber der englische Offizier machte kein erfreutes Gesicht, als er Pieter Maritz sah und auf seinen Wink ritt sogleich ein Sergeant an Jagers Seite und ergriff die Zügel des Pferdes.

»Sie sind mein Gefangener!« rief der Lord. »Sergeant, lassen Sie sich die Waffen des Gefangenen geben!«

Pieter Maritz ward durch diese unerwartete Begrüßung sehr bestürzt, und im ersten Augenblick zog er unwillkürlich den Zügel an, um Jager herumzuwerfen, und wollte die Schenkel andrücken, um davonzujagen. Aber er sah, daß es schon zu spät war und wandte sich, während er Büchse und Schwert dem Unteroffizier überreichte, mit stolzer Gebärde an den englischen Offizier und fragte ihn, was dieser Überfall zu bedeuten habe.

»Wollen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, keinen Fluchtversuch zu machen?« fragte der Lord. »Ich sage Ihnen vorher, daß ich Ihnen Ihr Pferd nehmen lassen muß, wenn Sie es verweigern.«

»Ich werde keinen Fluchtversuch machen, so lange ich bei Ihnen bin,« entgegnete Pieter Maritz, der eine besondere Bewegung in den Zügen seines Freundes las.

»Nun denn,« sagte dieser, »Sergeant, lassen Sie den Zügel los!«

Der Unteroffizier gehorchte, und Pieter Maritz ritt waffenlos neben dem Lord dem Dragonertrupp voran, welcher kehrt gemacht hatte, um nach Heidelberg zurückzukehren.

»Ach, Pieter Maritz, mein lieber Freund,« sagte der Lord jetzt, als er mit dem Buernsohne voraus war, so daß die Dragoner ihr Gespräch nicht hören konnten, »ach, wie unglücklich fügt es sich, daß ich dir begegnen mußte!«

Pieter Maritz war so betroffen durch die Plötzlichkeit des Ereignisses, daß er seinen Freund nur fragend ansehen konnte. Seine Gefangennahme und Entwaffnung hatten sich so schnell vollzogen und waren ihm so überraschend, der Umsturz aller Verhältnisse vom Guten in das Böse waren so jäh, daß ihm alles wie ein Traum vorkam.

»Hätte ich nur gewußt, daß du dieses Weges kommen würdest,« fuhr der Lord in seinen Klagen fort, »so hätte ich eine andere Richtung genommen. Aber du rittest mir geradeswegs entgegen, so daß gar keine Möglichkeit war, diese Sache zu umgehen. Ach, Pieter Maritz, so lange sind wir Freunde gewesen, Seite an Seite haben wir manchen Tag geritten und gekämpft, und nun muß ich das Werkzeug deines Unglücks werden!«

»Aber warum,« fragte Pieter Maritz, »warum mußtest du mich gefangen nehmen? Sind wir nicht im Frieden? Ist die Straße nicht frei für jedermann?«

Lord Adolphus schüttelte den Kopf. »Unglückselige Ereignisse sind im Werke,« sagte er, »und du weißt das so gut wie ich. Die englische Regierung hat Nachricht erhalten, daß die Buern einen Aufstand vorbereiten, und ...«

»Einen Aufstand!« rief Pieter Maritz. »Wie kann man von einem Aufstande bei einem freien Volke sprechen!«

»Nenne es, wie du willst, genug, wir wissen, daß die Transvaalbuern im Begriff sind, sich gegen unsere Herrschaft zu erheben. Wir haben gewisse Kenntnis davon erhalten, daß das Land nach allen Richtungen hin von Boten durchstreift wird, welche die Bevölkerung zu den Waffen rufen. Seit gestern haben wir Befehl, überall nach diesen Leuten zu suchen, um sie aufzugreifen. Mehrere Namen sind uns mitgeteilt worden, und unter diesen ist der deinige, Pieter Maritz, einer der ersten.«

Pieter Maritz biß die Zähne zusammen und blickte finster vor sich hin.

»Nun will ich nur hoffen, daß du nicht aufrührerische Schriften bei dir hast,« sagte der Offizier. »Denn sonst kann es dir an Kopf und Kragen gehen.«

»Ich weiß nicht, was die Engländer aufrührerische Schriften nennen,« entgegnete Pieter Maritz. »Ich habe eine Anzahl von gedruckten Proklamationen bei mir, welche das Volk über die gerechten Forderungen der Südafrikanischen Republik aufklären. Hat unsere Regierung nicht das Recht, den Buern solche Aufklärungen zu geben? Wir verlangen nichts als die Anerkennung unseres mit England vor dreißig Jahren abgeschlossenen Vertrages.«

»Liefere du mir diese Schriften aus,« sagte der Offizier. »Es ist besser, du giebst sie mir, als daß du im Hauptquartier untersucht wirst.«

Pieter Maritz öffnete den Mantelsack und übergab dem Lord das Paket der Druckschriften, die er im Oranjefreistaat hatte verteilen sollen. Der Lord nahm es mit einem Seufzer in Empfang und sah den Freund mit traurigem, mitleidigem Blicke an.

»Ach, warum mußtest du so etwas thun?« sagte er vorwurfsvoll. »Hast du nicht unter britischer Fahne gefochten und das Viktoriakreuz erhalten? Und ein so kühner Kämpfer ließ sich auf eine Bauernrevolte ein! O, daß der Dienst mich zwingt, meinen Freund ins Unglück zu stürzen!«

»Ich kenne den Dienst und weiß, daß du gezwungen bist, mich gefangen zu nehmen,« entgegnete Pieter Maritz. »Aber ich bin stolz darauf, für die Sache meines Vaterlandes zu leiden. Ich bin darauf viel stolzer als auf das Viktoriakreuz. Denn das sollst du nur wissen, Adolphus, ich kämpfte in den Reihen der Engländer nicht für England, das uns unterdrückt, sondern nur, um den Krieg kennen zu lernen und zu sehen, wie englische Soldaten fechten. Was ich bei euch gelernt habe, das will ich im Dienste meines Vaterlandes anwenden. Als mein Vater in meinen Armen starb, da sagte er mir, daß England unser einziger Feind sei, und er hinterließ mir als sein Vermächtnis den Haß auf unsere Unterdrücker. Wir wollen ein freies Volk sein und bleiben, und wir wollen das englische Joch abschütteln. Du nennst das eine Bauernrevolte, aber du sollst sehen, Adolphus, daß es etwas ganz anderes ist, und ich beklage nur das eine, daß ich als Gefangener nicht teilnehmen kann an dem Kampfe, den wir gegen euch führen werden.«

»Welch eine Verblendung!« rief der Offizier. »Arme Buern, wie könnt ihr gegen uns kämpfen? Es thut mir leid um dich, Pieter Maritz, und es thut mir leid um das Buernland. Aber hat man denn in Pretoria nur gar kein Verständnis für die wahre Sachlage? Denkt ihr, weil jetzt nur wenige kleine Garnisonen im Lande liegen, unsere Macht wäre erschöpft, wenn ihr diese vielleicht besiegen solltet? Ich sage dir, Pieter Maritz, dies Unternehmen ist ein reiner Wahnsinn.«

»Du hast eine geringe Meinung von den Buern,« entgegnete Pieter Maritz.

»Ich bin jetzt fast drei Jahre in Südafrika,« sagte der Offizier, »und glaube manches gelernt zu haben. Als wir uns zuerst trafen, Pieter Maritz, da wußte ich noch nichts vom Lande und hatte wirklich eine sehr geringe Meinung von den Buern. Jetzt habe ich gesehen, was es für Leute sind, und ich müßte sehr wenig Nutzen aus der Freundschaft mit dir gezogen haben, wenn ich noch nicht wüßte, welche ausgezeichnete Reiter und Schützen sie sind. Habe ich doch im Feldzuge gegen die Zulus gesehen, welche vortreffliche Soldaten als Vorposten und in allem Sicherungsdienst die Buernreiter sind. Aber um Krieg gegen uns zu führen, dazu gehört denn doch noch mehr. Mache dir keine falschen Hoffnungen, mein bester Freund! Die Buern haben ja nicht einmal Artillerie. Ihr werdet anfangen, unsere Garnisonen zu belagern, aber könnt nicht einmal ein einziges Fort erobern. Währenddessen kommt General Colley heran und zieht mit seiner kleinen Armee quer durch euer Land, wo er nur will, und je tapferer ihr euch schlagt, desto größer sind eure Verluste. Aber selbst wenn ihr euch gegen ihn verteidigen könntet — was wollt ihr machen, wenn Verstärkungen von England kommen? Es ist ja ganz unmöglich, daß ein kleines Land mit vereinzelt wohnenden Farmern gegen England mit Erfolg Krieg führen könnte. Ich kann gar nicht beschreiben, wie leid mir das thut, daß es so hat kommen müssen, und daß ich dir, lieber Freund, die Waffen habe abfordern und dich gefangen nehmen müssen!«

Pieter Maritz reichte dem Engländer die Hand, welche dieser ergriff und herzlich drückte.

»Ich danke dir für deine freundliche Gesinnung, lieber Adolphus,« sagte er. »Über das Schicksal des Krieges wird Gott entscheiden. Und ich bitte dich nun noch um eine Gefälligkeit.«

»Jeden Dienst, den die Pflicht mir nicht verbietet, werde ich dir erweisen,« sagte der Lord.

»Wenn ich als Gefangener behandelt werde,« bat Pieter Maritz, »so schicke mein Pferd, meine Büchse und den Degen, den du mir einst geschenkt hast, nach Pretoria an die Adresse, welche ich dir aufschreiben werde.«

Der Lord versprach es, und dann ritten die beiden Freunde lange schweigend nebeneinander her, denn sie waren ein jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und die Ereignisse hatten eine Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet, welche den früheren unbefangenen Ton nicht wieder in der Unterhaltung aufkommen ließ.

Als sie Heidelberg erreichten, wo eine Schwadron Dragoner und eine Kompanie nebst zwei Geschützen das Fort besetzt hielten, ward Pieter Maritz alsbald vor den ältesten Offizier geführt, und Lord Adolphus Fitzherbert stattete seine Meldung ab. Pieter Maritz hatte es der Fürsprache seines Freundes zu verdanken, daß er gut behandelt wurde, aber die Schriften, welche er bei sich geführt hatte, und die Nachrichten, welche bei den englischen Behörden über seine Thätigkeit eingelaufen waren, hatten doch zur Folge, daß er als Gefangener festgehalten wurde. Er sollte am Tage darauf mit noch einem andern Buern, der von einer Patrouille aufgegriffen worden war, nach Potschefstroom gebracht werden, wo Oberst Winslow befehligte. Traurig empfahl er nun Jager und seine Waffen dem Freunde und nahm Abschied von ihm. Dann wurde er in einem steinernen Hause, vor dem eine Schildwache stand, mit dem Landsmann eingeschlossen.

Für Pieter Maritz war es ein großer Trost, in seinen traurigen Betrachtungen jetzt nicht allein zu sein, sondern seine Gedanken mit einem Genossen seines Schicksals austauschen zu können. Wie sehr hatte die frohe Begeisterung, welche er im Gedanken an einen Befreiungskrieg geknüpft hatte, einer niederdrückenden Stimmung Platz gemacht! Er hatte sich schon im Geiste inmitten des Heeres seiner Landsleute den Engländern siegreich gegenüber gesehen, und nun war er Gefangener in einem englischen Gefängnis, und welche Aussicht bot die Zukunft! Auch machte er sich Vorwürfe über seine eigene Unvorsichtigkeit. Hätte er doch gleich beim ersten Anblick der Dragoner die Flucht ergriffen! Er sprach über alle diese Dinge mit seinem Schicksalsgefährten, einem älteren Manne, der sein Los mit trotziger Ruhe ertrug. Dieser Buer hatte Weib und Kind, Haus und Herde verlassen, um dem Vaterlande zu dienen, und in seinem markigen Antlitz und der Haltung seines mächtigen Körpers lag der Entschluß ausgeprägt, Glück oder Unglück mit derselben Fassung zu ertragen. Er saß, mit der Pfeife im Munde, am Tische, den Kopf auf die Hand gestützt, und antwortete nur mit spärlichen Worten oder einem Kopfnicken auf die Klagen seines lebhafteren jüngeren Genossen.

Am folgenden Morgen fuhr ein kleiner offener, mit vier Pferden bespannter Wagen vor dem Hause vor, und die Gefangenen wurden aufgefordert, sich hineinzusetzen. Zwei Polizeileute, mit Seitengewehr und Revolver bewaffnet, setzten sich zu ihnen und fesselten den Gefangenen die Handgelenke mit Handschellen. Dann stieg ein Buer von englischer Abstammung auf den Bock und trieb die Pferde an. Mit großer Schnelligkeit ging die Fahrt nach Westen, auf der Landstraße nach Potschefstroom.

Die Polizeileute hielten strenge Aufsicht über ihre Gefangenen. Sie zeigten ihnen die Revolver und erklärten ihnen, daß sie beim ersten Fluchtversuch Gebrauch davon machen würden. Wenn unterwegs an Wirtshäusern Halt gemacht wurde, um den Pferden Ruhe zu gönnen und sie zu füttern und zu tränken, so wurden den Gefangenen zwar die Fesseln abgenommen, damit sie essen und trinken konnten, aber dann blieb doch immer ein Polizeimann, den Revolver in der Hand, bei ihnen. Pieter Maritz dachte an seine Reise mit dem lachlustigen Unteroffizier zu Anfang des Zulukrieges zurück, wo er ebenfalls Gefangener gewesen war. Wie schlimm unterschied sich diese Reise von der früheren! Wieviel hübscher war es damals gewesen, auf Jagers Rücken, wie lustig im Vergleich zu heute! Er fühlte sich schrecklich gedemütigt durch die Fesseln, und die ganze Welt erschien ihm schwarz.

Drei Tage lang waren sie unterwegs, und bergauf, bergab rollte der Wagen durch das hügelreiche Land im Süden des Transvaalstaates. Sehnsüchtig schweifte der Blick der Gefangenen umher, ob nicht etwa eine Hilfe komme. Sie wußten, daß die Buern vielerorts im Lande sich versammelten, um in bewaffneten Haufen nach der Hauptstadt und der südöstlichen Grenze zu ziehen. Wenn doch nur eine dieser Scharen ihnen hätte begegnen und sie befreien wollen! Aber es war nichts von Waffen zu sehen, das Land schien ganz friedlich zu sein, und die Buern, welche sie auf dem Wege trafen, fuhren ruhig mit ihren Ochsenwagen und achteten wenig auf den Gefangenentransport. Die Polizeileute hielten abends in kleinen Ortschaften an, wo sie bekannt waren, und übernachteten bei Farmern, welche es mit der englischen Herrschaft hielten. Denn manche Buern, namentlich im Süden, waren von englischem Blute und standen den Wünschen und Bestrebungen der Masse des Volkes gleichgültig oder feindlich gegenüber, so daß die Engländer eine Partei für sich hatten und eine Kette von Verbindungen an den wichtigsten Straßen besaßen. Beständig dachte Pieter Maritz an Flucht, aber keine Gelegenheit dazu wollte sich zeigen.

Potschefstroom, die frühere Hauptstadt von Transvaal, hatte ebenfalls ein Fort und eine kleine militärische Besatzung, und die Gefangenen wurden sogleich nach ihrer Ankunft vor den Kommandierenden, Oberst Winslow, geführt. Es machte Pieter Maritz den Eindruck, als ob die englischen Militärs in Potschefstroom sich in großer Aufregung befänden. Im Fort war ein eifriges Kommen und Gehen von Boten und Patrouillen, und ernste, besorgte Mienen zeigten sich. Die Erhebung der Buern übte ihren Druck auf die auf einsamen Posten in dem ausgedehnten Lande stehenden Truppen aus, obwohl noch immer Friede war und nur von Ansammlungen der Buern gesprochen wurde. So wenigstens ergab es sich aus dem Verhör, welches von Oberst Winslow im Beisein anderer Offiziere mit den Gefangenen angestellt wurde. Der Oberst war sehr heftig und fuhr sie hart an.

»Wißt ihr nicht, daß ihr Aufrührer seid?« rief er. »Was wollt ihr Buern? Gesteht die Pläne ein, die ihr verfolgt, legt ein offenes Geständnis ab, oder ich lasse euch morgen erschießen.«

Der ältere Buer schwieg und stand in seiner trotzigen Haltung unbeweglich da, Pieter Maritz aber verteidigte sich voller Empörung.

»Wir haben nichts gethan, was unsere Gefangennahme verdiente,« rief er. »Wir haben mitten im Frieden eine friedliche Proklamation des Präsidenten ...«