Pieter Maritz hielt auf des treuen vielerprobten Jagers Rücken am Bergeshang gegenüber dem englischen Lager von Mount Prospect und blickte nachdenklich zu der britischen Flagge hin, die noch immer auf Hatleys Hotel wehte. Die Nachmittagssonne stand jenseits nahe über den Bergen, und in ihrem goldenen Lichte schimmerten ringsum die klaren Lüfte und die dunkle Erde. Ein herrlicher Glanz von blauen und rötlichen Farben verklärte die Drakensberge und ließ die schweren Kuppeln und tafelförmigen Kämme leicht und duftig erscheinen. Der Donner der Kanonen, das Getöse des Kampfes, das Ächzen der getroffenen Männer, alles war verhallt, und friedlich und schön lag das Gebirge da.
Nur einzelne Buernposten hatten seit dem Kampfe bei Schains Hoogte das englische Lager überwacht, und Pieter Maritz war im Laufe der achtzehn Tage, die seit jenem Gefechte verflossen waren, mehreremal an die Reihe gekommen, auf Posten zu stehen. Hauptsächlich die jungen Leute waren es, die zum Postendienste verwendet wurden, die älteren blieben ruhig im Lager bei ihren Wagen, tranken ihren Kaffee und rauchten ihre Pfeifen. Viele waren auch wieder nach Hause gefahren, um ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten zu besorgen, und vertrauten in ruhiger Behaglichkeit auf ihre Kraft, um die Engländer von neuem zurückzuwerfen, falls diese wieder versuchen sollten, in das Transvaalland einzubrechen.
Pieter Maritz dachte über die Lage der Dinge nach, und sie wollte ihm, der den Krieg kennen gelernt hatte, nicht recht gefallen. Warum griffen die Buern das englische Lager nicht an? Warum hatten sie nicht gleich nach ihrem Siege mit der kleinen Schar der Feinde ein Ende gemacht? Kaum sechshundert Mann konnte General Colley noch haben, von seinen Offizieren waren mindestens zwei Drittel tot, und die Soldaten mußten niedergeschlagen und mutlos sein. Wenn die Buern gestürmt hätten, während noch der Schrecken von Langes Nek und Schains Hoogte den Engländern frisch in den Gliedern saß, so hätten sie längst den General Colley gefangen nehmen können. Aber freilich kannte Pieter Maritz seine Landsleute. Diese schweren starken Männer waren ebenso ruhig, wie sie tapfer waren, sie ließen es an sich kommen, sie warteten ab, was geschehen würde, sie hatten keinen Sinn für kriegerische Unternehmungen. Wie große Bäume mit langen tiefen Wurzeln im Boden stehen, so standen fest und unerschütterlich auch die Buern auf ihrer heimatlichen Erde, und wenn die Engländer es wagen sollten, von neuem anzugreifen, so würden ihnen die Buern mit unbesieglicher Kraft entgegentreten, aber selber anzugreifen, das fiel den Buern nicht ein. Joubert wußte es besser, Joubert wußte wohl, daß es klüger gewesen wäre, das englische Lager zu stürmen, aber er mußte thun, was seinen Landsleuten wohlgefiel.
Alles dies überdachte Pieter Maritz, und er dachte auch an den General Evelyn Wood und dessen Brief, an die Verstärkungen, welche von Süden heraufkommen konnten, um General Colleys Verluste zu ersetzen. Häufig flog sein Blick nach jener Seite hin, die Straße hinab, welche von Newcastle herführte, und er sagte sich, daß niemand es verhindern werde, wenn frische englische Truppen heranmarschierten.
Und heute schien seine Befürchtung sich erfüllen zu sollen. Indem er aufmerksam lauschte, kam es ihm so vor, als hörte er ein Geräusch von Pferdehufen und Säbelklirren in der Ferne. Es war sehr leise, und er konnte es nur von Zeit zu Zeit vernehmen, aber sein scharfes Gehör unterschied diese so oft gehörten Klänge von den Geräuschen, die sonst die Luft bewegten.
»Ich will eine Strecke weit hinunterreiten,« sagte er zu seinem Landsmann, der neben ihm hielt. »Mir ist, als hörte ich Kavallerie kommen.«
Damit lenkte er Jager seitwärts und ritt am Hange hin einige hundert Schritte weit näher der Straße zu und verbarg sich, als er jetzt das Klirren und den Hufschlag in größerer Deutlichkeit vernahm, hinter einem Gebüsch. Gleich darauf sah er einige Reiter erscheinen, die den Karabiner in der Hand trugen und spähend um sich schauten. Sie trugen silbern verschnürte Röcke und gekrümmte Säbel, es waren Husaren vom 15. Regiment. Sie ritten eilig vorbei, als sie die Straße vor sich frei erblickten, und bald folgte ihnen eine ganze Schwadron nach, auf kleinen, munteren Pferden, die Uniformen glänzten, die Säbelscheiden klirrten an die Bügel, und die Hufe klapperten auf dem Wege.
Pieter Maritz blickte finsteren Auges auf diese schöne Kavallerie, als er auch den stampfenden Schritt von Infanterie vernahm. Weiße Helme zeigten sich, weißes Lederzeug auf roten Uniformen, schottisch karrierte Röcke, die vom Gürtel herabfielen, weiße Gamaschen und bunte Binden unterhalb der nackten Kniee. Es waren Hochländer, vom 92. Regiment, die sogenannten Gordonhochländer. Pieter Maritz zählte ihrer dreihundert Mann. Sie kamen in schnellem, elastischem Schritt heran, ihre Gewehre funkelten in der Sonne, es waren kräftige Männer, ausgesuchte Soldaten.
Pieter Maritz blieb auf seinem Posten. Er fürchtete, es möchten noch mehr Truppen kommen, um den General Colley zu verstärken, und er wollte diese beobachten, falls sie etwa kämen. Aber nachdem diese beiden Abteilungen vorüber, nachdem der Marschschritt und das Klirren verhallt waren, wurde das Thal wieder ruhig, kein neues Corps folgte. Pieter Maritz ritt zurück und begab sich eilig in das Lager von Langes Nek, um Joubert Meldung zu machen.
Der General hörte die Nachricht vom Eintreffen der Husaren und der schottischen Infanterie mit ernster Miene an. »Ja,« sagte er, »es ist sehr möglich, daß noch mehr Truppen in der nächsten Zeit kommen werden, denn General Wood hat, wie mir berichtet worden ist, Verstärkungen erhalten und wird sich anstrengen, mit General Colley in Verbindung zu treten. Dann werden beide Generale mit einer stärkeren Macht als vorher von neuem angreifen. Aber ich denke, mein lieber Junge, wir werden sie trotzdem aufs Haupt schlagen. Wir lassen sie nicht durch, und sie werden sich blutige Köpfe holen. Unsere Armee wird alle Tage stärker, und wenn wir jetzt auch nicht viel Truppen hier im Lager haben, so kann ich, sobald es not thut, in wenig Tagen gegen dreitausend Mann zusammenbringen, und mit denen wollte ich dem General Roberts selbst den Einmarsch in Transvaal verwehren, wenn er wirklich, wie das Gerücht geht, mit zwölftausend Mann kommen sollte.«
Pieter Maritz schwieg.
»Sie meinen, daß das nicht das Richtige wäre,« sagte Joubert. »Ich lese in Ihrem Gesicht, daß Sie Lust hätten, den General Colley anzugreifen.«
»Jawohl,« sagte Pieter Maritz. »Ich denke, wenn sechshundert Mann kühn entschlossen auf das englische Lager losstürmten, so könnten sie den General mit allen seinen Truppen gefangen nehmen. Und wäre das nicht ein schöner Streich?«
»Gewiß wäre es das,« entgegnete der Befehlshaber, »und ich hätte große Lust, es zu thun. Ich wollte es schon thun, ehe diese Husaren und Schotten kamen. Aber unsere Leute haben keine Lust zu solchen Dingen. Sie meinen, es wäre besser, zu warten, bis wir angegriffen würden. Auch die Regierung in Pretoria wünscht nicht, daß wir angreifen, denn sie will den Engländern zeigen, daß wir nur im Stande der Notwehr sind. Sie hoffen in Pretoria von Tag zu Tag, daß die Engländer die Hand zum Frieden bieten.«
Pieter Maritz ging niedergeschlagen davon, stieg wieder auf sein Pferd und ritt langsam durch die Wagenreihen des Lagers. Überall saßen die Buern in guter Ruhe da, ihre gewaltigen Leiber und kriegerischen, braunen, bärtigen Gesichter trugen das Gepräge größter Behaglichkeit, und nichts verriet, daß nur einen Kanonenschuß weit von ihrem Lager ein Feind stand, der sich zu neuem Angriff rüstete. Pieter Maritz ritt an das Ende des Lagers und suchte den Lord Fitzherbert auf. Der junge Offizier hatte durch die Vermittelung seines Freundes die Erlaubnis erhalten, im Lager zu bleiben, anstatt nach dem Innern des Landes geschickt zu werden, und Pieter Maritz hatte ihm einen Platz in dem Wagen eingeräumt, in welchem er selbst zu schlafen pflegte, wenn er nicht die Nacht auf Posten zubringen mußte. Er fand den jungen Offizier am Feuer sitzend und rauchend. Ein Kaffer hockte neben dem Feuer und kochte Wasser, um Punsch zu machen.
»Nun, Pieter Maritz,« rief der Lord ihm entgegen, »du machst ja solch ein böses Gesicht. Was giebt es?«
Lord Adolphus hatte sich in seine Lage gefunden, und nachdem er in den ersten Tagen seiner Gefangenschaft sehr betrübt und niedergeschlagen gewesen war, hatte die Freundlichkeit, mit der Pieter Maritz sich bemühte, ihn sein Leid vergessen zu machen, ihn gerührt, und er nahm sein Los mit Fassung auf sich. Der Gedanke an das wechselnde Kriegsglück tröstete ihn, und er suchte sich als Soldat an sein Schicksal zu gewöhnen.
Pieter Maritz antwortete auf die Frage mit voller Offenheit. Die Freunde tauschten wieder wie ehemals ihre Gedanken rückhaltlos gegeneinander aus. Lord Adolphus konnte ein triumphierendes Lächeln nicht unterdrücken, als er hörte, daß Verstärkungen im Lager von Mount Prospect eingetroffen seien. »Sieh, lieber Freund,« sagte er, »es wird so kommen, wie ich von Anfang an gesagt habe. Ihr könnt gegen England nicht kämpfen, so tapfer ihr auch seid. Wie wolltet ihr auch? Ich bewundere euch Buern. Ihr seid Krieger, wie man sie in der ganzen Welt nicht noch einmal findet, aber ihr seid an Zahl zu schwach, um gegen eine Macht wie die unserige Krieg zu führen. Nach und nach werden immer mehr Truppen kommen, und zuletzt müßt ihr Frieden schließen. Es wird keine Schande für euch sein, denn ihr habt uns wahrhaftig besiegt wie Helden, aber es war ein großer politischer Fehler, daß ihr euch gegen uns auflehntet.«
»Wir wollen sehen,« antwortete Pieter Maritz. »Laßt ein Heer kommen so groß es will, wir werden ihm entgegentreten.«
»O, ich weiß wohl, daß ihr Buern ihm entgegengehen werdet,« sagte Lord Adolphus. »Und ich weiß auch, daß es ein furchtbarer Kampf werden wird. Ihr seid unvergleichliche Schützen, tapfer wie Löwen und habt alle Eigenschaften der allerbesten Soldaten. Aber doch seid ihr kein discipliniertes Heer, und ihr kennt den Krieg nicht. Ihr wehrt euch, aber ihr wißt nicht anzugreifen.«
»Wir wollen sehen,« sagte Pieter Maritz von neuem. Er war schweigsam, die Hochländer und Husaren standen vor seinem inneren Blick, und er überlegte, was zu thun sei. Nachdem er sein Abendbrot verzehrt hatte, ritt er wieder in das Gebirge zurück und näherte sich, während jetzt die Sonne unterging und Dunkelheit das Land umhüllte, den äußersten Posten des Buernheeres. Sein kriegerischer Instinkt sagte ihm, daß auf englischer Seite irgend etwas im Werke sein müsse. General Colley war ein unternehmender Mann. War er doch tollkühn mit kaum mehr als tausend Mann losmarschiert, um das ganze Transvaalland zu unterwerfen. Sicherlich war er voll Unmut und Ungeduld, so lange schon gleichsam als Gefangener in dem festen Lager zu sitzen, zweimal geschlagen, ohne sich rühren zu können, gegenüber einem Feinde, den die stolzen Engländer verachteten. Sicherlich würde General Colley die eingetroffene Verstärkung bald benutzen, um einen neuen Schlag zu führen, zumal die Unthätigkeit auf seiten der Buern ihm eine geringe Meinung von ihrer Kriegsführung gegeben haben mußte.
Die Buernposten hielten still auf ihren Plätzen, die Männer saßen im Sattel oder standen neben den Pferden, und so umgaben die Posten das feindliche Lager in einem weit ausgedehnten Halbkreise. Pieter Maritz ritt über die Posten hinaus. Es war eine herrliche Nacht mit funkelnden Sternen, und die schmale Mondsichel hing über dem riesig und schwarz emporragenden Majubaberge. Pieter Maritz konnte die Gegenstände ringsum auf mehrere hundert Schritte weit erkennen. Er ritt so nahe an das verschanzte Lager hinan, wie dies nur möglich war, ohne von den englischen Posten bemerkt zu werden. Denn auch General Colley hatte Posten außerhalb stehen, Dragonervedetten umgaben auf allen Seiten seine Stellung. Pieter Maritz hielt hinter einem Busche an und betrachtete das vor ihm liegende Bild. Die englischen Posten standen sehr weitläufig und waren keine Doppelposten, wie gebräuchlich, sondern nur Einzelposten, denn es fehlte an Mannschaft, und General Colley mußte Mann und Pferd schonen. Die weißen Helme der Dragoner schimmerten in sehr weiten Abständen voneinander durch die Nacht. Im Hintergrunde sah Pieter Maritz Lichter flimmern, es waren die hellen Fenster von Hatleys Hotel und die Wachtfeuer im Lager.
Wie Pieter Maritz so ausschaute und seine Gedanken sich unablässig mit den Dingen beschäftigten, die drüben vorgehen mochten, kam es ihm so vor, als ob es lebhafter als sonst im feindlichen Lager sei. Pieter Maritz hatte oft in der Nacht das Lager beobachtet, und er kannte dessen Gewohnheiten, so gut sie sich von ferne erkennen ließen. Freilich mochte die Ankunft der neuen Truppen diese Unruhe verursacht haben, aber Pieter Maritz konnte den Gedanken nicht los werden, daß General Colley damit umgehe, einen Angriff vorzubereiten. Mehreremal drang ein Ton wie von Waffengeklirr und Kommandoruf durch die stille Nacht, und eine auffallende Beweglichkeit schien sich ihm innerhalb der Schanzen kundzugeben. Er strengte Auge und Ohr auf das äußerste an, und mit gerunzelter Stirn und zusammengebissenen Zähnen starrte er, weit vorgebeugt, auf den Gegenstand seiner gespannten Aufmerksamkeit. Ein Gedanke durchzuckte ihn, den er zuerst als unausführbar zurückwies, der aber wiederkam und ihn bald ganz erfüllte. Er wollte versuchen, in das englische Lager zu dringen, um zu erfahren, was dort vorgehe und welche Pläne Sir George Pomeroy Colley verfolge. Verwegener Mut und Vertrauen auf sein Glück beseelten ihn.
Er ritt zurück und begab sich zu dem nächsten Posten seiner Landsleute, wo ein Freund und Altersgenosse von ihm war. »Höre, Jakobus,« sagte er zu diesem, indem er vom Pferde stieg, »ich will einmal versuchen zu sehen, was die schönen Soldaten der Königin dort drüben treiben. Hebe mir mein Pferd und meine Waffen auf.«
»Gern,« sagte ihm der Landsmann, »aber was willst du machen? Sie werden dich totschießen, wenn sie dich fassen.«
»Ich weiß nicht, was sie vorhaben,« antwortete Pieter Maritz, indem er einen starken Zweig von einem Akazienbusch abschnitt und die kleinen Zweige und Blätter entfernte, so daß er einen tüchtigen Stab in Händen hielt. »Siehst du dort an der Straße den einzelnen Dragoner? Ich werde mich an den Mann heranmachen, und wenn du einen Pfiff hörst, in dieser Art« — Pieter Maritz pfiff in einer besonderen Weise — »so kommst du zu mir und hilfst mir.«
»Gut,« sagte Jakobus, indem er lachend die Zähne zeigte. »Willst du ihn denn mit dem Stocke angreifen?«
»Das wird sich finden,« entgegnete Pieter Maritz. »Komm du nur schnell heran, wenn ich pfeife. Und dann kannst du mir wohl deine hübsche Flasche leihen. Du liebst ja ein Schlückchen Rum und hast gewiß eine gute Sorte bei dir.«
»Nun, meinetwegen,« sagte der junge Buer zögernd, »hier hast du die Flasche, aber verliere sie mir nicht.«
Pieter Maritz hing die mit Leder überzogene Flasche über die Schulter, nahm seinen langen Stab und ging waffenlos davon, gerade auf der Landstraße und auf den Dragonerposten zu, dessen Säbel und Helm in der Ferne durch das Dunkel schimmerten. Als er bis auf einige hundert Schritte an den Posten herangekommen war, bog er seine schlanke, geschmeidige Gestalt zu einer gebückten Haltung zusammen, stützte sich auf den Stab und ging mit langsamem, weithin hörbarem, schlurfendem Schritte wie ein alter Mann und hustete kläglich, gleich einem gebrochenen Greise. Der Dragoner hielt auf der Straße selbst und war weit entfernt von seinen Nebenposten, die am Berge standen. Pieter Maritz schritt ganz ruhig, als ob der Krieg ihn nichts anginge, seines Weges, ächzte zuweilen, brummte vor sich hin und hustete.
»Heda!« rief der Dragoner. »Wer kommt da?«
Pieter Maritz blieb einen Augenblick stehen, sprach holländisch mit verstellter zitternder Stimme und ging dann weiter. Der Dragoner hatte den Karabiner auf den Schenkel gestützt und bemühte sich, zu erkennen, wer auf der Straße sei, war aber offenbar durch das Husten und Stöhnen getäuscht und mochte wohl denken, irgend ein einfältiger alter Bauer, der die Gefahr nicht kenne, wandere dort umher. Denn er ließ Pieter Maritz bis auf zwanzig Schritte an sich kommen, ehe er ihn noch einmal anrief, und machte keine Miene zu schießen.
»Wer da?« rief er. »Steht still, alter Freund! Woher kommt Ihr und wohin wollt Ihr? Hier führt kein Weg für Fremde.«
»Kann nichts verstehen, kann gar nichts verstehen,« antwortete Pieter Maritz holländisch, wobei er wieder stark hustete. Und er ging weiter auf den Dragoner zu, welcher nun sein Pferd auf den Ankömmling zugehen ließ und diesem die Straße versperrte.
»Ein dummes Volk ist dies,« sagte der Dragoner scheltend. »Versteht ihr einfältigen Bauern denn kein Englisch? Wohin will der Kerl?«
»Ach, lieber Herr,« sagte Pieter Maritz wieder holländisch, »ich will dort hinüber nach Schains Hoogte. Lassen Sie mich gehen. Ich habe dort zu thun.« Und während er sprach, zeigte er mit der Hand in der bezeichneten Richtung und bog sich krumm und jämmerlich an seinem Stabe.
Es kam ihm zu statten, daß die Posten niemals aufeinander geschossen hatten. Weder die Buern hatten von ihren Stellungen aus auf die einzelnen Vedetten gefeuert, denn sie hielten es für unrecht, anders als im Kampfe zu schießen, noch auch die Vedetten hatten nach den Buern geschossen, denn sie hüteten sich wohl, mit ihren Karabinern die weit tragenden Büchsen der Buern herauszufordern. So war kein boshafter Groll in den Herzen der Dragoner, der sie etwa hätte veranlassen können, schnell auch gegen Wehrlose von ihrer Waffe Gebrauch zu machen.
»Das geht nicht,« sagte der Posten. »Kein Mensch darf hier passieren. Wenn Sie nach Schains Hoogte wollen, alter Freund, so müssen Sie dort über die Berge klettern. Aber auf der Straße darf niemand gehen.«
»Kann nichts verstehen, kann gar nichts verstehen,« sagte Pieter Maritz, indem er noch einen Schritt näher kam.
»Dummer Kerl, bleiben Sie stehen!« rief der Dragoner ärgerlich. »Dort herum« — er zeigte mit der Hand über die Berge — »dort herum müssen Sie. Aber hier dürfen Sie nicht gehen.«
Pieter Maritz hustete und stöhnte und hob dann seine Flasche empor. »Ach, lieber Herr,« sagte er, »lassen Sie mich doch durch. Alte Männer können nicht über hohe Berge klettern. Trinken Sie einmal, es ist guter alter Rum.«
Der Dragoner verstand nicht, was Pieter Maritz sagte, aber er begriff, was er wollte, und er sah die Flasche mit Vergnügen. Es herrschte großer Mangel an Lebensmitteln und Getränken im englischen Lager, denn die Buern hatten mehrere Transporte weggefangen. Pieter Maritz hatte richtig gerechnet, als er die Flasche mitnahm. Der Dragoner warf einen begehrlichen Blick darauf, und obwohl er noch sein Pferd quer gestellt hielt und dem hustenden Alten den Weg damit versperrte, so streckte er doch die Hand nach der Flasche aus. Pieter Maritz nahm sie von der Schulter und reichte sie dem Dragoner, der nun den Stöpsel abschrob und an dem Inhalt roch. »Das ist guter alter Rum,« sagte er zufrieden, und dann nahm er einen tüchtigen Schluck. »Aber durchlassen kann ich Sie doch nicht, alter Freund,« setzte er hinzu, indem er die Flasche zurückreichte. »Das Beste wäre, Sie kehrten um und legten sich aufs Ohr. Mit einem bösen Husten die Nacht herumzulaufen, ist nicht gesund für alte Krückengänger.«
Aber indem er noch sprach, sah der Dragoner plötzlich zu seinem Schrecken, daß der alte gebrechliche Mann, der jetzt dicht neben dem Pferde stand, aus seiner gebückten Haltung emporwuchs und daß ein Paar hell blitzender Augen unter dem Hutrande hervorsahen, wie er sie noch niemals im Antlitz eines Greises bemerkt hatte. Und ehe er sich noch von seinem Erstaunen und Schrecken erholen konnte, fühlte er sich schon von einem Griff an der Gurgel gepackt, der ihm den Atem raubte und ihm jede Möglichkeit der Gegenwehr nahm. Er ächzte und schnappte nach Luft, er ließ den Karabiner und die Zügel fallen und griff wild mit den Händen um sich, aber es gab für ihn kein Entrinnen aus diesem gewaltigen Griff. Zugleich vernahm er jetzt in gutem Englisch die Drohung, daß er das Leben verlieren würde, wenn er nicht schwiege, und er mußte seine letzte Kraft aufbieten, um nur verständlich zu machen, daß er still sein werde. Nun lockerte Pieter Maritz ein wenig die enge Umschlingung, in der er den bestürzten Soldaten hielt, und pfiff in der Weise, die er mit dem Landsmann verabredet hatte. Zugleich zog er den Säbel des Dragoners aus der Scheide, setzte die Spitze dem Manne auf die Brust und gebot ihm abzusteigen. Der Dragoner war wie betäubt und gehorchte willenlos. Pieter Maritz hielt das Pferd am Zügel. Inzwischen war Hufschlag zu vernehmen, und bald erschien der andere junge Buer in schnellem Laufe seines Rosses. Jakobus war sehr ergötzt, als er den gefangenen Dragoner sah, aber er verwunderte sich noch mehr, als er sah, was Pieter Maritz ferner unternahm. Denn dieser zog die Bluse aus und setzte den Hut ab, befahl dem Dragoner, dem nun ein Halstuch in den Mund gestopft wurde, Helm und Waffenrock herzugeben, und kleidete sich dann selbst in englische Uniform. Der Rock krachte in den Nähten, als der starke Buernsohn ihn über seine mächtige Brust zog, aber es ging doch, der Sitz war nicht allzu schlecht. Dann hing Pieter Maritz das Bandelier mit der Patrontasche über die Achsel, schnallte die weiße Degenkoppel um den Leib, setzte den Korkhelm auf und ergriff den Karabiner.
»Schaff du mir den Engländer fort,« sagte er zu Jakobus. »Er kann meine Bluse anziehen, damit er nicht friert. Er wird so klug sein, keine Umstände zu machen, denn sonst geht es ihm ans Leben.«
Diese Warnung sagte Pieter Maritz dem Dragoner auch in englischer Sprache, und dann stieg er auf das Dragonerpferd und hielt Wache an der Landstraße, während Jakobus mit dem gefangenen Engländer, der in der Bluse und mit dem breitkrempigen Hut neben dem Pferde ging, nach den Bergen zu abzog. Den Karabiner auf den Schenkel gesetzt, den Säbel an der Seite, hielt Pieter Maritz als englischer Posten auf dem Flecke, wo der Gefangene seinen Platz gehabt hatte, und wartete auf die Ablösung, bei welcher er in das englische Lager gelangen mußte. Zwar verhehlte er sich die Gefährlichkeit seines Unternehmens nicht. Wenn er entdeckt wurde, so schossen ihn die Engländer ohne Gnade nieder. Aber er dachte nicht an die Gefahr, sondern nur an seinen Vorsatz, in Erfahrung zu bringen, was General Colley plante, und er hoffte auf das Gelingen seines kühnen Wagnisses. Der Karabiner und der Säbel verliehen ihm ein gewisses Vertrauen, und die Berührung dieser Waffen flößte ihm Mut ein. Lebendig fangen sollten ihn die Feinde sicherlich nicht. Wollte das Unglück, daß er erkannt würde, so wollte er schießen und um sich hauen wie ein Teufel. Unter den Dragonern waren noch mehrere Leute, die den Feldzug gegen die Zulus mitgemacht hatten, und vielleicht auch einer oder der andere, der dabei gewesen war, als Adolphus ihn bei Heidelberg arretierte, aber Pieter Maritz dachte, die Nacht sei dunkel genug, um seine Bemühungen, sich zu verstecken, wirksam zu unterstützen.
Er hielt unbeweglich da, als nach etwa einer halben Stunde die Ablösung herankam, ein Unteroffizier mit sechs Mann.
»Wer da?« rief er, als die Leute näher kamen.
»Ablösung,« antwortete es.
»Feldgeschrei?« fragte Pieter Maritz, der mit dem Vorpostendienst der Engländer wohl vertraut war.
»Majuba,« sagte der Sergeant.
»Feldgeschrei richtig. Ablösung heran!« sagte Pieter Maritz.
»Nichts Neues bei den verdammten Buern?« fragte der Unteroffizier.
»Nichts Neues zu melden, Herr Sergeant,« antwortete Pieter Maritz mit dienstlicher Haltung.
Ein Dragoner ritt vor und nahm den Posten ein, den der verkleidete Buernsohn inne gehabt hatte, dann schloß dieser sich dem Ablösungstrupp an, und es ging weiter in der Postenkette, um noch zwei andere Dragoner abzulösen, die weiter oben am Berghang hielten. Pieter Maritz ritt ruhig seines Weges neben den Soldaten, die ihn nicht beachteten, sondern müde und gleichgültig ihre Pflicht thaten. Er dachte darüber nach, was wohl das Wort Majuba als Feldgeschrei zu bedeuten habe. Majuba war der Name des hohen Berges, der sich neben dem Buernlager erhob. War der Name nur zufällig von General Colley gewählt worden, oder hatte diese Wahl eine besondere Bedeutung?
Als die Ablösung zum Lager zurückkehrte, sah sich Pieter Maritz dessen Umwallung an, so gut dies bei dem schwachen Licht des Sternenhimmels möglich war. Die Engländer hatten sich so verschanzt, wie sie es im Zulukriege zu machen pflegten. Sie hatten ein Viereck von Schanzen erbaut, und die Schanzen bestanden aus Erdwällen von etwa sechs Fuß Höhe, mit einem davor liegenden Graben. Pieter Maritz dachte von neuem mit Mißbilligung an die Säumigkeit seiner Landsleute. Warum war dies Lager nicht längst schon erstürmt worden? Die Zulus waren vergeblich gegen solche Wälle angelaufen und hatten ungeheure Verluste gehabt, aber für Buern konnten diese Schanzen kein Hindernis sein. Die Buern würden sich ringsum auf die Erde gelegt und jeden Kopf, der sich über der Brüstung zu zeigen wagte, weggeschossen haben, bis sie mit der Gewißheit des Erfolges hätten hinanlaufen können.
Der Dragonerzug ritt in das Lager ein, und die Mannschaft ward zu der Stelle geführt, wo die Kavallerie kampierte. Es war dies ein Platz neben den Stallungen von Hatleys Hotel, wo die Pferde Schutz vor dem durch das Thal wehenden kalten Südwind hatten. Ein Teil der Pferde stand auch in den Ställen selbst, aber die Dragoner lagerten draußen. Die Leute waren schläfrig und verdrossen, und Pieter Maritz konnte sich abseits halten, ohne daß man auf ihn achtete. Er band sein Pferd mit der Kampierleine neben den andern Pferden an, hütete sich, sein Gesicht in das Licht einer der Laternen zu bringen, die hier und da an Stangen aufgehängt waren, hüllte sich in den Dragonermantel, schlug den Kragen in die Höhe und ging umher, um sich alles anzusehen. Das Lager war infolge der Ankunft der neuen Truppen ziemlich lebhaft. Die Husaren und die Hochländer hatten noch damit zu thun, sich einzurichten und sich zurecht zu finden, waren zum Teil noch mit dem Errichten von Zelten beschäftigt, saßen und lagen um die Wachtfeuer herum, rauchten, tranken und unterhielten sich. Die Truppen dagegen, welche schon seit vier Wochen hier lagen, schienen niedergeschlagen und ermüdet zu sein. Sie schliefen zum größten Teil, und es war still an ihren Lagerplätzen. Doch fiel es Pieter Maritz auf, daß eine gewisse Spannung und Erwartung sich in der ganzen Haltung des englischen Heeres kundgab. Nur ein kriegsgewohntes Auge konnte diese Kennzeichen wahrnehmen, welche auf bevorstehende Unternehmungen hindeuteten, aber Pieter Maritz verstand es, gleichsam dem Kriegsgotte den Puls zu fühlen und in fast unbeschreiblich feinen Merkmalen den Charakter einer Truppe und deren militärische Lage zu lesen. Die Posten, welche auf den Wällen standen, wandten häufig ihren Blick nach innen, als ob sie dort ein Ereignis erwarteten, von den Offizieren schien sich niemand der Ruhe hingegeben zu haben, in Hatleys Hotel waren mehrere Fenster hell erleuchtet, und von Zeit zu Zeit war ein Adjutant des Generals zu sehen, der durch das Lager schritt und mit den Offizieren sprach, die in ihren Mänteln am Feuer saßen.
Pieter Maritz näherte sich einem der Wachtfeuer, welche den Husaren gehörten, und setzte sich auf ein Reisigbündel. Die Husaren waren fremd, mußten aus einem andern Erdteil herübergekommen sein und konnten ihn unmöglich kennen. Pieter Maritz setzte sich schweigend zu ihnen und wartete, daß ihn jemand anreden würde. Dies geschah nach kurzer Zeit.
»Nun Kamerad,« sagte ihm ein hübscher junger Reiter, dem die Mütze gar verwegen auf dem rechten Ohre saß, »du bist wohl schon lange in Afrika?«
»O ja,« antwortete Pieter Maritz.
»Warst du auch im Zulukriege?«
»Jawohl, da war ich auch.«
»Immer gut durchgekommen, oder hast du auch was abgekriegt?«
»Einmal habe ich etwas abgekriegt,« sagte Pieter Maritz.
»Was denn?« fragte der Husar.
»Es war ein Stich mit einem Assagai durch den Arm.«
Der Husar lachte. »Assagai,« sagte er, »das ist ein verrückter Name. Es war wohl eine Art von Spieß?«
»Ja« antwortete Pieter Maritz, »das sind Spieße, mit denen die Zulus werfen und stechen.«
»Schade, daß wir nicht da waren,« sagte der Husar. »Wir hätten die Niggers zu Frikassee gehackt.«
»Ihr könnt ja nun die Buern zu Frikassee hacken,« entgegnete Pieter Maritz.
»Ja die Buern,« bemerkte der Husar nachdenklich. »Ich habe unterwegs gehört, sie schössen ganz verflucht. Ist das wahr?«
»Nun, sie schießen ganz leidlich,« antwortete Pieter Maritz, »aber da wir nun Verstärkung bekommen haben, wollen wir sie schon unterkriegen.«
»Es ist nur ein schlechtes Terrain für die Kavallerie,« bemerkte der Husar. »Immer Berge und Berge. Hier können wir keine Attacke machen, und ich habe gehört, die verdammten Buern lägen hinter Verstecken, wo man sie gar nicht sehen könnte, und holten sich ihren Mann so sicher mit der Kugel weg, als ob sie auf dem Anstand nach einem Rehbock schössen.«
»Ja,« sagte Pieter Maritz seufzend, »ein saurer Dienst ist es hier in dem Gebirge. Aber wir werden ja nun wohl Verstärkungen genug bekommen, um die Buern hinauszuwerfen. Wo steht denn General Wood?«
»General Wood war in Port Natal, als wir kamen, aber es hieß, er würde am andern Tage von dort aufbrechen. Ich rechne, daß er in acht Tagen etwa mit ungefähr tausend Mann hier sein kann.«
»Es wäre gut, wenn er bald käme,« sagte Pieter Maritz, »denn wir können hier allein nicht viel anfangen. Wir haben eine Masse Leute verloren, und so, wie wir jetzt stehen, können wir nichts machen.«
»Oho, Kamerad, du scheinst mir nicht viel Kourage zu haben,« sagte der Husar. »Sind wir nicht jetzt da? Wo wir Husaren sind, da geht es immer flott. General Colley hat nur gewartet, bis wir kämen, und es sieht mir ganz so aus, als ob es morgen früh wieder losgehen sollte. Könnten wir die Buern nur einmal irgendwo im freien Felde packen, da solltest du sehen, wie wir einhauen wollten. Wir waren in Afghanistan. Da hättest du einmal etwas erleben können, wenn du gesehen hättest, wie wir diese gelben Spitzbuben mit den spitzen Lammfellmützen über die Ebene gehetzt haben. Das war noch eine andere Geschichte, als hier mit euern Niggers und Buern. General Roberts hättest du sehen sollen, das ist dir ein Kerl! Alle Hagel!«
In diesem Augenblick sah Pieter Maritz einige Offiziere und einen Mann in Buerntracht aus der Thür des Hotels kommen. Sie waren im Gespräch und begaben sich durch das Lager hindurch an dessen östliche Seite. Indem sie an einem der Wachtfeuer vorbeikamen, erkannte er in dem vordersten der Offiziere, der neben dem Buer ging, den General. Pieter Maritz antwortete dem Husaren nicht, sondern stand auf und schlenderte in nachlässiger Manier in einem Bogen nach eben der Stelle hin, wo General Colley war. Dort lagerten die Schotten, und er ließ sich mit kurzem Gruße an einem der dortigen Feuer nieder, welches ganz in der Nähe der Gruppe von Offizieren brannte. Die Gordonhochländer tranken ihren Whiskypunsch und rauchten ihre kurzen Pfeifen.
»Es ist kühl diese Nacht,« sagte Pieter Maritz, indem er so that, als komme er, sich zu wärmen.
Einer der Hochländer antwortete, und die Männer rückten zusammen, um ihm Platz zu machen, aber Pieter Maritz hörte kaum, was ihm gesagt wurde, da er sein Ohr gespannt auf die Unterhaltung des Generals mit dem Buer richtete, welche beide nur etwa zehn Schritte von ihm an der Brüstung standen.
»Es ist gerade dunkel genug, um verborgen zu bleiben, und hell genug, um den Weg zu finden,« sagte der General. »Sind Sie sicher, uns in zwei Stunden hinzuführen, ohne daß die Buern Lunte riechen?«
»Jawohl, Herr General,« antwortete der Buer in englischer Sprache. »Die Buernposten stehen im Halbkreise dort herum« — er machte eine Bewegung mit dem Arme — »aber im Süden ist das Land frei, und wenn wir einen Umweg über die Berge machen, so kommen wir hin, ohne gesehen zu werden.«
»Das ist ja ein abscheulicher Kerl, der seine Landsleute verrät,« dachte Pieter Maritz. »Aber sicherlich ist es keiner von uns, sondern ein Natalbuer von englischem Blute.« Zu seinem Verdruß wurde Pieter Maritz jetzt in seinem Lauschen gestört, indem ein Sergeant von den Hochländern, ein älterer Mann mit blondem Vollbart, ihn anstieß und fragte: »Ist das ordonnanzmäßig bei den Dragoonguards?« Der Sergeant zeigte bei diesen Worten auf die dunkelgelbe Lederhose und die hohen weichen Reiterstiefel, welche der Buernsohn trug, und welche deutlich sichtbar geworden waren, weil der Mantel sich verschoben hatte.
Für einige Sekunden war Pieter Maritz verdutzt, und sein Atem stockte, denn die Möglichkeit der Entdeckung trat ihm vor Augen, und er dachte mit einem Male an die schrecklichen Folgen, die es haben würde, wenn er erwischt würde. Aber er faßte sich schnell.
»Ach, ordonnanzmäßig!« sagte er lachend. »Wer so lange wie wir im Felde gelegen hat, der freut sich, wenn er überhaupt noch ein heiles Stück an die Beine ziehen kann.«
Der Sergeant beruhigte sich und wandte sich wieder seinen Kameraden zu, mit denen er einen dienstlichen Vorfall besprach. Pieter Maritz aber richtete seine Aufmerksamkeit von neuem auf General Colley.
»Das Hinansteigen wird sehr mühsam sein,« sagte der General.
»Ja,« entgegnete der Buer. »Der Berg ist sehr steil, aber wenn Sie erst oben sind, so finden Sie einen schönen Platz zur Aufstellung. Oben ist es flach, und es ist dort gute Deckung für die Leute, weil ringsum große Steine am Rande liegen.«
»Halten Sie es für möglich, die Kanonen hinaufzubringen?« fragte der General.
»Nein,« sagte der Buer, »das halte ich nicht für möglich. Kein Tier kommt den Berg hinan, es müßte denn ein Springbock oder ein Leopard sein.«
General Colley überlegte eine Weile, blickte ringsum den Himmel an und wandte sich an einen der beiden Offiziere, die in seiner Begleitung waren.
»Es wäre sehr gut, wenn wir wenigstens eine von den Gatlingkanonen hinaufbringen könnten,« sagte er. »Was meinen Sie, lieber Romilly? Ihre Leute brächten wohl solch ein leichtes Stück ohne Pferde hinauf. Diese stämmigen Burschen von der Boadicea sind an harte Arbeit gewöhnt.«
»Wenn es möglich ist,« antwortete der Offizier, welchen Pieter Maritz an seiner Mütze als einen hohen Marineoffizier erkannte, »wenn es in Menschenkräften überhaupt steht, General, so werden meine Leute das Geschütz hinaufbringen.«
»Wir wollen es jedenfalls versuchen,« sagte General Colley. »Die Artillerie allein begründet ja leider Gottes unsere Überlegenheit über die Buern, denn was das Schützengefecht betrifft, so müssen wir ja offen eingestehen, daß unsere Leute keine Gegner für die Buern sind. Sie schießen uns zehn Mann für jeden Treffer nieder, den wir selber haben. Freilich haben sie bis jetzt immer die überlegenen Stellungen gehabt. Ich halte es für eine sehr glückliche Idee, den Majuba zu besetzen, vorausgesetzt, daß wir ungesehen hinaufkommen. Wir werden dort oben gerade so im Vorteil über die Buern sein, wie die Buern bis jetzt über uns im Vorteil gewesen sind. Ich habe es mir zum Grundsatz gemacht, vom Feinde zu lernen, und was die Besetzung von Gebirgspositionen betrifft, so muß man den Buern in der That den Preis zuerkennen. Wenn aber unsere wackeren Hochländer in einer guten Stellung aus Deckungen feuern, so sollte der Teufel selbst sie nicht hinaustreiben. Meinen Sie nicht auch, Major Hay?«
»Herr General, ich danke im Namen der Hochländer für die gute Meinung, welche Sie von uns haben,« antwortete der zweite Offizier, der ein gewürfeltes, rot schimmerndes Plaid über der Schulter trug. »Nur möchte ich mit Ihrer Erlaubnis noch ein Bedenken äußern.«
»Bitte, sprechen Sie, Major.«
»Ich kenne das Land nicht,« sagte der Offizier, »und kenne namentlich auch den Berg nicht, von dem die Rede ist. Aber ich möchte bezweifeln, daß dieser Majuba, wenn er wirklich zweitausend Fuß hoch über das Buernlager emporragt, eine gute Stellung bietet. Das ist zu hoch. Wir werden dort oben isoliert und ohne Verbindung, ohne Rückzugsweg und ohne Bewegungsfähigkeit sitzen.«
»Durchaus nicht, Major Hay,« entgegnete der General. »Ich habe die Absicht, am Fuße des Berges zwei Kompanien und die Husarenschwadron stehen zu lassen, welche die Verbindung mit dem Lager aufrecht erhalten und im Falle eines Rückzugs zu unserer Unterstützung bereitstehen.«
»Wenn auch,« sagte der Major. »Ich habe manches Gefecht mitgemacht, aber niemals auf einem einzelnen Berge, zweitausend Fuß über dem Feinde Stellung genommen. Da hören die Bedingungen des Schützengefechts auf. Meiner Ansicht nach ist die Verteidigung einer so hohen Spitze sehr schwer. Sicherlich hat ein so hoher Berg viele und große tote Winkel an seinen Abhängen. Er wird gewiß nicht ringsum glatt sein, und wenn er irgendwo Absätze oder auch nur Felsblöcke und Buschwerk hat, so wird dies dem Angreifer eine vortreffliche Deckung geben, und er wird uns da oben wegputzen wie Vögel, die aus dem Neste gucken.«
»Major Hay, Sie sind durchaus im Irrtum,« sagte der General. »Ich rechne Ihre Bedenklichkeiten Ihrer Unbekanntschaft mit dem Kriegsschauplatz und der Beschaffenheit des Feindes zu gute, sonst müßte ich mich sehr verwundern, derartigen Ansichten zu begegnen. Wir werden dort oben wie in einer Redoute stehen und eine uneinnehmbare Stellung haben. Kein Buer darf sich am Abhang zeigen, ohne von oben ganz bequem aus sicherer Deckung aufs Korn genommen zu werden. Übrigens werden die Buern keinen Angriff wagen. Diese Leute schießen ausgezeichnet, aber sie haben eine große Abneigung dagegen, nach sich schießen zu lassen. Es sind Familienväter, Landwirte. Sie greifen nicht an. Wenn sie angreifen wollten, so würden sie längst unser Lager angegriffen haben, denn wir müßten ihnen doch wahrhaftig nach den schmählichen Niederlagen bei Langes Nek und Schains Hoogte eine willkommene Beute sein. Aber sie haben von Kriegswissenschaft gottlob gar keinen Begriff. Nein, meine Herren, mein Plan ist gut, und es handelt sich nur um die energische Durchführung. Die Besetzung des Majuba wird den Krieg entscheiden. In vier Tagen wird General Wood hier sein, und wir werden vom Gipfel des Majuba aus, der hier sehr gut sichtbar ist, wenn die Sonne scheint, eine heliographische Verbindung mit dem Lager und General Wood herstellen. Wenn wir die beherrschende Position des Majuba bis dahin behaupten, so ist der Krieg aus. Vom Majuba wie von einer unbesieglichen Festung aus bedroht und dann von diesem Lager aus durch General Wood angegriffen, werden die Buern um Frieden bitten. Der Gedanke, daß wir ihnen ihre Dörfer anzünden und ihr Vieh wegtreiben könnten, wird sie schon zur Besinnung bringen. Ich habe mir jede erdenkliche Mühe für den Frieden gegeben und in meinen Depeschen an das Kriegsministerium des wackeren Benehmens der Buern gegen unsere Verwundeten rühmend gedacht. Aber ich finde es nur begreiflich, daß man den Rebellen keine Zugeständnisse machen will, solange sie die Waffen in Händen haben. Wir müssen ihnen einen Denkzettel geben, ehe wir Frieden anbieten. Wer nicht hören will, der muß fühlen.«
Der General trat näher an das Feuer und zog seine Uhr.
»Eine halbe Stunde nach Mitternacht,« sagte er. »Wir müssen um drei Uhr am Fuße des Berges sein, und die Buern müssen, wenn die Sonne aufgeht, von den Kugeln unseres Gatling geweckt werden, der ihnen die Morgenmusik in ihre Ochsenwagen hineinpfeift.«
Nach diesen Worten drehte er sich um und ging wieder den Gebäuden zu. Pieter Maritz blickte ihm nach und überlegte, was er gehört hatte. Da vernahm er die Stimme des Sergeanten, welcher mit höhnischem Tone sagte: »Nun, alter Seher, was haben Sie denn wieder auf dem Rohre?«
Pieter Maritz sah nach den Hochländern hin und bemerkte einen alten Soldaten mit grau gemischtem Bart, der dem General mit sonderbarem Ausdruck seiner Augen nachstierte.
»Nun, was giebt's, Mac Gregor?« fragte der Sergeant von neuem, »sehen Sie einmal wieder Gespenster?«
Der alte Schotte wandte seinen Blick auf den Unteroffizier und schüttelte den Kopf. Ein unheimliches Licht funkelte in seinen grauen Augen.
»Der Sonntag ist angebrochen,« sagte er. »Ich habe unsern General beobachtet, als der Feuerschein auf sein Gesicht fiel.«
»Nun, und weiter?« fragte der Sergeant, während die übrigen Soldaten betroffen auf den Graubart sahen.
»Er ist gezeichnet,« sagte der alte Schotte. »Morgen abend lebt unser General nicht mehr.«
Pieter Maritz stand auf, nachdem die Offiziere sich entfernt hatten, und ging zu dem Platze, wo die Dragoner schliefen. Er überlegte, wie er es anfangen solle, aus dem Lager hinauszukommen, um seinen Landsleuten den Plan des Generals Colley mitzuteilen. Konnte er Joubert rechtzeitig benachrichtigen, so mußten einige hundert Buern das englische Heer schon auf dem Marsche überfallen. Aber es war nicht leicht, das Lager zu verlassen. Zu Pferde hinauszukommen war der Schildwachen wegen unmöglich. Sollte er über den Wall klettern und zu Fuß fortlaufen? Auch das war schwer, und gewiß kam er zu spät in das Buernlager. Aber es mußte versucht werden. Er beschloß, an einer dunkleren Stelle über den Wall zu klimmen und sich dann zu dem Buernposten zu schleichen, wo er Jager in Jakobus' Obhut wiederzufinden hoffte.
Indem er jedoch mit diesem Gedanken umging und sich einem Winkel des Lagers näherte, wohin die Feuer ihren Schein nicht warfen, ward es plötzlich lebendig unter den Truppen. Mehrere junge Offiziere liefen umher. General Colley hatte befohlen, daß die Truppen sich zum Aufbruch rüsten sollten, und ohne Signale wurden die Befehle mündlich weitergetragen. Ein Unteroffizier von den Dragonern rief den verkleideten Buernsohn an und befahl ihm, sein Pferd zu satteln. Pieter Maritz sah, daß er sich in das Unvermeidliche fügen müsse und daß er nicht an Flucht denken könne, während die gesamte Besatzung des Lagers auf den Beinen war. Überall sprangen die Schläfer von ihren Ruhestätten auf, überall wurden die Gewehre ergriffen, die Pferde gesattelt und Patronen sowie Lebensmittel verteilt. General Colley hatte befohlen, daß jeder Infanterist außer seiner gefüllten Patrontasche noch achtzig Reservepatronen mitnehmen und daß jeder Mann, Kavallerist wie Infanterist, für drei Tage Lebensmittel und Rum erhalten sollte.
Die Hochländer, das 58. und das 60. Regiment, soweit sie noch existierten, traten an, die Marinetruppen machten sich fertig und bespannten eines der Gatlinggeschütze, die Husaren sattelten, und auch die Dragoner nahmen marschbereit Aufstellung. Pieter Maritz nahm seinen Platz im Gliede ein und war auf alles gefaßt. Alles ging sehr schnell vor sich, General Colley drängte zur Eile und befahl größte Ruhe, damit die feindlichen Posten nichts vom Aufbruch der Truppen merkten. Er selbst erschien in einem Anzuge und einer Bewaffnung, die ihm das Bergsteigen erleichterten. Er hatte seine Reiterstiefel abgelegt und leichte Schuhe und Gamaschen angezogen, trug einen Stock in der Hand und im Gürtel nur einen Revolver. Er ging die Reihen der Truppen entlang und bestimmte deren Einteilung. Von den Hochländern sollten 180 Mann, von den Trümmern des 58. Regiments 148, von denen des 60. Schützenregiments 150 Mann, dazu 70 Marinesoldaten und Matrosen, dann die Husaren und ein Trupp Dragoner das Corps bilden, welches die Expedition machen sollte. Der Rest der Truppen sollte im Lager bleiben und es im Falle der Not verteidigen, bis General Wood zur Verstärkung herankäme.
Der Marsch wandte sich den Bergen zu und zunächst nach Süden, um in einem Bogen den nördlich gelegenen Majuba zu erreichen. Alle Befehle wurden mit halber Stimme gegeben, den Soldaten war das Sprechen untersagt worden, und in tiefer Stille wand sich die dunkle lange Kolonne über die nachtumhüllten Höhen und durch die Thäler der Drakensberge dahin. General Colley ging mit dem Buern, welcher führte, voran und ließ sein Pferd am Zügel nachbringen. Die Dragoner, welche schon mit den Eigentümlichkeiten des Landes vertraut waren, wurden von Zeit zu Zeit seitwärts in den Thälern vorgeschickt, um zu untersuchen, ob alles sicher und nichts von den Buern zu entdecken sei. Pieter Maritz hätte bei dieser Gelegenheit wohl schon entwischen können, aber er überlegte sich, daß es klüger sei, den ferneren Marsch der Engländer mitzumachen, um genau zu wissen, wo sie ihre Aufstellung nähmen, als etwa durch seine Entfernung einen Verdacht bei ihnen zu erwecken und sie vielleicht zu warnen und vorsichtig zu machen. Pieter Maritz hatte dem Gespräch zwischen dem General und dem Befehlshaber der Hochländer mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört und war überzeugt, daß dieser recht habe und daß der Plan, den Majuba zu besetzen, sehr nachteilig für die Engländer sei. Sein natürlicher Verstand und seine kriegerische Erfahrung sagten ihm, daß die Buern von der Ausführung dieses Planes den Vorteil haben würden, indem sie die getrennten Abteilungen der Feinde einzeln angreifen könnten. Er begriff nicht, wie ein erfahrener Offizier auf den Gedanken kommen könne, seine Truppen auf einen einzelnen Berggipfel zu bringen, der bis in die Wolken ragte. Er erwog zugleich, wie er es anfangen wolle, so lange wie möglich bei der Kolonne zu bleiben und dann unbemerkt davonzukommen, um dem General Joubert Bericht zu erstatten. Solange es dunkel blieb, war er vor Entdeckung sicher, nur mußte er suchen sich zu entfernen, bevor die Sonne aufging, denn wenn jemand entdecken sollte, daß in der Dragoneruniform ein Unbekannter steckte, so würde es diesem Eindringling sicher ans Leben gehen.
Der Marsch ging schweigsam in der Dunkelheit weiter. Leise ertönten die Kommandos der Offiziere, das Geräusch vieler Schritte, das Klirren der Säbel und Bügel, das Anschlagen der Bajonettscheiden und die vielstimmige Bewegung der Tornister, Brotbeutel, Feldflaschen und des sonstigen Gepäcks waren zu vernehmen. Endlich lag der hohe Berg, welcher das Ziel des Marsches war, vor der Spitze der Kolonne, und Pieter Maritz sah die dunkle Riesengestalt sich deutlich an dem helleren Nachthimmel abzeichnen. Die Mondsichel stand jetzt zur Rechten tief über dem Horizont und über der Stelle, wo das Buernheer lagerte. Sie beleuchtete mit mattem Glanz die eigentümliche Form des Berges, der sich hoch über den benachbarten Kuppeln emporhob. Sein Gipfel war platt gleich denen vieler Berge Südafrikas. Es sah aus, als habe ein Riese mit einem ungeheuren Messer die oberste Spitze glatt abgeschnitten. Überall fielen die Hänge steil ab, doch war der Berg nach der Seite des Buernlagers hin weniger schroff als nach der Seite hin, wo die Engländer heranmarschierten.
General Colley ließ die ganze Kolonne vormarschieren, bis zu der Stelle, wo der eigentliche Kegel des Majuba anfing und der Anstieg so schroff wurde, daß für die Kavallerie der Weitermarsch unmöglich war. Dann ließ er halten und teilte seine Schar. Die Husaren und Dragoner, sowie zwei Kompanien der Infanterie erhielten Befehl, unten als Reserve zu bleiben und Verbindung mit dem Lager zu halten, eine Abteilung, welche Pieter Maritz auf etwa vierhundert Mann mit zwanzig Offizieren schätzte, ward zum Hinaufsteigen kommandiert. General Colley selbst warf den Stock weg, um beide Hände beim Erfassen der Felsblöcke frei zu haben, zog den Überrock aus, um ihn über die Schulter gehängt leichter zu tragen, und ging mit ermunterndem Zuruf voran.
Es war hier ein außerordentlich schwieriger Aufstieg, und Pieter Maritz sah dem Beginnen des Generals voll Verwunderung zu. Der Hang war zerklüftet und mit Felsblöcken übersät. Er glich stellenweise einer in übermenschlichen Verhältnissen erbauten Treppe, indem die Felsblöcke Stufen von solcher Höhe bildeten, daß sie nur klimmend zu besteigen waren. Die Ordnung unter der Infanterie hörte sofort auf, denn ein jeder hatte so viel mit sich selbst zu thun, daß er auf das Allgemeine nicht mehr achten konnte. Die Truppe löste sich in einen wirren Haufen auf, und Pieter Maritz mußte unwillkürlich an eine Ziegenherde denken, die springend und kletternd am Bergeshang schwebt, nur daß die mit Waffen und Gepäck beladenen Soldaten nicht die Leichtigkeit jener behenden Tiere besaßen. Vielfach mußten die Soldaten einander helfen, indem sie von unten den oben stehenden das Gewehr und den Tornister zureichten oder von oben zogen oder einer auf des andern Nacken stiegen, um den Rand eines schroffen Felsens zu erreichen. Obwohl die Hochländer als Bergbewohner geübte Kletterer waren, fanden sie hier doch eine Aufgabe, die alle ihre Kraft und Kunst in Anspruch nahm.
Schlimmer noch als der Infanterie ging es den Seeleuten, die das Geschütz hinaufschaffen sollten. Obwohl sie sich die beste Stelle aussuchten und nun mit größter Aufopferung sich abmühten, die Gatlingkanone hinaufzuziehen und zu schieben, erreichten sie doch ihren Zweck nicht. Sie spannten sich vor, und die stämmigen Leiber bogen sich wie Angelruten zusammen; sie griffen in die Speichen, faßten an das Rohr und die Lafette, aber so sehr sie sich mühten, es zeigte sich bald als völlig unmöglich, das Geschütz hinaufzubringen, und wütend gab General Colley den Befehl, die Kanone stehen zu lassen. Die Seeleute mußten mit ihren Büchsen allein der Infanterie folgen.
Während sich so der Abhang mit kletternden Männern bedeckte und der in Dämmerung liegende Berg gleichsam lebendig wurde von krabbelnden und kriechenden, ächzenden und leise fluchenden Geschöpfen, merkte Pieter Maritz, daß es nicht weit mehr von Sonnenaufgang sein konnte. Ein frischer Hauch wehte über die Erde hin, dem Osten entgegen, die Sterne fingen zu erbleichen an und der Mond war verschwunden. Die Aufmerksamkeit der Truppen unterhalb des Majuba war völlig auf die Hinanklimmenden gerichtet, welche nur langsam vorwärts kamen und von denen die obersten schon nicht mehr zu erkennen waren, obwohl sie kaum die Hälfte des Berges erklommen haben konnten. Der Augenblick der Flucht schien dem Buernsohn gekommen zu sein. Die Truppen hier unten standen nicht in regelrechter Ordnung, sondern ruhten. Die Kavalleristen machten sich mit ihren Pferden zu thun, Husaren und Dragoner hatten sich über einen ziemlich großen Platz hin ausgebreitet und waren zum Teil abgestiegen, noch hatten die Offiziere, ganz in Beobachtung des Aufstieges vertieft, keine Posten ausgestellt. Pieter Maritz ritt langsam, indem er von Zeit zu Zeit anhielt und nach dem Berge blickte, gleichsam unabsichtlich nach rechts, bis er an den letzten Rotröcken vorbei war, und dann entfernte er sich im Schritt. Einige Dragoner schienen ihm nachzusehen, und Pieter Maritz hörte, daß einer von ihnen den andern fragte, wohin denn der Kamerad wolle, aber er wurde nicht angerufen und nicht verfolgt. Sobald er völlig außer Gesichtsweite war, gab er dann dem Pferde die Sporen und eilte im schnellsten Galopp zum Buernlager.
Er hatte kaum fünf Minuten zu galoppieren, bis er die Landstraße erreichte, welche zwischen dem Majuba und dem Lager hinlief, und hier traf er auf einen Buernposten, zwei Reiter, welche mit der Büchse im Arm die Straße überwachten. In diesem Augenblick traf der erste Sonnenblitz aus der verschwindenden Nacht hervor, und gleich darauf verbreitete sich strahlende Helligkeit über die erwachende Erde. Pieter Maritz rief laut und winkte mit der Hand, denn schon legten die Buern, welche die rote Uniform erblickten, ihre Büchsen an, und tödliche Kugeln hätten dem kühnen Jüngling seine That lohnen können. Zum Glück waren die Buern langsam in ihren Überlegungen, und im Bewußtsein ihrer Kraft nicht erschreckt durch das eilige Herankommen des einzelnen Mannes. Sobald sie die eigene Sprache in dem warnenden Rufe des vermeintlichen Dragoners vernahmen, setzten sie ihre Gewehre ab und ließen Pieter Maritz näher kommen. Er teilte ihnen in kurzen Worten mit, daß er zur Ausführung einer Kriegslist in der Uniform des Feindes sei, und eilte weiter.
Das Lager begann sich unter dem weckenden Tageslicht aus dem Schlummer zu erheben, einzelne Buern gingen umher und sahen nach ihren Pferden, die Kaffern waren auf den Beinen, um ihren Pflichten nachzugehen, für die Herren das Frühstück zu bereiten und für das Vieh zu sorgen, aber sonst herrschte tiefer Frieden, und keine Ahnung von dem bedrohlichen Unternehmen der Engländer trübte die Ruhe der Buern. Zwischen den weitläufig stehenden großen Wagen erhoben sich viele Zelte und Schirmdächer, welche die Buern aus den Verdecken ihrer Wagen hergestellt hatten, und in der Nähe dieser Lagerstätten wurden Feuer angezündet. Pieter Maritz ritt zu dem Zelte des Generals Joubert und wollte soeben absteigen, um hineinzugehen und den Befehlshaber zu wecken, als der wachsame Feldherr selbst mit dem Fernrohr unter dem Arme draußen erschien, um seiner Gewohnheit nach in der ersten Frühe des Morgens Umschau zu halten. Er war höchst erstaunt, einen Dragoner vor sich zu sehen, und er lachte laut, als er Pieter Maritz erkannte, der mit einem Gesicht, das vor Eifer glühte, auf schweißbedecktem Gaule, in roter Uniform und mit dem weißen Helm auf dem Kopfe vor ihm hielt. Doch er wurde ernst, als Pieter Maritz ihm Meldung machte, weshalb er in diesem verwunderlichen Anzuge hier sei und was General Colley ausgeführt habe.
»Mein junger Freund,« sagte er, »Sie haben sich den Dank des Vaterlandes verdient.«
Er reichte Pieter Maritz die Hand und sah ihm mit einem Blicke ins Auge, dessen beglückender Eindruck für immer in des tapferen Buernsohnes Herzen zurückblieb.
»Also die Engländer sind auf dem Majuba!« sagte er dann und richtete sein Fernrohr auf den flachen Gipfel des Berges, der jetzt im hellen Licht der Sonne seine mächtigen Formen über den niedrigen Höhen des Gebirges zeigte. »Das hat General Colley sich fein ausgedacht,« setzte er hinzu, »aber ich denke, wir wollen ihn dort oben so fassen, daß er schneller herunterkommt, als er hinaufgekommen ist.«
Sorgfältig beobachtete er die Gestalt des Berges, und Pieter Maritz neben ihm ließ seine hellen scharfen Augen ebenfalls auf den Hängen dieser natürlichen Burg prüfend verweilen. Der Berg lag wie eine hohe Festung da, und seine hochragende Form schien eine drohende Gestalt anzunehmen. Deutlich und klar zeichnete sich sein Umriß von dem blauen Himmel ab, und die helle Beleuchtung gestattete selbst eine genaue Beobachtung der Gestaltung seines Hanges. Graublau lag der kahle Gipfel da, doch zogen sich dunkle Furchen den Hang herab, welche Einsenkungen waren, und viele tiefdunkle Stellen bezeichneten Schluchten und Löcher in dem steilen Kegel. Die Entfernung von dem Platze, wo General Joubert und Pieter Maritz standen, bis zu dem abgeplatteten Gipfel, den General Colley besetzen wollte, war weiter, als daß eine Büchsenkugel sie hätte durchmessen können, doch hätte die Kugel aus einem Feldgeschütz wohl so weit getragen.
»Jetzt sehe ich die Engländer,« sagte der General plötzlich, nachdem er lange durch sein Glas geblickt hatte, »sie sind in diesem Augenblicke bis an den Rand vorgegangen.«
»Ich sehe sie auch,« sagte Pieter Maritz, der auch ohne Fernrohr das Blitzen der Waffen und den Glanz der roten Röcke auf dem Gipfel zu bemerken imstande war.
Einige Minuten lang betrachteten beide das merkwürdige Schauspiel, eine lange Reihe von Gestalten, die ungemein winzig aussahen, dort oben auf dem hohen Berge am Rande des Gipfels sich aufstellen zu sehen, da erschien ein kleines helles Wölkchen in jener Reihe, dann noch eines und noch eines, und drei Schüsse hallten mit schwachem Tone lange nachher zu ihnen herüber.
Joubert schob sein Fernrohr zusammen. »Sie wollen zeigen daß sie da sind,« sagte er. »Ich werde den Kriegsrat versammeln, und wir werden beraten, was zu thun ist. Gehen Sie, Pieter Maritz, und ruhen Sie sich aus. Wir haben Zeit. Unsere Leute sollen in Ruhe frühstücken. Die dort oben laufen uns nicht weg.«
Pieter Maritz ritt an den Wagen, in welchem er und Lord Fitzherbert zu schlafen pflegten, und beim Geräusch seines Herankommens erwachte der Freund und blickte aus dem Zeltleinen hervor, womit der Wagen überspannt war. Er rieb sich die Augen, als er den Buernsohn erblickte.
»Was, zum Henker, Pieter Maritz,« fragte er, »treibst du da für eine Maskerade?«
»Heute sollst du sehen, daß wir Buern auch angreifen können,« entgegnete dieser. »General Colley ist mit mehr als vierhundert Mann auf der Spitze des Majuba dort drüben.«
Lord Fitzherbert staunte, und als ihm Pieter Maritz nun erzählte, was sich zugetragen hatte, da blickte er voll Besorgnis nach dem hohen Berge, aber betrachtete doch mit Bewunderung den kühnen Freund.
»O Pieter Maritz,« sagte er, »ihr Buern seid schreckliche Leute, und ich merke, Englands Stern geht unter.«
Trübselig saß er da, in die wollene Decke gehüllt, mit welcher er sich gegen die Kühle der Nacht verwahrt hatte, und erst nach längerem Zureden entschloß er sich, aufzustehen und an dem Frühstück teilzunehmen, das der Buernsohn am Feuer bereiten ließ.
»Welch ein Soldat bist du geworden, Pieter Maritz!« sagte er. »Was für einen Kavallerieoffizier würdest du abgeben! O, wärst du doch bei uns im Dienst der Königin! Du würdest zu etwas Großem kommen, du würdest ein berühmter General.«
Pieter Maritz lachte und schüttelte den Kopf. Er saß in der Dragoneruniform am Feuer und sein Freund neben ihm in einem Buernrocke, den Pieter Maritz ihm zu seiner Bequemlichkeit während seiner Gefangenschaft gegeben hatte. So hatten die Freunde gleichsam die Rollen vertauscht, und sie saßen wie Brüder beisammen und genossen gemeinsam ihren Kaffee und Maisbrei.
Währenddessen wurde es im Lager lebendig, die Buern erfuhren die Nachricht von der Nähe des Feindes und rüsteten sich zum Kampfe. Nun kamen auch die Posten zurück, welche dem englischen Lager von Mount Prospect gegenübergestanden hatten und abgelöst worden waren. Jakobus brachte Jager am Zügel und ebenso Pieter Maritz' Anzug und Waffen, nachdem er den gefangenen Dragoner überliefert hatte. Pieter Maritz warf die rote Uniform ab und zog die Bluse an, streichelte den treuen Jager und gürtete und rüstete sich. Die Sonne stand hoch am Himmel, es war gegen neun Uhr morgens und der Angriff auf den Majuba sollte beginnen.
Jetzt versammelten sich die behenden Reiterscharen der Buern am Saume des Lagers, Pieter Maritz winkte seinem Freunde zum Abschied und eilte zu den Männern seiner Gemeinde. Eine Schar von zweihundert Kämpfern kam unter Jouberts Befehl dem nordöstlichen Hange des Majuba gegenüber zusammen, um den Sturm zu unternehmen, während andere Abteilungen bereit standen, etwaigen Angriffen der unten gebliebenen englischen Truppen zu begegnen. Zweihundert Mann der Ihrigen hielten die trotzigen starken Buern für genügend, um den an Anzahl mehr als doppelt überlegenen Feind in seiner hohen Stellung anzugreifen.
Der Majuba lag schweigend in seiner imposanten Größe da, kein Laut schallte vom Feinde herüber, kein Gewehr war drüben mehr abgefeuert worden seit den drei Schüssen, welche gleichsam das Signal der vollzogenen Besetzung des flachen Gipfels gegeben hatten. Pieter Maritz sah jetzt im Näherkommen die Bildung und Beschaffenheit des steilen Berges beim hellen Sonnenlicht sehr deutlich vor sich und konnte bis obenhin die Felsblöcke, Schluchten und Büsche des Hanges unterscheiden. General Joubert hatte die günstigste Stelle zum Ansturm ausgesucht, und Pieter Maritz mußte an die warnenden Worte des Befehlshabers der Bergschotten zurückdenken, der dem General Colley Vorstellungen gemacht hatte. Denn in der That bot der Berg den Buern, welche ihn erstürmen wollten, viele günstige Gelegenheiten, sich in guter Deckung Schritt vor Schritt hinaufzukämpfen.
Am Fuße des Berges und noch außer Zielweite hielt die Schar an, und die Buern stiegen von den Pferden. Der Gipfel lag steil und drohend über ihnen, zweitausend Fuß höher als der Platz, wo sie ihre Pferde in Obhut zurückließen. Doch mußten die Engländer dort oben sie wohl wahrgenommen haben, denn jetzt knallten mehrere Schüsse, und Kugeln pfiffen hoch über die Köpfe der Buern weg. Alsbald ging ein Haufe in weit zerstreuter Ordnung vor, und andere kleinere Haufen folgten diesen Schützen unter vorsichtiger Benutzung der Vorsprünge des Bodens. Pieter Maritz war unter den vordersten Männern. Er hatte den Degen an Jagers Sattel gehängt und war nur mit Büchse und Messer gleich den Gefährten bewaffnet, um sich zu Fuße am Berge leichter bewegen zu können. Gleich Jägern, die ein schlaues Wild beschleichen wollen, gingen die Buern vorwärts, und keiner war unter ihnen, der nicht hundert- und tausendfach das Wild im Laufe und im Sprunge erlegt hätte. Eine gefährliche Schützenschar war es, die General Colley sich auf den Hals gezogen hatte.
Pieter Maritz sah eine Schlucht vor sich, die etwas schräg nach rechts und aufwärts lief und deren oberer Rand vollkommenen Schutz gegen Schüsse von oben bieten mußte. Er klimmte dorthin und mehrere Gefährten folgten ihm. Der Berg war an dieser, dem Buernlager zugewandten Seite viel leichter zu ersteigen, als an derjenigen, wo nachts vorher die Engländer hinaufgeklettert waren. Er war weniger steil und nicht so rauh von treppenartig geschichteten Felsblöcken. Immerhin war er sehr steil, und es bedurfte geübter starker Kniee, um an diesem Hange aufwärts zu kommen.
Die Schlucht, in welcher Pieter Maritz emporstieg, brachte ihn ein gut Stück empor und er ging hier ganz sicher, während droben Schuß nach Schuß fiel und es wohl zu merken war, daß die Engländer etwas von dem drohenden Feinde gesehen hatten. Mehrfach pfiff eine Kugel über die Schlucht hin, aber dieser Ton beflügelte nur die Schritte der Emporsteigenden. Vorsichtig hielt Pieter Maritz an, als er den oberen Ausläufer der Einsenkung erreichte, und blickte verstohlen nach oben hin. Er sah den Feind. Etwa tausend Fuß noch über sich erblickte er mehrere Helme über einer Steinwand, die einer Brüstung ähnlich den platten Gipfel auf dieser Seite einfaßte, und sein scharfes Auge erkannte, als einer der dort liegenden Engländer sich erhob, um hinunterzusehen, die Uniform eines Offiziers der Hochländer. Pieter Maritz erhob die Büchse, legte sie auf den Rand des oberen Hanges der Schlucht, zielte und schoß. Das Echo der tiefer liegenden Berge gab den Knall der Büchse wieder, es war der erste Schuß, der auf seiten der Buern an diesem Tage fiel, und der Offizier der Hochländer stürzte zusammen. Für eine Minute schwieg das Feuer dort oben an der Stelle, wo die Schotten lagen, und der Fall des Offiziers schien Bestürzung und Verwirrung unter ihnen erregt zu haben, dann aber vermehrte sich die Zahl der Kugeln, die herunterpfiffen. Wütend suchten die Schützen auf dem Gipfel nach dem unsichtbaren Feinde. Aber indem sie schossen, zeigten sich ihre Helme und Gesichter über dem Rande, und die Buern unten fanden Ziele für ihre Büchsen. Schuß nach Schuß krachte aus der Schlucht empor, und mit tödlicher Sicherheit trafen die Kugeln. Die weißen Helme zeichneten sich deutlich am Himmel ab, und die Buern vergeudeten ihr Pulver nicht. Ein Helm nach dem andern verschwand, durch den Kopf geschossen fielen die Schotten nieder, und bald verstummte das Feuer in der Höhe.
Links und rechts von Pieter Maritz waren jetzt die breiten Hüte erschienen, und eine lange, dünne Kette von Schützen setzte sich an dem Hange fest. Diese Kette dehnte sich immer weiter aus und umfaßte den hohen Gipfel von Osten und von Norden. Die Buern lagen hinter Felsblöcken und unter stachligen Büschen, wie die steinige kahle Bergwand sie vereinzelt trug. Kletternd wie Gemsen, eng an die Wand geschmiegt wie Schlangen, kamen sie schrittweise vorwärts. Sie sprangen von Stein zu Stein, sich rasch erhebend und geduckt laufend, um dann schnell hinter einer neuen Deckung zusammenzukauern. Ihre braunen Gesichter glühten von der Hitze und der Anstrengung des Steigens, ihre Augen funkelten vor Kampflust. Diese starken Männer, an die Beschwerden und alle Kunstgriffe der Jagd gewöhnt, setzten ihre ganze Kraft und Geschicklichkeit daran, dem verhaßten Feinde näher zu kommen. Diese langsamen bedächtigen Naturen waren im Eifer des Kletterns und des Kampfes warm geworden, und ihre gewaltige nachhaltige Kraft zeigte sich furchtbar in diesem Sturme.
Eine schwere Aufgabe war es, diesen Berg im feindlichen Feuer hinanzuklimmen, und nicht ganz mit Unrecht hatte General Colley es für unmöglich gehalten, ihn zu erstürmen. Dennoch brachten die Buern es fertig. Der englische General hatte seine Gegner noch nicht recht gewürdigt, obwohl er zweimal schon in heißem Kampfe zu seinem Schaden erfahren hatte, welche Krieger er sich gegenüber hatte. Im Pulverdampf des Majuba zeigten sich diese Männer erst in ihrer vollen Kriegstüchtigkeit. Mit einem Hagel von Kugeln überschüttet, einer an Zahl weit überlegenen Macht gegenüber, einen fast senkrecht ansteigenden Berg hinan, gingen sie zum Siege vor. Unaufhaltsam war ihr Angriff. Sie hingen am Berge fest, wenn sie hinter Felsblöcken lagen, als ob sie selbst ein Teil von dessen steinerner Bekleidung wären, und sie sprangen vorwärts, wenn sie eine neue Deckung erreichen wollten, als ob sie Flügel hätten. Zehntausende von Kugeln waren schon von oben gegen sie ausgesandt, stundenlang hatte schon das Gefecht gedauert, und noch hatten die Buern keinen Mann verloren.
Pieter Maritz war inmitten einer Gruppe von einem Dutzend Buern in der vordersten Linie. Sie hatten eine neue Schlucht gefunden, in welcher sie, nur noch fünfhundert Schritt vom Rande des Gipfels entfernt, in vollständiger Deckung lagen und nach den feindlichen Schützen feuerten. Auch die Feinde gegenüber waren in guter Deckung hinter schweren Felsblöcken, doch durften sie kaum wagen, ihre Köpfe zu zeigen. Wo ein Helm oder ein Stückchen rotes Tuch hervorblickte, da pfiff das Blei aus einer Buernbüchse heran. Wohl trafen nicht alle Kugeln der Buern, aber die Ränder der Felsblöcke dort oben wurden scharf gezeichnet. Es war den Soldaten der Königin auch von fern anzumerken, daß sie in Schrecken waren. Nur sehr behutsam streckten sie ihre Gewehre hervor.
»Könnten wir den Rand erreichen,« sagte Pieter Maritz zu seinen Kriegsgefährten, »so hätten wir den Sieg. Dann bestrichen wir das ganze flache Feld des Gipfels, und wenige sollten davonkommen.«
Indem er so sprach, bemerkte er eine Bewegung beim Feinde. Die Engländer fühlten sich wohl wie gebunden und eingeschlossen, sie machten einen Versuch, ihre Stellung zu ändern. Pieter Maritz sah eine Abteilung sich gleichsam vom Gipfel loslösen und seitwärts gehen, und er erkannte die blauen Jacken der Seeleute neben den Rotröcken. Jene Abteilung lief eilig nach einem einzelnen Felskegel hin, der etwas unterhalb des eigentlichen Gipfels lag und von dem aus der angreifende Feind wohl in der Flanke zu fassen war. Freilich richteten sich zwölf Büchsen auf diese Abteilung, und mehrere Feinde fielen, ehe der Felskegel erreicht worden war, aber gleich darauf verschwanden die Engländer, und dann ward ein scharfes Feuer von jenem Platze aus auf die Buern eröffnet. Ein Mann neben Pieter Maritz erhielt einen Schuß durch den linken Arm, und einem andern ward der Hut vom Kopfe gerissen.
»Das geht so nicht,« sagten die Buern, »wir müssen die Kerle dort weg haben.«
Es kamen ihrer zwanzig bis dreißig zusammen, und sie duckten sich hinter Steine, indem sie teils gegen den neubesetzten Punkt, teils noch gegen den Gipfel feuerten. Pieter Maritz und noch fünf Buern aber krochen seitwärts hinter Felsblöcken hin, um den neuerschienenen Feind von der andern Seite zu fassen. Die Engländer kauerten hinter Stein und Erde, und bald sah Pieter Maritz die blauen Jacken und roten Röcke. Es mochten ihrer zusammen etwa fünfzig sein, und ein Marineoffizier kommandierte sie. Sie schossen sich mit den Buern an der Schlucht herum, aber Pieter Maritz sah, daß sie Mühe hatten, standzuhalten, denn die Kugeln jener Buern streiften immer scharf über sie weg, wie er an dem Ducken der Soldaten bemerken konnte. Jetzt brachte der kleine Trupp die Büchsen in Anschlag, sorgfältig hinter zwei großen Blöcken verborgen. Die Schüsse krachten, und der Offizier da drüben fiel zuerst. Mit ihm sanken fünf andere Männer, und Schrecken bemächtigte sich aller. Sie sprangen auf, da sie sich von der Seite gefaßt sahen, und voll Wut stürmten wohl zwanzig der Seeleute abwärts gegen den kleinen Trupp, während die andern nach oben flohen. Mit lautem Hurra stürmten die wackeren Seeleute an, aber sie kamen nicht weit. Kaum hundert Schritte hatten sie durchmessen, da bedeckte die Hälfte von ihnen den Boden, und voll Entsetzen stürzten die andern zurück. Eine schlimme Sache war es für diese Engländer, die den Gipfel verlassen hatten. Sie waren zu gleicher Zeit dem Feuer aus der Schlucht und dem Feuer der Gruppe um Pieter Maritz ausgesetzt, und wenige von ihnen kamen zurück.
»Nun vorwärts und ihnen nach!« rief Pieter Maritz. »Jetzt könnten wir wohl den Rand der Höhe erreichen.«
Sie stürmten vor, mit glühenden und von Staub und Pulver geschwärzten Gesichtern, die Gewehre in den Händen, aufwärts kletternd über stachliges Gebüsch und Fels. Ringsum krachten die Schüsse, und der Pulverdampf hüllte den steilen Hang ein. Hoch schlug die schwer arbeitende Brust, und das Herz pochte vor Kampfbegier. Sie stürmten vorwärts, kampfeseifrig und siegestrunken. Den wenigen Leuten bei Pieter Maritz schlossen sich die Männer aus der Schlucht an, und der ganze Haufe drang unaufhaltsam vor, während oben das Feuer fast ganz verstummt war. Über die Körper der am Hange liegenden Feinde hinweg drangen sie aufwärts und erreichten den Gipfel. Pieter Maritz war der erste, der den felsumsäumten Rand erreichte. Mit lautem, wildem Rufen liefen die Buern heran, und vor diesen mächtigen Stimmen flohen die letzten Verteidiger der Brüstung. Die Buern waren oben, und alsbald setzten sie sich an dem Rande fest, der einer Schanze aus Felsen gleich auf dieser Seite das Plateau des Majuba einfaßte.