»Du bist so traurig, mein Sohn, was hast du? Irgend eine Sorge drückt dich nieder.« So sprach voll Teilnahme der Missionar am Morgen nach dem Sturm zu Pieter Maritz.
Der Knabe stand schweigend auf die Büchse gelehnt neben seinem Pferde und vermied das Auge des alten Mannes, indem er fernhin über das Land blickte, welches nun im Glanze der Morgensonne strahlte, als hätte kein finsterer Schrecken und kein Donnergetose sein heiteres Antlitz je beschattet. Er war allein mit dem Missionar, die schwarzen Diener waren unterwegs, um die Zugtiere zu suchen.
»Du antwortest nicht,« fuhr der fromme Mann fort. »Und doch würde es dein Herz erleichtern, wenn du sprächest. Ich sehe es dir an, daß du einen Kummer hast. Du bist nicht, wie du die früheren Tage warest. Deine sonst so hellen blauen Augen sind trübe, und es ist wohl nicht die schlaflose Nacht allein, die dich so müde macht.«
Der Knabe schüttelte die blonden Locken mit trotzigem Ausdruck und erwiderte nichts.
»Du bist mir auf der Reise ein angenehmer Begleiter gewesen,« sagte der Missionar von neuem, »und ich danke dem Baas van der Goot für seine Fürsorge, mir eine so gut treffende Büchse zur Gesellschaft mitzugeben. Aber ich fürchte, daß du dich grämst, so lange fortzubleiben von deiner Familie. Kehr' wieder um. Du hast ein schnelles Pferd. Du kannst heute abend bei den Deinen sein, wenn du willst.«
Pieter Maritz biß die Zähne auf die Unterlippe. »Ich kehre nicht zurück,« sagte er.
»Wie? Du kehrst nicht zurück? Sehnst du dich denn nicht, deine Mutter und deine Geschwister wiederzusehen?«
Der Knabe schwieg.
»Oder ist es dir bedenklich, allein zurückzureiten? Wenn das ist, so will ich dich mitnehmen, bis uns Reisende begegnen, die nach Norden ziehen. Aber ich glaube nicht, daß du zu furchtsam bist, um den Weg allein zu machen.«
Pieter Maritz lächelte verächtlich und schüttelte von neuem den Kopf.
»Nun dann,« sagte der Missionar, »ich weiß es, was dich bedrückt. Nicht aus Fürsorge für mich gab Baas van der Goot dir den Auftrag, mich zu begleiten. Ist es nicht so? Es war das Mißtrauen der Buern, was dich zu mir führte, und das Verschwinden der Zulus ist es, was dich beunruhigt.«
Pieter Maritz sah dem alten Manne jetzt in das Gesicht. Er erkannte freundliche Teilnahme und einen milden Ernst in diesem Antlitz, und seine Zurückhaltung schmolz unter dem Blicke dieses Dieners Gottes.
»Ja,« sagte er. »Ich sollte die Zulus überwachen, aber nun sind sie fort, und ich kann nie wieder heimkehren.«
»Du kannst nie wieder heimkehren? Und warum nicht?«
»Weil ich mich zu sehr schämen würde. Ich kann keine Antwort geben, wenn ich gefragt werde, wie ich meinen Auftrag vollführt habe.«
»Sag du, wie es in Wahrheit ist, daß die Zulus in einem schrecklichen Sturm und Gewitter geflohen sind und daß du keine Schuld daran trägst, weil du genug damit zu thun hattest, für dich selbst zu sorgen.«
Der Knabe zuckte die Achseln. »Ich würde es nicht sagen können,« erwiderte er. »Die Zulus sind fort, und ich sollte sie doch überwachen. Ich werde nie wieder heimkehren.«
Der Missionar bemühte sich, den Knaben auf andere Gedanken zu bringen. Er sprach davon, daß Baas van der Goot nichts Unmögliches verlangt haben könne, er versprach dem Knaben ein Schreiben mitzugeben, worin berichtet würde, auf welche Weise die Zulus verschwunden seien, er ermahnte den Knaben, lieber selbst eine Strafe auf sich zu nehmen als sich in falscher Scham trotzig zu verbeißen. Aber es war alles umsonst. Pieter Maritz hörte ruhig zu, aber schüttelte nur den Kopf und blieb bei seinem Vorsatz.
»Behaltet mich bei Euch, Mynheer,« sagte er zuletzt. »Euch habe ich gern, und bei Euch möchte ich bleiben. Vielleicht findet sich eine Gelegenheit für mich, meinem Vaterlande einen Dienst zu erweisen, der meinen Fehler wieder gut macht. Dann kann ich zurückkehren, sonst aber will ich es nicht.«
Der Missionar gab es auf, weiter in ihn zu dringen. »Dieser Knabe hat einen eisernen Kopf,« sagte er sich, »und je mehr Widerstand er findet, desto mehr besteht er auf seinem Willen. Aber er wird sich besinnen, wenn die erste Aufregung vorüber ist und sein Gemüt wieder ruhig wird.«
»Bedenke nur eins, Pieter Maritz,« sprach er zuletzt, »das Leid, welches dem Menschen aus seinem eigenen trotzigen und doch verzagten Herzen entsteht, ist größer als alles Leid, welches die göttlichen Fügungen über ihn verhängen.«
Damit wandte sich der Missionar zu Christian, der jetzt mit den ersten der wiedergefundenen Ochsen zurückkam, Pieter Maritz aber stieg in den Sattel und ritt aus, um den Schwarzen zu helfen. Die Ochsen waren weit verstreut, und es war ein schreckhaftes Wesen in sie gefahren. Sie waren nicht wie sonst in einem Trupp vereint, um auf die Ankunft der Schwarzen ruhig zu warten, sondern sie liefen unruhig zu zweien und dreien umher und scheuten bei dem Herannahen der Menschen. Denn während der Nacht waren wilde Tiere zwischen sie gefallen, und zwei von ihnen konnten überhaupt nicht aufgefunden werden, von zwei andern aber lagen die traurigen Überbleibsel, abgenagte Knochen und die Köpfe mit den Hörnern, auf dem Sande.
Als der um vier Häupter verringerte Zug endlich angeschirrt war, ließ der Missionar die Richtung vom vergangenen Tage wieder einschlagen, und Pieter Maritz, der bis jetzt hinterher geritten war, nahm von nun an die Spitze und führte. Nach einer Stunde Weges fing die Landschaft an, belebter und schöner zu werden, Ansiedelungen von Menschen zeigten sich, und zwischen Waldstücken und den von der Natur allein angelegten Blumengärten tauchten bebaute Felder, auf denen Kaffee, Zucker, Baumwolle, Reis, Mais und Weizen gezogen wurden, und hier und da zerstreute Häuser auf. Man war im Kreise Lydenburg zwischen den Flüssen, die sich in den Elefantenfluß ergießen, und Feldwege, welche auf häufigern menschlichen Verkehr hindeuteten, erleichterten die Reise.
Gegen Abend näherte sich der Zug einem großen Gehöft, wo der Missionar die Nacht über zu bleiben beschloß. Mehrere niedrige Häuser standen hier inmitten einer weiten grünen Fläche, welche von vielen kleinen Bächen durchrieselt wurde. Diese Bäche, welche Felder und Gärten bewässerten, waren von Menschenhand angelegt, indem ein nahes Flüßchen durch einen Querdamm angestaut und seitwärts in künstlich gegrabene Betten geleitet worden war. Mauern aus übereinander getürmten Bruchsteinen umgaben die Gärten, aus denen goldfarbige Orangen in glänzendem, lederartigem Laubwerk schimmerten. Innerhalb von Zäunen weidete zahlreiches Vieh, und die Gestalten schwarzer Knechte wandelten umher.
Pieter Maritz ritt dem Wagen voraus, gerade auf das Wohnhaus zu, welches weiß getüncht mit dem schnörkelig verzierten Vordergiebel aus dem Fruchtgarten hervorblickte und vornehm abstach von den länglichen Lehmhütten der farbigen Dienstleute. Als sie näher kamen, öffnete sich die Hausthür, und ein Mann trat heraus. Er war groß und breit, sein Bart war grau, und im Munde hatte er eine kurze Thonpfeife. Er lehnte sich, die Hände in den Taschen seiner derben Lederhosen, an den Pfosten seiner Thür und musterte die Ankömmlinge.
»Guten Tag, Oheim!« rief der Knabe nach der Sitte des Landes.
»Guten Tag, Neffe,« antwortete der Buer, ohne sich zu regen.
»Wollt Ihr uns die Nacht beherbergen?« fragte Pieter Maritz.
»Wer seid ihr und wo wollt ihr hin?« fragte der Buer dagegen.
Jetzt kam der Missionar heran und gab dem Hausherrn Auskunft über Ziel und Zweck der Reise.
Der Buer reichte dem Missionar die Hand und lud ihn ein, hereinzukommen. Den Schwarzen wies er einen Platz an, wo sie ausspannen könnten.
Der Missionar und Pieter Maritz traten in die Stube, deren Boden einer Scheunentenne glich und aus Lehm und Kuhmist bestand, die zu einer festen, glatten Masse vereinigt und festgestampft waren. Auf einem der handfesten Holzstühle saß die Frau, welche von den Gästen höflich als Tante begrüßt wurde. Sie war eine behäbige, runde Frau mit rot glänzendem Gesicht und hatte in den Händen eine große silberne Schnupftabaksdose, aus der sie von Zeit zu Zeit bedächtig eine Prise nahm. Neben ihr saß eine erwachsene Tochter, blondlockig und blauäugig, welche den Gruß der Gäste erwiderte, ohne von ihrem Schoß aufzusehen, wo sie ein Paar lederne Beinkleider nähte. Ein Knabe von zehn Jahren saß zu Füßen der Mutter und schnitzte einen Elefanten aus Holz.
Der Buer ging an einen Schrank, holte eine Flasche und ein Glas hervor und schenkte den Ankömmlingen und sich selbst ein Zoopje zum Willkommen ein. Dann spuckte er höchst kunstvoll durch die halbe Stube hin aus dem Fenster und gab der Frau den Auftrag, für das Abendessen zu sorgen. Sie ging hinaus, und bald darauf kam eine schwarze Dienerin mit einer Schale Wasser und einem Tuche herein. Sie hockte vor dem Missionar nieder und lud ihn ein, sich zu waschen. Nachdem er sich Gesicht, Hände und Füße gewaschen hatte, erwies sie Pieter Maritz denselben Dienst.
Als dann auf dem großen schweren Tisch die mächtige Schüssel mit Maisbrei dampfte und daneben Rinderbraten und Schaffleisch aufgestellt waren, traten nach und nach sieben erwachsene Söhne herein, die vom Felde kamen, allesamt mit langsamem, gewichtigem Schritte, sechs Fuß hoch, breitschulterig und ungehobelt. Dazu erschienen fünf Töchter, die aus der Küche und dem Garten kamen, tüchtige Mädchen mit roten Gesichtern und breiten harten Händen. Sie traten alle an den Tisch heran und falteten die Hände. Dazu kamen vier schwarze Dienerinnen in roten wollenen Röcken herein und stellten sich bescheiden an die Thür.
Der Baas setzte sich an das eine Ende des Tisches und lud den Missionar ein, sich neben ihn zu setzen. Auch die Tante setzte sich. Alle andern aber standen. Nun nahm der Baas seinen Hut ab, schlug eine Bibel mit Messingbeschlag auf, die vor ihm lag, und las einen Psalm. Es war noch hell, die Sonne stand über dem Horizont und schien durch die Fenster herein. Er las langsam und bedächtig, und alle hörten voll Andacht zu. Dann klappte er das Buch zu, und das Essen ging an. Die Familie saß um den Tisch herum, und die farbigen Mädchen bedienten. Ein jeder hatte einen Teller, aber nur die Gäste außer dem Hausherrn und der Hausfrau hatten Messer und Gabel. Die Söhne zogen ihr Taschenmesser hervor, wetzten es an der Schuhsohle und zerschnitten damit ihr Fleisch. Gewaltige Haufen des köstlichen Maisbreies vertilgten sie alle. Zum Nachtisch boten die Dienerinnen herrliche Früchte an: Apfelsinen, Pfirsiche, Feigen und Weintrauben. Zum Beschlusse ward den Männern wieder ein Zoopje eingeschenkt und hierauf das Dankgebet gesprochen.
Herrlich schliefen in dieser Nacht die Reisenden in wirklichen Betten.
Ehe sie am folgenden Morgen weiter zogen, führte der gastfreie Baas sie noch in seinen Besitzungen umher und zeigte ihnen mit besonderem Stolze seine Straußenzucht. Er hatte an hundert dieser großen Vögel auf einem weiten Platze eingezäumt. Die Tiere schritten mit ihren langen Beinen und Hälsen gravitätisch einher und schauten neugierig nach dem Besuche aus.
»Ehedem war es nötig, die Tiere zu jagen,« erzählte der Buer, »und die Jagd war mühsam, weil die Vögel sehr scharf sehen und flink auf den Beinen sind. Die Kaffern hatten eine hübsche Manier, sie zu jagen. Sie strichen ihre Beine weiß an, nahmen einen Sattel auf die Schultern, der mit Straußenfedern besteckt war, und hielten einen Stock über ihren Kopf, an dem ein Straußenhals und Straußenkopf befestigt war. In der andern Hand hielten sie Bogen und Pfeil. So schlichen sie an die Herde heran, und wahrhaftig, sie machten es so listig, daß Sie selbst, Mynheer, auf zwei-, dreihundert Schritte nicht gesehen hätten, ob ein wirklicher Strauß oder ein Pfefferkopf herankam. Aber die Tiere wurden allmählich selten, und Straußenjagd wurde ein schlechtes Geschäft. Nun züchte ich sie, und wir ziehen ihnen die besten Federn aus. Freilich haben sie es nicht gern, weil es weh thut, und zwei starke Schepsels haben ihre Not, den Vogel zu halten, während der dritte ihm die Federn ausreißt. Aber sie werden gut bezahlt. Ein Pfund von den guten weißen Federn ist am Kap seine 35 bis 40 Pfund Sterling wert. Dazu gehören etwa hundert Federn. Jedes von den männlichen Tieren trägt ein Kleid, das seine 10 Pfund Sterling wert ist, die Weibchen sind freilich nur den sechsten Teil davon wert.«
Nach einem reichlichen Frühstück von Kaffee, Maisbrei und Ziegenfleisch machten sich die Reisenden von neuem auf den Weg und schieden von ihrem Wirt mit freundlichem Wunsche einer guten Gesundheit, aber ohne zu danken, nach der Sitte des gastfreien Landes. Kaatje, die jüngste Tochter, brachte noch einen Binsenkorb mit Apfelsinen an den Wagen, dann schrie Kobus: »Treck!« und die Ochsen zogen an.
Zwei Tage ging es weiter, und eine Nacht dazwischen hielten die Reisenden wieder bei einem Buern Rast, dann erblickte Pieter Maritz am Abend des zweiten Tages den Turm der hoch gelegenen Kirche von Botschabelo. Langsam ging es den gewundenen Weg bergauf, und dann lag die vom Missionar Merensky gegründete Station dicht vor des Knaben Augen. Auf dem Gipfel des Berges war eine kleine Festung erbaut, welche den Ansiedelungen Schutz gegen feindliche Angriffe gewähren sollte und auch wirklich gegen die Häuptlinge Sekukuni und Mapoch gewährt hatte. Die kleine Festung war zu Ehren des Königs von Preußen, nachmaligen deutschen Kaisers, Fort Wilhelm genannt worden und schloß die Missionsgebäude in sich. Rund herum zog sich draußen ein Kranz von Kaffernhütten, und diese waren von Kaffernfamilien bewohnt, welche das Evangelium angenommen hatten und einen Teil der um die Mission versammelten Gemeinde bildeten. Weiter unten im Thale lagen zahlreichere Hütten, und hier hatte sich der Hauptstamm der Gemeinde angesiedelt, ein aus drei verschiedenen Kafferstämmen, den Basutos, Bakopas und Bapedis zusammengesetzter Volkshaufe von mehr als 1000 Köpfen, Männern, Frauen und Kindern. So sah Pieter Maritz denn auch sehr verschiedenartige Gesichtsbildungen und Färbungen unter dem Volke, daß sich draußen um die Hütten herumtrieb. Zum größten Teil waren es Kinder und alte Weiber, während die Männer und jüngeren Weiber noch auf dem Felde beschäftigt und abwesend waren. Viele Kinder mit gewaltig dicken Bäuchen krochen nackt im Sande umher, und die Weiber, welche daheim geblieben waren, beschäftigten sich mit den einfachen häuslichen Verrichtungen, in denen dies arme Volk von seinen christlichen Lehrern unterwiesen worden war.
Im Versammlungshause auf dem Berge war Erstaunen und Freude unter den Brüdern, als der greise Missionar erschien, und er mußte erzählen, wie es ihm in den Jahren ergangen war, wo er fern im unwirtlichen Norden gelebt hatte. Der Superintendent selber war gegenwärtig und außerdem mehrere Missionare mit ihren Familien. Botschabelo war die größte unter den deutschen Stationen in Südafrika und Sitz der Superintendentur. Es war eine große Freude für den alten Mann, wieder einmal die Töne der Muttersprache zu hören, mit Brüdern im Dienste Gottes zu verkehren und die köstliche Häuslichkeit wiederzusehen, die von deutscher Frauenhand geleitet wird. Auch auf Pieter Maritz machte dies Zusammenleben von Männern, die ihr Leben der Arbeit im Weinberge des Herrn geweiht haben und die alle Freuden der Welt zu opfern gewillt sind, um den Heiden das Evangelium zu predigen, einen tiefen und erhebenden Eindruck. Als sich diesen Abend die Brüder und die Gemeinde in der geräumigen Missionskirche zum Abendgottesdienst versammelten und sich die Kniee so vieler schwarzen Menschen, die dem Christentum gewonnen waren, vor Gott in Andacht beugten, da fühlte der Knabe bei der Stimme des Predigers so mächtig wie noch nie die Gewalt der Lehre, von welcher kein Wort verloren gehen soll, wenn auch Himmel und Erde vergehen.
Beim Abendessen wurde gemeinsam besprochen, wohin der greise Missionar sich nun wohl am besten wenden würde. Denn er war ein feuriger Geist und liebte es mehr, hinaus an die fernsten Grenzen und in die schwierigsten Verhältnisse zu ziehen, als sich dem bequemeren Dienste anzuschließen. Ein jüngerer Bruder war kürzlich aus Natal eingetroffen und erzählte, daß die politische Lage zwischen den Engländern, den Buern und den Zulus sehr unsicher sei.
»England hat seine Herrschaft über die Transvaalbuern verkündigt und gedenkt sie auch zu behaupten,« sagte er. »Aber die Engländer sehen wohl ein, daß sie damit auch verpflichtet sind, die Buern vor den Angriffen der Zulus zu schützen. Ich habe ein Vögelchen pfeifen hören, das sang: Die Engländer rüsten einen Feldzug gegen den übermütigen Tschetschwajo.«
Pieter Maritz, der dabei saß, wurde ganz rot. Die Buern sind Manns genug, sich selbst zu schützen, dachte er. Er konnte nur mit Mühe seine Zunge im Zaum halten, doch sagte er sich, daß es ihm in Gegenwart so ehrwürdiger und gelehrter Leute nicht zustehe, den Mund zu öffnen.
»Wir hier in Botschabelo werden davon wenig berührt werden,« sagte ein anderer Bruder. »Wir liegen weit ab vom Kampfplatz. Wenn nur die Matabeles und Bapedis nicht wieder aufrührerisch werden durch Kriegsgerüchte! Zwar sind Sekukuni und Mapoch gedemütigt, doch ist überall umher unruhiges Volk, denn ihre eiteln Herzen trachten immer nach Neuem und sehnen sich nach Beute. So haben wir jetzt zwar im Norden Ruhe, aber im Osten gefällt es mir nicht.«
»Was ist im Osten?« fragte der alte Missionar.
»In den Drakensbergen wohnt ein Paar gefährlicher Räuber mit großem Anhang,« entgegnete der andere. »Solange sie dort blieben, waren sie uns nicht gefährlich, denn sie waren wohl fünfzehn Meilen von uns entfernt. Aber sie sind frech geworden und haben sich zuzeiten nach Norden hin bis in das Gebiet von Neuschottland gewagt, um Vieh zu stehlen. Ja, sie haben sich in den großen Wäldern zwei Meilen östlich von uns gezeigt.«
»Was sind es für Räuber, und von welchem Stamme sind sie?«
»Das ist eine ganze Geschichte,« erwiderte jener. »Es sind zwei Brüder, welche ehedem Fürsten waren, und sie sind vom Stamme der Basuto. Welchen Namen sie unter ihrem eigenen Volke hatten, weiß ich nicht, die Buern aber haben den ältern Bruder Titus Afrikaner, den jüngeren Fledermaus genannt, und unter diesen Namen sind sie der Schrecken der Kreise Utrecht, Wakkerstroom und Lydenburg geworden. Sie lebten ehedem im Oranjefreistaat, besaßen in ihrer Jugend ihre eigenen großen Herden, schossen ihr eigenes Wild, tranken aus ihren eigenen Bächen und ließen die Musik ihrer heidnischen Gesänge zu dem Winde erklingen, der über die Kalambaberge weht, wie sie im Oranjefreistaat die südwestliche Verlängerung der Drakensberge nennen. Als aber die holländischen Ansiedler an Zahl immer mehr zunahmen und sich des Grundes und Bodens bemächtigten, wo Titus Afrikaner und Fledermaus samt ihren Unterthanen zu jagen und zu weiden gewohnt waren, da zogen die schwarzen Fürsten zuerst weiter nach Norden, und endlich kamen sie in die Abhängigkeit der Buern. Sie wurden Hirten eines reichen Grundbesitzers und weideten ihm jahrelang treulich seine Herden. Aber der Buer war ein harter Herr und verlangte in ungerechter Weise immer mehr von seinen Untergebenen. Er und seine Söhne und Knechte peitschten die Anhänger der ehemaligen Fürsten, schossen sie bei geringen Anlässen tot, ermordeten ihre Kinder, mißhandelten die schwarzen Frauen und Mädchen. Als die Vorstellungen der beiden Häuptlinge nichts nützten, sondern der Buer immer übermütiger ward, da regte sich wilder Haß in ihrer Brust. Sie waren beide sehr geschickt im Gebrauch der Feuerwaffen und gute Reiter, und sie thaten ihrem Herrn gute Dienste, indem sie es vortrefflich verstanden, das von Räubern gestohlene Vieh wiederzufinden und zurückzubringen. Aber als sie nun ihre Bitten und Vorstellungen mißachtet sahen, weigerten sie sich eines Tages, nach einer von Buschmännern gestohlenen Herde auszureiten, und, wie man mir erzählt hat, wären sie auch nur die Opfer eines Betruges geworden, wenn sie fortgeritten wären. Denn dem Raube lag ein listiger Plan des Buern zu Grunde. Er fürchtete die Nähe der Häuptlinge und beabsichtigte, sie für immer zu entfernen. Ich lebte ehedem in jener Gegend, und daher kenne ich die ganze Geschichte so genau.
»Als nun der Buer auf offenen Ungehorsam stieß, ward er zornig und sandte den Beiden eines Abends den Befehl, vor seiner Thür zu erscheinen. Sie kamen, aber da sie Gewaltthätigkeiten fürchteten, nahmen sie ihre Büchsen mit und hielten sie hinter ihren Rücken. Der Buer stürzte, als er sie kommen sah, wütend heraus, den Sjambock in der Hand, und schlug sofort mit einem Hiebe über den Kopf den jüngern Bruder, Fledermaus, zu Boden. Da ergriff Titus Afrikaner das Gewehr, und durch die Stirn geschossen fiel der Buer vorwärts auf sein Gesicht. Dann traten beide in das Haus. Die Frau des Buern kam ihnen voll Angst entgegen, denn sie hatte die Ermordung ihres Mannes gesehen. Sie warf sich ihnen weinend und um Gnade flehend zu Füßen. Sie versprachen ihr Schonung, aber verlangten alle Gewehre und alle Patronen, die im Hause wären. Als sie diese hatten, befahlen sie ihr, samt ihren Kindern die Nacht über im Hause zu bleiben und die Thür nicht zu verlassen. Dann gingen sie fort und verteilten die Waffen unter ihre Anhänger. Aber zwei Kinder des Buern befolgten die Warnung nicht, sondern liefen zur Hinterthür hinaus, um zu sehen, was die Schwarzen trieben. Sie wurden beide ermordet. Hiernach verschwanden Titus Afrikaner und Fledermaus nebst einem Haufen ihrer ehemaligen Unterthanen aus jener Gegend und zogen über den Vaalfluß. Sie verbargen sich in Höhlen und Schluchten der Drakensberge, und von dort aus machen sie Raubzüge. Sie sind der Schrecken weiter Landstriche. Mehrfach sind Kommandos gegen sie ausgesandt, die Regierung von Oranje wie die Regierung von Transvaal haben Preise auf ihre Köpfe gesetzt, aber bis jetzt ist es nicht gelungen, sie zu erwischen. Sie sind voll Mut und haben manches Gefecht bestanden. Einmal hat Titus Afrikaner ganz allein stundenlang gegen zwanzig Buern gefochten, indem er im Walde von Baum zu Baum und von Fels zu Fels schlüpfte, und er ist erst geflohen, als ihm das Gewehr in den Händen zerschossen wurde.«
Der greise Missionar hatte aufmerksam zugehört, und ein Gedanke bewegte ihn.
»Diese Leute sind hart behandelt worden,« sagte er, »und ich erkenne in dem, was sie gethan haben, Züge einer wilden, aber doch großartig angelegten Seele. Wenn irgendwo, so muß in solchen Herzen das Evangelium einen fruchtbaren Boden finden. Ich weiß jetzt, was ich zu thun habe. Ich will meinen Stab von neuem zur Hand nehmen und den Weg zu Titus Afrikaner und Fledermaus suchen.«
Diese Erklärung des alten Mannes rief große Bewegung unter den Versammelten hervor, und alle drückten ihr Erstaunen aus. Sie stellten ihm ihre Bedenken vor, zählten die Schwierigkeiten auf, welche sein Vorhaben mit sich bringe, warnten ihn vor den Gefahren einer solchen Unternehmung und bezweifelten deren Erfolg.
Aber der alte Mann blieb fest. Eine himmlische Ergebung und ein bewunderungswürdiger Mut strahlten aus seinen Augen. »Ihr fürchtet für mein Leben,« sagte er sanft, »aber seht ihr nicht, daß meine Jahre sich zu Ende neigen? Welche Verwendung des kleinen Restes meiner Kraft wäre kostbarer als diese Mission unter den wildesten der Heiden? Und ist nicht überall unser Leben in Gottes Hand? Wer sollte auf den Höchsten vertrauen, wenn nicht wir, die wir seine Diener sind unter den Heiden? Ich fühle in meinem Innern, daß das Herz dieser Räuber verstockt ist durch das Unrecht, welches die Christen ihnen thaten, daß es aber schmelzen wird unter der Flamme christlicher Liebe. Es sind wilde und grausame Männer, aber bedenkt, daß im Himmel mehr Freude ist über einen Sünder, der Buße thut, denn über hundert Gerechte.«
»Ich denke, daß unser Bruder recht hat, wenn er meint, daß das göttliche Licht in den Seelen dieser Räuber nicht ganz erloschen ist,« sprach einer der Brüder. »Denn sie haben ja einst die Lehre gehört, und ein Rest davon schlummert sicherlich in ihren Herzen. Dafür ist mir ein Erlebnis, welches ich einst mit ihnen hatte, ein deutlicher Beweis. Zwar ist es eine Geschichte, die im Grunde lächerlich klingt, aber ich möchte sie doch als ein Beispiel dafür mitteilen, daß die Ehrfurcht vor dem Unsichtbaren in diesen Räubern lebt. Wo sich diese findet, da ist auch ein Anknüpfungspunkt für den Glauben an Christum gegeben.«
Er ward gebeten, zu erzählen, welche Begegnung er mit den berüchtigten Räubern gehabt habe, und berichtete folgendermaßen: »Ich hatte eine kleine Station drüben am Walde, etwa anderthalb Meilen von hier, gegründet und war dort mehrere Jahre thätig. Ein Kirchlein und ein Haus, dazu vier oder fünf Hütten, bildeten unsere Kolonie. Damals hatte ich den Schmerz, meine geliebte Frau zu verlieren, sie ward neben der Kirche bestattet, und noch einige andere Gräber gesellten sich im Laufe der Zeit dazu, so daß ein kleiner Friedhof entstanden war. Als es unruhig im Lande und unsere Kolonie gefährdet ward, zogen wir ab und kamen hierher. Aber eines Tages, etwa ein Jahr, nachdem ich fort war, wandelte mich Sehnsucht nach der Stätte an, wo ich glücklich gewesen war, und nach dem Orte, wo der Leib meiner treuen Lebensgefährtin ruhte. Mit einem christlichen Kaffer zusammen wandelte ich dorthin zurück. Als wir uns aber der verlassenen Station näherten, kam es uns so vor, als wären wir nicht allein in der Gegend, und wir versteckten uns in einem Dickicht, etwa hundert Schritte von der Kirche, welche noch da stand. Da sahen wir denn einen Haufen von bewaffneten Schwarzen herankommen, welche sich den Gebäuden näherten, alsbald hineindrangen und zu plündern anfingen. Viel konnten sie unmöglich finden, aber was da war, das schleppten sie heraus. Und der Kaffer neben mir flüsterte mir zu, daß Fledermaus an der Spitze der Schar sei. Da bemerkte ich, daß einige verwundert an dem Friedhof standen und die Hügel betrachteten, welche mit Kreuzen geschmückt waren. Und einer von ihnen ging über die Hügel weg. Da ertönte, als seine Füße die eine Erhöhung überschritten, ein sanftes Tönen, welches aus der Erde hervordrang. Er stand bewegungslos, blickte über seine Schulter zurück und wußte offenbar vor Angst nicht, ob er davonlaufen oder stehen bleiben sollte. Endlich ermannte er sich und trat von neuem auf den Hügel. Wiederum erklangen aus der Erde sanfte Noten einer dahinsterbenden Musik. Da ergriff er die Flucht, und mit ihm liefen die andern fort, und sie holten ihren Häuptling herbei. Fledermaus kam tapfer heran und schritt auf die Erhöhung. Als er aber nun ebenfalls die Musik vernahm, da trat er ehrfurchtsvoll zur Seite, versammelte alle seine Begleiter um sich und redete lange mit ihnen. Und offenbar erinnerte er sich der Lehre früherer Zeiten, die er gehört, als er noch unter den Buern lebte: daß nämlich die Seele unsterblich sei und nicht mit dem Körper untergehe. Denn er redete in feierlicher Weise und mochte wohl seinen Genossen auseinandersetzen, daß die Toten, die dort lägen, es nicht billigten, daß ihre früheren Wohnungen beraubt würden. Als er nämlich aufgehört hatte zu reden, trugen sie alle ihre Beute wieder in das Haus zurück und entfernten sich schweigend und, wie mir schien, voll Scheu über das, was sie erlebt hatten.«
»Und was war es mit der Musik?« fragte man.
»Die geheimnisvollen Töne rührten von meinem Pianoforte her,« sagte der Missionar lächelnd. »Es war mir bei unserer Flucht unmöglich, das schwere Instrument mitzuschleppen; da es aber der Lieblingsgegenstand meiner seligen Frau gewesen und mir selbst sehr wert war, wollte ich es nicht ohne weiteres im Stiche lassen. So begrub ich es denn und türmte Erde gleich einem Grabhügel zum Schutze darüber. Der Boden ist dort so trocken, daß es fast gar nicht von Schimmel und Fäulnis ergriffen war, und seine Saiten ertönten unter den Füßen der Schwarzen auf ganz natürliche Weise.«
Die Gespräche hatten Pieter Maritz nachdenklich gemacht, und als sich alle zur Ruhe begaben, folgte er seinem väterlichen Freunde und sagte mit bittendem Tone: »Nehmt mich mit Euch, Mynheer, wenn Ihr weiterzieht!«
»O nein, mein Junge,« rief der Missionar erschreckt. »Das geht nicht an. Hier müssen sich unsere Wege scheiden. Du kehrst zurück, und ich gehe weiter.«
»Nehmt mich mit,« wiederholte Pieter Maritz. »Ich habe Euch lieb. Wer soll Euch Wild schießen, wenn ich nicht da bin? Wer soll Euch schützen?«
»Der Herr hat nicht Gefallen an der Stärke des Rosses noch an jemandes Beinen,« erwiderte der Missionar. »Mit dem Stecken in der Hand sollen seine Diener ziehen, und ihre Waffenlosigkeit ist ihr stärkster Schutz unter dem raub- und mordlustigen Volke.«
»Ich bitte Euch, nehmt mich mit,« flehte der Knabe, des alten Mannes Hand ergreifend. »Es macht mir solche Freude, zu sehen, wie sich die Herzen der Heiden unter Euerm Worte beugen.«
Der Missionar sah den Knaben voll innigen Anteils an und las in seinem Gesichte edles Gefühl und den Drang zu hohen Thaten.
»Ich will es mir diese Nacht überlegen,« sagte er. »Überlege auch du es dir. Morgen früh wird dein Blut ruhiger sein. Gute Nacht!«
Pieter Maritz harrte den ganzen folgenden Tag auf ein Wort des Missionars, welches ihn ermuntern sollte, die fernere Reise ins Ungewisse mitzumachen, aber der Missionar sprach nicht. So ging es auch den zweiten und den dritten Tag. Der Missionar wollte sich in diesen Tagen von den Anstrengungen der vorhergehenden Zeit erholen und zu den bevorstehenden Mühen neu kräftigen. Darum blieb er ruhig bei den Brüdern von Botschabelo, nahm an deren Gottesdienst teil, predigte an dem Sonntage, der innerhalb der drei Ruhetage fiel, und erging sich in erbaulichen Gesprächen mit den Männern und Frauen, die gleich ihm an der schweren Arbeit beschäftigt waren, die unwissenden Köpfe und kindischen Herzen eines auf tiefer Stufe stehenden Volkes zu einem guten Acker für Gottes Wort umzupflügen.
Pieter Maritz wagte nicht, von sich selbst aus seinen Wunsch wieder in Erinnerung zu bringen, aber er war keineswegs andern Sinnes geworden. »Kehre ich zurück,« dachte er, »so bin ich ein thörichtes Kind in den Augen der Knaben wie der Männer, denn ich habe meinen Auftrag nicht vollführen können. Und selbst wenn ich keine Strafe bekomme — zu Hause bin ich immer nur ein Knabe, aber hier draußen gelte ich als Mann.«
Die Bilder eines ereignisreichen Lebens in der Ferne bewegten lebhaft sein Herz. Er sah mit Sehnsucht nach den fernen blauen Bergen hinüber und es war ihm wie dem Vogel, der seine Schwingen hebt, um in ferne Länder zu ziehen. Seine Einbildungskraft spiegelte ihm vor, daß sich ihm Gelegenheit bieten würde, ruhmreiche Dinge zu vollführen, so daß bei seiner späteren Rückkehr die Gemeinde mit Bewunderung auf ihn blicken und seine Altersgenossen ehrfurchtsvoll flüstern würden: »Das ist Pieter Maritz, der für sein Vaterland große Dinge gethan hat.«
Der Missionar hatte seinen Aufbruch für den vierten Tag festgesetzt, und Pieter Maritz hatte sich vorgenommen, falls der alte Mann nichts sage, sich einfach dem Zuge anzuschließen und herzlich zu bitten. Die ganze Versammlung der Brüder von Botschabelo nebst den Frauen und Mädchen saß am Abend vor der geplanten Abreise beim Essen zusammen, und eben war das Tischgebet gesprochen worden, als sich draußen ein großer Lärm erhob. Schreien und Jauchzen vieler Stimmen drang in das große Gemach, und alsbald kamen mehrere schwarze Diener hereingelaufen und meldeten in höchster Aufregung, daß fremde Krieger den Berg heraufgezogen kämen.
Die Brüder erhoben sich bestürzt von ihren Sitzen und ließen das Abendessen stehen, um vor die Thür zu treten; der erste aber, der draußen war, um zu sehen, was es gebe, war Pieter Maritz. Da hatte er einen Anblick, der sein Herz laut klopfen machte und ihn voll Bewunderung regungslos auf die Stelle bannte.
Ein Zug von Reitern kam die Straße bergauf geritten, wie er deren noch nie gesehen hatte. In den Strahlen der niedrig stehenden Sonne funkelten Waffen, glänzendes Lederzeug und der metallene Beschlag von weiß leuchtenden Helmen. Die Reiter waren in scharlachrote Röcke gekleidet, trugen hohe blanke Stiefel, ritten auf sehr schönen, großen Pferden und sahen so stolz und prächtig aus, wie Pieter Maritz niemals gedacht hatte, daß Krieger aussehen könnten. Er zählte ihrer vierundzwanzig, die zu dreien in einer Reihe ritten, ihnen voran kam ein blutjunger Mann, der das Kommando führte, und hinterher ritt ein bärtiger Soldat, der durch goldene Streifen auf dem Ärmel seines Rockes ausgezeichnet war.
Der Zug hatte den tiefsten Eindruck auf die ganze Gemeinde von Botschabelo gemacht. Es war niemand daheim geblieben, sondern alt und jung, Männer, Weiber und Kinder waren herbeigelaufen, schrieen vor Entzücken und zugleich vor Furcht und drängten sich so auf dem Wege, daß die Reiter nur in langsamem Schritte vorwärts kamen und sich in acht nehmen mußten, die neugierigen, tanzenden und schreienden Schwarzen nicht durch die Hufe ihrer Pferde zu Boden treten zu lassen.
Vor dem Versammlungshause angekommen, hielt der jugendliche Führer der Reiterschar sein Roß an, und da Pieter Maritz gerade neben ihm stand, wandte er sich an diesen und fragte, wer hier der Älteste sei und über die Gemeinde zu befehlen habe. Er sprach englisch, und Pieter Maritz verstand diese Sprache sehr gut, aber die Frage ward in so hochmütigem Tone und in einer so besondern Sprechweise gestellt, daß Pieter Maritz nur verwundert in das fragende Gesicht sah und nachdachte, warum dieser junge Krieger wohl so sehr durch die Nase spräche.
»Kann der Bauernlümmel nicht antworten oder will er nicht?« rief der Engländer.
Pieter Maritz wurde ganz rot vor Zorn und Scham und faßte unwillkürlich nach der Seite, wo er den Hirschfänger zu tragen pflegte. Aber er war ohne Waffen, wie er sich zu Tisch gesetzt hatte.
»Ob der Bursche nur wenigstens den Hut vom Kopfe thut!« rief der Engländer von neuem. »Es ist sehr notwendig, diesem Volke Manieren beizubringen.«
In diesem Augenblicke aber, ehe sich der Streit noch verschärfen konnte, kam der Superintendent heran und sagte, daß er der Vertreter der Missionsstation wie überhaupt der deutschen Kirchen in Transvaal sei. Der Engländer grüßte hierauf sehr höflich, obwohl immer noch mit der Miene der Herablassung, und sagte, er sei Lord Adolphus Fitzherbert, Leutnant und Kommandant einer Patrouille von der Dragonergarde Ihrer Majestät der Königin. Er beanspruche Quartier für eine Nacht in Botschabelo.
Der Superintendent gab hierauf Anweisungen, den Dragonern Wohnung und ihren Pferden Stallung zu geben, die Reiter stiegen ab, und der Leutnant ging mit den Missionaren in das Speisezimmer, wo die Schüsseln noch unangerührt standen. Er legte Helm, Pallasch und Revolver, auch das goldglänzende Bandelier mit der silbernen Patrontasche ab, setzte sich mit seinen Wirten zu Tisch und ließ es sich gut schmecken.
Pieter Maritz hatte tiefen Groll gegen den Fremden im Herzen und betrachtete ihn vom Ende des Tisches aus mit schrägen Blicken aus den Augenwinkeln. Der Engländer hatte den Ehrenplatz neben dem Superintendenten und benahm sich so fein und vornehm, daß Pieter Maritz nicht wußte, ob er mehr hassen oder mehr bewundern sollte. Dem Ansehen nach war der Leutnant nur wenige Jahre älter als der Buernsohn. Er hatte ein längliches, blasses Gesicht mit grauen Augen, zierlich geschwungene Augenbrauen und einen kleinen, schwachen Anflug von Bart auf der Oberlippe, und sein dunkles Haar war kurz geschnitten und zurückgekämmt. Seine Hände waren schmal und schneeweiß, mit rötlich schimmernden Nägeln, so daß Pieter Maritz in Verwirrung seine eigenen Hände betrachtete, welche niemals in Schafleder oder Ziegenleder gehüllt gewesen, braun von Farbe und hart wie Horn waren. An Wuchs war der Engländer wohl einen Kopf höher als Pieter Maritz, aber dieser dachte, wenn er sich mit dem übermütigen Jüngling einmal im Ringkampfe messen dürfte, so wollte er ihn in der Mitte durchbrechen.
Als das Essen vorüber war, wurden dem Gast zu Ehren einige Flaschen Wein auf den Tisch gesetzt, die Frauen entfernten sich, und die Männer fingen an, von Politik zu sprechen, da die Brüder sehr gespannt waren, zu erfahren, was die unerwartete und nie vorher hier erblickte Erscheinung britischen Militärs zu bedeuten habe.
Lord Adolphus Fitzherbert lehnte sich behaglich auf seinem Stuhle zurück, schlug die Beine übereinander, welche mit Stulpenstiefeln von Glanzleder bekleidet waren, zog aus der Brusttasche seines scharlachroten, goldgestickten Waffenrocks ein goldenes Etui hervor, auf welchem ein Wappen graviert war, und nahm eine Zigarrette heraus, welche er anzündete.
»Ja, meine Herren,« sagte er, den Dampf des türkischen Tabaks vor sich hin blasend, »ich habe einen kleinen Streifzug durch diese Gegend gemacht, weil es bei uns hieß, das Land sei nicht ganz sicher. Man spricht von ein paar schwarzen Kerlen — Titus Afrikaner und Fledermaus heißen sie, wenn ich nicht irre —, die hier umhervagabondieren. Es würde eine heilsame Lehre sein, wenn wir einmal den einen oder den anderen der Niggers aufknüpften.«
Während er so sprach, hatte sich die Thüre geöffnet, und der Soldat mit den goldenen Abzeichen auf dem Ärmel war hereingetreten. Er pflanzte sich gerade vor dem Leutnant in strammer Haltung hin, legte die Hand an den Helm und sagte: »Ich habe Eurer Herrlichkeit zu melden, daß die Mannschaft und die Pferde untergebracht sind. Haben Eure Herrlichkeit noch weitere Befehle?«
»Es ist gut, Wachtmeister,« antwortete der Leutnant, »ich danke Ihnen.«
Der Unteroffizier zauderte zu gehen.
»Es wäre wohl gut, einen Posten auszustellen,« sagte er dann. »Wenn Eure Herrlichkeit befehlen, werde ich eine Vedette an den Rand des Thales postieren.«
»Ach lassen Sie das,« erwiderte Lord Adolphus Fitzherbert. »Wozu sollen wir die Leute müde machen? Was soll hier bei Niggern und Bauern passieren?«
Der Wachtmeister machte kehrt und marschierte sporenklirrend ab. Pieter Maritz wunderte sich, daß hier der alte erfahrene Kriegsmann von einem unerfahrenen Jüngling Befehle erhalte, während bei den Buern der Ältere das Kommando hatte. Er war unbekannt mit den Unterschieden von Rang und Stand.
»Sind Sie schon lange in Afrika, Mylord?« fragte der Superintendent.
»Ich bin erst vor vierzehn Tagen aus England gekommen,« antwortete der junge Offizier.
»Es sind ziemlich viel neue Truppen gelandet, soviel ich weiß.«
»Ja,« sagte der Leutnant, »die Transvaal-Buern machen uns mehr Plackerei, als sie wert sind. Nun wir sie einmal beherrschen, müssen wir sie auch beschützen. Sie möchten uns sonst von den Niggers aufgefressen werden.«
Pieter Maritz konnte sich bei diesen Worten nicht mehr halten. Er sprang auf und rief dem Engländer zu: »Wenn du die Transvaal-Buern kenntest, so würdest du das nicht sagen. Weder von den Niggern noch auch von euch Engländern werden sie gefressen werden.«
»Das ist wohl einer von ihnen, ein echter Bauernjunge!« sagte der Lord höhnisch. »Mache, daß du hinauskommst, Schlingel.«
Wenn nicht in dieser Sekunde der alte Missionar den Knaben am Arm ergriffen und festgehalten hätte, so würde es einen schlimmen Auftritt gegeben haben. Denn Pieter Maritz war so sehr außer sich, daß er den Offizier thätlich angreifen wollte. Aber der Missionar brachte ihn bald zur Ruhe.
»Was willst du thun, Unbesonnener?« sagte er in holländischer Sprache. »Willst du das Haus deiner Wirte in Gefahr bringen? Halte dich ruhig, die Demut ist die erste Tugend des Christen.«
Pieter Maritz ließ sich widerstandslos von dem verehrten Manne hinausführen, obgleich das Blut ihm in den Adern kochte. Draußen stand er schwer atmend still und starrte dem Missionar ratlos in das Gesicht. Das Gefühl der erlittenen Beleidigung stritt in ihm mit dem Wunsche, gehorsam und gut zu sein.
»Du bist brav,« sprach der Missionar, der den Zwiespalt der Gefühle in des Knaben Brust begriff. »Ich freue mich, daß du mir folgst, denn sich selbst zu besiegen ist die größte Heldenthat. Wir müssen vorsichtig sein, daß wir nicht den Bestand unserer Station gefährden. Dieser unerfahrene und unbesonnene Fant, der die Dragoner befehligt, könnte uns, wenn ihm Widriges begegnete, in ein schlechtes Licht bei der britischen Regierung bringen, die doch einmal unsere Obrigkeit ist und Gewalt über uns hat.«
»Es ist aber sehr schwer, sich so etwas gefallen zu lassen,« antwortete Pieter Maritz. »Dergleichen ist mir noch niemals begegnet.«
Der Missionar zuckte die Achseln. »Du bist auch noch jung,« sagte er, »und du kennst noch nicht den Übermut der Großen der Erde. Dieser junge Mann ist ein Lord, das heißt, er ist aus einer sehr vornehmen englischen Familie, und die vornehmen Engländer sind den Königen gleich, da sie die Ersten sind in einem Staate, der über viele große und reiche Länder gebietet. Aber freilich, du weißt ja auch nicht, was ein König ist.«
Der Missionar kehrte nach diesen Worten wieder um und ging, nachdem er Pieter Maritz gebeten hatte, das Speisezimmer zu vermeiden, zu der Gesellschaft zurück. Dieser aber wandte sich, durch einen lauten Lärm angezogen, einem andern Teile des Gebäudes zu. Aus Mangel an Raum war den Dragonern ein grüner Rasenplatz inmitten der Häuser als Aufenthaltsort zum Speisen angewiesen worden, und hier saßen sie in fröhlichem Lärm an mehreren gedeckten Tischen. Sie hatten ihre langen schweren Pallasche und Karabiner in die Ecken gestellt und an den Wänden aufgehangen, hatten die weißen Korkhelme, welche sie in den tropischen Klimaten anstatt der gewöhnlichen Helme tragen, beiseite gelegt und ließen sich den Antilopenbraten und das Schöpsenfleisch, welches ihnen in reichen Massen aufgetragen wurde, vortrefflich schmecken. Dazu tranken sie Branntwein und ein leichtes Bier, welches in Botschabelo selbst gebraut war.
Pieter Maritz fand, daß nicht er allein da war, um sich die Fremden anzusehen. Viel Volk aus dem Dorfe war heraufgekommen, und einige hübsche junge Weiber hatten ihre Halsketten von Tigerzähnen, Glasperlen und kleinen Schildkröten umgehängt, ihre besten Tücher und Röcke umgethan und zeigten sich lachend von ferne, um ebensowohl gesehen zu werden als selbst zu sehen. Es währte auch nicht lange, so wurden sie von den Dragonern hereingerufen, und Pieter Maritz wunderte sich, zu sehen, wie die Krieger mit den schwarzen Mädchen scherzten und Späße trieben, ganz unähnlich dem ehrbaren Benehmen in den Familien und Versammlungen der Buern. Und auch über das jugendliche Aussehen der meisten Dragoner wunderte er sich. Der Wachtmeister zwar war ein starker Mann in den höheren Jahren und glich wohl den Gestalten, die er unter den Seinigen als Krieger kannte, aber viele von den Gemeinen waren junge Leute, welche nicht sehr kräftig aussahen. Pieter Maritz zog sich bald zurück. Er mochte es nicht mit ansehen, wie die fremden Soldaten hier tranken und lachten und thaten, als ob sie die Herren wären. Er besuchte noch den treuen Jager, um sich zu überzeugen, daß die Gesellschaft der Dragonerpferde ihm nichts von seiner Bequemlichkeit raube, und ging dann in seine Kammer in einem der Nebengebäude zwischen den Ställen, um zu schlafen. Noch indem er die Augen schloß, sah er Lord Adolphus Fitzherbert mit den weißen Händen und der hochmütigen Miene vor sich stehen.
Schon früh am Morgen wachte Pieter Maritz auf und ging alsbald in den Stall, um Jager zu füttern und zu putzen. Es hatte ihm gestern einen kleinen Stich gegeben, daß die Pferde der Engländer blanker aussahen als Jager; aber Jager hatte auch in der letzten Zeit viel durchmachen müssen, Sturm, Regen und glühende Sonne hatten sein Fell sehr mitgenommen. Nun hatte das Pferd sich in Botschabelo erholen können, es sah sehr frisch und munter aus, und Pieter Maritz versuchte, ihm durch eifriges Reiben mit Strohwischen einen schönen Glanz zu geben. Auch Dragoner stellten sich bald darauf im Stalle ein und putzten ebenfalls. Pieter Maritz bekümmerte sich nicht viel um sie, sattelte Jager und ritt hinaus, um sich nach dem Wagen des Missionars umzusehen. Er fand Kobus, Jan und Christian damit beschäftigt, die Zugochsen auf den Wiesen zusammenzutreiben, und kehrte dann nach Fort Wilhelm zurück, fest entschlossen, sich dem Zuge des Missionars zuzugesellen.
Als er in den Hof der kleinen Festung einritt, sah er, daß die Dragoner sich zum Abmarsch ordneten. Der jugendliche Leutnant hielt zu Pferde vor ihrer Front, und neben ihm standen mehrere der Brüder, welche sich mit ihm unterhielten. Der Leutnant warf einen Blick auf Pieter Maritz und rief plötzlich: »Da ist ja unser ungehobelter Bauernbursche von gestern. Er kann sich heute nützlich machen. Wir haben noch keinen Führer. Gewiß kennt er diese Gegend ganz genau. Komm einmal her, Bursche, du sollst uns führen. Wir wollen auf dem besten Wege nach Pretoria.«
Pieter Maritz ritt näher, sah dem Engländer voll Trotz ins Auge und sagte: »Wenn ich den Weg auch kennte, so würde ich Euch doch nicht führen.«
»Oho!« rief der Leutnant. »Das klingt ja wie Widersetzlichkeit. Ich gebe dir hiermit den Befehl, uns zu führen.«
»Und ich führe Euch nicht,« entgegnete Pieter Maritz. »Niemand hat mir Befehle zu geben, ich bin ein freier Bürger von Transvaal, der südafrikanischen Republik.«
»Sieh doch,« rief der Leutnant höhnisch lachend, »da kann man sagen: wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Aber weißt du wohl, daß du da Hochverrat verübst, mein Junge? Es giebt keine Republik Transvaal. Ihre Majestät erwartet von jedem ihrer Unterthanen Gehorsam und verlangt, daß ihren Truppen auf Verlangen jede Hilfe und jeder Vorschub von seiten der Landeseinwohner geleistet wird.«
Der Wachtmeister drängte jetzt sein Pferd an das des Offiziers heran und sprach leise zu ihm.
»Ach was,« entgegnete dieser laut, »wenn wir auch den Weg ohne den Burschen finden können und ihn deshalb nicht unbedingt nötig haben — er soll lernen, wer hier Gebieter ist und wem er zu gehorchen hat. Wir thun ein gutes Werk, wenn wir ihm das beizeiten einprägen, damit er es im Gedächtnis hat, wenn er älter wird. Der Bauernsohn reitet mit uns.«
»Ich bitte, Mylord, die Sache nicht zu weit zu treiben,« sagte jetzt der greise Missionar, welcher inzwischen herbeigekommen war. »Der Knabe ist mein Reisebegleiter, ich stehe für seine gute Gesinnung ein. Wenn er sich unehrerbietig geäußert hat, so liegt das in seiner Unkenntnis der politischen Verhältnisse, aber kommt nicht aus bösem Willen.«
»Wir wollen ihm ja nichts zuleide thun,« entgegnete der Offizier. »Er soll nur einsehen, daß er nicht, wie er sich nennt, ein freier Bürger der Republik Transvaal, sondern ein Unterthan der Königin von England, Gott beschütze sie, ist.«
»Und doch bitte ich, ihn nicht zu zwingen, Herr Leutnant,« sagte der Missionar mit ernster Betonung. »Es ist nicht geraten den Bogen allzu scharf anzuspannen.«
»Wirklich nicht?« fragte der Engländer spitzig. »Das muß ich am besten wissen. Mein Streifzug hat auch die Bedeutung, einen Einblick in die Gesinnung hier zu Lande zu gewinnen. Ich hoffe, daß ich nicht nötig habe, bei meiner Rückkehr zu melden, daß ich die unter unserem Schutze stehenden Deutschen für gute Freunde der Buern, aber nicht für gute Freunde Englands halte.«
Auch der Superintendent mischte sich jetzt in das Gespräch und versuchte, ihm eine weniger scharfe Wendung zu geben. Es war klar, daß der blutjunge Offizier sich mit unkluger Anmaßung benahm, indem er sich selbst wie dem Zwecke seines Kommandos eine übertriebene Wichtigkeit beilegte. Immerhin mußte er rücksichtsvoll behandelt werden, damit jede Gelegenheit vermieden würde, der Regierung der Kapländer ein Vorurteil gegen die deutschen Missionen einzuflößen. Der Offizier aber blieb bei seiner Ansicht, daß er über die Hilfsleistungen der Bürger von Transvaal zu verfügen habe, wenn er sich im königlichen Dienste befinde.
Pieter Maritz hörte dem Gespräche zu und hatte seine eigenen Gedanken. Gestern abend war er durch die hochmütige Behandlung des Engländers sehr gekränkt worden, weil sie ihn als etwas ganz Unerwartetes überrascht und in seinem Selbstgefühl gedemütigt hatte. Aber heute morgen, wo die Sonne vom Himmel lachte und die Welt so schön aussah, wo er noch dazu im Sattel saß und ein Gefühl der Sicherheit auf Jagers Rücken empfand, heute morgen kam ihm die Sache ganz anders vor. Er hielt in der Nähe der offenen Thür von Fort Wilhelm und sagte sich, daß niemand ihn zu irgend etwas zwingen könne. Er brauchte nur sein Pferd zu wenden und davonzujagen. Die ganze Welt stand ihm offen. In diesem Gedanken streichelte er mit liebkosender Hand Jagers Hals und zupfte ihn freundschaftlich an der Mähne. Jager drehte den Kopf, schnupperte an des Knaben Stiefel und scharrte dann mit dem Huf auf der Erde, als ob er sagen wollte, er sei zu allem bereit.
Aber Pieter Maritz wollte nicht fliehen. Er sah, daß er der Missionsstation keinen Gefallen mit seinem Trotz gegen die Engländer thue, und er hatte solche Ehrfurcht vor den frommen Männern, daß er ihren Wünschen nicht zuwider handeln mochte. Dazu aber fiel ihm ein, daß er vielleicht den Engländern als ihr Führer einen Possen spielen könne, und er hatte große Lust, das zu thun. Er gab seinen Plan, den Missionar zu begleiten, durchaus nicht auf; er hoffte auf eine Gelegenheit, den Dragonern zu entwischen und den Ochsenwagen wieder einzuholen.
In dieser Absicht ritt er auf den Leutnant zu, zog höflich seinen Hut und sagte: »Es ist nicht meine Absicht, Mynheer, einer so mächtigen Frau, wie die Königin von England zu sein scheint, Widerstand zu leisten. Denn ich bin ja nur ein armer Bauernsohn. Ich werde gern die Führung Eurer schönen Soldaten übernehmen, denn ich kenne die Gegend sehr gut. Nur bitte ich, daß Ihr mir mein Pferd nicht nehmt und daß Ihr mir gestattet, zu Pferde zu bleiben, denn ich kann nicht weit zu Fuße gehen in meinen schweren Stiefeln. Und ich bitte Euch auch, Mynheer, reitet nicht zu schnell, denn mein Pferd ist nur ein Bauernpferd und es hat in der letzten Zeit sehr weite Strecken zurücklegen müssen.«
Der Leutnant lachte. »Wenn du nur davor Angst gehabt hast, so beruhige dich, mein Sohn,« sagte er. »Wir wollen dir dein Pferd nicht nehmen und mitkommen wirst du auch schon. Übrigens scheint mir dein Gaul gar nicht so übel zu sein,« fuhr er dann fort, indem er Jager mit prüfendem Blicke musterte, »und ich glaube, wenn er anständig gesattelt und gezäumt würde und einen ordentlichen Reiter bekäme, so müßte er eine hübsche Figur machen. Es ist ein Pferd für die leichte Kavallerie. Aber nun vorwärts!«
Die Dragoner schwenkten auf das Kommando des Leutnants zu dreien rechts ab, Pieter Maritz aber näherte sich rasch dem Missionar, drückte ihm die Hand und wünschte ihm glückliche Reise, schwenkte dann seinen Hut gegen die Brüder, welche ihn bewirtet hatten, und wünschte ihnen gute Gesundheit. Alsdann ritt er, dem Winke des Leutnants folgend, auf dessen linke Seite an die Spitze des Zuges. Es ging im Schritt den Berg hinab, und die Dragoner lachten viel über das Gedränge der Schwarzen, welche sich schaulustig wieder eingestellt hatten, warfen auch Zigarren und Tabak vom Pferde herab in das Volk und belustigten sich an der Prügelei, die dadurch entstand. Wohl eine halbe Stunde weit blieb eine Schar an dem Zuge hangen, beständig tanzend und singend, ohne müde zu werden. Dann erst, als Trab kommandiert wurde, blieben die Schwarzen zurück. Für Pieter Maritz war es ein Vergnügen, an der Spitze der Dragoner zu reiten. Der Weg war gut, denn es war die gebahnte Straße in südwestlicher Richtung nach Pretoria. Der gleichmäßige Trab der Pferde, das Klirren der Pallasche und der am Sattel hangenden Karabiner, das Schnauben der Tiere, das Knirschen der Gebisse und des Lederzeugs, alles dies machte einen kriegerischen Eindruck auf des Knaben Sinn und erregte ihn. Er malte sich in Gedanken aus, wie schön es sein müßte, eine solche Reiterschar zu kommandieren und sie zum Angriff gegen den Feind zu führen. Nach längerem Trabe ließ der Leutnant wieder Schritt reiten. Die Sonne brannte heiß. Der Weg führte über ein Hochland hin, welches frei und offen lag. Zu beiden Seiten dehnten sich Grasflächen aus, und das Gras war braun gebrannt von der Hitze. Nur Mimosengebüsche unterbrachen die Einförmigkeit. Linker Hand zog sich in weiter Entfernung ein bläulicher Streifen hin, der Saum großer Wälder im Osten.
Pieter Maritz betrachtete die Pferde der Dragoner. Sie waren jetzt etwa eine Stunde auf dem Marsche, und der Knabe lächelte, als er sah, daß die meisten ganz naß am Bauche waren und daß ihnen ein weißlicher Schaum unter der Satteldecke stand, während Jager noch kein feuchtes Haar hatte. Nur des Leutnants Pferd war ebenfalls trocken. Es war ein wunderschönes Tier, ganz schwarz und glänzend wie poliertes Ebenholz, wohl eine halbe Handbreit höher als Jager, mit langem Halse, langen, dünnen Beinen und feinem Kopfe.
Der Leutnant redete den Knaben an. »Dein Pferd geht einen recht hübschen Trab,« sagte er, »und du scheinst dich auch gut aufs Reiten zu verstehen. Ist das Reiten bei euch Bauern allgemeine Sitte?«
»Ja, Mynheer,« antwortete Pieter Maritz, »wir reiten alle von Jugend auf, aber so schön wie bei den Soldaten der Frau Königin ist's bei uns freilich nicht.«
Er verglich mit einem bezeichnenden Blick die einfache Trense seines Pferdes mit dem silberblinkenden Stangengebiß im Maule des Rappen und seinen von Dornen zerkratzten, vom Kot vieler Wege und vom Wasser vieler Flüsse und Bäche nahezu schwarz gewordenen Sattel mit dem hellgelben, spiegelblanken Sattel des Leutnants.
»Nun,« sagte der Engländer, welcher diesen Blick aufgefangen hatte, »Sattel und Zaum sind etwas Äußerliches, das Pferd ist immer die Hauptsache. Haben denn viele Bauern gute Reitpferde?«
»Sie haben alle gute Reitpferde,« entgegnete der Knabe.
»Und wie viele Bauern giebt es denn wohl, die ins Feld rücken, wenn etwa Krieg mit den Zulus oder den Betschuanen ausbricht?« fragte der Leutnant, der die Gelegenheit benutzen wollte, Näheres über die Verhältnisse der Buern zu erforschen.
»Das ist sehr verschieden,« sagte der Knabe. »Wenn die Zulus angreifen, sammeln sich die Buern in den Gegenden nahe den Zulus; wenn die Betschuanen Überfälle machen, werden in den dortigen Gegenden Kommandos gesammelt.«
»Aber wenn alle bewaffneten Buern zusammenkämen, wie viele würden das sein?«
»Das weiß ich nicht,« erwiderte Pieter Maritz, indem er ein einfältiges Gesicht machte. »Es sind ihrer zu viele, als daß man sie zählen könnte.«
»Oho!« rief der Engländer. »Wenn es so viele wären, hätten sie es sich wohl nicht gefallen lassen, von uns unterworfen zu werden.«
»Wahrscheinlich sind es der englischen Soldaten noch mehr,« erwiderte der Knabe. »Wieviel Mann hat denn wohl die Frau Königin im Kaplande und in Natal?«
Der Leutnant antwortete nicht, aber er maß den Knaben mit einem argwöhnischen Blicke.
»Aus welcher Gegend bist du denn? Wo wohnen deine Eltern?« fragte er.
»Ich bin im Norden geboren,« erwiderte Pieter Maritz. »Die Gemeinde, zu welcher ich gehöre, wohnt nicht in einem festen Dorfe, sondern gehört zu den Trekbuern, das heißt, wir ziehen herum, was in unserer Sprache trekken genannt wird. Wir bleiben, wo es uns gefällt, und ziehen weiter, wenn das Vieh nicht mehr gute Weide hat oder die Jagd schlecht ist.«
»Ihr seid also eigentlich Vagabonden,« sagte der Engländer, indem er verächtlich herabsah. »Es ist hohe Zeit, daß wir Ordnung in eine solche Gesellschaft bringen.«
Die Landschaft war inzwischen eine andere geworden, der Charakter der Ebene verlor sich mehr und mehr, und zur linken Hand zeigte sich hügeliges Land, mit einzelnen Gebüschen und von Wasserläufen durchzogen. Pieter Maritz ließ seine scharfen Augen über die Gegend hinschweifen und überlegte.
»Wie weit werdet Ihr mich mitnehmen, Mynheer?« fragte er.
»Das wollen wir später sehen,« entgegnete der Engländer.
»Ich möchte nicht gern ganz bis nach Pretoria.«
»Du wirst thun, was dir befohlen wird,« sagte der Engländer.
»Ach, welch ein wunderschönes Pferd habt Ihr, Mynheer!« rief der Knabe aus. »Das habt Ihr wohl von England mitgebracht?«
Der Leutnant blickte selbstgefällig an seinem Gaul hinunter.
»Das Pferd kann gewiß sehr schnell laufen,« sagte Pieter Maritz von neuem, »das kann gewiß viel schneller laufen als unsere Bauernpferde.«
»Dies Tier ist allerdings sehr schnell,« erwiderte der Leutnant. Er hatte dreihundert Pfund Sterling in London für das Pferd bezahlt und konnte sich rühmen, keinen schlechten Handel gemacht zu haben.
»Kann das Pferd auch gut springen?« fragte Pieter Maritz mit seinem unschuldigsten Gesicht.
»Natürlich,« versetzte der Engländer. »Nun halte aber deinen Mund. Du hast zu warten, bis man dich fragt, und wenn du nicht gefragt wirst, hast du zu schweigen. So etwas nennt man gute Manier.«
Pieter Maritz rückte die Büchse und den Patronengurt bequemer auf den Schultern zurecht und drückte leise seine Unterschenkel an Jagers Leib, so daß dieser den Kopf erhob und die Ohren spitzte.
»Auf die Weise würde mir der Weg wohl langweilig werden,« sagte er dann mit freundlichem Lächeln zu dem Offizier. »Lebt wohl, ich wünsche Euch glückliche Reise!«
Nach diesen Worten warf er plötzlich sein Pferd zur Seite und jagte in gestrecktem Galopp nach links über das Feld hin.
»Verdammter Bursche!« rief der Engländer. »Haltet ihn, Leute! Hinter ihm her!«
Pieter Maritz hörte in seinem Rücken ein gewaltiges Rasseln und Rufen und das Stampfen und Schnauben vieler Pferde. Er blickte über die Schulter zurück und sah die ganze Schar der Dragoner in aufgelöster Ordnung daherkommen, um ihn zu verfolgen. Sie ritten in einer weiten Kette hinter ihm her, und ihre Scharlachröcke leuchteten in der Sonne, so daß es dem Knaben schien, als jagte ein hüpfendes Heer von Feuerflammen über das Gras weg. Allen voran ritt der Leutnant, dessen kohlschwarzes Pferd rasch einen Vorsprung vor den anderen Tieren gewonnen hatte, und er rief den Dragonern zu, sie sollten nicht schießen, er wolle den Burschen lebendig wieder haben.
Pieter Maritz beugte den Oberkörper auf Jagers Hals vor und schnalzte ermunternd mit der Zunge. Wie ein Wirbelwind stob das treue Tier dahin. Das Futter in Botschabelo und die Ruhe während der drei Tage, wo der Knabe nur zu Spazierritten ausgewesen war, hatten das Pferd neu gekräftigt, und seine Beine schnellten über das Gefilde hin mit einer außergewöhnlichen Behendigkeit. Seitwärts des Weges, den sie geritten waren, floß ein Wässerchen mit flachen Ufern, welches sich an manchen Stellen seeartig erweiterte. Auf eine dieser Stellen, welche er schon vom Wege aus entdeckt hatte, lenkte Pieter Maritz hin. Das Wasser war hier wohl über hundert Schritte breit. Der Knabe jagte hinein und bald verlor das Pferd den Boden unter den Füßen und mußte schwimmen. Mitten im Wasser sah er zurück. Die Dragoner zauderten am Ufer, doch der Unteroffizier und fünf Mann warfen sich ebenfalls in das Wasser, indem sie dem Leutnant folgten. Pieter Maritz kam ans andere Ufer, als die Verfolger noch mitten im Wasser waren. Dann trabte er gelassen weiter. Er wählte sich das am meisten durchschnittene Terrain aus: dorthin, wo die Gebüsche dicht auf unebenem Boden standen, wo Felsblöcke umherlagen und von stachligen Kaktus umgeben waren und wo Bäche die Landschaft durchschnitten — dorthin lenkte er Jager. Jetzt stiegen die Verfolger, deren prächtige Uniformen von Wasser trieften, ebenfalls ans Land, und der Knabe setzte sein Pferd in langen Galopp. Vor ihm rannte eine Herde Springböcke her, die gleich Gummibällen elastisch in weiten Sätzen flohen, und ein Rudel Gnus mit Hörnern gleich den Büffeln und Pferdeschweifen. Nach einem rasenden Ritt, der wohl eine halbe Meile Landes durchmessen hatte, vernahm Pieter Maritz nur noch wenig von dem Lärmen, der ihm zu Anfang im Rücken gewesen war. Er sah wieder zurück und erblickte keinen von den Dragonern mehr auf der Verfolgung. Ganz weit entfernt sah er die Truppe wieder zu einem dunklen Haufen versammelt, und nur noch der Leutnant war hinter ihm. Das schöne schwarze Pferd machte seiner edlen Abstammung Ehre, es kam jetzt eben mit einem weiten Satze über einen tief eingeschnittenen Bach dahergeflogen. Nur etwa zwanzig Schritte war es hinter Jager.
Pieter Maritz rief seinem Pferde zu, und wie ein Pfeil schoß es vorwärts. Vor ihm lag ein Dickicht von Aloes und buschförmigen Euphorbien, zwischen denen stachelige Mimosen standen, welche Dornen trugen, die Fischangeln ähnlich gestaltet waren. Pieter Maritz erkannte die eigentümliche Form dieser Mimose, der acacia detinens, schon von weitem. Das Gebüsch stand nicht so dicht, daß nicht ein landesgewohntes Tier wie Jager hätte hindurchkommen können, und in der That wand sich Jager, obwohl in vollem Laufe, einem Aale gleich hindurch, indem er die stacheligen Büsche vermied. Aber dem Engländer ging es nicht so gut. Pieter Maritz blickte sich wieder um und mußte lachen, als er einen langen Riß in der Brust des prächtigen Waffenrocks klaffen und den einen Schoß in Fetzen herabhängen sah. Von der Brust des schwarzen Pferdes und an seinen Beinen lief das Blut herab, und der Schweiß rieselte an ihm nieder. Der Engländer hatte die Lippen zusammengepreßt, seine Augen funkelten vor Wut, und sein Gesicht war vor Hitze so rot wie sein Rock.
Jetzt brach Jager aus dem Dickicht hervor, und gleich hinter ihm kam das schwarze Pferd. Der Boden war hier so eben wie eine Tenne, das Gras kurz, und kein Hindernis auf wohl tausend Schritte Entfernung. Die langen Beine des englischen Rassepferdes gewannen hier Vorteil, und so schnell Jager lief — der Engländer kam, von heftigen Sporenstößen getrieben, jetzt vor, die Nase des Rappen schnob auf Jagers Kruppe, und schon streckte der Offizier die Hand aus, um Pieter Maritz zu ergreifen. Da bog der Knabe aus und lenkte seitwärts. Er fürchtete sich nicht, mit dem Leutnant ins Handgemenge zu kommen; er vertraute darauf, ihn mit dem Hirschfänger fern halten zu können, wenn er wollte, aber es galt die Ehre des Reitens. Noch hatte Jager nicht seine beste Kraft eingesetzt. Auch wollte der Engländer offenbar nicht von seinem Revolver Gebrauch machen. Ritterlichkeit und Eitelkeit verboten dem vornehmen jungen Mann, sich in diesem Wettrennen anderer Waffen als der Schnelligkeit seines Pferdes und seiner bloßen Hand zu bedienen.