König Tschetschwajo führte seine Absicht aus, den englischen Offizier wie einen Häuptling zu ehren, und er verfolgte dabei hauptsächlich den Plan, diesem seine Macht anschaulich zu machen. Er hatte schon zum Empfange seiner Gäste mehr Truppen in der Hauptstadt zusammengezogen, als für gewöhnlich dort zu sein pflegten, indem er die Regimenter aus den zunächst liegenden Garnisonen hatte heranmarschieren lassen. Das bemerkten die Weißen an der Überfüllung mit Kriegern, deren unmöglich so viele für gewöhnlich in Ulundi versammelt sein konnten. Überall lagen die schwarzen Speerträger in den Hofräumen umher und durchstreiften haufenweise die Gassen. Nunmehr aber brach der König von Ulundi auf, um seine Residenz weiter nach Norden zu verlegen, und er lud seine Gäste ein, ihn zu begleiten, da er ein Manöver zu ihren Ehren abhalten wollte.
Begleitet von den Kriegern seines Hofstaates, machte sich der König am zweiten Tage nach dem Hoffeste auf, als seine Armee schon unterwegs war. Die Weißen sattelten ihre Pferde und schlossen sich dem königlichen Zuge an, sie allein beritten, während der König selbst gleich dem ganzen Heere zu Fuße ging. Denn Pferde gab es sehr wenige im Zululande, und die Armee bestand nur aus einer einzigen Waffengattung, der Infanterie. Nur die obersten Indunas, welche über mehrere tausend Mann kommandierten, waren beritten.
Die schwere Figur des Königs erlaubte ihm nicht, so weit und schnell zu marschieren, wie seine Truppen zu marschieren pflegten, gleichwohl wurde an diesem Tage gar manche Meile zurückgelegt. Gegen Abend kamen sie auf einer weiten Ebene an, wo ihnen viele Feuer schon von weitem verkündigten, hier sei der Sammelplatz der Armee. Dichte lange Reihen von Kriegern waren aufgestellt, um den König zu empfangen, und eine Anzahl bienenkorbförmiger Hütten war in aller Eile errichtet worden, um ihn und sein Gefolge aufzunehmen. Auf zwanzig Eseln und auf den Köpfen von hundert Trägern wurden Speise und Trank herbeigeschleppt.
Am folgenden Morgen bot sich den Weißen das Schauspiel einer Armee von wohl zwanzigtausend Mann, welche regimenterweise aufmarschiert war, um das Manöver auszuführen. Einige der Regimenter zählten nur vierhundert oder fünfhundert Mann, andere waren bis zu zweitausend Mann stark. In jedem Regiment waren die Krieger gleichen Alters, die jüngsten Regimenter bestanden aus Leuten von fünfzehn und sechzehn Jahren, die jedoch schon schlank und groß, obwohl nicht stark waren. Mit ohrenbetäubendem Gesang empfingen sie den Monarchen, als er mit seinem Hofstaat herankam, um sie zu besichtigen. Er zog unter diesem Gesange an ihren langen Reihen vorbei und stellte sich dann auf einem Hügel auf, von wo er den Bewegungen der Truppen zusehen wollte. Hierbei ließ er den Lord neben sich stehen und bediente sich der Vermittelung des Missionars, um sich mit ihm zu unterhalten. Er erklärte dem jungen Engländer, während die schwarzen Regimenter sich ordneten, daß in seinem Volke jeder kräftige Mann dienen müsse. Schon als Knaben würden die männlichen Einwohner unter Offizieren vereinigt, um es zu lernen, zu marschieren, zu laufen, den schweren Schild zu tragen und den Speer zu führen. Dann würden sie je nach dem Alter zu Regimentern vereinigt. Niemand dürfe heiraten ohne königliche Erlaubnis, und diese Erlaubnis werde auch nicht den einzelnen Leuten, sondern gleich ganzen Regimentern verliehen. Sie sei die Belohnung für ausgezeichnete Kriegsdienste, denn nur solche Regimenter, welche bereits im Felde und in der Schlacht ihre Tüchtigkeit bewährt hätten, erhielten Frauen zugewiesen. Aus diesen erprobten Regimentern würden die Offiziere genommen welche die jungen Regimenter befehligten, und deshalb sei die Bezeichnung »verheirateter Mann« ein Ehrentitel in der Armee. Die Offiziere führten diese Bezeichnung als Titel.
Das Manöver bestand aus regelrechten Bewegungen der Truppen. Sie waren in zwei große Schlachthaufen formiert, deren jeder von einem Bruder des Königs befehligt wurde. Der eine hieß Dabulamanzi, der andere Sirajo. Diese beiden ritten auf Pferden und saßen nackend auf Tigerfellen, die anstatt der Sättel dienten, ohne Steigbügel. Die Regimenter wurden in dichte Kolonnen formiert, dann wieder zu langen Linien auseinander gezogen, machten Schwenkungen und bildeten verschiedenartige Schlachthaufen, welche auf ein bestimmtes Zeichen gegen einen und denselben Angriffspunkt losstürmten. Der Lord war erstaunt über die Genauigkeit, mit welcher alle diese Bewegungen ausgeführt wurden, vor allem aber über die Schnelligkeit, mit welcher die Truppen sich bewegten. Sie machten die meisten Evolutionen im Laufschritt, und dieser Laufschritt war viel stärker, als ihn der Engländer je gesehen hatte. Ermüdung schienen diese Truppen nicht zu kennen.
Des Königs Antlitz leuchtete vor Stolz, als der Lord ihm seine Bewunderung über die Manöver durch den Missionar aussprechen ließ. Er befahl einigen der Krieger näherzukommen und zeigte dem Engländer ihre Bewaffnung. Der große Schild, den alle trugen, war fünf Fuß hoch, aus dem stärksten Ochsenfell gemacht und wog so schwer, daß der Lord einsah, er selber würde nicht imstande sein, ihn zehn Minuten lang zu tragen und dabei zu laufen. Die Speere waren von zähem Holz mit breiten langen Stahlspitzen. Die Assagaien hatten sehr leichte Rohrschäfte und lanzettenförmige Spitzen, oft auch noch Widerhaken hinter der Spitze. Der König erklärte, daß beim Angriff zuerst die Assagaien geschleudert würden, dann aber der starke Speer gebraucht würde, welcher für das Handgemenge bestimmt sei, und daß hierin die Überlegenheit seiner Krieger über alle andern schwarzen Krieger begründet liege. Denn jene schleuderten nur ihre leichten Speere und verließen sich allein auf den Kampf aus der Ferne, weshalb sie auch leichte Schilde führten; aber die Zulus griffen Mann gegen Mann an, und sie könnten keinen Kampf führen ohne zu siegen oder fast alle zu fallen. Um die Schnelligkeit der Truppen zu zeigen, ließ er ein halbes Regiment herankommen und bat den Lord, seinen Rappen zu besteigen und die Schar zu begleiten, während sie einigemal die Ebene auf und nieder liefe. Der Lord stieg auf, und auch Pieter Maritz erhielt die Erlaubnis, mitreiten zu dürfen.
Die Zulus brachen in einem regelmäßig gebildeten Haufen von fünfzig Gliedern zu je zehn Mann auf, und ein »verheirateter Mann« war an ihrer Spitze. Ihre roten Schilde hingen ihnen am linken Arm, und in der linken Hand trugen sie drei Assagaien, den Speer trugen sie auf der rechten Schulter, und die roten Federn auf den Haarkronen nickten im Winde. Sie gingen im Laufschritt ab, und der Lord und Pieter Maritz folgten ihnen zu Pferde. Die Reiter mußten im kurzen Trabe reiten, um mit dem Fußvolk Schritt halten zu können. Glühend brannte die Sonne, und die Waffen der Krieger, ihre Perlenketten, elfenbeinernen und metallenen Ringe blitzten, die weißen Ochsenschwänze auf der Brust und an den Beinen glänzten hell. Zu Anfang ritten die Jünglinge hinter der Kolonne, da ihnen aber der starke Geruch des reichlichen Fettes, womit die Zulus eingerieben waren, gerade ins Gesicht wehte, bogen sie in schnellerer Gangart ab und ritten neben der Truppe. Der Lauf der Krieger blieb immer derselbe. Sie liefen so weit nach Westen, bis der Hügel, auf dem der König stand, kaum noch zu erkennen war, dann wendeten sie nach Süden, beschrieben einen großen Bogen und liefen nach Osten zurück. Die Pferde schnoben stärker, sie fingen an warm zu werden, aber die Zulus blieben in demselben Laufschritt, und kein Stöhnen oder Keuchen war zu hören. Gleichmäßig tönte das Stampfen von tausend nackten Füßen, das Klirren der Ringe und Ketten, und mit immer derselben Schnellkraft bewegten sich die schlanken Beine. Wohl mochten sie auch warm geworden sein, aber es war kein Schweiß auf den glänzenden, schwarzen Leibern und in den Gesichtern zu erkennen, aus deren tiefer Nacht die herrlichen weißen Zähne hervorleuchteten.
»Ob die Kerle wirklich nicht schwitzen?« fragte der Lord den Knaben. »Vielleicht sehen wir nur den Schweiß nicht, weil das Fett die Poren verklebt. Alles glänzt, man weiß nicht, ob es Öl oder Schweiß ist.«
»Ich glaube nicht, daß sie schwitzen,« antwortete Pieter Maritz. »Sehen Sie, Mylord, ihr Atem geht ganz ruhig, und sie rollen die Augen vor lauter Vergnügen über ihre befriedigte Eitelkeit. Sie sind stolz, daß sie sich vor ihrem Könige zeigen dürfen.«
Der Lord sah auf seine Uhr. Der Lauf hatte bereits eine halbe Stunde gedauert und schien eher schneller als langsamer zu werden. Es ging in östlicher Richtung weiter, bis wiederum der König mit seinem Hofstaat kaum noch zu erkennen war, dann bog der »verheiratete Mann« an der Spitze nach Norden, machte einen großen Bogen und führte die Schar dem Könige, nach Westen laufend, wieder vor. Eine volle Stunde war vergangen, als die Kriegerschar wieder vor dem Hügel ankam, und in derselben Ordnung, wie sie abgegangen war, ohne daß ein einziger Mann gestürzt oder zurückgeblieben wäre, lief sie heran. Auf ein Wort hielt sie an und brach in ein furchtbares Gebrüll aus, welches bezeugte, daß sie alle gut bei Atem waren.
Der König lächelte, als der Lord ihm sein Erstaunen aussprach. »Meine Truppen marschieren einen Tag und eine Nacht hindurch, ohne sich auszuruhen,« sagte er stolz. Darauf ließ er einzelne Leute vortreten und mit den Assagaien nach der Scheibe werfen. Ein Ziel von der Größe einer Hand ward aufgestellt, und die Krieger warfen auf eine Entfernung von hundert Schritten. Es mochten wohl die besten Schützen ausgewählt worden sein, denn sie trafen mit nie irrender Sicherheit. Dann erwies der König der Truppe, welche sich vor ihm hatte besonders zeigen dürfen, eine Gnade. Er sandte Humbati den Hügel hinab und ließ ihr sagen, sie sollte heiraten. Es war eine noch junge Truppe, und diese Erlaubnis war eine hohe Gunst, da sie nicht nach der Schlacht, wie sonst üblich gegeben wurde. Die Krieger gerieten in einen wahren Taumel des Entzückens. Sie stimmten den Kriegsgesang an und sprangen mit so gellenden Rufen vom Platze aus in die Höhe und dann wieder auf dieselbe Stelle nieder, daß sie einen schreckenerregenden Anblick boten. Des Lords Rappe und Jager, welche von einigen Zulus am Zaume gehalten wurden, bäumten sich voll Entsetzen auf.
Doch hatte das Manöver einen unerwarteten Schluß, der die Herzen der Weißen mit Grauen erfüllte. Nachdem gegessen worden war, bei welcher Mahlzeit der König und sein Gefolge gebratenes Ochsenfleisch und ein sehr dünnes Bier, die Truppen eine Art von Zwieback aus Kafferkorn und kleine Stücke Kürbis erhielten, brach der König mit einem Teile des Heeres noch weiter nach Norden hin auf. Der andere Teil des Heeres ward entlassen und trennte sich, indem die einzelnen Regimenter für sich abzogen und ihre Dörfer wieder aufsuchten. Der Marsch ging mehrere Stunden weit, und die Weißen fragten sich untereinander, wohin es wohl gehen möge. Gegen Abend sahen sie ein Dorf vor sich liegen, und nun verteilte der König die Truppen so, daß sie das Dorf ringsum einschlossen. Man konnte von weitem erkennen, daß die Bewohner herausliefen und ängstlich hin und her rannten, aber sich nicht von den Hütten entfernten. Mit einem Male stürzten die Krieger Tschetschwajos sich von allen Seiten gegen das Dorf und schrieen dazu in furchtbarer Weise. Wie ein Sturmwind packten sie den dunklen Haufen von Hütten an, und bald verkündeten Angstrufe ein entsetzliches Ereignis. Flammen schlugen aus dem Dorfe auf, und bei ihrem Scheine sah man, daß die Einwohner getötet wurden. Männern und Weibern wurde der Speer durch die Brust gestoßen oder der Schädel mit dem Knopf des Kirri eingeschlagen, und die Kinder wurden in die Flammen geschleudert. Die Weißen schrieen vor Mitleid und Abscheu laut auf, und der Missionar lief vor den König und bat ihn um Schonung. Tschetschwajo war aber nur verwundert über diese Bitte, rührte keine Hand, um dem Gemetzel Einhalt zu thun, und erklärte, das Dorf habe seine Unzufriedenheit erregt, weil dort ein Häuptling herrsche, der seinen Befehlen nicht mit der gehörigen Eile nachkäme. Er vermute, daß meuterische Pläne in dem Dorfe geschmiedet würden.
»O, das ist schrecklich, König, das ist schrecklich!« rief der Missionar empört. »Deine eigenen Unterthanen läßt du eines Verdachts wegen ermorden? Selbst die Weiber und Kinder werden nicht verschont?«
König Tschetschwajo war von einem zahlreichen Gefolge umgeben, welches wie gewöhnlich jede seiner Handlungen mit lautem Beifallsgeschrei begleitete, und dies Hofgesinde hatte soeben beim Anblick des brennenden Dorfes laut gerufen, hier sei die Gerechtigkeit des großen Königs bewundernswert. Als die Schmeichler die Worte des Missionars hörten und seine aufrechte Gestalt vor dem Tyrannen, sein von Entrüstung belebtes Antlitz sahen, befiel sie ein gewaltiger Schrecken. Es wurde stumm in ihrem Kreise, und betroffen wichen sie von dem Manne zurück, den sie sonst als einen Günstling des Herrschers mit der größten Aufmerksamkeit und Demut zu behandeln gewohnt waren. Tschetschwajo selbst richtete einen finstern Blick auf den alten Mann, und eine Sekunde lang bewegte sich seine rechte Faust nach dem Elfenbeingriff des Streitkolbens hin, als wolle er dem kühnen Redner den Kopf einschlagen. Aber er besann sich.
»Mein Vater ist sehr weise,« sagte er, »aber dies sind die Angelegenheiten des Königs, und davon versteht mein Vater nichts.«
Nach diesen Worten drehte er sich um und ging schnellen Schrittes davon, indem er sich von dem Schauplatz des Strafgerichts entfernte. Sein Hof folgte ihm. Im Weitergehen erteilte er einige Befehle, und mehrere Offiziere liefen eiligst davon und begaben sich zu den Truppen. Der Ton des Kommandos erscholl durch die Reihen hin, und die Weißen sahen, daß die Truppen zusammengezogen wurden und dann das Feld verließen. Nur zweihundertundfünfzig Mann vom Regiment der blauen Schilde folgten dem Könige. Auch die Weißen, welche noch in Betrachtung des furchtbaren, mörderischen Anblicks vertieft stehen geblieben waren, erhielten Weisung, dem Könige zu folgen.
Tschetschwajo ging wohl eine Stunde weit, bis von dem Rauch und Brand des Dorfes nichts mehr zu sehen war. Dann ließ er bei einem Gehölz Halt machen und befahl, das Nachtlager aufzuschlagen. Er war augenscheinlich übler Laune, und die Weißen merkten, daß er sich teilweise schämte, ihnen ein Schauspiel geboten zu haben, von welchem er zu spät merkte, daß es ihnen peinlich sei, daß er aber teilweise auch erzürnt war über den Tadel des Missionars. Das Gefolge schlich stumm um den König herum, indem ein jeder in Angst war, das Gewitter könne sich in einem Blitzschlage auf sein Haupt entladen. Tschetschwajo legte sich, in seinen Löwenmantel gehüllt, in das Gras unter einem Baume, das Gefolge, etwa hundert Männer, ahmte ihm nach, indem es in weitem Kreise um ihn her sich niederlegte, die Diener mit dem Küchengerät lagerten sich etwas weiter entfernt, nachdem sie vorher einige Lagerfeuer angezündet hatten, und die Blauschilde stellten ihre Speere zusammen, legten die Schilde nieder und kauerten sich unter den Bäumen nackend ohne Mäntel oder Decken nieder. Pieter Maritz suchte einen Platz zwischen mehreren hohen Büschen aus und ließ dort von den Dienern die Mäntel zum Lager bereiten und in der Nähe die Pferde anbinden, denn die Weißen hatten sich von ihren Dienern begleiten lassen.
Leise unterhielten sich die Weißen. Sie waren in schmerzlicher Aufregung.
»Da sehen Sie, mein Herr, wie sehr die englische Regierung recht hat, mit diesen wilden Fürsten aufzuräumen,« sagte der Lord. »Ich muß gestehen, daß mir selbst angesichts der königlichen Gastfreundschaft Zweifel gekommen sind, ob ich nicht treulos handelte, indem ich eine Botschaft an den Gouverneur übernähme, von deren Erfolglosigkeit ich doch überzeugt bin. Als Sie mir den Auftrag des Königs überbrachten, da fühlte ich etwas wie Gewissensbisse. Ganz Europa wirft uns vor, daß wir treulos und grausam ein Volk von Wilden und Halbcivilisierten nach dem andern zu Grunde richteten. Aber nun ich dies gesehen habe, mache ich mir keine Sorge mehr um Tschetschwajos Schicksal. Ist er doch wie ein wildes Tier! An mir bebt noch alles. Ich sehe die Gestalten der verzweifelnden Frauen vor mir und sehe die Kinder verbrennen — nie wird sich dieser Anblick aus meinen Augen verwischen lassen.«
Erst spät schliefen die Weißen ein. Doch nach wenigen Stunden schon wurden sie durch einen Lärm geweckt. Das furchtbare Brüllen des Löwen erscholl, und ein gellender Schrei folgte unmittelbar darauf. Nun ward das ganze Lager lebendig.
Als Pieter Maritz aufsprang und sich die Augen gerieben hatte, denn er war noch schlaftrunken und konnte nicht gleich sehen, bemerkte er, daß die Feuer erloschen waren, während der erste Tagesschimmer, ein rotes Flammen am östlichen Horizont, über den Himmel hinzuckte. Offenbar hatten die Diener, von Müdigkeit überwältigt, die Feuer vernachlässigt, diese waren erloschen, und infolgedessen war ein Löwe so dreist geworden, in das Lager einzubrechen. Nur das eine Brüllen und der eine Schrei war zu vernehmen gewesen, jetzt war davon nichts mehr zu hören, und dafür erscholl das Lager vom Klang der Schilde und Speere und von vielen Rufen. Aber unter dem donnernden Ruf der Stimme Tschetschwajos erstarb auch dieser Lärm. Der König war wütend. Schon übelgelaunt am Abend vorher, war er durch den Überfall des Löwen, der ihn aus dem Schlafe geweckt hatte, ganz um seine sonstige Fassung gekommen. Pieter Maritz näherte sich ihm vorsichtig, indem er zwischen Büschen ungesehen hinschlich, und sah den König seinem Gefolge drohen. Gleich darauf sah er die schwarzen Krieger sich versammeln. Er erfuhr, daß ein Löwe eingebrochen sei und einen der Diener erwürgt habe. Durch die zahlreiche Mannschaft sei er sofort verscheucht worden, doch habe er den Getöteten mit sich geschleppt.
Tschetschwajo, außer sich vor Wut, befahl seinen Kriegern, ihm den Löwen lebendig zu bringen. Mit eigener Hand wolle er das Tier töten, das so kühn gewesen sei, in das königliche Lager zu dringen. Und gehorsam legte die Abteilung vom Regiment der blauen Schilde die Speere, Kirris und Schilde ab, um mit bloßen Händen auf die Jagd zu gehen. Sie durften ja das Tier nicht töten, und auch der Schilde entledigten sie sich, um schneller laufen zu können und beide Hände frei zu haben. Dafür rissen sie Weidenzweige ab und nahmen Stricke vom Küchengerät der Diener.
Als Pieter Maritz diese Vorbereitungen sah, lief er eilends zurück, teilte dem Missionar und dem Lord die Sache mit und sattelte Jager. Seine Freunde wollten nicht glauben, daß es wirklich so sei, aber Pieter Maritz irrte sich nicht. Er warf die Büchse über die Schulter, um für den Fall der Not bewehrt zu sein, und ritt aus, um die waffenlosen Jäger zu begleiten. Der Lord verzichtete darauf, mitzureiten, weil er nur seinen Degen hatte und weder sich noch sein Pferd einer möglicherweise sehr großen Gefahr aussetzen wollte.
Als Pieter Maritz aus dem Gehölz hervorkam, wobei er eine Stelle wählte, welche der König nicht überblicken konnte, fand er die Krieger bereits auf dem Marsche. Sie waren in eine lange Kette auseinander gezogen und suchten die Spuren des Löwen im Grase. Kein Murren, keine Weigerung und auch keine Furcht zeigte sich bei ihnen, und da sie ganz unbeschwert von Waffen waren, liefen sie wie Windhunde. Pieter Maritz mußte den stärksten Trab reiten, um ihnen folgen zu können.
Es war Tag geworden, und die grüne Flur war mit rotem Licht übergossen. Weithin schimmerte die Ebene, und nur hier und da standen kleine Gehölze und Haufen von Gestrüpp inmitten der Landschaft. Offenbar steckte der Löwe mit seiner Beute in einem der Dickichte. Sehr weit war er gewiß nicht entflohen, denn er hatte ja den schweren Körper des getöteten Dieners mit sich zu schleppen. Der Plan der Schwarzen war sehr einfach. Nachdem sie die Spuren des Raubtiers gefunden hatten, liefen sie in langer dünner Reihe in der gefundenen Richtung hin, umkreisten unterwegs die Gebüsche und Gehölze und suchten sie ab. Sie gingen dabei mit solcher Kühnheit zu Werke, daß der Knabe sich verwunderte. Er selbst blieb vorsichtig in der Ferne halten, wenn man vor ein Dickicht kam. Aber die Schwarzen hielten nur die Mitte ihrer langen Linie an, um den Löwen nicht vorzeitig zu verscheuchen, schwenkten mit dem rechten und linken Flügel herum, bis sie das Dickicht umklammert hatten und liefen ohne Besinnen hinein, als suchten sie einen Springbock oder ein Gnu. Auf diese Weise verfolgten sie ihren Weg und durchsuchten ein Gehölz nach dem andern. Ihre elastischen schwarzen Glieder waren in beständiger schneller Bewegung, und sie rannten und sprangen mit kaum begreiflicher Kraft.
Diese Treibjagd stöberte gar manches Wild auf. Kleine Antilopen, welche Taucher genannt werden, da sie plötzlich aus hohem Grase aufzuspringen und dann ebenso schnell in einem Busch zu verschwinden pflegen, wurden viel gesehen. Allerhand Vögel, Perlhühner, wilde Tauben, welche nur so groß wie Lerchen waren und lange Schwänze hatten, Kiebitze, Finken und Wachteln stiegen auf, während die zweihundertundfünfzig Krieger durch das Gras und das Buschwerk hin suchten. Einmal ward sogar das gefleckte Fell eines Leoparden im Gebüsch sichtbar, aber erschrocken vor dem Anblick so vieler Männer zog er sich zurück, und er ward nicht gejagt, da dies nicht befohlen war.
Nachdem schon sechsmal vergeblich ein undurchsichtiges Dickicht abgesucht worden war, kam die Schar vor ein aus hohen Mimosen gebildetes Versteck, in welchem Felsblöcke lagen, die teilweise aus den stacheligen Zweigen mit rotbrauner Färbung hervorblickten. Ohne Zaudern warfen sich die Zulus hinein, indem sie nur die scharfen Stacheln der Akazien vorsichtig umgingen. Es dauerte nicht lange, so ertönte aus dem Innern die tiefe, grollende Stimme des Königs der Tiere. Ein gellender Ruf aus Hunderten von rauhen Kehlen antwortete ihm. Pieter Maritz hielt außerhalb, auf halbe Schußweite vom Saume, und die Büchse lag ihm quer über dem Sattel. Sein Herz klopfte, indem er sich vorstellte, was da drinnen vorgehen möge. Denn jetzt mischten sich brüllende Töne zu wiederholten Malen mit menschlichem Schrei. Plötzlich erschien der Löwe für den Knaben sichtbar auf einem hervorragenden Felsstücke. Es kam dem Knaben vor, als sei das Tier in Verwirrung, denn indem es nach unten blickte, stieß es Schreie aus, die fast wie das Heulen eines Hundes klangen. Aber nach wenigen Sekunden schon erschienen blaue Federn und schwarze Haarkronen auf dem Felsen. Die Zulus kletterten am Felsen empor. Der Löwe schien verwundert und in Furcht zu sein. Er kauerte nieder und sprang mit einem ungeheuern Satze über mehrere Akazien weg, die wohl zwanzig Fuß hoch waren, und kam nun außerhalb des Dickichts zur Erde. Pieter Maritz konnte ihn genau sehen. Er war sehr groß, seine gelbe Mähne war nahe dem Halse sehr dunkel, und schwarze Zotteln hingen an den Beinen. Er peitschte die Erde mit dem Schweif und brüllte wiederholt, indem er auf den verlassenen Schlupfwinkel zurückstarrte. Jager zitterte an allen Gliedern, stieg in die Höhe, und nur mit Mühe vermochte der Knabe ihn auf dem Flecke zu halten. Aber jetzt stürmten die Zulus aus dem Dickicht hervor, voll Angst, daß die Bestie ihnen entfliehen könnte. Sie fürchteten sich mehr vor ihrem Könige als vor den Tatzen und Zähnen des Löwen. Wie Hunde auf den Eber, so warfen sie sich ohne Besinnen auf das starke, wilde Tier.
Ein entsetzlicher Kampf hub an. Mit einem Schlage seiner Tatze hieb der Löwe den vordersten der Angreifer zu Boden, indem er ihm Brust und Leib zerschmetterte. Drei andere warf er in einer raschen Wendung mit Blut bedeckt nieder, und einem fünften zerfleischten seine Zähne den Arm von der Schulter bis zum Ellbogen. Aber die Zulus warfen sich über ihn, ohne nachzulassen. Ihre schwarzen Fäuste packten seine Mähne, seine Tatzen, seinen Schweif, seine Nase, ja sie packten in den Rachen und ergriffen seine Zunge. Ihre Zähne mußten helfen, sie bissen sich wie Tiere in seine Haut und in seine langen Haare ein und hielten ihn ebensowohl mit ihren Gebissen wie mit den Händen fest. Ein schrecklicher Knäuel wälzte sich am Boden. Die gelbe Form des Tieres war wie erdrückt unter schwarzen Gliedern, doch steckte eine so unbändige Kraft in dem Löwen, daß er noch zweimal in die Höhe kam und sich oberhalb der schwarzen Leiber wälzte. Aber die Zulus ließen nicht los, und nach einem Ringen, das mehrere Minuten dauerte, lag der Löwe, an allen vier Pranken fest geschnürt, machtlos am Boden. Ein Strick verschloß auch seinen Rachen, so daß nur noch ein dumpfes Stöhnen aus seiner Brust hervordringen konnte. Aber außer drei Toten lagen noch sechs schwer verwundete Männer neben dem Untier im Grase.
Die Zulus stießen ein Jubelgeheul aus. Sie liefen in das Dickicht zurück und holten die Überreste des vom Löwen fortgeschleppten Dieners heraus, zum Beweise dafür, daß sie ihrem Könige den richtigen Löwen brächten. Dann legten sie die Verwundeten auf Tragbahren und trugen sie zum Lager zurück, den Löwen aber schleiften sie an einem Stricke über das Gras hin.
Tschetschwajo saß auf seinem Schilde inmitten seines Hofstaats, als der Zug herankam. Demütig trat der Anführer vor ihn und meldete, man bringe den Löwen. Tschetschwajo erhob sich und befahl, den Löwen auf die Füße zu stellen und ihm die Fessel vom Rachen zu nehmen. Gehorsam führten die Krieger den Befehl aus. Dem Löwen wurden die Bande so weit gelockert, daß er stehen konnte, und als er den Rachen wieder öffnen konnte, stieß er ein mehr klagendes als drohendes Gebrüll aus. Er war etwas betäubt und schwankte auf den Füßen, auch hatte er unzählige kleine blutige Flecken auf dem Fell, aber er hatte keine schwere Wunde.
Tschetschwajo sah den Löwen an, und seine Augen bekamen einen wilden Ausdruck. Der Missionar beobachtete ihn und bemerkte, wie die kleinen Adern im Weißen des Auges sich mit Blut füllten. Noch niemals war ihm so deutlich wie in diesem Augenblick die Wildheit des Königs aufgefallen, der, indem er dem Löwen gegenüberstand, sich selbst als löwenähnlich zeigte. Denn er fühlte sich von dem Tiere beleidigt, er zürnte ihm, als sei es seinesgleichen. Er trat dem Löwen nahe und schleuderte ihm Verwünschungen zu, er drohte dem Tiere und bestrafte es mit Worten. Endlich aber erhob er den schweren Elfenbeinstab und schlug dem Tiere damit über den Kopf, daß es ingrimmig aufheulte, und auf des Königs Wink stießen ihm einige Herren vom Hofe den Speer in die Rippen und töteten ihn vollends.
Ein lautes Triumphgeschrei ertönte. »Der König hat gestraft! Der mächtige Elefant hat sich gerächt! Stark ist die Hand des Königs der Könige! Pezulu! Pezulu!« rief der Hofstaat und riefen die Blauschilde.
Dem Könige selbst schien die Bestrafung des Tieres das Herz erleichtert zu haben. Sein Gesicht wurde freundlicher, er lud zum Essen ein und unterhielt sich mit dem Missionar. Durch diesen ließ er dann dem Lord mitteilen, er gedenke ihm zu Ehren eine Elefantenjagd abzuhalten. Nach dem Frühstück sollte aufgebrochen werden.
Die ehemals so zahlreichen großen Dickhäuter hatten im südlichen Afrika unter den beständigen Verfolgungen der Menschen so sehr gelitten, daß weder der Lord noch auch Pieter Maritz jemals einen Elefanten zu sehen bekommen hatten. So versetzte die Nachricht der bevorstehenden Jagd beide in große und freudige Aufregung. Der Missionar nahm an dieser Freude jedoch keinen Teil. Er erzählte, daß er oft Elefanten gesehen habe und oft an der Jagd auf sie teilgenommen habe zu früheren Zeiten, wo diese Tiere noch das Gebiet des Transvaallandes und Oranje-Freistaates durchzogen. Aber immer habe es ihm leid gethan, wenn er hätte sehen müssen, daß so gewaltige und so kluge Tiere nur um ihrer Stoßzähne willen hätten sterben müssen, ja oft sogar nur aus Grausamkeit von eifrigen Jägern erlegt worden seien. »Wenn Raubtiere gejagt werden,« sagte der Missionar, »so finde ich es recht und gut, und auch die Jagd auf eßbares Wild ist notwendig. Aber Elefantenjagd hat mir immer Unbehagen verursacht.«
Der Lord und Pieter Maritz dachten anders und sahen der Jagd mit Spannung entgegen. Nur darüber waren sie nicht erfreut, daß sie selbst schwerlich anders wie als Zuschauer würden teilnehmen können. Der Lord war ganz ohne Waffen, da sein Pallasch nicht gerechnet werden konnte, Pieter Maritz aber durfte mit dem kleinen Kaliber seiner Büchse auch nicht darauf zählen, die Haut des Elefanten wirksam zu durchbohren. Beide waren sehr begierig, zu sehen, wie der König seine Jagd einrichten werde.
Tschetschwajo, der sich durch Boten über die Anwesenheit von Elefanten an den Ufern des Schwarzen Umvolosi hatte unterrichten lassen, brach nach kurzer frugaler Mahlzeit auf, und seine gesamte Begleitung folgte ihm. Es ging noch weiter nach Norden, und den ganzen Tag, bis zum Abend, wurde marschiert. Das hügelige Land wurde immer gebirgiger, je weiter der Marsch ging, schroffe Berge stiegen auf und dunkle Thäler wurden durchschritten. Endlich, als die Sonne sank, wurde der Fluß erreicht. In einem Thale wurde Halt gemacht und gespeist, während ein Induna vom Hofe, der das Amt eines Hofjägermeisters versah, mit einer Jägerschar weiterging, um die Elefanten zu suchen. Dann, als der Mond aufgegangen war, brach der König wieder auf und folgte dem Hofjägermeister, welcher inzwischen Nachricht über die gesuchten Tiere gebracht hatte.
Eine wunderbare Beleuchtung herrschte im Umvolosi-Thale, indem das felsenreiche Ufer mit seinen schroffen Höhen von oft seltsamer Form den Schein des Mondes hier hemmte, dort in voller Klarheit durchdringen ließ. An einigen Stellen zogen sich Thäler, welche die Höhenzüge quer durchbrachen, zum Flusse hin, und die niedrig stehende helle Planetenscheibe leuchtete an solchen Stellen mit silbernem Glanze über den Fluß hin und gab den stachligen Gewächsen, welche das Wasser umsäumten, durch den Wechsel von Licht und Schatten oft höchst sonderbare Formen. Nicht selten stockte der Zug, indem die vorangehenden Jäger, durch die eigentümliche Gestaltung eines Busches getäuscht, die dunkle Masse oder in dem vorgestreckten Ast einer Euphorbiazee den Rüssel eines Elefanten zu sehen glaubten. Oft gelang es nur mit Mühe, den Weg fortzusetzen, da Urwald bis an das Wasser herantrat und nur der Pfad, den die Elefanten selbst hier gebahnt haben mußten, hindurchführte. An manchen Punkten lagen starke verwitterte Baumstämme halb im Wasser, halb am Ufer, und während zugleich dunkle Körper sich im Flusse bewegten, welche als Alligatoren erkannt wurden, entstand oft der Zweifel, ob der lang gestreckte Schatten am Wege ein gestürzter Baum oder der schuppige Leib des gefährlichen Amphibiums sei. Die Weißen ritten nebeneinander hinter der Schar der Blauschilde, und das Herz der jungen Leute klopfte vor Erwartung. Der Missionar jedoch ritt ruhig seines Weges, und der gedankenvolle Ausdruck seines Gesichts zeigte, daß sein Geist mit andern und höheren Gegenständen beschäftigt war.
Jetzt ging eine Bewegung durch den lang gestreckten Zug. Von der Spitze aus pflanzte sich ein leises Flüstern und ein Winken fort, und alle hielten an. Der König, welcher an seinem Stabe dahinschritt und der Schar des Hofjägermeisters folgte, gab den Blauschilden Befehl, seitwärts abzubiegen und in einem weiten Bogen wieder an den Fluß heranzukommen. Als die Schwarzen sich nun geräuschlos seitwärts geschlichen hatten, so daß der Weg frei geworden war, ritten die drei Weißen vorwärts und gelangten an die Stelle, wo der König stand. Er wies mit ausgestreckter Hand nach vorn, und die Weißen erblickten nun in der Entfernung von etwa tausend Schritten mehrere dunkle Gestalten, die sich am Saume des Wassers und im Wasser selbst bewegten. Deutlich sah man die schwarzen Körper sich von der glänzenden Oberfläche des Flusses abheben, und ihre Größe ließ keinen Zweifel darüber, daß es die Tiere seien, welche Gegenstand der nächtlichen Jagd waren. Zu der Stelle hin, wo sie badeten und tranken, führte ein Seitenthal, und offenbar war hier ihre gewohnte Tränke. Der König hatte die Blauschilde abgeschickt, um aus jenem Thal hervor gegen die Tiere vorzubrechen und ihnen dort den Weg zu verlegen, falls sie etwa die Annäherung der Jäger bemerken und durch das Seitenthal entfliehen sollten. Der König selbst ging mit seiner Begleitung langsam weiter, um den Blauschilden Zeit zu lassen, herumzukommen. Er trug jedoch selbst keine Waffe und hatte augenscheinlich nicht die Absicht, sich selbst an der Jagd zu beteiligen, sondern wollte nur zusehen, wie seine Jäger die Tiere erlegten. Als man den Tieren so nahe gekommen war, daß man sie zählen und ihre Rüssel und Stoßzähne erkennen konnte, ging der König nicht weiter, sondern stieg seitwärts auf einen Felsen, von wo aus er das Flußthal übersehen konnte. Dorthin ließ er sich vom Missionar und von Lord Fitzherbert sowie einer kleinen Schar Indunas begleiten. Alle stiegen hinauf und stellten sich auf einen Vorsprung, der wie eine Tribüne gestaltet war. Hier konnten sie den Verlauf der Jagd in Sicherheit verfolgen.
Pieter Maritz stieg vom Pferde, froh, daß er die Jäger begleiten konnte, und übergab Jager einem der Diener, welche zurückblieben. Dann schloß er sich dem Hofjägermeister an und schlich mit diesem im Schatten der Uferbüsche vorwärts. Hinter einem Weidenstrauche niedergeduckt, sah er die gewaltigen Tiere bald in geringer Entfernung vor sich. Es waren ihrer zehn große, dazu noch drei kleine, welche ganz jung waren. Langsam patschten die Elefanten mit ihren säulenartigen Beinen im flachen Wasser herum, sogen ihre Rüssel voll und bespritzten sich ihr dunkles Fell, wälzten sich im Schlamm und wedelten mit den kurzen Schweifen. Ein Tier von ungeheurer Größe, welches bis an die Kniee im Flusse stand, schien der Führer der Herde zu sein. Es erhob zuweilen den Kopf und lauschte, es zeigte einige Unruhe und überließ sich nicht mit der Behaglichkeit der andern dem Genusse der schönen Nacht. Seine langen, spitzen, nach oben gekrümmten Stoßzähne glänzten wie Silber. Der Mondschein war so rein und klar, daß Pieter Maritz jede Bewegung der Tiere genau verfolgen konnte. Er sah die kleinen Augen, sah die riesigen Ohren, welche am Kopfe herabhingen und von denen ein jedes einen Mantel für einen der Zulus hätte abgeben können, sah die blinkenden Wassertropfen über die dicke Haut hinlaufen.
Jetzt sah Pieter Maritz die schwarzen Gestalten der Jäger, in deren Händen die Speerspitzen glänzten, neben sich vordringen und nahe an die Elefantenherde heranschleichen. Er wußte nicht, wie diese Leute es machen würden, um die Tiere zu erlegen, und er selbst getraute sich nicht, sich in die Jagd einzumischen. Er hatte seine Büchse, aber er wollte nicht schießen, weil er fürchtete, der Knall des Schusses möchte die beabsichtigte Jagd stören und den Zorn des Königs erregen. Auch glaubte er nicht, mit seiner Büchse Erfolg bei den dickhäutigen Kolossen haben zu können, wenn er nicht etwa mit der Kugel ins Auge träfe. Er war etwa zweihundert Schritte von dem nächsten Tiere entfernt, dort blieb er und wühlte sich in die Schlinggewächse ein, welche den Boden bedeckten. Vor ihm lag ein gebogener starker Ast, über welchen er hinwegsah, sonst war er ganz im Grün und im Schatten vergraben, indem er platt am Boden lag. Doch hatte er die Büchse vor sich und legte deren Lauf auf den Ast, wobei er über das Visier und Korn hinguckte und unwillkürlich auf das Auge des größten Elefanten zielte.
Mit einem Male machte sich inmitten des Plätscherns und Rauschens, welches die Tiere im Wasser verursachten, eine Stille bemerklich. Der Führer der Herde schnob und alle andern Tiere standen still. Dann ging der Führer ans Land, erhob den Rüssel und zog die Luft ein, während er zugleich die Ohren absperrte, um jeden Laut aufzufangen. Er mußte die Annäherung der Jäger bemerkt haben, denn nun stieß er einen trompetenartigen Warnungsruf aus, und die andern Tiere fingen an, sich schwerfällig nach ihm hin zu bewegen. In diesem Augenblick sprangen wohl vierzig Jäger unter Leitung des Hofjägermeisters aus dem Ufergebüsch auf und rannten gegen die Tiere los. In größter Aufregung sah Pieter Maritz zu.
Die Hälfte der Jäger griff den riesigen Führer der Herde an. Jetzt, wo er am Ufer hinschritt, sah Pieter Maritz deutlich, wie gewaltig groß er war. Wie ein Riese wandelte er, der von Zwergen angegriffen wird. Zwei der Zulus stellten sich ihm in den Weg und liefen dann fort, um ihn zur Verfolgung zu reizen, die übrigen lauerten seitwärts, um ihm, wie Pieter Maritz vermutete, ihre Speere in die Rippen zu rennen. Aber der große Elefant bekümmerte sich um nichts. Er stieß noch einmal, und jetzt viel stärker, den trompetenartigen Ton aus, und als sich nun sämtliche Tiere hinter ihm versammelt hatten, wobei sie die Jungen in die Mitte nahmen, schwang er den Rüssel hoch durch die Luft und stürzte mit weit abstehenden fliegenden Ohren geradeaus in das Querthal. Sämtliche andern Elefanten rannten hinter ihm her. Sie brachen in das Ufergebüsch und das Holz im Thale mit unaufhaltsamer Gewalt ein, und ein Geräusch von krachenden Stämmen und Ästen, von niedergetretenen Sträuchern, ein seltsames Rasseln und Dröhnen erhob sich, wie Pieter Maritz dergleichen noch niemals vernommen hatte. Die Jäger blieben zur Seite stehen, nachdem sie auseinander geflohen waren, und noch hatte kein Speer die Tiere berührt. Aber nun erhob sich noch ein anderer Lärm im Thale, der gellende Ruf der Blauschilde. Sie verlegten den Elefanten den Weg und wollten sie zum Flusse zurückscheuchen. Ein entsetzliches Getöse scholl aus dem Thale hervor in die milde und bezaubernde Tropennacht. Das Trompeten der starken Tiere übertönte den Ruf der Krieger, und deutlich war an manchem Angst- und Schmerzensruf zu erkennen, daß die unerschrockenen Zulus, welche ihr Leben einsetzten, um ihren König und dessen Gäste zu unterhalten, einen schweren Kampf zu bestehen hatten und die Rüssel und Stoßzähne der Elefanten zu spüren bekamen. Dann brachen mehrere der Kolosse wieder rückwärts aus dem Thale hervor, und ihre Erscheinung bewies, daß wenigstens teilweise der Plan der Jagd in Erfüllung gegangen war, wenn auch mehrere der Elefanten durchgebrochen sein mochten.
Voran stürmte der große Elefant, welcher der Führer war. Aber Pieter Maritz bemerkte zu seiner Verwunderung, daß er nicht sowohl auf Flucht bedacht zu sein schien, als darauf, seine Begleiter und die Jungen zu beschützen. Vier Tiere, kleiner als er, aber doch gewaltig groß, waren neben ihm, und alle drängten sich um die Jungen zusammen. So nahmen sie ihren Weg gerade auf die Stelle zu, wo Pieter Maritz versteckt lag. Sie schienen den Fluß entlang laufen zu wollen. Kaum war der große Führer aber wieder erschienen, als der Hofjägermeister, eine athletische, ganz nackte Gestalt sich ihm entgegenwarf und mit ihm seine Jägerschar. Es galt, dem König ein würdiges Schauspiel zu bereiten. In großen Sätzen bewegte sich der Hofjägermeister, den Speer in der Faust, vor dem Elefanten her, während die Jäger nach den Hinterbeinen des Tieres liefen, um es in die Sprunggelenke zu stechen und es zu lähmen. Aber trotz seiner Gewandtheit und Elasticität kam der Hofjägermeister zu schaden. Der Elefant ergriff ihn mitten in einem Seitensprunge mit dem Rüssel an seiner künstlichen Frisur, schwang ihn hoch durch die Luft, schmetterte ihn zu Boden und zertrat ihn im Augenblicke darauf zu einem blutigen Brei. Doch gleich darauf kehrte der Elefant sich um. Er fühlte die Spitzen mehrerer Speere in seine Hinterfüße eindringen. Wütend packte er einen der Jäger, die ihn verwundet hatten, schleuderte ihn nieder und bohrte ihm den Stoßzahn durch die Brust. Aber die behenden Jäger waren schon wieder hinter ihm, und nun zerschnitten die breiten Speerklingen ihm die Sehnen an beiden Füßen, und stöhnend sank das mächtige Tier mit dem Hinterteil zu Boden, während ein Blutstrom die Erde färbte.
Nun sah Pieter Maritz eine Scene, welche ihn rührte und tief bewegte. Die andern Tiere, obwohl ebenfalls von Jägern umschwärmt, drängten sich an den Gefallenen heran und suchten ihn mit ihren Rüsseln aufzurichten, wobei sie klagende Töne ausstießen, er aber schlang den Rüssel um ein Junges, das ihm nahe war, als wollte er es vor den Waffen der Feinde beschützen. Wie Teufel umsprangen die heulenden Zulus die Kolosse, die einander hilfreich beistanden.
Bald ward die Gruppe gesprengt. Aus dem Thale hervor brachen die Blauschilde, und dicht wie Fliegen schwärmten die nackten schwarzen Gestalten umher. Sie griffen die Tiere von allen Seiten an, Hunderte von Assagaien sausten durch die Luft und bohrten sich in die großen Leiber ein, und obwohl gar mancher der tollkühnen Jäger das Leben lassen mußte, indem er durchbohrt, zertreten und in die Luft geschleudert ward, so wurden die Tiere doch voneinander getrennt und einzeln umringt. Jetzt durchbrach ein Elefant, dem wohl zehn Assagaien im Rücken und in den Flanken steckten, den Jägerkreis und lief mit hoch gehobenem Rüssel in seiner Flucht auf den Platz zu, wo Pieter Maritz lag. Es war für den Knaben keine Zeit mehr, aufzuspringen und davonzulaufen. Er blieb ruhig liegen, denn wenn er sich erhoben hätte, würde ihn das Tier mit dem Rüssel gepackt haben. Als aber der Elefant gerade über ihm erschien und seine gewaltig stampfenden Füße unmittelbar neben dem Kopfe des Knaben niedertraten, da schoß Pieter Maritz seine Büchse, ohne zu zielen, gegen die riesige schwarze Gestalt ab und schrie dazu unwillkürlich mit voller Kraft seiner Lungen. Das Tier mochte wohl über den Schuß und das Geschrei, während es keinen Feind sah, verwundert sein, denn es stockte im Laufe, trompetete laut und wandte sich seitwärts. Bald hatten die Jäger es dann wieder eingeholt, da es infolge seiner Wunden nur noch langsam laufen konnte, und auch dieser Elefant sank zu Boden.
Bald waren alle Tiere zu Falle gebracht und bluteten aus Hunderten von Wunden. Aber es dauerte fast eine Stunde, bis sie tot waren, denn die Wunden gingen sämtlich nicht tief, und nur langsamer Blutverlust ließ die Tiere sterben. Mit vorwurfsvollem Blick ihrer klugen Augen sahen sie bis zum letzten Augenblick ihre unerbittlichen Mörder an, von denen sie beständig umschwärmt und beständig von neuem verwundet wurden, und umschlangen, selbst sterbend, die toten Jungen zärtlich mit dem Rüssel.
Nachdem am folgenden Morgen der König mit der Jagdgesellschaft gespeist hatte und nachdem den erlegten Elefanten die Stoßzähne ausgebrochen und den Trägern aufgepackt worden waren, ließ Tschetschwajo den Marsch am Flusse hin fortsetzen, und zwar in südöstlicher Richtung. Doch verließ der Zug die unmittelbare Nähe des Wassers und wählte den gangbarsten Weg über die Höhenzüge hin. Nach dreistündigem Marsche begegnete ihnen ein anderer kriegerischer Zug, und dessen Führer verneigte sich tief vor dem Könige, der ihn alsdann in seine Arme schloß. Die Weißen erkannten in dem Führer den Bruder des Königs, den Prinzen Dabulamanzi.
Der Prinz kam an Höhe des Wuchses seinem Bruder gleich, und da er nicht so fett war wie dieser, sondern alle seine Glieder kriegerische Übung und Gelenkigkeit verrieten, so bot seine Gestalt einen schönen Anblick. Er war dem Könige ähnlich, doch war er wohl zehn Jahre jünger, und sein Gesicht war angenehm und sehr männlich. Sein Haar war weder in Locken gedreht, noch aufgetürmt, noch über den Ohren abrasiert, sondern nur kurz gehalten wie bei europäischen Offizieren, und es bedeckte den Kopf wie ein kurzer krauser Pelz. Ein einfacher goldener Ring, etwa daumensdick, saß einer Krone gleich auf dem Kopfe, ebenso umgab eine goldene Kette, deren Ringe sehr dick waren und ganz nahe aneinander geschoben waren, den Hals. Sonst trug der Prinz weder Schmuck noch Kleidung. Nur der kleine Schurz von Löwenfell umgürtete seine Hüften. Was aber den Weißen sehr auffiel, war die Art seiner Bewaffnung. Er trug ein Gewehr, einen Hinterlader, in der Hand, und ein dünner Lederriemen, der über die rechte Schulter gehängt war, hielt eine Patrontasche. Ebenso war sein Gefolge nackt und mit Hinterladern bewaffnet.
Der König schien das Eintreffen des Prinzen erwartet zu haben und setzte mit ihm seinen Weg fort. Nach kurzer Zeit erreichte man den Gipfel eines kleinen Berges, von dem sich eine weite Aussicht bot, und nun hatten die Weißen einen Anblick, der sie sehr überraschte. Sie übersahen ein weites, grünes Thal, das von vielen kleinen Höhen unterbrochen war. In diesem Thale konnten sie den Lauf zweier hell glänzender Flüsse, des Schwarzen und des Weißen Umvolosi, verfolgen, welche sich zwischen felsenreichen Ufern dahinwanden und in der Ferne ineinander strömten. Zwischen beiden Flüssen, in dem Winkel, den sie bildeten, lagen mehrere jener ihnen bekannten dunklen Kränze, der Kraale, welche aus einem Ringe von Hütten um einen großen freien Platz gebildet sind. Vor diesen Kraalen aber blitzte es von Waffen: eine ganze Armee war dort aufgestellt.
Der König wandte sich mit triumphierendem Blicke zu dem Missionar. »Mein Vater hat nur einen Teil der Krieger Tschetschwajos gesehen,« sagte er. »Nun wird er einen andern Teil sehen. Dabulamanzi herrscht in Mainze-kanze. Sage dem englischen Induna, Mainze-kanze bedeute: Laßt den Feind kommen.«
Als der königliche Zug den Abhang des Berges hinabschritt und sich den Kriegshaufen näherte, sahen die Weißen ein, warum die Kraale am Vereinigungspunkte der Flüsse einen so stolzen Namen führten: wiederum standen wohl zehntausend Krieger aufmarschiert, diese aber führten sämtlich Gewehre. Dabulamanzis Armee war in zwei Reihen aufgestellt, zwischen welchen der königliche Zug hinschritt, von donnerndem Kriegsgesang empfangen und begleitet. Auch diese Truppen waren in Regimenter abgeteilt, welche sich durch Farben voneinander unterschieden, und es waren vier Regimenter Amatongas dabei, ein Volksstamm nördlich von den Zulus wohnend, der die Oberherrschaft Tschetschwajos anerkannte. Auffallend war bei ihnen besonders ihr Kopfputz. Einige Regimenter trugen weiße oder gefleckte Stirnbänder von Ochsenfell oder Tigerfell. Diese Bänder waren hinter dem Kopfe zusammengebunden, und weiße Ochsenschwänze hingen daran herunter, so daß das Haar gleich einer weißen Perücke seitwärts und hinten bis auf Schultern und Nacken herabfiel. Über dem handbreiten Stirnband stand die schwarze Haarkrone empor und war mit Federbüschen geziert. Es sah aus, als trügen diese Krieger Helme oder hohe Mützen. Ein Regiment trug wirklich Mützen. Aus schwarzem oder fleckigem Fell von Raubtieren waren Kopfbedeckungen hergestellt, welche mit hohem Federschmuck verziert waren und sehr kriegerisch aussahen. Die Brust dieser Krieger war ganz mit weißen Haarbüscheln bedeckt, die vom Halsschmuck herabhingen. Dies war das »Regiment des Königs«, wie Humbati den Weißen erklärte, eine auserwählte Schar von fünfzehnhundert Mann, welche ein jüngerer Bruder Humbatis befehligte. Sämtliche Krieger trugen in der linken Hand den großen Schild, die Assagaien und auch noch den starken Speer, in der rechten Hand aber den Hinterlader.
Der König mit seinem Gefolge durchschritt die langen Reihen und ging dann in den nächstliegenden Kraal. Diesen wollte er den Weißen zeigen, während die Armee sich zum Manöver ordnete. Er führte seine Gäste zu mehreren größeren Gebäuden, welche unähnlich der Bauart der Zulus nach europäischer Weise aufgeführt waren. Ja aus dem einen ragte ein hoher Schornstein empor, aus welchem Rauch aufstieg. Zu ihrer Verwunderung wurden die Gäste eines weißen Mannes gewahr, der den König in der Thür des größten Gebäudes empfing. Es waren eine Pulverfabrik, eine Patronenfabrik und ein Magazin voller Gewehre, was sie hier erblickten. Schwarze Arbeiter stellten unter Leitung des Weißen die Munition für die Gewehre her.
Die Gäste versuchten, mit dem europäischen Landsmann sich zu unterhalten, aber dieser war, wie es schien, unangenehm berührt durch den Anblick von Landsleuten und antwortete ihnen nur kurz und mürrisch. Auch war nicht zu entdecken, welcher Nation er angehörte. Er sprach englisch und holländisch mit gleicher Fertigkeit. Der Missionar vermutete, er sei ein Verbrecher, der die Heimat oder eine Strafanstalt in den Kolonien geflohen habe.
Nachdem der König voll Stolz seine Fabriken gezeigt hatte, wobei er oft den Blick auf dem Lord ruhen ließ, als ob er ihn fragen wollte, welchen Eindruck solche Hilfsmittel auf ihn machten, führte er die Gäste wieder zu den Truppen und nahm mit ihnen eine erhöhte Aufstellung, von der aus das Manöver zu übersehen war. Dabulamanzi ließ die Regimenter ihre Bewegungen ausführen und ritt dabei seinen mit einem Tigerfell gesattelten Fuchs.
Es war aber kein sehr glänzendes Manöver. Soweit die Regimenter freilich Bewegungen ausführten, welche denen glichen, die schon von der Armee bei Ulundi gemacht worden waren, so weit ging alles gut, und selbst die unverhältnismäßig schwere Bewaffnung, indem zum Schilde und zu den Speeren noch das Gewehr hinzukam, schien die Krieger nicht schwerfällig zu machen. Sie rannten mit großer Schnelligkeit und Ausdauer, wobei sie das Gewehr so trugen wie ehedem den starken Speer. Aber als nun die neue Kampfweise gezeigt werden sollte, welche der Bewaffnung mit dem Hinterlader angemessen war, da entstand Unordnung. Dabulamanzi ließ eine Reihe von Scheiben in der Entfernung aufstellen. Diese Scheiben waren offenbar unter Leitung des weißen Fabrikdirektors entstanden, denn sie waren europäischen Scheiben ähnlich und stellten zum Teil Buern dar. Dann mußte ein Regiment nach dem andern die Scheiben angreifen und aus der Ferne danach schießen. Bei diesen Angriffen aber lockerten sich die Glieder, weil keine Ordnung zwischen Schießen und Laufen herzustellen war. Den Zulus war die alte Fechtweise so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie sich in die neue nicht finden konnten. Wenn die vorderen Glieder stehen blieben, um zu feuern, so wurden sie von den hinteren Gliedern überrannt. Zuweilen feuerten auch die hinteren Glieder, ohne zu bedenken, daß Leute vor ihnen waren, denn der Rauch und Knall berauschte die Zulus. Und weil mit scharfen Patronen gefeuert wurde, fielen mehrere Krieger, von hinten erschossen, nieder. Die Regimenter lösten sich in wilde Haufen auf. Dazu waren die Schilde und Speere beim Schießen hinderlich. Die Leute wußten sich dabei nicht zu benehmen. Bald stützten sie die Mündung auf den Schild und schossen mit der rechten Hand allein, als hätten sie eine Pistole, bald warfen sie Schild und Speere zu Boden, zielten mit beiden Händen, aber hatten dann Aufenthalt, um ihre andern Waffen wiederaufzunehmen. König Tschetschwajo wurde sehr ernst, als er diese Unordnung sah, und ließ das Manöver sehr bald aufhören. Dann entfernte er sich von seinem Gefolge und besprach sich lange mit Dabulamanzi. Die Truppen ruhten während dessen und aßen ihr gewöhnliches Mahl, Kafferkorn und Kürbis, und die Toten und Verwundeten wurden weggetragen.
Pieter Maritz und der Lord gingen an die ruhenden Truppen hinan und betrachteten deren Gewehre. Es waren lauter Hinterlader, aber sie waren von verschiedenen Systemen, hier hatte eine Abteilung Zündnadelgewehre, dort Chassepots, dort Enfieldbüchsen, und aus dieser Ungleichheit wie aus dem schlechten Zustande der Gewehre war zu erkennen, daß es alte Waffen waren, die von Händlern aufgekauft worden waren. Das Reich Tschetschwajos erstreckte sich bis nahe an die Delagoabai im Norden, und der König mochte wohl für Gold, Elfenbein, Straußenfedern und Vieh von den Portugiesen die Gewehre gekauft haben. Doch war es auch möglich, daß er sie aus andern Quellen bezog, denn sein Reich grenzte im Osten überall an das Meer, und außerdem kamen die Smauser aus den englischen Besitzungen und aus den Buernländern zu ihm. Humbati erklärte den jungen Leuten auf ihr Befragen nach der Taktik der Zulus, daß es eine schwierige und immer wieder erwogene Frage sei, ob die Krieger Schild und Speer neben dem Gewehre führen sollten oder nicht. Der Prinz Dabulamanzi sei der Ansicht, daß sie nur Gewehre und Patrontasche führen sollten, aber der König sei der Ansicht, es sei gegen die Zulunatur, ohne Schild und Speer zu kämpfen. Schild und Speer, sagte Humbati, seien ebensowohl Ehrenzeichen wie Waffen, und ein Zulugemüt werde sich nur schwer an den Gedanken gewöhnen, ohne diese beiden Stücke leben oder gar fechten zu können.
Jetzt ließ Dabulamanzi, nachdem seine Unterredung mit dem König beendigt war, das prächtige Regiment antreten, welches nach dem Könige genannt wurde und dessen eigentliche Garde war. Es waren lauter ältere Männer, von etwa vierzig Jahren, und viele von ihnen waren von wahrhaft prachtvollem Wuchse, breitschulterig, hochgewachsen, mit schwellenden Muskeln. Der Prinz ließ die Schilde und Speere reihenweise in das Gras legen, und dann mußte der Induna, Humbatis jüngerer Bruder, das Regiment zum Angriff gegen die Scheiben führen. In drei Haufen, ein jeder fünfhundert Mann stark, lief die Garde vor. Zwischen den Kolonnen war ein Raum von etwa fünfzig Schritten, und die Kolonnen selbst waren zehn Mann breit und fünfzig Glieder tief. In gehöriger Entfernung sollten die vorderen Glieder schießen.
Aber der Angriff fiel nicht gut aus. Die Zulus waren wie verstört, als sie mit den Gewehren allein anstürmten, und während die vorderen Glieder zu feuern anfingen, bemächtigte sich der Kolonne große Aufregung. Die vorderen Glieder blieben nur zum Teil stehen, zum Teil feuerten sie im Laufen, die hinteren Glieder lockerten sich, indem sie stutzten und sich seitwärts wandten. Sie fürchteten, die vorn Stehenden von hinten umzurennen, wußten aber nicht, was sie selbst machen sollten. Mehrere Leute der vorderen Glieder wurden wieder von ihren Hintermännern erschossen. Alle brüllten das Angriffsgeheul, und dieser Lärm, mit dem Knall der Schüsse vereinigt, schien sie rasend zu machen. Nur wenige Schüsse trafen die Scheiben, und bald waren die drei Kolonnen nur noch drei wilde, regellose, brüllende Haufen. Der König machte ein finsteres Gesicht, und Prinz Dabulamanzi ließ das Regiment halten.
Die Kolonnen wurden wieder geordnet und zurückgeführt, dann aber wurden zwanzig Männer herausgesucht, welche einzeln nach der Scheibe schießen sollten. Sie wurden zweihundert Schritte entfernt von einem Buer, der aus Papier gemacht und bemalt war, aufgestellt und schossen der Reihe nach. Der König, der Prinz und das Gefolge stellten sich dazu, und die Weißen standen dicht hinter dem König. Die ausgewählten Leute gehörten wahrscheinlich zu den besten Schützen, und sie schossen sehr gut. Der Zulu, welcher die Treffer anzeigte, und der andere Mann, welcher die Löcher verklebte, standen nur zehn Schritte von der Scheibe ohne jeden deckenden Schutz; nach jedem Schuß ward auf Kopf oder Brust der Figur gezeigt.
Der König sah sich jetzt nach den Weißen um, wie um ihren Beifall zu hören, da bemerkte er das gespannte Interesse, mit welchem Pieter Maritz nach der Scheibe sah, und daß der Knabe instinktmäßig beide Hände an seiner Büchse hatte. Er lächelte und trug dem Missionar auf, Pieter Maritz zu sagen, er möge versuchen, mit des Königs Garde um die Wette zu schießen. Der Missionar führte den Auftrag aus, und errötend trat Pieter Maritz vor. Die Augen des ganzen Gefolges und der Zuluschützen ruhten auf ihm.
Er trat vor die Scheibe, wog einen Augenblick die Büchse in der Hand, schoß, und der Zeiger wies mit der Speerspitze gerade in die Mitte des Gesichts.
Der König nickte.
»Mynheer,« sagte Pieter Maritz zu dem Missionar, »bitte, sagt dem Könige, ich würde jetzt das rechte Auge der Figur treffen.«
»Aber mein bester Junge, hüte dich, den König zu beleidigen, wenn du besser schießest als seine Leute,« entgegnete der alte Mann.
»Was sagt der Knabe?« fragte Tschetschwajo.
»Er will auf das rechte Auge der Figur schießen,« entgegnete der Missionar, nur ungern, aber aufrichtig.
»Mag er es thun!« rief der König. »Die Zulus sollen dasselbe thun.«
Pieter Maritz zielte, der Schuß krachte, und der Zeiger wies auf die vorher bezeichnete Stelle.
»Nun unsere Leute!« sagte der König.
Die Zulus schossen, aber ihre Kugeln trafen wohl in den Kopf und den Hut der Figur, aber unter neun Schüssen hatte noch keiner das Auge getroffen. Da traf der zehnte, und der König nickte befriedigt. Aber alle andern fehlten wieder das Ziel. Die Augen rollten fürchterlich in den schwarzen Gesichtern, die weißen Zähne glänzten, und hohe Aufregung verbreitete sich unter dem königlichen Gefolge wie unter den Gardisten.
Pieter Maritz aber war von Ehrgeiz gestachelt. Es hatte ihn geärgert, daß die Zulus nach einer Scheibe schossen, welche einen Buer darstellte, und er wollte ihnen zeigen, von welcher Art die Buern wären.
»Dies ist kein Ziel für einen Buer,« sagte er stolz. »Es ist viel zu groß. Der König möge eine Kranichfeder auf eine Speerspitze stecken und den Speer weiter entfernt aufstellen lassen.«
Diese Worte wurden dem König übersetzt, und er sandte einen Induna aus, um das neue Ziel zu stecken. Auf dreihundert Schritte wurde ein Speer in den Boden gestoßen, und eine kleine schwarze Feder auf dessen Spitze gesteckt. Es war ein Ziel, welches für den Lord wie für den Missionar gar nicht mehr zu sehen war, nur die scharfen Augen der Zulus und des Buernknaben, durch Lesen nicht verdorben und an freier Luft auf der Jagd und im Kriege geübt, sahen das schmale, von der Luft bewegte Ziel.
Der König ließ zuerst die Zulus schießen. Aber sie schossen alle vorbei, bis auf den Mann, der vorhin das Auge getroffen hatte. Dieser traf zwar nicht die Feder, aber seine Kugel zerschmetterte den Schaft des Speeres, dicht unterhalb der Spitze.
»Gut! Sehr gut!« rief der König, und er ließ einem seiner Hofherren den goldenen Armring abstreifen und dem glücklichen Schützen überreichen.
Aber ein neuer Speer ward aufgerichtet und die schwarze Feder darauf gesteckt. Pieter Maritz trat an den Platz, den der Zulu verließ, setzte den linken Fuß vor und hob langsam die Büchse. Eine Sekunde lang zielte er, und in diesem Augenblicke konnte kein Felsen unbeweglicher stehen als er. Nun blitzte der Schuß, und die kleine Feder war verschwunden, der Speer aber stand noch, wie er gestanden hatte.
Der König rief Beifall, aber in seinen Augen loderte düstere Wut. »Hier,« sagte er, sich bezwingend, und indem er einen der goldenen Ringe vom Finger zog, »hier hast du eine Belohnung für dein Schießen. König Tschetschwajo dankt dir für das Schauspiel, das du ihm gegeben hast.«
Dann aber wandte der König sich um und ging mit seinem Gefolge von dannen. Pieter Maritz betrachtete den Ring. Derselbe war sehr dick und schwer, und ein Rubin funkelte darin. Doch war der Ring viel zu weit für des Knaben Finger, und er zog deshalb einen dünnen ledernen Riemen durch und hing ihn um den Hals. Der Missionar stand mit besorgtem Blick dabei. Er fürchtete des Königs Ungnade.
In der That war der König zornig. Das ganze Manöver hatte ihm mißfallen, und das Schießen des Buernknaben hatte seinen Unmut auf die Spitze getrieben. Doch ließ er seinen Zorn in einer andern Richtung aus, als der Missionar befürchtet hatte. Er versammelte seinen Hofstaat und die höchsten Indunas von der Armee Dabulamanzis um sich und ließ den Kommandanten des Garderegiments, Humbatis Bruder, vor sich treten.
»Lege den Schild und den Speer ab!« rief er mit drohendem Tone dem Induna zu.
Dieser Ruf erfüllte die Herzen aller Anwesenden mit Schrecken, denn sie wußten, was er zu bedeuten hatte. Humbati, welcher neben dem Missionar stand, verfärbte sich und streckte ängstlich teilnehmend den Kopf vor. Voll Mitleid blickte der Missionar auf den Induna, der nun gehorsam die Waffen zu Boden legte. Es war ein schöner schlanker Mann, mit klugem Gesichte, das Haupt mit dem goldenen Ringe geziert. Nun kniete er vor dem König nieder, und ein tiefes Schweigen herrschte in der Versammlung.
»Ich bin mit deinem Regimente nicht zufrieden,« sagte Tschetschwajo. »Es ist das Regiment des Königs, und es soll andern Kriegern als ein Muster vorleuchten. Es soll um die geheiligte Person des Königs selbst sein. Du hast aber die Krieger geführt, als ob sie eine Herde Ochsen wären.«
Der Induna hielt seine glänzenden schwarzen Augen auf das Gesicht des Königs geheftet, und obwohl er in demütig knieender Stellung war, prägte sich Würde und Stolz in seiner Haltung aus. Kein Muskel zuckte weder in den schlanken Gliedern noch in dem edel geschnittenen Antlitz.
»Du bist ein toter Mann,« fuhr der König fort. »Aber« — er wandte sich halb zu dem Missionar — »ich will heute thun, was ich noch nie gethan habe: ich will dein Leben schonen um meines Vaters und Freundes willen, welcher es nicht liebt, Blut zu sehen. Ich weiß, daß sein Herz weint beim Blutvergießen, und deshalb darfst du leben. Er ist aus einem fernen Lande gekommen, um mich zu sehen, und er hat mein Herz weiß gemacht. Er sagt mir, es sei ein schreckliches Ding, jemandes Leben zu nehmen, weil es niemals wieder ungeschehen gemacht werden kann. Ich wünsche, daß er, wenn er heimkehrt, um seinem Könige den Gruß Tschetschwajos zu bringen, ein Herz hat, das so weiß ist wie meines. Seinetwegen schone ich dich, denn ich liebe ihn. Aber du mußt für dein ganzes Leben erniedrigt werden. Ich kann dich nicht an der Spitze meines Regimentes lassen. Du sollst nicht mehr mit den Edlen des Landes umgehen, noch in die Städte der Fürsten kommen dürfen, noch am Tanze bei den königlichen Festen teilnehmen. Nimm den Speer und den Schild wieder auf und tritt in das Regiment ein, welches fern am großen Wasser liegt.«
Der Induna senkte das Haupt, dann aber erhob er es wieder, kreuzte die Arme über der Brust und erwiderte: »O, König, betrübe nicht mein Herz! Ich habe deine Ungnade verdient, laß mich erschlagen wie einen Häuptling. Ich kann nicht unter dem niedrigen Volke leben.« Dann legte er die Hand an den goldenen Ring und fuhr fort: »Wie kann ich unter den Hunden des Königs leben und dies Ehrenzeichen schänden, welches ich unter den Mächtigen trug? Nein, ich kann nicht länger leben, laß mich sterben, o Pezulu!«
»Gut,« sagte der König. »Dein Wunsch möge geschehen!«
Auf seinen Wink traten Krieger heran, welche dem Verurteilten die Hände über dem Kopfe zusammenbanden, und dann ward er hinausgeführt, zwei Männer auf jeder Seite. Humbati machte eine Bewegung, als wollte er dem Bruder folgen, aber er besann sich und murmelte, so daß der König es hören konnte: »Der König ist gerecht, er ist sehr weise, Humbati kennt seinen Bruder nicht mehr.«
Doch der Lord flüsterte dem Missionar zu: »Wenn ich der König wäre und hätte Humbatis Blick gesehen, so würde ich unruhige Nächte haben.«
Ein Herr vom Hofe ward dem Verurteilten nachgesandt, und Pieter Maritz stahl sich seitwärts, um zu sehen, was mit dem unglücklichen Befehlshaber der Garde geschehen würde. Es war nicht Lust an grausamen Handlungen, was ihn zog, sondern innige Teilnahme, die ihn fast wider Willen trieb. Er folgte dem kleinen Zuge zu einem Platze neben dem Kraal, der auf der Höhe an der Vereinigung der beiden Flüsse lag. Dort neigte sich ein Felsen senkrecht zum Wasser hinab. Hierher ließ der Induna aus dem Hofstaat den Verurteilten führen. Pieter Maritz sah hinunter. Breit und glänzend strömte unten das Wasser, und weithin schweifte der Blick jenseits des Flusses über Berg und Thal. Er sah den stolzen Krieger an, welcher zum Tode ging, und sah ihn gelassen dahingehen. Ein träumerischer Ausdruck lag auf dem schönen schwarzen Antlitz, und seine Lippen zuckten verächtlich, als trüge das Bewußtsein seiner Würde den tapferen Anführer über die Schrecken des Todes hinweg. Viele Krieger sahen aus der Entfernung zu, als der kleine Zug an den Rand des Felsens hintrat, und tiefes Schweigen herrschte unter ihnen.
Jetzt, als die Begleiter Hand anlegen wollten, ihn vom Felsen hinunterzustoßen, machte sich der Verurteilte mit einer Gebärde des Unwillens aus ihrem Griff los, trat einen Schritt vor, bis an die äußerste Spitze der Höhe, und stürzte sich in weitem Schwunge hinab. Der schwarze Körper tauchte in die Flut ein, für einen Augenblick glänzte noch der goldene Kopfring aus dem blauen Wasser empor, dann sah Pieter Maritz die gräßlichen Rachen mehrerer Alligatoren dort unten erscheinen, und von dem kühnen Manne war jede Spur verloren.
Als der Knabe mit erschüttertem Herzen zurückkehrte, sah er den König inmitten seines Gefolges und der Heerführer unter schattigen Bäumen lagern und speisen. Seine Köche knieten im Hintergrunde um die Feuer herum, und der Geruch gebratenen Fleisches erfüllte die Luft. Die Schmeichler umringten den König und riefen mit leiser Stimme, wie in Verwunderung verloren: »Wo sind die Feinde Tschetschwajos? Sein Atem schlägt in ihr Antlitz wie die Flamme in trockenes Gras! Seine Feinde werden verzehrt von dem Atem des Königs der Könige. Der Vater des Feuers beherrscht den blauen Himmel, er steigt hinauf und sendet seine Blitze aus den Wolken, er läßt den Regen herniederträufeln. Ihr Berge, ihr Wälder und ihr grasreichen Ebenen, hört auf die Stimme Tschetschwajos, des Sohnes Pandas, des Königs des Himmels!«
Gegen seine Gewohnheit schloß sich Humbati diesen schmeichelnden Hofleuten an und pries mit demütiger Gebärde die Größe des Königs. Auch eine Anzahl der Weiber des Königs war aus Ulundi herbeigeführt worden, und sie kauerten um ihn her und reichten ihm knieend die Körbe und Schalen. Er winkte eine von ihnen herbei und erwies ihr die Gnade, seine Füße in ihren Schoß zu stellen und sie als Fußschemel zu benutzen, während er auf einer Rasenbank saß.
Pieter Maritz sah dieser Scene von der Seite zu und war so traurig und so empört über das grausame Gemüt Tschetschwajos, daß er nicht essen mochte und die Speise zurückwies, welche die königlichen Diener ihm anboten. Da bemerkte er, daß ein erbärmlich aussehendes Paar sich dem Kreise näherte. Der Mann hatte ein bekümmertes Gesicht, und sein magerer Leib war elend gekleidet, ganz ohne Schmuck, die Hüften mit einem abgeschabten Ziegenfell umgürtet. In der Hand trug er ein kleines Päckchen, das mit Ziegenfell umwickelt war. Die Frau sah so kümmerlich aus wie der Mann. Mit niedergeschlagenen Augen schlichen sie an das Gefolge heran, als ob sie eine Bitte vortragen wollten. Die Umgebung des Königs schien Erbarmen mit den Leuten zu haben, oder war so eingeschüchtert, daß sie nicht wußte, was sie thun sollte, denn ohne sie gerade heranzuführen, wichen die Hofleute auseinander und ließen das armselige Paar gleichsam unabsichtlich vor den König kommen.
Der König war im Gespräch mit seinem Bruder, als er bemerkte, daß etwa zehn Schritte von ihm die armen Leute niederknieten, doch warf er nur einen flüchtigen Blick auf sie und setzte seine Unterhaltung fort. Da legte der Mann sein Päckchen zu Boden, knüpfte es auf und breitete ein paar elende geschnitzte Dinge, einige Kugeln von Horn, einen verzierten hölzernen Löffel und ein paar messingene Ohrringe, auf dem Boden aus. Dazu fing er an, mit kläglicher Gebärde zu erzählen, er sei vom Lande und wohne im Gebiete der Amatongas, die Zulukrieger aber hätten auf dem Durchmarsche seine beiden Söhne mitgenommen, einen Knaben von zehn und einen Knaben von acht Jahren. Nun biete er dem König das Lösegeld, und bitte, ihm und seiner Frau die Kinder wiederzugeben.
Der König runzelte die Brauen, aber beachtete den Bittsteller weiter nicht, denn er erwog gerade die wichtige Frage des Tragens der Schilde im Feuergefecht und blieb in der Unterhaltung mit Dabulamanzi.
Da zog der arme Mann trübselig noch ein altes abgeschabtes Messer aus seinem Karoß und legte es zu den übrigen Dingen. »Dies ist alles, was wir haben, o König,« sagte er kummervoll. »Wir sind zehn Tage lang gelaufen, meine Frau und ich, um dem König unsere Bitte vorzutragen.«
Aber der König bemerkte ihn noch immer nicht, und das Gefolge fing an, sich zwischen ihn und die Armen zu schieben, in der Besorgnis, etwas Mißfälliges zu begünstigen. Ein schwerer Seufzer drang aus der Brust des armen Mannes hervor, und über die Wangen seiner Frau liefen Thränen. Beide stützten die Köpfe auf die Hände und blickten zu Boden, niedergeschlagen, mutlos, ohne Kraft, ferner zu bitten, noch auch wegzugehen. Sie hatten ihr ganzes bewegliches Besitztum geboten, um ihre Kinder wiederzubekommen. Jetzt traten einige Diener heran, um die Lästigen fortzujagen.
Da stand der Missionar auf und näherte sich ihnen. Er legte seine Hand auf des Mannes Schulter, um dessen Aufmerksamkeit zu erregen, und sprach ein paar freundliche Worte. Dieser starrte in die Höhe, aber beim Anblick des weißen bärtigen Gesichtes stieß er einen Schreckensruf aus. Die Frau sprang empor und schrie ebenfalls vor Angst. Nun ward der König aufmerksam und fragte, was es gäbe.
»Hier sind die ärmsten von des Königs Unterthanen,« sagte der Missionar mit fester Stimme. »Sie wissen, daß der König sein Auge über den Geringsten wie über den Mächtigen wachen läßt, darum wagen sie es, mit einer Bitte zu nahen.«
»Was wollen die Leute?« fragte Tschetschwajo mit finsterer Stirn.
»Sie haben zwei Söhne, die von des Königs Truppen geraubt sind. Sie möchten ihre Söhne wiederhaben, denn ihr Herz hängt an den Knaben. Es sind Knaben, die noch nicht die Waffen tragen können.«
»Mein Vater will des Königs Armee ihres jungen Nachwuchses berauben und den König zum Frieden nötigen,« sagte Tschetschwajo mit einem ärgerlichen Lachen. Dann aber sprach er einige Worte zu einem der Heerführer und dieser entfernte sich, während der König sich wieder zu seinem Bruder wandte. Der Missionar ließ die armen Leute beiseite treten, und diese küßten ihm die Füße und die Hände, da sie aus dem Verlauf der Scene schlossen, daß ihre Hoffnung in Erfüllung gehen würde. Sie boten dem Missionar ihre ärmlichen Geschenke an, dieser aber wies sie mit freundlichen Worten zurück und gab ihnen Speise. Die Hofleute aber redeten unter sich und waren voll Verwunderung über den Einfluß des weißen Mannes.
Nicht lange darauf kehrte der Induna zurück, und man sah einen Knaben an seiner Seite gehen. Das Weib stieß einen Ruf aus und rannte so schnell dem Knaben entgegen, daß es aussah, als müßte sie jeden Augenblick stürzen. Sie umarmte das Kind und kam mit ihm herauf, indem sie vor Freude laut weinte. Der Induna berichtete, der andere Knabe sei tot. Der König aber befahl, den Eltern das überlebende Kind wiederzugeben und sie durch einige Stück Vieh für das andere zu entschädigen.
»Ist mein Vater nun zufrieden?« fragte der König den Missionar. »Ist sein Herz nun weiß? Wird er mein guter Vater bleiben?«
»Ja,« entgegnete der alte Mann, »aber unter der Bedingung allein, daß Tschetschwajo mein guter Sohn bleiben wird.«
Das Gefolge erstarrte vor Entsetzen über diese kühne Antwort. Aber da der König in ein herzliches Lachen ausbrach, stimmten alle in das Lachen ein.
Währenddessen sah Pieter Maritz ein neues Schauspiel sich vorbereiten. Er bemerkte, daß das Regiment des Königs sich zusammenzog und, seine Unterbefehlshaber an der Spitze, in langer Linie heranmarschierte. Einige hundert Schritte vom Könige kniete die ganze Masse nieder, und vor der Linie knieten die Indunas. Dabulamanzi machte den König auf die Truppen aufmerksam, und dieser schickte den Prinzen ab, um zu fragen, was das Regiment wolle. Der Prinz kam mit der Nachricht zurück, das Regiment sei traurig über die Ungnade des Königs und bitte um neue Schilde.
Diese Bitte hieß nach der militärischen Sitte der Zulus nichts anderes, als daß die Truppe wünschte, zu einem kriegerischen Zuge gegen einen Nachbarstamm ausgesandt zu werden, um im feindlichen Blute seine Schande abzuwaschen und neuen Ruhm zu erwerben.