Tschetschwajo wandte sich zu dem Missionar. »Du siehst, wie mein Volk ist,« sagte er. »Ich wünsche nicht den Krieg, mein Volk wünscht ihn. Niemals lebte ein König, der friedliebender gewesen wäre als Tschetschwajo.«
Dann winkte er unwillig mit der Hand, und die Garde mußte sich zerstreuen, ohne daß ihre Bitte erfüllt worden war.
Aber der Missionar merkte wohl, daß nur Politik den König bewog, so zu sprechen und zu handeln, denn nun ließ Tschetschwajo den Lord herbeikommen und setzte sich mit ihm zusammen nieder. Der Missionar mußte den Dolmetscher spielen, und nur Dabulamanzi war außerdem noch zugegen.
Er sei den Engländern sehr befreundet, sagte Tschetschwajo. Böswillige Leute hätten wohl über ihn gelogen und gesagt, er liebe den Krieg und mache Einfälle in das Buernland und in die englischen Besitzungen. Aber in Wahrheit gingen solche Grenzverletzungen von unbotmäßigen Stämmen aus, welche sich gegen seinen Willen vergingen, mit der Zeit aber völlig zum Gehorsam gebracht werden würden. Das möge der englische Induna dem Gouverneur von Natal sagen. Tschetschwajo sei Englands Freund, er habe den Engländern schon früher gegen die Buern geholfen und werde es jetzt wieder thun. Die Buern seien Englands schlimmster Feind; wenn sie niedergeworfen seien, würde England das ganze Afrika beherrschen, mit Ausnahme des Zululandes, dessen König der treueste Freund Englands sei. Seine Armee sei groß und stark, und er werde dreißigtausend Mann der besten Truppen zur Hilfe gegen die Buern bereit halten. Er habe genug Gewehre, um die Hälfte der Regimenter damit zu bewaffnen. Zwar hätten sich die Truppen heute ungeschickt gezeigt, aber das komme davon, daß ihnen das Feuergewehr noch neu sei. Nach einiger Zeit werde das anders sein. Der englische Häuptling möge dies alles dem Gouverneur sagen und Tschetschwajos Bündnis anbieten.
Der Lord erwiderte, daß er dankbar sei für die königliche Aufnahme und Bewirtung und den Auftrag pünktlich ausrichten werde. Doch wisse der König wohl, daß er ein sehr junger Mann und keiner der großen Indunas sei. Deshalb könne er weder eine erfolgreiche Botschaft versprechen noch auch vorher sagen, welche Aufnahme der Gouverneur ihm bereiten werde. Doch sei er überzeugt, daß der Gouverneur die große Macht Tschetschwajos zu würdigen wisse und das Bündnis mit dem mächtigen König seiner Bedeutung nach erkennen werde. Jedenfalls werde er, der Leutnant, den Auftrag nach bestem Gewissen ausrichten.
Als der Lord so geantwortet hatte, bezeigte der König seine Zufriedenheit. Er ließ durch einen seiner Hofbeamten eine Perlenkette von hohem Wert herbeibringen und überreichte sie dem jungen Offizier. »Die englischen Indunas tragen solchen Schmuck nicht selbst,« sagte er dabei gnädig lächelnd, »aber du kannst die Kette deiner Lieblingsfrau zum Andenken an Tschetschwajo umhängen. Reise, wann du willst, das Land liegt vor dir.«
Lord Fitzherbert errötete, indem er an das Mädchen in der Heimat, das Mädchen mit den Rehaugen im alten England dachte, und er lachte vor Freude bei dem Gedanken, daß er sie nun doch wohl wiedersehen könne und daß vielleicht einst das Geschenk des schwarzen Fürsten ihren schlanken Hals zieren werde, wenn er so glücklich sei, sie seine Gattin nennen zu dürfen. Er zog seine kostbare Uhr, die von Edelsteinen funkelte, hervor und überreichte sie nebst der goldenen Kette dem König.
»Ich weiß, daß dies Geschenk des Königs nicht würdig ist,« sagte er, »aber vielleicht giebst du das Spielzeug einer deiner Lieblingsfrauen zum Andenken an den Engländer, der dir für seine Freiheit dankt.«
Tschetschwajo nahm das Geschenk sehr huldvoll auf und überreichte die Uhr einem der Kammerherren. Die Audienz war damit beendigt, und mit einer höflichen Verbeugung verabschiedete der König seinen Gast.
Strahlenden Gesichts blieb der junge Lord zurück und besprach sich mit dem Missionar über den Zeitpunkt seiner Abreise. Der alte Mann riet ihm, ruhig abzuwarten, was geschehen würde, da der König selbst ihm die Zeit und die Art und Weise kundgeben werde. In der That näherte sich bald nachher Humbati den Weißen und wandte sich an den Lord mit der Mitteilung, daß er die Ehre haben werde, ihn auf der Reise zu begleiten.
»Der König hat befohlen, daß ich dich an die Grenze bringe,« sagte Humbati, »und zu unserm Schutze wird uns eine Anzahl von Kriegern folgen. Wir werden gerade nach dem Untergange der Sonne zu reisen und können nach wenig Tagesmärschen die Grenze erreichen. Dort kommen wir an den Buffalofluß, und du kannst bei Rorkes Drift hinübergehen in das englische Land Natal. Ich aber soll am Flusse bleiben und die Antwort erwarten, welche der Gouverneur von Natal an den König senden wird.«
Der Missionar beobachtete den Zulu aufmerksam, während dieser sprach, denn ein eigentümlicher Klang war in dessen Stimme, und das sonst so gefaßte Gesicht hatte einen besonderen und ungewöhnlichen Ausdruck. Es schien, als werde der Mann von einem geheimen Gedanken bewegt. Seine Augen funkelten mit düsterem Feuer, und die Ruhe seiner Haltung hatte etwas Gezwungenes.
Der Missionar dachte nach, was wohl den Häuptling bewege. Trauer um den Bruder konnte es wohl nicht allein sein, denn nicht milde Weichheit war in den schwarzen Zügen zu lesen, sondern heimlicher Grimm. War Humbati zornig auf die Weißen als die Ursache des Todes seines Bruders? Aber die Weißen waren doch unschuldig daran, daß der König so grausam war, und im Gegenteil hatte der König dem Häuptling das Leben schenken wollen, um dem Missionar gefällig zu sein. Dennoch hatte der Missionar das Gefühl, die Erregung Humbatis stehe in Verbindung mit der Reise des Lord. Offenbar hatte Humbati selbst veranlaßt, daß er, ein so vornehmer Mann, zur Reisebegleitung bestimmt worden war, denn dies Amt hätte auch wohl einem Geringeren übertragen werden können.
Während der Missionar so dachte und die verschlossene düstere Miene des Häuptlings mißtrauisch beobachtete, während der Lord seine Freude darüber aussprach, von einem so angesehenen und ihm wohlbekannten Mann begleitet zu werden, trat Pieter Maritz heran. Das Herz war ihm schwer geworden, als er von der Abreise des Lord gehört hatte. Das Bild der eigenen Heimat stieg lebhafter als je vorher in seiner Erinnerung auf und ließ ihm den Aufenthalt bei den wilden grausamen Zulus unheimlich und düster erscheinen. Es war ihm, als zöge die Abreise des Lord seine Seele mit. Er wandte sich an Humbati und bat ihn, beim Könige die Erlaubnis zu erwirken, daß auch er mitgehen dürfe.
Humbati zuckte die Achseln. »Wer bin ich,« antwortete er, »daß ich dem großen Könige Rat erteilen sollte, ohne daß er meine Ansicht zu hören verlangt hat? Der weiße Jüngling, der so gut schießt, möge selbst den König bitten.«
Der Lord ergriff des Buernsohnes Hand. »Ich habe schon daran gedacht, für Sie zu bitten, lieber Freund,« sagte er. »Aber die besondere Art des Auftrags, den mir der König gegeben hat, läßt mich zweifeln, ob er die Bitte gut aufnehmen würde. Ja, ich zweifle nicht nur, ich bin ganz gewiß, daß er zornig werden würde, wenn ich ihm den Vorschlag machte, Sie mitnehmen zu dürfen. Es ist klüger, Sie bitten nicht darum, sondern verlassen sich ganz auf unsern alten Freund und Beschützer hier.«
Er wies bei diesen Worten auf den Missionar.
»Wir verdanken ihm unser Leben,« fuhr er dann fort, »ohne ihn hätten uns längst die Geier und Hyänen gefressen. Er ist so gut, daß er selbst die Wilden besänftigt, und so beredt, daß er sie mit seinen Worten bezaubert. Er wird Sie sicherlich nach der Heimat zurückbringen.«
»Die Zukunft steht allein in Gottes Hand,« sagte der Missionar. »Aber gewiß hat Seine Lordschaft damit recht, daß der König nimmermehr erlauben würde, daß du abreisest. Du darfst gar nicht darum bitten, denn der König würde zornig werden und würde selbst Seine Lordschaft mit Mißtrauen ansehen.«
»Dann handelt es sich um einen Plan, der gegen die Buern gerichtet ist!« rief Pieter Maritz erregt.
Der Missionar legte mit bedeutsamem Blick den Finger auf den Mund. »Wer klug ist, der sieht und hört, aber redet nicht,« sagte er in holländischer Sprache. »Glaubst du, daß wir uns zu Werkzeugen eines Planes zwischen Heiden und Christen gegen ein christliches Volk hergeben würden? Laß den König planen, was er will, und aus seiner Verblendung Segen kommen. Sieht er ein, daß seine blutigen und räuberischen Anschläge erfolglos bleiben, so wird er den Friedensworten ein offenes Ohr leihen. Mit Gottes Hilfe werden wir beiden später noch zusammen in deine Heimat zurückkehren.«
Pieter Maritz schwieg. Er war voll Vertrauen zu dem alten Mann. Aber doch blutete sein Herz, als er am Nachmittage der Abreise des Engländers zusah. Humbati hatte zwanzig Krieger mit Schild und Speer um sich versammelt und außerdem zehn Diener, welche Körbe mit Lebensmitteln trugen. Diese sollten die Reisebegleitung sein. Der Rappe scharrte mit dem Hufe, als wüßte er, wohin er seinen Herrn tragen sollte, und wäre darüber erfreut. Lord Fitzherbert drückte dem Missionar und dem Buernsohn zum Abschied herzlich die Hand.
»Kommt ihr jemals in die Lage, auf englischem Gebiete meiner Hilfe zu bedürfen, so rechnet auf mich,« sagte er.
Dann schwang er sich in den Sattel, winkte noch einmal mit der Hand zurück und ritt davon. Neben ihm ging mit elastischem Schritte die dunkle Gestalt Humbatis, und der Zug der Krieger und Träger folgte dem Pferde. Die Sonne strahlte auf dem Pallasch des Engländers, auf dem goldenen Kopfring des Häuptlings und den Speerspitzen der Krieger, nach und nach ward der Zug in der Entfernung kleiner und verschwand dann gänzlich hinter einem Hügel.
Seufzend kehrte Pieter Maritz zu seiner Hütte in Mainze-kanze zurück.
Pieter Maritz war traurig. Er fühlte sich einsam, nachdem der Engländer fort war. Wohl hatte er in dem Missionar nicht nur Gesellschaft, sondern auch eine zuverlässige Stütze in seinem Leben unter dem fremden, schwarzen und ihm unheimlichem Volke; aber dieser war doch ein alter Mann und stand in seinen Ansichten und in seiner Lebensanschauung, in seinen Interessen und Beschäftigungen dem Knaben zu fern. Mit dem Lord hatte er sich so gut unterhalten, daß er die Verbannung von der Heimat weniger gefühlt hatte. Er hatte von dem jungen vornehmen Manne viel gelernt und dessen Erzählungen von England, von dem Leben der reichen Leute, vom Kriege und von der Schiffahrt immer mit der größten Andacht gelauscht. Da der Lord getrennt von seinesgleichen gewesen war, hatte er das äußerliche Glänzen und alle störenden Eigenschaften abgestreift, welche ein Hindernis im Umgange zwischen dem reichen, verwöhnten, stolzen Jüngling und dem armen, einfachen, hart erzogenen Buernknaben hätten sein können. Er war einfach und natürlich geworden und so hatte sich zwischen beiden, die an Alter nicht so sehr verschieden waren, ein wahres Freundschaftsverhältnis gebildet. Sie hatten zusammen im Schatten der Bäume geplaudert, waren zusammen spazieren geritten, vereinigt auf die Jagd gegangen. Pieter Maritz hatte englisch gelernt, so daß er es nun sehr gut verstand und fertig sprechen konnte mit dem Accent eines vornehmen Mannes, während er es vorher nur notdürftig hatte lesen und nur wie ein Bauer sprechen können.
Nun war das alles vorbei: die schönen Geschichten von den Kriegen der Engländer, von den stolzen Kriegsschiffen, von den Schlössern und Parks, von dem Leben in London, hatten aufgehört und Pieter Maritz war betrübt. Oft sah er sehnsüchtig den Weg entlang, der von Mainze-kanze nach Natal führte, und er seufzte bei dem Gedanken, nun gleichsam auf einer wüsten Insel zu leben. Oft dachte er, indem er Jagers glänzenden Hals streichelte und dessen Schnelligkeit erwog, darüber nach, ob es nicht möglich sei, auf dem Rücken des treuen Tieres zu fliehen. Aber er gab die Gedanken an Flucht immer wieder auf, wenn er bedachte, daß der Weg bis zur Grenze so weit sei und durch Landstriche führe, die von wilden Tieren nicht nur, sondern von grausamen Menschen bewohnt seien, an den Kraals der Zuluarmee vorbei und zuletzt nahe der Grenze durch die Truppen des Prinzen Sirajo, die an dem Buffalofluß entlang auf der Wacht standen. Am schwersten empfand der Knabe sein Los an seinem Geburtstage, welcher in diese Zeit fiel. Er ward fünfzehn Jahr, und an dem Tage, wo er dies Alter erreichte und nun seine Mutter und seine Geschwister in weiter Ferne sich vorstellte, wo er der Zärtlichkeit gedachte, die ihn sonst an diesem Feste umgeben hatte, war er sehr traurig.
Der Aufenthalt beim König Tschetschwajo sah einer Gefangenschaft sehr ähnlich. Zwar wurden die Weißen mit großer Auszeichnung behandelt und hörte der König den Reden des Missionars immer mit der größten Achtung zu, aber die Freiheit, welcher sie sich erfreuten, war nur gering. Die Hofbeamten und Diener, von denen sie umgeben waren, überwachten sie wie Gefangenwärter. Zwar waren diese Leute voll Höflichkeit und sehr gehorsam. Der Missionar brauchte nur den Finger zu erheben, um sie zum Sprechen oder Schweigen zu bringen, und ein Wink genügte, um sie hierhin oder dorthin zu schicken, aber selten ließen sie die Weißen allein. Sie hatten immer Gründe, in der Nähe der Weißen zu sein, und seitdem der Missionar sich der armen Leute angenommen hatte, welche ihrer geraubten Söhne wegen gekommen waren, durfte kein Fremder mehr den Hütten der Weißen sich nahen. Oft mußte der Missionar wehrend dazwischen treten, wenn die Hofbeamten ganz einfach mit Steinen oder Stöcken nach den Zulus warfen, die sich der Umzäunung näherten, welche die Hütten umschloß. Denn ohne das geringste Bedenken hätten diese eifrigen Diener Köpfe und Knochen zerschlagen, um ihrer Pflicht nachzukommen.
Die Regierung Tschetschwajos war ein Despotismus im höchsten Grade. Die Personen seiner Unterthanen so gut wie ihre Besitztümer waren das Eigentum des Tyrannen, der nach Gutdünken darüber verfügte. Sein Wort war Gesetz, und er brauchte nur die Hand zu erheben und die Brauen zu runzeln, um die vornehmsten Indunas zittern zu machen. Niemand hatte eine eigene Ansicht oder Meinung, mit der einzigen Ausnahme des Prinzen Dabulamanzi, welcher in allen kriegerischen Angelegenheiten gehört wurde und in der That die Seele der königlichen Armee zu sein schien. Aber keiner sonst wagte in Gegenwart des Königs einen eigenen Gedanken auszusprechen. Wenn die Großen zur Beratung herbeigezogen wurden, so krochen sie vor dem Tyrannen und begnügten sich, wenn sie gefragt wurden, die großen Titel des Königs ehrfurchtsvoll vor sich hin zu murmeln. Beständig kamen Boten aus allen Teilen des Reiches an, welche Nachricht von den äußersten Grenzposten brachten und Meldungen über die einzelnen Regimenter sowie über die Beschaffenheit der großen Viehherden des Königs abstatteten. Diese Boten legten, wenn sie sich näherten, in der Entfernung von hundert Schritten vom Könige Schild und Speer zu Boden, kamen dann noch einige Schritte näher und knieten nieder. War es dann das Belieben des Königs, sie anzuhören, so schickte er einen der Indunas zu ihnen, die gerade den Dienst hatten, und durch den Mund des Indunas vernahm er die Meldung. Zuweilen kam die Botschaft, daß Löwen in eine der Herden des Königs eingebrochen seien, aber niemals wagte ein Bote eine solche Meldung zu machen, ohne gleichzeitig den Kopf und die Vordertatzen des Tieres mitzubringen, welches gewagt hatte, sich an königlichem Eigentum zu vergreifen.
Daß der Missionar freimütig mit dem Könige sprach und daß dieser sich darüber nicht erzürnte, war für den ganzen Hof ein Rätsel. Der Missionar ward deshalb gleichsam wie ein überirdisches Wesen betrachtet, man hielt ihn für einen Zauberer ersten Ranges, und nicht selten versuchten Leute, welche ein Anliegen hatten, sich ihm durch Vermittelung seiner Umgebung zu nähern. Der eine wollte von einer Krankheit befreit sein, der andere wünschte sich Vieh, der dritte Regen, und so wurden Ansinnen an ihn gestellt, die nur durch Wunder zu erfüllen gewesen wären. Niemals begriffen die Leute, warum der Missionar sie zurückwies, sondern sie hielten ihn für boshaft und verehrten ihn darum nur noch mehr. Der König selbst konnte sich der Ansicht nicht erwehren, daß der Missionar zaubern könne, und er fragte ihn einmal, da die Regenzeit zu kommen zögerte, ganz ernsthaft, ob er Regen machen könne. Er hielt die Gespräche des Missionars von der Größe und Güte des unsichtbaren Gottes für ein Eingeständnis seiner Zauberkraft. Ebenso glaubte er nicht, es ginge mit natürlichen Dingen zu, daß der Missionar sich so furchtlos ihm näherte und nicht auf seinen eigenen Vorteil bedacht war. Denn der alte Mann wies immer wieder ebensowohl Frauen wie Ochsen, die der König ihm schenken wollte, zurück und begnügte sich mit den Lebensmitteln, die ihm von der königlichen Tafel täglich zugesandt wurden und allerdings sehr reichlich waren, indem nicht selten wohl an fünfzig Schüsseln kamen.
Unter dem Eindruck dieser abergläubischen Furcht zeigte sich der König auch geneigt, den Unterhaltungen des alten Mannes über Religion oft ein williges Ohr zu leihen. So kam er eines Tages ganz allein in die Hütte des Missionars und setzte sich mit den Worten nieder: »Ich will zu deinen Füßen sitzen und deine Belehrung hören. Warum liegt es dir am Herzen, daß ich aufhören soll Krieg zu führen und Menschen zu töten?«
Der Missionar bemerkte, daß der König in ernsterer und nachdenklicherer Stimmung war als gewöhnlich, und antwortete mit festem Tone: »Sieh die Gebeine der Menschen an, die über dein Land hin und über die Nachbarländer verstreut liegen. Sie sprechen eine schreckliche Sprache und sagen mir, der ich diese Sprache verstehe: ‚Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll wiedervergossen werden.‛«
Der König verfärbte sich, seine Lippen wurden blaß. »Du hast mir einmal gesagt, daß die Toten wieder aufstehen würden zu einem neuen Leben,« entgegnete er; »meinst du, daß sie sich an Tschetschwajo rächen werden?«
»Sie werden sich nicht selber rächen,« antwortete der Missionar, »aber sie werden vor dem Throne Gottes Klage führen über ihren Mörder, und Gott wird das Leben des Mörders dem Schwert seiner Feinde ausliefern.«
»Ein König darf so etwas nicht hören,« sagte Tschetschwajo, indem er finsteren Blickes aufstand. »Es ist eine Lehre für die Feiglinge. Warum redest du nicht so zu der Königin von England? Ihre Krieger haben mehr Gebeine über die Erde verstreut als die meinigen.«
»Ich weiß, daß Tschetschwajo sein Volk liebt,« sagte der Missionar. »Er trägt seine Unterthanen an seinem Busen und will sie groß und reich und froh machen. Giebt es kein besseres Mittel dazu als den Krieg? Warum hält der König so viele unverheiratete Krieger? Er möge sie verheiraten, damit das Land voll Volks werde. Dann möge er die Leute das Land bebauen lassen, damit es viel Korn trägt. Im Korn liegt der Reichtum, und in der Arbeit liegt das Glück. So verfahren die christlichen Könige, und sie führen nur aus Not Krieg. Du aber lebst vom Kriege und vom Raube an den Gütern der Nachbarn, deine Unterthanen arbeiten nur wenig, gehen mit Schild und Speer einher, prahlen und singen und fechten und faulenzen einen Tag wie den andern. Bedenke, wer dich zum Könige gemacht hat. Du bist nicht selbst vom Himmel gekommen, sondern der unsichtbare Gott hat dich zum Könige gemacht. Er wird die Seelen deines Volkes von deiner Hand fordern und wird dich fragen, was du mit ihnen gemacht hast.«
»Laß uns von etwas anderm reden,« sagte der König. »Mein Vater ist sehr weise in den unsichtbaren Dingen, aber er kennt das Amt eines Königs nicht. Kannst du einen Löwen vor den Pflug spannen oder einen Elefanten melken? Der König der Zulus ist der Herr, nur die Knechte arbeiten. Wenn mein Vater so gut bekannt ist mit dem unsichtbaren Gott im Himmel, so möge er ihn bitten, regnen zu lassen, denn der Acker verschmachtet, und das Vieh stirbt. Über die Seelen aber wollen wir ein anderes Mal sprechen.«
Der Missionar antwortete ihm, daß er Gott wohl bitten könne, Regen zu senden, daß er aber nicht vorhersagen könne, ob Gott seine Bitte erfüllen werde, und der König lenkte das Gespräch nun auf die Sendung des Engländers. Schon vierzehn Tage waren verflossen, seitdem der Lord abgereist war, und noch war keine Nachricht gekommen. Er fing an unruhig zu werden und besprach mit dem Missionar die Möglichkeiten der Zukunft.
Außerdem aber erregte die anhaltende Dürre schwere Sorgen am Hofe und im Volke. Der König kehrte nach Ulundi zurück und beschloß hier Maßregeln zu treffen, um den Regen zu erzwingen. Die Regenmacher, welche in Mainze-kanze und Ulundi wohnten, waren nicht kräftig genug, wie sie selbst erklärten, und der König hatte zu den Swazi, nordwestlich von seinem Reiche wohnend, geschickt und einen sehr berühmten Mann von dort unter reichen Versprechungen nach seiner Hauptstadt bestellt.
Seltsam mischten sich Verstand und Aberglauben in Tschetschwajos Hirn, denn er sagte dem Missionar, als er diesem von dem fremden Regenmacher erzählte, daß er diesen nur deshalb kommen lasse, weil es sein Volk beruhigen werde. »Was aus der Ferne kommt,« so sprach er, »das achten sie höher, als was sie täglich sehen. So lassen die Swazi meine Regenmacher kommen und ich die ihrigen.«
Der Missionar sah der Ankunft des Regenmachers mit einer gewissen Neugierde entgegen. Er hatte immer gefunden, daß unter den südafrikanischen Völkern die Anwesenheit von Regenmachern und Zauberern — denn beide Eigenschaften steckten in einer und derselben Person — das größte Hindernis der Verbreitung des Christentums sei. Denn das Volk glaubte, alles höhere Wissen finde sich in diesen Personen, und wenn der Missionar etwas gelehrt hatte, so liefen die Leute zu ihnen und fragten, ob es wahr sei. Jene aber sagten dann regelmäßig, es sei Unsinn, und spotteten über die Lehren des Missionars. Dazu pflegten jene Zauberer immer die klügsten und beredtesten Leute im Orte zu sein, welche das Volk an der Nase führen und mit vielem Witze die Lehren des Missionars überschütten konnten. Sie fürchteten den Einfluß der fremden Lehrer, weil diese ihren eigenen Einfluß vernichten mußten, wie sie recht gut einsahen, und waren die geborenen Feinde der Mission. Die Regenmacher und Zauberer kannte der alte Mann als seine schlimmsten Gegner, denn sie waren in den Augen des Volkes keine unbedeutenden Persönlichkeiten und sogar insgeheim höher geachtet als die Häuptlinge und der König selbst. Als Doktoren und Leiter des Begräbniswesens gingen sie zu allen Familien und wußten sich durch tausend schlaue Vorspiegelungen das Ansehen zu geben, als könnten sie nicht allein Krankheiten heilen, sondern auch die Geister beherrschen. Denn obwohl die Schwarzen nicht eigentlich an die Unsterblichkeit der Seele glaubten, so hatten sie doch eine Scheu vor Dingen, die sie nicht sehen konnten, und machten sich unklare Vorstellungen von Geistern. Deshalb glaubten sie auch, jene Zauberer könnten den Himmel veranlassen, Wolken zu versammeln und Regen auf die Erde zu ergießen. Doch waren nicht alle Doktoren und Totengräber auch zugleich Regenmacher, sondern nur die berühmtesten und geschicktesten unter ihnen unternahmen es, auch über die Kräfte des Himmels zu gebieten.
Die Regenmacher in Ulundi und Mainze-kanze hatten wie nach Verabredung zu jetziger Zeit die Erklärung abgegeben, die Dürre sei für sie zu stark, der Himmel sei wie ein Stein, und sie könnten ihn mit ihren Mitteln nicht erweichen, der König möge deshalb den berühmten Regenmacher der Swazi kommen lassen. Sie hatten hierbei wohl die schlaue Berechnung, daß Zeit darüber vergehen und der Regen von selbst kommen würde. Dazu dachten sie auch wohl das Ansehen ihres Standes im allgemeinen zu heben und rechneten auf Gegendienste von seiten der Swaziregenmacher. Denn die Belohnung für die Dienste eines berühmten Regenmachers war sehr groß. Die Gesandten Tschetschwajos versprachen dem Fremden, er solle seine Hände in Milch waschen, seine Herden sollten Berg und Thal bedecken, die Wälder von seinem Lobgesang widerhallen und Weiber und Kinder ihm die Füße küssen.
Eines Nachmittags hörten der Missionar und Pieter Maritz, die sich vor der heißen Sonne in den Schatten des Wagenverdecks zurückgezogen hatten, ein lautes, weithinschallendes, langgezogenes Jubelgeschrei. Sie traten vor ihren Zaun und sahen, daß ganz Ulundi in Aufregung war. Alles strömte aus den Hütten und lief. Der Regenmacher kam heran. In den höchsten Tönen des Entzückens kreischten Tausende von Stimmen. Dann nach einer Weile sah man alles Volk in einer bestimmten Richtung laufen. Sie zogen nach einem Flüßchen neben der Stadt. Der Regenmacher war außerhalb Ulundis geblieben und hatte einen Boten geschickt, der dem Volke befahl, sich vor seinem Einzug die Füße zu waschen. Nun rannte alles, die Edlen und das Volk, nach dem Flusse, selbst die Dienerschaft der Weißen, sogar die drei christlichen Diener, wurden von dem allgemeinen Taumel ergriffen, und die Weißen blieben allein. Nur der König blieb mit seinem Hofstaat und den Weibern zu Hause, doch hörten die Weißen später, daß auch hier eine Fußwaschung vollzogen worden sei. Merkwürdig erschien es nur den Weißen, welche über diesen Vorgang lachten, daß plötzlich, während das Volk sich noch wusch, an dem klaren Himmel, der seit vielen Wochen strahlend hell geblieben war, dunkle Wolken von mehreren Seiten heraufzogen.
Der Missionar und Pieter Maritz gingen nach der Seite, wo der Regenmacher war, und sie fanden sich bald in einem dichten Gedränge, welches dem mächtigen Manne entgegenging. Alle wiesen nach dem Himmel und zeigten einander die Wolken, welche jener herbeiziehe. Gerade als der Regenmacher von dem Hügel herabstieg, auf welchem er gewartet hatte, und nun der Stadt zuschritt, fingen die Blitze an zu zucken, furchtbarer Donner rollte, und einzelne schwere Tropfen fielen. Das Volk der Zulus geriet darüber in eine solche Freude und in solchen Jubel, daß durch ihr Schreien der Donner übertönt wurde. Sie tanzten, sie sangen, sie bliesen auf ihren Musikinstrumenten, schlugen Trommeln und spielten auf den Geigen. Das Volk war wie vom Wahnsinn ergriffen.
Inmitten dieses Taumels schritt der Regenmacher mit stolz erhobenem Haupte und unbewegter Miene einher. Er war ein stattlicher Mann, der durch seinen Putz noch ansehnlicher wurde. Auf seinem Kopf erhob sich ein Gebäude von mehr als einem Fuß Höhe, aus künstlich aufgetürmtem Haar, Federn, Pelz, Perlenketten und Goldzierat gebildet. Von der Brust, von den Armen und Beinen hingen ihm kostbare Ketten und höchst wunderliche Zieraten aus Knochen und Elfenbein. Als ihn die Häuptlinge begrüßten, dankte er herablassend und sagte, man möge achtsam sein, in diesem Jahre die Gärten an den Hügeln anzulegen und das Vieh nicht in den Thälern zu lassen, damit die Fluten des Himmels nicht alles hinwegschwemmten. Während er so sprach und die Tropfen fielen, drängten sich einige der Doktoren, welche den berühmten Regenmacher umringten und sich in seinem Glanze spiegelten, da er doch aus ihrem Stande hervorgegangen war und zu ihnen gehörte, an den Missionar heran und verhöhnten ihn.
»Wo ist denn nun dein Gott?« fragte ihn der eine mit höhnischem Lachen. »Hast du unsern Morimo gesehen?« fragte der andere. »Hast du wohl bemerkt, wie aus seinen Armen feurige Speere aufflogen und den Himmel spalteten? Hast du die Stimme in den Wolken gehört?« Und ein dritter sagte mit verächtlichem Tone: »Du schwatzest von Jehovah und von Jesus. Was können sie machen? Nichts können sie. Sie schaffen dir kein Fleisch in deine Töpfe und bringen keinen Regen auf das Feld, aber unser Morimo kann das, wie du mit deinen Augen siehst.«
Der Missionar antwortete nicht, nur murmelten seine Lippen, so daß Pieter Maritz es hören konnte: »Sei stille in dem Herrn und wisse, daß ich dein Gott bin. Ich werde verhöhnt werden unter den Heiden.«
Der Triumphzug des Regenmachers wandte sich nach dem Gehöft des berühmtesten Doktors von Ulundi, und die Doktoren sowie viele Vornehme traten in die Umzäunung ein, während das Volk ausgesperrt wurde. Doch gelang es auch den Weißen, mit hineinzukommen, da die Doktoren ihre Eitelkeit dadurch geschmeichelt fühlten, daß der weiße Zauberer, wie sie den Missionar unter sich nannten, dem Empfange ihres großen Kollegen beiwohnte. Ein großer, dicht gedrängter Kreis, in dessen Mitte der fremde Regenmacher stand, versammelte sich vor der Hütte. Erfrischungen wurden angeboten, und der Regenmacher antwortete auf die Fragen, welche ihm vorgelegt, zum größten Teile von den Doktoren gestellt wurden und zum Zweck hatten, die Weisheit des Fremden leuchten zu lassen. Doch hatten sich inzwischen die Wolken bereits wieder verzogen, und die wenigen Tropfen, die gefallen waren, hatten kaum den Boden obenhin angefeuchtet.
»Die Kräfte des Himmels zu beherrschen ist nicht leicht,« sagte der Regenmacher, während die Häuptlinge um ihn her und alle Doktoren atemlos lauschten. »Es bedarf dazu großer Weisheit und genauer Einsicht in den Zusammenhang aller Dinge. Denn alles steht unter sich in Beziehung. Vom Himmel fällt der Regen auf die Erde nieder, die Sonne trocknet ihn weg, so daß er wieder zum Himmel aufsteigt, und nur wenige Männer kennen die Geheimnisse, welche das Wasser hierhin und dorthin lenken. Mich haben meine Untersuchungen dahin gebracht, daß ich alles gut verstehe und die Hebel kenne, welche angesetzt werden müssen, um das Wasser zu beherrschen. Ich sage euch, ihr werdet euch wundern. Blickt über das Land hin: alles ist gelb und trocken, alles verbrannt. Aber ihr sollt binnen kurzer Zeit wieder über das Land hin blicken, und dann werdet ihr sehen, wie der Wind die Ähren schaukelt. Soweit ihr blickt, ist alles grün, weite fruchtbare Äcker dehnen sich aus, und es fehlt an Händen, um das Korn heimzuschaffen. Seht die Wiesen an: die Ochsen und Kühe wandeln durch das Gras hin, und man sieht nur die Hörner. Sie sind fett und schwer und schreiten langsam, weil sie zu dick sind. Die Krüge sind voll von Milch, man schüttet sie aus, weil man sie nicht zu trinken vermag: es ist zu viel. Hört mich an! Im vorigen Jahre waren die Swazi beleidigt von den Bapedis, und sie rüsteten ein Heer, um die Feinde zu züchtigen. Aber die Indunas kamen zu mir und sagten: ‚Hilf uns, hier hast du hundert Ochsen und vier goldene Ketten.‛ Ich erwiderte ihnen: ‚Zählt auf mich, ich werde euch helfen.‛ Ich ging an die Grenze der Bapedis, ehe das Swaziheer gerüstet war. Ich streckte meine Hand aus und sprach zu den Beherrschern der Wolken. Da brach Feuer vom Himmel herab und fiel auf die Kraale der Bapedis. Alle Hütten brannten, und der Rauch zog über das Land hin. Die Bapedis wollten fliehen, da streckte ich noch einmal diese Hand aus, welche ihr hier seht, und ein Regenstrom fiel herab, so stark, daß alle Flüchtlinge ertranken. Hört mich weiter an: Ich war bei den Betschuanen, denn sie waren in großer Not und hatten mir zweihundert Ochsen, sechs Weiber und viel Elfenbein gegeben, damit ich auf ihr trocknes Land regnen ließe. Aber als ich dort war, gerieten sie in große Angst, weil der König der Hereró ihnen mit Krieg drohte. Er hatte ein Heer von vielen tausend Kriegern versammelt und marschierte gegen die Grenze. Aber die Betschuanen gaben mir noch zweihundert Ochsen und viele Schätze. Da warf ich meinen Stab dem König der Hereró entgegen. Wo der Stab lag, öffnete sich die Erde, und eine Wasserflut quoll hervor. Sie ward immer größer und breiter und ergriff die Füße der Hereró. Sie stieg ihnen bis zum Knie, bis zur Brust. Da half keine Flucht. Alle Hereró mußten ertrinken, kein Mann kehrte heim in sein Land.«
Diese und andere ungeheuerliche Lügen trug der Regenmacher mit der größten Ruhe vor und entfaltete dabei eine wunderbare Beredsamkeit. Seine Stimme war bald sanft und einschmeichelnd, bald drohend und donnernd. Sein kluger Blick durchforschte die Versammlung und beobachtete sorgfältig die Wirkung seiner Worte. Seine Gebärden waren majestätisch, und er redete mit solcher Sicherheit und überlegener Ruhe, als könne gar kein Zweifel an der Wahrheit seiner Worte aufkommen. Und wirklich ward kein Zweifel laut. Die Häuptlinge waren begeistert. Sie sahen die geschilderten Felder und das fette Vieh bereits als ihr Eigentum vor sich, und sie machten die guten Nachrichten unter dem Volke bekannt, so daß sie sich wie Wildfeuer verbreiteten. Dem Regenmacher ward eine schöne Wohnung angewiesen, und es wurden ihm Frauen und Vieh reichlich gegeben. Ulundi war in einem Rausche des Entzückens.
Nur auf den Weißen hatte der Blick des Regenmachers mit Argwohn geweilt, und er mußte sich später wohl nach der Stellung und Bedeutung des Missionars erkundigt haben, denn zwei Tage später kam er ganz allein in die Hütte des alten Mannes, um ihm einen Besuch zu machen. Er war von biegsamem, liebenswürdigem Benehmen, zeigte Bekanntschaft mit feineren Umgangsformen, lächelte und war äußerst höflich.
Der Missionar bot ihm eine Pfeife mit Tabak an, und der Regenmacher sagte, indem er dieselbe dankend annahm: »Denke nicht, daß es nur Neugierde ist, welche mich veranlaßt, dich zu besuchen. Ich habe von dir als von einem sehr weisen Manne gehört, und ich möchte von dir lernen.«
Der Missionar betrachtete ihn prüfend. Der Mann hatte etwas Ungewöhnliches und schien aus ganz anderm Stoffe gemacht zu sein als das übrige Volk. Er hatte seinen Putz abgelegt und trug einen Mantel von Tigerfell. Seine Augen waren sehr groß, vortretend und von schlauem Aussehen, seine Stirn viel höher, breiter und ausgewölbter als die anderer Schwarzer.
»Du willst von mir lernen?« entgegnete der Missionar. »Ich denke, ein Mann, der die Kräfte des Himmels beherrscht, braucht nichts mehr zu lernen.«
Der Regenmacher schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Erlaube mir, dich zu fragen, warum du deine Heimat verlassen hast? Hast du einen Häuptling beleidigt, daß du fliehen mußtest? Oder sind die Leute in deinem Vaterlande geizig?«
»Keines von beiden ist der Fall,« entgegnete der Missionar. »Ich habe ganz andere Gründe, hier bei euch zu leben.«
»Was für Gründe sind das? Macht der König Tschetschwajo dich nicht reich? Wir beiden müssen offen miteinander reden. Wenn wir Freunde sind, können wir beide reich werden, sind wir aber Feinde, so schaden wir uns gegenseitig, und das dumme Volk spottet unser. Weise Männer sollten Freunde sein, denn sie stehen allein gegenüber dem Volke wie die Hirten in der Herde.«
»Glaubst du denn wirklich, daß ich auch weise wäre?« fragte der Missionar. »Ich denke, du bist es allein.«
Der Regenmacher lächelte. »Du versteckst dich,« sagte er. »Nur weise Männer können Zauberer sein, denn es ist große Weisheit nötig, so viele Menschen zu betrügen.«
»Wenn ich nun dem Könige und dem Volke mitteilte, wie du sprichst?« sagte der Missionar.
»Du kannst sagen, was du willst,« antwortete der Regenmacher, »kein Mensch wird dir glauben. Ich aber sage dir im Vertrauen: wenn du klug bist, so wirst du mein Freund und redest gut von mir. Ich werde dir einen Teil meiner Belohnung geben. Willst du aber mein Feind sein, so hüte dich!«
»Du irrst dich völlig in mir,« versetzte der Missionar. »Ich suche keine Reichtümer. Ich will das Volk belehren. Ich will ihm sagen, daß es sein Herz nicht an Vieh und Korn und Sinnenlust und Eitelkeit hängen darf, sondern daß nur diejenigen Menschen glücklich sind, welche ein gutes Leben führen, einander lieben und Gutes thun und an Gott glauben, der sie nach dem Tode belohnen wird für ihre Tugend.«
Der Regenmacher hörte aufmerksam zu und nickte dann mit dem Kopfe. »Du hast recht,« sagte er. »Ich stimme mit dir überein. Nur gute Menschen sind glücklich. Denn es macht das Herz weiß, Gutes zu thun. Aber welchen Nutzen hast du davon, dem Volke etwas zu sagen, was es nicht versteht?«
»Ich will keinen Nutzen davon haben, sondern ich lehre das Wahre um des Wahren willen. Gott hat mir befohlen, zu lehren und keinen Lohn zu verlangen. Er sagt: ‚Umsonst habt ihr die Wahrheit empfangen und umsonst sollt ihr sie andern geben.‛«
Der Regenmacher sah vor sich nieder und überlegte. Dann blickte er den Missionar mit seinen klugen Augen an und sagte, indem er aufstand: »Du bist so weise, daß ich dich nicht verstehe. Ich verlasse dich. Vielleicht kommt bald die Zeit, wo deine Ohren offen sein werden und wo du meine Freundschaft besser würdigst als heute.«
Damit ging er. Aber die Unterhaltung mit dem Missionar mußte ihn wohl gestachelt haben. Vielleicht war er in seinem Selbstgefühl gekränkt, vielleicht war er wirklich begierig, Dinge zu hören, die ihm neu und unbekannt waren, vielleicht wollte er in den Augen der andern Doktoren das Ansehen des Weißen herabsetzen — genug, er kam schon nach wenig Tagen, als es noch immer nicht geregnet hatte, wieder. Diesmal war er in Gesellschaft von mehreren Doktoren und Häuptlingen.
Der Missionar empfing den Besuch auf dem freien Platze vor seiner Hütte, da die Hütte zu klein war, um alle Gäste aufnehmen zu können. Der Regenmacher fing eine Unterhaltung an, welche er zu einem Wortkampf über die Kunst der Zauberer zu machen strebte.
»Dieser Mann behauptet, daß es einen Gott gebe,« sagte er laut, indem er auf den Missionar wies. »Was denkt er sich wohl unter einem Gott?«
»Ich will dich zunächst nach etwas anderm fragen,« entgegnete der Missionar. »Was hältst du für das höchste Glück?«
»Das kann dir ein jeder sagen,« antwortete der Regenmacher ausweichend. »Hier, frage diesen tapfern Häuptling.«
Er zeigte bei diesen Worten auf einen der Indunas, einen kräftigen Krieger. Dieser dachte einen Augenblick nach und sagte: »Das größte Glück ist, von dem König gelobt zu werden und einen goldenen Ring von ihm zu erhalten.«
»Nun wollen wir einen von den Doktoren fragen,« sagte der Missionar. »Sage du nur« — er wandte sich an einen dicken Mann mit hohem Kopfputz und Zauberstücken auf der Brust — »was das größte Glück ist.«
»Das größte Glück,« sagte dieser, »ist ein Feld, das, soweit du sehen kannst, mit Feuern bedeckt ist, wenn über jedem Feuer ein Topf mit Fleisch kocht und alles Fleisch dir gehört.«
»Siehst du,« sagte der Missionar zu dem Regenmacher, »nicht jeder weiß, was das Glück ist, denn ein jeder hält es für etwas anderes.«
»Der weiße Zauberer ist sehr schlau,« entgegnete der Regenmacher. »Er gleicht der Antilope, welche Taucher genannt wird, denn er verschwindet, wenn man ihn fassen will, und taucht an einer fernen Stelle wieder auf. Sage mir doch, hast du nicht gelehrt, es gebe einen Gott, der alles geschaffen habe, Erde, Himmel, Menschen, Vieh und alle Dinge?«
»Jawohl, das lehre ich,« entgegnete der Missionar. »Zu Anfang war alles finster und leer, Gott aber setzte Sonne und Mond an den Himmel, daß es hell wurde, und er schuf in sechs Tagen alles, was unsere Augen sehen und unsere Ohren hören. Am letzten Tage aber schuf er den Menschen als den Herrn der Erde und sagte ihm, daß er glücklich sein würde, wenn er Gottes Gebote erfülle. Deshalb ist das höchste Glück des Menschen die Erfüllung der Gebote Gottes. Ich aber bin nicht wie ein Taucher, sondern hier stehe ich und lehre immer dasselbe.«
Der Regenmacher wandte sich an die Zuhörer. »Da seht ihr,« sagte er, »wie dieser weise Mann euch Märchen erzählt. Sage mir doch,« sagte er dann zu dem Missionar, »wie ist es möglich, daß ein Gott die Menschen erschaffen hat, während die Menschen doch so verschieden sind, daß man deutlich sieht, wie er sich bei der Arbeit verbessert haben müßte? Du mußt zugestehen, daß er sein Werk immer besser gemacht hat. Zuerst hat er sich an den Buschmännern versucht, aber sie gefielen ihm nicht, weil sie so häßlich waren und Stimmen hatten wie die Frösche. Dann machte er die Hottentotten, und diese fielen schon besser aus, aber machten ihm auch noch keine Freude. Dann übte er seine Kunst an den Betschuanen, und das war schon eine große Verbesserung. Dann machte er die Swazi und die Zulu, und diese gefielen ihm als schöne, tapfere und kluge Männer. Zuletzt aber,« — hier lächelte der Regenmacher halb spöttisch, halb verbindlich und machte dem Missionar eine Verbeugung — »zuletzt machte er wohl die Weißen. Diese sind so klug, daß sie alle Schwarzen an der Nase führen. Denn du hast doch gelehrt, Gott sei vollkommen, also kann er sich nicht in seiner Arbeit verbessert haben.«
Die Doktoren fingen laut an zu lachen, und die Häuptlinge stimmten mit ein. Alle verhöhnten den Missionar und riefen dem Regenmacher Beifall zu.
»So sage mir doch,« entgegnete der Missionar, als es wieder ruhig geworden war, »woher kommen denn die Menschen nach deiner Meinung, und wovon sind sie deiner Ansicht nach so verschieden?«
»Ich weiß es nicht,« sagte der Regenmacher. »Die Doktoren haben es noch nicht ergründet. Aber es ist wahrscheinlich, daß die Menschen aus dem Wasser gestiegen sind. Alles, was lebt, ist wahrscheinlich aus dem Wasser gekommen, und weil die Gewässer sehr verschieden sind, müssen auch wohl die Menschen verschieden sein. Deshalb ist auch die Wissenschaft des Regenmachers die höchste. Sie beschäftigt sich mit dem Wasser, aus welchem alles Lebendige kommt, nicht allein die Menschen, sondern auch die Tiere.«
»Du weißt es also nicht,« versetzte der Missionar, »sondern du vermutest es nur. Aber wie können die Menschen aus dem Wasser gekommen sein, da sie doch im Wasser ertrinken?«
Der Regenmacher versuchte, seine Ansicht zu verteidigen, und die Gründe, welche er vorbrachte, genügten zwar nicht, den Missionar zu überzeugen, riefen aber den wiederholten Beifall der Doktoren hervor. Zuletzt, als der Missionar ernstlich und eindringlich hervorhob, daß der Mensch eine Seele habe und unsterblich sei, zeigte der Regenmacher auf seinen Hund, der neben ihm am Boden lag, und sagte: »Welcher Unterschied besteht zwischen mir und diesem Tiere? Du sagst, ich sei unsterblich. Warum ist dann nicht mein Hund oder mein Ochse unsterblich? Sie sterben, wie wir sterben. Siehst du unsere Seelen oder die Seelen der Tiere? Wenn du aber unsere Seele ebensowenig sehen kannst, wie die Seele der Tiere, wie kannst du denn darüber sprechen? Weißt du, was du nicht siehst? Welcher Unterschied ist zwischen den Menschen und den Tieren? Keiner, ausgenommen, daß der Mensch der größere Schuft von den beiden ist.«
Der Missionar gab es auf, angesichts der höhnisch lachenden Versammlung seinen Wortkampf mit dem Regenmacher fortzusetzen, und hoffte darauf, daß die Ereignisse mit der Zeit das Ansehen des schlauen und redegewandten Mannes verringern würden. Und in der That gewann es im Laufe der nächsten Zeit ganz den Anschein, als ob die Hoffnung des Missionars in Erfüllung gehen sollte. Es kam kein Regen, der Himmel strahlte fast immer in wolkenloser Klarheit, und die Fluren versengten.
Der Regenmacher stellte mannigfache Versuche an. Sobald sich irgendwo eine kleine Wolke am Himmel zeigte, mußten Boten durch die Straßen von Ulundi laufen, welche den Weibern untersagten, zu pflanzen oder zu säen, damit die Wolken nicht verscheucht würden. Dann schickte er wieder Hunderte von Leuten aus, um bestimmte Wurzeln und Kräuter zu sammeln. Mit diesen wollte er ein Feuer anzünden, welches von den Zulus das »Feuer des Geheimnisses« genannt wurde. Weiber und Männer schwärmten dann in freudiger Hoffnung aus und durchstrichen tagelang Hügel und Thäler, um die bezeichneten Gewächse zusammenzubringen. Mit frohen Gesängen kehrten sie heim und legten ihren Fund vor des Regenmachers Hütte nieder. Er aber ließ die Gewächse auf bestimmte Hügel bringen und zu großen Haufen auftürmen, welche er anzündete. Er hätte gern viel Wind durch seine Feuer erregt, da er wohl wußte, daß oft der Wind der Vorläufer des Regens ist. Auch zündete er diese Feuer beim Mondwechsel an, da er wußte, daß sich oft bei Neumond und Vollmond das Wetter ändert.
Als aber alle seine Feuer vergeblich blieben, fing er an, von geheimen Schurken zu sprechen, welche in der Zauberei wohlerfahren seien und seine Künste vereitelten. Er merkte, daß der Missionar ihn beim Könige nicht unterstützte, ja sogar dem König Mißtrauen gegen ihn einzuflößen suchte, und er hätte gern den Weißen als die Ursache der langen Dürre hingestellt.
Da ereignete es sich eines Tages, daß plötzlich ein starker Regenschauer fiel, der jedoch nur eine halbe Stunde anhielt. Nun liefen mehrere Doktoren und Häuptlinge in des Regenmachers Wohnung, um ihm Glück zu wünschen; als sie aber eintraten, fanden sie ihn zu ihrer Verwunderung schlafend, und als sie ihn weckten, da merkten sie, daß er gar nicht wußte, daß es regnete.
»Hallo!« riefen sie, »wir dachten, du hättest den Regen gemacht!«
Aber der kluge Mann faßte sich rasch. Er deutete mit dem Finger auf eine seiner Sklavinnen, welche auf dem Flur saß und einen Milchsack schüttelte, einen jener ledernen Säcke, in welchen die Schwarzen ihre Milch aufbewahren und welche sie schütteln, um Butter zu machen. »Seht ihr denn nicht,« rief der Schlaue, »daß dort mein Weib sitzt und, so stark sie kann, den Regen schürt?«
Die Antwort befriedigte sie vollständig und sie liefen fort, um der ganzen Stadt zu erzählen, des Regenmachers Weib habe den Regen aus ihrem Milchsack geschüttelt. Als aber der Regen so bald aufhörte, kamen sie wieder und baten, das Weib möge noch länger schütteln. Da wies der Regenmacher sie fort, indem er sagte: »Ihr habt mir nur Schafe und Ziegen gegeben, dafür mache ich nur Ziegenregen; gebt mir fette Schlachtochsen, dann sollt ihr Ochsenregen sehen.«
Aber die Verhältnisse gestalteten sich immer ungünstiger für den Regenmacher. Zuweilen stiegen Gewitter auf und man sah schwere Regen niedergehen, aber mehrere Meilen weit entfernt, was dann für die Regenmacher der schlimmste Ärger war. Einmal verfinsterte sich der Himmel über Ulundi, aber bei vielem Blitzen und Donnern fiel nicht ein einziger Tropfen. Der Boden war völlig ausgedörrt, der Samen lag in den bestellten Feldern, als sei er soeben erst aus der Hand geworfen, das Vieh starb scharenweise auf den verbrannten Wiesen, die armen Leute liefen mager wie Skelette herum, um die Zauberkräuter zu beschaffen, welche der Regenmacher verlangte, und manche Menschen auf dem Lande starben Hungers. Der Regenmacher geriet in die größte Verlegenheit und zerbrach sich den Kopf, um Gründe zu finden, denen er seinen Mißerfolg zuschreiben könnte.
Eines Nachts zog eine Wolke über Ulundi hin, und ein einziger Donnerschlag ertönte. Der Blitz hatte in einen Baum am Rande des großen freien Platzes geschlagen. Nun versammelte der Regenmacher am folgenden Morgen viel Volk um den zerschmetterten Baum, von dem noch ein starker Stumpf aufrecht stand, und ließ ihn mit verzauberten Kräutern einwickeln und mit Wasser reichlich begießen. Hierauf ließ er ihn umhauen und zu Asche verbrennen. Die Asche schüttete er in große Kübel voll Wasser und ließ dann die Einwohnerschaft an sich vorüberziehen, wobei er alle Leute mittels eines Zebraschweifes bespritzte.
Aber es half nichts.
Eines Tages versammelte er eine große Volksmenge und sprach über die geheimnisvolle Natur der Paviane. »Wenn ich einen lebendigen Pavian hätte, in dessen Fell kein Haar fehlte,« sagte er, »dann könnte ich Regen mit ihm machen. Aber ohne einen solchen Pavian kann ich es nicht.« Er mochte wohl darauf rechnen, daß man ihm keinen lebenden Pavian bringen könnte, denn die klugen und behenden Tiere, welche in felsigen Bergen unweit Ulundis lebten, lassen sich nicht leicht fangen. Aber er kannte die Zulus schlecht, wenn er so rechnete. Augenblicklich machten sich vierhundert Krieger auf und zogen in die Felsengebirge. Die Paviane, welche gewohnt waren, von ihren hohen Sitzen behaglich zuzusehen, wie die Zulus das Quagga und die Antilope jagten, waren sehr erstaunt, als sie plötzlich selbst gejagt wurden, und als Hunderte von ausgesuchten Schnellläufern hinter ihnen waren. Mit Geschnatter und Geheul rannten sie davon, flüchteten in die steilsten Felsen und sprangen von Baum zu Baum, von Stein zu Stein. Aber es half ihnen nichts. Zwei Zulus stürzten sich zu Tode, drei brachen ein Bein, viele quetschten sich und stießen sich blutig, aber am Abend zog die Jägerschar triumphierend heim: sie brachten einen lebenden Pavian.
Der Regenmacher konnte sich einer Miene größter Bestürzung beim Anblick des Tieres nicht enthalten. Erst schwieg er, dann aber fing er an, das Fell des Pavians zu untersuchen. »O, o!« rief er, »mein Herz ist in Stücken zerrissen, ich bin stumm vor Gram! Seht ihr denn nicht, daß der Pavian hier gekratzt worden ist und mehrere Haare verloren hat? Sagte ich euch denn nicht, daß ich nur mit einem solchen Pavian Regen machen könnte, dem kein Haar fehlt?«
Nach dieser Scene ging der Missionar zum König und stellte ihm vor, wie unsinnig es sei, einem offenbaren Betrüger noch länger zu erlauben, das Volk zu täuschen und in Schaden zu bringen. Aber der König hörte ihn mit einer geheimen Furcht vor dem Regenmacher an.
»Wir können das nicht beurteilen,« sagte er zögernd. »Es muß doch irgend ein Grund dafür sein, daß der Himmel so hart bleibt. Nur kann der Regenmacher den Grund noch nicht finden. Hat er ihn erst gefunden, so wird er ihn schon zu entfernen wissen. Geh, das sind Dinge, welche nur die Männer der Wissenschaft verstehen.«
Es kam dem Missionar so vor, als sei der König durch den Regenmacher beeinflußt, denn dieser hatte mehrfach Andeutungen gemacht, es sei wohl möglich, daß der weiße Mann durch Zauberei ihm entgegenwirke.
»Laß den Regenmacher zu dir kommen, und wir wollen vor Tschetschwajos Angesicht darüber streiten,« sagte der Missionar. »Ich will vor dir beweisen, daß seine Künste nur Betrug sind, denn ich bin auch ein Mann der Wissenschaft.«
Der König stimmte zu, aber tags darauf schickte er zum Missionar und ließ sagen, der Wortstreit solle nicht stattfinden, denn der Gegenstand sei zu hoch für Krieger und könne nur von Regenmachern selbst erörtert werden. Und in der Folge wurden noch viele Dinge versucht, den Regen herbeizuziehen. Einmal verlangte der Regenmacher ein Löwenherz, und er machte daraus ein Getränk, welches die Häuptlinge trinken mußten, dann sagte er, die Begräbnisse wären falsch ausgeführt worden, ließ die Toten der letzten Monate ausgraben und in anderer Weise neu bestatten, aber schließlich, als alles nichts half und die Dürre anhielt, kam er mit niedergeschlagener Miene einmal spät abends heimlich zu dem Missionar und bat diesen um Rat. »Du bist Freund mit dem König,« sagte er, »und du bist gut und weise. Sage ihm, daß er mich retten möge.«
»Wie?« fragte der Missionar, »bist du der Hilfe bedürftig?«
»Es sind die Weiber!« rief der Regenmacher verzweiflungsvoll. »Die Weiber sind zu dumm, sie wiegeln ihre Männer gegen mich auf. Sage mir, mischen sich die Weiber in deiner Heimat auch in die öffentlichen Angelegenheiten?«
Der Missionar konnte nur mit Mühe das Lachen unterdrücken. »Bei mir zu Hause,« sagte er, »sind die Weiber noch viel wichtiger als hier. Sie werden viel höher geachtet, und das Christentum lehrt, daß die Weiber den Männern gleich an Wert sind. Weißt du nicht, daß das große Reich der Engländer von einem Weibe beherrscht wird? In einigen christlichen Ländern sind die Weiber auch Doktoren.«
Der Regenmacher sprang auf. »Das ist ein schrecklicher Gedanke!« rief er. »Möge das Christentum niemals zu uns kommen! Ich wünschte, alle Weiber wären Männer, denn mit Männern kann ich verkehren, aber die Weiber zu lenken, ist mir unmöglich.«
»Ja,« sagte der Missionar, »die Weiber führen den Haushalt und empfinden es am meisten, wenn das Wasser fehlt. Warum hast du ihnen versprochen, was du doch nicht halten kannst?«
»Sie werden mich umbringen,« rief der Regenmacher, »ich bin ein verlorener Mann. Sage mir, was ich thun kann, um sie zu beruhigen!«
»Gestehe die Wahrheit!« riet ihm der Missionar. »Gestehe ein, daß du gar nicht Regen machen kannst! Wenn du das thun willst, so werde ich den König bitten, dich in seinen Schutz zu nehmen.«
»Das ist unmöglich, das kann ich nicht,« sagte der arme Regenmacher. »Dann würden mich schon die andern Doktoren und Regenmacher umbringen.«
»Es ist besser, du redest die Wahrheit, als du lügst,« entgegnete der Missionar. »Was daraus entstehen wird, mußt du Gott überlassen.«
Der Regenmacher ging, aber war nicht getröstet. Der Missionar überlegte indessen, wie er dem Manne helfen könne, denn dieser that ihm leid, weil er klüger war als das gewöhnliche Volk.