Rom
Ein Fragment

Deutsch von Otto Buek

Sieh dir den Blitz an, wenn er durch kohlschwarze Wolken bricht und schier unerträglich aufleuchtet in einer wahren Flut von Licht: so sind die Augen der Albanerin Anunziata. An ihr erinnert alles an jene alten Zeiten, als der Marmor aufzuleben begann und der Meißel in der Hand des Bildhauers blitzte. Ein schwerer Zopf dichter, pechschwarzer Haare schlang sich in zwei Ringen hoch um das Haupt, um in vier langen Locken auf den Hals herabzufallen. Wem sie den leuchtenden Schnee ihres Antlitzes zuwenden mochte — ihr Bild prägte sich jedem tief ins Herz hinein. Wandte sie jemand ihr Profil zu — so strömte ein wunderbarer Adel von ihm aus, und der schöne Schwung der Linien übertraf alles, was je eines Malers Pinsel geschaffen hat. Oder drehte sie einem den Rücken und ließ sie ihm ihren Hinterkopf mit dem herrlichen, aufwärts gekämmten Haar, den leuchtenden Hals und die überirdische, nie gesehene Schönheit ihrer Schultern sehen — so wirkte sie auch da wie ein Wunder. Aber am herrlichsten war sie, wenn sie ihre Augen auf jemand richtete, ihn ansah und kalte Schauer in sein Herz goß. Hell wie Erz tönte ihre volle Stimme. Kein geschmeidiger Panther hätte es an Kraft, Stolz und Schnelligkeit der Bewegungen mit ihr aufnehmen können. In jedem Teile ihres herrlichen Körpers erschien sie wie die Krone der Schöpfung, von den Schultern bis hinab zu dem lebenatmenden Fuß von antiker Bildung — ja bis zur letzten Zehe dieses Fußes. Wohin sie gehen mochte — stets ließ sie ein Bild vor dem Auge erstehen: wenn sie abends mit der getriebenen Bronzevase auf dem Haupte zum Brunnen eilte, so schien sich die ganze Umwelt mit einer wunderbaren Harmonie zu erfüllen: die herrlichen Linien des Albanergebirges verloren sich sanfter in der Ferne, blauer als sonst erschien die Tiefe des römischen Himmels, schlanker strebte die Zypresse zur Höhe, und der schönste unter den Bäumen des Südens, die römische Pinie, hob sich mit ihrer schirmartigen, wie in der Luft schwebenden Spitze zarter und reiner vom Himmel ab. Und alles, der Brunnen, wo auf den Marmorstufen die Albanermädchen, eine größer und schlanker als die andre, in Haufen beieinander standen und mit ihren kräftigen, silbernen Stimmen durcheinanderschwatzten, während in klingendem, diamantenem Strahl das Wasser emporsprang und nacheinander die untergehaltenen kupfernen Krüge füllte, — der Brunnen, die Mädchengruppen, — alles schien allein um ihretwillen da zu sein, um ihre sieghafte Schönheit noch heller erstrahlen, um erkennen zu lassen, daß sie über alles herrscht und gebietet, wie eine Königin über ihr Hofgesinde. Oder, wenn an einem Feiertage die dunkle Baumgalerie, die von Albano nach Castel Gandolfo führt, voll festlich gekleideter Menschen ist, wenn unter ihrer dunklen Wölbung die Minenti stutzerhaft in Sammetkleidern mit leuchtenden Gürteln und einer goldfarbenen Blume an ihrem Kastorhut einherspazieren, wenn zahlreiche Esel mit halbgeschlossenen Augen schlanke, kräftige Albanerinnen und Frascatanerinnen in malerischer Haltung mit weithin schimmerndem, weißem Kopfputz im Schritt oder im Galopp vorübertragen, oder mühsam, fortwährend stolpernd und so gar nicht malerisch mit einem langen, unbeweglichen, in einen erbsgrauen, undurchdringlichen Mantel gehüllten Engländer vorüberziehen, der aus Furcht, seine Füße könnten die Erde berühren, mit spitzwinklig emporgezogenen Beinen dasitzt, oder mit einem Künstler in einer schlichten Bluse, einem an einem Riemen befestigten Holzkasten und einem kecken Van-Dyk-Bärtchen vorbeitraben, während Schatten und Sonnenlicht abwechselnd über die ganze Gruppe huschen — selbst dann, d. h. selbst an solch einem Feiertage ist es einem weit wohler zumute, wenn sie da ist, als wenn sie fehlt. Die Passage läßt sie strahlend und ganz in Licht gehüllt aus ihrer finstern, dunklen Tiefe heraustreten. Der Purpurstoff ihres albanischen Kleides flammt wie Gold, das ein Sonnenstrahl berührt hat. Eine wundersame Feiertagsstimmung leuchtet einem jeden von ihrem Anlitz entgegen, und wer ihr begegnet, bleibt wie angewurzelt stehen: der stutzerhafte Minenti mit der Blume am Hut stößt einen Schrei der Überraschung aus, das Gesicht des Engländers im erbsgrauen Mantel verwandelt sich in ein Fragezeichen, und der Künstler mit dem Van-Dyk-Bärtchen ...; doch dieser bleibt viel länger auf einem Flecke stehen, als alle andern, wie wenn er sich dächte: ja, das wäre ein herrliches Modell für eine Diana, eine stolze Juno, eine verführerische Grazie wie überhaupt für jede Frau, die jemals auf einer Leinwand dargestellt ward! Und er fügt wohl in Gedanken kühn hinzu: ja, das wäre ein Paradies, wenn ein solches Wunder mein bescheidenes Atelier für immer schmücken könnte.

Wer aber ist er, dessen Blick sich so viel leidenschaftlicher und wie gebannt an ihre Spuren heftet! Wer ist er, der jedes ihrer Worte, jede ihrer Bewegungen und Gedankenregungen so aufmerksam auf ihrem Gesichte verfolgt. Ein fünfundzwanzigjähriger Jüngling, ein römischer Fürst, der Nachkomme einer Familie, die einst die Ehre, den Stolz und die Schmach des Mittelalters bildete und die nun in einem wunderbaren alten Schloß auf ihr nahes Ende wartete. Dieses mit Fresken von Guercin und Caracci gezierte Schloß beherbergte eine Bildergalerie voll nachgedunkelter Gemälde, verblichener Stoffe, lazurblauer Tische und wurde von einem Maestro di casa verwaltet, der selbst grau wie ein Falke war.

Vor kurzem erst hatten ihn die römischen Straßen erblickt: diese schwarzen Augen, die hinter dem über die Schulter geworfenen Mantel Blitze hervorschleuderten, diese Nase von antiker Kontur, das Elfenbein seiner Stirn und die auf sie herabfallende wehende Locke seidenen Haares. Nach fünfzehnjähriger Abwesenheit war er wieder in Rom aufgetaucht; nun ein stolzer Jüngling, er, der noch vor kurzem ein Kind gewesen war.

Aber der Leser muß unbedingt erfahren, wie das alles geschah, und daher wollen wir schnell die Geschichte dieses jungen, aber an starken Eindrücken schon so reichen Lebens an uns vorüberziehen lassen. Seine frühste Jugend hatte der Fürst in Rom verlebt; er erhielt eine Erziehung, wie sie bei den hohen römischen Würdenträgern, deren Leben sich seinem Ende entgegenneigt, üblich ist. Ein Abbé vertrat bei ihm die Stelle des Lehrers, Aufsehers, Gouverneurs usw.; dieser war ein strenger Klassiker, ein Verehrer der Briefe Pietro Bembos, der Werke des Giovanni della Casa und einiger fünf oder sechs Gesänge Dantes, die er beim Lesen stets mit lebhaften Ausrufen wie: „Dio che cosa divina!“ begleitete, um nach ein paar Zeilen gleich wieder hinzuzufügen: „Diavolo che divina cosa!“ Darin bestand das ganze künstlerische Werturteil und die ganze Kritik der von ihm so bewunderten Werke — im übrigen aber sprach er nur über Broccoli und Artischocken, — dies war sein Lieblingsthema, und er wußte ganz genau, zu welcher Jahreszeit das Kalbfleisch am besten sei und in welchem Monat man damit beginnen könne, junges Ziegenfleisch zu essen; über all diese Gegenstände unterhielt er sich am liebsten auf der Straße, wo er gewöhnlich einen andern Abbé zu treffen pflegte; er trug schwarze seidene Strümpfe, in die er zuvor ein Paar wollene hineinstopfte, wodurch er seine dicken Waden geschickt zur Geltung zu bringen wußte, nahm regelmäßig einmal im Monat eine Portion Olio di ricino in einer Tasse Kaffee als Purgiermittel ein und wurde, wie alle Abbés, mit jedem Tag und jeder Stunde wohlbeleibter. Es ist begreiflich, daß sich der junge Fürst bei einer solchen Erziehung kein großes Wissen aneignete. Er erfuhr nur, daß die lateinische Sprache die Mutter der italienischen sei, daß es drei Arten von Monsignori gibt: solche in schwarzen Strümpfen, solche in violetten Strümpfen und endlich solche, die beinahe so viel bedeuten, wie ein Kardinal; er lernte einige Briefe Pietro Bembos — meist Glückwunschschreiben an die zu jener Zeit lebenden Kardinäle — kennen, machte nähere Bekanntschaft mit der Corsostraße, wo er häufig mit dem Abbé spazierenging, sowie ferner mit der Villa Borghese und mit zwei bis drei Läden, vor denen der Abbé haltzumachen pflegte, um sich Papier, Federn und Schnupftabak zu kaufen, und endlich noch mit der Apotheke, wo jener sein Olio di ricino bezog. Das war der ganze Horizont, der das Wissen des Zöglings umschloß. Von den anderen Ländern und Staaten hatte der Abbé nur in ganz unklaren und unsicheren Andeutungen gesprochen: er hatte erwähnt, daß es ein sehr reiches Land, Frankreich, gäbe, daß die Engländer gute Kaufleute seien und eine große Vorliebe für das Reisen hätten, daß die Deutschen — sehr viel tränken und daß im Norden ein barbarisches Land Moscovien liege, in dem eine furchtbare Kälte herrsche, bei der ein menschliches Gehirn leicht in die Brüche gehen könne. Wahrscheinlich hätte der Zögling bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre kaum noch etwas über diese Tatsachen hinaus erfahren, wenn es dem alten Fürsten nicht plötzlich eingefallen wäre, die alte Erziehungsmethode fallen und dem Sohne eine europäische Bildung geben zu lassen, was wohl zum Teil dem Einfluß einer französischen Dame zuzuschreiben war, auf die der Fürst seit einiger Zeit überall — im Theater wie auf Spaziergängen — beständig seine Lorgnette richtete, wobei er alle Augenblicke sein Kinn in sein ungeheures weißes Jabot versenkte und sich eine schwarze Locke auf seiner Perücke zurechtstrich. So wurde denn der junge Fürst nach Lucca geschickt, um hier die Universität zu beziehen. Dort entfaltete sich während eines sechsjährigen Aufenthaltes seine lebhafte italienische Natur, die unter der langweiligen Aufsicht des Abbés nur geschlummert hatte: Es zeigte sich, daß der Jüngling eine nach erlesenen Genüssen dürstende Seele und eine starke Beobachtungsgabe besaß. Die italienische Universität, wo die Wissenschaft unter der harten Hülle trockener, scholastischer Formen dahinvegetierte, befriedigte die jüngere Generation nicht mehr, an deren Ohr schon die Kunde von dem lebendigen Geiste gedrungen war, die hie und da über die Alpen kam. Der Einfluß Frankreichs machte sich bereits in Oberitalien bemerkbar: er wurde zugleich mit allerhand neuen Moden, Vignetten, Vaudevilles und gekünstelten Produkten der zügellosen, ungeheuerlichen und leidenschaftlichen französischen Muse, die aber dennoch Spuren eines starken Talentes erkennen läßt, hierher getragen. Die starke politische Bewegung, die sich seit der Julirevolution in den Zeitschriften bemerkbar machte, fand auch hier ihr Echo. Man träumte von der Wiederherstellung der entschwundenen ruhmvollen italienischen Vergangenheit und blickte voller Empörung auf die verhaßte weiße Uniform der österreichischen Soldaten. Aber die zu ruhigen Genüssen reizende italienische Natur machte sich nicht Luft in einem Aufstand, zu dem sich der Franzose ohne lange Bedenken entschlossen hätte: all diese Gefühle strömten nur in dem einen unbestimmten Wunsch zusammen, das wahre Europa jenseits der Alpen kennen zu lernen. Die ewige Bewegung, die es durchflutete, und sein heller Glanz erschienen in lockender Ferne. Dort war alles neu, stand alles im Gegensatz zu dem ehrwürdigen Alter Italiens, dort hatte das XIX. Jahrhundert und das wahre europäische Leben begonnen. Ein heißes Sehnen riß die Seele des jungen Fürsten dorthin; er träumte von hellem Licht und Abenteuern, und jedesmal umwölkte ein drückendes Gefühl der Wehmut seinen Geist, wenn er der Unmöglichkeit inne wurde, seinen Wunsch erfüllt zu sehen: er kannte den unbeugsamen, despotischen Willen des alten Fürsten, und er fühlte sich außerstande, es mit ihm aufzunehmen — da erhielt er plötzlich einen Brief von dem Fürsten, in dem dieser ihm befahl, nach Paris zu reisen, seine Studien in der dortigen Universität zu beendigen und nur in Lucca die Ankunft eines Onkels abzuwarten, um sich mit diesem zusammen auf die Reise zu begeben. Der junge Fürst sprang vor Glück in die Höhe, küßte seine sämtlichen Freunde ab, gab ihnen in einer Osterie, die in der Umgegend der Stadt lag, ein Festmahl und war zwei Wochen später bereits unterwegs mit einem Herzen, das jedem Gegenstand mit frohem Pochen entgegenschlug. Als man den Simplon passiert hatte, leuchtete ein freudiger Gedanke in seinem Kopfe auf; er befand sich auf der andern Seite der Alpen: er war in Europa. Die wilde Unform der Schweizer Alpen, die sich ohne weite Perspektiven und ohne jene weich in der Ferne verlaufenden Tiefen in die Höhe türmten, erschreckte zunächst seinen an die hohe Ruhe und an die heitere wollüstige Schönheit der italienischen Natur gewöhnten Blick. Aber er erheiterte sich mit einem Schlage beim Anblick der europäischen Städte, der prachtvollen hellen Gasthöfe und des Komforts, der jeden Reisenden erwartete, so daß er sich’s bequem machen konnte, wie wenn er zu Hause wäre. Diese kokette Sauberkeit und dieser Glanz — das war ihm alles neu. In den deutschen Städten fühlte er sich ein wenig überrascht durch den etwas seltsamen Körperbau der Deutschen und den Mangel an Grazie, Harmonie und Schönheit, für die der Italiener ein angeborenes Gefühl im Busen trägt; auch die deutsche Sprache machte einen unangenehmen Eindruck auf sein musikalisches Ohr, aber nun lag die französische Grenze vor ihm, und sein Herz erbebte. Die leichten, hüpfenden Laute einer modernen europäischen Sprache trafen zärtlich kosend sein Ohr, und mit Wonne suchte er ihr sanft gleitendes Geräusch aufzufangen; schon in Italien waren ihm diese Laute als etwas Hohes erschienen, befreit von allen krampfhaften Bewegungen, wie sie den starken Sprachen aller Völker der gemäßigten Zone eigen sind, die sich noch nicht gewöhnt haben, sich in maßvollen Grenzen zu halten. Einen noch größeren Eindruck aber machten auf ihn die Frauen, diese seltsamen, leicht dahinschwebenden Geschöpfe. Er war überrascht über diese flüchtigen Wesen mit den kaum hervortretenden zarten Formen, den kleinen Füßen, dem feinen ätherischen Gliederbau, dem Feuer der Augen, das Hingabe und Sympathie ausströmte, und ihrem leichten, kaum über Andeutungen hinausgehenden Geplauder. Voller Ungeduld erwartete er die Ankunft in Paris, das er in seiner Einbildung mit Türmen und Palästen ausschmückte; er machte sich ein eigenes Phantasiebild von dieser Stadt, und mit pochendem Herzen gewahrte er endlich die ersten Anzeichen der Nähe der Hauptstadt: Plakate an den Mauern, Buchstaben von ungeheurer Größe, immer zahlreicher werdende Omnibusse und Diligencen, — und nun erschienen die ersten Häuser der Vorstadt. Doch jetzt war er in Paris und fühlte sich dunkel von der ungeheueren Außenseite der Stadt umfangen; Staunen erfaßte ihn, als er die Bewegung und all den Glanz in den Straßen erblickte, dies wirre Durcheinander der Dächer, den Wald der Schornsteine, die dichten stillosen Häusermassen mit den eng beieinanderstehenden bunten Läden, die häßlichen nackten, zusammenhangslosen Fassaden, diese zahllose bunte Menge goldener Buchstaben, die alle Wände bedeckten, bis auf die Dächer und sogar auf die Schornsteine emporkletterten, die hellen unteren Stockwerke, die aus lauter Spiegelgläsern bestanden, und in die man bequem hineinsehen konnte. Dies also war Paris, dieser ewig kochende Krater, dieser Springbrunnen, der eine wahre Funkengarbe von Neuigkeiten, von Aufklärung, Moden, erlesenem Geschmack und winzigen, aber mächtigen Gesetzen ausspie, denen sich selbst die Tadler nicht zu entziehen vermochten: diese große Ausstellung aller Erzeugnisse der Kunst, höchster Meisterschaft und aller Talente, die sich in den unbedeutendsten Winkeln Europas verbergen, die drängende Sehnsucht und der schönste Traum eines Zwanzigjährigen, diese Wechselstube und dieser Jahrmarkt Europas. Ganz betäubt und unfähig, sich zu sammeln, streifte er durch die Straßen, die von allerlei Volk wimmelten und von zahlreichen Rinnen, die die Räder vorüberrollender Omnibusse hinterließen, durchfurcht waren, bald gefesselt durch den Anblick eines Cafés und seiner wunderbaren, geradezu königlichen Ausstattung, bald wieder überrascht durch die berühmten gedeckten Passagen, wo ihn das dumpfe Geräusch von einigen tausend Fußgängern betäubte, meist jungen Leuten, die sich wie eine kompakte Masse vorwärts bewegten, und völlig geblendet von dem flimmernden Glanz der Kaufläden, die von oben her durch ein auf das Glasdach der Galerie fallendes Licht erleuchtet wurden. Zuweilen auch blieb er vor einem der vielen Plakate stehen, die in Millionen Exemplaren und dicht nebeneinanderhängend, das Auge durch ihre Buntheit beunruhigten: das waren laute Ankündigungen von etwa vierundzwanzig Vorstellungen, die hier täglich stattfanden, und einer schier unendlichen Anzahl aller möglichen Konzerte; und als nun endlich dies ganze märchenhafte Durcheinander gegen Abend bei der zauberischen Gasbeleuchtung aufflammte — als alle Häuser plötzlich gleichsam durchsichtig wurden und von unten herauf lebhaft zu leuchten begannen, da geriet er vollends in Verwirrung: die Fenster und die Gläser der Magazine schienen ganz verschwunden, ja überhaupt nicht mehr vorhanden zu sein, und das ganze Innere schien unbewacht unmittelbar an der Straße zu liegen, einen flimmernden Glanz um sich zu verbreiten und sich tief innen in den Gläsern zu spiegeln. Ma quest’ è una cosa divina! wiederholte der lebhafte Italiener fortwährend.

Sein Leben floß schnell dahin, wie das Leben vieler Pariser und das der zahlreichen jungen Ausländer, die nach Paris kommen. Bereits um neun Uhr befand er sich, kaum, daß er aus dem Bett gesprungen war, in einem prachtvollen Café mit modernen Fresken unter Glas und einer von Gold strotzenden Decke. Auf den Tischen lagen ganze Stöße von Zeitungen und Zeitschriften gewaltigen Formats, und ein Kellner von vornehmem Äußern schritt mit einer wundervollen Kaffeekanne in der Hand an den Gästen vorbei. Hier trank er mit der Genußsucht eines Sybariten aus einer ungeheuren Tasse den fetten Kaffee, lehnte sich wohlig in das weiche elastische Sofa zurück und dachte an die niedrigen, dunklen italienischen Cafés mit ihren unsauberen Bottegas und ihren schmutzigen, ungewaschenen Gläsern. Dann vertiefte er sich in die Lektüre der ungeheuren Zeitungen und gedachte der schwindsüchtigen kleinen Zeitschriften Italiens, des „Diario di Roma“, des „Il Pirato“ und ähnlicher, in denen nichts wie harmlose politische Nachrichten und womöglich Anekdoten über die Thermopylen und den Perserkönig Darius zu lesen waren. Hier dagegen spürte man überall die glühende Leidenschaft, die dem Schriftsteller die Feder geführt hatte. Hier überstürzten sich die Fragen förmlich, jede Erwiderung rief eine neue hervor — hier schien sich ein jeder nach Kräften durchzusetzen, sich recht breit zu machen und großzutun: irgendeiner drohte mit einer baldigen politischen Umwälzung und verkündigte einen Zusammenbruch des Staates, jede kaum merkliche Bewegung in der Kammer und im Ministerium, jede ihrer Aktionen wuchs sich zu einer gewaltigen, machtvollen Bewegung der hartnäckigen Parteien aus und hallte als lautes, wütendes Geschrei aus den Journalen wider. Ja, der Italiener verspürte etwas wie Furcht, wenn er dies las und daran dachte, daß vielleicht schon morgen die Revolution ausbrechen könnte; wie von einem Dunst umnebelt verließ er das Lesezimmer, und erst die Straßen von Paris vermochten es, den ganzen Ballast in einem Augenblick aus seinem Kopfe zu vertreiben. Dieser über alle Gegenstände dahinhüpfende Glanz, diese bunte Bewegung erschienen ihm nach der schweren Lektüre fast wie zarte Blumen, die sich an dem Rande eines Abgrundes angesiedelt hatten. Mit einem Schlage befand er sich wieder ganz auf der Straße und war bald gleich allen andern in jeder Hinsicht ein müßiger Flaneur. Er sah sich die fröhlichen, graziösen Verkäuferinnen an, die gleich kaum erblühten Knospen im ersten Lenz der Jugend prangten, und die alle Pariser Kaufläden anfüllten, als wenn die rauhe Gestalt des Mannes etwas Anstößiges an sich hätte und hinter den großen Fensterscheiben wie ein schwarzer Fleck erschienen wäre. Er sah, wie die bis zur Koketterie schmalen, mit den feinsten Seifen gewaschenen Händchen ihm lockend entgegenglänzten, wie sie damit beschäftigt waren, das Konfektpapier zu falten, während die Augen hell und unverwandt auf die Vorübergehenden gerichtet waren; er sah, wie sich an einer andern Stelle ein blondes, lieblich geneigtes Köpfchen, die langen Wimpern tief in die Seiten eines Moderomans versenkt, am Fenster abzeichnete, und wie die Schöne gar nicht bemerkte, daß bereits ein ganzer Haufen junger Leute vor ihr stand, ihren schneeweißen Hals, ja, jedes Härchen auf dem Kopfe betrachtete, und selbst das leise Wogen des Busens belauschte, das die Lektüre begleitete. Er blieb auch vor einem Bücherladen stehen, wo ihm seltsame Buchstaben gleich Hieroglyphen entgegenblickten, oder wo sich dunkle Vignetten gleich schwarzen Spinnen von dem dicken glänzenden Papier abhoben, Vignetten, die meist mit einem solchen Schwung und einer solchen Leidenschaft hingeworfen waren, daß es oft ganz unmöglich war, herauszubekommen, was sie eigentlich darstellten. Oder er sah sich eine Maschine an, die für sich allein einen ganzen Laden ausfüllte und die hinter der großen Spiegelscheibe in voller Tätigkeit war, indem sie eine ungeheure Walze, die Schokolade zerrieb, hin und her wälzte. Er blickte auch in die Läden hinein, vor denen die Pariser Krokodile, die Hände in den Taschen und mit offenem Munde, stundenlang herumstehen: da sah man wohl einen gewaltigen roten Hummer aus dem grünen Gemüse hervorgucken, oder eine getrüffelte Pute mit der lakonischen Überschrift „300 Frank“ thronen, oder gelbe und rote Fische mit goldigen Flossen und Schwänzen in Glasvasen herumschwimmen. Oder er schlenderte auf den breiten Boulevards herum, die das ganze enge winklige Paris majestätisch durchquerten; da sah man, wie sich mitten in der Stadt gewaltige Bäume bis zur Höhe eines sechsstöckigen Hauses emporreckten, und wie sich Scharen von Fremden und ein Haufen urwüchsiger Pariser Löwen und Tiger, die in den Novellen und Erzählungen nicht immer richtig dargestellt sind, auf dem Asphalttrottoir drängten. Und wenn er genug herumflaniert und des Schauens satt war, dann begab er sich in ein Restaurant, wo die mit Spiegelscheiben ausgeschlagenen Wände längst im Glanze des Gaslichts erstrahlten und unzählige Gruppen von Damen und Herren widerspiegelten, die hinter den kleinen im Saale verstreuten Tischen saßen und sich geräuschvoll unterhielten. Nach dem Diner eilte er sogleich ins Theater, wobei ihm nur die Wahl schwer wurde, für welches er sich entscheiden sollte: denn jedes hatte seine eigene Berühmtheit, jedes seinen hervorragenden Autor, jedes seine besonderen Schauspiele. Überall wurden Novitäten aufgeführt. Dort gab es ein glänzendes Vaudeville, lebensprühend, oberflächlich und jeden Tag neu, wie der Franzose selbst, ein Stück, das vielleicht in drei müßigen Minuten entstanden war, und beim Publikum, dank der unerschöpflichen Laune des Schauspielers, von Anfang bis zu Ende unaufhörliche Lachstürme entfesselte. Dort wieder gab man ein Drama voller Glut und Leidenschaft. — Und unwillkürlich verglich er die trockene, dürftige Schaubühne Italiens, wo der alte Goldoni, den schon alle auswendig konnten, unaufhörlich wiederholt, oder allerhand neue Komödien aufgeführt wurden, deren Harmlosigkeit und Naivität selbst ein Kind hätten langweilen müssen — unwillkürlich verglich er jene mageren Erzeugnisse mit dieser lebendigen, hastigen dramatischen Flut, wo das Eisen geschmiedet wurde, solange es noch heiß, und wo jedermann besorgt war, seine Novität könne vorzeitig kalt werden. Wenn er sich dann gründlich ausgelacht, aufgeregt und satt gesehen hatte, kehrte er müde und ganz überwältigt von all den Eindrücken nach Hause zurück und sank ins Bett, den einzigen Gegenstand, den der Franzose bekanntlich in seiner Stube nicht entbehren kann. Wenn er ein Arbeitszimmer, ein Mittagessen und des Abends einen beleuchteten Raum braucht, dann sucht er ein öffentliches Gebäude auf. Aber der Fürst unterließ es trotzdem nicht, mit diesem abwechslungsreichen Müßiggang auch die geistige Betätigung zu verbinden, nach der seine Seele voller Ungeduld dürstete. Er besuchte auch die Vorlesungen sämtlicher berühmter Professoren. Das lebendige, oftmals Begeisterung ausströmende Wort, die neuen Gesichtspunkte und die neuen Seiten, die der redegewandte Professor den Dingen abzugewinnen wußte, hatten für den jungen Italiener etwas Überraschendes. Er fühlte plötzlich, wie eine Hülle von seinen Augen sank, wie die Gegenstände, die er früher kaum bemerkt hatte, nun plötzlich in einem neuen, hellen Lichte erstrahlten, und wie der alte Plunder von allerhand Kenntnissen, die er sich bisher angeeignet hatte und die bei der übergroßen Zahl der jungen Leute gewöhnlich wieder spurlos in Vergessenheit geraten, da es ihnen an Gelegenheit zur Anwendung fehlt, plötzlich lebendig zu werden begann und nun, mit neuem Auge angesehen, sich für immer in seinem Gedächtnis befestigte. Er unterließ es auch nicht, sich alle berühmten Prediger, Publizisten und Redner, die Diskussionen in der Kammer und überhaupt alles anzuhören, was den Ruhm von Paris bildet und in Europa laut von sich reden macht. Und trotzdem es ihm häufig an den Mitteln fehlte, da er vom alten Fürsten nur einen geringen Wechsel erhielt, wie er wohl einem Studenten, aber keinem Fürsten angemessen ist, fand er dennoch Gelegenheit, sich alles anzusehen, sich Zutritt bei allen Zelebritäten zu verschaffen, deren Ruhm die europäischen Blätter beständig ausposaunen, indem eins das andre wiederholt, ja, er lernte sogar die Modeschriftsteller persönlich kennen, deren seltsame Schöpfungen, wie die vieler andrer, einen so starken Eindruck auf seine junge leidenschaftliche Seele gemacht hatten, und in denen alle Welt eine bisher noch nie angeschlagene Saite und bislang noch von niemand erfaßte Regungen der Leidenschaften zu vernehmen glaubte. Mit einem Wort, das Leben des jungen Italieners nahm eine große, vielgestaltige Wendung und ward von dem mächtigen Glanze europäischen Lebens umstrahlt. Welche Unzahl von Eindrücken an einem einzigen Tage: sorgloser Müßiggang und ein unruhiges Erwachen, eine leichte Beschäftigung der Augen und eine angestrengte Arbeit des Geistes, ein Vaudeville im Theater, eine Predigt in der Kirche, der politische Wirbel in den Zeitschriften und in der Kammer, das Händeklatschen in den Auditorien, der erschütternde Donner des Konservatoriumsorchesters, der ätherische Glanz der tanzenden Bühne, der laute Lärm auf den Straßen — welch ein mächtig flutendes Leben für einen fünfundzwanzigjährigen Jüngling! Es gibt keinen herrlicheren Punkt als Paris, und für nichts in der Welt hätte er ein solches Leben hingegeben. Wie angenehm und lustig ist’s doch, mitten im Herzen Europas zu leben, wo man immer höher emporsteigt, während man vorwärtsschreitet, wo man fühlt, daß man ein Glied der großen universellen Gemeinschaft ist. Ja mitunter kam ihm sogar der Gedanke, Italien gänzlich Valet zu sagen und sich für immer in Paris niederzulassen. Italien erschien ihm jetzt wie ein finsterer, mit Schimmel bedeckter Winkel Europas, wo alles Leben und jede Bewegung erstorben war.

So entflohen vier heiße Jahre seines Lebens — vier Jahre von ungeheurer Bedeutung für einen Jüngling — doch am Schluß dieses Abschnittes erschien ihm gar manches schon nicht in demselben Lichte wie ehemals. Von vielem fühlte er sich enttäuscht. Dasselbe Paris, das unaufhörlich neue Fremde anzog, diese nie erlöschende Leidenschaft der Pariser machte auf ihn längst nicht mehr den Eindruck wie früher. Er sah, wie diese große Vielseitigkeit und Bewegtheit des Lebens verging, ohne Folgen blieb und in der Seele keinen fruchtbaren Niederschlag hinterließ. In dem Wirbel dieser ewigen siedenden Bewegung und Tätigkeit entdeckte er nun eine furchtbare Untätigkeit und ein schreckliches Vorherrschen des Wortes über die Tat. Er sah, wie jeder Franzose scheinbar nur mit dem erhitzten Kopfe arbeitete, wie diese Lektüre der mächtigen Zeitungsblätter den ganzen Tag in Anspruch nahm und keine Stunde für das praktische Leben übrigließ, wie jeder Franzose in diesem seltsamen Strudel einer von Druckerschwärze beherrschten papierenen Politik erzogen wurde und ohne jede Kenntnis des Standes, dem er angehörte, ohne alle die ihm zukommenden Rechte und Lebensverhältnisse auch in der Praxis kennen gelernt zu haben, sich schon der einen oder andern Partei anschloß, sich all ihre Interessen feurig und leidenschaftlich zu Herzen nahm, und seinen Gegnern heftig entgegentrat, ohne seine Interessen, noch seine Gegner von Angesicht zu kennen — und das Wort Politik fing schließlich an, unserem Italiener lebhaften Ekel zu erregen.

In den Bewegungen des Geistes, des Handels ... überall und in allem glaubte er nur gewaltsame Anstrengungen und ein ewiges Streben nach neuen Sensationen zu entdecken. Der eine suchte aus allen Kräften dem andern, wenn auch nur für einen Moment, den Rang abzulaufen. Der Kaufmann verwandte sein ganzes Kapital auf die Ausstattung seines Ladens, um die Menge durch seinen Glanz und seine Pracht anzulocken. Der Buchhandel nahm seine Zuflucht zu allerhand Bildern und Illustrationen, mit denen die Bücher ausgestattet wurden, sowie zu einem luxuriösen Buchschmuck, um hierdurch die erkaltende Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken: In ihren Romanen und Novellen suchten die Schriftsteller den Leser durch die Seltsamkeit unerhörter Leidenschaften und durch Darstellung häßlicher Ausgeburten der menschlichen Natur zu fesseln. Alles schien sich einem frech und ohne Aufforderung von selbst anzubieten und aufzudrängen, wie eine Dirne, die die Männer nachts auf der Straße einzufangen sucht; alles streckte in wildem Wetteifer seine Hand möglichst weit aus, wie ein drängender Haufe zudringlicher Bettler. Selbst in der Wissenschaft und in den so durchgeistigten Vorlesungen, deren Wert er unbedingt anerkennen mußte, glaubte er die Absicht herauszufühlen, Vorzüge ans Licht zu stellen, mit ihnen zu prahlen und sich selbst in Szene zu setzen: überall gab es glänzende Episoden, aber dem Ganzen fehlte doch der mächtige, feierliche, erhabene Fluß. Überall das Bestreben, bisher unbeachtete Tatsachen aufzuspüren und ihnen eine ungeheure Bedeutung beizulegen, oft zum Nachteil der Einstimmigkeit und Harmonie des Ganzen, nur um sich den Ruhm einer Entdeckung zu sichern; und schließlich dieses fast durchgängige, dreiste Selbstbewußtsein, dieser völlige Mangel einer Erkenntnis unserer Unwissenheit — und unserem Italiener fiel ein Vers ein, in dem der italienische Dichter Alfieri in einer boshaften Laune den Franzosen den Vorwurf macht:

Tutto fanno, nulla sanno,

Tutto sanno, nulla fanno.

Gira volta son Francesi,

Piu gli pesi, men ti danno.

Eine trübselige Stimmung bemächtigte sich des jungen Fürsten. Vergebens versuchte er es, sich zu zerstreuen und Menschen aufzusuchen, die er achtete, aber seine italienische Natur wollte nicht mit der französischen zusammenstimmen. Er schloß zwar schnell Freundschaften, aber ein Tag genügte, um den Franzosen bis zur letzten Faser seines Wesens kennen zu lernen; am nächsten Tage gab es schon nichts mehr an ihm zu erforschen. Weiter als bis zu einer gewissen Tiefe konnte man keine Frage in seine Seele versenken, und die scharfe Klinge des Gedankens wollte nicht weiter eindringen, und doch hatte der Italiener ein viel zu tiefes Gefühl, um eine ihm völlig befriedigende Antwort bei einem leichtsinnig veranlagten Menschen finden zu können. So stieß er auf eine seltsame Leere, selbst in den Herzen derer, denen er seine Achtung nicht versagen konnte. Und er erkannte zuletzt, daß die ganze Nation, bei all ihren glänzenden Eigenschaften, ihrem edlen Streben, ihren ritterlichen Aufwallungen, dennoch blaß und unvollkommen blieb: ein leichtes Vaudeville, daß sie selbst geschaffen hatte. Über ihr ruhte keine erhabene Idee von hoher Würde. Überall gab es nur Andeutungen von Gedanken, aber die eigentlichen Gedanken fehlten: überall gab es nur halbe und keine ganzen Leidenschaften, alles blieb unvollendet, flüchtig hingeworfen, mit rascher Hand skizziert; die ganze Nation war eine glänzende Vignette, und nicht das Bild eines großen Meisters.

War es nur eine melancholische Stimmung, die ihn plötzlich überfallen hatte und ihn nun alles in einem solchen Lichte sehen ließ, oder lag der Grund dazu in dem wahrhaften, frischen, inneren Gefühl der Italiener — genug, dies Paris mit all seinem Lärm und Glanz wurde ihm bald eine drückende Wüste, und unwillkürlich flüchtete er sich bis an die ödesten und entlegensten Enden der Stadt. Nur die italienische Oper besuchte er noch; nur da allein schien seine Seele auszuruhen, und die Klänge der heimatlichen Sprache wuchsen jetzt für ihn bis zu ihrer ganzen Macht und Fülle empor. Immer häufiger sah er jetzt sein ihm fast gänzlich aus dem Gedächtnis entschwundenes Italien vor sich: dort irgendwo in weiter Ferne und in einem eigentümlichen, verlockenden Lichte; sein mahnender Ruf wurde mit jedem Tage deutlicher vernehmbar, und so entschloß er sich denn am Ende, an seinen Vater zu schreiben, er möge ihm erlauben, nach Rom zurückzukehren, da er kein Bedürfnis empfände, länger in Paris zu bleiben. Zwei Monate lang blieb jede Antwort, ja sogar der gewohnte Wechsel aus, den er schon längst zu erwarten hatte. Anfänglich wartete er geduldig, da er den launischen Charakter seines Vaters kannte, endlich aber bemächtigte sich seiner eine gewisse Unruhe. Er ging jede Woche mehrmals zu seinem Bankier und erhielt doch immer nur die gleiche Antwort, daß keinerlei Nachrichten aus Rom eingetroffen seien. Schon war seine Seele der Verzweiflung nahe. Die Mittel zur Bestreitung seines Lebensunterhalts waren schon seit langer Zeit erschöpft, schon hatte er mehrfach beim Bankier eine Anleihe machen müssen, doch auch dies Geld war bereits ausgegeben, und schon lange Zeit aß, frühstückte und lebte er auf Kredit; man begann ihn bereits schief und unfreundlich anzusehen, — aber nicht einmal seine Freunde wollten das geringste von sich hören lassen. Ein Gefühl tiefer Vereinsamung überfiel ihn. Voller Erwartung und Unruhe irrte er durch diese ihm tödliche Langeweile einflößende Stadt. Jetzt im Sommer erschien sie ihm noch weit unerträglicher; die große Menge der Reisenden hatte sich in die Bäder begeben, oder befand sich in den großen europäischen Gasthöfen und unterwegs. Eine gewisse Öde und Leere warf ihre Schatten auf alles. Die Gebäude und Straßen von Paris waren unerträglich; die Gärten verschmachteten elend inmitten der Häuser, auf die die Sonne heiß herniederbrannte. Halbtot blieb er an der Seine auf einer schweren, lastenden Brücke oder am schwülen Ufer stehen, und versuchte es, sich selbst zu vergessen, oder sich durch irgendeinen Anblick zu zerstreuen; eine unendliche Langeweile verzehrte ihn, und ein unbekannter Wurm nagte an seinem Herzen. Endlich erbarmte sich das Schicksal seiner — und eines Tages überreichte ihm sein Bankier einen Brief. Er stammte von seinem Onkel, der ihm mitteilte, daß der alte Fürst nicht mehr am Leben sei, und daß er nun kommen könne, um über die Erbschaft zu verfügen; dies erfordere seine persönliche Anwesenheit, weil die Vermögensverhältnisse sich in großer Unordnung befänden. Der Brief enthielt auch noch eine magere Banknote, die gerade dazu reichte, die Reise und den vierten Teil seiner Schulden zu bezahlen. Der junge Fürst wollte keinen Augenblick länger zögern, er wußte den Bankier, wenn auch nicht ohne Mühe, dazu zu bewegen, auf die Bezahlung der Schuld zu warten, und besorgte sich einen Platz im Postwagen. Eine schwere Last schien von seiner Seele genommen zu sein, als Paris in der Ferne vor ihm versank und die frische Luft der Felder ihn anwehte. Zwei Tage darauf war er schon in Marseille; er wollte jedoch nicht eine einzige Stunde ruhen und bestieg noch am selben Abend das Dampfschiff. Er fühlte sich durch das Mittelmeer heimatlich berührt; umspülte es doch die Küsten seines Vaterlandes, und schon beim Anblick seiner unendlichen Wogen fühlte er sich erfrischt. Es ist schwer, die Empfindung zu schildern, die ihn beschlich, als er die erste italienische Stadt — das prachtvolle Genua erblickte. Doppelt so schön erschienen ihm nun die mächtig emporstrebenden bunten Glockentürme, die gestreiften Kirchen aus weißem und schwarzem Marmor und das ganze Amphitheater mit den vielen Türmen, das ihn beim Einlaufen des Dampfers plötzlich von allen Seiten umgab. Nie zuvor hatte er Genua gesehen. Diese funkelnde Buntheit der Häuser, Kirchen und Paläste inmitten dieser feinen ätherischen Luft, die in einer fast unbegreiflichen Bläue erstrahlte, — war ganz unvergleichlich. Er stieg ans Ufer und befand sich sogleich in diesen dunklen, wunderbaren, engen, mit Fliesen ausgelegten Straßen, über denen oben nur ein ganz schmaler Spalt blauen Himmels sichtbar war. Dieses dichte Nebeneinander der hohen gewaltigen Häuser, dieser Mangel jeden Wagengerassels, diese kleinen dreieckigen Plätze und dazwischen die gewundenen Linien der Straßen, die wie kleine Korridore aussehen und unzählige Läden Genuesischer Gold- und Silberschmiede beherbergen, — das alles hatte für ihn etwas Überraschendes. Die malerischen Spitzenmäntel der Frauen, die kaum merklich von dem warmen Siroccowind hin und her bewegt wurden, ihr fester Tritt, der helle Klang der Stimmen auf den Straßen, die offenstehenden Tore der Kirchen, der Weihrauchduft, den sie ausströmten — dies alles wehte ihn an wie ein Hauch aus fernen, längst vergangenen Zeiten. Es fiel ihm ein, daß er schon seit vielen Jahren nicht mehr in der Kirche gewesen war, in der Kirche, die in jenen aufgeklärten Gegenden Europas, wo er geweilt hatte, ihre hohe, reine Bedeutung eingebüßt hatte. Vorsichtig trat er ein und sank stumm neben dem prachtvollen, marmornen Säulengang auf die Knie; er betete lange, ohne selbst zu wissen, um was er bat — er dankte Gott dafür, daß Italien ihn wieder in seinen Schoß aufgenommen, daß ihn wieder ein Bedürfnis nach dem Gebet überkommen hatte, daß seine Seele so feierlich gestimmt war ..., und das war sicherlich das schönste Gebet. Mit einem Wort, er ließ Genua wie eine wundervolle Station hinter sich zurück: hier hatte er den ersten Kuß Italiens empfangen. Und mit demselben heiteren Gefühl sah er Livorno, das öde Pisa und das von ihm bisher so wenig gekannte Florenz an sich vorüberziehen. Majestätisch grüßten ihn die schwere facettierte Kuppel des florentinischen Doms, die dunklen Paläste einer königlichen Architektur und die strenge Größe der kleinen Stadt. Dann ging’s weiter über den Apennin, auch hier begleitete ihn dieselbe heitere Seelenstimmung, und als dann endlich nach einer sechstägigen Reise in klarer Ferne auf blauem Himmelsgrunde eine sich herrlich rundende Kuppel aufleuchtete — oh! wie viel Gefühle drängten sich da plötzlich in seiner Brust! Nie hatte er ähnliche gekannt, und er hätte sie auch nicht aussprechen können. Aufmerksam betrachtete er jeden Hügel und jede Erhebung. Und nun waren endlich auch der Ponte Molle und das Stadttor da, jetzt nahm ihn der schönste aller Plätze auf, die Piazza del Popolo; der Monte Pincio mit seinen Terrassen, Treppen, Statuen und den sich oben ergehenden Menschen tauchte auf! Gott! wie fing da sein Herz an zu pochen! Der Vetturino jagte über die Corsostraße dahin, auf der der Fürst einst so unschuldig und treuherzig mit dem Abbé spazierengegangen war, als er noch nichts andres wußte, als daß die lateinische Sprache die Mutter der italienischen sei. Und nun zogen auch wieder alle Häuser an ihm vorbei, an denen er jede Einzelheit auswendig kannte: der Palazzo Ruspoli mit seinem ungeheueren Café, die Piazza Colonna, der Palazzo Sciarra, der Palazzo Doria, und endlich bogen die Reisenden in die engen Gassen ein, auf die die Ausländer so schimpfen; hier lärmte es nicht und wimmelte es nicht von Menschen, und nur selten begegnete man dem Laden eines Barbiers mit ein paar gemalten Lilien über der Tür, oder dem eines Hutmachers, der einen breitkrempigen Kardinalshut vor dem Eingang aufgehängt hatte, oder endlich einem Laden mit geflochtenen Stühlen, die gleich hier am Ort und mitten auf der Straße hergestellt wurden. Endlich machte der Wagen vor einem großartigen Palais im Stil Bramantes halt. In dem kahlen, noch nicht aufgeräumten Flur ließ sich niemand sehen. Auf der Treppe wurde der Ankömmling von dem alten gebrechlichen Maestro di casa begrüßt, weil der Portier wie gewöhnlich mit seinem Stab ins Café gegangen war, wo er die größte Zeit zu verbringen pflegte. Der Alte öffnete eilig die Läden, und allmählich wurde es hell in den gewaltigen, altertümlichen Sälen. Ein trauriges Gefühl bemächtigte sich des Fürsten — ein Gefühl, das ein jeder versteht, der nach einer Abwesenheit von mehreren Jahren nach Hause zurückkehrt, wo einem alles so viel älter und verödeter vorkommt, und wo jeder Gegenstand, den wir seit unserer Kindheit kennen, eine so trübselige Sprache redet. Und je heiterer die Erinnerungen sind, die sich an ihn knüpfen, um so drückender ist das Gefühl der Wehmut, das bei seinem Anblick unser Herz ergreift. Der Fürst durchschritt die lange Flucht der Säle, betrat flüchtig das Arbeitszimmer und das Schlafzimmer, wo vor noch gar nicht langer Zeit der alte Besitzer des Schlosses auf einem Bett einzuschlafen pflegte, über dem sich ein Baldachin mit Quasten und einem Wappen erhob, und aus dem er gewöhnlich in Pantoffeln und im Schlafrock ins Arbeitszimmer trat, um ein Glas Eselsmilch zu trinken, da er gern dick werden wollte. Dann besichtigte er das Ankleidezimmer, wo der Alte sich einst mit der peinlichsten Sorgfalt einer alten Kokette geputzt hatte; pflegte er sich doch von hier aus in seinem Wagen, begleitet von seinen Lakaien zum Corso nach der Villa Borghese zu begeben, wo er seine Lorgnette unaufhörlich auf eine Engländerin richtete, die gleichfalls hier ihre Spazierfahrt machte. Auf den Tischen und in den Schubladen konnte man noch die Reste von Schminke, Puder und aller möglichen Farben finden, mit deren Hilfe sich der Greis zu verjüngen suchte. Der Maestro di casa erzählte, er habe noch zwei Wochen vor seinem Tode den festen Entschluß gefaßt, zu heiraten, und hätte sogar ausdrücklich zu diesem Zwecke eine Konsultation mit ausländischen Doktoren abgehalten, um mit diesen zu beraten, wie man wohl con onore i doveri di marito erfüllen könne, aber eines schönen Tages sei er nach einem Besuche bei einigen Kardinälen und einem Prior ganz müde nach Hause zurückgekehrt, habe sich in seinen Lehnsessel gesetzt und sei den Tod der Gerechten gestorben, obwohl sein Tod noch seliger gewesen wäre, wenn es ihm nach den Worten des Maestro di casa ein paar Minuten früher eingefallen wäre, nach seinem Beichtvater il padre Benvenuto zu schicken. Der junge Fürst hörte sich das alles zerstreut an, ohne mit seinen Gedanken bei der Sache zu sein. Nachdem er sich von der Reise und den seltsamen Eindrücken erholt hatte, machte er sich daran, seine Angelegenheiten zu ordnen. Er war erschrocken über die Verwirrung, die hier herrschte. Alles, vom Kleinsten bis zum Größten, befand sich in einem geradezu unmöglichen Durcheinander. Vier nie enden wollende Prozesse wegen ein paar verfallener Schlösser und Güter in Ferrara und Neapel, alle Einnahmen schon auf drei Jahre im voraus völlig erschöpft; Schulden und tiefste Armut inmitten von höchstem Prunk und Luxus — das war das Bild, das sich den Augen des Fürsten darbot. Der alte Fürst war eine unbegreifliche Mischung von Geiz und Verschwendung gewesen. Er hielt sich ein großes Personal von Bedienten, die er nicht bezahlte, die nichts außer ihrer Livree erhielten und sich mit den Trinkgeldern der Ausländer begnügen mußten, die beim Fürsten erschienen, um sich die Galerie anzusehen. Der Fürst hatte Jäger, Offizianten, Lakaien, die hinter seinem Wagen herfuhren, und Lakaien, die nirgends hinfuhren und nur tagelang in einem nahegelegenen Café oder in einer benachbarten Osteria saßen und schwatzten. Der junge Fürst entließ sofort das ganze Gesindel, all diese Lakaien und Jäger, und behielt nur den alten Maestro di casa; er hob fast den ganzen Marstall auf, verkaufte alle Pferde, die nie gebraucht worden waren, berief die Rechtsanwälte zu sich, um weitere Beschlüsse über die Prozesse zu fassen, und wußte es so einzurichten, daß von den vier Prozessen nur noch zwei übrigblieben; auf die übrigen Prozesse verzichtete er, da sie ja doch gänzlich aussichtslos waren. Er nahm sich vor, sich von nun ab in allem einzuschränken und in seinem Leben die strengste Ökonomie walten zu lassen. Das wurde ihm nicht sehr schwer, da er sich schon früh gewöhnt hatte, sich einzuschränken. Es wurde ihm auch nicht schwer, dem Verkehr mit seinen Standesgenossen zu entsagen; — übrigens bestand diese ganze Gesellschaft nur aus zwei oder drei aussterbenden Familien, deren Erziehung ganz auf ein paar dürftigen Brocken französischer Bildungselemente beruhte, ferner aus einem reichen Bankier, um den sich ein Kreis von Ausländern scharte, und in ein paar unnahbaren, zugeknöpften, unfreundlichen Kardinälen, die ihr Leben in größter Zurückgezogenheit beim Tresettspiel (einer Art Schafskopf) mit ihrem Kammerdiener oder Barbier verbrachten. Mit einem Wort, er sonderte sich gänzlich von allen Menschen ab, widmete sich ganz dem Studium Roms und erinnerte in dieser Beziehung sogar an die Ausländer, die zunächst durch die unbedeutende schmucklose Außenseite der Stadt mit ihren dunklen fleckigen Häusern überrascht sind und sich, von Gasse zu Gasse irrend, erstaunt fragen: wo ist denn das gewaltige, alte Rom? um es erst später wahrhaft kennen zu lernen, wenn das antike Rom allmählich aus den engen Gassen hervorzutreten beginnt: hier in Form einer dunklen Arke, dort in Form marmorner, in die Mauer eingelassener Karniese, einer verwitterten Porphyrsäule, eines Giebels inmitten eines übelriechenden Fischmarkts; oder als ein vollständiger Porticus vor einer neueren Kirche, oder endlich ganz abseits und dort in der Ferne, wo die bewohnte Stadt ein Ende nimmt; hier wächst es plötzlich aus tausendjährigem Efeulaub und Aloen mitten aus der offenen Ebene in seiner ganzen Größe hervor: als ungeheures Kolosseum, als Triumphpforte, als Ruinen der unübersehbaren Cäsarenpaläste, der kaiserlichen Bäder, der Tempel und Gräberhallen, die auf dem offenen Felde verstreut liegen; jetzt bemerkt der Fremde schon nichts mehr von den neuen engen Straßen und Gassen, ganz umfangen von der antiken Welt; in seiner Erinnerung erstehen die gewaltigen Gestalten der Cäsaren, und sein Ohr glaubt den Schrei und das Beifallsgeklatsch des römischen Volks zu vernehmen.

Aber es ging ihm doch auch wieder nicht so, wie dem Ausländer, der allein für seinen Titus Livius und Tacitus schwärmt, an allem vorübersieht und für nichts Sinn hat, außer für die Antike, und der in einer edeln und pedantischen Aufwallung gern die ganze neue Stadt niederreißen würde — nein, er fand alles gleich schön, die antike Welt, die sich unter dem dunklen Architrav regte, das gewaltige Mittelalter, das überall die Spuren gigantischer Künstler und einer wunderbaren Freigebigkeit der Päpste hinterlassen hatte, und endlich die an dieses sich anschließende neue Zeit mit ihren zahlreich sich drängenden neuen Völkern. Ihm gefiel diese wunderbare Verschmelzung zu einem Ganzen, dieser Charakter einer dicht bevölkerten Hauptstadt und dieser Charakter einer einsamen Wüste, die sich hier miteinander mischten, diese Paläste und Säulen, dieses Gras und das wilde Gebüsch, das sich an den Mauern dahinzog, der lärmende Markt inmitten dunkler, einsamer, unten verdeckter Massen, das helle Geschrei des Fischhändlers in der Säulenhalle, der Limonadenverkäufer vor dem Pantheon mit seiner fliegenden und mit grünem Laub geschmückten Bude; ihm gefiel selbst die Unscheinbarkeit dieser dunklen, unordentlichen Straßen, der Mangel aller hellen, gelben Farbe an den Häusern, dieses Idyll inmitten der Stadt, die Ziegenherde, die auf dem Straßenpflaster ausruhte, das Schreien der Kinder und diese reine feierliche Stille, die unsichtbar auf allen Dingen zu liegen schien, und die auch den Menschen umfing. Ihm gefielen diese unaufhörlichen Überraschungen, diese Plötzlichkeiten, die einem in Rom so auffallen. Wie ein Jäger, der am frühen Morgen auf die Jagd geht, oder wie ein alter Ritter, der auf Abenteuer auszieht, so machte er sich jeden Tag auf, um neue und immer neue Wunder aufzusuchen; er blieb unwillkürlich stehen, wenn sich plötzlich inmitten einer ärmlichen Gasse ein Palast vor ihm auftürmte, der eine finstere und strenge Größe atmete. Seine schweren unerschütterlichen Mauern waren aus dunklem Travertin errichtet, seine Spitze krönte eine prachtvolle, wunderbar ausgeschmückte, kolossale Karniese, die mächtige Tür war mit marmornen Tragbalken ausgelegt, und die Fenster mit ihrem herrlichen architektonischen Schmuck boten einen majestätischen Anblick dar. Oder es blickte ihm plötzlich auf einem kleinen Platz ein malerischer Brunnen entgegen, der sich selbst und seine vom Moos verunstalteten granitenen Stufen mit feuchtem Naß besprengte, oder eine finstere, schmutzige Straße endete plötzlich mit einer glänzenden architektonischen Dekoration eines Bernini, mit einem gen Himmel strebenden Obelisk, mit einer Kirche oder einer Klostermauer mit ihren kohlschwarzen Karniesen, die auf dem dunkelblauen Himmel im Glanze der Sonne aufflammten; je weiter sich die Straßen in die Tiefe verloren, um so häufiger wurden die Paläste und die architektonischen Schöpfungen eines Bramante, Borromini, Sangallo, della Porta, Vignola, Buonarotti, und es wurde ihm endlich klar, wie man nur hier in Italien das Gefühl hat, daß es eine Architektur gibt, und etwas von ihrer strengen künstlerischen Größe ahnt. Aber noch größer war der geistige Genuß, wenn er in das Innere der Kirchen und Paläste trat, wo sich Arken, flache Pfeiler und runde Säulen aus allen möglichen Marmorarten, unterbrochen von blauen Basaltkarniesen, von Porphyr, Gold und antiken Steinen, miteinander zu einer wundervollen Harmonie verbanden, sich einstimmig einem tief durchdachten Plane fügend, und wo sich hoch über dies alles die unsterbliche Schöpfung des Pinsels erhob. Sie waren von einer hohen Schönheit, diese tief durchdachten Ausschmückungen der Säle, voll von einer königlichen Größe und architektonischen Pracht, die sich in diesem fruchtbaren Zeitalter überall ehrfürchtig vor der Malerei zu beugen wußte, als der Künstler noch Architekt, Maler und sogar Bildhauer in einer Person war. Diese mächtigen Schöpfungen des Pinsels, wie sie heute schon nicht mehr vorkommen, erhoben sich finster vor ihm auf den dunklen Mauern, sie, die noch immer aller Nachahmung unerreichbaren, unbegreiflichen Vorbilder. Und wenn er nun in das Innere eines solchen Gebäudes eintrat und sich immer tiefer in dem Anblick versenkte, dann glaubte er zu fühlen, wie sich sein Geschmack, dessen Keim seine Seele schon immer barg, beinahe merklich entwickelte. Wie kleinlich und armselig erschien ihm gegenüber dieser majestätischen, wunderbaren Pracht aller Prunk des XIX. Jahrhunderts, der höchstens brauchbar war, Läden auszuschmücken, und der nichts als Möbeltischler, Tapezierer, Zimmerleute, Vergolder und einen ganzen Haufen von Handwerkern hervorgebracht, die Welt — der Raffaele, Tiziane und Michelangelos beraubt und die Kunst bis zum Handwerk herabgedrückt hatte! Wie elend erschien ihm jetzt all dieser Luxus, der einen nur beim ersten Blick verblüfft, und den man bald mit Gleichmut betrachtet, angesichts dieses erhabenen Einfalls, seine Mauern mit unsterblichen Gebilden des Pinsels auszuschmücken, dieser wunderbaren Idee der Besitzer jener Paläste — sich einen ewigen Gegenstand des Genusses zu verschaffen in Stunden, wo man ausruht von der Arbeit und von den lärmenden Sorgen des Lebens, sich in einen Winkel zurückzieht, weit abseits von allen Menschen, in ein altertümliches Sofa zurückgelehnt, seinen Blick stumm auf die Wand richtet und mit der Seele tief in die Geheimnisse des Pinsels eindringt, ganz in die Betrachtung der in der Schönheit webenden geistigen Ideen verloren! Denn unendlich erhebt die Kunst den Menschen, indem sie den Regungen unserer Seele eine wunderbare Schönheit und einen hohen Adel verleiht. Wie klein erschien ihm vor dieser unerschütterlichen, fruchtbaren Pracht, die den Menschen mit Gegenständen umgab, die seine Seele mit Bewegung erfüllten und veredelten, der heutige kleinliche Schmuck, wie er alljährlich von der unruhigen Mode ausgespien und wieder zerstört wird, diesem seltsamen, unbegreiflichen Produkt des XIX. Jahrhunderts, vor dem sich die Weisen stumm beugen, dieser verheerenden Vernichterin alles dessen, was ungeheuer, erhaben und heilig ist. Wenn er sich derartigen Überlegungen hingab, schoß ihm unwillkürlich der Gedanke durch den Kopf: „Rührt nicht vielleicht daher jene gleichgültige Kälte, die unser gegenwärtiges Zeitalter umfängt, jenes gemeine Geschäftsinteresse und diese vorzeitige Abstumpfung der Sinne, die noch nicht einmal Zeit hatten, zu erwachen und sich zu entwickeln? Man beraubte den Tempel seiner Heiligtümer, und der Tempel ist kein Tempel mehr. Fledermäuse und böse Geister haben ihre Wohnstätte in ihm aufgeschlagen.“

Je tiefer sein Blick in die Dinge eindrang, um so mehr überraschte ihn die ungewöhnliche Fruchtbarkeit jenes Zeitalters, und unwillkürlich mußte er ausrufen: „Wie und wann vermochten sie nur all dies zu erschaffen?“ Dieser wunderbare Charakter, der Rom auszeichnete, wuchs für ihn mit jedem Tag zu immer mächtigerer Größe empor. Eine Galerie neben der andern, und immer noch wollten sie kein Ende nehmen. Dort jene Kirche barg irgendein Wunderwerk des Pinsels, dort jene verwitternde Mauer entzückte den Blick durch eine Freske, deren Farben bereits zu erlöschen drohten, und dort auf den hoch emporgetürmten Marmorblöcken und Säulen, die aus alten heidnischen Tempeln hierher gebracht worden waren, leuchtete einem ein von einem unsterblichen Pinsel ausgeschmückter Plafond entgegen. Das alles glich einer tief verborgenen Goldader, die mit gewöhnlicher Erde bedeckt und nur dem Bergmann allein bekannt war. Wie voll war seine Seele jedesmal, wenn er nach Hause zurückkehrte, und wie verschieden war dieses von ruhiger, feierlicher Stille erfüllte Gefühl von jenen unruhigen Eindrücken, mit denen Paris seine Seele so sinnlos bestürmt hatte, wenn er müde und abgespannt nach Hause zurückkehrte und nur selten fähig war, sich über das Ergebnis dieser Empfindungen Rechenschaft abzulegen.

Jetzt erschien ihm die unscheinbare und dunkle Außenseite Roms, über die die Ausländer so sehr klagen, noch mehr zu diesen innern Schätzen der Stadt zu stimmen. Es wäre ihm geradezu peinlich gewesen, nach alledem auf eine moderne Straße mit ihren prunkvollen Läden, den stutzerhaft gekleideten Menschen und den eleganten Equipagen hinauszutreten: dies wäre ihm fast wie eine unheilige Zerstreuung, ja wie eine Tempelschändung vorgekommen. Diese bescheidene Stille, dieser eigentümliche Charakter der römischen Bevölkerung, dieser Schatten des XVIII. Jahrhunderts, der noch in Form eines schwarzen Abbés in einem Dreimaster mit schwarzen Strümpfen und Schuhen oder eines purpurnen altertümlichen Kardinalswagens mit seinen vergoldeten Achsen, Rädern, Karniesen und Wappen durch die Straßen huschte, gefiel ihm weit besser, denn dies alles stimmte so gut mit der Gravität und Würde Roms überein: dieses lebendige, nie hastende Volk, das ruhig und malerisch durch die Straßen schritt, den Mantel über den Arm geschlagen oder die Jacke über der Schulter, ohne jenen schwerfälligen Ausdruck in den Gesichtern, der ihm so seltsam bei den blauen Blusenträgern und überhaupt an der ganzen Bevölkerung von Paris aufgefallen war.

Hier erschien selbst die Armut in einem heiteren Lichte, sorglos und unbekannt mit Qualen und Tränen streckte sie unbefangen und schön ihre Hand aus; hier wirkte alles schön und heiter: die malerischen Regimenter von Mönchen, die in langen weißen und schwarzen Kleidern über die Straßen gingen, ein schmutziger rothaariger Kapuziner, der plötzlich in seinem hellen kamelfarbenen Kleide in der Sonne aufleuchtete, endlich dieses ganze Künstlervolk, das sich hier von allen Weltenden zusammenfand, die engen Fetzen europäischer Kleidung fortwarf und in freien, malerischen Kostümen einherging, ihre würdigen majestätischen Bärte, wie wir sie auf den Porträts Leonardo da Vincis und Tizians finden, und die so wenig Ähnlichkeit mit dem häßlichen, schmalen Bärtchen haben, das sich der Franzose zurecht schneidet und dann fünfmal im Monat stutzen lassen muß. Hier bekam der Künstler ein Gefühl für das lange wallende Haar, das er sich in dichten Locken herunterfallen ließ. Hier erhielt selbst der Deutsche mit seinen krummen Beinen und seinem ungegliederten Körperbau einen bedeutenden Ausdruck, ließ sich seine goldenen Locken über die Schultern fallen und kleidete sich in eine leicht gefaltete griechische Bluse oder einen Sammetrock, wie er unter dem Namen Cinquecento bekannt ist und wie ihn nur die Künstler in Rom tragen. Auf ihren Gesichtern lagen die Spuren einer strengen Ruhe und einer friedlichen Arbeit. Selbst die Gespräche und Meinungsäußerungen, die man auf den Straßen, in den Cafés, in den Osterien vernahm, hatten keine Ähnlichkeit mit denen, die der Fürst in den anderen Straßen Europas gehört hatte, ja sie waren ihnen geradezu entgegengesetzt. Hier hörte man nichts von gefallenen Fonds, von Kammerdebatten oder von der spanischen Frage. Hier sprach man nur von einer neuerdings entdeckten antiken Statue, von der Kraft des Pinsels der großen Meister, hier stritt man sich und diskutierte über das neu ausgestellte Werk eines modernen Künstlers, über Volksfeste, oder man hörte hier Reden, in denen der Mensch sein Inneres preisgab, und die in Europa durch langweilige Salongespräche und politische Unterhaltungen verdrängt sind, die selbst jeden beseelten Ausdruck aus den Gesichtern vertrieben haben.

Oft verließ er die Stadt, um sich in der Umgegend umzusehen, und dann setzten ihn neue Wunder in Erstaunen. Wie herrlich waren diese stummen Wüsten der römischen Felder, die mit Ruinen antiker Tempel übersät, sich mit unbeschreiblicher Ruhe ringsherum erstreckten. Bald ließ die dichte Decke gelber Blüten sie ganz wie in Gold getaucht erscheinen, bald wieder ließen die roten Blüten wilden Mohns sie aufglühen wie eine neuentfachte Kohle. Nach vier verschiedenen Seiten bot sich ein vierfacher wunderbarer Anblick dar. Auf der einen Seite flossen die Felder unmittelbar in einer scharfen ebenen Linie mit dem Horizont zusammen. Die Arken der Wasserleitungen schienen in der Luft zu schweben und gleichsam auf den glänzenden silbernen Himmel aufgeklebt zu sein. Auf der andern Seite sah man hinter den Feldern die Berge hindurchschimmern. Sie türmten sich nicht wild und jäh aus der Ebene empor, wie in Tirol oder in der Schweiz, sondern in harmonischen fließenden Linien, sich hebend und senkend und umstrahlt von der herrlichen Klarheit der Luft, schienen sie zum Himmel emporfliegen zu wollen. An ihrem Fuße zog sich eine lange Arkade von Wasserwerken gleich einem langgestreckten Fundament dahin, der Gipfel der Berge glich der luftigen Fortsetzung eines wunderbaren Gebäudes, und die Farbe des Himmels war hier schon nicht mehr silbern, sondern hatte jenen unbeschreiblichen Ton des jungen Flieders. In einer dritten Richtung wurden diese Felder gleichsam durch Berge begrenzt, aber hier traten sie näher an sie heran, türmten sich höher empor, traten mit ihren Vorderreihen noch stärker hervor und verschwanden in sanften Abstufungen in der Ferne. Die dünne blaue Luft ließ ihre Farben wunderbar abgetönt erscheinen, und durch diese blaue ätherische Hülle hindurch sah man kaum merklich die Häuser und Villen von Frascati durchschimmern, hier leise und sanft berührt von den Strahlen der Sonne, dort untertauchend in dem Helldunkel kaum erkennbarer Heine, die in der Ferne erglühten. Aber wenn man sich plötzlich umdrehte, dann lag mit einemmal ein neues Bild vor einem. Die Felder gingen unmittelbar in die Stadt Rom über. Die Ecken und die Linien der Häuser zeichneten sich scharf und klar ab, in scharfen Konturen rundeten sich die Kuppeln, die Statuen des lateranischen Johann und die majestätische Kuppel der Peterskirche, die immer höher und höher emporstrebte, je mehr man sich von ihr entfernte, und die endlich den ganzen Horizont einsam beherrschte, wenn die ganze Stadt bereits verschwunden war. Noch mehr aber liebte er es, diese Felder während eines Sonnenunterganges von der Terrasse einer der Villen von Frascati oder Albano zu betrachten. Dann erschienen sie wie ein unübersehbares Meer, das hinter dem dunklen Gitter der Terrasse erglänzte und aufstieg. Alle Unebenheiten und Linien verschwanden in dem sie umspielenden Lichte. Anfangs erschienen sie noch grünlich, und hie und da erkannte man noch die Arken und Grabmäler, die auf ihnen verstreut waren, dann aber spielten sie plötzlich in regenbogenfarbenem Lichte, in hellen, durchscheinenden, gelben Tönen, und kaum noch konnte man die Ruinen der antiken Baudenkmäler erkennen. Endlich aber färbten sie sich immer tiefer purpurrot, verschlangen selbst die unendliche Kuppel und flossen in ein tiefes Himbeerrot zusammen, und nur noch der in der Ferne glänzende goldene Streifen des Meeres trennte sie von dem Horizont, der ebenso purpurrot dalag, wie sie. Niemals aber hatte er gesehen, daß die Felder gleich dem Himmel wie in Flammen getaucht waren. Lange stand er, ganz erfüllt von einer unbeschreiblichen Wonne, in diesen Anblick versunken, da, und dann hatte er wieder alles vergessen, selbst sein Entzücken. Und wenn dann auch die Sonne untergegangen war, der Horizont schnell erlosch und sich noch schneller, ja beinahe plötzlich die Felder verdunkelten, wenn dann der Abend sein finsteres Antlitz zeigte, Leuchtkäfer in feurigen Fontänen über den Ruinen emporschwirrten und jenes plumpe geflügelte Insekt, das aufrecht herangeflogen kommt wie ein Mensch und unter dem Namen Teufel bekannt ist, ihm plötzlich sinnlos ins Auge flog, dann erst merkte er, daß die Kälte der südlichen Nächte bereits herabgesunken war und ihn ganz durchschüttelte, und er beeilte sich, in die Straßen der Stadt zu kommen, um nicht an dem Fieber, wie es hier im Süden verbreitet ist, zu erkranken.

So floß sein Leben in dem Genuß der Natur, der Künste und der Antike dahin. Bei dieser Lebensweise erfaßte ihn plötzlich stärker als je der Wunsch, sich tiefer in die Geschichte Italiens zu versenken, die er bisher nur fragmentarisch und in einzelnen Episoden kennen gelernt hatte. Ohne dies wäre ihm die Gegenwart unvollständig und unvollkommen erschienen, und so machte er sich gierig daran, die Archive, die Chroniken und Memoiren zu studieren. Er konnte sie jetzt nicht bloß so lesen wie irgendein Italiener, der ewig in der Stube hockt, sich mit Leib und Seele in die beschriebenen Vorgänge versenkt und über der großen Zahl der Personen und der Ereignisse, die sich um ihn drängen, die große Masse, das Ganze übersieht; — er konnte jetzt alles ruhig überschauen, wie aus einem Fenster des Vatikan. Sein Aufenthalt außerhalb Italiens inmitten des Lärms und der Bewegung tätiger Völker und Staaten diente ihm als strenge Prüfung und Probe bei allen Schlüssen und Folgerungen, und verlieh seinem Auge eine reiche Vielseitigkeit und einen allumfassenden Blick. Wenn er jetzt in den Geschichtsbüchern las, war er noch mehr und ohne alle Voreingenommenheit überrascht durch die Größe und den Glanz der italienischen Vergangenheit. Er war ganz erstaunt über die schnelle und vielseitige Entwicklung des Menschen auf einem so schmalen, engbegrenzten Fleckchen Erde, durch die mächtige und kraftvolle Regsamkeit aller Kräfte. Er sah, wie hier der Mensch in voller Tätigkeit war, wie jede Stadt ihre eigene Sprache sprach und ihre große Geschichte besaß, die ganze Bände ausfüllte, und wie hier mit einem Schlage alle Arten und Gestalten des bürgerlichen Lebens und der Regierungsformen entsprangen: — ewig bewegte Republiken voll starker unbotmäßiger Charaktere, und mitten unter ihnen — allmächtige Despoten, eine ganze Stadt voll königlicher Kaufleute, von geheimen Fäden der Regierung umsponnen unter der monarchischen Scheingewalt des einen Dogen; die Fremden, die herbeigerufen worden waren und nun inmitten der einheimischen Bewohner lebten, die starken Zusammenstöße und Abwehrmaßregeln im Schoße eines unbedeutenden Städtchens, der fast märchenhafte Glanz der Herzöge und Monarchen winziger Länder, alle die Mäzene, Protektoren und Inquisitoren, diese ganze Reihe großer Männer, die um ein und dieselbe Zeit zusammentrafen, die Lyra, der Zirkel, das Schwert und die Palette, diese Tempel, die mitten im Streit, im Kampf und während mächtiger Unruhen errichtet wurden, diese Feindschaften, die Blutrache, diese Züge des Großmuts und diese ganze Masse romantischer Ereignisse im bürgerlichen Leben, mitten im Wirbel des politischen, gesellschaftlichen Daseins, und das wundersame Band, das sich um dies alles schlang, eine so erstaunliche Entfaltung aller Seiten des politischen und bürgerlichen Lebens, ein solches Erwachen aller menschlichen Elemente in einem so engen Bezirk, die an andern Orten immer nur in Bruchstücken und auf großen Flächen zur Darstellung kamen! — Und das alles war plötzlich verschwunden, plötzlich dahin, alles war erloschen wie erkaltete Lava und von Europa selbst aus seinem Gedächtnis getilgt, wie ein alter unnützer Plunder.

Nirgends, nicht einmal in den Journalen läßt uns das arme Italien seine des Diadems beraubte Stirn sehen; mit seiner politischen Bedeutung hat es jeden Einfluß auf die Welt verloren.

„Wie aber,“ dachte er, „wird denn sein Ruhm nie wieder auferstehen? Gibt es denn gar kein Mittel, ihm seinen entschwundenen Glanz wiederzugeben?“ Und er gedachte der Zeit, als er noch als Student der Universität, als er in Lucca von der Zurückführung der ruhmreichen Vergangenheit geträumt hatte; er erinnerte sich, wie dies der liebste Gedanke der italienischen Jugend gewesen war und wie sie gutmütig und treuherzig beim vollen Becher davon geschwärmt hatten. Und nun mußte er erkennen, wie kurzsichtig diese jungen Leute gewesen waren und wie kurzsichtig die Politiker sind, die dem Volke Trägheit und Sorglosigkeit vorwerfen. Und eine dunkle Ahnung des mächtigen Fingers, vor dem der Mensch verstummt und sich demütig beugt, des mächtigen Fingers, der den Weltereignissen ihr Ziel und ihren Gang vorschreibt, bemächtigte sich seiner und erfüllte sein Gemüt mit Staunen und Ehrfurcht. Aus dem Schoße Italiens hatte Er den armen von seinem eigenen Heimatlande verfolgten Genueser emporsteigen lassen, der allein sein ganzes Vaterland zugrunde richten sollte, indem er ein neues unbekanntes Land und neue weite Seewege entdeckte. Der Horizont der Welt erweiterte sich; das Leben Europas erhielt einen mächtigen Schwung und ward erfüllt von lebhafter Bewegung. Schiffe begannen die Welt zu umsegeln und machten die mächtigen Kräfte des Nordens frei. Das Mittelmeer verödete, und wie das versandende Bett eines Flusses, versandete Italien, das in dem Wettstreit zurückgeblieben war. Noch steht Venedig, noch spiegeln sich seine erloschenen Paläste in den Wellen des Adriatischen Meeres, und ein herzzerreißender Schmerz erfüllt die Seele des Fremden, wenn ihn der Gondelführer gebeugten Hauptes an den kahlen Mauern und zerstörten Brüstungen stummer marmorner Balkone vorüberrudert. Stumm liegt Ferrara da und schreckt uns mit dem drohend finstern Anblick seines herzoglichen Schlosses. Traurig und öde stehen in ganz Italien die gebeugten Türme und die architektonischen Wunder inmitten einer Generation, die gleichgültig zu ihnen emporsieht. Laut schallt das Echo durch die einst so lebhaften Straßen, und der ärmliche Vetturino hält vor einer schmutzigen Osteria, die sich in einem prunkvollen Schloß angesiedelt hat. Im härenen Bußkleid des Bettlers wandelt das heutige Italien einher, und wie staubige Lumpen hängen an ihm die Fetzen seines verblichenen Königsmantels.

In einer Aufwallung tiefen Seelenschmerzes hätte er mitunter sogar Tränen vergießen können. Aber dann bemächtigte sich seiner von selbst ein großer trostreicher Gedanke, und ein höheres Ahnungsvermögen gab ihm die Gewißheit, daß Italien noch nicht gestorben sei, daß die Spuren seiner ewigen unerschütterlichen Macht über die ganze Welt sich noch fühlbar machten, daß sein gewaltiger Genius ewig über dem Lande schwebt, er, der von Anbeginn das Schicksal Europas in seinen Busen gelegt hatte, der das Kreuz in die finsteren europäischen Wälder trug, der mit dem Schifferhaken der bürgerlichen Ordnung den an ihren fernen Grenzen hausenden halbwilden Menschen an sich zog, der die Glut des Verkehrs und des Welthandels entfachte, die Listen der Politik und das verwickelte Federwerk der bürgerlichen Verhältnisse spielen ließ, all seine geistigen Kräfte glanzvoll entfaltete, seine Stirn mit dem heiligen Kranze der Poesie umwand, und als der politische Einfluß Italiens bereits zu schwinden begann, die Welt mit herrlichen Wundern erfüllte: mit Kunstwerken, die den Menschen mit nie geahnten Genüssen und göttlichen Gefühlen beschenkten, wie sie bisher noch nie den Schächten seiner Seele entstiegen waren. Und als nun auch das Jahrhundert der Kunst zur Neige ging und die ganz von ihren Rechnungen und Geschäften in Anspruch genommenen Menschen für sie erkalteten, da schwebt er über der Welt und wird er getragen von den klagenden Seufzern der Musik, und an den Ufern der Seine, an der Newa, an der Themse, an der Moskwa, am Mittelmeer und am Schwarzen Meer, an den Küsten Algeriens und auf fernen, vor kurzem noch halbbarbarischen Inseln ertönt begeisterter Beifall zum Preise der unser Ohr mit Wohllaut erfüllenden Sänger. Und endlich beherrscht er selbst durch sein ehrwürdiges Alter und als Bild des Verfalls und der Verwesung drohend die Welt: diese erhabenen architektonischen Wunder blieben uns erhalten wie ein mahnender Schatten, als ein ewiger Vorwurf, um Europa seinen kleinlichen chinesischen Luxus und seine kindliche, spielerische, geistige Zersplitterung entgegenzuhalten. Dieser ganze Haufen untergegangener Welten und diese wunderbare Mischung mit der ewig blühenden Natur — das alles existiert nur zu dem Zweck, um die Welt aufzurütteln, um den Bewohner des Nordens zuweilen wie im Traum diesen Süden sehen zu lassen, es existiert nur, damit der Gedanke an ihn, ihn aus dem kalten Leben und all der Geschäftigkeit, die die Seele verhärtet und erstarren läßt, herausreiße und über sich emporhebe, indem sich plötzlich ein leuchtender, den Menschen weit mit sich forttragender Ausblick vor ihm auftut, ihm eine coliseische mondbeglänzte Nacht, das in Schönheit sterbende Venedig, ein unsichtbares Leuchten des Himmels und das warme Gekose der herrlichen Luft vorzaubert — auf daß er wenigstens einmal in seinem Leben ein schöner Mensch sei.

In einem solchen feierlichen Augenblick söhnte er sich mit dem Niedergang und Verfall seines Vaterlandes aus, und nun glaubte er, überall Keime des ewigen Lebens und einer besseren Zukunft zu erblicken, die uns der ewige Schöpfer der Welt unablässig bereitet. In solchen Augenblicken dachte er auch häufig über die Bedeutung des römischen Volkes für die Gegenwart nach; und es schien ihm, als ob hier noch ein ganz unverbrauchtes Material vorliege. In den Epochen des Glanzes hatte es auch nicht ein einziges Mal eine bedeutende Rolle gespielt; nur die Päpste und die adligen Familien hatten ihre Namen ins Buch der Geschichte eingezeichnet, das Volk aber war unbeachtet geblieben. Das Spiel der Interessen in ihm und um es herum hatte nicht in seinen Kreis eingegriffen und es nicht mit sich fortgerissen; noch war es unberührt von jeglicher Bildung geblieben, die wie ein Sturmwind die in ihm schlummernden Kräfte aufgerüttelt hätte. Etwas von kindlicher Güte und Vornehmheit lag in seiner Natur. Dieser Stolz auf den römischen Namen, der Grund weshalb ein großer Teil der Bürger, die sich für Nachkommen der alten Quiriten hielten, nie eine ehrliche Verbindung mit andern Bevölkerungsklassen einging; dieser aus Gutmütigkeit und Leidenschaft gemischte Charakter, ein Beweis für seine Schönheit und Reinheit (der Römer vergißt nie das Gute oder Böse, das ihm angetan wird; er ist entweder gut oder böse, verschwenderisch oder geizig, seine Laster und Tugenden ruhen noch in ihren ursprünglichen Schächten und haben sich noch nicht zu einem unbestimmten Ganzen vermischt wie beim Menschen unserer Zivilisation, der alle möglichen Leidenschaften, jedoch nur in ganz geringen Dosen besitzt und bei dem sie alle unter der Oberherrschaft des Egoismus stehen); diese Unmäßigkeit und diese Neigung, aus dem Vollen zu genießen — ein allgemein verbreiteter Zug bei allen starken Völkern — das alles wurde für ihn von großer Bedeutung. Und dann diese strahlende ungekünstelte Heiterkeit, wie wir sie heute kaum bei einem andern Volke finden, überall, wo der Fürst hingekommen war, hatte er den Eindruck gewonnen, als mache man mühsame Anstrengungen, das Volk zu zerstreuen und zu unterhalten; hier dagegen unterhielt es sich selbst, hier wollte es selbst mit teilnehmen; während des Karnevals war es kaum zu zügeln; alles, was es im Laufe eines Jahres zurückgelegt hatte, war es bereit, in diesen einundeinhalb Wochen wieder durchzubringen; für ein Kostüm konnte es sein ganzes Geld ausgeben; der einfache Mann verkleidet sich als Bajazzo, als Weib, als Poet, als Doktor oder Graf, schwatzt euch allerhand törichtes Zeug vor oder hält euch wohl gar eine Vorlesung, ob ihr nun zuhört oder nicht — und diese Fröhlichkeit ergreift alle miteinander wie ein Wirbel, vom vierzigjährigen Mann bis zum jüngsten Burschen, der letzte Bettler, der nichts hat, was er anziehen könnte, wendet seinen Kittel um, schwärzt sich sein Gesicht mit Kohle, schließt sich dem bunten Haufen an und läuft mit. Und diese Heiterkeit entspringt ganz einfach seiner Natur, sie ist kein Produkt des Rausches, denn dasselbe Volk pfeift einen Betrunkenen aus, wenn es ihm auf der Straße begegnet. Und dann — diese Züge eines angeborenen künstlerischen Instinkts und Gefühls! hatte doch einmal in Gegenwart des Fürsten eine einfache Frau einen Künstler auf einen Fehler in seinem Gemälde aufmerksam gemacht; er sah, wie dieses Gefühl sich in der malerischen Kleidung und in dem Schmuck der Kirchen ausprägte, sah wie das Volk in Gensano die Straßen mit Blumenteppichen bedeckte, wie die vielfarbigen Blumenblätter sich zu bunten Flecken und Schatten verwandelten und auf dem Pflaster zu allerhand Figuren gruppierten — zu dem Wappen eines Kardinals, zum Bilde des Papstes, zu einem Namenszug, zu Vögeln, Tieren und verschieden gestalteten Arabesken; er sah, wie die Eßwarenhändler, die Pizzicaruoli am Abend vor Ostersonntag ihre Läden ausschmückten: die Schinken, die Würste, die weißen Schweinsblasen, die Zitronen und allerhand Blätter ordneten sich zu einem bunten Mosaik zusammen, das einen Plafond darstellte. Die zylindrischen Parmesankäse und andere Käsesorten bildeten ganze Säulenreihen, indem sie sich übereinander türmten; Talgkerzen gruppierten sich zu dem mosaikartigen Gewebe eines Vorhanges, der die inneren Wände schmückte; da sah man ganze Statuen und historische Gruppen, die einen christlichen oder biblischen Stoff darstellten, aus schneeweißem Talg gegossen, den der erstaunte Beschauer für Alabaster halten mußte — der ganze Boden verwandelte sich in einen heiteren Tempel, in dem vergoldete Sterne erstrahlten, der von kunstvoll aufgehängten Ampeln erleuchtet wurde und in dessen Spiegelscheiben sich zahllose Haufen von Ostereiern spiegelten. Zu alledem ist ein gewisser Geschmack erforderlich, und der Pizzicaruolo machte das nicht, weil es ihm etwas einbrachte, sondern nur um andere und sich selbst an diesem Anblick zu erfreuen. Und endlich war dies ein Volk, das sich seiner eigenen Würde bewußt war: hier bildete es das Volk: il popolo, und nicht den gemeinen Pöbel; es war sich bewußt, die wahren Urelemente des ersten Quiritenzeitalters in sich zu tragen; nicht einmal die fremden Reisenden, diese Verführer, die die Korruption in die müßig dahinlebenden Völker tragen, — brachten es fertig, dies Volk zu verderben, obwohl sich freilich infolge der Überflutung mit fremden Gästen die Gasthäuser und die Landstraßen mit einer Klasse von verächtlichen Leuten bevölkern, nach denen sich der Reisende häufig ein Urteil über das ganze Volk bildet. Sogar die Torheit der Regierungsmaßnahmen, dieser zusammenhanglose Haufen aller möglichen Gesetze, die zu den verschiedensten Zeiten und unter ganz verschiedenartigen Verhältnissen entstanden waren, und noch bis heute nicht wieder aufgehoben sind, unter denen es sogar Edikte gibt, die aus der alten römischen Republik stammen, selbst sie haben es nicht vermocht, in diesem Volke das hohe Rechtsbewußtsein zu entwurzeln. Er verfolgt den unehrlichen Gläubiger mit seinem Tadel, begleitet den Leichenzug der Verstorbenen mit Pfeifen und spannt sich großmütig vor den Leichenwagen, der den Leib eines vom Volke geliebten Mannes mit sich führt. Selbst das Betragen der Geistlichkeit, das häufig Ärgernis erregen könnte und in andern Ländern Sittenlosigkeit und Korruption zur Folge haben würde, scheint keinen Eindruck auf das Volk zu machen: denn es versteht die Religion von ihren heuchlerischen Dienern zu unterscheiden und ist noch nicht angekränkelt von dem kalten Geist des Unglaubens. Und schließlich haben es selbst die Not und die Armut, diese unvermeidlichen Begleiterscheinungen eines stagnierenden Staates, nie zu finsteren Übeltaten verleitet: dieses Volk bleibt immer heiter, erträgt alles mit Ruhe, und nur in Romanen und Erzählungen lesen wir von Mordtaten und Messerstechereien auf den Straßen. Aus diesen Zügen ersah der Fürst, daß er es hier mit einem starken, noch unberührten Volke zu tun hatte, dem sich offenbar in der Zukunft noch ein großes Feld der Betätigung eröffnen mußte. Die europäische Bildung hatte es, wie es schien, mit Absicht übergangen und keine ihrer Vollkommenheiten in seinem Busen Wurzeln schlagen lassen. Selbst die geistliche Herrschaft, dieses seltene Schattengebilde, das sich aus einer vergangenen Zeit herübergerettet hatte, hatte sich gleichsam nur zu dem Zwecke erhalten, um die Nation vor fremden Einflüssen zu behüten, damit keiner der ehrgeizigen Nachbarn sich an ihm vergreife, und damit sein stolzes Volkstum in stiller Einsamkeit warte, bis seine Stunde kommen werde. Und dennoch hatte man hier in Rom nicht den Eindruck der Totenstarre; selbst diese Ruinen und die prunkvolle Armut strömten nichts von jener peinigenden, wühlenden Stimmung aus, die uns bei der Betrachtung der Überreste einer bei lebendigem Leibe verwesenden Nation befällt. Hier war man von dem entgegengesetzten Gefühl beherrscht: von einer heiteren, feierlichen Ruhe. Und jedesmal, wenn der Fürst an dies alles dachte, versank er unwillkürlich in Sinnen, und es schien ihm, als läge eine seltsame geheimnisvolle Bedeutung in dem Worte: „das ewige Rom“.