Sieh’, und es regte sich nun der schlummernde Kaiser! Ihm pochte
Hörbar die Brust; sein Athem flog, und häufiger Schweiß rann
Ihm von der glühenden Stirn’. Er blickte lange verwundert
Rings in den Hallen umher, und sann, ein wachender Träumer.
Jetzt ein dämmernder Strahl, und jetzt — kaum wagt’ er’s zu denken,
Was so erhaben und groß vor seinem Geiste dahinschwand,
Und ihn entzückte zuvor: ihm drohte vernichtende Wonne,
Und, was unerhörbar war den Ohren sterblicher Menschen,
Barg für immer sein treues Gemüth. Nie lächelt’ er wieder
Und sein sehnender Blick hing stets an dem Bilde des Grabes.
Doch nun kehrt’ er heim in die Burg, und Stille war ringsum.
Siehe, der Kaiser entboth im mitternächtlichen Dunkel
Noch in die Königsburg Hispania’s hohe Cortezza:
Denn kein Schlummer umfing sein glühendes Auge; des Kampfes
Nahender Augenblick und die drängende Sorge der Rüstung
Scheuchten ihn fern’: er sah, und hörte nur Sieg und Errettung!
Jene harrten im prächtigen Saal des edelsten Herrschers.
Nun, da er kam, entfuhren sie alle den schwellenden Pfühlen;
Blößten vor ihm, verneigend, das Haupt, und deckten es wieder,
Würdigen Ernstes voll, nach altherkömmlichem Vorrecht.
Aber er schritt im Gefolg der Großen und Edeln zum Thron’ auf,
Deß’ erlesene Pracht mit Staunen erfüllte den Fremdling.
Schwarz aufragte vom Dach der Doppel-Aar, mit dem Zepter
Und mit der Krone geschmückt, voll hellaufblitzenden Demant’s,
Den der Hindou dem Schacht’ entriß, und der bataver Künstler
Glättete, ringsumher verzierend mit schimmernden Kanten;
Doch an dem Purpurtuch, vom Dach zu dem Sitze herunter
Glänzten die Wapen, vereint, von Gott gesegneter Länder,
Die er beherrscht’: ein Meisterwerk kunstfertiger Nadel.
Dreizehn Königreich’, umschlingend Castiliens Kronen,
Wies, vorstrahlend, das Tuch zum Ruhme der spanischen Herrschaft;
Unter ihm Austria’s Schild: den schneeigen Gürtel im Blutfeld,
Der in dem Kampf rein hielt von feindlichem Blute den Panzer
Leupold, des Tugendhaften, vor Ptolemais: sein Denkmahl![10]
Rechts, im schönen Verein von sechs verbrüderten Reichen,
Ungerns doppelten Schild; vier Ströme durchfluthen den einen —
Aber das Haupt der Karpathen hebt, dreizackig, im andern
Ueber dem fruchtbar’n Land, das tapfere Völker bewohnen,
Schimmernd, die Kron’ und das Doppelkreutz, von Silber, zur Luft auf.
Links, in dem rothen Feld Bohemia’s silbernen Löwen:
Eines löwenmüthigen Volks hochrühmliches Zeichen.
Tiefer, im grünen Feld den flammensprühenden Panther:
Stiria’s eisenerzausschmelzenden Essen zu Ehren;
Dann Carinthia’s Leu’n und Pfeile, des trefflichen Landes,
Wo das Blei ausbeutet der Bergmann: schrecklich ersetzte
Tödlichschmetterndes Blei die Pfeil’ im Felde der Waffen;
Dann, aufstrebend zur Sonnenbahn, Carniolia’s Adler —
Morawa’s Aar, und Tyrols, der Treue geheiligter Länder.
Aber der Löwe Brabants, im Schooß umgränzender Gauen,
Zeigt uns im hehren Ruhm des edelsten Kaisers Geburtsland.
Ihm zur Seite verschlingt Lombardia’s Schlange den Mohren;
Ihn umgibt Neapoli’s Lilienglanz, und ihm huldigt,
Jugendlich schön aus des Meeres Fluth aufschwebend, des Morgens
Freundlicher Strahl, und erhellt Amerika’s winkenden Meerstrand.
Dort die Stufen hinan, die ein niederländischer Teppich
Hüllete, schön im Geweb’ darstellend die Freude des Weidwerks,
Schritt der Kaiser. Er stand, gewendet, im Glanze des Thrones;
Blickte nach Allen umher, und, als er auf blähenden Purpur
Nieder sich ließ, begann er mit sanfterglühenden Augen:
„Edle des Reichs, und Räthe! Der Tag der Christenerrettung
Ruft zu dem heiligen Kampf Europa’s vereinte Geschwader,
Und, entfaltend am Maste die Flagg’ und die wehenden Wimpel,
Harren die Völker, vereint, der Abfahrt donnerndem Wink nur,
Daß sie im Felde des Ruhms, vor Tunis, am frevelnden Räuber
Rächen die Schmach, und dem schrecklichen Joch’ entreißen die Brüder.
Laut ruft uns Barcellona’s Gestad, wo dort auf des Meer’s Höh’n,
Nun gerüstet zur Schlacht, nun wehrlosen Küstenbewohnern
Jammer dräuend und Noth, sein Raubgeschwader sich zeiget.
Gottes Segen mit uns und dem Lande! Mein endlicher Wille[11]
Liegt gefertigt im Schrank: so im heiligen Kampf’ ich erläge,
Und nicht wiederkehrte zu euch, zur liebenden Gattinn,
Und zu dem Sohn, der einst, so Gott will, würdig den Zepter
Führe nach mir, vor allen Hispania’s Ländern zum Frommen.
Eurer Sorgfalt, Treu’, und Liebe vertrau’ ich die beiden
Jetzt, und scheide getrost: sie sind da trefflich geborgen.“
Also der Fürst. Da quoll’s von Thränen im Auge der Edeln;
All’ entfuhren der Bank, und streckten die Händ’ ihm entgegen.
Wie der Gießbach rauscht, der hoch vom dauernden Regen
Angeschwollen, dem Felsenbett’ entstürzet, und rastlos
Rasselnde Kiesel wälzt, und Felsengerölle mit fortreißt:
Also erscholl in dem Saal’ ihr lauterbrausender Zuruf;
Doch bald hier, bald dort ertönt’ er vernehmlicher, lauter:
„Kehre beglückt uns heim, und herrsch’ in dem Segen der Völker,
Allgeliebter, noch lange! Mit strahlenden Lorbern des Sieges
Kommt Europa dir bald, dem Retter, entgegen, und jauchzt dir
Lauten Triumph in der Glocken Getön’ und des ehrnen Geschützes
Freudigen Donnerhall: dein Ruhm erfüllet den Erdkreis.“
Aber er stand, erschüttert, am Thron’, und sandte nach Allen
Heißen Dank aus der Himmelsbläue der glänzenden Augen,
Eilte die Stufen herab, und ging. Aufflogen der Thüren
Mächtige Flügel vor ihm; er schwand mit seinem Gefolg dann
Fern’ im Gang. Da kehrten zugleich die Großen des Reiches
Nach der heimischen Flur, um dort in der einsamen Felsburg,
Oder in menschenversammelnder Stadt noch heute zu fördern,
Was zu dem Rettungskampf des Herrschers Wille gebothen.
Eh’ in des Erdballs Schooß, in die düstere Wohnung der Trauer,
Noch der Ruf des Unsterblichen drang, erlesenen Geistern
Dort zu verkünden den bald umwüthenden Kampf in Karthago’s
Rühmlichem Feld, schwang Hermann,[12] einst der kühnen Cherusker
Tapferer Hort, sich herunter. Ihm flogen die goldenen Locken
Weit von dem Nacken, sein blitzendes Aug’ und die glühenden Wangen
Kündigten freudigen Muth und trostverheißende Bothschaft.
Gierig forscht’ er umher, die Freunde sogleich in den Scharen
Gleichgesinneter Geister zu schau’n, und er fand sie vereint dort.
Hannibal,[13] der dem Regulus[14] nah’, auf schwellendem Mooswuchs
Ruhte, erhob das Haupt, und rief ihm finster entgegen:
„Freude verkündet dein Flammenblick, unbändiger Krieger!
Wie, nur Kampf, Gewürg’, und Schlachtengetümmel ergetzt dich
Noch, das rastlos fort im Geschlechte der Sterblichen wüthet?
Aber ich athme nicht Erdenluft, und meide, voll Unmuths,
Seit Jahrhunderten schon, der Sonn’ erfreuenden Anblick.
Siehe, wir führen erneueten Streit: ob würdiger Roma,
Oder Karthago gedacht, und gehandelt, als Herrscherinn? Roma
Trat mit ehernem Fuß’ allwärts die Blüthe der Menschheit
Nieder, als Siegerinn, da Karthago der milderen Herrschaft,
Segen pflanzend rings an den Küsten des Meer’s, sich erfreute.
O, ich hätte mein Vaterland und die Welt, die ergrimmend,
Sie in dem Sclavenjoch ausmordete, schrecklich gerächt noch:
Hätte nicht Haß und niedriger Neid die Scharen verweigert,
Die ich entboth, euch, Wolfesbrut, ganz niederzuschmettern!“
Regulus schwieg; doch Hermann rief den zürnenden Helden:
„Schon seit lange versöhnt, und verbunden in traulicher Freundschaft,
Wollet ihr euch denn heut’ entzwei’n durch Worte des Haders?
Laßt die Vergangenheit; nur, wie im zaubergewaltigen Spiegel,
Gaukelnd, kommen, und flieh’n die buntvermengten Gestalten,
Stehe vor eurem Gemüth’ ihr grau’numhülletes Bild noch.
Hört, was, tröstend für uns, der Erde Bewohner beginnen!
Schon ist dem Heldenvolk zum fernentlegenen Tunis
Offen die glänzende Bahn; schon waffnet der edelste Kaiser
Scharen der Krieger am Meeresstrand, wo unzählige Schiffe
Decken die schimmernde Fluth, und entfalten die Segel zur Abfahrt.
Ein Welttheil entboth die Tapferen gegen den andern;
Ringsum regt sich die Erd’, und ihr denkt hier müßig zu weilen?
Auf, wir wollen vereint hinzieh’n, und entflammen die Krieger
Oben im Kampf! Gedenket des Ruhms entflohener Zeiten!“
Hannibal schwang sich empor, und rief mit gewaltiger Stimme:
„Fort, auf die Oberwelt! Ich will in dem Felde der Waffen
Schauen die Helden der neueren Zeit. So herrliche Krieger,
Als am Trasimen und vor Cannä die Erde gewahrte:
Staunend den Söhnen des Sieg’s, die werd’ ich wohl nimmer ersehen.“
Regulus stand, verdüsterten Blicks, und sagte den Beiden:
„Möget ihr immerhin dem furchtbar’n Schlachtengetümmel
Horchen mit Lust, und drängen, und treiben mit stachelnden Worten
Eure Erwählten: nur wenig frommt’s, nur wenig genügt’s euch!
Aber mich reizet ihr nicht, zu entfliehen den nächtlichen Räumen.“
„Wie,“ rief Hermann, „du bliebest zurück’, und rings in Karthago’s
Hehrem Gefild tönt bald Siegsruf im Getümmel der Waffen?
Sehntest dich nimmer zu schau’n die Heldenmaale der Vorwelt?
Zwar es fing dich im Kampf der hochgesinnte Spartaner,
Xanthippos,[15] dem Volk Karthago’s gebiethend als Feldherr:
Doch du sühntest die Schmach, gabst hin die unschätzbare Freiheit
Für dein Vaterland, und auf immer preist dich die Nachwelt.
Komm’, und folge mir, dort zu entflammen den Muth in den Schlachtreih’n!“
Also der Held: da erscholl des Unsterblichen donnernde Stimme,
Die von des Aetna Schlund durch wirbelnder Flammen Geprassel
Brausend, die Scharen der Geister hinauf zum erwachenden Kampf lud.
Neunmal umkreis’te der Donnerruf den unendlichen Raum dort;
Neunmal erwiedert’ ihn auch der Geister empörterer Jubel,
Und die beiden entschwebten, vereint, und von Kriegern umgeben,
Welchen sie einst gebothen im Kampf, dem Schooße des Erdballs.
Aber Regulus stand, verlassen von seinen Gefährten,
Sinnend, allein, und blickte starr in die Tiefe hinunter.
Jetzo wollt’ er entflieh’n, um fern’ in des eisigen Nordpols
Wölbung den glühenden Durst, der mächtig ihn drängte, zu stillen;
Doch er entbrannte noch mehr: das Schmettern der Kriegesdrometen,
Dann das Wiehern der stampfenden Ross’, und der Würgenden Schlachtruf
Töneten, wechselnd, um ihn, und von tausend Gebilden ergriffen,
Stand er, triefend von Schweiß, und zitternd vor steigender Kampflust.
Sieh’, nun ballt’ er die Faust, und rief mit gewaltiger Stimme:
„Deutschlands Hort, so sagte zuvor der kühne Cherusker,
Kommend herab von der oberen Welt, entboth Europa’s
Völker zur Heldenfahrt: viel tausend gefangene Menschen
Aus des Räubers Gewalt, aus Schmach und Fesseln zu retten? ...
Weh’, auch ich trug einst die schmähliche Kette! Sie both mir
Ruhm und Lohn; doch fühlt’ ich es oft in vernichtender Schwermuth,
Wie in dem dumpfen Gewölb sie lastete, wo mich die Stunden
Länger als Tag’, und diese zu trägen Jahren gedehnet,
Dünkten. Auch mir erscholl die höhnende Stimme des Wüthrichs —
Drohte sein finsterer Blick stets größere Qualen; ich fühlte
So die entsetzlichste: fern von der hochgesinneten Gattinn
Und den Erzeugten, das Leben in Kerkersnacht zu verhauchen.
Jetzo hinauf, hinauf nach Tunis, dem einstigen Schauplatz
Dort unsterblichen Ruhms und herzzerreißenden Jammers,
Daß ich vielleicht noch selbst Unglücklichen Hülfe gewähre!“
D’rauf schwang er sich empor zu den sonnigen Fluren des Erdballs,
Dort vor allen zuerst die düstern Gefilde von Tunis
Wiederzuseh’n. Nicht wandt’ er den Blick nach dem Felde der Waffen,
Wo der Griech’ ihn bezwang, Xanthippos, der in die Schlachtreih’n
Sein’ Elephanten gestellt — das Heer im Rücken bestürmend,
Schnell die Reih’n durchbrach, ihn fing, und Karthago den Sieg gab.
Nahe der Stadt, auf Felsen, erhob sich die thürmende Hochburg,
Die in dem finsteren Schooß viel tausend gefangene Christen
Eisern barg: die Wohnung der Qual und des Jammers Behausung!
Dorthin eilt’ er, und senkte sich leis’ auf die Zinne der Burg hin.
Ach, aus der Tief’ erscholl der unglückseligen Sclaven
Jammergestöhn! Wie ein Falk, der schnell aus den Lüften herabfährt,
Weil er die girrenden Küchlein sah im Schatten des Hofraums,
Fuhr der Lüftebewohner hinab, und schauderte, bebte:
Denn in des Kerkers Nacht, in der Felsentiefe der Hochburg,
Sah er, beim düsteren Schein der mattaufflimmernden Lampen,
Bleiche, durch Moderluft und Hunger entfleischte Gestalten;
Sah dort Qual und Verzweiflung zugleich auf den zuckenden Wangen
Und im erloschenen Blick, der endlich zum grimmigen Hohn ward;
Hörete Ketten-Geklirr, und dumpfes Aechzen und Stöhnen
In dem Gewölb. Sie rückte heran, die Stunde des Jammers,
Wo Medelin, der Renegat aus Genua’s Landen,
Forschend die Höhlen des Graun’s durchschritt, und mit eherner Geißel
Peitschte die Murrenden dort, nach Hairaddins schrecklichem Machtwort.
Zorn erglüht’ im Blick des edelgesinneten Geistes.
Doch nun brauset’ er über sie hin, und rief im Gelispel
Dunkelen Geisterrufs: „Euch nahet ein Retter, erhebt euch!“
Alle fuhren empor, und schreckliches Kettengerassel
Scholl im Gewölb: nicht wußten die armen die Tröstung zu deuten.
Doch er kehrte zurück, Hispania’s Erd’, und den Retter
Dort zu erschau’n, der jetzt nah’ war Barcellona’s Gestaden.
Muhamed sah ihn. Er schwebt’ im Gefolg’ unzähliger Geister
Auf von des Aetna Schlund, und hieß die Empöreten harren,
Bis er vom übersinnlichen Raum mit dem Bundesgenossen
Kehrete: denn er ging, dort Attila’s[16] Brust zu entflammen —
Ihn zu erregen zum Kampf’ und zu wichtiger Thaten Vollendung.
Bald erspähte sein forschender Blick den König der Hunnen.
Ueber dem caspischen Meer, wohl tausend Meilen erhoben,
Saß er im Wolkenzelt, so wie einst, von den Helden umgeben,
Nach vollendetem Mahl. Der Söhne geliebtester, Ellack,
Neigte sein Haupt ihm sanft auf die Schulter; der wilde Tuhutum
Saß ihm zunächst; Zombor, der schreckliche Krieger, mit Tursol,
Und mit Retel und Bojt, unbändigen Würgern im Schlachtfeld,
Saßen im Kreis’ um ihn her, dem liedergewaltigen Sänger
Horchend, der, im Sturm des pochenden Busens, der Zither
Saiten empörender schlug, und jetzt der herrlichen Vorzeit
Helden pries in dem Lied’, unsterblicher Thaten gedenkend,
Daß sich des Ahnenruhms, gleich tapfer, erfreue der Enkel.
All’ aufhorchten ihm still’. Auf die bärtigen Lippen der Krieger
Stürzte die schimmernde Thräne herab; sie wiegten das Haupt oft
Bei des Gesangs Allmacht ergriffen von stürmischer Wehmuth.
Muhamed braus’te herein; der Sänger verstummte; die Krieger
Fuhren vom Sitz, da er so zum Kampf’ aufboth den Beherrscher:
„Attila, auf, zur Rache, zum Sieg! Die mächtigsten Geister
Hieß des Unsterblichen Ruf entfahren dem Schooße des Erdballs,
Daß sie dem Christenvolk, nur uns zu verhöhnen entschlossen,
Stehen als Retter im Kampf. Wir sollten es dulden? Der Blutschuld
Denkest du noch, die Roms entartete Söhne nicht büßten,
Wie dein eisernes Herz es gewollt? Und fuhr nicht der Römer,
Trotzigen Blicks, erst hin, den Christen als Helfer zu nahen?
Nun sey List dem Muthe vereint, stets wachsam die Rachgier,
Schmach auf die Feinde gehäuft, und errungen der herrlichste Sieg uns.“
Attila winket’ ihm Beifall zu. Des schrecklichen Rohrwolfs
Zähne, deß’ zottiger Pelz ihm Rücken und Fersen umhüllte,
Starrten von seiner Stirn’, und tief, wie aus nächtlichem Schacht her
Strahlet des Bergmanns Grubenlicht, ihm glommen die Augen
Aus dem finstern Gesicht’. Er faßte den blutigen Säbel
Tyrs,[17] den einst (so kündet die Sage) der furchtbare Kriegsgott
Selbst auf der Heide vergrub, daß seiner Gewalt nicht die Völker
All’ erlägen: umsonst! Der Schreckliche, der sich die Geißel
Gottes im furchtbar’n Trotze genannt, entriß ihn des Feldes
Tiefverhüllendem Schooß’. Auch jetzt aufschwang er das Eisen,
Jauchzend, und eilte Muhamed nach. Unzählige Scharen
Folgten ihm, dürstend nach Blut und brausendem Kampfesgetümmel.
So durchstürmten die Luft ringsher die empöreten Geister.
Aber der Kaiser drückte voll Hast, Isabella, die Gattinn,
Noch an die pochende Brust, und mengte die Thräne mit Thränen;
Segnete, tiefbewegt, sein störrischblickendes Söhnlein,
Schwang sich auf’s wiehernde Roß, und flog aus dem drönenden Thorweg,
Mitten im Ehrengefolg fünfhundert erlesener Reiter,
Schnell g’en Barcellona hinaus, der prächtigen Seestadt.
Nah’ ihm spornte das Roß der einst gewaltige König,
Muley Hassan, und sann, verstummend, und düster, den Pfad hin.
Muhamed naht’ ihm ergrimmt. Er sah, wie finsteres Mißtrau’n
Ihm zerwühlte die Brust vor Furcht und banger Erwartung:
Ob der Christ ihm dereinst, wenn Hairaddins Macht er bezwungen,
Treu dem heiligen Eidschwur, noch den Zepter von Tunis
Frei gibt — oder ihn selber behält, mit räub’rischen Händen?
Sah’s, und schwang sich herab. Gleich einem gewaltigen Uhu,
Der vom Hunger gequält, mit erblindeten, feurigen Augen
Harrt in der Felsenkluft der Dämmerung; dann, sich erhebend,
Leis’ in dem Thal’ umher, mit weitgebreiteten Flügeln
Flattert, nach Beute zu späh’n: so naht’ auch Muhamed jetzo
Hassans geistigem Leib, der leicht wie die Strahlen der Sonne,
Jegliche Nerve durchdringt, und schnell, wie in dumpfer Betäubung,
Und wie entkörpert, vernahm er den Geist im Seelengelispel:
„Träumender, ha, du sankst erst jüngst dem ungläubigen Fürsten
Feig zu den Füßen, und hoffst, auf die Rechte des Siegers dich stützend,
Den, nach schrecklichem Mord’ ererbeten Thron zu besteigen?
Thor, der also sich täuscht: der Christ, und ein Christenbeherrscher
Zöge für dich in den Kampf, und opferte dir zu Gefallen
Menschen und Gold, daß du dich dann erfreuest der Herrschaft?
Wiss’ es: er sinnt dir Schmach und Verrath, und gibt dich der Rachgier
Hairaddins hin — vielleicht als Preis für die Veste Goletta.
Solltest du nicht, bald heimgekehrt, auf täuschendem Pfad’ ihm
Jammer bereiten, und ihn verderben, dir selber zur Rettung?“
Hassan horchte verwundert, und sann, wer ihm in dem Herzen
Solch’ Empörung erregt, das sonst schon zweifelerfüllt war?
Doch nun hemmt’ er das Roß mit dem Zaum’: im zögernden Schritte
Sich zu entzieh’n der Schar, die rasch zum rühmlichen Ziel fort
Eilete; sah dann zurück, nach Mosul, dem Sclaven, und sagte:
„Mosul, vernimm, wie dir des Busens geheimste Gedanken
Dein Gebiether enthüllt: denn ach, so beugete Hassans
Haupt das Geschick, daß er selbst dem niedrigen Sclaven sie kund thut!
Siehe, wie dort hineilt der mächtige Christenbeherrscher,
Bald an der Spitze des Heeres zu steh’n, zu entfalten die Segel,
Und zu entschiffen, im Flug nach Tunis, dem herrlichen Erbland.
Hoffst du, er werde des Schwurs, des heiligen: mir das Entriss’ne
Wieder zu schaffen mit Waffengewalt, auch drüben gedenken?
Ach, mir sinnet er Schmach und sich unendlichen Vortheil,
So er dem schrecklichen Feind mich verräth, dem solches ersehnt ist!“
Sagt’ es, bewegt. „Nicht zürn’, o Herr,“ so entgegnete jener,
„Daß ein niedriger Knecht vor deinem erhabenen Antlitz
Sich zu reden erkühnt. Hast du nicht am dämmernden Abend
Gestern geseh’n, wie mildgesinnt der Christenbeherrscher
Dich aufnahm im Palast, wie gütig sein thränender Blick war?
Nicht vernommen den Eidschwur dort, beim einigen Gotte
Dir geschworen, daß er den entrissenen Zepter der Väter,
So er den Räuber besiegt, dir wieder zu geben bereit sey?
Ach, nicht brächt’ ihm die Täuschung Gewinn: ein irrender Fremdling
Stehst du vor ihm ... vertrau’ im edelen Herzen dem Edeln!“
„Schweig,“ so rief der Zürnende jetzt, „im lächelnden Antlitz
Lauert der Trug — dein lacht im freundlichen Auge die Falschheit!
Hat das unselige Volk nicht Hairaddins List mit Al-Raschids
Leiche getäuscht? Droht mir, dem Muselman, nicht von dem Christen
Größeres Unheil noch? Merk’ auf! Im engenden Schiffsraum,
Nicht wie im stolzen Palast durch weite Hallen gesondert
Von dem Beherrscher selbst und den Seinen, erhaschest du leicht wohl,
Achtlosscheinend, ein Wort, das uns die schändliche Täuschung
Aufhüllt: nicht mißtraut sein Gefolg dem niedrigen Sclaven.
Angelangt an dem heimischen Strand’, erseh’ ich den Vortheil
Mir dann schnell, und entflieh’ in der Dämmerung; oder ich heische,
So er von Tunis den Thron mir wieder zu geben gesinnt ist,
Selber von ihm das Schiff, Hülfsvolk aus den Bergen von Kabesch[18]
Ihm zu schaffen, wo mir die tapfern Bewohner noch treu sind.“
Und er spornte das schnaubende Roß, der Seite des Kaisers
Wieder zu nah’n, der eilender g’en Barcellona hinausritt.
Doch, ach, welch Geschrei erschallt unferne der Seestadt,
Drüben am Strand’ Areny’s, des hainumsäuselten Dörfchens?
Wer betrübte so tief des Dörfchens stille Bewohner,
Daß sie mit Thränen im Blick’, entfärbete Todesgestalten,
Stumm, und bebend vor Angst, aufschau’n zu dem nächtlichen Himmel,
Ob er sie schirm’, ob Flammen speie sein rächender Donner?
Heiter entschwand die Sonn’ im rosigen Duft’, und der Himmel
Lächelte mild. Wie ein Säugling am Busen der liebenden Mutter
Schlummert, so lag, entzückend, am Saume der luftigen Berghöh’n
Abendröthliche Gluth. Im Gesang heimkehrten die Schnitter;
Laut ertönte des Hirten Schalmei, und die blöckenden Heerden
Eilten durch Wolken Staub’s, der hoch in den röthlichen Himmel
Aufquoll, hüpfend zum duftenden Stall, nach Ruhe sich sehnend.
Als sich die Müden getrocknet den Schweiß, und die dämmernde Kammer
Alle versammelt’ umher, da tischte die sorgliche Hausfrau
Jenes zur Abendkost, was ihr der Garten gespendet,
Was die Heerd’ ihr both aus strotzenden Eitern. Sie stillten
Fröhlich den Hunger, und bald verstummte des Tages Getümmel
Ringsum; nur vom Thurme herab noch mahnte das Glöcklein,
Fromm zu erheben das Herz. Sie betheten, eilten zu ruhen,
Und der erquickende Schlaf umfing sie mit süßer Betäubung.
Glückliche, wacht: denn nah’ ist der Sturm, der plötzlich den Himmel
Eures Friedens bewölkt mit schwarzumnachtender Trauer!
Lauernd durchpflügte die See, mit hundert gerüsteten Schiffen,
Hairaddins Liebling, Al-Mansor, dem, scheidend, am Bord’ er
Noch in die Seele gelegt: so draußen auf offener Meersfluth
Kühn dem Feind’ entgegen zu steh’n, so rings an den Küsten
Furchtbar’n Ueberfall in nächtlicher Stunde zu wagen,
Und zu entwinden das Schwert des Feindes Hand in Europa,
Das er nach Afrika, dräuend, gezückt, ihm selber zum Unheil.
Wühlend im röthlichen Bart, der ihm zu dem Gürtel herabfloß,
Sprach nun Al-Mansor zu Omrah, dem tapferen Aga:
„Omrah, Mustapha’s Sohn, vernimm mich jetzt, den Gebiether!
Bald entsinket die Nacht dem erdumwölbenden Himmel;
Spanne die Segel dem Wind’. Unferne der Stadt Barcellona
Landend, raub’ entschlummertes Volk der niedrigen Hütte,
Oder dem stolzen Palast, daß wir erkunden in Wahrheit:
Ob in die thürmende Stadt der Christenbeherrscher gekommen,
Kampfgerüstet, ob nicht? denn eilig geböth’ er die Fahrt dann.
Tapferer, was du beginnest mit Muth, vollende mit Kühnheit!“
Omrah gehorchte dem Wort’. Er löste dem Winde die Segel,
Und aus dem dunkeln Schooß Verderben dräuend und Jammer,
Flog sein Schiff dem Strand’ entgegen am dämmernden Abend.
Dort in der Felsenbucht, nicht ferne den Marken Areny’s,
Harret’ er, lauernd, der Nacht. Sie kam: rings schwanden die Lichter;
Jeglicher Laut erstarb; nur die Wellen rauschten am Schiffskiel
Leis’ empor, nur die Brandung scholl an den fernen Gestaden.
Eilig umschifft’ er den bergenden Fels; dann flog er zum Strand hin,
Landete, trieb sein Volk zum Raub’, ihm Eile gebiethend.
Und, wie in dunkler Mitternacht aus säuselndem Schilfrohr,
Plötzlich, die wilde Schar langhungernder Wölfe sich aufmacht,
D’rauf, der Hürde genaht, einstürmt, und die zitternden Lämmer
Raubet in Hast; wie jährige Stier’ im blutigen Rachen
Tragend, die Jaguar, Westindiens schreckliche Tieger,
Fliehen den Berg aufwärts: so drangen die furchtbaren Räuber,
Gräßlichen Mord im Blick, durch berstende Thüren und Fenster
Ein in die Hütten; so raubten sie dort den blühenden Jüngling,
Grauender Aeltern einzigen Trost, und des liebenden Weibes
Theuern Gatten, und floh’n zum Bord des harrenden Schiffs hin.
Wehklag’ scholl. Als jetzt sie erweckte des Dörfchens Bewohner,
Die, noch solchem Geschick’ entronnen, der Spur der Geraubten
Folgten, ächzend vor Schmerz und drängender Sorge der Rettung,
Tönte schon fern’ ihr Schrei von den rauschenden Wogen herüber.
Schrecklich zu schau’n! Da steht mit fliegendem Haar, mit Verzweiflung
In dem Gesicht, mit Gluth in der Brust, die Gattinn, und breitet
Zitternd die Arme dem Gatten nach: mit bebenden Lippen
Will sie noch einmal zurück, mit Gewalt, ihn rufen, und stöhnt nur.
Dort auf den Sand hinstürzet der Greis, und rauft sich die Haar’ aus
Ob des Töchterchens, ob des Sohn’s. Da knie’t an dem Ufer,
Schaudernd im Fieber, die Braut, und blickt mit wilden Geberden
Jetzo dem Vater, und jetzt der weinenden Mutter in’s Antlitz;
Horcht nach den Fluthen hinaus, erhebt sich, und läuft auf dem Sandpfad
Plötzlich dahin. Ein gellender Schrei aus dem fliegenden Busen
Füllet die Luft und die Herzen des Volk’s, mit starrem Entsetzen.
Ach, sie stürzt’ in die Fluth; doch hängen die zarten Geschwister,
Wimmernd, an ihrem wehenden Kleid’, und rufen ihr liebvoll
Trost in das Herz, vereint dem Fleh’n des weinenden Volkes,
Das an den Vater im Himmel sie mahnt, den Rächer der Unschuld!
Aber schon nahte der Rächer, im Flug, Barcellona’s Gefilden,
Glühend im Herzen dem Ruf’ erhabener Christenerrettung.
Siehe, wie stolz erhebt Barcellona, die herrliche Seestadt,
Heute die Stirn’ in die Luft; wie schimmert so hell in des Meeres
Fluthendem Spiegel ihr Bild; im freudigen Lärm und Getümmel
Jauchzt in den Gassen das Volk, und jauchzt in dem hallenden Hafen:
„Heil uns, Doria kommt, der langersehnete Seeheld!“
Dreißig der Schiff’ erkennet das Aug’ an den flatternden Segeln
Fern’ auf dem Meer. Sie führen fünftausend erlesene Krieger,
Genua’s tapferes Volk, zum heiligen Kampfe der Rettung.
Dreißigmal grüßt das Donnerrohr von dem Walle den Helden:
Also schallt von dem Meere sein Dank im Donner herüber;
Doch, wie die Echo, geweckt in der felsumstarreten Bergschlucht,
Einen gewaltigen Ruf erst laut und mächtig erwiedert,
Dann nur leis’ aushaucht, und wieder verstummt in der Stille:
So von des Meeres Höh’n herflog, mit ermattenden Schwingen,
Dreißig Grüßen zum Dank, der dumpfummurrende Nachhall.
Jetzt aufrauschte die Fluth: sie sprang an dem schwärzlichen Schiffskiel,
Schäumend, umher, und wogte sie all’ in den schirmenden Hafen.
Jetzt entsank dem Busen des Schiff’s der gewichtige Anker,
Rasselnden Schwungs, und ihm, geschleudert vom kreisenden Wellbaum,
Folgte das mächtige Seil, bis er haftete fest in dem Boden.
Lange wiegte die Fluth das eiserngeheftete Schiff noch.
Doch nun schwang sich der Held, mit den obersten Schiffesgebiethern,
Schnell in das zierliche Boot, und eilte dem Ufer entgegen:
Ihn umbraus’te des Volks ringsher auftobender Jubel.
Aber es scholl erneut in dem wimmelnden Hafen der Zuruf:
„Heil dem nahenden Freund!“ denn Ludwig,[19] der Bruder der Kais’rinn,
Und Lusitaniens Stolz, kam jetzt mit zwanzig der Segel
Näher dem Port’. Er warb viertausend tapfere Streiter
Drüben am Tajo, und kam, Siegsruhm zu erringen entschlossen.
Als er, gelandet, am Strand hinging: da staunte mit Ehrfurcht
Jegliches Aug’ ihm nach, da er schon im Lenze des Lebens,
Heiter die muthige Brust darboth des Krieges Gefahren.
Wieder erscholl’s: „Heil dort den nahenden Schiffen!“ und sechzig
Zählte des Strandes Wart von dem hochaufthürmenden Leuchtthurm.
Ruyter[20] kam, der jüngst die flandrischen durch Gibilterra’s
Enge geführt, und auf Malaga’s Höh’n mit jenen vereinte,
Die Hispania’s Städte gesandt, im rühmlichen Wettstreit.
Hundert Krieger am Bord trug jedes der räumigen Schiffe —
Trug in dem dunkeln Schooß Geräthe des dauernden Krieges,
Mundvorrath und Geschoß, mit den ehernen Schlünden und Mörsern.
Rastlos brüllten die Donnerschlünd’, als jetzt in des Morgens
Stunden sich eint’, im Port, zu dem Heldenzuge die Heersmacht.
Aber auch drüben an Wälschlands weitumkreisenden Ufern
Wogten des Krieges Banner, erhöht, in dem Wind’, und die Völker
Harrten der Siegesfahrt. In Genua’s äußerstem Hafen,
Den im holden Gefild schon längst entschwund’ne Geschlechter
Weihten der Liebesgöttinn zum Sitz,[21] einschiffte die Scharen
Genua’s — auch Hetruriens und Lombardia’s Krieger,
Guasto, der tapfere Greis, des Fußvolks oberster Feldherr.[22]
Finster blickte sein Aug’. Ergraut in den eisernen Waffen,
Nährt’ er im stetsumwölkten Gemüth’ unziemliches Mißtrau’n
Gegen die Welt: ihn scheuten — nicht liebten die Waffengefährten.
Jetzt von der einsamen Burg von Ischia rief ihn der Kaiser
Wieder zum Kampf, nach erkorener Ruh’ im grauenden Alter:
Denn er kannte die Kraft des schlachtanordnenden Greises.
Als er vom Meeresstrand’ einschiffte die Völker: da nahte
Eberstein,[23] zehntausend erlesene Krieger aus Deutschland
Führend im freudigen Muth zu dem rühmlichen Kampfe der Rettung.
Eine Ros’ in dem Schild’, enthüllete, schimmernd, sein Fähnlein —
Sie, des trefflichen Ahns Stammzier, den ehrend der Kaiser
Heinrich, der Finkler genannt, zu der hohen Roma gesendet,
Daß er der Völker Wohl mit dem Hirten der Kirche berathe.
Dort an dem festlichen Tag, wo, Flammen gleich, von dem Himmel
Sich auf die Jünger herab, der Geist, der Heilige, senkte,
Ward ihm die Rose gereicht von dem Heiligen Vater, und Heinrich
Pflanzte die Ros’ in den Wappenschild des tapferen Ritters,
Welcher die Freiheitsschlacht auf Mörsburgs sandigen Fluren
Kämpfte mit ihm, das Volk zu erretten vom Joche der Ungern.
Solchen Ahnen entsproß der Führer germanischer Völker.
Aber er einte vor Mailand jüngst die kühnen Gefährten,
Die er in Deutschland warb — in dem Vaterlande der Helden:
Denn in Schwabens freundlichen Gau’n, wo silbernergossen
Schimmert der Bodensee, und die rühmliche Quelle der Donau,
Unversiegbar, nährt des Schwarzwalds heiliges Dunkel,[24]
Daß sie, ein Ries’, auf siebenhundert Meilen entlang hin
Netze den Bord unzähliger Städt’, und Dörfer, und Vesten,
Fröhlicher Traubengebirg’, und erblühender Gärten und Wälder,
Und in dem Schwarzen-Meer, des Schwarzwalds Höhen entsprossen,
Stets nach Osten gewandt, vollende die herrliche Laufbahn:
Dort begrüßten zuerst zwölfhundert erlesene Krieger,
Lanzenbewaffnetes Volk, mit Römhild, dem tapferen Führer,
Ebersteins Panier mit lautaufschallendem Jubel.
Doch wo des Spessarts Grau’n, so wie auch des lieblichen Mainstroms
Schimmer das Herz erhebt, im schönen Lande der Franken,
Flatterte hoch in die Luft des Führers erhobenes Fähnlein,
Werners: ihm folgte die Schar achthundert trefflicher Schützen.
Also das muthige Volk der bergbewohnenden Hessen
Folgete Wittekind nach, dem Helden: er zählte der Krieger
Tausend um sich, und kam, ruhmdürstend, heran in dem Kriegszug.
Und an den Ufern der Isar hinab zu dem freundlichen München,
Reihte sogleich die Schar zweitausend gerüsteter Bayern
Sich an den schwellenden Zug. Gedenkend der trefflichen Heimath,
Schwur ein jeder ihr herrlichen Ruhm zu erkämpfen vor Tunis.
Radburg führte sie an, des Herzogs tapferer Sprößling.
Auch wo im Sande die Spree der brandenburgischen Hauptstadt
Blässere Fluthen entgegenrollt, und die Oder des Landes
Blühende Fluren durchströmt, ertönte der mächtige Heerruf.
Schnell erhob sich die Schar von tausend erlesenen Kriegern,
Löwenbeherzt, und folgete Siegfrieds winkendem Banner.
Und wie folgte nicht, Stollberg, dir, im Muthe der Helden,
Sachsens edeles Volk, das mächtig umher an der Elbe,
So an der Pleiß’ und der Ilm, ruhmwürdige Städte bewohnet;
Wo den Musen ihr Kranz erblüht’, und die forschende Weisheit
Glänzende Höhen errang. Sie sendeten freudig nach Mailand,
Ueber Tyrols Berghöh’n, achthundert gewaltige Krieger.
Treues Tyrol, auch deinen Gebirgen und Thälern entströmte,
Jauchzenden Muthes, die Schar gepriesener Schützen! Sie nahten,
Tausend an Zahl, und, vereint fünfhundert muthigen Bündtnern,
Führte sie Salis zum Kampf, Oestreichs hochherziger Feldherr.
Ha, nicht weilten daheim die Helden des glücklichen Reiches,
Das in dem Bruderbund’ unzählige Völker vereinet,
Und den Vereinten durch Weisheit, Mild’, und Gerechtigkeit obherrscht:
Denn es entsandte zum Heer fünfhundert geharnischte Reiter:
Böhmens tapferes Volk, das, eisern, im eisernen Schlachtfeld
Ausharrt, und im entscheidenden Kampf den Feind in den Staub wirft;
Sandte der Ungern muthige Schar, die auf feurigen Rossen,
In der gewaltigen Faust den blinkenden Säbel erhebend,
Schnell, wie der Blitz, im Flug, die feindlichen Reihen zerschmettern.
Jenen geboth Waldstein, und diesen Hunyadi’s[25] Enkel,
Der, Europa’s Hort, die Macht der Osmanen gebrochen.
Ihnen gesellt, annahte das siegsruhmdürstende Fußvolk,
Das sich aus deinem Wall’ und Fluren erhob, Vindobona,
Austria’s herrliche Kaiserstadt! Wer rühmte dich würdig?
Ha, wie lieblich bespühlt die breitherrollende Donau
Deinen erhabenen Sitz! Wie stolz dir winken die Berghöh’n,
Säuseln die Hain’ umher, und die lustaushauchenden Gärten!
Herrlich umglänzt dich der Aehren Gold, des fröhlichen Weinbergs
Labende Frucht; dir blüh’n rings Edens wonnige Fluren!
Nun entbothst du die Schar fünfhundert erlesener Krieger.
Aber noch dreimal die Zahl entsandten die trefflichen Länder,
Welche die March, die Muhr, und die Drau durchströmet, und jenes,
Das in dem freundlichen Schooß der Zirknitz[26] zaub’rischen See birgt:
Wo in den Tagen des rollenden Jahrs bald emsige Fischer
Jubeln der Beut’ in dem Netz’, und bald die Schnitter und Jäger
Strecken die Halm’ und das Wild auf dem fluthentblößeten Raum hin.
Lichtstein führte dieß Volk. Hoch flattert’ im Winde sein Fähnlein,
Wo das purpurne Feld, vom güldenen Felde gesondert,
Auf dem Schilde sich wies, und des Helms hochragender Fittig.
Hinter den zahllosen kam, von schnaubenden Rossen gezogen,
Näher die Wucht von hundert donnernden Schlünden und Mörsern.
Rückwärts gähnet’ ihr dräuender Mund, und jeglichem folgte,
Rasch, mit der Lunt’ an der Brust, der Wurfschütz — folgten Gehülfen,
Sonder Scheu, an dem Wagen, voll tödlicher Feuergeschosse.
Rogendorf, der Feldzeugmeister im Heere des Kaisers,
Führte des Feldzeugs Macht. Er hemmte zuweilen mit Vorsicht
Sein gluthschnaubendes Roß, daß all’ ihm folgten in Ordnung.
Trauer erfüllte sein Herz. Ihm sank der Gefährte der Jugend,
Salm, auf Wiens hochragendem Wall, wo beide, den Leu’n gleich,
Kämpften gegen Suleymans Wuth.[27] Dort schwand ihm des Glückes
Freundlicher Strahl: vom Grau’n des nächtlichen Kummers umgeben,
Sah er schweigend hinaus nach des Lebens verödeten Räumen.