Draußen am Meeresgestad’, am schwindligen Rande des Felsens,

Stand Toledo gebeugt, und sah mit erblassendem Antlitz

Starr in die schimmernde Fluth. Ihm schwand dort die Erd’ und der Himmel:

Denn jetzt horcht’ er, verwirrt, dem fluthenden Geistergelispel —

Stöhnete dann, und horchte wieder: die wechselnden Wellen

Sanken, stiegen, und schienen allein in dem frostigen Meergrund

Für sein brennend Weh’ ihm labende Kühlung zu biethen.

Also fand ihn der Greis! er hob die Händ’ und die Augen

Weinend zum Himmel empor, und bethete leise für sich hin:

„Der du, ein guter Hirt in der Wüste das irrende Schäflein

Suchtest, und so das Gefundene, liebendumfaßt, auf den Schultern

Heimtrugst: laß auch ihn nicht verloren seyn, du Erbarmer!“

Dann umfaßt’ er ihn schnell; bedeckte mit brennenden Küssen

Ihm den Nacken, und rief mit leisem Gewimmer: „Mathilde!“

Lautaufstöhnt’ er dem Wort’, und wandte sich, starrend in Hugo’s

Thränendes Aug’; doch jetzt ergriff er die Hand des Getreuen,

Preßte sie heftig, und floh nach dem Lager zurücke. Der Wogen

Dumpfes Rauschen erfüllte noch fern ihm die Seele mit Schauder.

Zwölfter Gesang.

Hairaddins Völker umfing noch bleierner Schlaf und Betäubung.

Wie aus dem dämmernden Saal, nach lautem Gelage der Fastnacht,

Schleicht ermüdetes Volk; das schimmernde Licht von den Leuchtern

Schwindet; Tanz und Getöne verstummt, und Getümmel verhallet;

Also verhallte der Lärm in dem weitumkreisenden Lager

Hairaddins; doch, vom Schlummer erquickt, und zum Kampfe gerüstet,

Harrten die Christen schon des donnernden Zeichens zum Angriff.

Siehe, der Morgen erhob die Stirn’ an dem östlichen Himmel,

Rosenumkränzt, und sah mit schüchternerröthenden Wangen

Nach der Erde herab, die, sich des nächtlichen Grauens

Arm entwindend, aus Wolkenhöh’n mit dem Jubel der Lerchen,

Und in den Fluren rings mit schimmernden Thränen ihn grüßte!

Jetzt, in des Morgens Hauch, zum Kampf entbiethend die Scharen,

Schwang der Kaiser das Schwert in die Luft. Des Winkes gewärtig,

Eilte der Wurfschütz vor, und senkte die Lunte mit Vorsicht

Hin an des Zündrohrs dunkelen Rand: aufflammte das Pulver.

Erst nur ein weniges vor — dann eilender wieder zur Stelle

Rollte der eherne Schlund, und warf im Donnergetümmel

Durch die Lüfte den Ball nach dem feindlichen Lager hinüber.

Einst, wie zum Weltgericht die Posaun’ erschallt in dem Luftraum,

Schnell die Gebein’ aus Staub und Moder zum Leben sich regen,

Und in schaudernder Hast, dem Rufe folgend, die Todten

Alle ersteh’n: so scholl, in der heiligen Frühe, des Schlachtrufs

Donnergetümmel dem Feind’. Alsbald ergreifend die Waffen,

Stürzeten alle zugleich mit Lärm und Getös’ in die Reihen.

Rings in die Umwelt flog auf den Fittigen säuselnder Lüftchen,

Donnergetön, und traf in dem fernentlegenen Waldthal

Abu-Sa-ids aufhorchendes Ohr. Er wähnte: begonnen

Wüthe die Schlacht — besiegt von Hairaddin, fliehe der Fremdling

Schon, dem er den schirmenden Wall zu entreißen herankam.

Schnell entboth er sein Volk, und klomm an der ragenden Bergwand

Aufwärts, keuchend vor Hast, und triefend von Schweiß an den Gliedern:

Denn ihn drängte nach Beute die Gier, die Hairaddin gestern,

Träumend von Siegen, ihm both. Er hieß die folgenden Scharen

Leis’ erklimmen den Berg, und winkte mit Augen und Händen;

Zischt’, und pressete fest an die Lippen den dräuenden Finger,

Daß sie den wehrlosen Feind erwürgten im plötzlichen Anfall.

Aber nicht achtlos saß auf dem buschigen Saume der Felshöh’n

Salis, der Held. Im Kreise der ringsumspähenden Schützen,

Sah er hinschwinden die Nacht, und jetzt vernahm er vom Wald her

Nahender Laute Gezisch: denn unter den eilenden Füßen

Rauschte das Laub, und verrieth die Kommenden. Muthigen Herzens

Fuhr er vom Boden, und rief dem Volk: „Gebt Acht!“ und die Schützen,

Beugend das rechte Knie’, an die Wange pressend des Rohres

Zierlichen Schaft, mit gespanntem Hahn, scharf zielenden Augen

Harrten des „Feuer!“ gebiethenden Ruf’s. Da faßte der Feldherr

Selber den kunstgezogenen Lauf, den er auf dem Herweg

Kaufte für blinkendes Gold von dem tridentinischen Meister,

Stand, und zielete. Jetzt, in des dunkel’n Waldes Umlaubung,

Schauend Abu-Sa-id, der stolz vor den Seinen daherkam,

Ließ er erkrachen das tödliche Rohr. Die schmetternde Kugel

Röthete schnell ihm die Stirn’, und sterbend sank er zu Boden.

Also birgt sich im Schooß des hundertjährigen Ahorns,

Lauernd, der Luchs, da im Lauf hereilt der muntere Rehbock;

Aber er fahet ihn nicht: denn drüben erkrachet des Hirsches

Sechzehnendiger Krone bereits der hemmende Hochwald,

Und er stürzt sich jetzt auf den harmlos Nahenden, Blutgier

Athmend, herab, und zernagt den Hals und den Rücken des armen,

Im verzweifelten Lauf, bis ganz ermattet er hinsinkt:

Salis erlauerte so vor allen den Führer des Volkes,

Abu-Sa-id, und warf ihn entseelt hinunter am Abhang.

Schreckenbetäubt, nicht ahnend woher die entsetzliche Kugel

Brausete, stand sein Volk, und starrt’ umher in dem Dunkel;

Doch als endlos fort vom Gebüsch der Büchsen Geschmetter

Tobte; nach jeglichem Schuß Gejauchze des Schützen ertönte,

Der, scharfzielend, durchbohrte die Brust des einmal Erkornen;

Als die schreckliche Wucht entrollender Steine, des Berges

Saum entlang, wo in dunkeler Nacht sie häuften die Schützen,

Donnernd die Reihen begrub, und Reihen verwundet umherwarf:

Da scholl Jammergestöhn’ verwundeten — Lärm und Getümmel

Flüchtenden Volk’s, das schnell hinunter den stäubenden Abhang

Stürmt’ und von Schrecken gejagt, im Thal forteilte g’en Tunis.

Stille herrschete rings, und so, wie berstende Wolken

Brausen vom Hochgebirg in das Thal, die entwurzelte Waldung

Schwindet, und kahl aufstarrt das Gefild: so brausten die Mauren,

Flüchtend, im Waldthal fort, und rings verstummte die Gegend.

Freudig erscholl fernher das Schmettern der Büchsen des Kaisers

Horchendem Ohr; doch freudiger noch ihr schnelles Verstummen:

Denn er ahnte den Sieg auf den Höh’n, und führte die Scharen

Eilender vor. Da flog, vom schnaubenden Rosse getragen,

Guasto, der Greis, ihm entgegen, und rief, ein Flehender, also:

„Herrlich dämmert dein Siegestag, erlauchter Gebiether;

Laß dieß grauende Haupt mit dem schönsten der Kränze geschmücket,

Kehren vom Kampf, so ich heut’, beherrschend den muthigen Vortrab,

Dir bereite die Bahn zu dem Sieg voll ewigen Nachruhms!“

Als ihm des Herrschers lächelnder Blick die Bitte gewährte,

Spornte das Roß Del-Guasto, und flog, wie Wettergewölk fleugt,

Von dem Sturme gejagt, an die Spitze des muthigen Vor-Zugs,

Wo des Fußvolks Reih’n, fünftausend erlesener Wälschen,

Oestreichs tapferen Reitern gesellt, mit Jubel ihn grüßten.

Jene lenkte Toledo zum Kampf, und die Reisigen Lichtstein:

Beide Söhne des Ruhms, erzogen im Felde der Waffen.

Wie in dem Sternenzelt, verherrlicht vor allen, des Morgens

Glänzender Stern aufschwebt: so kam an dem Flügel zur Linken

Ludwig, der siegverherrlichte Held, neuntausend der Krieger,

Die aus Brabant, und mit ihm her aus Lusitanien zogen,

Vorzuführen im Feld. So folgten zur Rechten die Deutschen

Ebersteins Panier, der kühn, wie ein Eber des Waldes

Sich auf den Gegner warf im Gefecht; wie ein Fels in dem Meergrund

Stand im wilden Tumult umdräuender Todesgefahren,

Und in dem Busen (den Edelstein) das edelste Herz trug.

Hunyady eint’ ihm die Macht roßtummelnder, kühner Magyaren

Hier, voll Muths vorstürmend im Feld; dort nahte mit Ludwig

Alba heran, der stets ein Schrecken der Feinde, der Heimath

Schwergeharnischte, reisige Schar, entflammte zu Thaten.

Doch, wie Sterne der Mond, den Mond, aufstrahlend, die Sonne

Schnell verdunkelt an Pracht: so ragte der edelste Kaiser

Vor in der Mitte des Heers. Ihm folgten aus jedem der Völker

Tausend Erwählte zum Kampf, daß jegliches, gleich in Gefahren,

Gleich in des Ruhms hochlohnendem Glanz, sich freue des Vorzugs.

Aber im Nachhalt stand Aurel mit den Tapfern von Malta,

Und, den Rittern gesellt, den furchtbarn, standen die Reiter,

Die Hispania’s Cortes entsandt’ im rühmlichen Wettstreit:

Doria’s Heldenkraft vertraute der Kaiser die Scharen.

Jetzo herauf und hinunter im Feld, die Reihen zu mustern,

Jagt’ er das feurige Roß, und es streute vom blanken Gebisse

Schneeigen Schaum, und wieherte stolz in dem sausenden Ritt hin.

Doch nun hemmt’ er, zur Mitte gekehrt, den schnaubenden Läufer,

Hob vom Haupte den Helm, und wandte sich gegen die Krieger.

Siehe, da fuhr an des Himmels Rand’ im Osten die Sonne,

Rosigschimmernd, herauf, und weckte den lieblichsten Morgen,

Der sich je zur Erd’ auf goldenen Fittigen senkte!

Ringsum jauchzt’ ihr entgegen die Welt: denn wonnige Kühlung

Hauchte das Meer und der See von Tunis herüber, des Kriegers

Busen erfüllend mit dauernder Kraft, und am blaueren Himmel,

Dem erhabnen Altar des Herrn des kreisenden Weltalls,

Schwamm ein zartes Gewölk umher, gleich duftendem Weihrauch,

Der zum Dank aufwallt in der heiligen Stunde der Andacht.

Als er entblößte das Haupt, da hellte die strahlende Sonne

Ihm die erhabene Stirn’; er bethete laut vor den Scharen:

„Herr, nun stärke dein Volk! Nicht trieb uns im dunkelen Schiffsraum

Gier nach Beute heran; nur deinen Bekennern die Freiheit —

Frieden dem raubgefährdeten Meer zu erkämpfen im Schlachtfeld,

Ziehen wir freudig das Schwert. Von dir kommt Sieg und Errettung.“

Dann aufschwang er den Stahl mit der Rechten; er barg mit der Linken

Schnell das Haupt in den Helm, und rief, erschütternd, den Kriegern:

„Golgotha’s Hügel herab entströmte des sterbenden Mittlers

Kreuze die knechtschafttilgende Huld: sie bracht’ uns Erlösung.

Christen, des Kreuzes gedenkt, und errettet die schmachtenden Brüder!“

All’ aufjauchzten dem Wort mit thränendem Blick, und im Sturmflug

Ihres empöreten Muths erscholl ihr brausender Zuruf:

„Fort, in die blutige Schlacht! Nicht allein auf dem Felde vor Tunis

Streite dein Volk; auch fern an Jerusalems heiligen Mauern

Stirbt es den Heldentod für dich, zu erringen der Kronen

Erste dem edelsten Haupt. Jetzt hin, wo im Donnergetümmel

Blitzt das würgende Schwert; wir schmettern die Feinde zu Boden!“

Also erscholl’s in dem Heer. Da flammte plötzlich der Luftraum

Auf; die Wolken floh’n; laut rauschten des Meeres Gewässer,

Und es erbebte die Erd’, als sollte zerstieben das Weltall:

Denn aus den glänzenden Höh’n der endlosen Räume des Himmels

Kam Eloa herab: von den streitenden Heeren der Geister

Wilden-Muth-empörende Schar zu entfernen. Sie bebten,

Als er das flammende Schwert aufschwang, und mit dräuendem Blick rief:

„Hör’t, daß Keiner aus euch den Völkern: nicht diesem, nicht jenem,

Nahe mit thatenerweckendem Hauch: denn selber bewähren

Soll sich der Muth, der hier den Sclaven erringet die Freiheit!“

Nun, da er fern’ im bläulichen Aethergefilde dahinschwand,

Sah’n sie trauernd ihm nach. Ihr Herz erfüllte die Sehnsucht

Nach dem seligen Land: des Friedens ewiger Heimath.

Dann, gesondert im Kreis’, auf schimmernden Wolken sich lagernd,

Ruheten all’ umher, und blickten herunter auf’s Schlachtfeld.

Muhamed floh mit den Seinen davon: ihn schreckte des Seraphs

Dräuender Blick, und Gram entflohener Hoffnung ergriff ihn.

Sieh’, auch Hairaddin trieb des brausenden Heeres Geschwader

Zahllos gegen die Christen heran: so brauset des Meeres

Sturmgeschaukelte Fluth in tausender Wogen Empörung!

Erst die reisige Schar der Araber, feurige Rosse

Bändigend, und ermüdend im Kampf durch wechselnden Anfall,

Flog den Numidiern vor, die rasch von der Sehne des Bogens

Schnellen den schwirrenden Pfeil, und fern durchbohren den Gegner.

D’rauf, wie die Schwärme der Kräh’n anstürmen im Herbst, und erfüllen

Weit mit lautem Gekrächze die Luft: so folgte der Mauren

Lanzengewaltiges Volk den Numidiern, und in dem Rücken

Dieser Unzähligen kam, von schnaubenden Rossen gezogen,

Rasselnd, im sanddurchpflügenden Zug, des schweren Geschützes

Dräuende Macht. Nach jeglichem Donnerrohr’, in der Rechten

Schwingend die dampfende Lunte zur Luft, und den Helfern gebiethend,

Schritt der Wurfschütz her, und siebenzig waren der Schützen:

Dragut führte dieß Volk, dem Vorderzuge gebiethend.

Aber die Janitschar’n, gewaltiger Thaten sich freuend:

Jetzo des Feindes Reih’n mit des Säbels sausendem Mordschlag

Niederzuwerfen, und jetzt, aus schmetternden Feuergewehren,

Mitten in Feindesbrust zu entsenden die tödliche Kugel,

Eilten im Nachzug vor. Da waren die Brauen der Krieger

Tiefer gesenkt, das Auge geröthet vor Wuth, und die Lippen,

Gleich dem gespannten Bogen gekrümmt, voll schrecklichen Ingrimms.

Hairaddin spornte das Roß herauf und hinunter: von Unmuth

Gohr ihm die Brust, daß er jüngst von Sinam bethöret, nicht würgte

Dort die Sclaven gesammt, aufschleudernd die Burg in den Luftraum.

Grimmig hing sein Blick an der Burg, und er wandte das Schlachtroß

Nach den felsigen Höh’n, den armen verderbend zu nahen;

Doch schon brausten die Christen heran, und heischten drometend,

Trommeln wirbelnd, Kampf, und Gemenge der mordenden Waffen.

Jetzt, wie im thauenden Lenz von zween aufstarrenden Bergen

Plötzlich der Schnee sich lös’t, und gegen einander gewirbelt,

Link’s, und rechts herdonnern in’s Thal die grausen Lawinen:

Weit erbebet die Luft; zerschmetterte Wälder erkrachen,

Und die Hütten umher mit den Lebenden deckt die Zertrümm’rung;

Aber zugleich wie zween aufbrausende Ströme der Lava,

Der aus Süden gejagt, und jener aus Norden, sich plötzlich,

Tief in des Abgrunds Nacht begegnen im feindlichen Ansturz:

Siehe, da zittert die Welt; im Beben der Erde versinken

Mächtige Städt’, und der berstende Berg speit Flammen zum Himmel:

Also trafen dahier die feindlichen Heere zusammen:

Da war Mordesgetös’ und Geschrei, war Sausen der Lanzen,

Zischen der Pfeil’, und Klirren der Säbel umher in dem Blachfeld.

Dragut stürmte zuerst mit einem erlesenen Haufen

Kühner Araber vor, und hieb in den Reihen der Vorhuth

Ein, wo Wälschlands blühendes Volk entgegen ihm kämpfte.

Blut durchströmte den Sand: denn hundert blühende Krieger

Lagen erwürgt, eh’ noch mit verhängtem Zügel die Reiter

Oestreichs nahten, und schnell für jeden erschlag’nen Gefährten

Zween erlegten dem Feind’ im Gemenge der blitzenden Säbel.

Aber so tapfer die reisige Schar, vereint mit dem Fußvolk,

Drängte des Drängers Macht, so vieler Getödteten Blut floß,

Dennoch siegten sie nicht: denn zahllos stürmten die Mauren,

Mit den empörten Numidiern vor, und stärkten des Vor-Zugs

Wankende Reih’n. So stemmen umsonst des berstenden Eises

Tausendfältiger Macht die Pfähl’ in dem Strom sich entgegen:

Krachend thürmen die Schollen sich auf, und über den Damm hin

Braust ihr verheerender Zug: wie hier den wimmelnden Scharen

Guasto’s tapfere Krieger umsonst entgegen sich stemmten.

Doch schon nahte der Greis. Er führte die Scharen vom Nachzug

Eilig im Sturmlauf vor, und die ehernen Kriegesdrometen

Schmetterten heller, und lauter erscholl im Sturme der Trommeln

Wirbelnder Ruf; empöreter stets aufjauchzten die Krieger,

Stöhnten die Rosse hinan zum entsetzlichen Kampf der Entscheidung.

Wer durchsprengt im sausenden Flug die Reihen, vor allen

Heischend den Todeskampf? Wer wagt es, entgegen zu stehen

Dragut, dem Schrecklichen? Wer, als Toledo, der edelste Feldherr?

Fröhlich umgab er sich heut’ am dämmernden Morgen die Rüstung,

Die ihm der Kaiser gab zum Geschenk, und trat aus dem Zeltthor

Heiteren Blickes zu Kurd, dem treubefundenen Freund hin.

Schüttelnd ihm traulich die Hand, begann er mit sanfterer Stimme:

„Kurd, in der Blüthe der Jahr’, im Rosenschimmer des Morgens,

Goß ein Gewittersturm urplötzlich ein nächtliches Dunkel

Um mich her; zerknickte voll Wuth die Blüthen mir alle:

Hinschwand jegliches Licht, und ich taumelte fort an des Abgrunds

Schwindligem Rand; doch jetzt erseh’ ich des schöneren Morgens

Hellaufdämmernden Strahl, und die hehren Gefilde des Friedens,

Wo des Dulders lohnendes Ziel, Mathilde, mir winket,

Ewig beglückt! Leb’ wohl, und fall’ ich, so denke mit Sorgfalt

Hugo’s, des treuen, und werd’ ein Tröster dem trauernden Vater!“

Ach, der arme, nicht ahnt’ er’s nun, daß der trauernde Vater,

Ob des Sohnes Geschick, erst jüngst verhauchte das Leben,

Und ihn deckte das Grab mit tiefumnachtenden Schauern!

Also sprach er dem Freund, in den Sattel sich schwingend, und horchte

Gierig des schlachtgebiethenden Ruf’s. Die Kriegesdrometen

Schmetterten kaum, so flog er hinaus, und stürmte die Reihen

Seiner Erlesenen durch. Er hatte Dragut ersehen.

Aber auch Dragut sah ihn schon fern’, und dachte, Verderben

Ahnend, der Flucht; doch, ach, wie ertrüg’ er Hairaddins Ingrimm,

Wie den höhnenden Blick des feindlichgesinneten Sinam!

Zweifelnd wankt’ ihm die Hand an dem leitenden Zaum; vor den Augen

Dunkelte rings ihm die Welt, und aus seinen erblassenden Lippen

Stöhnte die Wuth; doch sieh’, nun rafft’ er in seinem Vermögen

Nur ergrimmter sich auf, und warf mit umschwingender Rechten,

Zielend, den blinkenden Dolch dem furchtbar’n Rächer Mathildens

Weit entgegen! Er traf, im sausenden Fluge, Toledo

Meidend, den tapferen Kurd, der rasch dem Freunde gefolgt war:

Lautlos sank er vom Sattel herab, in die Stirne getroffen,

Und verhauchte den Geist. Toledo, vor allen den Einen

Nur im Aug’: denn rach’entflammt, gewahrte des Freundes

Schrecklichen Unfall nicht. Er spornte den schäumenden Läufer

Dicht an das Schlachtroß Draguts hin, daß die wallenden Mähnen

Beider sich streiften im Gegensprung, und, jetzt ihn ereilend,

Brach durch Stirnbund, Haut und Bein sein schmetternder Degen

Sich die blutige Bahn: er neigte die Stirn’, wie ein Mohnhaupt,

Das in der Reife, vom Sturm zerknickt, sich neigt, und des Samens

Schwärzlichen Strom zur Erd’ ergeußt; dann folgend dem Blutstrom,

Sank er vom Sattel hinab, und röchelte sterbend im Sand dort.

Doch nun wandte das schnaubende Roß der Rächer Mathildens

Von dem Todten, und rief zu vereintem Gewürge den Freund auf.

Wehe, er lag entseelt auf dem Sand’! Er blickte verstummend

Auf ihn nieder: nur zwei, im Sturz, hellschimmernde Thränen

Weihet’ er, hingebeugt, dem Theuern; drückte die Spornen

Dann in des Rosses Bauch, und schwang, vor entsetzlicher Rachgier

Stöhnend, das Schwert: um ihn her, zur Sühne, die Leichen zu häufen.

Wie der schreckliche Wolf, vom wüthenden Hunger getrieben,

Weder der nahenden Hunde Gebell, noch drüben der Hirten

Lautes Geschrei, die gern von der Heerde der Lämmer ihn scheuchten,

Achtet: denn er würgt voll Hast die in Haufen Gedrängten

Links und rechts, und nach jeglichem Mord noch wächst ihm die Blutgier:

Also rächt’ er den Freund in des Feindes Blut. Abdorrahman

Sank ihm zuerst, der laut mit Geschrei vordrängte die Mauren;

Dann Ben-Esrid, der Scheik arabischer Horden (im Schlachtgrau’n

War er den Reisigen stets ein Leitstern) ihn aus dem Sattel

Riß er behend’, und hieb, mit kräftigem Schwunge des Degens,

Ihm die Scheitel entzwei, daß lautaufstöhnend er hinsank.

Wie auf der Heid’, im Herbst, das Feuer die bärtigen Disteln

Tilgt, vom Sturme gejagt; so tilgte sein Eisen die Gegner.

Nahend dem Vorderzug gewahrte der Kaiser Toledo’s

Waffenthaten, und schrie mit jubelndem Laut im Getös’ hin:

„Tapferer, so besiegst du Tausende! Muthig, nur vorwärts!

Ha, der sank, und dort auch jener, und nimmerermüdend

Würgt dein schrecklicher Stahl? Nie welkenden Lorber erringt dir

Heute dein Muth: er reißt im Sturm die Helden zum Sieg fort!“

Aber wie Glockengeläut’ im Sturm bald näher und näher,

Heller und lauter erschallt, bald wieder vom wechselnden Windschwall

Ferne verweht, in der sausenden Luft verhallet den Ohren:

So verschlang das Getös’ des Kaisers lohnenden Zuruf.

Jetzo nach Rogendorf, dem tapferen Meister des Feldzeugs,

Sah er zurück, und erhob, zum verständlichen Wink ihm, den Degen.

Jener entschwand auf dem feurigen Roß, und, als er vom Nachhalt,

Gegen den Vorderzug die Donnerrohre zu führen

Nahete, rief er noch laut den Feuerwerkern, im Vorgeh’n:

„Schaffet mir Ruhm! Euch winkt im Feuer mein blitzender Degen

Heute zum letzten Mal. Mit trauerndem Herzen des Freundes,

Salm, gedenkend, will ich hinfort in der einsamen Kammer

Weilen daheim, und harren des Tag’s ersehnter Vollendung.“

Also entflammt’ er das Volk, und, schnell zur Stelle gefahren,

Schleuderten jetzt die Donnerrohr’ in den Reihen des Feindes

Tod und Verderben umher: obsiegend dem donnernden Feldzeug

Hairaddins. Denn wie ein Sturm, der, plötzlich die Lüfte verfinsternd,

Saust, entschüttelt das Eis, und die wogenden Saaten zerschmettert,

Warf des Kaisers Geschütz im dichten Gedränge der Gegner

Hunderte nieder, da hier in den Reih’n der tapferen Christen,

Jenes nur wenige traf, durch Schuld unkundiger Schützen.

Hairaddin bebte vor Wuth, und fluchte laut vor den Scharen

Auf das schwere Geschütz, das dort im Donnergetümmel

Weder verstummen hieß das feindliche, noch in dem Blutfeld,

Jenem gleich, vertilgte das Volk: ihm schrecklich zu schauen!

Doch nun spornte Del-Guasto das Roß in die Nähe des Kaisers,

Neigte vor ihm das Haupt, und rief mit leuchtenden Augen:

„Jetzt, wo hochentflammt die Seele des Kriegers nach Thaten

Lechzet, das Aug’ ihm glüht, in das Auge zu schauen des Gegners,

Und die Faust ihm zuckt, und die strebenden Füße nicht rasten:

Jetzo gebieth’ im Sturmanlauf des Kampfes Entscheidung!

Doch du weiche zurück: o säume nicht, weiche zum Nachhalt,

Daß du, gefahrenumdroht, nicht Angst erweckest den Deinen!“

Kaum daß der warnende Ruf den Lippen des Greises entflohn war,

Warf zerschmetternd ein Eisenball den tapferen Ottmar,

Oberleitmann im Heer’, an der Seite des Kaisers zu Boden:

Blutend lag er im Staub. Entsprossen der freundlichen Hauptstadt,

Die in dem weitumkreisenden Thal mit silbernen Wellen

Rasch durchfluthet die Muhr,[82] ein Sohn ruhmwürdiger Aeltern,

Wählt’ er des Kriegers Bahn, als dort der stattliche Kaiser,

Nahend in siegender Heere Verein Vindobona, der hohen,

Mächtigen Kaiserstadt, Suleyman, den schrecklichen Großherrn,

Fliehen hieß mit unzähliger Macht.[83] Stets folget’ er seither

Seinem Panier; doch jetzt hinsank er im Kampfe vor Tunis.

Laut aufschrie’n die Krieger vor Angst; es erblaßte Del-Guasto,

Ob des Herrschers besorgt; da rief er mit lächelndem Antlitz:

„Fernet die Angst: kein Kaiser erlag dem Donnergeschütz noch!“[84]

Und er geboth alsbald des Angriffs Weisen den Feldherrn.

Wie, durch Flammen geweckt, die Dämpfe des siedenden Wassers

Aus dem eisernen Bauch des ringsumschlossenen Kessels

Drängen im unaufhaltsamen Flug; doch weiß sie der Meister

Sinnig zu hemmen, und heißt sie Gewaltiges wirken, und schaffen

So, daß Unkundige Furcht und Schauder ergreifet bei’m Anblick

Jener verborgenen Macht: so wundersam lenkte zum Angriff

Hier die unendlichen Reih’n ein Wink des waltenden Herrschers,

Und von neuem begann des schrecklichen Kampfes Getümmel.

Ludwig warf vor allen zuerst vom schimmernden See her

Sich auf die feindlichen Reih’n. Das Feuerrohr an die Wangen

Pressend, feuerten, bald im Verein, bald einzeln, die Krieger

Jauchzend, es los: dumpf, schmetternd, scharf, erkrachten die Büchsen,

Und in des Mittags Glanz umhüllte des flammenden Pulvers

Dichtaufwallender Rauch die Völker mit nächtlichem Dunkel.

D’rauf hinstürmt’ im Flug, von dem tapfersten Helden geführet,

Alba’s reisige Schar. Sie schmetterte da Janitscharen,

Dort Numider, und hier arabische Reiter zu Boden,

Pferd’ und Mannen zugleich: weit deckten die Todten den Staub dort.

Rechts vom Olivengehölz drang Eberstein mit den Deutschen,

Ehernen Muth’s in der Brust, unzähligen Mauren entgegen,

Die, von Muhamed Temtes empört, gleich wüthenden Thieren,

An die gesenkten Speer’ und die flammenden Rohre sich stürzten.

Aber da rief Held Eberstein den Tapferen laut zu:

„Jetzt noch fester geschlossen die Reih’n! Des edleren Muthes

Flammendrang in der Brust, nicht blind umtobender Ingrimm,

Heißt den Krieger zum winkenden Ziel vorstürmen im Schlachtfeld!“

Also ermahnt, besiegte die Macht des empöreten Feindes

Deutschlands tapferes Volk: es stemmte sich, gleich der Gebirgswand,

Die vom blühenden Thal des Sturm’s verderbenden Ingrimm

Abwehrt, ihm entgegen, und drängt’ unbändigen Muth’s ihn,

Wieder zurück. Auch warf die tapferen Reisigen Ungerns

Hunyady jetzt, in gedehneten Zügen ihm rasch in die Seiten.

Hochaufqualmte der Staub, und den stampfenden Hufen erbebte,

Drönend, der Grund, als vor- zu dem mähnigen Halse sich beugend,

Und zu des Kalpacks Zier erhebend den blitzenden Säbel,

Flogen die Reiter im Feld. Den Kommenden streckten die Mauren

Speere, so dicht, wie im Forst aufragen die Fichten, entgegen;

Doch der muthige Reiter zerhieb, im gewaltigen Aufschwung

Führend den schneidenden Stahl von der Linken zur Rechten, von unten

Aufwärts, jeglichen Speerschaft so, daß umher in den Lüften

Sausten die Trümmer im Flug’, und die Geister da oben erbebten:

Denn entsetzlich erscholl des würgenden Kampfes Getümmel.

Aber im Vortrab, wo Toledo geboth, und der Ritter

Glänzende Schar, entflammt zum blutigen Kampf der Entscheidung,

Eilete, scholl entsetzlicher noch Getümmel und Schlachtruf.

Wie der schreckliche Brand, der fern an den äußersten Straßen

Einer ummauerten Stadt sich erhob, bald weiter und weiter

Wüthet im brausenden Sturm, bis rings die unzähligen Häuser,

Dom’, und Thürme zugleich, auflodern, und Jammer erschallet:

Also entbrannte die Riesenschlacht, und schrecklich ertönte

Sterbenden Volk’s Wehklag’, vermengt dem Jauchzen des Siegers,

Und der Verwundeten Schrei dem Wiehern der tobenden Rosse.

Blut durchströmte das Feld, und wandte den schäumenden Lauf oft,

Von den Haufen der Todten gehemmt, an Menschen und Thieren.

Hairaddin sah der Seinen so viel’ im Kampfe getödtet,

Und erblaßte vor Wuth. Doch, als auch Dungur Toledo’s

Blitzendem Schwert erlag, der Algiers Thron ihm zu schaffen,

Selber mit frevelnder Hand Euthemi, den König, erwürgte,

Da verflucht’ er sich selbst, und rief, daß die Völker erbebten:

„Wer verschlinget, voll schrecklicher Gier, die Theuren mir alle?

Ha, nicht schaut er hinfort die leuchtende Sonn’ an dem Himmel!“

Sieh’, und er spornte sogleich, den Speer erhebend, das Streitroß

Vor, und drang auf Toledo mit todausblitzendem Aug’ ein!

Diesem erpochte vor Wonne die Brust: den mächtigsten Gegner

Dort zu besteh’n, ihn siegend zu bändigen, oder des Lebens

Dornenbesäete Bahn zu vollenden im rühmlichen Wettlauf.

Flugs hinspornte das Roß auch er, und hieb, in den Bügeln

Sich erhebend, auf Hairaddin ein; doch dieser entwich ihm,

Und sein Schwert durchschnitt nur die Riemen des leitenden Zügels,

Auch das muthige Roß am wölbenden Halse verwundend,

Daß es, gebäumt, aufschnob, und ächzte, von Schmerzen gefoltert.

Jetzt war’s um ihn gescheh’n; doch Hairaddin lenket’ im Eilflug

Sein gelehriges Thier, mit eisernem Drucke der Schenkel

Wieder herum, und stieß den tödlichen Speer ihm so mächtig

Durch die tapfere Brust, daß er flugs dem Sattel entstürzend,

Auch den Schaft aus Hairaddins festumklammernder Faust riß.

Wie der ragende Mast, der erst die wehenden Wimpel

Noch in die bläuliche Luft erhob, vom Donner getroffen,

Sausend dem Bord’ entstürzt: auffleugt im Falle des Leines

Schimmergewebe: so fiel er, den Speer im pochenden Herzen

Tragend, vom Roß. Sein Auge verglomm, wie drüben des Abends

Schimmer, und sein verblutendes Herz bewegte den Speer noch

Leis’; dann stand’s, entrückt des Lebens Geschossen für immer:

Denn die Krone des Siegers im Schooß der himmlischen Freundinn

Schauend, entschwebte der Geist den trüben Gefilden des Erdballs.

Hairaddin kehrte zurück: mit noch empörterer Blutgier

Führt’ er die Janitschar’n und die Reihen der Schrecklichen vorwärts,

Und von neuem begann des wüthenden Kampfes Getümmel.

Dort, wo vor Toledo zuvor, das maurische Kriegsvolk

Wich, da brausete jetzt mit Orkanengewalt und des Blitzes

Flug’, erhebend sein Allah-Geschrei, der schreckliche Türk her.

Rechts war Eberstein, und links Lusitania’s Ludwig

Vorgedrungen, und so das mittlere Treffen gesondert,

Feind’umschart, und verloren im Feld. Es erblaßte Del-Guasto;

Aber nicht wich ihm der Muth. Er rief den tapferen Führern:

„Trennet die Reihen des Volk’s, und heißt sie nach Osten und Westen,

Heißt sie nach Süden und Norden, die Stirn’ im dräuenden Viereck

Wenden sogleich, und bestehen den Kampf, wie es Helden geziemet!“

Also der Greis: da tönte der Ruf, da erblitzte der Degen

Tapferer Führer; es stand das Volk geschlossen im Viereck,

Und in dem mittleren Raum, mit den Herolden, schaltend, Del-Guasto.

Mochte der Feind nun da, nun dort anprallen: dem Felsen

Gleich, den draußen im Sturm umbrausen die wüthenden Wogen,

Standen die Tapfer’n im Feld; sie hielten die stürmenden Scharen

Kämpfend zurück, und häuften umher unzählige Leichen.

Solches gewahrend, entboth der edelste Kaiser die Völker,

Die zum entscheidenden Schlag er heut’ erkor in dem Heer’, so:

„Jetzo hinaus an den Feind! Dem winket der schönste der Lorbern,

Der hier seiner Gewalt entreißt die tapfer’n Gefährten.

Vorwärts! Hier in dem Feld und dort in der felsigen Hochburg

Winket des Sieges Preis erhabener Christenerrettung.“

Sieh’, und er führte sogleich die erlesenen Scharen vom Nachhalt

Gegen des Feindes Macht! Die jauchzenden Krieger bewegten,

Eilend dahin im Waffenfeld, die hurtigen Schenkel,

Wie das muthige Roß, dem Ziele genaht, in dem Wettlauf,

Immer schnelleren Flugs durchbraust die stäubende Rennbahn.

Hairaddin sah die Kommenden. Ihm erbebte der Busen

Jetzo vor Angst: denn ach, sein mächtiger Gegner, der Kaiser,

Flog an der Spitze der Kühnen daher! Er wandte das Reitroß

Schnell, und entfloh. Da erhellte des Sieg’s aufstrahlende Hoffnung

Sein umwölktes Gemüth: er fluchte der niedrigen Feigheit,

Die so fremd ihm war, wie draußen dem schrecklichen Löwen,

Der die Wüste durchbrüllt, den Gegner zu wecken; dann faßt’ er

Gierig den ragenden Speer, und schwang sich zurecht in dem Sattel.

Doch schon war ihm dahier der siegverherrlichte Kaiser,

Brausend genaht, und warf ihm die Lanze mit kräftiger Rechten,

Weitausholend zuvor, so rasch entgegen, und traf ihn

Jetzt in die Rechte so fest, daß ihr entschlüpfte der Speerschaft,

Und der Verwundete floh, von Wuth und Schmerzen gefoltert,

Schnaubend zurück: ihm schlug der Feind’ umhallender Sieg’sruf

Jetzo der Wunden noch mehr; dann hieß er die Schrecklichen vorgeh’n,

Kämpfen, und metzeln, von Rach’ erfüllt, und schrecklicher Mordgier.

Ha, zu dem letzten Gewürg’ ereilten sich jetzo die Gegner!

Nicht der sturmentwurzelte Wald, nicht der schreckliche Donner,

Der in des Mittags Gluth den schwarzumnachteten Himmel

Durchras’t, krachet so laut, als hier erkrachten die Waffen,

Und wie im engeren Thal des Strom’s ergossenen Fluthen

Stürzt das Föhrengehölz, daß, übereinandergeworfen,

Liegen die Stämm’ auf dem Grund’, und mengen die Aest’ und die Wipfel:

Also lagen im Feld die Erschlagenen, welche vor allen

Sich in dem Vorderzug hinwürgten in Hast und Erbitt’rung.

Aber nicht lang’: da floh’n die völliggeworfenen Scharen

Hairaddins fort mit Geschrei und in wilder Verwirrung nach Tunis,

Und er folgte den Flüchtigen stumm, und verachtenden Blick’s, nach.

Sinam, des Nachzugs Hort, erwägend des fliehenden Heeres

Noth, und scheuend des Herrschers Grimm, da er gestern die Sclaven

Rettete, hielt nun da, nun dort die ausreißende Schar auf;

Aber vergeblich. Wie dort die flüchtigen Gemsen der Weidmann

Ein in das felsenumstarrete Thal, wo gierig die Schützen

Harren, im Lärm und Getös’ nachstürmenden Volkes zu treiben

Nimmer vermag: denn fern erwitterten jene die Schützen

Schon, und brechen dahier und dort durch lärmende Treiber:

Also entfloh sein Volk. Doch er, wohlkundig des Krieges,

Rastete nicht, und deckte mit tausend erlesenen Türken:

Jetzo entfliehend mit List, und jetzt mit unbändiger Kühnheit

Wagend erneueten Kampf, den Rücken des flüchtigen Heeres,

Bis urschnell, wie ein Hagelgewölk, hervor aus dem Nachhalt

Doria kam, und den Feind sein reisiges Volk mit dem Faustrohr,

Das an dem Sattel ihm, links und rechts in der Halfter geborgen,

Ruhte, vertrieb: den Zaum mit den Zähnen fassend im Anlauf,

Und aus jeglicher Hand abfeuernd das knallende Faustrohr.

Jen’ entfloh’n wie Spreu im Hauch des stürmenden Windes.

Jetzt, am errungenen Ziel, der nächtlichen Weihe gedenkend,

Welch’ ihm Solches verhieß, erhob der stattliche Kaiser

Seine, von Thränen des Danks umhülleten Blicke zum Himmel.

Zahllos schwebten die Geister herab: sie umjauchzten des Siegers

Ruhmgekrönetes Haupt und des Heer’s unendliche Reihen.

Aber, so laut und so mächtig sie schrie’n: des horchenden Kriegers

Ohren vorüber erscholl nur ein leises Geflister; er blickte

Staunend umher. Da hob zu dem übersinnlichen Luftraum

Attila finster sich auf. Sein Aug’, erhellet von Muth sonst

War erloschen — erschüttert sein Herz. Er zürnte dem Seher

Muhamed, der ihn mit ruhm- und siegverheissenden Worten

Wieder herab aus den Höhen gelockt. Nun sah er von dorther

Mit umdüstertem Blick entgegen der dunkelen Zukunft.

Aber die andern entfloh’n, und zogen umher in den Lüften,

Wie das Herz sie drängt’ auf dem Pfade der Läuterung, jenseits.

Hugo nahte voll Angst. Nicht erspähte sein Auge Toledo’s

Schimmernden Helm in dem Vorderzug, nicht das blitzende Schwert mehr,

Dem die Feinde gebebt; doch jetzt gewahrt’ es ihn blutend —

Todt in dem Staub, und neben ihm Kurd, den treuesten Freund auch.

Gleich zween säugenden Leu’n, die ein grimmiger Panther erwürgte,

Als entfernt nach Beut’ umirrte die sorgliche Mutter,

Lagen sie dort; und, wie die Kehrende heulet, und wehklagt

Um die Lieben, daß rings, mittrauernd, die Wälder erschallen:

So wehklagte der Greis, und rief zu Toledo gebeugt hin:

„Mußtest du sterben dahier im fern entlegenen Welttheil,

Ferne der Heimath: den Lieben fern, du Herzensgeliebter!

Hugo kehret allein! Nicht schaust du vom kehrenden Schiff mehr

Dort den hohen Palast, wo in unbehülflicher Kindheit

Er dein erstes Lallen vernahm, auf den Armen dich wiegend;

Nicht umfängt, aufweinend vor Wonne, der fürstliche Vater

Dich Gelandeten dort, nicht die zärtliche Gattinn — was sagt’ ich?

Sie ist nicht mehr! Schon floh der Engel zur besseren Heimath

Wieder zurück: du folgtest ihm schnell in liebender Sehnsucht.

Ruhet denn beide vereint, im nämlichen Grab, und es ruhe

Neben euch dort im Frieden die Hülle des theuersten Freundes!

Dann erhoben, auf seinen Wink, die tapferen Krieger,

Die er so oft zum Kampf’ und zum Siege geführet, den Helden

Dort mit dem treuesten Freund’ auf die Schultern, und folgten ihm, schweigend

All’, und mit Thränen im Blick, zum moosumwucherten Fels hin.

Als er den finsteren Schlund der Höhl’, entfernend den Steinwust,

Selber enthüllt’; als jetzt an der Seite Mathildens Toledo

Lag, zu dem Engel gewandt, der ruhend am Herzen der Mutter

Lächelte, sah er sie lange noch an, und sagte mit Andacht:

„Schlummert im Frieden dahier der Auferstehung entgegen,

Bis der Posaunenruf euch dann zu dauernder Wonne

Wiedererweckt. So sey’s! Sie wandelten weinend, und sä’ten

Saat der Verwesung; allein, bald kehren sie jauchzend, und tragen

Freudig die Garben heim in die Scheuern des ewigen Lebens.“[85]

Sieh’, und als er auch Kurd, den redlichen Freund, an des Freundes

Seite gelegt, und das Schwert ihm dort in die Rechte gegeben,

Das er zur Rettung des Freundes gezückt: da stieg er beklommen,

Und mit thränendem Blick noch oft zu den Todten sich wendend,

Wieder zur Tageshelle herauf. Er winkte den Kriegern,

Und sie wälzten sogleich den lastenden Stein an der Höhl’ auf:

Vor unheiligem Blick die Hülle der Edeln zu wahren.

Aber er ging, und harrt’ am Strand der ersehneten Heimfahrt.

Hairaddins Völker floh’n, durchbrausend die Straßen von Tunis,

Und er folgte den Feigen voll Grimms; doch jetzo die Hochburg

Schauend im Abendglanz, erwog er noch zweifelnden Sinnes:

Ob er erklimme die Höh’n, und dort, die entfesselten Sclaven

Waffnend, stehe zur Wehr’, und fall’ im rühmlichen Tod nur?

Hastig spornt’ er das Roß bergan, zu erklimmen die Höhen;

Doch nun hielt er erstaunt. Ihm brausete Fluch und Verwünschung

Schrecklich an’s Ohr; hellschwirrende Pfeil’ und schmetternde Kugeln

Wühlten um ihn, entsinkend der Luft, im Staub, und die Mörser

Spie’n mit Donnergetös’ ihm zermalmende Kugeln entgegen.

Und, o schreckliche Schau: es wehte die Fahne des Kaisers

Hell von den Zinnen der Burg, die dort aufpflanzten die Deutschen!

Jetzt ergriff er die Flucht. Entfaltend die nächtlichen Flügel,

Rauscht’ ihm Verzweiflung, Angst, und Todes-Grau’n in dem Rücken;

Doch gewahrend im flüchtenden Heer’ auch Sinam, des Nach-Zugs

Tapferen Hort, ergrimmt’ er sogleich, und schmähte den Greis so:

„Ha, wer siegte mir ob mit tönender Zunge voll Arglist,

Daß ich die Sclaven gesammt nicht erwürgen ließ in der Burg dort?

Sey verflucht dein Rath — verflucht du selber auf immer!“

So vom Zorn entflammt, entriß er dem Krieger den Bogen,

Zog die Sehn’ an die Brust, und schoß nach den Zinnen der Hochburg,

In ohnmächtiger Wuth, den breitbefiederten Pfeil hin;

Dann entfloh er nach Bona hinaus, wo seiner die Schiffsmacht

Harrt’, und Sinam folgt’ entfernt mit dem schweigenden Heer nach.