Also lenkte zum Meeresstrand die tapferen Völker

Ebersteins Heerruf. Laut wirbelte, drönte die Trommel;

Schmetternd erklang die Dromet’, und das Wiehern der stampfenden Rosse

Scholl aus dem Waffengeblitz herüber vom stäubenden Fahrweg.

Doch nun rollt’ er die Reih’n am tosenden Strande des Meers auf:

Guasto’s Feldherrnauge zur Schau. Sie jagten hinunter,

Jagten herauf das muthige Roß, die herrlichen Scharen

Musternd, und staunenden Blicks ersah der oberste Feldherr

Deutschlands Heldenvolk, das, trefflichgerüstet, daherzog:

Diese bewehrt mit dem Helm’ und dem Panzerhemde von Eisen,

Haltend die hochaufragende Lanze gelehnt an die Schulter;

Jene, das Feuerrohr im Arm, dem krachend des Todes

Kugel entfleugt, und fern’ aus den Reihen die Männer in Staub wirft.

Allen umhüllte die Brust der todabwehrende Koller,

Von dem Felle des Elennthiers, und die eisernen Hauben

Schirmten vor tödlichem Hieb ihr Haupt im Gemenge der Waffen.

Aber die Reiterschar, gleich Flügeln umgebend das Fußvolk,

Hob den blinkenden Stahl in der nervigen Rechte zur Schulter.

Alle blickten nach Eberstein: Die rechts, und die Ander’n

Links, wie er nun, zur Mitte gekehrt, vor den Scharen das Wort nahm:

„Seht uns am Strande des Meers! Verkünden die thränenden Wimpern,

Kündet die Stille mir, wie jetzt des herrlichen Anschau

Euern Busen ergriff in spracherstickender Wonne?

Endlos wogt es dahin, in des Himmels umwölbenden Busen

Schwindend: ein Bild der allumfassenden Liebe. Gesegnet

Sey uns die Fluthenbahn: nach dem fernentlegenen Welttheil

Führe sie schnell die Helden zum Kampf für Rettung und Freiheit!

Brüder, wir kämpfen ihn dort, als Deutsche, der heiligen Pflicht treu,

Glühend von edelem Muth’, und denkend des heimischen Ruhmes!

Gott und der Kaiser mit uns, die stets den Tapferen hold sind!“

Tausende schrie’n, aufjauchzte das Heer: „Gebiethe die Abfahrt:

Gott und der Kaiser mit uns, die stets den Tapferen hold sind!“

Hastig drängten sich alle zum Strand’, und sah’n auf die Meer’sfluth,

Schweigend, hinaus. Erschüttert bückte sich Dieser, und tauchte

Freudig die Hand in die Fluth des schauererregenden Abgrunds;

Jener staunte der Pracht der Kriegesschiff’ und Galeeren —

Auch der Menge der Tau’ und der Höhe des thürmenden Mastbaums.

Rastlos fuhren die Boot’ umher. Da schifften am Ufer

Haufen sich ein; dort stiegen auf hänfenen Leitern die andern,

Eiliger, auf zu dem Raum des hochgewölbeten Schiffbords.

Aber die Reiter und Ross’, Feldzeug und Geräthe des Krieges

Faßte der breitere Raum der offenen, niedern Galeeren,

Wo das muthige Roß, das erst, voll schnaubenden Ingrimms,

Tobte, bezähmt, und zitternd stand, und den mähnigen Nacken

Furchtsam erhob: zu schau’n die ringserhellten Gewässer.

Jetzt erscholl der Abfahrt lauterdonnerndes Zeichen.

Freundlich weht’ aus Osten der Wind, und führte die Schiffe

Auf die unendliche Fläche hinaus. Die Menge des Volkes

Sah den herrlichen Zug von hundert Segeln, und jauchzt’ ihm,

Lange vom schwindenden Strand, die Wünsche der günstigen Meerfahrt

Und des ersehnten Wiederseh’ns mit gewaltigem Laut nach.

Abend nahte heran. In den weitvorstrebenden Segeln

Säuselte sanfter der Wind; die goldenstrahlende Sonne

Sank g’en Westen hinab: sie taucht’ ihr breiteres Antlitz

Leis’ in die Spiegelfluth, und blickt’ auf der flammenden Bahn dort,

Scheidend, heran, die, im Wellengeblitz erzitternd, ihr nachflog,

Und an des Himmels Rand’ entschwand. Im rosigen Aether

Flatterten Wölkchen empor, die an ihrem verglühenden Saum noch

Lange den huldausstrahlenden Wink der Lieblichen zeigten.

Aber die Krieger ergriff die süße Wonne der Wehmuth:

Lautlos starrten sie hin, und dachten des lieblichen Schlafs nicht,

Mahnte nicht Guasto’s ernster Wink und die Stimme der Führer.

Siehe, der finstere Schleier der Nacht umhüllte des Heeres

Fluthenbahn! Eintönig rauschten die schwankenden Wogen

Jetzt an dem Kiele des Schiffs umher; scharf hauchte der Fahrwind,

Und in Eil’ entschwand die Heersmacht Genua’s Küsten.

Aber nicht achtlos sah der Christen ergrimmtester Gegner,

Muhamed, her aus dem Wolkenreich: wie drüben die Völker,

Lautaufjubelnden Rufs, entfalteten Segel auf Segel,

Und vom hohen Verdeck die funkelnden Blicke des Kriegers

Grause Vernichtung drohten dem Volk, das gläubig ihn ehret.

Gierig forscht’ er umher, ob nicht ein wüthender Sturmwind

Fern’ an des Himmels Rand’ aufgährete? Doch in den Lüften

Herrschte liebliche Ruh’, und hell erglänzte die Sternflur;

Forschte zugleich: ob Al-Mansors vereintes Geschwader

Nahete, den erst jüngst aus Algier Hairaddin sandte,

Daß er des Kaisers Macht hintilg’ in brausender Seeschlacht?

Aber der Schreckliche trieb noch fern’ auf den Fluthen des Meers um,

Das, Sardiniens Strand von Siciliens lieblichen Ufern

Trennend, die Bahn ihm wies, wo bald (so wähnt’ er vermessen)

Ihm erliege, besiegt, der erhabene Herrscher der Christen;

Dennoch entsandt’ er erst heut zwei leichthinsegelnde Schiffe,

Die, von Abdul beherrscht, vor Wälschlands schönen Gestaden

Kreutzten, und spähten umher: wohin sich wende Del-Guasto?

Abdul gewahrte des Heer’s Abfahrt: denn zahllose Ruder

Peitschten die See, und die Luft durchfächelten Segel auf Segel.

Alsbald eilt’ er nach Elba[28] hinaus, dem felsigen Eiland,

Wo von dem Schacht, gehaltreich, schillerndes Eisen der Bergmann

Fördert zu Tag’, und steuerte, bald aus der dunkelen Felsbucht,

Bald aus dem Eisenport, des Feindes Fahrt zu erkunden.

Muhamed sah ihn ergrimmt, und naht’ ihm, scheltenden Ruf’s, so:

„Bebend schaust du das Christenvolk die Meere beherrschen?

Sinne vielmehr ihm Leid, ein schwacher dem stärkeren Gegner.

Denke der List: denn sieh’, wie dort ein zögerndes Fahrzeug

Einsam die Wogen durchschifft! Ihm wirf dich muthig entgegen;

Halte die Enterhaken bereit; mit der Sprache der Heimath

Täuschend, raubst du dem Feinde noch heut den tapfersten Feldherrn.“

Abdul blickte verwundert um sich: wer Worte des Muthes

Ihm in die Seele gehaucht? und lenkte sein kühnes Geschwader

Gegen das einsame Schiff, am Mast’ erhöhend die Flagge

Genua’s, und entflammend zum Trug den listigen Korsen,

Der, geboren ein Christ, dem falschen Propheten sich hingab.

Sarno, den tapferen Hort und Gebiether lombardischen Volkes,

Trug das einsame Schiff: ein schlechterer Segler. Vor Ingrimm

Ballt’ er die Faust, daß nur er, der jüngste der Führer, zurückblieb.

Wie vor dem rauheren Herbst der Störch’ unendliche Scharen,

Fliehend dahin durchsausen die Luft; doch einer aus allen

Folgt aus der Ferne dem Zug (den Zögernden lähmte der Weidmann

Jüngst auf dem Stoppelfeld) und schreit, da jene verschwinden:

Also schwand ihm das Heer im Schleier der dunkelen Nacht hin.

Jetzo vernahm er Geräusch’ annahender Schiffe: die Wogen

Klatschten, geschleudert vom Kiel’, und laut ersausten die Segel.

Ahnend Gefahr, aufboth der tapfergesinnete Feldherr

Schnell sein muthiges Volk. Der Wurfschütz harrte des Winks nur,

Gegen die Feind’, im Donnerhall, Verderben zu senden.

D’rauf rief er: „Wer naht?“ So schrie’n die Krieger zugleich auf.

Aber vom nahenden Bord begann der Korse voll Arglist:

„Kennt ihr Genua’s Flagge nicht mehr? Uns sandte der Feldherr,

Daß in dem zögernden Lauf kein Gegner die eure gefährde.“

Also stürmten die Feinde zugleich, auf beiden den Schiffen,

Dieß, und auch jenseits an, und enterten, jauchzenden Rufes,

Sarno’s Schiff, an mächtigen Tau’n fünfklauige Haken

Schleudernd: sie hafteten fest im Gebälk’, und mit schrecklichen Blicken,

Hoch in der nervigen Faust den blitzenden Säbel erhebend,

Schwangen sie sich dann auf zum Bord. Doch Sarno, der Feldherr,

Nahte, das Schwert in der Hand, nicht feige zu sterben, entschlossen.

Erst dem Korsen durchstieß er das Herz, das falsche; zerschmettert

Schnell an der Stirn’, ihm sank Atha’r, und Ismail stürzte

D’rauf, in der Lunge durchbohrt, die tapfersten Aga der Scharen:

Orta genannt dem Muselman, die hundert und fünfzig

Krieger vereint. Doch jetzt, unedel im Rücken bestürmte

Jenen die Meng’, und riß mit wildem Getös’ ihn zu Boden.

Wie der Waldurochs, den wüthende Rüden umdrängen,

Rings mit lautem Gebell, ergrimmter die Stirne vor ihnen

Senkt, und den einen durchstößt mit tödlichen Hörnern, den andern,

Rasch mit den ehernen Klau’n zermalmt, und immer empörter

Rache schnaubt; doch jetzt, an den blutenden Ohren verbissen,

So an dem zottigen Halse zugleich und den kräftigen Schenkeln,

Zerrt die tobende Schar, bis überwältigt er hinsinkt

Vielen, allein: so stürzte der Held, und, schmählich gefesselt

Ward er mit seinem Volk’, aus Haufen erschlagener Gegner,

Nach dem feindlichen Schiffe geschleppt. Sein eigenes trieb nun,

Menschenberaubt, umher, als Beute den stürmischen Wogen.

Dort im finsteren Schiffsraum lag der edelste Feldherr;

Preßte die Stirn’ an die Wand, und heißentquellende Thränen

Perlten, fort und fort, an seinen Wangen herunter:

Thränen, dem feindlichen Schicksal geweint, das jetzt, ihn der Freiheit

Schnödeberaubend, der Bahn entriß, auf welcher die Brüder,

Dürstend nach Sieg und Ruhm, forteilten nach Afrika’s Küsten.

Aber mit Freud’ im Blick’ und Stolz in dem Busen entschiffte

Abdul zu Al-Mansor, der fern durchpflügte die Meerfluth.

Sarno’s Jammergeschick nicht ahnend, flog in dem Nachtwind

Guasto dahin, und siehe, von Ostia, wo sich der Tiber

Vielgepriesene Fluth ergießt in des Meeres Gewässer,

Und aus der Vorwelt, nun erhabenen, männlichen Sinnes

Herzerhebendes Bild, nun namenloser Entartung

Schaudergestalten uns weckt, daß wir, sie schauend, erbeben:

Dorther führte der Held Ursini, altrömischen Stammes

Edeler Zweig, ergraut im Kampf und Schlachtengetümmel,

Sieben der Schiffe heran, mit tausend erlesenen Kriegern,

Welche zu Guasto’s Heer entsandte der Heilige Vater.

Nahe dem westlichen Rand des meereinmündenden Stromes

Thürmt sich, Warten gleich, ein Fels hoch über die Fluth auf,

Und beschirmt g’en Wind und Wogen die herrliche Seestadt.

Dort auf dem ragenden Fels, umgeben von wimmelnden Scharen,

Stand im Feiergewand, mit den dienenden Priestern und Laien,

Auch der erhabene Hirt in schauererregender Hoheit:

Denn er harrte der Kommenden schon. Als endlich sie nahten,

Theilend die Meeresfluth mit dem gleitenden Kiele, da hallten

Donnernde Schlünd’ umher; harmonischer Glocken Getön’ klang;

Liebliche Düft’ aufhaucht’ in die Luft das silberne Rauchfaß,

Und weit brannte das Meer in zahlloslodernder Fackeln

Mächtigem Wiederschein: denn Finsterniß deckte die Welt noch.

Jetzt, ergreifend schnell mit der Linken den hirtlichen Krummstab,

Den ihm der Gute Hirt vertraut’, zu des Heiles Gefilden

Hinzuleiten die Heerd’, in Treu’ und liebender Sorgfalt,

Hob er zugleich die Recht’ empor, und segnete dreimal,

Rufend zum Vater, und Sohn’, und Heiligen Geist, die Erwählten

Drüben, im Herrn. Hochfeierlich scholl der segnende Zuruf

Auf die Gewässer hinaus, und jen’, auf die Kniee gesunken,

Senkten die Flagg’ und Gewehr’, und sandten ein stilles Gebeth auf.

Aber die schimmernden Segel, geschwellt vom günstigen Fahrwind,

Führten das jauchzende Heer im Eilflug fort nach Neapel.

Lichter wurd’ es in Osten. Des Morgens schauriger Odem

Flog auf den Fluthen heran. Am dämmernden Saume des Himmels

Schwamm ein zartes Gewölk, das, erst nur dunkelgeröthet,

Dann allglühend sich hob: der Sonne geflügelter Herold.

Wonne, sie kam: die rosenumflossene Stirn’ aus der Meerfluth

Tauchend mit ernstem Hoheitsblick — dann schnell, in Verklärung,

Heller und strahlender stets, aufschwebend am bläulichen Himmel,

Schön, wie ein Sieger geschmückt, zu durchlaufen die herrliche Laufbahn!

Ringsum jauchzte die Welt. Die gleitenden Wellen erhoben,

Hüpfend vor Freud’, ihr Haupt, und, unabsehlich und endlos

Flammten sie all’ im hehren Glanz’ ätherischen Lichtes.

Aber mit pochender Brust, in stürmischer Seelenentzückung,

Sah’n die Krieger hinaus auf die schimmernden Fluthen — vor allen

Jene, welch’ erst jüngst dem Meer’ als Fremdlinge nahten;

Doch bald hob ein jeder den Blick zu dem Vater im Himmel,

Der das Meer und die Sonne, so schön und so herrlich erschaffen.

Fröhlich wähnten sie schon sich entrückt dem schrecklichen Unhold,

Dem auch der tapferste Mann, seekrank, in schwindelnder Ohnmacht,

Feig’, auf dem niedrigen Lager erliegt; doch, als das Gesäusel

Schiffentführender Wind’ in heißerer Stunde des Mittags

Leise verscholl, und schlaff an dem Maste das Segel herabhing;

Als das geschaukelte Schiff auf unstättreibenden Wogen,

Kreisend umher, nicht vorwärts kam: da fielen besiegt ihm

Alle zugleich, die jüngst dem schwankenden Rücken der Salzfluth

Sich vertrauten zur Fahrt. Sie dachten, zu sterben. Die Schiffer

Sah’n, mit Lächeln, des Kriegers Furcht: denn wieder erhob sich

Nun der günstige Wind, und trieb sie im sausenden Flug fort.

Aber vom Jauchzen des Volks und dem Jubel des eh’rnen Geschützes

Freudig begrüßt, kam jetzt vor Neapolis schimmerndem Hafen

Glücklich die Heersmacht an, und lud, mit gewaltiger Stimme,

Jene zur Heldenfahrt, die dort der Kommenden harrten!

Wie in dem Föhrengehölz, durchwühlt vom grausamen Wand’rer,

Wimmelt ein Ameisennest von geschäftigem Volke: sie laufen

Auf und nieder, voll Hast, zu schirmen die glänzenden Eyer;

Oder sie bauen ihr thürmendes Haus von Neuem mit Sorgfalt:

So lief hastig das Volk in dem Hafen umher: das Geschwader

Rüstend, das an dem Bord dreitausend erlesene Krieger

Zählte. Den Kriegern geboth Toledo,[29] Don Pedro’s Erzeugter,

Der, des Kaisers Vasall, statthaltend herrscht’ in dem Land dort.

Ach, unsäglicher Jammer zerriß des edeln Toledo’s

Heldenbrust, und stieß ihn schnell aus dem rosigen Morgen

Täuschenden Erdenglücks in die Nacht endloser Verzweiflung!

Jüngst erst reicht’ ihm die Hand, am Altar, des salernischen Herzogs

Einziges Kind, Mathilde, die trefflichste, schönste der Frauen,

Und sie entfloh’n der Stadt, in Calabria’s Zaubergefilden

Suchend die meerbeherrschende Burg, in lieblicher, stiller,

Seliger Einsamkeit die süßesten Stunden zu leben.

Dort in dem Schatten umher des meerangrenzenden Fruchthains,

Den im grünlichen Abendgold die säuselnden Lüftchen

Wiegten, und rings durchtönte der Nachtigall wonniges Flöten,

Dort lustwandelten, Arm in Arm, in Liebe verschlungen,

Beide die glücklichen jetzt. Nur Hugo, ihr redlicher Diener,

Folgt’ entfernter, und band die Bäumchen, voll üppigen Wuchses,

Die er im Herbste gepflanzt, an die stützenden Pfähle mit Bast an.

Aber sie ließ, ermüdet, im schwellenden Grase sich nieder,

Kehrend den Rücken dem Meer’, und sah mit thauenden Wimpern,

Wie der Gatt’ im Orangengehölz die Zweige durchspähend,

Fern hinschwand: denn immer die schöneren sucht’ er mit Vorsicht

Ihr aus der Fülle der goldenen Frucht, erlesend, zu pflücken.

Wehe, da lag in der Felsenhöhle des hallenden Ufers,

Von dem blühenden Genst und der Thränenweide verhüllet,

Dragut, der freche Korsar, und harrte des nächtlichen Dunkels,

Lauernd, im schwärzlichen Schiff’! Als fern’, in dem schattenden Fruchthain,

Forschend, Toledo entschwand: da brachen des Räubers Gefährten

Plötzlich heran, und schleppten die schöne, die hohe Gestalt fort;

Doch sie verstummte vor Angst, und verging vor Todesentsetzen.

Wie die Schar ergrimmter Schakal’, aus finsteren Höhlen

Kommend, und dürstend nach Blut, die erschrockene, sanfte Gazelle

Fahet im Lauf — da fällt mit dem Unschuldsblick sie im Sandstaub

Lautlos nieder: so sank die arm’ am Borde des Schiffs hin.

Hugo gewahrte den Jammer. Er schrie; flog hin zu dem Ufer,

Stürzt’ in die Fluthen, und schwang, ein rüstiger Schwimmer, zum Schiffsbord,

Eines der Thau’ umklammernd, sich auf. Da zückte der Wüthrich

Dreimal den blitzenden Stahl, das grauende Haupt ihm zu spalten:

Dreimal entsank ihm der Stahl: ihm brach des redlichen Dieners

Treue das Herz. D’rauf hieß er ihn selbst, mit sanfterer Stimme,

Wecken die holde Frau aus seelenumschattender Ohnmacht.

Schaudernd vor Angst und Entsetzen, vernahm ihr Gatte des Greises

Kläglichen Ruf, er schrie, noch die Räuber im Aug’, auf die Fluthen

Lautaufjammernd, hinaus, und both unendliche Lösung.

Ha, schon wähnt’ er, entzückt, die kehrenden Segel zu schauen —

Freundliche Laute zu hören vom Bord: da brauste der Sturmwind

Plötzlich aus Westen heran: die triegenden Laute verhallten,

Und an des Himmels Rand, wie ein leis’ entfliehendes Wölkchen,

Schwand ihm das Schiff! Der Mond erneute sein wechselndes Licht schon

Siebenmal, seit er an dem Küstenlande der Räuber,

Forschen, und biethen hieß des Goldes die Fülle zur Lösung.

Doch nun sandte von ihrem Geschick die entsetzliche Bothschaft

Hugo: zu Tunis, in Draguts Gewalt, des wilden Korsaren,

Lebe Mathild’, und wieg’, als unglückselige Mutter,

Bald den Säugling im Schooß: denn nimmer zur Wonne des Vaters,

Ach, und voll Liebe nach ihm, erduld’ unendlichen Jammer!

Alsbald ahnet’ er diesen im Geist’, und kaltes Entsetzen

Fuhr ihm durch Mark und Gebein. Doch jetzt dem rühmlichen Heerbann

Bebte vor Freude sein Herz. Er nahte mit leuchtenden Augen —

Trieb, und drängte die Krieger zugleich, und die hurtigen Schiffer

Eilig an Bord: nicht hörend des Volks umschallenden Jubel,

Nicht des Vaters segnenden Ruf, dem nimmer die Hand er,

Fromm, und kindlich gesinnt, mehr küßt, nicht die silberne Scheitel,

Oder das freundliche Aug’: da er bald hinsinket vor Tunis.

So, mit Guasto vereint, entschiffte Neapels Geschwader,

Gegen Sardinia’s Höh’n, des ringsumflutheten Eilands,

Steuernd, dort in dämmernder Frühe die herrliche Seestadt

Cagliari zu schau’n, und zu harren des mächtigen Kaisers:

Denn ihr wurde der Ruhm, aus dem schimmernden Port Europa’s

Furchtbare Macht, vereint, zu entlassen nach Afrika’s Küsten.

Vierter Gesang.

Horch, Barcellona’s Thürmen entschallt mit jubelndem Wohllaut

Glockengetön’; erschütternd rollt des eh’rnen Geschützes

Freudendonner vom Wall’, und im Port, wo unzählig die Masten,

Gleich dem entblätterten Wald, aufragen zum Himmel, erglänzen

Flaggen und Wimpel umher, die bald im bläulichen Luftraum,

Von umgaukelnden Winden gerafft, wie silberne Wölkchen

Flattern, und bald, am thürmenden Mast heruntergesunken,

Schlängelnd, über den Bord hinsäuseln zum schäumenden Abgrund.

Unabsehlich, die Straßen entlang, erglänzt von den Erkern

Festlich der Teppiche Pracht. Dort winken aus jeglichem Fenster

Blumen in Meng’, und hauchen elysische Düft’ an den Häusern

Lieblich umher. Doch welch’ ein Lärm auftobenden Jubels

Füllet die Fenster zugleich, und die Erker; die schwindligen Höhen

Ragender Zinnen und Thürm’, mit unzähligen Menschen? Es starren,

Wang’ an Wange gepreßt, ein Haupt aufragend vom Haupt noch,

Alle, mit leuchtendem Aug’, in die wimmelnde Straße herunter,

Während die wogende Menge hinaus auf den stäubenden Heerweg

Braust, wo Ludwig, der Held, und Doria, mächtigen Anseh’ns,

Ordnen die Krieger in Reih’n, dem nahenden Herrscher zu Ehren.

Jetzo noch lauter erschallt, wie unendliches Rauschen der Sturmfluth,

Schön und furchtbar zugleich, ein Ruf: „Hoch lebe der Kaiser!“

Sieh’, er kam! Von Mendoza geführt, dem tapferen Feldherrn,

Schritten vor ihm achttausend Krieger — im Heere die Alten,

Die, in der Reihe der Jahre versucht, und gestählt in Gefahren,

Siegbeherrschenden Muths und entscheidender Stärke sich rühmten.

Jetzo nach Wirbel und Schlag der heerebewegenden Trommel,

Nahten sie all’ im gemessenen Schritt, die Gewehr’ an die Schulter

Pressend im Arm, und zum Schall der Feldschalmeien und Flöten,

Ehernen Klange des Horns und des Brummrohrs tiefen Gewaltton

Mengend, im schönen Verein, ihr fernhinhallendes Schlachtlied.

Schauder ergriffen das Volk. Den Altgedienten am Fuß nach

Folgte die herrliche Schar viertausend erlesener Reiter,

Welch’ erst jüngst in Hispania’s Gau’n die Stimme der Cortes

Aufboth, Jünglinge noch, doch lechzend nach Kampf und Gefahren.

Hufesgerassel erscholl in’s Geklirr des Waffengeschmeides

Und in den ehernen Ruf der schmetternden Kriegesdrometen.

Doch was schleudert noch helleren Glanz in den sonnigen Straßen,

Blendend, umher? Wer nennte die Rossebändiger würdig,

Die von silbernen Rüstungen blank, die ragenden Lanzen

Nervigen Rechten vertrau’n? Zweihundert der edelen Ritter

Sind es: die „Blüthe“ genannt des hohen, hispanischen Adels.

Aber vor allen hervor, ein Viergestirn in der Heersmacht

Strahlen: Alba[30] der stattliche Held, der kühne Alarcon,

Welchem zur Huth Frankreichs gefangener König vertraut ward,

Vor Pavia im Sieg;[31] Sarmento, und Garzia Lasso,[32]

Der, ein Sänger und Held, das blitzende Schwert und der Lyra

Gold’ne Saiten mit einem Kranz zu umschlingen, sich sehnte.

Jetzt entflammte sich jegliches Aug’. Der mächtige Kaiser

Folgte der edelen Schar, und grüßte das jubelnde Volk dort

Links und rechts, mit freundlichem Blick. Sein feuriges Prunkroß

Wölbete stolzer den mähnigen Hals, und tanzte die Straßen

Munter hinab: nun hin, nun her sich wendend, im Halbkreis.

Dort, wo in festlichgeordneten Reih’n sein harrte das Fußvolk,

Hemmt’ er den Rappen, und sah: wie fertig das blanke Gewehr sie

Schwenkten mit einetem Schlag’. Er winkte den schaltenden Führern

Dank, die rasch zur Stirne den Degen erhoben, und senkten,

Huldigend; dann aufschrie’n laut: „Marsch!“ durch die hallende Stadt hin.

Und in dem Jubelgedräng fortwogten die trefflichen Scharen:

Eilend hinab in den Hafen, am Bord der harrenden Schiffe,

Nun zu beginnen die Fahrt nach Afrika’s fernen Gestaden.

Staunend ersah die Meng’ im Gefolge des mächtigen Kaisers

Muley-Hassan. Er hob die trauerumflossenen Augen

Nicht von der Erd’ empor, und schwieg; doch inniges Mitleid

Weckte der Jammer des heimathlosumirrenden Königs.

Jetzo dem Herrscher genaht, rief Doria laut vor den Scharen:

„Sehnest du dich schon heut nach dem Raum’ Karthago, des Heerschiffs,

Das vor jeglichem groß und kunstbeflissen gezimmert,

Prangt in dem Port, und vom Schilde den Kranz unsterblichen Ruhmes

Weist, der dir erblüht auf Karthago’s rühmlicher Stätte?

Oder gefällt dir’s mehr, zu ruhen im schönen Palast hier,

Den dir schmückte die Stadt, Barcellona, mit liebender Sorgfalt?“

„Nichts von Ruhe noch Rast mir gesprochen,“ so sagt’ ihm der Kaiser,

Eifernd, „jetzt, wo mir’s nur lauter im glühenden Busen

Pocht, und stürmt; kein Schlaf die ermüdeten Augen erquicket,

Die nur Tunis im Grau’n der einsamen Nächte, nur Tunis

Schau’n in der Helle des Tags, und Schlacht, und Sieg, und Errettung!

Spannet die Segel! Uns winkt, gebiethend, Afrika’s Meerstrand.“

Doria führt’ ihn an Bord. Ihm folgte der munteren Schiffer

Hurrahgeschrei und unzähligen Volk’s nachjubelnder Segen,

Bis er vom hohen Verdeck die Treppe hinunter im Schiffsraum

Leis’ entschwand. Und siehe, dem Staunenden öffnete dort sich,

Prunkend, ein hoher Saal, auf deß’ aufwölbenden Himmel

Titian selbst ein Meisterwerk mit zaubrischem Pinsel

Schuf, nach Doria’s Wink! Ein Schlachtfeld hatt’ er gebildet.

Fern, wie in Nebel gehüllt, erspähet der schärfere Blick nur

Fliehende Feind’ am Gebirg: so winzig ist Alles und Jedes

Dort mit dem zarten Duft der dämmernden Ferne, verschmolzen.

Näher heran, am Rain des saatdurchschlängelnden Baches,

Wirft sich die Reiterschar auf Reiter, zum letzten Gemetzel

Spornend das Roß, und es fleugt, und schnaubet, mit wallenden Mähnen,

Flammendem Aug’ — fort über zerschmetterter Leichen und Waffen

Blutigen Wust, an des Gegners Roß. Die schrecklichen Kämpfer

Schleudern den blinkenden Speer, und schrein, und brüllen den Schlachtruf —

Und uns däucht: als töne Geschrei von dem klaffenden Mund her.

Aber schon kommen vom Waffengefild, dem dräuenden Sieger

Folgend, mit Schmach im Blick’, und die Händ’ am Rücken gebunden,

Scharen Gefangner herauf, wo Constantin,[33] Kaiser des Weltreichs,

Von dem Rosse sich wirft, die Kniee zum Staube zu beugen:

Denn, noch schaut er, in Wonne verzückt, das Kreuz an dem Himmel

Flammen im Sternenkranz; noch sieht er der hohen Verheißung

Himmlische Wort’ in dem strahlenden Kranz: „Du siegest mit ihm nur.“

Dort zu dem herrlichen Bild’, erschüttert tief in dem Herzen,

Sah der Kaiser empor, und trocknete schweigend die Thränen.

Abendröthlicher Glanz ergoß durch leuchtende Fenster

Strömend, sein heiliges Licht in dem Saal’, und liebliche Stille

Herrschete. Jetzt geboth sein flammendes Auge der Abfahrt

Donnernden Ruf: er scholl vom Borde der hohen Karthago

Freudig dem horchenden Krieger an’s Ohr; durchbrüllte der Seestadt

Thürmende Straßen, der Felsenhöh’n verborgenste Schluchten

Rings im Gefild’, und verhallte mit oft auftobendem Grimm noch,

Fern’ am drönenden Rand des bläulichen Himmelsgewölbes.

Plötzlich erwachte Getös’ und geschäftige Hast in dem Hafen.

Zahllos flattern die Segel vom Mast’; an den ächzenden Winden

Knistert das Seil umher, und bald enttauchet der Anker

Zackige Wucht den Wogen, und ruht in die Quer’ auf dem Balken,

Vorn’ an des Schiff’s Brustwand. Die leitende Nadel betrachtend,

Sitzet der Steuermann bedächtig am Ruder, und rauschend

Folgt ein jegliches Schiff dem Ruderboot’, an dem Schlepptau,

Fort auf des Meeres Höhen hinaus, wo ein günstiger Fahrwind,

Sausend von Mitternacht, vorwölbet die schimmernden Segel.

Aber es drängte das Volk sich am Strand’, und bethete, weinte,

Jauchzte den Schwindenden nach. Wohl Mancher lief an dem Ufer,

Keuchend, noch hin, und schwenkte das wehende Tuch in den Lüften —

Schwenkte den Hut, „zum Lebewohl,“ den theuern Bekannten!

Zwar nicht jauchzte die liebende Braut, nicht die zärtliche Mutter

Mehr an dem Strand; doch muthig bezwangen sie dennoch die Thränen:

Denn auf rühmlicher Bahn enteilten die Lieben der Heimath.

Freudig schiffte des Kaisers Macht im sausenden Wind hin;

Eilte den Balearen, im Flug, g’en Osten vorüber,

Und umkreisete bald im Süden Sardinia’s Vorland:

Nahend der herrlichen Stadt Cagliari, mit Guasto’s Geschwader

Sich zu der Heeresfahrt nach Afrika’s Küsten zu einen.

Doch nun schwebte die Nacht mit weitverbreiteten Flügeln,

Leiseren Fluges, herab, und umhüllte des Meeres Gewässer.

Guasto’s Macht trieb noch, auf der wogenden Wüste verschlagen,

Fern Cagliari’s ersehnetem Port, in der dunkelen Nacht um:

Denn jetzt führt’, unhemmbaren Flugs, ein brausender Nordwind

Ihn nach dem meereinengenden Thal hinunter, wo vormals

Stets, der Charybdis zugleich und der furchtbarn Scylla der Schiffer

Zitterte. Dort erscholl ihm jetzt urplötzlicher Aufruhr

Von dem Schooße des Aetna heran. Mit Entsetzlichem schwanger

Lag er, kreißend, in Weh’n. Er wüthete: stürzende Felsen

Schleudernd mit lautem Gekrach’, Orkanengetümmel, und Gluthsturm,

Weit in den Tiefen umher, daß rings das Meer und der Erdkreis

Schwankte vor Angst, bis er jetzt aus- des Grauens Geburt warf.

Erst aus dem finsteren Schlund’, in meilenmessendem Umfang,

Quoll Rauch auf: weithin am Himmel die Sterne verschlingend,

Und in dem wirbelnden Flug durchzuckt von bläulichen Blitzen;

Dann aufbrauste wie Staub, vom Winde gerafft an dem Kreuzweg,

Odemberaubender Schwefelqualm und Aschengestöbers

Dichtes Gewölk, und jetzt, in wüthender Eile geschleudert,

Rasselten glühende Stein’ ihm nach; jetzt hob sich die Flamme

Himmelempor, und leuchtete fern’ in die finstere Nacht hin.

Rings erglühte das Meer. So hoch die Flamm’ an die Wolken

Loderte, sank ihr Bild so tief in’s dunkle Gewässer

Nieder, und warf in die Unterwelt hellleuchtende Funken.

Aber den kreißenden Berg durchwühlten noch stärkere Wehen.

Unterirdischer Donner rollt’, aufrauschten die Wogen —

Schlugen das schäumende Haupt im Kampfe zusammen; des Aetna

Scheitel erbebte: denn, o des grausenerweckenden Anblicks,

Jetzt ausspie sein Schlund die glühende Lava: sie wälzte

Breiter und flammender stets, die feurigen Wogen herunter;

Laut aufheulten die Lüft’, und die Schöpfung schauderte ringsum!

Doch Del-Guasto’s Heer flog dann im sausenden Sturmhauch

Eiliger fort auf dem Meer, Sardiniens Küsten entgegen.

Aber nicht war in des Berg’s Abgründen allein der Empörung

Wildes Getümmel erwacht: auch hoch in den Lüften begann jetzt

Furchtbardräuender Kampf und seelenerschütternder Aufruhr:

Denn von des Aetna Fluren umher, unendlich verbreitet,

Hob der Flamme Gewalt auf rastlos fächelnden Schwingen

Schnell die Dünste der Erd’ empor zu des Aethers Gefilden.

Wie, der stützenden Balken beraubt, ein Schacht in dem Erzberg

Plötzlich zusammenstürzt: da rollen zertrümmerte Felsen,

Rollet die Erde, der Wald in die Tief’, und weit aus dem Abgrund

Fleugt Staub auf, und Getös’ einsinkender Berge: so stürzte

In den verdünneten Raum, vom glühenden Süden herüber,

Dann sich die Meeresluft, und weckt’ im Fluge des Sturmwinds

Kaum besänftigte Wuth an Afrika’s Felsengestaden.

Dort auf des Atlas[34] Höh’n, des himmelanthürmenden Berges,

Lag Gewittergewölk’, und sandt’ in die finsteren Thäler

Röthliche Blitze herab. Nur leis’ ummurrte der Donner

Noch in dem Schooß des Gährenden; doch von dem brausenden Sturmwind

Näher gejagt, aufflog’s am funkelnden Himmel, und hüllte

Plötzlich des Kaisers Wogenpfad in schreckliches Dunkel.

Früh’ erkannten die Schiffer, vom Bord die perlenden Fluthen

Schauend: es nahe der Sturm. Sie zogen die dichtesten Segel

Auf an den Mittelmast, und ordneten sorglich die Thau’ all’.

Doch nun brauste der Wind fern her: dem thürmenden Wall gleich,

Hob sich vor ihm die Fluth, und rauscht’ auf die gleitenden Schiffe

Nieder, und dann aufwogten sie rings unendlich und furchtbar.

Jetzo in Wolkenhöh’n auf dem Saum der heulenden Wogen

Schwebten die Schiff’, und jetzt, in des Meer’s Abgründe geschleudert,

Deckte sie dunkler Fluthen Nacht, wie verloren auf immer.

Ueber das hohe Verdeck hinüber, herüber ergoß sich,

Schäumend, der Wogen Meng’, und netzte die flatternden Wimpel.

Muhameds Aug’ erglänzte vor Lust, nach den gährenden Blitzen

Schauend im Donnergewölk, das über den Schiffen der Christen

Grau’nvoll hing. Er winkte, voll Hast, den grimmigen Geistern

Attila’s — winkte den Seinen zugleich: sie brausten im Eilflug

Näher, und, wie die Schar der schwarzbefiederten Raben,

Aufgeschreckt vom Knall todtschmetternder Büchse, vom Anger

Laut, mit Geschrei, sich erhebt, und immer in engeren Kreisen

Ueber des Schützen Haupt durchrauscht den sausenden Luftraum:

So durchstürmten auch hier die unzähligen Geister der Wolken

Gährenden Schooß, bis solcher in feindlicher Reibung entbrannt war.

Siehe, da zuckte der Blitz, und zerriß den finsteren Himmel

Schnell von Westen bis Osten hinauf! Dem rollenden Donner

Drönte die Welt umher, und Ströme des sausenden Regens

Peitschten, mit eh’rnem Geprassel, die Fluth. Fort krachte der Donner —

Krachte durch Sturmgeheul und Gebrüll der empörten Gewässer,

Endlos fort. Wie links und rechts die Schiffe sich beugten,

Hoben zum finstern Gewölk ringsher, entsetzlich zu schauen,

Flammende Wogengebirg’ ihr Haupt: denn strahlender Blitzglanz,

Schwärze der Nacht, traf wechselnd das Aug’ des erblindeten Volks hier!

Sieh’, und allen umher auf dem Bord’ erblaßten die Wangen

Jetzo vor Angst: sie harrten, verstummt, des nahen Verderbens;

Doch der edele Kaiser sah nach dem Grauen des Meersturms

In erhabener Ruhe hinaus: der hohen Verheißung

Tröstender Strahl erfüllte sein Herz, das niemals gebebt hat.

Bald entschwand im eilenden Flug das grause Gewitter.

Regen sauste nicht mehr; die Winde verstummten; der Donner

Wüthete nicht; nur fern’ am Rande des wölbenden Himmels

Murrt’ er dumpfer noch fort, wo flatternde Blitze zuweilen,

Kehrend, und fliehend zugleich, die dunkeln Gewässer erhellten.

Aber noch lange tobte das Meer, bis leise zu Hügeln

Schwanden die Wogengebirg’, und die Hügel zu fluthenden Eb’nen.

Als die Sonn’ ihr Strahlenhaupt aus den duftenden Wogen

Aufhob; ringsum das Meer, und über dem Meere der Himmel

Golden erschien: da rief vom Korbe des schwindligen Mastbaums

Laut der Späher herab: „Uns nahen des Feindes Geschwader.“

Sieh’, und des Himmels Rand’ entschwebten die feindlichen Segel,

Gleich dem Gewittergewölk’ in glühender Stunde des Mittags!

Jetzt auf jeglichem Schiffsverdeck war Lärm und Gewimmel

Spähenden Volks. Es bebten vor heißem Verlangen die Krieger,

Bald in des Feindes Auge zu schau’n, und im Kampf der Entscheidung

Ihm zu vergelten die Schmach der verheereten Küsten der Heimath.

Aber vor allen sah Held Doria gierig vom Bord hin:

Prüfend des Fernrohrs Wundermacht, das selber der Künstler,

Janssen von Middelburg[35] zum Ehrengeschenke dem Kaiser

Both: er lohnt’ ihm’s reichlich mit Gold und ehrendem Beifall,

Schätzer alles Verdiensts, und Würdiger solcher Erfindung.

Attila brauste heran, und sah nach den wogenden Schiffen

Finster hinab; doch jetzt dem spähenden Doria nahend,

Drängt’ ihn die Neugier mächtiger hin, voll Hast zu erforschen:

Was sich im schimmernden Rohr dem Helden für Wunder gestalten?

Als er gebückt, ihm gleich, das Auge dem Glase genähert,

Fuhr er betroffen zurück. Er bückte sich wieder, und forschte

Jetzo mit freiem und jetzt bewaffnetem Aug’ auf dem Meer’ um,

Schauend nach Al-Mansors Schiffsmacht, die weit in dem Anlauf

Deckte das Meer. Er lächelte sinnend, und wiegte das Haupt oft;

Doch nun hob er ergrimmter sich auf in den schimmernden Luftraum,

Wo der Scythen erlesene Schar sein harrte. Dem Geist war

Schnell das Geheimniß enthüllt: wie hier auf dem wölbenden Glasfeld

Sich des Entfernten Bild abspiegelte, dann in des Auges

Krystallfluth der Strahl, gebrochen, vom Glas’ zu dem Glas’ fort

Strömt’: im helleren Wiederschein, der Seele zur Anschau.

Zorn entflammte sein Aug’. Er rief den Geistern ergrimmt so:

„Sey es der Nachwelt Ruhm: nur Trug zu ersinnen, und Arglist!

Was die Ferne verhüllt, bannt dieß erfindende Volk sich,

Herrschend in seine Gegenwart mit dem schimmernden Fernrohr.

Daß sein Donnergeschoß hinstreckt in der Ferne die Reihen

Tapferer, däucht ihm Gewinn. Es rühmt sich: die Höllenerfindung

Kürze den Krieg, und spricht von Schonung im blutigen Schlachtfeld.

Ha, nicht also kämpften wir einst: denn nah’ in die Augen

Sah’n wir gerne dem Feind! Wohlan, nun laßt uns die Scharen

Al-Mansors empören zur Wuth und mordender Blutgier!“

Jene entfloh’n. Doch Doria sah die bläulichen Wogen

Schäumen am stürmenden Kiel wohl hundert feindlicher Schiffe,

Die von dem Bord Schlachtruf herdonnerten, trotzend auf Kühnheit

Kampferfahrenen Volks und auf Sieg’, errungen im Raubzug.

Jetzt auf den Höhen des Meer’s, unferne der Stadt Cagliari,

Hemmte der Kaiser die Schiff’ im Lauf, die anstürmenden Gegner

Dort zu erwarten bereit. Ihm einte sich Guasto’s Geschwader,

Jauchzend, und weit umher bedeckten die Schiffe die Meersfluth.

Auf den Zinnen der Stadt, auf den Warten der Berg’ und der Hügel,

Harrt’ unzähliges Volk; so harrten im schimmernden Luftraum,

Hingegossen auf zartes Gewölk (doch feindlich geschieden)

All’ die Geister, voll Gier, der grauenerregenden Seeschlacht.

Aber nur Muhamed sah mit herzzernagendem Kummer

Al-Mansors verderblichen Trotz. Von Thränen umflossen

Glänzte sein Aug’, und er rief den Seinen, ein heuchelnder Seher:

„Eben vernahm mein Ohr den Flug des nächtlichen Schicksals,

Dem, ach, ewig bestimmt, vorschwebt des sterblichen Menschen

Wohl und Weh’ — dem Al-Mansor mit seinem Geschwader

Nimmer entflieht! Nach Afrika fort, wo Hairaddin freudig

Unserer Stimme gehorcht: ihm wollen wir Rettung ersinnen!“

Brausend schwebt’ er, mit seinem Gefolg’, in der heulenden Luft hin;

Doch in den schimmernden Höh’n, des nahen Kampfes gewärtig,

Harrten die übrigen all’, und sah’n auf die Fluthen hinunter.