Doria lenkte sein Schiff dem Borde der hohen Karthago

Näher, und rief dem erhabenen Herrscher mit leuchtendem Antlitz:

„Gönn’ es, erlauchtester Herr, daß hundert feindlichen Segeln

Fünfzig der unsern entgegen sich reih’n; daß hier auf der Meerfluth

Doria kämpf’, und siege, wie du auf dem eisernen Schlachtfeld!“

Aber da schwang aus der bläulichen Luft sich Hermann herunter.

Hell wie Sterne der Sommernacht ihm flammten die Augen,

Als er dem stattlichen Kaiser genaht, ermuthigend, ausrief:

„Wie, du wolltest, ein Held, nicht selber verlangen des Sieges

Lorbern? Lenke die Schlacht: so wird unsterblicher Ruhm dir!“

Also bestürmt’ er das Herz des leis’aufhorchenden Kaisers,

Der, erschüttert im Geiste begann: „Wie hebt sich der Mißgunst

Schmachgebährender Streit in meinem bewegten Gemüth’ auf?“

Schnell erkämpft’ er den heiligen Sieg, der edlere Seelen

Krönt in dem Kampf g’en Trug und Bethörungen niedriger Selbstsucht,

Und sein schützender Engel sank in hoher Verklärung

Ihm an die Brust. Doch Hermann sah in dem Herzen des Edlen,

Staunend, den hehren Sieg: er sah die himmlische Klarheit

Leuchten um ihn, und floh betroffen zurück’ in den Luftraum:

Denn nicht durft’ er schau’n den Himmlischen. So nach des Sommers

Heiß entschwundenem Tag’, seh’n wir den zuckenden Blitzstrahl

Flammen im Sternenzelt, und sprechen: der glühende Himmel

Kühle sich ab — nicht hörend den fernverhallenden Donner:

Also entwich, von dem hehren Glanze geblendet, der Geist hier.

Aber der Kaiser sprach zu Doria lächelnden Blickes:

„Zwar ersehnte mein Herz, die Schrecken der stürmenden Seeschlacht

Hier zu besteh’n, und die Kraft zu versuchen in neuen Gefahren;

Aber nicht Sorg’ um des Herrschers Haupt erschlaffe die Schwingen

Deines erhabenen Muths, und das siegerringende Schiffsheer

Reiche nicht ihm den Kranz, der dir umwinde die Scheitel.“

Sieh’, und mit Thränen im Blick’, entschiffte der treffliche Seeheld

Jetzt an dem Borde des doppelten Aars, deß Fittig’ er liebend

Wählte, sich aufzuschwingen zum Glanz’ unsterblichen Ruhmes.

D’rauf erlas er, behend’, aus den schimmernden Reihen der Schiffe

Fünfzig, bemannt mit tapferem Volk, das oft auf dem Meer schon

Lorbern errang: die Schiffe der furchtbar’n Räuber besiegend.

Wie der mächtige Aar, ausbreitend die rauschenden Flügel,

Schnell hinfleugt in dem Wind, so flog die erlesene Schiffsmacht

Fort auf der schimmernden See: denn rechts entfaltete Ruyter

Fünfzehn flandrische Flaggen, und links, der kühne Moncada,

Mit Hispania’s acht, Lusitania’s sieben vereinend,

Fünfzehn. Doch zu Wälschlands Ruhm, dem feindlichen Andrang

Muthig entgegen zu steh’n in der Mitte des Heldengeschwaders,

Pflanzte Genua’s Flagg’, und zugleich, die Rom und Neapel

Einte der Heeresmacht, an zwanzig trefflichen Schiffen,

Doria auf. Jetzt allen umher verständliche Zeichen

Donnernd, erscholl vom Bord sein rüstunggebiethender Aufruf.

Wie Gewitterstoff von der kreisenden Scheibe des Glases,

Prasselnd, durch saugendes Messingrohr einströmt in der Flaschen

Dunkelen Schooß, und ein Mann, die leitende Kett’ in der Linken,

Reichet dem Nachbar die Recht’, und dieser dem Nachbar, und so trifft

Hunderte dann erschütternder Schlag urplötzlich, auf einmal,

Wenn der glimmende Funk’ aufflammt am entladenden Kolben:

Also bewegte die Führer zugleich des Schlachtengebiethers

Donnerruf, und, nahe dem Maste die rühmliche Stelle

Wählend, geboth ihr Schrei dem Volke die Rüstung. Am Mastbaum

Kletterten Schiffer empor, und ordneten eilig die Segel,

Während die Krieger in Reih’n ihr Feuergewehr auf dem Schiffsbord

Luden. Sie gossen zuerst entflammendes Krot in des Zündlochs

Pfanne; schmetterten Krot und Lot, mit dem glänzenden Ladstock,

Fest in das Rohr, bis auf er hüpfte vom klemmenden Läppchen,

Und umspannten mit fröhlichem Schlag’ es am kräftigen Kolben.

Auch in die furchtbar’n Donnerschlünd’ eindrängte der Wurfschütz,

Dann mit dem Krote, die Wucht der eisernen Kugel; er bohrte

Kundig das Brandrohr ein, und facht’ an der Lunte die Gluth an.

Aber mit tieferem Ernst’ und erhöhtem Vertrau’n in den Augen,

Sah der Kaiser vom Bord dem schlachtanbiethenden Volk nach.

Jetzt aufrauschte das Meer: es nahten die Feinde. Wie Nebel,

Vom Herbstwinde gejagt, weithin verhüllen der Sonne

Liebliche Bahn: so flogen der Feind’ unzählige Segel

Her auf der See. Doch Al-Mansor ergrimmte des Gegners

Minderzahl, und Wuth, und Hohn verzerrte sein Antlitz.

Doria’s Stimme geboth vom Bord’ in donnernden Lauten:

„Jegliches Schiff erwähle sich zwei der feindlichen — trenne,

Muthig, des Gegners Macht,“ und stürmte, der erste, zum Angriff.

Jetzt, wie zwei Sandhosen, gerafft vom Hauche des Aethers,

Schweben im Luftraum hin, durchblinkt von der trauernden Sonne,

Bis, von dem stürmenden Ost und West sie plötzlich vermenget,

Stürzen zur Erde zugleich, und dort mit Orkanengetümmel

Wüsten die Fluren umher, und die wimmelnden Städt’ und die Dörfer

So, daß bald nur Entsetzen und Grau’n die Gefilde verhüllet;

Wie der feurige Blitz, im nächtlichen Donnergewitter,

Weitgesonderte Häuser der Stadt entzündet auf einmal:

Furchtbar hebt sich der Rauch; hoch lodert die prasselnde Flamme:

Denn unbändig herauf, unbändig hinunter, im Eilflug,

Wüthet das Feuer die Straß’ entlang; stets näher und näher

Wälzt sich der Gluthenstrom entgegen dem kommenden Gluthstrom;

Bald — schon sind sie vereint, und schlagen entsetzlich zusammen:

Also trafen sich hier die feindlichen Schiffe. Gehorchend

Doria’s Ruf’, erkor ein jeglicher Führer der Christen

Zwei der Gegner zum Kampf’. Und jetzt aus dem donnernden Schiffsraum

Flog durch Rauch und Flammen der Tod in die feindlichen Reihen —

Flog vom hohen Verdeck hinüber der schmetternden Büchsen

Tödliche Saat. Weit deckte der Rauch die Fluthen, und weithin

Hallte Geschrei der Gedrängten und Dränger im Donnergetümmel.

Leichen schwammen umher, von den Wogen geschaukelt, und trieben

Näher an’s Land; zerrissene Segel flogen im Wind hin;

Berstende Mast’ entstürzten dem Bord’; aufrauschte die Meersfluth,

Als sie die Maste verschlang, und schäumend wieder heraufstieß.

Sieh’, Abdallah gelang’s, der drüben, dem Feinde zur Linken,

Lenkte die Schlacht, das Schiff des kühnvordringenden Ruyters

Schnell zu umzingeln! Doch er harrt’ auf dem Borde, der Gegner,

Glühenden Muth’s, wie ein Leu, der fern’ ein paar Elephanten,

Durch aufqualmenden Staub, mit furchtbar dräuenden Rüsseln

Kommen sieht, zu rächen die jüngst gemordeten Jungen;

Nicht erbebt ihm das Herz: genaht wuthfunkelnden Blickes,

Sträubt er die Mähnen, und haut um sich mit den schrecklichen Klauen:

Also bestand er die Menge. Da fiel, an der Stirne zerschmettert,

Neben ihm Otto, sein Freund und Waffengefährt’. In der Kindheit

Gold’nen Tagen vereinte sie schon des liebenden Herzens

Mächtiger Zug. Nun sah er ihn kaum. Ein schmerzlicher Ruf drang

Ihm aus der Brust; er drängte die Thräne zurücke; nur Eines

Galt dem Tapferen jetzt; des heiligen Kampfes Entscheidung.

Schnell, mit siegender Kraft, durchbrach er der feindlichen Schiffe

Ringsumzingelnden Kreis, und bohrte noch zween in den Abgrund,

Rechts und links abfeuernd das Donnergeschütz aus dem Schiffsraum.

Doch g’en Doria hielt, ausdauernden, schrecklichen Muths noch

Al-Mansor: denn Attilas herzblutdürstende Geister

Drängten sein Volk mit stets empörterem Grimm’ in das Feuer

Mordender Schlünd’ und Gewehre. Nicht rauschten die Wogen der See mehr,

Leichen- und trümmerbedeckt, und vom gährenden Blute gesättigt.

Und schon wankte der Sieg wie das Zünglein schwankt mit der Wagschal’,

Gleichem Gewichte zum Spiel. Dreimal erhob sich der Kaiser,

Schauend die wankende Schlacht, den Seinen errettend zu nahen;

So oft bezwang er sich wieder, und sah, dem Helden vertrauend —

Ehrend sein tapferes Volk, in die grau’numnachtete Schlacht hin.

Doria’s Wurfschütz traf, wohlzielend, den Sarg mit dem Zündstaub,

Der von der Wucht unzähliger Bomben und Kugeln umhäuft war.

Jetzt aufflammte die Welt. Ein Brand, entsetzlich und furchtbar,

Hob sich von Al-Mansors entzündetem Schiff’ in den Luftraum.

Gleich dem feurigen Luftgebild, dem Völker erbeben,

Blutigen Krieg weissagend, und Pest, und schrecklichen Hunger,

Flog das berstende Schiff, und schwand in den höheren Räumen

Fern mit lautem Gezisch. Nur spät, nur langsam, und einzeln,

Sank zertrümmert’ Gebälk, und sanken zerschmetterte Leichen,

Jetzo entfernt, jetzt nah’ in die dumpfaufplätschernden Fluthen.

Stille herrschte umher: da schien des kreisenden Weltalls

Odem gehemmt, des Windes Fittig erschlafft, und des Meeres

Wogende Fluth erstarrt: da sah’n die Krieger am Schiffsbord

Starrend sich an, und lalleten unverständlichen Laut nur.

Doch nun hob sich die Wuth im Busen der feindlichen Führer;

Einer dem andern rief’s mit schrecklicher Stimme: „Wir entern!“

Und, alsbald mit dem sausenden Seil fünfklauige Haken

Schleudernd, stürmten sie an, die Gegner in wilder Verzweiflung

Niederzuschmettern, und laut erhob sich des Kampfes Getümmel.

Schaudernd sah’n die Geister zuvor der wüthenden Seeschlacht

Grauen empört. Nun sprach zu Hannibal Regulus also:

„Dort in des Erdballs Nacht, wo wir Jahrhunderte schwinden

Sah’n, erfüllet von Gram, und von Banden gefesselt des Unmuth’s,

Sagten umwandernde Geister uns oft von dem schrecklichen Zündstaub

Wunder, der, dem Blitz und dem furchtbarn Donner nicht ungleich,

Tod und Vernichtung sä’et, und traun, sie redeten Wahrheit;

Doch, wie schmählich ereilt den Helden der Tod in dem Kampf jetzt,

Wo er die Brust ihm wehrlos beut, und von ferne besiegt fällt!“

Siehe, da ließ sich Regulus schnell vor Doria nieder,

Ihn zu erregen gesinnt, und lispelt’ ihm leis’ in die Ohren:

„Trenne des Feindes Reih’n: so stritt der kühne Spartaner

Xanthippos in dem Kampf mit Regulus, nahe vor Tunis.

Ach, er fiel ihm besiegt: du erringst unsterblichen Ruhm dir!“

Doria griff an das Herz, das laut dem kühnen Entschlusse

Pocht’, und heller flammte sein Aug’, da er jetzo den Degen

Hoch in die Luft aufschwang, und die Führer durch wehende Flaggen

Schnell zum Sturmgang rief: denn all’ aufmerkten den Zeichen

Mitten in grau’numhülleter Schlacht. Die siegenden Flügel

Wichen zurück’, und plötzlich, zum spitzigen Keile gestaltet,

Brach nun Doria’s Schiffsheersmacht des Feindes Geschwader,

Stürmend, entzwei, daß Mast’ an Mast’, und Segel an Segel

Schlugen im wilden Gekrach, und dumpf ertönte der Schiffsraum.

Aber, von Rach’ entflammt, vordrang der kühne Moncada,

Jetzo zuerst: ihm tödteten jüngst algierische Räuber

Nächtlich am einsamen Ufer den Freund. Er traf im Gemeng dort

Wüthend auf Abdul selbst, der Sarno, den Helden, gefesselt

Barg im Raume des Schiffs, und rasch bestürmten sich alsbald

Beide vom Bord zum Bord’, im Kampf der wilden Verzweiflung,

Daß ringsher der Lanzen Geklirr’ erscholl, und die Leichen

Schwammen im Blut. Doch, glühend vor Zorn, erfaßte Moncada

Eines der Tau’, und schwang sich behend’ zum feindlichen Bord’ auf,

Dort zu erringen den Sieg. Ihm folgten der kühneren Krieger

Sieben, jauchzenden Ruf’s, zum schreckenvollen Gewürg nach.

Aber, geschmiegt an den Mastbaum, stand, und wehrte sich Abdul

Gegen die Sieben zugleich, und rannte den Speer in Moncada’s

Heldenbrust, da er, kühn vordringend am schirmenden Mast’, ihm

Blößte die Seit’: er sank, und röchelte sterbend. Nicht länger

Freute sich jener der blutigen Rach’: ihn erlegte der Tapfer’n

Heilige Schar, mit dem Volk, das kämpfend das Leben verschmähte.

Doch aus dem Raume des Schiff’s drang nun die flehende Stimme

Sarno’s den Kriegern an’s Ohr: sie lösten die Bande dem Helden,

Zitternd in freudiger Hast. Er drückte den kühnen Gefährten

Schweigend die Hand, und erhob die thränenden Blicke zum Himmel.

Als er zum hohen Verdeck aufstieg, und in seliger Freiheit

Himmel, und Erd’, und Meer, lautjauchzend, begrüßte: da blinkt’ ihm

Aus dem blutigen Wust sein treffliches Schwert in die Augen,

Das ihm der Räuber entriß. Nicht der pflanzenkundige Wand’rer

Freut sich so sehr, da er oben in Wolkenhöhen der Alpen

Blühende Matten durchspäht, und dort die seltenste findet,

Als der Held sich erfreute, sein Schwert auf dem Boden gewahrend.

Eilig rafft’ er es auf, und schwang es empor in den Luftraum,

Gegen den Feind urschnell die tödliche Waffe zu kehren.

Doch schon war errungen der Sieg, und des Feindes Geschwader

Strich die Segel vor Doria’s Macht. Wie dort auf dem Thronstuhl

Sitzend im herrlichen Prunk, der neugekrönte Beherrscher

Ringsher schaut das versammelte Volk, und jetzo mit Ehrfurcht,

Mann für Mann, die Erwähleten nah’n, die Hand ihm zu küssen,

Huldigend: so in des Sieges Glanz’ ihm huldigt’ in Demuth,

Ueberwunden der Feind. Da jauchzten unzählige Menschen

Rings von den Zinnen der Stadt, von den Warten der Berg’ und der Hügel —

Jauchzten umher vom Gewölk die feindlichgetrenneten Geister.

Doch, der einst Karthago’s Ruhm zu den Sternen erhöhte,

Hannibal, sah voll Zorn, wie Regulus erst dem Gebiether

Doria Hülfe erwies: da erwachten der düsteren Vorzeit

Trauergebilde in seinem Gemüth’, und zürnend begann er:

„Wie, der Römer, und ich, vereint in dem Kampfe der Helden?

Nimmer gescheh’s! Eh’ soll das zitternde Lamm an der Wölfinn

Saugen — der brausende Bach zurück zur Quelle sich heben,

Ehe der Pune dem Römer sich eint. Er nah’ ihm als Feind nur!

Jetzt in Eile hinaus nach Karthago’s Jammergefilden,

Daß mich erneut empöre der Rach’ unendliches Drängen,

Die ich ihm schwur: ein Feind dem Freund’, den er sich erkoren.“

Also rief er den Seinen, ergrimmt, und flog in den Lüften

Schnell g’en Süden hinab. Ihm folgten die stürmischen Geister.

„Lenkt,“ rief Doria jetzt, „die Schiff’ in den freundlichen Hafen,

Daß die Verwundeten all, und auch die gefangenen Gegner,

Sorglich gepflegt, der menschenehrenden Milde sich freuen.“

Rauschend wogten die Schiffe zum Strand. So manche des Siegers

Mißten den Mast und die Segel; so manche, durchbohrt von Geschossen,

Tauchte der Fluth einströmende Last. Viel tapfere Christen

Both, aufschäumend, das Meer als Beute den gierigen Fischen.

Jetzt, annahend im Boot’, erklomm mit Gefolge der Kaiser

Doria’s glänzenden Bord, und schloß ihn mit heißer Umarmung

Lang’ an das Herz: hochehrend vor allem Volke den Helden.

Siehe, da flog auch Sarno heran! Mit leuchtenden Augen

Sah er den Sieger belohnt, und sprach zu dem Herrscher sich wendend:

„Heil und Segen mit dir, Erlauchtester, daß du den Helden

Hoch vor allen erhebst, der mich aus schmählichen Banden

Rettete; doch nun sollen für mich die tapfern Gefährten

Zeugen: nicht hab’ ich durch eigene Schuld die Bande getragen!“

Aber ihm zürnete, seit dem Sieg’ auf dem Felde Bicoccas,[36]

Guasto, der tapfere Greis: dort hemmt’ er des feurigen Jünglings

Stürmische Hast, und sogleich stieß dieser verwundende Wort’ aus.

Jetzo mit finsterem Blick’ erhob er die tadelnde Stimme:

„Wahrlich, der Feind erhascht’ ein träghinsegelndes Fahrzeug,

Weil es ein Feiger lenkt’, und ihn nicht tapfer bekämpft hat!“

Todesbläss’ umzog, und flammende Röthe bedeckte

Sarno’s Wangen im wechselnden Flug’. Er faßte des Degens

Griff in zitternder Hast, trat vor ... da hemmt’ ihn des Kaisers

Ernster Blick, der, Guasto’s ergrauete Haare betrachtend,

Ruhe geboth. Ihm sank die ermattete Rechte vom Griffblatt.

Schweigend stand er im Kreis’, und an seiner Wange herunter

Glänzte die Thrän’. Alsbald bezwang Del-Guasto des Busens

Leichtaufwallenden Zorn, er seufzte vor innigem Herzleid,

Trat vor Sarno, und reicht’ ihm, versöhnend, die Hand, und der Edle

Nahm sie versöhnt. Doch bald umwölkt der nächtlichste Kummer

Sein verwundetes Herz, und schwindet im rühmlichen Tod nur.

Jetzt aufboth der Kaiser sogleich die versammelten Feldherrn:

„Gott, deß mächtiger Arm, die Feinde zerschmetternd, uns Ruhm gab,

Leit’ uns beglückt zum Ziel’! Entfaltet dem Winde die Segel,

Daß in des Sieges aufstrahlendem Glanz wir, landend vor Tunis,

Ernten noch schöneren Ruhm: die Wonne der Christenerrettung.“

Also geschah’s. In Eil’ auf die schimmernden Fluthen des Meeres

Wogten die Schiffe hinaus; das Geschütz erdonnerte rastlos,

Und in dem sausenden Wind’ entschwand g’en Tunis die Heersmacht.

Fünfter Gesang.

Schon entschwebten dem Meer des heißersehneten Welttheils

Küsten im Abendduft; schon thürmten im rosigen Westen

Berge sich auf, ringsher umlagernd den Gürtel des Atlas,

Dessen schneeiges Haupt anstaunt die glühende Sandwüst’,

Als in die Reih’n des meerdurcheilenden Heers ein Geschwader

Vier schnellsegelnder Schiffe noch kam, von dem felsigen Eiland

Malta gesandt. Aurel, die erlesenste Zierde des Ordens,

Führte der Christenheit verherrlichte Kämpen am Schiffsbord:

Hundert Rittern gesellt, zweitausend tapfere Krieger.

Ihnen zu Eigen gab der erhabene Kaiser das Eiland,

Als sie von Rhodus Suleymann vertrieb, der, rings von den Leichen

Seines Volks umhügelt, den Greis, und Heldengebiether,

Villiers Lisle Adam,[37] dort ehrte mit würdigem Lobspruch.

Grüßend mit Donnergetön’ und wehender Flagge den Herrscher,

Schifften sie freudiger fort im Verein des mächtigen Heeres.

Jetzo, der Küste genaht, hinstarrten die Krieger, vor Sehnsucht

Glühend: den Palmenhain in den fremden Gefilden zu schauen,

Oder das seltene Thier im Gefild’, und die Hütte des Menschen.

Doch bald hüllte das Land sich rings in des sinkenden Nachtgrau’ns

Düsteren Schleier, und barg dem staunenden Fremdling sein Antlitz.

Attila war im Gefolg des Geisterheeres im Eilflug

Afrika’s Fluren genaht. Wie an trüberen Tagen des Winters

Endlos, Schwärme der Kräh’n und der schwarzbefiederten Raben,

Laut vereinten Geschrei’s, vor dem Schneegestöber heranzieh’n:

Also nahten im Grau’n der Nacht die empöreten Geister.

Attila stand, und forscht’ in den Herzen der Landesgebornen,

Welchen die Küste umher zur Huth von dem Herrscher vertraut war;

Aber sie ruheten all’ an dem Strand, vom Schlummer gefesselt.

Zürnend sprach er darum den leis’ aufhorchenden Geistern:

„Weckt entsetzliche Träume sogleich, aus dem Schlafe zu rütteln

Dieß entnervte Geschlecht, und donnert: „Es nahet der Feind uns!“

Ihm in die Ohren, daß rings auf den luftigen Höhen und Warten

Lodre die Flamm’ empor, und schrecke die feindliche Schiffsmacht.

Selber erreget die brausende Loh’, und zeigt euch des Königs

Würdig, dem, als der Geißel Gottes, erbebte der Erdkreis.“

Also rief er: da fuhr sein Volk, wie der brausende Sturmwind,

Ueber die Schlafenden hin. Sie sah’n im Traume die Meerfluth

Wildempört; sie hörten aus ihr Scheusale des Abgrunds

Heulen: „Es nahet der Feind!“ und taumelten auf von dem Boden.

Erst, mit seitwärtsgewendetem Ohr’ im finsteren Nachtgrau’n

Horchend, standen sie all’, und hörten Geräusche (die Wellen

Klatschten am schwärzlichen Kiel) dann, laufend umher an dem Meerstrand,

Sah ihr, geschärft vor Gier umspähendes Aug’ in den Lüften

Näher und näher heran den Wald hochthürmender Masten

Schweben, und jetzt mit den flatternden Wimpeln unzählige Segel,

Von dem Winde gebläht, anstürmen im freudigen Eilflug.

Aber mit lautem Geheul erklomm die bebende Volksschar

Jäh’ am Gestade, die Felsenhöh’n: der Drohung gedenkend,

Die jüngst Hairaddins Grimm aussprach, des schrecklichen Herrschers,

Und erweckte die Gluth im knisternden Reis, auf des Felsens

Hochaufragenden Warten umher. Den Feigen im Rücken,

Brauste die Geisterschar, und, als der schlummernde Nachtwind

Noch den geschüreten Brand nicht in Flammensäulen empörte,

Fachten die Geister, vereint, mit starrvorquellenden Augen

Und gebläheten Backen, erhellt vom Feuer, die Gluth an.

Siehe, und bald erhob sich die wirbelnde Loh’ auf den Höhen,

Hellte die Nacht, und warf, urschnellfortrollenden Schimmer

Ueber die schwankenden Fluthen des Meers. Weit brannte der Abgrund

Unter dem Wogenpfad der völkertragenden Schiffe.

Endlos schien der Brand auf den Höh’n: denn, leuchtendem Blitz gleich,

Hüpften vor jedem umher die Flammengestalten der Geister.

Solches vermögen sie noch, und necken den Wand’rer die Nacht durch,

Mit Irrlichtern vereint am Moor’, und feurigen Männern.

Leise geweckt entfuhr der Hängematte der Kaiser,

Stieg auf das hohe Verdeck, und sah nach dem leuchtenden Meerstrand,

Lächelnden Blick’s, hinüber. Er hieß den sorglichen Guasto,

Der ihn gewarnt, annahend im Schiff, zur Ruhe sich legen:

Denn er kannte die List des täuschungsinnenden Feindes.

Aber nicht senkte der liebliche Schlaf mit fächelnden Schwingen

Auf sein Auge sich mehr: er sah nur Kampf und Errettung.

Als im rosigen Duft der heilige Morgen heraufstieg,

Himmel und Erd’, und Meer der freundlicherwachenden Sonne,

Schauernd vor Lust, entgegen streckten die Arme: da flogen

Eilig die Krieger im Frühwind hin, umkreisten den Vorberg

Gomert:[38] Apollo’s vordem genannt, und blickten nach Bona’s

Halbeiland, das einst dem schirmenden Hermes geweiht war,

Und in die spiegelnde See sein Klippengestade hinausdehnt.

Nun Buschatter genaht, wo mächtig in Tagen der Vorwelt

Utika stand, aufseufzete laut der edelste Kaiser;

Sah, mit Trauer im Blick, nach dem kühnaufstrebenden Helden

Ludwig, und sagte zu ihm, noch tiefbeklommen im Busen:

„Weh’n nicht der Vorzeit heilige Schauer dich an aus den Mauern

Dort, wo Kato, der Knechtschaft zu groß, in das eigene Schwert sank?

Achtung gebeut sein hohes Gemüth, und die Liebe zur Freiheit,

Der er gelebt, unwandelbar stets. Doch, dünket sein Tod dir

Beifallswürdiger als ein Sieg, dem feindlichen Leben

Abgerungen durch Kraft ausdauernden, muthigen Strebens?

Frommt’ es dem Vaterland, dem langentarteten, etwa,

Daß er, der Vorzeit Sitte getreu, verfolgte den Einen,

Der mit mächtiger Hand das, mitten im Brausen der Sturmfluth

Leckumtreibende Schiff vom Bruche zu retten vermochte —

Daß er den schrecklichen Dolch in die Hand des Sohnes gegeben?

Schwer, ach, büßte die Welt den Mord des Edeln: er bahnte

Furchtbarn Wüthrichen nur den Weg zu frecher Verachtung

Jeglichen Rechts. Und wurde nicht strenge Vergeltung den Mördern?

Brutus kannte die Ruhe nicht mehr; nicht erquickte der Schlummer

Mehr sein Aug’; auch wachend sah er Gespenster, und immer

Hört’ er die Wort’: „„Auch du, mein Sohn?““ in zermalmenden Tönen.“

Jetzt an dem Halbeiland, Karthago’s verödeter Stätte,

Wogten die Schiffe vorbei: beklemmende Schauer erfüllten

Jegliche Brust, und Stille herrscht’ am Bord und im Schiffsraum;

Eileten erst an dem Salzthurm hin: von der reichlichen Salzfluth

Also genannt, die im Schooß der thürmenden Mauer emporwallt,

Dann an dem Wasserthurm, deß’ silbernfluthende Kühlung

Auch aus dem fernen Gefild’ anlockt den dürstenden Wandrer.[39]

Aber unzähliges Volk rann fort am Gestad’, in der Rechten

Schwingend den Speer im Geschrei der wildauftobenden Kampflust,

Und schon sausten mit Donnergetös gewaltige Kugeln

Her von dem Strand; doch, so wie, im garbenbeladenen Wagen

Sitzend, die Schnitter fern’ im Gebirg den strömenden Regen

Schauen, mit lächelndem Blick, da im heiteren Glanze der Sonne

Sie von dem Aehrenfeld heimführen den Segen des Sommers:

So, nur lächelnd, ersah’n die Schiffenden, wie die Geschosse

Harmlos sanken umher, von den schäumenden Wogen verschlungen.

Doch, im Schooße der Bucht, die aus felsumstarreter Mündung

Eint vor Tunis den See mit des Meeres Gewässern, erhob jetzt,

Schimmernd im Morgenroth, ihr Haupt die Veste Goletta,[40]

Und einhelliges Jauchzen erscholl von den Schiffen: die Krieger

Sehnten sich lange nach ihr, dem Ziel’ unsterblicher Thaten.

Hoch in die bläuliche Luft aufragte die herrliche Festung,

Und in die Fluth, die, sanftergossen, im Schimmer des Morgens

Ruhete, sank ihr Bild, doch häuptlings hinunter zum Abgrund.

Jetzo schwankt’ es umher, da, erregt von den nahenden Schiffen,

Kräuselnd, der Wellenzug nach dem Felsengestade sich wälzte,

Und es ertönte zugleich der Feinde Geschrei aus den Mauern;

Aber der Kaiser rief nach Doria selber hinüber:

„Tapferer, send’ alsbald auf zwei leichtsegelnden Schiffen,

Wohlerfahrnen Führern gesellt, versuchtere Krieger,

Dort zu erspäh’n die Lag’ und die Stärke der Veste — zu finden

Günstigen Landungsplatz für den Reiter zugleich und das Fußvolk;

D’rauf erschalle der Donnerruf zur stürmischen Landung!“

Also geschah’s. Weit vorwärts bog sich der Mast, und die Wellen

Schäumten nach jeglichem Ruderschlag’, in kräuselnden Ringen,

Hinter dem eilenden Kiel. Wie zwei langhalsige Schwän’ oft,

Männchen und Weibchen, den silbernen Teich umrudern im Spätlicht:

Jetzt, annahend dem Strand, wohlduftende Kräuter zu pflücken,

Jetzo, kehrend zur Mitte des Teich’s, die schimmernden Furchen

Ziehen die Fluth entlang, und mit stolzergewölbeten Hälsen

Ihr Gefieder, wie Schnee, den Lüftchen des Abends entfalten:

Also erforschten die zween, bald nah’, bald ferne dem Meerstrand,

Jegliches so, wie zuvor der waltende Herrscher gebothen.

Hairaddin ging auf dem Söller der Burg, hoch über der Hauptstadt

Tunis, sinnend umher. Nicht die würzigen Düfte der Blumen

Ringsum schufen ihm Lust, nicht des Springborns holdes Gesäusel

Reizte sein Ohr: er starrte, die Hände zum Rücken gefaltet,

Stets mit trüberem Blick’ auf den glänzenden Estrich vor sich hin.

Wuth erfüllt’ ihm die Brust: denn Omrah, der Räuber Areny’s

War ihm genaht an dem Abend. Ihm Siegesverheißung zu bringen,

Sendet’ ihn Al-Mansor; doch sah er noch fern’ auf des Meers Höh’n,

Wie er dem Feinde, besiegt, hinsank mit all dem Geschwader.

Schnell erwürgt’ er im Zorn den jammerverkündenden Bothen.

Doch nun kam ein Sclav’, und rief, zur Erde sich beugend:

„Herr, die Christen sind da! Nicht nährt des ragenden Oehlwalds

Grund der Bäume so viel’, als feindliche Maste die See trägt.“

Hairaddin schnob vor Wuth: „Hinweg du feiger Geselle,

Eh’ dich mein Fuß zermalmt! Die Furcht erschuf dir die Gegner.

Hat ihr Schiff die Schwingen des Aars und die Sehnen des Straußes,

Der auf dem Sand hinfleugt, und den Preis auch dem hurtigsten Rosse

Raubet im Lauf? Nicht sollst du hinfort mir lügen: hinweg — stirb!“

Jener entfloh, und stürzte sich angstbetäubt in die Fluthen.

Hairaddin ging nun hastiger hin auf dem Söller; er kehrte

Nun ergrimmter zurück’, und sah lautknirschend zum Himmel.

Aber ein Zweiter begann: „Die Macht unzähliger Gegner

Wogt an dem Vorgebirg Buschatters in Eile vorüber.“

Und kaum war er entflohn, da kam ein Dritter, und sagte:

„Sinam kündet dir, Herr: fünfhundert feindliche Segel

Hab’ er gezählt von den Zinnen der Vest’, und nicht alle gezählt noch.

Nah’ an Goletta dem Feind die günstige Landung zu wehren,

Stehe versammelt das tapferste Volk; doch mächtige Scharen

Harren nur deines Geboths; du winkst: sie gehorchen in Demuth.

Sende daher ihm noch die erlesensten Krieger, daß jenes,

Minder an Zahl, nicht im Kampf’ erliege der feindlichen Mehrzahl.“

Hairaddin schrie: „Erliegen meinte der Feige? So meint er?

Eile, bescheide mir Giaffar her, den tapferen Aga.“

Jener gehorchte; doch Hairaddin sann, und rief in den Hofraum:

„Hört! Die Feldherrn all’ entbiethet ihr schnell nach Goletta;

Aber daß keiner verzieh’: denn traun, er würd’ es bereuen!“

„Wie,“ so murmelt’ er jetzt, ergrimmt, die Worte für sich hin,

„Wie, sie kommen heran, mir zu rauben das edelste Kleinod,

Tunis, dieß jüngst’ und theuerste Kind? Nicht Telmessan, nicht Algier

Acht’ ich so hoch ... Den Frevel büßen sie einst in Europa

Furchtbar, wo nicht der Greis, nicht das Kind in der Mutter verschont sey!“

Dann aufschrie er: „Mein Roß!“ Die Mauern des hohen Pallastes

Drönten hinab zu dem untersten Grund’, und die bebenden Sclaven

Taumelten durcheinander vor Angst. Der stattliche Läufer

Stand alsbald gesattelt im Raum des hallenden Thorwegs:

Glänzend schwarz, von Arabia’s edelstem Schlage; der Schneeschaum

Flog von dem blanken Gebiß, wie er nagt’ an dem Eisen, und rastlos

Scharrt’ in dem Sand; wie er schnob, und bald auf den hinteren Füßen

Stand, erhebend die vordern, und bald aufwiehert’, und ausschlug.

Aber den Feurigen hielt der Sclav’ am goldenen Zaum fest;

Streichelt’ ihm leise den Hals, und klopft’ an die Decke von Purpur,

Die den Sattel umhüllte, mit Gold und Perlen verzieret.

Hairaddin hob sich im kreisenden Schwung’ auf das Roß, und der Reiter

Hundert jagten ihm vor, so viele ihm nach, in dem Eilflug.

Fernhin tönte Geklirr’ und Getrab’, und es bebte der Boden

Unter dem stampfenden Huf’ — aufflog der flimmernde Sandstaub.

Jetzt durchbraust’ er voll Hast die eröffneten Thore Goletta’s,

Und erstieg den gewaltigen Thurm, der nahe dem Meerstrand,

Auch die Mündung des See’s von Tunis, erhöhet im Viereck,

Schirmt: denn landeinwärts, wohl vier gemessene Meilen

Dehnt sich der See, am Rand des Olivengehölzes zur Stadt hin.

Hairaddin rettete dort, besorgt, viel hundert der Schiffe

Noch; er hieß die Mündung des See’s mit lastenden Ketten

Sperren, und pflanzte Geschütz, Abwehr ersinnend, am Strand’ auf.

Jetzt erklomm er die Zinne des Thurms, und sah nach der Gegend,

Glühenden Blickes, hinab, wo unzählige Schiffe des Gegners

Deckten die schimmernde Fluth, und zwei vordringende Segler

Spähten: er sah’s, und finsterer Groll zernagte die Brust ihm.

Aber schon lang’ umflog, dem christlichen Heere Verderben

Sinnend, Muhamed ihn, und hoffte der Wünsche Gewährung,

Als er das Herz erwog des thatengewaltigen Mannes.

So wie im düsteren Flug, den Ohren nicht hörbar, die Nachtschwalb’

Ueber uns flatternd schwebt: so flog um Hairaddin jener,

Forschend, und sah ergrimmt, wie jetzt ihm der feindlichen Heersmacht

Furchtbare Schau das Herz erfüllte mit nagendem Kummer.

Leise dem Ohre genaht des Sinnenden, sprach er ihm Muth ein:

„Solltest du beben, Hairaddin, du, ruhmwürdiger Krieger,

Deß’ zermalmender Kraft die Völker erzittern? Nicht denkst du:

Wer das Eine nur will, fest will, der wird es erringen?

Heiß den Wurfschütz dort vernichten den feindlichen Späher,

Der tollkühn vordrang, und erreg’ in der hohen Versammlung

Deine Feldherrn. Horch, dieß kündet der große Prophet dir!“

Alsbald stieg, der muthempörenden Worte gedenkend,

Jener die Stufen herab, und eilte hinaus nach dem Walle,

Wo der Wurfschütz saß, und gehäuft die Donnergeschosse

Lagen, unferne dem ehernen Schlund. Mit Zorn in den Blicken

Und in dem Laut, rief er den bombenwerfenden Söldnern:

„Memmen ihr! Auf trüglicher Fluth, die Freunden und Feinden

Willig den Rücken beut, erblickt ihr die feindlichen Späher:

Wie sie erkunden die Furt, die Macht und die Schwäche der Mauern,

Euch, ihr Feigen, zur Schmach. Zertrümmert mir eines der Schiffe —

Jenes gleich, das dort vordringt, mit euren Geschossen.“

Alle zugleich, gehorchend dem zürnenden Herrscher, erhoben

Brennende Lunten, und senkten sie schnell an des furchtbaren Mörsers

Zündrohr. Rauch quoll auf, und, durch Rauch und Flammen sich hebend,

Flogen mit Donnergetös’ empor die entsetzlichen Bomben,

Fünfzig Mörsern entsandt, und Geheul des reißenden Luftraums

Scholl weit hin: die sinkenden wühlten vom Grunde das Meer auf,

Das, aufbrausend, schäumt’, und wirbelnde Wogen umherwarf.

Eine gewaltige Todeslast zerschmetterte Benno’s

Fahrzeug. Wie in der Jahr’ umkreisendem Lauf sich ein Felsblock

Still losreißt von dem Gipfel des Berg’s — alsbald in den Abgrund,

Laut, mit Gekrach, herrollt, und unten die dürftige Hütte,

Schmetternd, begräbt, daß weder die Spur der armen Bewohner,

Noch der Hütte sich weist’: denn Alles versinkt in dem Steinwust:

Also vernichtete hier die entsetzliche Bombe den Helden

Benno mit allem Volk’. Ach, vier unmündige Kinder

Ließ er in Genua’s Mauern daheim mit der weinenden Mutter!

Dort, in dem Heldenverein die schwankenden Bretter besteigend,

Drückt’ er noch einmal die Hand der zärtlichbekümmerten Gattinn,

Abgewandten Gesichts, daß selbe die Thränen nicht sähe;

Aber den Kindern, die ihm umfaßten die Kniee, verhieß er

Baldiges Wiederseh’n, und köstliche Gaben des Ostlands;

Doch nicht sollt’ er den Tag erblicken der fröhlichen Heimkehr,

Nicht die Kinderchen mehr, nicht die liebenswürdige Gattinn:

Denn ihn deckte die Fluth mit dreißig tapfern Gefährten.

Aber im Nebenschiff’, umhagelt von Todesgeschossen,

Floh Ulloa zurück, der Spanier, ähnlich dem Schwan dort,

Der, als, schmetternd, ein Ball ihm das Weibchen entriß auf dem Schilfteich,

Einsam flieht: sich fern’ im dunkeln Geröhre zu bergen.

Hairaddin jubelte; warf handvoll des schimmernden Goldes

Unter die Schützen, und ging, in der räumigen Halle die Feldherrn

Anzufeuern zum Todeskampf. Sie spornten die Rosse

Blutig im sausenden Ritt: wohl kennend den schrecklichen Herrscher,

Und betraten die Hall’ in drängender Hast und Verwirrung.

Erst kam Sinam, der Jud’. Entschlummert am Strande des Meeres,

Lag er in Smyrna, als Jüngling noch: da raubt’ ihn, gelandet,

Sahir, der wilde Korsar, und zwang ihn, ein Räuber zu werden.

D’rauf vertauscht’ er, als Mann, des Moses für Muhameds Lehren,

Nur für baaren Gewinn. Stets blieb er ein Jud’ in dem Herzen,

Schlauen Verkehrs. Doch füllt’ ein seltener Muth ihm den Busen

So, daß er bald durch Kunde des Kriegs, auf der blutigen Laufbahn

Schätze errang, und ihn Hairaddins Blick erkor zum Gebiether

Seiner erlesensten Schar. In staunenerregender Hoheit

Trat er heran; ihm floß der Bart, gleich silbernen Wellen,

Tief in den Busen herab, und Ernst umhüllt’ ihm die Augen.

Dragut kam, der Kilikier, der, ein Schrecken der Gegner,

Nur der „Satanbändiger“ hieß im Munde des Volkes.

Stets in dem schwarzen Gesicht, dem häßlichen, dreht’ er die Augen,

Spähend, umher, und nagt’ an seinen gedunsenen Lippen,

Heimlichen Grimms, der auch an der zuckenden Wange sich kund that.

Doch nun füllt’ ihm die Brust noch heißere Wuth: für Mathilden

Kam er entbrannt daher, Toledo’s herrlicher Gattinn,

Die dem edeln Gemahl, mit der himmlischreinen Gesinnung,

Treu bis zum Tod, des Wüthrichs Gier gewahrte mit Abscheu.

Ihm nachschritt der Bascha von Laodikea, Tobukes,

Der das Fußvolk lenkt’ in dem Heer’. Er haßte den Herrscher,

Hairaddin, da er ihn minder geehrt als Sinam, und er war’s,

Der ihm ersiegte den Thron von Algier in blutiger Feldschlacht.

Rache kochte sein Herz; doch treu dem falschen Propheten,

Nahet’ er jetzt, entschlossen die christlichen Völker zu tilgen.

Salek brauste herein, der Ionier, der in der Heer’smacht

Hairaddins reisigem Volk’ obherrscht’. In Syriens Wüsten

Lenket’ er einst, als Scheik, raubsüchtige Horden, und häufte

Fülle des Golds, Karavanen plündernd unseliger Pilger.

Wohl, in dem heimlichen Ueberfall die Feinde zu morden,

So wie im Grauen der Nacht Verwirrung zu schaffen, und Jammer,

Hatt’ er gelernt, und Hairaddin rief den Kühnen zum Kampf’ auf.

Aber auch Giaffar kam, der Aga der Janitscharen,

Stattlichen Gangs. Die flammenden Augen erhellten sein Antlitz,

Das ihm die Herzen gewann, voll blühender, männlicher Schönheit.

Spielend, ein Ries’ an Kraft, vermocht’ er des brüllenden Stieres

Haupt, mit dem sausenden Stahl’, auf einmal vom Rumpfe zu hauen;

Oder er faßt’ ihn am Horn, erhob ihn, und warf ihn zu Boden:

Tobt’ er auch noch so ergrimmt. Er griff in die Speichen des Rades,

Rollte der Wagen dahin, von feurigen Rossen gezogen —

Stand, und hemmte das rollende Rad, und hemmte die Rosse:

Dennoch war er so mild, als tapfer- und edelgesinnet.

Jetzo mit Abu-Sa-id, dem Scheik arabischer Reiter,

Trat in den Saal der landesgebornen Numiden und Mauren

Feldherr, Muhamed Temtes: voll List die freundlichen Mienen

Heuchelnd: denn glühenden Haß, dem Türkenvolke geschworen,

Nährten die beiden mit ihrem Volk’ im verschlossenen Busen.

Rechts, in der Ecke des Saals, dem Ehrensitz für die Moslems,

Setzte sich Hairaddin nun, mit untergeschlagenen Beinen,

Auf den schwellenden Pfühl, und um ihn, auf gebreitetem Teppich,

Saßen die Feldherrn all’, ihm dort aufhorchend in Demuth.

Eh’ er begann, durchfuhr sein Flammenauge den Halbkreis,

Forschend in jeglichem Blick’, und der Kühnst’ erbebte dem Furchtbar’n.

Jetzt durchwühlt’ er den röthlichen Bart, tiefsinnend, und jetzo

Faßt’ er des Tulbands Bund, des Kaftans glänzenden Zobel;

Doch nun ruhte die Link’ an des Säbels goldenem Griffblatt —

Ruhte die Recht’, auf den Schenkel gestützt, und also begann er:

„Ehre dem einigen Gott, Ruhm sey dem großen Propheten!

Gott, der Gläubige schirmt, Ungläubige schnell in den Staub wirft,

Wie, herbrausend im Donnersturm, der prasselnde Hagel

D’raußen im Saatenfeld die wogenden Halme zerschmettert,

Hat nun eurem entsetzlichen Schwert den mächtigsten Fürsten

Unserer Gegner, am Bord viel hundert gerüsteter Schiffe

Nahe gebracht, und ihn der Rache zum Opfer erlesen:

Denn so will der Prophet sein Volk, nach seiner Verheißung,

Jetzt verherrlichen, so schlug er den Gegner mit Blindheit:

Daß er den Angriff wag’ in diesen gefürchteten Monden,

Wo in des Himmels Gluth auch die Landesgebornen verschmachten?

Und ihm erläge der Fremdling nicht in der lastenden Rüstung?

Sprech’t, wie soll dieß feige Geschlecht, im Sande versinkend,

Halten im blutigen Kampf die hochgepriesenen Reihen?

Wie begegnen zugleich den Säbeln der Janitscharen

Und dem mordenden Stahl der Araber, Mauren, Numiden,

Welch’ im Grauen der Nacht, in der Helle des Tages ihn drängen?

Wir ersiegen uns bald ein unvergängliches Denkmaal

Heldenruhms, wenn Carl, der größte der Christenbeherrscher,

Büßend die Kühnheit, mit seinem Heer’ in Stücke gehau’n wird,

Oder, als ein Gefangener, uns erliegt auf dem Schlachtfeld.

Hebe dich, Abu-Sa-id! Dir folg’ auch Muhamed Temtes:

Eil’t, und verkündet den Euren, ein jeglicher freudigen Aufrufs,

Daß sie, der Beute bedacht, zum entscheidenden Kampfe sich rüsten!“

Aber die beiden erhoben sich schnell, und Muhamed Temtes

Sprach, sich beugend zuvor, mit demuthheuchelnden Blicken:

„Er, der Himmel und Erd’ erschuf, verläng’re dein Leben

Fern’ in die kommende Zeit. So wie die Sterne des Himmels,

Wie der Sand an dem Meer, sey deiner Erzeugten Erzeugung,

Und es erfülle dein Ruhm die fernsten Räume des Weltalls!“

Jen’ enteilten, und Hairaddin sprach: „Wohl kenn’ ich die Falschen.

Trugvoll ist ihr Gemüth, und keines ausharrenden Muthes,

Fähig ihr Volk, das unzählige, das, uns feindlich gesinnet,

Nur durch Verheißungen großen Gewinns zum Heere gelockt ward.

Aber uns ziemt: die Krieger Suleymans, des Prächtigen, Großen,

Welchem die Erde sich beugt, uns ziemt die Heldengesinnung,

Kämpfend mit eisernem Muth’, ihm hier zu erhalten die Herrschaft,

Und zu erhöhen den Ruhm der Söhne des großen Propheten.“

All’ aufschrie’n, das Schwert von der Hüfte sich reißend, und riefen:

„Gott ist Gott, und Muhamed sein erhab’ner Gesandter:

Hairaddin sey die Treu’ und dem Feinde die Rache geschworen!“

Froh des dräuenden Schwurs, begann jetzt Hairaddin wieder:

„Sinam, dir werde Goletta vertraut, dieß herrlichste Kleinod

Unseres Reichs, und ruhig schlummr’ ich, weil dir es vertraut ward;

Dragut, Unwiderstehlicher, dir gehorche des Heeres

Vorderzug, und dir, Tobukes, dem Schrecken der Gegner,

Freudig, des Fußvolks Macht; doch du, Reih’nbändiger, Salek,

Lenke die Reisigen kühn zum Sieg’! Ich führe den Nachzug.

Sammelt die Scharen, vom Strand zu entfernen des Feindes Geschwader,

Oder sogleich die Gelandeten dort zu erwürgen: denn wißt es:

Wer sich zuerst die Stirn’ umflicht mit dem Lorber des Sieges,

Raubet oft dem Besiegten den Muth in dem Felde für immer!“

Aufsprang Dragut, und rief mit lautumschallender Stimme:

„Ha, nicht wehre dem Feind die kühnbeschlossene Landung:

Leicht entflöh’ er uns heut, geschreckt, auf dem rettenden Schiff noch!“

„Eitele Furcht,“ sprach Hairaddin, „o, dem christlichen Herrscher

Schlägt ein tapferes Herz in dem Busen, und eiserner Starrsinn

Drängt ihn fort auf erkorener Bahn: ihm wird er erliegen!“

Jetzt erhob er sich rasch, und ging, sich in Eile zu rüsten;

Aber die Feldherrn all’, enteilten in’s lärmende Lager.