Regulus schwebte herbei: er sann den Sclaven der Hochburg,

Rettend, zu nah’n, und ließ in der wimmelnden Straße von Tunis

Sich im Fluge herab. Da saß vor Draguts Behausung

Hugo, und weinte vor Schmerz. Ihm war die Kunde gekommen,

Freudig und furchtbar zugleich: daß heute der Kaiser mit Heer’smacht

Vor Goletta erschien, und wie nun befreien Mathilden,

Listig umstellt von Draguts stets auflauernden Spähern?

Regulus haucht’ ihm, genaht, alsbald den tröstenden Rath ein:

„Treugesinnter, du weinst, und weißt nicht, die Gattinn zu retten

Ihrem Gemahl? Wohl kam er heran, dem heiligen Aufruf

Folgend des Vaterlands, und folgend dem Rufe des Herzens:

Hier in dem Kampf, voll Muths, zu ersiegen die liebende Gattinn.

Such’ im Olivengehölz den einsamlebenden Fischer,

Der, ein Christ, der Heimath entfloh, wo ihm Jammer zu Theil ward.

Viele der Höhlen sind dort, einst Gräber berühmter Geschlechter,

Als Karthago’s Ruhm noch erfüllte den staunenden Erdkreis.

Dort um die Mitternacht, in eine derselben geborgen,

Möge Toledo sie wiederseh’n in beglückender Freiheit.“

Schnell erhob sich der Greis, und flehte, mit thränenden Augen

Schauend empor, um des Himmels Huld: in der That zu vollbringen,

Was ihm so wunderbar vorschwebte — die Rettung Mathildens:

Denn er kannte schon lang den menschenfeindlichen Fischer,

Der am Strande des See’s, umschattet vom säuselnden Oehlwald,

Wohnt’ in der Grabes-Höhl’, und die Beute der Netz’ und der Angeln

Ihm feilboth vor den Thoren der Stadt am dämmernden Abend.

Jetzt gewann er die Höhl’ auf seltenbetretenen Pfaden,

Keuchend vor Hast, und sah in des Eingangs Felsenumwölbung

Liegen auf dürrem Moos’ den unglückseligen Fremdling.

Drüben im Frankenland, von edeln Geschlechtern entsprossen,

Sah in des Lebens aufdämmerndem Strahl der treffliche Jüngling

Blühen holdselig die Braut, die liebende; preßte den Freund auch,

Treu und warm an die Brust, und jauchzte dem zweifachen Segen.

Siehe, da rief ihn das Vaterland in den Kampf, und er folgte

Freudig dem Ruf! Doch, als er nach Jahren, mit ehrenden Narben —

Lohnenden Kränzen geschmückt, heimzog im Kreise der Tapfern,

Trat im festlichen Zug die Braut an der Seite des Freundes

Froh zum Altar’. Er eilt’ aus dem brausenden Jubelgedräng weg,

Fern in der neuern Welt ein Grab und den Frieden zu suchen.

Doch auf Siciliens Meereshöh’n von Korsaren gefangen,

Ward er nach Tunis geschleppt, und ein Räuber schenkt’ ihm die Freiheit,

Ehrend sein Jammergeschick, zum Hohne des schändlichen Undanks.

Tief in der Brust den finsteren Menschenhaß und der Heimath

Abscheu nährend, erkor er ein Grab zu seiner Behausung.

Jetzt ihm genaht, sprach Hugo mit herzerschütternder Stimme:

„Kurd dein Nahm’, Unglücklicher? Ha, nicht gabst du des Korans

Täuschung dich hin, ein Christ! D’rum wird, wie schmachtende Fluren,

Säuselnd, der Regen erquickt, Mitleid mit himmlischer Wonne

Laben dein blutendes Herz, und Gott, der über uns waltet,

Allerbarmend, Lohn und Frieden dir geben. Vernimm jetzt

Größeres Wehe denn dein’s. Geraubt dem tapfersten Helden,

Schmachtet sein edles Weib in Draguts grauser Gewahrsam.

Kennst du nur eigenes Leid? Rechtfertige, Mensch, mit Ergebung

Duldend, vor deinem Geschlecht die dunkelen Wege der Vorsicht,

Neig’ auch fremdem Jammer dein Ohr, und den eig’nen versüße

Mitleid dir! Denn, horch, auf dem Meer mit unzähligen Schiffen

Kamen die Christen heran, zu strafen den Räuber, und siegend

Ihm zu entreißen den Herrscherthron, der Hassan geraubt ward.

Bald erschallt Sieg’sruf — erschallt geretteter Menschen

Jubelnder Dank. Zieh’ hin in das Lager der Brüder, zu treffen

Dort Toledo, und sprich: „Wenn uns an dem Himmel der Vollmond

Strahlt, da rettet in Grabesnacht ihm Hugo die Gattinn,

Und du lenke den Liebenden her zur Höhle des Waldes.“

Jener regte sich nicht, und starrte hinab in die Fluthen,

Aehnlich dem Felsenriff, das starr aufragt an dem Meerstrand.

„Kurd,“ so sagte der Greis, „entfernt zehn Jahre der Trauer

Bist du vom Vaterland; vergeudet wurde dein Erbtheil:

Dürftig kommst du zurück’, ein Bettelnder unter den Deinen;

Sieh’, er spendet, willfahrest du ihm, dir Goldes die Fülle,

Dankbargesinnt, und freudig erblickst du die heimischen Fluren!“

Aber noch finsterer starrete Kurd: da umschlang ihm der Greis dort,

Weinend, die Knie’, und rief mit leis’erbebender Stimme:

„Hast du geliebt? Wie solltest du nicht, verstummender Dulder!

Jammert die Gattinn nach dir? Welkt’, ach, die Geliebte dir früh hin?“

Jetzt aufriß sich vom Boden der Mann, der schrecklich geschwiegen,

Taumelte wild umher, als sollt’ er den Flehenden morden.

Dennoch konnt’ er nicht, tieferregt, von den Thränen des Greises

Mehr verwenden den Blick, und die ewige Huld, die, erbarmend,

Lenket des Menschen Sinn gleich fluthenden Bächen, zerschmolz ihm

Nun durch Thränen das Herz, das, qualenbelastet, erstarrt war,

Und ein glänzender Strom quoll ihm aus den Augen; er faßte

Hugo’s Recht’, und sprach: „Du siegtest; ich stehe bereit dir.“

Aber der Greis entfloh, von der Wonne der Rettung beflügelt.

Sechster Gesang.

Siehe, schon war die Stunde der heißersehneten Landung

Jetzt an dem Abend genaht; schon rief, vom Borde Karthago’s,

Schimmernd, die Kaiserflagge zum Kampf! Von dem Zug’ an den Küsten

Kehrte Ulloa zurück’, ein Trauernder, ob des Gefährten,

Der, mit dem Schiff’ in den Grund gebohrt, dem Heere geraubt ward.

Selber bewegt, rief doch den am Bord versammelten Feldherrn,

Wo er des Angriffs Weise berieth, der Kaiser, erheitert:

„Jetzo, das Höchst’ im Blick, laßt uns die Trauer beherrschen,

Die uns die Brust erfüllt — jetzt muthig und rasch an die Landung!

Gegen Zafrano hinaus, an der Meer’sbucht östlichem Saum hin

Schiffen, den Feind zu täuschen, wir erst; dann, kehrend im Eilflug,

Bleib’ uns zur Linken der Wasserthurm, zur Rechten der Salzthurm:

Wir erringen das Ziel, wo Ulloa erspähte die Anländ.

Segen mit euch im schrecklichen Sturm und Drang der Entscheidung!“

Jen’ enteilten. Ihm trat, voll demuthheuchelnden Mißtrau’ns,

Muley Hassan entgegen im Raume des Schiffs, und begann so:

„Herr, dich dränget dein Herz in den Kampf! Der Weltenerschaffer

Gebe dir Ruhm; doch soll ich, indeß du im Felde dich abmühst,

Müßig weilen am Bord? Gewähre mir eines der Schiffe,

Das mich schnell nach der Meeresbucht von Kabesch, dem Städtchen

Führe, wo mir, zum Trost, die tapfern Bewohner noch treu sind,

Auch das kühne Gebirgsvolk dort schon harret des Aufrufs:

Abzuschütteln das Joch von Hairaddins grausamer Herrschaft.

Dorther schaff’ ich dir bald Hülfsvölker, und schaffe dir reichlich

Mundvorrath für das Heer, das solchen entbehrt in Karthago’s

Wüstem Gefild, wenn fern des Krieges ersehnetes Ziel winkt.“

Sagt’ es mit scheuverwendetem Blick’. Ihm entgegnete jener:

„Hassan, du bebst, und starr’st umher im zweifelnden Mißtrau’n?

Fasse nur Muth! Gleich soll das schnellhinsegelnde Schiff dich

Führen nach Kabesch hinauf; dann kehr’ im Glücke mir wieder.“

Also der Kaiser, und sah dem raschenteilenden Fürsten,

Sinnend, nach: er hatt’ ihn errathen. Doch jetzt ihn zu rüsten

Trug ihm mit heiterer Stirn’ Ernest, der grauende Reiter,

Den der herrliche Max, sein ruhmvollthronender Vorfahr,

Liebte mit Vaterhuld, das treffliche Schwert und die Spornen,

Auch den Harnisch und Helm aus dem hüllenden Schranke herüber.

Silbern strahlte die Wehr’, umrändert mit goldenem Laubwerk,

Ihm von der Brust; hell blitzte der goldene Kamm von dem Helm her,

Deß’ stahlblinkendes Dach kein damaszenischer Säbel

Je durchhieb’, und das Schwert umfaßte des Wehrgehängs Purpur,

Funkelnd von Perlenreih’n, und blitzend in Edelgeschmeides

Wechselndem Farbenglanz. So stieg er, gerüstet, zum Bord’ auf.

Dort entblößt’ er den Stahl: ein Ruf erscholl aus dem Schiffsraum,

Donnernd rings in dem Busen des Meers. Wie am glühenden Mittag

Wetterschweres Gewölk’ auffleugt: da regt sich kein Lüftchen;

Brüllend kehren die Heerden heim; die kreischenden Vögel

Flieh’n zum Gehölz’, und es fährt die häusliche Schwalb’ in dem Hofraum,

Wechselnden Fluges, umher, dem Boden nah’, und die Lachen

Streifend mit fächelndem Fittig — der Mensch, im Busen beklommen,

Stehet verstummt; doch jetzt aufblitzet es, kracht es herunter:

Flammen entprasseln dem Dach’, und fernher sauset der Hagel:

Also die Stille zuvor, eh’, landunggebiethend, der Aufruf,

Donnernd, erscholl, und d’rauf, wie ein Strom entstürzet der Schleußen

Weiteröffnetem Thor’, und Wogen auf Wogen sich drängen:

Also strömten vom hohen Verdeck’ in die flachen Galeeren

Drängende Scharen herab, und ordneten schnell sich in Reihen,

Während der Reiter das Roß festhielt an dem Zaum: denn gewahrend

Drüben das Land, umtobt’ es im Raum des engenden Fahrzeugs.

Gegen Zafrano hinaus, dem spähenden Feinde zur Täuschung,

Strebten sie erst, und eilig dahin entsandt’ er die Horden

Seines Volks: da flog an dem fernen Gestade der Staub auf

(Aehnlich dem Nebel, der, nach dauerndem Regen des Herbstes,

Dicht am Gebirg fortwallt) durchblitzt von den Waffen der Krieger,

Und verwirrtes Getös’, und Geschrei, und das Wiehern der Rosse

Brausete laut von der staubverhülleten Küste herüber.

Wieder ertönt’ ein donnernder Ruf vom Borde des Kaisers:

Siehe, und dieser galt, zum Sturm’ aufbiethend die Krieger!

All’ aufschrie’n zugleich vor jubelndem Muth’, und, die Seiten

Wendend, flogen vereint die Galeeren zum herrlichen Ziel hin.

Von den Rudern gepeitscht, aufschäumte das Meer, und der Fahrwind

Saust’ in dem Segelgewölk der dichtnachfolgenden Schiffe.

Solches gewahrend, sandte der Feind unzählige Kugeln

Von dem fernen Gestad’ und den Wällen der Veste Goletta.

Schrecklicher Donner erscholl. Doch als die Gegner, dem Salzthurm

Nah’, vorstürmten im eilenden Lauf: da wendete blitzschnell

Wechselnd, der Steuermann die räumigen Seiten des Schiffes

Nach dem bevölkerten Land. Sie spie’n aus flammenden Schlünden,

Wie der Hagel prasselt, und saust, die Saat des Verderbens,

Brüllend, hinaus: von nah’ und fern aufbrannten die Hütten,

Und des Feindes Geschütz lag rings, vernichtet, im Staub dort;

Seine Horden entfloh’n, und Goletta’s Donner verstummte.

Dreimal die Länge des Manns, schied noch ein Raum die Vereinten

Von dem Gestad’, als Deutschlands Volk,[41] den ragenden Speerschaft

Senkend hinab in den Grund, im sausenden Schwunge der Glieder,

Allen zuvor, den feindlichen Boden errang, und es wähnten

Dort die Krieger noch lang’: es schwanke der Boden, und weiche

Unter den Füßen zurück. Rasch hüpften die muthigen Rosse

Nach dem Strande hinaus; der sandigen Bahn sich erfreuend,

Hüpften, und sprangen, und schlugen sie aus, und wieherten laut auf.

Scharen auf Scharen entstiegen dem Bord’, und bedeckten das Ufer

Weitumher, wie im Morgenwind’ aus tieferen Thälern,

Kräuselnd, der Nebel sich hebt, und des Bergs Abhänge verhüllet.

Doch nun trat im schimmernden Waffenschmucke der Kaiser

Freudig an’s Land, und hob sich im kreisenden Schwung’ auf das Streitroß,

Das, von erles’nem Blut und Geschlecht’, und herrlich gestaltet,

Auf Andalusiens blühender Flur, freiweidend, heranwuchs.

Als er, die Reihen entlang, hinflog auf dem schnaubenden Rosse,

Tönte Gejauchz’ ihm nach; er rief den Geordneten also:

„Krieger, wir stehen auf Feindes Land, wo herrlich des Ruhmes

Laufbahn glänzt, und Gott uns ruft zur Christenerrettung!

Schweben die Sieg’ euch vor entschwundener Jahre? Gedenk’t ihr

Eures errungenen Ruhms, nicht harrend entflammenden Aufrufs

Tapfer zu seyn? Ihr denkt’s: denn Muth in den glühenden Augen

Seh’ ich, der nur vorwärts strebt, und voll Todesverachtung

Lächelt im brausenden Sturm der Donnergeschosse. Nur haltet

Eisern auf Mannszucht stets, und auf Ordnung. Wer solche verschmähet,

Schafft Unheil sich selber, und schafft dem Heere Verderben.

Ha, schon nahet der Feind! Jetzt vor: in geschlossenen Reihen

Greift die Unzähligen an, und erringt euch herrlichen Siegsruhm!“

Sagt’ es, und hieß nun links und rechts die Flügel des Heeres

Rasch vorgeh’n, und eilen, gesondert, des Vorder- und Nachzugs

Ordnungen, er in der Mitte zugleich mit dem tapferen Guasto,

Ueber Hispania’s Volk, und Oestreichs Scharen gebiethend.

Siehe, den Vorderzug, der tausend tyrolische Schützen

Zählete — sie, vor allen geübt, das Schwarz’ in den Scheiben

Und in dem Busen das Herz aus dem schmetternden Rohre zu treffen,

Führete Lichtstein vor, und es folgten ihm, leuchtenden Blickes,

Tausend Reiter, Bohemia’s Söhn’, in Eisen gehüllet;

Aber das Fußvolk, das in dem Heere das Leichte benennet,

Und aus den Reih’n der allvereinten Völker erwählt war,

Rief Toledo in’s Feld: fünftausend erlesene Krieger.

Links an dem Flügel des Heers, Lusitania’s Krieger und Flanderns,

Einend, schaltete Ludwig, der Held, und zehenmal tausend

Krieger zu Fuß gehorchten ihm. Rechts, an der Zahl und an Kampfmuth

Gleich, gehorchten Alarkons Ruf Italia’s Völker.

Diesem zur Seit’, entboth dreitausend geharnischte Reiter

Alba zum Kampf’, und, jenem gesellt, beherrschte der Sprößling

Hunyadis, gleich an der Zahl, roßtummelnde, kühne Magyaren.

Aber im Nachhalt stand, mit dem tapfern Mendoza, der Ritter

Edele Schar, und zugleich den Blick auf den Heldengebiether,

Eberstein, gerichtet, der Hauf’ gewaltiger Deutschen.

Jetzo mit Allah-Geschrei und wildauftobender Mordgier

Nahte der Feind, und Staub quoll auf. Wie im Laufe des Lenzes

Hoch im Gebirg’ ein Brand durchwüthet die Waldung: da glimmt nur

Dunkel die Gluth aus dem saftigen Holz, nur qualmender Rauch steigt

Auf in die bläuliche Luft: so umhüllte der Staub die Umgegend.

Dragut jagte die Scharen heran. Voll glühender Mordlust

Sah er nur Feindes Blut, und dachte, die landenden Haufen

Schnell zu erwürgen im Kampf; doch jetzt, die Geordneten schauend,

Saß er erstarrt, und stumm in dem Sattel: ihm stockte der Odem.

Dann aufstöhnet’ er laut, und rief zu den folgenden Scharen:

„Mußte sie heute so bald entflieh’n die neidische Sonne,

Uns nicht gönnend den Ruhm, des Feindes verächtliche Haufen

Schnell mit würgender Hand vom Antlitz der Erde zu tilgen?

Aber sie schaue noch hier mit den letzten, verlöschenden Blicken

Unseren Sieg, und die Erde, von feindlichem Blute geröthet.“

Und er entriß alsbald dem Numidier, fluchend, den Bogen,

Zielte, und schoß: da schwirrte der Pfeil in der sausenden Luft hin,

Und durchbohrte die Brust Waldsteins, des tapferen Feldherrn,

Der aus den Mauern Prags, Bohemia’s glänzender Hauptstadt,

Kühn in den Kampf auszog, und daheim die Mutter und Gattinn,

Jammernd, verließ. Sie harren, und schau’n durch quellende Zähren

Oft nach der Straße hinaus, die er ging, und harren vergeblich

Freudigen Wiederseh’ns: ihn decket die Erde von Tunis.

Seitwärts sprang sein Roß, und er sank, festhaltend den Zaum noch,

Häuptlings hinab, und färbte mit glühendem Blute den Boden.

Draguts Hohngelächter erscholl; zu den Seinen sich wendend,

Rief er grimmig: „Seht, der Himmel verkündigt den Sieg uns,

Der die mordende Spitze gelenkt! Ein feindlicher Führer

Schläft dort, blutend, im Staub’, und wird wohl nimmer erwachen.

Ha, nichts sehnlicher wünschte mein Herz, als alle mit einmal

Also vernichtet zu schau’n, daß keiner entrönne dem Tod hier!“

All’ aufbrüllten zugleich: Numidier, Mauren, und Türken;

Schwangen den ragenden Speer, und tummelten feurige Ross’ um.

Dicht, wie Flocken des Schnees herstürmt der heulende Nordwind,

Flog ihr Geschoß: hellschwirrende Pfeil’ und schmetternde Kugeln,

Sausenden Lanzen vermengt. Da fiel in den Reihen des Vortrabs

Mancher der Männer — es wälzten sich blutende Ross’ in dem Staub dort.

Doch schon brauste mit reisigem Volk’ und verhängetem Zügel

Lichtstein hin, um mächtiger, vorgebeugt aus dem Sattel,

Einzuhau’n, links, rechts, in die wimmelnden Haufen, und Haufen

Sanken in Ströme von Blut. Tyrols kampfrüstige Schützen,

Mit Toledo’s erlesener Schar den Reisigen folgend,

Eilten im Sturmschritt vor, und feuerten rasch in die Reihen

Tödliches Blei: nun einzeln, dann vereint, im Gekrach, hin.

Hunderte stürzten, und jetzt, ergriffen von Angst und Entsetzen,

Wandte den Rücken der Feind: er floh in dem stäubenden Feld fort.

Bald schied unabsehlicher Raum die Streitenden. Guasto,

Nahend dem Herrscher voll Hast, erhob die warnende Stimme:

„Schnell entfloh der Feind; doch wie, so er, sinnend auf Unheil,

Uns zu erlauern im Hinterhalt, den Rücken uns wendet?

Hemme des Vortrabs Lauf, und gebiethe des Lagers Umwallung,

Da noch Rogendorf an dem Strand des Meeres sich abmüht,

Auszuschiffen die Wucht des ehernen Donnergeschützes,

Auch die dunkele Nacht, gefahrendräuend, herabsinkt.“

Also der Greis, und Gewährung ersah er im Auge des Kaisers.

Einer der Herolde, die, rittfertig, und stets an der Seit’ ihm

Harrten des Winks, hinüber, herüber zu jagen im Schlachtfeld,

Eilt’ im Fluge hinaus, und rief sein „Halt!“ an die Scharen,

Die, an die Stelle gebannt, zugleich dem Worte gehorchten.

Drüben auf schmählicher Flucht riß Dragut den schnaubenden Läufer

Plötzlich am Zaum, daß er, lautaufstöhnend, sich bäumt’, und zurück sank.

Attila war ihm genaht: es reizte der schreckliche Krieger

Ihn, den Schrecklichen einst, und noch erbebt’ er vor Ingrimm,

Daß er, des sterblichen Leibes beraubt, nicht lenkte die Feldschlacht

Mehr, nicht Gemetzel geboth, und gräßliche Länderverheerung.

Leise haucht’ er ihm jetzt an die Seele den schmähenden Vorwurf:

„Dragut, du fliehst, nicht erwägend den Ruhm des entschwundenen Lebens,

Nicht die Worte voll Muths und glänzender Siegesverheißung?

Kehr’ in Eile zurück: so folgen die fliehenden Scharen

Schamerfüllt, dir alle; wo nicht, so suche dir selber

Ruhm in dem einzelnen Kampf. Vielleicht gelingt es dir heut noch,

Glücklich bewahrt, hier deinen ergrimmtesten Gegner zu tödten.“

Als er des Geisterruf’s erregende Laute vernommen,

Wüthete Dragut noch mehr: er spornte den fliehenden Haufen

Oft sein Streitroß vor, und trieb noch diesen und jenen,

Scheltend, zurück’. Ihm horchte der Maur’ und muthige Türk nur:

Denn der Numidier floh g’en Tunis in Eile hinüber.

Sieh’, oft naht in dem Feld der Furcht erstarrendes Schreckbild

Nur dem Feigen: er wankt; dann fleugt es vom Gliede zum Glied hin,

Und der Tapfere wankt mit dem Feigen: sie wenden den Rücken

All’, und entfliehn. Wie fern auf dem Meere der brausende Sturmwind

Wogen auf Wogen wirft, und Schiff’ an Schiffen zerschmettert:

Also stürzen sie fort, verderbend, und weder des Führers

Scheltender Ruf, noch Strafe dereinst hemmt jetzo die Flucht mehr:

Denn unbändige Furcht ergriff die ausreißenden Scharen.

Aber so weit wie ein Ball, vom schmetternden Rohre geschleudert,

Fleugt, schied drüben ein Raum nur mehr Toledo’s und Lichtsteins

Krieger vom Feind’, als Dragut, von starrendem Staunen gefesselt,

Hemmte das feurige Roß. In fest geschlossenen Reihen

Harrten die Christen sein, und der zahllosen Scharen, und standen

Ruhigen Blicks. Da rief er die schmähenden Worte herüber:

„Seh’ ich vor Todesfurcht in Stein verwandelt die Helden?

Kommt, wenn Einer es wagt, ja zehen, und dreißig, und fünfzig,

Gegen mich anzukämpfen im Feld, wie dort auf Granada’s

Flur mein Volk, der Rittersitte wohl kundig, mit euch focht,

Eh’ uns Verrath und Uebermacht Hispania’s Herrschaft —

Fluch dem Frevel, entriß! Nun kommt, mir werde der Ruhm dann:

Keiner obsiegte der Macht des Satanbändigers Dragut!“

Schon aufbrauste zuvor des Prahlers Worten Toledo’s

Heldenbrust; doch, als ein Nahme von drüben heran scholl,

Welcher der schrecklichst’ ihm war, und verhaßteste aller auf Erden,

Da hielt er sich nicht mehr; er spornte sein schnaubendes Reitroß

Auf die Fläche hinaus, und schrie dem Wüthrich entgegen:

„Ha, nur dich, den Räuber des edelsten Weibes, des meinen,

Suchte mein glühendes Aug’: nicht wirst du künftig mehr prahlen!“

Also mit lautem Gejauchz’ aufschwang er den blitzenden Degen

Ueber des Gegners Haupt, und es wäre, zerschmettert, gesunken,

Wenn nicht Attila schnell, wie ein Blitz, der oben im Nachtgrau’n,

Leuchtend die Wolken durchzischt, heruntergeflogen, sein Streitroß

Drängte zum Seitensprung: denn fühlbarer nahen dem Thier noch,

Und in den Nächten zumal, des Geisterreiches Bewohner,

Bald vom Zorn gereitzt, und bald nur neckenden Launen

Folgend: da schmiegt sich die winselnde Dogg’ an die Füße des Menschen,

Der mit Verwunderung horcht, und hinaus in das schweigende Nachtgrau’n,

Schaudernd, starrt; im Gehöft’ aufflattern die kreischenden Hühner;

Laut mit Geschrei entstürzen die Vögel dem Wald’, und die Hirschkuh

Fährt aus dem rauschenden Laub’ in die Höh’, und horchet mit Beben:

Denn hell blitzte der Geist an dem Auge des schlummernden Thier’s hin:

So, von dem Geiste geschreckt, aufsprang der schnaubende Rappe

Draguts. Ihm zerhieb Toledo’s sausender Mordstahl

Nur die bärtige Wang’, und sie blutete. Siehe, nicht säumte

Dragut, und vorgebeugt, durchrannt’ er die Linke Toledo’s

Jetzt mit dem mächtigen Speer, daß schnell der leitende Zügel

Ihr entsank! Ein schrecklicher Kampf, und im Kampfe der Tod nur,

Hätte die beiden getrennt: da flog, gesendet von Lichtstein,

Hanno, der Stabs-Herold, an die Seite Toledo’s; er faßte

Dort sein Roß an dem Zaum’, und führt’ es zurück’ in die Reihen.

Jammernd folgt’ ihm der Held: er dachte den Gegner zu tödten.

Dragut knirschte vor Wuth, und entwich: das Strömen des Blutes

Raubt’ ihm die Kraft. Nun rief er dem maurischen Scharengebiether:

„Muhamed Temtes, ein Hort sey du des tapfersten Volkes,

Und ein Zeuge vor Hairaddin mir: nicht erbebend in Feigheit

Wär’ ich gewichen dem Feind. Die blutende Wunde zu stillen,

Eil’ ich zur Stadt, wo mir der kräuterkundige Diener,

Hugo, umhüllen sie soll mit dem weheinschläfernden Balsam,

Und bald kehr’ ich zurück’, allwärts ein Schrecken der Gegner.“

Also jagt’ er davon: doch jener den kommenden Scharen

Kühn entgegen zu kämpfen, bereit, sah forschend zum Rückhalt:

Denn er hörete dort unfreundlichen Donner; vernahm auch

Würgender Feinde Geschrei, und ihm pochte das Herz in dem Busen.

Doch, wer ordnete dort die entscheidende Rückenbestürmung?

Traun, ein Held, Aurel, der erst mit den herrlichen Schiffen

Malta’s nahend dem Strand, die feinddurchwimmelte Gegend

Mächtig bestreichen ließ aus ehernen Schlünden und Mörsern!

Donnergebrüll’ erscholl ringsum; aufwirbelte Sandstaub

Nah’ und fern’, und die Feind’ entstürzten vor Schrecken den Reihen.

D’rauf verließ er den Bord mit fünfzig der tapfersten Ritter,

Tausend Kriegern gesellt, drang vor, und wüthete, mordend,

Jetzt in dem Rücken des Heer’s. So wüthet die nächtliche Windsbraut

Durch das Föhrengehölz: der Eigner jammert am Morgen,

Schauend die Stämm’ auf Stämme gehäuft, in grauser Verwüstung.

So im Gesicht von Lichtstein, so in dem Rücken von Malta’s

Kühnem Helden bekämpft, ausriß in wilder Verwirrung

All’ das unzählige Volk, und wandte nach Tunis den Lauf hin.

Hairaddin trabte den stäubenden Weg mit den Schrecklichen näher:

Also hieß er die Schar viertausend erlesener Türken,

Die er sich selber erlas aus den kühnsten und tapfersten Kriegern.

Wohl erwies sich ihr Muth; wohl waren die Muthigen furchtbar:

Denn wo es galt, und, gehemmt, die Wage des Schlachtengeschickes

Schwankte, da mußten sie vor, zu erringen des eisernen Feldes

Herrlichen Preis, und zu steh’n, muthfest, im Kampf der Entscheidung.

Als er den wirbelnden Staub, und im Staube die fliehenden Haufen

Gegen sich kommen sah: da erwog er im Herzen, noch zweifelnd:

Ob er den Schrecklichen erst die Losung gebe zum Morden,

Um in dem Blute der Feigen den Grimm zu sänftigen; oder,

Scheuend den Wankelmuth der Tunisier, heute noch schone?

Gleichwie im Aethergefild der schiffaufstürmende Luftball,

Jählings vom Flammenhauche gerafft, des mächtigen Windes

Wechselndem Strom’ zu Beut’ umfleugt, und nimmer des Schiffers

Leitung gehorcht, nun hier- nun dorthin schwebend im Luftraum

So, daß Grauen ihn faßt, und sinnverwirrender Schwindel:

Also wankt’ er umher. Ihm nahete Muhamed Temtes

Jetzt mit dem flüchtenden Volk’. Er riß sich, ergrimmter, den Säbel

Von der Hüft’, und schlug mit der Breite der Klinge den Feldherrn

Ueber die Stirne, daß ihm aus den Augen sprühten die Funken.

Aber der Sclave lächelte nur, und folgte von weitem:

Denn auch Hairaddin floh, und das Volk nachbrausete zahllos.

Schon sank tiefer die Nacht; schon gaukelten kühlere Lüftchen

Ueber die See, und ringsumher aus unzähligen Augen

Sah der funkelnde Himmel, als die Reisigen Lichtsteins,

Kehrend, mit Staunen ersah’n, wie sie, nur im Blute zu ernten,

Hier die Garben gehäuft in des Todes entsetzlichem Saatfeld.

Auch die Helden des Felseilands mit dem kühnen Gebiether,

Kehreten heim in die meerumwogte Behausung (am Bord nur

Schlummert der Seemann süß) und dort aufzählend die Scharen,

Mißten sie dreißig, im Streit gefallene Krieger mit Wehmuth.

Also rang in dem Vorkampf jetzt der erhabene Kaiser

Gegen Hairaddins Macht, und der treffliche Lagergebiether,

Guasto, begann, im vereinten Müh’n unzähliger Krieger,

Dort die schirmenden Wälle zu bau’n, wo er forschenden Blickes,

Erst die Stell’ erkor, auf welcher Karthago gestanden:

Auf daß ihr herrliches Bild, aus Schutt und Trümmern sich hebend,

Waffne des Kriegers Herz mit eisernem Muth’ in der Feldschlacht.

Gegen den Salzthurm hin, im sternnachbildenden Vorsprung

Hob erlesenes Volk mit schimmernder Haue das Erdreich,

Dämmend, zum Wall. Vor ihm aufgähnte der dunkele Graben,

Und das ehrne Geschütz, von schnaubenden Rossen gezogen,

Rasselte näher, und stand alsbald, in gemessenen Fernen,

Aufgefahren umher, zu wehren dem feindlichen Andrang.

Schnell erfüllten des Lagers Raum die jauchzenden Krieger,

Dort zu erhöh’n in Hast die luftigen Zelte. Sie bohrten

Pfähl’ in den Grund; dann spanneten sie die schimmernde Leinwand

Vom Querbalken des Daches hinab, an haftenden Pflöcken,

Gegen der Stürme Gewalt sie festigend, dieß- und auch jenseits.

Tausende standen erhöht, und flatterten, tönend, im Nachtwind.

Aber vor allen ragte das Zelt des edelen Kaisers,

Hochgewölbet, empor. Des höckergestalteten Lastthiers

Wolle schirmte von außen das Zelt g’en Wetter und Regen;

Innen deckte die Wände Damast, und ein eisernes Feldbett

Stand in dem Hintergrund’, umhüllt vom seidenen Vorhang.

Aber mit Lächeln im Blick, der, rühmend, des Werkes Vollendung

Würdigte, sprach der Kaiser, erfreut, zu Guasto, dem Feldherrn:

„Herrlicher, so geling’ es dir auch am kommenden Morgen,

Schnell die Schanzen umher an Goletta zu bauen! Für jetzo

Heiß’ das Volk ausruh’n in des schirmenden Lagers Umwallung;

Nach gehaltener Rast empöre der fröhliche Krieger

Zahllos Flammen im Feld, bereite sein Mahl, und gedenke

Heiterer Lust: nur möge der Wall nicht ermangeln der Wachen;

Auch den Graben entlang mit hellumschauenden Blicken

Forschend, die Vorhuth steh’n. Ermüdet will ich hier schlummern,

Wenn nicht feindlich Geschrei mich weckt im nächtlichen Anfall.“

Sagt’ es, und ließ sich, gehüllt in den wolligen Mantel, im Sandstaub

Nieder. Weder den schwellenden Pfühl, noch köstliche Speisen

Kannt’ er im Feld’: erduldend jegliche Noth und Entbehrung

Froh mit den Kriegern. Er lag in dem Kreis’ umlärmenden Volkes

Dort auf dem Sand’, und bald umfing ihn der liebliche Schlummer.

Gleich dem brausenden Sturm flog jetzt der Römerbesieger,

Hermann, mit seinem Gefolg’, aus Amerika’s Fluren herüber:

Denn ihn lockte des Kampfes Getös’ mit freundlichem Wohllaut.

Wie der muthige Falk’, auf Beut’ erpicht, in des Himmels

Blauem Gezelt nun auf sich schwingt, nun eilender abwärts

Fleugt, im wogenden Gras’ und im schaurigen Dunkel des Fruchthains

Sie zu erspäh’n: so erforscht’ auch Hermann das Lager. Sein Haupthaar

Quoll aus dem duftigen Helm ihm golden herab auf den Nacken,

Und des Ur’s aufstarrende Mähn’ umfing ihm die Schultern.

Muthig schwang er die Keul’, und aus trotzigbläulichen Augen

Sah er herab, die jetzt, gleich flammenden Sternen, erglänzten:

Schauend Germania’s Volk und den schlummernden Kaiser, des Volkes

Edelsten Hort. Er haucht’ ihm, genaht, die erregenden Wort’ ein:

„Ruhig schlummerst du hier im Kreise der Helden, Erzeugter

Meines gewaltigen Stamms! Von den fernen Meeren herüber

Kommen die Bothen des Siegs dir spät. Ich künde den Sieg dir

Nun zur Freud’, und zugleich den Jammer der Wilden, zur Trauer.

Dein ist die Herrschaft der Welt: nie wendet die leuchtende Sonne

Mehr die Blicke von deines Reichs endlosen Gefilden.

Schon dient Mexiko dir; nun bändigt Peru, das Goldland,

Deß’ unschuldiges Volk der Sonne Kinder sich dünket,

Dein Pizarro.[42] Er nahm Atahualba gefangen, den Inca,

Und erwürgt ihn vielleicht: nicht hunderttausende scheuend,

Nicht Millionen Volk’s, von wenigen Tapfer’n umgeben,

Wild, und grausamgesinnt. O, hemme die wüthende Blutgier

Jener Verblendeten, die in dem Wahn, Halbmenschen zu würgen,

Also freveln! Ich sehe dein Herz erbeben dem Jammer,

Den die Ferne dir birgt. Ein gottbegeisterter Priester

Deines Volks,[43] der Kränz’ erlesensten würdig, bewaffnet

Sich mit erhabenem Muth, die armen, ein rettender Anwald,

Kühn zu beschirmen: ihn höre: so wird unsterblicher Ruhm dir.

Schlummere ruhig und süß, in dem Kampf dir nah’ ich ein Helfer!“

Dann aufschwang er sich rasch in die Lüfte: das tosende Lager

Hier zu erforschen, und dort des Feindes gewaltige Heersmacht.

Aber der Kaiser stöhnt’ in dem Schlaf’; erhob von dem Boden,

Staunend, das Haupt, und sprach halbleise die Worte des Kummers:

„Künden, düsterer Ahnung vereint, auch Träume so schrecklich,

Meiner Krieger unmenschliche Wuth? Führ’t, günstige Wind’, ach,

Schnell das ernste Geboth der Schonung und christlichen Sanftmuth,

Das ich gesandt in dem eilenden Schiff, zu dem fernen Gestad hin!“

Lispelte so, und versank von neuem in lieblichen Schlummer.

Jetzt nach gehaltener Rast erhoben sich wieder die Krieger:

Dürres Reis, und die Trümmer längstgestrandeter Schiffe,

Tragend herbei, unzählige Flammen im Feld zu empören.

Wie die Sternenheer’ erglüh’n am nächtlichen Himmel,

Glänzten die Lagerfeuer umher. Da knüpfte der Reiter

Sorglich das Pferd an den Pflock, und both ihm den Hafer im Vollmaß;

Oder er brachte vom rieselnden Born, in räumigen Kübeln,

Ihm die erfrischende Fluth. Nicht enthob er ihm jetzo den Sattel,

Wie daheim, als ihm versiegte der Schweiß nach dem Ritte:

Denn in dem Felde gebeut des Augenblickes Entscheidung,

Fertig zu stehen zur Wehr’ und zum raschvorstürmenden Angriff.

Andre besorgten den Brüdern das Mahl. Des eisernen Kessels

Rußigen Bauch umschlang die Loh’, und die emsigen Krieger

Hatten das Reismus gar gekocht, die Hämmel gebraten,

Und vertheilet den Wein mit dem wohlernährenden Kornbrot

Jeglichem treu und gerecht. Bestrahlt von der freundlichen Flamme,

Schmaus’ten sie dort, und wechselten stichelnden Scherz und auch Possen,

Lautem Gelächter vermengt, und kriegerischtönenden Liedern.

Also war auftobender Lärm und Getös’ in dem Lager.

Aber, gesondert im Kreis’, kaum achtend des Mahles und Trunkes,

Oder des herzerfreuenden Worts, ergaben die Einen,

Heißerpicht auf Gewinn, sich dem trüglichen Locken der Würfel:

Schüttelten erst in der hohlen Hand die klingenden lang’ fort,

Warfen sie dann querhin auf den weitgebreiteten Mantel,

Sah’n, und zähleten laut die gewinnaufweisenden Augen.

Andre langten die Karten hervor, vieljährigen Ansehns

(Hätt’ ein Fremder doch kaum den Buben vom König, die Grünen

Kaum von den Rothen erkannt) vertheilten die klebenden Blätter,

Netzend oft mit der Zunge den Daum, von der Linken zur Rechten,

Allen umher, und spieleten Brand, und Bettel, und Mordbrand,

Mit aufschlagender Faust und fröhlichem, lautem Gelächter.

Sieh’, in dem einsamen Zelt, entfernt von fröhlichen Menschen,

Lag Toledo, verwundet am Arm; doch blutet’ ihm heißer

Noch die Wund’ in der Brust, versetzt vom grausamen Schicksal,

Das ihn so furchtbar jüngst der edelsten Gattinn beraubte.

Jen’ empört’ um ihn her die schwarzen Gebilde des Unmuths.

Grimmig umdrängten sie ihn, und weckten in seinem Gemüth nur

Angst und Verzweiflung: er lag, erblindet bei offenen Augen,

Dort auf dem Lager, und starrt’ in die Nacht, und stöhnte vor Jammer.

Jetzt anlandete Kurd mit dem Kahn, und flog nach dem Lager,

Eilenden Laufes, herab. Ein „Wer da?“ scholl ihm entgegen:

„Gut Freund“ gab er zurück, und frug nach Toledo, dem Feldherrn.

Aber gewahrend des Mauren Tracht, und feindlicher Arglist

Denkend, führeten ihn zwei tapfere Krieger mit Vorsicht

Nach Toledo’s Gezelt. Nun, dort den Leidenden schauend,

Wollten von seiner beklommenen Brust sich die Worte des Trostes

Lange nicht lösen. Er stand, erschüttert, und leise begann er:

„Hugo’s Worte vernimm: „„Wenn hoch an dem Himmel der Vollmond

Strahlt, da berg’ ich in Grabesnacht, errettet, Mathilden!““

Und ich lenke dich dann zur Felsenhöhle des Oehlwalds.“

Forschend irrte Toledo’s Aug’ an dem seltsamen Fremdling

Auf und nieder: er sann, in düstere Träume verloren;

Aber ein leuchtender Blitz auf des Jammers nächtlichem Irrpfad

War ihm die Vollmondsnacht, der Fels, und die Höhle des Waldes.

Stöhnend hob er sich auf, und hing am Halse des Fremdlings,

Lautaufweinend. Ein Strom von glühenden Thränen benetzte

Diesem die Brust; er floh zum Strand’, im gleitenden Fahrzeug

Heimzuschiffen, und dort der rettenden Stunde zu harren.

Sinam sah schon lang vom ragenden Thurme Goletta’s

Nach dem feindlichen Lager hinaus, und erbebte den Feuern,

Welch’ unzählig umher aufloderten. Wie auf des Meeres

Sturmempöreter Fluth die, aus Wolken brechende Sonne,

Plötzlich die Wogen entflammt, daß sie endlos, hüpfend, erblitzen:

Also erschienen ihm dort die Lagerfeuer, unzählbar,

Und er dachte für heut’ auf keine entscheidende That mehr.

Unmuthsvoll erforschte sein Herz der Hunnen Beherrscher

Attila; flog um ihn her, und reitzt’ ihn mit stachelnden Worten:

„Sinam, unkriegerisch, träg, und feig’, erbebst du den Feinden?

Wie, ist dem furchtbar’n Ueberfall nicht günstig die Nachtzeit,

Der, verderbender oft als blutige Schlachten, dem Gegner

Jammer gebiert? Wie schwach erscheinst du dem Volke; wie haßt dich

Hairaddins Seele hinfort, der dir vertraute mit Unrecht!“

So vernahm, im Geist, die dräuenden Worte des Geistes

Sinam, und blickte, verwundert, umher: wer also gesprochen?

Doch er fand sich allein; besann sich der Angst, und es färbte

Schnell sein blasses Gesicht der Scham hellröthendes Feuer.

Jetzo murmelt’ er leis’: „Ich, Thor, vergrüble die Zeit hier

Müßig. Wohlan, der kühne Gedank’ — er werde zur That jetzt!“

Sagt’ es, und kam, und sprach zu Giaffar glühenden Blickes:

„Giaffar, stets entflammt dir die Brust die Heldengesinnung,

Daß du nicht Tausende scheu’st, wenn rings umdrängender Gegner

Schlachtruf schallt, und, empört, der Waffen Getümmel ertönet!

Siehe, schon schwinden umher die Lagerfeuer des Feindes,

Und schlaftrunken, vom Weine betäubt, hinsinken die Feigen!

Auf, wir stürmen in Hast mit den Janitscharen das Lager,

Und erwürgen das wehrlose Volk in dumpfer Betäubung!“

Jener begann: „Ha, nicht unwichtige Thaten ersinnst du,

Schlachtenerfahrener Greis! Bald tilgt, entsetzlich, im Nachtgrau’n

Unser Eisen die Schlummernden. Zwar in der Helle des Tages

Mir ersehnt’ ich den Kampf, nicht auf nachtumhülleten Pfaden;

Dennoch will ich dir folgen: gebieth’, und ich ordne die Scharen.“

Sinam geboth: aufflogen die mächtigen Thore Goletta’s,

Und die gerüstete Schar zehntausend muthiger Krieger

Drang, von Sinam geführt, und Giaffar, eilenden Laufes,

Jetzt an die Wälle heran. So weit, als ehrner Drometen

Klang dem Horchenden tönet im Feld, noch waren die Krieger

Von dem Lager entfernt: da duckten sich alle zum Boden

(Sinam geboth’s) und schlichen, gebückt, gleich listigen Füchsen

Welch’, einkrümmend die Ruthe, mit weitvorgreifenden Pfoten

So, daß am Gras’ ihr Bauch hinstreift, den stillen Gehöften

Nahen bei Nacht, um dort die befiederten Schläfer zu fahen.

Jetzo, der Vorhuth nah’, aufsprangen die Scharen, und furchtbar

Tönete Allah-Geschrei, entsetzlich der Stürmenden Schlachtruf,

Und, dem Säbelgeklirr vermengt, das Schmettern der Büchsen.

Aber nicht schliefen die Schützen Tyrols: sie wachten, der Pflicht treu,

Als die erlesene Huth an dem Graben, und weckten im Lärmschuß

Eilig, den Wall entlang, die kühnen Gefährten zum Kampf auf.