Giaffar stürmte der erst’, und hieb dem kühnen Ramiro,

Führer des Schützenvolks, die Stirn’ entzwei mit des Säbels

Sausendem Schlag: er sank, und verhauchte das Leben. In Trident

Sah er im Handlungshaus, an der Seite des grauenden Vaters,

Reichthum die Fülle gehäuft, der köstliche Waaren des Ostlands

Vom venediger Freunde bezog, und versandte nach Deutschland;

Aber ihn lockte zum Kampf gar mächtig der Kriegesdrometen

Schmetternder Klang, auf Afrika’s fernen Gefilden, und freudig

Hofft’ er, mit Siegeslorbern geschmückt, die heimischen Fluren

Wieder zu schauen, und dort die Tage der schöneren Zukunft;

Doch ihn ereilte des Todes Geschick, und lachenden Erben

Wurden die Güter zu Theil des, in Gram hinschwindenden Vaters.

Giaffars schreckliche Kraft, verstärkt von kühnen Gefährten,

Würgt’ auf dem Wall noch drei tyrolische Schützen vom Innthal —

Brüder, und stets in dem Heere genannt „das rühmliche Kleeblatt“:

Denn, als Jörg, der jüngste, zu Freundsbergs[44] Fahne geschworen,

Eilten auch Günther und Jost ihm nach, zu schwören den Kriegseid

Vor dem Vater des Volks, Freundsberg, dem Jeglicher hold war.

Immer hielten sie treu und fest zusammen im Leben,

Und wo im eisernen Felde Gefahr den einen bedrohte,

Bothen die andern die Brust zum Schilde dem Bruder, und dachten,

Liebend, des Bruders allein. Am herrlichen Tag vor Pavia

Knüpft’ an die Heldenbrust der Tapfern ein ehrendes Zeichen

Freundsbergs Hand; doch jetzt im nächtlichen Grau’n, an des Grabens

Weitaufgähnendem Schlund verhauchten sie, kämpfend, das Leben.

Also hätt’ in dem Ueberfall noch viele der Christen

Tod und Verderben ereilt, und der Feind erstiegen die Wälle;

Aber da brach Hardwin, der tapfere Führer der Schützen,

Hohes beschließend im Geist, durch Reihen der Gegner. Er hatte

Sinam erseh’n, der vor- die Würgenden trieb. Ihn zu tödten —

So von den Brüdern zu fernen die Noth, vorbraust’ er, und zückte

Rasch auf Sinam das Schwert. Doch Giaffar, schauend des Feldherrn

Grause Gefahr, entboth die Seinen sogleich, und sie flogen

Jenem zu Hülf’. Zwar fiel der Schützen gewaltiger Feldherr,

Salis, mit eiliggeordneter Macht dem Feind in den Rücken —

Drängt’ ihn zurück von dem Wall, und häufte Leichen auf Leichen;

Aber es wühlten in Hardwins Brust unzählige Säbel

Schon: der Tapfere sank, und lächelte heiter im Tod noch.

Rogendorf, der stattliche Feldzeugmeister des Heeres,

Hörte des Kampfes Getös’. Er saß in dem einsamen Kriegszelt,

Trauernd noch stets um den Freund, den ihm entriß das Verhängniß;

Doch, wenn Schlachtruf scholl, und ihn hieß, unzähligen Feinden

Kühn entgegenzusteh’n: da blitzt’ aus den finsteren Wimpern

Ihm der Muth, da brachte sein Wink dem Feinde Verderben.

Eilig erstieg er den Wall, und geboth dort jeglichem Wurfschütz,

Fertig zu harren des Winks zu feuern, mit mächtiger Stimme:

„Männer, vor allem gebeut uns die Nacht, dem Donnergeschütz erst

Ein untrügliches Ziel zu ermessen im finsteren Blachfeld.

Werf’t aus dem Haubitzrohr Leuchtkugeln, sausenden Fluges,

Ueber die Feinde hinaus, zu erhellen die Gegend, und furchtbar

Wüthe sogleich das Donnerrohr in die wimmelnden Scharen.“

Sinnig erfand erst jüngst die erleuchtenden Kugeln der Feldherr:

Mengte den Salzen Harz, und Schwefel und Kohle dem Spießglas;

Dann umhüllt’ er mit Werg das Gemeng’, und rundete solches.

Jetzo des Brandrohrs Saum mit der brennenden Lunte berührend,

Warf der Schütz aus dem Haubitzrohre die leuchtenden Kugeln

Weit in die dunkeln Gefilde hinaus: sie erhellten, dem Mondlicht

Aehnlich, die Nacht. Wie entzündete Luft, urplötzlichen Fluges,

Schimmernden Sternen gleich, durchzieht den nächtlichen Himmel;

Oder vom lärmenden Kreis’ der Jünglinge, tönend dem Faustschlag,

Ein gewaltiger Ball, den Rindesblase geschwellt hat,

Stolz in die Luft sich erhebt, dann senket: so flogen die Kugeln

Ueber dem Feinde dahin. Er staunte dem Wunder, und jetzo

Faßt’ ihn erschütternde Furcht, als rings erhellet die Nacht war,

Die verrätherisch ihn preisgab nie geahntem Verderben.

Doch schon winkete Rogendorf: da brüllten auf einmal

Dreißig Schlünde vom Wall. In die wimmelnden Haufen geschleudert,

Warf der Achtzehnpfünder entsetzliche Wucht aus den Gegnern

Hundert zu Boden: die andern entfloh’n nach der Veste Goletta,

Schreiend, in keuchender Hast, nicht hörend die Stimme der Führer —

Sinams Stimme nicht mehr, nicht Giaffars, die in dem Nachzug,

Einend das kühnere Volk, dem raschverfolgenden Gegner

Bothen die Stirn’: denn Salis, der kühnen tyrolischen Schützen

Tapferer Hort, nachbrauste den fliehenden Feinden, dem Sturm gleich,

Der auf der Heid’ im Herbst die bärtigen Disteln dahinjagt,

Und er kehrte nur spät von der blutigen Feindesverfolgung.

Jetzt, vom Schlummer geweckt durch Kampfgetümmel und Schlachtruf,

Sprang der edelste Kaiser voll Hast vom nächtlichen Lager,

Nahte dem Wall, und sah, wie Rogendorf nach dem Feind hin

Sandte des Todes Geschoss’. Er winkt’ ihm lohnenden Beifall,

Und begann vor Salis, und seinen Gefährten voll Huld so:

„Eure Stirn’ umkränze des Ruhms niewelkender Lorber!

Muthig hab’t ihr gekämpft: vor euren zerschmetternden Büchsen

Floh’n in Eile die Feinde davon. Zum Lohne des Sieges

Sollt’ ihr auf jenen, so stolz sich erhebenden felsigen Höhen,

Wo in Karthago’s rühmlicher Zeit die mächtige Hochburg,

Byrsa[45] stand, aufpflanzen die Fahn’, und den Lagergenossen

Stehen zur Huth auf der weitumschauenden Warte des Landes.“

Und er kehrt’ in das Lager zurück. Doch jauchzenden Rufes

Klommen, von Salis geführt, die tapferen Bergebewohner

Jetzo die Felsen hinan. Gern weilt der sinnige Bergfreund

Auf den luftigen Höh’n, wo er all’ dem niedrigen Treiben,

Drängen, und Sorgen der Erd’ entrückt, des Himmels Gefilden

Näher, so frei und selig sich fühlt; wo das sehnende Herz ihm

Höher im Busen schwillt: da er bald des wölbenden Aethers

Dunklerer Bläue staunt, bald tief in den schwindligen Abgrund

Starrt, und, mit Thränen im Blick des Waldstroms silberne Fluthen

Eilen sieht, und des schnellentfliehenden Lebens gedenket.

Ach, der Gebirgssohn hängt mit kindlicher Lieb’ an der Heimath!

Wie, den Alpen geraubt, hinwelket die Blume: so welkt er,

Ihr entrissen, dahin. Stets sieht er die trauliche Hütte,

Die ihn gebar, im hellen Grün umduftender Matten:

Sieht das dunkele Föhrengehölz, die ragende Felswand

Ueber ihm, und noch Berg’ auf Berg’ in erschütternder Hoheit

Aufgethürmt, und glühend im Rosenschimmer des Abends.

Immer schwebt es ihm vor — verdunkelt ist alles um ihn her!

Aengstlich horcht’ er. Ihm däucht: er höre vom nahen Gehölz her

Wieder das Muhen der Küh’, und hoch von den Alpen herunter

Glöcklein klingen. Ihn däucht: er höre das Rufen der Hirten,

Oder ein Lied der Sennerinn, die, mit umschlagender Stimme,

Freudig zum Wiederhall aufjauchzt Melodieen des Alplands.

Immer tönt es ihm nach. Ihn fesselt der lachenden Ebnen

Anmuth nicht; er fliehet der Städt’ einengende Mauern,

Einsam, und schaut, aufweinend, vom Hügel die heimischen Berghöh’n:

Ach, es zieht ihn dahin mit unwiderstehlicher Sehnsucht!

Aber im Osten schwebte der Mond mit strahlendem Antlitz

Ueber die Berg’ empor. Auf des Meeres fernen Gewässern

Schwamm sein zitterndes Licht; er hellte des säuselnden Waldes

Dunkelen Saum, und goß den silbernen Schleier, aus Aethers-

Dufte gewoben, umher auf den sanftentschlummerten Erdkreis.

Siebenter Gesang.

Drüben am östlichen Himmelsthor erglühte der Morgen.

Schaurig wehte der Wind, und fuhr mit eisigem Odem

Ueber das Heer. Von dem lockigen Haupt und dem Mantel des Kriegers

Träufelte fort und fort der Thau gleich schimmernden Perlen,

Und verwandelt’ in Grau die dunkele Farbe der Rosse,

Die, von Dampf umhüllt, mit schlotternden Seiten sich drängten:

Denn so glühend die Luft sich bei Tag auf Afrika’s Fluren

Senkt, so ergreifend haucht sie den Frost aus der schwindenden Nacht her.

Dort nach dem Felsenhorst, den erst zum Lohne des Kampfmuths

Sich errangen die Schützen Tyrols, erhob sich der Kaiser

Jetzo mit Ludwig allein. Er schwieg. Die umdüsterte Vorzeit

Schwebte ihm vor: denn, ach, er trat Karthago’s Ruinen!

Aermliche Dörfchen gewahrt’ er nur: El-Mersa, und Melcha

Näher dem Meer’ — entfernter: Sidji-Mosaid, und Darilschut,

Ruhend, Oasen gleich, auf Karthago’s wüsten Gefilden.

Stille herrschte umher in den Hütten des flüchtenden Volkes:

Denn o, furchtbar droht, und furchtbarer jede der Stunden

Vor dem nahenden Feindesheer’ in entsetzlicher Kriegszeit,

Wenn, entrissen dem Schirm der väterlichwaltenden Obmacht;

Hingegeben empörter Gewalt, unbändiger Willkühr,

Und unleidlicher Schmach, der Mensch nach Rettung umherschaut:

Jetzo der Gegenwart, dann wieder der nächtlichen Zukunft

Schrecken ihn faßt, und vernichtende Angst ihm raubt die Besinnung!

Als sie erklommen des Felsens Höh’n: da schwebte die Sonne

Aus dem glühenden Meer mit rosenumhülletem Antlitz

Freundlich herauf. Ihr hauchten die Fluthen, ihr dampften die Berghöh’n

Lieblichen Opferduft empor; sie grüßten die Fluren,

Funkelnden Blicks, und, freudigen Lautes, die Hain’ und die Wälder.

Nicht, wie sonst, erfüllte des holderwachenden Morgens

Schimmer des Kaisers Brust mit Wonne der seligen Geister:

Denn beklemmt war heute sein Herz, und düstere Schwermuth

Hüllt’ ihm die Stirn’ in Nacht: er dachte die Tage der Vorwelt.

Sinnend irrte sein Blick von der steilabstürzenden Felswand

Nach den schimmernden Fluthen hinaus; der säuselnde Frühwind

Wiegt’ am Nacken sein lockiges Haar, und wiegte des Mantels

Wogenden Saum. Nun setzt’ er, entfernt von des Lagers Getümmel,

Sich auf den moosigen Stein, und sprach zu dem horchenden Jüngling:

„Siehe, so ferne dein gieriges Aug’ erforschet die Fluren,

Rings den Felsen umher, wo Byrsa, die eherne Burg stand,

Lag Karthago, hehr, weitherrschend und mächtig verbreitet!

Aber nicht kündet der kärgliche Schutt, umwuchert von Mooswuchs,

Wo die Herrliche stand, und mit Staunen erfüllte den Erdkreis.

Wehe, sie sank, des blühenden Reichs gewaltige Hauptstadt,

Sie, der eisernen Roma zum Trotz, noch die Zierde der Welt, sank!

Blut durchströmte die Straßen umher; die prasselnde Flamme

Wüthete rastlos fort: im Schutt versiegte die Wuth nur.

Aber es lebt die Erhabene noch in der Kunde der Nachwelt.

Hehre Begeisterung schwellt den Busen des Sängers; nicht fremd mehr

Ist ihm des Helden Sinn, nicht die That, aus jenem geboren:

Ihr ertönt sein Gesang in vielfachwechselnden Weisen,

Die jetzt, brausenden Stürmen gleich, erschüttern des Hörers

Pochende Brust, und jetzt, wie liebliche Lüftchen des Abends

Säuselnd im Veilchenbeet, ihr sanfte Wonne gewähren.

Ha, Karthago lebt, und ewig ertönet ihr Nachruhm:

Meererforscherinn, Städt’- und Völkergründerinn heißend;

Lebt durch Hannibals Ruhm, des mächtigen, eidesgeweihten,

Furchtbar’n Rächer des Vaterlands, und blühet für immer

Ob dem erschütternden Muth: verschmähend die schimpfliche Knechtschaft,

Unterzugeh’n, auch im Falle noch groß, in würdiger Freiheit!

D’rum erhebe dein Herz, dem Guten und Wahren dich weihend:

Denn sie allein entführt der Zeit fortrollende Fluth nicht,

Und, umschwebend die Welt in ewigdauerndem Kreislauf,

Reichen sie dir zum Lohne den Kranz nie welkender Blüthen.“

Jetzt erhob er sich schnell, nach dem Lager zu kehren. Auch Ludwig

Säumte nicht; doch ihm quoll die Thrän’ aus den blitzenden Augen:

„Wohl ist es schön,“ so sprach er, „im Lauf enteilender Zeiten

Ueber der niedrigen Fluth, emporgehoben, zu stehen,

Und zu erringen den Kranz gefeierter Helden der Vorwelt;

Doch, ach, mich entreißt die sorgliche Liebe des Herrschers

Jeder Gefahr, und ruhmlos schwindet mir Leben und Thatkraft!“

Freudig erklang des Jünglings muthige Rede dem Kaiser,

Und er entgegnet’ ihm so: „Schon nahet die Stunde, wo, kämpfend,

Du in dem eisernen Feld die Schrecken der Schlachten bestehen,

Und als Sieger, umjauchzt von tapferen Kriegesgefährten,

Kehren, oder im Kampf erliegen sollst für die Rettung

Tausender: ein’s wie das and’re erhebt; doch leitet die Vorsicht

Dich nach der Heimath zurück, dort blühet ein schöneres Feld dir

Ewigen Ruhms: durch Herrscherweisheit im Segen zu walten

Ueber ein glückliches Volk, und, also der Mit- und der Nachwelt

Frommend, im Segen zu seyn den spätesten Menschengeschlechtern.“

Hannibal horchte mit Lust, wie ihn ehrte der mächtigste Herrscher.

Seit er dem irdischen Leben entrückt, unmuthigen Herzens,

Weilt’ im dunkelen Raum des nachtumwölbenden Erdballs,

Sah er zum erstenmal die trauten Gefilde der Heimath

Wieder. G’en Zama[46] hinaus erhob er die glühenden Augen,

Starrt’, und ballte die Faust des Jammers Gebilden entgegen:

Denn noch sah er die Miethlinge fliehn; durchbrochen die Reihen

Seines Volks, und, empört, die schreckliche Schar Elephanten

Wüthen im eigenen Heer — entrissen auf immer den Sieg ihm:

Sah’s, und wandte sich schnell nach Karthago’s Stätte hinüber.

Aber wohin entschwand die Herrliche? Neidischverschlungen

Hatte der Strom der Zeit auch die letzten Maale des Ruhmes.

„War auch sie mit dem Römer im Bund’?“ So seufzt’ er, und hob sich

Eilig den Felsen hinan. Dort hört’ er unsterblicher Thaten

Seelenentzückendes Lob aus dem Munde des edelsten Kaisers:

Ihm von der Stirn’ entfloh’n des Unmuths düstere Wolken;

Heiterer blickte sein Aug’, und der Groll, vom Römer empöret,

Schmolz aus seiner besänftigten Brust, wie schimmernder Frühreif

Schmilzt im sonnigen Strahl. Schon dacht’ er, den Christen ein Helfer

Künftig im Kampfe zu steh’n: da naht’ ihm jener im Eilflug.

Regulus sah auf den Felsenhöh’n um seinen Erwählten

Hannibals dräuende Näh’, und wähnte: verderbende Täuschung

Sinn’ er, ihm dort in die argloshorchende Seele zu hauchen.

Wie aus dem sonnigen Thal der rauberspähende Kondur —

Er, der Riese des Geiergeschlechts, in sausender Schnelle

Hoch empor sich schwingt zu dem Wolkennest, zu erforschen:

Ob nicht Gefahr dort drohe den kreischenden Jungen? so naht’ er,

Jetzo dem Kaiser im Flug, und wachte mit liebender Sorgfalt,

Wie er die Listen vereitle durch List, und vernichte die Täuschung.

Hannibal schnob, erneut vor Zorn: mit dräuenden Blicken

Schwebt’ er davon, und sann dem Christenheere Verderben.

Doch in die Zeltenstadt heimkehrte mit Ludwig der Kaiser.

Aber welch’ Getümmel erschallt an dem Strande des Meers jetzt?

Gegen Zafrano hinaus, auf Bona’s lieblichem Vorland,

Thürmt ein Cedernwald die dunkelen Wipfel g’en Himmel.

Noch in dem kühleren Hauch des sanftaufdämmernden Morgens

Schifften auf Ruderbooten dahin, von Guasto gesendet,

Tausend, des Zimmerwerks wohlkundige Krieger: zum Schanzbau

Stämme zu fällen. Da scholl in der hehren Stille des Morgens

Drüben des Beils dumpfschmetternder Schlag vom tönenden Stammholz:

Sausend entstürzte der Wald. Jahrhunderte sah er der Umwelt

Wandelbare Gestalt; er stand, und hob sich noch immer

Höher empor: nun streckt’ ihn die grausame Schärfe des Eisens

Nieder: in Trauer gehüllt aufragte das kahle Gebirgsland.

Aber sogleich ersah’n die feindlichgesinneten Geister,

Schwebend vor Muhamed her, und Attila, welche Gefahren

Ihren Erwählten der Christ bereitete: Schauder ergriff sie.

Siehe, da flog Ellack, des Hunnenkönigs Erzeugter,

Näher, und rief dem Vater zugleich, und dem heuchelnden Seher:

„Schauet die Riesenschlange dort im Schatten der Felskluft

Liegen: Unsterbliche selbst erbeben dem schrecklichen Anblick.

Weck’t sie vom Schlaf, und, empört, hintilgt sie die kühnen Gesellen!“

Muhamed sann umher; dann rief er den Zagenden also:

„Hebe dich, Muhameds Volk! Erhebt euch, Attila’s Scharen;

Fahr’t in des Unthiers Bauch, und erreg’t dem Feinde Verderben!“

Jetzo im sausenden Flug hinstürzten die stürmischen Geister,

Schrie’n, und fuhren zugleich in des Scheusals umringenden Bauch ein.

Tief in der Felsenkluft, zum furchtbarn Knäuel verschlungen,

Lag die gräßliche Schlange (dem Rad, das, weichend des Bergstroms

Riesengewalt, den Mühlstein dreht, im Kreise nicht ungleich)

Schlummernd, und barg ihr Haupt in des Knäuels Mitte mit Vorsicht.

Nur im Dunkel der Nacht, nur selten im Lichte des Tages,

Kroch sie lauernd hervor, um ein sorglosweidendes Hausthier,

Rasches Gewild, und auch Menschen zu fah’n; da hieß es: ein Berggeist,

Hausend im Felslabyrinth des schauerumhülleten Waldes,

Habe verschlungen den Raub, und der Iman heulte Gebet’ auf.

Als die stürmende Schar, des Herrschers Winken gehorchend,

Im unleidlichen Drang die furchtbarn Ringe des Scheusals

Füllte: da hob es in zitternder Wuth das gräßliche Haupt auf,

Warf es im Bogenwurf in der Höhl’ umher, und ihm zischte,

Flammengeröthet, die Zung’ aus dem weiteröffneten Rachen.

Schrecklich erglühte sein Aug’ aus den giftgeschwollenen Kreisen,

Und, gebläht, erfüllet’ es ganz die räumige Felskluft.

Doch, als jetzo die Schar erboßtumtummelnder Geister

Selbes noch wüthender drängt’, und stachelte, froh der Empörung:

Da durchfuhr’s die entsetzliche Höhl’ im sausenden Eilflug —

Attila bebte zurück mit Muhamed: denn an dem Felsen

Stand es, emporgethürmt, hoch über dem Haupte der Cedern.

Heulend entstürzte die Schar holzhauender Krieger dem Dickicht,

Eilte zum Strand’, in dem Ruderboot zu entfliehen dem Tod noch;

Aber nicht allen gelang’s. Den Flüchtenden jagten die Geister

Jetzo das Ungethüm nach, und es warf sich ergrimmter zum Boden.

Weithin bebte der Grund; rings schwankten die luftigen Cedern,

Welche die schnellhingleitende Schlange berührt’, und das Berggras

Welkte vor ihrem Flammenhauch, da Felsengeröll’ ihr,

Stäubend, nachrauschte vom Berg; doch dort, vom Strande des Meeres,

Fest mit dem Schweif umschlingend die weitnachbeugende Ceder,

Schwang sie sich über die Fluthen hinaus. Ihr bläulicher Rücken

Blitzt’ in dem Sonnenlicht, als, längs dem spiegelnden Meer hin,

Schlängelnd, ihr Schatten flog, und sieh’, da erhaschte sie pfeilschnell

Eines der Boot’, und warf’s, mit schüttelndem Grimm, in den Abgrund!

Nichtigem Spielwerk gleich, das zürnend der Knabe zertrümmert,

Flog des Schiffes Gebälk mit lautem Gekrach aus den Fugen.

Trümmer und Leichen bedeckten des Meer’s aufwirbelnde Fluthen;

Aber sie sank, ermattet, zurück, und rollt’ an dem Stamme,

Ringelnd, sich auf: wie ein Seil umringelt den kreisenden Wellbaum,

Wenn von des Meeres Grund die gewichtigen Anker sich heben.

Und die Ceder erbebte der Last des lauernden Unthiers.

Staunend vernahm der Kaiser den Lärm an Zafrano’s Gestaden,

Blickte nach Ludwig hin, und dieser enteilte gewaffnet,

Rasch dem Gezelt; dann schifft’ er auf Dorias herrlichem Fahrzeug

Eilig hinüber zur Bucht, wo, lauernd, das Scheusal der Ceder

Säul’ umschlang. Er hielt, und sann, wie er solches bezwinge.

Sieh’, und, brausenden Flug’s, naht’ ihm der edelste Römer,

Regulus: denn, begrüßend den ruhmverkläreten Schauplatz

Seines, der Weltstadt Rom heilbringenden Todes, gewahrt’ er

Attila’s Hohn, und Muhameds — auch des gestachelten Unthiers

Wüthenden Grimm, und des Jünglings Angst! Da rief ihm der Geist zu:

„Denke des Regulus doch, der einst durch Schleudergeschosse

Hier die Schlange besiegt, und dem Volk Errettung gebracht hat!“[47]

Und es erhob sich sogleich das Bild des edelsten Römers,

Schimmernd, vor seinem Blick: denn laut entboth er die Krieger:

„Windet die Wucht des ehernen Donnerrohres an Tauen

Auf an den Bord; scharf ziele der fernhintreffende Wurfschütz,

Und zerschmett’re das Haupt des unheilbrütenden Scheusals.“

Also geschah’s. Wohl zielte der fernhintreffende Wurfschütz,

Wendend den ehernen Schlund mit dem leichtbeweglichen Richtkeil,

Senkte die Lunt’, und wandte sich. Laut, mit Donnergetümmel,

Sauste die Kugel hinan, und riß den Wipfel der Ceder

Krachend vom Stamm: er bebt’, und still verharrte das Unthier,

Daß es die Schiffenden näher gelockt, erhaschte; doch Ludwig

Sann hochrühmlichen Kampf. Ihm funkelten heller die Augen:

Denn er geboth dem Steuermann urplötzliche Landung,

Schwang sich hinaus, um dort, auf die Kniee gesunken, zum Himmel

Flehenden Blickes zu schau’n, und sieh’, ein Glanz, wie im Nachtgraun

Flammt der Blitz, erhellete jetzo den schimmernden Luftraum;

Goß ihm freudigen Muth in das Herz, und hieß ihn nicht achten

Seines Volkes Geschrei; und als er den schrecklichen Degen

Hoch aufschwang: da glühte die Spitze des Eisens, wie nächtlich

Glühet die Wetterstang’ im Gewölk, wenn rings in den Lüften

Gährender Donner wogt! Er drang auf das Scheusal beherzt ein.

Schauder erfüllte die Welt. In dem ödverstummenden Blachfeld

Scholl nur leises Gezisch des Lauernden. Jetzo dem Gegner

Flog’s in schlängelndem Blitzesflug’ entgegen, und strebte

Ihn zu erhaschen. Er wich ihm behend’ nach jeglicher Seit’ aus,

Stets abwehrend mit blinkendem Stahl des offenen Rachens

Dräuende Wuth; doch jetzt in die Luft aufschwang er den Degen,

Hieb, und trennte das Haupt von dem Rumpfe des scheußlichen Unthiers,

Der, entsinkend dem Stamm, mit Blut umhüllte den Boden.

Heulend vor Schrecken und Angst, entfloh’n die Geister, und eilten

Muhamed nach, und Attila: fern in ätherischen Höhen

Größeres Unheil noch zu ersinnen dem Heere der Christen.

Ludwig kehrte gepriesen, zurück: da liefen die Männer,

Jubelnd, zum Strand’, und sah’n das kühnzerschmetterte Scheusal

Liegen im schwärzlichen Blut, und zucken, und schauern im Tod noch,

Schaudernd sie selbst: denn gräßlich war es noch immer zu schauen.

Dann mit des Waldes Raub belastend das räumige Fahrzeug,

Eileten sie, zu erbau’n die vest’umzingelnden Schanzen.

Wohl von den Reihen beschirmt gewaffneter Brüder — nicht achtend

Dicht im Donnersturm’ hersausender Feindesgeschosse,

Grub an den Schanzen das Volk, und, wo in dem sandigen Boden,

Hügelnd, kein Damm sich hob, und den kreischenden Spaten des Aufwurfs

Sinkende Last stets wieder ereilte: da fügten die Krieger

Stämm’ auf Stämme, dem Wall zur dauernden Stütze. Den Weiden

Raubeten andre ihr schlankes Gezweig, und flochten die Schanzkörb’,

Welch’, erfüllet mit Sand, und erhöht auf dem Damme, den Wurfschütz

Und die Donnerschlünde zugleich beschirmten im Feuer.

Also erbauten sie drei, verderbendräuende Schanzen

An Goletta umher, in Gestalt des wachsenden Mondes,

Wenn er, silbergehörnt, hinschwebt am sternigen Himmel.

Rechts an den Oehlbaumwald, und links an den felsigen Meerstrand,

Stieß ihr Horn, und umkreiste nur halb die trotzende Festung:

Denn auf dem Meer’ umfing sie, dem silbergehörneten Mond gleich,

Wieder die Schiffheersmacht: aus ihres verehrten Gestirnes

Bild, ihr kam der Jammer gesandt, und die grause Vernichtung.

Aber das ehrne Geschütz, von schnaubenden Rossen gezogen,

Rückte zögernd heran; die Räder, im Sande versinkend,

Knarreten unter der Wucht, und Schaum bedeckte die Rosse.

Guasto, im Ehrengefolg zu Thaten gerüsteter Feldherrn

Nahend, rühmte des Werk’s ersehnte Vollendung, und sagte:

„Dreißig eherne Schlünd’ und zehn bomb’schleudernde Mörser

Schirmt Alarkon, der Held, in der mittleren Schanze voll Thatkraft,

Und ihm gehorche die Schar viertausend hispanischer Krieger;

Aber, nicht minder an Zahl, erfüllen die Schanz’ an dem Meerstrand’,

Niederländern gesellt, Lusitania’s Krieger: ihr Hort sey

Ludwig, der tapfere Fürst; doch jen’ an dem säuselnden Oehlwald

Sey fünftausend Wälschen vertraut, und mein ist des Volkes

Schirmende Huth. Das ehrne Geschütz, in jeder an Zahl gleich,

Und an verderbender Macht, entsende zur Veste Vernichtung.“

Aber nicht dacht’ er im Ernst die Schanze der Wälschen zu schirmen:

Denn er versuchete nur den tiefverwundeten Helden

Sarno, den er der Feigheit zieh im unseligen Walten

Raschauflodernden Zorns, und nimmer lächelte seither

Sarno’s trauerumflossenes Aug’. Empört in dem Busen

Trat er nun aus dem glänzenden Kreis’, und sagte zu Guasto:

„Wolltest du mir, erlauchter Gebiether, die Stelle vertrauen

Dort am Olivengehölz, zunächst dem feindlichen Andrang:

Daß sich erweis’ in der That, ob ich feig’ erbebte dem Gegner?“

Guasto’s Aug’ umwölkte die Thrän’; er sagt ihm dagegen:

„Edler, die Schanz’ am Olivengehölz, dem feindlichen Andrang

Näher, sey dir vertraut zum Gewinn unsterblichen Ruhmes.

Ha, nicht des Wortes mehr, des unseligen, das in dem Zorn mir

Jüngst entfuhr, gedenk’: den Tapferen ziere die Großmuth!“

D’rauf both er ihm noch freundlich die Hand, und eilte von dannen:

Denn schon füllten den Raum der vest’umzingelnden Schanzen

Treffliche Völker im Freudengejauchz’, und rings von den Wällen

Gähnte der ehernen Schlünd’ entsetzendräuende Mündung.

Aber vor allen ereilten, im hurtigen Laufe die Krieger

Sarno’s ihr Ziel: sie erhob des wiedererheiterten Feldherrn

Siegverkündender Blick, den lange die Trauer umhüllte.

Dort auf des Wall’s vorspringendem Horn erhöht’ er voll Hast nun

Seines Volkes Panier, das blutroth auf in den Lüften

Flatterte; sah vom gehügelten Wall, mit steigender Sehnsucht,

Nach der Pläne hinaus, zu erspäh’n die feindlichen Scharen.

Tausende sollten ihm nah’n: er hatte beschlossen zu sterben.

Jetzo wäre der Donnerrohr’ und der ehernen Mörser

Schreckliche Wuth um Goletta erwacht; doch, sausenden Rittes,

Sprengte der Kaiser heran; ihm folgte der tapfere Alba,

Diesem die Heldenschar zweihundert Reiter, und schimmernd

Wehte das Friedens-Panier vor den Eilenden: denn in dem Busen

Schlug ihm das Herz voll Huld und menschenfreundlicher Schonung.

Nahend den Feuerwerkern im Flug’, erhob er die Stimme:

„Haltet ein! Nicht ertöne des Krieg’s entsetzlicher Mordruf,

Der in dem blindumwüthenden Grimm so vielfach des Jammers

Opfer häuft, und so viel schuldlose Herzen zermalmet,

Eh’ denn Alba gekehrt aus dem feindlichen Lager. Wir biethen

Auf errungenem Feld, zu furchtbarer Rache gerüstet,

Ihm versöhnend die Hand. So er, taub, und rasend im Unsinn,

Von sich stieße die Hand, und verschmähte des Friedens Bedingniß:

Dann auflodere ringsumher die Flamme des Krieges.“

Sieh’, und den stachelnden Sporn in die Seiten des Rosses versenkend,

Flog nun Alba davon mit seinem erlesenen Häuflein —

Flog, wie ein Sturm die Heide durchtobt! Doch jetzt, von Goletta

Kommend, scholl ihm Getös’ und Waffengerassel im Rücken.

Sinam war’s, der schnell mit tausend maurischen Reitern

Nahete: denn er sah in dem Wind das schneeige Fähnlein

Flattern: des Friedens Bild, den er ersehnt’ in dem Busen

Ob der Schätze daheim besorgt im grauenden Alter.

„Hemmet die Roß’, ihr Christen,“ so rief er, „den sühnenden Herold,

Wenn mich das Auge nicht triegt, gewahrt’ ich in eurem Gefolg dort!

Kündigt er uns, wohlweise berathen, die Worte des Friedens?“

„Ja,“ sprach Alba beherzt, „wir bringen euch heute den Frieden;

Nehmt ihn getrost: denn besseren Rath ersinnet ihr nimmer!“

Jener lächelte Hohn; doch hing in dem brausenden Ritt oft,

Seitwärtsblickend, sein staunendes Aug’ an dem christlichen Feldherrn,

Der im schimmernden Waffenschmuck, ein trefflicher Reiter,

Eisern im Sattel saß, und stolzverstummend dahinflog.

Jetzo die Straßen entlang von Tunis, im Donnergalopp fort

Jagte die Schar, und das wimmelnde Volk lief ihr mit Geschrei nach:

Denn wie im sonnigen Lenz, wenn voll von duftenden Blumen

Pranget der Hain, und pranget das Feld und der zierliche Garten,

Zahllos summen in würziger Luft die geschäftigen Bienen:

Diese, mit goldner Last an jeglicher Seite beladen

Kehren, im Korb zu erbau’n die künstlichen Zellen; die andern,

Ihm entschwirrend in Hast, fortzieh’n, auf den blühenden Matten

Lieblichen Honigseim mit zart eindringendem Stachel

Aus dem duftenden Kelch zu saugen, und kehren, und ziehen

Sonder Rast: so war des unzähligen Volkes Gewimmel.

Ueber der lärmenden Stadt, in Barda’s[48] Zaubergefilden,

Wo die herrliche Sommerburg die goldenen Zinnen

Aus dem dunkelen Grün umsäuselnder Hain’ in die Wolken

Thürmt, verweilte Hairaddin jetzt, und ordnete kundig

Heeraufstellung und Kampf, im Kreise der horchenden Feldherrn.

Dort im luftigen Saal, auf schwellende Pfühle gesunken,

Sprach er mit Salek, und sprach mit Dragut und Muhamed Temtes,

Eifernd, als Pferdegetrab in die Ohren ihm scholl, und die Nachricht

Kam: ein Friedensboth’ erscheine der christliche Herold.

Sieh’, ein Wink fuhr ihm, wie ein Blitz, aus den finsteren Wimpern,

Und im Waffengeklirr aufkrachten die Thüren; des Vorhangs

Purpur flog zur Seite gerollt: denn plötzlich umringten

Hundert Janitscharn, geführt von Hassan, dem Aga,

Schirmend des Herrschers Thron, und sah’n, verschlingenden Blickes,

Hin nach dem Fremdlinge, der an Sinams Seite herankam,

Und dem Throne genaht, erhob die muthige Stimme:

„Dir, großmächtiger Herr, entbiethet der Kaiser der Deutschen,

Und Hispania’s König, durch mich, den Herzog von Alba,

Freundlichen Gruß, und sendet, noch ehe der würgende Schlachtruf

Tunis Gefilde durchtobt, dir sanfte Worte des Friedens,

Daß unzähliger Völker Glück dem deinen vereint sey!

Nicht gedenket er, dir zu entreißen die Krone von Algier;

Aber er heischt, zum Ersatz, für Hassan jene von Tunis,

Die er, erst jüngst, mit heiligem Eid, ihm wieder zu schaffen

Schwur, aufbiethend unendliche Macht. Auch sollst du in Freiheit

Ziehen mit deinem Volk; entführen die Schätz’ und die Waffen,

Wenn du zuvor den Christensclaven die Bande gelöset,

Und gelobet ihm hast, zu entsagen der schrecklichen Willkühr,

Die nur auf Menschenraub und Plünderung gründet die Herrschaft.

Frei ist das Meer: ein Bild der ewigen Vorsicht, umher, rings,

Hält es die Erd’ umfaßt! Auf seinen unendlichen Bahnen

Fliege des emsigen Kaufmanns Schiff, mit schimmerndem Fittig,

Schnell von Port zum Port, im völkerverbindenden Handel

Freudig den Segen der einen Welt der andern zu spenden;

Willig trag’ es, wenn Noth es erheischt, ein muthiges Kriegsvolk,

Das sich erhob, des Wüthrichs Macht zu begegnen — zu wehren

Unterdrückung und Schmach, im blitzebewaffneten Bollwerk

Hin zum sicheren Sieg; doch mög’ es, empört, in den Abgrund

Schleudern das Schiff und den Räuber zugleich, der schnöden Gewinns froh,

Seine Fluthen entweiht, der Knechtschaft Opfer zu häufen!

Unsere Losung sey: des Meers allsegnende Freiheit!“

Dunkelröthliche Gluth flammt’ auf in den Augen des Wüthrichs,

Als er die Worte vernahm; er schwang auf dem purpurnen Pfühl sich

Rasch herum, und ballte die Faust, und knirscht’, und begann so:

„Ha, verwegener Christ, so trotzest du mir in das Antlitz?

Fluch sey dir, und auch ihm, der dich gesendet! Hinweg — stirb!“

Jetzo ereilt’ ihn der Tod auf hundert blitzenden Säbeln,

Rief nicht Sinam dem Volk: „Vergreife dich nicht am Gesandten!“

Alsbald bebt’ es zurück. Da stand voll ruhiger Hoheit

Alba, und starrte mit festem Blick dem Wüthrich in’s Antlitz,

Der, erblassend dem Blick, verstört zum Boden hinabsah.

Stille herrscht’ in dem Saal, und lange noch starres Entsetzen.

Aber der Milde bedacht, sprach Sinam: „Erwählter des Himmels,

Seiner Gläubigen Hort, und Liebling des großen Propheten,

Schone des Herolds: denn wie die Laute mit tönenden Saiten

Lautlos schweigt, bis ihr, nun frohe, nun traurige Weisen,

Wechselnd, des Künstlers Hand entlockt: so hat er auch jetzo

Nur getreu verkündet das Wort, das Herrschergewalt ihn

Sprechen hieß. Nur den verfolg’, ein furchtbarer Rächer,

Der ihn gesendet zu dir, so er stolz verschmähte den Frieden,

Welchen du noch aus dem Born reichströmender Huld ihm gewährest.“

Hairaddin rief: „Wohlan, vernehmet es, was ich beschlossen!

Erst schafft ihr in Banden herbei den schwarzen Verräther,

Muley Hassan, der, Ungläubigen selber zum Spott nur,

Feig der Rach’ entrann. Auch hundert der größeren Schiffe

Möget ihr ohne Verzug uns geben als rettende Sühnung,

Daß ihr noch frei heimkehrt, und entflieht der grausen Vertilgung.

Säumtet ihr, dann Weh’ euch: denn Hunderttausende harren,

Voll blutlechzender Gier, der schrecklichen Losung des Mordens

Nur, und ihr werdet vor ihnen wie Spreu vor dem Sturme zerstieben!“

Und er entließ ihn jetzt mit schnödem Winke der Rechten;

Blickte nach Dragut dann, und wieder nach Muhamed Temtes,

Lächelnd. Er that, als acht’ er ihn kaum, und ihm bebte das Herz noch

Wegen des todverachtenden, mutherhelleten Blickes,

Der ihm die Tiefen der Brust, gleich flammenden Blitzen, durchbohrte.

Aber noch weilte der Held, und sprach zu dem Herrscher noch einmal:

„Gönnet mir gnädig Gehör! Die Gattinn des edelsten Feldherrn

Schmachtet, seiner beraubt, in Draguts harter Gewahrsam;

Doch er gebe sie frei; die Lösung heischend nach Willkühr,

Daß sie des Wiederseh’ns unnennbare Wonne vereine.“

Schnaubend vor Zorn erhob sich Dragut, und rief ihm entgegen:

„Ha, du biethest mir Gold für sie, die schön ist wie Houris[49]

Gold, das mir zur Beut’ Europa gespendet? Ich wähnte,

Kommen wird der Gemahl, das Weib zu ersiegen im Zweikampf.

Liegt ihm Tunis zu fern? Erzähl’ uns, ist er so furchtsam?“

Alba, des Spötters nicht achtend, ging. Der edlere Sinam

Folgt’ ihm schweigend, und gab, an dem Thor, die maurischen Reiter

Ihm zum Geleit, fern über Goletta hinaus zu dem Wall hin.

Hairaddin hob sich ergrimmt von dem Pfühl, und sagte den Feldherrn:

„Eilt an das blutige Werk, und sucht im stürmischen Angriff,

Heimlich und offenbar, in der Kühle der Nacht und des Tages

Menschen- und thier’ermattender Gluth, dem Feinde zu schaden,

Bis die vereinte Macht unzähliger Bundesgenossen

Uns auf das Schlachtfeld ruft, zum schrecklichen Kampf der Entscheidung!“

Jeglicher eilte zum Heer; doch Dragut, empört in dem Busen

Flog zu Mathilden heim, zu Toledo’s unglücklicher Gattinn.

Ach, sie duldete dort jetzt unaussprechlichen Jammer!

Wie die Rose, dem wonnigen Lenz entfaltend die Knospen,

Rings Entzücken weckt, und freudiges Staunen: so war sie;

Aber, der Lilie gleich, da auf ihre, noch sprossenden Blüthen

Sengender Mehlthau fiel, hinschwand die zarte Gestalt nun,

Nahe dem Leidensziel’, in des Lebens herber Vollendung:

Denn nicht ahnte sie noch in der Stund’ entsetzlicher Trennung

Von Toledo, die größere Qual: dem Kranken nicht ungleich,

Der in des Fiebers Gluth, von Schreckgebilden umgeben,

Noch die Schmerzen nicht ahnt, die bald, nach der Wiederbesinnung,

Seinen, vom Fieber entfesselten Leib empfindlicher stacheln.

Erst in Draguts Gewalt, des Wüthrichs, gewahrte sie, bebend,

Fülle der Schmach, wo seine, nach ihr verlangenden Augen

Sprachen, sein Mund ihr rief: sie werde, des Kindes genesend,

Lagersgenossinn ihm seyn. Da schwand ihr plötzlich der Hoffnung

Letzter, leitender Stern vom graunumnachteten Himmel;

Furchtbar gähnte vor ihr der Abgrund; schauderergriffen,

Bebte sie matt und matter zurück, und Ströme von Thränen

Kühlten das brennende Weh’ in ihrer zerrissenen Brust nicht.

Hugo, der Treue, gewahrt’, und hörte den Jammer Mathildens.

Völlig war ihm gebrochen das Herz vor lastender Wehmuth;

Dennoch log sein Greisengesicht stets heiteren Trost noch:

Daß nicht dem wankenden Stamm die einzige Stütze geraubt sey;

Doch als nun der Kaiser mit Heeresmacht vor Goletta

Stand, den Regulus ihm als Retter verheißen: da schien ihm

Blauer die Luft, die Sonne viel glänzender, grüner das Erdrund;

Da durchzuckt’ ihm das Herz der Freude verjüngendes Feuer,

Und er stürzte herein, und rief der Dulderinn also:

„Segen mit dir! Erheitere schnell dein trauerndes Antlitz:

Draußen am Strand erschien der Christen unendliche Heersmacht,

Hairaddins Frevelgewalt zu vernichten im Kampf der Entscheidung,

Und wo Siegsruhm winkt, auf dem Felde der Ehre, da sollten

Wälschlands Helden nicht seyn? Nicht mit ihnen der edle Toledo?

Hört’ ich es — hört’ ich es nicht: er sey zugegen? Er ist es.

Himmlische Wort’, o möchten sie Muth und freudige Hoffnung

Wecken in deiner Brust! Dem Jammer mußte sein Ziel steh’n;

Kränze des Sieg’s reicht euch, erbarmend, die ewige Vorsicht

Nun am Ziel, in der Wonne der seligen Wiedervereinung.“

Staunend erst, dann zürnend vernahm Mathilde des Greises

Jubelnde Worte. Sie wähnte betrübt: unwürdigen Scherz nur

Sinne der Greis; doch jetzt entzückenstrahlende Wahrheit

Schauend in seinem Gesicht, ergriff sie vernichtender Schrecken.

Bleich entfuhr sie dem Stuhl, ihr bebten geöffnet die Lippen,

Wankte näher, und stand, und hielt den pochenden Busen,

Aechzend; wankte zurück, und starrte durch quellende Zähren.

„Wie, und du weinst?“ sprach Hugo erstaunt, „das gönnt’ ich dir endlich:

Denn oft stillet die Thrän’ unendliches Weh’ in dem Herzen;

Aber nicht Thränen der Freud’ ersieht mein Aug’ in den deinen,

Die es zu sehen gehofft, und ach, vergeblich gehofft hat!“

Und sie begann: „Nicht Thränen der Freud’ erblickst du für jetzt noch,

Redlicher; doch versiegen wird nun jene des Kummers!

Nein, ich weine nicht mehr: denn soll ich den Ewiggeliebten

Wiederseh’n, o, dann, dann werden die heißesten Wünsch’ all’

Mir in dem einen gewährt: daß ich sterb’ an dem Herzen Toledo’s!“

„Ach,“ so schluchzte der Greis, „den Tod ersehntest du jetzo?

Heimwärts schiffet ihr bald, und spät im grauenden Alter

Schlummert ihr beide beglückt zum schöneren Leben hinüber!“

Aber sie schüttelt’ ihr Haupt, und begann in sinnender Schwermuth:

„Wie die unschuldige Taube, verscheucht, und im Fluge gemordet

Von dem schmetternden Blei, ihr Nestchen verödet zurückließ:

So aus der öden Brust entfloh mir die Hoffnung für immer;

Nie kehrt sie mehr zurück. Des Ewigen Wille geschehe!“

Und noch hellere Fluth entstürzte den Augen Mathildens.