Jetzt ertönte Geräusch, und Dragut, der Schreckliche, stürmte
Hastig herein: sie erbebte vor ihm, und wandte sich seitwärts.
Häßlicher noch von der Wund’ im Gesicht’, die gestern Toledo
Ihm versetzte, begann er vor ihr mit grimmigem Lächeln:
„Thränen umhüllen dein Aug’, nun dir der zärtliche Gatte
Nah’ ist? Die Schulter durchrannt’ ich ihm, kämpfend, erst; von dem Nacken
Hätt’ ich gehauen sein Haupt, und dir vor die Füße geworfen;
Wär’ er nicht feig entfloh’n vor dieser gefürchteten Rechten.“
Flammende Röth’ umzog die Lilienwangen der Edlen,
Und sie erhob die, sonst zur Erde gehefteten Augen
Ob des schmähenden Wort’s nun stolz, und voll kühner Verachtung
Gegen den Wüthrich, und schwieg. Da sprach er von neuem ergrimmter:
„Wähn’t ihr thöricht im Geist: wir sollen erliegen im Schlachtfeld
Euerem Volk? Welch eiteler Wahn! Und sollt’ es geschehen,
Dann, ich schwör’ es zu Gott und dem großen Propheten, erwürg’ ich
Dich mit eigener Hand, eh’ dich dein Gatte mir raube!“
Also droht’ er, und ging. Mathilde erforschte den Treuen,
Aengstlichen Blicks; sie rang die Händ’, und sagte vergehend:
„Seine Schulter durchrannt von Draguts tödlichem Eisen?
Weh’, er starb: nicht an seiner Brust verhauch’ ich das Leben!“
Hugo spähet’ umher, und sagte mit leiserer Stimme:
„Traue dem Lügner doch nicht. Toledo’s blitzendem Degen
Wär’ er genaht, und lebete noch? Bald leuchtet der Vollmond
Dir auf dem nächtlichen Pfad zur Felsenhöhle des Waldes.
Staune nicht so: das Schiffchen harrt, und trägt dich, errettend,
Ueber den See, Toledo’s geöffneten Armen entgegen.“
„Hugo, und du,“ sprach jene bewegt, „willst du mich verlassen?“
Unstät irrte sein Blick umher, dann sprach er im Abgeh’n:
„Lauern des Wüthrichs Späher nicht auf? Nur diese zu täuschen,
Harr’ ich des Morgens noch, und werde dir, Gütige, folgen.“
Sagt’ es, und ging voll Hast, als drängten ihn wichtige Sorgen;
Aber sie stand, und bebte: sie hatte den Treuen errathen.
Drüben im Lager vernahm der Kaiser von Alba mit Staunen
Hairaddins Trotz: wie er ihm auf Tod und Leben den Kampf both.
Ernst umwölkte sein Aug’, und jetzt, erhebend den Degen,
Hieß er beginnen den Sturm, von den Wällen umher, auf Goletta.
Sieh’, als wären der Hölle zugleich entronnen die Schrecken
All’, so wüthete Lärm und Getös’ um die Veste! Der Wurfschütz’
Rührte des Brändchens Rohr mit der Lunt’: im bläulichen Rauch flog
Flamm’ empor; zurück, dann eilender wieder zur Stelle
Rollte der eherne Schlund, und warf durch Feuer und Flammen,
Donnernd, im Bogenwurf die Kugel zur Veste hinüber.
So von den Schanzen, und so von dem Meer hinsausten die Kugeln;
Aber nicht minder zurück von dem Wall der trotzenden Festung
Sausten sie hin und daher, voll Grau’ns: denn hoch in des Himmels
Bläulichem Zelt durchkreuzten sich oft die feindlichen; bebend
Drönte die Erd’ umher, und laut aufheulte der Luftraum.
Herrschend mit Allmacht saß die goldenstrahlende Sonne
Nun auf ihrem mittäglichen Thron, und schleuderte rastlos
Glühende Pfeil’ auf Afrika’s Sandgefilde herunter.
Nicht die befiederten Sänger der Luft, nicht das zahmere Hausthier,
Noch das Gewild, belebten die Welt; sie suchten des Hofraums
Schatten, die Nacht der Höhl’, und des säuselnden Waldes Umlaubung.
Auch der Städter zugleich, und der niedrigen Hütte Bewohner
Schlummerte sorglos jetzt in der Kühle der dunkelen Kammer.
Aber nicht weht’ in des Lagers Raum erfreuende Kühlung,
Wo das luftige Zelt nicht schirmte den lechzenden Krieger
Gegen den glühenden Hauch des Tag’s, und nirgend ein Bäumchen,
Nirgend ein Strauch ihm both die Zweige zum schattenden Obdach.
Schweraufathmend und träg’, umwandelten dort auf dem Walle,
Und den Graben entlang, die Wachen; des blanken Gewehrs Last,
Sonst dem Krieger ein Spiel, lähmt’ ihm den Arm und die Schulter.
Düster blickte sein Aug’ aus den halbgeschlossenen Liedern
Hinter dem glühenden Helm hervor; in gewichtigen Tropfen
Rann ihm der Schweiß von der schmerzgefalteten Stirne herunter,
Und die schmachtende Zung’ erstarrt’ an dem trockenen Gaumen.
Deutschlands Söhne, vor allen zuerst, entnervte der Sonne
Sengender Strahl: sie wähnten sich all’ in der Fremde verloren.
D’rum rief Siegmar jetzt, der Hesse, zu Walther dem Bayer:
„Welch ein Geschick ereilt uns hier in dem Lande des Fluches:
Wären wir nie ihm genaht! O Deutschland, edele Heimath,
Schön vor jeglichem Land, das rings im kreisenden Umschwung
Irgend die Sonne bescheint! Den Deutschen, der dich nicht ehrte —
Liebte vor jeglichem, ha, den treffe nur Schmach und Verachtung!
Siehe, wie lästig dahier der ewigheitere Himmel
Lächelt, und o wie entzückt mich dort des stürmischen Winters
Ernste Stirn’, umhüllt von schneebelasteten Wolken:
Denn sie entschütteln die Last, und ringsum schimmert die Gegend
Hell bei Tag und bei Nacht, im Sterngefunkel und Mondglanz.
Eisern faßt mich am Morgen sein Hauch, und unter den Sohlen
Knarrt der Schnee; mein Odem wallt, gleich Nebeln, um mich her.
Bald ergreift mich die Lust, mit höherer Gluth auf den Wangen,
Hinzugleiten auf spiegelndem Eis, das unter den Schlittschuh’n
Ehern tönt; bald spann’ ich mit Freuden das schellenbekränzte,
Dampfende Roß an den Schlitten, und flieg’ in dem windenden Thal hin
So, daß das frohe Geklingel umher von den Bergen zurückhallt;
Doch heimkehrend, erseh’ ich, bewegt, wie im rosigen Abend
Glühen die Berg’, und fern’ im Gefild vom lastenden Schneedach
Wirbelt die Säule des Rauchs, der dort mich zu Freuden des Lebens
Ladet im Kreise der Lieben, beim herzerheiternden Festmahl.
Deutschland, edeles Land, stets sollst du vor jedem mir werth seyn!“
Unmuthvoll ihm sagte darauf der mürrische Walther:
„Froh gedenkst du des Schnee’s, und der Freuden des eisigen Winters
Nun; doch kühlest du mir die Gluth der schmachtenden Brust nicht.“
So besprachen sich dort die tapferen Kriegesgefährten.
Auch die muthigen Ross’ erschlafften des heißeren Mittags
Glühendem Hauch: sie beugten, und hoben ihr Haupt in die Luft auf,
Rastlos; suchten, gedrängt im Kreis’, des eigenen Schattens
Kühl’, und stampften, und scheuchten, gequält, die lästigen Fliegen
Sich mit dem tönenden Schweif, von der Seit’ und dem zuckenden Bauch fort;
Aber nur gieriger summten sie auf, und kehrten erboßter.
Muhamed sah vom Gewölk, wie Salek, der listige Feldherr,
Ordnend den Hinterhalt, von Goletta herüber im Hohlweg
Mächtige Scharen barg, und mit tausend numidischen Reitern,
Spähend den Wald entlang, herzog dem Feinde zum Unheil.
Jetzt auf dem Wall erblickend die Wache besorgenden Christen,
Hemmt’ er, vor Angst erbebend, den Zug, und wäre geflohen.
Doch, wie die lauernde Spinne hervor aus dem Winkel am Fenster
Dorthin fleugt, wo im schwebenden Netze die Fliege, gefangen,
Nun vergeblich sich müht zu entkommen den klebrigen Fäden:
Denn sie ergeußt der Bande noch mehr, sie ganz zu umspinnen:
Muhamed stürzete so zu Salek herunter, und nimmer
Konnt’ er entflieh’n, bethört von des Geistes verderbenden Worten.
„Salek,“ so rief er ihm zu, „die Söhne der Fremde besiegte
Frühe schon Hitz’ und Durst; erkämpfe den leichteren Sieg dir
Heut’ in dem furchtbar’n Hinterhalt! Du lockest des Feindes
Tapferen Hort, der dort umwandelt in sinnender Schwermuth,
Durch verstellete Flucht in des Hohlwegs tödliche Falle.“
Also der Geist. Da flog, gehorchend, der Zögernde vorwärts.
Sarno war’s, der hoch auf dem Wall’, in sinnender Schwermuth
Wandelte. Jetzt, aufqualmenden Staub in der Ferne gewahrend —
Hörend der Pferde Getrab, entriß er der Scheide den Degen
Halb, und stand, und harrte der Kommenden; aber voll Unmuths
Drängt’ er den Stahl in die Scheide zurück: denn viel zu gering’ ihm
Dünkte des Feindes Macht, und rief zu Belindo, dem Hauptmann:
„Eile den Frechen dort mit hundert erlesenen Kriegern
Muthig entgegen; sie flieh’n vor eurem zermalmenden Blick schon.“
Jetzt, wie im dunkeln Forst der leis’auftretende Weidmann,
Schauend die weidende Schar der Hirsch’ auf den blumigen Matten,
Die, an der Schnur gekoppelten Hund’, entledigend, vortreibt:
Diese entfahren mit lautem Gebell dem felsigen Abhang,
Jene erheben ihr ästiges Haupt, und fliehen geschreckt fort:
So, von Belindo geführt, entfuhren die tapferen Krieger,
Brausend, dem Wall’, und streckten mit mordenden Feuergewehren
Aus der fliehenden Schar wohl dreißig, getödtet, zu Boden.
Bald entschwanden sie all’, und jauchzend kehrten die Sieger.
Aber nicht lange, da kam, von mächtigen Scharen umgeben,
Salek zurück, und rief die höhnenden Worte herüber:
„Traun, nicht unhold ist’s, dort hinter den schirmenden Wällen
Ruhig im Mittagsschlaf die faulen Glieder zu dehnen;
Hinter gethürmetem Bollwerk sucht der feigere Krieger
Gerne sein Heil — der tapfere Mann in dem eigenen Muth nur!
Kommt, wir sandten die Reiter zurück, vor welchen ihr bebtet;
Laßt uns in gleicher Zahl versuchen des Kampfes Entscheidung!“
Sarno schrie ergrimmt: „Fünfhunderte mögen mir folgen!“
Sagt’ es, und stürzte vom Wall’ — ihm folgten die tapferen Krieger.
Kaum entbrannte der Kampf; nur sparsam benetzte den Sand erst
Maurisches Blut: da floh’n, ablenkend, die listigen Scharen
Vom Olivengehölz zu dem trugverbergenden Hohlweg.
Rastlos wüthete Sarno’s Schwert dem Feind in dem Rücken,
Und er häuft’ ergrimmt die Leichen: dem Schnitter nicht ungleich,
Der mit dem blinkenden Stahl die Garben häuft auf dem Saatfeld;
Doch, da stürmte vom Walde heran, von Goletta herüber,
Und aus den Tiefen herauf des schlauverborgenen Feindes
Wimmelnde Meng’ auf Sarno: er stand, und es bebt’ ihm das Herz nicht,
Das nur Schlachten ersehnt, und Gefahren des Todes gewollt hat.
Salek kam, wie ein Hagelgewölk im brausenden Sturmflug,
Näher mit seinem Volk. Nie hatt’ ihn das feurige Streitroß
Also getragen: so schnell, so wild empört, und vor Ingrimm
Schnaubend. Muhamed war’s, der jetzt mit seinen Erwählten
Jeglichen Reiters Pferd durch schreckende Gaukelgestalten
Vorwärts trieb: denn solches vermögen die luftigen Geister.
Salek ersah das Weiß’ im dräuenden Auge des Gegners
Schon, und riß sein wüthendes Roß zurück mit dem Zügel:
Aechzend bäumt’ es sich auf, und bog, umlenkend im Sandstaub,
Gegen Sarno die Brust, der, eh’ es den vorderen Huf noch
Senkte, den blinkenden Stahl ihm tief in die Weiche des Bauches
Stieß, daß es laut hinkracht’ im Fall, und den Reiter herabwarf.
Salek raffte sich auf, und schwang den blitzenden Säbel
Ueber des Gegners Haupt; doch, ehe der tödliche Streich fiel,
Bohrt’ er auch ihm den rauchenden Stahl mit der nervigen Rechten
Fest in die Brust. Sein Auge brach; die geöffneten Lippen
Bebten ihm; bleich im Tod hinsank er, und regte sich nimmer.
Muhamed floh, und ihm heulte, bestürzt, sein luftiges Volk nach.
Auch erstarrten die Mauren vor Angst: den sterbenden Feldherrn
Schauend in seinem Blut; doch bald erwachte des Mordens
Wüthende Gier in allen zugleich; sie schrie’n zu dem Himmel
Fluch und Verwünschungen auf, und umbrausten den Sieger. Nicht anders,
Wenn der Jäger im Hain, todsinnend dem kleinen Gevögel,
Einen stattlichen Uhu mit List an den ragenden Lockbaum
Aufstellt, wüthen die Vögel um ihn, und kreischen, und schreien,
Rach’erfüllt: denn oft raubt’ er im nächtlichen Dunkel,
Von dem belaubten Zweig die Entschlummerten, oft aus der Felskluft;
Aber er schaut, aus großen, der Sonn’ erblindeten Augen,
Ruhig umher, und scheuchet die furchtsamen hin und herüber:
Also umdrängten auch hier den edeln Sarno die Gegner,
Rache schnaubend, und links, und rechts sank Reiter und Fußvolk,
Das ihm genaht. Auch kämpften um ihn die treuen Gefährten,
Heldenmüthigen Sinns, und tilgten die feindlichen Haufen.
Jetzt an des Todes grimmigem Fest, umhügelt von Leichen,
Triefend von Schweiß und Blut, erwachte die Liebe des Lebens
Mächtig in seiner Brust. Er wollte sich fechtend zurückzieh’n,
Da er im rühmlichen Kampf, hier weichend der schrecklichen Mehrzahl
Nur, so dacht’ er, bewies: ihn schmäht’ einst Guasto mit Unrecht.
Sieh’, und als er das Volk in dem Rückzug ordnend, sich wandte,
Und verrätherisch sich vom Helm’ der glänzende Harnisch
Sonderte, da durchfuhr mit schmetterndem Schlage die Kugel
Ihm das Genick; er sank, und röchelte sterbend am Boden!
Feindliches Jauchzen erscholl, und es droht’ ihm entsetzlicher Frevel;
Aber Belindo sprang vor ihn hin, und rief den Gefährten:
„Ewige Schande für euch, laßt ihr die Leiche des Helden,
Feiggesinnet, dem Feind’ zum Gespött’ und frevelnden Unfug.“
Schon umstürmt’ ihn der Feind; doch so wie die säugende Bärinn
Sich vor der Höhl’ aufstellt, wenn rings die grimmigen Rüden
Von dem Jäger gehetzt, ihr nah’n, und immer zurückschaut,
Immer den nächsten erhascht, und mit furchtbarrüstigen Klauen
Ihn umklammernd zerreißt, daß heulend die andern entfliehen:
Also hielt er die tobende Schar von der Leiche des Feldherrn,
Fechtend, zurück, bis zween, an Kraft gepriesene Krieger,
Ihn, zur Erde gebückt, auf die Schultern erhoben, und heimwärts
Trugen voll Eil’ und Hast, nach den trefflich geschirmeten Wällen.
Ihnen folgten am Fuß die schnellverwaisten Gefährten —
Auch von Belindo verwaist: denn ach, unzählige Lanzen
Wühlten in seiner gewaltigen Brust, und, vom Rumpfe gehauen,
Sollte sein edeles Haupt zur Schau dem gaffenden Volk seyn!
Aber die Christen floh’n nicht feig’ und in wilder Verwirrung:
Denn sie wendeten oft die trotzige Stirne dem Gegner,
Feuernd aus schmetterndem Rohr, entgegen. Da brausten die Scharen
Wieder zurücke mit lautem Geschrei: wie die Hunde des Schäfers,
Die den muthigen Stier mit Gebell verfolgen im Blachfeld,
Heulend entflieh’n, so oft er, gesenkt, die furchtbaren Hörner
Gegen sie wendet, und brüllt, und Sand aufschleudert zum Himmel.
Jetzt ersah’n vom Wall die wachebesorgenden Krieger
Unheilkündenden Staub; dann näher die flüchtigen Scharen
Ihres Volks, von dem Feinde gedrängt; sie hörten vernehmbar
Kampfesgetös’ — o Jammer, sie sah’n und erkannten den Todten!
All’ entfuhren zugleich dem Wall, den theuren Gefährten
Rettend zu nah’n, und es bebte der Feind den Dräuenden. Alsbald
Wandt’ er den Rücken, und floh nach Goletta’s Mauern hinüber.
Schweigend nahten die Krieger dem Wall. Zur Erde geheftet
Starrete jegliches Aug’: es blickte zuweilen mit Angst nur
Nach dem Entseeleten hin, und goß dann hellere Tropfen
Ueber die bebende Wang’, auf die bärtige Lippe herunter.
Doch vor seinem Gezelt, auf zwölf, untadligen Schilden
Lag er jetzt mit der Fahne des Ruhms, die er einst vor Pavia’s
Mauern errang, wo Frankreichs Stolz dem siegenden Kaiser
Huldigte. Dort sollt’ ihm ein Ehrenmaal sich erheben:
Denn sie erhöhten den Schaft hochragender Speere: zum Haupt hin
Zween, und zween zu den Füßen, gebohrt in den Rasen, im Viereck;
Hingen zum Wappenschild gewehrdurchkreuzende Degen,
Schimmernde Panzer und Helm’, in der Mitte des ragenden Speers auf;
Kehreten dann g’en Mitternacht, und kehrten zum Mittag,
Auch zum Auf- und zum Niedergang des ehrnen Geschützes
Dräuende Mündung hinaus. Er lag, das Antlitz zum Himmel
Wendend; die Linke bedeckte die Brust, und den tapferen Degen
Hielt die Rechte umfaßt, noch wie zu dem Kampfe gerüstet.
Rings umstand ihn das Volk. Ein Tapferer rühmte mit Thränen
Allen umher den Heldenmuth des edelsten Führers,
Als Amino gesprungen kam, der treffliche Spürer
Hochgewilds: sein Liebling, ihm treu, und ergeben, und wachsam.
Winselnd roch er das bleiche Gesicht und die schneeige Hand ihm;
Sah zu den staunenden Kriegern empor, und heulte dann laut auf,
Und von neuem begann Wehklag’ um den edelsten Feldherrn.
Stets erschütternder scholl ob Sarno’s Tod in dem Lager
Lärm aufjammernden Volks: denn erst nur ein leises Geflister,
Dann der Rache Geschrei flog schnell vom Zelt zum Gezelt hin
Brausend. Wie der nahende Sturm das Laub in dem Hochwald
Erst nur leise bewegt; dann bald, empörteren Grimmes,
Schüttelt, und wüthender, Zweig’ auf Zweig’, und Wipfel auf Wipfel
Schleudert, daß zwei, zur Reise gesellt, hineilende Wand’rer,
In dem Gebraus’, auch schreiend, nicht hören das eigene Wort mehr:
Also erscholl Wehklag’ und Lärm umher in dem Lager,
Bis er erreichte des Herrschers Ohr, der, stehend am Eingang
Seines Gezelts, dem nahenden Guasto voll Ungeduld zurief:
„Haben die Feinde gesiegt? Uns irgend Verderben bereitet?“
„Unser die Schuld!“ sprach jener. „Vom Feind, in die Falle gelockt, starb
Sarno den selbsterkorenen Tod; der tapfersten Krieger
Fünfzig fielen mit ihm; Verwundete zählen wir hundert.“
Und er kehrte zurück mit trauerndem Herzen. Des Helden
Jammergeschick, den er im eifernden Zorne der Feigheit
Zieh, schmolz nun sein starrendes Herz, und ihm thauten die Wimpern.
Aber der Kaiser schwang sich rasch in den Sattel, und jagte
Brausend zur Schanze hinaus, wo Sarno erhöht auf dem Schildbett
Lag. Nicht erkühnte sich jetzt sein Volk, das, trauererfüllet,
Ihn umgab, zum Herrscher den düsteren Blick zu erheben:
Denn es erbebte der Schmach, den Lorber verwelket zu schauen,
Der ihm die Fahn’ umwand zum Lohn errungenen Sieges.
Innig bewegt ersah der edelste Kaiser des Volkes
Trauer; er lächelte mild, und rief mit ermunternden Blicken:
„Wandelbar ist der Schlachten Geschick. Wer schildert den Unhold,
Der es beherrscht, und oft von dem früheren Günstling das Antlitz,
Schön und furchtbar zugleich, zu dem Letzterkorenen wendet?
Aber ihn halte der muthige nur mit eisernen Sehnen
Fest: er kehrt, und jauchzt mit donnerndem Schlund ihm den Sieg zu.
Soll euch schmäh’n der Tapf’re, daß ihr, gedrängt von der Mehrzahl,
Und des Gebiethers beraubt, mit zögerndem Schritte gewichen?
Ferne sey’s! Doch jetzt versenket die Leiche des Feldherrn
Schnell in das Grab; verhüllt es mit grünenden Zweigen und häuft dann
Erde darauf, bis wir ihm erhöh’n ein dauerndes Denkmaal.“
Eiliger ritt er zurück: da priesen die Krieger des Kaisers
Unbegrenzete Huld, der statt verwundenden Tadels
Worte des Trostes sprach, und den Tapferen Ehre gewährte.
Und sie bestellten die Leich’ alsbald, dem Herrscher gehorchend.
Aber es wüthete fort und fort des schweren Geschützes
Donnernde Macht um Goletta: denn bald von den kreisenden Schanzen,
Bald von dem wogenden Meer hinsausten die Bomben und Kugeln,
Und nicht minder zurück von den Wällen der trotzenden Festung
Sausten im Donnersturm die schrecklichen her nach den beiden.
Stets verderbender warf die Macht der entsetzlichen Mörser
Mauern und Schanzen in Schutt, und häufte zermalmend die Leichen.
Dort in dem grausen Getös’ umhagelnder Donnergeschosse
Sprengte der Kaiser den Wall entlang, und erweckte die Völker,
Ruh’ausstrahlenden Blick’s, zu freudigem Muth in Gefahren.
D’rauf, zu Guasto gekehrt, aufboth er ihn, scheidend, noch also:
„Sieh’, bald dämmert die Nacht: dann strebe, noch ehe der Vollmond
Ueber die schlummernde Welt sein Strahlenantlitz heraufhebt,
Durch Laufgräben[50] und Schanzenbau Goletta zu nahen,
Daß sie uns neige das Haupt, erstürmt am kommenden Morgen!“
Sieh’, und als er jetzt zu dem Grab, das eben die Krieger
Sarno erhöheten, kam, da däucht’ ihn: ein Stöhnen und Aechzen
Komm’ aus dem schattenden Laub! Er sprang aus den stählernen Bügeln,
Innigbewegt: denn einen verwundeten Krieger zu schauen,
Wähnt’ er, und, ach, ihm kroch, aufheulend, der treue Amino
Sarno’s entgegen, und leckt’ ihm die Hand! Er streichelt’ ihm freundlich
Rücken und Haupt, und lockt’ ihn fort, enteilend, und kehrend;
Doch er schleppte sich langsam zurück, und senkt’ auf die Pfoten
Hin sein müdes Haupt; dann winselt’ er sterbend am Grab noch
Seines getödteten Herrn. Heiß rann an den Wangen des Kaisers
Jetzo die Thräne herab; er kehrte beklommen in’s Lager.
Abendlich zitterten schon die riesigen Schatten der Krieger
Auf dem glühenden Sand; schon hauchte die schimmernde Meersfluth
Kühlere Luft, und es blickte die scheidende Sonne noch einmal
Ueber der Flammenbahn endloser Fluthen herüber —
Nickt’, und sank in ihr Wogenbett im rosigen Westen.
Aber sie hauchte noch lang, mit sanftverglühendem Antlitz,
Purpurröthlichen Duft nach Osten: des kommenden Morgens
Heitre verkündend, und, sieh’, in langen Zügen der Hochlust,
Sog ein jeglicher Mann im Heere die liebliche Kühlung
Ein, und jubelte laut: denn schnell versiegte der Schweiß ihm
Jetzt an seinen, vom Abendwind umsäuselten Gliedern!
Diese besorgten das Mahl, unzählige Flammen empörend;
Jene gruben die blitznachahmenden Weg’ in dem Zickzack,
Sonst Laufgräben genannt, die Erde zur schirmenden Brustwehr
Gegen die Vest’ aufdämmend, und dort, dem Ziele genahet,
Gruben sie auch die Schanzen umher, und führten Geschütz ein.
Furchtbarer drönte die Erd’; aufheulte der flammende Luftkreis:
Denn von neuem begann der vestenzertrümmernde Donner.
Jetzt umhüllte die Nacht mit dunkelem Schleier die Gegend:
Jene, so langersehnete Nacht, des lieblichen Vollmonds
Stille Verkündigerinn, die jüngst, mit der Freiheit, Mathilden
Himmelswonne verhieß, und, ach, voll Jammers dahinschwand!
Sieh’, in dem schattenden Laubengang des zierlichen Gartens,
Der an des See’s Gestad’, von thürmenden Mauern umfangen,
Lag, lustwandelte sie in des Abends heiliger Stille
Täglich umher! Sie erzählete dort lautweinend den Bäumen
All ihr Wehe: sie säuselten Trost, und den Blumen ihr Unglück:
Ihr erglänzte die Zähr’ aus dem duftenden Kelch, und ihr Wehruf
Scholl, dem klagenden Laut der Nachtigall ähnlich im Lenzmond.
Keiner der Männer betrat, die Straf’ urplötzlichen Todes
Scheuend, den Laubengang am dämmernden Abend; nur Hugo
Durfte der Einsamen nah’n, dem Dragut vertraute vor allen.
Aber es hatt’ erst jüngst ein Fischer die dürftige Hütte
Nahe der furchtbar’n Mauer erbaut aus duftendem Schilfrohr;
Zog im Grauen der Nacht das weitumschwimmende Fangnetz
Nach dem gleitenden Kahn, und both den kärglichen Vorrath
Morgens, am Strande des See’s dann feil, laut rufend, und rühmend.
Nicht verdächtig erschien dort Kurd, der trauernde Fremdling.
Emsig trocknet’ er heute sein Netz am heimlichen Pförtchen,
Das im dunkeln Gebüsch, in der Mauer der spähende Hugo
Fand, und harrte mit Angst der Stunde der Flucht und Errettung;
Doch von dem Minaret verkündete jetzt die ersehnte,
Heiseren Ruf’s, der finstere, stundausrufende Iman.
Heftig bebte Mathild’, als Hugo’s eilender Fußtritt
Näher erscholl. „Was pocht dieß trauernde Herz so gewaltig?“
Sprach sie, und hielt sich die Brust, und schritt nun hin- und herüber
Eilend, als sollte sie flieh’n. Dann rief ihr flehender Blick noch:
„Lass’ an des Gatten Brust es brechen, o ewige Vorsicht!“
Hugo ergriff Mathilden am Arm, und führte sie schweigend
Durch verschlung’nes Gesträuch zu dem leis’eröffneten Pförtchen,
Sank auf die Knie’, und drückte mit langem, mit innigem Kusse,
Seinen Mund auf den Saum von ihrem wehenden Kleid noch.
Aber sie stand todbleich, und faßte mit zitternden Händen
Hugo’s grauendes Haupt, und weint’, und konnte nicht sprechen.
Nun geboth er die Flucht, und eilte zurück in den Hofraum:
Keiner gewahrte die Thrän’ an seinen zuckenden Wangen.
Siehe, der Vollmond hob sein silbernstrahlendes Antlitz
Eben in Osten herauf, als Dragut zur eiligen Heimkehr
Spornte sein schnaubendes Roß; im Klirren des Waffengeschmeides
Sprang er vom Sattel, und schrie, daß rings erbebten die Hallen:
„Hugo, weilt die Gebietherinn noch lustwandelnd im Schatten?
Wehe dir, thörichter Arzt, wenn, kühlumschwärmend, des Lüftchens
Hauch ihr Leiden erregt, und nagender Gram mir zu Theil wird!“
Schweigend winkt’ ihm der Greis, und lang’ umirrend, mit Absicht,
Durch des laubigen Hains verschlungene Pfade, nur spät erst,
Kam er zum Pförtchen im Busch, und sprach: „Die erbarmende Vorsicht
Zeigte den Ausweg mir zur Rettung der edelsten Gattinn
Meines Gebiethers: sie floh im gleitenden Kahn, und Toledo
Trägt auf den Armen sie heim, wo im seligen Bunde der Herzen
Sie vergesse des Raubs, und der schrecklichen Nähe des Räubers.
Wüthe nach Willkühr jetzt: hier liegt dein williges Opfer.“
Sagt’ es, und both, auf beide Kniee gesunken, das Haupt ihm
Lächelnd zum Tode dar. Im himmlischen Siege der Großmuth
Schwelgte sein edeles Herz auf jener geheiligten Stelle,
Wo er des scheidenden Engels Kleid an die Lippen gepreßt hielt.
Leblos stand, und starrt’, an jeglicher Miene verzerret,
Dragut nach Hugo hinab; nur langsam löste der Wuthkrampf
Seiner Glieder sich auf: sie bebten, vernehmlich den Ohren,
Und das Knirschen der Zähn’ erscholl in dem Laubengewölb’ dort.
Endlich begann er — nicht mit des Zorns zermalmenden Lauten,
Dennoch schrecklicher: kalt, und grimmig, so vor dem Alten:
„Elender, wie, durch Draguts Hände zu sterben, verlangst du?
Keiner ersann noch den Tod, der dir, Verruchter, zu Theil wird!“
Schnaubend floh er von ihm; bald klirrten die lastenden Ketten
Näher. Mit lächelndem Blick darboth er den Knechten des Wüthrichs,
Die ihm nur schüchtern genaht, die Händ’ und die Füße zur Fess’lung,
Und sie schleppten ihn fort in die Todeshöhlen der Hochburg.
Aber die sanfte Dulderinn lag im eilenden Fahrzeug
Dicht mit Netzen verhüllt, und starrte hinauf in des Vollmonds
Liebliche Helle: der Gegenwart zermalmende Leiden
Schwanden vor ihrem Blick. Wie, fern verschlagen, der Schiffer
Freudig den Hafen schaut durch schwindende Nebel des Morgens,
Sah sie entzückt des Friedens Gefild’, und hörte mit Wonne
Sanft verhallen im Sternenzelt Harmonieen des Himmels.
Jetzt, entronnen des Wüthrichs Macht, am felsigen Ufer
Landend, hob sie sich auf aus der Tiefe des schwankenden Kahnes.
Kurd erschrack: denn ein’ Unsterbliche wähnt’ er zu schauen:
Also erhaben an Huld ihn dünkte die Gattinn Toledo’s.
Doch an der schroffen Bahn aufwärts zur Höhle der Felswand
Klimmend, ruhte sie oft, gestützt auf den redlichen Führer,
Der mit heiliger Scheu an der Seite der Hehren emporstieg.
„Hier,“ so sprach er, „im stillen Schooß der räumigen Felskluft,
Mögest du ruh’n; bald kommt, auf Flügeln der Liebe getragen,
Dein erlauchter Gemahl; du folgst ihm zur Wonne der Zukunft.“
Aber die Augen, von Thränen schwer, erhob sie noch einmal,
Dankend, zum Himmel, und stieg in die schaurige Höhle hinunter.
Jener häufte den Schutt und die Felsentrümmer mit Vorsicht
Auf an dem gähnenden Schlund, und bog das Laub mit den Zweigen
Ueber ihn hin, daß kein umspähendes Aug’ ihn gewahre.
D’rauf durchflog er im eilenden Lauf des schauernden Oehlwalds
Schattenpfad, und kam Toledo die Rettung zu künden.
Nicht erfreute die Nacht mit holdem Schlummer die Augen
Hairaddins jetzt, und schon lange nicht mehr: des nahenden Kampfes
Grau’n umschwebte sein Haupt, wie donnerschwangere Wolken
Schwimmen des Alpbergs Höh’n umher. Auf schwellenden Pfühlen
Saß er, und starrt’ in die leuchtende Flamme, welch’ in dem Prunksaal,
Duftend von Rosenöhl aus der goldenen Lampe sich aufhob.
Muhamed war ihm genaht, und sucht’ ihm Muth und Vertrauen
Einzuhauchen — umsonst! Er dachte des falschen Numiden
Schlangenlist, den Haß des Mauren, des Arabers Feigheit,
Und die erlesene Schar, so klein im Gedränge der Feldschlacht,
Wenn nicht Hülfe erschien, die er jüngst entbothen aus Algier.
Aber der stürmische Geist entschwebte dem Saal, in der Burg dort
Memi, des Harems Hort, und Hairaddins Lieblingsverschnittnen
Suchend. Er saß in der Hall’, und ballte mit sinnenden Blicken
Grimmig die Faust: er wußte nicht, wie zu verscheuchen des Unmuths
Dauernde Wolkennacht von Hairaddins finsterem Antlitz!
Als ihn der Geist umflog, da hob sein wehendes Kleid sich
Ihm an der Brust: er sah im nächtlichen Dunkel der Halle
Lange, verstört, umher; doch Muhamed schalt ihn ergrimmt so:
„Wie, nicht Hülfe, nicht Rath ersinnest du, heilloser Schwächling,
Daß entschwinde der Gram aus der Seele des Völkergebiethers?
Wurde das Thor der Wonne[51] nicht jüngst, vor allen Erwählten,
Dir zur Sorge vertraut, und schlummern nicht rosige Mägdlein,
Die der Handelsmann aus Cirkassia’s[52] Thälern gesendet,
Hier in dem Harem, so hold und schön, wie liebliche Houris,
Die sich Muhamed einst in himmlischen Fluren erträumte,
Ach, und erwachend, nicht fand? Wem red’ ich die Worte vergeblich?
Gehe, verstümmelter Sclav’, und heiße die zartesten Jungfrau’n
Eilig durch Tänz’ und Spiele der bergumschlossenen Heimath,
Holdem Getöne vereint, erfreuen die Seele des Herrschers!“
Dem gleich, welcher um Mitternacht vom leuchtenden Blitzstrahl
Aus dem Schlummer geweckt, in Hast auffährt von dem Lager,
Fuhr auch Memi vom Stuhl, und, eilig die Pforte des Harems
Oeffnend, schritt er, die Hallen entlang, zur entlegensten Kammer,
Wo die erlesenen Drei, auf schwellende Pfühle gesunken,
Schlummerten; sah, wie dort des Mondes lieblicher Schimmer
Zart die Holden umfing, die Welle des schneeigen Busens
Rastlos stieg, und sank; er hörte, hinübergebogen,
Ihres Odems melodisches Weh’n, und erdrückte, vor Ingrimm
Aechzend, die Thrän’, die empor aus seinem zerrissenen Herzen
Drang, und im eilenden Lauf’ dem trüberen Auge genaht war.
Jetzo weckt’ er sie, sanft an der Schulter berührend, mit leisem,
Lispelndem Ruf. So folgten sie, die Gefährtinnen scheuend,
Die, an der Zahl zweihundert, und mehr noch, in räumigen Kammern
Ruheten: all’ erwählt des Herrschers Lüsten zu fröhnen.
Sclavinnen nur, nicht Frau’n. Nicht im Worte des Heiles geschlossen
Ward ihr Bund, wo die Einzige treu verharret dem Einen
Bis in den Tod, und treu die Bürde des Lebens ihm tragen
Hilft, als Mutter der holdaufblühenden Kinder, als Gattinn,
Und als Freundinn zugleich, in seliger Einung der Herzen.
Eilen hieß er sie erst zur badumwölbenden Halle
Unten im Schooße der Burg. Sie tauchten die reizenden Glieder
Dort in die liebliche Fluth, und salbten mit duftendem Oel sie.
Dann aufschloß er mit lächelndem Blick den Schrank in der Mauer,
Weisend die Pracht der Edelstein’ und der festlichen Kleider.
Freudige Röth’ umzog die Wangen der Mädchen, als Memi
Jetzo das Tuch darboth, gewebt von dem emsigen Hindou
Aus der Wolle des Baums. So zart und duftig wie Nebel,
Die in dem Morgenroth umfließen die blühenden Rosen,
Hüllet’ ihr Unterkleid das zarte Geweb’, und er both dann,
Lächelnd, den Gürtel dar, der unter dem schwebenden Busen,
Schimmernd von Gold, den Leib umfing; den wallenden Kaftan
Von blaßrother Seide, verbrämt mit bräunlichem Zobel,
Auch die Saffianschuh’, des Hauptes Zierde, den Kalpack,
Dem des Reihers Gefieder entstieg, und die köstlichen Perlen
Für den Lilienhals — für die Ohren Gehänge von Demant.
Also geschmückt nachfolgten sie jetzt dem winkenden Aga.
Leise die Pfort’ eröffnend, und erst mit spähenden Augen,
Ueber die Schwelle gebeugt, vorschauend, sah er des Herrschers
Leblosstarrenden Blick. Er drängte die schüchternen Kinder
Eilender vor: sie nahten mit Angst dem Sinnenden. Memi
Weckte zugleich auf dem Schrank die flötenbeseelende Kunstuhr,
Die an dem Strand Amalfi’s jüngst erbeutete Dragut,
Plündernd die fürstliche Burg, und Hairaddin dann zum Geschenk gab.
Auch stand, Wunder zu schau’n, auf dem Schrank ein goldener Käfich,
D’rinnen ein Vögelchen saß, ein Hänfling, wie lebend gestaltet.
Als nun Orgelgetön im Schooße des zierlichen Schrankes
Weckte die Uhr: da sang das Vögelchen zart, wie im Lenzmond
Flötet der Hänfling im Busch; die tönende Kehle bewegend,
Wandt’ es den Kopf nun links, nun rechts, und breitete fächelnd
Oft die Flügelchen aus, und wühlt’ in der Brust mit dem Schnabel.
Weder des Hänflings Sang, noch Getöne der künstlichen Orgel
Traf nun Hairaddins Ohr: er starrte noch immer vor sich hin;
Doch, als jetzt, verschlungen im Kreis’, die Mädchen ihm nahten,
Ihm zu erheitern das Herz mit Tänzen der Heimath, und Memi
Schon aufhüpfte vor Lust: da fuhr er vom Lager, und schrie laut:
„Fort, ich zertret’ euch!“ Und sie entfloh’n, wie schüchterne Tauben
Flieh’n vom Feld, wenn Geiers Geschrei aus den Lüften herabtönt.
Schnaubend ging er umher: ihm scholl von dem fernen Goletta
Donnergemurmel an’s horchende Ohr, und er sandte dann endlich
Nach Tobukes, nach Abu-Sa-id, und Muhamed Temtes.
Doch sie nahten im Flug, und bebten der Rede des Herrschers:
„Führer der Völker, die zu Fuß, und auf feurigen Rossen
Mächtige Heere zerstreu’n, vernehmt es, was ich gebiethe:
Ehe des Morgens Dämmerlicht den östlichen Himmel
Röthet, stürmst du, Tobukes, gewohnt im heimlichen Anfall
Sieger zu seyn, mit zwanzigtausend Erwählten des Feindes
Mittlere Schanz’, und ich, von den schrecklichen Kriegern umgeben,
Dringe durch das Olivengehölz, wenn, schimmernd, des Meeres
Fluthen die Sonn’ entsteigt, und dort auch Muhamed Temtes
Von Goletta heran, zu erstürmen des Lagers Umwallung,
Während uns Abu-Sa-id, Arabia’s treffliche Reiter
Führend, gleich dem Orkan, dem sinkende Wälder erkrachen,
Rasch nachdringt, und den fliehenden Feind vernichtet auf einmal.
Also gewahrt ihr im Sieg den Segen des großen Propheten!“
Jene, entflammt in der Brust von den Worten des furchtbaren Herrschers,
Eilten zum Kampf. Entlang Medscherda’s Ufern (Bagrada[53]
Hieß der mächtige Strom in Karthago’s verschollenen Tagen)
Wogten des Arabers bräunliche Zelt’ im Hauche des Windes
Weit umher. Er bauet sein Zelt, dem höckrigen Lastthier
Gleich an Gestalt, das fort, ein lebendes Schiff, in des Sandmeers
Wüsten wandelt: ihr Sohn, so fromm und so duldend. Es ruhte
Noch entschlummert das Volk, und die losgebundenen Rosse
Weideten frei im Gefild. Doch als nun die ehernen Becken
Abu-Sa-ids erschollen; als laut ertönte der Schlachtruf:
Da fuhr jeglicher Mann gerüstet vom Lager, und rief dann
Vor dem Gezelt sein edeles Roß bei’m Namen. Sie flogen
Wiehernd herbei, und bothen dem wolligen Sattel den Rücken —
Bothen die Zunge dem Zaum, und bäumten sich hoch mit dem Reiter.
Aber Afrika’s bräunliche Söhn’ erweckte Drometen-
Schall, und Barda’s Höh’n entströmten die lärmenden Scharen,
Wie im thauenden Lenz von der schimmernden Kuppe der Alpen
Schneefluth kommt, und laut herrauscht in die Thäler. Sie führte
Muhamed Temtes zum Kampf, des Fußvolks kühner Gebiether.
Scheidend senkte der Mond im Westen sein blässeres Antlitz
Jetzt in Nebelgewölk, und dämmernd erhob sich der Morgen.
Hairaddin hielt am Olivengehölz mit den Schrecklichen. Allen
Kam er zuvor, und hieß, des Kampfs wohlkundig, die Schanzen
Eilig erbau’n auf den Höhn des ragenden Felsengebirges,
Das Mathilden im Schooß der schaurigen Höhle, seit gestern
Barg. Dort lag die unglückliche Frau (der nahen Entbindung
Wehen durchzuckten ihr Mark und Gebein) unsägliche Qualen
Duldend, und harrend mit Angst des heißersehneten Gatten.
Eilenden Laufs war Kurd dem Lager der Christen genahet,
Trat in Toledo’s Gezelt, und sprach, tiefathmend, und bebend:
„Hugo’s Worte verkündet mein Mund: ihn mögest du hören.
Siehe, der Morgen grau’t, der langgetrennete Herzen
Wieder vereint! Schon harrt in traulicher Felsenumhüllung
Dein die Gattinn mit Angst: o trage sie jetzt auf den Armen,
Freudigerrettend, heim zu nimmer versiegender Wonne —
Heim in das Vaterland! Ein liebender Vater den Waisen
Hugo’s mögest du seyn, der dich in der hülflosen Kindheit
Oft auf den Armen trug, dich fröhliche Spiele gelehret,
Und die Treue dir stets in dem redlichen Herzen bewahrt hat.“
„Kurd,“ so jauchzte Toledo ihm zu, „Kurd, waffne dich eilig,
Du mein Freund fortan, mein Bruder und Waffengefährt’ jetzt;
Säume nicht, schnell geleite mich hin zur Höhle des Waldes!“
Hastig reicht’ er die Waffen ihm dar. Die finsteren Augen
Kurd’s entflammten sich hell, und des Kummers tiefere Furchen
Schwanden von seiner Stirn’ und Wange: nur Jauchzen des Sieges
Scholl um ihn her aus den Tagen des Ruhms erretteter Heimath,
Und, im versöhnten Gemüth gedacht’ er nicht seines Geschicks mehr.
Jetzo, im Waffenschmuck auf feurige Rosse sich schwingend,
Jagten die Helden hinaus, entgegen der Höhle des Waldes.