Lauter säuselte schon aus Osten der schaurige Frühwind;
Purpurröthlicher Glanz entfloß des goldenen Morgens
Weiteröffnetem Thor; aus den dämmernden Wolkengefilden
Sah die wirbelnde Lerche zuerst erwachen die Sonne,
Und, jungfräulichverschämt, mit höherer Gluth auf den Wangen,
Dort dem rosigen Lager entflieh’n: als schauernde Wälder,
Noch in Dunkel gehüllt, mit leisem Zwitschern und Flistern
Ihr anstimmten den Morgengruß, und die Wellen des Meeres,
Hocherhebend das Haupt, sich sehnten, die Holde zu schauen;
Aber nur Blut, nur Mord, nur sterbender Menschen Geröchel
Wallt’ ihr zum Morgengruß aus Goletta’s Fluren entgegen.
Eilender stürmte Tobukes heran. Wie ein reißender Bergstrom
In der Gewitternacht anschwillt, und des Landes Bewohner
Schnell vom lieblichen Schlaf erwecket zur Angst und Verzweiflung:
Denn sie vernahmen es nicht, daß fern im finsteren Waldthal
Sausend die Wolke zerbarst, und Fluth entstürzte dem Abhang:
So, von Tobukes geführt, herströmten die Scharen, und stürzten
Auf Hispania’s Macht. Da gaben die spähenden Wachen,
Staub gewahrend, und Volk in dem Staub, durch Büchsengeschmetter
Zeichen der Noth und Gefahr: aufrafften sich eilig die Krieger,
Und sie folgten beherzt dem trefflichen Führer Alarkon.
„Brüder,“ so rief er laut, „nun vorwärts! Eiserngeschlossen
Haltet die Reih’n, und dränget den Feind vom Rande des Grabens
Muthig zurück; besiegt entflieh’ er vor unseren Augen.
Denket der Wälschen, die erst vorschnell, nur flammender Kühnheit,
Nicht vorschauendem Muth gehorchend, im Felde der Waffen
Bluteten. Auf, Hispania’s Volk: du stehe, dem Felsen
Gleich im Sturme der Schlacht, des sicheren Sieges gewärtig!“
Und er führte die Reih’n zum schanzumkreisenden Wall hin.
Aber wie dort an dem Mohrenstrand, hoch über der Meersfluth,
Schwebt die schreckliche Wassertrompet’, ein winzig Gewölk erst;
Dann urplötzlich mit Donnerschall auf die Fluthen herabfährt,
Wirbelnd sie faßt, in die Luft aufhebt, und brausend im Jähsturz,
Hier die Schiffe zerschellt auf dem Meer, und dort an dem Ufer
Wüthend, unseliges Volk, und Hütten, und Saaten vernichtet:
Also erstiegen die Feinde den Wall im schrecklichen Anlauf.
Allah-Geschrei und Gekrach der stürzenden Pfähl’ an dem Graben
Brauste vor ihnen daher; geschwungener Säbel Gezisch scholl;
Staub flog auf. Schon wandten sich eilig die Christen: die Vorschar
Stürzt’ auf die folgende, wie, vom wüthenden Sturme gehoben,
Wog’ auf Woge sich stürzt, und trennte die Ordnungen weithin.
Jetzt vom Schrecken betäubt, nicht hörend die Stimme des Führers,
Wichen sie all’. Er stand, und bohrte den Flüchtenden links, rechts,
Zürnend, das Schwert in die Brust, und ging, und wär’ er allein nur,
Rühmlichen Kampf und Tod im Sinn, den Feinden entgegen.
Aber, glühend vor Scham, gewahrten die Krieger sich alle
Fortgerissen zu schmählicher Flucht. Sie kehrten im Sturmschritt
Wieder zurück; dann schnell die Gewehr’ an die Wange sich pressend,
Zielten, und drückten sie los, und Stein und Stahl an dem Schlosse
Schleuderte Blitz’; aufflammt’ an der Pfanne das Pulver: hinausfuhr
Krachend die Kugel — sie flog in die stürmenden Haufen, und Volk sank.
Dann mit glühendem Muth, stets unaufhaltsamer, jauchzend,
Drangen die Tapferen vor, und warfen die stürmenden Haufen
Wieder zurück auf den Wall. Dort stand Alarkon vor allen.
Sieh’, ihm nahte, beherzt, der einzige Sohn Abdul Hamids,
Des zu Tripoli herrschenden Dey’s! Ihn sandte der Vater,
Daß er in Hairaddins Heer’, erringend die Kränze des Sieges,
Kehre zur Freud’ ihm heim, und zum Trost im grauenden Alter.
Aber er freue sich nicht, den Tag der fröhlichen Heimkehr
Seines Erzeugten zu seh’n: ihn hüllet die Erde vor Tunis.
Weitvorhaltend den Speer, eindrang er mit Wuth auf Alarkon,
Daß ihm der Schaft in der Faust erzitterte; dennoch, dem Kampf schon
Lange geübt, vermied im Sprung’, Alarkon des Speeres
Tödlichen Stoß. Er hieb, mit kräftiger Rechte den Degen
Schwingend, den Schaft entzwei, und rannte den blitzenden Stahl ihm
Jetzt so tief in die Brust, daß er, scharfgeschliffen, ihm alsbald
Auch die Schulter durchfuhr: er sank, und stöhnt’ in dem Tod noch.
D’rauf, entreißend den Stahl, zerschlug er dem Bascha von Tarsus,
Ahmet, die ragende Stirn’: er taumelt’ am Rande des Walles
Nieder, und fiel, die Händ’ ausbreitend, hinab in den Graben.
Wie der flüchtige Hirsch, den heiß verfolget der Schweißhund,
Nah’ an des schwindligen Abgrunds Rand, erlegt von dem Weidmann,
Jählings entstürzt: dumpf kracht sein Geweih an dem Felsen hinunter:
Ahmet entstürzte so schnell: ihm krachten im Falle die Glieder.
Aber da schlich Tobukes, ergrimmt, an den Rücken Alarkons;
Jauchzt’, und bohrt’ ihm, weitausholend, den Dolch in den Nacken.
Sterbend lag er am Wall, doch winkt’ er dem kühnen Sarmento,
Führer zu seyn des Volk’s in entsetzlicher Stunde des Wuthkampfs.
Zärtliche Freundschaft wand die Blüthen der fröhlichen Jugend
Immer noch frisch und duftend um beider Herzen: sie wallten,
Innigvereint, des Ruhmes Pfad im Leben und Tod noch.
Ob des Freundes Geschick aufstöhnend, brauste Sarmento
Vor, und schrie, und erweckte den Muth der zagenden Krieger,
Und von neuem begann auf dem Walle das grause Gemetzel.
Warf Sarmento den Feind, vordringend, zurück in den Graben,
Stürmte Tobukes ergrimmter herauf, nicht achtend der Haufen
Seines getödteten Volks: denn viele der Christen erlegt’ er.
Gleich dem Nebelgewölk, das hoch in den bläulichen Luftraum
Aufschwebt; dann von zween sich bekämpfenden Winden ergriffen,
Hier- und dorthin treibt: so schwankte des Kampfes Entscheidung.
Einst Germania’s Hort, und im Kampf: Legionenzertrümm’rer,
Hermann, sah die Gefahr, und fuhr im sausenden Eilflug
Nach des Kaisers Gezelt, der dort, tiefsinnenden Blickes,
Einsam saß, und erregt’ ihn so mit den muthigen Worten:
„Säume nicht: heiß bestürmet der Feind Hispania’s Krieger;
Eile hinaus: dein Blick gebiethe den Sieg in dem Schlachtfeld.“
Hastig entfuhr er dem Stuhl’, und blickte, verwundert, um sich her.
„Ahnt mir Gefahr?“ so dacht’ er, dem Zelt enteilend. Er schwang sich
Draußen auf’s feurige Roß, und flog nach der Schanze hinüber.
Ihm nachjagte Gefolg’, und unter den stampfenden Hufen
Drönte der Boden umher; aufquoll der flimmernde Sandstaub.
Jetzo der Schanze genaht, begann der zürnende Kaiser:
„Wie, Hispania’s Volk, dich nannte die staunende Mitwelt,
Rühmend, das Erst’ im Feld, und du weichest dem feindlichen Andrang?
Auf, und rette den heimischen Ruhm! Ein glänzender Leitstern
Sey er dem Krieger im Kampf: nur mit ihm verlösche sein Leben!“
Lodernden Flammen gleich, ergriff die Herzen des Kaisers
Zornausruf: da brannt’ auch der schwächere Mann in den Reihen,
Gegen die Feinde des Kriegs vernichtende Schrecken zu tragen,
Und sie kehrten sogleich. Wie ein bergabtaumelnder Felsblock,
Dem die Wälder erkrachen, Geröll’ und Erde zerstäubt weicht;
Oder vom dauernden Regen geschwellt hinbrauset ein Bergstrom
Durch die Fluren, und Hain’ und blühende Saaten zerstöret:
So in des Feindes Reih’n umwütheten jetzo die Krieger,
Rächend des Rückzugs Schmach. Doch wehe, da stürzte Sarmento,
Von Tobukes durchbohrt, und haucht’ an dem Busen des Freundes,
Der auf dem Walle getödtet lag, den muthigen Geist aus!
Glückliches Los, das so die liebenden Freunde vereinte!
Ueber ihn hin (betrübt zwar, doch des eisernen Krieges
Stimme geboth’s) und über die Hügel erschlagenen Volkes,
Eilten die Reihen auf Reih’n jetzt vor, und warfen die Gegner
Von dem Wall’ in den Graben — aus ihm hinüber in’s Blachfeld,
Raschverfolgend. Nicht half das Schrei’n des Führers, Tobukes,
Nicht die knirschende Wuth des Volks: denn, Hagelgewittern
Aehnlich, folgte der Sieger ihm nach, und grause Vertilgung.
Unter den Letzteren floh Tobukes, und stöhnte vor Ingrimm.
Furchtbar war sein Arm in dem Kampf, und, glühend vor Sehnsucht,
Gohr ihm die Brust, daß Hairaddin bald vom Olivengehölz her
Nahend, ihm eine die Macht, zu vernichten die feindlichen Scharen.
Aber er harrt’ umsonst, und jetzo, von Wunden ermattet,
Sann, und erwog er im finstern Gemüth’: ob Hairaddins Rach’ ihn,
Da er ihn haßte, vielleicht dem sicheren Tode hier preisgab?
Unerträglich erschien dem Zweifler des nächtlichen Irrwahns
Täuschendes Licht; er riß ergrimmt von der Seite den Mordstahl,
Stieß ihn tief in die Brust, und fiel, und röchelte sterbend.
Aber, vor Schrecken erstarrt, gewahrten die Krieger des Feldherrn
Blutige That, und floh’n jetzt eilender fort nach Goletta.
Hairaddin hörte des Kampf’s grau’nvolles Getös’ in dem Waldthal;
Doch ihm scholl’s erfreuender, als in dem silbernen Mondlicht
Liebenden tönt Harmonikaklang und Harfengelispel.
Vorwärts drängt’ ihn der Muth und die Blutgier; aber er hielt noch,
Bis er die Schanz’, erbaut auf den Felsenhöhen, gewahrte,
Und das eh’rne Geschütz, das weit in die Ferne hinüber
Schleudert den Ball (Feldschlange genannt), in jene geschafft war.
D’rauf begann er so, vor dem Meister des schweren Geschützes:
„Bujukdur, Sohn Hafis, horch! wenn außer dem Oehlwald
Schimmert die Fahne des Vorderzugs: dann feu’re, verderbend,
Nach dem Lager hinaus. Abdallah, der muthige Feldherr,
Sey dir schirmend gesellt mit tausend erlesenen Kriegern.“
Und nun führt’ er das Heer, ihm tiefere Stille gebiethend,
Durch den Olivenwald, dem Lager der Christen entgegen.
Siehe, da jagte mit Kurd, auf schnaubendem Rosse, Toledo
Näher. Es hing sein thränendes Aug’ an den Höhen der Felswand,
Welche die Gattinn ihm barg, und im rosigen Morgen die Scheitel
Glühend erhob. Wie dort dem leidenerfahrenen Jüngling,
Den ein feindlich’ Geschick aus den Armen der liebenden Aeltern
Riß, das Herz erpocht, so nach Jahren der schmerzlichen Trennung,
Er, heimkehrend im Schiff von Amerika’s wüsten Gestaden,
Jetzo die Thürme der Vaterstadt in der Ferne gewahret,
Jetzt sein väterlich Haus, und jetzo den Hügel und Anger
Wieder erkennet, wo ihm die seligen Jahre der Kindheit
Schimmernd entfloh’n: nur vorwärts strebt er, und weiter entfernet
Däucht ihn das Ziel, als einst von des Meer’s endlosen Gewässern:
Also pocht’ ihm die Brust, und eilender jagt’ er das Roß hin:
Schauend den Fels, der hell vom Morgenschimmer ihm winkte.
Plötzlich hemmt’ er das Roß, und starrte mit tiefem Entsetzen
Vor sich hin, da er nun die raschvordringenden Scharen
Nahe der Höhl’ ersah. Kurd rief mit leisem Gelispel:
„Kehr’ in Eile zurück: dort nah’n unzählige Feind’ uns!“
„Kurd,“ entgegnet er sanft, „ich sehe die Feind’ an dem Felsen:
Hin ist die Hoffnung — Mathild’ ist todt! Nun will ich im Kampf hier
Sterben, dem Schicksal zum Hohn, den Tod des tapferen Kriegers.“
Schnell entblößt’ er den blinkenden Stahl, und flog auf das Blachfeld
Muthig hinaus: da erfaßte noch Kurd das Roß an dem Zügel,
Riß es gewaltig zurück, und rief dem Tobenden also:
„Soll die unglückliche Frau vergehen in schrecklichem Jammer,
Deiner beraubt? Sie ruht in der dunkeln Höhle geborgen.
Lass’ uns, des Ueberfalls Verkündiger, eilen in’s Lager;
Wecken die Brüder zum Kampf’, und erretten im Sieg’ auch Mathilden!“
Hastig trieb er sein Roß, und mit diesem den Renner Toledo’s
Wieder zurück, der, tiefverstummend, die Augen zuweilen
Gegen den Himmel erhob, und laut aufseufzte vor Herzleid.
Aber in stürmischer Hast hinflogen die schnaubenden Rosse;
Staub quoll auf in die Lüfte, der Wald, die Berg’ und die Hügel
Wichen im Fluge zurück, und die Helden durchbrausten das Lager.
Dort des Ueberfalls, des nächtlichen, denkend mit Unmuth,
Hatte der Kaiser das Volk ringsher gerufen zur Heerschau.
Rastlos schmetterten fort die eh’rnen Drometen; die Trommeln
Wirbelten dumpf, und riefen verständliche Laute den Kriegern.
Wie das unzählige Volk der Schwalben im sonnigen Spätherbst
Rings mit lautem Geschrei, vorahnend die Stürme des Winters,
Sich anschickt, entgegen zu zieh’n besonnten Gefilden:
Meng’ an Menge gedrängt, versammeln sich eilig die Scharen:
Also vereinten sich hier die tapferen Krieger zur Heerschau.
Ernsten, musternden Blicks, hinritt an den Reihen der Kaiser.
Jegliche Fahne sank; die Feldherrn all’, und die Führer,
Hielten den Degen gesenkt zum ehrenden Gruße; das Fußvolk
Schwenkte die Lanz’ und das blanke Gewehr, und der Reiter den Säbel.
Aber die Trommel scholl, und Drometengeschmetter ertönte.
Jetzo hätt’ er dem Heer gewichtige Worte gesprochen,
Ruhm den Tapfern gezollt, und gerügt Verblendung und Saumsal;
Aber da flog mit Kurd, im eilenden Laufe, Toledo
Näher, und hielt, kampfdürstenden Blicks, an der Spitze der Seinen.
Jener, dem Herrscher genaht, erhob tiefathmend die Stimme:
„Herr, wie die Fluthen des Meer’s im Hauch des stürmischen Nordwinds,
Zahllos, Wog’ an Woge gereiht, zum Strande sich wälzen,
So vom Olivengehölz dir nahen die feindlichen Scharen!“
Noch entfloh den Lippen nicht ganz die unfreudige Nachricht,
Als von den Felsenhöh’n mit Donnergetös’ und Gebrülle,
Lastende Kugeln heran, in des Lagers Mitte geschleudert,
Flogen: da sank in Reih’n und Gliedern, Jammer dem Anblick,
Häufig der tapferste Mann! Schnell riß die zischende Kugel
Diesem die Füße vom Leib, und warf sie, zerschmettert, zum Boden,
Jenem den Arm, und dem Dritten das Haupt, entsetzlich und furchtbar
Von dem taumelnden Rumpf’, und es wälzten sich treffliche Rosse
Dort mit dem Reiter, verwundet, im Blut. Unsichtbaren Fluges,
Treffen des Todes Geschoss’ aus den lautumdonnernden Schlünden:
Weder Kraft, noch Muth errettet von grauser Vertilgung,
Die aus der Fern’ urplötzlich Bewehrt’ und Wehrlose hinstreckt.
Jetzo gebothen sogleich des Krieg’s wohlkundige Führer
Wechselnde Stellung, und vor- und rückwärts, schief, und gerad’ hin,
Wogte das Heer: das Ziel zu entrücken der feindlichen Obmacht.
Aber der Kaiser sann. Er winkt’. Ihm nahte der Feldherr
Lichtstein: denn er gewahrte den Blitz in dem Auge des Fürsten.
„Lichtstein,“ also sprach er, „du ziehst den engeren Thalweg
Hinter dem Salzthurm fort, zu erstürmen die Schanze der Felshöh’n:
Weder Medscherda’s reißende Fluth, noch die schroffe Gebirgswand
Hemme des Siegers Lauf! Vier tausend muthige Schützen,
Tausend Reitern gesellt, genügen dir. Ist es gelungen:
Dann bedrohe den Feind, nicht achtlos Unser, im Rücken.“
Jener entschwand: ihm hob die Heldenseele des Herrschers
Ehrender Ruf, und erkor in Eile die tapfern Gefährten:
Oestreichs Reiter und Ungerns, die den tyrolischen Schützen
Folgten im munteren Schritt, und des Spessarts Kriegern, und Hessens.
Auch entboth er den Troß der fährschiffführenden Wägen,
Rossebespannt zu folgen der Schar werkkundiger Brückner.
Wieder begann der Herrscher, und rief mit leuchtendem Antlitz:
„Fort in den Kampf! Voraus die Reisigen, welche Mendoza
Heut’ in dem Vortrab lenkt, zum Ruhme der hohen Cortezza.
Ihnen folg’ in gemessenem Schritt, im Trommelgewirbel,
Und die Fahn’ im Blick, Neapels muthiges Kriegsvolk,
Jenem gesellt, das uns die erlauchte Roma gesendet.
Ueber sie heischt Toledo’s Blick die Leitung — sie werd’ ihm:
Denn ihm winket des Sieges Preis in der Stille der Felsnacht.
Aber die Ritter-Schar führt Garzia Lasso, und Alba,
Flammenden Muth’s, der Spanier schwergeharnischte Reiter
Gegen den Feind; nur Eberstein verharr’ in dem Lager,
Ihm ein schirmender Hort, mit den treuverlässigen Deutschen.“
Also geordnet, eilte das Heer in die stürmende Feldschlacht.
Wie der Heuschrecken Heere, gejagt aus Syriens Wüsten
Von zerstörender Gier, anstürmen im Sommer, daß weithin
Sauset die Luft, und die Sonne verlischt in der Helle des Mittags:
Also schwebten auch jetzt in zwei gesonderten Haufen,
Brausend, die Geister heran, und jeglichem eilten die Herrscher,
Muhamed erst, dann Attila vor: zwei finsteren Wolken
Gleich, die donnerschwer, in dräuender Stille heraufzieh’n.
Unmuth gohr in dem wilden Blicke des hunnischen Königs;
Auch die glühende Stirn’ und Wange des Koran-Verkünders
Zuckte vor Wuth: nicht die Christen all’ im Kampf der Entscheidung
Schauend. Lechzende Gier nach Blut erfüllte die Furchtbar’n.
Muhamed rief: „Erblick’ ich dort Arabia’s Krieger?
Wehe, denn weder an Muth, noch an Thaten sind sie mir ähnlich
Mehr, die Feig’umschwärmenden! Jetzt, und hinfort mir ein Liebling
Seye der Türk’. Aus Turkestans[54] sandiger Flur sich erhebend,
Kam er, ein brausender Sturm, und säte des heiligen Korans
Samen aus in die Welt, und lenkt’ an die Keime den Blutstrom,
Daß er erwuchs, und die Ernt’ in üppiger Fülle sich fortmehrt.
Hebe dich, luftige Schar: dem Christen errege die Gegner,
Daß er besiegt hinschwind’, und nie rückkehre zur Heimath!“
„Tapfere Scythen, ihr!“ rief laut der Hunnen-Beherrscher,
„Die, nach Attila’s Wink, den allverheerenden Flammen
Aehnlich, im Garbenfeld der schmachgereifeten Menschheit,
Wüthetet, als uns Rom auf den sieben Hügeln erbebte —
Byzanz neigte das Haupt: erhebet die luftigen Waffen,
Weil, der sterblichen Hüll’ entrückt, der Thaten Vollendung
Nimmer den Busen uns labt, nicht der Sieg im Jauchzen der Mordlust;
Auf, und dränget der Janitschar’n blutdürstende Rotten
Rastlos vor zum Gewürg’ in volkzermalmender Feldschlacht!“
Jauchzend vernahmen des Herrschers Ruf die luftigen Scharen;
Aber so laut und so mächtig sie schrie’n — es zischte nur leises,
Schwaches Geflister herab. Wohl starrt’ in der eilenden Heersmacht
Mancher der Krieger empor; doch leer ihn dünkte der Luftraum.
Leise, mit weitvorstrebendem Fuß, die klirrenden Waffen
Pressend im Arm, und das Roß, daß es schweig’, an den wallenden Mähnen
Streichelnd, nahte der Feind in täuschender Stille vom Wald her.
Doch als jetzt von den Felsenhöh’n das wichtige Zeichen
Donnernd erscholl, und fern in des Lagers Mitte Verderben
Säte der eherne Schlund: da jagten die listigen Scharen
All’, im geflügelten Lauf, im Getös’ empöreter Mordwuth,
Allah! Allah! brüllend, heran an des Lagers Umwallung:
Denn urschnell und in wilder Verzweiflung sollte der Christen
Schlummerndes Volk, so wähnete Hairaddin, Jammer ereilen.
Siehe, und als dem Wald, wie am wetterverheißenden Morgen
Zürnende Bienen dem Korb’, entströmte sein lärmendes Kriegsvolk,
Führt’ ihm Mendoza, der Held, im Blitze des Waffengeschmeides
Schon entgegen die reisige Schar: er selber den Kampfpreis
Heischend vor ihm, und kühneren Blick’s vorstürmend zum Angriff!
Wie, wenn lechzend nach Blut, der schreckliche Tieger im Dickicht
Leises Geräusche vernimmt, und dort, nur scheue Gazellen
Suchend, den Leu’n, den langvermied’nen, gewahret, da wankt’ er
Vor dem entsetzlichen Feinde zurück, und denket der Flucht schon;
Doch bald kehrt ihm die Wuth: er senkt die Brauen ergrimmter
Nieder, und fletschet die Zähn’, ihm den letzten der Kämpfe zu biethen:
So mit staunendem Blick sah Hairaddin jetzo die Gegner
Kommen im Feld, die er, würgend, vom Schlaf zu erwecken gedachte.
Aber er säumte nicht, trieb, und jagte die Zögernden vorwärts,
Und der Geister aufjauchzendes Heer flog brausend hernieder,
Nahte den Kriegern, und schrie in das Ohr dort Jeglichem: „Vorwärts!“
Wie der Bremsen erboßter Schwarm in der Stunde des Mittags
Rasch auf die Heerde des trägeren Hornvieh’s, dann auf der Rosse
Munt’res Gestütt’ sich wirft, und all’ in rasendem Taumel,
Brüllen, wiehern, und flieh’n: denn, ob ein schwindliger Abgrund,
Oder die tobende Fluth tief unten dräuet — sie stürzen
Unaufhaltsam hinab; so drängten die luftigen Geister
Hairaddins Volk an die Feind’, und furchtbar tönte der Schlachtruf.
Siehe, die Reiterschar der Araber tauchte vor allen,
Spornend das feurige Roß, und vorgebeugt aus dem Sattel
Bis zu den Mähnen, die Spitze des hochaufragenden Speeres
Dort in Mendoza’s Reih’n. Da fiel Segorbia’s Kampfheld,
Aguillar, und mit ihm Morillo, den Murzia sandte,
Fahnenjunker im Heer, mit dreißig erlesenen Kriegern,
Und in dem Waffengemeng’ erbebte Hispania’s Jugend,
Die zum ersten Male des Kriegs betäubendem Schrecken,
Hier in dem Feld, entgegen sich warf, und dachte der Flucht schon.
Doch jetzt nahte mit Sturmes Flug vor seinen Gefährten
Hermann heran: ihn lockte des Kampfs erwachender Donner
Fernher. Aehnlich dem Aar, der tief im schattigen Thalgrund
Beut’ ersehend, sogleich in sausender Schnelle herabfährt:
Also fuhr er herab, und rief dem edlen Mendoza:
„Sollten die Jünglinge flieh’n, ihr Ruhm ist gefährdet für immer.
Schau in die Vorwelt auf, wie dort der Heldengebiether
Hermann, den flüchtenden Kriegern zur Schmach und Wiederbesinnung,
Muthig den Schild ergriff, vordrang, und so, mit den Scharen
Wiedervereint, sich herrlichen Siegsruhm über des Varus[55]
Drei Legionen errang in dem eisernen Felde der Waffen:
Also mögest du jetzt den jüngst geworbenen Kriegern,
Kämpfend, ein Leitstern seyn auf dem grau’numnachteten Schlachtfeld!“
Glühende Röth’ umzog Mendoza’s Wangen; er dachte
Seines errungenen Ruhms Verdunkelung; schrie, und begann so:
„Spanier, kühn mir nach: nicht täuschet der edeln Cortezza
Hohes Vertrau’n, die euch sandte zum Heer; nicht gewahre der Herrscher
Euch unkriegerisch, feig; mir nach! Eh’ treffe der Tod mich
Selber durch Feindeshand, eh’ hier die Schande mich treffe.“
Jauchzend flog er dahin, und voll kühner Todesverachtung
Sprengten die Reiter ihm nach. Entscheidend für kommende Zeiten
Lenkt ein Held im Gefecht den neugeworbenen Krieger:
Denn nicht weicht er, und fällt, besiegt, im rühmlichen Tod nur:
Stets erfüllt ihm die Brust die erhabene Heldengesinnung.
Jetzo die stürmende Lanz’, und jetzt des sausenden Säbels
Blitz und Schlag ereilte der Araber dichte Geschwader
Mordend; es sank das Volk, und es sanken die Rosse getödtet.
Assad riß sich hervor, der Emir. Einst Beduine,[56]
Zog er in Syriens Wüsten umher, und häufte sich Reichthum,
Dort der Karavan’ auflauernd im einsamen Hohlweg.
Deß’ sich zu freu’n, wohnt’ er zu Tunis im stolzen Pallast nun:
Seinem Volke verhaßt, dem stets das Leben in Zelten,
Draußen im Steppengefild des Menschen würdiger dünket.
Jetzo im sausenden Ritt Mendoza genaht, und vertrauend
Eiserner Kraft, dacht’ er, mit dem blinkenden Speer ihn zu tödten;
Doch Mendoza riß an dem Zaum: sein mächtiges Streitroß
Setzt’, im kreisenden Sprung’, ihn schnell an die Seite des Emirs,
Und er jagt’ ihm das Schwert mit festnachstürmender Rechten
Tief in die Brust: er sank vom Sattel, und stöhnt’ in dem Tod noch.
Aber ihm naht’ Abulkassem, sein Sohn, ein furchtbarer Rächer.
Stöhnend vor Wuth durchrannt’ er Mendoza’s Arm mit dem Säbel,
Als er, gewendet, die Reih’n aufboth zum stürmenden Angriff.
Wieder erhob er den Stahl, und hätt’ ihn getödtet, da sprengte,
Rettend, Alonzo Cueva heran, der tapfere Hauptmann,
Schrie, und scheucht’ ihn zurück. Er barg sich schnell im Gewimmel
Seines Volk’s, das jetzt, des Feldherrn Wunde gewahrend,
Muthiger vorwärts drang, und laut aufbrüllte vor Mordlust.
Aber dem Schlachtengemeng’ entrissen die Krieger den Helden;
Eilten in’s Lager zurück, daß dort heilkundig der Arzt ihm
Stille das Blut, und träufle den weh’einschläfernden Balsam.
Und er ermahnete scheidend noch mit blässerem Antlitz,
Alle, zu folgen dem Wink des Helden Alonzo Cueva.
Heißer entbrannte die Schlacht. Wie im Süd- und Norden empöret
Donnerstürme sich nah’n, und, vermengt, zur Erde Verderben
Speien im Flammengezisch und im schrecklichen Hagelgeprassel:
Also prallten die Araber an, und zugleich die Hispaner:
Diese von Rach’ entflammt ob ihres verwundeten Führers,
Jene, voll Muths vorstürmend, und lautaufjubelnd im Vortheil.
Als sich gemengt im Feld die Wüthenden trafen, da tönte
Schrecklich der Mordausruf und das Schmettern der Waffen, dem Donner
Eherner Schlünde vereint, und Blut beströmte den Boden.
Schon warf zweimal der Christ des Mahoms Verehrer, im Sturmritt,
Drängend, zurück; schon jauchzt’ er des Sieg’s aufstrahlender Hoffnung;
Aber da warf, ergrimmt, auf Alonzo Cueva, den Dränger,
Abu-Sa-id den Dolch, und durchbohrt’ ihm den Hals und den Nacken,
Solchem Kampfe geübt; er sank, und verhauchte das Leben.
Siehe, den endlos Trauernden faßt’ am dämmernden Morgen,
Vor des Kampfes Beginn, heut’ ahnungentsprossene Schwermuth
So, daß ihm Jeglicher staunt’. Ach, seines erblindeten Vaters
Greisengesicht, und das wankende Haupt, wie schneeiger Tauben
Dunen, so weiß, schien ihm noch immer zu dräu’n ob dem Frevel
Stürmischer Jugendzeit: da er leis’annahend, des Vaters
Händen den Stab entwand, und der zürnende Greis, an der Schwelle
Stolpernd, kopflangs stürzt’, und blutete — Jammer zu schauen!
Immer trübte die That ihm jegliche Freude des Lebens
Seither. Aber der Vater horcht, vor dem Haus’ auf der Bank sich
Sonnend, dereinst begieriger auf, wenn kehrender Sieger
Jauchzen, der Waffen Geklirr, und das Wiehern der Rosse herantönt;
Ringsum Hast und Getös’ die Heimgebliebenen aufregt,
Und die Straßen entlang: „Willkommen uns in der Heimath!“
Jubelnden Rufs erschallt in mancherlei Stimmen des Alters.
Vor vom Sitze gebeugt, horcht er: ob endlich des Sohnes
Gruß er vernehm’, und harrt, hinzitternd, der frohen Umarmung:
Ach, umsonst: ihm sank der Theuere kämpfend vor Tunis!
Schrecken befiel die wiederverwaiseten Krieger: dem Unglück
Bebt’ ihr muthiges Herz, nicht den wildaufrasenden Gegnern.
Also, verschüchtert, wichen sie nun, und ihnen im Rücken
Brauste der Feind, und häuft’ im Felde die blutigen Leichen.
Sieh’, welch tapferes Häuflein kommt, die schnaubenden Rosse
Spornend, heran? Hell sprüht der zierliche Helm und der Harnisch
Hüpfende Funken umher; vom hochaufragenden Speerschaft
Blitzet der tödliche Stahl, und es blitzen die Augen der Männer.
Fünfzig sind’s der Edlen. Sie führt auf der rühmlichen Laufbahn
Garzia Lasso, der Held, und Hispania’s lieblichster Sänger.
Jetzo, dem Feinde genaht, und vorgebeugt aus dem Sattel,
Senkten die Kühnen den Speer, und warfen im sausenden Eilflug
Fünfzig der Feind’ in den Staub: da floh’n die entlasteten Rosse
Wiehernd zurück: weit gähnte die Kluft im dichten Geschwader.
Wie, wenn brückendes Eis auf dem breiten Rücken der Donau,
Oder des Rheins, das heut’ am Morgen noch eiserngefroren,
Unter der Wucht des schweren Gespanns und der lastenden Wägen
Drönete, nun ergriffen vom schmelzenden Hauche des Westwinds,
Krachend zerbirst, und zertrümmert im Schwall der finsteren Fluthen
Schwindet, daß links am Gestad’, und rechts das schimmernde Landeis
Aufragt: also standen die Reih’n, im entsetzlichen Durchbruch
Weitgeschieden im Feld’: sie blickten erstarrt in den leeren,
Scheidenden Raum: ihr Mordruf starb auf den bebenden Lippen.
Aber nicht rasteten dort die Scharenzertrümm’rer: sie würgten,
Was entgegen sich warf, in siegbeflügelter Hast noch.
Auch der Jünglinge Schar flog nun, um nimmer zu weichen,
Wieder im Felde heran, und vereint den siegenden Rittern,
Uebt’ ihr blitzendes Schwert vergeltende Rach’ an dem Gegner,
Der, von Schrecken betäubt, mit verhängtem Zügel den Läufer
Rückwärts trieb zu Hairaddins dichtannahender Heersmacht.
Unabsehbar herab vom Olivengehölz auf das Blachfeld
Lenkt’ er die Janitschar’n und fünfzig numidischer Horden
Wimmelndes Volk zum Kampf, als hier die Zersprengten dem Vortrab
Nahten. Er biß sich die Lippen vor Wuth; dann, eilig sich wendend,
Hieß er die Janitschar’n mit ausgebreiteten Armen,
Trennen die mittleren Reih’n, und erretten die flüchtenden Scharen,
Jene gehorchten dem Wink: mit rückwärtsstrebenden Fersen
Schwenkten die Reihen sich links und rechts: geräumigen Durchgang
Oeffnend dem flüchtigen Volk. So, wie, gehemmt in den Schleußen
Ruhet der brausende Strom, ein See, bis früh an dem Morgen
Oeffnen sie heißt der Schwemm’ erfahrener Meister: da stürzen
Wog’ auf Wog’ und Schwall auf Schwall, im Gebrause des Donners,
Zur verschlingenden Kluft die langegehemmten Gewässer:
Also stürzten, gedrängt, und drängend, mit wildem Getümmel
Durch den geöffneten Raum zugleich die erretteten Scharen:
Denn nachjagte der Feind, und rastete nicht; in dem Rücken
Sauste des Säbels Schlag und der Lanz’ einstürmender Mordstoß.
Aber die Janitscharen, die erst, sie schirmend, im Rückschritt
Wichen, kehrten zurück, und heischten, geordnet, den Angriff.
Hairaddin flog die Reihen entlang, und schrie im Getös’ hin:
„Söhne des großen Propheten, des Muths und der flammenden Kühnheit,
Denket, welch’ ihm die Erde, besiegt, gleich niedrigem Schämel,
Unter die Ferse gestellt: sie lag, und schmiegte sich duldend
Ihrem Druck. O dessen gedenkt! Ihr sehet die Gegner
Seines Nahmens vor euch; vernichtet sie, würgt sie gesammt hin.“
Muhamed, der ihn stets umschwebte mit liebender Sorgfalt,
Hörte mit Lächeln es an, wie er ihm vor gläubigen Moslems
Ruhm und Ehre gezollt; er selber, die Pfade des Lichtreichs
Fliehend, warnete nicht die Verblendeten, lächelte stolz noch!
Doch nun sah er erstaunt, daß Attila selbst, vor Entsetzen
Bebend, ihm nahte mit Sturmes Flug’, und rief ihm entgegen:
„Haben die furchtbar’n Mächte gesiegt? Soll Schreckliches kommen,
Fallen vom Himmel der Mond mit den glänzenden Sternen; die Sonne
Ausgebrannt hinschwinden in ewige Nacht und Zerstörung,
Spurlos? Attila bebt, der nie zu erschütternde Krieger?
Jener wiegte das struppige Haupt, und als er noch einmal
Nach den felsigen Höh’n aufsah, entgegnet’ er grimmig:
„Sieh’, dort fleugt ein Mann g’en Hairaddin! Angst und Verzweiflung
Trägt er im Busen: er kommt, Unheil zu verkünden dem Herrscher.
Willst du vernehmen die That, die entsetzliche, der ich erbebte?“
Doch was kündet der Bote voll Angst? ... Daß der tapfere Feldherr,
Lichtstein, glühenden Muths, die Schanz’ auf dem Felsen erstürmte.
Schon durchzog er zuvor die schaurigen Pfade des Waldthals,
Leis’ nur, wie es der Kaiser geboth: nicht Trommelgewirbel
Kündigte ferne den Zug, nicht schmetterten Lust die Drometen
Heut’ in dem eilenden Ritt dem Reiter und Roß in die Ohren;
Doch, als jetzt Medscherda, mit lautaufrauschenden Wogen,
Ihnen am Felsengestad’ entgegen sich dämmte, da hoben
Eilig die Brückner die Fähren herab von den knarrenden Achsen;
Warfen sie all’ in die Fluth, versenkten die zackigen Anker,
Gegen den Strom mit Tau’n sie festigend, und in des Bogens
Krümmung einete Fähr’ auf Fähr’ die gesonderten Ufer.
D’rauf hinreihend das lange Gebälk’, und quer auf die Balken
Breitend die Bohle, besiegten sie schnell die hemmenden Fluthen.
Unter des Rosses Huf und den Füßen der eilenden Krieger
Drönete fort und fort die schwankende Brück’ auf dem Strom hin.
Aber drüben vom schroffen Gestad’ erhob sich die Felsbahn
Schroffer noch himmelwärts. Der Reisige stieg aus dem Sattel,
Führte das Roß am Zaum’, und keucht’, und strauchelte häufig,
Ganz unkundig des Kletterns, und fremd in der hehren Gebirgswelt.
Aber es klomm, wie die Gemse, der Schütze Tyrols an der Felswand,
Tapferen Hessen vereint, und Spessartern, auf zu den Höhen.
Also errungen waren sie jetzt, und die Scharen geordnet.
Lichtsteins Ruf erscholl: „Hinan, tyrolische Männer!
Spessarter, vor mit den Hessen! Euch folge das Reiter-Geschwader
Dann, in gemessener Fern’, entscheidend zum blutigen Angriff.“
Jauchzend, im Sturmlauf ging’s an den Wall. Kaum trauend den Augen,
Sah der staunende Feind den Scharen des Feindes entgegen.
D’rauf erhob er Geschrei, und hieß des eh’rnen Geschützes
Donnergebrüll’ mit dem Schmettern der Büchsen erschallen, und säte
Saat der Vernichtung. Da fiel Arnulf, der kühne Passeyer,
Der sich am Ortheles einst, dem felsaufklimmenden Steinbock
Folgend, verstieg, wo ihm bald der Strahl der Lebenserrettung
Völlig erlosch. Erhob er die Blicke: da wölbte die Steinwand
Ueber ihm thürmend sich auf, und senkt’ er sie nieder, mit Vorsicht
Fassend den zackigen Fels: da bebt’ er, vom Schwindel ergriffen,
Zitternd wieder zurück: denn weit hinaus auf den Abgrund
Bog sich die Wand, und eingekrümmt entschwand ihm die Mauer.
Kaum erspähte sein Aug’ des Waldstroms Schimmer; verhallt war
Ihm sein Gebraus’, und verstummt das Leben im einsamen Luftraum.
Dort sich mit reuigem Sinn, zum Hungertode bereitend,
Sah er schon zweimal des Tages Licht aufdämmern im Osten,
Zweimal erblassen im Abendroth; doch sieh’, ihn vermißte
Jetzo der redliche Freund! Er wagte den Gang auf dem Felsgrath
Muthig, und schrie, und Geschrei vernehmend, senkt’ er das Bastseil
Nieder vom jähen Geklipp’, und rettete so den Gefährten.
Wie der Fischer empor zum Gestad’, der Ruth’, und des Fadens
Leises Zucken gewahrend, schnellt das zappelnde Fischchen:
Also entriß er den Freund, lautjubelnd, dem schrecklichen Tod dort,
Den er dahier nicht mied, durchbohrt von der schmetternden Kugel.
Neben ihm sank auch Eberhard, der erste der Schützen:
Nie verfehlt’ er das Schwarz’ in der kreisenden Scheib’, und er both sich
Selber dahier zum Ziel’, in des Herzens Mitte getroffen.
Feuriger: denn der Getödteten furchtbare Rächer, bestürmten
Ihre Gefährten den Wall, und rastlos krachten die Büchsen,
Rastlos tönte Geschrei, zu wecken den Muth der Entscheidung.
Weder die Spessarter, noch die gleichgewaltigen Hessen
Weileten fern’, einmüthig rang dem Helden der Held nach.
Wo die sternnachbildende Schanz’ im engeren Vorsprung
Ragt’, aufdrangen zuerst die muthigen Führer der Deutschen,
Werner und Wittekind, vom Graben. Erbebend der Kühnheit,
Wichen die Feinde zurück: da both Abdallah, des Bollwerks
Hort, im drometenden Ruf Stillstand, und rief im Getös’ her:
„Stillstand bieth ich euch an: wir räumen den Wall und die Schanzen
Eurer Gewalt, so ihr Abzug gönnt in würdiger Freiheit;
Oder, wollen wir erst den Wink der Herrscher erkunden?“
„Hör’t,“ schrie Lichtstein auf, „euch täusche die feindliche List nicht!
Muthig hinan: ihr kämpfet hinfort um den leichteren Sieg nur!“
Rascher eilten die Reih’n auf Reih’n jetzt vor, und erstiegen
Kämpfend den Wall: denn schrecklich erwies sich der Feind in der Nothwehr.
Werners Arm erlag Abdallah, der Schirmer des Bollwerks;
Aber ihm bohrte zugleich ein Derwisch, Fluch und Verwünschung
Brüllend gegen das stürmende Volk, den Dolch in den Nacken
So, daß dem Sinkenden schnell das Blut und das Leben entströmte.
Schwer vermißt ihn daheim die liebende Mutter, in Kummer
Lebend, seit ihr der Gatte versank in den Fluthen des Mainstroms,
Wo er vom berstenden Eis lautjammernde Menschen gerettet.
Nur ihr Einziger war ihr Trost in der schrecklichen Trennung
Von dem Gemahl, und Ernährer: denn stets heimbrachte der Sohn ihr,
Frommgesinnet, den Sold, und küßt’ ihr die Hände mit Ehrfurcht:
Dankbar sorgend für jene, die ihn mit Schmerzen geboren,
Oft den Schlummer entbehrt’, und viel herznagenden Kummer
Duldet’ um ihn mit Lieb’, in hülfebedürftiger Kindheit.
Ach, nun harrt sie umsonst des Guten! Ihn tödtet’ ein Derwisch
Hier auf dem Wall. Doch Wittekind ereilte den Meuchler
Schnell; erhob den Degen, und traf ihn mit kräftiger Rechten
Tief in’s Genick, daß er röchelnd sank, und im Blute sich wälzte.
Ihn umhäufeten bald, ringsher, die tapfersten Krieger.
Rasch umlenkend das Roß, aufschwang der Scharen Gebiether,
Lichtstein, jetzo das Schwert: verständlich blitzt’ es dem Volk’ auf.
Alsbald rief die Dromet’ in hellerklingenden Tönen
Roß und Reiter zum Sturm, und zugleich, dem Sporn in den Seiten
Stöhnend, flogen die Läufer gestreckt an den Graben. Sie setzten
Ueber ihn hin, und klommen, daß fest an dem Hals’ und den Mähnen
Pochte des Reiters Brust, an dem sandgehügelten Wall auf.
Dort war jetzt ringsum Gewürg’, und Gemetzel, und Wuthschrei:
Denn nicht der Hagel prasselt so laut aus berstenden Wolken
Nieder auf’s Breterdach (der Wandrer bebt vor Entsetzen,
Der sich unter ihm barg, zu entflieh’n dem grausen Gewitter)
Als der sausende Stahl, entlang den Wällen, auf Stirnbund,
Tulban, Harnisch, und Helm herrasselte, mordend die Scharen.
Mechmet entrann. Nun beugt’ er die Stirne vor Hairaddin dreimal
Tief in den Staub; dann stand er, und wollte beginnen, vermocht’s nicht.
Hairaddin faßt’ ergrimmt, des Zögernden Stirne zu spalten,
Schon den Säbel; da rief der bleichaufathmende Krieger:
„Herr, stets glänze dein Ruhm, wie, strahlend, die Sonne vom Aufgang
Glänzet zum Niedergang, und mögen die Feinde, vernichtet,
Schwinden vor ihm! Doch weh’! Entsetzliches muß ich dir künden —
Zittern vor deinem Zorn. Vernimm’s! Die Schanz ist erstürmet.
Keiner der Unsern lebt; ich allein entrann dem Gemetzel,
Dir zum Wohl: denn siehe, dein Sclav’ entriß sich dem Kampf nur,
Daß du es hörest von ihm: dir nahen die Feind’ in dem Rücken!“
Und er stieß sich den Dolch in die Brust. Da floß an den Wangen
Hairaddins wohl die Thräne herab, als dort in dem Sandstaub
Jener verhauchte den Geist? Ach, niemals hoben sich Thränen
Ihm aus der Brust empor zu den grimmgerötheten Augen;
Ihnen entstrahlte kein Mitgefühl, kein himmlisches Mitleid!
Schweigend starrt’ er umher; dann, so, wie ein Blitz in der Sturmnacht
Durch das finst’re Gewölk hinfleugt, umröthete plötzlich
Tiefaufgährender Zorn ihm die blässergewordenen Wangen,
Und er rief, daß Muhameds Aug’ erglänzte vor Wonne,
Grimmig den Janitschar’n entgegen, und schrie im Getös’ hin:
„Mögen sie immer im Rücken uns nah’n. Nicht eher verlassen
Wir die dürstende Heide, bis satt mit feindlichem Blut wir
Sie getränkt, und genügend ihr tischten das schreckliche Schlachtmahl.“
D’rauf, wie dort in des Waldthals Schlucht, aus berstenden Wolken
Niedergestürzt, ein Strom entgegen sich dränget dem ander’n,
Laut mit wildem Geräusch’, und im schrecklichen Wogengewirbel,
Tief aus dem Grunde gewühlt, die Vesten der Berge versinken
Links und rechts: da rollen die Felsen, da stürzen die Wälder
Gegen einander hinab in den brausenden Schaum der Gewässer:
Also stießen auch hier die feindlichen Heere zusammen.