Eilend vor Alba’s Reiterschar, flog Garzia Lasso
Jetzt mit den Rittern heran. Des Fußvolks treffliche Reihen
Folgten dem Kaiser selbst, dem stattlichen: kühn den Gefahren
Stehend im Kampf’, und stolz im Gefühle des sicheren Sieges.
Furchtbar donnerten schon die mächtigen Schlünde; zugleich flog
Lastendes Eisen, im Bogenwurf sich kreuzend im Luftraum,
Hin, und daher gesandt, entsetzlichen Jammer zu schaffen.
Fort und fort, im Gekrach der rastlosfeuernden Büchsen,
Prasselte Kugelsaat auf den Feind; laut kreischte der Säbel,
Zischte der Pfeil, ersausten die Speer’ und die Lanzen, und ringsum
Strömte das Blut: stets grimmiger wüthete Mord und Empörung.
Rechts, wo Hairaddins Heer, entfaltend die Flügel, der Mauren
Reisiges Volk aufwies, zog Alba, und Garzia Lasso
Links an die Araber, die voll Grimms gluthschnaubende Rosse
Tummelten, ihm entgegen zu steh’n im Gemenge der Waffen:
Denn im sausenden Flug’ umschwebte sie Muhamed selber,
Mit dem ergrimmten Gefolg ringsher anstürmender Geister,
Rastete nicht, und haucht’ empörende Gluth in die Herzen.
Listengeübt ersann er jetzt dem Garzia Lasso
Schnelles Verderben. Er sah, wie er, senkend den Speer, an die Gegner
Spornte das Roß; er eilet’ ihm vor, und empörte die Natter,[57]
Die, in dem Munde des Volks die Königsschlange gepriesen,
Gleich dem regen Gewürm die rührigen Hörner bewegend,
Sich in dem Sande vergräbt, dort schlau zu berücken die Vögel,
Daß sie ihr selbst, harmlos annahend, zur Beute sich böthen.
Zischend fuhr das grimmige, sandaufschnellende Giftthier
Vor dem Roß in die Höh’, und es schnob im taumelnden Aufsprung.
Dann, nicht achtend des Schmeichelworts, nicht des hemmenden Zügels,
Flog es hinüber, und trug den edelen Herrn an den Feind hin.
Dort, von den Seinen getrennt, und dem sicheren Tode geopfert,
Seufzt’ er im Geist: „Nun stirb — doch nicht unrühmlich, ein Feiger!“
Und den blinkenden Speer fortschleudernd, riß er das Eisen
Sich von der Hüft’, und hieb den ersten vor allen, Kilikdar,
Emir des Steppenvolks, vom Sattel: er regte sich nicht mehr.
Also blitzte sein Schwert nach jeglicher Seite, verderbend;
Doch, nun jagten wohl Hunderte her, den Ruhm zu erringen:
Daß sie die tapferste Brust mit dem tödlichen Stahle durchbohrten.
Hermann sah’s, in der Luft herschwebend, welche Gefahr ihm
Droht’; er schwang sich herab, und rief dem Kaiser mit Hast zu:
„Schaue von Feinden umringt den tapferen Garzia Lasso:
Rett’ ihn beherzt! Was schön und groß sich erweiset auf Erden,
Führet des Liedes Macht auf goldenen Schwingen zur Nachwelt.
Nur ein Schwall im Strome der Zeiten, entschwindet das Leben;
Aber der Sänger hascht im Fluge die zartesten Strahlen,
Die vom eilenden Schwall sich heben, ätherischer Schönheit,
Eint, und hägt sie in treuer Brust, und rettet mit Sorgfalt
Sie noch dem fernsten Geschlecht’ in ewiglebenden Tönen.“
Also sprach er in Hast, und winkte den Lüftegenossen,
Mutheinhauchend, den Christen zu nah’n: sie jauchzten ihm Beifall,
Schwingend den Speer und den Schild, aus schimmerndem Aether gebildet.
Aber des Kaisers Brust erpocht’ im hohen Gefühl jetzt,
Retter zu seyn des schwert- und liedergewaltigen Mannes.
Links, rechts, gab er dem Pferde die Sporn’: ihm wichen die Reihen;
Ihm nachjagte Gefolg’, nicht forschend, nicht lange besinnend;
Nur Del Guasto erblaßt’. Er hob die Hände vor allen
Ueber das grauende Haupt empor, und jammerte laut auf:
„Stirb, unglücklicher Greis, eh’ brechend dein Auge des Jammers
Fülle gewahrt! Wagt also ein Herrscher das edelste Leben?
Nichts gilt Weisheit mehr, nichts warnenden Alters Erfahrung.
Auf, ihr Tapferen, auf, und rettet den Kaiser! Auch Alba
Lenke die Reiter heran, zu erringen den herrlichsten Kampfpreis.“
Also geboth er dem Volk. Im Sturmlauf brachen die Scharen
Gegen den Feind. Hinflog auf dem schnaubenden Rosse der Herold,
Gomez, des Feldherrn Wort zu künden dem Heldengebiether,
Alba, und sieh’, nun schwebte der Angst umnachtendes Dunkel
Ueber dem Christen-Heer’, in des furchtbar’n Kampfes Entscheidung!
Ha, schon fiel der Rappe Garzia Lasso’s, getödtet.
Mühend entwand er das Bein dem lastenden Thier, und ihm selber
Warf jetzt Abu-Sa-id den blinkenden Speer in die Schulter,
Daß der erhobenen Faust, bluttriefend der Degen entschlüpfte,
Ihm einbrachen die Knie’, und die Augen umhüllete Nachtgrau’n.
Wieder erhob Scheik Roßlan das Schwert, ihm die Stirne zu spalten;
Aber da flog aus der Rechte des nahenden Kaisers der Wurfspieß:
Roßlan röchelt’ im Sand’, und schnell, noch ehe der Ritter
Kommende Schar das Weiß’ im Auge des Feindes gewahrte,
Fiel noch Jusuff, und Ismail Beg, und Haroun, der Emir,
Seines mordenden Stahls Blutgier und der Rechte Gewalthieb.
Nahend im Flug, und lautaufjauchzend den Thaten des Herrschers,
Rächten die Ritter zugleich den schwerverwundeten Führer.
Doch, wie ein mächtiger Schlag des lauterkrachenden Donners,
Der von des Himmels Rand’ auftobte zum finsteren Nordpol,
Wieder von Osten zurück mit tiefempöretem Ingrimm
Kehrt, und aus Wolkennacht herrollet im dumpferen Nachhall:
Also erscholl aus der Ferne heran der mächtigen Rosse
Donnernder Huf: denn Alba kam mit den Reitern geflogen.
Und, wie die stürzende Last der Gewitterfluth auf dem Saatfeld
Plötzlich die goldenen Halme zerschlägt: nicht im Windesgesäusel
Wogen sie mehr; sie liegen zerknickt, und zerschmettert im Staub dort:
Eben so ritt hier Mann und Roß das eisengehüllte,
Kräftige Reitervolk, andalusische Hengst’ an die schlanken,
Zartgestalteten Rosse der Araber, spornend, zu Boden.
Lautes Geheul erscholl jetzt unter den stampfenden Hufen;
Ringsum Waffengeklirr und tödlicher Büchsen Geschmetter.
Drüben rang in dem heißeren Kampf Del Guasto, des Fußvolks
Eiserngeschlossene Reih’n entgegendrängend dem Anfall
Wüthender Janitschar’n. Jetzt hin, dann wieder herüber,
Wie in der felsigen Bucht sich drehet die wirbelnde Brandung,
Wogten die Kämpfenden. Sieh’, und er wäre gewichen! Da brachen,
Fliehend vor Alba’s blitzendem Schwert, Arabias Völker
Durch die Reihen der Janitschar’n; sie schufen Verwirrung
Rings, und erfüllten Hairaddins Brust mit Wuth und Verzweiflung.
Furchtbar glühte sein Aug’; er ballte die Faust an der Stirn’ hin,
Hing aus dem Sattel vor, und sann entsetzliche Thaten;
Doch, von geworfenen Haufen umdrängt, und der Rettung gedenkend,
Führt’ er die Scharen zurück: ihm brauste sein flüchtendes Volk nach.
Nicht der Sorge vergaß für Garzia Lasso der Kaiser.
Blutend lag er im Staub, und lehnte das Haupt an den Rücken
Seines getödteten Thiers. Als nun der Retter vor ihm stand,
Strebt’ er noch den zerschmetterten Leib von dem Boden zu heben,
Sah durch Thränen ihn an, und lächelte. Jetzo begann er:
„Herrlich hast du gesiegt, und errettet den Sänger. Von nun an
Töne mein Saitenspiel nur dir, ruhmwürdiger Herrscher,
Daß im entzückenden Klang vernehme die staunende Nachwelt:
Wie du, erhabengesinnt, nach der Bürgerkrone dich sehntest,
Die, in dem Schlachtengefild’, einst Rom dem Retter des Kriegers
Aus umdrängender Noth um die Heldenstirne geschlungen!“[58]
Sprach’s. Da wandte sich jener behend, die Thräne zu bergen;
Winkte zugleich, und sanft erhoben die Krieger den Helden,
Ihn zu entreißen dem Sturm der Geschoß’, und eilten in’s Lager,
Daß er, mit Liebe gepflegt, sich freue der holden Genesung.
Aber auch allen umher den Verwundeten, sagte der Kaiser
Tröstende Wort’, und geboth, was Aller Rettung erheischte:
Ehrend den Menschen im hohen Gemüth, der vielfachen Jammer
Duldet, des Vaterlands erhabenem Rufe gehorchend.
Jetzt ersah er mit Lust, wie schnell die Krieger Toledo’s
Ihm nachbrausten im Feld, des Sieges Preis zu erringen;
Blößte das Schwert, und rief dann laut dem tapferen Feldherrn:
„Dort des See’s Gestad’ entlang beschirme des Heeres
Rücken mit Muth, und halte dich fest an dem Felsen, dem Fels gleich,
Den die zürnende Fluth umbraust mit eitelm Getümmel.
Herrlich strahlt aus dem Sieg das leidenlohnende Ziel dir.“
Mächtig erschüttert hob die flammenden Augen Toledo
Nach dem gütigen Herrscher empor, der, ahnend des Herzens
Schreckliche Qual, mit erhabenem Sinn ihm lindernden Balsam
Träufelte; ging, und führte sein Volk am Strande des See’s hin.
Wie auf dem Meer der kehrende Schiffer, den in der Sturmnacht,
Nahe dem schirmenden Port’, ein Donnergewitter ereilet,
Mitten im lauten Gebrüll der hochaufschäumenden Wogen,
Und in des Todes Grau’n, das rings sich lagert, der Hoffnung
Sehnsuchtsblick stets fest auf die strahlende Flamme geheftet
Hält, die hoch auf dem Leuchtthurm nährt die sorgliche Seestadt:
Also haftete jetzt sein Aug’ an den ragenden Felshöh’n,
Als an dem sicheren Port, in welchem sein Alles gerettet,
Und geborgen ihm schien, nach dauernden Stürmen des Lebens.
Ach, und hatte die Dulderinn noch des bitteren Kelches
Letzte Hefen geleert; noch sterbend vernommen den Donner
Von dem Hügel herab; der Höhle vorüber den Hufschlag
Feindlicher Ross’, und Eil’ und Hast unmenschlicher Räuber;
D’rauf die wilde Losung des Mords, Wuthschrei der Besiegten,
Jauchzen der Sieger, Geheul Verwundeter, Sterbender Röcheln?
Doch nur am tauben Gestein, am dunkeln Gewölbe des Grabes,
Hallte der Jammer hin — dem Ohre der Todten nicht hörbar.
Dort, geborgen durch Treu’ und Liebe des redlichen Greises,
Lag sie auf schwellendem Moos’, in der hehren Stille der Mondnacht.
Schneidend’ Weh und dumpfes Bangen drängte sich wieder
Ihr durch Mark und Gebein: denn oft verging sie in Ohnmacht,
Wachte wieder, und litt. Ach! keine mitleidigen Seelen
Nähern sich hülfreich ihr in der Stunde der Angst und des Jammers?
Siehe, und Roma’s Stolz, Cornelia,[59] Mutter der Gracchen,
Schwebte heran! So wie durch leuchtende Scheiben des Fensters
Dringet der Sonnenstrahl; so dringt ätherisch der Geist auch
Durch das dichte Gestein. Sie hörte die Jammernde, bebte,
Forscht’ in Hast ringsher: ob hülfekundig ein Wesen
Athme, ihr Rettung zu bringen? Umsonst! Des Tages Geräusch’ war
Lange verhallt, entfernt die Stadt, und still das Gehölz her.
Knieend hielt sie das Haupt der Leidenden, und, so verlassen,
Suchte sie, leidengeübt, ihr Muth in dem Herzen zu wecken.
Jetzo entwand sich in Weh’n dem Schooße Mathildens ein Knäblein.
Aber sie legt’ ihn matt an die todbleichschwebende Brust hin;
Griff nach der rieselnden Fluth, und taufte mit zitternder Rechten,
Ihn in dem heiligen Nahmen des Ein-Dreieinigen Gottes.
Dann noch fühlte sie tief, im eisigen Schauer des Todes —
Fühlt’ es, mit liebendem Blick nach Oben: ein Himmlischer löse
Sanft und mild das Band des irdischen Lebens. Ihr Herz schlug
Immer leiser und leiser. Es stand, und regte sich nicht mehr.
Schwebend über dem Fels, im hehren Flug zu des Himmels
Strahlenbahn, noch einmal senkte zur irdischen Heimath
Sie den verkläreten Blick, und sah am verblichenen Leichnam
Liegen ihr wimmerndes Kind, und suchen vergeblich um Nahrung
Dort an der bleicheren Brust umher. Da entstürzten die Thränen
Ihrem Aug’; doch Thränen der Wonn’: im himmlischen Eden
Harre der zarten Knospe Gedeih’n und Fülle der Nahrung,
Daß sie entfaltet blüh’ in nievergänglicher Schönheit,
Frische, und Kraft: denn jetzt verlosch auf dem ruhenden Herzen,
Aehnlich dem Abendstrahl, das mattaufflimmernde Leben.
Doch, wie ein glühender Docht, der Flamme genahet, sich wieder
Eilig entflammt: es hüpft die fächelnde Lohe nach ihr hin:
Wie die getrennte Fluth der bergentsprossenen Quelle
Schnell den blumigen Hügel umfließt, den sinnig der Gärtner
Jüngst in dem Lusthain schuf: die beiden Arme, gesondert,
Streben sich wieder zu einen, und flieh’n im schöneren Lauf fort:
Wonne, so flog an die Brust der überseligen Mutter
Nun ein Engel, ihr Kind; umschlang den glänzenden Hals ihr,
Holdauflächelnd, und lallt’ ihr entzückt Willkommen und Gruß nach!
Aber sie hob ihn empor; sie jauchzte hinauf in den Himmel,
Eilt’, und flog, wie ein Stern hinschwindend im glänzenden Aether,
Nach dem Gezelt, wo ihr Gatte, versunken in tödlicher Schwermuth,
Saß, und nach ihr sich sehnt’ in unaussprechlicher Rührung.
Nah’ ihm schwebte sie leis’: ihr pochte das Herz in dem Busen
Ob der Erinnerung ihres einstigen Glücks und der Leiden,
Die sie erduldeten beid’, in der Zeit entsetzlicher Trennung;
Legte den einen Arm um den Nacken ihm, legte das Söhnlein
Ihm an die Brust. Er stöhnt’, und blickt’ in schaudernder Ahnung
Um sich her: ihn ergriff die Näh’ unsterblicher Seelen.
Sieh’, ihn herzte das Kind, mit sanftumschlingenden Händchen
Hängend an seinem Hals, und pressend die Wang’ an die Wangen!
Doch sie sprach ihm leis’ an die Seele die Worte des Trostes:
„Gottes Friede mit dir! Der seligen Wiedervereinung
Stunde ist nah’: denn bald, verhauchend das tapfere Leben,
Eilst du mir freudig nach in die Segensgefilde des Himmels,
Wo kein Scheiden mehr ist, kein feindliches Schicksal, kein Tod mehr
Glückliche Herzen trennt; wo jegliche Thräne versieget,
Jede Klage verstummt, und Mathild’ dein harret mit Sehnsucht.“
Lispelte so. Sie küßte die thränenumflossenen Augen,
Leis’erbebend, ihm noch im innigen Kusse der Seelen,
Und entschwand, mit dem Engel im Arm, noch häufig herunter
Schauend, verklärt, und strahlender stets, wie ein Blitz in den Lüften.
Dort von des Felsens Höh’n ihr folgten Cornelia’s Augen.
Weinend hob sie die Händ’ ihr nach, und sagte beklommen:
„Vieles duldet’ ich einst: mit ehernem Muthe getragen
Hab’ ich den Tod der Söhn’, wie es heischte die Würd’ und der Ahnen
Beispiel. Im Busen erglühte mir heiß die Liebe des Nachruhms:
Mutter der Gracchen zu seyn, und zu heißen der römischen Frauen
Erst’ in der Gegenwart und spät in der kommenden Zeit noch,
Und mich ehrte mein Volk; doch, sah, bewundernd, ein Aug’ hier,
Welche Qualen sie litt, und wie, in der einsamen Felsnacht?
Nur das hohe Gesetz des göttlichen Lehrers ihr Leitstern;
Seine Lieb’ ihr Trost; ihr Ziel das bessere Leben.
O daß ich fern ihm wandelte — fern, auf dem düsteren Irrpfad!“
Süßer als Harfengetön im Zauber der nächtlichen Stille
Scholl aus dem Luftraum ihr der sanfteinladende Zuruf:
„Schweb’ empor, Cornelia! Einst tönt dir aus den Himmeln,
Wonnig-ersäuselnd, der Born unendlicher Huld und Erbarmung!“
Wie des Morgens Strahl auffleugt am rosigen Himmel,
Flog sie empor, auf einem der flammenden Sterne zu weilen,
Welche, dem Lichtreich nah’, im schöneren Laufe dahinzieh’n.
Doch nun drang Toledo, der Held, dem Sturme vergleichbar,
Der die Heide durchtobt in trüberen Tagen des Herbstes,
Immer des See’s Gestad’ entlang zum Felsen hinüber.
Freudig brausten die Scharen ihm nach. An dem edelen Feldherrn
Hing mit Liebe das Volk, der, immer so kühn, in Gefahren
Ruhm sich errang, und Ruhm und Ehre gewährte dem Krieger.
Schon erblickt’ er das Ziel; doch, ach, von Schauder ergriffen,
Sah er zugleich unendliche Macht der feindlichen Reiter,
Spähend, umstellen den Fels, geführt von dem schrecklichen Dragut!
Lautaufseufzte der Held: er wähnte verrathen des Felsens
Dunkele Höhl’, und ihm entrissen das edelste Kleinod.
Dragut gewahret’ ihn auch, und sann: ob er dem Verhaßten
Nahe, ob nicht? Doch schnell gedacht’ er der List, und urplötzlich
Jagt’ er davon, zum Hinterhalte die Feinde zu locken.
„Tapferer Greis,“ so rief Toledo dem römischen Feldherrn,
„Sey des Volkes leitender Hort! Verfolge die Gegner
Rasch hin, bis ich die Gattinn erlöst’ aus dem bergenden Fels hier,
Und mit Kurd, dem edelen Freund, entsandt’ in das Lager:
Denn mich heißet die Pflicht noch fürder im Kampfe zu stehen.“
Freudig gehorchte der tapfere Greis, Ursini. Des Jünglings
Feuer beseelt’ ihm die Brust: er eilte dem fliehenden Feind nach.
Wie die Löwinn, die erst auf dem Lager die Jungen zurückließ,
Hörend des Panthers Gebrüll fernher, schnell wieder zurückkehrt,
Vor die Höhle sich stellt, und harret des kommenden Gegners:
Denn sie vertrauet dem Muth und der siegenden Stärke: so muthig
Blickte Toledo umher (nicht Tausenden wär’ er gewichen)
Sprang aus dem Sattel mit Kurd, und legte mit zitternden Händen,
Nahe dem Felseingang, die blinkenden Waffen dann nieder;
D’rauf, nicht ahnend im Geist die entsetzliche Nähe des Jammers,
Half er dem treuen Gefährten, und hob, und wälzte vom Eingang,
Stöhnend, den mächtigen Block, und räumete Schutt und Gesträuch weg.
Weit aufgähnte die Höhl’. Er stieg: „Mathilde! Mathilde!“
Rufend, hinab. O Jammer, da sträubten, wie Stacheln des Igels,
Ihm von der Scheitel die Haare sich auf. Ein Schrei des Entsetzens
Schmettert’ aus seiner Brust; weit vorgebogen, und krampfhaft
Faltend die Händ’ an der Stirn’, hinstarrt’ er mit leblosen Augen —
Starrt’, und sah die Gattinn entseelt auf dem Boden, und ihr gleich,
Schlummernd an holder Mutterbrust den lieblichen Säugling.
Leis’ nur athmet’ er noch, und sank erblassend zusammen.
D’rüben lag Ursini dem Feind, verfolgend, im Rücken.
Unablässig erkrachte das Rohr, und säte Vernichtung
Unter die fliehende Schar; doch plötzlich brach vom Gehölz her,
Lauernd im Hinterhalte, der Feind auf den Sieger, und sandte
Zahllosschwirrende Pfeile heran. Da wandte sich Dragut
Eilig zu seinem Volk, und rief mit grimmigen Blicken:
„Jetzt umzingelt sie schnell. Sie sollen den Frevel mir büßen,
Den ihr Führer verübt’. Und, ha, nicht erseh’ ich ihn drüben
Unter der Schar! Hat etwa der Unsern Geschoß ihn ereilet,
Oder, wich er feige zurück, weil Dragut ihm nahte?“
Flugs umbrausten mit wildem Geschrei die maurischen Reiter,
Dragut folgend, und flugs numidische Horden, die Christen.
Aber der tapfere Greis, dem jetzt die feindliche Kugel
Stürmend die Rechte durchfuhr, erhob mit der Linken den Degen,
Ordnete schnell die Reihen, und rief den Geordneten: „Feuer!“
Denn sie hatten gezielt: da feuerten alle mit einmal
Ihre Gewehr’ ab: sie krachten, durch Rauch und Flammen versendend
Furchtbare Kugelsaat zur blutigen Ernte des Todes.
Schnaubend prallten die Rosse zurück; der wilde Numider
Wankte; von Schrecken betäubt, verweilte der maurische Reiter.
Nun gedacht’ Ursini der Flucht, der rettenden. Fliehend
Drängt’ in das Feuerrohr der Krieger des Todes Geschosse;
Stellte sich wieder, ereilt, und trieb die stürmenden Haufen
Mordend zurück. Doch wie der Staar’ unzählige Scharen,
Lüstern nach Traubenblut, die Rebenhügel umflattern:
Weder der Hüther Geschrei, noch die rastlos tönende Klapper
Scheucht sie völlig hinweg — stets kehren die Lästigen wieder:
Also umschwärmte der Feind die Fliehenden: Manchem das Leben
Raubend mit tödlichem Stahl, und fernhin scholl das Getümmel.
Dragut sah, erstaunt, die Waffen Toledo’s am Boden
Liegen. Er sprang voll Hast aus dem Sattel, und stieg in den Felsschlund
Rachebeflügelt hinab. Sein spähendes Auge gewahrte
Bald den Ersehnten im Grabesgewölb’, und er jauchzte vor Wuth auf;
Aber sein Flammenblick, den starrenden Blicken Toledo’s
Folgend, sah die entseelete Frau. Da faßte des Todes
Schauer ihn an: der Laut erstarb auf den Lippen ihm; wankend
Sucht’ er des Tages Licht, und stöhnte noch laut vor Entsetzen.
Schon braust’ ihm sein Volk entgegen im schmählichen Rückzug,
Von dem Feinde gejagt: denn Alba’s siegende Reiter
Brachten Ursini’s umstürmter Schar ersehnete Rettung.
Dragut schwang sich behend auf’s Pferd, zu entkommen den Augen
Hairaddins, daß er nicht feig ihn heiße, die blässeren Wangen
Schauend im Waffenfeld: nicht ahnend, was ihn betroffen.
Muhamed, der die Wälschen umdrängt, in grauser Verfolgung
Weichen sah, erregte den Muth des flüchtenden Herrschers,
Hairaddin, kühn zu besteh’n des Kaisers anstürmende Heersmacht.
„Wie,“ so rief ihm der Geist, „du, Hairaddin, schrecklicher Krieger,
Wendest den Rücken dem Feind’? Erschlafften des tapfersten Herzens
Schwingen so ganz, daß es scheu vor Schlachtengetümmel zurückbebt?
Auf, und versuch’ erneueten Kampf: denn Siegesgejauchz’ tönt
Dort von des See’s Gestad’, wo Dragut, der Schreckliche, kämpfte!“
Hairaddin horcht’, und vernahm fernher Getümmel und Schlachtruf.
Donnernd schrie er den Flüchtenden: „Halt!“ und stellte die Haufen
Gegen des Feindes Macht mit kampfanbiethender Stirn auf.
Auch das Siegel von Gold, das hell an der tapferen Brust ihm
Schimmerte, sandt’ er an Dragut hin: ein furchtbares Zeichen
Großer Gefahr, und des Ungehorsams dräuender Strafen,
Daß er ihm eine die Macht. Wie auf Windes Flügeln enteilte —
Spornte das Roß Ben-Dar, der Araber, der ihm ein Liebling
War vor allen im Heer’ mit dem kühnvordringenden Kampfmuth.
Aber vergebens spornt’ er das Blut aus den Seiten des Renners;
Hairaddin forschte nach Dragut umsonst: denn, fern von dem Schlachtfeld,
Nahet’ er schon im Flug den Thoren von Tunis, getrieben
Von entsetzlicher Angst. Ihm keuchte sein bebendes Volk nach.
Wie, verirrt auf Sibiriens schneeiger Heide, der Weidmann
Aengstlich forschend sich müht, den ihm entschwundenen Heimweg
Wieder zu finden, und jetzt am Rande des Himmels ein Wölkchen
Leis’ aufschwebt: da wähnt’ er, getäuscht, die trauliche Hütte
Sey es, und freut sich der Gattinn schon und der harrenden Kindlein;
Aber das Wölkchen schwand, und trostlos kehrt ihm der Abend:
Also getäuscht sah Hairaddin unmuthsvoll zu dem Seestrand
Forschend hinaus: denn fern’ ihm floh die ersehnete Kriegsschar.
Sieh’, und jetzt durchtobte zugleich das entsetzliche Schlachtfeld
Lärmenden Sieges Getös’, und Flucht und grause Verwirrung!
Dort brach Lichtsteins Volk, des herrlichen Schanzenerstürmers,
Jauchzend heran, und hier ihm brauste, dem wilden Orkan gleich,
Alba’s siegende Macht entgegen. Er blickte verzweifelnd
Um sich her, und geboth den bebenden Scharen den Heimzug.
Mordend folgten die Sieger ihm nach. Vom Blute geröthet
Wies sich den Kehrenden weit die siegverherrlichte Laufbahn.
Nahe dem Felsenschlund saß Kurd. Er senkte die Augen
Tief zur Brust, und schimmernde Thränen benetzten sein Antlitz,
Als der Kaiser an ihm vorüberzog in dem Siegslauf.
Dieser sprengte das Roß jetzt näher, und forschte mit Sorgfalt:
Was ihn betrübt’? Doch Kurd erhob sich, und führte den Herrscher
Ein in des Grabes Nacht, in die Wohnung unsäglicher Trauer.
Dort erbebte sein fühlendes Herz des Menschengeschickes
Nächtlichstem Bild. Er schwieg; doch dringender Hülfe gedenkend,
Faßt’ er Toledo am Arm, und stieg in die Helle des Tages
Rasch mit dem Wankenden auf; dann rief er dem treuen Gefährten:
„Kurd, erhebe dich schnell, und häufe die Trümmer mit Vorsicht
Auf an dem Schlund: denn bald erhöh’n wir, als Sieger, Mathildens
Denkstein, der ihr Trauergeschick verkünde der Nachwelt,
Und an den Wechsel des Erdenglücks den Sterblichen mahne!“
Also geschah’s. Doch heim zu dem Zelte des gütigen Kaisers
Schritt mit Toledo das trauernde Roß; er lenkte das eig’ne
Sorglich ihm an der Seit’, und sann voll Huld auf dem Heimweg,
Wie er das leidenerstarrete Herz zum Leben erwärme?
Und der ersehnete Abend sank. Die kehrenden Scharen
Eilten mit Siegesgesang, vom Gewirbel der drönenden Trommel
Und Drometengeschmetter umtönt, zurück nach dem Lager.
Weithin dehnte sich schon der riesige Schatten der Krieger
Und der Ross’, auf dem Sand. Die Sonne blickte noch einmal
Ueber des Meer’s hellschimmernde Fluthen herüber, und sandte
Scheidend, aus Rosengluth, auf den Fittigen säuselnder Lüftchen,
Endlich die Labung dem Heer’ in der mildumschmeichelnden Kühlung.
Noch umhüllete Nacht mit finsterem Schleier Goletta’s
Schweigende Flur; nicht sanftaufdämmerndes Roth an des Ostens
Duftigem Himmelsthor, nicht Geflister der lieblichen Sänger
Kündigte noch das Erwachen des Tag’s aus schauernden Zweigen,
Als im erleuchteten Zelt der Kaiser mit seinen Erwählten,
Doria, Guasto, und Eberstein, im wichtigen Kriegsrath
Saß, und Jegliches ordnete, nun zu erstürmen die Festung.
Näher gerückt war ihr das schanzende Volk, und gewahrte
Jetzo gerechtes Ziel, die furchtbare Bombe zu schleudern.
Mächtige Schlünde, den Kriegern genannt die „Mauerzertrümmrer“,
Sah’n aus dem Schanzkorb schon zur Veste hinüber, und ringsum
Lagen am Wall Sturmleitern gehäuft. Entlassend die Helden
Aus dem Gezelt, sprach noch der erhabene Kaiser mit Nachdruck:
„Segen des Himmels mit euch! Bald soll in heißeren Stunden
Sturmdrometender Ruf vor Goletta’s Mauern uns einen.“
Doria eilte zum Meeresstrand, zur spähenden Vorhuth
Guasto; nur Eberstein stand noch, und sagte bekümmert:
„Nagender Gram erfüllet die Brust der Deutschen; sie klagen:
Nur Hispaniens Söhn’ und Wälschlands theilten Gefahren,
Ruhm und Ehre mit dir; sie stünden vergessen im Lager,
Minder geachtet im Heer und deines Vertrauens nicht würdig.“
Lächelnden Blick’s, doch sanft verweisend, entgegnete jener:
„Häget des muthigen Volkes Hort den nagenden Unmuth
Auch in der tapferen Brust? Nicht vorlaut tadle der Krieger,
Was ich im ernsten Gemüth, auf Jegliches achtend, beschlossen.
Spanier, Wälsch’, und Deutsche, sie all’ sind theuere Kinder
Mir, und jen’ errangen sich schon erfreuenden Siegsruhm;
Aber noch höheren Muth erheischt, im Felde der Waffen,
Winkend zu Thaten, das höhere Ziel. Bald sollt ihr ersehen,
Ob ich dem Deutschen vertraut’, ein Deutscher, und dankend mich ehren.“
Freudigen Blick’s enteilte der Held, den harrenden Brüdern
Tröstend zu nah’n, und zu ordnen die Scharen zum Sturme Goletta’s:
Denn schon wüthete ringsumher des eh’rnen Geschützes
Furchtbar donnernde Macht. Bald hier von den kreisenden Schanzen;
Bald von dem Meerstrand dort, hinsausten die schrecklichen Kugeln.
Aber nicht minder zurück vom Walle der trotzenden Festung
Sausten im Donnerlaut die schmetternden hin und herüber:
Bebend drönte die Erd’, aufheulte der flammende Luftkreis.
Hannibal sah vom Gewölk die Christen im mächtigen Vortheil;
Sah nach Goletta hin die Donnerschlünde gewendet,
Ringsum Gedräng’ und Hast, das herrliche Ziel zu erringen,
Und erbebte vor Zorn. Der Kampferfahrne gedachte
Jetzo der List, und flog nach der Veste hinüber, wo Sinam
Erst auf dem Rasen des Walls entschlummerte, sorgenermüdet:
Denn in dem nächtlichen Grau’n vernahm er Getös’ in den Schanzen,
Und entsandte die Späher sogleich. Nun sah er im Traumbild
Rings versinken den Wall umher, und die Mauern Goletta’s
Stürzen, zertrümmert, in Staub, daß furchtbar gähnte der Abgrund.
Krampfhaft faßt’ er den Rasen, und stöhnt’, als Hannibal jetzt ihn,
Leise genaht, aufboth mit den mutherregenden Worten:
„Sinam, du ruhest dahier, ein Träumender? Schande dem Trägen!
Sieh’ schon wühlte der Feind, wie im nächtlichen Boden der Maulwurf,
Viel verzweigte Gänge sich bahnt, Laufgräben von Neuem,
Gegen die Veste sich auf; er häufte die Schanzen, und führte
Riesenschlünde heran, zermalmenden Donner zu wecken!
Schwand dir völlig die Kraft, Abwehr zu ersinnen und Kriegslist?
Wie, wenn Tapfere, nur das Geschütz zu verderben, entschlossen,
Hastig am Zündrohr dort einkeilten den eisernen Nagel
So, daß im weicheren Erz die scharf gehämmerten Kanten
Hafteten, und der Entschluß Errettung schaffte den Eu’ren?
Auf, und erwäge die That: dem Kühnen gesellt sich das Glück nur!“
Sinam entfuhr dem Rasen voll Hast, und dachte verwundert:
Ob er geträumt — ob Gottes Prophete den kühnen Gedanken
Ihm in die Seele gelegt? Doch als er die Späher vernommen,
Flog er zu Giaffar hin, und sagte mit leuchtendem Antlitz:
„Tapferer Aga, vernimm mit Staunen, was Gottes Prophet’ erst
Mir an die Seele gehaucht, im sinnebetäubenden Schlummer!
Wieder gelang’s, so melden die Späher, dem Feinde, Goletta’s
Mauern durch Schanzen zu nah’n: uns droht gewisses Verderben
Heute noch, wo uns nicht rettet der Muth und entschlossene Kühnheit.
Auf zu dem herrlichsten Sieg! In der glühenden Stunde des Mittags,
Wenn, ermattet, die Fremdlinge ruh’n, bestürme die Schanzen
Du mit erlesenem Volk. Das schwere Geschütz zu verderben,
Hastig am Zündrohr dort einkeil’ es den eisernen Nagel
So, daß im weicheren Erz die scharfgehämmerten Kanten
Haften, und uns hinfort die Vestezertrümmrer nicht schaden.
Groß ist des Sieges Gewinn, und dein: unsterblicher Nachruhm!“
Giaffar blickte mit Ernst dem stattlichen Schirmer Goletta’s
Lang’ in die flammenden Augen, und sprach, als jener verstummte:
„Nicht Unwichtiges sann, du Tapferer, jetzo dein Geist aus;
Oder dir nahte der große Prophet, wie du sagtest, in Wahrheit,
Sturm gebiethend, und dort das Vernageln des Donnergeschützes,
Wo in den Schanzen umher unzählig die tapferen Völker
Wachen! Aber, wohlan: nie bebte des Kampfes Gefahren
Giaffar noch, und sollt’ er im Sturm auch fallen, er bebt nicht!“
Also enteilt’ er sogleich, und rief die kühnen Gefährten,
Jauchzend, zum Sturmgang auf; doch Sinam sah ihm erstaunt nach.
Schon entfloh’n die Schatten der Nacht; der freundliche Morgen
Streuete Rosen umher an des hellaufstrahlenden Ostens
Goldenem Thor, und mit glühender Stirn’ erhob sich die Sonne,
Froh zu durchlaufen die Bahn in des Weltalls endlosen Räumen;
Aber nicht lange, so fleugt vor ihrem Blicke Verderben,
Jammer, und Tod aus den furchtbar’n Gluthgefilden der Wüsten
Ueber die Christen heran: denn schon empöret der Windstoß,
Wirbelnd, den flimmernden Sand; weit gährt, und zischet die Meersfluth.
Wer entflammte den Unhold dort, dem Heere der Christen
Tödlich zu nah’n? Wer stand ein Rettender über dem Kriegsheer?
Muhamed saß, ergrimmteren Blick’s, auf dem goldenen Halbmond,
Der von den Zinnen des Minarets, des wolkengethürmten,
Ueber die mächtige Stadt hinschimmerte, Moslems zur Wonne.
Wie Gewittergewölk auf das Hochgebirge sich lagert:
Gährende Blitz’ umröthen den Saum des finster’n, und furchtbar
Droht in die Thäler herab sein bald erkrachender Donner:
Also saß er erhöht auf dem Thurm. Die Schanzen gewahrend,
Dacht’ er Goletta’s Sturz, und der Feind’ unendlichen Sieg’sruhm —
Dacht’ es, und knirschte vor Wuth, und wühlte mit zuckender Rechten
Dann in dem Busen; die Linke zerkrümmte die Hörner des Halbmonds.
Jetzt auffuhr er in Hast. Wie aus tiefen Träumen erwachend,
Starrt’ er umher, und winkte den ringsumschwebenden Geistern:
Attila selbst, mit dem wilden Gefolg, dann seinen Erwählten;
Jetzt auch Hannibals Schar: denn er umschwebte Goletta’s
Mauern, und harrte des Kampfs im schlündeverderbenden Anfall.
„Mir nach,“ rief er der Geisterschar, „Aethiopiens Scheusal
Beut uns schreckliche Macht zur Rach’, in des Feindes Vernichtung!“
Und sie entflogen all’ im Schrei des empöreten Ingrimms.
Ueber Zender und Gingir[60] hinaus, wo rings um den Erdball
Sich der Gleicher[61] schlingt, gleich fern von dem Süd- und dem Nordpol
(Denn so ersann der stern’erforschende Weise das Zeichen:
Ahnend der Erd’ Umschwung um die eigene Achse, mit jenem
Schräg’ an der Sonn’ umher, in des Jahrs umrollenden Tagen)
Dort in Afrika’s Schooß, wo im öden Gefilde nicht, schattend,
Säuselt der Baum, nicht liebliches Grün entzücket die Augen,
Und von dem Flammenthron, senkrecht, versengende Strahlen
Schleudert die Sonn’ auf den kochenden Sand, der ewig der Wüsten
Unermeßlichen Raum in des Todes Trauergewand hüllt:
Dort umstarrt, gen Himmel gethürmt, ein Felsengebirg rings
Ein entsetzliches Thal, wohl hundert Meilen im Umkreis.
Nicht die Gems’ mit dem eisernen Muth und den ehernen Klauen,
Fänd’, aufklimmend, Bahn an der steilaufragenden Felswand,
Und aus der Tiefe herauf, die gräulich, vom Donner gespalten,
Gähnet, erhebt sich ein Flammenmeer, und wirbelt, und brauset
Auf zu des Kessels Rand, vom kochenden Schwefel und Erdharz
Unversiegend genährt. Doch weh’, wenn, übergefüllet,
Ihm entstürzet die Fluth! Da erbraust urplötzlich der Luftraum;
Weit erbebet die Erd’; aufhebt sich des Windes Vermögen:
Säul’ an Säule gedrückt, fortstürzt er im Flug um den Erdball.
Wenn er vom Mittelmeer nach Hesperiens Zaubergefilden
Fleugt: da glühet sein Odem noch, und erschlaffet die Menschen,
Trübumwölkten Gemüth’s. Umkreist er aus Süden des Nordpols
Eisige Stirn: da deckt der glänzende Reif ihm die Schwingen,
Und er schüttelt uns Schnee und den blütheverderbenden Frost her;
Aber, im schnelleren Flug durchbrausend des rosigen Aufgangs
Fluren, und d’rauf, heimkehrend im Sturm, von des Abends Gefilden,
Haucht er den Regen heran, den dauernden, der aus dem Weltmeer
Dunstgeboren sich hebt, und die schimmernden Lüfte verdüstert —
So wie im Gegenlauf, an des Altais[62] Höh’n, und des Urals[63]
Oestlichem Rücken erfrischt, er die Regengewölke verscheuchet
So, daß lieblich und kühl die Bläue des Himmels herabglänzt.
Also kehret er stets nach den grau’numhüllenden Felshöh’n
Wieder, an welchen er ruht, und die Lüft’ umschwimmen im Gleichmaß.
Dorthin, glühend vor Hast, kam Muhamed jetzt mit den Scharen
Zahlloser Geister, und hieß sie, mit drohendem Winke der Brauen,
Schnell umringen den Saum des furchtbarn Felsengebirges;
Aber er stand. Ihm leckten die dunkelgerötheten Flammen,
Prasselnd, die Füß’, und floh’n, und kehrten in wirbelnden Wogen.
Finster blickte sein Aug’, und glüht’ im Glanze des Feuers
Schrecklicher noch, da er laut erhob die gewaltige Stimme:
„Seht, Erwählte des Ruhms, vor allen Scythia’s Helden,
Welchen des Südens Wundergebieth erst heute sich aufhellt,
Hier im flammenden See den Samyel[64] — Völker erbeben
Schon dem Nahmen allein des todaushauchenden Unholds —
Lauern! Er mordet, geweckt, das Leben; im sausenden Eilflug
Hebt er die Wüst’, und stäubt sie empor in die Lüfte: sie wandelt
Hoch in dem Wolkenreich, nun schnell, nun zögernder vorwärts
Schreitend die Bahn, und deckt, entstürzend, mit thürmenden Bergen
Weit die Gefilde. O seh’t, o seh’t, nach Sahara hinüber!
Dort in dem Sandmeer wallt, verschmachtenden Herzens, seit Monden
Schon Karawanengefolg’ den heimischen Fluren entgegen;
Weh’, und Araber sind’s, mein Volk! O, nimmer erblicken
Sie das Heimathland! Von sinkenden Hügeln begraben,
Schwinden sie all’: ein Schauspiel noch entfernten Geschlechtern,
Wenn verweht die Hügel entflieh’n, und die Starren enthüllt sind.
D’rum jetzt Rache verübt, die schrecklichste, die noch verübt ward,
Dort an der christlichen Heeresmacht, der zahllose Moslems
Schon erlagen im Kampf für den welterleuchtenden Koran,
Für errungenen Ruhm, und die völkerverschlingende Herrschaft.
Stürzet vereint in den Flammensee, und empört der Vernichtung
Gährende Fluth noch mehr, daß selbe nach Tunis hinüber
Sende den Samyel, der, verschonend die tapferen Moslems,
Tilge sogleich die Ungläubigen dort mit erstickendem Gluthhauch.“
Siehe, da stürzten sich all’, empört von dem schrecklichen Herrscher,
Jauchzenden Ruf’s in den Flammensee. Sie tauchten hinunter
Bis in des Abgrunds Nacht, und fuhren herauf, und erregten
Also die Fluth, daß Wog’ auf Woge geschleudert dahinsank.
So, wie der Schilfteich braust, wenn plötzlich auf ihn des Orkans Wuth
Niederstürzt vom Gewölk, und rings die umufernden Dämme
Ueberfluthend, ergeußt sein dunkles Gewässer: so stürzte
Von dem Felsen die feurige Fluth. Entsetzlich zu schauen!
Himmel und Erd’, im furchtbar’n Wuthkampf ringend; die Sandwüst’
Wandelnd in Wolkenhöh’n, und der todaushauchende Gluthwind
Prasselnd im Sturmesflug nach dem Lager der Christen hinüber,
Drohten der zitternden Welt die Schrecken des letzten der Tag’ an.
Doch, auf Goletta’s Wall stand Giaffar, herrlichgerüstet,
Schon vor den Reihen der Janitschar’n. Sie staunten dem Hauptschmuck,
Der von des Tulbans Bund herschimmerte, zierend des Reihers
Schneegefieder, und gleich dem Fittig des Aars, sich entfaltend;
Staunten des Säbels Gehäng’, voll blitzenden Edelgeschmeides,
Den Suleyman ihm both, der Prächtige, als er vor Rhodus
Ruhm sich erwarb, im Sturm durchbrechend das eiserne Seethor.
Nie gewahrt’ ihn das Volk so reichgeschmückt in dem Feld noch.
Jetzo mit leuchtendem Blick’ erhob er die mächtige Stimme:
„Hört mich, Söhne des Siegs! Schon oft erlagen im Schlachtfeld
Eurem schrecklichen Arm die Ungläubigen; aber er wüthe
Heute noch mehr, als dort im Süden der wilde Hamaddan,[64]
Der im Feuergewölk auffleugt, und mit glühendem Odem
Bald das Lebende tilgt. Auch tödte sie Gram und Verzweiflung,
Jetzt in dem Ueberfall ihr Geschütz vernichtet zu schauen.
Auf, und erringet des Sieges Preis, nicht der sinkenden Brüder
Achtend! Falle wer muß: nur mögen die Seinen ihn rächen!“
Also entflammt’ er das Volk. Da scholl, wie brandender Wogen
Rauschen im Meeressturm, und das Brausen im dunkelen Eichwald,
Den der heulende Nord durchtobt, des stürmischen Volkes
Wuthausruf, von Goletta’s geöffnetem Thore; da rannten
Alle voll Hast nach der Schanze hinaus, die Ludwig, als Feldherr,
Strahlend in Jugendglanz, mit den niederländischen Helden
Und Lusitania’s tapferem Volk, krieg’skundig beschirmte.
Dort war lautes Getös’, war Rufen. Zur muthigen Abwehr
Eilte das Volk; doch unaufhaltsam, die Schanzen entlang hin —
Nicht des hagelnden Donnerrohr’s, nicht der sinkenden Brüder
Achtend, drangen die Wüthenden auf, und ihr gieriger Aarblick
Hing an den ehernen Schlünden allein. Ach, sieben umringten
Sie, vorstürmend in Hast! Bald töneten schmetternde Hämmer
An dem geflachten Kopf der eisernen Nägel: sie drangen
Fest in das weichere Erz, des Zündrohrs Höhle verkeilend,
Und zerstörend des Feldzeugs Macht mit den schneidenden Kanten.