Jetzo wäre noch mehr des schrecklichen Frevels geschehen;

Aber schon kam, und schrie Lusitania’s Zierde den Scharen:

„Brüder, hört! So ihr feig nicht rächet den schändlichen Frevel,

Welchen der Feind verübt’, entsag’ ich dem Stabe des Feldherrn

Jetzt, und hinfort, den mir der edelste Herrscher vertraute,

Euch zu lenken im Waffenfeld zu Thaten des Ruhmes.

Ha, willkommen der Tod, wo Schande, nicht Ruhm, mir zu Theil wird!“

Alsbald stürmt’ er vor, und hieb mit dem sausenden Mordstahl

Ein in die Scharen, daß links und rechts die Getödteten sanken.

Wie in dem dunkelen Forst, im Gebell verfolgender Rüden,

Schnaubend daher ein Eber fleugt: er suchet des Dickichts

Rings umschattende Nacht, und mäht mit den schrecklichen Hauern

Nieder die schlanken Stämme — dem Wüthenden sinket der Wald hin:

Also stürzete Mann auf Mann des Heldengebiethers

Würgendem Schwert. Sein Volk, vernehmend den schrecklichen Vorwurf —

Schauend den Helden im Kampf, schnob Rache. Nicht Büchsengeschmetter,

Sausen des Säbels und Speers war jetzt zu vernehmen: die Krieger

Faßten den Lauf des Feuerrohr’s, und schlugen, und drängten,

Mordend, die Feinde vom Wall. Sie floh’n, und Sterbender Röcheln

Scholl aus dem Graben herauf. Doch bebte das Herz in dem Busen

Giaffars nicht; er einte die Fliehenden schnell, und gedachte

Jetzt verderbender noch in den Schanzen des spanischen Volkes,

Wüthend im Ueberfall, den ehernen Schlünden zu nahen.

Siehe, da schwebt’ aus Wolkenhöh’n im brausenden Flug’ ihm

Attila näher, und schalt im Geistergelispel ihn also:

„Trotzest du nicht auf Kraft und Stärk’ in dem Heere vor allen?

Aber nur eitelen Trotz, nicht Thaten gewahrte das Heer noch.

Kehre zurück, und ford’re die tapfersten Gegner zum Zweikampf:

Ob nicht der Feldherr selbst, im glühenden Muthe der Jugend,

Dir sich stellt, und erliegt, und zur Sonne dein Nahme sich aufschwingt?“

Giaffar stand, und sann: „Heut hol’ ich,“ so rief er, „den Tod mir,

Oder den herrlichsten Ruhm. Drometer, gebiethe den Stillstand!“

Fröhlich ertönte das Erz, und Ludewig, kundig der Ritter-

Sitte, horchte dem ehernen Ruf’, und hemmte die Seinen.

„Wer sich von euch,“ schrie Giaffar laut, „im Heere vor allen

Tapfer erwies, der trete hervor, und stehe zum Kampf mir,

Einzeln dem einzelnen Mann, so wie einst in der schöneren Vorzeit,

Schild auf Schild, nah’ an, die muthigen Helden sich trafen,

Eh’ noch Pulver und Blei, o Schmach, aus der Ferne den Tapfer’n

Tückisch zu Boden schlug, und dem Feigeren schonend vorbeiflog!

Keiner besorge mir Trug und Hinterlist. Ehre gewinnen

Will ich nach Ritterbrauch: deß ruf’ ich Allah zum Zeugen.“

Grimmig schritt Alfred, der niederländische Hauptmann,

Gegen ihn vor, deß’ Riesenkraft in dem Heere gerühmt war —

Stand, und führte den Streich: doch Giaffar schlug ihm das Eisen

Aus der erstarrenden Faust, daß es blitzend am Sande dahinfuhr.

Raubet’ er jetzo vielleicht dem wehrlosen Christen das Leben?

Nein: denn edeler Stolz erfüllt’ ihm die Seele mit Großmuth.

Schnell barg er das blitzende Schwert in die Scheid’, und es faßten

Beide Kämpfer zugleich mit festumklammernden Armen

Eisern sich an, und beugten einander gleich ringenden Bären,

Pressend die Brust an die Brust, zur Rechten, zur Linken, daß beiden

Knirschte der Rücken, und Schweiß von den Gliedern in Strömen herabrann.

Jener gedachte der List, und schlug von hinten dem Türken

Rasch mit der Ferse die Beuge des Knie’s: ihn niederzustürzen;

Aber Giaffar stand wie die Eiche so fest auf dem Boden.

Jetzo, der Uebermacht sich bewußt, und zürnend der Arglist,

Hob er den Gegner empor, und drückte mit eisernen Sehnen

Ihn stets fester zur ehernen Brust, daß er, odemberaubet,

Dort verhauchte den Geist: aus seinen eröffneten Armen

Fiel er, langgestreckt, auf den Sand. Wie im Schimmer des Abends,

Lauernd, die Riesenschlang’ vom Wipfel des Baums, auf den Tieger,

Der ihm vorüberzieht, urplötzlichen Flugs sich hinüber

Schwingt, ihn schnell umringelt, und dann zum schütternden Stamm zieht;

Wie er auch brüllt, und sich mühet, der klemmenden Reife nur einen

Fest mit den Zähnen und Klau’n zu fassen — umsonst: sie erwürget

Ihn an dem Stamm’, daß ihm laut zerkrachen die Knochen: so würgte

Giaffars mächtiger Arm den Gegner, und streckt’ ihn entseelt hin.

Ganz unduldbarer Schmerz ergriff des tapferen Ludwigs

Brust: er schrie laut auf, und stürzte dem Türken entgegen.

Sieh’, da nahte, gelockt von des Kampfes Getöse, der Kaiser,

Und erstaunte, wie dort Lusitania’s herrlicher Sprößling

Kühn in die Schranken trat mit dem stärkeren Gegner! Ihm schwebte,

Angstgeweckt, auf die Zung’ ein Laut, der muthige Krieger

Hätte gerufen zum Kampf und zur Rettung des trefflichen Jünglings;

Aber er hemmt’ auf der Zunge den Laut, daß unrühmliches Mißtrau’n

Nicht mit giftigem Zahn, wie der Borkenkäfer im Hochwald

Sprossende Bäume zernagt am Mark, daß sie, trauernd, verdorren,

Ihn verwundete. Doch wie erblick’ er den Stahl in den Busen

Seines Lieblings versenkt, und dampfend vom Blute des Theuern?

Dennoch beherrscht’ er die Angst, und sah vom gehügelten Erdwall

Nach dem Waffengefild’, ein Sinnender, schweigend hinüber.

Giaffar, stolz des sicheren Sieg’s, gewahrte den Jüngling,

Lächelnd: er pries nun Gott, und dankte dem großen Propheten,

Der den blühenden Fürstensohn ihm entgegengeführt hat;

Doch, da er jetzt, wie ein junger Leu dem stärkeren Panther

Kühn entgegen sich wirft, im schimmernden Felde der Waffen,

Ueber den blanken Helm den Degen erhebend, daherkam,

Und sein Blick, mit des Todes Schrecken bewaffnet, ihn faßte,

Ha, da pocht’ ihm das Herz, ergriffen von heimlichem Schauder!

Nun das glühend’ Aug’ auf das Auge des Gegners geheftet —

Vorwärts stemmend den rechten Fuß im knisternden Sandstaub,

Strebten die beiden, ergrimmt, die tödlichen Streiche zu führen,

Und es erbebte die Luft dem rastlos sausenden Mordstahl.

Da von dem Helm, und dort von dem Stirnbund, Panzer, und Leibrock

Wußte der Kämpe, gewandt, die Waffe des Kämpen zu fernen:

Jetzt auffangend den Hieb, und jetzo vereitelnd den Herzstoß.

Und so hätte die sinkende Nacht allein, in dem Dunkel,

Heute die Helden getrennt, nicht des Sieg’s entscheidender Vortheil;

Doch als Giaffars Arm zum schrecklichsten Schlage den Säbel

Hoch aufschwang: da kreischete Ludwigs blitzender Degen

Laut, an des Säbels Kling’ abgleitend; da bohrte den Mordstahl

Sein nachstürmender Arm ihm tief in die pochende Brust ein.

Rücklings stürzte der stattliche Held; hoch spritzte der Sand auf,

Als er sank, von der Hand des tapferen Jünglings getödtet.

Aehnlich der Fichte lag er, die erst die nächtliche Windsbraut

Krachend dem Boden entriß; der Weidmann schauet am Morgen

Forschend nach ihr, die rings ihm diente zum leitenden Merkmaal:

Denn sie ragete hoch, vor allen Bäumen des Waldes,

Schon Jahrhunderte lang; nun liegt sie zertrümmert am Boden:

Also lag er im Staub, und erschütternde Stille war ringsum.

Attila schüttelte grimmig das Haupt: denn seinem Geflister

Horchte der Kühne zuvor. Er floh, umschart, in der Luft fort.

Als ein lohnender Ruf den Lippen des Kaisers entfloh’n war,

Und den Sieger umjauchzte sein Volk: da brachen die Gegner

Furchtbar heran, und Gebrüll, und Fluch, und Verwünschung ertönte

Schrecklicher noch als der Säbel Geklirr und Geschmetter der Büchsen.

Hoch von Goletta’s Wall gewahrte der tapfere Sinam,

Wie sein muthiges Volk, erstürmend die Schanze des Feindes,

Dort zerstörte das eh’rne Geschütz, und er hüpfte vor Lust auf;

Doch als Giaffar wich; zum Zweikampf rief der Drometer —

Rief zu Giaffars Fall: da hob er die Hände vor allen,

Himmelempor, und schrie den versammelten Kriegesgefährten:

„Weh, unseliger Muth, der, treulosen Feinden entgegen,

Giaffars Seele gereizt! Hinaus, durch jegliches Thor fort,

Drüben aus grauser Noth den tapfersten Mann zu erretten!“

Also geschah’s. Da brausten die Wüthenden näher: so brausen

Stürme vom Nord, und schleudern die schäumende Fluth zu dem Meerstrand.

Zwar nicht rettet’ ihr Muth den Tapferen: denn auf dem Boden

Lag er gestreckt im Blut, von Ludwigs Rechter getödtet;

Aber sie stürzten, zur Wuth entflammt, und entsetzlicher Rachgier,

Eilig daher an den Wall, und gräßlich ertönte der Mordruf.

Jetzo ersah das streitende Volk vom fernen Kairwan[65]

Und Constantina[66] herauf, des wildempörten Hamaddans

Dräuenden Flug, und bebte. In tausend gewirbelten Säulen

Eilte die Wüst’ ihm vor: im Knistern des Feuergewölkes

Deckend des Himmels Bläue mit Grau’n und Entsetzen. Die Sonne

Blinkete trauernd aus ihr, und goß nur düstere Dämm’rung

Ueber die Welt. Ein flammendes Meer aus den schwärzlichen Lüften,

Und dem Boden nah’, anstürmend, der prasselnde Gluthstrom,

Drohte den Lebenden rings urplötzliche, schnelle Vernichtung.

Doch zu den Kriegern gewandt, rief laut der erhabene Kaiser:

„Sollt’ uns der Samyel nah’n, der flammende Menschenerwürger,

Da gedenket des warnenden Winks: zur Erde geworfen,

Hüll’t in Gewande das Haupt, und harr’t an dem Boden, nicht athmend,

Einige Zeit. Bald tobt der Unhold vorüber — ihr lebet.“

Dann noch rief er, den flehenden Blick zum Himmel erhebend:

„Allmacht fleugt vor deinem Hauche daher, du Erbarmer;

Nah’ uns mit Huld, und errett’ uns jetzt vor des Samyels Wuth dort!“

Und aus dem Aethergefild flog nun, dem strahlenden Blitz gleich,

Seraph Eloa herab, den Christen zur Rettung gesendet.

Sonst sein Auge so mild wie des Himmels Bläu’, und die Stimme

Sanft wie Harfengetön, war jetzt entsetzlich zu hören,

Furchtbar zu schau’n. Er rief dem Samyel: „Halt, und entweiche!“

Und der Schreckliche floh. Auch kehrten die wirbelnden Säulen,

Seinem Winke gehorchend, zurück in die einsamen Wüsten.

Dann auf Muhamed, der zuvor in dem furchtbaren Gluthwind

Nahte, voll heißer Gier, die Christen vernichtet zu schauen,

Warf er einen der Blicke herab, der thürmende Felsen

Hüb’ aus den Vesten der Erd’, und aus Nachtabgründen die Meersfluth.

Jener entwich. Wie dürres Laub, verweht von dem Sturmwind,

Schwindet: so schwand er mit seinem Volk. Auch Attila folgte,

Schreckenbetäubt, ihm nach; aufheulten die flüchtenden Scharen.

Sinam drängete zweimal schon die Christen vom Blachfeld

Bis an des Grabens Rand, und so oft, nur schrecklicher warf ihn

Ludwig wieder dahin, wo, umhügelt von starrenden Leichen,

Giaffar lag, und im Blutbad schwamm: denn heißer entflammte

Dort des Getödteten Schau in dem Busen der Seinen des Mordens

Schreckliche Gier, daß sie standen im Kampf der Entscheidung, und furchtbar

Wüthete jetzo der Tod auf der siegverherrlichten Stelle.

Als der Samyel erst, des Seraphs Stimme gehorchend,

Heim in die Wüste floh, da weckte sein brausender Odem

Hoch in der Luft und im Schooße der Erd’ Aufruhr und Empörung.

Plötzlich thürmte Gewittergewölk am bläulichen Himmel

Furchtbar sich auf, und goß ein mitternächtliches Dunkel

Ueber das Waffenfeld, daß der Gegner dem Gegner entrückt schien.

Nur das Blitzen des Feuerrohr’s erhellte zuweilen

Noch das umnachtete Volk, entflammte des starrenden Kriegers

Aug’, und Harnisch, und Helm, und wies auf dem Feld des Entsetzens

Leichen auf Leichen gehäuft. Nun schwankte, den Wellen des Meer’s gleich,

Unter den Füßen des Kriegers der Grund; des Kampfes Getümmel

Schwieg, und „Erdbeben!“ scholl’s die zitternden Reihen hinunter.

Grau’nvoll rauschte das Meer; das Schmettern der Schiff’ an die Schiffe

Tönete schrecklich, vereint dem Geheul aus der Veste, dem Brüllen

Aus dem Gehölz, und rings dem Kreischen des kleinen Gevögels,

Das dem erschütterten Wald entstürzte mit kläglichem Angstruf.

Jetzt aufflammte der Blitz, und zerriß, von Osten bis Westen

Strahlend, die finstere Wolkennacht: der furchtbare Donner

Rollt’ auf ehernen Rädern ihm nach, und krachte zum Abgrund

Dumpf, und dumpfer hinab, an des Himmels drönendem Rand hin.

Brausend erhob der Sturm die sandige Fläche; die Fahnen

Haucht’ er zum Himmel empor, und riß auch die Zelt’ in dem Lager

Von dem ragenden Pfahl, und wälzte sie fort auf dem Flugsand.

Schreckenbetäubt entfloh der Feind; doch Ludewig folgte,

Unerschütterten Muth’s, dem flüchtenden nach bis Goletta.

Guasto aufathmete tief; er hielt, von dem Sturme gewendet,

Jetzo des Mantels flatternden Saum, und sagte dem Kaiser:

„Wie, du weilest noch hier, unbändigen Sinnes, und achtlos

All der Gefahr, die uns heut’ aus den hellaufflammenden Lüften,

Und aus dem Schooße des Abgrunds dräut? Auch stürzet des Regens

Prasselnde Fluth nun bald aus dem berstenden Wettergewölk her;

Eile nach deinem Gezelt: es trotzte dem schrecklichen Sturm noch,

Festeren Bau’s; schon fliehen die Feinde vor deinen Erwählten.“

Weder der donnererweckende Blitz, noch der schwankende Boden

Zog des Kaisers sinnenden Blick vom Kampfe der Helden

Ab. Er lächelte sanft auch jetzt, und sprach zu Del-Guasto:

„Laß mir den Frieden, o Greis! Ein Gleiches erduldet ihr Tapfer’n

Alle mit mir. Wer schirmt vor Gefahr, die hoch aus den Lüften,

Tief aus des Abgrunds Nacht uns dräut’, als Er, der Erbarmer?

Sein ist die Macht! Mir wohnt der Fried’ im vertrauenden Herzen.“

Doch nun flammte sein Blick, nun bebt’ ihm die Rechte; den Harnisch

Hob ihm die pochende Brust, und furchtbar scholl’s, da er sagte:

„Donner und Blitz sind mir die Stimme des Herrn, daß ich eile.

Hebe dich nun, mein tapferer Held, an’s Werk der Entscheidung:

Lenke die Völker heran. Laut brülle sogleich von den Schanzen —

Brülle vom Meer das Donnergeschütz zum endlichen Wallbruch,

Daß wir jetzt in dem Sturm erringen die Veste Goletta!“

Schaudernd blickte der Greis in die flammenden Augen des Herrschers,

Horcht’ ihm, schweigend, und ging, nun Jedes in Eile zu ordnen.

Schon entströmte der Wolkennacht unendlicher Regen,

Prasselnd durch Windesgeheul und Gebrülle des rollenden Donners,

Und umfloß, ein See, die Füße der triefenden Krieger.

Aber er löschte den Staub, und fesselte mächtig den Flugsand.

Wie in des Frostes Hauch der fluthende Weiher gefesselt

Starrt, daß auf ihm, lärmfroh, die muntere Jugend der Eisbahn

Räume durchfleugt: so erstarrte der Sand, und brachte den Christen

Frohen Gewinn: denn geübt, im ermattenden Sande zu laufen,

Nahte der fliehende Feind den Thoren der Veste Goletta.

Ihm nachbrauste der Sieger im Flug’, und Sinam gewahrte,

Bebend vor Schrecken und Angst, im nah’umzingelnden Vorsprung,

Hier den Gedrängten vermengt die Dränger zugleich, und er rief nun,

Rettung gebiethend, dem Volk’. Aufkrachten des mächtigen Thores

Flügel, und d’rauf, wie ein Bergstrom braust, wenn hoch von dem Gletscher

Niedergerollt, ein Block erfüllet die engere Thalschlucht,

Bis er des Bergs Abhang, mit steigendem Grimme, durchwühlend,

Bahn sich bricht, und die langgehemmten Fluthen zum Abgrund

Wälzet in schäumender Hast: so stürzten die flüchtenden Scharen

Sinams durch das geöffnete Thor, mit Lärm und Getümmel.

Doch nun sandte der Feind, dem also die Rettung gelungen,

Hagelnde Donnergeschoss’ und befiederte Pfeile vom Wall her,

Jubelnd, und warf aus der Schar der raschnachstürmenden Christen

Manchen Tapferen todt in den Staub. Da dachte des Heimzugs

Ludwig, der Held, und hieß im drometenden Rufe die Krieger

Kehren. Nicht folgte des Feldherrn Ruf Diego Davila,

Fahnenjunker im Heer, entsprossen aus Lissabons Mauern,

Trotzend auf Jugendkraft, und kühnerer Thaten sich freuend.

Als er das Jubeln der Feinde vernahm: da ergrimmt’ er im Herzen,

Eilte zurück, und klomm, ein kundiger Kletterer, jauchzend

Auf an dem Wall’, und erhöhte die Fahn’ auf den Zinnen der Festung.

Jene wehrten es nicht, von erstarrendem Staunen gefesselt;

Doch bald wühlten in seiner Brust unzählige Lanzen.

Sinkend faßt er die Fahn’, und warf sie herab von der Mauer,

Sie zu entreißen dem Feind’. Er rief dem getreuen Gefährten:

„Albin, rette die Fahne! Sie stand erhöht auf dem Wall hier:

Herrlichen Siegesruhm winkt’ euch ihr wehender Schimmer;

Rette sie kühn, und jenseits noch dir dankt es Davila!“

Sieh’, er lächelte sanft, und freute sich sterbend der That noch!

Aber der Muthige kam, ergriff, von sausenden Kugeln

Rings umstürmt, die Fahn’, und brachte sie freudig in’s Lager.

Diesem entströmten jetzt die Tapferen, herrlich geordnet.

Rechts hin führete Guasto die Macht hispanischen Fußvolks,

Wälschen vereint, und Eberstein, in der Mitte, die Heerschar,

Die er in Deutschland warb, nun endlich zu Thaten gerufen.

Aber die Macht lusitanischen Volks und brabantischer Scharen,

Führete drüben der Held, der Giaffarn siegend erlegte.

Laut erkrachten die Schlünd’ und Mörser zum endlichen Wallbruch.

Furchtbar wüthete zwar der Sturm und das grause Gewitter

Noch, und der röthliche Blitz, im Gefolg des schrecklichen Donners,

Zischt’ umher im Gewölk, erhellend die sinkenden Fluthen;

Aber entsetzlicher noch, mit den Schrecken der Lüfte vermenget,

Scholl das Krachen der Schlünd’ umher an der Veste. Der Wurfschütz

Rührte des Brändchens Rohr mit der Lunt’: im bläulichen Rauch flog

Flamm’ empor; zurück, dann eilender wieder zur Stelle

Rollte der eherne Schlund, und warf durch Feuer und Flammen,

Donnernd, im Bogenwurf, die Kugel zur Veste hinüber.

So von den Schanzen, und so von dem Meer hinsausten die Kugeln;

Aber nicht minder zurück von dem Wall der trotzenden Festung,

Sausten im Donnerlaut die schrecklichen her, und hinüber.

Rings erbebte der Grund, als sollten die Vesten des Erdballs,

Von den Orkanen der ewigen Nacht erschüttert, versinken,

Und die Gefild’ umher nachstürzen in wüster Zertrümmrung.

Drüben umfing sie am Meer, dem silbergehörneten Mond gleich,

Doria’s wogende Macht. Aus ihres verehrten Gestirnes

Bild ihr kam der Jammer gesandt, und die grause Vertilgung.

Immer entfuhr die Volle Lage[67] dem Raume des Schiffes,

Das sich der furchtbar’n, eiserne Last, aus Rauch und aus Flammen

Schleudernden Donnergewalt nachbog, und mit sinkendem Rand noch

Streifte die Fluth. Die sanftergossene Fläche des Meeres

Rauscht’ aufbrandend empor. Bald schäumten die bläulichen Wogen,

Bald erglühten sie tief im Glanze des röthenden Feuers,

Welches im Flug durchzuckte die Luft. Die Mauern erkrachten —

Sanken in Schutt, und dumpf ertönte der Steine Gerassel.

Sieh’, die Malta gesandt, die nächsten dem felsigen Ufer,

Schleuderten sonder Rast nach dem Thurm, der hoch aus dem Vorgrund

Ragte, Verderben! Er neigte das Haupt, sturzdrohend, ein paar Mal;

Zitterte jetzt, und sank mit grausem Gepolter zusammen:

Staub flog auf, und Geschrei, wehklagend, und jubelnd ertönte.

Aber der Kaiser rief: „Verdoppelt das Feuer!“ So riefen

Guasto, und Rogendorf, und jeglicher Schanze Gebiether,

Und noch schrecklicher tobte die Wuth des ehernen Feldzeugs.

Doria brach von dem Meer’ her donnernd, das eiserne Seethor

So, daß des Feindes Geschütz dort schon auf dem Walle vernichtet

Lag, und verstummt’. Dann öffnete dicht am Thor von Buschatter

Ludwig aus seiner Schanz’, urplötzlich nach jenem, den Wallbruch,

Weit, daß ein Wagen durchfuhr, der heim die Garben vom Feld führt;

Aber die breitere Kluft, daß zwanzig der Krieger, gereihet

Aneinander, sie leicht durcheileten, sah nach dem Oehlwald,

Gähnend hinaus: eröffnet mit Macht aus der Schanze der Wälschen,

Die von Toledo verwaist, nun Guasto’s Winken gehorchten.

Vorwärts stürzte der Wall und die Mauer, und ebnete weithin

Dort die ersehnete Bahn den Stürmenden, füllend den Graben.

Nun verstummte zugleich am Himmel das grause Gewitter,

Nur an des Erdballs drönendem Rand noch murrte der Donner

Dumpfer hinab, wenn dort der Blitz die feurigen Schwingen,

Fächelnd, erhob. Aus zerriss’nem Gewölk sah bläulich der Himmel

Her auf das regenerfrischte Gefild, und die scheidende Sonne

Goß aus dem rosigen Duft des Abends Schimmer herüber,

Und erhellte gar wunderbar die belagerte Festung.

Lauter pochte die Brust des edelsten Kaisers; ihm rief nun

Ahnend das Herz: schon sey die entscheidende Stunde gekommen.

Jetzt erhob er das Schwert, den Feldherrn Thaten gebiethend,

Und sie gehorchten dem Wink’. Auf dem Land und im wogenden Schiffsraum

Schwieg, verhallend umher, der ehernen Schlünde Getümmel.

So an dem felsumstarreten See verhallet des Waldhorns

Klang, den fern im Ruderschiff erweckte der Künstler,

Horchenden Freunden zur Lust: nun da, nun dort am Gebirg hin,

Tönt er im Wiederhall, bis er dann, stets leiser, dahinstirbt.

Aengstliche Stille herrschte rings, und beklemmendes Schweigen.

All’ aufmerkten dem Wink: da zogen in brausendem Eilflug

Scharen auf Scharen dahin, und jauchzten der rühmlichen Arbeit.

Dort an den Mauerbruch, der weit aufgähnte zum Oehlwald,

Eileten Wälsch’ und Hispaner, zum Thor von Buschatter die Deutschen;

Doch Lusitania’s Volk, den Niederländern und Malta’s

Muthigen Kriegern vereint, erreichte das eiserne Seethor.

Tausend ergriffen bei jeglicher Schar die ragenden Leitern:

Kühneres Volk, zu erklimmen den Wall im stürmenden Anlauf.

Welches der Völker kam dem andern zuvor in dem Wettlauf?

Erst das hispanische; d’rauf nachdrangen den Wälschen die Krieger

Portugalls und Brabants. Wie, stürmten die tapferen Deutschen

Nicht vor allen zuerst? Sie hemmte der kühne Cherusker,

Hermann: denn, sein edeles Volk vor Tücke zu wahren,

Schwang er in Hast nach Eberstein sich herunter, und rief ihm:

„Hemme den rascheren Lauf, vorschauend, und Tücke vermeidend:

Weit durchhöhlte der Feind, vor deinem Ziele, des Erdreichs

Dunkelen Schooß; ihm nahet die Lunt’, und donnernd erhebt sich

Bald entsetzlicher Rauch, und Feuer, und wilde Zertrümm’rung.“

Jener hemmte sein Volk. Zwar ächzte der Krieger, und Thränen

Netzten sein glühendes Aug’, im Vorsprung schauend die Fremden;

An dem Gewehr’ ihm bebte die Faust, und die strebenden Fersen

Bohrten tiefere Spur unwilliger Rast in den Sand ein.

Doch nun schwankte der Grund: aufflog, die Lüfte verfinsternd,

Qualmender Rauch, und Loh’, und Wust des berstenden Erdreichs

Ueber den Flatterhöhlen umher, die rings an dem Wall sich

Kreuzten, erfüllt mit der Last des entflammenden, schrecklichen Zündstaubs.

Bebend stürzten die Reihen zurück; aus den Augen der Krieger

Glänzte dem Feldherrn Dank, der so sie entriß dem Verderben.

Aber er wandte sich nun, und rief mit gewaltiger Stimme:

„Dort das herrliche Ziel, wo Siegespalmen dir winken,

Schaue, mein edeles Volk — nicht des Todes gähnenden Abgrund!

Schwer ist die That; die Stelle gefahrvoll; aber uns ehrte

Deutschlands edelster Hort, da er Deutschen das Höchste vertraut hat.

Tapferer Radburg, vor mit den muthigen Bayern, und Stollberg

Vor mit den Sachsen zum Sieg! Du, Römhild, entflamme die Helden

Schwabens, und jene aus Brandenburg ermuthige, Siegfried,

Jetzo dein Ruf. Vereint erringet den Preis der Entscheidung.“

Hermanns luftige Schar aufjauchzte des Heldengebiethers

Worten, und kam, und mehrte den Muth ruhmdürstender Männer,

Dort zu erstürmen den Wall, wo am blutigsten winkte des Sieg’s Preis.

Sinams Riesenkraft rang dort den Stürmern entgegen.

Ihm war Hannibal brausend genaht: denn mächtig erschreckt’ ihn

Drüben das Stürzen der Wäll’ und das Jauchzen der kommenden Sieger,

Ringsum. Listengeübt haucht’ er ihm jetzo den Rath ein:

„Ha, nun gilt’s mit festausharrendem Muthe des Feindes

Wuthandrange zu steh’n, und nicht entehrender Feigheit

Heute zu opfern den Ruhm entschwundener Jahre! Wohlan, horch!

Schafft der gewichtige Ball, vom Donnerrohr in die Haufen

Wimmelnder Feinde geschleudert, schon entsetzliches Unheil:

Welch’ entsetzlicher’s noch ersähst du mit staunenden Blicken,

Wenn, umhüllt von geplättetem Eisen, die Büchsengeschosse

Mit zertrümmertem Blei in die nah’anstürmenden Gegner

Wütheten? Auf, und gebiethe den Mord und die grause Vernichtung!“

So rief Hannibal; doch nun sah, voll Zorn in dem Busen,

Hermann zugleich, wie schnell, dem listigen Gegner gehorchend,

Sinam die Donnerrohr’ in der Breite des gähnenden Wallbruchs

Pflanzen hieß, daß im kreuzenden Feuer der gräßliche Hagel

Tilge des Feindes Reih’n. Er jammerte laut und begann so:

„Schmacherfindende Zeit! Daß nichts mehr gelte des Tapfer’n

Eigene Kraft; daß nimmer das Aug’ in das Auge des Gegners

Schleudre des Todes Blitz’, und, heimgekehret, der Krieger

Nimmer weise mit Stolz dem grauenden Vater, der Mutter,

Oder der Gattinn die ehrende Narb’ an der Brust und der Scheitel,

Und erzähle zugleich, wie solche der Feind ihm geschlagen

Dicht im Gemeng’, wo jener ihm sank, in dem Kampfe getödtet —

Nein, daß er dort: ob feig’, ob tapfer, ein elender Krüppel

Arm- und beineberaubt, umhinke, den Seinen zur Trauer,

Hast du das Scheusal erzeugt, die Würgerinn heißend Kartätsche!“

Sieh’, Ursini der Greis, flog hin, wie ein feuriger Renner

Fort auf der Rennbahn fleugt, zu erringen dem Reiter den Wettpreis:

Hoch von dem Nacken ihm flattert die Mähn’, und vom blanken Gebisse

Ueberschneiet der Schaum ihm die Brust; er schnaubet, und sprühet

Gluth aus der starrenden Nas’, und ihm blitzen die spähenden Augen

Feuriger stets, da er jetzt mit lauterem Hufesgerassel,

Sprung auf Sprung, im Galopp vorbraust zum winkenden Ziel hin;

Fern ihm folgen, gespornt von den Reitern, die schwächeren Rosse:

Also strebte der Greis im edelen Muthe des Herzens

Gegen den Wall, wo Darjuh, an Giaffars Stelle der Aga,

Nach den Gefahren des Kampf’s und glänzenden Thaten sich sehnte.

Als er den Greis ersah, da entriß er das mächtige Schießrohr,

Doppelhaken genannt, den Händen des Kriegers, und jagte,

Schmetternd, verdoppeltes Blei in die Stirne des tapferen Feldherrn.

Lautlos sank er zur Erd’: ihm färbte das silberne Haupthaar

Quellendes Blut. Ach, nimmer bewirthet der freundliche Greis mehr

Fremd’ in seinem Palast, die aus nahen und fernen Gefilden

Heilige Sehnsucht trieb, der ewigen Roma zu nahen,

Und im Schutt noch die Wunder zu schau’n gewaltiger Vorzeit:

Denn er stürzte verwundet zur Erd’, und verhauchte das Leben.

Aber Ludewigs Schar rang dort am zertrümmerten Seethor,

Schnell zu erklimmen den Wall, wo, empört durch Attila’s Ingrimm,

Und durch Hannibals Muth, das Volk in grausamer Nothwehr

Wüthete. Pech, noch siedend, und Oehl, noch wallend der Flamme

Goß, erbittert, der Feind auf die Stürmenden — wälzte der Mauer

Lastende Blöcke herab, und solch’ unrühmlichem Tod, ach,

Sanken die Tapfersten schon! Auch tödtete Manchen der Speerstahl,

Manchen das krachende Rohr, wenn, kühnerhöhend, die Leitern,

Sie aufrangen zum Wall aus der Tiefe des dunkelen Grabens.

Doch weit schrecklicher noch, und entsetzlicher, scholl vor Buschatters

Thor Mordruf und Gewürg’, wo Deutschlands herrlichvereinte,

Siegsruhmdürstende Schar, im Auge den Heldengebiether —

Muth und Gluth in der Brust, und des kreuzenden Feuers nicht achtend,

Vorwärts drang. Schon dreimal flog, mit dem kühnen Geschwader

Brandenburgs, dort Siegfried hinan, den Wall zu erklimmen,

Und er kehrete stets erbitterter, ähnlich dem Rüden,

Der, vom Jäger gedrängt, dem verwundeten Bären genaht ist —

Doch bald flieht, bald kehrt: denn immer scheuchen die Klauen

Und das Gebrülle des Thiers ihn fern: so wüthete jener.

Jetzt, im erneueten Lauf, durchbohrte das muthige Herz ihm

Schmetterndes Blei, und er sank. Auch blutete neben ihm Hinkmar,

Strebend mit matter Hand, den Pfeil aus der Lunge zu reißen.

Eberstein sah dort hinsinken die tapferen Helden

Brandenburgs; alsbald entriß er die Fahne dem Junker,

Schwang sie empor in die Luft, und rief hellleuchtenden Blickes:

„Jetzo mir nach, wem deutsches Blut in der Ader und Kampfgier

Glüht in der männlichen Brust! Wir löschen das feindliche Feuer,

Das entsetzlich die Unser’n tilgt aus der grausen Kartätsche,

Nur mit des Feindes Blut; mir nach! Nie sterben die Tapfern!“

Sagt’ es, und drang, wie ein Pfeil, in sausender Eile zum Wall hin.

Aber Stollberg zog mit kräftiger Rechten den Helden

Wieder zurück, und rief: „Nicht dir — uns werde die Stelle!“

Also jubelten laut wohl tausend Stimmen auf einmal.

D’rauf, erklimmend den Wall, und durcheilend die Tiefe des Grabens,

Drangen mit Lärm und Getös’ Germania’s tapfere Völker

Ein in den Mauerbruch, wo erlesene, muthige Gegner

Standen zur Gegenwehr, der sinkenden Brüder nicht achtend,

Und zu sterben bereit, ein Jeglicher — alle für Einen.

Wenn dem Donnergewölk’ entstürzen die Fluthen, und plötzlich

Ueberschwemmen die Stadt, daß laut in den engenden Gassen

Brauset der Strom, aufschäumt die Wog’ an die Fenster: da flüchtet

Volk auf die Berge hinaus, und Volk auf die luftigen Zinnen:

Also erklommen auch hier die muthigen Deutschen die Höhen —

Stollberg allen zuvor; dann Scharen auf Scharen, und würgten,

Racheschnaubenden Grimm’s, die Kämpfenden rings auf der Mauer.

Sinam entfloh. Nicht mied er zuvor des wüthenden Kampfes

Schrecknisse, fest, wie ein Fels, die Stirn’ darbiethend den Feinden;

Doch, als jetzt im Sturm eindrangen die Deutschen: da wankte,

Bebte der tapfere Greis, und floh, das heimliche Pförtchen

Oeffnend am Damme des See’s, mit tausend Gefährten nach Tunis.

Dorther naht’ ihm unzähliges Volk, von dem Herrscher gesendet;

Aber mit Thränen im Blick, erhebend die Rechte, geboth er

Allen errettende Flucht aus den Händen des schrecklichen Feindes.

Schon war Siegesgejauchz’ am Seethor, schon an dem Wallbruch

Dort, wo Wälsch’ und Hispaner im Sturm erstiegen die Mauern,

Wo ringsher Mordruf ertönete — rings in den Straßen

Strömte das Blut, bis jetzt, zu den Füßen des Siegers gesunken,

Bleich, mit verstörtem Gesicht, der Feind erflehte die Schonung.

Nun verklang das Getös’; nur Jubel des Kriegers ertönte,

Der von den Wällen herab in den Graben den finsteren Roßschweif

Warf, und dort aufpflanzte mit Stolz die Fahne der Heimath.

Lieblich flog sie umher in dem Abendwind, und erregte,

Ruhmausstrahlend, in jeglicher Brust noch höhere Wonne.

Durch das hallende Thor, umjauchzt von unzähligen Stimmen,

Kam in die Veste der Kaiser herauf. Stets enger, und enger

Schloß sich der Lärmenden Kreis um ihn her, und, als sie verstummten,

Hob er die Händ’ empor zu dem Himmel, und stimmte das Loblied:

„Herr, dich loben wir!“ an. Ein heiliges Feuer entflammte

Jegliches Herz. Erschütternd zu schau’n: wie aus Tausender Augen

Stürzen die Thränen zugleich; wie Tausender Hände zum Himmel

Fleh’n, und zu hören erschütternder noch: wie Tausender Stimmen

Wirbeln empor in die Luft, und sie all’ Dank rufen im Einklang.

Hassan, der König, erschien. Er war an dem dämmernden Abend

Gestern gelandet, und barg sich scheu in der einsamen Herberg,

Die Zafrano ihm both, von schattenden Cedern umfangen.

Weder gerüstetes Volk, noch Mundvorrath, in des Krieges

Zehrenden Tagen ersehnt, bracht’ er dem Bundesgenossen:

Denn er lauerte nur, ob Hairaddin, oder der Christen

Mächtiger Herrscher erringe den Sieg? in den Mauern von Kabesch.

Tief sich beugend zuvor, begann er jetzt vor dem Herrscher:

„Gott ist mit dir, und Segen die Fülle: des herrlichsten Sieges

Ruf verkündet es bald den fernsten Völkern zum Staunen.

Ach, nicht bieth’ ich dir Mundvorrath und tapferes Hülfsvolk,

Wie ich’s verhieß! Nicht horchte der Muselman mehr dem König,

Der sich dem Christenvolke verband: hier steh’ ich als Bettler!“

Und er sank auf die Knie’; da sah der edelste Kaiser,

Wie der Mond, umflort vom Regengewölk auf den Hügel

Heftet den Schwermuthsblick, nach dem Flehenden trauernd hinunter,

Hob ihn empor, und rief ihm mit trostverheißendem Lächeln:

„Sieh’ eröffnet des Reiches Thor, das Hairaddins Herrschgier

Dir entriß;[68] dein sey’s mit jeglichem Segen des Himmels!“

Hassan stammelte Dank; laut zollt’ ihn der Kaiser den Helden

Allen umher, die im Sturm errangen die trotzende Festung.

Aber zu Stollberg sprach er dann mit lohnendem Blick so:

„Werde Goletta’s Hort und Vertheidiger; ordne der Mauer

Feind’abwehrenden Bau; doch jetzt gebiethe mit Sorgfalt,

Daß die Verwundeten all’ errettender Hülfe sich freuen!

Morgen am Tage des Herrn, das Denkmaal unseres Heiles

Feiernd, gedenken wir auch, zu bestatten die Todten, und dankbar

Ihnen die Maale des Ruhm’s zu erhöh’n für die kommende Zeit noch.“

Jetzo führt’ er die Scharen zurück in des Lagers Umwallung,

Sie zu erquicken durch Rast; doch Stollberg ging, daß er übe

Alles und Jedes sogleich nach dem Willen des gütigen Herrschers.

Und die Schatten der Nacht umhüllten den schlummernden Erdkreis.

Eilfter Gesang.

Hairaddin stand auf dem Söller der Burg, aufhorchend im Zwielicht

Sinkender Nacht. Von Goletta heran vernahm er des Feldzeugs

Rastlosdonnernden Sturm, dem die Erd’ erbebte, die Fenster

Klirrten, und drönte die Wand zu dem untersten Grunde der Mauern,

Und, wie im Abendwind die Welle des fluthenden Weihers

Nun sich hebt, nun sinket: so wechselte Furcht und Verzweiflung

Oft mit der Hoffnung des Sieg’s in seinem zerrissenen Herzen;

Aber er horcht’ umsonst noch gieriger jetzt, nach Goletta

Wendend das Ohr, nicht athmend, die starrenden Blicke zum Boden

Heftend. Nicht donnerten mehr die entsetzlichen Schlünde; verhallt war

Drüben der Mörser Gebrüll und das Schmettern des Feuergewehres.

„Sie ist verloren!“ so rief er, stampfte den Estrich, und eilte

Schnaubend herab. Dann schritt er im hellerleuchteten Saal hin,

Kehrete wieder, und stand, und horchte, die Bothen erwartend.

Immer vernehmlicher wähnt’ er Getrab anstürmender Rosse —

Wähnte verwirrtes Geschrei heimflüchtender Krieger zu hören:

Aehnlich dem sturmentmasteten Schiff, das fern auf dem Weltmeer

Wechselnde Strömung entrafft, und endlos dreht auf dem Irrpfad,

Schwankt’ er umher, im Gemüth nicht Dieß’, nicht Jenes beschließend.

Bald erhob sich Suleymans Grimm wie ein nächtlicher Unhold,

Dräuend, vor seinem Blick; bald lächelte Muley Hassan

Hohn ihm entgegen im Glanz der wiedergewonnenen Herrschaft.

Ihn umnachtete rings nur wilde Verzweiflung: den Schimmer

Seines errungenen Ruhms auf immer erloschen zu schauen.

„Ha,“ so rief er ergrimmt, „eh’ solche Schande mich treffe ...

Schande?“ Er faßte den Dolch; nach dauerndem Schweigen begann er:

„Fiel Goletta, erstürmt, so werden sie kommen, mir Algiers

Und Telmessans Thron, und den Zepter von Tunis zu rauben;

Werden mich stürzen hinab in den Staub, daß sich krümme des Glückes

Liebling, ein Sclave, voll Angst, an des Siegers zermalmenden Fersen.

Ha, nicht des Tages Licht gedenk’ ich fürder zu schauen:

Denn es enthüllte nur Schmach! D’rum fort — hinab in das Dunkel

Ewiger Nacht, zu entgeh’n der Qual, die jetzo mir droht! ... Doch

Soll ich verschleudern das Ein’, und Einzige, das ich erkenne?

Schwand mir völlig die Hoffnung dahin? Ist Alles verloren?

Drängt nicht Hunderttausende noch mein Wink in die Feldschlacht,

Heute — sogleich? Zurück in die Scheide, geschliffener Mordstahl:

Nur dem Gegner, nicht mir, zerfleische das Herz in dem Busen!“

Sagt’ es, und barg in den Gürtel den Dolch. Mit schüchternen Blicken:

Denn er scheut’ Eloa’s Zorn, war Muhamed jetzt ihm

Wieder genaht. Er hörte die zagenden Worte des Herrschers,

Ballte die Faust vor Wuth, und kam, der schrecklichsten Thaten

Allerschrecklichste noch, in die gährende Brust ihm zu hauchen.

Wie auf des Südens Meereiland der scheußliche Vampyr[69]

Ueber dem Schlummernden schwebt, und, mit weitgebreiteten Flügeln

Fächelnd, den Schlaf ihm mehrt, das Blut zu entsaugen der Ader:

Also schwebt’ auch Muhamed leis’ auf Hairaddin nieder,

Schaudernd und bleich, der Fluchthat selber erbebend: er hauchte

Höllenfrevel ihm ein, und floh durch die finstere Nacht fort.

Hairaddin stand, und sann: ihm rollten die feurigen Augen,

Aehnlich dem Blitz im Gewittergewölk, in den finsteren Wimpern.

Jetzo die Straßen herauf ertönte des eisernen Hufes

Schmetternder Schlag; in dem Hofraum scholl absitzender Krieger

Rufen. Nicht lang, so trat der tapfere Sinam mit Dragut,

Muhamed Temtes, und Abu-Sa-id, tieftrauernden Blickes,

In den erleuchteten Saal, den zürnenden Herrscher zu söhnen.

Rasch ging dieser umher vor den Bebenden, und nur zuweilen

Traf sein verachtender Blick vor Sinams Füßen den Boden;

Doch nun stand er, und rief, durch die festgeklammerten Lippen,

Stöhnend, das Wort: „Ihr Feigen!“ und lächelte grimmig für sich hin.

Stolzer erhob nun Sinam das Haupt, und sagte verweisend:

„Welch ein Wort, Gewaltiger! floh dir, scheu, von den Lippen,

So die tapferen Männer zu schmäh’n? Wir feig in der Feldschlacht?

Zahllos jammern daheim die Verwaiseten — jammern die Bräute,

Wie auch die Gattinnen, bald, und auf immer die Lieben vermissend,

Die, zu Hügeln gehäuft, wir tödteten rings um den Wall her.

Galt es, mit Sterblichen nur in die Schranken zu treten: wir hätten

Herrlich gesiegt. Doch heimlich vereint mit den Geistern der Hölle,

War der bebende Grund mit jeglichem Schrecken des Luftraums

Aufgestürmt um Goletta: wir wichen den furchtbaren Mächten,

Aber nicht feig’, da wir zu dem blutigsten Kampfe bereit steh’n.“

Also der tapfere Greis; da höhnete Dragut den Helden:

„Armer, du schwärmst vor Angst! Auch uns erklangen die Ohren,

Als der brüllende Donner erscholl; mit dem bebenden Boden

Wankten auch wir; uns schlug nicht minder der prasselnde Regen.

O, daß ich fern’ war! Nein, nie hätte den Geistern der Hölle

Dragut gebebt, von dem das Volk sich erzählet: er würde

Selber den Satan besteh’n in nie zu erschütternder Kühnheit.“

Sinam schwieg; doch Hairaddin trat den Hadernden näher,

Faßte den Dolch, und sprach mit zornausblitzenden Augen:

„Denket der Trauer nicht mehr, weil uns die Veste geraubt ward,

Die mit wuchernden Blutes Gewinn ein herrlicher Sieg uns

Wieder erringt. Zum Kampf denn! Am Morgen ertöne der Schlachtruf —

Töne so schrecklich, so laut, daß umher die Gefilde des Todes

Schauern vor Angst. Doch hört, was dringend erheischet die Vorsicht,

Und die Rache gebeut ob Giaffars Fall, und Goletta’s.

Unter den Kerkern der Burg, wo in Banden die christlichen Sclaven

Liegen, und all’, im thörichten Wahn: der tapfere Moslem

Falle dem Christen so leicht, nun harren des kommenden Retters,

Häuften im ringsdurchhöhleten Grund die Söldner des Zündstaubs

Furchtbare Last. Entflammt aufschleudre sie jetzo die Hochburg —

Schleudre zerschmettert die Sclaven all’ empor in den Luftraum

So, daß nicht einer entrinne dem Tod und dem grausen Verderben.

Also gescheh’s, noch ehe der Morgen im Osten heraufglänzt!“

Sinam erblaßt’; auch Abu-Sa-id und Muhamed Temtes

Zitterten; doch noch frecher begann der schreckliche Dragut:

„Wahrlich,“ so rief er, „nur Gott, und sein erhabner Prophet nur

Gab den Gedanken dir ein: ich beuge mich tief vor Erstaunen!

Alle zugleich! So möge mit Jenen der heuchelnde Graukopf,

Der mir Mathilden entriß, zerschmettert, verhauchen das Leben:

Denn ich sann ihm entsetzlichen Tod: er fahre zur Hölle!“

Grimmig lächelt’ er nun. Da wandt’ ihm, von Schauder ergriffen,

Sinam den Rücken, und sprach zu Hairaddin schmeichelnden Lautes:

„Mächtiger, wie, du solltest den Ruhm errungener Lorbern

Heute durch solch’ entsetzliche That auf immer beflecken,

Die von der Feigheit gezeugt, und Verzweiflung geboren, zum Abscheu

Allen, Suleymans Huld dir entzöge für jetzt und auf immer?

Wie der Morgenstern vor jeglichem strahlt an dem Himmel,

Also zieret sein Herz der Tugenden schönste, die Großmuth.

Was vermöcht’ in der Felsenburg der wehrlosen Sclaven

Fesselbelastete Schar? Sie mög’ in festlichen Reihen,

Nach vollendetem Krieg, den Siegeswagen dir schmücken!“

Aber der Wüthrich schwieg. Noch kämpfte die Furcht mit der Mordlust,

Ob Suleymans Zorn, in seinem beklommenen Busen;

Endlich obsiegte die Furcht. Er sprach, tiefsinnenden Blickes:

„Ha, wenn Reue mir würde dereinst, der klügelnden Weisheit

Sinams gewichen zu seyn! Ich bebe der dunkelen Ahnung,

Die mich ergreift. Wohlan, ich weiche dir! Eilt in das Lager,

Dort zu erregen das Heer; ich entwaffne die Freunde des Hassan

Hier in der Stadt, die mich verriethen im Kampf der Entscheidung.“

Jene, gehorchend dem Wort, enteileten; aber der Wüthrich

Zog in den Straßen umher mit Gefolg, das Volk zu entwaffnen.

Wie in der Schreckenszeit volktödtender Seuche, der Hauptstadt

Einsame Straßen entlang, nur leichensammelnder Träger

Fußtritt schallt, und mit Angst erfüllet die Herzen der Menschen,

Die sich, verborgen daheim in der Kammer, ergeben der Hoffnung,

Dort zu entgehen der scheußlichen Pest: so flüchteten, bebend,

Jetzt die Tunisier heim in der Nacht, als rings mit Getümmel

Hairaddins Würgerschar durchtobte die hallenden Straßen.