Es war für Esther eine traurige Nacht, welche der Ankunft dieses Briefes folgte. Schlaflos wälzte sie sich auf ihrem Lager umher, und tausend Gedanken durchkreuzten ihren heißen, schmerzenden Kopf. Hoffnung, Liebe und Zuversicht kämpften mit Schmerz und Zweifeln, und erst der heraufdämmernde Morgen brachte ihr Schlaf und Ruhe. Sie schlief schwer und tief viele Stunden lang; es war als ob ihr erschöpfter Körper Kräfte sammeln wollte für die bevorstehenden Wonnetage, welche leise und sonnig, aber ungeahnt fern am Horizonte heraufzogen.

Die Sonne stand schon hoch im Mittag, als Esther erwachte. Ueberrascht fuhr sie empor und rieb sich die Augen; ihr war, als hätte sich etwas Besonderes zugetragen, aber lange konnte sie keinen klaren Gedanken fassen. Ein Klopfen an der Thür schreckte sie auf. Hastig sprang sie empor und öffnete. Es war die Hauswirthin, welche ihr mittheilte, ein Herr habe vor einiger Zeit nach ihr gefragt, da Mademoiselle aber auf öfteres Klopfen nicht geantwortet, so sei der Herr wieder fortgegangen mit dem Versprechen, in einigen Stunden wieder vorzufragen.

Esther forschte nach dem Aeußeren des Fremden, und aus der Beschreibung schien ihr hervorzugehen, daß Herr Richard sie besucht habe. Ihr Herz schlug stürmisch. Schnell kleidete sie sich an, und kaum war sie fertig, da sah sie wirklich Herrn Richard auf das Haus zuschreiten und gleich darauf bei ihr eintreten.

»Mein Fräulein,« sagte der Kaufmann, indem er zögernd an der Thür stehen blieb, »darf ich es wagen, Sie aufzusuchen, nachdem Sie neulich so tief beleidigt von mir schieden? Ich komme, Sie um Verzeihung zu bitten, daß ich Sie so bitter kränkte. Aber die Umstände, unter denen ich Sie kennen lernte, müssen mein Betragen gegen Sie entschuldigen; ich kann jetzt eben nichts weiter thun, als die Bitte an Sie richten: Verzeihen Sie mir, denn ich kannte Sie nicht.«

»Warum sind Sie jetzt andrer Meinung geworden, mein Herr?« fragte Esther mit leise zitternder Stimme, ohne jedoch ihrem Gaste einen Schritt entgegen zu treten.

»Hier diese Zeilen sagen mir, welches edle Herz ich beleidigt und gekränkt habe!« rief Herr Richard und hielt dem jungen Mädchen einen Brief hin. Esther trat jetzt schnell näher und erkannte Frau von Ihlefelds Handschrift.

»Frau von Ihlefeld hat Ihnen geschrieben, mein Herr?« sagte sie hoch erröthend. »Sind Sie angewiesen, mir das Geld zu übergeben?«

»Wenn ich recht verstehe, so wird Herr von Ihlefeld in diesen Tagen selbst kommen, die Schuld einzufordern,« entgegnete Herr Richard sorglos, erschrak aber über die Wirkung, welche diese Worte hervorbrachten.

»Selbst? Er will selbst kommen?« stammelte Esther erbleichend, und plötzlich vergingen ihr die Sinne. Mit einem leisen Stöhnen sank sie zusammen, und fiel dem rasch zuspringenden Herrn Richard bewußtlos in die Arme.

Als sie sich endlich erholte, blickte sie scheu und erschrocken um sich; bald aber war sie wieder das starke Mädchen, und hörte jetzt ruhig an, was Herr Richard ihr mitzutheilen hatte. Dieser erzählte nun, daß Frau von Ihlefeld ihm geschrieben, Esther Wieburg sei der gute Engel ihres Hauses; was sie für ihren Sohn und sie selbst gethan, könne nur Gott dem edlen Kinde vergelten, und wer ihr wehe thue, kränke ein Herz, das immer nur für das Glück Anderer geschlagen.

»Und ich habe dies Herz so tief gekränkt!« schloß Herr Richard, der erglühenden Esther herabhängende Hand an seine Lippen führend. »Sagen Sie mir, Fräulein Esther, wollen Sie mir verzeihen?«

Das junge Mädchen blickte ernst vor sich hin. »Sie kannten mich ja nicht, Herr Richard,« sagte sie sanft, »und ich glaube, es war sehr thöricht von mir, jene Forderung ohne Beweisgründe an Sie zu stellen. Es mag in der Welt wohl so viel schlechte Menschen geben, daß man sich vorsehen muß. Lassen wir das jetzt. Mein Zürnen war vielleicht ganz ungerecht; Sie konnten wohl kaum anders handeln, als Sie gethan, das sehe ich mehr und mehr ein, da ich ruhiger darüber nachgedacht habe. Aber nun lesen Sie mir die Worte vor, die Sie zu der Vermuthung veranlassen, Hubert werde selbst kommen.«

Herr Richard faltete den Brief und überlas ihn schnell. »Hier ist's,« sagte er dann und las: »Was nun die Geldsumme betrifft, von welcher der Schuldschein meines Vetters spricht, so soll diese Sache der braven Esther keine Mühe mehr verursachen. Mein Sohn wird selbst....« In diesem Augenblicke aber hörte man eine Stimme in dem Hausflur. Esther stieß einen lauten Schrei aus und sprang empor; aber ihre Füße zitterten so heftig, daß sie kraftlos auf ihren Sitz zurückfiel. Da hörte man rasche Schritte; die Thür flog auf, und Bertel stand in dem Zimmer. »Esther!« rief er jubelnd und in demselben Augenblicke lag das geliebte Mädchen an seiner Brust.

Lange fanden die beiden glücklichen Menschen kein Wort für das Entzücken ihres Herzens. Esther war so erschüttert von diesem plötzlichem Wiedersehen, daß sie kraftlos und weinend in ihres Freundes Armen lag, der ihren lieben Kopf zärtlich küßte und immer von Neuem an seine Brust drückte. Die süßesten Schmeichelnamen, wie sie nie über seine Lippen gekommen, flüsterte er dem vor Freude erbebenden Mädchen in das Ohr, und endlich erhob diese unter Thränen lächelnd ihr Gesicht. Nie hatte Bertel bis jetzt so zu ihr gesprochen, nie hatte sie noch an seiner Brust gelegen wie jetzt, und noch nie war sie ihm gegenüber so schwach und weichmüthig gewesen.

»Verzeih' mir, Bertel; die Freude, Dich wiederzusehen, macht mich ganz hinfällig!« sagte sie, die Thränen aus den Augen trocknend. Dann schrak sie plötzlich etwas zusammen, machte sich aus Huberts Armen los und flüsterte, sich verlegen umschauend: »Aber wir sind ja nicht allein, erlaube daß ich dir Herrn Richard....«

Doch kein Herr Richard war mehr in dem Zimmer; an seiner Stelle aber stand eine andere Person, welche still, die hellen Thränen auf dem guten, alten Gesicht, auf die beiden Kinder ihres Herzens schaute. Es war Frau Booland.

»Tante, liebe, gute Tante!« jubelte Esther und flog zu der Alten, die ihre großen Arme weit nach ihr ausbreitete und sie dann so energisch über ihrem Herzblättchen schloß, als sollten sie sich nie wieder öffnen.

»Aber liebe, einzige Tante Booland, solche Reise hast du zu unternehmen gewagt!« rief Esther endlich, als sie wieder auf eigenen Füßen stand; denn die große, starke Frau hatte das schlanke Mädchen wie ein kleines Kind zu sich empor gehoben, als könne sie nur so ihrer stürmischen Zärtlichkeit Genüge leisten. »Du mußt ja Tag und Nacht gefahren sein, um schon heute hier anzukommen.«

Die Alte schob die zerknickte Haube zurecht, die im Sturme des Entzückens auf und davon zu fliegen drohte, und dann mit ihren großen Händen Bertel drohend, der lachend und von Glück strahlend neben Esther stand, rief sie ärgerlich: »Hat der Bengel da mir armen, alten Frau denn Ruhe gegönnt unterwegs? Durfte ich meine alten Knochen denn auf der ganzen heillosen Hetzparthie nur ein einzig Mal ordentlich in ein Bett legen? War's nicht immer, als stände einer mit der Hetzpeitsche hinter uns und triebe uns vorwärts? Weiß Gott, wie's der Bursche fertig gebracht hat, mich ganzbeinig bis hierher zu schleifen, nun aber bringen mich keine zehn Pferde von hier wieder fort, ehe ich nicht ordentlich einmal wieder ausgeschlafen habe!«

»Aber Tante Booland, die Betten hier zu Lande, bedenke doch! Du hast dich ja verschworen, dich in keins wieder zu legen, so lange du in diesem heillosen Franzosenlande bist,« rief Bertel lachend.

»Herr du mein Gott, ja da hast du Recht, Kind!« rief Frau Booland entrüstet. »Hat man je so etwas von einem Nachtlager erlebt, wie da in dem Neste,.... na wie hieß es denn gleich?« »Avignon,« ergänzte Hubert.

»Ja, diesem Avignon! Und das haben sie noch die Frechheit, Betten zu nennen! Nicht eine einzige Feder ist ja in so einem harten, entsetzlichen Dinge von einem Bette! Mein armer Kopf rollte zum Verzweifeln immer von einer Seite zur andern auf diesen harten Rollkissen, gerade als wälzte ich mich im Fieber. Na und überhaupt, ist das ein Land! Solch ein Schmutz, solches Ungeziefer, solche Hitze und solcher Staub, und dann.... puh, so entsetzliches Essen! Du armer Wurm, wie hast du es denn nur drei Tage hier aushalten können! Ich wäre schon am ersten Morgen wieder auf und davon gelaufen. Und dann diese Eisenbahnen! O mein Gott, dieser Lärm, dies Getreibe, diese Wirthschaft! Wäre es nicht mein Herzblättchen gewesen, das ich mir hier aus dem Heidenlande wieder holen wollte, schon in der ersten Stunde wäre ich umgekehrt nach meinem lieben, stillen Waldhause! Und solches Reisen, solch' Umhertreiben auf Eisenbahnen und Landstraßen, solch' Umherwälzen in fremden, himmelschreienden Betten, solch' gräßliches Essen und Trinken, Schmachten und sich todt müde und elend machen nennen die Leute nun Vergnügen! Na, wenn ich erst wieder glücklich in meinem Waldhause auf unserem lieben Dorfe bin, da soll mich Gott bewahren, wieder solche Thorheiten zu begehen und mich einem verrückten Liebhaber als Reisebegleiter anzubieten!«

Während Frau Booland ihren Gefühlen in dieser Weise Luft machte, hatte Bertel Esther neben sich auf das Sopha gezogen, und während er beide Hände des jungen Mädchens ergriffen, ruhte sein Auge forschend auf ihren Zügen.

»Warst du krank, Esther?« fragte er jetzt angstvoll, und erschrocken wandte nun auch Frau Booland ihre Blicke auf ihres Lieblings Gesicht, das allerdings von der Anstrengung und dem unbehaglichen Leben der vergangenen Monate, und nun gar von den durchkämpften, schweren Tagen der letzten Woche schmal und bleich geworden war, wie nie zuvor. Esther beruhigte die beiden geliebten Menschen, saß aber unbeschreiblich ängstlich und unbehaglich an Bertels Seite, immerfort bestrebt, ihm ihre Hände zu entziehen, die er jedoch nicht frei gab. Da erhob sich Frau Booland rasch von ihrem Stuhle, auf den sie sich erschöpft niedergelassen hatte und sagte, sich die Stirn mit dem Tuche abwischend und dann den Staub von ihrem Kleide schüttelnd: »Aber mein Gott, wie sieht man nach so einer Reise aus! Es ist ja ganz grauenvoll, solchen Schmutz mit sich herum zu tragen. Estherchen, da nebenan ist wohl dein Schlafstübchen? Ich will mich dort nur ein Bischen zurecht machen; laßt euch die Zeit indessen nicht lang werden, ihr Kinderchen!«

Und eilig huschte sie in das anstoßende, kleine Zimmer, dessen Thür nur halb geschlossen war, ihren beiden Lieblingen im Hinausgehen noch schelmisch zulächend. Sie klinkte das Thürschloß fest hinter sich zu, und Esther war allein mit ihrem Freunde.

»Esther, nicht wahr, du hast einen Brief von Susanne erhalten?« fragte Bertel, sobald Frau Booland das Zimmer verlassen.

»Ja Bertel, gestern,« erwiederte Esther und tiefe Gluth flog über ihr blasses, bräunliches Gesicht.

»So weißt du, daß wir nicht mehr verlobt sind?«

Esther schüttelte den Kopf und sagte scheu: »Ich kann nicht glauben, daß es Susanne Ernst mit diesem kindlichen Briefe gewesen ist. Wenn du sie liebst, wird sie sich bald anders besinnen.«

»Aber ich liebe sie ja nicht, Esther!« rief Bertel, das junge Mädchen wieder bei beiden Händen ergreifend. »Ich liebe ja niemanden, als dich, Esther, du mein Glück, mein Stolz, der gute Engel meines ganzen, ganzen Lebens! O, jetzt erst weiß ich es ja, daß ich dich geliebt habe, seit wir als kleine Kinder zusammen in Wald und Wiese spielten, und ich danke Gott auf meinen Knieen dafür, daß es endlich klar in mir geworden ist!« Und nun erzählte Bertel alles, was er seit der Ankunft von Esthers letztem Briefe durchlebt und durchkämpft hatte, und wie er jetzt nur noch einen Wunsch auf der Welt habe, — Esthers Liebe.

»Darf ich Undankbarer, Verblendeter denn noch hoffen, daß du mich lieben kannst, Esther?« fragte er endlich weich, und seine Stimme zitterte. Esther aber schlang ihre Arme um seinen Hals, und das Gesicht an seine Wange schmiegend, schluchzte sie: »Mein Bertel, mein lieber, ewig geliebter Bertel!«

Im Zimmer war es sehr still geworden, und man hörte nichts, als ein merkwürdig lebhaftes Rumoren und Umhergehen in der anstoßenden Kammer. Frau Booland mußte eine äußerst umfangreiche Toilette machen, denn es dauerte erstaunlich lange, ehe sie damit zu Ende war und wieder in dem Zimmer bei Esther und Hubert erschien. Diesen aber war die Zeit indessen so wenig lang geworden, daß sie die alte, treue Freundin völlig vergessen hatten. Als Frau Booland endlich zu ihnen hereintrat, führte Bertel seine Esther zu ihr und sagte: »Hier unserer treuen Tante Booland danken wir die glückliche Lösung. Ohne sie wäre ich nicht hier und wir Beiden nicht das glücklichste Brautpaar unter Gottes Sonne.«

»Na, Gott sei Dank, daß wir endlich am Ziele sind!« jubelte die Alte, ihre beiden Kinder an die breite Brust ziehend, wo sie alle Beide reichlich Platz hatten. »Nun aber macht, daß wir von hier fort kommen; der Boden brennt mir unter den Füßen.«

Ehe man jedoch an die Abreise denken konnte, mußte die Geldangelegenheit mit Herrn Richard in Ordnung gebracht werden. Hubert übernahm jetzt diese Sache und war erfreut, in dem neuen Vetter einen unendlich liebenswürdigen Mann zu finden. Die Geldsumme, welche sein Onkel von Huberts Vater geliehen, hatte gute Zinsen getragen; denn jenes Unternehmen, wozu es gegeben worden, glückte über Erwarten. Aus den 15 Tausend Thalern waren im Laufe der Jahre zwanzig geworden, und Herr Richard, welcher ein ungewöhnlich großes Vermögen erworben hatte, war hoch erfreut, durch Rückerstattung jenes Kapitals zum Glücke so lieber Anverwandter beitragen zu können. Das fröhliche Lächeln, mit dem Esther jetzt den Vetter ihres geliebten Bertel empfing, als dieser kam, sie als die Braut seines Anverwandten zu begrüßen, sagte demselben besser, als Worte es thun konnten, daß Esther die peinliche Scene, welche zwischen ihnen vorgefallen, vergessen habe. »Aber zu unserer Hochzeit müssen Sie kommen, lieber Vetter!« rief Bertel in fröhlichem Uebermuthe beim Abschiede, »nur dann verzeiht Ihnen Esther ganz.«

Mit wie frohem Herzen sagte jetzt Esther dem Lande Lebewohl, in dem sie so viel schwere Stunden durchlebt hatte! In Nîmes sprach sie noch bei dem braven, alten Ehepaar Martin vor, um ihnen alles Erlebte mitzutheilen und sie mit Hubert und Tante Booland bekannt zu machen. Nach le Vigan jedoch führte sie ihre Lieben nicht, so sehr sie auch gewünscht hätte, den guten Doktorsleutchen mündlich von ihrem Glücke zu erzählen. Aber Tante Booland hätte nie wieder Ruhe im Herzen gefunden, hätten ihre eigenen Augen jene Zustände in der Pension gesehen, in denen ihr Herzblättchen so lange Zeit leben mußte. Aber alle jene herrlichen Gegenden, jene schönen Städte mit all' den Sehenswürdigkeiten, woran das Land so reich war, sah und genoß Esther jetzt, wie sie es auf der Herreise so sehnlich gewünscht hatte; denn langsam und in kleinen Stationen traten sie die Rückkehr in die Heimath an, um die alte Frau Booland nicht zu ermüden. Die Behaglichkeit dieser Art zu reisen, sowie das Glück ihrer Kinder, das sie umgab, versöhnte Frau Booland jetzt auch mit allem, was Reisen hieß, und vergnügt ließ sie sich überall herumführen und alles Sehenswerthe zeigen, so daß sie nun eine etwas bessere Meinung von dem Lande erhielt, in dem Esther so lange gelebt hatte.

Eine unaussprechlich tiefe, stille Glückseligkeit ruhte auf Esthers Antlitz, als sie in ihr liebes Dorf einfuhr, und Hand in Hand saßen die beiden glücklichen Jugendgespielen nebeneinander, ohne ein Wort zu sprechen.

Aber als sie jetzt in die Nähe der Kirche und der ehemaligen Wohnung Esthers kamen, da ertönte plötzlich Glockenschall und froher Gesang. Blumenkränze in den Händen und bunte Fahnen in der Luft schwingend, eilten die Kinder des Dorfes dem Brautpaare entgegen, und jubelnder Zuruf begrüßte die Ankommenden, welche unter einem festlich prangenden Triumphbogen umringt und angehalten wurden. Pfarrer Krause schritt mit seiner Familie an der Spitze des Zuges, und als derselbe den Wagen erreichte, hielt der Geistliche im Namen seiner Gemeinde eine kurze, freudige Ansprache an Hubert und Esther, in welcher er die Glückwünsche aller derer darbrachte, in deren Mitte die Beiden aufgewachsen waren und welche bisher alles Leid und alle Freude mit ihnen getheilt hatten. Ein lautes Hurrah folgte dieser Ansprache; die Glocken tönten, die Fahnen flatterten, und bedeckt von Blumen und Kränzen fuhr das junge Paar durch das Dorf, von dessen Einwohnern bis zu dem Waldhause geleitet. Auch dies Häuschen war festlich geschmückt; als aber jetzt Esther und Bertel an die Brust der Mutter sanken, welche sie in der Thür empfing, da blieb kein Auge trocken, und in stiller Rührung umstanden die Dorfbewohner das Häuschen.

In ihr Wohnzimmer eingetreten, erblickte Esther eine Menge Blumen und Geschenke, welche ihr hier von den Freunden zur Begrüßung dargebracht wurden. Zwischen diesen Geschenken stand eine große, geschlossene Kiste, welche Tags zuvor erst angekommen war. Sie kam aus Frankreich und war an Esther adressirt. Verwundert öffnete das junge Mädchen dieselbe und fand eine Fülle der schönsten Stoffe darinnen in Seide, Leinen und Battist, wie sie eine junge Hausfrau nur je zur Ausstattung ihrer neuen Haushaltung wünschen konnte. Ein kleines Kästchen lag obenauf, mit der Inschrift »Esther,« und in demselben ruhte ein kostbarer Schmuck nebst einem kleinen Briefe von der Hand des Herrn Richard. In den verbindlichsten Worten bat er seine neue Cousine, diese Sendung von ihm anzunehmen, als einen Beweis seiner unbegrenzten Verehrung für das edelste, tapferste, weibliche Herz, das ihm je begegnet sei.

Während Esther mit diesem Briefchen noch ganz bestürzt vor der prachtvollen Gabe stand, und Frau Booland in hellem Entzücken bald die Steine des Schmuckes im Lichte funkeln ließ, bald wieder die köstlichen Stoffe aus einander faltete, wurde auch Bertel ein Briefchen übergeben. Es kam von Herrn von Sassen und lautete folgendermaaßen:

»Mein lieber Hubert!

Wo alles Dich und Deine liebe Braut mit Jubel empfängt, da will auch ich nicht zurückbleiben. Bald hoffe ich Euch persönlich begrüßen zu können; für's Erste nur die Nachricht, daß unser verehrter Kronprinz soeben die Anfrage an Dich ergehen läßt, ob Du für seine Reise nach Italien, Griechenland und dem Orient, welche er in einigen Monaten antreten wird, sein Begleiter sein willst. Die Anerbietungen, welche außerdem hinzugefügt sind, versprechen so viel Genuß und Vortheile, daß ich gewiß bin, Dein Herz jubelt ihnen zu, wenn Dir auch eine neue Trennung von Deiner Braut für's Erste wenig lockend sein mag. Eine Professur für Archäologie soll im Laufe der nächsten Zeit an der Universität B. besetzt werden, und ich müßte mich sehr irren, wenn unser gnädiger Kronprinz nicht im Sinne hätte, seinen Reisebegleiter für diese Stelle vorzuschlagen, wenn er diesen als einen tüchtigen Gelehrten erkannt hat. Daß dem so sein wird, dafür ist mir nicht bange, falls Du dieser Reisegefährte bist. Ich freue mich sehr, daß meine Dienste, welche ich in früheren Jahren dem Hofe geleistet habe, jetzt noch so gute Früchte tragen. Deiner verehrten Braut meinen besten Gruß und die Bitte, mir nicht zu zürnen, daß ich ihr den Geliebten wieder entführen will, nachdem sie kaum die Schwelle ihres Hauses betreten. Meine kleine Susanne sendet Esther aus der Ferne ihre Grüße und freut sich, bei ihrer Heimkehr aus B., wohin sie für einige Monate durch meinen Bruder entführt worden, eine liebe Freundin in ihr begrüßen zu dürfen. Bald umarmt Dich in väterlicher Liebe

Dein Adolph von Sassen

Das waren denn wundervolle Neuigkeiten! Der höchste Wunsch Bertels, eine Reise nach jenen Ländern unternehmen zu können, auf deren klassischen Boden so reiche Schätze für seine Wissenschaft ruhten, sollten sich ihm erfüllen, und unter welch' verlockenden Bedingungen! Esther war es zuerst, welche aufjubelte und keinem Zögern Raum gab, obwohl sie sich von Neuem von dem Geliebten trennen sollte. »Gehören wir uns denn jetzt nicht für ewig, mein lieber Bertel?« rief sie freudestrahlend, als Hubert sie etwas trübselig anschaute in dem Gedanken abermaliger Trennung.

»Reise in Gottes Namen, mein Geliebter, und wenn du dann heimkehrst, laß dir zum Schluß die schöne Professur von deinem Kronprinzen schenken; dann wissen wir gleich, wo wir eines Tages, so Gott will, unsere Hütte bauen werden.«

Und so geschah es denn auch. Hubert erwarb vor allem den Titel eines Doktors der Philosophie, und als solcher begleitete er dann mit noch einigen andern strebsamen, jungen Gelehrten den Kronprinzen nach jenen schönen Ländern, reiche Schätze sammelnd an Kenntnissen und Erfahrungen. Ein ganzes Jahr verging, ehe die kleine Expedition heimkehrte, und diese Zeit verlebte Esther in ihrem Waldhause in stillem, glücklichen Seelenfrieden. Tante Booland war unermüdlich, an der Ausstattung des jungen, künftigen Haushaltes zu arbeiten; Frau von Ihlefeld aber fühlte täglich von Neuem, welchen Schatz sie an Esther gewonnen. Keine andere Tochter hätte ihr je mit größerer Liebe und Verehrung anhängen, keine ihr je die Tage mehr verschönern können, als dieses Mädchen, das so brav und klug, so selbstvergessend und treu stets für die Ihren lebte und dachte.

Als dann endlich das Trennungsjahr vorüber und Bertel heimgekehrt war von seiner Reise, da schaute die Morgensonne eines Tages mit ganz besonderem Glanze in die freundliche, reich geschmückte Dorfkirche von Rahmstedt. Hier stand Pastor Krause am Altare, und seine tief bewegten Worte erklangen feierlich in dem kleinen Gotteshause, das die Menge der Andächtigen kaum fassen konnte. Zu den Füßen des Geistlichen aber kniete ein junges Paar, deren Ehebund seine Hand einsegnete; es war Hubert und Esther. An dem Schicksale dieser braven Kinder des Dorfes Rahmstedt nahm Alt und Jung den innigsten Antheil, und es war ein langer, fröhlicher Zug, welcher das junge Paar nach dem reich bekränzten Waldhause geleitete, in dem Tante Booland ein festliches Hochzeitmahl hergerichtet hatte. Am selben Tage führte Bertel dann seine Esther als stattliche Frau Professorin nach B., der neuen Heimath des glücklichen Paares, denn hier hatte der talentvolle, junge Mann in der That jene Stelle an der Universität erhalten, von der Herr von Sassen gesprochen.

Wenige Monate später begrüßte ein anderes junges Ehepaar auf der Durchreise unsere Freunde in B. Die blonde Susanne lag bald lachend, bald weinend an Esthers Halse, ihr hübscher junger Gatte aber, jener schwarzbärtige Graf Redern, dem das junge Mädchen bald nach Esthers damaliger Rückkehr Herz und Hand geschenkt hatte, stand ungeduldig daneben, um auch seinerseits die hübsche Frau Professorin zu begrüßen, an der seine kleine Frau mit so schwärmerischer Liebe hing. Bald darauf flog das schöne, junge Paar dem herrlichen Italien zu, lustig und fröhlich wie ein paar glückliche Kinder, welche für einander geschaffen schienen zu heiterer Lebenslust. Auch Frau von Ihlefeld folgte ihren Kindern bald nach, und an dem häuslichen Heerde derselben, an dem nur Friede und Freude waltete, erblühten der schwer geprüften Frau noch einmal frohe, glückliche Tage. In diesem Hafen konnte sie ausruhen von allen Stürmen, die über sie dahin gezogen, und einen frohen Lebensabend genießen, den die Liebe ihrer Kinder verschönte. Tante Booland aber hütete stillen und fröhlichen Sinnes das kleine Waldhaus in Rahmstedt, in dem Esther in jedem Sommer einige Wochen oder Monate verlebte, dankbaren Herzens ihrer Kindheit gedenkend und all' der wechselvollen Schicksale, welche ihr jetziges Glück an der Seite ihres Bertel begründete. Die wissenschaftliche Ausbildung, welche sie einst gemeinsam mit ihrem Spielkameraden erhalten, befähigte sie jetzt, den Arbeiten Bertels mit Interesse und Verständniß zu folgen, und was sie einst so sehnlich gewünscht: ein Knabe zu sein, um Antheil nehmen zu können an ihres Gespielen ehrenvoller Laufbahn, das wurde ihr nun in der Weise zu Theil, wie es eben für ein weibliches Wesen am besten und wünschenswerthesten ist. Wie früher das Kind Esther, so kannte auch jetzt Bertels Gattin kein schöneres Ziel und keine bessere Aufgabe, als Huberts Lebensglück und keinen höheren Stolz, als den Ruhm ihres Gatten.

Verwaist.

Erstes Kapitel.
Der Abschied.

»Dacht' ich's doch! Da sitzt sie wieder bei ihren Büchern und lernt, als sollte sie morgen gleich noch ein Examen bestehen! O du Nimmersatt, hast du denn immer noch nicht genug Weisheit?« so rief Fanny, ein junges Mädchen von 16 Jahren, indem sie in ein großes Zimmer trat, dessen ganze Einrichtung den Charakter einer Schulstube trug. Mitten an einem der kahlen Arbeitstische, die mit Büchern und Schreibmaterialien bedeckt waren, neigte sich ein anderes junges Mädchen über ihre Bücher und ließ sich durch den Eintritt Fanny's in ihrer Arbeit wenig stören. Diese aber trat hinter den Stuhl der Freundin, schlug ihr neckend das Buch zu, und indem sie die Arme um den Hals derselben schlang, fuhr sie scheltend fort: »Nein, Agathe, ich lasse dir keine Ruhe, bis du mit mir hinaus in den Garten kommst, wo wir Alle beisammen sind. Hier in der abscheulichen Schulstube ist es so dumpf und enge, und du bist wieder so bleich, daß ich es nicht länger leide, dich hier sitzen zu sehen. Du liebe Gelehrsamkeit, ich dächte, heute könntest du dir wahrlich Ruhe gönnen! Du hast uns ja beim Examen Alle durch deine Antworten überflügelt, und es ist nur eine Stimme darüber, daß du die beste Schülerin der Anstalt bist.«

Die Angeredete blickte still vor sich hin und schüttelte den Kopf.

»Du glaubst es nicht, Agathe?« rief Fanny lebhaft. »So geh' und frage alle Lehrer, besonders Herrn Lobner; da wirst du erfahren, ob ich Recht habe! Aber statt daß du dich darüber freuen solltest, machst du so große, traurige Augen, daß mir wahrhaftig selbst ganz bange dabei wird. Du bist doch gar zu ernst für deine 16 Jahre, Mädchen!«

Agathe seufzte, und Thränen traten ihr in das Auge. »Kann ich dafür, wenn ich ernster bin, als all' ihr andern?« sagte sie sanft. »Ist nicht auch meine Zukunft ernst und trübe, und muß ich da nicht doppelt eifrig sein, mir so viel Kenntnisse, als möglich, zu erwerben? Was soll denn aus mir werden, wenn ich mir nicht selbst in der Welt forthelfen kann? Ich habe ja keinen Vater, ach und jetzt auch keine Mutter mehr, die für mich sorgt, wie du, beste Fanny! Ach daß sie noch lebte!«

Heiße Thränen stürzten bei diesen Worten aus Agathes Augen, und Fanny zog die schluchzende Freundin liebevoll an ihr Herz und strich ihr sanft über das dunkle Haar. »Du sollst ja in dem Hause deines Onkels eine zweite Heimath finden, liebe Agathe!« sprach sie tröstend. »Sei doch guten Muthes; deine Zukunft wird sich gewiß besser gestalten, als du jetzt fürchtest!«

»O, bei meinem Onkel, Fanny,« schluchzte Agathe; »das ist es ja eben, wovor ich mich fürchte! Ich kenne weder ihn, noch die Tante, und obwohl meine Mutter immer sehr gut von ihrem Bruder sprach, so ist er mir doch ein Fremder, und das Herz schlägt mir so unaussprechlich bange bei der Aussicht, in jenem Hause zu leben! Gott mag es mir verzeihen; denn gewiß sind solche Gedanken eine große Sünde, und ich sollte lieber dankbar dafür sein, daß sie die arme Waise bei sich aufnehmen.«

»Du bist noch zu unglücklich über den Tod deiner guten Mutter und siehst alle Dinge deshalb so trübe und schwer an, liebes Herz,« tröstete Fanny; Agathe aber schüttelte wehmüthig den Kopf und weinte still noch eine Weile am Herzen der Freundin. Endlich aber richtete sie sich auf, und getrost die Blicke zum Himmel aufschlagend, sprach sie ruhig: »Wie der liebe Gott es will, so mag es geschehen! Diese Thränen haben mein Herz erleichtert; nun ist mir wohl. Habe Dank, meine liebe Fanny, du treue Seele, daß ich mich gegen dich aussprechen durfte. Aber auch von dir soll ich ja scheiden, o von allem, was mir lieb und theuer ist!«

»Wir wollen uns recht oft schreiben, Agathe, das wird ein neuer Genuß sein, den uns die Freundschaft giebt,« rief Fanny heiter. »Aber nun komm' in den Garten; die Luft wird dir gut thun. Von dem vielen Lernen wirst du nur noch schwermüthiger.«

»Dürfte ich nur noch hier in der Pension bleiben, bis ich so weit ausgebildet wäre, um als Erzieherin mich nützlich zu machen!« seufzte Agathe, der Freundin folgend. »Mein größter Kummer wäre es, könnte ich beim Onkel meine Studien nicht fortsetzen, was ich fast fürchte.«

»Warte es doch nur erst ruhig ab, du kleinmüthiges Kind! Warum machst du dir nur im Voraus solche Skrupel?« scherzte Fanny und nach und nach gelang es ihr wirklich, die traurige Freundin zu erheitern und ihr die Zukunft in weniger düstern Farben erscheinen zu lassen. Traulich plaudernd gingen die beiden jungen Mädchen in dem Garten auf und nieder, bis die Hausglocke sie zum Abendbrod rief, und sie im Verein mit den übrigen Schülerinnen der Anstalt dem Hause zueilten.

»Kommst du mit mir, Agathe, Herrn Lobner Lebewohl zu sagen?« fragte am andern Morgen Fanny, indem sie schnell bei ihrer Freundin eintrat. »Sieh, diesen schönen Blumenstrauß und die reizende Tasse hat mir Mama für ihn geschickt; ich hoffe, er wird sich freuen. Hast du auch etwas für ihn, Agathe?«

»Ich? Nein, Fanny. Was könnte ich armes Mädchen bringen; ich habe ja nichts!« sagte Agathe traurig.

»O dann gieb du ihm die Blumen, bestes Herz!« drängte Fanny, Agathen den Strauß in die Hand drückend; diese aber gab ihn der Freundin sanft zurück und sagte leise: »Nein, Fanny, ich danke dir für deine Liebe. Aber ich denke, daß unser liebster Lehrer mir auch ohne dies sein freundliches Andenken bewahren wird, wenn ich ihm lieb geworden bin, und wäre dies nicht der Fall, so wird ihm mein Geschenk auch keine Freude machen.«

»So schenke ich ihm auch nichts!« rief Fanny ärgerlich.

»Das wäre sehr unrecht, da deine Mutter ihm dies Geschenk bestimmt,« sagte Agathe. »Komm, komm, es wird ihm gewiß Freude machen.«

Bald traten die beiden jungen Mädchen in das Zimmer des ersten Lehrers der Anstalt, Herrn Lobner, einem zwar noch jungen Manne, der sich aber durch seinen vortrefflichen Unterricht, wie durch die milde und doch ernste Weise, in welcher er den Schülerinnen gegenüber trat, die Liebe und Verehrung aller dieser jungen Herzen erworben hatte.

Mit Freude und Rührung empfing er den Dank der beiden jungen Mädchen, welche ihm jetzt schon Lebewohl sagten, obwohl sie noch einige Tage in der Pension blieben; aber seinen Unterricht sollten sie jetzt nicht mehr genießen. Der Tag ihrer Einsegnung lag vor ihnen und mit diesem die Trennung von dem Hause, das besonders Agathen unbeschreiblich lieb geworden war.

Milde ermahnende Worte gab Herr Lobner den jungen Mädchen mit auf den Weg: die lebhafte, etwas leichtsinnige Fanny ermahnte er zu Ernst und größerer Besonnenheit; der stillen Agathe sprach er Muth und heitere Zuversicht in die Seele. Mit unbeschreiblicher Wehmuth ruhte sein Auge auf der einsamen Waise, und wie segnend legte er seine Hand auf das Haupt des armen Kindes. Fanny's Geschenk nahm er freundlich dankend an, dann ergriff er Agathes Hand, und sein kleines Heft von dem Tische nehmend, sagte er bewegt: »Willst du mir wohl diese Arbeit als Andenken zurücklassen, Agathe? Es ist dein letzter Aufsatz; ich möchte mir ihn zur Erinnerung an meine fleißigste Schülerin aufbewahren.«

Agathe erröthete tief und vermochte nicht zu antworten; aber mit beiden Händen des theuren Lehrers Hand ergreifend, drückte sie dieselben inbrünstig an ihre Brust; dann eilte sie schnell zum Zimmer hinaus, denn Freude und Wehmuth bestürmten ihr Herz so mächtig, daß sie ihre Thränen nicht länger zurück halten konnte.


Palmsonntag war gekommen, und feierlich zitterten die Glockentöne durch die sonnige Frühlingsluft. Drinnen im Gotteshause stand andächtig eine Schaar junger Mädchen und Knaben an den Stufen des festlich geschmückten Altares und empfing die Weihe als Christen. Mit ihren eigenen Lippen sprachen sie jetzt das Gelübde aus, das sie in den Bund der Gemeinde Christi einführte, und tief bewegt erklang der Segen des Geistlichen am Schluß der Feier.

Auch Agathe war unter der Zahl jener festlich gekleideten Mädchen, welche jetzt vom Altar hinweg gingen, und die Augen mit dem Tuche verhüllend, sah sie nicht, wie sie einsam auf ihrem Stuhle zurück blieb, als Freunde und Verwandte herbei kamen, die Confirmanden aus der Kirche zu führen. — »Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf!« das waren die Worte, die der Geistliche ihr als Zuspruch mit in die Welt gegeben, und tief erschüttert fühlte sie die ganze Gewalt derselben. Sie hatte niemanden, als Gott im Himmel, den Vater der Waisen, an dem sie halten konnte; aber war Er nicht der festeste Stab, der treuste Helfer in Noth und in Kummer?

Still und getrost wollte das einsame Kind eben die Kirche verlassen, den Gefährtinnen folgend, da fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter, und eine sanfte Stimme sprach: »Gott segne dich, mein theures Kind!« Agathe wandte sich überrascht um und blickte in das treue Auge ihres Lehrers, welcher ihr innig die Hand drückte und dann tief bewegt an ihrer Seite blieb. Erst am Ausgange der Kirche trennte er sich von dem jungen Mädchen; denn hier wartete dieser ein zweites Herz, das treu und liebevoll für sie schlug. Es war die alte Anne Sommer, die Dienerin ihrer Mutter, welche Agathe seit ihrer frühesten Jugend gekannt, und dem einzigen Kinde ihrer theuren Herrin stets die wärmste Liebe bewahrt hatte. Frau Sommer war die Wittwe eines Corporals und eine gar wunderliche Alte; groß und kräftig von Gestalt, und doch so grau und runzlich wie ein alter verwitterter Ulmenbaum. Aber ihre Gutmüthigkeit und ihre frische Laune machten sie zum Liebling aller ihrer Bekannten, und trotz ihrer etwas auffallenden Manieren konnte niemand der alten Soldatenfrau böse sein. Agathe hing mit unendlicher Zärtlichkeit an dieser treuen Seele und ließ sich willig von ihr auf offner Straße herzen und küssen.

»Mein Herzchen, mein Vögelchen, meine arme, kleine Blume!« rief die Alte ganz hingerissen von Zärtlichkeit und streichelte Agathes bleiche Wangen mit ihren großen, rauhen Händen; dann schlang sie wieder ihre Arme um des Mädchens feine Gestalt, so daß diese ganz in den Kleidern der lebhaften Alten verschwand.

»Ach Anne, könntest du wenigstens mit mir ziehen, wenn ich hier fort gehe, dann fürchtete ich mich nicht so sehr,« seufzte Agathe. »Aber so allein in die fremde Stadt, zu diesen fremden Verwandten; ach Anne, es drückt mir fast das Herz ab!«

»Nur Courage, mein Goldkäferchen, nur immer stramm dem Feinde in's Auge gesehen, und Carée formirt, daß er dir nichts anhaben kann!« sagte die Alte fest und machte eine Bewegung, als schultre sie das Gewehr. »Wir Soldatenkinder fürchten uns vor keinem Popanz, und käme er selbst in Gestalt deiner Frau Tante! »Nur nicht ängstlich!« das war meines guten Corporals Sprüchwort, und das hat ihm zuletzt denn auch den Soldatentod gebracht, der alten braven Seele, Gott segne ihn!« »Wer weiß, wer weiß, mein Vögelchen, wie die Sachen kommen!« fuhr sie dann nach einer Pause geheimnißvoll fort, und in ihrem Kopfe zog Plan auf Plan vorüber, wie sie es wohl bewerkstelligen könnte, ihrem lieben Kinde nach Leipzig zu folgen, wohin dieses in wenig Tagen abreiste.

Noch einmal betete Agathe an den Gräbern ihrer theuren Eltern, von denen sie mit traurigem Herzen Abschied nahm; noch einmal umarmte sie ihre Schulfreundinnen, und vor allem die treue Fanny, und noch einmal blickte sie in die treuen Augen ihres geliebten Lehrers, — dann führte der fortrollende Wagen die junge Waise hinaus aus den lieben, bekannten Umgebungen, hinaus in die weite, fremde Welt. — Agathe hatte sich weinend in die Ecke des Wagens gedrückt, um sich den Blicken der Mitreisenden zu entziehen; da hörte sie ängstlich ihren Namen rufen und erkannte in der Morgendämmerung die große Gestalt ihrer treuen Anne, welche mit mächtigen Schritten neben dem Wagen herlief, der gemächlich über das Steinpflaster polterte.

»Hier, hier, mein Liebling, mein Goldkind!« rief Frau Sommer athemlos und warf Agathen ein Päckchen in den Wagen. »Hier nimm das hinein in dein Nestchen, mein armer, kleiner Vogel; es sind Pfefferkuchen, die du so gern knupperst; die alte Anne hat sie dir gebacken, daß du eine kleine Gesellschaft unterwegs hast. Der liebe Gott gehe mit dir, mein Herzblatt, mein süßes, armes Kindchen! Sei nicht gar zu traurig, sollst sehen, ich bin bald wieder bei dir. Adieu, adieu, mein Herzchen; behüt dich Gott, behüt dich Gott!«

Die letzten Sätze rief die treue Seele unter heftigen Schluchzen in den Wagen hinein, an dessen Fenster sie sich fest angeklammert hatte, und trotz des schnelleren Fahrens trabte sie athemlos noch eine Weile nebenher, bis endlich der Kutscher über das alte Weibergewinsel schimpfte und die Pferde zu schnellem Trabe anfeuerte. Da nickte die Alte ihrem Lieblinge noch einmal zu; die Finger lösten sich vom Kutschenschlage, und mit gefalteten Händen blickte Anne Sommer dem Wagen nach, ein Gebet für das Wohl der armen Waise auf den Lippen.


Zweites Kapitel.
Die neue Heimath.

Es war schon völlig dunkel geworden, als Agathe in Leipzig ankam, dem Orte ihrer Bestimmung, und die Fahrt während des ganzen Tages in dem engen Wagen war ihr zuletzt so lästig geworden, daß sie sich freute, endlich am Ziele zu sein, so bange ihr auch das Herz vor Erwartung klopfte. — Vor einem alten düstern Eckhause in der Hainstraße hielt der Wagen, und schläfrig kam der Hausknecht mit der Laterne herbei, dem Kutscher zu leuchten, der hier einige Passagiere seines Lohnfuhrwerkes abzusetzen hatte. Die engen, finstern Straßen mit den hohen Häusern, deren Giebel und Erker weit vorsprangen und dem Himmel noch weniger Einblick gewährten, bedrückten Agathes Herz unbeschreiblich. Sie schaute in der völlig fremden Umgebung ängstlich um sich; da hörte sie plötzlich, wie eine grobe Stimme fragte: »Is Freiln Wiggers mit gekommen?«

»Ja ja, hier ist sie!« rief Agathe schnell und hätte den schmutzigen Lastträger vor Entzücken um den Hals fallen mögen, daß er unter all' den fremden Menschen sich ihrer annehmen wollte. Schnell sprang sie aus dem Wagen, und der Kutscher reichte den kleinen Koffer des jungen Mädchens herab, welchen der große Packträger wie einen leichten Ball auffing.

»Is das alles?« fragte er dabei verwundert, als Agathe sich zum Fortgehen anschickte. Auf deren bejahende Antwort blickte der Mann ordentlich mitleidig auf den kleinen Koffer, und gab einem Rollwagen, der neben ihm stand, einen Tritt, daß er zur Seite fuhr. »Na, der war von Ueberfluß!« murmelte er dabei lachend und rief einen Knecht herbei, der den Karren bis zu seiner Rückkehr in Verwahrung nahm. Dann schwang er den Koffer auf die Schulter, und schritt schnell vor Agathen her, Straße auf, Straße ab, bis sie vor einem Hause des Thomaskirchhofes Halt machten.

»Gehen Sie nur da 'nauf, liebes Mamsellchen,« sagte er auf die erleuchtete Treppe deutend. »Se kennen nich fehlen, die erste Thür rechts is es! Ich muß mit dem Kofferchen die Hintertreppe rauf, sonst giebts e Donnerwetter da oben!«

Er schob grüßend die Mütze zur Seite und verschwand im dunkeln Hofraum; Agathe aber stand bald vor der bezeichneten Thür, an welcher der Name Niedrer in goldner Schrift zu lesen war. Ach diese Thür allein trennte sie ja jetzt von der neuen Heimath! Was mochte alles hinter derselben auf sie warten; wie mochten diejenigen ihr entgegen treten, die ihr nun Vater und Mutter ersetzen sollten! Noch einmal wandte sie ihr Auge zu dem empor, der ihr Muth und Hoffnung gegeben, wenn sie verzagen wollte, und getrost streckte sie ihre Hand nach dem verhängnißvollen Klingelzuge aus.

Eine nette, freundliche Dienerin öffnete die Thür, und Agathe trat in den Vorflur. Auf ihre Frage nach Onkel und Tante sagte das Mädchen verlegen, der Herr sei verreist, und Madame eben im Begriff, in Gesellschaft zu gehen; sie wolle das Fräulein aber anmelden. Agathe ging es wie ein Frost durch die Glieder; das war ein sonderbarer Empfang. Sie hatte sich so unsäglich danach gesehnt, diesen Verwandten an das Herz zu sinken, diesen guten Menschen, die sich der armen Waise erbarmten; aber konnte sie das nun? Mit klopfendem Herzen folgte sie endlich der zurückkehrenden Dienerin, welche sie in ein elegantes Zimmer führte, mit der Weisung, sich etwas zu gedulden, Madame werde gleich kommen.

Agathe harrte bangen Herzens; die Erwartung wollte ihr den Athem fast rauben. Endlich ging die Thür auf, und eine große, stattliche Dame in eleganter Toilette trat rauschend in das Zimmer. Sie blieb einen Augenblick stehen, dann streckte sie dem jungen Mädchen ihre mit vielen Ringen bedeckte Hand hin und sagte mit etwas schleppendem, affectirten Tone: »So, bist du da? Guten Tag, liebe.... Wie heißt du doch?«

»Agathe, liebe Tante!« flüsterte diese ängstlich und kam zaghaft herbei, der Dame die dargebotene Hand zu küssen. Doch noch hatte sie sich der Tante nicht ganz genähert, als sich plötzlich ein wüthendes Hundegebell erhob, und ein kleiner Bologneserhund zähnefletschend auf Agathe losfuhr. Erschrocken sprang diese einige Schritte zurück; die Tante aber lachte laut auf und hob den kleinen Hund auf den Arm, indem sie ihn herzte und küßte.

»Du spaßhafter, kleiner Bursche, willst wohl nicht leiden, daß man deiner Herrin die Hand küßt?« rief sie, den Hund von Neuem liebkosend. »Denkst, du hast allein das Recht dazu, mein kleiner Liebling? Soll dich wohl wieder gut machen für den Kummer, den ich dir verursacht, nicht wahr, kleines Bellochen? Nun so komm, weißt ja, wo's was Gutes für dich giebt, du Schelm!«

Dabei ging sie nach einem Glasschranke, und holte eine Hand voll des schönsten Confectes heraus, das sie dem Hunde darbot. Dieser beschnupperte es, wählte sich einige Stücke davon aus, und ließ sich dann beruhigt nach einem zierlichen Korbe tragen, in welchem von rothseidenen Betten sein Lager bereitet war, über das sich ein ebensolcher Baldachin wölbte.

Agathe hatte all' dem staunend und mit weit geöffneten Augen zugeschaut; sie glaubte zu träumen. Die Tante jedoch unterbrach ihre Reflexionen, indem sie sich jetzt wieder zu ihr wandte und sagte: »Du siehst, ich habe den kleinen Kerl etwas verwöhnt; aber er ist mir so lieb, daß ich ihm nichts verweigern kann. Ich hoffe, ihr werdet auch gute Freunde werden; denn ich will ja meinen kleinen Liebling deiner speciellen Sorge anvertrauen. Meine alte Cousine, die ihn bis jetzt versorgte, versteht ihn nicht richtig zu behandeln; deshalb ist es mir ganz lieb, daß du zu uns kommst! Aber jetzt muß ich fort, liebes Kind,« schloß die Dame, einen prachtvoll türkischen Shawl um die Schultern schlingend; »laß dir in der Leutestube etwas zu essen geben, wenn du Hunger hast!«

Dabei ging sie mit affectirt vornehmer und majestätischer Haltung an Agathen vorüber, und nickte ihr einen leichten Gruß zu; dann war sie fort. Agathe stand lange wie gelähmt noch immer an derselben Stelle und blickte der Tante mit starren, verwunderten Augen nach. Sie also war es, die ihr die Mutter ersetzen sollte! Wieder lief es dem jungen Mädchen wie Eis durch die Adern, und voll Schrecken überdachte sie die Worte, welche sie gehört hatte. Unfreundlich war die Tante nicht gewesen, das mußte sich Agathe gestehen; aber doch hatte sie ihr nicht ein Wort gesagt, das sie freundlich im Hause willkommen geheißen, nicht eines, das ihr warm zum Herzen gesprochen hätte. »Ich will meinen kleinen Liebling deiner Sorge anvertrauen; deshalb ist es mir ganz lieb, daß du zu uns kommst!« Das war eigentlich der Inhalt der Rede, die sie begrüßt hatte. »Also Hundewärterin!« sprach Agathe leise vor sich hin und blickte nach der Wiege des Schooshundes. »Deshalb bin ich hier willkommen, nur deshalb!« — »Aber nein, ich thue der Tante gewiß Unrecht,« dachte sie dann wieder; »ich bin so reizbar, so empfindlich, hatte einen so anderen Empfang erwartet! Es wird gewiß anders, wenn ich erst hier bekannt bin. Die Tante ist gewiß gut, sonst wäre sie zu dem Hunde auch nicht freundlich.« Lange stand das junge Mädchen und überdachte in dieser Weise alles, was sie gehört und gesehen; da endlich öffnete sich die Thür, und ein altes, gutes Gesicht blickte herein.

»Willst du nicht etwas Warmes genießen, liebes Kind?« sprach eine sanfte Stimme, und Agathe sah nun eine kleine, verwachsene Frauengestalt neben sich, deren unregelmäßiges, altes Gesicht mit gewinnender Freundlichkeit zu dem jungen Mädchen aufblickte.

»Ich bin die Cousine, liebes Kind!« sprach sie zutraulich, Agathes fragende Blicke verstehend. »Ich besorge das Hauswesen und habe dir etwas Warmbier zurecht gemacht. Ich denke, es soll dir gut thun. Willst du mit mir kommen?«

Agathe folgte ihrer gutherzigen Führerin nach einem kleinen Zimmer, das neben der Küche lag, und das ganz hübsch und behaglich aussah, so einfach auch die Einrichtung desselben war. Ein kleiner, gedeckter Tisch stand am Fenster, und bald füllte der Duft des würzigen Warmbiers die Stube und erregte in Agathen lebhafte Eßlust, denn sie hatte den Tag über wenig genossen. Die Cousine leistete ihr Gesellschaft, und gemüthlich saßen sie in traulichem Geplauder beisammen. Agathe war glücklich, ein Wesen hier zu finden, das ihr Theilnahme bewies, und gegen das sie sich aussprechen konnte.

»Ja, es ist ein wunderliches Haus, in das du hier eintrittst, liebes Kind!« sagte die Cousine seufzend, nachdem Agathe ihre Verwunderung über den sonderbaren Empfang ausgesprochen hatte; »du wirst dich noch über vieles verwundern.«

»Aber der Onkel, liebe Cousine, wie ist denn der?« sprach das junge Mädchen gespannt.

»Mein Vetter! Hm, der möchte freilich wohl manches anders haben!« erwiederte die Kleine; »aber was kann das helfen! Er ist ein guter, lieber Mann; aber seine Schwäche erlaubt ihm nicht, der Frau zu wehren, wenn sie launisch und böse ist, und so bleibt es beim Alten. Sie regiert, er gehorcht, das ist das Ende von allen Dingen.«

»Wo ist er denn? Ich hatte gehofft, ihn sogleich kennen zu lernen!« seufzte Agathe.

»Mein Vetter freute sich auch darauf; aber die Cousine brauchte allerlei für das Geschäft; da mußte er fort, er mochte wollen oder nicht!« sagte Jene. »Aber morgen früh kommt er zurück.«

»Für das Geschäft? Was denn für ein Geschäft?« entgegnete Agathe. »Ich glaubte, der Onkel sei Buchhalter des Hauses F. und habe selbst kein Geschäft?«

»Er nicht, aber sie!« sagte die Cousine. »Es ist ein Putzgeschäft, das Madame als Mädchen schon gehabt hat, und da es ihr selbst keine Mühe macht, aber Geld einbringt, so setzt sie es fort: denn Geld braucht sie zu ihrem Staate mehr, als er ihr geben kann. Unter den Nätherinnen wirst du nun wohl auch dein Plätzchen bekommen, liebe Agathe; Madame hat schon davon gesprochen.« »Ich soll Putzmacherin werden?« rief Agathe auffahrend, und helle Gluth bedeckte ihr bleiches Gesicht. »Wenigstens weiß ich es nicht anders!« entgegnete die Cousine achselzuckend.

Agathen entsank der Bissen Brod, den sie zum Munde führte, und Thränen stürzten aus ihren Augen. »O meine schönen Träume!« rief sie traurig und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Die gute Alte blickte mitleidig auf das junge Mädchen und seufzte leise, dann aber suchte sie ihr Muth und Trost zuzusprechen. Sie irre sich vielleicht; die Tante habe es vielleicht ganz anders im Sinne, als sie sich denke, und am Ende könne es einem jungen Mädchen ja nicht schaden, wenn sie etwas Putzmachen lerne; es sei eine gar gute und nützliche Zugabe für's Leben. Agathe war gern bereit, Trostgründen Gehör zu leihen, auch konnte sie den vernünftigen Worten ihrer Gefährtin nicht so ganz Unrecht geben. Sie sprachen noch eine lange Zeit mit einander; endlich aber fielen Agathen die Augen vor Müdigkeit zu, und die Cousine führte sie in ein Nebenzimmerchen, in welchem außer wenigen Meubel zwei Betten standen.

»Wir schlafen hier zusammen, liebes Kind,« sagte die gute Alte freundlich; dann half sie dem jungen Mädchen beim Auskleiden, und trotz der vielen Gedanken, welche auf Agathe einstürmten, schloß der Schlaf dennoch bald ihr müdes Auge, und führte sie zurück in den lieben, schönen Kreis, den sie verlassen. —


Drittes Kapitel.
Erster Morgen.

Als Agathe am folgenden Morgen erwachte, konnte sie sich lange Zeit gar nicht besinnen, wo sie denn sei und was mit ihr vorgegangen. Das freundliche Gesicht der alten Cousine, das zur Thür herein schaute, rief ihr jedoch sogleich alles Erlebte zurück, und schnell erhob sie sich, um sich anzukleiden.

»Der Onkel ist soeben zurück gekommen,« sagte die Cousine. »Er erwartet dich vorn im Zimmer; eile dich, liebes Kind!«

Agathe kleidete sich so schnell als möglich an, und bald hatte sie ihre Toilette beendet. Sie trug noch Trauerkleider; denn ihre Mutter war erst kürzlich gestorben.

In dem kleinen Zimmer nebenan, dessen Thür Agathe zögernd öffnete, kam ihr der Onkel, ein kleiner, starker Mann, mit ausgebreiteten Armen entgegen.

»Sei mir willkommen, mein liebes Kind!« sagte er sanft und zog das junge Mädchen in seine Arme. Agathe schmiegte sich bewegt und glücklich an die Brust des lieben Mannes, den sie zwar noch nie gesehen, aber der sie so herzlich begrüßte, als sie nur hoffen und wünschen konnte. Nun stellte dieser das junge Mädchen vor sich hin und betrachtete sie prüfend von oben bis unten.

»Ganz wie meine liebe, gute Schwester, als sie so jung war!« rief er dann bewegt und streichelte Agathes Wange. Ganz ihre lieben, blauen Augen und das weiche, braune Haar! »Sei nur auch so fromm und brav, als sie es war, mein Kind, so wird es dir gut gehen.« Das junge Mädchen küßte die Hand das Onkels, dieser aber sagte etwas hastig: »Jetzt komm aber zu meiner Frau, sie erwartet dich, und — und wenn sie vielleicht manchmal etwas streng gegen dich ist, so denke immer, sie meint es gut mit dir, und verliere den Muth nicht; es wird alles schon ganz gut werden.« Agathe folgte dem Onkel und fand in dem Zimmer, in welchem die Tante sie gestern empfangen, einen reich besetzten Frühstückstisch, an dem Madame in Gesellschaft ihres Hundes das Frühstück einnahm.

Agathes freundlichen Morgengruß erwiederte sie mit leichtem Kopfnicken; dann aber wandte sie sich zu ihrem Gatten und sagte verdrießlich: »Du läßt mich lange warten, Albert! Ich dächte, Agathe konnte zu dir kommen, statt daß du sie aufsuchtest!«

»Nein, liebe Marie, ich hatte sie gestern bei ihrer Ankunft nicht begrüßen können, darum ging ich gleich jetzt zu ihr,« sagte Herr Niedrer sanft. »Uebrigens brauchtest du ja nicht mit dem Frühstück auf uns zu warten.«

»Das habe ich auch nicht! Aber du weißt, daß ich Bellochen die Milch nicht gern selbst gebe, das ist deine Sache!« sagte Madame ärgerlich. »Das arme, kleine Thier stirbt fast vor Hunger.«

Der gehorsame Gatte ergriff schnell die zierliche Schale mit Milch, blies, daß sie sich abkühlte, und neigte sich dann zu dem Hunde herab, der knurrend den Morgentrunk zu sich nahm. Den Kuchen, aus welchem ferner das Frühstück des Kleinen bestand, reichte ihm die Hand seiner Herrin. Bellochen beliebte es jedoch, von demselben nur die oberste Zuckerdecke abzulecken; den darunter liegenden Kuchenteig stieß er knurrend mit der Schnauze von sich, und Madame griff schnell nach einem andern Stück Kuchen, das der liebe Hund dann abermals in gleicher Weise beknabberte. Darauf streckte sich das Thier gähnend und mit der Zunge die Schnauze beleckend und legte sich endlich mit geschlossenen Augen auf dem Sopha zurecht, an der Seite Madames.

Agathe hatte belustigt zusehen; aber sie wußte nicht, ob sie es wagen durfte, sich an den Tisch zu setzen, da die Tante gar keine Notiz von ihr nahm. Sie zupfte ängstlich an ihrem Taschentuche, strich sich den kleinen Kragen glatt und trat verlegen von einem Fuße auf den andern.

»Aber so komm doch näher, du schüchternes Kind, und frühstücke mit uns!« rief jetzt der Onkel, der ihre Verlegenheit bemerkte, und schob einen Stuhl herbei, auf dessen äußerster Ecke Agathe schüchtern Platz nahm.

»Ich dächte, sie könnte sich den Stuhl wohl selbst holen; junge Mädchen müssen sich nicht bedienen lassen!« sagte Madame scharf. Ein peinliches Schweigen entstand, das nur durch das Geklapper von Tassen und Löffeln unterbrochen wurde, und Agathen stand der Angstschweiß auf der Stirn. Sie dachte mit Sehnsucht an die frohe Frühstücksstunde in der Pension, wo sie zwar nur Milch und trocknes Weißbrod erhielten; aber wie viel tausend Mal besser hatte ihr dies geschmeckt, als hier in diesem eleganten Zimmer der süße Kaffee und das leckere Gebäck, welches der Onkel ihr reichlich zuertheilte. Die Tante kümmerte sich um nichts, als um ihren Hund, der etwas verstimmt schien, denn er fing an zu knurren und sich unruhig hin und her zu werfen. Wahrscheinlich litt er an Verdauungsbeschwerden.

»Wie sehr Agathe meiner Schwester gleicht, Marie!« sagte der Onkel endlich, die Stille unterbrechend. — »Ich glaubte, deine Schwester sei schön gewesen,« erwiederte Frau Marie gleichgültig.

»Ja, das war sie auch, und Agathe hat ganz diese hellblauen Augen. Sie wird ihr gewiß noch viel ähnlicher werden, wenn sie älter ist,« sagte der Onkel.

»So? Nun meinetwegen; aber so lange sie dieses blasse Gesicht hat, ist von Schönheit keine Rede,« entgegnete die Tante und streckte sich auf dem Sopha. »Aber laß mich jetzt in Ruhe; ich bin wieder so furchtbar angegriffen.«

»Ach leiden Sie auch an den Nerven, wie meine Mama?« wagte jetzt Agathe zu sagen. »Sie sehen so wohl aus; ich hätte es nicht gedacht!«

Das war ein schlimmes Wort, das schlimmste fast, was sie hätte sagen können! Es berührte den unangenehmsten Punkt in den Empfindungen Madames; denn niemand durfte daran zweifeln, daß sie schwach und leidend sei, obwohl sie nur aus Bequemlichkeit und Ziererei die Kranke spielte.

Unwillig blickte sie deshalb Agathe bei diesen Worten an, und das helle, blaue Auge erhielt etwas so Stechendes, daß Agathes Herz erzitterte.

»Denkst du etwa, ich verstelle mich?« rief sie, dunkelroth vor Aerger. »Das sind oft gerade die schlimmsten Uebel, bei denen man wohl und blühend aussieht!« — »Aber,« fuhr sie dann streng fort, »jetzt mein Kind, steh' auf, und mache dich nützlich! Hier, übernimm gleich zuerst dein tägliches Geschäft, meinen kleinen Bello zu waschen und ihm dann die Locken zu kämmen. Aber daß du ihm ja nicht weh thust, wie die Cousine, die immer so furchtbar unzart mit dem armen Thierchen umgeht!«

Agathe war sehr erschrocken über den Verweis, den sie erhalten, und verschluckte nur mit Mühe die Thränen. Schnell stand sie vom Stuhle auf und näherte sich dem Hunde, um ihn auf den Arm zu nehmen. Aber knurrend fletschte ihr dieser die Zähne entgegen und drohte zu beißen. Das brachte der Tante ihre gute Laune zurück; lachend gab sie Agathen ein Stück Zucker und sagte: »Du mußt dir erst seine Gunst erwerben. Da, gieb ihm das, dann wird er nicht beißen.«

Agathe that, wie ihr geboten, und wirklich ließ sich der verzogene, kleine Hund jetzt ruhig auf den Arm nehmen.

»Geh' nur zur Cousine, die wird dir zeigen, was du zu thun hast; aber eile dich, es wartet noch andere Arbeit!« rief die Tante, und Agathe war froh, auf diese Weise wenigstens wieder zum Zimmer hinaus zu kommen; ihr Schutzgeist, der Onkel, war schon vor ihr fortgegangen, seinen Geschäften nach, die ihn bis Mittag vom Hause fern hielten.

Aber welch' böse Arbeit war diese Hundetoilette! Mit warmem Wasser und feiner Seife wurden die langen Haare des Thieres erst wieder und wieder gebadet, dann säuberlich abgerieben und endlich mit Kamm und Bürste gekämmt und geglättet, als wären es die Locken eines kleinen Kindes. Aber Bello betrug sich bei seiner Toilette viel schlimmer, als das unartigste Kind; denn er zappelte und bellte und biß um sich, da ihm Agathe eine fremde Wärterin war, so daß diese ohne die Hülfe der Cousine nimmermehr damit zu Stande gekommen wäre. In Schweiß gebadet, mit verschobenen Kleidern und zerkratzten Händen trug sie das kleine Ungethüm endlich zu seiner Herrin zurück, welche noch immer behaglich auf dem Sopha ruhte, und in die Lectüre eines Romanes vertieft war.

»Hier, gieb dem Thierchen sein zweites Frühstück!« rief nun Madame, Agathen Semmel, Butter und feine Wurst hinschiebend. Das junge Mädchen schnitt ein zierliches Brödchen ab, bestrich es mit Butter und legte eine Wurstscheibe darauf.

»Mein Gott, schmiere doch nicht so mager!« rief Madame entrüstet, »und ich glaube gar, du verlangst, daß Bellochen die Schale mitessen soll!« — Still lächend verbesserte Agathe die Fehler und hielt dem Hunde das Frühstück hin. Das Thier knurrte verdrießlich, fraß erst die Wurstscheibe vom Brode, dann leckte er die Butter ab; mehr aber mochte er nicht, er war entschieden nicht bei Laune. »Das arme, kleine Thier!« rief Madame ängstlich; »wenn er nur nicht krank wird! Lege ihm sein Bettchen glatt, er wird schlafen wollen.«

Als Agathe den Hund auf sein Lager möglichst sanft gebettet hatte, sagte die Tante, sich vom Sopha erhebend: »Nun komm mit mir; ich will dir zeigen, was du weiter thun sollst, denn ein junges Mädchen muß immer fleißig sein, und wer essen will, muß auch arbeiten.«

Sie ging schnell voraus, durchschritt ein Nebenzimmer und öffnete endlich die Thür eines großen Gemaches, in dem eine Anzahl junger Mädchen eifrig bei der Arbeit saßen. Vor ihnen auf großen Tischen lag eine Menge Draht, Stroh, Seidenzeug, Band und Blumen, sowie angefangene Hüte und Hauben, und lustig flogen die Finger mit der Nadel durch die Arbeit. Als Madame Niedrer eintrat, erhoben sich die jungen Mädchen grüßend und setzten um so eifriger ihre Näherei fort.

»Hier bringe ich Ihnen eine neue Schülerin, Fräulein Schneider,« sagte Madame und wandte sich zu einer etwas ältlichen Dame, welche den jungen Mädchen zur Seite auf einem erhöhten Stuhle saß.

»Meine Nichte Agathe wird jetzt hier mit arbeiten; haben Sie die Güte, sie anzuleiten. Komm Agathe,« sprach sie dann zu dem zaghaft um sich blickenden Mädchen, »hier ist Fräulein Schneider, die Directrice des Geschäfts. Sie wird dir zeigen, was du zu thun hast; gieb dir ja rechte Mühe, etwas zu lernen.«

Nach diesen Worten wandte sie sich zu den jungen Näherinnen und betrachtete deren Arbeit. Mit einigen war sie zufrieden, an vielen aber hatte sie etwas zu tadeln, und besonders lange sprach sie mit Fräulein Schneider über die Garnirung der Hüte, welche sie anders wünschte. Agathe bewunderte im Stillen, wie gut die Tante mit all' diesen Sachen Bescheid wußte, und besonders, wie schön und geschmackvoll die Anordnungen waren, welche sie für die Zusammenstellungen der einzelnen Theile gab. Aber der Ton, in welchen sie mit den Damen redete, war nicht angenehm. Kurz und bestimmt gab sie ihre Befehle, zwar nicht unfreundlich, aber kalt und scharf, wie Nordwind. Alles athmete auf, als sie sich endlich wieder entfernte. Die jungen Mädchen blickten sich bedeutungsvoll an und zischelten lachend unter einander, und auch Fräulein Schneider schaute froher d'rein, als vorher. Sie bat Agathe, neben ihr Platz zu nehmen und gab ihr eine leichte Arbeit in die Hand.

»Haben Sie schon etwas Putzmachen gelernt, Fräulein?« sagte sie dabei freundlich.

»Nein, niemals,« entgegnete Agathe. »Ich komme eben aus der Pension und da hatten wir zu Handarbeiten wenig Zeit.«

»Ist es Ihr Wunsch, das Putzmachen zu lernen?« fragte die gute Dame theilnehmend weiter.

»Ach nein, mein Wunsch ist es bis jetzt nie gewesen,« sagte Agathe unbefangen. »Ich wollte ja so gern Erzieherin werden.«

»Erzieherin?« rief Fräulein Schneider verwundert. »Welche sonderbare Idee! Da muß man ja so viel lernen! Nein, liebes Kind, werden Sie lieber Putzmacherin; das ist eine leichte, angenehme Beschäftigung, so recht etwas für uns Damen, und wer sein Fach gut versteht, der findet immer sein Brod dabei. Das sehen Sie am Besten an Madame Niedrer, unserer Frau Principalin. Sie hat sich als Mädchen schon damit ihren guten Unterhalt verdient, und jetzt ist es ihr immer noch eine schöne Erwerbsquelle, denn sie hat gar vornehme Kundschaft. Aber freilich, einen bessern Geschmack, als Madame, hat auch niemand unter den Modisten in ganz Leipzig; das muß man sagen! Obwohl sie jetzt nicht mehr selbst arbeitet, so versteht sie die Sachen doch besser, als wir Alle, und ehe sie nicht gesehen hat, wie ein Hut oder eine Haube garnirt ist, schicke ich nichts nach dem Verkaufszimmer. — Da sehen Sie z. B. diese Capotte!« fuhr die gesprächige Dame lebhaft fort und hob einen violetten Sammthut empor. »Ich wollte sie mit grünen Blättern und weißen Knospen garniren; es sah recht hübsch aus. Aber Madame warf nur einen Blick darauf, und da sah ich wohl, wie wenig ihr mein Arrangement gefiel. Und ich muß ihr Recht geben; denn kann man wohl etwas Geschmackvolleres finden, als diese dunklen Stiefmütterchen mit dem feinen goldnen Rande, welche sie statt der Blätter und Knospen wählte? Der Hut ist dadurch so fein, so vornehm geworden, daß ihn eine Prinzessin aufsetzen könnte, ohne sich der Arbeit zu schämen. Nun wer weiß, was kommt. Es wäre nicht das erste Mal, daß der Hof uns mit seinen Aufträgen beehrte; denn in Dresden hat man gar keinen Geschmack. Leipzig ist klein Paris, und Madame Niedrer's Geschäft kann es mit jedem Pariser Modistenladen aufnehmen; das weiß ich so sicher, als ich schon seit 10 Jahren hier auf diesem Stuhle sitze!« Sie sprach dies alles mit einem unaussprechlichem Stolze und Selbstbewußtsein, und ihre kleine Gestalt wuchs ordentlich auf dem hohen Stuhle. Agathe aber blickte mit stillem Entsetzen zu der gesprächigen Dame auf, denn der Gedanke, zehn Jahre hindurch hier zu sitzen, Tag für Tag, Sommer und Winter, von Morgens früh bis Abends spät, erregte ihr förmlich ein Grauen.

»Zehn Jahre? Das ist ja schrecklich! Ist Ihnen das Putzmachen denn da nicht unerträglich geworden?« rief sie unwillkürlich und seufzte tief auf.

Die jungen Mädchen stießen sich mit dem Ellbogen gegenseitig an und lachten heimlich; Fräulein Schneider aber sah mit strengen Blicken von ihrem Throne herab und rief: »Lassen Sie das alberne Lachen, meine jungen Damen. Fräulein Agathe wird bald selbst finden, wie angenehm unsere Arbeit ist, sobald sie sich näher damit befreundet.«

Agathe dachte im Herzen, zu dieser Ueberzeugung werde sie wohl nie kommen; denn wenn weibliche Arbeiten ihr auch nie unangenehm gewesen waren, so sah sie es doch als ein großes Mißgeschick an, sich nur mit der Nadel, nie aber mit Lesen, Schreiben und Zeichnen beschäftigen zu können. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und arbeitete ruhig weiter.

Die jungen Mädchen durften nicht viel sprechen, weil sie dies von ihrer Arbeit abzog, und da jetzt auch Fräulein Schneider schwieg, hörte man nichts, als das Rascheln des Seidenzeuges und das Pfeifen der vielen Fäden, welche mit der Nadel durch die Arbeit fuhren. So verging Stunde um Stunde. Nur einmal, als die Glocke elf schlug, entsank die Nadel den Händen. Jedes der jungen Mädchen zog eine trockene Semmel aus der Tasche, und ein allgemeines frugales Frühstück, bei dem ein Glas Wasser das Getränk abgab, unterbrach den rastlosen Eifer. In dieser Arbeitspause durften sich auch die Zungen rühren, und nun schwatzte und lachte und zischelte es durcheinander, daß es eine Lust war. Agathe arbeitete still weiter, denn sie hatte kein Frühstück, und sie war während ihrer stillen Arbeit, bei der sie ungestört denken konnte, so traurig geworden, daß sie auch gar keine Lust zum Essen hatte.

Aber da öffnete sich die Thür, und die alte Cousine kam freundlich grüßend herein.

»Ich bringe dir das Frühstück, liebe Agathe,« sagte sie, dem jungen Mädchen eine Semmel reichend. »Verzeih', daß ich sie dir trocken gebe; aber fette Speisen dürfen nicht hier in das Arbeitszimmer kommen; es würde gar zu leicht etwas dadurch verdorben.«

»O, ich kenne es nicht anders; in der Pension gab es auch keine Butter,« entgegnete Agathe und griff dankend nach dem Weißbrod. Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken hin nach der lieben Pension, in der jetzt auch gerade Freistunde war und Semmeln verzehrt wurden. O, könnte sie dort sein, nur eine Viertelstunde, dort unter den lieben, fröhlichen Freundinnen; könnte sie, wie sonst, von ihren Stunden, ihren Arbeiten, ihren Lehrern mit ihnen plaudern, ein paar Mal durch den Garten laufen, um frische Luft zu schöpfen; es war so eng, so schwül, so drückend hier in dem Arbeitszimmer! Aber was half das alles; sie saß hier, und mußte hier bleiben. Die Frühstückszeit war jetzt vorüber, und eifrig ging es nun wieder an die Arbeit. Bald fuhren wieder die Nadeln wie Blitze durch die Luft, und Schweigen breitete sich wie vorher über die fleißigen Arbeiterinnen. Zwei Stunden vergingen noch so; aber als es ein Uhr schlug, erhob sich Fräulein Schneider, legte die Arbeit fort, verneigte sich und verschwand. Dies war das Lösungszeichen für die junge Schaar. Die Arbeit flog zur Seite, und nicht fünf Minuten vergingen, so war das Zimmer leer, und Agathe blieb allein zurück. Aber auch sie warf jetzt schnell die Arbeit aus der Hand und seufzte tief auf; denn noch nie in ihrem Leben hatte sie so viele Stunden hinter einander genäht. Der Kopf war ihr ganz dumm davon geworden; er hatte so gar keinen Theil an der Arbeit der Hände nehmen können. Die Finger thaten ihr weh, der Rücken schmerzte, und sie war so müde, als hätte sie drei Tage hinter einander genäht. »Lieber zwölf Stunden schreiben und lesen, als zwei hinter einander nähen!« seufzte sie und blickte zum Fenster hinaus, wo sie einige der jungen Mädchen eilig die Straße hinauf trippeln sah.

»O, die sind doch frei und können fort aus diesem Hause!« dachte Agathe sehnsüchtig. »Aber ich, ich bin hier fest gebannt, kann nicht fort, muß Hunde warten, Hüte nähen und mich schelten lassen; — o mein Gott, mein Gott, ich bin doch zu unglücklich!«

Sie drückte das Gesicht in beide Hände und weinte bitterlich. Die Thränen erleichterten ihr Herz, und bald kamen ruhigere Gedanken. »Könnte es nicht noch viel schlimmer sein, du thörichtes Kind?« tönte es in ihrer Brust. »Was bist du denn, daß du so große Ansprüche machen kannst? Die Tante ist nicht zärtlich, aber doch auch nicht gerade unfreundlich gegen dich. Du hast ihren Hund zu besorgen; das ist nicht sehr angenehm, aber doch auch kein großer Kummer, und daß du wie diese anderen jungen Mädchen viele Stunden bei der Näharbeit sitzen mußt, geschieht ja, damit du etwas lernst. Das ist doch eigentlich sehr vernünftig von der Tante gehandelt; denn sie will dir die Mittel geben, dir später selbst fortzuhelfen. Du wünschtest dies freilich in einer andern Weise zu thun, aber das kostet wieder Geld; denn zum Lernen braucht man Unterricht, und wer soll den bezahlen?«

Solche Gedanken kamen der guten Agathe noch gar viele; aber so sehr sie sich auch bestrebte, ihr Geschick ruhig hinzunehmen, es wollte und wollte nicht gehen! »O wenn ich nur lernen dürfte, um Erzieherin werden zu können, dann wollte ich alles, alles ertragen!« das war immer wieder der Schluß aller ihrer Gedanken und Betrachtungen.

Endlich wurde sie von der Cousine zum Mittagessen gerufen, und ihr trauriges Gesichtchen in ein möglichst heiteres verwandelnd, verließ sie mit der guten Führerin das Arbeitszimmer.