Bald kam denn nun auch die alte, treue Anne Sommer in das Herrenhaus, und das war ein Fest nicht nur für Agathe, sondern auch für die ganze übrige Familie; denn jeder gewann die brave, wunderliche Alte lieb, und ergötzte sich an der Soldatensprache, wie an den handfesten Manieren derselben. Die Kinder besonders hingen wie die Kletten an ihrem rothen Frießrock und konnten nie müde werden, die prächtigen Geschichten anzuhören, die sie ihnen erzählte, und die stets von Krieg und Soldatenwesen handelten.
An ihrem Goldkinde Agathe hing die Alte, wenn es möglich war, noch viel zärtlicher, als früher, und die Freude über deren blühendes Aussehen, wie über das Glück, das aus ihren schönen Zügen sprach, machte sie ordentlich wieder jung. »Hätte das nur ihre arme Mutter noch erlebt,« sagte sie oft leise vor sich hin, »dann wäre sie ruhiger zum großen Appell gegangen, zu dem sie der große Kriegsherr im Himmel so zeitig abgerufen, die liebe Seele! Aber ihr Segen ruht auf dem Kinde, das ist sicher!«
Die Alte kehrte nach einigen Wochen wieder nach Leipzig zurück, doch blieb sie ein häufig wiederkehrender und immer gern gesehener Gast in Schönfelde. Die Nachrichten, die sie Agathen aus dem Hause des Onkels brachte, zeigten, daß dort noch alles seinen ehemaligen, stillen Fortgang hatte, bis auf eine große, erschütternde Begebenheit — Bello war gestorben! — Auf seinen rothseidnen Kissen lag er eines Morgens kalt und todt, und keine heiße Thräne seiner trostlosen Herrin konnte den geliebten Freund wieder ins Leben zurück rufen. Ein kleines Grab, von Blumen überdeckt, bezeichnete im Garten einer Freundin die Stelle, an welcher die geliebte Hülle ruhte. Noch vermochte kein Nachfolger seine Stelle zu ersetzen, und Agathe dachte mit Freuden daran, daß die alte, gute Cousine dadurch für einige Zeit eine lästige Arbeit weniger hatte.
In angenehmer Weise vergingen Agathen die langen Wintertage, und wieder schaute endlich der fröhliche Lenz zum Fenster herein und verkündigte seine Ankunft durch weiche Luft und duftende Blumenglocken, welche unter dem schmelzenden Schnee zum Vorschein kamen.
Aber mit der überall erwachenden Fröhlichkeit zog abermals eine Fülle neuer Freuden in das Herz unserer Agathe. Werfen wir einen Blick zum Fenster hinaus, und sehen wir die lange Kastanienallee hinab, in welcher die Baumzweige schon große, braune Knospen tragen, so zeigen sich uns zwei Personen, die still und schweigend neben einander gehen. Ihr Mund ist jetzt stumm, aber was er soeben gesprochen, das leuchtet noch wunderbar in den Augen der Beiden, welche mit unaussprechlicher Liebe auf einander blicken. Agathe ist soeben die Braut ihres Freundes und Lehrers, des braven Pfarrers Lobner geworden. Was damals schon die Seelen Beider verband, als Lobner von Agathe Abschied nahm und als einziges Andenken das kleine Schreibebuch von der Schülerin erbat, das war fort und fort lebendig in ihnen geblieben, und hatte nun, da sie sich auf ihrem Lebenswege so bald wieder begegneten, feste, dauernde Gestalt erhalten. Längst schon ahnten Beide, daß sie einander theuer waren; jetzt wußten sie es, jetzt gehörten sie einander für das Leben.
»Also das wäre mir geglückt!« rief Fanny, voll Freude in die Hände schlagend, als sie die Verlobung ihrer beiden Freunde erfuhr. »Ich bitte mir die Ehre der Anerkennung aus; mir kommt das Verdienst zu, euch Beide zusammen gebracht zu haben. Denn, meine liebe Agathe, nimm mir's nicht übel, allen Respect vor deinen Talenten in der Erziehungskunst, aber wahrlich, es war mir viel mehr darum zu thun, dich wieder in die Nähe unseres lieben Freundes Lobner zu bringen, als meinen kleinen Rangen von Schwägerinnen eine Erzieherin zu verschaffen. Deshalb hätte ich dich nicht so knall und fall aus der Schweiz hercitirt. Aber Gelegenheit macht Diebe. Mit meiner Pfarrerwahl war mir's so trefflich gelungen, nun fehlte nur noch eine nette, kleine Pfarrfrau dazu. Und wen hätte ich meinen neuen Herrn Pastor, sowie mir selbst besser dazu wählen können, als die Verfasserin jenes kleinen, ominösen Schreibebuchs, das in der Bibel unseres sehr ehrenwerthen Herrn Pastor Lobner seinen Platz erhielt, als das Heiligste, was besagter Herr im Besitz hat?«
Der glückliche Pfarrer zog seine erglühende Braut an das Herz; der schelmischen Fanny aber drohte er mit dem Finger und sagte lachend: »Warten Sie nur, Sie Schelm; das ist gewiß die Rache dafür, daß die schöne Tasse nicht mehr lebt, die eine leichtsinnige Schülerin mir einst als Andenken schenkte. Aber nur Geduld, jetzt werde ich die Scherben all' wieder zusammen suchen, und als ewige Erinnerung sollen diese Reste unter dem Bilde der Freundin aufgestellt werden, welches einst über dem Nähtischchen der jungen Frau Pastorin Lobner hängen wird«.
Wieder blühten die Rosen und Lilien in den Gärten, und die Linden neigten ihre vollen Blüthenbüschel zur Erde herab, gerade wie an jenem Tage, an dem einst Agathe verlassen und einsam in den Baumgängen Leipzigs dahinschritt, bis sie von den Armen ihrer treuen Anne umfangen wurde, und neue Freude und Hoffnung in ihr Herz einzog. Auch heute schaute das alte Gesicht der Soldatenfrau in die glänzenden Augen ihres Lieblings, und ihre rauhe Hand strich schmeichelnd über die zarte Wange des Mädchens. Aber Muth und Trost brauchte die alte, treue Seele ihrem Goldkinde heute nicht zuzusprechen, denn das reinste Glück spiegelte sich auf dem holden Gesicht derselben. Die blühende Myrthe schmückte Agathes dunkle Locken, und Brautkleid und Schleier verkündeten, daß der schönste Tag ihres Lebens gekommen war.
Man feierte in Schönfelde heut eine Doppelhochzeit; Fanny sowohl als Agathe sollten als junge Frauen in die neue Heimath einziehen, welche die Liebe ihnen bereitete. Es war ein schönes Fest, das die Familie feierte; denn trat Fanny jetzt als wirkliche Tochter in das Haus ihrer neuen Eltern, so zählte man auch Agathe durch die innigsten Herzensbande zu den Kindern des Hauses und freute sich, sie als die Frau des braven Predigers im Orte zu behalten.
Fanny hatte die Freude, von ihrer Mutter, welche ihre Tage in der Nähe der einzigen Tochter zu beschließen gedachte, an den Traualtar begleitet zu werden; aber auch Agathe stand nicht einsam. Der Onkel Niedrer war der Einladung Agathes gefolgt und führte die geliebte Nichte ihrem Gatten zu, und zu Agathes unaussprechlicher Freude gehörte auch Herr von Menzel zu den Hochzeitgästen, die Schönfelde beherbergte. Die Tante Niedrer freilich konnte es nicht über sich gewinnen, ihren Gatten zu begleiten; aber einige schöne Geschenke, welche sie Agathen schickte, zeigten doch, daß sie ihr vergeben hatte.
Das freundliche Pfarrhaus, in das wir unsere Agathe nun zum Schluß noch begleiten, war durch die Güte aller ihrer Freunde höchst behaglich und nett eingerichtet worden. Denn sowohl der Onkel Niedrer, als auch Herr von Menzel und die Gutsherrschaft waren bemüht gewesen, alle Schränke und Kasten der jungen Hausfrau zu füllen und ihr ein wohlausgestattetes Häuschen zu übergeben. Aber neben dem blühenden Gesichtchen der jungen Frau Pastorin zog noch ein altes, verwittertes mit in das Haus, dem mit Agathen zugleich eine schöne, stille Heimath geworden war. Wer es ist, brauche ich nicht erst zu sagen. Der neue, rothe Frießrock glänzt nicht herrlicher, als das glückliche Gesicht der Alten, die ihn trägt, und obwohl das neue schwarze Kopftuch von untadelhaft starkem Seidenzeug ist, so können die mächtigen Schleifen doch kaum ihre steife Würde bewahren, denn der Kopf, den sie zieren, schwankt und zittert heut in nie erlebter Aufregung.
»Dir danke ich ja alles, meine Anne, mein Glück und meine Heimath, und nie mehr lasse ich dich von mir!« sagte die junge Frau mit Thränen im Auge, als sie gemeinsam mit ihrem Gatten die alte Anne Sommer in das trauliche Hinterstübchen einführte, das sie ihr behaglich eingerichtet hatten. »Wärst du nicht gekommen, mir die Wege zu bahnen, wer weiß, wie es jetzt mit mir stände!«
»Du säßest als Directrice auf dem hohen Stuhle und nähetest Zughüte, daß sich die Königin selbst nicht zu schämen brauchte, sie aufzusetzen,« neckte der Pfarrer fröhlich. »Und in den Freistunden exercirtest du junge Bello's als Rekruten ein!« lachte die Alte, daß es dröhnte.
»Ach um alles, schweigt mir nur davon!« seufzte Agathe in komischer Angst. »Zwei Dinge in der Welt sind es, die nie in unser Haus kommen sollen, das sind Schooßhunde und Zughüte.«
»Halt, dergleichen Bedingungen darf man nie im Leben stellen, wie es im Sprüchlein heißt:
rief der Geistliche schelmisch. »Wer weiß denn, was in dem Kasten steckt, den ich soeben für dich aus Leipzig erhalten habe!« Dabei holte er eine kleine Kiste herbei, deren schon losen Deckel er schnell öffnete und sie dann Agathen überreichte.
Die junge Frau blickte verwundert hinein und zog ein Tuch fort, das den Inhalt noch verhüllte. Und was lag nun vor ihr? Ein wunderniedliches, weißseidenes Zughütchen, in dessen Höhlung sich ein zierlicher Schooßhund verkroch, zwar nur aus Wachs, und in verkleinertem Maaßstabe, aber dem theuren Bello so ähnlich, wie das Kind der Mutter. Ein Brief begleitete die Sendung; er war von der guten, alten Cousine und enthielt nebst tausend herzlichen Glückwünschen von ihr und allen Bewohnern der Arbeitsstube die Bitte, beifolgenden Scherz freundlich aufzunehmen. Das Hundchen war ein Abbild dessen, den sich Madame Niedrer zu Erinnerung an ihren theuren Bello verfertigen ließ, und dessen Doppelgänger sich die Cousine für Agathen verschafft hatte. An dem Hute aber hatten alle Mitglieder der Arbeitsstube einige jener furchtbaren, kleinen Säume genäht, welche einst den Schrecken und die Verzweiflung Agathes ausmachten. Fräulein Schneider garnirte das Kunstwerk schließlich mit zierlichen Maiblumen, und dieses Hütchen war in der ganzen langjährigen Praxis der würdigen Directrice das Erste und Einzige gewesen, das ohne vorherige Prüfung ihrer Principalin in die Welt hinaus wanderte.
»Also nun birgt unsere Pfarre dennoch gerade jene beiden verpönten Gegenstände, Schooßhund und Zughut! O du arme Agathe!« rief der Pfarrer lustig und hielt die beiden Geschenke hoch empor. Agathe aber hatte Thränen im Auge, während ihr Mund lächelte, und innig bewegt sagte sie: »Ja, es ist recht so! Gerade diese beiden Dinge sollen mir immer vor Augen stehen; denn sie werden mir eine stete Mahnung daran sein, wie gütig Gott die arme Waise aus Trübsal zu Glück und Frieden führte.«
Auf dem weichen Teppich eines kleinen, behaglichen Zimmers schritt ein schlanker Mann in mittleren Jahren unruhig auf und nieder und wühlte mit seiner Hand oft ungeduldig in dem vollen, dunkelblonden Haar, das sein angenehmes Gesicht beschattete. Zuweilen blieb er stehen und schaute aufmerksam nach der hübschen Frau, welche sich leicht in die Kissen des Sophas zurücklehnte und mit einer Handarbeit beschäftigt war. Während das Gesicht des Mannes sich immer lebhafter röthete und Spuren des Verdrusses zeigte, ruhte auf den Zügen der noch ziemlich jung aussehenden Frau eine milde Freundlichkeit, und ihr Auge blickte ab und zu mit einem ungemein sanften Ausdrucke von der Arbeit auf.
»Du bist zu gut und nachsichtig gegen sie, Gertrud, und dadurch erreichst du einmal nichts bei dem verwöhnten Mädchen,« sagte Geheimerath Seebald, jener blonde Mann, endlich unwillig und blieb vor seiner Frau stehen, welche soeben eine längere Mittheilung gemacht zu haben schien und ihren Gatten nun fragend anblickte.
»Aber, lieber Gustav, bedenke, wie frei und unabhängig Frida in diesen letzten Jahren gewesen ist,« entgegnete die Frau sanft. »Es ist für jedes junge Mädchen eine schwere Sache, sich einer Stiefmutter unterzuordnen; für Frida aber ist es doppelt schwer, da du sie so völlig ungehindert schalten und walten ließest. Nun soll das arme Kind mit einemmale ein Muster von Ordnung und Vortrefflichkeit sein; aber du vergißt, daß gerade in dem so wichtigen Uebergange vom Kinde zur Jungfrau ihr niemand zur Seite stand, der sie leitete und sie eines Bessern belehrte, sobald sie Fehler beging.«
»Niemand?« rief der Geheimerath lebhaft. »Habe ich ihr nicht eine Gouvernante gehalten und Dienstleute und alles was sie sonst brauchte?«
»Ja, lieber Gustav, nur eben allzuviel!« entgegnete Frau Gertrud still lächelnd. »Die Gouvernante war vielleicht keine ganz glückliche Wahl; ihre Erziehungsresultate wenigstens sprechen für wenig Geschick und Klugheit. Ich bitte dich heut nur, habe Geduld mit Frida; es wird schon besser werden. Ich verberge mir nicht, daß ich keinen leichten Stand ihr gegenüber habe, da sie mich als unwillkommenen Eindringling eher hassen als lieben mag. Aber ich vertraue auf ihren Verstand und ihr gutes Herz und auf meine geduldige Liebe zu dem Kinde.«
»Ich tadle an Frida weniger ihre schlechten Eigenschaften, als vielmehr ihr Benehmen gegen dich, liebe Gertrud,« sagte der Geheimerath verstimmt. »Ist es nicht empörend, daß meine älteste Tochter dir mit Mißtrauen und Kälte entgegentritt, wo sie doch vielmehr froh sein sollte, eine liebevolle Mutter und Freundin in dir zur Seite zu haben, die ihr alle die Lasten abnimmt, welchen ein so junges Mädchen ja noch gar nicht gewachsen ist. Und daß Frida auch dafür kein Verständniß hat, was du für mich bist, der ich lange Jahre hindurch einsam und freudlos dagestanden habe, und vor allem, welche treue Mutter ich in dir für ihre kleinen Geschwister gewonnen, die so unsäglich einer andern Pflege und Liebe bedurften, als sie ihnen Wärterinnen geben konnten, — siehst du, Gertrud, alles das ist's, was mich so sehr gegen Frida aufbringt. Sollte ich sie etwa erst um Erlaubniß fragen, ehe ich einen neuen Ehebund schloß? Wahrlich, das verwöhnte Kind scheint es beansprucht zu haben.«
»Eben weil sie ein verwöhntes Kind ist, Gustav!« sagte Gertrud sanft. »Vielleicht wäre es in der That besser gewesen, du hättest vorher mit ihr gesprochen und ihr deine Lage und die der Kinder vorgestellt. Du hättest ihr damit ein Vertrauen bewiesen, das ihr schmeichelte, hättest an ihr Herz und ihren Verstand appellirt und uns Allen die Situation dadurch erleichtert. Indem du ihr mit der fertigen Thatsache gegenüber tratest, reiztest du ihren Trotz und ihre Opposition ganz unnöthig; denn jetzt hat sie absolut keinen Antheil an dem, was du für gut und nöthig fandest und kommt mir mit Abneigung und Mißtrauen entgegen. Daß ich unter diesen Umständen für's Erste sehr vorsichtig sein muß und sie vor allem wegen ihrer Fehler jetzt noch nicht tadeln mag, ist wohl ganz natürlich. Aber wenn Frida erst einsehen wird, daß ich nur ihr Bestes will und daß sie nur Erleichterung und Annehmlichkeiten durch meinen Eintritt in die Familie hat, dann wird sich das alles bald ändern.«
»Gebe es Gott; es lastet wie ein Alp auf mir und läßt mich des Glückes gar nicht froh werden, das du mir in das Haus gebracht hast, meine geliebte Gertrud!« sagte der Geheimerath seufzend, indem er den Arm um seine Gattin legte, die jetzt an seiner Seite stand. »Aber das sage ich dir: wenn Frida sich noch ein einzig Mal so beleidigend und so über alles Maaß hochfahrend gegen dich beträgt, wie es heut Vormittag der Fall gewesen, dann muß ich auf eine Aenderung denken. Dergleichen Unbilden sollst du nicht durch das thörichte Mädchen ausgesetzt sein; das darf ich nicht leiden.«
»Laß doch nur jetzt gut sein, liebster Gustav,« entgegnete Gertrud tief erröthend. »Mich kränken solche Ausbrüche von Frida's Laune nicht nachhaltig. Wenn ich mich in ihre Stelle versetze, wäre ich gegen meine unwillkommene Stiefmutter vielleicht auch nicht sehr liebenswürdig.«
»Nein, nein, Gertrud, es liegt tiefer; es ist nicht blos augenblickliche, üble Laune, glaube es mir,« sagte der Geheimerath düster. »Es wäre für Frida vielleicht auf alle Fälle gut, sie käme eine zeitlang aus dem Hause, in andre, einfachere Verhältnisse. Es sprechen auch noch einige andre Gründe für einen solchen Wechsel, welcher sie dem Einfluß einiger unklugen Freundinnen, sowie allerlei Thorheiten entzöge, die sie sich, wie ich sehr stark vermuthe, in den Kopf gesetzt hat.«
»Aber nur jetzt nicht, nicht gleich nach meinem Eintritt in deine Familie,« bat Gertrud dringend. »Welche Gründe dich auch für einen solchen Wunsch bestimmen mögen, warte noch damit, ich bitte dich. Bedenke doch, welches Licht es auf deine Frau werfen würde, die die älteste Tochter aus dem Hause treibt, sobald sie nur den Fuß in dasselbe setzte.«
»Wenn es nöthig wäre, würde niemand meine sanfte, engelsgute Frau beschuldigen, sondern nur meine stolze, trotzige Tochter, das glaube mir, Gertrud,« erwiederte der Geheimerath milde und küßte die schmale, weiße Stirn seiner Gattin. »Aber du magst Recht haben. Besser, wir schieben die Sache noch etwas hinaus, vorausgesetzt aber, wie gesagt, daß Frida solche Auftritte vermeidet, wie ich heute Morgen im Nebenzimmer mit anhörte. Dergleichen darf in meinem Hause nicht vorkommen; das leide ich nicht.«
Nach diesem Gespräche trennten sich die beiden Gatten; der Geheimerath ging an seine Geschäfte, Gertrud in das Zimmer ihrer beiden kleinen Stiefkinder, einem Knaben von sechs und einem Mädchen von vier Jahren. Es waren blasse, kränklich aussehende Kinder, welche die Stiefmutter mit ziemlich gleichgültiger Miene anblickten, als dies zu ihnen herantrat.
»Zeigst du Käthchen Bilder, lieber Franz?« sagte Gertrud freundlich und strich dem Knaben über das glatte, dunkle Haar.
»Ja, Mama, die Bilder sind aber so langweilig; ich kenne sie schon alle so sehr,« klagte Franz, mit seinen schwimmenden, dunklen Augen zu Gertrud aufschauend.
»So kommt mit in mein Zimmer, Kinder; ich will euch heute einmal wieder die hübschen Kupferstiche zeigen, die euch neulich so gut gefielen,« sagte die Mutter freundlich. Ein leises Roth der Freude zog über des Knaben blasse Wange, und rasch sprang er vom Stuhle auf, der voranschreitenden Gertrud zu folgen. Die kleine Katharine trippelte eilig hinterdrein, und bald neigten sich die beiden Kindergesichter über einen Band schöner, großer Kupferstiche, welchen die Mutter ihnen auf den Tisch gelegt.
»Erkläre Käthchen die Bilder, wenn sie nicht alles versteht; du bist ja schon ein verständiger Junge,« sagte Gertrud lächelnd zu Franz, der ernsthaft mit dem Kopfe nickte und ganz stolz sein Amt eines Informators antrat, indem er sich Geschichten zu den bildlichen Darstellungen erfand, denen Käthchen mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte. Gertrud setzte sich indeß still an ihre Arbeit und ließ ihren Gedanken freien Lauf, bis nach einer Weile die Thür des Nebenzimmers heftig aufgerissen wurde, und ein junges Mädchen rasch eintrat.
»Franz, du unartiger Junge, du hast mir gewiß wieder mein Buch fortgenommen,« rief sie ärgerlich und kam zu den Kindern. »Bilder beseh'n, und immer und ewig Bilder beseh'n, weiter treibst du den ganzen Tag nichts. Meine Bücher sollst du aber nicht nehmen; das weißt du doch?«
Franz war feuerroth geworden und antwortete nichts; Gertrud aber sagte milde: »Welches Buch fehlt dir denn, Frida?«
Das junge Mädchen wandte den Kopf nur halb nach der Fragenden um und sagte kurz: »Ein Dumas'scher Roman, in dem Franz einige Bilder gesehen hat, die ich hineingelegt.«
»Das Buch liegt in deines Vaters Zimmer, liebe Frida,« entgegnete Gertrud. »Er hielt die Lectüre für nicht ganz passend für ein so junges Mädchen und nahm das Buch an sich. Ich will dir bessere Bücher geben, liebes Kind, als diese leichtfertigen, französischen Romane. Hast du z. B. die Bücher von Jeremias Gotthelf schon gelesen?«
Frida blickte ihrer Stiefmutter jetzt voll in das Gesicht. Es war ein feines, schönes Köpfchen, das auf den jungen, siebzehnjährigen Schultern saß, der edlen Bildung ihres Vaters sehr ähnlich und von vollem, blonden Haar umwogt. Aber die maaßlos moderne Frisur verdarb das prachtvolle Haar ebensosehr, wie der stolze Ausdruck des Gesichtes der Schönheit dieser Züge schadete. Bei Gertruds Worten warf sie den Kopf hochmüthig zurück und sagte scharf: »Wer hat denn in meinem Zimmer herumspionirt und Papa meine Bücher zugetragen?«
»Nicht in deiner Stube lag das Buch, Frida,« entgegnete Gertrud ruhig, »sondern im Eßzimmer trieb es sich herum. Dein Vater sah es dort liegen und blätterte darin.«
»Papa hat sich doch sonst nicht um meine Lectüre bekümmert, warum denn jetzt auf einmal?« sagte Frida spitz. »Von selbst ist er sicher nicht darauf verfallen, und ich möchte doch sehr bitten, mich auch ferner mit dergleichen in Ruhe zu lassen. Solche Hetzereien sind gräßlich.«
»Du bist noch zu jung, liebe Frida, um jedes Buch lesen zu können, das dir in die Hand kommt,« erwiederte die Mutter immer noch ruhig, obwohl ihr zartes Gesicht bei Frida's bösen Worten abwechselnd bleich und roth wurde. »Böse gemeint ist dabei nichts, im Gegentheil bin ich gern bereit, dir viel bessere Lectüre zu geben, als du in deiner natürlichen Unkenntniß dir aussuchst. Du weißt, ich habe eine sehr reiche Bibliothek sie steht dir gern zu Diensten.«
»Ich danke, ich bin in der Leihbibliothek abonnirt,« sagte Frida kurz und ging hinaus, die Thür sehr unsanft in das Schloß werfend. Gertrud strich sich mit der Hand langsam über das Gesicht und seufzte. Dann aber blickte sie heiter nach den beiden Kindern, welche fröhlich über ein spashaftes Bild lachten, das sie soeben aufgeschlagen, und Franz brachte das Buch zu der Mutter, damit diese ihnen die Geschichte erzählte, die herrlich sein mußte. Gertrud erfüllte bereitwillig die Bitte und vergaß in dieser Weise einigermaßen den häßlichen Auftritt, den Frida veranlaßt hatte. Sie fürchtete aber freilich trotz aller Sanftmuth und trotz der unablässigen Mühe, die sie sich gab, Frida für sich zu gewinnen, daß ihr dies nicht gelingen werde, und einige Tage später brach denn auch wirklich die Katastrophe herein, welche Gertrud trotz aller Liebe und Milde nicht abwenden konnte.
Gertrud hatte sich zum Ausgehen fertig gemacht und sagte, in das Zimmer tretend, zu Frida, welche am Clavier saß: »Aber willst du dich nicht anziehen, mein Kind? Ich sagte dir ja, wir wollten bei Präsident Wehrmann und Regierungsrath Keller Besuche machen. Dein Vater wird gleich eintreten, uns abzuholen; beeile dich etwas.«
Frida wandte in ihrer beliebten Weise den Kopf nur halb herum und spielte weiter. Die Mutter wartete einige Augenblicke, dann forderte sie das junge Mädchen von Neuem auf, nur mühsam ihre Ungeduld verbergend; denn sie wußte, wie ungern ihr Gatte wartete, wenn er ausgehen wollte. Frida aber spielte noch immer und sagte nur leichthin: »Ich gehe nicht mit!«
»Du gehst nicht mit, Frida? Warum nicht?« rief Gertrud erstaunt.
»Weil ich keine Lust habe,« entgegnete Frida schnippisch. »Ich kann das Volk nicht ausstehen.«
»Wen meinst du eigentlich, liebes Kind?« sagte Gertrud betreten, und ihre Stirn röthete sich vor Unwillen.
»Wen ich meine?« rief Frida nachlässig; »nun deine Präsident Wehrmanns und Kellers und wie sie alle heißen. Eine langweiligere Gesellschaft kenne ich nicht. Ich habe meinen eigenen Bekanntenkreis; jene Leute besuche ich nicht.«
»Du wirst dich doch wohl dazu entschließen müssen, liebe Frida,« sagte Gertrud ruhig, »denn jene Familien gehören zu dem Kreis der Freunde deines Vaters, und da schickt es sich nicht anders, als daß die Tochter des Hauses mit uns Besuche bei ihnen macht.«
»Das sind wieder einmal solche herrlichen Neuerungen, wie sie jetzt massenhaft ins Haus kommen!« rief Frida trotzig. »Es ist doch mindestens sonderbar, daß mir jetzt fortwährend geboten wird, das thu, und das laß, wo ich doch bisher ganz gut selbst wußte, was ich zu thun und zu lassen hatte.«
»Dein Vater will es so, mein Kind,« sagte Gertrud kurz.
»Papa will es nur, weil du es willst; sonst fiele es ihm gar nicht ein, mir Dinge zuzumuthen, die mir unerträglich sind!« fuhr Frida leidenschaftlich auf. »Aber ich werde deshalb doch thun, was mir beliebt, wie ich es bisher gethan habe; ich bin alt genug und bedarf keiner Gouvernante mehr. Und wenn Papa kommt, will ich es ihm selbst sagen; warum hat er mir Situationen octroyirt, die mich empören müssen!« Dabei warf sie ein Notenheft so stürmisch auf den Flügel, daß die losen Blätter weit im Zimmer umherflogen, und stieß den Clavierschemel mit dem Fuße zur Seite, daß er umstürzte.
»Augenblicklich schweigst du, und möge deine Mutter die bösen Reden vergessen, die du führtest!« rief jetzt aber die Stimme des Geheimeraths, welcher rasch in das Zimmer eintrat. »Ich habe alles mit angehört, was du gesagt hast, du unartiges Mädchen; aber jetzt hat das Spiel ein Ende. In dieser Weise dulde ich es nicht länger, daß meine Tochter ihrer Mutter gegenübertritt. Geh' jetzt auf dein Zimmer und erwarte dort das Weitere.«
Frida warf den Kopf trotzig zurück und ging hinaus. Gertrud aber verbarg schluchzend ihr Gesicht in dem Tuche.
»Gräme dich nicht, liebe Gertrud,« sagte ihr Gatte weich. »Ich fühle deutlich, ich habe einen großen Fehler begangen, daß ich Frida so völlig zügellos aufwachsen ließ. Gebe Gott, daß es noch nicht zu spät ist, sie zu ändern. Ich kenne sie in der That kaum wieder. Eigentlich ist sie ein gutes, fröhliches Geschöpf; aber jetzt ist sie wie ausgetauscht, und mir scheint, es wird immer schlimmer statt besser. Was ich dir neulich schon sagte, das wiederhole ich: das Beste ist, sie kommt eine Weile aus dem Hause. Wir entziehen sie dadurch auch zugleich dem Einfluß einer ihrer nächsten Freundinnen, die in hohem Grade ungünstig auf ihr weiches Gemüth einwirkt, wie ich fürchte. Ich kann ihr den Umgang mit dieser Familie nicht untersagen; auch würde ich die Sache dadurch nicht bessern, sondern nur Heimlichkeiten hervorrufen.«
»Du erwähntest neulich schon etwas der Art,« sagte Gertrud; »welche Freundin meinst du?«
»Franziska von Froreich, ein eitles, leichtsinniges, aber kluges und angenehmes Mädchen,« entgegnete der Geheimerath. »Sie hat den Kopf voll Phantastereien und Thorheiten, und leider steckt sie meine empfängliche Frida sehr damit an. Durch unsere würdige Geheimeräthin Gerold, eine mütterliche Freundin meines Hauses, habe ich einige Dinge erfahren, die mich in der That beunruhigen. Im Hause dieser Froreich's hat Frida einen jungen Mann kennen gelernt, der ganz das Zeug dazu hat, einen phantastischen siebzehnjährigen Mädchenkopf zu verdrehen; denn er ist schön, elegant, witzig und angenehm, gerade wie es ein Held der Romane sein muß, die sie lesen. Dieser junge Herr scheint alle Künste zu verstehen, die Herzen unerfahrener Mädchen zu gewinnen. Mit dieser singt und musicirt er, mit jener schwärmt er für Literatur und bringt ihr Gedichte, dann wieder treibt er Blumensprache oder sonstige Fadaisen mit ihnen, tanzt vortrefflich, zeichnet etwas, kurz, es giebt eben nichts, was er nicht verstände und wüßte. Aeltere Frauen schütteln die Köpfe, den Männern ist er gleichgültig oder im Wege. Niemand aber weiß recht, wer er ist und was er eigentlich treibt. Meiner hübschen Frida aber hat er das Köpfchen augenscheinlich gründlich mit seinen Süßigkeiten verdreht, und wenn ich etwas sorglicher die Augen offen gehalten hätte, als ich leider gethan, so würde ich wohl selbst gesehen haben, worauf mich liebe Freunde jetzt aufmerksam machen. Ich denke jedoch, Frida ist noch ein solches Kind, daß ihr die Sache aus dem Kopfe kommt, lebt sie einige Monate in anderen Kreisen, und besonders auch fern von Franziska, die sich darin scheint gefallen zu haben, als Beschützerin dieser keimenden Liebe eine interessante Rolle zu spielen.«
»Hast du gegen Frida etwas über diese Sache erwähnt?« sagte Gertrud nachdenkend.
»Thörichter Weise allerdings!« entgegnete der Geheimerath achselzuckend. »Ich glaubte, ihr klar machen zu können, daß an einem jungen Manne elegantes und einschmeichelndes Wesen etwas Gefährliches sei, und daß es verdienstvollere Eigenschaften gäbe und würdigere, um die Achtung und Liebe eines Mädchens zu gewinnen. Aber das war nur Oel in's Feuer. Sie vertheidigte ihren jungen Verehrer mit flammenden Augen, und ich bin sicher, hätte ich ihr den Verkehr mit demselben jetzt untersagt, die Sache wäre bei Frida's Heftigkeit wohl zu einer bösen Wendung gekommen. Ich zog es daher vor, sie mit ihrer jugendlichen Schwärmerei zu necken und das Ganze scherzhaft und leicht zu nehmen. Aber ich kann dir sagen, liebe Gertrud, ich bin froh, dich jetzt zur Seite zu haben, damit du über das Kind mit treuen Mutteraugen wachest und mit vorsichtiger Frauenhand den Knoten lösest, der sich da etwa zu schlingen droht. An dem jungen Galan ist nichts, davon bin ich überzeugt, seit ich ihn etwas näher beobachtet; aber mein Männerkopf versteht es nicht, da das Rechte zu ergreifen.«
Gertrud sah ernst sinnend vor sich nieder. »Du kannst auf meine Hülfe rechnen, Gustav,« sagte sie sanft. »Aber die Aufgabe ist keine leichte. Wie ich Frida beurtheile, wird sie sich schwer von einer ernsten Neigung zurückbringen lassen, und Widerstand ihr die Sache vielleicht noch anziehender machen. Sie glaubt dann wohl eine jener Romanheldinnen zu sein, die für ihre Liebe schwere Opfer zu bringen haben, wie sie in den Büchern gelesen. Lassen wir für jetzt die ganze Angelegenheit unberührt, vielleicht wirkt Zeit und Entfernung günstig auf ihr Gemüth. Wenn du sie unter recht einfache, frische und brave Menschen bringen könntest, so wäre dies wohl das beste Mittel, das Kind zu ändern und zu bessern; aber wo finden wir solche?«
»Ich denke, ich habe sie schon gefunden,« entgegnete der Geheimerath heiter. »Die Sache liegt mir länger schon im Sinn; denn seit jener Mittheilung unserer lieben, alten Freundin, Frida's keimende Neigung betreffend, war ich entschlossen, das Kind für eine Weile anderen Händen anzuvertrauen und sie aus den hiesigen Verhältnissen fortzuschicken. Seitdem aber kam durch dich, meine Gertrud, neues Glück über mich, und ich hoffte, auch über Frida, und so gab ich den Gedanken jener Trennung auf. Nun aber ist dieselbe nöthiger als je, nöthig für alle Theile, und so zögere ich nicht länger. Ich werde Frida meiner Schwägerin anvertrauen, der Schwester ihrer Mutter. Das ist eine einfache, gute und tüchtige Frau, und ihre Töchter liebe, nette Mädchen. Bei ihnen ist unser Kind wohlaufgehoben. Mein Schwager, ein braver, trefflicher Mann, hat eine Pachtung in Mecklenburg übernommen, und das Landleben wird Frida mit vielem aussöhnen, was ihr in den sehr einfachen Verhältnissen sicher nicht gefallen wird. Ich habe bereits früher schon einmal angefragt, ob meine Schwägerin mir das Opfer bringen will, Frida für einige Zeit in ihr Haus zu nehmen, und sie ist gern dazu bereit. Du bist wohl so freundlich, liebe Gertrud, in Frida's Sachen nachzusehen, was sie etwa bedarf. Staat wird sie überflüssig genug haben, für alles andere aber übernimm, bitte, die Sorge.«
Während Frida's Eltern noch Weiteres mit einander besprachen, lag das junge Mädchen in ihrem Zimmer auf dem Sopha, das Gesicht in die Kissen gedrückt, und ihre Brust athmete heftig. Aber Thränen flossen trotz aller Leidenschaft nicht aus den heißen Augen. Mit ihren kleinen, weißen Zähnen biß sie fest in das feine Taschentuch, das sie vor die Lippen drückte, und riß so heftig daran herum, daß es in Stücken flog. Da ballte sie die Fetzen grimmig in der kleinen Hand zusammen und schleuderte den Knäul in die Ecke; ihre hübschen Füße aber stampften nun so energisch den Boden, daß die höchst eleganten Stiefelchen, welche sie umschlossen, in allen Nähten krachten.
»Unerträglich! Unerträglich!« rief sie ungestüm und schlug die Hände vor das Gesicht. »Mich so zu behandeln, mir das zu bieten, und in ihrer Gegenwart! O, ich möchte ersticken vor Aerger. Und was nun seine Worte heißen sollten? >Erwarte dort das Weitere!< Was soll ich erwarten? Will man mich etwa einschließen, mich gefangen halten bei Wasser und Brod, bis ich kirre werde und der Frau Mutter zu Füßen liege? O da können sie lange warten; aber es ist abscheulich, ganz abscheulich vom Papa. Bis jetzt war er immer so gut und that alles, was ich wollte; nun ist er wie verwandelt. Und an allem ist sie allein schuld, ich weiß es wohl, sie mag sich verstellen wie sie will. Aber ich dulde es nicht, nein, absolut nicht!«
In dieser Weise trieb es das heftige Mädchen noch eine lange Weile, ohne dabei ruhiger zu werden. Da öffnete sich die Thür und ihr Vater trat herein.
»Frida,« sagte er ruhig und ernst, »ich denke, es wird für alle Theile besser sein, wir versuchen es, eine Aenderung dadurch im Hause eintreten zu lassen, daß du deine Tante Marie, die dich lange schon so freundlich eingeladen hat, für einige Zeit besuchst. Ich habe dich zu sehr verzogen, ich sehe es jetzt wohl ein; der Schaden jedoch läßt sich nicht so schnell gutmachen. Aber deine treffliche Mutter soll nicht durch dich leiden. Ich hoffe, bei Tante Marie wirst du etwas vernünftiger werden und als ein verständigeres Mädchen heimkehren. Suche deine Sachen zusammen, übermorgen bringe ich dich nach Dahme.«
»Also eine Verbannung!« sagte Frida kalt. »Gut, ich gehe und mache Platz; es mag das Beste sein, du hast Recht, Papa. Zwei Willen das geht nicht. Schade nur, daß du das jetzt erst merkst, und ich darunter so bitter leiden muß. Aber es mag drum sein; ich danke dir, daß du mich fortschickst.«
Es war kein guter Geist, der aus Frida in diesem Augenblicke sprach. Ihr Vater stand ihr traurig und rathlos gegenüber und wußte nicht, wie er den Weg zu ihrem Herzen finden sollte. Da fiel sein Blick auf ein Bild, das über Frida's Nähtischchen hing. Leise ergriff er die Hand seiner Tochter und führte sie zu diesem Bilde. Es war das ihrer Mutter.
»Frida,« sagte der Vater weich, »was würde sie dazu sagen, wenn sie hörte, wie ihr Kind mit ihrem Vater spricht!«
Das junge Mädchen zuckte leise zusammen und erblaßte. Einen Augenblick stand sie mit gesenkten Lidern vor dem Bilde, dann rief sie: »Papa!« und laut schluchzend sank sie an ihres Vaters Brust. Still hielt dieser sein Kind in den Armen, sprechen konnte er nicht, und auch Frida weinte nur heftig ohne zu sprechen. Endlich aber stammelte sie erregt: »Verzeih mir, Papa! O ich bin zu, zu unglücklich!« Und wieder weinte sie leidenschaftlich.
»Ich verstehe dich nicht, Kind,« sagte der Vater sanft und streichelte ihre Wange, »du bist mir völlig räthselhaft; denn wenn du nur wolltest, so würde dir aus deiner jetzigen Situation unendlich viel Glück und Freude erwachsen; aber erzwingen kann ich es freilich nicht. Machen wir deshalb den Versuch einer Trennung in aller Liebe, Frida, hörst du wohl? ohne von Verbannung oder dergleichen Thorheiten zu sprechen. Ein Landaufenthalt wird dir in allen Fällen gut thun; der letzte Winter hat dich etwas blaß und nervös gemacht. Tante Marie hat dich lieb und freut sich lange schon auf dein Kommen, und ihre Töchter werden dir ein angenehmer Umgang sein. Scheiden wir in aller Liebe und Herzlichkeit für eine Weile von einander, und wenn du dann wieder zu uns zurückkommst, wirst du alles mit anderen Augen ansehen, deß bin ich sicher.«
Frida schüttelte zwar leise und ungläubig den Kopf; aber der gute Geist, den ihr Vater heraufbeschworen, breitete seine Hände über sie.
»Wie du willst, Papa. Ich glaube, du hast Recht, und es ist gut für alle Theile,« sagte sie weich und ergeben. »Ich werde meine Sachen zusammen suchen, dann können wir fort, je eher je lieber.«
Der Geheimerath küßte sein Kind liebevoll und sagte leise: »So ist's recht, Frida, mache deinem armen Vater das Herz nicht gar zu traurig. Ich danke dir, und sie wird dich dafür segnen.« Dabei blickte der weiche Mann noch einmal feuchten Auges nach dem Bilde seiner ersten, unsäglich geliebten und betrauerten Gattin, dann verließ er still das Zimmer.
Frida setzte sich wie gebrochen diesem lieben Bilde gegenüber, und leise rannen noch einige Thränen über ihre Wangen. Aber es waren gute Gedanken, welche jetzt durch ihre Seele zogen. Sie gedachte jener traurigen Zeit, als diese treue Mutter von den Ihren schied, nachdem sie noch dem kleinen Käthchen das Leben geschenkt hatte, und welche Zerstörung dieser Tod in die Familie brachte. Ihr Vater war wie vernichtet von Kummer und Leid; das schwache, neugeborne Kindchen lag kraftlos und still in seiner Wiege, und das matte Lebenslicht schien verlöschen zu wollen. Sich selbst überlassen, trieben sich die andern Kinder im Hause umher, Frida selbst erst 12 Jahre alt und unfähig, die jüngeren Geschwister zu zügeln. Wohl kamen dann Fremde in das Haus, sich der Kinder und des Hauswesens anzunehmen; aber es war ein zerfahrener Geist in dem Ganzen, und der Hausherr besaß nicht Kraft und Umsicht genug, es zu ändern. Summen wurden verschwendet, die Leute gewechselt, bald Strenge, bald Güte versucht, die Dinge anders zu gestalten, es war vergebens. Dann erkrankten die Kinder am Scharlachfieber, zwei von ihnen, welche vielleicht bei sorgsamerer Pflege gerettet werden konnten, erlagen der Krankheit, und die beiden Jüngsten blieben kränklich und blaß, nachdem sie genesen waren. Endlich übernahm Frida die Oberleitung des Hauswesens, sie war ja sechzehn Jahr alt und also ein erwachsenes Mädchen. Aber statt besser, wurde es nur schlimmer. Frida fühlte das wohl, wußte es aber nicht zu ändern. Sie war sich selbst nicht klar, daß ohne Anleitung und ernsten Sinn, nur voll Interesse für ihr Vergnügen, ihren Putz und ihre Freundinnen, sie einer solchen Aufgabe nicht gewachsen war. Frei und ohne jegliche Schranke ließ der Vater sie schalten und walten, that alles, was Frida wollte, gab ihr Geld über Geld und bewilligte alle Vorschläge, nur um Ruhe und Frieden im Hause zu haben. Und doch erreichte er damit wenig, Frida aber brachte er großen Schaden. Ein dunkles Gefühl sagte dies dem jungen Mädchen gar wohl; aber doch war es gar zu schön, so unbeschränkt leben und befehlen zu können, sie wünschte es nicht anders.
Welch ein Donnerschlag war da für sie die Nachricht, ihr Vater werde wieder heirathen! Tiefe Entrüstung ergriff Frida über solches Unterfangen, und mit lebhaftem Mißtrauen und starker Abneigung trat sie der unwillkommnen Stiefmutter entgegen. Mit innerer Empörung übergab sie den Händen der neuen Hausfrau alle Pflichten, welche jetzt ihr obgelegen, und denen sie freilich nur allzu lässig nachgekommen war. Die Uebergabe dieser Geschäfte konnte sie nicht ändern und mußte sie schweigend ertragen. Aber eines stand fest: sie selbst wollte nie etwas mit dieser Stiefmutter gemein haben und sich nie und nimmer ihrer Macht unterwerfen. Freilich suchte diese neue Mutter durch unsägliche Geduld und Milde solche Entschlüsse zu stürzen und Frida's Herz zu erobern, Frida jedoch stemmte sich mit aller Macht dagegen, und wie sie ihre vermeintlichen Rechte glaubte schützen zu müssen, das haben wir selbst gesehen. Aber es war ihr nicht wohl dabei. Sie fühlte Tag täglich, welchen Schatz ihr Vater mit dieser Mutter in das Haus geführt, und wie wohl geordnet jetzt alles seine stillen Wege ging. Wie froh und heiter blickte ihr Vater jetzt in die Welt hinein, wie wohl versorgt waren die kleinen Geschwister, und wie ordentlich und gesittet thaten die Dienstleute ohne Lärm und ohne Widerspenstigkeit ihre Pflichten. Aber trotz dieser Einsicht konnte sie die Erbitterung und den Verdruß nicht aus ihrem Herzen scheuchen, und so war es besser, sie ging. Mochte ihr Vater Recht haben oder nicht, mochte Zeit und Entfernung günstig wirken oder nicht, für jetzt konnte es nicht so bleiben, das sah und begriff sie. Der vorige Trotz ihres ungebändigten, kindischen Herzens hatte jetzt ruhigerer Einsicht Platz gemacht, ja endlich behauptete die Jugend so sehr ihr Recht, daß die bevorstehende Reise mit ihren neuen Verhältnissen und Eindrücken ihr sehr lockend erschien, und sie sich von Herzen auf den Landaufenthalt freute, den sie sich lange schon gewünscht. So machte sie denn gute Miene zum bösen Spiel, erzählte ihren Freundinnen von der bevorstehenden frohen Aussicht und war ganz heiter und guter Dinge. Gertrud ging auf diese Stimmung Frida's nur zu gern ein und half ihr eifrig, für die Reise alles in Stand zu setzen, wobei sie freilich wünschte, gar vieles von dem Putz und Staat aus den Koffern wieder heraus zu legen, den die eitle Frida einpackte, welche sich einen sonderbaren Begriff von den Bedürfnissen ihres Landlebens zu machen schien.
So war denn einige Tage später der Schritt geschehen und Frida im Hause der Tante Marie. Ihr Vater war wieder abgereist, Frida aber saß bald nach ihrer Ankunft bei einem Briefe an ihre liebste Freundin, und damit wir sehen, wie es ihr in der neuen Umgebung gefällt, blicken wir über die Schulter der Schreiberin und nehmen Kenntniß von ihren Freundschaftsergüssen.
»Liebste, beste Franziska!
Drei Tage sind schon darüber hingegangen, daß ich meinem Papa Lebewohl gesagt habe und hier in das Haus von Onkel und Tante Bremer eingetreten bin. Wie voll ist mir das Herz, und wie sehr verlangt mich danach, Dir, meiner besten, liebsten Freundin, von meinem Ergehen und meiner hiesigen Situation Kunde zu geben. Aber bis jetzt kam ich nicht dazu; denn ich kann Dir sagen, daß ich völlig benommen bin von der Neuheit meines Aufenthaltes. Eine Sehnsucht und ein Verlangen nach meinem himmlisch behaglichen Vaterhause, nach Dir und meinen anderen geliebten Freundinnen erfüllt mich von früh bis spät, und wenn ich mich nicht schämte, ich packte am liebsten wieder ein und eilte zurück zu Euch Allen, trotz der unerträglichen Verhältnisse im Vaterhause.
Ach Deinem Herzen, mein Fränzchen, als dem meiner intimsten Freundin, habe ich ja allein den wahren Sachverhalt anvertraut, Du allein weißt ja, was und wer mich aus dem Vaterhause hinaus getrieben. Die, die sich jetzt meine Mutter nennt, ist es, ich weiß es wohl, und wenn ich auch um Papa's willen heiteren Auges geschieden bin, Du weißt besser, wie es in mir aussieht. Ach eines nur beruhigt und tröstet mich trotz allem — daß ich diese Reise nicht schon einige Monate früher antreten mußte. Du ahnest und weißt warum, meine süße Freundin! Die himmlischen Stunden in Eurem Hause, wo ich ihn sehen und sprechen durfte, ach sie sind ja doch ohnehin jetzt vorüber, seit er fort ist. Aber wo ist er, warum sagte er es nicht, und warum ging er so plötzlich fort ohne unser Wissen? Zum Winter aber, wenn ich wieder bei Dir bin, dann will ja auch er wiederkommen, das hoffte er so sicher, als ich ihn zum letzten Male sprach. O dieses letzte Mal, Fränzchen, es wird mir ewig in der Seele bleiben!
Wie oft hast Du mir versichert, ich sei ihm nicht gleichgültig, Du, liebe, treue Freundin, ach immer und immer konnte ich nicht daran glauben. Aber beim Abschied, da habe ich es wohl glauben müssen, (o und wie gern!) denn daß ich es Dir jetzt nur gestehe, er hat es mir nur allzudeutlich gesagt. Aber nicht blos in trocknen, prosaischen Worten, wie ein Anderer es wohl an seiner Stelle gethan hätte; o nein, das wäre dieses genialen, poetischen Kopfes nicht würdig! Nein, er hat mir in einigen entzückenden Versen seine Gefühle gestanden. Denke nur, Verse von ihm selbst. O ich müßte ein Herz von Eis oder Stein haben, wenn mich diese Worte nicht gerührt hätten, und der Blick, von dem sie begleitet waren. Ich muß Dir wirklich als Sühne für mein spätes Vertrauen dieses Gedichtchen hersetzen; urtheile selbst, was ich dabei fühlte.
In einem stillen Thale
Blüht eine Rose hold,
Die Blätter glühn und glänzen
Wie süßer Minne Sold.
Da kommt mit müdem Schritte
Ein Wandersmann daher,
Sein Aug' ist matt und trübe,
Sein Herz ist bang und schwer.
Doch wie mit holdem Zauber
Weht's um ihn wunderbar,
Und weiche Rosendüfte
Umspielen Stirn und Haar.
Und wie ein Himmelsbote
Schaut ihn das Röslein an:
»Wohl kann ich Heilung bringen,
»Du armer, kranker Mann.«
»Wem ich am Herzen ruhe
»In stiller Lieb' und Treu',
»Dem lächelt Freud' und Wonne
»Und süßes Glück aufs Neu.
»»O Rose, holde Rose,
»»So sei auf ewig mein!
»»Des Herzens banges Sehnen,
»»Das stillest du allein!
»»An treuer Brust geborgen
»»Blühst du in sichrer Huth;
»»O Rose, sei mein eigen,
»»Nur dann ist alles gut!««
O wenn Papa dies läse, dann würde er eine andere, höhere Meinung von den Gaben dieses herrlichen Mannes bekommen! Aber um alles in der Welt, ihm darf ich es nicht sagen, er würde mir nie verzeihen, daß ich solche Dinge angenommen habe von einem jungen Manne, der ihm ganz fremd, und, wie ich mit blutendem Herzen bemerkt, durchaus nicht willkommen ist. So mag es denn ein süßes Geheimniß zwischen uns bleiben, mein Fränzchen, und wenn er wieder zurückkehrt, dann geht hoffentlich die Sonne heller für uns auf. Was kümmert es mich, wer und was er ist, wonach Papa so sorglich forschte! Er ist Deiner Mama von einem Jugendfreunde empfohlen, das genügt mir, und wer so edel und vornehm in seiner Erscheinung, so fein und ritterlich in seinem Benehmen ist, der kann kein untergeordnetes Menschenkind sein. Der Stempel edler Abkunft ist ja seiner schönen Stirn aufgeprägt! — Doch genug; ich verliere mich in meine süßen wonnigen Träume, und doch muß ich ihnen hier so ganz Lebewohl sagen und der rauhen Wirklichkeit um mich her leben. Laß Dir jetzt hiervon ein Wenig erzählen und bedaure mich, Du Getreue!
Franziska, was giebt es doch für Existenzen, und was das Wunderbarste ist, wie glücklich scheinen mir hier die Leute alle in diesen mehr als einfachen Existenzen. Mir steht der Verstand still, und Dein scharfer Humor fände hier nur allzureichen Stoff für Witz und Spöttereien.
Also mit dem Anfang zu beginnen, das heißt, mit unserer Ankunft hier in Dahme. Auf der Eisenbahnstation erwartete uns die Tante Marie selbst, eine große, brünette Frau mit starken Zügen und einer derben Art und Weise, sich auszudrücken. Ich kannte sie jedoch schon, obwohl ich sie damals mit Kinderaugen anblickte, denen alles Neue schön erscheint. Leider sehen diese Kinderaugen jetzt auch noch anderes, an der Tante z. B. gleich einen mehr als einfachen Anzug und einen Hut, den Noah's Eheweib füglich hätte tragen können, so uralt war er und bot Schutz vor Sonne, Wind und Regenwetter. Sie schloß mich stürmisch in ihre großen, starken Arme und schüttelte mir die Hände so energisch, daß meine feinen, blaßgrauen Josephinenhandschuhe, die ich mir zur Reise frisch angeschafft, sogleich in einem breiten Riß auseinander platzten. »Zieh die Dinger herunter, Kind!« rief sie lachend, als sie sah, was sie angerichtet; aber das ließ ich wohl bleiben, die scharfe Sonne hätte mir die Haut gleich abscheulich verbrannt. Eine breitbauchige, schwerfällige Kalesche nahm uns dann auf, vor welche ein paar lächerlich plumpe Ackergäule gespannt waren, die ein roher Knecht vom Kutschbocke aus dirigirte. Meine hohen Koffer blickte die Tante mit starrem Schrecken an, auf der Kalesche hatten die keinen Platz. »Wir müssen einen Leiterwagen herschicken, anders geht's nicht,« sagte die Tante achselzuckend. »Was schleppst du denn alles mit dir in der Welt herum?« fragte sie lachend, »in solchen Koffern hat ja ganz Dahme Platz.« Aber dann zogen Knecht und Pferde Tante's Aufmerksamkeit auf sich, und wir waren kaum zum Bahnhofe hinaus, da rief sie gebieterisch: »Stillhalten, Michel!« Wie der Blitz schwang sie sich dann auf den Bock, griff dem tölpelhaften Knechte in die Leine und kutschirte nun selbst.
»Ich bitte um Verzeihung, lieber Schwager,« sagte sie dabei äußerst munter, »mein Mann brauchte unsern Kutscher heut anderweitig, ich mußte den Michel nehmen. Da der aber gewöhnlich nur Arbeitswagen fährt, will ich ihm den ungewohnten Posten lieber abnehmen.«
»Du fährst selbst, Tante?« rief ich erstaunt, sie nickte aber blos und schnalzte mit der Zunge, und in raschem Trabe führten die plumpen Gäule uns und die alte Kalesche durch Wiesen und Felder. Auf einige Worte und Zeichen der Tante sprang nach einer Weile der Michel vom Wagen herunter und lief zu einem Trupp Arbeiter, die im Acker beschäftigt waren.
»Das ist schon Dahme'scher Grund und Boden!« rief die Tante stolz und deutete mit der Peitsche hinüber. »Sie sind gerade beim Düngen.«
Auch ohne ihre Erklärung hätten meine Geruchsnerven mir das verrathen; es war ein gräulicher Gestank, und erschrocken hielt ich mir das Tuch vor's Gesicht. Die Tante sah es und lachte. »Ja ja, Kindchen, nach Rosenöl riecht's gerade nicht; aber ich sage dir, für einen rechten Landwirth giebt's auf der ganzen Welt keinen schöneren Duft, als solchen frischen Dünger. Wirst dich schon daran gewöhnen, wenn du ein Weilchen bei uns bist. Der glatte Misthaufen inmitten unseres Hofes ist unserer Augen Trost und Freude.«
Ich blickte Papa betroffen an, denn ich war entsetzt über solche Reden. Papa aber lachte und fing an mit der Tante über die Ländereien zu sprechen, durch welche wir fuhren, und zwar mit einem Interesse und einer Sachkenntniß, daß ich ganz erstaunt zuhörte. Ich hatte nie gewußt, daß mein feiner, eleganter Papa, der sich in seinem Arbeitszimmer und im Kabinet des Ministers nur mit Akten und Zahlen beschäftigt, auch davon etwas verstand.
Nun endlich waren wir in Dahme. Ein spitzer Kirchthurm schaute lange schon über eine Anzahl Dächer herüber, und umgeben von einem weiten, bäuerlich aussehenden Garten stand ein schlichtes, großes Haus vor uns, vor dem der Wagen still hielt.
»So, da wären wir glücklich!« rief die Tante und sprang vom Bock herunter, mit der Peitsche ein Paar große Hunde abwehrend, welche mit wüthendem Gebell zum Hofthore herausstürzten, das ein Knecht öffnete.
Hinter dem Knechte erschienen zwei junge Mädchen, welche ich für Dienerinnen hielt und ihnen schweigend meine Sachen zu tragen gab, die ich im Wagen hatte. Da stellte Tante Marie sie mir plötzlich als ihre Töchter Lottchen und Hannchen vor. Denke Dir meinen Schrecken! Ganz verdutzt über meine so äußerst simpel aussehenden Cousinen folgte ich denselben nun in den Hof, der das Haus von drei Seiten umgab, und in dem ich wirklich, wie Tante Marie gesagt, in der Mitte einen mächtig breiten, glatten, wohlgepflegten und umzäumten Misthaufen erblickte, auf dem sich eine Masse Hühner, Enten und Gänse, Futter suchend, umhertrieben. Rings im Hofe, der von Wirthschaftsgebäuden umgeben ist, standen eine Menge Pflüge, Wagen und was weiß ich alles, und eine Anzahl Arbeiter waren dabei, Pferde an- und abzuschirren. Tante Marie lief sogleich zu diesen Leuten hinüber und gab einige Befehle, und wenige Minuten darauf rasselte ein Leiterwagen zum Thore hinaus, wahrscheinlich um meine unglücklichen Koffer von der Bahn zu holen.
Als wir in das Haus eingetreten waren, umarmte Tante Marie mich noch einmal und begrüßte mich als lieben Gast. Auch meine Cousinen kamen jetzt ganz zutraulich herbei und nahmen mir Hut und Mäntelchen ab, mit höchst verwunderten Blicken meine Frisur und Toilette betrachtend, wie ich wohl merkte. Ich kam mir in meinem Anzuge, der doch nur eben modern und gewiß nicht übertrieben elegant ist, hier in dieser grenzenlos einfachen, ja ich möchte sagen, ärmlichen Umgebung aber auch selbst höchst eigenthümlich vor, wie eine Prinzessin im Kreise von schlichten Bürgersleuten. Und doch ist Tante Marie die Schwester meiner Mutter, also bin ich doch gar nicht vornehmer als meine Cousinen, wenn mein Papa auch ein hoher Staatsbeamter ist. Uebrigens sind diese meine Cousinen ganz hübsche Mädchen, nur freilich zu roth und zu gesund aussehend für unsere Cirkel. Das glatt gescheitelte Haar, wie es bekanntlich jetzt nur noch die Engel tragen, bei Charlotte dunkel, bei Hannchen weich und blond, umrahmt angenehme Züge, und die blauen Kornblumenaugen blicken ohne Falsch in die Welt hinein. Aber denke Dir, daß meine Cousinen in dunkeln Kattun gekleidet sind, wie ihn unsere Dienstleute tragen, ohne einen Schatten von Ueberwurf oder Garnierung, und helle, bunte Kattunschürzen liegen darüber zum Schutz dieser kostbaren Gewänder. Und welcher Schnitt von Taille und Aermel! Wahrhaft lächerlich einfach. Der Onkel, der jetzt rasch und laut in das Zimmer trat und uns wie ein rechter Biedermann begrüßte, ist der Typus eines schlichten Landmannes vom Kopf bis zur Zehe. Seine blonden, krausen Haarlocken und das feuerrothe Gesicht, aus dem die hellen, blauen Augen ordentlich spashaft bunt herausleuchten, werden von ein Paar mächtig breiten Schultern getragen, und der ganze prachtvolle Mann steht so fest und sicher mit seinen Füßen in den riesigen Stulpenstiefeln, als gehörte ihm die ganze Welt. Aber wenn Du denkst, das ist nun die ganze Familie, da irrst Du Dich sehr. Jene beiden Cousinen sind nur die Aeltesten einer ganzen Reihe von Kindern. Zuerst präsentirte sich noch ein halbreifer Backfisch in ausgewachsenen Kleidern, mit einem schüchternen Gesicht und linkischem Benehmen; dann ein Bursche von etwa 13 Jahren, der gerade zu den Ferien hier ist, ein richtiger Schlagtodt, und endlich kommen noch ein Mädel und zwei kleine Jungen, der Jüngste etwa 3-1/2 Jahr alt. Und das ist alles roth und dick und kräftig und gesund, bald schwarz wie die Mutter, bald blond wie Papa, und lacht und schwatzt und läuft durcheinander, daß einem der Kopf schwirren möchte. Lieber Gott, wenn ich an meine beiden blassen, stillen Geschwister zu Hause denke, wie wird mir da! Die hätte Papa herschicken sollen, daß sie frisch und gesund hier werden, ich mag ja gar nicht solche unverschämt rothen Backen haben, wie Hannchen und Lottchen, das ist ja so schrecklich gewöhnlich. Nun ich denke, ich werde mich wohl davor hüten können. Aber freilich, diese Kost, welche hier täglich genossen wird, ist dazu angethan, den Körper robust und derb zu machen. Was wird hier alles aufgetragen! Von diesen Riesenschinken, diesen armstarken Würsten, diesen mächtigen Fleischstücken, welche hier geräuchert, gekocht und gebraten die Tafel möchten brechen machen, hast Du gar keine Idee. Und diese Butter, dieser Honig, diese Milch und Sahne und diese Fülle von Obst — ich meine oft, ich bin im Lande Kanaan, und Onkel Bremer lacht immer über sein ganzes, hübsches Gesicht, wenn er mein Staunen über solche Fülle mit ansieht. Welche Ueberwindung kostet es da, nicht frisch drauf los zu schmausen, sondern an seine zierliche Figur zu denken, für welche solche Kost ewiger Ruin wäre. Denke Dir, wenn ich als derbe, plumpe, feuerrothe Landdirne mit dicker Taille und braunem Gesicht und Händen wieder zu Dir käme! Was würde wohl Baron L. dazu sagen? Und wie würde Lieutenant v. F. verächtlich sein bleiches Bärtchen drehen und mit einem hm, hm, ei wie Schade! seinen Augenkneifer eilig wieder herabfallen lassen, durch den er die ehemalige »Rosenknospe« bewundern wollte.
Aber ich schreibe alles durcheinander und wollte Dir doch von dem Leben hier noch etwas erzählen. Den nächsten Tag, als Papa noch hier blieb, war das Treiben im Hause noch etwas festlich und aus dem Geleise gebracht, dann aber ging alles wieder seinen regelmäßigen Gang, gerade wie ein Uhrwerk, und da bin ich denn mitten hinein gefallen, ohne daß irgend Jemand sich in seinen täglichen Arbeiten stören läßt oder besondere Notiz von mir nimmt. Jedermann ist herzlich und freundlich gegen mich, wie man denn den ganzen Tag kein böses Wort hört, trotz der vielen Kinder. Aber ich fühle mich doch im höchsten Grade unbehaglich; denn was soll ich unter diesen Menschen, die den ganzen Tag vom frühesten Morgengrauen, (o mein Gott, wie entsetzlich früh!!) bis in die Nacht hinein nichts thun als arbeiten, arbeiten! Am ersten Tage meinte ich, man habe etwas Besonderes vor, daß alles so unablässig thätig war; aber nun merke ich wohl, man treibt es nie anders. Mir schwindelt ordentlich, wenn ich sehe, wie meine Cousinen immerfort nähen, stricken, kochen, plätten, im Hof und Garten, Küche und Keller wirthschaften, und die Tante an der Spitze; denn sie arbeitet wie ein Mann und hat die Wirthschaft und die Leute in fabelhafter Zucht und Ordnung. Man hat mir einen Einblick gegeben, wie alles im Hause eingetheilt ist und wie jeder seine Arbeit zugewiesen erhält. In dieser Woche hat Hannchen die Küche und Lottchen die Milchwirthschaft und die Nähereien, und selbst Martha, der Backfisch, hat sein Revier meist in der Kinderstube. In nächster Woche wechselt die Eintheilung wieder: Lottchen bekommt Hannchens Arbeit und umgekehrt Hannchen die Lottchens. Tante führt die Oberleitung und steht sogar oft dem Onkel bei; denn sie besitzt Kenntnisse und Verstand wie ein Landwirth. Sogar die kleinen Kinder helfen schon in ihrer Weise, indem sie ihre Sachen selbst aufräumen, sich unter einander beim Anziehen beistehen, im Garten oder der Küche kleine Dienste thun, kurz, wie kleine Sclaven schon ganz wacker ihre Kette nachschleppen. Du kannst denken, wie mir bei solchem Leben zu Muthe ist. Kennt man denn in diesem Hause keine besseren Beschäftigungen? Wo bleibt da Bildung und Sinn für edlere Dinge? Und von irgend welchem Vergnügen ist nie und nimmer die Rede. Heißt das Jugendglück, heißt das Lebensgenuß für ein junges Mädchen? O wie froh bin ich, daß ich anderes kennen gelernt, daß ich anders erzogen und aufgewachsen bin, als meine armen Cousinen, die mir schrecklich Leid thun würden, wenn sie nicht so äußerst zufrieden und froh in die Welt hinein blickten und nichts anderes wünschen. Aber wie ich es hier lange aushalten soll, das mag Gott wissen. Bedaure mich etwas, meine theure Franziska, und schreibe bald
Deiner Frida.«
Was Frida in großen Zügen ihrer Freundin mitgetheilt, das war allerdings Wahrheit. Der Geist, der dieses Haus beherrschte, war der Geist der Arbeit, und Jedermann schien sich dabei äußerst wohl zu fühlen. Frida freilich kam sich in dieser Welt unsäglich überflüssig vor. Ueberall war sie im Wege und fühlte sich einsam mitten unter den vielen Bewohnern des Hauses. Bisher war sie stets die Bewunderte und Tonangebende gewesen; ihre Freundinnen hatten ihr gehuldigt und geschmeichelt, der Vater alles gut und schön gefunden, was sie that, und ihr Wille wurde Gebot für das ganze Haus. Hier war sie ein Glied einer langen Kette, und niemand dachte daran, daß sie im Herzen andere Ansprüche machte. Der Vater hatte sie hergebracht, damit sie wie eine Tochter des Hauses in der Familie leben sollte, und wie eine solche wurde sie in dem Kreise aufgenommen und gehalten, gerade so und nicht anders, nur daß man eben keine Arbeiten von ihr verlangte. Aber Umstände machte man freilich auch nicht mit ihr. Ihr Zimmerchen lag neben dem von Charlotte und Hannchen. Es war eben so einfach, wie alles sonst im Hause, und Frida meinte zuerst, hier könne sie es nicht aushalten. Das verzärtelte Kind setzte zu Haus den Fuß auf weiche Teppiche, sowie sie das Bett verließ, und tausend zierliche und üppige Bequemlichkeiten umgaben sie, welche sie von jeher als etwas Selbstverständliches betrachtet hatte. Mit flinker Hand stand die Jungfer schon beim ersten Erwachen des jungen Dämchens bereit, ihre Dienste anzubieten, und ohne daß sie selbst es wußte war Frida ein unsäglich verwöhntes und verzärteltes Prinzeßchen geworden. Was Wunder, wenn ihr die so äußerst einfachen Zustände in dem Pächterhause als abschreckend und unerträglich vorkamen. Am ersten Abend hatten die Cousinen bereitwillig ihre Dienste angeboten, als Frida sich auskleidete; war es ja doch für die einfachen Mädchen ein wahres Fest, Frida's zierliche und elegante Toilette so Stück für Stück in der Hand mustern und bewundern zu können. Achtlos warf Frida all die kostbaren Dinge auf Stühlen und Fußboden umher, denn sie war nicht daran gewöhnt, selbst etwas aufzuräumen. Die Cousinen flogen eilfertig hierhin und dorthin zu ihrer Bedienung, räumten und ordneten, falteten und glätteten mit geschäftigen Händen, und Frida nahm ruhig alles hin, als gehöre sich das so. Endlich löste sie ihr reiches, blondes Haar auf, das die Jungfer ihr vor dem Schlafengehen stets sorgfältig kämmte und bürstete. Beim Losstecken desselben fielen einige Locken und Toupé's zur Erde, welche den hohen modernen Aufbau der Frisur noch höher und reicher gemacht hatten, wie es bei den jungen Modedamen so Sitte ist. Laut auflachend hob Hannchen diese Trophäen der Eitelkeit empor und hielt sie staunend in den Händen.
»Aber Frida, warum packst du dir denn solch' falsches Zeug auf deinen Kopf?« rief sie verwundert. »Du hast ja so schönes Haar; das fremde möchte ich nicht tragen, wer weiß, wer das auf dem Kopfe gehabt hat!« Frida nahm ihr die Dinge verdrießlich aus der Hand und sagte: »Das verstehst du nicht; in der Stadt kleidet man sich eben wie die Mode es fordert. Mein eigenes Haar ist mir oft sogar im Wege, fremdes frisirt sich viel besser. Aber hier freilich scheint es mir unnütz, denn wer soll mich hier frisiren?« Aergerlich griff sie bei diesen Worten zum Kamm und fuhr sich hastig und ungeschickt durch das lange, dichte Haar, da sie in Abwesenheit ihrer Jungfer dies Geschäft selbst machen mußte. Da es ihr aber nicht gelang, warf sie den Kamm verdrießlich wieder hin und wollte das Haar ungekämmt aufstecken. Sie verfitzte es dabei jedoch so arg, daß Lottchen endlich zugriff und rief: »O das schöne Haar! Warum verwirrst du es denn so? Soll ich es dir auskämmen, Cousinchen?«
Und flink huschte der Kamm bei den Worten schon durch das weiche Haar, was das junge Mädchen ruhig geschehen ließ.
»Mein Gott, warum Papa nur nicht wollte, daß ich meine Jungfer mitnahm!« klagte Frida verstimmt, »wie soll ich denn mit meiner Toilette allein fertig werden?«
»O wir helfen dir, liebe Cousine,« riefen die jungen Mädchen.
»Aber habt ihr denn keine Jungfer, die euch anzieht?« fragte Frida erstaunt, und ein schallendes Gelächter antwortete ihr.
»Eine Jungfer? Wir?« rief Lottchen belustigt. »Ja was sollten wir denn mit der? Wir machen alles selbst, und ich wüßte gar nicht wie spaßig ich mich dabei anstellen würde, wenn ich mich sollte in allen Stücken bedienen lassen. Seit wir erwachsen sind, Hannchen und ich, haben wir der Mutter alles abgenommen, im Hause und in der Wirthschaft. Vater hat einen sehr hohen Pachtzins zu zahlen, da müssen wir alle sparen helfen, und Gott hat uns ja gesunde Glieder gegeben, die arbeiten können. Unnütze Dienstleute kosten Geld; so haben wir jetzt auch für die Milchwirthschaft keine Mamsell mehr, sondern besorgen diese Geschäfte abwechselnd. Diese Woche bin ich an der Reihe, und wenn ich morgen früh um 3 Uhr aufstehe, um in den Kuhstall zu gehen, so erschrick nicht über die Störung; beim Melken muß ich dabei sein.«
»Was, um drei willst du aufstehen?« rief Frida entsetzt. »Das ist ja fürchterlich! Bist du denn da nicht den ganzen Tag nervös und müde?«
»Nervös niemals, ich weiß gar nicht, was das ist,« sagte Lottchen. »Müde jedoch bin ich natürlich oft rechtschaffen; aber das schadet nichts, da schläft sich's um so schöner. Und wenn man seine Arbeit hat, vergißt man die Müdigkeit. Ich denke, du wirst schon Gefallen am Landleben bekommen, und ich freue mich darauf, dir unsere sauberen Ställe zu zeigen mit dem schmucken Vieh; die schönen Milchkeller mit den vielen Milchschüsseln und Butterfässern und dann die anderen Wirthschaftsräume alle — o ich sage dir, es ist eine wahre Lust, darin thätig zu sein. Um keinen Preis möchte ich unser Leben mit einem in der Stadt vertauschen, obwohl ich gar keine rechte Vorstellung habe, was ihr in der Stadt eigentlich treibt ohne Vieh und ohne Landwirthschaft.«
Frida verzog bei diesen Worten ihr Mündchen etwas höhnisch und zuckte mit den Schultern. »Jeder lobt sich seine Existenz als die Beste,« sagte sie herbe. »Für ein Leben, wie ihr es führt, müßte ich meinerseits nun wieder danken. Ich stürbe in den ersten acht Tagen dabei.«
Die Cousinen lachten herzlich und versicherten, es käme nur auf Gewöhnung an; Frida aber ließ sich innerlich schaudernd über solche Gewöhnung von Lottchen das gestickte Nachthemd überwerfen, und die Bewunderung über dies Kleidungsstück, das den jungen Mädchen etwas ganz Neues war, führte die Gedanken wieder auf andere Dinge. Das zierliche Nachthäubchen barg die vollen Flechten kaum, welche Hannchen bewundernd darunter schob, und die feinen, seidenen Pantöffelchen brachten Lottchen ganz in Ekstase.
»Du bist wie eine kleine Prinzessin im Märchen,« rief sie entzückt. »Solche reizenden Sachen habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Aber ich möchte sie nicht an mir haben; ich würde mich immer ängstigen, etwas davon zu zerreißen.«
»Nun was schadet das?« sagte Frida müde, »ewig kann man das Zeug doch nicht tragen, dann kauft man anderes.«
»Wir können das nicht, wir müssen sparsam sein und unsere Sachen lange tragen, sagt die Mutter,« erwiederte Hannchen. »Viel Kinder kosten Geld, für unsere Garderobe darf nicht viel ausgegeben werden. Aber bei unserm Leben hier auf dem Lande denkt auch niemand an Putz und Staat, das entbehren wir nie.«
»Aber kommt ihr denn nie in Gesellschaft oder auf Bälle und in Concerte?« sagte Frida.
»In Gesellschaft? O ja, zuweilen,« rief Lottchen stolz. »Pastor Werders und unsere Nachbarn in Hermsbach besuchen wir häufig, besonders an Festtagen, und das ist dann prachtvoll. Ich freue mich schon darauf, dich ihnen vorzustellen. Manchmal wird dann auch wohl ein Tänzchen gemacht, besonders wenn die Söhne in den Ferien da sind, jedoch wir Mädchen tanzen auch unter einander. Am schönsten aber ist's, wenn wir Geschwister unter uns sind, und Vater seine drei alten Tänze aufspielt, nach denen wir in der großen Unterstube tanzen. Du sollst nur einmal dies Vergnügen der Kinder mit ansehen; sogar unsere Mutter dreht sich da mit uns herum, wir lassen ihr keine Ruhe. Und nun kommt bald Kirmes, da tanzt das ganze Dorf und die ganze Umgegend unter unsern Linden. Das ist ein Fest, sage ich dir, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst. Unser Großknecht ist ein prachtvoller Tänzer; du sollst sehen, mit ihm tanzt sich's so schön, wie mit deinem trefflichsten Cavalier im Tanzsaal.«
»Ich soll mit euren Knechten tanzen?« rief Frida erschrocken, »thut ihr denn das?«
»Nun natürlich, das ist ja eine Ehre, die wir den Leuten nicht abschlagen dürfen,« entgegnete Hannchen. »Wir würden es aber auch selbst gar nicht entbehren mögen; denn auf den Kirmestanz freuen wir uns schon das ganze Jahr, es ist gar zu lustig.«
Frida schüttelte ungläubig den Kopf und war im Herzen außerordentlich indignirt über den Geschmack ihrer Cousinen. Mit den Knechten aber je zu tanzen, dazu sollte sie sicher nichts bewegen. Es wäre ja eine Schmach für das feine Fräulein, das sich bisher nur in aristokratischen Kreisen bewegt hatte. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und sagte ihren Cousinen gute Nacht, denn sie war müde von all dem Neuen, was sie umgab.
Als sie am andern Tage erwachte, hörte sie schon viel reges Leben im Hause, und doch war es für Frida noch eine so frühe Stunde, daß sie im Vaterhause sich noch ruhig auf die andere Seite gelegt hätte, um weiter zu schlafen. Hier jedoch fing der Tag früher an, wie sie merkte, und seufzend wickelte sie sich aus dem schweren Federbett heraus, das sie am Abend aufgenommen hatte. Aber mit welchem Seufzer dachte sie nun daran, daß sie sich ganz allein anziehen müsse und keine helfende Jungfer zur Seite habe. Jetzt erst merkte sie, wie verwöhnt sie war, und wie Recht ihre Stiefmutter hatte, welche ihr freundlich gerathen, ihren Anzug möglichst selbst zu besorgen und sich nicht von Anderen abhängig zu machen, was oft sehr unbequem werden könne. Ach jetzt war es entsetzlich unbequem, sie sah es wohl ein; denn fast weinend vor Verdruß gerieth sie mit Kämmen und Bürsten, Bändern und Haken und allen andern Gegenständen der Toilette in Krieg und Feindschaft. Endlich schaute Hannchens frisches Gesicht zur Thür herein.
»Gut geschlafen, Cousinchen?« rief sie fröhlich.
»Danke, leidlich,« erwiederte Frida verstimmt.
»Ich will dir bei der Toilette ein Bischen helfen, wenn du erlaubst,« fuhr Hannchen freundlich fort und griff gleich nach all den Gegenständen, welchen Frida Urfehde geschworen hatte. Aber freilich die Toilette einer eleganten Stadtdame war für Hannchen ein Buch mit sieben Siegeln. Fragend hob sie bald dies, bald jenes empor, dessen Zweck ihr fremd war, vor allem aber wußte sie mit den Chignons und Locken, welche Frida's Haarputz vervollständigen sollten, absolut nichts anzufangen.
»Wirf die Dinger in den Kasten, was willst du hier damit!« rief sie endlich, und Frida wußte auch keinen andern Rath. Dann schlang Hannchen das schöne Haar ihrer Cousine in zwei lange, glatte Flechten, wand dieselben einfach um deren Kopf und führte Frida nun triumphirend vor den Spiegel.
»Du siehst zum Verlieben hübsch aus mit diesem glatten Köpfchen!« rief Hannchen bewundernd; Frida aber mochte ihr Spiegelbild kaum eines Blickes würdigen, denn sie fand sich abscheulich. Was kam hier jedoch darauf an, wie sie aussah? Für diese altmodische, einfache Familie war sie gut genug, und selbst im Morgenrock noch zu elegant, und von ihren städtischen Bekannten sah sie ja zum Glück niemand in solchem Aufzuge.
Mit wahrem Hohn dachte sie jetzt an all die zierlichen, eleganten Anzüge, welche ihre hohen Koffer bargen, und die sie gar nicht auspacken mochte. Die waren freilich hier von Ueberfluß, das wußte sie jetzt und bedachte dies mit stillem Seufzen. Sie wählte unter all den schönen Dingen ein einfaches Kleid aus, das freilich immer noch viel zu elegant für dies Haus war, und folgte dann Hannchen zu den übrigen Gliedern der Familie.
Ihr Vater saß ganz behaglich mit Onkel Bremer in der Sophaecke und rauchte sein Pfeifchen, und Frida hörte voll Staunen, daß er schon seit zwei Stunden in Feld und Wald mit dem Schwager umhergestrichen war. Lächelnd nickte er seinem Töchterchen zu und rief: »Sieh da, Frida, wie schmuck und nett du heut aussiehst. Diese glatten Zöpfe sind hübscher als deine hohe städtische Frisur, das gefällt mir gut.«