Erster Vortrag.
Sokrates.

Es ist schwierig, vor unbekannten Hörern von Philosophie zu reden. Da nämlich Philosophie den ganzen Menschen ergreifen will, muß ein philosophischer Vortrag mehr als jeder andere mit der inneren, tätigen Anteilnahme des Hörers rechnen. Alle Philosophie sucht Antwort zu geben auf die Frage nach der Bestimmung des Menschen. So mannigfaltig die Gegenstände sind, mit denen sie sich beschäftigt, sie wählt diese Gegenstände nur, weil sie von ihnen Auskunft erhofft über das wichtigste aller Probleme: Was soll ich in dieser rätselhaften Welt? Nur bei Hörern, die von dieser Frage irgendwie schon beunruhigt worden sind, kann ein philosophischer Vortrag hoffen, Verständnis zu finden. Ich nehme an, daß Sie alle in irgendeiner Weise diese Unruhe empfunden haben, daß also ein Bedürfnis nach Philosophie bei Ihnen besteht. Ein solches Bedürfnis muß ich voraussetzen, weiter aber will ich nichts voraussetzen. Ich werde mich bemühen, Ihnen zu größerer Klarheit über das zu verhelfen, was Sie suchen, und Ihnen die Wege zeigen, auf denen jenes Bedürfnis so viel echte Befriedigung wie irgend möglich findet. Als geeignetes Mittel zu diesem Zwecke erscheint mir, Ihnen die Hauptgedanken der Philosophie in innigster Verbindung mit dem Leben der großen Denker vorzuführen. Denn diese Gedanken sind aus dem inneren Erleben bedeutender Persönlichkeiten hervorgegangen; die Kenntnis dieser Persönlichkeiten ist zwar nicht der kürzeste und wissenschaftlichste, wohl aber der gangbarste und angenehmste Weg, um Verständnis für ihre Gedanken zu gewinnen.

Nicht neue Ergebnisse der Wissenschaft, sondern alte Weisheit will ich Ihnen vortragen. Sollte einer oder der andere dadurch sich enttäuscht fühlen, so müßte ich mit einer Anekdote antworten. Ein leutseliger König besuchte einst eine Sternwarte und fragte den leitenden Astronomen: »Was gibt's Neues am Himmel?« Der schlagfertige Gelehrte antwortete mit der Gegenfrage: »Kennen Majestät schon das Alte?«

Alte Weisheit also will ich versuchen, Ihnen so vorzuführen, daß sie neu erscheint – neu im Sinne von neu erlebt. Ich will mich bemühen, Ihnen die scheinbar entlegenen und lebensfremden Gedanken aus der Seele führender Denker heraus in ihrer inneren, lebendigen Bedeutung nahezubringen. Unter den großen Philosophen habe ich sechs Männer gewählt, die zugleich die drei fruchtbarsten Zeitalter in der Geschichte des philosophischen Denkens vertreten und die sich paarweise zueinander wie Lehrer und Schüler verhalten: Sokrates und Platon, Descartes und Spinoza, Kant und Fichte. Jedem von ihnen soll ein Vortrag gewidmet sein. Warum ich gerade diese Männer auswählte, kann sich nur durch den Fortgang meiner Betrachtungen rechtfertigen.

Vaterstadt und Zeitalter

Bei dem ersten unter ihnen freilich ist das sofort klar. Man kann nur bei Sokrates beginnen, wenn man die Philosophie lebendig erfassen will. Leben und Denken sind bei ihm innig verflochten. Er hat seine Philosophie nicht in Büchern, sondern in seiner Lebensführung und seinen Gesprächen dargestellt. Vielleicht war das mit dieser ungeheuren Wirkung auch nur in seiner Heimat und zu seiner Zeit möglich. Sokrates ist um das Jahr 470 v. Chr. als Sohn des Bildhauers Sophroniskos, den wir uns als Handwerker, nicht als Künstler vorstellen müssen, in Athen geboren. Seine Mutter übte den Beruf einer Hebamme aus. Er stammte also aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Aber die Armut hinderte einen Athener jener Zeit nicht daran, seinen Geist zu bilden. Athen stand damals auf dem Gipfel seiner Macht, es war nicht mehr Hauptstadt eines griechischen Kleinstaates, sondern Mittelpunkt eines Bundes von Seestaaten, der tatsächlich nahezu die Festigkeit eines einheitlichen Reiches hatte. Dadurch beherrschte nach den Perserkriegen das siegreiche Athen die Küsten Asiens und die Inseln des östlichen Mittelmeeres. Reichtum durchströmte die Stadt und wurde bei der demokratischen Verfassung in Festen, Spielen, Bauten, Kunstschätzen allen Bürgern zugänglich und nutzbar. Das Leben war durchaus öffentlich. Im Süden, wo Gespräch, Verhandlung, selbst Berufsgeschäfte sich auf der Straße abspielen, ist das – für den Mann wenigstens – in gewissem Sinne immer der Fall; in jener Zeit aber erfüllte den gemeinsamen Schauplatz des äußeren Lebens ein großes öffentliches Interesse geistiger und sittlicher Art, der leidenschaftliche Anteil jedes Bürgers an seinem Staate. Auch die nicht im engeren Sinne politischen Tätigkeiten dienten dem Staate; ihn verherrlichte und schmückte die Kunst, für ihn war es ebensogut wie für den Sieger selbst eine Ehre, wenn einer seiner Bürger in den Olympischen Spielen den Preis errang. Diese Einheit fand ihren höchsten Ausdruck in einer Religion, die nicht in bestimmten Glaubenssätzen oder heiligen Büchern niedergelegt war, aber durch die Weihe ihres Kultus das ganze bürgerliche Leben beherrschte.

So bildete sich der einzelne durch den Staat und für den Staat. Das bedeutete aber keine Unterdrückung persönlicher Kraft und Eigenart. Im Gegenteil, jeder irgendwie Begabte bemühte sich, im Staate Macht, Ansehen, Ruhm zu erringen. Gerade die Öffentlichkeit des Lebens machte auch die Ehrungen besonders verlockend; jede Tätigkeit wurde so zum Wettkampf. In den festlichen Aufführungen zu Ehren des Gottes Dionysos rangen dramatische Dichter um den Preis, die Volksversammlungen bildeten den Schauplatz rednerischen Wettstreites um die Gunst des Volkes. Es konnte nicht ausbleiben, daß die starken, selbstbewußten Persönlichkeiten, die sich für den Staat gebildet hatten, auch gegenüber dem Ganzen ihre Ansprüche geltend zu machen suchten.

Zum Durchbruch verhalf diesem Kraftgefühl des Einzelmenschen die Wissenschaft, die seit der Mitte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts in Athen Aufnahme fand. Sie war nicht dort entstanden, sondern stammte aus den griechischen Kolonien an der Westküste Kleinasiens, zumal aus den sogenannten ionischen. Die frühesten Vertreter griechischer Wissenschaft seit Thales von Milet richteten ihr Nachdenken in erster Linie auf das Wesen der körperlichen Natur. Uns gehen hier nicht die einzelnen Ansichten an, die man über die Körperwelt ausbildete; wichtig ist an dieser Stelle nur die Tatsache, daß man sich nicht mehr zufrieden gab, in Sonne und Mond, Strömen und Meeren, Wind und Gewitter Äußerungen bestimmter Götter zu sehen, sondern daß man nach der Natur dieser körperlichen Erscheinungen, ihrem Grundstoff und gesetzlichen Zusammenhang forschte. Es bildeten sich verschiedene Schulen aus, deren Anhänger einander bekämpften, den Gegner zu widerlegen, die eigene Ansicht durch eindrucksvolle Gründe zu stützen suchten.

Die Sophisten

In diesen Kämpfen entstand eine Streitkunst, die nicht immer die Grenzen zwischen Widerlegung und Verblüffung des Gegners, zwischen Überzeugung und Überredung des Zuhörers innehielt. Die Gewandtheit der Wortfechter war den Unbeteiligten oft wichtiger als der Gegenstand der Unterredung; zumal in Athen nahmen zwar einzelne wie Perikles, der leitende Staatsmann, inneren Anteil an der Erforschung der Wahrheit um ihrer selbst willen, für die große Menge aber war der Streit jener Schulen nur eine neue Art Wettkampf und Schauspiel. Die jungen Athener, die sich den fremden Weisen in die Lehre gaben, wollten von ihnen die Streitkunst lernen, da diese sich als Mittel zur Beeinflussung der Volksversammlungen und Gerichte wohl verwenden ließ. Solchem Bedürfnis kamen die Lehrer entgegen, die man Sophisten nannte, und die nach eigener Angabe ihre Schüler vor allem im Reden tüchtig machen wollten. Sophisten bedeutet ursprünglich nur weise und kundige Männer. Erst später infolge des Kampfes, den Sokrates und seine Schüler gegen sie führten, bekam die Benennung den üblen Klang, den sie noch für uns hat. Die Sophisten wollten, so können wir bis jetzt ihr Streben kennzeichnen, durch die in den wissenschaftlichen Streitigkeiten ausgebildeten Mittel ihre Schüler zu wirksamen Rednern und schlagfertigen Debattierern ausbilden, damit sie in der Volksversammlung und vor Gericht Einfluß gewännen. Während aber die jungen Athener praktischen Erfolg im Staate suchten, waren die Sophisten selbst keine praktischen Staatsmänner. Sie waren auch nicht in ihrem heimischen Staate tätig, vielmehr zogen sie, Ruhm und Geld zu gewinnen, von Stadt zu Stadt und kehrten natürlich besonders gern in dem reichen und mächtigen Athen ein. Keiner unter den bedeutenden Sophisten aber war Athener. Sie waren also nicht, wie der attische Bürger, selbstverständlich hineingewachsen in bestimmte heimische Verhältnisse, in denen man sich zur Geltung bringen will, an denen man vielleicht auch vieles einzelne ändern möchte, die man aber doch als Ganzes hinnimmt. Nein, die Sophisten waren losgelöste, nur auf sich gestellte Einzelmenschen, stolz nicht mehr auf ihren Staat, auf ihre Leistungen in ihm und für ihn, sondern nur auf ihr eigenes Wissen und Können.

Die Sophisten bildeten keine Einheit, sie waren ein Stand ohne ständische Organisation. Es existierte also auch keineswegs eine sophistische Schule, in der bestimmte Meinungen herrschten. Nur der Lehrberuf war ihnen gemeinsam, keineswegs der Inhalt der Lehre. Trotzdem entsprach der Gleichheit ihrer gesellschaftlichen und geschichtlichen Stellung ein gemeinsamer Grundzug ihrer Gesinnung, der sich bei den philosophisch Gerichteten unter ihnen (und nur diese gehen uns etwas an) in ähnlichen Lehren ausdrückte. Wie im Leben, so waren sie auch in der Philosophie heimatlos. Aus dem Streite der verschiedenen naturphilosophischen Schulen hatten sie entnommen, daß in keiner von ihnen Wahrheit sei, ja, daß es eine für alle gültige Wahrheit überhaupt nicht gebe. Wahr sei jedem, was ihm wahr scheine. Protagoras, der älteste und bedeutendste unter den Sophisten, suchte das wissenschaftlich zu begründen. Die Wahrnehmung eines Dinges durch eines unserer Sinnesorgane, z. B. das Auge, kommt dadurch zustande, daß das Ding auf unser Auge wirkt. Das Bild, das wir sehen, ist also nicht nur von dem gesehenen Dinge, sondern zugleich von dem sehenden Auge abhängig. Sie können sich das leicht an dem verschiedenen Anblick klar machen, den etwa ein Tisch bietet, wenn wir ihn von verschiedenen Seiten und bei verschiedener Stellung des Kopfes betrachten. Auch die Farben wirken auf das ermüdete Auge anders als auf das ausgeruhte, und dasselbe gilt von jeder anderen sinnlichen Auffassung. Sinnliche Wahrnehmung aber ist – das steht für Protagoras fest – die einzige Grundlage alles Erkennens. Wenn die Wahrnehmung also in jedem Falle von der besonderen Natur, Stimmung und Stellung des Erkennenden abhängig ist, so gibt es keine für alle gleiche Wahrheit. In diesem Sinne stellte Protagoras den Satz auf: »Der Mensch ist das Maß aller Dinge.« Gibt es keine Wahrheit, so kann man auch keinen anderen von der Wahrheit überzeugen. Will ein Mensch auf den anderen wirken, so kann er nur versuchen, ihm durch geeignete Künste die Meinung beizubringen, die dem Redner günstig ist. Die Sophisten wollen daher ihre Schüler zu tüchtigen Künstlern in der Überredung machen.

Diese Theorie sieht zunächst weltfremd und ungefährlich aus; auch war ihr Urheber überzeugt, daß sie mit politischen und zumal mit religiösen Umwälzungen nichts zu tun habe, erklärte vielmehr, über die Götter vermöge er überhaupt nichts auszusagen. Da es sich auf religiösem Gebiete also nicht um ein Wissen handeln konnte, übte er ruhig den gebräuchlichen Kultus aus und folgte den herrschenden Sitten. Der Widerstreit indessen zwischen seinem Bekenntnis der Unwissenheit und dem festen Glauben eines echten Anhängers der alten Religion, trat, so sehr er ihn vor sich und anderen zu verschleiern suchte, bei einigen seiner Schüler entschieden hervor. Keck verachteten sie die Vorsicht und Zurückhaltung des Meisters und meinten, daß jeder einzelne sich über Gesetz, Sitte, Religion hinwegsetzen dürfe, wenn nur der Erfolg seiner Kraft oder Schlauheit recht gebe. Als Hauptgegenstand ihres Unterrichts betrachteten sie die Kunst der Überredung; wer sich ihnen anvertraute, sollte lernen, anderen die Meinung beizubringen, die ihm selbst vorteilhaft sei. Nach ihrer eigenen Handlungsweise beurteilten sie auch die Staatsmänner der Vorzeit, in denen sie die Urheber nicht nur der politischen, sondern auch der religiösen und moralischen Gesetze und Sitten sahen. Diese Machthaber waren nach ihrer Meinung schlaue Männer, gewissermaßen Vorläufer der Sophisten, gewesen und hatten es verstanden, der Masse die Überzeugung beizubringen, daß es gut sei, den Gesetzen zu folgen, die sie nur zum Vorteil der Herrscher erdacht hatten. Nichts ist wahr, alles ist erlaubt – das wird dann die Lebensregel für den starken Geist. Hüten wird er sich freilich, sie vor den auszubeutenden Herdenmenschen offen zu bekennen.

Gleichzeitig mit dieser Entwicklung der Sophistik entartete das politische Leben. Die von alters her erbitterten Parteikämpfe verwilderten mehr und mehr, selbst die Verbindung mit dem Landesfeinde wurde nicht gescheut. Der unparteiische Betrachter wird sich fragen müssen, ob die radikalen sophistischen Theorien Ursache oder bloße Spiegelung dieser politischen Entartung waren, er wird ihnen sicher nicht die Hauptschuld zuschreiben. Aber viele Zeitgenossen urteilten anders, zumal seit in dem großen Entscheidungskampf um die Herrschaft über Griechenland, in dem Peloponnesischen Kriege, Not und Bedrängnis über Athen kam. Viele glaubten damals, daß die neumodische Bildung schuld an allem Unglück sei; es entstand eine Partei, die in der Rückkehr zu schlichtem altväterlichem Glauben und Handeln das einzige Heil sah.

Verhältnis zu den Sophisten

Des Sokrates Jugend fiel in die Periode der höchsten Blüte des Staates und des Eindringens der Sophisten, seine Wirksamkeit hauptsächlich in die Zeit des großen Krieges. Er mußte also zu zwei Gruppen von Männern Stellung nehmen, zu den Neuerern und Sophisten einerseits, zu den Verteidigern der alten Sittlichkeit und Religion anderseits. Da aber des Sokrates Denken sich, wie hervorgehoben, in seiner Lebensführung offenbarte, müssen wir diese vor allem betrachten.

Sokrates trieb kein dem Broterwerb gewidmetes Geschäft, sondern lebte unter größter Einschränkung seiner Bedürfnisse von den Erträgnissen des kleinen väterlichen Erbes und zugleich wohl von freiwilligen Geschenken seiner Freunde. Er diente dem Staat als tapferer Krieger, einmal auch als Mitglied des Rates, aber politischen Ehrgeiz hatte er nicht, in den Parteikämpfen spielte er keine Rolle. Vielmehr verbrachte er seine Tage auf den Plätzen Athens mit Gesprächen, deren Eigenart uns noch beschäftigen muß. Nichts lag näher als ihn mit den Redekünstlern von Gewerbe, den Sophisten in eine Klasse zu setzen, wie das auch z. B. der Komödiendichter Aristophanes tat. Aber schon äußerlich unterschied sich Sokrates von den Sophisten dadurch, daß er keinen Lohn für seine Unterredungen nahm, auch nicht eigentlich Schüler hatte, die er einen bestimmten Lehrgang durchmachen ließ, sondern nur Anhänger, die ihm freiwillig folgten und an seinen Unterredungen teilzunehmen begehrten. In diese Gespräche zog Sokrates alle möglichen Bürger – Handwerker und Offiziere, Vornehme und Geringe, Politiker und Sophisten – hinein; gern ging er von einem praktischen Falle aus, wußte aber die Rede bald auf die wichtigsten allgemeinen Fragen hinüberzulenken. Ein fremder Fechtmeister führt etwa seine Künste vor und zuschauende Bürger beraten, ob sie ihre Söhne von ihm unterrichten lassen sollen. Sokrates wird zu der Beratung herangezogen und macht sofort darauf aufmerksam, daß die Entscheidung davon abhänge, was man mit dem Unterricht erreichen wolle. Die Söhne zu tapferen Kriegern machen, wird ihm geantwortet. Ja aber was ist nun Tapferkeit? fragt Sokrates weiter und ist damit bereits bei der Erforschung allgemeiner Fragen des sittlichen Lebens angelangt.

Ganz besonders bemühte sich Sokrates, begabte junge Leute an sich heranzuziehen und zu tieferem Nachdenken anzuregen. Zum Nachdenken anzuregen, sage ich; denn Sokrates will nie fertige Weisheit mitteilen, betont vielmehr immer wieder, er wisse nichts und unterscheide sich nur dadurch von den anderen, daß er um sein Nichtwissen wisse. Erst durch die gemeinsame Untersuchung soll die Wahrheit gefunden werden. Kein Wunder, daß oft ein positives Ergebnis nicht gewonnen wurde, sondern die Teilnehmer am Gespräch zuletzt sich nur insofern gefördert sahen, als sie nun mit Sokrates um ihr Nichtwissen wußten.

Denken Sie sich einen lebhaften, schlecht gekleideten, barfuß gehenden Menschen mit dicken Lippen, aufgeworfener Nase und von kurzer Gestalt, der die Vorübergehenden anredet und mit großem Eifer in eigenartige Gespräche hineinzieht, so werden Sie begreifen, daß dieser Mann rasch ein stadtbekanntes Original wurde. Sein Witz und seine geistige Überlegenheit errang sich bei manchen Achtung, bei mehreren Feindschaft. Sogar seine nach attischem Brauch ungebildete Gattin, die das dürftige Hauswesen in Ordnung halten mußte, sah in ihm wie natürlich einen recht unnützen Müßiggänger und machte ihm wohl gelegentlich heftige Szenen. Ihr Name Xanthippe ist sprichwörtlich für ein zanksüchtiges Weib geworden, obwohl die wenigen, wirklich zuverlässigen Nachrichten sie als eine brave Person schildern, die ihren Mann in ihrer Art herzhaft liebte und sich bei seinem Tode vor Kummer nicht fassen konnte. Auch auf sie, die ihren Gatten gewiß nicht verstand, muß doch die Gewalt seiner einzigartigen Persönlichkeit gewirkt haben.

Lebensweise. Jünger

Sokrates wußte die verschiedenartigsten Menschen zu gewinnen und zu fesseln, er besaß die Kunst, auf jeden seiner Eigenart gemäß zu wirken; daher schilderte ihn jeder seiner Schüler anders. Viele unter den Büchern der Sokratesjünger sind verloren, aber wir besitzen noch die Werke von zwei sehr verschiedenartigen Anhängern.

Xenophon, Offizier, Landwirt, Geschichtschreiber, ein Mann des tätigen Lebens, schildert Sokrates als einen praktischen, witzigen Menschen, der es sich zum Beruf gemacht hat, die Athener zu tüchtigem Wirken für Familie und Staat zu erziehen. Klug und hilfreich berät er seine Freunde auch in den kleinen Angelegenheiten ihres Privatlebens. Unnützen Spitzfindigkeiten ist er abgeneigt; es tritt kaum hervor, daß er selbst im Gegensatze zu der Scheinweisheit der Sophisten eine Einsicht, ein wahres Wissen zu gewinnen strebt. Sokrates erscheint in diesem Spiegel bieder, kernhaft und tüchtig, aber auch nüchtern und prosaisch; seine Weisheit ist eine ziemlich hausbackene Moral und ein witzig vorgetragener gesunder Menschenverstand. Der Quellenwert der Xenophonischen Denkwürdigkeiten wird dadurch vermindert, daß sie zum größten Teile erst ein Menschenalter nach dem Tode des Sokrates verfaßt wurden.

Ganz anders sah Platon mit dem Tiefblicke des Dichters den Sokrates; er fühlte das Feuer und die Begeisterung durch die kühlverständige Hülle hindurch, ihm erschloß sich das Götterbild, das hinter der Silensmaske des Sokrates verborgen war. Wir verdanken es Platon, daß der mehr als dämonische, der göttliche Zauber des seltsamen Mannes auch uns noch berückt, wir sind ihm noch größeren Dank dafür schuldig, daß er die Ansätze wissenschaftlicher Erkenntnis in den Gesprächen des Meisters ans Licht stellte.

Dem Historiker freilich hat gerade Platons Größe seine Aufgabe erschwert; Platon war kein bloßer Spiegel des empfangenen Gutes, in seinem Geiste bildete sich jeder Gedanke eigenartig um, und er nahm in treuer Verehrung des Meisters die Gewohnheit an, auch eigene Überlegungen und Einsichten dem Sokrates in den Mund zu legen, sie so gleichsam seinem Lehrer zuzueignen. Doch gilt dies von den späteren platonischen Dialogen mehr als von den frühen, die bald nach Sokrates' Tode entstanden sind. Aus ihnen lassen sich die Grundüberzeugungen des Sokrates recht wohl feststellen.

Sokrates wollte die, mit denen er umging, zum rechten Leben führen, das zugleich nach seiner Überzeugung und Erfahrung das glückliche Leben ist; er war also sittlicher Reformator und wirkte durch sein Vorbild, seine Person mindestens so sehr wie durch seine Lehre. Für die Philosophie aber erlangt dieser Reformator dadurch entscheidende Bedeutung, daß er sittliche Einsicht als Bedingung der sittlichen Umkehr fordert. Das führt zur strengeren Untersuchung.

Die bedeutendsten Sophisten, so sahen wir, glaubten nicht an eine für alle Menschen gültige Wahrheit. Gerade dieser ihrer Voraussetzung trat Sokrates entgegen. Er war innig überzeugt, daß sich die Wahrheit finden lassen müsse. Sonst hätte er auch sein Gesprächführen nicht als ein ihm von der Gottheit übertragenes Amt ansehen können. Seine Gespräche sind ja eine Art Forschung, und kein ernster Forscher zweifelt daran, daß wenigstens ein Stück Wahrheit sich finden läßt; sonst würde er die Mühe des Untersuchens nicht auf sich nehmen. Sokrates zeigt den Sophisten, daß sie selbst im Grunde einige Wahrheiten zu besitzen glauben. Sie wollen doch lehren, wie man auf Menschen wirken kann. Dazu müssen sie gewisse Kenntnisse über die Natur der Menschen mitteilen, und wenn sie diese Kenntnisse nicht für wahr hielten, hätte ihr ganzes Treiben keinen Sinn. Auch ihre Behauptung, daß sie weiser seien als andere, daß daher ihr Unterricht etwas nütze, setzt voraus, daß sie sich im Besitz gewisser Wahrheiten fühlen. Er bekämpft also die Sophisten mit ihren eigenen Waffen und zeigt, daß sie nicht einmal selbst den Glauben an ihre Voraussetzung festhalten können. Allerdings in einem Punkte stimmt Sokrates mit den Sophisten überein, in der Forderung verstandesmäßiger Untersuchung alles dessen, was sich für wahr und gut ausgibt. Die Wahrheit liegt nicht in irgendwelchen Überlieferungen fertig vor, sondern sie muß erst durch Nachdenken gefunden werden. Man sieht, Sokrates nimmt neben den beiden Richtungen, die wir schilderten, den Neuerern und den Verteidigern des Alten, eine ganz eigenartige Stellung ein. Der radikale Sophistenschüler sagt: Es gibt keine Wahrheit, tue jeder, was ihm beliebt und nützt. In schroffem Gegensatz dazu fordert der für altväterliche Sitte und Religion begeisterte Patriot: Erkenne an, daß die Wahrheit in den überkommenen Gebräuchen und im heimischen Gottesdienst gegeben ist, und hüte dich, durch Denken oder Handeln von dieser Richtschnur abzuweichen. Sokrates tritt beiden entgegen und lehrt: Es gibt Wahrheit, sie ist uns allen erreichbar, aber wir müssen sie suchen. Nur durch ernsthaftes Forschen können wir sie finden; nur ein Handeln aus selbsterrungener Einsicht kann wahrhaft gut sein.

Methode

Zwei Fragen drängen sich uns hier sogleich auf: Wie lehrte Sokrates die Wahrheit finden, und auf Wahrheit welcher Art kam es ihm an? Die Art, zu einer Einsicht zu gelangen, nennt man Methode. Viele von Ihnen haben gewiß schon von einer sokratischen Methode reden hören, manche wissen wohl auch, daß diese Methode durch geeignete Fragen aus dem Schüler selbst die richtige Antwort herauszuentwickeln sucht.

Nicht zufällig wählte Sokrates diesen Weg, der für ihn kein bloßes Mittel der Belehrung, sondern wirklich der geeignetste Pfad zur Wahrheit war; die Methode entsprang vielmehr seiner Überzeugung, daß im Geiste des Menschen die rechte Einsicht verborgen sei. Es handelt sich also nicht darum, die Weisheit gleichsam von außen heranzubringen, sondern nur sie ans Licht zu befördern und von anhaftendem Irrtum zu befreien. Auch diese Geburt ist, wie die eines Kindes, mühsam und schmerzhaft, auch sie erfordert kunstgerechte Hilfe. Darum sagt Sokrates öfters scherzend, seine Kunst sei die einer Hebamme und er habe sie von der Mutter ererbt.

Im einzelnen stellt sich die sokratische Methode als ein allmähliches Hinleiten zu immer besseren Antworten dar. Der Mitunterredner soll dabei seine Fehler selbst eingestehen, die Wahrheit aus eigener Einsicht finden. Es handle sich z. B. um die Frage, was ist Tapferkeit? Ein Mann, besonders wenn er schon im Felde dem Feinde gegenübergestanden hat, wird überzeugt sein, über diese Tugend Bescheid zu wissen. Drängt man ihn aber, seine Meinung darüber zu äußern, so wird er an einen ihm naheliegenden Fall denken und etwa antworten: Tapferkeit ist, wenn einer nicht aus der Schlacht fortläuft. Sokrates wird ihn dann darauf aufmerksam machen, daß es auch gegen ungerechte Ansprüche der Machthaber im eigenen Staate ein tapferes Verhalten gibt, daß man auch Krankheiten tapfer erdulden kann. Durch diese Einwände zwingt er seinen Unterredner dazu, einzugestehen, daß er nur ein Beispiel, keine Erklärung der Tapferkeit gegeben hat, und zu erkennen, daß es auf den allgemeinen Begriff der Tapferkeit ankommt. Dieser aber muß für alle Fälle zutreffen, in denen man mit Recht von Tapferkeit spricht. Der in allgemeinen Überlegungen ungeübte Gesprächsteilnehmer wird auf die so gestellte Frage zunächst nicht richtig antworten; dann muß sich sein Fehler im weiteren Verlaufe der Unterredung herausstellen. Hat sich so öfter die scheinbar treffliche Geburt seines Geistes als Fehlgeburt erwiesen, so führt das zu einer Erschütterung seines Selbstbewußtseins, zu jenem Wissen des Nichtwissens, das nach Sokrates die erste Stufe auf dem Wege zur Erkenntnis ist.

Auch sich selbst schreibt Sokrates nur das Wissen des Nichtwissens zu. Er fühlt sich den Schülern überlegen, sofern er die Notwendigkeit der Untersuchung eingesehen hat; in der Untersuchung aber stellt er sich mit ihnen auf eine Stufe. Da Meister und Jünger zusammen vom Irrtum zu höherer Einsicht fortschreiten, werden die Schüler zu Genossen im Suchen nach Wahrheit. Diese Haltung unterscheidet Sokrates von den Sophisten. Der Sophist will im Gespräch den Gegner einschüchtern, überlisten, lieber noch in zusammenhängender Rede glänzen – es kommt ihm darauf an, Eindruck zu machen, sich zur Geltung zu bringen. Sokrates will Liebe zur wissenschaftlichen Untersuchung wecken, damit zugleich Liebe zur Sache, zur ernsten Hingabe an eine überpersönliche Wahrheit. Er hat den erzieherischen Wert der Wissenschaft entdeckt. Wenn wir Knaben und Jünglinge, auch sofern sie nicht für die Wissenschaft bestimmt sind, durch Wissenschaft bilden, überzeugt, daß der Geist reinen Wahrheitstrebens ganz allgemein die innere Selbständigkeit und die Hingabe an die Sache um der Sache willen erzeugt, so wirken wir im Sinne des Sokrates. Sophistisch dagegen wird die Erziehung, sobald sie in den rasch mitgeteilten »Ergebnissen« fremden Forschens nur Mittel überliefert, zu glänzen und sich durchzusetzen.

Sokrates steckte sich also das Ziel, zu einer genauen Begriffsbestimmung zu gelangen, und benutzte als Mittel dazu Gespräche, die von der gewöhnlichen unklaren Vorstellungsweise des ungebildeten Durchschnittsatheners oder von dem auf Verblüffung abzielenden Geschwätz des neumodischen, halbgebildeten Sophistenschülers ausgingen. Da jeder Schritt auf diesem Wege nur mit Zustimmung des Mitunterredners gemacht wird, hat sich dieser am Schluß keine fremde Weisheit angeeignet, sondern aus sich selbst heraus eine Einsicht errungen.

Absicht und Inhalt seiner Gespräche

Weil es Sokrates mehr darauf ankam, die rechte Gesinnung und den Willen zur Wahrheit zu wecken als bestimmte einzelne Wahrheiten einzuprägen, schlossen seine Gespräche oft mit einer Frage ab. Doch läßt sich die Richtung, in der die Wahrheit liegt, fast immer erkennen. So dürfte man kaum irren, wenn man die sokratische Definition der Tapferkeit in dem Satze sieht, sie sei die richtige Einsicht in das, was man fürchten und was man nicht fürchten soll. Man kann sich an diesem Falle den wesentlichen Inhalt der sokratischen Weisheit klar machen. Es ist zunächst nicht zufällig, daß der Begriff einer menschlichen Tugend als Beispiel gewählt wurde, bildet doch die Untersuchung sittlicher Eigenschaften durchaus den Kern des sokratischen Strebens. Aus seiner Stellung zum Leben ist das unmittelbar verständlich: er will nur das untersuchen, was dem Menschen dazu verhilft, sein Leben in rechter Weise zu führen. Zugunsten dieser Beschränkung auf das eine, das not tut, wendet er sich gegen die Bemühungen um Erkenntnis der körperlichen Natur. Wir dürfen indessen in dieser Ablehnung der Naturphilosophie nicht nur die Folge seines praktischen Bestrebens sehen, sondern müssen zugleich daran erinnern, daß Sokrates sicheres Wissen suchte, solches aber in den Anfängen der Naturphilosophie nirgends zu finden war. Vielmehr lagen hier verschiedene Vermutungen miteinander in einem Streite, der sich, wie es schien, nicht schlichten ließ.

Glücklicherweise glaubte er diese unfruchtbaren Wortkämpfe zugleich als unwichtig ablehnen zu dürfen. Wichtig sind für den Menschen die Begriffe, nach denen er sein Handeln zu regeln hat. Diese kann er in sich selbst finden, und darum machte Sokrates die alte Mahnung: »Erkenne dich selbst« zu seinem Wahlspruch. Wie Protagoras, so ging auch Sokrates vom Menschen aus. Beiden ist der Mensch das wichtigste, und in gewissem Sinne könnte Sokrates sogar den Spruch des Protagoras, der Mensch ist das Maß aller Dinge, zugeben. Trotzdem besteht der entschiedenste Gegensatz zwischen ihnen. Protagoras denkt, wenn er jenen Satz ausspricht, an die wechselnden Zustände, Launen und Neigungen, die bei jedem Menschen andere sind und auch bei demselben Menschen mit der Zeit wechseln. Sokrates dagegen sucht im Menschen die Vernunft, die nicht wechselt und nicht bei einem Menschen anders als beim andern ist. Wo echtes Denken beginnt, hört die Verschiedenheit zwischen den Denkenden auf. Man kann sich das an der allereinfachsten Aufgabe, an einem leichten Rechenexempel etwa, klar machen. Wenn ich frage, wieviel ist 5 mal 7, so führt Sie alle Ihr Nachdenken zum gleichen Ziele. Da Sie rechnen können, wissen Sie, daß die richtige Antwort 35 ist. Sollte jemand die Laune haben, dieses Resultat einmal anders zu wünschen, so würde ihm das nichts helfen, und wer etwa eine andere Zahl herausbekäme, dem würde niemand sagen: Das scheint dir so, also ist für dich 5 × 7 = 32, sondern jeder würde ihm zurufen: Du irrst dich. So finden wir in uns in der Tat ein allen gemeinsames Denken, das bei geeigneter Ausbildung Wahrheiten zu erkennen vermag.

Aus diesem Denken entspringt nach Sokrates auch die Sittlichkeit. Sittlich handeln bedeutet, den Aussprüchen des Denkens, der Vernunft folgen. Nunmehr können wir die Erklärung der Tapferkeit verstehen. Tapferkeit ist die richtige Einsicht in das, was man fürchten und was man nicht fürchten soll. Der wahrhaft Tapfere weiß, daß es Dinge gibt, die mehr zu fürchten sind als der Tod: Unrecht tun, seine Pflicht verletzen, in Widerstreit mit sich selbst geraten. Hat er nur die Wahl zwischen Unrecht und Lebensgefahr, so nimmt er in voller Erkenntnis das Wagnis auf sich. Denn Tapferkeit, d. h. eine Tugend, darf nicht mit Tollkühnheit verwechselt werden, die sich blind und grundlos in Gefahr begibt und keineswegs Lob verdient. Der Tapfere weiß auch, daß man unter Umständen die Pflicht hat, sein Leben zu erhalten. Wenn etwa ein Heerführer, an dessen Feldherrnbegabung der Sieg hängt, sich den Kugeln aussetzt, handelt er nicht tapfer; er muß sich schonen, muß sogar tapfer genug sein, den Verdacht der Feigheit zu ertragen, wenn er weiß, daß sein Tod für die von ihm vertretene Sache am meisten zu fürchten wäre. Soweit werden Sie die Begriffsbestimmung leicht zugeben. Aber daß Tapferkeit Einsicht sein soll, wird Ihnen nicht recht einleuchten. Sie alle kennen gewiß Menschen, die weit vom Schuß sehr gut wissen, was sie fürchten und nicht fürchten sollen, aber doch, wie man zu sagen pflegt, kein Pulver riechen können. Sokrates hat in der Tat übersehen, daß die bloße Einsicht den Menschen noch nicht die Kraft des richtigen Handelns gibt. Was hier als eine Lücke seiner Erkenntnis zugestanden werden muß, geht aber aus der Größe seines Charakters hervor. In ihm war die Vernunft zur lebenbestimmenden Kraft geworden; dem Erkannten zu widerstreben war ihm unmöglich, daher verstand er unter Einsicht oder Wissen etwas, was den ganzen Menschen durchdringt. Wer nicht nach seiner Erkenntnis handelt, beweist eben damit, daß er im Sinne des Sokrates keine Erkenntnis besitzt.

Sokrates hat nie eine zusammenfassende Darstellung seiner Lehre gegeben, im Gegenteil hätte er sicher jede derartige Bemühung als seiner Absicht widerstrebend abgelehnt. Trotzdem will ich jetzt, nachdem wir Art und Ziel seiner Lebensarbeit kennen gelernt haben, versuchen, ihr gedankliches Ergebnis in einige Sätze zusammenzufassen. Was die Menschen gewöhnlich für Wissen halten, ist kein Wissen, nur ein unsicheres Meinen. Wer etwas weiß, der muß begriffliche Rechenschaft über das Gewußte ablegen können. Eine Vorstufe des Wissens ist, zu wissen, daß man nichts weiß; denn damit hat man ja bereits erkannt, daß die gewöhnliche unklare Meinung, der man bisher folgte, auf einem Scheinwissen beruht, und beginnt nun einzusehen, wodurch wahres Wissen sich von Scheinwissen unterscheidet. Erkennt man zum Beispiel, daß es falsch ist, auf die Frage nach dem Wesen eines allgemeinen Begriffes mit einem einzelnen Falle, der unter diesen Begriff gehört, zu antworten, so besitzt man die wichtige Unterscheidung des Begriffes von seinen Beispielen und Anwendungen und kennt zugleich in der Allgemeinheit eine wesentliche Anforderung an jede wissenschaftliche Definition. Es ist unmöglich, einen Irrtum als Irrtum zu durchschauen, ohne damit zugleich eine Wahrheit zu erkennen.

Vernunft und Sittlichkeit

Da die Wahrheit unserm vernünftigen Denken innewohnt, so muß sie sich wenigstens in den für die Menschen wichtigsten Angelegenheiten auch gewinnen lassen. Denn wesentlich ist für uns die Erkenntnis derjenigen Begriffe, die unser Handeln zu leiten bestimmt sind. Diese aber müssen der uns allen gemeinsamen Vernunft entnommen werden. Tugend ist Einsicht, nach ihr streben ist die Aufgabe jedes Menschen. Die anderen durch seine beunruhigenden Gespräche zu diesem Streben anzuregen und ihnen den rechten Weg zu weisen, ist der besondere Lebensberuf des Sokrates.

Hieraus können wir folgern, wie Sokrates zu der überlieferten Sitte und Religion stehen muß. Da nur ein von der Einsicht geleitetes Handeln mit Sicherheit das Rechte ergreift, so kann er in dem blinden Befolgen überlieferter Lebensweisen nicht die wahre Tugend erblicken. Sieht man doch oft, daß sonst treffliche Menschen in schwierigen Fällen ratlos dastehen, daß Männer, die selbst aus einem gewissen Naturinstinkt heraus ihre eigenen und ihres Staates Angelegenheiten aufs beste besorgen, unfähig sind, ihre Kinder zu gleicher Tüchtigkeit zu erziehen. Dabei erkennt Sokrates durchaus an, daß inhaltlich in der Vätersitte, wie in der Muttersprache, viel Wahres überliefert ist; nur sollen wir diese Wahrheit einsehen, nicht blind der Überlieferung folgen. Bei aller Freiheit des Denkens bleibt Sokrates ein pietätvoller Athener. Vor allem aber fordert er Gehorsam gegen bestehende Gesetze, solange sie bestehen, selbst wenn man aus guten Gründen ihre Änderung wünscht. Denn Gesetzlosigkeit ist unter allen Umständen ein Übel. Den heimischen Göttern ist er ergeben, wenn er auch, wie viele Zeitgenossen, die überlieferten Göttergeschichten im Sinne seiner reineren Sittlichkeit umdeutet. So befindet sich Sokrates, bei vielen Übereinstimmungen im einzelnen, doch im Grunde im entschiedensten Gegensatze gegen die Verteidiger des Alten. Jene fordern Gehorsam gegen die alte Sitte, weil die Sieger in den Perserkriegen ihr gefolgt sind. Sokrates prüft kühl und nüchtern auch die Grundsätze der Vorfahren und folgt ihnen nur, soweit sie vor seiner Vernunft standhalten. Politisch richtet sich sein Verlangen eines Handelns aus Einsicht in einem wichtigen Punkte gegen die demokratische Verfassung Athens. Hier waren alle Ämter allgemein zugänglich und wurden durch Volkswahl oder Auslosung besetzt. Sokrates dagegen forderte, daß in jeder Sache der Sachverständige allein entscheide.

Prozeß

Diese Gegensätze muß man kennen, um das Schicksal des Sokrates zu verstehen. Im Peloponnesischen Kriege war Athen besiegt worden, und das siegreiche Sparta hatte eine kleine Gruppe ihm ergebener Aristokraten zu Herrschern eingesetzt; diese schalteten aber so willkürlich, daß sie bald durch zurückkehrende verbannte Demokraten gestürzt wurden. Naturgemäß trat nun eine Reaktion ein, die sich nicht nur gegen die von den Feinden aufgedrungene Verfassung, sondern, da mehrere der Gewalthaber Sophistenschüler oder Freunde des Sokrates gewesen waren, zugleich gegen die moderne Bildung richtete. Sokrates galt vielen als Sophist, er verkehrte in aristokratischen Kreisen und war daher, obwohl er sich ungerechten Anforderungen der gestürzten Regierung mannhaft widersetzt hatte, verdächtig. Persönliches Übelwollen gegen ihn, das diesen Verdacht ausnützte, konnte nicht fehlen. Wenn man sein Leben lang den Leuten zeigt, daß sie nichts wissen, und angemaßte Weisheit ihres Prunkes entblößt, so schafft man sich Feinde. Persönliche Feindschaft und sachlicher Gegensatz dürften bei denen zusammengewirkt haben, die den siebzigjährigen Mann im Jahre 399 v. Chr. anklagten, daß er die väterlichen Götter nicht anerkenne, neue dämonische Wesen einführen wolle und die Jugend verführe.

Die Richter wurden in Athen aus allen Bürgern ausgelost und waren sehr zahlreich; über Sokrates saßen wahrscheinlich 501 zu Gericht. Vor einer solchen Menge, zumal von leicht erregbaren Südländern, wirkt die Beredsamkeit. Sokrates' Sache stand zunächst nicht schlecht: sein Leben war öffentlich und durchsichtig; mochte man sich oft genug über ihn geärgert haben, man wußte, daß er unsträflich gehandelt, die Bürgerpflichten erfüllt und den Kultus der Götter geehrt hatte. Aber die Richter waren gewohnt, daß der Angeklagte durch Redekünste Eindruck auf sie machte und demütig ihr Mitleid anflehte. Sokrates verschmähte das; denn er war überzeugt, daß es viel schlimmer sei, etwas zu tun, was man für Unrecht hielt, als zu sterben. Darum redete er schlicht und stolz. Er habe die Götter immer geehrt und die Jünglinge zur Selbstprüfung und Einsicht erziehen wollen. Die Anklage beruhe auf dem Haß, den seine Gespräche, sein von dem delphischen Gott ihm übertragener Beruf ihm zugezogen habe. Diese ungewohnte Art sich zu verteidigen führte zu einer Verurteilung mit geringer Mehrheit. Nach Entscheidung der Schuldfrage mußte die Strafe bestimmt werden, wobei die Richter nach athenischem Rechte nur die Wahl zwischen den Anträgen der Ankläger und des Angeklagten hatten. Da die Anklage auf Tod lautete, hätte der Angeklagte in seinem Interesse eine nicht zu milde Strafe, etwa Verbannung, beantragen müssen. Statt dessen erklärte Sokrates, er sei nicht schuldig und könne sich daher keine Strafe zuerkennen. Im Gegenteil sei er, da er sein ganzes Leben der Besserung seiner Mitbürger gewidmet habe, der höchsten Ehre, der Speisung im Rathause, würdig. Verbannung, an die die Richter etwa denken könnten, sei für ihn schlimmer als Tod, da sie ihn hindern würde, seinen Beruf auszuüben. Um doch dem Gesetze Genüge zu tun, beantrage er eine Geldstrafe, die er zwar nicht aus eigenen Mitteln aufbringen, aber doch von Freunden erhalten könnte. Diesen Antrag müssen die Richter als Verhöhnung empfunden haben; denn die Verurteilung zum Tode erfolgte mit größerer Mehrheit als der erste Spruch.

Zufällig war damals gerade eine Festzeit, während deren keine Hinrichtung vollzogen werden durfte. Sokrates wurde daher ins Gefängnis geführt und durfte sich dort mit seinen Freunden in gewohnter Weise unterreden. Man bewachte ihn nicht streng; Freunde suchten und fanden Mittel, ihm die Flucht zu ermöglichen. Aber er lehnte es ab zu fliehen, da man nach seiner Überzeugung einem gesetzmäßig gefällten Urteilsspruch gehorchen müsse, auch wenn man ihn für sachlich falsch halte. Denn Ungehorsam gegen die Gesetze führe zum Untergange des Staates. So trank er, als der Termin gekommen war, den Schierlingsbecher, wie das Gesetz es befahl. Seine letzten Stunden hat Platon in seinem Gespräche Phädon der Nachwelt erhalten; er läßt Phädon, einen Lieblingsjünger des Sokrates, der am Schicksalstage bei ihm im Gefängnis weilte, erzählen, was er damals erlebt hat. Den Schluß dieser Schilderung will ich Ihnen nicht vorenthalten:1

Tod

»Nach diesen Worten begab sich Sokrates in ein Gemach, um zu baden, und Kriton folgte ihm; uns aber hieß er warten. Wir warteten also, redeten miteinander über das Gesagte und überdachten es; dann aber versenkten wir uns wieder in das Unglück, das uns getroffen hatte, wir fühlten nicht anders, als daß wir, des Vaters beraubt, unser künftiges Leben als Waisen hinbringen müßten. Nach dem Bade wurden seine Kinder zu ihm gebracht – denn er hatte zwei kleine Söhne und einen großen –, und die ihm verwandten Frauen kamen. Er unterhielt sich mit ihnen in Gegenwart des Kriton, trug ihnen seinen Willen auf, hieß dann Weiber und Kinder gehen und kam selbst zu uns. Es nahte schon die Stunde des Sonnenuntergangs, denn er hatte lange Zeit drinnen verbracht. Nach seiner Rückkehr vom Bade setzte er sich und hatte noch nicht viel geredet, da kam der Diener der Elf2, trat zu ihm und sagte: ›Sokrates, an dir werde ich nicht dasselbe erleben, wie an andern, die mir zürnen und mich verfluchen, wenn ich sie auf Befehl der Behörden auffordere, das Gift zu trinken. In dir habe ich während dieser ganzen Zeit den edelsten, freundlichsten und besten Mann von allen, die je hierher gekommen sind, kennengelernt; auch jetzt weiß ich wohl, wirst du nicht mir zürnen, sondern den Schuldigen, die du ja kennst. Du weißt, was ich dir anzukündigen habe, also lebe wohl und versuche, das Notwendige möglichst leicht zu tragen.‹ Tränen in den Augen wandte er sich ab und ging. Und Sokrates sah ihm nach und sagte: ›Auch du lebe wohl, ich werde es so machen.‹ Und zugleich sagte er zu uns: ›Wie fein ist der Mensch! Die ganze Zeit über kam er zu mir und unterhielt sich zuweilen mit mir und war gut gegen mich, und jetzt beweint er mich so aufrichtig. Aber wir, Kriton, wollen ihm nun folgen, und es mag einer das Gift bringen, wenn es bereitet ist, sonst aber es bereiten.‹ Und Kriton sagte: ›Ich meine doch, Sokrates, daß die Sonne noch auf den Bergen liegt und nicht untergegangen ist; auch weiß ich, daß andere erst lange, nachdem es ihnen befohlen war, getrunken haben. Vorher aßen und tranken sie gut und hatten zuweilen noch die Schönen bei sich, die sie gern hatten. Übereile dich nicht, es ist noch Zeit.‹ Und Sokrates sagte: ›Lieber Kriton, die Männer, von denen du redest, haben ganz recht getan, denn sie glaubten etwas damit zu gewinnen; ebenso aber habe ich recht, wenn ich anders handle. Denn ich glaube nichts zu gewinnen, wenn ich etwas später trinke, sondern nur vor mir selbst lächerlich zu werden, indem ich am Leben klebe und mit Augenblicken geize, die nicht mehr mein sind. Geh also, folge mir, lasse alles andere.‹ Als dies Kriton hörte, winkte er einem Sklaven, der in der Nähe stand. Der Sklave ging hinaus und nach einiger Zeit kam er wieder mit dem Manne, der den Trank reichen wollte und ihn fertig in einem Becher brachte. Als Sokrates den Mann sah, sagte er: ›Nun, Bester, du weißt damit Bescheid. Was soll ich tun?‹ ›Nichts weiter,‹ sagte der, ›als nach dem Trinken umhergehen, bis dir die Beine schwer werden, dann dich hinlegen. So wird es wirken.‹ Damit reichte er Sokrates den Becher. Der nahm ihn und sagte ganz heiter, ohne zu zittern, ohne Farbe oder Gesichtszüge zu verändern, nach seiner Gewohnheit das Auge fest auf den Mann gerichtet: ›Was meinst du? Darf man von diesem Tranke den Göttern opfern oder nicht?‹ ›Wir bereiten‹, antwortete jener, ›nur gerade das genügende Maß zum Trinken, Sokrates!‹ ›Ich verstehe,‹ sagte dieser, ›aber beten zu den Göttern darf und soll man, daß die Wanderung von hier nach dort glücklich verlaufe. Darum bitte ich, und so möge es geschehen.‹ Während er das sagte, setzte er den Becher an und trank ganz leicht und heiter aus. Die meisten von uns waren bis dahin imstande gewesen, die Tränen zurückzuhalten; als wir aber sehen mußten, wie er trank und ausgetrunken hatte, nicht mehr; mir selbst stürzten mit Gewalt die Tränen in Strömen aus den Augen, so daß ich mir das Gesicht verhüllte und mich ausweinte – nicht um seinetwillen, sondern meines Geschickes wegen, daß ich solch eines Freundes beraubt sein sollte. Kriton aber war noch vor mir, da er die Tränen nicht zurückhalten konnte, aufgestanden. Apollodor hatte schon lange unaufhörlich geweint, jetzt schluchzte er auf, schrie und klagte, so daß keiner von den Anwesenden ohne Tränen blieb außer Sokrates selbst. Der sprach: ›Ihr seltsamen Menschen, was macht ihr? Ich habe doch hauptsächlich deswegen die Frauen weggeschickt, damit sie nicht solche Störung verursachen, denn ich habe gehört, es müsse Friede um einen Sterbenden sein. Seid stille und faßt euch!‹ Als wir das hörten, schämten wir uns und hörten zu weinen auf. Er aber ging umher, bis, wie er sagte, die Beine ihm schwer wurden, dann legte er sich lang auf den Rücken hin, wie der Mann ihm geheißen hatte. Und sogleich befühlte ihn der, der das Gift gereicht hatte, und betrachtete von Zeit zu Zeit die Füße und Schenkel; später drückte er ihn stark am Fuß und fragte, ob er es spüre; Sokrates sagte, nein. Dann machte er es ebenso mit den Unterschenkeln, und so, weiter hinaufgehend, zeigte er uns, wie er kalt und starr wurde. Und er berührte ihn wieder und sagte, wenn es zum Herzen käme, würde es aus mit ihm sein. Als Sokrates nun am Unterleib schon ziemlich kalt war, schlug er das Gewand vom Antlitz zurück (denn er hatte sich verhüllt) und sagte – es waren seine letzten Worte –: ›Kriton, wir schulden dem Asklepios einen Hahn!3 Opfert ihn und versäumt es nicht!‹ ›Das wird geschehen,‹ sagte Kriton, ›aber sieh, ob du noch etwas zu sagen hast.‹ Darauf antwortete er nicht mehr, sondern zuckte nur nach einiger Zeit noch; dann deckte ihn der Diener auf, da waren seine Augen gebrochen. Als Kriton das sah, drückte er ihm Mund und Augen zu.

Das war das Ende unseres Freundes, nach unserem Urteil des besten Mannes unter allen Zeitgenossen, des einsichtsvollsten und gerechtesten.«