Zweiter Vortrag.
Platon.

Nach dem Tode des Sokrates waren seine Schüler auf sich selbst angewiesen. Sie fühlten sich verwaist, nun der Mann nicht mehr lebte, in dem die Philosophie gleichsam sich verkörpert hatte. Sein Leben und sein Tod waren in jedem Zuge durch seine Lehre bestimmt, aber sie bildeten auch die einzigen Darstellungen, die es von dieser Lehre gab. Denn Schriften hinterließ Sokrates nicht, der vom lebendigen Wort eine so hohe, vom toten Buch eine sehr geringe Meinung hatte. Da nun der Meister selbst dahin war, blieb den Jüngern nichts übrig, als die Erinnerung an ihn und seine Gespräche durch schriftliche Wiedergabe festzuhalten.

Gerade weil sie in Sokrates die Philosophie selbst erblickten, gingen sie an diese Aufgabe nicht als Geschichtschreiber, die genau bestimmen möchten, was Sokrates bei der oder jener Gelegenheit gesagt oder getan hat, sondern als Philosophenschüler, die den Geist des Meisters, wie er in ihnen lebte, festhalten und anderen mitteilen wollten. Nicht die Einzelheiten seines Lebens waren für sie von Bedeutung, sondern daß Sokrates sein ganzes Leben dem Denken gewidmet und durch das Denken bestimmt und daß er sie, die Schüler, zu Philosophen erweckt hatte. Sie fühlten Sokrates in sich lebendig und stellten ihn daher im Gespräche dar. Es konnte nicht ausbleiben, daß sie dabei auch eigene Gedanken dem Meister in den Mund legten. Da er sich verschiedenen Schülern verschieden gezeigt hatte, da sich im Kreis der Schüler entgegengesetzte Naturen fanden, erhielten diese Gespräche je nach ihrem Verfasser ein mannigfaltiges Gepräge. Wir besitzen die wichtigste Gruppe dieser Gespräche, die von Platon verfaßten, vollständig. Gerade weil Platon selbst ein genialer Denker und Künstler war, bildete er des Sokrates Lehren fruchtbar weiter. Oft ist es für uns schwer festzustellen, wo in diesen Gesprächen Sokrates aufhört und Platon anfängt.

Schon aus dem Gesagten geht hervor, daß Platon zu seiner Philosophie anders stand als Sokrates, daß er sie nicht mehr in seinem Leben, sondern in seinen Schriften darstellte. In gewissem Sinne allerdings bemüht sich jeder echte Denker, seinen Gedanken gemäß zu leben; aber bei Sokrates hatte es mit der Einheit von Leben und Lehre noch eine besondere Bewandtnis. Seine Philosophie bestand im Grunde in seiner Art zu leben und zu sterben. Platon aber war Dichter; er legte ein Bild des philosophischen Lebens, wie es ihm vorschwebte, in Schriften von wunderbarem Reize nieder. Eine Probe davon gab ich Ihnen in der Schilderung von Sokrates' Tod. Dieser Bericht legt ebensosehr Zeugnis ab für die persönliche Größe des Sokrates wie für die dichterische Größe des Platon.

Wir müssen uns klar machen, daß die Philosophie hier einen Schritt vom unmittelbaren Leben abrückt. Darin liegt ein wichtiger Gewinn. In Gesprächen auf dem Markte kann man den richtigen Weg des Forschens weisen; will man aber eine zusammenhängende Reihe von Wahrheiten entwickeln, so braucht man die Stille langen Grübelns und einsamer Überlegung. Indessen, mit diesem notwendigen Fortschritt ist ein Verlust innig verbunden. Das Denken gewinnt an Umfang und Tiefe, aber es verliert viel von seiner unmittelbaren Wirkung. Es gibt keinen Fortschritt der Entwicklung ohne Verlust. Der Knabe, der zum Jüngling heranwächst, gewinnt an Einsicht und Willenskraft, aber die Zutraulichkeit des Kindes, der glückliche unmittelbare Genuß der Gegenwart, der Zauber unberührter Reinheit muß schwinden. Der Mann ist dem Jüngling durch Reife des Urteils, durch Umsicht und Folgerichtigkeit überlegen. Doch das Feuer in Liebe und Haß ist verkühlt, die edle Leidenschaftlichkeit und Geradheit des echten Jünglings hat sich anpassen gelernt. Wer ein rechter Mann ist, will nicht wieder Jüngling oder Kind werden, aber er weiß, was er verloren hat, und sucht deshalb den Umgang mit Jüngeren. Aus demselben Grunde muß die Menschheit Geschichte treiben. Auch sie hat im Weiterschreiten viel Wertvolles unwiederbringlich verloren, so auch jene ursprüngliche Einheit von Leben und Denken. Als Ersatz für diesen Verlust soll uns die Versenkung in das Altertum dienen, nicht etwa dazu, uns an dem zu weiden, was die Alten nicht konnten, und uns zu brüsten, wie wir es so herrlich weit gebracht.

Leben

Platon war Dichter und Lehrer; das wahre Leben des Dichters liegt in seinen Werken, das des Lehrers in seinem Unterricht – die Bedeutung der äußeren Lebensverhältnisse tritt zurück. Ich will Ihnen davon nur mitteilen, was für das Verständnis seiner Lehre wichtig ist. Platon wurde als Sohn einer Aristokratenfamilie Athens – wir wissen nicht genau, ob 428 oder 427 – geboren. Seine Kindheit fällt also in die Zeit des Peloponnesischen Krieges; die eigentliche Blütezeit Athens kannte er nur durch Erzählungen und Überlieferungen. Der Kampf gegen Sparta, der Hader der Parteien im Innern, das waren seine Jugendeindrücke. Die nächsten Verwandten Platons waren Gegner der bestehenden Demokratie, zum Teil der Verbindung mit dem Landesfeinde verdächtig. Auch Kritias, der Führer der nach dem Frieden von Sparta eingesetzten Regierung, gehörte zu seiner Familie. Seiner Herkunft gemäß strebte der hochbegabte Jüngling nach politischer Wirksamkeit. Aber die bedenklichen Mittel, deren die Parteien sich bedienten, stießen ihn ab. Die aristokratische Gesinnung seiner Verwandten teilte er, die Ungerechtigkeit jedoch, mit der Kritias seine Gegner verfolgte, widerstrebte ihm aufs tiefste. Seine dichterische Begabung trieb ihn dazu, Tragödien zu schreiben; aber er vernichtete diese Versuche, als er zwanzigjährig von Sokrates gewonnen wurde. Dies Ereignis entschied über sein Leben. Sehr oft ist für einen Menschen etwas wesentlich, was von außen ganz unscheinbar aussieht; ein Buch, ein Gespräch können unserm Leben eine neue Wendung geben. So bedeutete es z. B. für Platons Entwicklung weniger, daß die Stadt den Feinden zum Opfer fiel und daß nahe Verwandte von ihm wegen einer Verschwörung hingerichtet wurden – seinen Beruf fand er, als er den wunderlichen Menschen, der sich auf den Gassen herumtrieb, kennenlernte, als Sokrates ihn unter die Zahl seiner Freunde aufnahm. Er lebte mit ihm acht Jahre lang, bis zu Sokrates' Tode.

Durch den gewaltigen Eindruck dieses Ereignisses wurde Platon von der Teilnahme am politischen Leben Athens vollends abgeschreckt. Was sollte er noch von einer Stadt hoffen, die ihren edelsten Bürger zum Tode verurteilte? Der Verteidigung und dem Ruhm des Sokrates widmete er seine ersten Schriften. Dann begab er sich auf eine große Reise nach Ägypten, Cyrene, Sizilien, Unteritalien. Dort in den blühenden Städten Großgriechenlands lernte er die mathematische Wissenschaft genauer kennen, die in der Philosophenschule der Pythagoreer eifrig gepflegt wurde.

Nach seiner Rückkehr begann er seine Lehrtätigkeit, aber nicht mehr wie Sokrates auf dem Markte, sondern anfangs im Gymnasium des Akademos, später in einem nahe dabei gelegenen Garten, den er kaufte. Ein Gymnasium war eine Anstalt, in der Knaben und Jünglinge nackt turnten und rangen; es diente aber vielfach zugleich als Versammlungsort für andere Zwecke, auch die Sophisten und Sokrates hatten oft in Gymnasien gelehrt. Platons Schule in seinem Garten beim Gymnasium des Akademos ist für uns das Urbild einer Vereinigung zu wissenschaftlichen Zwecken. Daher ist der Name Akademie zur allgemeinen Bezeichnung geworden, ähnlich wie der Name Cäsar im Kaisertitel fortlebt.

Das stille, der Forschung und Lehre gewidmete Leben des Philosophen wurde durch zwei neue Reisen nach Sizilien unterbrochen. Platon unternahm sie, weil er bei dem Tyrannen Dionys von Syrakus, dem Herrscher der mächtigsten Stadt Siziliens, mit Hilfe seines Verwandten Dion, der Platons Schüler und Freund geworden war, seine politischen Gedanken zu verwirklichen hoffte. Er erlebte beide Male eine schwere Enttäuschung und verzichtete seitdem auf jede unmittelbare politische Wirksamkeit. Bis zuletzt wissenschaftlich tätig, starb er achtzigjährig im Jahre 348 oder 347.

Bei Sokrates darf man eigentlich nicht von einer Lehre reden, wenn man unter diesem Worte einen bestimmten Zusammenhang von Wahrheiten versteht. Vielmehr handelt es sich bei ihm um eine Grundüberzeugung, die in seinem Leben und in seinen Gesprächen Ausdruck findet. Auch Platons Schriften sind keine Lehrbücher, wohl aber Untersuchungen in Gesprächsform; sie streben danach, ein zusammenhängendes Ganzes der Erkenntnis aufzubauen. Dieses Verhältnis muß man berücksichtigen, wenn man Platons Fortbildung sokratischer Gedanken verstehen will.

Sokrates ist überzeugt, daß es eine Wahrheit gibt und zeigt den Sophisten, daß sie selbst Wahrheiten voraussetzen. Platon beweist diesen Satz streng. Gäbe es keine Wahrheit, so wäre ja auch der Satz, es gibt keine Wahrheit, unwahr. Nun behauptet aber der Gegner diesen Satz. Er behauptet also gleichzeitig, daß es keine Wahrheit gibt und daß der Satz, es gibt keine Wahrheit, wahr sei. Damit aber bejaht und verneint er dasselbe in demselben Satze, seine Voraussetzung ist widerspruchsvoll.

Wahrheit

Es entsteht nun aber sofort die weitere Frage, wie findet man die Wahrheit? Auf diese Frage hatte schon Sokrates geantwortet, daß das Denken allein Sicherheit gewährt. Platon vertieft und begründet diese Ansicht, indem er die Lehre des Protagoras von der Sinnesempfindung hinzuzieht. Protagoras hatte gezeigt, daß verschiedene Menschen dasselbe Ding verschieden sehen. Auch zu verschiedenen Zeiten wirkt eine Farbe, ein Ton, ein Geschmack sehr verschieden auf denselben Menschen. Daraus hatte er geschlossen, daß es keine für alle und zu allen Zeiten gültige Wahrheit gebe. Platon stimmt der Voraussetzung durchaus zu, bestreitet jedoch die Folgerung. Er schließt vielmehr: Da es Wahrheit gibt, und da sie in der Sinnesempfindung nicht liegt, so muß sie auf anderem Wege gefunden werden. Wir können, um seine Antwort zu verstehen, von der Sinneswahrnehmung selbst ausgehen. Wohl sieht man einen Tisch sehr verschieden je nach der Stellung des Kopfes zum Tisch, wohl wirkt die Farbe der Tischplatte in veränderter Umgebung ganz anders, trotzdem aber bezweifeln wir nicht, daß wir es in allen Fällen mit demselben Tische zu tun haben. Niemand zögert, den Tisch als ein Ding, das sich gleichbleibt, anzuerkennen, auch wenn er dem Auge verschiedene Bilder bietet. Können wir nun aber eigentlich sagen, daß wir dieses Ding, den Tisch, sehen? Doch wohl nicht. Wir sehen strenggenommen nur wechselnde Farben und Umrisse, fassen sie aber als einem gleichbleibenden Gegenstande zugehörige auf. Wenn wir weiter irgendwelche wahre Sätze von diesem Gegenstand aussagen, etwa: Dies ist ein Tisch, dieser Tisch ist viereckig, braun, größer als jener andere Tisch, so überschreiten wir noch viel deutlicher den bloßen Inhalt unserer Sinnesempfindung. Wir vergleichen in jedem dieser Sätze den Tisch mit anderen Gegenständen; denn sogar wenn wir ihn einfach braun nennen, erhält diese Farbenbezeichnung ihren Sinn nur durch Vergleichung mit anderen Farben. Die Bezeichnung viereckig beruht auf einer Zählung und zählen ist sicher etwas ganz anderes als Sehen oder Hören. Also: schon in den wahren Sätzen, die sich auf ein einzelnes eben vor uns stehendes Ding beziehen, liegt viel mehr vor als bloße Empfindung. Die Fähigkeit aber zu solchen Tätigkeiten, wie Vergleichen, Zählen, zur Einheit eines Dinges Zusammenfassen, nennen wir Verstand und können demnach sagen: schon was aus der schwankenden Empfindung ein Erkennen macht, ist der Verstand. Wollen wir weiter den Unterschied bestimmen, der zwischen den Empfindungen und den Erzeugnissen des Verstandes besteht, so sehen wir leicht, daß jede Empfindung (Farbe, Ton, Geruch) ein einzelnes Erlebnis ist, das entsteht und vergeht, während die durch den Verstand gewonnenen Bestimmungen, wie braun, viereckig, auf viele Empfindungen anwendbar, d. h. allgemein sind. Der Verstand geht also auf das Allgemeine oder, um nun die dem Philosophen geläufigen Worte einzuführen, er sucht aus den einzelnen Erlebnissen den allgemeinen Begriff zu gewinnen. Im gewöhnlichen Leben begnügt sich aber der Mensch, wenn er Worte wie Tisch gebraucht, mit einer sehr unbestimmten allgemeinen Vorstellung. Es ist daher die erste Aufgabe des wissenschaftlichen Denkens, diese unbestimmte Vorstellung klar und durchsichtig zu machen. Es gibt mannigfaltige Tische: runde und viereckige – auf einem, auf vier Beinen stehende, an der Wand befestigte Tische – Schreibtische, Ladentische, Eßtische usw. Was ist das ihnen allen Gemeinsame, das uns veranlaßt, hier doch überall das Wort Tisch zu gebrauchen? Zunächst ist alles, was wir im eigentlichen Sinne des Wortes Tisch nennen, ein von Menschen zu bestimmten Zwecken benutzter Gegenstand. Durch die Art seines Zweckes unterscheidet er sich von anderen Gebrauchsgegenständen. Wir können dann sagen: ein Tisch ist ein Gegenstand, der von Menschen zu dem Zwecke verfertigt ist oder benutzt wird, anderen Dingen während des Gebrauchs, auch vor oder nach dem Gebrauch, zur Unterlage zu dienen. Diese Erklärung gibt das allen Tischen Gemeinsame, den Begriff des Tisches. Diesen Begriff, aus dem wir erschließen, ob etwas ein Tisch ist, ob ein gegebener Tisch seinen Zweck gut oder schlecht erfüllt, sehen wir nicht, wir erzeugen ihn vielmehr in unserm Denken. Auch der Schreiner könnte keinen Tisch herstellen, wenn der Begriff des Tisches nicht in seinem Geiste läge. So kam Platon dazu, den Begriff, nicht aber die sinnlich erfaßbaren einzelnen Dinge, die wir als Exemplare (Beispiele) des Begriffs bezeichnen, für das eigentlich Erkennbare zu halten. Er war ferner überzeugt, daß unser Erkennen das wahre Wesen der Dinge, die höhere Wirklichkeit hinter den wechselnden sinnlichen Bildern erfasse. Darum sind die Ideen – wie er die im Begriffe erfaßten Wesenheiten nennt – das eigentlich Wirkliche, während die sinnlich wahrnehmbaren Dinge nur ein Widerschein dieses Wirklichen sind. Da so nach Platons Überzeugung alles von den Ideen abhängt, bezeichnet man seine Philosophie als Ideenlehre.

Ideenlehre

Ich habe soeben versucht, Sie auf einem Wege, der für jeden gangbar ist, zu einem gewissen Verständnis der Ideenlehre zu führen. Indessen, dieser Weg eröffnet uns zwar einige Aussicht auf diese Lehre, führt aber nicht eigentlich in ihr Inneres hinein. Platon selbst hat die Mathematik, insbesondere die Geometrie für die wahre Vorschule der Philosophie erklärt. »Kein der Geometrie Unkundiger trete ein«, soll über dem Tor der Akademie gestanden haben. Ich muß für die unter meinen Hörern, welche wenigstens die Grundlagen der Mathematik kennen, die vorige Betrachtung im folgenden durch eine andere ergänzen.

Was an der Mathematik die Philosophen immer wieder mit fast magischer Gewalt anzieht, ist die Sicherheit ihrer Ergebnisse. Bei geometrischen Sätzen gibt es unter Kennern der Geometrie keinen Streit über wahr oder falsch. Wenn einmal bewiesen ist, daß die Winkelsumme des Dreiecks zwei Rechte beträgt, so steht das ein für allemal fest; wir wissen von vornherein, daß kein einzelnes Dreieck jemals unsere Erwartungen über seine Winkelsumme täuschen wird. Es ist ferner möglich, sobald einmal gewisse Grundsätze über Linien und Flächen anerkannt sind, eine Fülle räumlicher Gebilde wissenschaftlich zu beherrschen und eine Menge von Eigenschaften dieser Gebilde abzuleiten. Platon lebte in der Zeit, in der die uns vertrautesten geometrischen Sätze entdeckt wurden. Die Sicherheit dieser jungen Wissenschaft mußte gerade im Gegensatz zu dem zersetzenden Zweifel der Sophisten den tiefsten Eindruck auf ihn machen. Fragt man sich nun, wodurch ein geometrischer Satz sich von einer Aussage über wirkliche Dinge, z. B. »Hunde sind wachsam«, unterscheidet, so erkennt man, daß es die Geometrie gar nicht mit einzelnen Dreiecken oder Kreisen zu tun hat, sondern daß die gezeichnete Figur nur ein Hilfsmittel ist, sich die allgemeinen Eigenschaften des Kreises oder Dreiecks besser vorzustellen. Sage ich dagegen, Hunde sind wachsam, so denke ich an Phylax oder Nero; bei diesen und anderen habe ich mit der Hundenatur die Wachsamkeit verbunden angetroffen, ich vermute, daß diese Verbindung die Regel sein wird. Aber ein schläfriger Köter genügt, um die Allgemeinheit dieses Satzes anzufechten. Woran nun liegt es, daß wir in der Geometrie solchen Gefahren nicht ausgesetzt sind? Der Grund dieses Vorzugs besteht offenbar darin, daß wir hier der besonderen Erfahrungen nicht bedürfen, sondern daß, wenn einmal der Begriff eines Dreiecks wirklich erfaßt ist, aus unserem Geiste allein heraus die notwendigen Eigenschaften des Dreiecks sich finden lassen. Platon hat dafür in einem seiner Gespräche eine klassische Darstellung gegeben. Er bringt durch geschickt gestellte Fragen einen der Geometrie unkundigen Sklaven dahin, aus sich selbst heraus einen geometrischen Satz zu finden. Daraus schließt er dann weiter, daß also die geometrischen Begriffe schlummernden Erinnerungen gleich im Geiste jenes Sklaven wie jedes Menschen liegen und nur geweckt zu werden brauchen. Des Sokrates Hebammenkunst bekommt so eine tiefere Begründung: sie erweckt die schlafenden Begriffe in unserem Geiste. Was die Geometrie mit den Figuren tut, eben das will Platon mit allen Begriffen und besonders mit den für uns wichtigsten, wie Tugend, Staat, Seele, tun: er will ihnen ihre ursprüngliche, gleichsam entschlafene Klarheit wiedergeben.

Wenn so die Ideen in unserem Geiste schlummern, wenn die ihnen entstammenden Erkenntnisse alle Erfahrungssätze an Sicherheit so weit überbieten, wie sind sie dann in unseren Geist gekommen? Hierauf gibt Platon eine seltsam scheinende Antwort. Er sagt, wir haben in einem früheren Leben, als die Seele noch nicht durch Verbindung mit dem Körper herabgezogen war, die Ideen selbst geschaut. Die dunkle Erinnerung an dieses vergangene Sehen befähigt uns allein dazu, aus den schwankenden, wechselnden Wahrnehmungen die gewöhnlichen Erkenntnisse zu gewinnen; so unsicher diese Meinungen sind, nicht einmal sie wären ohne jene Erinnerung möglich. Alle wissenschaftliche Erkenntnis aber besteht in einem bewußten Wiedererwecken jener Erinnerungen.

Idee und Welt

Die letzten Sätze zeigen bereits, daß Platon zu Untersuchungen geführt wird, die Sokrates abgelehnt hätte. Wenn die Seele vor ihrer Vereinigung mit dem Körper die Ideen selbst, unvermischt mit den Wahrnehmungen der Sinnesorgane, geschaut hat, so müssen diese Ideen also einerseits ein gesondertes Dasein haben, anderseits aber doch auch in den einzelnen wahrnehmbaren Dingen irgendwie wirksam sein. Infolge dieser doppelten Stellung der Ideen lassen sich die Fragen nach der Natur der körperlichen Dinge nicht mehr abweisen. Sokrates, der immer nur auf den einzelnen Fall seine Grundüberzeugung angewendet hatte, konnte sie vernachlässigen; Platon, der einer in sich zusammenhängenden Erkenntnis zustrebte, durfte es nicht mehr. Auch er will vor allem die Bestimmung des Menschen in der Welt erkennen, aber diese Frage schließt für ihn doch die andere in sich ein: was ist die Welt? Platons Antwort, daß sie ein getrübtes Abbild jener vorbildlichen Welt reiner Ideen ist, bereitet viele Schwierigkeiten, die der Denker selbst erkannt hat. Wie steht denn der allgemeine Begriff des Menschen, die Idee »Mensch«, zu Peter und Paul und den andren einzelnen Menschen? Platon hat diese Frage bald in streng begrifflichen Ausführungen, bald in Bildern mythologischer Art zu lösen gesucht. Aber alle diese Darstellungen, so bewundernswert sie uns seinen reichen und ringenden Geist offenbaren, geben neue Rätsel auf. Noch heute herrscht Streit über Platons eigentliche Meinung. Da zudem in diesen Ausführungen, so wichtig sie für manche späteren Denker geworden sind, doch nicht der ewige Wert von Platons Philosophie liegt, darf ich sie hier übergehen. Was für uns an Platons Lehre wichtig ist, können wir auch ohne Eingehen auf diese Schwierigkeiten verstehen.

Wir finden diesen für uns wesentlichen Kern, wenn wir uns unserer Grundfrage erinnern: Was soll ich in dieser Welt? Um Platons Antwort darauf zu verstehen, haben wir nur noch nötig, einen Punkt dem bisher Gesagten hinzuzufügen. Wir wissen: Das wahrhaft Erkennbare und das wahrhaft Seiende sind die vom Verstande erfaßten Begriffe oder Ideen. Sie sind es aber auch, die den einzelnen, sinnlich erlebbaren Gegenständen ihren Wert und ihre Bedeutung verleihen. Ein Pferd ist gut, wenn es alle Eigenschaften, die zum Begriff des Pferdes gehören, wie Schnelligkeit, Lenksamkeit, Stärke, in vollkommener Weise besitzt. Es gibt nun viele Ideen, wie es viele Arten von Dingen und Eigenschaften gibt. Es gibt Ideen des Pferdes und des Hundes, aber auch des Tieres; des Mannes und der Frau, aber auch des Menschen. Augenscheinlich sind einzelne dieser Ideen untereinander ähnlich und anderen untergeordnet. Der Begriff des Mannes ist dem der Frau ähnlicher als dem des Pferdes; Mann wie Frau stehen unter dem allgemeineren Begriffe des Menschen; Mensch und Pferd stehen unter dem Begriff des lebendigen Wesens. Da alle Ideen einen einheitlichen, vernunftbeherrschten Zusammenhang bilden sollen, muß es eine oberste Idee geben. Diese oberste Idee nun, unter der alle anderen stehen, ist für Platon die Idee des Guten. Der Denker selbst bezeichnete diese Einsicht als die am schwersten zu erringende. Wie er dazu kam, werden Sie vielleicht begreifen, wenn sie sich erinnern, daß alles Gute in den einzelnen Dingen von den Ideen kommt, daß ferner die Sicherheit unseres Erkennens und damit die Güte unsres Handelns auf der Wiedererweckung der Ideen in unserm Geiste beruht.

Ist die oberste Idee die des Guten, so fällt für Platon auch die Gottheit mit dieser obersten Idee zusammen. Denn die Ideen sind es ja, die göttergleich dauern und in ewigem Sein unsere wechselnde Welt bestimmen. Die Einheit von Macht und Güte, die reine Idee der Gottheit ist so errungen. Aus diesem Gedanken folgt, daß auch in der Welt der Körper alles gemäß der Idee des Guten, d. h. dem Zwecke des Guten entsprechend geordnet ist. Platon begründet eine Art der Naturerklärung, die aus einer zweckmäßigen Ordnung alles einzelne abzuleiten sucht. Die Sterne z. B. bewegen sich in kreisförmigen Bahnen, weil die gleichartige und in sich zurücklaufende Kreisbewegung die vollkommenste Art der Bewegung ist. Wie Sie wissen, geht die moderne Wissenschaft ganz anders vor. Sie hat gefunden, daß die Sterne sich nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen, und sie sucht nun nicht etwa zu beweisen, daß die Ellipse vollkommener ist als der Kreis, sondern sie weiß gar nichts von »vollkommener« Bewegung, sie fragt nur, welches die Ursachen dieser Bewegung sind, und findet diese Ursachen in der gegenseitigen Anziehung und in der Lage der Sterne zueinander. Diesen Gegensatz einer Erklärung aus Ursachen (kausal) und einer Erklärung aus Zwecken (teleologisch) hat Platon sich durchaus deutlich gemacht. In dem Gespräche Phädon, das wir schon kennen, läßt er den Sokrates etwa folgendes ausführen: Wenn man meint, durch Angabe der Ursachen die Natur erklärt zu haben, so komme ihm das vor, als wenn man sage, Sokrates sei im Gefängnis, weil seine Muskeln und Sehnen sich soundso bewegt hätten und weil sie jetzt so gestellt seien, daß er nicht weggehe. Und doch haben ihn nicht die Muskeln und Sehnen verhindert zu fliehen, als die Möglichkeit dazu gegeben war. Er ist vielmehr geblieben, um, wie er es für recht hielt, den Gesetzen der Vaterstadt zu gehorchen.

Naturauffassung. Liebe

Für die Naturerklärung ist Platons Weg ungangbar, weil wir als beschränkte Menschen die Zwecke des Weltganzen sicherlich nicht erkennen können. Wir werden im nächsten Vortrage sehen, daß hier nur die entgegengesetzte Methode zur Erkenntnis führt. Aber gerade das Beispiel, das ich eben aus dem Phädon anführte, wird Ihnen gezeigt haben, daß unser Handeln nur recht gewürdigt und geleitet werden kann, wenn wir es von seinen Zielen aus beurteilen. Klug handelt, wer die Mittel zu seinen Zwecken richtig wählt, weise, wer sich die wahrhaft richtigen Zwecke stellt. Um Ihnen nun zu zeigen, wie Platon seine Lehre auf unser Leben anwandte, kann ich an zwei Verbindungen anknüpfen, in denen Sie Platons Namen wahrscheinlich oft gehört und gebraucht haben, an die platonische Liebe und den platonischen Staat. Freilich sind die landläufigen Vorstellungen von diesen beiden bekanntesten platonischen Lehren gründlich verkehrt.

Platonische Liebe, so meint man wohl, sei eine Liebe, die nicht auf den Besitz des Geliebten geht, die ihren Gegenstand nur von ferne schwärmerisch verehrt. Aber wenn zwischen sinnlicher und platonischer Liebe wirklich nur dieser Unterschied bestände, wenn Platon also eine Liebe gepriesen hätte, die weder die Kraft hat, sich das Geliebte zu erringen, noch den Mut, endgültig zu verzichten, so wäre die platonische Liebe ein Trost für schwache Süßlinge, wert des Spottes lebenskräftiger Frohnaturen. In Wahrheit ist nicht der Verzicht auf sinnlichen Besitz, sondern der Zusammenhang mit der Ideenlehre wesentlich für den Begriff der platonischen Liebe. Wir haben gesehen, daß alles Wertvolle, Schöne und Gute in den Dingen von ihrem Anteil an den Ideen herkommt. Wie jeder, der mit offenem und künstlerischem Auge in die Welt schaut, liebte und bewunderte Platon kraftvolle und schöngebildete jugendliche Gestalten. Er rechtfertigte sein Gefühl vor sich selbst durch die Lehre, daß in der Schönheit des Leibes sich die ewige Idee des Menschen dem irdischen Auge offenbart. Seiner Idee nach ist der Mensch ein vernunftbeherrschtes Wesen; und wir dürfen, wenn wir Platons Lehre von der Liebe verstehen wollen, nicht vergessen, daß für den Griechen ein schöner Körper sich in erster Linie durch gleichmäßige Ausbildung aller Muskeln auszeichnet. Einem solchen Körper sieht man es an, daß er leicht und frei der Absicht des Willens gehorcht; daher kommt in dem schönen Körper des Griechen die Herrschaft des vernünftigen Geistes über die Glieder des Leibes zum Ausdruck. Es ist ein Zeichen niederer Sinnesart, wenn manche Orientalen an den Frauen die tote Masse des fetten Körpers lieben. Echte Liebe sucht, selbst wenn sie sich dessen nicht voll bewußt ist, im geliebten Wesen das wahrhaft Wertvolle. Daraus folgt, daß ihr der sinnliche Besitz nicht das Höchste sein kann; aber die bloße Enthaltung vom sinnlichen Besitze macht für sich genommen den Wert einer Liebe keineswegs aus, sondern darin zeigt sich die echte Liebe, daß man in sich selbst wie im Geliebten ein Höheres zu erzeugen sucht. Platonische Liebe sieht also im Geliebten die Vollkommenheit angelegt und strebt für sich selbst und für das geliebte Wesen nach der Herrschaft und Durchsetzung dieser Vollkommenheit. Da aber alle einzelnen Dinge und Menschen ihre Vollkommenheit doch nur aus den Ideen haben, so geht die wahre Liebe von den Körpern zu den Seelen und von den Seelen zu den Ideen. Der Philosoph liebt die Wahrheit mit demselben Feuer, mit dem der Liebende seine Geliebte liebt; in dem Streben nach Wissen, das für Platon wie für Sokrates alles beherrscht, steckt eine leidenschaftliche Liebe.

In jeder Liebe hoher Art lieben wir, selbst wenn wir uns dessen nicht bewußt sind, die Idee, die Gottheit. Dadurch sind für Platon die innigsten menschlichen Verhältnisse an die großen Gedanken seiner Philosophie angeknüpft. Noch enger fast ist Platons Lehre vom Staate mit der Ideenlehre verbunden. Die Vernunft, die im einzelnen Menschen herrschen soll, hat auch den Staat zu regieren. Hier wie dort sollen die niederen Triebe in strengem Gehorsam gehalten werden. Die eben angedeutete Vergleichung des einzelnen Menschen und des Staates hat Platon überall durchgeführt. Der Staat ist ihm nicht eine bloße Vergesellschaftung der Menschen zum Zwecke der Sicherheit und Wohlfahrt, sondern ein in sich wertvolles vergrößertes Abbild des Menschen. Wie der einzelne die Aufgabe hat, die Idee der Menschheit in sich darzustellen, so soll das in größerer und vollkommnerer Weise der Staat tun. Platon erbaut sich in Gedanken ein Staatswesen, das diesen Anforderungen genügt. Nicht aus der Wirklichkeit nimmt er das Vorbild für diesen Staat; ja er weiß, daß ein Staat ganz so, wie er sich ihn denkt, nie existieren wird. Aber auch der Kreis des Mathematikers ist in der Körperwelt nie völlig genau vorhanden und bleibt trotzdem das Vorbild jedes Kreises, den wir zeichnen. So soll der ideale Staat Platons ein Vorbild sein, dem sich die Wirklichkeit möglichst zu nähern hat. Da nun der Staat der Mensch im großen ist, so entsprechen seine Teile, die Berufsstände der Bürger, den Teilen der menschlichen Seele. Wir müssen daher, um Platons Staatsideal zu verstehen, einen Blick auf seine Seelenlehre werfen.

Staat. Seelenlehre

Da die Seele sich im irdischen Leben der einst geschauten Ideen erinnert, hat sie vor ihrer Vereinigung mit dem Körper schon existiert. Sie wird ebenso den Körper überdauern. Noch in anderer Weise leitet Platon die Unsterblichkeit der Seele aus der Ideenlehre ab. Unsere Seele ist fähig, die reinen Begriffe oder Ideen zu erfassen. Diese Begriffe aber werden und vergehen nicht, sondern sind aus dem Flusse des zeitlichen Geschehens gleichsam herausgehoben. Man kann sich das wieder an einem geometrischen Begriffe wie dem des Kreises klar machen. Begrifflich, für die Beweisführung des Mathematikers, ist der Kreis, den der große alexandrinische Mathematiker Euklid sich dachte, und der Kreis, an dem heute ein Schullehrer seinen Schülern die geometrischen Sätze beweist, genau derselbe; es kommt für die Geometrie gar nicht in Betracht, daß jener erste Kreis vor mehr als 2000 Jahren gedacht wurde, daß die Zeichnungen, die Euklid davon machte, längst verschwunden sind. Ein Wesen aber, das Zeitloses, Ewiges zu erfassen vermag, muß selbst an der Ewigkeit teilhaben, kann nicht in die engen Grenzen eines Menschenlebens eingeschlossen sein. Es liegt in diesem Beweise der richtige Gedanke, daß wir durch Teilnahme an dem ewig Wahren uns gleichsam über das zeitliche Leben emporheben. Aber ein zeitliches Fortleben jenseits des Todes läßt sich weder auf diesem noch auf einem der andern von Platon versuchten Wege wissenschaftlich beweisen. Platon wollte hier zur Sache des Wissens machen, was immer Sache des Glaubens bleiben muß.

In diesen Unsterblichkeitsbeweisen ist die Seele so völlig aus der körperlichen Natur herausgehoben worden, daß eine besondere Vermittlung zwischen den beiden Gegensätzen nötig wird. Platon findet sie in der Lehre von den Seelenteilen. Wie die Ideen selbst außer ihrem reinen und abgesonderten Dasein doch auch in der Körperwelt wirksam sind, so beherrscht unsere Seele zugleich einen besonderen Körper, eben unseren menschlichen Leib. Der Teil der Seele, der die Ideen schaut, ist die Vernunft. Sie herrscht über den Leib mit Hilfe der wollenden Seelenteile; aber den Willen bestürmen zugleich die körperlichen Begierden. Wenn wir unsere Gelüste nicht beherrschen, werden wir von ihnen unterjocht. Darum unterscheidet Platon zwei Willens- oder Triebkräfte, eine höhere, den Mut, wie er sie nennt, durch den die Vernunft wirkt, und dem auch jene edlere Liebe angehört, und eine niedere, die Begierde. Auch die sinnlichen Begierden gehören zum Menschen, wie wir ja ohne Essen und Trinken unser Leben nicht erhalten können; aber sie sollen nicht herrschen, sondern dienen. Gebieten soll die Vernunft, ihre Gebote durchsetzen soll der Mut.

Staat

Diesen drei Teilen der Seele entsprechen die Teile des »Menschen im großen«, d. h. die Stände des Staates. Regieren soll auch hier der vernünftige Teil; so rechtfertigt sich Platons bekannter und zuweilen belachter Ausspruch, nicht eher werde es im Staate besser werden, als bis die Könige philosophieren oder die Philosophen Könige sind. Unter einem Philosophen versteht Platon hier nämlich nicht einen einsamen, in sein Studierzimmer eingeschlossenen Grübler, sondern einen Mann, der außer der Erziehung durch das praktische Leben auch noch die höchste wissenschaftliche Ausbildung empfangen hat und darum befähigt ist, die Wissenschaft ebensowohl zu fördern wie auf den Staat anzuwenden. Der zweite Stand, der dem Mute entspricht, ist der Kriegerstand, der im Innern die von den Herrschern befohlene Ordnung aufrecht erhält und gegen äußere Feinde den Staat beschirmt. Auch die herrschenden Weisen haben zum Kriegerstand gehört, ehe sie in ihre höhere Stellung aufrückten. Damit die beiden herrschenden Stände sich ganz ihren Aufgaben widmen können, ist von ihnen jede Sorge um den täglichen Unterhalt, jede Begierde nach Reichtum fernzuhalten. Sie werden daher aus Staatsmitteln ernährt und dürfen weder Privateigentum noch Familie haben. Der dritte Stand ist der erwerbende, er entspricht der Begierde und hat im rechten Staate zu gehorchen. Bei der Behandlung des Nährstandes zeigt sich in Platons Ausführungen eine Schwäche, die er mit allen Griechen teilt. Dem sklavenhaltenden Griechen war die Erwerbsarbeit etwas, das im Grunde eines freien Mannes nicht würdig schien. Wir sind hier längst über das Griechentum hinausgeschritten und sehen in jeder recht getanen Arbeit eine Verwirklichung des Besten im Menschen. Diese Schwäche macht sich auch sonst in Platons Staatsideal geltend. Man hat wegen der von ihm geforderten Eigentumslosigkeit der höheren Stände in Platon oft einen der Urväter des Sozialismus gesehen – kaum mit Recht. Denn Platon hat wenigstens in seinem »Staat« an das Privateigentum der Erwerbsstände nicht gerührt.4 In für uns auffallender Weise werden alle wirtschaftlichen Fragen vernachlässigt. Nicht im Interesse gerechter Güterverteilung, sondern nur, damit sie ganz ihrem Amte leben können, wird den Kriegern und Weisen das zu ihrem einfachen abgehärteten gemeinsamen Leben Nötige aus öffentlichen Mitteln zugeteilt. Das Herrschen ist nach Platon kein Genuß, kein Mittel, den Herrschern Vorteile zu verschaffen, sondern ein im Dienste des Ganzen geübtes Amt, dem sich die dazu Tüchtigen sowenig entziehen dürfen, wie etwa die Vernunft des einzelnen Menschen es unterlassen darf, sein tägliches Leben nach ihren Einsichten zu regeln. Aus denselben Gründen wie das Privateigentum ist für die höheren Stände auch die Familie abzuschaffen; in ihnen gibt es nur einzelne gleichberechtigte Männer und Frauen, deren Verbindungen von den Herrschern im Interesse eines tüchtigen Nachwuchses geregelt werden. Während Platon in der Unterschätzung der Erwerbsarbeit griechischen Vorurteilen folgte, trat er in der Bewertung der Frau der in seinem Volke herrschenden Meinung entgegen. Er forderte völlige Gleichstellung beider Geschlechter. Zu Kriegern und Herrschern werden Frauen wie Männer gemacht. Die Kinder dieser höheren Stände erhalten gemeinsame Erziehung und kennen ihre Eltern nicht. Nur die unter diesen Kindern, die ihrer Abkunft Ehre machen, bleiben im Stande der Eltern, die übrigen werden in den dritten Stand herabgesetzt. Ebenso werden unter den Kindern der Gewerbsleute die tauglichen in die höheren Stände emporgehoben.

Vieles einzelne in Platons Staatsideal ist überwunden, anderes, wie die Forderung wissenschaftlicher Bildung für die Regierenden, ist wenigstens teilweise Wirklichkeit geworden; manches, wie die Zugänglichkeit der höchsten Stellen für alle Tüchtigen und die Auswahl der Regierenden allein nach der Tüchtigkeit, ist auch heute noch Ziel unseres Strebens. Aber weit wichtiger als alle diese Einzelheiten ist der Geist, der in Platons Staatslehre waltet. Alle Einrichtungen beherrscht die Vernunft, jeder Mensch dient den großen Zielen des Ganzen. Auf diese Ziele ist der Sinn gerichtet und von ihnen aus werden die Mittel gewürdigt. In unserer Zeit haben sich die Mittel des Lebens unendlich vervollkommnet. Bewundernswertes ist für die Bequemlichkeit und Gesundheit des äußeren Lebens geschehen, und diese Fortschritte werden wachsenden Teilen des Volkes zugänglich. Wir sollen diese technischen Errungenschaften nicht unterschätzen. Aber auch wenn wir mit immer größerer Schnelligkeit reisen, und wenn unsere Worte durch Telephon und drahtlose Telegraphie den Raum überwinden, die Hauptsache bleibt stets, zu welchen Zwecken wir reisen und was wir reden. Gerade die großen Fortschritte der Technik lassen viele vergessen, daß alle diese Erleichterungen der Ernährung und des Verkehrs nur Mittel sind, und daß es auf die Zwecke ankommt, zu denen wir diese Mittel gebrauchen. Das Nachdenken über diese Zwecke heißt Philosophie. Den Wert dieses Nachdenkens hat niemand mit größerer Kraft hervorgehoben als Platon. In der Mahnung, über die Ziele des Lebens nachzudenken, gipfele Ihre Erinnerung an ihn.

Platon
Platon
Nach einer Marmorbüste in Rom