Doch sehen wir nun einmal zu, was für eine Wirkung die Odyssee auf jeden einzelnen von uns ausüben kann. Zunächst wird sie auf unsere Schriftstellerzunft, auf unsere Autoren wirken. Sie wird viele dem Lichte zurückgeben, nachdem sie sie wie ein gewandter Lotse durch den Nebel und die Verwirrung hindurchgesteuert hat, die durch unsere zerfahrene und unausgegorene Schriftstellergeneration heraufbeschworen wurde. Sie wird uns alle wieder daran erinnern, mit welch naiver ungekünstelter Schlichtheit die Natur reproduziert, wie jeder Gedanke bei uns zu einer geradezu greifbaren Klarheit gebracht werden, in welch ruhigem Gleichmaß unsere Rede dahinfließen muß. Sie wird allen unseren Schriftstellern wieder jene alte Wahrheit näher bringen, die wir unser ganzes Leben lang im Auge behalten sollten und die wir doch immer wieder vergessen: daß wir nämlich nicht eher zur Feder greifen sollten, als bis sich in unserem Kopfe alles zu der Klarheit und Ordnung gestaltet hat, daß selbst ein Kind imstande wäre, alles zu verstehen und in seinem Gedächtnis aufzubewahren. Aber eine noch stärkere Wirkung als auf die Schriftsteller wird die Odyssee auf die ausüben, die sich erst auf die Schriftstellerlaufbahn vorbereiten, und die, ob sie nun auf dem Gymnasium sind oder auf der Universität studieren, ihr künftiges Arbeitsfeld noch unklar und wie im Nebel vor sich sehen: diese kann die Odyssee von Anfang an auf den rechten Weg weisen und sie vor einem unnötigen Herumirren in krummen winkligen Gassen bewahren, in denen sich ihre Vorgänger zur Genüge umhergetrieben haben.
Ferner wird die Odyssee auch einen Einfluß auf den Geschmack und die Entwicklung des ästhetischen Gefühls ausüben. Sie wird einen frischen Zug in die Kritik hineintragen. Unserer Kritik hat sich eine gewisse Müdigkeit bemächtigt, sie hat in der Analyse der problematischen Werke unserer neuesten Literatur Ziel und Richtung verloren, sie hat sich in ihrer Verzweiflung auf Seitenwege verirrt, läßt die literarischen Probleme ganz beiseite und produziert nur noch ganz törichtes Zeug. Das Erscheinen der Odyssee aber kann vielleicht viele wirklich gute und tüchtige Kritiken hervorrufen, um so mehr, als es wohl auf der Welt kaum ein zweites Werk gibt, das sich von so vielen Seiten aus betrachten läßt, wie die Odyssee. Ich bin überzeugt, daß die Diskussionen, die Untersuchungen, die Betrachtungen und Erörterungen, die Bemerkungen und Gedanken, zu denen sie Veranlassung geben wird, unsere Zeitschriften mehrere Jahre lang beschäftigen werden. Diese Leser werden nur Vorteil davon haben: die Kritiken werden nicht mehr so hohl und nichtssagend sein. Um eine solche Kritik zu schreiben, muß man viel lesen, sich über vieles neu orientieren, viel erlebt und über vieles nachgedacht haben; ein hohler und oberflächlicher Kopf wird über die Odyssee kaum etwas zu sagen wissen.
Drittens kann die Odyssee in dem russischen Gewande, das ihr Schukowski gegeben hat, viel zur Reinigung unserer Sprache beitragen. Bei keinem unserer Schriftsteller, in keinem der früheren Werke Schukowskis, ja nicht einmal bei Puschkin und Krylow, die häufig im Ausdruck, in ihren Wendungen noch schärfer und genauer sind, als jener, hat die russische Sprache einen solchen Reichtum, eine solche Vollkommenheit erreicht. Hier finden sich alle ihre Wendungen und Nuancen in sämtlichen Variationen und Abstufungen. Diese ungeheuren unendlichen Perioden, die bei jedem andern matt und dunkel wirken würden, und andererseits wiederum die knappen kurzen Perioden, die bei andern hart und abgerissen klingen und der Rede etwas Herbes, Gefühlloses verleihen würden, stehen bei Schukowski so brüderlich zusammen, alle Übergänge und der Zusammenstoß der Gegensätze vollziehen sich mit einem solchen Wohllaut, alles fließt so in eins zusammen und läßt die schwerfällige Masse des Ganzen sich so zerteilen und verschwinden, daß man den Eindruck hat, als hätten der Bau und das Gefüge der Sprache sich überhaupt verflüchtigt; sie scheinen nicht mehr vorhanden zu sein, so wie auch der Übersetzer völlig verschwindet. Statt seiner aber steht der greise Homer in seiner ganzen majestätischen Größe vor unseren Augen, und wir hören die hehren, gewaltigen, ewigen Worte, die nicht dem Munde eines Menschen entstammen, sondern deren Bestimmung es ist, — ewig durch die Welt zu tönen. Jetzt werden unsere Schriftsteller erkennen, mit welch kluger Vorsicht jedes Wort und jeder Ausdruck verwendet sein will, wie man jedem schlichten Wort seine hohe Würde wiedergeben kann durch die Kunst, ihm seinen richtigen Platz anzuweisen, und was für ein solches Werk, dessen Bestimmung es ist, in den Händen aller zu sein und von allen genossen zu werden — das ein geniales Werk ist, diese äußere Wohlgestalt und dieser äußere Anstand, diese Durchbildung und Abrundung des Ganzen bedeuten: hier fällt jedes kleinste Staubkörnchen ins Auge und wird von jedem bemerkt. Schukowski vergleicht diese Staubkörnchen sehr richtig mit Papierschnitzeln, die in einem herrlich ausgeschmückten Prunkgemach herumliegen, wo von der Decke herab bis zum Parkett alles glänzt und strahlt wie ein Spiegel: jeder Eintretende wird zuallererst diese Papierschnitzel bemerken, und zwar aus demselben Grunde, aus dem er sie in einem unsauberen unaufgeräumten Zimmer überhaupt nicht entdecken würde.
Viertens wird die Odyssee sowohl die Wißbegierde derer, die sich mit der Wissenschaft beschäftigen, wie auch derer, die keine Wissenschaft studiert haben, befruchten, indem sie uns eine lebendige Kenntnis der antiken Welt vermitteln wird. In keinem Geschichtswerk kann man das finden, was man aus ihr schöpfen kann; von ihr geht ein lebendiger Hauch der Vergangenheit aus; der antike Mensch steht lebendig vor unseren Augen, als hätten wir ihn erst gestern gesehen und mit ihm gesprochen. Man sieht ihn förmlich vor sich in seinem ganzen Tun und Treiben und zu allen Tageszeiten: wie er sich andächtig zum Opfer vorbereitet, wie er beim Becher ehrsam mit dem Gastfreund spricht, wie er sich ankleidet, wie er auf den Platz hinaustritt, wie er den Reden der Greise lauscht und die Jünglinge belehrt; sein Haus, sein Wagen, sein Schlafgemach, das kleinste Möbelstück im Hause, von den Tischen, die hereingetragen werden, bis zum Riemenriegel an der Tür — alles steht noch frischer und lebendiger vor unseren Augen, als in dem ausgegrabenen Pompeji.
Und endlich bin ich sogar der Ansicht, daß von dem Erscheinen der Odyssee eine Wirkung auf den heutigen Geist unserer Gesellschaft im allgemeinen ausgehen wird. Gerade in unserer Zeit, wo durch den geheimnisvollen Willen der Vorsehung überall ein schmerzlicher Schrei der Unbefriedigung durch die Welt geht, ein Schrei der Unzufriedenheit mit allem, was es auf der Welt gibt, mit den Zuständen, mit der Zeit, wie mit uns selbst, wo allen endlich die Vollkommenheit, bis zu der uns unser moderner bürgerlicher Geist und die Aufklärung emporgehoben haben, verdächtig zu werden beginnt, wo sich bei jedem ein unbewußtes Sehnen fühlbar macht, etwas anderes zu sein, als das, was man ist, ein Sehnen, das vielleicht aus der edlen Quelle, dem Wunsche, besser zu sein, entspringt; wo durch die törichten Losungen und durch die übereilte Verkündigung neuer ganz unklar erfaßter Ideen hindurch sich ein allgemeines Streben Bahn bricht, sich mehr einer dunkel ersehnten Mitte zu nähern, das wahre Gesetz unseres Handelns, sowohl das der Massen, wie das jedes einzelnen zu finden, in einer solchen Zeit muß die Odyssee durch die patriarchalische Größe des antiken Lebens, durch die unkomplizierte Einfachheit der das öffentliche Leben bewegenden Triebfedern, durch die Frische des Lebens, durch die noch durch nichts abgestumpfte kindliche Heiterkeit des Menschen, ergreifen. Aus der Odyssee wird unserem neunzehnten Jahrhundert ein starker Vorwurf entgegentönen, und dieser Vorwurf wird nicht verstummen, je tiefer es in sie eindringen und je mehr es sich mit ihr vertraut machen wird.
Was kann zum Beispiel einen stärkeren Eindruck machen, als der Vorwurf, den wir in unserer Seele vernehmen, wenn wir sehen, wie der antike Mensch, mit seinen geringen Werkzeugen, bei der großen Unvollkommenheit seiner Religion, die ihm sogar erlaubte, zu stehlen, Rache zu üben, seine Zuflucht zu List und Tücke zu nehmen, um den Feind zu vernichten, mit seiner rebellischen, harten, nicht zum Gehorsam neigenden Natur und seinen schwachen Gesetzen es verstanden hat, durch die bloße Erfüllung der von den Vorfahren ererbten Sitten und Gebräuche — die nicht umsonst von den alten Weisen eingeführt und festgesetzt worden waren, und die nun auf ihr Gebot wie ein Heiligtum vom Vater auf den Sohn vererbt wurden, — wenn wir sehen, wie der Mensch der alten Zeit es verstanden hat, durch bloße Erfüllung dieser Sitten seinen Handlungen eine gewisse strenge Form, ein gewisses Ebenmaß, ja sogar eine gewisse Schönheit zu verleihen, so daß alles an ihm vom Kopf bis zu der Zehe, jedes seiner Worte, die einfachste Bewegung, ja selbst der Faltenwurf seines Gewandes Größe und Würde atmete, und daß man in ihm wirklich den göttlichen Ursprung des Menschen zu ahnen glaubt? Wir dagegen, mit all unseren gewaltigen Mitteln und Werkzeugen der Vervollkommnung, mit der Erfahrung aller Jahrhunderte, mit unserer schmiegsamen, gelehrigen Natur, mit unserer Religion, die uns doch nur zu dem Zweck gegeben ward, damit wir heilige und göttliche Menschen werden — wir haben es mit all diesen Mitteln zu nichts gebracht, als zu einer gewissen inneren, wie äußeren Unordnung, Disharmonie und Zerfahrenheit, wir wußten nichts aus uns zu machen, als traurige, halbe, zerstückelte und kleinliche Menschen, vom Kopf bis zu den Füßen, ja bis zu unserer Kleidung, und zu alledem sind wir uns gegenseitig so zuwider geworden, daß keiner den andern mehr achtet; nicht einmal die tun es, die immer von der allgemeinen Menschenachtung reden.
Mit einem Wort, die Odyssee wird auf die an ihrer europäischen Vollkommenheit Leidenden und Krankenden eine starke Wirkung ausüben. Sie wird sie an vieles Kindlich-Schöne erinnern, das uns leider verloren gegangen ist, das die Menschheit sich jedoch wiedererobern muß, als ihr rechtmäßiges Erbe. Viele werden zum Nachdenken über manche Dinge angeregt werden. Zugleich aber wird vieles aus den alten patriarchalischen Zeiten, die dem russischen Wesen so nah verwandt sind, sich unsichtbar über das russische Land verbreiten. Der Wohlgeruch atmende Mund der Poesie vermag unserer Seele manches einzuhauchen, was ihr weder mit Gewalt, noch durch die Kraft des Gesetzes eingepflanzt werden kann.
Sie beunruhigen sich unnötigerweise wegen der Angriffe, die heute in Europa gegen unsere Kirche gerichtet werden. Auch unsere Geistlichkeit der Gleichgültigkeit anzuklagen, wäre eine Ungerechtigkeit. Warum wollen Sie, daß unsere Geistlichkeit, die sich bisher durch eine würdige überlegene Ruhe ausgezeichnet hat, die ihr so wohl anstand, sich unter die europäischen Schreier mischen und gleich ihnen oberflächliche, ungenügend durchdachte Broschüren erscheinen lassen soll? Unsere Kirche hat sehr weise und klug gehandelt. Um sie zu verteidigen, muß man sie erst selbst kennen gelernt und begriffen haben. Wir aber kennen unsere Kirche sehr schlecht. Unsere Geistlichkeit sitzt nicht müßig da. Ich weiß genau, daß im Innern unserer Klöster und in der Stille unserer Klosterzellen an unwiderleglichen Werken zum Schutz und zur Verteidigung unserer Kirche gearbeitet wird. Und diese Männer, gerade diese Männer tun ihre Pflicht und Schuldigkeit weit besser, als wir; sie beeilen sich nicht, und arbeiten in der Erkenntnis dessen, was ein solcher Gegenstand erfordert, in tiefer Ruhe an ihrem Werk. Sie schaffen in ständigem Gebet und in der Arbeit der Selbsterziehung; indem sie alle Leidenschaften und alles, was einer unstatthaften, sinnlosen Fieberhitze gleichsieht, aus ihrer Seele austreiben und sie bis zu der Höhe himmlischer Leidenschaftslosigkeit zu erheben suchen, auf der sie sich erhalten muß, wenn sie stark genug sein will, um einen solchen Gegenstand zu behandeln. Aber auch diese Verteidigungsschriften werden noch nicht genügen, um einen römischen Katholiken vollständig zu überzeugen. Unsere Kirche muß in uns selbst geheiligt werden und nicht durch unsere Worte. Wir selbst müssen unsere Kirche werden und durch uns muß ihre Wahrheit verkündigt werden. Man sagt, daß es unserer Kirche an Lebenskraft fehlt, aber man spricht die Unwahrheit, denn unsere Kirche ist das Leben. Freilich ist man ganz logisch und durch einen richtigen Schluß zu diesem falschen Satz gelangt: — Wir selbst nämlich sind tot, sind Leichen, und nicht die Kirche, und nach uns nennt man unsere Kirche einen Leichnam. Wie sollen wir unsere Kirche verteidigen und was für eine Antwort sollen wir geben, wenn man uns vor folgende Fragen stellt: „Hat die Kirche euch denn zu besseren Menschen gemacht? Tut denn jeder bei euch, wie es sich gehört, seine Pflicht und Schuldigkeit?“ Was sollen wir hierauf antworten, wenn wir es plötzlich tief im Innern fühlen, wenn das Gewissen es uns sagt, daß wir die ganze Zeit über neben unserer Kirche hergewandelt, an ihr vorübergegangen sind und sie nicht einmal jetzt ordentlich kennen? Wir sind im Besitze eines Schatzes von unendlichem Wert und bemühen uns nicht, uns ein Gefühl dafür zu verschaffen, sondern wissen nicht einmal, wo wir ihn verwahrt halten. Man bittet den Herrn des Hauses, er möge doch den kostbarsten Gegenstand vorzeigen, den sein Haus birgt, und der Herr weiß selbst nicht, wo dieser Gegenstand sich befindet. Diese Kirche, die sich seit den Zeiten der Apostel allein in ihrer unberührten ursprünglichen Reinheit erhalten hat, wie eine keusche Jungfrau, diese Kirche, die mit all ihren tiefen Lehren und ihren kleinsten äußeren Zeremonien gleichsam unmittelbar um des russischen Volkes willen vom Himmel herabgestiegen ist, sie, die allein fähig ist, alle Zweifelsknoten und alle unsere Fragen zu lösen, sie, die angesichts des ganzen Europa das größte und unerhörteste Wunder zu vollbringen vermag, indem sie jeden unserer Stände, alle Ämter und Berufe veranlassen kann, sich in den ihnen gesetzten Grenzen zu halten, ohne den Staat in irgendeiner Weise umzuwälzen oder zu erschüttern, Rußland groß und stark zu machen und die ganze Welt durch die wohlgefügte harmonische Ordnung eines Organismus in Staunen zu setzen, durch den es bisher nur Schrecken verbreitete, — diese Kirche ist uns bisher ganz unbekannt! Diese für das Leben geschaffene Kirche haben wir noch immer nicht in unserem Leben zur Wahrheit gemacht.
Nein, Gott bewahre uns davor, unsere Kirche jetzt verteidigen zu wollen. Das hieße sie herabsetzen. Für uns gibt es nur eine Art der Propaganda — unser Leben selbst. Durch unser Leben müssen wir unsere Kirche verteidigen, die durchaus nichts anderes ist, als Leben, durch den reinen Atem unserer Seelen müssen wir ihre Wahrheit verkünden. Mögen die Missionäre des römischen Katholizismus sich an die Brust schlagen, mit den Händen fuchteln und die Beredsamkeit ihrer Seufzer und Worte mit schnell trocknenden Tränen begleiten. Der Verkünder des griechischen Katholizismus aber soll so vor das Volk treten, daß schon beim bloßen Anblick seiner demutsvollen Gestalt, der erloschenen Augen und der ruhigen ergreifenden Stimme, die tief aus der Seele dringt und in der alle weltlichen Wünsche erstorben sind, alles erschüttert wird, noch ehe er erklärt hat, worum es sich handelt, und alles wie aus einem Munde zu ihm spricht: „Du brauchst nichts zu sagen: wir vernehmen, auch ohne daß du ein Wort redest, die heilige Wahrheit deiner Kirche.“
Die Ansicht, daß unsere Kirche bei uns so wenig Autorität und Bedeutung hat, weil unsere Geistlichkeit nicht weltgewandt genug ist und es nicht versteht, sich in der Gesellschaft zu bewegen, ist genau so töricht, wie die Behauptung, unsere Geistlichkeit werde durch die Satzungen unserer Kirche an jeder Berührung mit dem Leben gehindert und durch die Regierung in ihrem Handeln beschränkt. Freilich sind unserer Geistlichkeit bei ihrem Verkehr mit der Welt und mit den Menschen strenge und wohlberechtigte Schranken gezogen. Glauben Sie mir, es wäre nicht gut, wenn unsere Geistlichen häufiger mit uns zusammenkämen, an unseren täglichen Zusammenkünften und Vergnügungen teilnähmen oder sich in unsere Familienangelegenheiten mischen würden. Der Geistliche ist vielen Versuchungen ausgesetzt, in weit höherem Maße als wir: er würde sicher zu all jenen Intrigen im Schoße der Familien kommen, die man den römisch-katholischen Priestern zum Vorwurf macht. Die römisch-katholischen Geistlichen sind gerade deshalb so verderbt und korrumpiert, weil sie zu weltlich geworden sind. Unsere Geistlichkeit hat zwei Gebiete, auf denen sie sich betätigen kann und auf denen sie mit uns zusammentrifft: die Beichte und die Predigt. Auf diesen beiden Gebieten, auf deren erstem sich nur ein- bis zweimal jährlich Gelegenheit zur Betätigung bietet, während man sich auf dem zweiten jeden Sonntag treffen kann, läßt sich sehr viel leisten. Und wenn der Priester es nur verstände, angesichts des vielen Häßlichen und Bösen, das er im Menschen findet, bis zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen und sich’s gründlich zu überlegen, wie er sich ausdrücken, wie er so zu den Menschen reden solle, daß jedes seiner Worte ihnen tief zu Herzen dringt, so wird er bei der Beichte und in der Predigt so starke mächtige Worte dafür finden, wie ihm dies in seinen täglichen Unterhaltungen mit uns nie gelingen würde. Er muß von einem erhöhten Platz zu dem mitten im Weltgetriebe stehenden Menschen reden, damit der Mensch den Eindruck gewinne, daß nicht ein Priester vor ihm stehe, sondern Gott selbst, der sie alle beide hört, und daß von Seiner unsichtbaren Gegenwart ein Hauch ausgeht, der beide mit ehrfürchtigem Schaudern erfüllt. Nein, es ist sogar gut, daß unsere Geistlichkeit sich in einer gewissen Entfernung von uns hält. Es ist gut, daß sie sich sogar durch ihre Kleidung, die keinerlei Wandlungen und Launen unserer törichten Mode unterworfen ist, von uns unterscheidet. Diese Kleidung ist schön, groß und würdig. Das ist kein sinnloses, aus dem achtzehnten Jahrhundert übernommenes Rokoko, das ist nicht die aus buntem Flitter zusammengesetzte, nichtssagende Kleidung der römisch-katholischen Priester. Diese Kleidung hat einen tiefen Sinn: sie ist ein Abbild, sie gleicht jener Kleidung, die der Heiland selbst getragen hat. Der Geistliche soll auch in seiner Kleidung ein ewiges Erinnerungszeichen an Den mit sich führen, dessen Abbild er für uns sein soll, damit seine Seele sich auch nicht für einen Augenblick vergessen und in den Genüssen, Zerstreuungen und den nichtigen weltlichen Sorgen verlieren kann, denn von ihm wird tausendmal strengere Rechenschaft gefordert werden, als von irgendeinem unter uns; daher sollen die Geistlichen immer daran erinnert werden, daß sie gleichsam andre, höhere Menschen sind. Nein, solange der Priester noch jung ist, solange er das Leben noch nicht kennt, soll er überhaupt nur bei der Beichte und bei der Predigt mit den Menschen zusammentreffen. Und wenn er sich schon einmal in eine Unterhaltung mit einem von ihnen einläßt, so sollen dies nur die Weisesten und Erfahrensten unter ihnen sein, die ihn die Seele und das Herz des Menschen kennen lehren, und die ihm das Leben in seiner wahren Gestalt und in seinem wahren Lichte und nicht in dem Lichte, in dem es einem unerfahrenen Menschen erscheint, darstellen können. Der Priester muß auch Zeit für sich selbst haben, er muß an sich selbst arbeiten können. Er muß sich ein Beispiel an unserem Heiland nehmen, der lange Zeit in der Wüste weilte und erst, nachdem er sich durch ein vierzigtägiges Fasten darauf vorbereitet hatte, zu den Menschen hinausging, um ihnen seine Lehre zu bringen. Einzelne kluge Köpfe sind bei uns auf den Einfall gekommen, man müsse sich in der Welt herumbewegen, um sie kennen zu lernen. Das ist grundfalsch. Diese Ansicht wird durch alle Weltleute widerlegt, die sich ihr ganzes Leben lang in der Welt bewegen und doch die hohlsten und leersten Menschen sind. Nicht inmitten der Welt selbst wird man für die Welt erzogen, sondern fernab von ihr in tiefer innerster Selbstbetrachtung, in der Erforschung der eigenen Seele, denn dort liegen die Gesetze aller Dinge verborgen: suche zuvor den Schlüssel zu deiner eigenen Seele; hast du ihn erst gefunden, so wirst du mit diesem Schlüssel auch die Seelen aller anderen aufschließen.
Laß uns von dem Aufsatz sprechen, über den das Todesurteil gefällt ist, d. h. von dem Aufsatz, der die Überschrift: „Über das Lyrische bei unseren Poeten“ trägt. Vor allem: Dank für das Todesurteil! So ward ich denn bereits zum zweitenmal von dir gerettet, du mein wahrhafter Lehrer und Erzieher! Schon im vergangenen Jahre hat deine Hand mir Halt geboten, als ich eben im Begriff war, Pletnjew für seinen „Sowremennik“ meine Betrachtungen über unsere russischen Dichter zu senden; und nun hast du eine neue Frucht meines Unverstandes der Vernichtung preisgegeben. Du bist der einzige, der mir noch Einhalt gebietet, während mich die andern alle anfeuern und ermuntern; weiß ich doch selbst nicht wozu. Wieviel Torheiten hätte ich schon begangen, wenn ich nur auf meine andern Freunde gehört hätte! So, da hast du meinen Dankhymnus: und nun zu dem Aufsatz selbst. Ich werde schamrot, wenn ich daran denke, wie dumm ich noch immer bin, wie ich so gar nicht verstehe, von gescheiteren Dingen zu reden. Am törichtesten aber geraten meine Gedanken und Betrachtungen über die Literaten. Hier kommt alles, was ich schreibe, besonders geschwollen, dunkel und unverständlich heraus. Ich bin nicht imstande, meine eigenen Gedanken auszudrücken und niederzuschreiben, die ich doch nicht nur im Geiste vor mir sehe, sondern auch mit dem Herzen erahne und erfühle. Der Kern meines Aufsatzes ist vernünftig und richtig, und doch habe ich mich so ausgedrückt, daß jeder meiner Ausdrücke zum Widerspruch herausfordert. Ich muß es noch einmal wiederholen: in der Lyrik unserer Dichter liegt etwas, was kein Poet einer andern Nation besitzt — es ist dies jenes Etwas, das an die Bibel gemahnt, — jene höhere Art Lyrik, die nichts gemein hat mit leidenschaftlicher Schwärmerei und nur der sichere Aufschwung im Lichte des Verstandes, der höchste Triumph geistiger Nüchternheit ist. Ich will hier nicht einmal von Lomonossow und Dershawin reden, selbst bei Puschkin tritt einem diese strenge Lyrik überall da entgegen, wo er einen großen Gegenstand behandelt. Denke nur an solche Gedichte wie: An einen Kirchenfürsten, der Prophet, oder sogar an jene geheimnisvolle Flucht aus der Stadt, die erst nach seinem Tode veröffentlicht wurde. Aber nimm einmal die Gedichte von Jasykow und du wirst sehen, daß er stets unendlich hoch über die Leidenschaft, ja sogar über sich selbst hinauswächst, wenn er an etwas Höheres rührt. Ich möchte hier eines seiner Jugendgedichte „Der Genius“ als Beispiel anführen. Es ist übrigens nicht lang.
Einst stürmte der Prophet, der hohe,
Mit Blitz und Donner himmelwärts,
Und eine mächt’ge Feuerlohe
Erfüllte da Elisas Herz.
Es reckte sich sein Geist empor;
Ein heiliges Gefühl erblühte
In ihm, der vor Begeistrung glühte,
Und Gottes Stimme lauscht’ sein Ohr.
So wird der Genius mit Beben
Sich eigner Größe froh bewußt,
Sieht er den Bruder aufwärts streben
Mit Donnerlaut aus Erdendust.
Und hehrer Wundertat entgegen
Die Kräfte reifen neu erwacht,
Und seiner Werke hoher Segen
Strahlt sternengleich durch Weltennacht.
Welch leuchtende Klarheit und welche strenge, erhabene Größe! Ich suchte das dadurch zu erklären, daß unsere Dichter jeden großen Gegenstand in seinem richtigen Zusammenhang mit dem höchsten Quell aller Lyrik, mit Gott sehen, die einen bewußt, die andern unbewußt, weil die russische Seele, wie sich das aus dem russischen Wesen selbst ergibt, dies aus irgendeinem Grunde ganz von selbst fühlt. Ich sagte, daß es vorzüglich zwei Gegenstände sind, die unsere Dichter zu dieser, der biblischen so nahestehenden Art der Lyrik begeistert haben. Der erste ist — Rußland. Bei dem bloßen Klang dieses Namens erhellt sich plötzlich das Auge unseres Poeten, erweitert sich sein Horizont, wird alles um ihn herum größer und weiter, wächst er selbst gewissermaßen zu höherer Würde und Größe empor, und erhebt er sich hoch über den gewöhnlichen Menschen. Das ist mehr als bloße Liebe zum Vaterland. Demgegenüber erschiene die Vaterlandsliebe fast wie ekle Prahlerei. Ein Beweis dafür sind unsere Hurrapatrioten. [Ihre übrigens meist ganz aufrichtigen Lobhymnen können einem Rußland beinahe verleiden.] Wenn dagegen ein Dershawin von Rußland spricht — dann fühlt man eine übernatürliche Kraft durch seine Adern rinnen, man ist gleichsam ganz erfüllt von der Größe Rußlands. Die Vaterlandsliebe allein hätte — gar nicht erst zu reden von Dershawin — nicht einmal einem Jasykow die Kraft dieses großen, feierlichen Ausdrucks verliehen, der sich jedesmal einstellt, wenn er von Rußland redet. So zum Beispiel in den folgenden Versen, wo er darstellt, wie Stephan Batorius gegen Rußland in den Krieg zieht.
Schon rüstet Stephan sich zur Schlacht,
Schon eilt er, seine ganze Macht
Zu einer Heerschar zu verdichten,
Um, wenn er Pskow den Tod gebracht,
Rußland für immer zu vernichten!
Doch du, o heil’ges Vaterland,
Du hehre Liebe unsrer Ahnen,
Du riss’st das Schwert aus seiner Hand.
Nicht siegten diesmal seine Fahnen.
Diese nüchterne, ruhige Heldenkraft, die sich zuweilen sogar unwillkürlich mit einer prophetischen Verherrlichung Rußlands verbindet, entspringt daraus, daß der Gedanke unbewußt an die höchste Vorsehung rührt, deren Walten so deutlich in den Schicksalen unseres Vaterlandes zum Ausdruck kommt. — Außer der Liebe aber ist hieran auch noch das tiefe, innere Entsetzen über die Vorgänge beteiligt, die sich durch Gottes Willen auf jenem Stück Erde abspielen sollten, jenem Stück Erde, das dazu bestimmt war, unser Vaterland zu werden, sowie die Vorahnung eines neuen, herrlichen Baus, der sich, zunächst noch nicht für alle sichtbar, errichtet, dessen Wachsen nur der Dichter mit dem scharfen Ohr der Poesie, das alles hört, oder ein solcher Seelenkenner, der schon im Samen die künftige Frucht erkennt, zu vernehmen vermag. Heute beginnen allmählich auch die andern Menschen etwas davon zu erkennen, aber sie drücken sich so unklar aus, daß ihre Worte Torheit zu sein scheinen. Du hast unrecht, wenn du annimmst, daß die heutige Jugend, wenn sie vom Slawentum träumt und prophetisch von Rußlands Zukunft spricht, einer Modeströmung folgt. Sie verstehen es nicht, ihre Gedanken in ihren Köpfen ausreifen zu lassen, und beeilen sich, sie der Welt zu verkünden, ohne zu bemerken, daß ihre Gedanken noch törichte Kinder sind — das ist alles. Auch bei den Juden lehrten gleichzeitig vierhundert Propheten: von diesen war gewöhnlich nur einer der Gesandte Gottes, dessen Reden in das heilige Buch des jüdischen Volkes eingetragen wurden; alle andern werden viel Unnützes und Überflüssiges zusammengeredet haben, trotzdem aber haben wohl auch sie dunkel und unklar dasselbe vernommen, was die Auserwählten klar und verständig auszusprechen wußten; sonst hätte das Volk sie sicherlich gesteinigt. Warum sind denn weder Frankreich, noch England, noch Deutschland von dieser Strömung ergriffen und prophezeien und künden nicht von sich selbst, warum tut dies Rußland allein? Nun, weil Rußland es deutlicher fühlt, wie Gottes Hand auf allem ruht, an allem teilhat, was sich mit unserem Lande zuträgt, und weil es ein neues Reich herannahen fühlt. Daher die biblischen Töne bei unseren Dichtern. Daher kann solches bei den Dichtern anderer Nationen nicht vorkommen, und wenn sie ihr Vaterland noch so innig lieben und dieser Liebe einen noch so glühenden Ausdruck zu geben vermögen. Und hier darfst du nicht mit mir streiten, mein herrlicher Freund.
Doch laß uns nun zu dem andern Gegenstande übergehen, an dem sich die Lyrik unserer Dichter gleichfalls zu jenem hohen, lyrischen Schwunge erhebt, von dem hier die Rede ist: laß uns der Liebe zum Zaren gedenken. Die zahlreichen Hymnen und Oden auf unsere Zaren haben unserer Poesie schon seit den Zeiten Lomonossows und Dershawins jene erhabene, königliche Note verliehen. Daß diese Gefühle aufrichtig sind, darüber brauchen wir wohl nicht erst zu sprechen. Nur Geister von kleinlichem, nörgelndem Witz, der nur karger, blitzartiger, oberflächlicher Gedanken und Erwägungen fähig ist, werden dahinter nichts wie Schmeichelei und den Wunsch, einen Vorteil für sich herauszuschlagen, suchen, und werden diese Behauptung auf ein paar unbedeutende und schlechte Oden jener Dichter gründen. Der dagegen, der nicht nur geistreich, der mehr ist, der Einsicht und Weisheit besitzt, wird bei jenen Oden Dershawins verweilen, in denen er den weiten Kreis nützlicher, wohltätiger Wirksamkeit vor dem Herrscher beschreibt, und wo der Dichter selbst mit Tränen in den Augen zu ihm von den Tränen spricht, die den Augen — nicht nur der Russen — nein auch gefühlloser Wilden, die an den äußersten Enden seines Reiches wohnen, entströmen würden bei der bloßen Berührung mit der Milde und Liebe, die nur die allmächtige Hand des Herrschers ihrem Volke erweisen kann. Hier ist vieles zu so gewaltigem Ausdruck emporgehoben, daß selbst, wenn sich einmal ein Herrscher finden sollte, der für eine Zeitlang seine Pflicht vergäße, er sich beim Lesen dieser Zeilen unfehlbar wieder seiner Schuldigkeit erinnern und von tiefer Rührung über die Heiligkeit seines Amtes ergriffen werden würde. Nur kaltherzige Menschen werden Dershawin wegen seiner übermäßigen Verherrlichung Katharinas tadeln; der dagegen, der keinen Stein an Stelle des Herzens hat, der wird die herrlichen Strophen nicht ohne Rührung lesen, in denen der Dichter davon spricht, daß, wenn seine Gestalt in Marmor gehauen auf die Nachwelt kommen sollte, dies nur deshalb geschehen werde,
Weil ich die Kaiserin besang,
Der Reußen Zarin, welcher keine
Je gleichkommt auf der weiten Welt.
Des rühme, rühm’ dich, meine Leier.
Auch die folgenden, kurz vor dem Tode geschriebenen Verse wird er kaum ohne aufrichtige seelische Erschütterung lesen:
Der Greis, der mit einem Fuß im Grabe steht, wird nicht lügen. Während seines ganzen Lebens hat er diese Liebe wie ein Heiligtum in sich gehegt und so hat er sie mit sich ins Grab genommen und ist er ihr auch bis übers Grab treu geblieben. Aber darum handelt es sich ja gar nicht. Woher stammt diese Liebe? Das ist hier die Frage. Daß sie im ganzen Volke, in einem dunkeln Instinkt seines Herzens lebt, und daher auch der Dichter, als der reinste Spiegel seines Volkes, sie laut in sich vernehmen mußte, das erklärt nur die eine Hälfte des Problems. Der ganze, der vollkommene Dichter gibt sich nie an eine Sache hin, ohne sich vorher Rechenschaft über sie abgelegt und ohne sich überzeugt zu haben, daß sie vor der Weisheit und vor dem hellen Lichte seiner Vernunft bestehen kann. Er, der im Besitz eines Ohres ist, das die kommenden Dinge und Ereignisse vernimmt, und der von dem Streben beseelt wird, die Dinge, die die andern nur stückweise, von einer einzigen, oder etwa bloß von zwei Seiten und nicht von allen vier Seiten sehen, in ihrer ganzen Vollkommenheit und Vollständigkeit nachzuschaffen, er konnte nicht anders, als die Kulmination in der Entwicklung und dem Reifen dieser Herrschergewalt voraussehen. Mit welcher Weisheit hat Puschkin die Bedeutung des unumschränkten Monarchen gekennzeichnet! Wie klug war überhaupt alles, was er während seiner letzten Lebensjahre gesagt hat: „Warum,“ so pflegte er zu sagen, „warum muß einer von uns höher als alle, ja selbst noch über dem Gesetze stehen? Darum, weil das Gesetz ein Stück Holz ist; weil der Mensch bei dem Worte Gesetz etwas Kaltes, Hartes empfindet, etwas, dem das Herzliche, Brüderliche fehlt. Mit der buchstäblichen Erfüllung des Gesetzes allein kommt man nicht weit; und doch darf keiner von uns es verletzen oder umgehen; dazu bedarf es eben der höchsten Gnade, die das Gesetz mildert, und die sich für den Menschen lediglich in der unumschränkten Gewalt verkörpern kann. Ein Staat ohne souveränen Monarchen ist ein Automat: es ist schon viel, wenn er es so weit bringt, wie die Vereinigten Staaten. Und was sind die Vereinigten Staaten? Etwas Totes, Abgestorbenes. Die Menschen dort sind so hohl und so leer geworden, daß sie keinen Pfifferling mehr wert sind. Ein Staat ohne souveränen Monarchen gleicht einem Orchester ohne Kapellmeister: die einzelnen Musiker mögen noch so tüchtig sein; wenn es an einem Manne fehlt, der das Ganze mit einer Bewegung des Taktstockes lenkt und im rechten Augenblick das Zeichen gibt, dann wird nie ein gutes Konzert zustande kommen. [Er scheint zwar selbst gar nichts zu tun, er spielt auf keinem Instrument, sondern bewegt nur sein Stöckchen kaum merklich hin und her, und hält Überschau über alle Musiker, und doch genügt ein Blick von ihm, um hier oder dort den rauhen, häßlichen Ton einer täppischen Trommel oder einer plumpen Pauke zu mildern.] In seiner Gegenwart wagt es selbst des Meisters Geige nicht, sich allzu frei gehen zu lassen und die andern zu übertönen; er wacht über der allgemeinen Ordnung, er belebt alles, er, der Herr und Stifter höchster Eintracht und Harmonie!“ Welch tiefes Verständnis besaß er für die großen, ewigen Wahrheiten!
Dieses innere Wesen, diese Macht des selbstherrlichen Monarchen hat er ja auch, wenigstens zum Teil in einem seiner Gedichte zum Ausdruck gebracht, das du übrigens selbst unter seinen nachgelassenen Werken abgedruckt hast. Du hast sogar Korrekturen daran vorgenommen und die Form verbessert; allein du hast den Sinn nicht verstanden. Ich will dir hier des Rätsels Lösung geben. Ich meine die Ode an den Kaiser Nikolaus, die unter dem bescheidenen Titel An N*** erschienen ist. Ihr Ursprung ist folgender: Im Anitschkowpalast fand eine Abendgesellschaft statt, eine von jenen Gesellschaften, zu denen, wie bekannt, nur wenige Auserwählte aus unserer Gesellschaft eingeladen wurden; unter ihnen befand sich an jenem Abend auch Puschkin. Alle Gäste waren bereits in den Sälen versammelt; nur der Kaiser wollte lange Zeit nicht erscheinen. Er hatte sich in den andern Flügel des Schlosses zurückgezogen, die erste freie Minute, während der ihn kein Geschäft rief, benutzt, die Ilias aufgeschlagen und sich ganz unmerklich tief in die Lektüre versenkt, während im Saale schon längst die Musik schmetterte und die Tänze hin und her wogten. Er erschien erst ziemlich spät beim Ball, während auf seinem Gesicht noch die Spuren anderer Eindrücke nachzitterten. Dieses Sichkreuzen zweier widerspruchsvoller Stimmungen wurde von keinem beachtet; auf Puschkins Seele aber machte es einen tiefen Eindruck; die Frucht dieses Eindrucks war folgende grandiose Ode, die ich hier noch einmal anführen will. Sie hat nur eine einzige Strophe:
Lang hieltest Zwiesprach’ du mit dem Homer allein,
Lang harrten wir auf dein Erscheinen,
Und aus der Ätherhöh’ stiegst du im Strahlenschein,
Durch das Gesetz uns zu vereinen.
Doch in der Wüste fandst du uns. Entgegen scholl
Dir gotteslästerliches Singen
Beim wüsten Zechgelag’, du sahst uns blind und toll
Um unsern neuen Götzen springen.
Und wir erschraken, da den Gram und Grimm wir sahen
In deinem Blick voll Hoheitsschimmer;
Und da verfluchtest du den kindisch blöden Wahn,
Schlugst deine Tafeln jäh in Trümmer.
Doch nein, du fluchtest nicht! ... Aus Höhen wolkenfern
Stiegst du ins Tal, das wolkenlose.
Du liebst des Donners Hall, doch lauschest du auch gern
Dem Bienensummen um die Rose.
(Fiedler.)
Aber lassen wir die Person Nikolaus’ II. beiseite und sehen wir zu, was der Monarch im allgemeinen als Gesalbter Gottes bedeutet, er, der die Pflicht hat, das ihm anvertraute Volk dem Lichte entgegenzuführen, in dem Gott wohnt, und laß uns zusehen, ob Puschkin recht hatte, ihn mit dem alten Freunde Gottes, mit Moses zu vergleichen? Der Mensch, auf dessen Schultern das Schicksal von Millionen seiner Brüder gelegt ist, der durch die furchtbare Verantwortlichkeit für sie, die er Gott gegenüber auf sich genommen hat, von jeder Verantwortlichkeit vor den Menschen befreit ist, der unter der Furchtbarkeit dieser Verantwortung leidet und vielleicht im stillen solche Tränen vergießt und so schmerzliche Qualen erduldet, wie sie sich ein tief unten stehender Mensch nicht einmal vorzustellen vermag, dem inmitten aller Sinnengenüsse und Zerstreuungen die ewige, nie verstummende Stimme Gottes in den Ohren klingt, die unaufhörlich mahnend zu ihm spricht, der darf wohl mit Recht dem alten Gottesfreund Moses verglichen werden, der darf, wie er, seine Tafeln in Trümmer schlagen und das leichtsinnige, gaukelnde Menschengeschlecht verfluchen, das, statt danach zu streben, wonach alles, was auf dieser Erde lebt, streben sollte, unruhig und eitel um seine von ihm selbst geschaffenen Götzen springt. Aber was Puschkin so tief bewegte, das war neben allem andern jene höchste Bedeutung der Herrschergewalt, die sich die Ohnmacht und Schwäche der Menschheit vom Himmel herabgefleht hat; und dies Flehen war kein Schrei nach der ewigen Gerechtigkeit, vor der kein Mensch dieser Erde zu bestehen vermöchte, es war ein Schrei nach der himmlischen, göttlichen Liebe, die alles zu vergeben vermag: unsere Pflichtvergessenheit, unser ungeduldiges Murren und unsere Unzufriedenheit, mit einem Wort alles, was ein Erdenmensch nicht verzeihen kann; auf daß ein einziger alle Macht in seiner Person vereinigte, sich von uns allen entfernte und sich über alles Irdische erhob, um sich gerade dadurch allen um so mehr zu nähern, allen gleich zu werden, von seiner Höhe zu uns allen herabzusteigen und allem verständnisvoll zu lauschen: vom Donner des Himmels und der Lyra des Dichters bis herab zu unseren unscheinbarsten Freuden und Vergnügungen.
Es hat den Anschein, als sei Puschkin in diesem Gedicht, nachdem er sich selbst die Frage gestellt hatte, was denn diese Macht eigentlich sei, vor der Größe und Erhabenheit der sich seinem Geiste aufdrängenden Antwort in den Staub gesunken. Es ist gut, hierbei im Auge zu behalten, daß das derselbe Dichter ist, der so ungeheuer stolz auf die Unabhängigkeit seines Geistes und auf seine persönliche Würde war. Niemand hat so gesungen wie er:
Ein Denkmal hab’ ich mir errichtet ohnegleichen;
Zu diesem Geisterbau bewächst nie Gras den Pfad,
Trutzhäuptig überragt es selbst die Ruhmeszeichen,
Die sich Napoleon errichtet hat[2].
(Nach Fiedler.)
An den „Ruhmeszeichen Napoleons“ bist freilich du schuld, aber selbst wenn diese Zeile in ihrer ursprünglichen Fassung erhalten geblieben wäre, sie wäre dennoch ein Beweis, ja ein zwingender Beweis dafür, daß Puschkin, trotzdem er sich persönlich, als Mensch, vielen gekrönten Häuptern überlegen fühlte, doch tief im Innern empfand, wie klein und gering sein Beruf im Vergleich mit dem eines gekrönten Königs war, und daß er es verstand, sich ehrfürchtig vor denen unter ihnen zu beugen, die der Welt die ganze Größe und Erhabenheit ihres Amtes vor Augen geführt haben.
Unsere Dichter haben die hohe Bestimmung des Monarchen durchschaut, indem sie erkannten, daß sie unweigerlich zuletzt ganz in der reinsten Liebe aufgehen, und daß es so allen offenbar werden müsse, warum der Kaiser das Ebenbild Gottes ist, wie dies unser ganzes Land vorerst nur instinktiv fühlt. Diese Bedeutung des Herrschers wird allmählich auch in Europa in derselben Weise zum Ausdruck kommen. Alles zielt darauf hin, in den Fürsten diese höchste göttliche Liebe zu ihrem Volk zu erwecken. Schon vernimmt man den Schrei der Seelennot, an der die ganze Menschheit und beinahe jedes moderne europäische Volk leidet; die Bedauernswerten winden sich alle in ihrem Schmerz und wissen sich selbst nicht zu helfen: jede äußere Berührung ist ihren schmerzenden Wunden eine Pein; jedes Mittel, jede Hilfe, die der Verstand ersinnt, erscheint ihnen rauh und qualvoll und bringt keine Heilung. Dieser Schrei wird schließlich so laut werden, daß selbst das gefühlloseste Herz vor Mitgefühl zerspringen wird, und ein tiefes Mitleid von einer bisher noch nicht gekannten Stärke wird die ganze Kraft einer andern, neuen Liebe wachrufen, wie sie bisher nicht ihresgleichen hatte. Dann wird der Mensch von Liebe zu allem, was menschlich ist, entbrennen — von einer gewaltigen Liebe, wie er noch nie von einer gleichen ergriffen war. Von uns gewöhnlichen Menschen aber wird keiner die ganze Kraft dieser Liebe in sich verwirklichen können, sie wird eine Idee, ein Gedanke bleiben und nie ganz zur Tat werden; nur die können völlig von ihr durchdrungen werden, denen das ewige unwandelbare Gesetz auferlegt ward, alle Menschen zu lieben, wie wenn sie ein einziger Mensch wären. Wenn so der Fürst von Liebe für jeden Menschen seines Reichs, für jeden Beruf und Stand ergriffen werden, und alles, was da lebt, gleichsam zu seinem eigenen Fleisch und Blut machen wird, wenn er in seinem Herzen mit allen leiden, Tag und Nacht um sein leidendes Volk trauern und klagen und für es beten wird, dann wird im Fürsten jene allmächtige Stimme der Liebe lebendig werden, die der leidenden Menschheit allein verständlich ist, die ihre Wunden nicht schmerzlich berühren wird und die allein allen Ständen Frieden und Versöhnung bringen und den Staat in einen wohlgeordneten Chor harmonisch zusammenklingender Stimmen verwandeln kann. Nur da wird ein Volk ganz gesunden, wo der Monarch seine hohe Bestimmung erkennen wird — ein Abbild Dessen auf Erden zu sein, Der selbst die Liebe ist. In Europa ist es niemand in den Sinn gekommen, die höchste Bedeutung, die höchste Aufgabe des Monarchen zu ergründen. Die Staatsmänner, die Gesetzeskundigen und Rechtsgelehrten haben immer nur die eine Seite der Sache in Betracht gezogen, nämlich die, daß der Monarch der höchste Beamte des Staates ist, [der von Menschen eingesetzt ward], und daher wissen sie auch nicht, wie sie sich zu dieser Institution verhalten sollen, [wie sie ihre wahren Grenzen bestimmen sollen], wenn die sich täglich ändernden Umstände es notwendig machen, ihre Kompetenzen zu erweitern oder zu beschränken; dadurch aber wird dort der Fürst seinem Volk und umgekehrt das Volk seinem Fürsten gegenüber in eine sonderbare Lage versetzt; beide betrachten sich gegenseitig beinahe wie zwei Gegner, von denen jeder die Macht auf Kosten des andern an sich reißen will. Bei uns aber haben die Dichter und nicht die Rechtsgelehrten die höchste Bestimmung des Monarchen erkannt; — die Dichter haben Gottes Willen mit ehrfürchtigem Zittern vernommen, sie, d. h. die monarchische Gewalt in Rußland in ihrer wahren Gestalt zu begründen, daher nehmen ihre Töne einen biblischen Charakter an, sobald ihr Mund das Wort „Zar“ ausspricht. Das erkennen bei uns auch die, die keine Dichter sind, weil jede Seite unserer Geschichte zu deutlich von dem Willen der Vorsehung spricht: diese monarchische Gewalt in Rußland in ihrer höchsten und vollkommensten Gestalt zu begründen. Alle Ereignisse, die sich von der Invasion der Tataren ab in unserem Vaterlande abgespielt haben, zielen deutlich darauf hin, alle Macht in der Hand eines einzigen zu vereinigen, um diesen einen zu jener berühmten Umwälzung des ganzen Staats zu befähigen, ihm die Kraft zu verleihen, alle aufs tiefste zu erschüttern, alle aufzurütteln, jeden von uns mit jener höheren Selbsterkenntnis auszurüsten, ohne die der Mensch sich selbst nicht verstehen, sich nicht selbst das Urteil sprechen, und nicht den Kampf gegen Unwissenheit und Finsternis in sich selbst aufnehmen kann, wie ihn der Herrscher in seinem Reiche aufgenommen hat; auf daß nachher, wenn jeder von dieser heiligen Kampfbegeisterung erfaßt und alles sich seiner Kraft bewußt ist, der Einzige wiederum allen voran und die Leuchte in der Hand voraustragend, sein ganzes von einem Geiste beseeltes Volk mit sich reißen und jenem höchsten Lichte entgegenführen könne, nach dem sich Rußland so innerlich sehnt. Und sieh nur, durch welche wunderbare Fügung bereits die Saat der Liebe in die Herzen gesenkt ward, noch ehe sich dem Herrscher selbst und seinen Untertanen die volle Bedeutung dieser monarchischen Gewalt enthüllen konnte. Kein königliches Geschlecht darf sich eines ähnlichen Ursprungs rühmen, wie das der Romanows. Schon dieser ihr Ursprung ist ein hohes Werk der Liebe. Der letzte und geringste der Untertanen des Reichs hat sein Leben hingegeben und hingeopfert, um uns einen Zaren zu schenken, und mit diesem reinen Opfer ein unzerreißbares Band zwischen dem Herrscher und seinem Volk gestiftet. Die Liebe ist uns in Fleisch und Blut übergegangen und hat eine tiefe Blutsverwandtschaft zwischen uns allen und dem Zaren erzeugt. [Und so haben sich Herrscher und Untertanen miteinander verschmolzen und sind so sehr eins geworden, daß es uns allen heute als ein großes Unglück erscheinen würde, wenn der Fürst seinen Untertan vergessen und sich von ihm abwenden oder der Untertan seinen Herrscher vergessen und sich von ihm lossagen wollte.] Wie deutlich kommt der Wille Gottes gerade in dieser Wahl der Romanows und keines andern Fürstengeschlechts zum Ausdruck! Wie unbegreiflich ist diese Erhebung eines ganz unbekannten Jünglings auf den Thron, wo doch Männer aus den ältesten Adelsgeschlechtern und noch dazu verdienstvolle Männer, die ihr Vaterland gerettet hatten: ein Poscharski, ein Trubetzkoi oder endlich eine Reihe von Fürsten, die in direkter Linie von Rjurik abstammten, daneben standen. Und doch wurden sie bei der Wahl übergangen, und es erhob sich keine Stimme des Protestes: auch nicht einer wagte es, seine Rechte geltend zu machen! Und solches geschah in jener finsteren Zeit der Wirren, wo jeder Streit und Unruhe stiften und Scharen von Anhängern um sich sammeln konnte. Und wer wurde erwählt? Einer, der in weiblicher Linie ein Verwandter jenes Zaren war, der noch vor kurzem die Erde in Schrecken gesetzt hatte, [so daß nicht nur unter den Bojaren, denen er nachgestellt und die er verfolgt hatte, sondern auch im Volk, das kaum etwas von ihm zu leiden gehabt hatte, noch lange das Sprichwort im Schwange blieb: „Der Kopf war gut, gottlob, daß er in der Erde ruht.“] Und trotz alledem beschlossen alle, von den Bojaren bis zum letzten Habenichts herab einstimmig, daß der Thron ihm gehören solle. Solche Dinge geschehen bei uns! Wie kannst du da glauben, daß die Lyrik unserer Dichter, die doch die wahre ganze Bedeutung des Königs aus den Büchern des Alten Testaments kennen und die den Willen Gottes in allen Ereignissen, die unser Vaterland betrafen, sich so deutlich äußern sehen konnten — wie kannst du glauben, daß die Lyrik unserer Dichter nicht voller biblischer Anklänge sei? Ich wiederhole, die einfache Liebe hätte nicht genügt, ihren Tönen eine so nüchterne Strenge zu verleihen: dazu bedarf es einer vollen und festen, aus der Vernunft stammenden Überzeugung, und nicht allein eines dunklen, unbewußten Liebesgefühls; sonst müßten ihre Töne Weichheit und Zartheit atmen, wie bei dir in deinen frühen Jugendwerken, als du dich noch ganz dem Gefühl deiner liebenden Seele hingabst. Nein, es ist etwas Starkes, Hartes, ja fast zu Starkes in unseren Dichtern, was die Dichter anderer Nationen nicht besitzen. Wenn du das nicht fühlst, so beweist dies noch nicht, daß es überhaupt nicht vorhanden ist. Du mußt doch berücksichtigen, daß du ja nicht alle Züge des russischen Wesens in dir vereinst, vielmehr haben sich viele Züge in dir bis zu einer solchen Höhe und so stark in die Breite entwickelt, daß sie den andern keinen Raum zum Wachstum ließen, und so stellst du eigentlich eine Ausnahme von jenem allgemeinen russischen Charakter dar. In dir haben sich alle jene weichen und zarten Seiten unseres slawischen Wesens vereinigt, jene starken und satten Züge dagegen, bei denen den ganzen Menschen etwas wie ein Schauder und Schrecken überläuft, sind dir unbekannt. Sie aber sind gerade der Quell und Ursprung jener Lyrik, von der hier die Rede ist. Diese Lyrik vermag sich für nichts mehr zu begeistern, als für ihren höchsten Quell, d. h. für Gott allein. Sie hat etwas Strenges und Furchtsames und liebt die vielen Worte nicht: sie widert alles auf dieser Erde an, wenn es nicht den Abdruck des Göttlichen an sich trägt. Wer nur ein Fünkchen von dieser lyrischen Stimmung besitzt, der besitzt trotz aller Unvollkommenheiten und Fehler etwas von jenem strengen hohen Seelenadel, vor dem er selbst ehrfürchtig erbebt und der ihn alles fliehen läßt, was einem Dank oder einer Anerkennung von seiten der Menschen ähnlich sieht. Seine eigene edelste Tat erregt ihm Abscheu und Ekel, wenn sie ihm einen Lohn einträgt, denn er fühlt zu gut, daß das Höchste über jeden Lohn erhaben sein sollte. [Erst nach Puschkins Tode hat man Näheres über seine wahren Beziehungen zum Zaren erfahren und ist das Geheimnis, das zwei seiner schönsten Gedichte umgibt, gelüftet worden. Er hat bei Lebzeiten nie mit jemand von den Gefühlen gesprochen, die ihn erfüllten, und er hat klug daran getan. Da man bei uns in Rußland nach dem vielen kalten und lauten Zeitungsgerede im Stil jener Reklameartikel, in denen man Pomaden usw. anpreist, und nach all den heftigen ungezogenen und zornigen Ausfällen aller möglicher Hurra- und anderer Patrioten ganz aufgehört hatte, an die Aufrichtigkeit gedruckter Äußerungen zu glauben — war es für Puschkin gefährlich, offen hervorzutreten: man hätte ihm am allerehesten den Vorwurf der Bestechlichkeit gemacht und ihn verdächtigt, daß er sich von Habgier und von einem selbstsüchtigen Interesse leiten lasse. Nun aber, wo diese Dichtungen erst nach seinem Tode erscheinen, wird sich wohl kaum ein Mensch in ganz Rußland finden, der es wagt, Puschkin einen Schmeichler zu nennen, der nach der Gunst irgendeines Menschen gestrebt habe. Hierdurch ward das Heiligtum eines hohen reinen Gefühls gerettet. Jetzt wird jeder, auch der nicht fähig ist, mit seinem eigenen Verstande in das Wesen der Sache einzudringen, doch an sie glauben und Vertrauen zu ihr haben, denn er wird sich sagen: „wenn selbst Puschkin so gedacht hat, so ist das sicherlich die lauterste Wahrheit.“] Die königlichen Hymnen unserer Dichter haben selbst Ausländer durch ihre erhabene Form und ihren hohen Stil in Staunen gesetzt. Erst vor kurzem hat Mickiewicz in seinen Vorlesungen darüber zu den Parisern gesprochen und er hat dies in einem Augenblick ausgesprochen, als er selbst gereizt und erbittert gegen uns und ganz Paris über uns empört war. Trotzdem aber hat er feierlich erklärt, daß in den Oden und Hymnen unserer Dichter nichts Sklavisches und Gemeines, sondern eher etwas Freies und Erhabenes liege, und unmittelbar danach hat er, obwohl dies keinem seiner Landsleute gefallen wollte, seine Ehrfurcht vor dem vornehmen edlen Charakter unserer Schriftsteller ausgesprochen. Mickiewicz hat recht. Unsere Schriftsteller tragen wirklich die Züge einer höheren Natur. In Augenblicken klarsten Bewußtseins, höchster Selbsterkenntnis haben sie uns oft ihre geistigen Porträts hinterlassen, die freilich den Eindruck einer Selbstverherrlichung machen würden, wenn nicht das ganze Leben des Dichters eine Bestätigung ihrer Treue wäre. Indem Puschkin an seine Zukunft denkt, sagt er