Ohne Liebe zu Gott kann keiner gerettet werden, wir aber besitzen keine rechte Gottesliebe. Im Kloster ist sie kaum zu finden, ins Kloster gehen nur die, die Gott selbst dahin berufen hat. Ohne Gottes Willen kann man Ihn nicht liebgewinnen. Und wie sollte man auch Den lieben, Den noch niemand gesehen hat? Gibt es ein Gebet, gibt es eine Kraftanstrengung, mit der wir diese Liebe von Ihm herabflehen könnten? Sehen Sie nur, wieviel gute, vortreffliche Menschen es gegenwärtig auf der Welt gibt, die sich glühend nach dieser Liebe sehnen und nur spröde Härte und öde Kaltblütigkeit in sich finden. Es ist schwer, Den liebzugewinnen, Den niemand gesehen hat. Christus allein hat uns das Geheimnis geoffenbart und verkündet, daß wir in der Liebe zu unseren Brüdern der Liebe zu Gott teilhaftig werden. Wir müssen sie so lieben lernen, wie Christus es uns gelehrt hat, und die Liebe zu Gott wird sich von selbst daraus ergeben. So gehen Sie denn in die Welt hinaus und lernen Sie erst Ihre Brüder lieben.
Wie aber sollen wir die Brüder lieben lernen? Wie sollen wir die Menschen liebgewinnen? Die Seele möchte nur das Schöne lieben, die armen Menschen aber sind so unvollkommen, und es ist so wenig Schönheit in ihnen. Wie also sollen wir es anfangen? Danken Sie Gott vor allem dafür, daß Sie ein Russe sind. Für den Russen tut sich jetzt ein Weg auf, und dieser Weg ist Rußland selbst. Wenn der Russe erst einmal Rußland lieben lernen wird, so wird er bald auch alles mit Liebe umfassen, was es in Rußland gibt. Gott selbst weist uns jetzt auf diese Liebe hin. Ohne die Leiden und Krankheiten, von denen Rußland gegenwärtig in so hohem Maße betroffen ward, und an denen wir selbst die Schuld tragen, würde niemand von uns Mitleid mit dem Lande empfinden. Mitleid aber ist bereits der Beginn der Liebe. Selbst in dem entrüsteten Geschrei über die Mißbräuche, die Ungerechtigkeiten und die Bestechlichkeit kommt keineswegs bloß die Empörung der guten und anständigen Elemente über die Unanständigen und Ehrlosen zum Ausdruck, dies ist mehr, es ist der Schmerzensschrei des ganzen Landes, an dessen Ohr die Nachricht drang, daß zahllose Scharen fremder Feinde ins Land eingefallen, in die Häuser gedrungen seien und alle Bewohner unter ihr hartes Joch gezwungen hätten; schon wollen sich die, die diese Seelenfeinde freiwillig in ihr Haus aufgenommen haben, selbst von ihnen befreien; sie wissen nur nicht, wie sie dies anfangen sollen, und so entringt sich allen ein einziger, erschütternder Schrei; selbst die Stumpfen und Gefühllosen beginnen sich zu regen. Aber die wirkliche, eigentliche Liebe empfindet noch keiner, auch Sie besitzen sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht.
Sie können sich immer nur grämen, klagen und sich darüber aufregen, sowie Sie hören, daß etwas Böses oder Häßliches in Rußland passiert. Dies erregt bei Ihnen nichts wie Ärger, Bitterkeit oder Mißmut. Nein, das ist noch nicht Liebe. Sie sind noch weit entfernt von der Liebe, das ist höchstens etwas wie ein schwaches Anzeichen, durch das sie sich ankündigt. Nein, wenn Sie Rußland wirklich lieben werden, dann wird jener kurzsichtige Gedanke, der jetzt in den Köpfen vieler ehrlicher und selbst gescheiter Leute entsteht, als könnten sie heutzutage nichts für Rußland tun, und als ob Rußland ihrer überhaupt nicht bedürfte, ganz von selbst verschwinden. Im Gegenteil, dann werden Sie erst wirklich und mit voller Stärke empfinden, daß die Liebe allmächtig ist und daß man mit ihr im Bunde alles zu vollbringen vermag. Nein, wenn Sie Rußland wirklich liebgewinnen werden, dann werden Sie sich förmlich dazu drängen, dem Vaterland zu dienen. Und Sie werden dann nicht etwa Gouverneur, sondern Polizeihauptmann werden wollen, dann werden Sie sich mit dem letzten unbedeutendsten Posten, der sich Ihnen darbieten wird, begnügen wollen und jedes Körnchen Tätigkeit in diesem Beruf einem tatenlosen und müßigen Leben, wie Sie es jetzt führen, vorziehen. Nein, Sie lieben Rußland noch nicht. Und solange Sie Rußland noch nicht lieben, können Sie auch Ihre Brüder nicht lieben, ohne solche Liebe zu Ihren Brüdern aber können Sie nicht in Liebe zu Gott entbrennen. Und ehe Sie sich nicht mit dieser göttlichen Liebe erfüllen, gibt es keine Rettung für Sie.
1844.
Es gibt keinen höheren Beruf als den Mönchsberuf. Gott gebe, daß es uns einmal beschieden sei, die schlichte Mönchskutte anzulegen, nach der sich meine Seele so sehnt! Schon der bloße Gedanke an sie ist mir eine Freude. Allein aus eigener Kraft, ohne von Gott dazu berufen zu werden, können wir solches nicht vollbringen. Wenn man das Recht besitzen will, sich aus dieser Welt zurückzuziehen, muß man dieser Welt Lebewohl sagen können. Verteile zuvor all dein Gut an die Armen und dann erst gehe ins Kloster. Diese Worte gelten für alle, deren Weg dorthin führt. Sie sind reich, Sie können Ihr Vermögen unter die Armen verteilen, was aber hätte ich ihnen zu geben? Mein Vermögen besteht nicht in Geld. Mit Gottes Hilfe ist es mir gelungen, mir ein gewisses geistiges und seelisches Besitztum zu erwerben, Er hat mir einige Fähigkeiten verliehen, mit denen ich andern nützen und dienen kann — daher muß ich diese Güter unter die verteilen, die keine besitzen, ehe ich ins Kloster gehe. Aber auch Sie können sich dadurch, daß Sie all Ihr Geld wegschenken, noch nicht das Recht dazu erwerben. Wenn Sie an Ihrem Gelde hingen und wenn es Ihnen schwer würde, sich von ihm zu trennen, dann läge die Sache anders. Allein Sie sind gleichgültig gegen das Geld, es bedeutet heute nichts mehr für Sie. Was für eine Heldentat und welch ein Opfer wäre es, sich von ihm zu trennen. Oder heißt es etwa, seinem Bruder Gutes tun, wenn man ein unnützes Ding aus dem Fenster wirft, sofern wir nämlich das Gute in dem hohen Sinne des Christentums verstehen? Nein, Ihnen sind die Tore zu der ersehnten Klosterzelle noch ebenso verschlossen wie mir. Ihr Kloster ist — Rußland. Nun, so legen Sie das geistige Mönchsgewand an — sterben Sie sich selbst völlig ab — sich selbst — nicht Rußland — und gehen Sie hin, um darin zu wirken und tätig zu sein. Unser Land ruft heute seine Söhne lauter als je. Schon schmerzt ihm die Seele, und schon ertönt sein Schrei aus tiefer Seelennot. Lieber Freund! Sie haben entweder ein gefühlloses Herz oder Sie wissen nicht, was Rußland für einen Russen bedeutet. Denken Sie doch daran, wie einst, wenn Not und Elend über das Reich hereinbrachen, die Mönche ihre Klosterzellen verließen und zu den anderen in die Reihen traten, um das Vaterland zu retten. Die Mönche Oslabja und Pereswet griffen, vom Segen des Priors begleitet, zum Schwert, das dem Christen ein Greuel ist, und blieben auf der blutigen Walstatt, und Sie weigern sich, die Pflicht eines friedlichen Bürgers — ja, wo denn nur? — mitten im Herzen Rußlands zu erfüllen. Machen Sie keine Ausflüchte, und weisen Sie nicht auf Ihre Unfähigkeit hin, Sie besitzen viele Fähigkeiten, die Rußland jetzt höchst dienlich und von größtem Nutzen sein können. Sie sind Gouverneur zweier Provinzen von äußerst verschiedenem Charakter gewesen. Sie haben diese Stellung trotz aller Fehler und Unzulänglichkeiten, die Ihnen damals noch anhafteten, weit besser ausgefüllt als mancher andere, Sie haben sich aus erster Hand positive Kenntnisse über die Zustände und Vorgänge im Innern Rußlands erworben und das Land in seinem wahren Wesen kennen gelernt. Aber das ist noch nicht die Hauptsache, und ich würde Ihnen nicht so zureden, wieder in den Staatsdienst zu treten, trotzdem Sie so bedeutende Kenntnisse besitzen, wenn ich bei Ihnen nicht eine bestimmte Eigenschaft entdeckt hätte, die mir weit bedeutsamer erscheint, als alle übrigen. Ich meine jene Fähigkeit, ohne besondere Anstrengung und ohne selbst zu arbeiten, ja, während Sie selbst ein bequemes müßiges Leben führen, alle andern zur Arbeit anzufeuern. Bei Ihnen wickelte sich alles schnell und glatt ab, und wenn man Sie dann erstaunt fragte: wie kommt das nur? pflegten Sie zu antworten: das alles ist das Verdienst meiner Beamten, ich hatte das Glück, tüchtige Beamte zu bekommen, die mir selbst gar keine Arbeit übrig lassen. Und wenn sich dann Gelegenheit bot, jemand für eine Auszeichnung oder Belohnung vorzuschlagen, dann wiesen Sie stets zuerst auf Ihre Beamten hin, indem Sie ihnen alles Verdienst zuschrieben und sich selbst ganz übergingen. Das ist Ihr höchster Vorzug. Ganz abgesehen von Ihrer großen Fähigkeit, sich die rechten Beamten zu wählen. Kein Wunder, daß Ihre Beamten sich die größte Mühe gaben, ja, einer hat sich beim Schreiben so überanstrengt, daß er an der Schwindsucht erkrankte und starb, trotzdem Sie aufs eifrigste bemüht waren, ihn zu bestimmen, er solle nicht so viel arbeiten. Wessen ist ein Russe nicht fähig, wenn ein Vorgesetzter ihn in dieser Weise behandelt! Eine solche Fähigkeit wird heute zu einem wahrhaften Bedürfnis. Gerade heute, in einer so selbstsüchtigen Zeit, wo ein jeder Vorgesetzter nur daran denkt, sich selbst möglichst in den Vordergrund zu rücken und sich alle Verdienste zuzuschreiben. Ich sage Ihnen, mit dieser Ihrer Fähigkeit sind Sie heute in Rußland völlig unentbehrlich, und es ist eine Sünde, daß Sie dies nicht einmal empfinden. Ich würde eine Schuld auf mich laden, wenn ich Sie nicht auf diese Fähigkeit aufmerksam machte. Sie ist das Beste, was Sie besitzen. Die, die sie entbehren, denen diese Eigenschaft fehlt, flehen Sie an, daß Sie sie nicht brachliegen lassen mögen. Sie aber halten sie wie ein Geizhals unter festem Verschluß und stellen sich taub. Es ist richtig, vielleicht stünde es Ihnen heute nicht gut an, eine ähnliche Stellung einzunehmen wie die, die Sie vor zehn Jahren innehatten, nicht deshalb, weil Sie sie nötig haben — Sie besitzen gottlob keinen Ehrgeiz, und in Ihren Augen ist keine Stellung zu gering — sondern deshalb, weil Ihre Fähigkeiten sich noch mehr entwickelt haben, noch gewachsen sind und zu ihrer Entfaltung und Nahrung eines anderen freieren Wirkungskreises bedürfen. Ja, aber gibt es denn etwa so wenig Posten und Wirkungskreise in Rußland? Blicken Sie um sich, sehen Sie sich ordentlich um, und Sie werden einen finden. Sie sollten einmal eine Reise durch Rußland machen. Sie kennen das Land, wie es vor zehn Jahren war, aber das genügt jetzt nicht mehr. In zehn Jahren ereignet sich in Rußland mehr, als in einem anderen Staate während eines halben Jahrhunderts. Sie haben selbst, während Sie hier im Ausland wohnen, bemerkt, daß in den letzten zwei, drei Jahren ganz andere Menschen aus Rußland herauskommen, Menschen, die gar keine Ähnlichkeit mit denen haben, denen Sie noch vor kurzem begegneten. Um zu erfahren, was das heutige Rußland ist, muß man unbedingt einmal eine Reise durch das Land machen. Glauben Sie nicht, was man spricht und was man sich erzählt. Das eine ist freilich wahr, daß es in Rußland noch niemals eine so außerordentliche Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Meinungen und Anschauungen gegeben hat, wie sie heute unter den Leuten herrschen, und daß der Unterschied der Bildung und der Erziehung die Menschen noch niemals in einen solchen Gegensatz zueinander gebracht und soviel Streit und Uneinigkeit unter ihnen erregt hat, wie heutzutage. Überdies ist ein Geist der Klatschsucht aufgekommen, sind so viele neue törichte Ideen mit allen daraus folgenden Konsequenzen zu uns importiert worden, sind so viele törichte Gerüchte entstanden und einseitige nichtssagende Schlüsse gezogen worden. Dies alles hat bei allen Leuten die Begriffe über Rußland so sehr entstellt und verwirrt, daß man niemand mehr glauben kann. Man muß selbst eine Reise durch Rußland machen und sich selbst überzeugen. Das ist besonders nützlich für den, der eine Weile fern von Rußland in der Fremde gelebt hat und nun mit einem frischen, noch nicht umnebelten Kopfe zurückkehrt. Er wird vieles sehen, was ein anderer Mensch, der sich selbst mitten in dem verwirrenden Getriebe befindet und empfindlich und feinfühlig auf die brennenden Fragen des Augenblicks reagiert, nicht sehen kann. Führen Sie Ihre Reise in folgender Weise aus: zunächst müssen Sie alle Anschauungen, die Sie bisher über Rußland besaßen, bis auf die letzte völlig aus Ihrem Kopfe verbannen und sich von all Ihren eigenen Schlüssen und Folgerungen, die Sie bereits gezogen haben, lossagen. Sie müssen tun, als ob Sie so gut wie gar nichts wüßten, und Ihre Reise so antreten, wie wenn Sie ein neues, Ihnen noch völlig unbekanntes Land kennen lernen wollten. Und wie sich ein russischer Reisender jedesmal bei seinem Eintreffen in einer größeren europäischen Stadt beeilt, alle ihre Denkmäler aus alter Zeit und alle Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, so müssen Sie, wenn Sie in die erste beste Kreis- oder Provinzhauptstadt kommen, ja mit noch größerem Interesse sich bemühen, alles Bemerkenswerte an ihr kennen zu lernen. Dieses besteht nicht in ihren architektonischen Kunstwerken und in ihren Altertümern, sondern in ihren Menschen. Ich möchte darauf schwören, der Mensch hat mehr Anspruch darauf, daß man ihn aufmerksam und mit Interesse kennen zu lernen und zu erforschen sucht, als irgendeine Fabrik oder eine Ruine. Rüsten Sie sich mit einem Tropfen wahrhaft brüderlicher Liebe aus und versuchen Sie es, einen Blick auf den Menschen zu werfen, und Sie werden sich nicht wieder von ihm trennen können, so interessant wird er Ihnen werden. Lernen Sie vor allem die Menschen kennen, die den eigentlichen Kern, den Extrakt, „das Salz“ einer jeden Stadt oder jedes Kreises bilden. In jeder Stadt gibt es immer zwei bis drei solche Menschen. Sie werden Ihnen in wenigen Zügen ein Bild der ganzen Stadt vermitteln, so daß Sie sich schon selbst ein Urteil darüber bilden werden, wo und an welchen Orten Sie die meisten Beobachtungen über die gegenwärtige Lage der Dinge machen können. Wenn Sie mit den fortgeschrittensten Repräsentanten jeden Standes reden werden (mit Ihnen unterhalten sich doch alle Menschen so gern und öffnen Ihnen gleich ganz weit ihr Herz), so werden Sie von ihnen erfahren, was heutzutage jeder Stand bedeutet. Der flinke und gewandte Kaufmann wird Ihnen sofort erklären, was die Kaufmannschaft der Stadt darstellt. Ein nüchterner, tüchtiger Kleinbürger wird Ihnen einen Begriff von dem Kleinbürgertum geben; von einem energischen Beamten werden Sie alles Notwendige über den Geschäftsgang in den staatlichen Organen erfahren, und von dem allgemeinen Geist und der Atmosphäre der Gesellschaft werden Sie sich selbst ein Bild machen. Übrigens dürfen Sie sich nicht allzusehr auf die fortgeschrittenen Leute, die geistige Elite verlassen. Es ist schon besser, wenn Sie immer zwei oder drei Leute aus jedem Stande hören. Vergessen Sie auch nicht, daß heute alle miteinander im Streite liegen und einer den andern rücksichtslos verleumdet und schlecht macht. Suchen Sie sofort Fühlung mit der Geistlichkeit zu nehmen, weil man mit dieser leicht bekannt wird. Von ihr werden Sie alles übrige erfahren. Und wenn Sie auch nur die wichtigsten Punkte und Städte Rußlands besuchen werden, so wird es Ihnen sonnenklar werden, wo und an welcher Stelle Sie sich nützlich machen können und um welchen Posten Sie sich bewerben müssen. Inzwischen aber können Sie, wenn Sie nur wollen, schon durch Ihre bloße Reise sehr viel Gutes stiften. Schon während dieser Reise werden Sie Gelegenheit zu so großen wahrhaft christlichen Taten finden, wie sie sich Ihnen nicht einmal im Kloster bieten würde. Erstens können Sie, der Sie sich so angenehm unterhalten können und der Sie allen Menschen gefallen, als ein fremder abseits stehender neuer Mensch die Rolle des unparteiischen Mittlers und Richters übernehmen. Sie wissen nicht, wie wichtig, wie notwendig das jetzt in Rußland ist und welches Verdienst in einer solchen Tätigkeit liegt. Der Heiland hat sie beinahe noch höher gestellt als jede andere Art der Tätigkeit. Er nennt die Friedfertigen geradezu die Kinder Gottes. Ein Vermittler und Friedensstifter aber findet bei uns überall etwas zu tun. Alles liegt miteinander im Streit. Unsere Adligen leben miteinander wie Hund und Katze, die Kaufleute leben wie Katze und Hund; die Kleinbürger vertragen sich so schlecht wie Hund und Katze; ja selbst die Bauern leben, wenn sie nicht gerade durch irgendeinen besonderen Grund zu einträchtiger Arbeit veranlaßt werden, miteinander wie Hund und Katze. Ja, sogar brave ehrliche Menschen leben in Zwietracht miteinander. Nur unter den Gaunern kann man noch etwas wie Eintracht und Freundschaft bemerken, wenn nämlich einer von ihnen heftigen Verfolgungen ausgesetzt ist.
Ein Friedensstifter findet überall einen Wirkungskreis. Haben Sie keine Furcht, es ist nicht schwer, zu vermitteln und zu versöhnen. Für die Menschen selbst ist es allerdings schwierig, sich wieder zu vertragen und wieder auszusöhnen. Sowie aber ein Dritter zwischen sie tritt, söhnt er sie sofort miteinander aus. Daher spielt bei uns das Schiedsgericht, dieses eigenste und wahrhaftigste Produkt unseres Landes, das bisher weit mehr Erfolge zu verzeichnen hatte, als alle anderen Gerichte, eine so große Rolle. Es gibt eine wunderbare Eigenschaft, die der menschlichen Natur im allgemeinen, besonders aber dem russischen Wesen eigen ist. Sowie ein Mensch merkt, daß ein anderer ihm auch nur ein bißchen entgegenkommt oder nachsichtig gegen ihn ist, so ist er schon so gut wie bereit, ihn deswegen um Verzeihung zu bitten. Keiner will zuerst nachgeben, sowie jedoch einer sich zu einem solchen hochherzigen Entgegenkommen entschließt, drängt sich der andere förmlich dazu, ihn an Großmut noch zu überbieten. Daher können bei uns selbst die ältesten Prozesse und Zwistigkeiten weit schneller als irgendwo sonst beigelegt werden, wenn nur ein wahrhaft edler Mensch, der von allen geachtet wird und überdies noch ein Kenner des menschlichen Herzens ist, zwischen die Streitenden tritt. Eine solche Versöhnung aber — dies muß ich noch einmal wiederholen — ist jetzt sehr vonnöten. Wenn nur einige wenige Menschen, die sich jetzt gegenseitig entgegenarbeiten und einander Schwierigkeiten machen, weil sie verschiedener Ansicht über irgendeine Sache sind, sich dazu verständen, einander die Hand zu reichen, so würde es den Gaunern schlecht ergehen. Da haben Sie also einen Teil der Tätigkeit, zu der sich Ihnen während Ihrer Reise durch Rußland auf Schritt und Tritt Gelegenheit bieten wird. Aber es gibt auch noch eine andere Aufgabe für Sie, die nicht geringer ist als jene erste. Sie können der Geistlichkeit der Städte, die Sie berühren werden, einen großen Dienst erweisen, indem Sie sie näher mit der Gesellschaft bekannt machen, in der sie lebt, indem Sie ihr eine gewisse Kenntnis der Vorgänge und der Machenschaften beibringen, von denen die Menschen heutzutage in der Beichte gar nicht reden, da sie annehmen, daß sie nicht in die Sphäre des christlichen Lebens gehören. Dies ist sehr notwendig, weil viele Geistliche, wie ich weiß, infolge der großen Menge von Ungehörigkeiten und Mißbräuchen, die in der letzten Zeit stattgefunden haben, mutlos geworden sind, weil sie fast der Ansicht sind, daß niemand mehr auf sie hört, daß ihre Worte und Predigten in die Luft gesprochen sind, daß das Übel schon so tiefe Wurzeln geschlagen hat und daß an eine Entwurzelung gar nicht mehr zu denken ist. Das ist unrichtig. Freilich sündigt der Mensch von heute wirklich unvergleichlich viel mehr als zu irgendeiner früheren Zeit; allein er sündigt nicht aus einem Übermaß von Verdorbenheit und Lasterhaftigkeit, nicht aus Gefühllosigkeit und nicht deshalb, weil er den Wunsch zu sündigen hat, sondern deshalb, weil er seine Sünden nicht erkennt. Noch hat sich nicht allen die für unser gegenwärtiges Zeitalter so furchtbare Wahrheit enthüllt, noch liegt diese Wahrheit nicht so klar vor unseren Augen, daß wir nämlich heutzutage alle miteinander bis auf den Letzten der Sünde verfallen sind, und daß wir bloß nicht offen und direkt, sondern indirekt sündigen. Das empfinden selbst unsere Prediger noch nicht recht, daher sind ihre Predigten auch in die Luft gesprochen und daher bleiben die Menschen taub für ihre Worte. Wenn man heutzutage erklärt: „ihr sollt nicht stehlen, nicht in Überfluß und Üppigkeit leben, ihr sollt euch nicht bestechen lassen, sondern beten und den Armen milde Gaben reichen“, so bedeutet das nichts und kann keine Wirkung haben. Denn abgesehen davon, daß jeder sagen wird: „aber das sind doch alles bekannte Dinge“, wird er sich noch vor sich selbst rechtfertigen und sich womöglich gar noch für einen Heiligen halten. Er wird sagen: „Stehlen? — ja, das tue ich doch nicht. Legt eine Uhr, ein paar Münzen, legt jeden beliebigen Gegenstand vor mich hin, ich werde ihn nicht anrühren. Ich habe sogar meinen eigenen Diener wegen Diebstahls entlassen; ich lebe natürlich auf großem Fuße, aber ich habe weder Kinder noch Verwandte, ich brauche für niemand zu sparen und zurückzulegen und mit meiner Verschwendung und mit meinem Überfluß stifte ich noch Nutzen, denn ich gebe damit den Handwerkern, den Gesellen, den Kaufleuten und Fabrikherren Gelegenheit, zu verdienen. Geschenke nehme ich nur von den Reichen an, die mich selbst darum bitten und für die das noch nicht den Ruin bedeutet. Ich bete immer fleißig, auch jetzt bin ich doch in der Kirche, ich bekreuzige mich und mache meine Kniefälle, ich helfe auch stets, kein Armer geht an mir vorüber, ohne daß er eine Kupfermünze von mir erhält, auch habe ich mich niemals geweigert, etwas für irgendeine Wohlfahrtseinrichtung zu geben.“ Mit einem Wort, er wird sich nach einer solchen Predigt nicht nur für gerechtfertigt halten, sondern wohl gar noch stolz auf seine Sündlosigkeit sein.
Aber wenn man den Vorhang vor ihm wegzieht und ihm bloß einen Teil von all den furchtbaren Schrecken und Übeln zeigt, die er zwar nicht unmittelbar, aber doch indirekt verursacht, dann wird er ganz anders reden. Man sage einem kurzsichtigen, aber ehrenhaft denkenden reichen Mann, daß er, indem er sein Haus schmückt und seine Lebensweise nach dem Vorbild der vornehmen Herren einrichtet, schweren Schaden und schweres Ärgernis verursacht, indem er einem andern weniger Reichen denselben Wunsch einpflanzt. Denn dieser wird, um nur nicht hinter jenem zurückzustehen, nicht nur sein eigenes, sondern auch fremdes Gut verschwenden, die Menschen ausplündern und sie zu Bettlern machen; außerdem aber sollte man eins jener furchtbaren Bilder der Hungersnot im Innern Rußlands vor ihm erstehen lassen, bei der ihm die Haare zu Berge stehen müssen, und die es vielleicht nicht geben würde, wenn er nicht wie ein vornehmer Mann leben, nicht den Ton in der Gesellschaft angeben und die Köpfe anderer Leute verwirren würde. Ebenso zeige man allen Modedamen, die sich nicht gern immer in demselben Kleide sehen lassen und sich ganze Haufen neuer Kleider anfertigen lassen, ohne ein einziges davon wirklich abzutragen, wobei sie jeder kleinsten Laune der Mode folgen, ebenso zeige man diesen, wie sie eigentlich gar nicht dadurch sündigen, daß sie sich einem solchen eitlen Treiben hingeben und ihr Geld verschwenden, sondern dadurch, daß sie auch andere zu einem solchen Leben zwingen, daß so mancher Mann einer andern Frau aus diesem Grunde Bestechungsgelder von einem Beamten, dem eigenen Kollegen, angenommen hat [gewiß, dieser Beamte war reich, aber um das Geld aufzubringen, mußte er einem weniger Reichen an die Kehle springen und ihn ausplündern. Dieser mußte seinerseits irgendeinem Assessor oder einem Landrat die Kehle zudrücken und der Landpolizeihauptmann wiederum war gezwungen, die ganz Armen und Besitzlosen auszuplündern] und man lasse auch vor all diesen Modedamen ein Bild der Hungersnot erstehen. Dann werden sie nicht mehr an Hüte oder an ein neues, modernes Kleid denken. Sie werden einsehen, daß auch das Geld, das sie den Armen hinwerfen, und auch die humanen Wohlfahrtseinrichtungen, die sie in den Städten auf Kosten der ausgeplünderten Provinzen errichten, sie nicht von der furchtbaren Verantwortung vor Gott befreien werden. Nein, der Mensch ist nicht gefühllos. Der Mensch wird im tiefsten erschüttert sein, wenn Sie ihm die Sache darstellen, wie sie ist. Und er wird sich heute mehr erschüttert fühlen, denn sein Herz, sein Wesen ist milder und weicher geworden, und die Hälfte seiner Sünden rührt von seiner Unkenntnis und nicht von seiner Lasterhaftigkeit her. Er wird den, der ihn dazu anhalten wird, in sich zu gehen und seinen Blick auf sich selbst, in sein Inneres zu richten, liebevoll wie seinen Retter umarmen. Der Prediger braucht den Vorhang nur ein wenig zu lüften und ihm nur eins von den Verbrechen zu zeigen, die er jeden Augenblick begeht, und er wird nicht mehr den Mut haben, mit seiner Sündlosigkeit zu prahlen. Er wird sein verschwenderisches Leben nicht mehr mit elenden, armseligen Sophismen zu verteidigen suchen, wie wenn ein solches Leben notwendig wäre, um den Handwerkern Brot zu verschaffen, er wird erkennen, daß der Gedanke, daß man ein halbes Dorf oder einen halben Kreis zugrunde richten müsse, um irgendeinem Tischler Hambs Brot zu verschaffen, nur in dem traurigen Kopfe eines Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts, nicht aber in dem gesunden Gehirn eines vernünftigen Menschen entstehen konnte. Wie, wenn der Prediger die ganze Kette jener unzähligen indirekten Verbrechen, die der Mensch durch seine Unvorsichtigkeit, seinen Stolz, sein Selbstvertrauen begeht, vor ihm aufrollen und auf alle Gefahren der gegenwärtigen Zeit hinweisen würde, wo jeder von uns mit einem Schlage so viele Seelen zugrunde richten kann, nicht nur seine eigene, ja wo man sogar, ohne selbst unehrlich zu sein, bloß durch seine Unvorsichtigkeit andere zu ehrlosen Menschen und Schurken machen kann, kurz, wie wäre es wohl, wenn er nur ganz vorsichtig darauf hinweisen würde, auf welch gefährlichem Wege sich alle Menschen befinden! Nein, die Menschen werden nicht taub gegen seine Worte sein. Keins seiner Worte wird in die Luft gesprochen sein. Sie aber können viele Priester hierauf aufmerksam machen, indem Sie sie auf alle die Machenschaften der Menschen unserer Zeit, die Sie unterwegs kennen lernen werden, aufmerksam machen. Aber Sie können sich hierdurch nicht nur den Priestern, sondern auch anderen Menschen nützlich erweisen. Dies sind Tatsachen, deren Kenntnis heutzutage jedem von Nutzen ist.
Man muß dem Menschen das Leben zeigen: das Leben, nicht wie es sich unter dem Gesichtspunkt einer vergangenen, sondern unter dem aller Wirrsale und Verwirrungen unserer gegenwärtigen Zeit darstellt; nicht wie es dem oberflächlichen Blick eines Weltmanns, sondern wie es einem Manne erscheint, der es von dem höchsten Standpunkt eines Christen betrachtet, in Erwägung zieht und bewertet. Die Unkenntnis Rußlands, wie sie in Rußland selbst verbreitet ist, ist ganz ungeheuer. Alle Leute leben in einer fremden Welt ausländischer Journale und Zeitungen, nicht aber in ihrem eigenen Lande. Keine Stadt kennt die andere, kein Mensch kennt seine Mitmenschen. Menschen, die innerhalb derselben vier Wände wohnen, scheinen durch Meere voneinander getrennt zu sein. Sie aber können sie auf Ihrer Reise miteinander bekannt machen und wie ein gewandter Kaufmann einen wohltuenden gegenseitigen Verkehr und Gedankenaustausch zwischen ihnen anbahnen. In einer Stadt können Sie Kenntnisse sammeln, um sie in einer andern mit Profit wieder an den Mann zu bringen. Sie können alle reicher machen und sich zugleich selbst weit mehr bereichern als alle. So Großes können Sie auf Schritt und Tritt vollbringen — und das sehen Sie nicht. Erwachen Sie doch. Eine Hülle liegt über Ihren Augen. Es liegt nicht in Ihrer Macht, die Liebe herbeizurufen, damit sie komme und Wohnung in Ihrem Herzen nehme. Sie können die Menschen nicht anders lieben lernen, als dadurch, daß Sie es lernen, ihnen zu dienen. Wie könnte ein Diener seinen Herrn liebgewinnen, wenn dieser ihm beständig fernbleibt und wenn er noch nie für ihn gearbeitet hat. Daher liebt ja auch eine Mutter ihr Kind so innig, weil sie es so lange unter ihrem Herzen getragen, weil sie alles für es hingegeben hat, weil sie so viel für es gelitten hat. Wachen Sie auf! Ihre Klosterzelle ist — Rußland.
1845.
Ich freue mich, daß Ihre Gesundheit jetzt besser ist. Die meine ... aber sprechen wir nicht von unserer Gesundheit. Wir sollten sie ebenso vergessen wie uns selbst. Also Sie kehren wieder in Ihre Gouvernementshauptstadt zurück. Sie müssen sie mit neuer Kraft lieben lernen; sie gehört zu Ihnen, sie ist Ihnen anvertraut, sie muß Ihre wahre Heimat werden. Sie haben unrecht, wenn Sie schon wieder meinen, daß Ihre Anwesenheit für das soziale Tun und Leben daselbst ganz ohne Nutzen, daß die Gesellschaft bis auf die Wurzel verderbt sei. Sie sind einfach müde — das ist alles. Die Frau eines Gouverneurs findet überall, auf Schritt und Tritt ein Feld der Betätigung. Sie wirkt sogar auch dann noch, wenn sie überhaupt nichts tut. Sie wissen doch selbst schon, daß es sich nicht darum handelt, sich viele Unruhe, sich viel zu schaffen zu machen und sich beständig voller Hitze und Eifer auf alle möglichen Dinge zu werfen. Sie haben zwei lebendige Beispiele vor sich, die Sie selbst erwähnt haben. Ihre Vorgängerin, Frau Sch., hat einen ganzen Haufen von Wohlfahrtseinrichtungen gegründet und zugleich damit alle möglichen Schreibereien, eine große Aktenwirtschaft veranlaßt, allerhand Ökonomen, Sekretäre angestellt und den Grund zu Veruntreuungen und einem törichten unsinnigen Getue gelegt, sie hat sich in Petersburg durch ihre Wohltätigkeit berühmt gemacht und in K. eine große Verwirrung angerichtet. Die Fürstin O. dagegen, die vor Ihnen Gouverneurin der Stadt K. war, hat keinerlei Wohlfahrtseinrichtungen und keine Asyle gegründet, sie hat außerhalb der Stadt kaum von sich reden gemacht, auch hatte sie gar keinen Einfluß auf ihren Mann und sie hat sich auch an der eigentlichen Regierungstätigkeit und den offiziellen Geschäften gar nicht beteiligt, und doch kann bis auf den heutigen Tag kein Mensch in der Stadt ihrer ohne Tränen gedenken, und jedermann — von dem Kaufmann bis herab zum letzten Habenichts — sagt auch heute noch immer: „Nein, wir werden nie eine zweite Fürstin O. bekommen.“ Und wer sagt so etwas? Dieselbe Stadt, für die sich, wie Sie annehmen, nichts tun läßt, dieselbe Gesellschaft, die Ihrer Meinung nach für alle Zeiten und unwiederbringlich verdorben ist. Wie denn nun? Läßt sich denn wirklich nichts machen? Sie sind müde, das ist alles, und Sie fühlen sich müde, weil Sie sich gar zu eifrig ins Zeug gelegt, weil Sie Ihren eigenen Kräften gar zu viel zugetraut haben. Ihr weibliches Temperament ist mit Ihnen durchgegangen ... Ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich Ihnen schon oft gesagt habe: Sie haben einen großen Einfluß. Sie sind die erste Persönlichkeit in der Stadt. Dank dem äffischen Wesen der Mode und der bei uns in Rußland herrschenden äffischen Nachahmungssucht im allgemeinen wird man alles an Ihnen, jede kleinste Kleinigkeit, nachahmen. Sie werden auf allen Gebieten tonangebend, Gesetzgeberin sein. Wenn Sie nun recht für Ihre eigenen Angelegenheiten sorgen werden, so werden Sie schon allein hierdurch wirken, weil Sie damit auch andere veranlassen werden, sich mehr und gründlicher mit ihren Angelegenheiten zu beschäftigen. Bekämpfen Sie den Luxus (solange Sie nichts anderes zu tun finden), auch das ist schon eine hohe Aufgabe, die dazu nicht einmal viel Arbeit und Unruhe erfordert, noch viele Kosten verursacht. Fehlen Sie auf keinem Ball und in keiner Versammlung. Erscheinen Sie stets und zwar nur, um sich mehrmals in ein und demselben Kleide sehen zu lassen. Ziehen Sie das gleiche Kleid drei-, vier-, fünf-, sechsmal an. Loben Sie an jedem Dinge nur das, was einfach und billig ist. Kurz, bekämpfen Sie diesen abscheulichen nordländischen Luxus, diesen Krebsschaden Rußlands, diesen Quell aller Bestechlichkeit, aller Ungesetzlichkeiten und Schändlichkeiten, die es bei uns gibt. Wenn Ihnen auch nur dies eine gelingen sollte, so werden Sie damit bereits mehr wahren Nutzen stiften, als selbst die Fürstin O. Und das erfordert, wie Sie selbst sehen, nicht einmal irgendwelche Opfer, ja nicht einmal viel Zeit. Liebe Freundin! Sie sind müde. Aus Ihren früheren Briefen ersehe ich, daß Sie für den Anfang bereits sehr viel Gutes geleistet haben (wenn Sie sich nicht allzusehr beeilt hätten, hätten Sie noch mehr geleistet). Ihr Ruf ist bereits über die Grenzen von K. gedrungen, und mancherlei ist auch mir zu Ohren gekommen. Aber Sie sind noch gar zu hastig. Sie lassen sich noch zu sehr fortreißen. Alles Häßliche und jede kleine Unannehmlichkeit macht noch einen viel zu starken Eindruck auf Sie und drückt Sie zu leicht nieder. Liebe Freundin! Denken Sie immer wieder an meine Worte, von deren Richtigkeit Sie sich, wie Sie selbst sagen, überzeugt haben. Betrachten Sie die ganze Stadt so, wie ein Arzt ein Krankenhaus betrachtet. Tun Sie dies, aber tun Sie außerdem noch etwas anderes, und zwar folgendes: Suchen Sie sich selbst davon zu überzeugen, daß alle Kranken, die im Krankenhaus liegen, Ihre Verwandten, daß sie Menschen sind, die Ihrem Herzen nahe stehen. Dann wird sich vor Ihren Augen alles ändern. Sie werden sich mit den Menschen aussöhnen und nur noch gegen ihre Krankheiten ankämpfen. Wer hat Ihnen gesagt, daß diese Krankheiten unheilbar sind? Das haben Sie sich selbst eingeredet, weil Sie keine Mittel wider sie in der Hand hatten. Wie? Sind Sie etwa ein Arzt, der allwissend ist? Warum haben Sie sich denn nicht an andere Leute mit der Bitte um Hilfe gewandt. Habe ich Sie denn vergeblich darum gebeten, mich über alles zu unterrichten, was es in Ihrer Stadt gibt, mir dazu zu verhelfen, daß ich Ihre Stadt kennen lerne, damit ich mir einen vollständigen Begriff von dieser Stadt machen kann. Warum haben Sie das nicht getan, um so mehr, da Sie doch selbst davon überzeugt sind, daß ich in vielen Beziehungen eine größere Wirkung auszuüben vermag als Sie. Um so mehr, da Sie mir selbst eine gewisse Menschenkenntnis zuschreiben, wie sie nicht allen eigen ist. Um so mehr endlich, da Sie ja selbst sagen, daß ich Ihnen in Ihren Herzensangelegenheiten mehr geholfen habe als sonst jemand. Glauben Sie wirklich, daß ich nicht auch Ihren unheilbaren Kranken zu helfen vermöchte? Sie haben wohl vergessen, daß ich zu beten vermag und daß mein Gebet bis zu Gott dringen kann. Gott aber kann meinem Verstande Einsicht schenken, und mein von Gott erleuchteter Verstand könnte Besseres vollbringen, als ein Verstand, der nicht von Ihm belehrt ist.
Bisher haben Sie mir in Ihren Briefen nur einen ganz allgemeinen Begriff von Ihrer Stadt gegeben und ganz allgemeine Züge mitgeteilt, wie sie jeder Provinzhauptstadt eigen sein können. Aber auch diese allgemeinen Züge sind noch nicht vollständig. Sie haben sich darauf verlassen, daß ich Rußland kenne wie meine fünf Finger. Und doch weiß ich von Rußland so gut wie gar nichts. Wenn ich auch früher vielleicht etwas davon gewußt habe, so ist dieses seit meiner Abreise ganz anders geworden. Selbst in der Zusammensetzung der Gouvernementsverwaltung sind große Veränderungen vorgegangen. Viele Instanzen und viele Beamte sind jetzt nicht mehr vom Gouverneur abhängig, sondern sind andern Departements und Ressorts und den Ressorts anderer Ministerien zugeteilt worden. Es sind neue Posten geschaffen worden, und es gibt mancherlei neue Beamte. Kurz, ein Gouvernement und eine Gouvernementshauptstadt erscheinen heute nach vielen Richtungen hin in einem anderen Lichte, und ich habe Sie doch gebeten, mich recht vollständig mit Ihrer Situation bekannt zu machen. Nicht mit irgendeiner idealen, sondern mit Ihrer eigentlichen wirklichen Situation, damit ich Ihre ganze Umgebung und alles vom Kleinsten bis zum Größten zu übersehen vermag.
Sie sagen selbst, daß Sie während der kurzen Zeit Ihres Aufenthalts in K. Rußland besser kennen gelernt haben, als während Ihres ganzen früheren Lebens. Warum haben Sie denn dann Ihre Kenntnisse nicht mit mir geteilt? Sie sagen, Sie wüßten nicht einmal, an welchem Ende Sie anfangen sollen, Sie sagen, daß der große Haufen von Kenntnissen, die Sie gesammelt haben, noch ganz ungeordnet in Ihrem Kopfe liegt (Notabene: das ist die Ursache Ihrer Mißerfolge). Ich will Ihnen helfen, sie zu ordnen, nur möchte ich Sie darum ersuchen, mir zunächst folgende Bitte zu erfüllen und zwar so gewissenhaft, als Ihnen dies möglich ist, und nicht in der Weise, wie dies eine Ihrer Geschlechtsgenossinnen — d. h. eine leidenschaftliche Frau, die von zehn Worten acht überhört und nur auf zwei antwortet, weil sie ihr zufällig angenehm sind oder gefallen haben, tun würde, sondern so, wie unsereiner, d. h. ein kalter, leidenschaftsloser Mann oder noch besser, wie ein energischer vernünftiger Beamter dies zu tun pflegt, der sich nichts besonders zu Herzen nimmt, sondern gleichmäßig auf alle Punkte antwortet.
Sie sollten um meinetwillen noch einmal darangehen, Ihre Gouvernementshauptstadt zu studieren. Erstens sollten Sie mich mit allen bedeutenden Persönlichkeiten Ihrer Stadt, mit ihren Vor-, Vater- und Familiennamen sowie mit allen Beamten — vom ersten bis zum letzten — bekannt machen. Dies ist ein Bedürfnis für mich. Ich muß ebenso ihr Freund werden, wie Sie ausnahmslos die Freundin eines jeden sein müssen. Zweitens sollten Sie mir schreiben, was ein jeder von ihnen für einen Beruf hat. Dies alles sollten Sie persönlich von ihnen selbst und nicht von irgendeinem andern zu erfahren suchen. Knüpfen Sie dazu mit jedem ein Gespräch an und fragen Sie ihn aus, worin seine Berufstätigkeit besteht, lassen Sie sich alle Gegenstände nennen, auf die sie sich bezieht, sowie ihre Grenzen angeben. Das wäre die erste Frage. Bitten Sie ihn dann weiter, er möge Ihnen angeben, wodurch, wie und wieviel Gutes man unter den gegenwärtigen Verhältnissen in diesem Beruf zu tun vermag. Das wäre die zweite Frage. Fragen Sie ihn ferner, wieviel Unheil man in diesem selben Beruf anrichten könne und auf welche Weise. Das wäre die dritte Frage. Wenn Sie dies alles in Erfahrung gebracht haben, so begeben Sie sich auf Ihr Zimmer und schreiben Sie es sofort für mich auf. Hierdurch werden Sie mit einem Schlage zwei Aufgaben erfüllen. Erstens werden Sie mir hierdurch die Möglichkeit geben, mich Ihnen in der Zukunft einmal nützlich zu erweisen, und zweitens werden Sie aus den eigenen Antworten jedes Beamten erfahren, wie er seinen Beruf auffaßt, woran es ihm fehlt, kurz er wird sich mit seiner Antwort selbst charakterisieren. Er kann Ihnen sogar manchen Wink geben, was sich bereits gleich jetzt tun ließe ... Aber darum handelt es sich nicht. Beeilen Sie sich fürs erste nicht zu sehr. Tun Sie selbst dann noch nichts, wenn es Ihnen so erscheint, als ob Sie etwas tun könnten und als ob Sie in der Lage wären, irgendwo zu helfen. Es ist besser, wenn Sie zunächst noch einen genaueren Einblick in die Dinge zu gewinnen suchen, begnügen Sie sich fürs erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ich Sie, mir entweder am Rande desselben Blattes oder auf einem anderen Stück Papier Ihre eigenen Bemerkungen und Beobachtungen über jeden einzelnen Mann mitzuteilen — auch was die andern über ihn sagen, kurz alles, was sich vom Standpunkt des äußeren Beobachters von ihm sagen läßt.
Ferner bitte ich Sie, mir ganz ähnliche Mitteilungen über die gesamte weibliche Hälfte Ihrer Stadt zukommen zu lassen. Sie sind so klug gewesen und haben ihnen allen einen Besuch gemacht und sie fast alle kennen gelernt. Übrigens bin ich der Überzeugung, daß Sie sie doch nicht genügend kennen gelernt haben. Frauen gegenüber lassen Sie sich schon durch den ersten Eindruck leiten, die, die Ihnen nicht gefällt, lassen Sie fallen. Sie suchen nur immer nach der Elite und nach den allerbesten. Das muß ich Ihnen zum Vorwurf machen, liebe Freundin! Sie müssen alle lieben, und die ganz besonders, die viel Häßliches und Schlechtes an sich haben. Vor allem sollten Sie sie gründlicher kennen lernen, weil davon vieles abhängt und weil sie einen großen Einfluß auf ihre Männer haben können. Übereilen Sie sich nicht, suchen Sie ihnen keine guten Lehren zu erteilen, sondern fragen Sie sie zunächst einmal ordentlich aus. Sie haben ja die Gabe, einen Menschen zum Reden zu veranlassen. Suchen Sie sich über die Verhältnisse einer jeden zu orientieren, womit sie sich beschäftigt, ja suchen Sie selbst ihre Denkungsart und ihre Geschmacksrichtung kennen zu lernen: ihre Neigungen, was einer jeden von ihnen gefällt und was das Steckenpferd einer jeden ist. Dies muß ich alles wissen.
Meiner Ansicht nach muß man einen Menschen völlig und bis in sein Innerstes durchschauen, um ihm helfen zu können. Ohne dies kann ich es nicht einmal verstehen, wie man jemand auch nur zu raten vermag: An jedem Ratschlag, den man ihm erteilt, wird er in einem solchen Fall immer nur die schwierigste Seite sehen, und er wird ihm nicht leicht, ja sogar unausführbar erscheinen. Mit einem Wort, suchen Sie die Frauen bis auf den Grund zu durchschauen, damit ich ein vollständiges Bild von Ihrer Stadt erhalte.
Außer den Charakteren und den Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts bitte ich Sie auch jeden Vorfall, der sich bei Ihnen ereignet, und der die Menschen oder den allgemeinen Geist der Provinz auch nur nach irgendeiner Seite hin zu charakterisieren geeignet ist, schlicht und einfach zu verzeichnen, ganz so, wie er sich abgespielt hat oder wie er Ihnen von zuverlässigen Leuten berichtet worden ist. Geben Sie mir auch ein paar Stichproben von zwei oder drei Klatschgeschichten, welche Ihnen gerade mitgeteilt werden, damit ich weiß, was für Klatschereien bei Ihnen im Schwange sind. Sorgen Sie dafür, daß diese Aufzeichnungen Ihnen zur dauernden Gewohnheit werden, und setzen Sie ein für allemal eine bestimmte Stunde des Tages dafür fest. Suchen Sie sich eine systematische und möglichst vollständige Vorstellung von der ganzen Stadt in ihrem ganzen Umfange zu bilden, damit Sie sofort übersehen können, ob Sie auch nicht vergessen haben, etwas aufzuschreiben, und damit ich endlich ein möglichst vollständiges Bild von Ihrer Stadt erhalte.
Wenn Sie mich dann auf solche Weise mit allen Personen, ihrer Tätigkeit, ihrer Auffassung von ihr und ihrem Beruf und endlich auch mit dem Charakter der Ereignisse, die sich bei Ihnen abspielen, bekannt gemacht haben, dann will ich Ihnen etwas sagen, und Sie werden erkennen, daß vieles Unmögliche doch möglich und daß vieles Unverbesserliche doch noch gutzumachen ist. Bis dahin aber will ich nichts sagen, und zwar gerade darum, weil ich mich irren kann, und das möchte ich nicht gern. Ich möchte nur solche Worte zu Ihnen sprechen, die gerade ins Ziel treffen, nicht höher und nicht tiefer, gerade in den Punkt und den Gegenstand, auf den sie gerichtet sind. Ich möchte Ihnen so raten können, daß Sie sofort erklären: das ist nicht schwer, das läßt sich leicht ausführen.
Übrigens möchte ich Ihnen hier doch schon im voraus ein paar Winke geben, die allerdings nicht für Sie, sondern für Ihren Gatten bestimmt sind: bitten Sie ihn vor allem darauf zu achten, daß die Räte in der Gouvernementsverwaltung ehrliche Leute sind; das ist die Hauptsache. Sowie diese Räte ehrlich sind, werden wir auch ehrliche Polizeihauptleute, ehrliche Assessoren usw. bekommen, mit einem Wort, so wird jedermann ehrlich sein. Sie müssen nämlich wissen (wenn Sie dies nicht schon wissen sollten), daß die allerungefährlichste Art, Bestechungsgelder anzunehmen, die ist, wenn ein Beamter auf Befehl des Vorgesetzten von einem Kollegen ein Geschenk annimmt; in solch einem Fall gelingt es dem Schuldigen stets, sich seiner Strafe zu entziehen. Dies geht zuweilen in einer unendlichen Stufenleiter von oben nach unten. Der Polizeihauptmann und die Assessoren sind häufig bloß deswegen gezwungen, zu schwindeln und Geschenke anzunehmen, weil man ihnen selbst was abnimmt und weil sie Geld brauchen, denn sie müssen zahlen, wenn sie eine Stelle erhalten wollen. Diese Kauf- und Verkaufsgeschäfte können sich offen vor aller Augen abspielen und doch von niemand bemerkt werden. Aber hüten Sie sich um Gottes willen, deswegen gegen jemand vorzugehen und ihn deshalb zu verfolgen. Sorgen Sie nur dafür, daß in den oberen Regionen unbedingte Ehrlichkeit herrscht, dann werden auch in den unteren alle von selbst ehrlich sein. Strafen Sie und verfolgen Sie niemand, ehe die rechte Zeit kommt und ehe das Übel ganz zur Reife gekommen ist. Suchen Sie unterdessen lieber durch Ihren moralischen Einfluß zu wirken. Ihr Gedanke, daß ein Gouverneur stets Gelegenheit hat, viel Unheil anzurichten, daß er nur wenig Gutes tun kann, daß er kaum die Möglichkeit hat, Gutes und Heilsames zu leisten, da ihm auf diesem Gebiete die Hände gebunden sind, ist nicht ganz richtig. Ein Gouverneur kann immer einen moralischen Einfluß ausüben, ja dieser Einfluß ist sogar sehr groß, ebenso wie auch Sie einen großen moralischen Einfluß ausüben können, obwohl Sie über keinerlei gesetzliche Vollmachten verfügen. Glauben Sie mir, wenn Ihr Gatte irgendeinem Herrn keinen Besuch macht, so wird gleich die ganze Stadt davon reden: man wird sich sofort fragen, warum und aus welchem Grunde dies nicht geschehen ist, und derselbe Herr wird schon aus bloßer Furcht davor zurückschrecken, eine Gemeinheit zu begehen, der er sich sonst ohne Furcht und Zaudern schuldig gemacht und die er aus Respekt vor dem Gesetz und der Obrigkeit sicher nicht unterlassen hätte. Die Art, wie Sie, d. h. Sie und Ihr Gatte, gegen den Kreisrichter des N.schen Kreises gehandelt haben, den Sie ausdrücklich in die Stadt kommen ließen, um ihn mit dem Staatsanwalt auszusöhnen, und ihn um seiner Geradheit, Anständigkeit und Ehrlichkeit willen durch eine herzliche und freundliche Aufnahme und Bewirtung zu ehren, wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Dies können Sie mir glauben. Was mir hierbei besonders gefallen hat, ist folgendes: daß der Richter (der, wie es sich herausgestellt hat, ein äußerst gebildeter und aufgeklärter Mensch ist) so angezogen war, daß man ihn, wie Sie sich ausdrücken, nicht einmal ins Vorzimmer eines Petersburger Salons hineingelassen hätte. Ich hätte ihm in diesem Augenblick den Schoß seines abgetragenen Fracks küssen mögen. Glauben Sie mir, die beste Art, wie man heute handeln kann, besteht nicht darin, sich heftig und leidenschaftlich über die Bestechlichkeit und die Schlechtigkeit der Menschen zu entrüsten, und auch nicht darin, gegen sie vorzugehen und sie zu verfolgen; statt dessen sollte man sich lieber bemühen, jeden Zug von Ehrlichkeit öffentlich bekannt zu machen und einem geraden und ehrlichen Menschen offen und vor aller Welt freundschaftlich die Hand zu drücken. Glauben Sie mir, sobald es im ganzen Gouvernement bekannt wird, daß der Gouverneur wirklich so handelt, wird er den gesamten Adel auf seiner Seite haben. Unser Adel hat einen wunderbaren Zug an sich, der mich stets in Staunen versetzt hat. Es ist dies ein Gefühl für Anstand und Vornehmheit, und zwar nicht für jene Vornehmheit, von der auch der Adel anderer Länder durchdrungen ist, d. h. nicht für die Vornehmheit der Geburt oder der Abstammung, auch nicht für den europäischen point d’honneur, sondern für die echte sittliche Vornehmheit. Selbst in solchen Provinzen und in solchen Gegenden, wo jeder Aristokrat einzeln genommen ein ganz minderwertiger Mensch zu sein scheint, erheben sich alle wie ein Mann, wenn man sie nur zu einer wahrhaft edlen Tat aufruft, wie elektrisiert, und Menschen, die sonst nichts wie Gemeinheiten begehen, sind mit einem Male der herrlichsten Taten fähig. Daher wird jede edle Handlung des Gouverneurs zuallererst beim Adel Widerhall finden, und das ist sehr wichtig. Der Gouverneur muß unbedingt einen moralischen Einfluß auf den Adel ausüben. Nur hierdurch kann er die Aristokraten bewegen, sich auch mit unbedeutenden Ämtern oder wenig verlockenden Stellungen zu begnügen. Das aber ist durchaus notwendig. Denn wenn ein Adliger aus derselben Provinz eine Stelle annimmt, um andern Leuten ein Vorbild zu geben, wie man seine dienstlichen Verpflichtungen erfüllt, so wird er, was er auch für ein Mensch sein mag, selbst wenn er träge ist und vielerlei Mängel hat, seine Pflicht und Schuldigkeit tun, wie dies ein fremder, aus einem andern Ort in die Provinz versetzter Beamter niemals vermag, und wenn er sein ganzes Leben lang im Bureau verbracht hätte. Mit einem Wort, man darf niemals aus dem Auge verlieren, daß das dieselben Beamten sind, die im Jahre 1812 alles zum Opfer gebracht haben, alles, d. h. ihre ganze Habe, die sie besaßen.
Wenn es einmal vorkommt, daß ein Beamter wegen irgendwelcher unehrenhafter Handlungen vor Gericht gestellt wird, so muß dies stets unter Enthebung von seinem Amt geschehen. Das ist von großer Bedeutung, denn wenn er vor Gericht gestellt wird, ohne daß er seines Amts enthoben wird, so werden alle andern Beamten für ihn Partei nehmen. Er wird noch lange Winkelzüge zu machen und Mittel zu finden suchen, um alles derartig in Verwirrung zu bringen, daß es überhaupt nicht mehr möglich ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen; wird er dagegen unter Enthebung von seinem Amt vor Gericht gestellt, so wird er plötzlich die Nase hängen lassen, niemand wird mehr Angst vor ihm haben, auf allen Seiten werden sich Beweise gegen ihn häufen, alles wird plötzlich an den hellen Tag kommen und die Sache wird sich völlig aufklären. Um eins aber bitte ich Sie, liebe Freundin, verlassen Sie um Christi willen nie einen aus dem Amt gejagten Beamten gänzlich, mag er so schlecht sein, wie er will: denn er ist ein Unglücklicher. Aus den Händen Ihres Gemahls muß er in Ihre Hände gelangen. Sprechen Sie nicht selbst mit ihm und empfangen Sie ihn nicht, sondern behalten Sie ihn von ferne im Auge. Sie haben gut daran getan, die Aufseherin an der Irrenanstalt hinauszuwerfen, weil sie die Brötchen, die für diese Unglücklichen bestimmt waren, an andre Leute verkauft hat — ein Verbrechen, das um so abscheulicher ist, wenn man in Betracht zieht, daß die Geisteskranken ja nicht einmal imstande waren, sich deswegen zu beklagen. Daher mußte ihre Entlassung öffentlich und vor aller Welt erfolgen. Aber lassen Sie nie einen Menschen völlig fallen, machen Sie ihm die Rückkehr nicht ganz unmöglich und behalten Sie den Ausgestoßenen im Auge. Denn mitunter kann ein solcher aus Kummer, Verzweiflung und Scham noch größere Verbrechen begehen. Handeln Sie entweder durch Ihren Beichtvater oder überhaupt durch irgendeinen klugen Geistlichen, veranlassen Sie diesen, ihn aufzusuchen und Ihnen beständig über ihn Bericht zu erstatten. Vor allem aber sorgen Sie dafür, daß er nie ohne Arbeit und Tätigkeit ist. Nehmen Sie sich in diesem Fall nicht das tote Gesetz, sondern den lebendigen Gott zum Vorbild, der den Menschen mit allen Geißeln des Unglücks schlägt, ihn aber bis an sein Lebensende nie verläßt. Ein Verbrecher mag sein, wie er will, solange die Erde ihn noch trägt und Gottes Donner ihn noch nicht vernichtet hat, so bedeutet das, daß er sich hier in der Welt noch aufrecht zu erhalten vermag, auf daß jemand durch sein Los gerührt werde, ihm helfe und ihn rette. Sollten Sie übrigens bei den Aufzeichnungen, die Sie für mich machen werden, oder bei Ihren eigenen Forschungen über alle möglichen Mißstände und Gebrechen allzusehr durch die traurigen Seiten unseres Lebens erschüttert werden und sollte sich Ihr Herz mit Empörung erfüllen — so rate ich Ihnen in solch einem Falle, sich hierüber so häufig wie möglich mit dem Erzpriester zu unterhalten. Dieser ist, wie ich aus Ihren Worten ersehe, offenbar ein kluger Mann und ein gütiger Priester. Führen Sie ihn durch Ihr ganzes Krankenhaus und klären Sie ihn über alle Leiden Ihrer Kranken auf. Selbst wenn er keine großen Kenntnisse und Erfahrungen in der Heilkunst besitzen sollte, so müssen Sie ihn dennoch über alle Krankheitsanfälle, alle Symptome und alle Krankheitserscheinungen unterrichten. Suchen Sie ihm alles bis aufs letzte so lebendig darzustellen, daß es ihm fortwährend vor Augen steht, daß er sich in Gedanken fortwährend mit Ihrer Stadt beschäftigen muß, daß sie ihm immer lebendig und gegenwärtig ist, wie sie auch Ihre Gedanken beständig beschäftigen muß, damit all sein Denken stets ganz von selbst darauf gerichtet ist, unaufhörlich für sie zu beten. Glauben Sie mir, seine Sonntagspredigt wird hierdurch den Zuhörern immer mehr und mehr zu Herzen gehen, und es wird ihm gelingen, in viele Dinge Licht hineinzubringen und persönlich, ohne auf jemand hinzuweisen, jedem seine eigene Schlechtigkeit und Gemeinheit von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustellen, so daß sich ein jeder mit Ekel von dem, was sein Eigenstes ist, abwenden wird. Achten Sie gleichfalls auf die Stadtpfarrer, suchen Sie sie unbedingt alle kennen zu lernen. Von ihnen hängt alles ab, und die Rettung unserer Seele liegt in ihren Händen und nicht in den Händen irgendeines anderen. Achten Sie trotz der Einfalt und Unwissenheit so mancher keinen von ihnen zu gering. Es ist leichter, sie ihrer Pflicht wiederzugeben, als irgendeinen von uns. Wir weltlichen Menschen besitzen viel Stolz, Ehrgeiz, Eigenliebe und vertrauen zu sehr auf unsere Vollkommenheit. Infolgedessen will niemand von uns auf die Worte und die Ermahnungen seiner Brüder hören, so wahr und richtig sie auch immer sein mögen. Dazu kommen noch die vielen Zerstreuungen und Vergnügungen ... Ein Geistlicher dagegen mag sein wie er will, er hat doch immerhin ein gewisses Gefühl dafür, daß er demütiger und bescheidener sein muß, als alle anderen Menschen. Außerdem wird er ja auch täglich während des Gottesdienstes, den er abhält, daran erinnert, mit einem Wort, er ist weit eher dazu imstande, sich auf den rechten Weg zurückzufinden, als wir, und indem er selbst dahin zurückkehrt, kann er auch uns alle auf ihn zurückführen. Daher müssen Sie, selbst wenn Sie ganz unfähige Leute unter ihnen antreffen, diese nicht geringschätzen, sondern ordentlich mit ihnen reden. Fragen Sie einen jeden, was er für eine Gemeinde hat, lassen Sie sich ein vollständiges Bild von ihr entwerfen, lassen Sie sich erzählen, was für Leute in seinem Pfarrdorf leben, wie er sie versteht und in welchem Maße er sie kennt. Vergessen Sie niemals, daß ich bisher noch gar nicht weiß, was das Bürgertum und die Kaufmannschaft in Ihrer Stadt eigentlich darstellen. Daß sie auch schon anfangen, die Mode mitzumachen und Zigaretten zu rauchen, das ist eine Erscheinung, der man überall begegnet. Ich wünschte, Sie könnten mir einen von ihnen mitten aus seinem Milieu lebendig herausgreifen, damit ich ihn vom Kopf bis zu den Füßen in all seinen Einzelzügen vor mir sehen könnte. Also noch einmal: suchen Sie sie möglichst vollständig und bis ins einzelne kennen zu lernen. Eine Seite der Sache werden Sie von den Priestern erfahren, eine andere vom Polizeimeister, wenn Sie sich nur die Mühe geben, die Sache gründlich mit ihnen durchzusprechen. Einen dritten Zug werden Sie von ihnen selbst erfahren, wenn Sie es nicht verschmähen, mit einem von ihnen eine Unterhaltung anzuknüpfen, was Sie meinetwegen Sonntags beim Verlassen der Kirche tun können. Alle Daten, die Sie so sammeln werden, werden dazu dienen, das Musterbild des Bürgers und Kaufmanns, wie er in Wahrheit sein soll, vor Ihnen erstehen zu lassen. Selbst im Krüppel werden Sie das Ideal erkennen, dessen Karikatur dieser Krüppel darstellt. Wenn Sie aber das Gefühl haben, daß Sie so weit sind, dann lassen Sie den Priester holen und sprechen Sie mit ihm darüber. Sie werden ihm gerade das sagen, was er wissen muß. Sie werden ihm das Wesen eines jeden Berufs klarmachen, d. h. Sie werden ihm zeigen, was ein jeder Beruf bei uns sein muß, und Sie werden eine Karikatur dieses Berufs vor ihm erstehen lassen, d. h., Sie werden ihm zeigen, wozu er durch unsere Mißbräuche geworden ist. Darüber hinaus brauchen Sie nichts hinzuzufügen. Er wird schon selbst auf das Rechte kommen, wenn sein eigener Lebenswandel besser werden wird. Unsere Priester bedürfen solcher Gespräche, besonders mit fertigen in sich abgeschlossenen Menschen, die es verstehen, die Grenzen und Pflichten eines jeden Berufs und Amtes in wenigen, aber klaren und treffenden Zügen abzustecken. Häufig weiß mancher von ihnen nur deshalb nicht, wie er sich gegen seine Gemeinde und seine Zuhörer verhalten soll, und bringt nichts als Gemeinplätze vor, die sich nach keiner Richtung hin unmittelbar auf den Gegenstand beziehen. Suchen Sie sich auch in seine eigene Lage zu versetzen. Helfen Sie seiner Frau und seinen Kindern, wenn seine Gemeinde arm ist, und denen, die da roh und trotzig tun, drohen Sie mit dem Erzpriester. Im allgemeinen aber suchen Sie vor allem durch Ihren moralischen Einfluß zu wirken. Erinnern Sie sie daran, daß ihre Pflichten groß und furchtbar sind, daß sie strengere Rechenschaft werden ablegen müssen, als irgendein Mensch aus einem anderen Beruf, daß heutzutage ja auch der Synod und selbst der Kaiser ganz besonders auf den Lebenswandel der Priester achten, daß ein großes Revirement bevorsteht, weil nicht nur die höhere Obrigkeit, sondern auch alle Privatleute im Staate ohne Ausnahme zu merken beginnen, daß der Grund alles Übels darin liegt, daß die Priester nicht mehr recht ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Klären Sie sie möglichst häufig über die furchtbaren Wahrheiten auf, bei denen unsere Seele unwillkürlich erschauert. Kurz — vernachlässigen Sie die Stadtpfarrer unter keinen Umständen: mit ihrer Hilfe kann die Frau eines Gouverneurs einen großen moralischen Einfluß auf die Kaufmannschaft, das Bürgertum und die niederen Stände der Stadtbewohner ausüben, einen so großen Einfluß, wie Sie sich’s kaum vorstellen können. Ich will nur einiges davon erwähnen, was sie durchzusetzen vermag, und Sie auf die Mittel aufmerksam machen, mit deren Hilfe sie dies vollbringen kann: erstens, — aber da fällt mir ein, daß ich ja gar keinen Begriff davon habe, was das Bürgertum und die Kaufmannschaft in Ihrer Stadt darstellen. Meine Worte könnten Ihnen vielleicht nicht recht gelegen kommen, daher ist es besser, ich unterdrücke sie ganz. Ich will Ihnen nur das eine sagen, daß Sie selbst einmal erstaunt sein werden, wenn Sie erkennen werden, welch große Aufgaben und Taten Ihnen in diesem Wirkungskreis bevorstehen, Taten, die weit mehr Nutzen bringen können, als irgendwelche Asyle und alle möglichen Wohlfahrtseinrichtungen, obwohl sie mit keinerlei Geldopfern und Arbeit verbunden sind, sondern einem sogar zum Vergnügen, zu einer Erholung und zu einer geistigen Zerstreuung werden.
Versuchen Sie es auch, die Elite, d. h. die Besten unter den Bewohnern der Stadt zu sozialer Tätigkeit anzuhalten: beinahe jeder von ihnen kann gleich Ihnen sehr viel erreichen, und es ist möglich, sie aufzurütteln; wenn Sie mir nur ein vollständiges Bild von ihrem Charakter, ihrer Lebensweise und ihrer Beschäftigung geben wollen, so werde ich Ihnen sagen, wie und wodurch man sie zur Tätigkeit anspornen kann: in jedem Russen gibt es verborgene Saiten, die er selbst nicht kennt, die man jedoch nur anzuschlagen braucht, um ihn aufzurütteln und aufzuwecken. Sie haben mir schon ein paar gescheite und edle Menschen in Ihrer Stadt genannt. Ich bin überzeugt, daß sich noch weit mehr finden werden. Legen Sie keinen Wert auf ein abstoßendes Äußeres, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme Manieren, auf ein grobes, plumpes und ungeschicktes Benehmen, ja nicht einmal auf die Sucht, zu renommieren und sich durch große Kühnheit und Bravour hervorzutun, oder auf ein allzu freies ungeniertes Auftreten. Wir alle haben uns in der letzten Zeit ein etwas unangenehmes hochnäsiges Benehmen angewöhnt, dennoch ist unsere Seele in ihrem Innersten weit mehr guter Regungen und Gefühle fähig als jemals früher, trotzdem wir sie in allerhand wertlosem Plunder erstickt oder sogar einfach befleckt und in den Kot gezerrt haben.
Vor allem: Verachten Sie die Frauen nicht. Ich schwöre Ihnen, die Frauen sind weit besser als wir Männer; sie sind viel hochherziger, haben viel mehr Wagemut und sind weit fähiger zu edlen Taten als wir. Messen Sie dem keine Bedeutung bei, daß sie sich von dem hohlen modischen Treiben umgarnen ließen. Wenn es Ihnen gelingt, die Sprache der Seele zu ihnen zu reden, wenn es Ihnen glückt, der Frau auch nur im geringsten ihre hohe Aufgabe, die ihrer heute in der Welt harrt, ihre himmlische Bestimmung klarzumachen: uns eine Erweckerin zu allem Edlen, zur Geradheit und Ehrlichkeit zu werden und den Menschen zu edlem Tun und Streben aufzurufen, so wird dieselbe Frau, die Sie noch soeben für ganz hohl und nichtig gehalten haben, in edler Begeisterung aufflammen, in sich gehen, erkennen, daß sie ihre Pflichten vernachlässigt hat, sich zu edlen Taten aufraffen, all ihren Flitter weit von sich werfen, ihren Mann zu treuer Erfüllung seiner Pflichten anhalten, und alle dazu veranlassen, daß sie umkehren und sich wieder in den Dienst einer Sache stellen. Ich schwöre Ihnen, unsere Frauen werden uns hochherzig ins Gewissen reden und uns die Peitsche spüren lassen, sie werden uns mit der Geißel der Scham und des Gewissens antreiben wie eine stumpfsinnige Hammelherde, noch bevor ein jeder von uns erwachen und erkennen wird, daß er schon längst von selbst hätte vorwärts laufen und nicht erst auf den Schlag der Peitsche warten sollen. Sie werden die Liebe aller gewinnen. Und diese Liebe wird innig und stark sein; es ist ja auch nicht anders möglich, als daß alle Sie lieben, wenn sie Ihre Seele kennen lernen. Bis dahin aber müssen Sie alle, bis zum letzten, lieben, ohne alle Rücksicht, ob einer Sie liebt oder nicht.
Jedoch mein Brief ist schon zu lang geworden. Ich fühle, daß ich anfange, Dinge zu sagen, die weder Ihrer Stadt noch Ihnen selbst im gegenwärtigen Augenblick sehr gelegen kommen mögen. Und doch sind Sie selbst schuld daran, da Sie mir über nichts ausführliche Nachrichten zukommen lassen. Bisher lebe ich immer noch wie in einem einsamen Walde. Ich höre fortwährend von unheilbaren Krankheiten und weiß doch nicht, woran eigentlich ein jeder leidet. Ich habe jedoch die Gewohnheit, nie auf ein bloßes Gerücht hin an irgendein unheilbares Leiden zu glauben, und ich nenne eine Krankheit niemals unheilbar, bis ich mich nicht durch eigenhändiges Befühlen und Betasten davon überzeugt habe. Also noch einmal: Suchen Sie mir zuliebe die ganze Stadt gründlich kennen zu lernen, beschreiben Sie mir alles und jedermann und ersparen Sie keinem einzigen Menschen folgende drei unvermeidliche Fragen: Worin sein Beruf besteht, wieviel Gutes und wieviel Böses man in seiner Stellung vollbringen kann. Machen Sie es wie eine fleißige Schülerin, schaffen Sie sich zu diesem Zwecke ein Heft an und vergessen Sie nie, daß Sie in Ihren Unterhaltungen mit mir möglichst umständlich sein müssen. Denken Sie stets daran, daß ich dumm, daß ich ganz dumm bin, solange mich nicht jemand in ausführlichster Weise über einen Gegenstand orientiert. Oder stellen Sie sich lieber vor, daß ein Kind oder ein völlig unwissender Mensch vor Ihnen steht, dem man alles, bis auf die kleinste Kleinigkeit, erklären und auseinandersetzen muß: nur dann wird Ihr Brief seinen Zweck ganz erfüllen. Ich weiß nicht, warum Sie mich für einen solchen Alleswisser halten. Wenn es mir einmal gelungen ist, Ihnen etwas vorauszusagen, und wenn meine Voraussagungen einmal wirklich eingetroffen sind, so liegt das ausschließlich daran, daß Sie mich damals in Ihre Geistes- und Gemütsverfassung eingeweiht haben. Ist denn das etwas so Großes, gewisse Dinge vorauszusehen! Man muß bloß die gegenwärtigen Verhältnisse recht aufmerksam beobachten, dann wird die Zukunft ganz von selbst vor unserem Geiste erstehen. Ein Narr, der an die Zukunft denkt, ohne die Gegenwart in Rechnung zu ziehen! Ein solcher Mensch muß entweder etwas Törichtes oder Unwahres sagen, oder aber in Rätseln reden. Ich muß Sie übrigens noch wegen folgender Zeilen ausschelten, die ich Ihnen hier vor Augen führen will. „Es ist traurig und sogar bitter, die Zustände in Rußland aus der Nähe ansehen zu müssen. Im übrigen aber sollte man nicht darüber sprechen. Wir sollten hoffnungsvoll und heiteren Auges in die Zukunft schauen, die in den Händen des allbarmherzigen Gottes liegt“. In den Händen des allbarmherzigen Gottes liegt alles: alles Gegenwärtige, Vergangene und Zukünftige. Das ist ja unser ganzes Unglück, daß wir die Gegenwart nicht sehen wollen, sondern nur in die Zukunft schauen. Daher kommt ja dies ganze Unheil, daß das eine traurig und bitter und anderes wieder einfach häßlich und widerwärtig ist. Und wenn es nicht so geht, wie wir es gerne möchten, so lassen wir die Hände sinken, verzweifeln an allem und blicken starr in die Zukunft. Darum sendet uns Gott auch keine Klarheit, daher hängt ja auch die Zukunft für uns alle gleichsam in der Luft: manche fühlen zwar, daß sie schön sein wird dank einigen hochstehenden Menschen, die sie auch schon instinktiv vorausahnen und diesem Gefühl nur noch keine streng zahlenmäßige oder arithmetische Begründung geben können. Wie man jedoch diese Zukunft herbeiführen soll, das weiß kein einziger. Es geht uns ähnlich damit wie mit den sauren Trauben. Dabei vergißt man eine Kleinigkeit: man vergißt, daß die Straßen und Wege, die in diese heitere Zukunft führen, ja gerade durch diese dunkle und verworrene Gegenwart hindurchgehen, die niemand kennen will. Jedermann hält sie für so häßlich, widerwärtig und der Beachtung nicht wert, und ist sogar ärgerlich, wenn man sie allen vor Augen führt. So lehren Sie mich doch wenigstens diese Gegenwart kennen. Sie dürfen sich nicht durch das viele Häßliche und Schmutzige abschrecken lassen, und Sie sollen mir keine Niederträchtigkeit ersparen. Das Gemeine und Schmutzige ist nichts Ungewohntes für mich: ich selbst habe genug Gemeines und Schmutziges in mir. Solange ich noch wenig Einblick in alles Niederträchtige und Widerwärtige hatte, brachte mich alles Gemeine und Häßliche in Verlegenheit, ich fühlte mich durch vieles verstimmt, und es erfaßte mich ein Grauen bei dem Gedanken an Rußland. Seitdem ich aber tiefer in all den Schmutz und die Niedertracht hineinzublicken versuchte, bin ich zu höherer geistiger Klarheit gelangt. Vor mir taten sich Auswege auf. Ich sah Mittel und Wege und erfüllte mich mit noch größerer Ehrfurcht vor der Vorsehung, und jetzt danke ich Gott sogar am meisten dafür, daß er es mir ermöglicht hat, die Gemeinheit und Niedertracht — sowohl meine eigene wie die meiner armen Brüder — wenigstens teilweise kennen zu lernen. Und wenn ich heute auch nur ein Fünkchen Verstand besitze, wie er nicht allen Menschen eigen ist, so rührt das daher, weil ich mich bemüht habe, möglichst tief in diesen Schmutz und diese Gemeinheit hineinzublicken; wenn es mir gelungen sein sollte, einigen von denen, die meinem Herzen nahe stehen, darunter auch Ihnen eine geistige Hilfe und Stütze zu sein — so war dies nur möglich, weil ich tiefer in diesen Schmutz und diese Gemeinheit hineingeblickt habe. Und wenn ich schließlich gelernt habe, die Menschen mit einer nicht bloß eingebildeten, erträumten, sondern mit einer wahrhaften und wirklichen Liebe zu lieben, so war mir auch dieses schließlich nur dadurch möglich, daß ich recht tief in den Abgrund der Niederträchtigkeit und Gemeinheit hinabgesehen habe.
Schrecken Sie also nicht vor Schmutz und Niedertracht zurück. Vor allem aber wenden Sie sich nicht mit Ekel von den Menschen ab, die Ihnen aus irgendeinem Grunde widerwärtig und gemein erscheinen. Ich versichere Ihnen, es wird einmal die Zeit kommen, wo viele von den sogenannten „Reinen“ ihr Gesicht mit den Händen bedecken und bittere Tränen weinen werden, gerade weil sie sich so rein erschienen, weil sie sich ihrer Reinheit und ihres hohen Strebens nach irgendwelchen hohen Gütern gerühmt und sich deshalb für bessere Menschen gehalten haben. Denken Sie stets daran und gehen Sie daher, wenn Sie Ihr Gebet verrichtet haben, mit neuem frischerem Mut als früher an die Arbeit. Lesen Sie meinen Brief fünf- oder sechsmal durch, denn alles in ihm ist sprunghaft, und es ist keine strenge logische Gedankenfolge in ihm, woran Sie übrigens selbst schuld sind. Sie müssen sich den Kern, den Inhalt dieses Briefes ganz zu eigen machen. Meine Fragen müssen zu Ihren Fragen und meine Wünsche zu Ihren Wünschen werden, damit jedes Wort und jeder Buchstabe Sie unablässig verfolgt und so lange quält, bis Sie meine Bitte erfüllen und tuen, was ich verlange.
1846.