XXII
Der russische Gutsbesitzer
An B. N. B.

Die Hauptsache ist, daß du bereits auf deinem Gute angelangt bist und es dir zum unumstößlichen Vorsatz gemacht hast, Gutsbesitzer zu werden. Das übrige wird sich schon von selbst ergeben. Laß dich nicht irremachen durch den Gedanken, daß das alte Band, das ehemals den Gutsherrn mit dem Bauern verknüpfte, für immer zerrissen ist. [Daß es zerrissen ist, ist wahr, und daß die Gutsbesitzer selbst daran schuld sind, das ist auch wahr, aber] daß es für alle Zeiten und für immer zerrissen sein sollte — das glaube doch nicht und achte du nicht auf solche Redensarten. Nur ein Mensch, der nicht über seine eigene Nasenlänge hinaussieht, kann so etwas behaupten. Wie? Es sollte schwer sein, sich die Liebe eines Russen, der für alles Gute, das man ihm beibringt, so dankbar zu sein vermag, — es sollte schwer sein, sich die treue Liebe und Anhänglichkeit eines Russen zu erwerben? Im Gegenteil, man kann den Russen so an sich ketten, daß man nachher nur noch einen Gedanken hat: wie man ihn wieder loswerden soll. Wenn du nur alles genau ausführst, was ich dir jetzt sagen werde, dann wirst du noch am Ende dieses Jahres erkennen, daß ich recht hatte. Du mußt die Aufgabe, die einem Gutsbesitzer gestellt ist, in ihrem wahren und rechten Sinne erkennen und in der rechten Weise in Angriff nehmen. Vor allem mußt du die Bauern um dich versammeln und ihnen klarmachen, was du bist und wer sie sind. Du mußt ihnen erklären, daß du nicht deshalb ihr Gutsherr geworden bist, weil du befehlen oder den Gutsbesitzer spielen wolltest, sondern deshalb, weil du schon vorher Gutsbesitzer warst, weil du als Gutsbesitzer geboren bist und weil Gott dich zur Verantwortung ziehen würde, wenn du deinen Beruf gegen einen andern vertauschen wolltest, denn ein jeglicher muß Gott an der Stelle, an die er gestellt wird, und nicht an einer andern fremden dienen. Ebenso müßten auch sie, die Bauern, da sie doch nun einmal durch ihre Geburt unter der Gewalt des Gutsherrn stehen, sich dieser Obergewalt unterordnen, unter der sie geboren seien, denn es gibt keine Obrigkeit ohne von Gott. Bei dieser Gelegenheit mußt du ihnen die entsprechende Stelle im Neuen Testament zeigen, so daß ein jeder bis auf den letzten sich davon überzeugen kann. Ferner mußt du ihnen sagen, daß du sie zur Arbeit und zur Tätigkeit anhältst, nicht weil du Geld für irgendwelche Genüsse und Vergnügungen brauchst [um ihnen das zu beweisen, solltest du vor ihren Augen ein paar Banknoten verbrennen], du mußt es vielmehr so einrichten, daß sie wirklich den Eindruck gewinnen, das Geld hätte nicht den geringsten Wert für dich. Sage ihnen, du ließest sie bloß darum arbeiten, weil es Gottes Wille sei, daß der Mensch in schwerer Arbeit und im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen solle, und lies ihnen unmittelbar darauf die entsprechende Stelle aus der Heiligen Schrift vor, damit sie sich davon überzeugen. Sage ihnen die ganze Wahrheit, sage ihnen, Gott werde wegen des letzten Lumpen im Dorfe Rechenschaft von dir fordern und deswegen würdest du um so schärfer darauf achten, daß sie redlich arbeiten; nicht nur für dich, sondern auch für sich selbst. Denn du weißt, und sie wissen es ja auch, daß ein Bauer, der nicht arbeitet und sich dem Müßiggang ergibt, zu allem fähig ist — er kann zum Dieb, zum Trunkenbold werden, er kann seine Seele zugrunde richten und dir eine schwere Verantwortung vor Gott aufbürden. Bekräftige alles, was du sagst, stets und ohne Verzug durch Worte der Heiligen Schrift. Weise mit dem Finger auf die Buchstaben und die Zeilen, die diese Worte enthalten. Halte jeden dazu an, daß er sich zuvor bekreuzige, einen Kniefall tue und das Buch küsse, in dem es geschrieben steht. Kurz, sie müssen klar erkennen, daß du dich bei allem, was sich auf sie bezieht, nach dem Willen Gottes richtest und nicht aus irgendwelchen europäischen oder anderen Launen und Einfällen heraus handelst. Der Bauer wird das verstehen. Er bedarf der vielen Worte nicht. Sage ihm die ganze Wahrheit: sage ihm, daß die Seele des Menschen das Wertvollste auf der ganzen Welt ist und daß du vor allem darauf achten wirst, daß keiner von ihnen seine Seele verderbe und sie den ewigen Qualen überantworte. Bei jeglichem Tadel und jeder Rüge, die du einem Menschen erteilst, der des Diebstahls, der Faulheit oder der Trunksucht überführt worden ist, mußt du ihn nicht dir, sondern Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüberstellen. Zeige ihm, daß er sich gegen Gott und nicht gegen dich versündigt, und tadele nicht ihn allein, sondern rufe auch sein Weib, seine Familie und seine Nachbarn herbei. Rede seinem Weibe ins Gewissen, frage sie, warum sie ihren Mann nicht davon abgehalten, Übles zu tun, und ihm nicht mit Gottes Zorn gedroht habe. Rede auch den Nachbarn ins Gewissen, weil sie es zugelassen haben, daß ihr Bruder, der doch mitten unter ihnen weilt, ein Leben wie ein Hund geführt und seine Seele um nichts und wieder nichts verdorben habe. Beweise ihnen, daß sie deswegen vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. Suche es zu erreichen, daß sich alle miteinander dafür verantwortlich fühlen und daß alle Gegenstände, die den Menschen umgeben, ihn vorwurfsvoll anzublicken scheinen und es ihm nicht gestatten, sich allzusehr gehen zu lassen. Sorge dafür, daß von allen musterhaften Landwirten und von den besten und tüchtigsten Bauern eine mächtige Wirkung ausgehe und daß ihnen eine große Verantwortlichkeit zufalle. Mache es ihnen ganz klar, daß es nicht allein ihre Aufgabe ist, selbst einen guten und ehrenhaften Lebenswandel zu führen, sondern daß sie auch andere lehren müssen, gut zu leben, daß ein Trunkenbold keinen Trunkenbold belehren kann, und daß das ihre Pflicht sei. Den Lumpen und Trunkenbolden befiehl, daß sie den braven und tüchtigen Bauern die gleiche Achtung erweisen, wie dem Dorfschulzen, dem Verwalter, dem Priester und sogar dir selbst. Schon wenn sie einen solchen braven und musterhaften Bauern oder Landwirt aus der Ferne erblicken, sollen alle Bauern ihre Mützen vom Kopfe reißen und ihm den Weg freigeben. Wer es aber wagt, ihm irgendwelche Mißachtung zu erweisen oder seinen klugen und gescheiten Worten kein Gehör zu schenken, den mußt du in Gegenwart aller ausschelten und zu dem mußt du folgendermaßen sprechen: „O du ungewaschenes Maul, du selbst lebst in Dreck und Asche, daß man nicht einmal sieht, wo du deine Augen hast, und du willst dem keine Ehre erweisen, dem Ehre gebührt! Beuge dich tief vor ihm und bitte ihn, daß er dir den rechten Weg weise. Denn wenn er dich nicht zur Vernunft bringt, mußt du zugrunde gehen wie ein Hund.“ Die braven Bauern aber mußt du zu dir rufen und wenn es ältere Männer sind, vor dir Platz nehmen lassen und dich mit ihnen beraten, wie Sie die andern belehren und sie im Rechten unterweisen und also erfüllen können, was Gott uns geboten hat. Führe das bloß ein Jahr lang durch, und du wirst selbst sehen, wie gut alles gehen wird. Selbst die Landwirtschaft wird hierdurch nur gewinnen. Kümmere dich nur um die Hauptsache, alles andere wird dir von selbst in den Schoß fallen. Christus hat nicht vergebens gesagt: Dies alles wird euch von selbst zufallen. Wie wahr das ist, dafür ist das Leben der Bauern ein noch beredteres Zeugnis als unser Leben. Für den Bauern sind ein wohlhabender Bauer und ein guter Mensch — Synonyme, und wo in einem Dorfe einmal das christliche Leben Einkehr gehalten hat, da tragen die Bauern das Silber mit Schaufeln fort.

Übrigens will ich dir auch in bezug auf Landwirtschaft einen Rat geben, nur mußt du ihn ordentlich verstehen, dann wird er dir nicht zum Schaden gereichen. Zwei Menschen danken es mir schon, der eine ist K., den du auch kennst. Mit welchen Zweigen der Landwirtschaft du dich beschäftigen mußt und wie du dies zu tun hast, darüber will ich dir nichts sagen: das weißt du besser als ich. Zudem kenne ich auch dein Gut nicht so genau wie meine eigene Handfläche und in bezug auf allerhand Neuerungen bist du ja vernünftig und hast du ja selbst eingesehen, daß man nicht nur am Alten festhalten, sondern es auch bis auf den Grund kennen lernen muß, um aus ihm selbst die Mittel zu seiner Verbesserung zu gewinnen. Ich will dir lieber einen Rat geben, der die Beziehungen des Gutsherrn zu seinen Bauern in den landwirtschaftlichen Angelegenheiten und bei den Arbeiten betrifft, was zunächst einmal von viel größerer Bedeutung ist als alles übrige. Denke an das Verhältnis, das früher zwischen den Gutsherren und Landwirten und ihren Bauern herrschte: du mußt ein Patriarch sein, selbst den Anfang machen und in allen Dingen vorangehen. Mache es dir zur Regel und vergiß nie, wenn eine gemeinsame Sache in Angriff genommen wird, also bei der Aussaat, bei der Heu- oder Kornernte usw. das ganze Dorf zu einem Festmahl einzuladen. An solchen Tagen muß in deinem Hofe ein gemeinsamer Tisch für alle Bauern gedeckt sein, ganz so wie am Ostermontag, und du selbst mußt mit ihnen speisen, mit ihnen zur Arbeit hinausgehen und ihnen auch bei der Arbeit überall voranschreiten, sie alle zu tüchtigem, eifrigem Schaffen anspornen, für die, die sich durch ihren Mut und ihre Tüchtigkeit auszeichnen, ein Wort des Lobes und für die Trägen und Faulen eine Rüge bereit halten. Und wenn dann der Herbst kommt und die Feldarbeiten zu Ende gehen, mußt du den Abschluß der Arbeiten durch ein ebensolches oder ein noch größeres Festmahl feiern, das von einem feierlichen Dankgebet begleitet wird. Du sollst den Bauer nicht schlagen; ihm einen Schlag in das Gesicht versetzen, das ist noch keine große Kunst, das kann auch der Stanowoi, der Assessor und selbst der Dorfschulze. Der Bauer ist daran gewöhnt, er kratzt sich nur hinter den Ohren, und das ist alles. Lerne es lieber, durch deine Worte Eindruck auf ihn machen. Du verstehst dich doch auf treffliche Worte. Schilt ihn vor versammeltem Volke aus, aber so, daß das ganze Volk ihn auslacht und verspottet. Das wird weit nützlicher für ihn sein als alle möglichen Püffe und Maulschellen. Du mußt stets sämtliche Synonyme von: „braver Bursche“ für den, der ermuntert, und alle Synonyme von: „altes Weib“ für den, der getadelt werden muß, bereit halten, damit das ganze Dorf weiß, daß ein Faulpelz und ein Trunkenbold ein altes Weib und ein erbärmlicher Kerl sind. Suche womöglich ein noch schlimmeres Wort hervor, kurz, du darfst ihm sagen, daß er alles ist, was ein Russe nicht sein soll. Hocke nicht zu lange in der Stube, sondern erscheine recht oft bei den Arbeiten der Bauern und richte es, wo du auch hinkommst, stets so ein, daß bei deinem Kommen alles lebhafter und heiterer wird, sich mutig und frisch betätigt und daß jeder sich bei der Arbeit besonders auszuzeichnen sucht. Suche ihnen allen Mut und Kraft einzuflößen, indem du ihnen zurufst: „Kommt, Jungens, laßt uns einmal alle zusammen anpacken.“ Nimm selbst die Axt oder die Sense zur Hand, das wird dir gut tun und weit besser für deine Gesundheit sein als diese Heilgymnastik, diese Motion, als Marienbad und die vielen trägen und bequemen Spaziergänge.

Deine Bemerkungen über die Schulen sind ganz richtig. Es ist wirklich ein Unsinn, dem Bauern das Lesen beizubringen, damit er die Möglichkeit habe, allerhand törichte Bücher zu lesen, die europäische Menschenfreunde für das Volk herausgeben. Die Hauptsache aber ist, daß der Bauer ja gar keine Zeit dazu hat. Nach der schweren Arbeit wird kein Buch ihm in den Kopf hinein wollen, und wenn er nach Hause kommt, sinkt er wie tot hin und schläft den Schlaf des Gerechten. Dir selbst wird es so ergehen, wenn du häufiger zur Arbeit gehen wirst. Der Dorfpfarrer kann dem Bauer weit mehr sagen, was ihm wirklich von Nutzen sein kann, als all dieser Bücherkram. Wenn einer dagegen wirklich vom Bildungsdrang ergriffen wird und zwar nicht etwa darum, um ein Bureaumensch zu werden sondern weil er die Bücher lesen will, in denen das Gesetz, das Gott den Menschen gegeben hat, geschrieben steht, dann ist das freilich eine andere Sache. Einen solchen mußt du erziehen wie deinen eigenen Sohn, und alle Sorgfalt und alle Mittel auf ihn verwenden, die du für eine ganze Schule verwandt hättest. Unser Volk ist gar nicht so dumm, wenn es vor jedem beschriebenen Stück Papier davonläuft wie vor dem Teufel. Es weiß, daß dies der Quell aller menschlichen Verwirrung, aller Kabalen und Haarspaltereien ist. Eigentlich sollte es überhaupt nicht wissen, daß es noch andere Bücher als die heiligen Bücher gibt.

[Apropos: der Priester; du hast unrecht, wenn du dich darum bemühst, daß er durch einen andern ersetzt wird und wenn du den Erzpriester darum bitten willst, er möge dir einen erfahreneren und gebildeteren Priester senden. Einen solchen wird er dir nicht verschaffen können, denn ein solcher Priester ist überall unentbehrlich. Schlage es dir aus dem Kopfe, daß du einen Priester finden könntest, der deinem Ideal völlig entspricht. Kein Seminar und keine Schule kann einen solchen heranbilden. Im Seminar wird nur der erste Grund zu seiner Bildung gelegt. Die eigentliche Bildung und Erziehung dagegen erwirbt er sich erst durch das Leben selbst. Du mußt selbst sein Lehrer sein, da du doch eine so klare Vorstellung von den Pflichten eines Dorfpfarrers hast. Wenn der Pfarrer schlecht ist, so sind meist die Gutsbesitzer selbst schuld daran. Statt ihn bei sich im Hause aufzunehmen wie einen nahen Verwandten, und in ihm das Bedürfnis nach einer edleren Unterhaltung zu erwecken, aus der er etwas lernen könnte, überlassen sie ihn, jung und unerfahren, wie er ist, den Bauern, wenn er selbst noch nicht einmal weiß, was der Bauer eigentlich ist. Sie bringen ihn in eine solche Lage, daß er genötigt ist, dem Bauern zu schmeicheln und sich bei ihm beliebt zu machen, während er doch vielmehr von vornherein eine gewisse Autorität über ihn ausüben sollte, und nachher klagt man, daß die Priester schlecht sind, daß sie die Manieren der Bauern annehmen und sich gar nicht mehr von den gewöhnlichen Bauern unterscheiden. Ja, da möchte ich doch fragen: wer würde unter solchen Verhältnissen nicht verrohen, selbst wenn er eine gute Vorbereitung und Erziehung besäße? Dagegen mußt du es folgendermaßen machen. Richte es so ein, daß der Priester jeden Tag mit dir zu Mittag speist. Du mußt geistliche Bücher mit ihm lesen, diese Lektüre interessiert und befriedigt uns doch heute weit mehr als alles andere. Was aber die Hauptsache ist, du mußt den Priester überall mitnehmen, wenn du zur Arbeit gehst, damit er von Anfang an als dein Gehilfe bei dir weile und sich persönlich von deinem Verhalten gegen die Bauern überzeugen könne. Hierdurch wird er klar erkennen, was ein Gutsbesitzer und was ein Bauer ist, und wie die Beziehungen zwischen beiden sein müssen. Zugleich aber werden auch die Bauern ihm mehr Achtung entgegenbringen, wenn sie sehen werden, daß er Hand in Hand mit dir geht und mit dir zusammenarbeitet. Sorge dafür, daß er zu Hause keine Not leide, daß sein Haushalt auf sicherem Grunde ruhe und daß er dadurch die Möglichkeit habe, beständig mit dir zusammen zu sein. Glaube mir, er wird sich so an dich gewöhnen, daß er sich langweilen wird, wenn du nicht da bist. Hat er sich aber einmal an dich gewöhnt, so wird er sich ganz unmerklich auch deine Sachkenntnis und Menschenkenntnis und vieles andere Gute aneignen. Denn du besitzst ja gottlob sehr viel von diesen Dingen und du hast die Gabe, dich so klar und gut auszudrücken, daß ein jeder nicht nur deine Gedanken, sondern selbst deine Ausdrucksweise und sogar deine Worte von dir annimmt.

Was nun die Predigt anbelangt, die du für notwendig hältst, so möchte ich dir hierüber folgendes sagen. Ich bin eher der Meinung, daß es für einen Priester, der noch nicht völlig für seine Tätigkeit ausgebildet ist, und der die Leute, die ihn umgeben, noch nicht kennt, besser ist, überhaupt keine Predigten zu halten. Hast du einmal darüber nachgedacht, wie schwierig es ist, eine kluge Predigt zu halten, besonders vor Bauern? Nein, gedulde dich lieber noch ein wenig, mindestens so lange, bis der Priester und du euch ordentlich umgesehen habt. Bis zu dieser Zeit aber möchte ich dir raten, was ich schon einem anderen geraten habe und was ihm, wie ich glaube, von Nutzen gewesen ist. Nimm dir die heiligen Kirchenväter, besonders aber den Johannes Chrysostomus vor. Ich sage: besonders den Chrysostomus, denn dieser war, da er es mit dem ungebildeten Volk zu tun hatte, das das Christentum nur äußerlich angenommen hatte, innerlich aber noch immer dem rohen Heidentum anhing, immer bemüht, sich besonders den Begriffen einfacher und roher Menschen anzupassen, und er spricht so lebendig über die notwendigsten, ja häufig sogar über sehr hohe Dinge, daß man ganze Partien aus seinen Predigten direkt auf unsern Bauern anwenden und an ihn richten kann, denn er wird sie verstehen. Nimm also den Chrysostomus vor und lies ihn zusammen mit deinem Pfarrer, und zwar mit dem Bleistift in der Hand, damit du alle derartigen Stellen anstreichen kannst. Solche Stellen kommen bei Chrysostomus in jeder Predigt dutzendweise vor. Laß ihn dem Volke diese Stellen vortragen. Sie brauchen nicht lang zu sein, es genügt, wenn sie eine Seite oder selbst eine halbe Seite betragen. Je kürzer sie sind, um so besser. Der Priester muß sie jedoch, bevor er sie dem Volke vorträgt, mehrmals mit dir zusammen durchlesen, damit er es lernt, sie nicht nur mit innerem Gefühl und Begeisterung vorzutragen, sondern seinen Worten auch jenen überzeugenden Ton zu verleihen, wie wenn er für eine ihn persönlich angehende Sache eintrete, von der das ganze Heil seines Lebens abhängt. Du wirst sehen, dies wird viel wirksamer sein als eine eigene Predigt. Man muß nur wenig, aber in möglichst treffenden Worten zum Volke reden, sonst kann es sich ebenso an die Predigt gewöhnen wie unsere höchsten Kreise sich an sie gewöhnt haben, die genau so hinfahren, um sich irgendeinen berühmten europäischen Prediger anzuhören, wie sie in die Oper oder in das Schauspiel fahren. Bei K. K. predigt der Priester überhaupt nicht, sondern erwartet die Bauern, da er sie von Grund aus kennt, in der Beichte. Während der Beichte aber redet er jedem von ihnen derartig ins Gewissen, daß dieser die Kirche verläßt, wie wenn er aus einem Schwitzbad käme. S** hat einmal absichtlich dreißig Arbeiter aus seiner Fabrik, und zwar die schlimmsten Gauner und Trunkenbolde, zu ihm in die Beichte geschickt und sich dann selbst in der Vorhalle aufgestellt, um sich die Gesichter anzusehen, die sie machen würden, wenn sie aus der Kirche kämen. Alle kamen rot wie die Krebse heraus, und doch hatte er sie gar nicht einmal lange im Beichtstuhl festgehalten, sondern sich vier bis fünf Mann auf einmal vorgenommen. Während der folgenden zwei Monate aber soll sich, wie S** selbst erzählt, keiner von ihnen in der Kneipe haben sehen lassen, so daß die Gastwirte des Bezirks gar nicht begreifen konnten, was bloß geschehen war.]

Doch nun sei es genug. Arbeite nur ein Jahr lang recht eifrig, dann wird das Werk und die Arbeit schon ganz von selbst so vonstatten gehen, daß du gar nicht erst Hand anzulegen brauchst. Du wirst reich werden wie ein Krösus, ganz im Gegensatz zu jenen kurzsichtigen Leuten, die da annehmen, daß die Interessen des Gutsbesitzers denen des Bauers widersprechen. Du wirst ihnen nicht durch Worte, aber durch die Tat beweisen, daß sie unrecht haben und daß ein Gutsbesitzer, wenn er seine Aufgabe nur mit dem Auge des Christen anschaut, nicht allein die alten Bande, von denen man sagt, daß sie für immer zerrissen seien, durch das gemeinsame Band Christi zu kräftigen und zu befestigen vermag, das stärker und kräftiger ist als jedes andere. Und so wirst du, der du bisher in keinem Wirkungskreise eifrig und mit Hingebung gearbeitet hast, als Gutsbesitzer dem Kaiser einen Dienst leisten, wie ihn kein Mann in hohen Ämtern und Würden zu leisten vermag. Sage was du willst, ihm achthundert Untertanen zu schenken, die allesamt wie ein Mann allen Menschen ihrer Umgebung durch ihren wahrhaft musterhaften Lebenswandel zum Vorbild dienen können — das ist kein unnützes Werk, sondern eine durchaus berechtigte und große Tat.

1846.

XXIII
Der Historienmaler Iwanow
An M. Ju. Weligurski

Ich schreibe Ihnen über Iwanow. Wie unbegreiflich ist doch das Schicksal dieses Menschen! Endlich schienen sich alle über ihn klar zu sein, alle waren überzeugt, daß das Bild, an dem er arbeitet, eine geradezu unerhörte Erscheinung sei, nahmen Anteil an dem Künstler, alles bemühte sich darum, ihm die Mittel zu verschaffen, um sein Bild zu vollenden, [damit der Künstler nicht während der Arbeit sterbe — ich meine dies ganz buchstäblich: nicht vor Hunger sterbe] und noch immer bekommt man nicht das geringste aus Petersburg zu hören; ich flehe Sie an: [um Christi willen suchen Sie doch festzustellen, was das zu bedeuten hat. Es sind so törichte Gerüchte hierher gedrungen, wie wenn die Maler und alle Professoren der Akademie der Künste aus Furcht, das Bild Iwanows könnte alles in Schatten stellen, was unsere Kunst bisher hervorgebracht hat, und aus Neid darauf hinarbeiten, daß ihm die Mittel zur Vollendung des Bildes nicht zur Verfügung gestellt werden. Das ist eine Lüge, davon bin ich fest überzeugt. Unsere Künstler sind vornehme, anständige Menschen und wenn sie erfahren, was der arme Iwanow durch seine beispiellose Selbstentäußerung und Arbeitsliebe zu erdulden gehabt hat, er, der tatsächlich Gefahr lief, vor Hunger zu sterben, so würden sie ihr eigenes Geld brüderlich mit ihm teilen und nicht noch andere zu einer solchen Grausamkeit verleiten. Ja, warum hätten sie Iwanow auch zu fürchten,] er wandelt seine eigenen Bahnen und steht niemand im Wege. Er strebt weder nach einer Professur noch nach materiellen Vorteilen. Er will überhaupt nichts mehr, denn er ist der ganzen Welt abgestorben außer seiner Arbeit. Er bittet bloß [um eine armselige Pension] — um eine Pension, wie sie ein Schüler und ein Anfänger erhält und nicht er, der Meister, der an einem so ungeheuren Werke arbeitet, wie es bisher noch niemand unternommen hat. Und dies [Hunger]gehalt, das ihm alle zu verschaffen bestrebt sind, um das sich alle für ihn bemühen, kann er sich trotz der Bemühungen aller nicht erbetteln. Sagen Sie, was Sie wollen, ich sehe in alledem den Willen der Vorsehung, die es so bestimmt hat, daß Iwanow alles erdulden, alle Leiden bis zur Neige auskosten und alles ertragen sollte. Einen anderen Grund dafür kann ich nicht finden.

Bisher hat man ihm immer den Vorwurf gemacht, er arbeite zu langsam. Man hat immer gesagt: wie? er sitzt acht Jahre lang an seinem Bilde, und noch immer ist das Gemälde nicht vollendet. Jetzt beginnt dieser Vorwurf endlich zu verstummen, wo man sieht, daß der Künstler auch nicht einen einzigen Augenblick von seiner Zeit verloren hat, daß die Skizzen zu dem Bilde, die er angefertigt hat, allein einen ganzen Saal, daß man eine ganze Ausstellung mit ihnen füllen könnte, und daß die ungewöhnliche Größe des Bildes, dem kein zweites an Flächenumfang gleichkommt (das Bild ist größer als die Gemälde von Brjulow und Bruni), außerordentlich viel Zeit und Arbeit erforderte, besonders bei den geringen Geldmitteln, die es dem Maler nicht erlaubten, sich mehrere Modelle zugleich, vor allem aber nicht solche, wie er sie brauchte, zu halten. Mit einem Wort — jetzt beginnen alle endlich zu erkennen, wie töricht der Vorwurf einem solchen Künstler gegenüber war, der wie ein fleißiger Arbeiter sein ganzes Leben lang bei der Arbeit verbracht hat, so daß er kaum noch wußte, ob es in der Welt noch einen anderen Genuß gibt als die Arbeit — wie töricht der Vorwurf war, er sei faul und arbeite zu langsam. Die, die ihm Langsamkeit vorgeworfen haben, werden sich noch mehr schämen, wenn sie erfahren, was der andere geheime Grund dieser Langsamkeit war. Mit der Arbeit an diesem Gemälde verknüpfte sich der eigenste, innerste, geistige Lebenszweck des Künstlers — eine Erscheinung, wie sie in der Welt nur äußerst selten vorkommt und deren Grund nicht im freien Ermessen des Menschen, sondern in dem Willen Dessen zu suchen ist, der über allen Menschen steht. Es war offenbar höhere Bestimmung, daß sich an diesem Bilde die eigentliche Erziehung des Künstlers sowohl nach der Seite manueller Kunstfertigkeit wie nach der Seite der Ideen, die die Kunst ihrer wahren und höchsten Bestimmung entgegenführen, vollziehen sollte. Schon der Gegenstand des Gemäldes ist, wie Sie wissen, höchst bedeutend. Der Maler hat sich eine Stelle aus den Evangelien zum Vorwurf gewählt, die einer Darstellung ganz besondere Schwierigkeiten bietet und die bisher noch von keinem Künstler, nicht einmal von einem Meister einer der uralten, von so inniger Frömmigkeit erfüllten künstlerischen Epochen behandelt worden ist, nämlich — das erste Erscheinen Christi vor dem Volke. Das Bild stellt die Wüste am Ufer des Jordans dar. Im Vordergrunde des Ganzen steht die Gestalt Johannes des Täufers, der vor versammeltem Volke predigt und im Namen Dessen, Den noch niemand gesehen hat, tauft. Er ist von einer Menge nackter oder solcher Menschen, die damit beschäftigt sind, sich an- oder auszuziehen oder die bereits ausgezogen sind, die aus dem Wasser hervorkommen oder im Begriff sind, ins Wasser zu steigen, umgeben. Unter dieser Menge befinden sich auch die künftigen Jünger des Heilands selbst. Jedermann lauscht, während er mit seiner Verrichtung beschäftigt ist und verschiedene Körperbewegungen ausführt, voll innerer Spannung den Reden des Propheten, als wollte er ihm jedes Wort von den Lippen ablesen, alle Gesichter spiegeln die verschiedensten Gefühle wider: ein Teil der Anwesenden ist bereits vollkommen überzeugt, andere zweifeln noch, ein dritter Teil schwankt schon, andere wieder halten ihre Häupter voll Reue und Zerknirschung gesenkt. Es sind auch solche darunter, denen man anmerkt, daß die harte Rinde der Gefühllosigkeit, die ihr Herz umgibt, noch nicht geborsten ist. Und während nun alles von so verschiedenen Gemütsbewegungen ergriffen ist, erscheint Er, in Dessen Namen die Taufe bereits vollzogen ward, in der Ferne — und das ist der eigentliche Höhepunkt des Bildes. Der Künstler hat den Augenblick gewählt, wo der Vorläufer Christi mit dem Finger auf den Heiland hinweist und die Worte spricht: „Siehe, das ist das Lamm, das der Welt Sünde trägt.“ Die ganze Menge aber hält, ohne ihren Gesichtsausdruck zu verändern, ihre Augen auf Den geheftet, und richtet alle ihre Gedanken auf Ihn, auf Den der Prophet hinweist. Zu dem früheren Ausdruck, der noch nicht von den Gesichtern verschwunden ist, kommt nun noch ein neuer hinzu, der den neuen Eindruck widerspiegelt. Die Gesichter der Auserwählten, die ganz vorne stehen, leuchten von einem wunderbaren Licht, während die andern noch bemüht sind, in den Sinn der unverständlichen Worte einzudringen und nicht begreifen können, wie ein einziger alle Sünden der Welt auf sich nehmen kann, und während die Dritten zweifelnd ihr Haupt schütteln, als wollten sie sagen: „Wie könnte ein Prophet aus Nazareth kommen!“ Er aber schreitet mit himmlischer Ruhe und wie in eine wunderbare Ferne entrückt langsamen und festen Schrittes auf die Menschen zu.

Wahrlich es ist keine Kleinigkeit, auf den Gesichtern diesen ganzen Prozeß der Bekehrung des Menschen zu Christus darzustellen! Es gibt Menschen, die davon überzeugt sind, daß für einen großen Künstler alles erreichbar ist: die Erde, das Meer, der Mensch [ja selbst ein Frosch, eine Rauferei, ein Zechgelage oder eine Kartenpartie] wie ein an den himmlischen Vater gerichtetes Gebet, mit einem Wort, daß ihm alles leicht erreichbar sei, wenn er bloß ein talentvoller Künstler ist und die Akademie besucht hat. Ein Künstler kann nur darstellen, was er selbst gefühlt und wovon er sich im Geiste eine vollständige Idee gebildet hat, im andern Falle wird sein Bild ein totes akademisches Gemälde bleiben. Iwanow hat alles getan, was ein anderer Künstler für ausreichend gehalten hätte, um sein Gemälde zu vollenden. Die gesamte materielle Seite daran, alles, was sich auf eine strenge und weise Verteilung der Gruppen auf dem Bilde bezieht, ist mit höchster Vollendung durchgeführt. Auch die Gesichter haben jenen typischen Ausdruck, der dem Geist des Evangeliums entspricht, auch ist der jüdische Typus überall festgehalten. Man erkennt sofort an den Gesichtern, welches Land der Schauplatz dieser Vorgänge ist. Iwanow ist ausdrücklich zu diesem Zwecke überall herumgereist, um jüdische Gesichter zu studieren. Alles, was sich auf eine harmonische Verteilung der Farben, der menschlichen Gewänder und die wohlüberlegte Art, wie sie den menschlichen Körper umhüllen und von ihm gehalten werden, bezieht, ist mit einer solchen Sorgfalt studiert, daß jede Falte die Aufmerksamkeit des Kenners auf sich lenken muß. Endlich ist auch die landschaftliche Seite, auf die ein Historienmaler gewöhnlich nur wenig achtet, die malerische Wüste, in die die Gruppen hineingestellt sind, so ausgeführt, daß selbst die Landschaftsmaler, die sich in Rom aufhalten, staunen. Iwanow hat zu diesem Zwecke viele Monate in den ungesunden Pontinischen Sümpfen und in den Wüsteneien Italiens zugebracht, zahlreiche Skizzen von sämtlichen wilden und öden Gegenden, die sich in Roms Umgebung finden, entworfen, er hat jedes Steinchen und jedes Baumblatt studiert, kurz — er hat alles getan, was er tun konnte, und alles nachgezeichnet, wofür er ein Vorbild finden konnte. Wie aber sollte er das darstellen, wofür bisher noch nie ein Künstler ein Modell finden konnte! Wo konnte er ein Modell dafür finden, was die Hauptsache, die eigentliche Aufgabe seines ganzen Gemäldes bildet? Wie konnte er den Vorgang der Bekehrung der Menschheit zu Christus in seiner Gesamtheit zur Darstellung bringen? Wo sollte er ihn hernehmen? Aus dem Kopfe? Sollte er ihn aus seiner Phantasie erzeugen, ihn mit dem Gedanken erfassen? Nein, das sind alles Torheiten. Dazu ist der Gedanke zu kalt und zu frostig und die Phantasie zu arm und zu matt. Iwanow hat seine Einbildungskraft so gewaltig angestrengt, als er nur vermochte, er war bestrebt, aus den Gesichtern aller Menschen, denen er begegnete, die hohen Gemütsbewegungen der Seele abzulesen. Er ist in die Kirchen gegangen, um die Menschen während des Gebets zu beobachten, und mußte schließlich erkennen, daß dies alles viel zu kraftlos, zu ohnmächtig, daß es ungenügend sei und in seiner Seele nicht die volle Idee von dem, was er brauchte, hervorbringen und befestigen konnte, und das wurde der Anlaß zu bitteren Seelenqualen, und war der Grund, warum sein Bild so langsame Fortschritte machte. Nein, solange sich die wahre Bekehrung zu Christus nicht im Künstler selbst vollzogen hat, wird es ihm nie gelingen, sie auf der Leinwand darzustellen. Iwanow hat inbrünstig zu Gott gebetet, Er möge ihm diese volle Bekehrung zuteil werden lassen, er hat stille Tränen vergossen und Ihn angefleht, Er möge ihm die Kraft verleihen, die ihm von Ihm selbst eingegebene Idee auszuführen, und in einem solchen Moment konnte man ihm den Vorwurf machen, daß er zu langsam arbeite, und ihn zur Eile drängen! Iwanow hat Gott angefleht, Er möge jene kalte Härte und Mattherzigkeit, an der heute viele von den Edelsten und Besten leiden, im Feuer Seiner Gnade zerschmelzen und zu Asche verbrennen und ihn mit der Begeisterung erfüllen, die ihm die Kraft verleihen würde, diese Bekehrung so darzustellen, daß auch der Nichtchrist beim Anblick seines Bildes gerührt und erschüttert dastünde, und in solchen Augenblicken konnten sogar Leute, die ihn persönlich kennen, ja selbst seine Freunde ihm Vorwürfe machen und glauben, er sei träge und faul, ja sie konnten sich ernstlich fragen, ob man ihn nicht durch Hunger und dadurch, daß man ihm alle Mittel entzöge, dazu zwingen könne, sein Bild zu vollenden! Sogar die Mitleidigsten unter ihnen sagten: „Er ist selbst schuld: das große Bild ist etwas für sich, in der Zwischenzeit könnte er kleinere Bilder malen und sie verkaufen, dann brauchte er nicht vor Hunger zu sterben.“ So konnten die Leute reden, ohne zu ahnen, daß ein Künstler, dem sein Werk nach dem Willen Gottes zu einer innersten Seelen- und Herzensangelegenheit geworden ist, schon nicht mehr imstande ist, sich mit irgend etwas anderem zu beschäftigen, daß es für ihn keine Zwischenzeit gibt; sein Denken ist gar nicht mehr fähig, sich auf andere Gegenstände zu richten, so sehr er sich auch dazu zwingen und so sehr er es auch vergewaltigen mag. So ist auch ein treues Weib, das ihren Mann wahrhaft liebt, nicht mehr imstande, einen andern lieb zu gewinnen. Nie wird sie ihre Zärtlichkeit für Geld verkaufen, nicht einmal, wenn sie sich selbst und ihren Mann hierdurch vor der Armut bewahren könnte. Dies war der Seelenzustand Iwanows. Sie werden sagen: „Ja warum hat er dies alles denn nicht niedergeschrieben? Warum hat er seine wirkliche Lage nicht klar dargestellt. Dann hätte man ihm sofort Geld geschickt? Das wäre schön, wenn’s so wäre. Es soll doch einmal einer von uns versuchen, der noch keinen Beweis seines Könnens gegeben hat, der sich selbst noch nicht darüber klar zu werden vermag, was in ihm steckt, sich mit Leuten anderer Berufe auseinanderzusetzen, die aus sehr natürlichen Gründen nicht einmal zu begreifen vermögen, daß es eine höchste Stufe der Kunst gibt, eine solche Stufe, die sie unendlich weit über das Niveau emporhebt, auf dem die Kunst unserer heutigen modesüchtigen Zeit steht. Sollte er etwa sagen: „Ich will ein Werk schaffen, das euch einst in Erstaunen setzen wird, von dem ich jedoch heute nicht zu euch sprechen kann, weil mir selbst heute noch manches nicht ganz klar ist. Ihr aber mögt die ganze Zeit über, während der ich an meiner Arbeit sitze, geduldig warten und mir das Geld zu meinem Lebensunterhalt verschaffen?“ Dann würden sich wahrscheinlich viele Liebhaber finden, die ebenso sprechen würden, und glauben Sie etwa, daß es einen so törichten Menschen gibt, der ihnen Geld geben würde? Aber selbst angenommen, Iwanow hätte sich in dieser Zeit der Unklarheit klar ausdrücken und sagen können: „durch höhere Eingebung ward mir eine Idee zuteil, die mich unablässig verfolgt — ich will die Bekehrung des Menschen zu Christus auf der Leinwand darstellen. Ich fühle, daß ich das nicht tun kann, ehe ich mich selbst wahrhaft zu ihm bekehrt habe. Wartet daher, bis sich diese Bekehrung in mir selbst vollzogen hat und gebt mir bis dahin das Geld, das ich zu meinem Lebensunterhalt und um arbeiten zu können, brauche.“ Ja, hätten wir ihm nicht alle wie aus einem Munde zugerufen: „Was ist denn das für ein törichtes Gerede? Hältst du uns etwa für Narren? Wie hängt denn das zusammen: die Seele und ein Gemälde? Die Seele ist etwas für sich und ein Gemälde ist auch eine Sache für sich. [Warum sollten wir auf deine Bekehrung warten, du sollst auch ohne das ein Christ sein. Wir sind doch auch alle wahrhafte Christen.“] So hätten wir alle zu Iwanow gesprochen, und jeder von uns hätte eigentlich recht gehabt. Wären nicht diese schwierigen Lebensverhältnisse und diese innere Seelenfolter gewesen, die ihn mit Gewalt dazu getrieben haben, Gott mit innigerer, glühenderer Sehnsucht zu suchen, und die ihm die Fähigkeit gaben, seine Zuflucht zu Ihm zu nehmen und so in Ihm zu leben, und in Ihm aufzugehen, wie keiner von den modernen profanen Künstlern in Ihm lebt, und sich durch bittre Tränen die Gefühle zu erringen, die er sich ehedem durch bloßes Nachdenken und bloße Überlegung zu erringen suchte, so wäre er nie imstande gewesen, das darzustellen, wozu er jetzt auf der Leinwand bereits den Grund gelegt hat, und er hätte sowohl sich wie die andern betrogen trotz seines glühenden Wunsches, sie nicht zu täuschen. Glauben Sie nicht, daß es leicht ist, sich während eines solchen inneren Übergangszustandes, wenn nach Gottes Willen ein Umgestaltungsprozeß in dem innersten Wesen des Menschen eingesetzt hat, sich andern Menschen mitzuteilen. Ich kenne das selbst sehr gut und habe es sogar an mir selbst erfahren. Meine Werke hängen in ganz wunderbarer Weise mit meinem Seelenleben und meiner inneren Selbsterziehung zusammen. Mehr als sechs Jahre lang vermochte ich nicht für die Welt zu schaffen. Die ganze Arbeit fand in mir und für mich selbst statt. Und doch — vergessen Sie dies nicht — und doch lebte ich damals, ausschließlich von den Einkünften, die mir meine Werke brachten. Fast alle Welt wußte, daß ich Not litt, und doch waren alle überzeugt, daß dies seinen Grund ausschließlich in meinem Eigensinn hat, daß ich mich nur hinzusetzen und irgendeine kleine Sache niederzuschreiben brauchte, um sehr viel Geld zu verdienen. Allein ich war nicht imstande, auch nur eine einzige Zeile zu schreiben, und als ich einmal dem Rat eines unvernünftigen Menschen folgen und mich dazu zwingen wollte, ein paar kleine Aufsätze für eine Zeitschrift zu schreiben, wurde mir dies so schwer, daß mich mein Kopf schmerzte und mir all meine Sinne wehe taten. Ich schmierte einige Seiten voll, zerriß sie wieder und ruinierte nach zwei, drei Monaten einer solchen Folter meine ganze Gesundheit, die ohnedies schon schlecht genug war, so daß ich mich zu Bett legen mußte. Dazu kamen noch allerhand Nervenbeschwerden und Leiden, die daraus entsprangen, daß es mir völlig unmöglich war, mich gegen irgendeinen Menschen in der Welt über meinen Zustand und meine Lage zu äußern; dies alles brachte mich so herunter, daß ich mich beinahe am Rande des Grabes befand. Und dieses passierte mir zweimal nacheinander. Einmal befand ich mich zu alledem noch in einer Stadt, wo ich nicht einen einzigen mir nahestehenden Menschen hatte. Auch war ich völlig mittellos und lief beständig Gefahr, nicht nur an meiner Krankheit und meinen seelischen Qualen, sondern sogar vor Hunger zu sterben. Das ist schon sehr lange her [ich wurde damals durch den Kaiser gerettet, von dem mir unerwartet Hilfe kam. Hatte ihm eine innere Stimme gesagt, daß sein armer Untertan in seiner unscheinbaren nichtamtlichen Stellung von dem heißen Streben beseelt war, ihm ebenso treu und redlich zu dienen, wie andere ihm in ihren hervorragenden amtlichen Stellungen dienten, oder war es einfach eine Regung der Gnade und Güte, wie wir sie bei ihm gewohnt sind, genug, diese Hilfe richtete mich plötzlich auf. Es war mir in diesem Augenblick sehr angenehm, mich ihm und keinem andern verpflichtet zu fühlen. Zu den Gründen, die mich veranlaßten, mit neuer Kraft an die Arbeit zu gehen, kam auch noch folgender Gedanke hinzu. Wenn Gott mich für würdig halten sollte, mir die Liebe und Zuneigung vieler Menschen zu erwerben und mich der Liebe derer würdig zu erweisen, die mich liebten, dann wollte ich ihnen sagen: „Vergeßt es niemals, ich wäre jetzt vielleicht nicht mehr auf der Welt, wenn der Kaiser nicht dagewesen wäre“]. In solch eine Lage kommt man mitunter. Außerdem muß ich Ihnen noch sagen, daß ich gerade zu dieser Zeit oft den Vorwurf zu hören bekam, ich sei ein Egoist: Viele konnten es mir nicht verzeihen, daß ich mich nicht an Unternehmungen beteiligen wollte, die sie, wie sie glaubten, im Interesse der Allgemeinheit planten. Meine Einwände, ich könne nicht schreiben und ich dürfe nicht für Zeitschriften und Almanache arbeiten, wurden für eine Laune gehalten. Selbst der Umstand, daß ich im Ausland lebte, wurde auf ein sybaritisches Bedürfnis zurückgeführt, die Schönheiten Italiens zu genießen. Ich konnte es nicht einmal meinen nächsten Freunden klarmachen, daß mir nicht nur aus Rücksicht auf meine Krankheit eine zeitweilige Trennung von ihnen selbst ein Bedürfnis war, gerade weil ich nicht in ein falsches Verhältnis zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten wollte — selbst dies vermochte ich ihnen nicht klarzumachen!

Ich hatte selbst die Empfindung, mein Seelenzustand sei so seltsam geworden, daß ich ihn keinem Menschen auf der Welt in klarer und verständlicher Weise hätte mitteilen können. Wenn ich mich bemühte, einem Menschen wenigstens einen Teil von meinem Selbst zu enthüllen, so stand es mir sofort klar vor Augen, daß ich den Menschen, zu denen ich sprach, mit meinen Worten nur den Kopf verwirrte und umnebelte, und ich bereute bitterlich, daß ich auch nur den Wunsch gehabt hatte, aufrichtig zu sein. Ich möchte darauf schwören: es gibt Situationen von solcher Schwierigkeit, die sich nur mit der Lage eines Menschen vergleichen lassen, der in einem lethargischen Schlaf versunken daliegt, der selbst sieht, wie er lebendig begraben wird — und nicht einmal einen Finger rühren und ein Zeichen geben kann, daß er noch lebt. Nein, Gott bewahre uns vor dem bloßen Versuch, im Moment eines solchen inneren Übergangszustandes einem Menschen unser Herz zu öffnen. Zu Gott allein sollte man seine Zuflucht nehmen; zu niemand sonst. So kam es, daß viele, selbst solche Menschen, die mir sehr nahe standen, ungerecht gegen mich wurden und doch waren sie eigentlich ganz unschuldig daran: ich selbst hätte genau so gehandelt, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre.

Und ebenso verhält es sich mit dem Fall Iwanow: wenn er vor Armut und aus Mangel an Mitteln sterben sollte, so würden sich alle sofort empört gegen die wenden, die dies zugelassen haben. Vorwürfe und Anklagen gegen die andern Künstler würden laut werden, und man würde sie der Gefühllosigkeit und des Neides bezichtigen. Am Ende würde gar ein dramatischer Dichter ein rührsames Drama über dieses Sujet schreiben, das Publikum bis zu Tränen rühren und Zorn und Abscheu wider die Feinde Iwanows erregen. Und doch wäre dies alles nichts wie lauter Lüge und Unwahrheit, weil in Wahrheit doch eigentlich niemand an seinem Tode schuld wäre. Nur ein Mensch hätte Anlaß, sich einer unehrenhaften Handlungsweise anzuklagen und sich die Schuld zuzuschreiben. Dieser Mensch wäre — ich. Ich habe mich in einer ganz ähnlichen Lage befunden, habe alles am eigenen Leibe erfahren und habe es doch den andern nicht klarmachen können, und das ist der Grund, weswegen ich Ihnen jetzt schreibe. Suchen Sie diese Sache zu arrangieren und in Ordnung zu bringen, sonst nehmen Sie eine schwere Verantwortung auf Ihre Seele. Ich habe sie durch diesen Brief von meinem Herzen abgewälzt. Nun liegt sie auf Ihnen. [Richten Sie es so ein, daß Iwanow nicht nur jene armselige Pension, um die er bittet, bewilligt wird, sondern außerdem auch noch eine Prämie dafür, daß er so lange an seinem Gemälde gearbeitet hat und daß er während dieser Zeit an nichts anderem arbeiten wollte, trotzdem ihn die Menschen und seine eigene Not dazu drängten]. Sparen Sie nicht mit dem Gelde: es wird reiche Zinsen tragen. Schon fängt man überall an, den Wert des Bildes zu erkennen, schon spricht ganz Rom davon, obwohl es sich doch nur nach dem jetzigen Stadium, das die Idee und Absicht des Künstlers noch nicht in vollem Maße widerspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz Rom, daß eine ähnliche Erscheinung seit den Zeiten Raphaels und Leonardo da Vincis noch nicht dagewesen sei. Das Gemälde wird vollendet werden [— dann wird auch der ärmste Fürstenhof in Europa gern soviel dafür bezahlen, wie man heute für ein neu entdecktes Gemälde eines großen alten Meisters auszugeben pflegt]. Solche Gemälde erzielen selten Preise unter 100000 oder 200000. [Richten Sie es so ein, daß ihm die Prämie nicht für sein Gemälde, sondern für seine Selbstaufopferung und seine beispiellose Liebe zur Kunst zugesprochen wird, auf daß dies Beispiel allen Künstlern zur Lehre diene. Wir haben eine solche Lehre nötig, damit alle erkennen, wie man die Kunst lieben soll: daß man allen Lockungen des Lebens absterben müsse wie Iwanow, daß man nicht aufhören dürfe, zu lernen, und sich stets für einen Schüler halten solle wie Iwanow, daß man die größten Entbehrungen auf sich nehmen, ja selbst an Feiertagen sich beim Mittagessen den Extragang versagen muß wie Iwanow, daß man, wenn einem alle Mittel ausgegangen sind, eine einfache Leinwandjacke anziehen und alle leeren Rücksichten des Anstands außer acht lassen muß wie Iwanow, daß man alle Leiden auskosten und selbst bei einer so hohen und feinen Seelenbildung, bei einer so außerordentlichen feinsinnigen Empfindlichkeit für alles, alle bitteren Niederlagen ertragen, ja selbst ruhig dulden muß, daß einzelne einen für verrückt erklären und überall das Gerücht verbreiten, man sei nicht bei Verstande, so daß man es auf Schritt und Tritt mit eigenen Ohren hören muß, wie Iwanow dies getan hat. Für alle diese großen Verdienste sollte ihm eine Prämie zugesprochen werden. Dies ist besonders ein Bedürfnis für unsere jungen Künstler und für die, die ihre Künstlerlaufbahn erst eben beginnen, damit sie ihre Gedanken nicht bloß darauf richten, sich feine Krawatten und Röcke anzuschaffen und Schulden zu machen, um ihr Ansehen in der Gesellschaft zu heben, sondern damit sie erkennen, daß die Hilfe und Unterstützung der Regierung nur solchen unter ihnen zuteil wird, die nicht an feine Röcke denken und von Zechgelagen mit ihren Kameraden träumen, sondern die sich ganz ihrer Aufgabe widmen und in ihr ganz aufgehen wie ein Mönch in der Klosterzelle. Es wäre sogar gut, wenn die Summe, die Iwanow bewilligt würde, recht groß wäre, damit sich alle anderen unwillkürlich hinter den Ohren kratzen. Fürchten Sie nicht, daß er diese Summe nur für seinen eigenen Bedarf verwenden könnte. Vielleicht wird er sich selbst nicht einmal eine Kopeke davon nehmen. Diese Summe wird ganz darauf verwandt werden, um den wirklichen Arbeitern auf dem Gebiete der Kunst, die der Künstler besser kennt als irgendein Beamter, zur Unterstützung zu dienen, und er wird besser darüber verfügen, als ein Beamter dies vermöchte. Weiß Gott, was ein Beamter alles auf dem Kerbholz haben kann; er kann eine Modedame zur Frau, oder er kann Freunde haben, die große Feinschmecker sind und denen er ein feines Mittagessen vorsetzen muß. Ein Beamter kann einen großen Aufwand machen und vielen Glanz entfalten, und wird dann womöglich noch behaupten, daß dies notwendig sei, um das Ansehen der russischen Nation hochzuhalten, um den Ausländern Sand in die Augen zu streuen, und Geld dafür verlangen. Mit dem dagegen, der selbst auf dem Gebiet tätig ist, auf dem er später anderen behilflich sein soll, der den Schrei der Bedürftigkeit und keiner vorgespiegelten, sondern der wirklichen Not vernommen, der selbst gelitten und gesehen hat, wie andere leiden, der mit ihnen gelitten und sein letztes Hemd mit dem armen Arbeiter geteilt hat, während er selbst nichts zu essen und nichts anzuziehen hatte, wie dies Iwanow getan hat, — mit dem verhält es sich ganz anders. Ihm kann man dreist Millionen anvertrauen und sich ruhig schlafen legen. Von dieser Million wird keine Kopeke umsonst verloren gehen]. Also seien Sie billig. Meinen Brief aber zeigen Sie sowohl meinen wie Ihren Freunden, besonders aber denen, denen die Verwaltung eines Ressorts anvertraut ist. Denn fleißige Arbeiter wie Iwanow kommen in allen Berufen vor, und man sollte doch nicht zulassen, daß solche Menschen vor Hunger sterben. Wenn es einmal passieren sollte, daß einer von ihnen sich von den andern zurückzieht und sich intensiver und eifriger seiner Sache widmet, ja selbst in dem Falle, wenn es seine eigene Sache ist und er nur sagt, daß diese Sache, die scheinbar bloß seine eigene Sache ist, einem allgemeinen Bedürfnis dient, müssen Sie so tun, als ob er den Menschen wissentlich diente, und für seinen notwendigen Lebensunterhalt sorgen. Damit Sie sich aber überzeugen, daß hierbei kein Betrug im Spiele ist, weil sich unter dieser Maske leicht auch ein fauler Mensch, der nichts tut, einschleichen kann, so sehen Sie zu, was für einen Lebenswandel er führt. Seine Lebensweise wird Ihnen alles sagen. Wenn er ebenso wie Iwanow alle Anstandsrücksichten und alle Konventionen der vornehmen Welt verachtet und hintan setzt, wenn er eine einfache Jacke anzieht, jeden Gedanken an Vergnügungen und Zechgelage, selbst den Gedanken, sich ein Weib zu nehmen, um eine Familie oder einen Hausstand zu begründen, von sich gewiesen hat und ein wahrhaft mönchisches Leben führt, Tag und Nacht an seiner Arbeit sitzt und jeden Augenblick dem Gebet widmet, dann sind keine langen Überlegungen am Platz, sondern dann muß man ihm die Mittel zur Arbeit verschaffen. Man soll ihn auch nicht drängen und anfeuern, sondern man soll ihn in Ruhe lassen: Gott wird ihn auch ohne uns vorwärts treiben. Ihre Aufgabe ist es nur, dafür zu sorgen, daß er nicht vor Hunger stirbt. Sie sollen ihm auch keine große Pension bewilligen, setzen Sie ihm eine bescheidene, ja armselige Pension aus und halten Sie die Lockungen und Verführungen der Welt von ihm fern. Es gibt Menschen, die ihr ganzes Leben lang Bettler bleiben müssen. Der Bettlerstand ist eine Seligkeit, die die Welt noch nicht recht begriffen hat. Aber wen Gott für würdig gehalten hat, ihre Süßigkeit zu kosten, und wer seinen Bettelsack wirklich lieben gelernt hat, der wird ihn für keine Schätze dieser Welt verkaufen wollen.

1846.

XXIV
Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei den heutigen Zuständen in Rußland sein kann

Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von Ihnen beiden ich tüchtig auszanken soll, Sie oder Ihren Mann. Schließlich aber habe ich mich entschlossen, mir Sie vorzunehmen: denn eine Frau ist eher dazu fähig, sich auf sich selbst zu besinnen und sich aufzuraffen. Obwohl Sie beide auf dem Gipfel der Seligkeit zu schweben glauben, ist Ihre Lage meiner Ansicht nach nicht nur keineswegs glücklich, sondern noch weit elender als die jener Menschen, die tief im Unglück und im Elend zu stecken meinen. Sie besitzen alle beide viele gute Eigenschaften, sowohl solche des Gemüts als auch des Herzens, Sie besitzen auch geistige Fähigkeiten, und es fehlt Ihnen nur das eine, ohne das dies alles zu nichts dienen kann. Es fehlt Ihnen an der inneren Disziplin. Keiner von Ihnen ist Herr über sich selbst. Es fehlt Ihnen an Charakter, wenn man unter Charakter einen starken Willen zu verstehen hat. Ihr Mann hat ein Gefühl für diesen inneren Mangel gehabt. Er hat sich gerade deswegen verheiratet, um in seiner Frau ein Wesen zu finden, das ihn zur Tätigkeit und zu wirklichen Leistungen anspornt. Und Sie haben ihn geheiratet, damit er Ihnen in allen Angelegenheiten des Lebens ein Erwecker und Anreger werde. Sie erwarten beide gerade das voneinander, was keiner von Ihnen besitzt. Ich sage Ihnen, dieser Zustand ist nicht nur keineswegs glücklich, sondern sogar gefährlich. Sie beide zerfließen und gehen im Leben auf wie ein Stück Seife im Wasser. Alle ihre Vorzüge und ihre guten Eigenschaften werden spurlos verloren gehen in der Unordnung und der Zuchtlosigkeit Ihrer Handlungen, die allein Ihren Charakter ausmachen werden, und so werden Sie beide die leibhaftige Ohnmacht und Kraftlosigkeit darstellen. Bitten Sie Gott um Kraft und Willensstärke. Durch Gebet kann man alles von Gott erlangen, selbst Kraft und Willensstärke, die sich ein schwacher und kraftloser Mensch bekanntlich auf keine Weise anzueignen vermag. Vor allem handeln Sie vernünftig: bete und rudere auf das Ufer zu, sagt ein russisches Sprichwort. Sprechen Sie jeden Morgen, mittags und abends immer wieder in Ihrem Innern: Lieber Gott, fasse all meine Kräfte und mein ganzes Ich in mir selbst zusammen und stärke mich!“ Und dann tun Sie ein ganzes Jahr lang so, wie ich es Ihnen gleich angeben werde, ohne nachzugrübeln, wozu und zu welchem Zwecke Sie so handeln. Den ganzen Haushalt müssen Sie auf Ihre Schultern nehmen. Alle Ausgaben und Einnahmen sollen durch Ihre Hände gehen. Legen Sie sich kein allgemeines Kassenbuch an, sondern machen Sie gleich zu Beginn des Jahres einen Überschlag über den gesamten Haushalt. Suchen Sie sich eine Übersicht über all Ihre Bedürfnisse zu verschaffen. Überlegen Sie sich im voraus, wieviel Sie bei Ihrem Einkommen in einem jeden Jahr ausgeben dürfen und ausgeben müssen, und rechnen Sie sich alles in runden Summen aus. Teilen Sie Ihr ganzes Geld in sieben nahezu gleiche Haufen. Der erste Haufen sei zur Deckung der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung, Wasserversorgung, Holz sowie alles, was sich auf die vier Wände Ihres Hauses und die Sauberkeit Ihres Hofes bezieht, bestimmt. Der zweite Haufen muß das Geld für die Kost und sämtliche Lebensmittel, den Gehalt des Kochs und den Lebensunterhalt aller, die mit Ihnen in Ihrem Hause leben, enthalten. Der dritte Haufen sei für den Stall, für den Wagen, den Kutscher, die Pferde, Heu, Hafer, kurz für alles, was sich auf diesen Teil des Haushalts bezieht, bestimmt. Aus dem vierten Haufen müssen die Unkosten für die Garderobe, d. h. für alles, was Sie beide brauchen, wenn Sie sich in der Gesellschaft sehen lassen oder wenn Sie zu Hause sitzen, beglichen werden. Der fünfte Haufen enthalte Ihr Taschengeld, der sechste Geld für allerhand außerordentliche Ausgaben, die ja häufig vorzukommen pflegen: wie etwa bei Anschaffung neuer Möbel, einer neuen Equipage, oder für die Unterstützung eines Verwandten, wenn er plötzlich in die Lage kommen sollte, ihrer zu bedürfen. Der siebente Haufen aber sei Gott geweiht, d. h. er diene zur Deckung der Ausgaben für die Kirche und für die Armen. Sorgen Sie dafür, daß Ihnen diese sieben Haufen niemals durcheinander geraten, sondern stets gesondert für sich bestehen bleiben, wie sieben besondere Ministerien. Führen Sie über jeden von ihnen besondere Rechnung. Unter keinem Vorwand aber machen Sie eine Anleihe bei dem einen zugunsten des andern; selbst wenn sich Ihnen während dieser Zeit auch noch so günstige Kaufgelegenheiten bieten sollten, oder wenn ein Gegenstand Sie durch seine Wohlfeilheit noch so sehr zum Kaufe reizen sollte — dürfen Sie ihn nicht kaufen. Das können Sie sich erst erlauben, wenn Sie sich innerlich genügend gefestigt und gekräftigt haben. Jetzt aber dürfen Sie keinen Augenblick vergessen, daß Sie dies alles nur tun, um sich einen starken Charakter zu erwerben, und daß diese Erwerbung fürs erste weit wichtiger für Sie ist als jede andere. Seien Sie daher in solchen Fällen geradezu eigensinnig, bitten Sie Gott, er möge Sie eigensinnig machen. Selbst dann, wenn die Notwendigkeit an Sie herantritt, einem Armen zu helfen, dürfen Sie doch nicht mehr ausgeben, als der für diesen Zweck bestimmte Haufen enthält. Ja selbst dann, wenn sich Ihnen das Bild eines herzzerreißenden Jammers und Elends darbietet, dessen Zeugin Sie sein müssen, und wenn Sie sehen, daß hier durch Geld etwas auszurichten und zu helfen wäre, dürfen Sie dennoch unter keinen Umständen einen von den andern Haufen angreifen. Fahren Sie lieber in der ganzen Stadt herum, besuchen Sie alle Ihre Bekannten und suchen Sie ihr Mitleid zu erwecken; bitten Sie, flehen Sie sie an, seien Sie sogar zu jeder Selbsterniedrigung bereit, damit Ihnen dies eine Lehre sei, und Sie sich ewig daran erinnern, wie Sie einmal vor die bittere Notwendigkeit gestellt waren, einem Unglücklichen Ihre Hilfe zu versagen; wie Sie sich deswegen allen möglichen Erniedrigungen aussetzen und sogar den öffentlichen Spott auf sich lenken mußten, auf daß Ihnen dies nie aus dem Sinn komme, und Sie hierdurch lernen, alle Ihre Ausgaben von jedem Haufen einzuschränken und im voraus daran zu denken, so daß am Ende des Jahres von jedem noch etwas für die Armen übrig bleibe und das Geld nicht nur gerade knapp zur Deckung der Ausgaben ausreiche. Wenn Sie dieses beständig im Kopfe behalten werden, werden Sie niemals ohne dringende Not in einen Kaufladen fahren und sich plötzlich einen Schmuckgegenstand für Ihren Tisch oder Kamin kaufen, wozu bei uns sowohl unsere Frauen wie unsere Männer so leicht geneigt sind. [Die letzten sogar noch mehr, diese sind nicht einmal Frauen, sondern alte Weiber.] Ihre Wünsche und Launen werden auf diese Weise unwillkürlich und kaum merklich immer mehr und mehr zusammenschrumpfen, und schließlich wird es so weit kommen, daß Sie selbst das Gefühl haben werden, Sie brauchten nicht mehr als einen Wagen und ein Paar Pferde und bei der Mittagstafel nicht mehr als vier Gänge, dann werden Sie erkennen, daß man seine Gäste ebensogut mit einem einfach servierten Diner, mit einem einzigen Extragang und einer Flasche Wein, der ohne alle Finessen in einfachen Gläsern verschenkt wird, zu befriedigen vermag. Sie werden nicht vor Scham vergehen, wenn sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, bei Ihnen sei es nicht comme il faut, sondern Sie werden selbst darüber lachen, da Sie sich aufs tiefste davon überzeugen werden, das wahre comme il faut sei das, das Der von dem Menschen fordert, Der ihn erschaffen hat, nicht aber irgendein Mensch, der allerhand Satzungen und Systeme für die Diners erfindet, nicht einmal der, der Etiketten austiftelt, die jeden Tag wechseln, ja nicht einmal Madame Sichler in eigener Person. Schaffen Sie sich ein besonderes Kassenbuch für jeden einzelnen Geldhaufen an. Ziehen Sie jeden Monat die Bilanz über die Einnahmen und Ausgaben, die sich auf die einzelnen Haufen beziehen, prüfen Sie am letzten Tage jedes Monats alles nach und vergleichen Sie jedes Ding mit jedem andern, damit Sie erkennen lernen, um wievielmal notwendiger und nützlicher es ist als ein anderes, und damit Sie sich ganz klar darüber werden, auf welchen Gegenstand Sie im Fall der Not zuerst verzichten müssen, und so die Kunst lernen, zu erkennen, was vom Notwendigen das Allernotwendigste ist.

Halten Sie sich während eines ganzen Jahres streng an diese Grundsätze. Werden Sie stark, werden Sie eigensinnig und beten Sie während der ganzen Zeit zu Gott, er möge Ihnen einen starken Willen verleihen — dann werden Sie wirklich stark und fest werden. Worauf es ankommt, ist dies: daß in dem Menschen wenigstens etwas stark und unerschütterlich werde. Hierdurch kommt ganz unwillkürlich auch Ordnung in alles andere. Wenn Sie in Angelegenheiten materiellen Charakters stark werden, werden Sie unwillkürlich in den geistigen und seelischen Angelegenheiten sicheren Boden gewinnen. Machen Sie sich eine feste Zeiteinteilung, setzen Sie für jedes Ding eine bestimmte Stunde fest, und gehen Sie nicht von ihr ab; bleiben Sie nicht den ganzen Morgen bei Ihrem Mann, sondern schicken Sie ihn ins Departement und spornen Sie ihn zur Tätigkeit an. Erinnern Sie ihn jeden Augenblick daran, daß er sich ganz der allgemeinen Sache und dem ganzen Staatshaushalt widmen muß — [sein eigener Haushalt dagegen sei nicht seine Sorge: dieser muß nicht auf seinen, sondern auf Ihren Schultern ruhen], daß er ja gerade darum geheiratet habe, um sich aller kleinen Sorgen zu entschlagen und sich ganz dem Vaterlande zu widmen, und daß ihm die Frau nicht dazu geschenkt ward, um ihm ein Hemmnis zu sein, durch das er in seinem Dienst behindert wird, sondern gerade um ihn für den Dienst zu stärken und zu kräftigen. Ein jedes von Ihnen arbeite den Morgen über für sich, jeder in seinem Kreise, damit Sie sich vor dem Mittagessen in froher Stimmung wieder begegnen und sich so übereinander freuen, als hätten Sie sich viele Jahre lang nicht gesehen, damit Sie sich auch etwas zu erzählen haben und nicht dasitzen und einander angähnen: erzählen Sie ihm alles, was Sie in Ihrem Hause und in Ihrem Haushalt vollbracht haben, und lassen Sie sich alles von ihm erzählen, was er in seinem Departement für den allgemeinen Haushalt geleistet hat. Sie müssen unbedingt darüber unterrichtet sein, worin das Wesen seiner beruflichen Tätigkeit besteht, Sie müssen wissen, was sein Ressort ist, was für Angelegenheiten er an jenem Tag zu erledigen hatte und worin sie bestanden. Achten Sie diese Dinge nicht gering und denken Sie stets daran, daß die Frau ihrem Manne eine Stütze und Helferin sein muß. Wenn Sie sich während eines Jahres alles von ihm erzählen lassen und aufmerksam zuhören, so werden Sie im folgenden Jahre bereits imstande sein, ihm einen Rat zu erteilen, und werden wissen, wie Sie ihn trösten und ermutigen können, wenn ihm im Dienst eine Unannehmlichkeit zustößt, wie Sie ihm behilflich sein können, über sie hinwegzukommen und das zu ertragen, womit er sonst nicht fertig geworden wäre, da ihm der Mut dazu gefehlt hätte. So werden Sie ihm eine wahre Erweckerin zu allem Schönen und Guten werden.

Fangen Sie schon heute an und tun Sie, wie ich es Ihnen soeben gesagt habe. Werden Sie stark, beten Sie, flehen Sie unablässig zu Gott, er möge Ihnen helfen, sich innerlich zu sammeln und sich selbst festzuhalten. Heute fängt bei uns alles an, sich zu lockern und aus den Fugen zu gehen. Die Menschen sind heutzutage allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen geworden, sie haben sich selbst zu Stützen alles Gemeinen und zu Sklaven der kleinsten und törichtesten Umstände und Verhältnisse gemacht, und es gibt heute nirgends etwas wie wahre Freiheit im wirklichen Sinne dieses Wortes. Diese Freiheit hat einer meiner Freunde, mit dem Sie nicht persönlich bekannt sind, den aber ganz Rußland kennt, folgendermaßen definiert: „Die Freiheit besteht nicht darin, daß man zu jeder willkürlichen Laune Ja sagt, sondern darin, daß man auch Nein zu ihr zu sagen vermag.“ Und er hat recht wie die Wahrheit selbst. Heutzutage ist niemand imstande, sich selbst ein solch starkes Nein zuzurufen. Ich vermag nirgends einen Mann zu entdecken. So muß denn das schwache Weib ihn daran mahnen. Heute ist alles so seltsam und so wundersam geworden, heute muß die Frau dem Manne befehlen, er solle ihr Haupt und ihr Gebieter sein.

1845.

XXV
Ueber ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit
Aus einem Briefe an M.

Vernachlässigen Sie die Rechtspflege und Gerichtsbarkeit unter keinen Umständen. Beauftragen Sie nie einen Verwalter oder einen andern Mann aus dem Dorfe mit dieser Angelegenheit. Das ist eine Sache, die noch wichtiger ist als die Landwirtschaft. Halten Sie selbst Gericht. Allein hierdurch können Sie das Band zwischen Gutsbesitzer und Bauer kräftigen. Richten — das ist etwas Göttliches, und ich weiß nicht, was es Höheres gibt. Nicht umsonst wird im Volke der so hoch geehrt, der es versteht, ein gerechtes Urteil zu fällen. Nicht nur alle Bauern Ihres Gutes, sogar die Bauern aus anderen umliegenden Dörfern werden zu Ihnen hinströmen, wenn sie erfahren, daß Sie es verstehen, Recht zu sprechen. Achten Sie keinen von denen, die zu Ihnen kommen, für zu gering und übernehmen Sie das Richteramt in allen Fällen, selbst bei einem unbedeutenden Streit oder bei einer Rauferei. Bei solchen Gelegenheiten können Sie dem Bauern vieles sagen, was seiner Seele zu Nutz und Frommen gereichen kann und was Sie ihm zu einer andern Zeit nicht zu sagen vermöchten, da Sie nichts finden könnten, woran Sie anknüpfen sollen.

Sitzen Sie über jeden Menschen in zwiefacher Weise zu Gericht und entscheiden Sie über jede Sache gleichfalls in doppelter Weise. Das Gericht muß erstens ein menschliches Gericht sein. Durch ein solches Gericht muß der Schuldige verurteilt und dem Unschuldigen zu seinem Rechte verholfen werden. Sorgen Sie dafür, daß dies in Gegenwart von Zeugen geschieht, und daß hierbei auch andere Bauern zugegen sind, damit es allen klar werde wie der lichte Tag, in welchem Punkte der eine recht und der andere unrecht hat. Daneben müssen Sie aber noch in anderer Weise nach einem andern Rechte Gericht halten, nämlich nach göttlichem Rechte: hierbei müssen Sie beide, den Schuldigen sowohl wie den, der recht hat, verurteilen. Beweisen Sie dem zweiten aufs deutlichste, daß er selbst daran Schuld war, daß der andere ihn beleidigt hat, und zeigen Sie dem ersten, daß er eine doppelte Schuld auf sich geladen hat: vor Gott und vor den Menschen. Sprechen Sie dem einen Ihren Tadel aus, weil er seinem Bruder nicht verzeihen wollte, wie Christus es uns geboten hat. Dem andern aber sprechen Sie Ihre Mißbilligung aus, weil er Christus selbst in seinem Bruder gekränkt hat. Beiden aber erteilen Sie eine Rüge, weil sie sich nicht von selbst miteinander ausgesöhnt, sondern das Gericht angerufen haben, und nehmen Sie beiden das Versprechen ab, daß sie dem Priester in der Beichte alles beichten und bekennen werden. [Wenn Sie in solcher Weise Recht sprechen werden, werden Sie aus höchster Vollmacht richten, wie Gott selbst, denn Gott wird Sie dazu bevollmächtigen.] Sie werden hieraus vielen Nutzen ziehen, vieles, das Ihnen zugute kommen wird, und viel unmittelbares und wahrhaftes Wissen daraus schöpfen. [Wenn viele Staatsleute nicht gleich mit dem Aktenschreiben, sondern damit beginnen würden, über die einfachen Leute Recht zu sprechen, so würden sie den Geist des Landes, die Eigenart ihres Volkes und die menschliche Seele im allgemeinen weit besser kennen lernen und nicht Neuerungen bei uns einführen, die sie fremden Ländern entlehnen und die nicht zu uns passen.] Die Rechtspflege könnte bei uns weit besser sein als in allen anderen Staaten, denn von allen Völkern ist es allein das russische, in dem der so wahre Gedanke entsprungen und lebendig ist, daß es keinen gerechten Menschen gibt und daß Gott allein gerecht ist. Dieser Gedanke hat sich wie ein unerschütterlicher Glaube durch unser ganzes Volk verbreitet. Von ihm erfüllt, mit ihm ausgerüstet, gewinnt selbst ein einfacher und nicht übermäßig gescheiter Mensch Autorität im Volke, und wird hierdurch befähigt, Streitigkeiten zu schlichten. Nur wir Menschen der höheren Kreise haben kein Gefühl, kein Verständnis für diesen Gedanken, weil wir uns nach dem Vorbild Europas allerhand törichte ritterliche Begriffe von der Gerechtigkeit zurechtgelegt haben. Wir streiten bloß darüber, wer recht hat und wer schuldig ist. Wenn wir jedoch alle unsere Streitigkeiten genau untersuchen, so können wir sie alle auf einen Nenner bringen, nämlich auf den, daß alle beide Teile schuldig sind. Und dann erkennt man, daß die Kommandantin in Puschkins Erzählung „Die Hauptmannstochter“ ganz recht hatte, als sie den Leutnant aussandte, um den Streit des Polizeisoldaten mit dem Weibe zu schlichten, die im Bade wegen einer Schöpfkelle aneinander geraten waren, und die ihm dabei folgende Instruktion mitgab: „Untersuche, wer recht und wer unrecht hat, und bestrafe alle beide.“

1845.