Auf Ihren langen Brief, den Sie mit solch innerem Grauen geschrieben haben, antworte ich, obwohl Sie mich bitten, ihn, nachdem ich ihn gelesen habe, sofort zu vernichten, und obwohl Sie mich darum ersuchen, Ihnen die Antwort nicht anders als durch die Hand einer zuverlässigen Persönlichkeit und nicht durch die Post zuzustellen, nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern, wie Sie sehen, in einem gedruckten Buche, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird. Was mich dazu veranlaßte, war der Umstand, daß mein Brief vielleicht auch manchen andern als Antwort dienen wird, die sich ebenso wie Sie durch die gleichen Befürchtungen und Schrecken beunruhigen lassen. Das, was Sie mir im geheimen mitteilen, ist nur ein Teil der ganzen Angelegenheit. Wenn ich Ihnen alles erzählen wollte, was ich weiß (und ich weiß ohne Zweifel noch bei weitem nicht alles), dann würde sich Ihr Geist verfinstern, es würde Ihnen dunkel vor den Augen werden, und Sie würden nur noch daran denken, wie Sie aus Rußland entfliehen könnten. Wohin aber soll man fliehen? Das ist die Frage. Die Lage Europas ist noch schwieriger als die Rußlands. Der Unterschied ist bloß der, daß es dort noch niemand einsieht. Alle, und davon sind selbst die Staatsleute nicht auszunehmen, bewegen sich noch immer an der Oberfläche eines oberflächlichen Wissens, d. h. sie kommen nicht aus jenem in einem fehlerhaften Zirkel verlaufenden Wissen heraus, wie es von den Zeitschriften in Form frühreifer Folgerungen und übereilter Feststellungen angeschwemmt worden ist, die, durch das trügerische Prisma aller möglicher Parteien entstellt, gar nicht in ihrem wahren und wirklichen Lichte erscheinen. Warten Sie nur, bald werden gerade in jenen so wohlgeordneten Staaten, deren äußerer Schein und Glanz uns in solche Begeisterung versetzt, die wir uns in allem nachzuahmen bemühen und deren Einrichtungen wir uns anzupassen suchen, von unten herauf, solche furchtbare Schreie ertönen, daß selbst jenen berühmten Staatsleuten, deren Auftreten in den Gerichten und Parlamenten Sie so entzückt hat, der Kopf schwindeln wird. In Europa bereiten sich jetzt überall solche Wirren vor, gegen die kein menschliches Mittel etwas wird ausrichten können, wenn sie erst ausgebrochen sein werden, und gegen die alle Schrecken nichts sind, die wir in Rußland vor unseren Augen sehen. In Rußland schimmert doch noch hie und da etwas wie ein Lichtstrahl hindurch. Es gibt doch noch Mittel und Wege zur Rettung, und diese Schrecken sind, Gott sei Dank, gerade heute und nicht zu einer späteren Zeit zum Vorschein gekommen. Ihre Worte: „Alle lassen den Mut sinken wie in Erwartung eines unvermeidlichen Schicksals“ treffen in der Tat das Richtige, ebenso wie Ihre andre Bemerkung. Jeder denkt nur daran, seine eigene Habe in Sicherheit zu bringen, er denkt nur an seinen eigenen Vorteil, wie auf dem Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht ein jeder nur daran denkt, wie er sein eigenes Leben retten könne: „sauve qui peut“. So liegen die Dinge heute wirklich, und so muß es auch sein. Gott hat gewollt, daß es so sei. Jeder soll jetzt an sich selbst und zwar gerade an seine eigene Rettung denken. Aber nun handelt es sich um eine andere Art der Rettung. Wir sollen heute nicht etwa ein Schiff besteigen, aus unserem Lande fliehen und all unsern verächtlichen irdischen Besitz in Sicherheit zu bringen suchen, sondern ein jeder von uns soll seine Seele retten, ohne sein Land zu verlassen. Er soll sich selbst zu retten suchen, während er mitten im Herzen des eigenen Staates weilt. Auf dem Schiff seines Berufs und seiner Tätigkeit soll heute ein jeder von uns dem Strudel entfliehen, indem er beständig auf den himmlischen Steuermann hinblickt. Selbst der, der nicht im Staatsdienst steht, soll jetzt in den Dienst des Staates treten und sich an sein Amt klammern, wie ein Ertrinkender nach einer Planke greift, denn ohne dies kann keiner gerettet werden. Heutzutage muß ein jeder von uns den Dienst auf sich nehmen, aber nicht in der Weise, wie in dem Rußland von ehedem, sondern gleichsam, wie wenn er Bürger eines andern himmlischen Reiches wäre, dessen Haupt Christus selbst ist, und daher müssen wir alle unsere Pflichten gegen die Obrigkeit, die über uns gesetzt ist, gegen die Menschen, die uns gleichgestellt sind und die sich um uns herum bewegen, sowie gegen die Menschen niederen Standes, die unter uns stehen, so erfüllen, wie uns kein anderer als Christus selbst dies geboten hat. Daher ist es jetzt auch nicht mehr am Platze, dem eine große Bedeutung beizumessen, wenn irgend jemand unserem Ehrgefühl oder unserer Eigenliebe einen kleinen Stich versetzt — wir müssen immer im Auge behalten, daß wir unser Amt um Christi willen auf uns genommen haben und daß wir es darum so verwalten müssen, wie kein anderer als Christus es uns geboten hat. Nur auf diese Weise kann ein jeder von uns seine Seele retten, und wehe dem, der nicht jetzt schon seine Gedanken darauf richtet. Sein Geist wird sich verdunkeln, seine Gedanken werden sich verfinstern, und er wird keinen Fleck auf der Erde finden, wohin er vor seinen eigenen Schrecken und Grauen entfliehen kann. Denken Sie an die ägyptische Finsternis, die uns König Salomon so gewaltig geschildert hat, als der Herr, um einen Teil der Menschen zu strafen, unerhörte und unbegreifliche Schrecken und Finsternisse auf sie herabsandte. Stockfinstere Nacht umfing sie plötzlich inmitten des hellen Tages; von allen Seiten starrten ihnen furchtbare Fratzen entgegen, morsche klapprige Schreckgespenster mit traurigen Gesichtern schwebten ihnen unaufhörlich vor Augen, ohne stählerne Ketten fesselte sie alle eine furchtbare Angst und raubte ihnen alles: Alle Gefühle, alle Regungen, alle Kräfte schwanden ihnen dahin außer der einen einzigen Furcht, und dies alles geschah nur mit denen, die Gott strafen wollte. Die andern sahen während derselben Zeit keinerlei Schreckbilder, sondern wandelten im Licht und im Tage.
Sehen Sie zu, daß mit Ihnen nichts Ähnliches geschehe. Beten Sie lieber und bitten Sie Gott, daß er Sie erleuchten möge, wie Sie sich in Ihrer Stellung zu verhalten haben und wie sie in ihr alles so erfüllen können, wie Christus es uns geboten hat. Jetzt ist kein Platz mehr für Scherze. Jetzt wird die Sache ernst. Statt sich durch die Unordnung um uns herum erschrecken zu lassen, sollten wir lieber zuvor Einkehr in uns selbst halten. So blicken denn auch Sie in Ihre Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden Sie in ihr dieselbe Unordnung entdecken, um deren willen Sie die andern schelten. Vielleicht nistet darin ein häßlicher, zuchtloser Zorn, der sich jeden Augenblick zur Freude des Feindes Christi Ihrer Seele bemächtigen kann. Vielleicht ist sie von jener schwächlichen Neigung beherrscht, sich bei jeder Gelegenheit dem Kleinmut und der Mutlosigkeit dieser traurigen Tochter des Unglaubens zu ergeben. Vielleicht lebt in ihr der eitle Wunsch, allem nachzujagen, was glänzt und was Ruhm und Ansehen in der Welt genießt. Vielleicht birgt sie Hochmut und Stolz auf die besten Eigenschaften Ihrer Seele, ein Stolz, der alles Gute, alle Güter, die wir besitzen, zu vernichten vermag. Es ist unvergleichlich viel besser, darüber zu erschrecken, was in uns selbst, als darüber, was außer uns und um uns herum vorgeht. Was aber die Schrecken und Grauen Rußlands anbelangt, so sind auch sie nicht ohne Nutzen. Sie waren für viele ein Erziehungsmittel, wie sie keine Schule uns darzubieten vermag. Selbst die Schwierigkeit der Verhältnisse, die dem Verstande neue Schleichwege eröffnet hat, hat bei vielen schlummernde Fähigkeiten geweckt, und zur selben Zeit, wo an dem einen Ende Rußlands noch weiter Polka getanzt und weiter Preference gespielt wird, erstehen, ohne das man es merkt, in den verschiedensten Wirkungskreisen Männer von echter Lebensweisheit und wahre Helden des Lebens. Lassen Sie noch einige zehn Jahre vergehen, und Sie werden sehen, wie Europa zu uns kommen wird, nicht mehr um Hanf und Talg, sondern um Weisheit bei uns einzukaufen, die heute auf den europäischen Märkten nicht mehr feilgeboten wird. Ich könnte Ihnen viele Leute nennen, die einstmals die Zierde Rußlands sein und ihm zu unvergänglichem Heil gereichen werden. Aber zur Ehre Ihres Geschlechts sei es gesagt, daß die Zahl solcher Frauen größer ist als die der Männer. Eine ganze Perlenschnur solcher Frauen halte ich in dem Fach meines Gedächtnisses verschlossen. Sie alle, um mit Ihren Töchtern zu beginnen, die es mir so lebendig zum Bewußtsein gebracht haben, wieviel mächtiger die Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft (Gott gebe, daß die beste Schwester die Bitte Ihres Bruders mit solcher Bereitwilligkeit erfüllen möge, wie Sie jeden kleinsten Wunsch meiner Seele erfüllt haben) — Sie, Ihre Töchter, ferner alle die, von denen Sie kaum etwas gehört haben, und endlich die, von denen Sie vielleicht nie etwas hören werden, die aber noch weit vollkommener sind als die, von denen Sie etwas gehört haben — Sie alle gleichen einander kaum, und jede von ihnen ist für sich genommen eine außergewöhnliche Erscheinung. Nur Rußland allein konnte eine solche Mannigfaltigkeit von Charakteren hervorbringen, und nur in unserer heutigen Zeit mit all ihren schwierigen Verhältnissen, ihrer Entnervung, ihrer allgemeinen Korruption und bei der allgemeinen Nichtigkeit und Armseligkeit unserer Gesellschaft konnten sie erstehen. Sie alle aber werden überragt von einer, die ich nicht persönlich kenne und nicht gesehen habe, und von der nur ein dunkles Gerücht bis zu mir gedrungen ist. Ich habe nie geglaubt, daß es auf der Erde etwas derart Vollkommenes geben kann. Eine so kluge und großmütige Tat zu vollbringen und sie so zu vollbringen, wie sie dies verstanden hat: es so einzurichten, daß nicht einmal der Verdacht, sie könne an dieser Sache beteiligt sein, auf sie falle, und das ganze Verdienst auf die andern abzuwälzen, so daß diese sich des von jener vollbrachten Werks rühmen, als ob es ihr eigenes wäre, in der festen Überzeugung, daß sie selbst es vollbracht haben, — es sich so klug im voraus zu überlegen, wie man dem entgehen könne, daß der Name der Urheberin bekannt wird, während die Sache selbst notwendig laut von sich künden und sie bekanntmachen mußte, und dies alles dennoch zu vollbringen und unbekannt zu bleiben, nein, eine ähnliche hohe Weisheit habe ich noch nie kennen gelernt, bei keinem von unsereinem, d. h. bei keinem Mann, ja mir erschienen in diesem Augenblick alle idealen Frauengestalten, die je von einem Dichter geschaffen wurden, als blaß und matt; im Vergleich zu dieser Wirklichkeit erscheinen sie wie der Fiebertraum der Phantasie gegenüber der vollen Klarheit des Verstandes. Wie armselig erschienen mir in diesem Augenblick auch alle die Frauen, die dem Glanz und Ruhm nachjagen. Und wo konnte ein solches Wunder erstehen? In einem unscheinbaren Flecken, in einem Winkel Rußlands und gerade zu einer Zeit, wo es für den Menschen besonders schwierig geworden ist, sich durchzuwinden und durchzusetzen, wo sich alle unsere Verhältnisse so verwirrt und so verwickelt haben und wo solche Schrecken und Grauen in Rußland erstanden sind, die sie so sehr in Angst und Unruhe versetzen.
1846.
Du hast dich mit dem kurzsichtigen Auge der heutigen Menschen bewaffnet und glaubst nun, ein richtiges Urteil über die Ereignisse zu haben. Deine Schlüsse sind morsch und hinfällig, deine Rechnung ist ohne Gott gemacht. Was berufst du dich auf die Geschichte? Die Geschichte ist tot, sie ist nur ein verschlossenes Buch für dich; ohne Gott in Rechnung zu stellen, wirst du nie einen großen tiefen Sinn in ihr finden, sondern nur armselige kleine und nichtige Ergebnisse. [Rußland ist nicht Frankreich, das französische Element ist nicht das russische Element.] Du hast es sogar vergessen, die Eigenart eines jeden Volkes in Betracht zu ziehen, und glaubst nun, daß ein und dieselben Ereignisse die gleiche Wirkung auf jedes Volk ausüben müssen. Der Hammer, der auf ein Stück Glas herabfällt und es in Stücke schlägt, schmiedet das Eisen, auf das er herniedersaust. Deine Gedanken [über die Finanzen] beruhen auf der Lektüre ausländischer Bücher und englischer Zeitschriften und sind darum tote Gedanken. Du solltest dich schämen, daß du, ein so kluger Mensch, dich noch immer nicht selbst gefunden hast und es noch nicht gelernt hast, mit deinem eigenen Verstande, der sich doch so frei und urwüchsig entfalten könnte, zu denken, sondern daß du ihn mit allerhand fremdländischem Plunder verstopft und verunreinigt hast. Ich sehe auch nicht, daß du bei deinen Projekten mit Gott rechnest. Auch aus den Worten deines Briefes kann ich trotz des Geistes und des blendenden Witzes nicht erkennen, daß du an Gott gedacht hast, während du den Brief schriebst. Ich vermisse die himmlische Erleuchtung und Weihe in deinen Gedanken. Nein, du wirst [in deiner Stellung] nichts Gutes vollbringen, obwohl du dies gerne möchtest, und deine Taten werden nicht die Früchte tragen, die du von ihnen erwartest. Mit den schönsten Absichten kann man Böses vollbringen, wie dies schon vielen passiert ist. In der letzten Zeit haben nicht etwa die Dummen, sondern gerade die klugen Leute viel Verwirrung angerichtet, und dies alles kam nur daher, weil sie ihren Kräften und ihrem Verstande zu sehr vertrauten. Du bist stolz, aber worauf bist du stolz? Wenn du noch stolz auf deinen Verstand wärest, aber nein, du hast deinen wahrhaft bedeutenden und großen Verstand mit allerhand Plunder verunreinigt und ihn zu einem Fremdling gemacht, der dir selbst fremd ist. Du bist stolz auf einen fremden, toten Verstand und gibst ihn für deinen eigenen aus. Gib acht auf dich; du gehst einen gefährlichen Weg. Du hast den Ehrgeiz, ein Staatsmann zu werden, und du wirst auch Staatsmann werden, weil du tatsächlich die Fähigkeiten dazu besitzt. Aber um so strenger mußt du jetzt über dich wachen. Führe die Neuerungen nicht ein, von denen dein Kopf schon ganz voll war [noch ehe du deine Stellung angetreten hattest], und denke stets daran, daß man heute durch eine unvorsichtige Handlung unendlich viel Böses anrichten kann. Schon aus deinen gegenwärtigen Projekten spricht mehr Ängstlichkeit als Vorsicht. Alle deine Gedanken sind darauf gerichtet, in der Zukunft einer großen drohenden Gefahr zu entgehen. Statt dessen solltest du lieber nicht um die Zukunft, sondern um die Gegenwart besorgt sein. Gott will es, daß wir für die Gegenwart sorgen sollen. Von dem, dessen Seele durch die Angst um die Zukunft verdunkelt wird, hat die heilige Kraft bereits ihre Hand abgezogen. Wer mit Gott im Bunde ist, der schaut heiter in die Zukunft und ist schon in der Gegenwart der Schöpfer einer glänzenden Zukunft. Du aber bist stolz: du willst auch jetzt noch nichts sehen, du hast ein zu großes Selbstvertrauen: du glaubst schon alles zu wissen, du meinst, daß alle Zustände und Verhältnisse [in Rußland] dir bekannt sind. Du glaubst, daß es niemand gibt, von dem du etwas lernen könntest. Du bist aus allen Kräften darum bemüht, jenen (Staats)-Leuten ähnlich zu sein, die sich durch eine kurze glänzende Laufbahn berühmt gemacht haben und ebenso schnell wieder verschwanden, die alle Mittel dazu besaßen, um sehr viel Gutes zu vollbringen, ja die sogar von dem glühenden Wunsche durchdrungen waren, Gutes zu wirken, und sogar ihr ganzes Leben lang wie die Ameisen arbeiteten und doch trotz alledem keine Spur von sich hinterlassen haben, ja deren Namen bereits völlig vergessen ist: wie ein Ring auf dem Wasser, so ist die Spur von ihrem Leben inmitten Rußlands verschwunden, und noch immer weisen uns die Europäer zu unserer Beschämung auf ihre großen Männer hin, obwohl manch einer von uns, der keineswegs ein großer Mann ist, klüger ist als sie. Sie aber haben doch wenigstens etwas Dauerndes hinterlassen, wir aber schichten einen ganzen Haufen von Taten übereinander auf — die doch zugleich mit uns wie Staub vom Angesicht der Erde hinweggeweht werden. „Du bist stolz,“ sage ich dir, und muß es dir immer wieder sagen: „du bist stolz.“ Wache über dich und rette dich noch rechtzeitig vor deinem Stolz. Beginne damit, daß du dich zu allererst davon zu überzeugen suchst, daß du der dümmste von allen bist und daß du von nun ab erst ernsthaft daran gehen mußt, klüger zu werden. Höre jeden Mann der Tat so aufmerksam an, wie wenn du überhaupt nichts wüßtest und alles von ihm lernen wolltest. Aber meine Worte sind noch ein Rätsel für dich. Sie werden keinen Eindruck auf dich machen. Dann wäre es nötig, daß dich irgendein Unglück trifft oder daß du von einer schweren Erschütterung heimgesucht wirst. Bete zu Gott, er möge dir diese Erschütterung senden, daß dir irgendeine unerträgliche Unannehmlichkeit [im Dienste] zustoßen möge, daß sich ein Mensch finden möge, der dich aufs tiefste beleidigt und in Gegenwart aller beschimpft, so daß du nicht weißt, wo du dich vor Scham verstecken sollst und mit einem Schlage die zartesten und empfindlichsten Saiten deiner Eitelkeit entzweireißest. Er wird dir ein wahrhafter Bruder und Retter sein. O wie sehr haben wir es nötig, einmal öffentlich und in Gegenwart aller eine Ohrfeige zu empfangen.
1844.
Nehmen Sie um Gottes willen jede Stellung an, die man Ihnen anbietet, und lassen Sie sich nicht irre machen. Ob Sie nun in den Kaukasus zu den Tscherkessen fahren, oder, auch weiterhin die Stellung eines Generalgouverneurs bekleiden werden, Sie sind jetzt überall notwendig. Was aber die Schwierigkeiten anbetrifft, von denen Sie reden, so ist jetzt alles schwierig. Heute ist alles so kompliziert geworden, es gibt überall so viel Arbeit. Je tiefer ich mit meinem Verstande in das Wesen der gegenwärtigen Verhältnisse eindringe, um so weniger vermag ich zu entscheiden, welches Amt, welcher Beruf heute der schwierigste und welcher der leichteste ist. Für einen Menschen, der kein Christ ist, ist heutzutage alles schwierig; für einen solchen dagegen, der Christus in all seine Angelegenheiten und in alle Taten seines Lebens hineinträgt, ist alles leicht. Ich will nicht sagen, daß Sie schon im vollen Sinne des Wortes ein Christ sind, aber Sie sind doch nahe daran, es zu sein. Sie werden nicht mehr von Ehrgeiz gestachelt. Weder die Aussicht auf Titel, Ehren und Auszeichnungen treibt Sie vorwärts. Sie denken nicht mehr daran, sich vor Europa auszuzeichnen und in Szene zu setzen und eine historische Persönlichkeit aus sich zu machen. Kurz, Sie haben bereits jene Stufe, jenen Seelenzustand erreicht, in dem sich ein Mensch befinden muß, der heute Rußland von Nutzen sein will. Was also brauchen Sie zu fürchten? Ich verstehe nicht einmal, wie ein Mensch sich vor etwas fürchten kann, der bereits erkannt hat, daß man überall als Christ handeln muß. Ein solcher Mann ist an jeder Stelle ein Weiser und ist in allen Dingen sachkundig. Wenn Sie in den Kaukasus reisen — so sehen Sie sich dort zunächst einmal gründlich und aufmerksam um. Ihre christliche Demut und Bescheidenheit wird Sie vor jeder Hastigkeit und Übereilung bewahren. Sie werden vor allem lernen wie ein Schüler. Sie werden keinen alten Offizier an sich vorüber gehen lassen, ohne ihn über seine persönlichen Zusammenstöße mit dem Feinde ausgefragt zu haben, denn Sie wissen, daß nur aus der Kenntnis der Einzelheiten die Kenntnis des Ganzen gewonnen werden kann. Sie werden sich von jedem von ihnen ihre Taten und Erlebnisse während des Kriegs- und Biwaklebens erzählen lassen, Sie werden die Tsitsianower und die Jermolower ausfragen ebenso wie die Offiziere der heutigen Epoche, und wenn Sie alle Daten, die Sie brauchen, gesammelt, wenn Sie alle Details kennen gelernt haben werden, werden Sie die einzelnen Ziffern und Posten zusammenfassen und die Summe daraus ziehen. Aus dieser wird sich ganz von selbst ein Feldzugsplan für den Feldherrn ergeben. Sie werden sich nicht erst den Kopf zu zerbrechen brauchen, es wird Ihnen klar sein, wie der lichte Tag, wie Sie zu handeln haben. Und wenn Sie den ganzen Plan in Ihrem Kopfe haben werden, so werden Sie sich auch dann noch nicht übereilen. Ihre christliche Demut wird Ihnen dies nicht erlauben. Sie werden ihn niemand mitteilen, werden alle bedeutenden Offiziere um Rat fragen, wie sie an Ihrer Stelle handeln würden, werden keine Meinung und keinen Rat gering achten, von wem er auch kommen möge, selbst wenn er von einem Menschen in niedriger Stellung herrührt, denn Sie wissen, daß Gott zuweilen auch einem einfachen Manne einen klugen Gedanken eingeben kann. Zu diesem Zwecke werden Sie jedoch keinen Kriegsrat einberufen, da Sie wissen, daß es ja nicht auf Debatten und Streitereien ankommt, sondern Sie werden der Meinung jedes einzelnen, der mit Ihnen reden will, Gehör schenken. Kurz, Sie werden jeden anhören, dann aber so handeln, wie es Ihnen Ihr eigener Verstand gebietet. Ihre eigene Vernunft aber wird Ihnen sicherlich klug raten, denn Sie werden alle anhören. Sie werden nicht einmal imstande sein, unvernünftig zu handeln, denn unvernünftige Handlungen entspringen nur aus Hochmut und übermäßigem Selbstvertrauen, aber die christliche Demut wird Sie überall retten und Sie vor Verblendung bewahren, der sogar viele sehr kluge Menschen zum Opfer fallen, die, wenn sie nur eine Hälfte einer Sache kennen gelernt haben, bereits glauben, die ganze Sache zu kennen und voller Hast und Übereilung zur Tat drängen, während doch selbst von einer Sache, die wir scheinbar von Grund aus zu kennen glauben, uns die gute Hälfte unbekannt und verborgen sein kann. Nein, Gott wird Sie vor dieser groben Verblendung bewahren. Weswegen also brauchen Sie sich vor dem Kaukasus zu fürchten?
Oder nehmen wir an, Sie würden auch weiterhin irgendwo in Rußland Generalgouverneur bleiben, so wird Sie auch hier die gleiche christliche Weisheit erleuchten. Ich weiß sehr wohl, daß es jetzt äußerst schwierig ist, in Rußland den Vorgesetzten zu spielen, — weit schwieriger als jemals und vielleicht auch schwieriger als im Kaukasus: es kommen soviel Mißbräuche vor, die Durchstechereien und die Bestechlichkeit haben so überhand genommen, daß ihre Beseitigung unsere menschliche Kraft übersteigt. Ich weiß auch, daß heutzutage eine besondere Art ungesetzlicher Geschäftspraxis unter Umgehung der Gesetze üblich geworden ist und sich bereits beinahe gesetzliche Geltung verschafft hat, so daß die Gesetze nur noch zum Scheine da sind, und wenn man sich die Dinge, über die andere oberflächlich hinwegsehen, ohne etwas Böses zu ahnen, bloß aufmerksam anschaut, so muß auch dem gescheitesten Menschen der Kopf schwindeln. Aber Sie werden auch hier klug zu handeln verstehen. Die christliche Demut und Bescheidenheit wird Sie auch in solchen Fällen lehren, nicht den Schlüssen des stolzen Verstandes Folge zu leisten, sondern sich geduldig umzusehen und auf Ihrer Hut zu sein. Sie wissen, wie vielen fremden Einflüssen ein jeder Mensch heutzutage ausgesetzt ist und wie sie alle auf seine Berufstätigkeit zurückwirken, und daher werden Sie sich dafür interessieren, die Männer, die die wichtigsten Ämter bekleiden, alle kennen zu lernen und zwar sie nach allen Richtungen kennen zu lernen: in ihrem häuslichen und in ihrem Familienleben, in ihrer Art, zu denken, in ihren Neigungen und ihren Gewohnheiten. Zu diesem Zwecke werden Sie sich jedoch keiner Spitzel bedienen. Nein, Sie werden sie selbst ausfragen, und sie werden Ihnen alles sagen, und sich Ihnen offen mitteilen, denn in Ihrem Wesen liegt etwas, was allen Vertrauen einflößt. Hierdurch werden Sie alles erfahren, was ein Schreier oder ein sogenannter Polterer niemals erfahren würde. Sie werden nie einen einzelnen wegen einer ungesetzlichen Handlung verfolgen, ehe Ihnen nicht die ganze Kette vor Augen liegt, innerhalb deren der von Ihnen ins Auge gefaßte Beamte nur ein notwendiges Glied ist. Sie wissen bereits, daß sich die Schuld heutzutage auf alle verteilt, daß man unmöglich gleich zu Anfang sagen kann, wer mehr Schuld trägt als die andern: es gibt Schuldige, die unschuldig und es gibt Schuldige, die schuldig sind. Aus diesem Grunde werden Sie jetzt weit vorsichtiger und bedächtiger sein, als Sie es jemals gewesen sind. Sie werden tiefer und genauer in die Seele des Menschen hineinzublicken suchen, da Sie wissen, daß sie der Schlüssel zu allem ist. Die Seele muß man heute kennen lernen, immer wieder die Seele, denn ohne dies kann man nichts ausrichten. Die Seele aber kann nur ein Mensch kennen lernen, der bereits begonnen hat, an seiner eigenen Seele zu arbeiten, wie Sie dies jetzt tun. Wenn Sie in dem Gauner nicht nur den Gauner, sondern zugleich den Menschen sehen, wenn sie alle seine geistigen Kräfte und Fähigkeiten, die ihm dazu gegeben wurden, um Gutes zu vollbringen und die er angewandt hat, um Übles zu tun, oder überhaupt hat brachliegen lassen, erkennen werden, dann wird es Ihnen gelingen, ihm so ins Gewissen zu reden und ihn gegen sich selbst auszuspielen, daß er nicht wissen wird, wo er sich vor sich selbst verbergen soll. Die Sache wird plötzlich eine ganz andere Wendung nehmen, wenn man dem Menschen zeigen wird, worin er sich nicht gegen die andern, sondern gegen sich selbst vergangen hat. Hierdurch kann man ihn so sehr in seinem ganzen Wesen erschüttern, daß er plötzlich Mut und Lust bekommen wird, ein anderer zu werden, und dann erst werden Sie erkennen, wie dankbar die Natur eines Russen selbst noch im Gauner sein kann. Ihre gegenwärtige Tätigkeit als Generalgouverneur wird etwas gänzlich anderes darstellen als Ihre ehemalige Tätigkeit. Der Hauptfehler in Ihrer ehemaligen Regierungstätigkeit (die indessen sehr viel Nutzen gebracht hat, obwohl Sie sie jetzt verurteilen und lästern), bestand meiner Ansicht nach gerade darin, daß Sie das Wesen Ihres Berufs nicht ganz richtig bestimmt hatten. Sie hielten den Generalgouverneur für den dauernden Vorgesetzten und den eigentlichen wirtschaftlichen Verwalter und Regenten der Provinz, dessen wohltätiger Einfluß nur bei einem längeren Aufenthalt an ein und demselben Orte der Provinz spürbar werden kann. Einer unser Staatsmänner hat dieses Amt folgendermaßen definiert: „Der Generalgouverneur ist der Minister des Innern, der sich auf der Durchreise befindet.“ Diese Definition ist genauer und entspricht mehr dem, was die Regierung selbst von den Vertretern dieses Amtes verlangt. Dieses Amt ist mehr ein provisorisches als ein dauerndes. Der Generalgouverneur wird darum in die Provinz entsandt, um den Pulsschlag des Staats innerhalb der Provinz zu beschleunigen, in den Gouvernements den ganzen Regierungsapparat in schnellste Bewegung zu setzen, und zwar sowohl in den Instanzen der Provinz, die miteinander in Verbindung stehen, wie in denen, die unabhängig sind und unter der Verwaltung der einzelnen Ministerien stehen; allen einen Anstoß zu geben, durch seine unumschränkte Macht die schwierige Situation vieler Instanzen in ihrem Verkehr mit den weit entfernten Ministerien zu erleichtern, und ohne neue Prinzipien und ohne von sich selbst aus etwas Eigenes einzuführen, alles innerhalb der gesetzlichen Grenzen, die bereits vorgeschrieben und ein für allemal gezogen sind, in eine schnellere Bewegung zu bringen. Diese Gewalt, die in der höchsten Kontrolle und Überwachung alles dessen besteht, was schon vorhanden und bereits eingeführt ist, haben Sie mit der mühevollen Pflicht des Regenten verwechselt, der sich selbst in dem ganzen Haushalt zurechtfinden und mit ihm fertig werden muß und der alle kleinen Ausgaben auf sich zu nehmen hat. Sie haben einen Teil davon, was zu den Obliegenheiten des Gouverneurs und nicht zu denen des Generalgouverneurs gehört, an sich gerissen, und haben damit die Bedeutung Ihres höchsten Amtes verringert, Sie haben Ihre Stellung für eine lebenslängliche gehalten. Sie wollten in Ihren eigenen Schöpfungen und Einrichtungen ein Denkmal, ein Erinnerungszeichen an Ihren Aufenthalt hinterlassen. Ein edles Streben. Aber wenn Sie schon damals das gewesen wären, was Sie jetzt sind, d. h. wenn Sie mehr Christ gewesen wären, dann hätten Sie für ein anderes Denkmal Sorge getragen. Wege, Brücken und allerhand Verkehrsmittel zu schaffen und sie so klug anzulegen, wie Sie dies getan haben, ist in der Tat eine notwendige Sache, aber manchen inneren Weg zu ebnen, auf dem der Russe bei seinem Streben nach voller Entfaltung seiner Kräfte bisher noch aufgehalten und daran gehindert wird, aus den Landstraßen wie aus allen anderen Äußerlichkeiten der Bildung, um die wir heute so eifrig bemüht sind, Nutzen zu ziehen, ist eine noch notwendigere Sache. Wenn Puschkin sah, daß man sich nicht um das Wesen einer Sache, sondern um etwas bemühte, was nur eine Folge der eigentlichen, der Hauptsache war, pflegte er sich gewöhnlich des russischen Sprichworts zu bedienen: „Wenn nur erst der Zuber da ist, an den Schweinen wird es nicht fehlen.“ Die Brücken, die Wege und all diese Verkehrsmittel, das sind die Schweine und nichts anderes: wenn nur erst Städte da sind, dann werden sie schon von selbst kommen. In Europa hat man sich viel um sie bemüht und viel Sorgen um sie gemacht. Als jedoch die Städte entstanden, entstanden auch die Verkehrswege von selbst: Privatleute haben sie erbaut ohne jede Unterstützung der Regierung, und jetzt haben sie sich in solch ungeheurem Maße vermehrt, daß man sich schon ernstlich die Frage vorzulegen beginnt: Wozu brauchen wir nur so schnelle Verkehrsmittel? Was hat die Menschheit durch all diese Eisenbahnen und andere Bahnen gewonnen, was hat sie auf allen Gebieten ihrer Kulturentwicklung gewonnen, und was hat es für einen Wert, daß heute eine Stadt verarmt, und eine andere dafür zu einem Trödelmarkt wird und daß die Zahl der Müßiggänger auf der ganzen Welt so zunimmt. In Rußland wäre dieser ganze Plunder schon längst von selbst entstanden und zwar mit all dem Zubehör von Bequemlichkeiten, wie sie selbst in Europa nicht vorhanden sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich gehört, um ihre inneren Angelegenheiten bekümmert hätten. „Denket zuerst daran,“ sagt der Heiland, „alles andere wird euch von selbst zufallen.“ Ihre Leistungen auf moralischem Gebiete waren viel bedeutender. Wen ich auch gehört habe, alle urteilen mit großer Achtung über Ihre Verfügungen, alle sagen, Sie hätten viele Mißbräuche ausgerottet und sehr viel wahrhaft edle und vorzügliche Beamte angestellt. Ich habe davon gehört, obwohl Sie es mir aus Bescheidenheit nicht mitgeteilt haben. Aber Sie hätten noch mehr geleistet, wenn Sie damals in Betracht gezogen hätten, daß Ihre Tätigkeit nur provisorischer Art ist und daß Sie nicht nur dafür hätten sorgen sollen, daß alles gut steht, solange Sie da sind, sondern vielmehr dafür, daß auch nach Ihrem Scheiden alles in bester Ordnung sei. Sie hätten sich fortwährend vorstellen sollen, daß Ihr Amt nach Ihnen von einem schwachen und unfähigen Nachfolger besetzt werden wird, der die von Ihnen eingeführte Ordnung nicht nur nicht aufrechterhalten, sondern Sie auch in Verfall kommen lassen wird, und daher hätten Sie von vornherein daran denken müssen, etwas so Starkes und Dauerndes zu schaffen und das Geschaffene so zu befestigen und so stark zu verwurzeln, daß nach Ihnen schon niemand mehr imstande wäre, umzustoßen, was Sie einmal in Gang gebracht haben. Sie hätten die Axt an die Wurzel des Übels legen sollen und nicht an die Stämme und Zweige, und Sie hätten dem allgemeinen Getriebe einen solchen Impuls geben sollen, daß die Maschine nach Ihrem Fortgang von selbst arbeitet und daß kein Aufseher es mehr nötig hätte, neben ihr zu stehen, um sie zu beaufsichtigen, und hierdurch erst hätten Sie sich ein ewiges Denkmal Ihrer Generalgouverneurschaft errichtet. Jetzt weiß ich, daß Sie ganz anders handeln werden, aber darum dürfen Sie dieses Amt nicht gering achten, wenn es Ihnen aufs neue angeboten wird. Noch niemals war ein Generalgouverneur eine so wichtige und notwendige Persönlichkeit wie in unserer Zeit. Ich will Ihnen einige Leistungen nennen, zu denen heutzutage niemand fähig ist außer dem Generalgouverneur.
Die erste ist folgende: Alle Stände und Berufe in ihre gesetzlichen Grenzen zurückzuführen und einem jeden Provinzbeamten die Pflichten, die sein Beruf ihm auferlegt, zu vollem Bewußtsein zu bringen; das ist keineswegs unnütz. In der letzten Zeit sind alle Berufe und Ämter der Provinz in ganz unmerklicher Weise aus ihren Grenzen und Schranken getreten, die ihnen vom Gesetze vorgeschrieben werden. Die Kompetenzen der einen sind viel zu sehr beschnitten und begrenzt, andere wieder in ihrer Bewegungsfreiheit auf Kosten der Übrigen allzusehr erweitert worden. Die eigentlichen Hauptinstanzen haben durch die Schaffung einer großen Zahl abhängiger und provisorischer Stellungen an Macht und Kraft verloren. In der letzten Zeit hat es sich besonders fühlbar gemacht, daß gerade dort, wo man hemmend eingreifen sollte, die Macht und die Kompetenzen viel zu unbeschränkt waren und die Handlungsfreiheit zu groß war, und andererseits machte sich wiederum der Umstand bemerkbar, daß einem die Hände gebunden waren, wo man fördernd eingreifen mußte. Es ist jetzt soviel schwieriger geworden, jeden Beruf in den ihm durch das Gesetz angewiesenen Wirkungskreis zurückzuführen, weil die Beamten selbst an ihren Begriffen von ihrem Beruf irre geworden sind. Sie übernehmen ihn als Erbschaft von ihrem Vorgänger und zwar genau in der Gestalt, die ihm von jenem gegeben worden ist. Sie nehmen mehr oder weniger Rücksicht auf diese Form und Gestalt und nicht auf das eigentliche Urbild, das ihnen schon völlig aus dem Bewußtsein entschwunden ist. Aus diesem Grunde haben schon viele wohlmeinende und sogar kluge Vorgesetzte die Ämter, die man bloß sich selbst wiederzugeben brauchte, gänzlich aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Das aber kann nur von dem höchsten und souveränen Vorgesetzten ausgehen, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst gründlich über das Wesen eines jedes Berufes zu unterrichten. Alle unsere Ämter und Berufe stellen in ihrer ursprünglichen Form wirklich gute und schöne Einrichtungen dar und sind geradezu wie geschaffen für unser Land. Sehen wir uns zu diesem Zwecke einmal den ganzen Organismus eines Gouvernements etwas näher an.
Die erste Person ist der Gouverneur. Seine Kompetenzen sind sehr umfangreich. Er ist der Vorgesetzte und der unumschränkte Regent und Leiter von allem, was mit der wirtschaftlichen und polizeilichen Verwaltung des ganzen Gouvernements, d. h. sowohl mit der städtischen (hierunter verstehe ich alles, was sich auf die inneren Einrichtungen der Städte und die Aufrechterhaltung der Ordnung in ihnen bezieht) als auch mit der Verwaltung der Landschaften zusammenhängt, wozu ich alles rechne, was in den Gegenden, die außerhalb des Stadtbildes liegen, geschieht: die Erhebung der Steuern, die Verteilung der Lasten, die Anlage von Straßen und allerhand Bauangelegenheiten und Reparaturen. Im ersten Falle hängen der Polizeimeister der Provinz und die Bürgermeister aller Städte völlig von ihm ab und stehen ihm gänzlich zur Verfügung; im zweiten Falle kann er über den Hauptmann der Landpolizei und die Assessoren der Landschaft verfügen, die durch die Gouvernementsverwaltung, welche nach der Art der Kollegialverwaltungen aus Räten zusammengesetzt ist und kein eigenes Bureau mit einem Sekretär darstellt, mit ihm verkehren, so daß die Verantwortlichkeit bei jedem schweren Mißbrauch, den sich der Gouverneur zuschulden kommen läßt, unbedingt auf die Räte und die Beamten fällt und daß er trotz all seiner unumschränkten Gewalt dennoch in gewissem Sinne beschränkt ist. Er ist mehr als ein bloßes Mitglied der Verwaltung und ein Zeuge des Geschäftsganges in den andern staatlichen Organen, die gar nicht von ihm abhängen und unter ihren eigenen besonderen Ministerien stehen. Wenn diese Instanzen irgendwelche Abmachungen treffen oder Verträge schließen, die sich auf die Verpachtung oder den Rückkauf von Staatsländereien, Seen oder überhaupt über irgendwelche Ein- oder Verkäufe beziehen und irgendwelche Abkommen hierüber eingehen, so muß er schon zugegen sein. Es darf kein staatlicher Auftrag vergeben und kein Vertrag geschlossen werden, ohne daß er anwesend ist. Demnach werden auch die Instanzen, die hinsichtlich ihrer inneren Geschäftsführung gar nicht von ihm abhängen, doch durch seine Anwesenheit daran gehindert, irgendwelche Mißbräuche zu begehen.
Der ganze Apparat der Justiz, wie z. B alle Kreisgerichte und ihre höchste Instanz, das Zivilgericht, scheint, da dieses völlig von seinem Ministerium abhängig ist, ganz unabhängig vom Gouverneur zu sein, und doch werden diese Instanzen auf Schritt und Tritt durch den Gouverneur daran gehindert, Mißbräuche zu begehen, da dieser während seiner Inspektionsreisen durch die Provinz, die mindestens zweimal im Jahre stattfinden, das Recht hat, dem Gericht einen Besuch abzustatten und zu verlangen, daß ihm zwei oder drei Gerichtsentscheidungen vorgelegt werden, die er auf gut Glück herausgreifen kann, um sie bei sich zu Hause mit seinem Sekretär nachzuprüfen und auf diese Weise alle in Schrecken zu halten. Kurz, obwohl er keinerlei Oberhoheit über die Instanzen hat, die von anderen Vorgesetzten abhängen, hat er doch das Recht, überall Mißbräuche zu verhindern, wo solche immer vorkommen mögen. Auf den Adel kann er lediglich einen moralischen Einfluß ausüben. Im übrigen ist es so eingerichtet, daß er es in seinem amtlichen Verkehr mit dem Adel, mit dem eigenen Vertreter des Adels, dem Adelsmarschall der Provinz zu tun hat und sich lediglich durch diesen mit dem ganzen Adel in Beziehung und ins Einvernehmen setzt; an diesem Punkte tritt die Weisheit des Gesetzgebers mit besonderer Deutlichkeit zutage, denn auf eine andere Weise wäre es dem Generalgouverneur gänzlich unmöglich, sich mit dem Adel in Beziehung und ins Einvernehmen zu setzen, wenn man nämlich die große Verschiedenheit in der Erziehung, in den Sitten, der Denkweise und die ungeheure Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit der Charaktere in unserem Adelstande in Betracht zieht, wie sie in keinem europäischen Adelsgeschlechte vorkommt und wie sie sich bei uns in unserem Adel verkörpert hat. Der Rang des Adelsmarschalls ist dem des Gouverneurs beinahe gleich, denn der Adelsmarschall hat nächst dem Gouverneur Anspruch auf den ersten Platz in der Provinz; schon allein dadurch werden beide auf die Notwendigkeit hingewiesen, gute Freundschaft zu halten, da ihre gesellschaftlichen Beziehungen sonst etwas Gezwungenes haben, und da sie sich in ihrem amtlichen Verhältnis unfrei und beengt fühlen würden. Auch die Ämter des Polizeihauptmanns und der Assessoren, die beide vom Adel gewählt werden, aber ganz von dem Gouverneur abhängen, weisen darauf hin, wie notwendig es ist, daß beide Teile sich gegenseitig unterstützen. Der Adelsmarschall kann auch in solchen Fällen sehr viel ausrichten, wo seine eigene Macht beschränkt ist, indem er sich auf den Gouverneur beruft und mit ihm droht; und ebenso vermag der Gouverneur durch den Adelsmarschall weit erfolgreicher und kraftvoller auf den Adel einzuwirken.
Fehler und Versehen können überall vorkommen, überall können sich Unrecht, Lüge und Trug einschleichen; selbst der Gouverneur kann fehlen und irren. Doch auch dieser Fall ist vorgesehen: dafür gibt es eine besondere Persönlichkeit, die von niemand abhängt, und die allen, selbst dem Gouverneur gegenüber ihre Unabhängigkeit wahren muß — das ist der Staatsanwalt, der das Auge des Gesetzes ist, ohne das kein Stück Aktenpapier über die Grenzen der Provinz hinausgelangen kann. Keine Angelegenheit kann vor einer Instanz des Gouvernements zur Verhandlung kommen, ohne ihm vorgelegt zu werden. Es kann kein Beschluß gefaßt werden, ohne daß er zuvor jede Seite mit dem Vermerk „Gelesen“ versehen hat. Er selbst aber hat niemand in der ganzen Provinz über sich; er hat niemand Rechenschaft abzulegen außer dem Justizminister; nur mit diesem steht er in unmittelbarem Verkehr, und er kann jederzeit gegen alles, was in der Provinz unternommen wird, Beschwerde einlegen.
Mit einem Wort, es fehlt nirgends an etwas, und aus allem spricht die Weisheit des Gesetzgebers; aus der Einsetzung der einzelnen staatlichen Autoritäten sowohl wie aus der Art ihres Verkehrs miteinander. Ich rede nicht einmal von den Institutionen, die auf einen noch größeren Weitblick der Regierung schließen lassen; ich will nur an das Gewissensgericht erinnern, denn etwas Ähnliches ist mir in keinem anderen Staate bekannt geworden. Meiner Überzeugung nach ist das der Gipfel der Menschenliebe und der Herzenskenntnis. Alle Fälle, in denen ein Konflikt mit dem Gesetz als eine Last und als Härte empfunden werden würde, alle Angelegenheiten, an denen Jugendliche oder Geisteskranke beteiligt sind, alles, worüber nur das menschliche Gewissen zu entscheiden vermag, und jene Fälle, wo selbst die Anwendung des gerichtlichen Gesetzes zur Ungerechtigkeit würde; kurz alles, was im höchsten Sinne des Christentums in liebevoller und friedlicher Weise und unter Vermeidung aller Weiterungen vor höheren Instanzen entschieden und erledigt werden muß — fällt unter die Kompetenzen dieses Gerichts. Wie weise ist doch die Einrichtung, daß die Wahl des „Gewissensrichters“ vom Adel abhängt, denn der Adel wählt hierzu gewöhnlich einen Mann, den die allgemeine Stimme für den menschenfreundlichsten und uneigennützigsten Menschen erklärt. Wie gut ist es ferner, daß er keinerlei Gehalt oder Lohn für seine Mühe erhält, und daß diese Tätigkeit für den Menschen mit keinerlei weltlichen Lockungen verbunden ist! Eine Zeitlang war ich von dem lebhaften Wunsch beseelt, dieses Amt zu übernehmen. Wieviel verwickelte Streitfälle kann man da schlichten! Die Parteien werden ihre Streitigkeiten ohne Rücksicht auf ihren eigenen Vorteil dem Gewissensgericht unterbreiten, so wie es bekannt wird, daß der Richter tatsächlich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet und daß er sich durch die Verwaltung seines göttlichen Richteramts berühmt gemacht hat. Denn wer von uns sehnt sich nicht nach Frieden und Versöhnung?
Kurz, je genaueren Einblick man in den Verwaltungsorganismus unserer Provinzen gewinnt, um so mehr staunt man über die Weisheit der Gesetzgeber: man hat das Gefühl, Gott selbst habe die Herrscher und Regenten mit unsichtbarer Hand geleitet und gelenkt. Hier fehlt es an nichts, ist alles vollendet, alles ist so darauf angelegt, daß wir uns gegenseitig die Hand reichen, uns zu guten Handlungen anfeuern und uns gegenseitig helfen und fördern, nur die Wege zu Mißbräuchen sollen uns verbaut werden. Ich kann mir nicht einmal denken, was ein besonderer Beamter hier noch sollte, jede neue Person wäre hier nicht am Platze, jede Neuerung wäre eine überflüssige Zutat. Und doch haben sich, wie Sie ja selbst wissen, in den Provinzen Regierungsbeamte gefunden, die es verstanden, diesen ganzen Mechanismus noch durch eine Schar von Beamten mit besonderen Aufträgen und eine lange Reihe von provisorischen Kommissionen und Untersuchungskommissionen zu belasten, die die Funktionen jeder Instanz noch weiter geteilt und zerlegt und den Beamten so den Kopf verwirrt haben, daß sie jeden Begriff von den genauen Grenzen ihres Berufs verloren. Es ist sehr gut, daß Sie es nicht auch so gemacht haben, Sie verstanden die Sache nämlich schon damals viel besser, als die andern. Sie wissen zu gut: einen neuen Beamten anstellen, der einem andern auf die Finger sehen soll, damit er nicht soviel stiehlt, das bedeutet soviel, wie zwei Diebe statt eines schaffen. Überhaupt ist dies System der gegenseitigen Beschränkung und Überwachung eine höchst kleinliche Methode. Man kann die Wirkungssphäre eines Menschen nicht durch die eines anderen beschränken, schon im folgenden Jahre wird sich die Notwendigkeit herausstellen, auch den unter Aufsicht und Kontrolle zu stellen, den man angestellt hat, um die Macht des ersten zu beschränken, und so würden die gegenseitigen Einschränkungen kein Ende nehmen. Das ist ein trauriges und törichtes System; gleich allen andern negativen Systemen konnte es sich nur in Kolonialstaaten herausbilden, die sich aus allerhand zusammengelaufenen Völkern zusammensetzten, kein nationales Ganzes bildeten und von keinem gemeinsamen Volksgeist beseelt wurden, bei solchen Völkern gibt es weder so etwas wie Selbstaufopferung noch vornehme Gesinnung, solche Nationen lassen sich nur von ihrem persönlichen Eigennutz leiten. Man muß Zutrauen zum Adel menschlicher Gesinnung haben, sonst kann es überhaupt keinen Adel der Gesinnung geben. Wer da weiß, daß man ihn mit Mißtrauen ansieht, wie einen Gauner, und ihm überall Aufseher zugesellt, die ihn überwachen sollen, der läßt unwillkürlich die Hände sinken. Man muß den Menschen die Hände lösen und sie nicht noch fester binden. Man muß darauf dringen, daß sich jeder allein beherrschen lernt, damit er nicht von andern festgehalten zu werden braucht; er muß weit strenger gegen sich sein, als das Gesetz, und selbst einsehen lernen, worin er sich an seinem Amte versündigt. Kurz, man muß ihm einen Begriff von dem Wesen seiner höheren Aufgabe beibringen. Das aber vermag allein der Generalgouverneur, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst über das wahre Wesen jedes Amts und Berufs zu unterrichten, sich an die Stelle jedes Beamten zu versetzen, den er zum vollen Verständnis seiner Pflichten erziehen möchte, und in Gedanken mit ihm zusammen den Dienst zu verrichten. Hierdurch wird Ihr ganzer Verkehr mit den Beamten einen persönlichen Charakter annehmen; Sie werden dazu keiner Sekretäre und keiner Schreibereien auf totem Aktenpapier bedürfen; infolgedessen werden Sie nur ein kleines eigenes Bureau haben, das keine Ähnlichkeit mit jenen ungeheueren riesenhaften Kanzleien haben wird, wie sie sich andere Regierungsbeamte einrichten. Diese ungeheueren Bureaus aber sind, wie Sie selbst wissen, ein großer Schaden, denn sie tragen dazu bei, allen Beamten ihre eigentliche Arbeit abzunehmen, eine neue Instanz und folglich neue Schwierigkeiten zu schaffen, ja sie sind der Anlaß, daß ganz unmerklich neue Persönlichkeiten mit wichtigen Machtvollkommenheiten auftauchen, z. B. irgendein gewöhnlicher Sekretär, den häufig niemand bemerkt und durch dessen Hände dennoch alle Akten gehen; ein solcher Sekretär schafft sich eine Geliebte an, dies führt zu Intrigen und Streitigkeiten, und bald ist der Teufel in eigener Person da, der doch jederzeit auf der Lauer liegt. Das Ende vom Liede aber ist dies: daß abgesehen von der Heraufbeschwörung neuer Verwirrungen und Verwickelungen noch unübersehbare Summen von Staatsgeldern verschlungen werden. Gott bewahre Sie davor, sich ein Bureau einzurichten. Setzen Sie sich nie anders als persönlich mit jemand auseinander. Wie kann man bloß gering von einem Gespräch mit einem Menschen denken, besonders wenn es sich dabei um etwas, was ihm nahe liegt, um seinen Beruf und seine Pflichten, und folglich um seine Seele selbst handelt? Wie kann man nur ein törichtes Zeitungsgeschwätz und totes Gerede über allerhand Schwindelnachrichten, wie sie aus den verlogenen europäischen Zeitschriften geschöpft werden, einem solchen Gespräch vorziehen? Die Pflicht der Menschen ist ein Gegenstand, über den man sich so unterhalten kann, daß es beiden Teilnehmern so scheint, als sprächen sie in Gottes eigener Gegenwart mit den Engeln. Nun denn, so reden auch Sie auf diese Weise mit Ihren Untergebenen, d. h. reden Sie so mit ihnen, daß ihre Seele Nahrung und Belehrung aus dem Gespräch schöpft! Vor allem aber — und dies dürfen Sie nie vergessen — sprechen Sie russisch mit ihnen. Damit meine ich nicht jene Sprache, der wir uns jetzt in der Praxis des täglichen Lebens bedienen und die hierbei der Verhunzung verfällt, auch nicht die Büchersprache oder die Sprache, die sich zu einer Zeit herausgebildet hat, als bei uns noch allerhand Mißbräuche an der Tagesordnung waren, sondern jene echte wahrhafte russische Sprache, deren unsichtbare Schwingungen das ganze russische Land durchdringen, trotz unserer Ausländerei in unserem eigenen Lande, jene Sprache, die zwar noch nicht mitbeteiligt ist an dem Werke unseres Lebens und die wir doch alle als die wahre russische Sprache empfinden. In dieser Sprache heißt der Vorgesetzte: Vater. Seien auch Sie ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein Vater aber führt keine papierene Korrespondenz mit seinen Kindern, sondern verständigt sich direkt und unmittelbar mit einem jeden von ihnen. Wenn Sie es so machen werden, werden Sie jedem das echte Verständnis für seinen Beruf mitteilen und eine wahrhaft große Leistung vollbringen.
Und nun will ich Ihnen noch eine Aufgabe nennen, die niemand lösen kann, außer einem Generalgouverneur, und die heute nicht bloß einem Bedürfnis, sondern geradezu einer dringenden Notwendigkeit entspricht; es ist dies die Aufgabe, dem Adel eine richtige Auffassung von seiner Bestimmung beizubringen. Der Adel in seinem wahrhaft russischen Wesenskern ist etwas sehr Schönes, trotz der fremdländischen Schale, von der er zeitweilig überwachsen ist. Aber unser Adel hat noch kein Gefühl dafür. Vielen dämmert zwar schon eine dunkle Ahnung davon auf, andre jedoch wissen noch immer nicht das Geringste davon, wiederum andere nehmen sich den Adelsstand fremder Länder zum Vorbild, und schließlich gibt es noch solche, die sich nicht einmal die Frage stellen, ob es überhaupt einen Adel auf der Welt zu geben brauchte? Aber selbst wenn sich unter ihnen einige Leute befinden, die ein Paar vernünftige und klare Gedanken über diese Frage haben, so dringen diese Gedanken doch noch nicht in die Massen, und die Masse hört sie noch nicht. In der letzten Zeit hat sich in unserem Adelsstande zu alledem wieder ein Geist des Mißtrauens gegen die Regierung verbreitet. Während der letzten europäischen Revolutionen und Wirren aller Art waren einige Bösewichte besonders bemüht, in den Kreisen unseres Adels das Gerücht zu verbreiten, als suche die Regierung die Bedeutung des Adels herabzusetzen und ihn bis zur völligen Bedeutungslosigkeit herabzudrücken. Allerhand Flüchtlinge, Emigranten und Leute, die es nicht gut mit Rußland meinten, schrieben allerlei Aufsätze und füllten die Spalten der ausländischen Zeitungen mit ihnen an, in der Absicht, Feindschaft zwischen der Regierung und dem Adel zu säen: einerseits wollte man dem russischen Kaiser beweisen, daß es eine phantastische Partei von Bojaren gäbe, die an der regierenden Gewalt selbst rüttelten, und andererseits wollte man dem Adel einreden, daß der Kaiser ihm nicht wohlwolle und diesen Stand überhaupt nicht schätze, das heißt, diese Leute wollten eine solche Suppe in Rußland einbrocken und solche Wirren hervorrufen, die ihnen Gelegenheit geben sollten, selbst eine Rolle zu spielen. Man spekulierte darauf, daß Furcht und gegenseitiges Mißtrauen etwas Schreckliches sind und allmählig selbst die heiligsten Bande zu zerreißen vermögen. Aber Gott sei Dank, die Zeiten sind vorüber, wo ein paar verrückte Menschen einen ganzen Staat in Aufruhr bringen konnten. Dieser Versuch blieb nichts als ein phantastisches Projekt; dennoch aber haben die Funken des gegenseitigen Mißtrauens und Mißverstehens gezündet, und ich kenne viele Adelige, die ganz ernstlich davon überzeugt sind, daß der Kaiser den Adelstand nicht liebt, und die sogar tief betrübt darüber sind. Bringen Sie diese Sache ins reine und klären Sie diese Leute über die ganze Wahrheit auf, ohne ihnen das Geringste vorzuenthalten. Sagen Sie ihnen, daß der Kaiser diesen Stand mehr liebt als alle anderen Stände, aber freilich nur den Adel in seinem echt russischen Wesen, nur jene schöne edle Form und Gestalt des Adels, die dem eigentlichen Geiste unseres Landes entspricht. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Sollte er etwa die Zierde, die Blüte seines Landes nicht lieben? Denn bei uns ist der Adel die Blüte des eigenen Volkes und nicht ein fremdes eingewandertes Element. Allein der Adel muß selbst zeigen, was er ist, und die Bedeutung seines Berufs beweisen, denn so wie er jetzt ist, bei diesem völligen Mangel eines einheitlichen gemeinsamen Besitzes, bei dieser Verschiedenartigkeit der Anschauungen, der Erziehung, der Lebensweise und der Gewohnheiten, bei dieser falschen und verworrenen Ansicht über sich selbst kann der Adel niemand eine wirkliche, wahrhafte Vorstellung davon mitteilen, was der Adel in unserem Lande eigentlich darstellt. Daher kann auch der weiseste Mann heute nicht wissen, was er mit diesen Leuten anfangen soll. Der Adel muß sich selbst seine wahre und volle Bedeutung wieder erobern. Und dabei können Sie allen in wahrem Sinne behilflich sein, denn Sie sind doch selbst ein russischer Edelmann, und da Sie Verständnis für die Bedeutung unseres Adels besitzen, werden Sie sie auch den Leuten am besten klarmachen können. Dazu bedarf es nicht etwa vieler Worte, denn das, was Sie ihnen erklären werden, liegt ja schon im Keim angelegt in ihrer Brust. Unser Adel ist in der Tat eine ganz ungewöhnliche Erscheinung. Dieser Stand hat sich bei uns ganz anders herausgebildet als in anderen Ländern. Er führt seinen Ursprung nicht etwa auf eine gewaltsame Invasion eines fremden Stammes zurück, er ist nicht aus Vasallen und ihrem Heeresgefolge hervorgegangen, die sich in beständiger Auflehnung gegen die höchste Gewalt befinden und die Bedrücker der unteren Klassen sind; unser Adel leitet seinen Ursprung von Diensten her, die er dem Kaiser und dem ganzen Lande geleistet hat, von Leistungen, die auf sittlichen Vorzügen und Verdiensten und nicht auf roher Gewalt beruhten. Unser Adel kennt den Stolz auf irgendwelche Vorzüge und Privilegien seines Standes nicht, wie man ihn wohl in anderen Ländern findet, der Hochmut der deutschen Aristokraten ist ihm fremd; bei uns prahlt niemand mit seinem Geschlecht oder mit dem alten Ursprung seiner Familie, obwohl unsere Aristokratie die älteste ist — dies tun höchstens ein paar Anglophile, die diese Gewohnheit während ihrer Reisen in England angenommen haben; es mag wohl hin und wieder einmal vorkommen, daß sich jemand seiner Ahnen rühmt, doch auch dann nur solcher, die ihrem Kaiser und ihrem Land wirkliche treue Dienste geleistet haben, dagegen soll er es nur versuchen, mit einem Ahnherrn zu prahlen, der ein schlechter Kerl war, seine eigenen Standesgenossen würden sofort ein Epigramm gegen ihn loslassen. Es gibt nur eine Sache, der sich ein jeder zu rühmen wagt, — das ist das Gefühl für sittlichen Anstand, das ihm Gott selbst in die Brust gelegt hat. Und wenn es darauf ankommt, diese höchste innere Vornehmheit durch die Tat zu beweisen, so bleibt bei uns kein einziger hinter dem andern zurück, selbst wenn es der schlechteste von ihnen allen ist und wenn er ganz tief in Schmutz und Asche drinsteckt. Der Adel ist bei uns etwas wie ein Gefäß für diesen sittlichen Anstand, der sich über das ganze russische Land verbreiten muß, damit alle anderen Stände einen Begriff davon erhalten, warum der höchste Stand die Blüte des Volkes genannt wird. Wenn Sie ihnen annähernd das sagen werden, was ich Ihnen hier sage, und was die lauterste Wahrheit ist, und wenn Sie sie auf den Wirkungskreis hinweisen werden, der sich jetzt vor ihnen allen auftut: auf den Wirkungskreis, in dem sie ihren Namen verewigen und ihm ein dauerndes Leben in der Nachwelt sichern können, wenn Sie es ihnen völlig klarmachen werden, daß das ganze russische Land um Hilfe schreit und daß man dem Lande nur durch große, hochherzige Taten helfen kann, daß man aber vor allem denen mit großen Taten vorangehen soll, denen Adel und Vornehmheit schon bei der Geburt geschenkt wurden, so werden Sie sehen, daß ihre Herzen mit dem Ihren zusammenklingen werden, wie zwei Becher bei einem Festmahl. Verheimlichen Sie ihnen nichts, sondern eröffnen Sie ihnen die volle Wahrheit. Sollen sie etwa dieselben Dinge aus lügenhaften Berichten ausländischer Zeitungen erfahren und soll man etwa allerhand Brauseköpfe ihnen den Kopf verwirren lassen? Decken Sie ihnen die ganze Wahrheit auf. Sagen Sie ihnen, daß Rußland wirklich unter den räuberischen Praktiken und unter den Betrügereien zu leiden hat, die heute mit einer Dreistigkeit ihr Haupt erheben, wie noch nie zuvor, und daß dem Kaiser das Herz so weh tut, wie niemand von ihnen es ahnt oder glaubt und auch nur ahnen kann. Ja und könnte es denn anders sein beim Anblick dieses Knäuels neuer Verworrenheiten und Verwickelungen, die sich zwischen den Menschen aufgetürmt, sie voneinander getrennt und jedermann die Möglichkeit geraubt haben, Gutes und wahrhaft Nützliches für sein Vaterland zu leisten, angesichts endlich dieser allgemeinen Verfinsterung und Entfremdung gegenüber dem Geist des Vaterlandes, angesichts endlich all dieser Erpresser und Gauner, dieser käuflichen Rechtsverdreher und Räuber, die wie die Raben von allen Seiten herbeigeflogen kommen, um uns bei lebendigem Leibe zu fressen und im Trüben nach ihrem elenden Vorteil zu fischen. Wenn Sie ihnen das sagen und ihnen sodann beweisen werden, daß Sie jetzt vor der großen Aufgabe stehen, dem Kaiser einen wahrhaft edlen und hohen Dienst zu leisten: nämlich ebenso hochherzig wie ihre Väter einstmals in Reih und Glied wider die Feinde des Landes traten, nunmehr in die unscheinbarsten Posten und Stellungen einzurücken, selbst wenn diese von elenden Pöbelmenschen entehrt und in den Kot gezerrt sein sollten, so werden Sie sehen, wie unser Adel sich aufraffen wird. Man wird sich kaum retten können von all den Leuten, die den Wunsch haben, sich dem Staatsdienst zu widmen und die allerunbedeutendsten Stellungen einzunehmen. Und nach geleisteten Diensten werden sie keinen Lohn, keine Auszeichnungen, ja nicht einmal irgendwelche Vorrechte und Privilegien für sich verlangen, zufrieden, daß sie ihre hohen inneren Vorzüge ans Licht stellen konnten. Kurz — machen Sie ihnen bloß die Hoheit ihrer Bestimmung klar, und Sie werden sich von der Vornehmheit ihres Wesens überzeugen. Sie können sie auch auf eine zweite große Aufgabe hinweisen, der sie sich widmen können: auf die Erziehung der ihnen anvertrauten Bauern; sie sollen Menschen aus ihnen machen, die ganz Europa zum Vorbild ihres Standes werden, denn heute fangen manche Leute in Europa ernsthaft an, über die alte patriarchalische Lebensordnung nachzudenken, deren Fundamente überall, außer in Rußland, verschwunden sind, und man beginnt schon laut über die Vorzüge unseres ländlichen Lebens zu reden, nachdem man die Ohnmacht und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und Einrichtungen, sich aus eigener Kraft zu verbessern und zu reformieren, erkannt hat. Daher müssen wir den Adel dazu bewegen, das wahrhaft russische Verhältnis zwischen Gutsbesitzer und Bauer zu erforschen, nicht aber den verlogenen unwahren Zustand, wie er sich infolge ihrer schmählichen Gleichgültigkeit gegen ihre eigenen Güter, die sie der Obhut fremder Tagelöhner und Verwalter überließen, herausgebildet hat, — wirklich und wahrhaftig für die Bauern zu sorgen, wie für ihre eigenen Blutsverwandten und nicht wie für fremde Leute; ja Sie sollten sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater seine Kinder. Hierdurch allein können sie diesen Stand dazu machen, was er wirklich sein soll, diesen Stand, der bei uns wie mit Vorbedacht weder den Namen der Freien noch der Sklaven, sondern den Namen Krestjane (Bauern), nach dem eigenen Namen Christi trägt. Dies alles kann der Generalgouverneur dem Adel sehr gut klarmachen, wenn er nur zur rechten Zeit daran denkt, sich’s überlegt und selbst zum vollen Verständnis der Bedeutung unseres Adels gelangt. Und dies wird die zweite unter Ihren großen Leistungen sein.
Und nun zur dritten Leistung, die gleichfalls niemand außer dem Generalgouverneur zu vollbringen vermag. Alle europäischen Staaten haben heute unter der Kompliziertheit aller Gesetze und Verordnungen zu leiden. Überall macht sich eine eigentümliche Erscheinung bemerkbar: die eigentlichen bürgerlichen Gesetze sind über ihre Grenzen und Schranken hinausgewachsen und sind in fremde Gebiete eingedrungen, die außer ihrem Bereich liegen. Einerseits haben sie einen Einbruch in ein Gebiet vollzogen, das lange Zeit unter der Herrschaft der Volkssitten stand, andererseits aber sind sie in ein Bereich eingedrungen, das ewig unter dem Zepter der Kirche verbleiben muß. Dieser Prozeß hat sich nicht etwa gewaltsam vollzogen, dieser Austritt der bürgerlichen Gesetze aus ihrem Bett geschah ganz von selbst, da sich überall leere unausgefüllte Lücken darboten, die einem solchen Einbruch keinen Widerstand bereiteten. Die Mode unterwühlte die alten Sitten, die Geistlichkeit wandte sich immer mehr von dem geraden einfachen Leben in Christo ab und überließ so alle privaten Verhältnisse der Menschen und das Privatleben ihrem Schicksal. Die bürgerlichen Gesetze nahmen beide, wie verlassene Waisen unter ihre Obhut, und gerade dies war der Grund, weswegen die Gesetze so verwickelt wurden. Denn an und für sich sind sie gar nicht sehr zahlreich und weitläufig, und wenn wir wieder dazu zurückkehren, was von Rechts wegen der Herrschaft der Sitte untersteht und ein ewiges Besitztum der Kirche ist, wird das ganze bürgerliche Gesetz in einem Buche Platz finden können, das nur lediglich die großen Abweichungen von der sozialen Ordnung und die eigentlichen staatlichen Verhältnisse enthält. Heute sieht jedermann, daß eine große Menge von Fällen, von Mißbräuchen und Intrigen nur dadurch entstehen konnte, daß die philosophisch gebildeten Gesetzgeber Europas von vornherein sämtliche möglichen Abweichungen bis in ihre feinsten Einzelheiten feststellen wollten und damit jedermann, selbst den besten und vornehmsten Leuten, einen Weg zu unendlichen und ganz unberechtigten Prozessen ebneten; früher hätten diese Leute es für unanständig gehalten, einen solchen Prozeß zu beginnen, heute dagegen wagen sie es dreist, da sie aus irgendeinem Paragraphen, oder einer Verfügung die Möglichkeit oder die Hoffnung herauslesen, ein einstmals verlorenes Gut wieder zu erlangen oder auch nur einem andern sein Besitzrecht streitig zu machen. Und nun geht so ein Mensch gleich aufs Ganze, wie ein Held sich zum Sturm rüstet, und nimmt überhaupt keine Rücksicht auf seinen Gegner; mag dieser dabei auch sein letztes Hemd verlieren oder mit seiner ganzen Familie betteln gehn. Ein leidlich menschenfreundlicher Mensch ist heute fähig, ganz offen die größten Grausamkeiten zu begehen, ja er rühmt sich ihrer noch, während er sich schon des bloßen Gedankens schämen würde, wenn ein Diener der Kirche beide Parteien, statt ihnen ihren persönlichen Vorteil vorzuhalten, vor das Angesicht Christi stellen wollte und wenn es Sitte würde, daß, wie es in der Tat die Regel sein sollte, in allen verwickelten, dunklen, kasuistischen Fragen, kurz in allen Fällen, wo die Weiterungen vor den Instanzen drohen, die Kirche und nicht das bürgerliche Gesetz die Menschen miteinander zur Versöhnung bringt. Es ist nur die Frage: wie ist das zu bewerkstelligen? Wie soll man es einrichten, daß dem bürgerlichen Rechte tatsächlich nur die Fälle zugewiesen werden, die wirklich unter das bürgerliche Recht fallen, daß der Herrschaft der Sitte wiedergegeben werde, was unter der Herrschaft der Sitte verbleiben muß, und daß der Kirche wieder zurückerstattet werde, was ihr ewiglich angehört? Kurz, wie soll alles wieder an seinen rechten Platz gebracht werden? In Europa ist es unmöglich, solches zu vollbringen: Dazu müßten Ströme von Blut vergossen werden, Europa würde in unnützen Kämpfen erliegen und doch nichts erreichen. In Rußland aber ist die Möglichkeit hierzu vorhanden: in Rußland könnte es sich ganz unmerklich und schmerzlos vollziehen — nicht durch irgendwelche Neuerungen, Umwälzungen oder Reformen, ja nicht einmal mit Hilfe von allerhand Sitzungen oder durch Bildung von Komitees, nicht durch Debatten, Zeitungsgerede und Zeitungsgeschwätz, in Rußland kann ein jeder Generalgouverneur eines Gebietes, das seiner Obhut anvertraut ist, den Grund dazu legen; und wie einfach! — Durch nichts andres als nur durch sein eignes Leben. Durch die patriotische Schlichtheit seiner Lebensweise und die einfache Art seines Umgangs mit allen Leuten kann er die Herrschaft der Mode mit ihrer leeren, hohlen Etikette beseitigen und die russischen Sitten befestigen, die wirklich gut sind und mit Nutzen auf unser gegenwärtiges Leben angewandt werden können. Er kann eine mächtige Wirkung in der Richtung ausüben, daß die Beziehungen zwischen den Stadtbewohnern untereinander wie die der Gutsbesitzer unter sich schlichter und einfacher werden, denn die Beseitigung dieser komplizierten gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie heute bestehen, muß unbedingt auch die Streitigkeiten und die Unzufriedenheit beseitigen, die sich wie ein Wirbelwind zwischen den Bewohnern der Städte erhoben haben. Und ebenso wie zur Einführung und Befestigung der Sitten kann der Generalgouverneur dazu beitragen, daß die Kirche heute ihre rechtmäßige Stellung im Leben des Russenvolkes wiedergewinnt: er kann dies erstlich durch sein eigenes Beispiel, durch sein Leben, und zweitens auch durch bestimmte Maßnahmen erreichen — aber nicht etwa durch erzwungene und gewaltsame Maßregeln, sondern durch solche, die weit wirksamer sind als jede Gewalt. Hierüber wollen wir später einmal miteinander reden, wenn Sie wirklich eine Stellung angenommen haben werden; bis dahin aber will ich Ihnen nur dies sagen: wenn schon die einfache Sitte mächtiger ist als jedes geschriebene Gesetz — und was ist denn übrigens die Sitte, wenn man sie ganz streng betrachtet? Mitunter hat sie überhaupt keine Bedeutung für unsere Zeit, man kennt den Grund nicht, weswegen sie eingeführt wurde, man weiß nicht, woher sie stammt, und fühlt und merkt nichts von einer Autorität, die sie eingesetzt hätte; mitunter aber ist sie sogar ein Überbleibsel aus den Zeiten des Heidentums, das im absoluten Gegensatz zum Christentum und zu allen Grundlagen des modernen Lebens steht — wenn nun nach alledem schon die Sitte etwas so Mächtiges ist, daß es schwierig ist, sie selbst im Laufe von vielen Jahren auszurotten — wie würden sich wohl die Dinge gestalten, wenn man Sitten einführen wollte, die sich auf die Vernunft gründen, die einstimmig und einmütig von allen anerkannt werden und die höhere Billigung und den Segen Christi und Seiner Kirche erhalten würden? Eine solche Sitte würde sich von Jahrhundert zu Jahrhundert fortpflanzen, und keine Macht der Erde würde sie vernichten können, was die Welt auch für Erschütterungen heimsuchen sollten. Aber das ist ein gewaltiger Gegenstand, über ihn muß man vernünftig reden, und dazu bin ich zu dumm. Vielleicht werde ich später einmal, wenn Gott mir hilft und mich erleuchtet, etwas darüber zu sagen haben. An Arbeit wird es Ihnen also nicht fehlen. Darin also suchen Sie stark zu werden; greifen Sie daher mit fester Hand zu, wenn Ihnen das Amt eines Generalgouverneurs angeboten werden sollte. Sie werden es jetzt so verwalten, wie es verwaltet sein muß, und sich dabei im Einklang mit den Wünschen und Forderungen der Regierung befinden — d. h. Sie werden das ganze Gebiet wie eine frischen Mut spendende Kraft durchziehen, alles aufrütteln, alle erfrischen, Begeisterung um sich verbreiten, allem einen frischen Impuls geben und dann in eine andere Provinz reisen, um dort das Gleiche zu wirken. Sie werden selbst sehen, daß dieser Beruf immer nur provisorisch sein kann, sonst hätte er keinen Sinn, denn der innere Organismus eines Gouvernements ist etwas in sich Abgeschlossenes und Vollendetes, und bedarf keines weiteren Regierungsbeamten außer dem Bürgergouverneur. So gehen Sie denn mit Gott und fürchten Sie sich vor nichts! Aber selbst wenn Sie ein andres Amt übernehmen sollten, halten Sie sich stets an die gleichen Grundsätze. Vergessen sie niemals, daß die Zeit ihres Wirkens begrenzt ist. Richten Sie alles so ein, ordnen Sie alle Angelegenheiten in der Weise, daß sich alles, nicht nur so lange Sie da sind, sondern auch nach Ihrem Weggang in geordneter Weise abwickelt, daß Ihr Nachfolger kein Ding von seiner Stelle zu rücken vermag, sondern sich unwillkürlich auch selbst innerhalb der von Ihnen gezogenen Grenzen betätigen und die von Ihnen vorgezeichnete, vernünftige Richtung einhalten muß. Christus wird Sie lehren, Ihr Werk dauernd, für alle Zeiten zu begründen und zu befestigen. Seien Sie allen Ihren Untergebenen, seien Sie Ihren Beamten im wahren Sinne des Wortes ein Vater und seien Sie einem jeden dabei behilflich, seine Pflicht und Schuldigkeit treu und redlich zu tun. Reichen Sie jedem freundlich die Bruderhand, wenn er sich von seinen eigenen Fehlern und Lastern befreien will. Suchen Sie auf alle Einfluß zu gewinnen, aber nur in der Absicht, jeden zu lehren, wie er selbst auf sich Einfluß gewinnen kann. Sorgen Sie ferner dafür, daß keiner sich allzusehr auf Sie verläßt und stützt wie auf seinen eigenen Stab, so wie die römisch-katholischen Damen sich ganz auf ihre Beichtväter stützen, ohne deren Erlaubnis sie es nicht einmal wagen, aus einem Zimmer ins andere zu gehen, warten sie doch stets auf die Beichtstunde, um sich beim Priester Rat einzuholen; der Mensch muß vielmehr wissen, daß die Wärterin ihm nur für eine bestimmte Zeit und nicht für immer beigegeben wird, und daß, wenn der Lehrer ihn im Stiche läßt, der Zeitpunkt gekommen ist, wo er noch eifriger und sorgfältiger auf sich acht geben muß als früher, stets eingedenk, daß es nun niemand mehr gibt, der über ihn wacht, und jede Lehre, die ihm gegeben ward, treu wie ein Heiligtum in seinem Gedächtnis bewahrend. Sorgen Sie auch dafür, daß es beim Abschied, wenn Sie Ihr Amt niederlegen sollten, keine Tränen und kein Gejammer gibt, sondern daß ein jeder noch frischer und mutiger in die Zukunft sehe, und daher sparen Sie sich alles, was Sie einem jeglichen zu seiner Belehrung sagen möchten, sorgsam für den Tag des Abschieds auf: an diesem Tage werden alle Ihre Worte ihnen heilig sein, und was sie sonst nicht anerkannt und wonach sie sich sonst nicht gerichtet hätten, das werden sie jetzt willig aufnehmen und danach handeln. Für mich ist die Stunde des Abschieds von meinen Freunden — der schönste Augenblick; jeder meiner Freunde, der jetzt von mir Abschied nimmt, tut es frohen Mutes, und seine Seele ist heiter. Das werden Ihnen alle bezeugen, die in der letzten Zeit Abschied von mir genommen haben. Ich bin sogar davon überzeugt, daß wenn ich einmal sterben werde, alle die mich lieb gehabt haben, fröhlich und heiteren Mutes von mir Abschied nehmen werden. Keiner von Ihnen wird weinen, und alle werden nach meinem Tode weit fröhlicher sein als bei meinen Lebzeiten, und endlich will ich Ihnen noch etwas über die Liebe und die allgemeine Sympathie für uns sagen, nach der viele so sehr haschen. Sich die Liebe anderer erschmeicheln zu wollen — das ist ein falsches Streben, das den Menschen nicht beschäftigen sollte. Streben Sie danach, — die andern Menschen zu lieben, und nicht danach, daß andere Menschen Sie lieben. Wer einen Lohn für seine Liebe verlangt, der ist ein gemeiner Mensch und noch weit vom Christentum entfernt. O wie dankbar bin ich, daß Gott mir schon in meiner Jugend diese merkwürdige und mir selbst kaum verständliche Abneigung gegen jegliche unpassende, überflüssige Gefühlsergüsse eingepflanzt hat; ich habe ihnen stets zu entfliehen gesucht, wie etwas Unangenehmem und Widerwärtigem, selbst wenn sie von Verwandten oder Freunden herrührten! Wie wichtig ist es doch, daß unsere ganze Liebe keinem Wesen dieser Erde angehören darf! Sie sollte sich von einem Vorgesetzten auf den andern übertragen, und sowie ein Vorgesetzter merkt, daß sie sich ihm zuwendet, sollte er sie sofort von sich auf den über ihm stehenden höheren Vorgesetzten abzulenken suchen, bis sie so endlich zu ihrer rechtmäßigen Quelle gelangt und bis ein von allen geliebter Kaiser sie feierlich und angesichts der ganzen Welt Gott selbst darbringt.
1845.