Ich vermag Ihnen durchaus nicht zu sagen, wessen Los auf Erden das schönere ist und wem das bessere Teil beschieden ward. Früher als ich noch törichter und dümmer war, zog ich einen Beruf einem andern vor; jetzt dagegen erkenne ich, daß das Los aller Menschen gleich beneidenswert ist. Alle erhielten den gleichen Lohn — sowohl der, dem ein Talent anvertraut ward und der ein zweites hinzuerwarb, wie der, dem fünf Talente verliehen wurden und der noch fünf weitere dafür zurückbrachte. Ich glaube sogar, daß das Los des ersten noch besser ist, gerade weil er auf Erden keinen Ruhm genossen und nicht von dem Zaubertrank irdischer Ehren gekostet hat, wie der letzte. Wie wunderbar ist doch die göttliche Gnade, die jedem den gleichen Lohn bestimmte, der redlich seine Schuldigkeit getan hat, ob er nun der Zar oder der ärmste Bettler ist. Dort werden sie alle gleich sein, denn sie alle werden eingehen in die Freude ihres Herrn und werden alle gleichermaßen in Gott sein. Freilich hat Christus selbst an einer andern Stelle gesagt: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen“, aber wenn ich mir diese Wohnungen vorstelle, wenn ich darüber nachdenke, was die Wohnungen Gottes sein mögen, kann ich mich nicht der Tränen enthalten, und ich weiß, daß ich mich nie entscheiden könnte, welche ich wählen soll, wenn ich wirklich einmal gewürdigt sein sollte, am himmlischen Reiche teilzunehmen, und wenn die Frage an mich erginge: „welche von ihnen möchtest du wählen?“ Ich weiß nur das eine, daß ich antworten würde: „die letzte, Herr, wenn sie nur in Deinem Hause ist.“ Ich glaube, man kann sich nichts Schöneres wünschen, als jenen Auserwählten zu dienen, die bereite gewürdigt wurden, Seinen Ruhm in all Seiner majestätischen Größe zu schauen, zu ihren heiligen Füßen liegen und sie zu küssen!
1845.
Auf deinen Brief werde ich dir jetzt nicht antworten, die Antwort erhältst du später. Ich sehe und begreife alles: deine Leiden sind groß. Bei einer solch zarten, feinfühligen Seele so grobe Beschuldigungen anhören, mit so hohen Gefühlen unter so groben, plumpen Menschen weilen zu müssen, wie die Bewohner dieses armseligen Städtchens, in dem du dich niedergelassen hast und deren rohe täppische Berührung, ohne daß sie es wissen, schon allein ausreicht, um die edelsten Schätze und Kostbarkeiten des Herzens in Scherben zu schlagen; dulden zu müssen, daß mit plumper Bärentatze auf die zarten Saiten der Seele losgeschlagen wird, die dem Menschen dazu verliehen werden, um himmlische Laute auszuströmen, bis sie verstimmt sind und reißen, und über dies alles noch all die Gemeinheiten und Schändlichkeiten mit ansehen zu müssen, die sich täglich ereignen und die Verachtung derer dulden zu müssen, die selbst der Verachtung wert sind — ich weiß wohl, daß ist alles sehr bitter. Und deine physischen Leiden sind nicht weniger qualvoll. Dein Nervenleiden, deine Melancholie und diese furchtbaren Ohnmachtsanfälle, die dich jetzt heimsuchen — das alles ist hart, sehr hart, ich vermag dir nichts andres zu sagen, als daß es wirklich sehr hart, sehr bitter ist! Aber hier hast du einen Trost. Das alles ist nur der Anfang; du wirst noch mehr Kränkungen zu erdulden haben, dir stehen noch härtere Kämpfe [mit der Bestechlichkeit] mit allerhand Schuften und Gaunern und schamlosen Leuten bevor, Leuten, für die es nichts Heiliges gibt, die nicht nur einer solchen Schändlichkeit fähig sind, von der du schreibst [d. h. eine fremde Unterschrift zu fälschen] — die den Mut haben, ein so furchtbares Verbrechen auf einen Unschuldigen zu laden, mit eigenen Augen anzusehen, wie das Opfer ihrer Verleumdung bestraft wird und nicht mit der Wimper zu zucken — ja die nicht nur einer solchen Niedertracht, sondern noch weit niederträchtigerer Handlungen fähig sind, deren bloße Beschreibung einem mitleidigen Menschen für immer den Schlaf rauben könnte (o wenn doch solche Leute nie geboren würden!) Alle himmlischen Heerscharen zittern vor Schrecken beim Gedanken an die furchtbaren Strafen, die sie in jener Welt erwarten und vor denen sie niemand mehr zu retten vermag. Unzählige neue und ganz unvorhergesehene Niederlagen warten deiner. In deiner exponierten [und unscheinbaren] Stellung kann alles passieren. Deine Nervenanfälle und deine Leiden werden noch stärker werden, deine Melancholie wird noch zunehmen, deine Mutlosigkeit wird sich bis zur Verzweiflung steigern, und deine Schmerzen und Qualen werden noch furchtbarer und vernichtender werden. Allein denke stets daran, daß wir nicht in diese Welt berufen werden, um Feiertage und Feste zu feiern — wir werden hierher berufen, um Schlachten zu schlagen, den Sieg werden wir dort feiern. Daher dürfen wir keinen Augenblick vergessen, daß wir ausgezogen sind, um zu kämpfen, und hier gibt es nichts zu wählen und zu überlegen, wo uns weniger Gefahren drohen! Wie ein guter Soldat muß sich ein jeder von uns in den Kampf stürzen, wo er am heißesten tobt. Der himmlische Feldherr schaut von oben auf uns alle herab, und Seinem Blick entgeht nicht die geringste von unseren Handlungen. Du darfst daher das Schlachtfeld nicht meiden, sondern mußt mutig in den Kampf stürmen; auch darfst du dir nicht etwa einen schwachen Feind aussuchen, sondern du mußt dir einen Starken zum Gegner wählen. Der Kampf mit einem kleinen Schmerz und mit geringen Leiden wird dir keine großen Ehren eintragen. [Für einen Russen ist es nicht sehr rühmlich, sich mit einem friedfertigen Deutschen einzulassen, wenn man im voraus weiß, daß er davonlaufen wird; es mit einem Tscherkessen aufzunehmen, vor dem alle zittern, weil sie ihn für unüberwindlich halten, den Kampf mit einem solchen Tscherkessen aufzunehmen und ihn zu besiegen, das ist eine Leistung, deren man sich rühmen kann!] Nun denn, vorwärts mein tapferer Kämpe! Gott helfe dir, mein braver Kamerad! Gott voran, mein herrlicher Freund!
Trotz des äußeren Anscheins der Nachahmung besitzt unsere Dichtung sehr viel Eigenartiges. Ihr natürlicher Quell regte sich schon in der Brust des Volkes, als noch ihr Name in keines Menschen Munde war. Ein Strahl dieses Quells bricht in unsern Liedern hervor, in denen zwar wenig Liebe zum Leben und zu den Dingen dieser Welt, dafür aber eine mächtige Sehnsucht nach einer grenzenlosen, zügellosen Freiheit, ein Streben, sich von den Tönen in eine unendliche Ferne forttragen zu lassen, lebt. Sein Strom bricht auch in unsern Sprichworten hervor, die von dem ungewöhnlich reichen Verstande unseres Volkes zeugen, der alles in ein Werkzeug für seine Zwecke zu verwandeln gewußt hat: die Ironie, den Spott, die Anschaulichkeit, die Treffsicherheit eines plastischen Denkens, um ein von Leben strotzendes Werk zu erschaffen, das das ganze Wesen des Russen ergreift und erschüttert, indem es seine empfindlichsten Stellen zu treffen weiß. Sein Strom bricht endlich auch aus den Reden der Diener unserer Kirche hervor — Reden, die so einfach, so schmucklos und doch so bedeutsam sind, durch das Streben, sich bis zu dem Gipfel leidenschaftsloser, heiliger Ruhe zu erheben, den zu erklimmen, jedes Christen Bestimmung ist, sowie durch die Bemühung, nicht etwa die Leidenschaften des Herzens zu entfachen, sondern den Menschen zu höchster, geistiger Nüchternheit und Besonnenheit zu erziehen. Dies alles versprach unserer Dichtung eine eigenartige und urwüchsige Entwicklung, wie sie den andern Völkern unbekannt war. Aber nicht von diesen drei Quellen, die bereits in uns ruhten, leitet unsere wohllautende Poesie, die uns heute einen so hohen Genuß bereitet, ihren Ursprung her, so wenig als die Struktur unserer gegenwärtigen bürgerlichen Ordnung sich auf Elemente zurückführen läßt, die unserem Lande schon früher eigen waren. Unsere bürgerliche Ordnung ist ja auch nicht durch eine geregelte allmähliche Entwicklung der Dinge, nicht durch eine langsame wohlüberlegte Verpflanzung europäischer Sitten in unser Land entstanden — was schon aus dem einfachen Grunde unmöglich war, weil die europäische Aufklärung bereits eine viel zu hohe Stufe der Reife erreicht hatte, weil ihre Wogen schon zu hoch gingen, als daß sie nicht früher oder später von allen Seiten über Rußland hereinbrechen und ohne einen solchen Führer, wie Peter es war, in allen Dingen eine viel größere Unordnung hervorrufen mußten, als sie sich später tatsächlich bemerkbar machte. Unsere bürgerliche Ordnung entsprang aus einer Erschütterung, aus jener gewaltigen Erschütterung des ganzen Staates, die der Zar, dieser große Reformator, hervorrief, als Gottes Wille ihm den Gedanken eingab, sein junges Volk in den Kreis der europäischen Staaten einzureihen und es plötzlich mit allem bekannt zu machen, was sich Europa durch lange Jahre blutiger Kämpfe und Leiden errungen hatte. Eine so plötzliche Umkehr war eine Notwendigkeit für das russische Volk, und die europäische Aufklärung war der Feuerstahl, der diese ganze Volksmasse treffen mußte, die im Begriff war, einzuschlafen. Der Stahl verleiht dem Stein kein Feuer, wenn aber der Stahl den Stein nicht trifft, gibt der Stein kein Feuer von sich. Und sogleich schlug aus dem Volk eine Flamme empor. Diese Flamme war die Freude, die Freude über das Erwachen, die im Anfang freilich noch unbewußt war. Noch hatte keiner das Gefühl, daß er dazu erwacht sei, um im Licht der europäischen Bildung sich selbst besser kennen zu lernen, nicht aber Europa zu kopieren. Jeder fühlte nur, daß er erwacht war. Aber schon diese bloße Umwälzung des ganzen Staates, die durch einen einzigen Menschen, und zwar durch den Zaren selbst, bewirkt war, der zeitweilig sogar großmütig auf seine Zarenwürde verzichtete, um jedes Handwerk kennen zu lernen und mit der Axt in der Hand in allen Dingen voranzugehen, damit keine von den Wirrungen und Verwicklungen entstünde, die selbst die geringfügigsten Veränderungen der Staatsform zu begleiten pflegen — schon diese Umwälzung war in der Tat eine Sache, die der Freude und der Begeisterung wert war. Eine Staatsumwälzung, die gewöhnlich das in Mitleidenschaft gezogene Volk auf Jahre unter Ströme von Blut setzt, wenn sie die Folge innerer Parteikämpfe ist, wurde hier im Angesicht von ganz Europa in so geordneter Weise vollzogen, wie das glänzende Manöver eines vortrefflich geschulten Heeres. Rußland erhob sich plötzlich zur Würde eines großen Staates, seine Stimme wurde dem Donner gleich, ein Glanz strahlte von ihm aus: der Widerschein der europäischen Bildung. Alles in dem jungen Staate geriet in Begeisterung, allen entrang sich ein Schrei des Staunens, wie ihn ein Wilder angesichts neueingeführter kostbarer Schätze ausstößt. Diese Begeisterung spiegelt sich in unserer Poesie oder richtiger: sie hat diese Poesie erst erschaffen. Das ist der Grund, warum diese Poesie mit dem ersten Gedicht, das veröffentlicht wurde, einen so feierlichen Klang annimmt. Spricht doch aus ihr das Bestreben, einen Ausdruck für die Begeisterung über das neue Licht, das sich über Rußland ergossen hatte, für das Staunen über die große Aufgabe, die dem Lande bevorstand und für den Dank zu finden, den es dem Zaren für dies alles schuldete. Seit dieser Zeit wurde das Streben nach dem Licht unser eigentliches Element, der sechste Sinn des Russen, und es erschuf unsere gegenwärtige Poesie, indem es ihr jenes neue lichtbringende Prinzip einhauchte, das wir in keiner der drei Quellen, von denen zu Beginn die Rede war, entdecken konnten.
Was ist Lomonossow, wenn wir ihn an sich betrachten? Ein schwärmerischer Jüngling, begeistert von dem Licht der Wissenschaft und der hohen Aufgabe, die er vor sich sieht. Wie durch Zufall wird er Poet. Die Freude über den ersten Sieg der Russen läßt ihn seine erste Ode aufs Papier werfen, hastig entlehnt er bei unsern deutschen Nachbarn Form und Metrum, wie sie in jener Zeit bei ihnen üblich waren, ohne zu überlegen, ob sie sich für unsere russische Sprache eignen oder nicht. Seine künstlichen rhetorischen Oden lassen auch nicht eine Spur schöpferischer Kraft erkennen, aber die Begeisterung bricht doch schon allenthalben hervor, wo er einen Gegenstand berührt, der seiner wissensdurstigen Seele nahesteht. Das Nordlicht, mit dem er sich in seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte, kommt ihm in Sinn, und die Frucht dieses Einfalls ist die Ode: Abendbetrachtungen über Gottes Größe, die von Anfang bis Ende eine hohe Majestät und Würde atmet und die kein anderer außer Lomonossow hätte schreiben können. Ein ähnlicher Einfall wird der Anlaß für die Epistel an Schuwalow: Über den Nutzen des Glases. Jede Erwähnung Rußlands, das seinem Herzen so nahesteht und das er immer durch die Perspektive seiner glänzenden Zukunft sieht, erfüllt ihn mit wunderbarer Kraft. Mitten unter kalten nüchternen Strophen begegnen wir Versen, die uns plötzlich in eine andere Welt versetzen. Man hat das Gefühl, als ob — um uns seiner eigenen Worte zu bedienen —
Der Götterjüngling David leicht
Der Harfe heil’ge Saiten meistert
Und aus Jesaias Mund begeistert
Ein Psalm empor zum Himmel steigt.
Er überschaut das ganze russische Land von einem Ende bis zum andern, wie von einem lichten Gipfel herab, begeistert und entzückt von seiner grenzenlosen Weite und seiner jungfräulichen Natur, und es scheint, als wolle sein Entzücken kein Ende nehmen. Aus seinen Schilderungen spricht mehr die Ansicht eines gelehrten Naturforschers als die eines Dichters, aber die treuherzige reine Kraft seiner Begeisterung verwandelt den Naturforscher in einen Dichter, und was das Merkwürdigste ist, indem er seine Verse in die strengen Maße des deutschen Jambus preßt, tut er der Sprache durchaus keine Gewalt an; die Sprache fließt innerhalb der engen Grenzen dieses Versmaßes mit der gleichen Würde und Freiheit dahin, wie ein wasserreicher Fluß in seinem breiten Bette. Ja, sie klingt in seinen Versen noch schöner und freier als in seiner Prosa, und Lomonossow heißt daher nicht umsonst der Vater unserer Verskunst. Das Merkwürdige ist, daß der Urheber unserer Sprache zugleich auch ihr Herr und Gesetzgeber wird. Lomonossow steht an der Spitze unserer Dichter wie die Vorrede zu einem Buche. Seine Poesie ist die aufsteigende Morgenröte: sie gleicht einem Wetterleuchten, das zwar nicht allem Helligkeit verleiht, sondern sein Licht nur auf einzelne Strophen wirft. Rußland erscheint bei ihm nur in seinen allgemeinen geographischen Umrissen; er scheint ausschließlich darum bemüht zu sein, eine Skizze von dem gewaltigen Reich zu entwerfen, und seine Grenzen durch Punkte und Linien abzustecken, während er die Ausmalung den andern überläßt. Er selbst ist gleichsam nur ein erster prophetischer Entwurf der Dinge, die da kommen sollen.
Durch den Einfall Lomonossows wurde bei uns die Ode eingeführt. Feste, Siegesfeiern, Geburtstage hoher Persönlichkeiten, ja sogar eine Illumination oder ein Feuerwerk werden Gegenstände dieser Oden. Die Verfasser dieser Dichtungen brachten es jedoch bestenfalls nur zu einer gewissen Bravour, ohne daß ihre Produkte von wahrer Begeisterung getragen wurden. Höchstens Petrow macht eine Ausnahme, dem es nicht an einer gewissen Kraft und einem gewissen poetischen Feuer fehlt. Er war ein wirklicher Dichter trotz der Härte und Trockenheit seiner Verse. Die andern erreichten bestenfalls nur die kalte äußere Rhetorik der Oden Lomonossows, und an Stelle des Wohllauts seiner Sprache tritt ein leeres zuchtloses Wortgeklapper, das unser Ohr peinigt. Aber schon hatte der Stahl den Feuerstein getroffen. Schon hatte der Funke der Poesie gezündet. Noch hatte Lomonossow die Leier nicht aus der Hand gelegt, als Dershawin seine ersten Lieder dichtete.
In der Epoche Katharinas, deren Regierung einer glänzenden Sammlung der vorzüglichsten Werke russischer Schöpferkraft gleicht, als sich auf allen Gebieten bedeutende russische Talente regten, in glorreichen Schlachten ruhmgekrönte Feldherren auftraten, große Staatsmänner in der inneren Organisation des Reiches tätig waren, geschickte Diplomaten sich beim Abschluß von Verträgen auszeichneten, in den Akademien Gelehrte und Sprachforscher eine rege Tätigkeit entfalteten, da trat auch der Dichter Dershawin auf. Er hatte das gleiche malerische würdevolle Äußere wie alle Männer aus der Zeit Katharinas, die in einer noch ungezügelten Freiheit den Spielraum für ihre freie Entwicklung fanden. Bei ihnen allen gibt es noch viel Unfertiges, und in den Details Unausgeführtes, wie man es wohl in Werken findet, die allzufrüh in die Öffentlichkeit gebracht werden. Die Möglichkeit einer Vergleichung Lomonossows und Dershawins, die sich einem bei der ersten Bekanntschaft mit beiden Dichtern aufdrängt, schwindet sofort, wenn man Dershawin eingehender kennen lernt. Er bildet vielmehr in allem, selbst in seiner Erziehung, den vollkommenen Gegensatz zu dem ersteren. Während sich Lomonossow völlig den Wissenschaften widmet und das Dichten ausschließlich als eine Zerstreuung und eine Erholung betrachtet, gibt er sich gänzlich der Dichtkunst hin und hält eine vielseitige wissenschaftliche Bildung für unnütz und überflüssig. Rußlands Größe und Staatsmacht kommt auch bei ihm zum Ausdruck, aber nun treten nicht nur die geographischen Umrisse des Reiches hervor, sondern auch die Menschen und ihr Leben werden sichtbar. Was ihn beschäftigt, ist nicht die abstrakte Wissenschaft: sondern die Kenntnis des Lebens. Seine Oden wenden sich bereits an die Menschen aller Berufe und Stände und zeugen von dem Streben, ein Gesetz des richtigen Handelns aufzustellen, nach dem sich der Mensch in allem, selbst in seinen Genüssen zu richten hat. Bei ihm macht sich schon eine wirkliche schöpferische Kraft bemerkbar, er besitzt etwas noch Gewaltigeres und Überirdischeres als Lomonossow, und man begreift nicht, woher der hyperbolische Schwung seiner Rede stammt. Ist es ein Nachklang unseres sagenhaften russischen Rittertums, das noch immer wie eine dunkle Weissagung über unserem Lande schwebt und uns eine bessere Zukunft vorhält, zu der wir bestimmt sind — oder ist es ein Echo seines alten tatarischen Ursprungs? Jener Steppen, in denen noch heute die armseligen Überreste nomadisierender Horden umherirren, die ihre Einbildungskraft an Erzählungen von klafterhohen Helden, die tausend Jahre alt werden, entzünden? — was es auch sein mag: dieser Charakterzug Dershawins hat etwas Wunderbares! Mitunter holt er seine Ausdrücke und Wendungen Gott weiß wie weit her: nur um möglichst nahe an seinen Gegenstand heranzukommen. Hier ist alles kolossal und ungeheuer, aber dort, wo ihn die Kraft der Begeisterung überkommt, da dienen diese ungeheuerlichen Massen nur dazu, um den Gegenstand mit einer schier unbegreiflichen Kraft zu beleben, so daß es uns so vorkommt, als blicke er uns mit tausend Augen an. Man überlese den „Wasserfall“: man hat den Eindruck, als wäre hier eine ganze Epopöe in eine gewaltig dahinstürmende Ode zusammengedrängt. Gemessen an dieser Ode erscheinen alle Dichter neben ihm wie Pygmäen, die Natur erscheint hier wie eine höhere Wirklichkeit neben der, die wir mit unseren Augen sehen, die Menschen gewaltiger als die, die wir kennen, und unser Dasein verglichen mit dem mächtigen Leben, wie es dort dargestellt ist, wie das eines fernen Ameisenhaufens. Von Dershawin kann man sagen: er ist der Sänger des Erhabenen. Bei ihm ist alles erhaben: die Gestalt Katharinens und Rußlands, das sich in seinen acht Meeren spiegelt; seine Feldherrn sind königliche Adler, kurz, bei ihm ist alles groß und majestätisch. Man hat jedoch das Gefühl: was seine Gedanken am meisten beschäftigte, was ihn am meisten bewegte, war der Wunsch, einen im Kampf des Lebens gestählten starken Menschen zu gestalten, bereit, es nicht nur mit seiner Zeit, sondern mit allen Zeitaltern aufzunehmen, ihn so zu zeichnen, wie er nach seiner Ansicht aus den ureigenen Wurzeln unserer russischen Natur erwachsen müßte, genährt und groß geworden auf dem unerschütterlichen Felsen unserer Kirche. Oft läßt er die Person, an die die Ode gerichtet ist, beiseite, um an ihre Stelle seinen unbeugsamen wahrhaftigen Helden zu setzen. Dann spricht er seine tiefen Wahrheiten mit einer Stimme aus, die sich hoch über das gewöhnliche Maß erhebt. Das, was wir einen Gemeinplatz zu nennen gewohnt sind, erhält seine hohe heilige Bedeutung wieder, und wir lauschen seinen ewigen Worten, als wenn der Mund der Kirche selbst zu uns spräche. Verglichen mit den Werken anderer Dichter erscheint alles bei ihm groß und gigantisch: seinen poetischen Metaphern fehlt es an der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam in einer Art vergeistigter Kontur zu verlieren, erhalten aber gerade dadurch etwas noch Großartigeres und Erhabeneres. So schildert zum Beispiel der Dichter den greisen Caspius, wie er über den Sturm empört, über das Meer rast:
Hier schien sich ein plastisches Bild des greisen Caspius gestalten zu wollen, aber die Zeichnung verlor sich in abstrakt geistigen Konturen: das Ohr hört nichts als den Donner des brausenden Meeres, und wie dem grauköpfigen Greise, so sträuben sich auch dem Leser die Haare, der erschüttert ist von der rauhen Größe des Bildes. Bei ihm ist alles monumental. Sein Stil ist von einer Größe, wie bei keinem unserer Dichter. Wenn wir diesen Stil mit dem Messer des Anatomen sezieren, so sehen wir, daß dies in einer fremdartigen Verkuppelung pathetischer Worte mit schlichten, ja trivialen begründet ist, wessen sich kein anderer außer Dershawin erkühnen würde. Wer außer ihm würde es wagen, sich so auszudrücken, wie er es an einer Stelle tut, wo er von seinem großen Helden spricht: der nach Vollendung seiner irdischen Aufgabe
den Tod wie einen Gast erwartet
und sinnend sich den Schnurrbart streicht.
Wer außer Dershawin hätte es gewagt, eine so ernste Angelegenheit wie die Erwartung des Todes zu einer so trivialen Geste wie das Streichen des Schnurrbarts in Beziehung zu setzen? Aber wie ungeheuer gewinnt hierdurch der Held an Anschaulichkeit und welch melancholisch-tiefes Gefühl bleibt in unserer Seele zurück! Man muß jedoch sagen, daß sowohl diese wie alle andern gigantischen Züge, die ihn weit über alle unsere Dichter erheben, bei ihm etwas Zügelloses und Formloses annehmen, sowie ihn die Inspiration verläßt: Alles gerät in Unordnung: Satzbau, Sprache, Stil, alles knarrt wie ein schlechtgeölter Karren, und sein Vers gleicht einem entseelten Leichnam. Seine Werke tragen die Spuren seiner unvollkommenen geistigen und sittlichen Bildung. Der Mann, der andern Selbstbeherrschung predigte, wußte sich selbst nicht zu beherrschen, hat sich nie ganz selbst gefunden und hat mühsam und mit der ganzen Kraft seiner Begeisterung den Weg zu seinem Ich suchen müssen, um das aussprechen zu können, was sich der Seele des Dichters von selbst entringen müßte. Hätte er sich die wahre Bildung zu erringen gewußt, es würde keinen größeren Dichter als Dershawin gegeben haben. So aber gleicht er nur einem gewaltigen unförmlichen Felsblock, vor dem zwar niemand ohne Bewunderung stehen bleiben wird: jedoch kein Mensch wird lange vor ihm verweilen, sondern bald zu andern reizvolleren Eindrücken fortzueilen suchen.
Noch hatte Dershawin die Leier nicht aus der Hand gelegt, und schon hatte sich alles um ihn verändert: das Zeitalter Katharinas, die königlichen Feldherren, der höfische Luxus und das ganze höfische Leben waren dahingeschwunden wie ein Traum, die Epoche Alexanders war angebrochen: sauber, spiegelblank und manierlich. Die Menschen zogen sich mehr in sich selbst zurück und wetteiferten, aus dem Gefühl heraus, daß sie sich bisher allzusehr gehen gelassen hatten, ihren Handlungen und Bewegungen Schönheit und edlen Anstand zu verleihen. Die Franzosen galten in allen Dingen als Vorbild, und wie einst die Pariser Stutzer den Ton in unserer Gesellschaft angaben, so beherrschten eine Zeitlang die flinken französischen Poeten unsere Dichtung. Zur Rechtfertigung unseres sicheren dichterischen Gefühls sei jedoch an dieser Stelle erwähnt, daß uns nur einer dieser Dichter wirklich als Vorbild gedient hat: Lafontaine, und zwar nur deshalb, weil er der Natur am nächsten stand: Dmitriew, Chemnitzer und Bogdanowitsch dichteten in der gleichen Art und behandelten ähnliche Stoffe wie er. Die russische Sprache erhielt plötzlich eine gewisse Freiheit und die Fähigkeit, mit angenehmer Leichtigkeit von Gegenstand zu Gegenstand überzugehen — eine Leichtigkeit, die Dershawin noch unbekannt war. Man pflegte nicht nur die Ode, sondern versuchte sich in allen Arten und Formen der Poesie. Dmitriew bewies überall viel Talent, Geschmack, Einfachheit und Anstand, und hierdurch wurde der Schwulst und das falsche Pathos überwunden, das durch die talentlosen Nachahmer Dershawins und Lomonossows üblich geworden war. Aber die Oberflächlichkeit der Epoche vermochte unserer Dichtung keinen reicheren Inhalt darzubieten: sie blieb allein auf das Gesellschaftsleben beschränkt, und man konnte sie bald einem gewandten und gescheiten Weltmann vergleichen, der im Salon sitzt und plaudert, nicht etwa um andern sein Herz zu öffnen oder sie zu tüchtigen Handeln anzufeuern, sondern lediglich, um Konversation zu machen und zu beweisen, daß er über jeden Gegenstand etwas zu sagen habe. Die letzten Töne Dershawins waren verhallt wie die verklingenden Töne einer Orgel und unsere Poesie schien plötzlich aus der Kirche in den Ballsaal versetzt. Nur der eine Kapnist ließ den Duft eines wahrhaft beseelten Gefühls und eine eigenartige anthologische Anmut verspüren, wie sie bisher noch nicht bekannt war. Man denke zum Beispiel an sein Landhaus Obuchowka:
Mein liebes Häuschen, strohgedecket,
Ist nicht zu groß, noch ist’s zu klein,
Der Freund wird stets willkommen sein
Und selbst den armen Bettler schrecket
Kein Türschloß fort, will er hinein.
Aber unsere Poesie vermochte nicht lange auf diesem Gipfel eines oberflächlichen Gesellschaftslebens zu verweilen. Schon war ihre Empfänglichkeit durch jenen Schlag Peters mit dem Stahl europäischer Bildung geweckt, und sie erkannte plötzlich, daß sie von den Franzosen nichts als eine gewisse Leichtigkeit entlehnen und für ihre Entwicklung nutzbar machen konnte, und so wandte sie sich den Deutschen zu. In der deutschen Literatur ging um diese Zeit etwas Merkwürdiges vor. Eine unklare Sehnsucht, geheimnisvolle Überlieferungen, wunderbare unerklärliche Ereignisse, dunkle Schatten aus einer unsichtbaren Welt, Träume und Schrecken, wie sie die Kindheit des Menschen zu begleiten pflegen, bildeten den Gegenstand der deutschen Dichtung. Man hätte eine solche Poesie für die Laune eines Schulbuben halten können, wenn nicht jenes kindliche Lallen in ihr vernehmbar gewesen wäre, durch das die unsterbliche nach lebendiger Nahrung dürstende Seele von sich Kunde gibt. Wie ein neugieriges Kind blieb unsere feinfühlige Dichtung von dieser Erscheinung gebannt. Ihr nationaler Instinkt rief plötzlich in ihr die Erinnerung an etwas Verwandtes wach. Bei alledem wären wir uns nie mit den Deutschen begegnet, wenn nicht ein Poet in unserer Mitte erstanden wäre, der uns diese neue wunderbare Welt durch den klaren Kristall seines Wesens gezeigt hätte, das uns weit verständlicher war, als das deutsche. Dieser Dichter ist Shukowski: die stärkste Individualität in unserer Literatur. Durch die geheimnisvolle Fügung des Höchsten war ihm von seinen Kindheitstagen an eine ihm selbst unbegreifliche Sehnsucht nach dem Unsichtbaren, Mystischen in die Seele gelegt. Wie der Held seiner Ballade Wadim vernahm er immer einen himmlischen Glockenton in seinem Herzen, der ihn in die Ferne rief. Dieser Lockung folgend, stürzte er sich auf alles Unerklärliche und Geheimnisvolle, wo immer es ihm begegnete, um es in Töne zu fassen, die eine verwandte Saite in unserer Seele erklingen ließen. Alles dieser Art entlehnt er fremden Dichtern, vor allem den Deutschen, und das Meiste davon sind Übersetzungen. Aber diese Übersetzungen tragen so sehr die Spur jener inneren Sehnsucht an sich, werden so heftig von ihrer Kraft belebt und durchglüht, daß selbst Deutsche, die des Russischen mächtig sind, zugestehen, die Originale erschienen neben ihnen wie Kopien, während seine Übersetzungen den Charakter echter Originale besitzen. Man weiß nicht, ob man ihn einen Übersetzer oder einen ursprünglichen Dichter nennen soll; der Übersetzer gibt seine eigene Persönlichkeit auf, während sie bei Shukowski stärker hervortritt als bei irgendeinem unserer Dichter. Wenn wir die ganze Reihe seiner Dichtungen durchlaufen, so werden wir finden, daß das eine von Schiller, ein anderes von Uhland, ein drittes von Walter Scott, ein viertes von Byron entlehnt ist; und alle diese Werke sind bis auf das einzelne Wort getreue Abbilder ihrer Vorlagen. Die Persönlichkeit jedes Dichters ist durchaus erhalten; als Übersetzer hatte Shukowski ja auch keine Gelegenheit, sich vorzudrängen. Liest man jedoch mehrere Gedichte nacheinander und fragt man sich, wessen Gedichte man gelesen habe, dann fallen einem weder Schiller, noch Uhland, noch Walter Scott ein, sondern ein Dichter, der sich von allen diesen unterscheidet, dessen Platz nicht zu ihren Füßen ist, sondern der ein Recht hat, als Gleicher neben Gleichen an ihrer Seite zu sitzen. Wie es jedoch möglich war, daß seine eigene Persönlichkeit all diese Dichterpersönlichkeiten durchdringen konnte, das bleibt ein Geheimnis, das sich jedem Leser aufdrängt. Es gibt keinen Russen, der sich nicht aus den Werken Shukowskis selbst ein getreues Abbild seiner geistigen Persönlichkeit bilden könnte. Man muß auch sagen, daß sich in keinem der von ihm übertragenen Dichter eine so starke Sehnsucht regt, in ein wolkenfernes, unsichtbares Traumland zu entfliehen. Bei keinem von ihnen finden wir diesen festen Glauben an übersinnliche Kräfte, die den Menschen überall schützend umschweben. Wenn man Shukowski liest, so hat man beständig das Gefühl, für das Dershawin die Worte gefunden hat:
„Dem Schutz des Himmels übergeben
Ward deines Lebens Sicherheit
Und Legionen Engel schweben
Ob deinem Haupte hilfsbereit.“
Er hat durch seine Übersetzungen eine Wirkung ausgeübt, wie ein ursprünglicher urwüchsiger Dichter. Indem er unserer Dichtkunst dieses ihr bis dahin ganz unbekannte Streben nach einer unsichtbaren geheimnisvollen Welt einpflanzte, befreite er sie von dem Materialismus nicht nur ihrer Gedanken und ihrer Sprache, sondern auch ihrer Versform, die damit etwas Leichtes und Unkörperliches wie eine Vision erhielt. Mit diesen Übersetzungen legte er den Grund zu allem Originalen, schuf er neue Formen und Metren, die dann später auch von allen andern russischen Dichtern angewandt wurden. Sein träger Geist hinderte ihn daran, vor allem ein schöpferisches Talent zu sein — es fehlte ihm nicht an schöpferischer Kraft, er war nur zu träge im Erfinden. Im Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn gab er schon Beweise seiner Produktivität: Swetlana und Ludmilla trugen zuerst die erwärmenden Klänge unserer slawischen Seele durch die Lande und sie berührten uns weit verwandter als die Lieder anderer Dichter — ein Beweis dafür, daß sie zu einer Zeit, als unser poetisches Empfinden noch schwach entwickelt war, einen mächtigen Eindruck auf alle machten. Die Elegie ist eine Schöpfung Shukowskis. Es gibt übrigens einen noch tieferliegenden Grund, auf den diese Trägheit des Verstandes zurückzuführen ist: es ist seine Veranlagung zur Kritik, die, nachdem sie sich einmal in seinem Geiste festgesetzt hatte, ihn dazu drängte, auch noch bei jedem fertigen Werk liebevoll zu verweilen. Daher sein feiner kritischer Instinkt, der Puschkin so sehr in Erstaunen setzte. Puschkin zürnte ihm sehr, daß er keine Kritiken schrieb. Seiner Meinung nach konnte niemand ein Kunstwerk so gut zerlegen und beurteilen wie Shukowski. Diese Begabung für Kritik und Analyse tritt besonders in seinen farbigen Naturschilderungen hervor, die seine eigensten, selbständigsten Leistungen sind. Bezaubert von einer Landschaft, bemächtigt er sich ihrer und läßt nicht eher von ihr ab, als bis er wie mit dem Seziermesser noch ihr kleinstes, verschwindendes Detail herausgehoben hat. Wer das Gedicht an die Sonne zu schreiben vermochte, wer so das bunte Spiel der Sonnenstrahlen und die Magie der Bilder, belauschen konnte, die sie zu jeder Tageszeit hervorzaubert, wer in seinem „Bericht über den Mond“ die magische Pracht der Mondnächte und die Reihe der Bilder, die sie begleiten, so eingehend und anschaulich zu schildern vermochte: der mußte natürlich im hohen Maße die Begabung zur Kritik besitzen. Seine „Slawin“ mit ihren Schilderungen von Pawlowsk ist vollkommene Malerei; die andächtige träumerische Stimmung, die alle seine Bilder durchweht, verbreitet ein warmes und erwärmendes Licht um sich, das den Leser mit einer unbegreiflichen Ruhe erfüllt. Alle unsere Leidenschaften beruhigen sich und eine geheimnisvolle Kraft scheint uns den Mund zu verschließen.
In der letzten Zeit trat ein Wendepunkt in Shukowskis dichterischer Entwicklung ein. In dem Maße, als sich die in einem leuchtenden Dämmer verschwebende Ferne, die er bis dahin nur in einer unklaren poetischen Distanz erschaut hatte, zu immer reinerer Klarheit läuterte, begann er, den Geschmack und die Vorliebe für die Gespenster und Phantome der deutschen Balladen zu verlieren. Seine Neigung zur Träumerei machte einer geistigen Heiterkeit Platz. Die Frucht dieser Stimmung war die „Undine“, ein Werk, das ganz Eigentum Shukowskis war. Der deutsche Dichter, der die gleiche Sage in Prosaform behandelt hatte, konnte ihm nicht zum Vorbild dienen: erst Shukowski hat diesem Stoff zu seiner vollen Klarheit und Heiterkeit verholfen. Von hier an wird ihm eine kristallene Durchsichtigkeit der Sprache eigen, die dem Gegenstand eine Klarheit verleiht, welche er nicht einmal bei dem ersten Darsteller des Stoffes besitzt, dem er ihn entlehnt. Selbst sein Vers verliert das Ätherische, Unbestimmte, das er früher besaß: er schreitet kräftiger und sicherer einher. In Shukowski schienen sich alle Vorbedingungen zu vereinigen, um mit Hilfe dieses Verses eine Dichtung von höchster Vollkommenheit zu gestalten. Bei seiner Art des Schaffens, bei solchem Erfülltsein des ganzen Menschen mit dem Geist der Antike und bei einer so erleuchteten und hohen Lebensanschauung hätte uns ein solches Werk sicherlich die ursprüngliche patriarchalische Welt des Altertums in einer vertrauten und heimischen Beleuchtung näherbringen müssen — eine Leistung, die weit höher zu bewerten ist, als jede eigene Schöpfung und die Shukowski eine universelle Bedeutung verleihen würde. Shukowski verhält sich zu unsern andern Dichtern wie ein Goldschmied zu andern Handwerksmeistern: das heißt wie ein Meister, der sich nur mit der letzten Verarbeitung des Materials beschäftigt. Es ist nicht seine Aufgabe, den Edelstein aus Bergestiefen ans Licht zu fördern: er hat dem Diamanten lediglich die Fassung zu geben, die ihn in seinem vollen Glanze erstrahlen läßt und jedem seinen ganzen Wert vor Augen führt. Ein solcher Dichter konnte nur aus dem russischen Volke hervorgehen, dem vielleicht nur darum eine geniale Empfänglichkeit verliehen ward, um all dem, was die andern Völker noch nicht in ihrem Wert erkannt, nicht verarbeitet oder übersehen hatten, eine edlere Form zu verleihen.
Während Shukowski noch in der ersten Periode seiner Dichtung stand, während er noch bemüht war, die Poesie aus den Fesseln des Irdischen und Greifbaren zu befreien und sie in die Sphäre unkörperlicher Gesichte zu erheben, suchte ein anderer Dichter, Batjuschkow, wie im bewußten Gegensatz zu ihm sie fester in der Erde und im Physischen zu verwurzeln, indem er uns den ganzen bezaubernden Reiz einer plastischen Körperlichkeit verspüren ließ. Während jener sich ganz in den ihm selbst noch nicht völlig klaren Idealen verlor, tauchte dieser vollkommen in der üppigen Pracht des Sichtbaren unter, das er so deutlich empfand und das ihn so stark ergriff. Er suchte das Schöne in allen Gestalten und Formen, selbst in den abstraktesten, in die unmittelbare lebendige Lust des Genusses aufzulösen. Er empfand, um sich seiner eigenen Worte zu bedienen, „des Denkens und des Dichtens Wollust“. Es schien, als ob eine innere Kraft im Schoße unserer Poesie diesen Dichter erschaffen hätte, um sie von einer allzuweit gehenden Übertreibung zu bewahren, damit uns der eine die nordischen Klänge der europäischen Sänger brächte, während der andere unser Ohr mit den süßen Tönen des Südens labte, indem er uns die Bekanntschaft mit Ariost, Tasso, Petrarka, Parni und den sanften Klängen des alten Hellas vermittelte, auf daß selbst der Vers, der eine gewisse ätherische Unbestimmtheit anzunehmen begann, sich mit einer fast skulpturhaften Plastik, wie wir sie bei den Alten finden, und mit jenem klingenden Wohllaute erfüllte, der uns im neuen Europa aus den Dichtern des Südens entgegentönt.
Zwei ganz verschieden geartete Dichter hatten zwei durchaus verschiedene Prinzipien in unsere Poesie hineingetragen; aus diesen beiden Prinzipien bildete sich mit einem Schlage ein drittes: Puschkin trat auf den Plan. Er bildet die Mitte: ohne die abstrakte Idealität des ersten und ohne die schwellend-üppige Wollust des andern. Bei ihm hat alles sein Gleichgewicht gewonnen, ist alles gedrängt, konzentriert wie in dem russischen Menschen, der in der Wiedergabe seiner Empfindungen sparsam mit Worten ist, und sie lange in sich hegt und zusammendrängt. Durch eine lange Aufspeicherung nehmen sie einen explosiven Charakter an, wenn sie herausbrechen. Ich will hier ein Beispiel anführen. Der Kasbek, einer der höchsten Berge des Kaukasus, machte einen starken Eindruck auf den Dichter. Er entdeckte auf dem Gipfel ein Kloster, das ihm wie die in der Luft schwebende Arche Noahs erschien. Ein anderer Dichter hätte bei dieser Gelegenheit viele Seiten mit glühenden Versen bedeckt: Puschkin aber sagt alles in zehn Zeilen und beendet sein Gedicht mit folgender unerwarteter Apostrophe:
Ersehntes fernes Friedensreich!
Könnt ich zu deiner Gnadenstelle
Mich aus der Schluchten Haft befrein
Und in der ätherlichten Zelle
Allzeit dem Schöpfer nahe sein!
(Fiedler.)
Das und nur das durfte ein Russe sagen, während ein Franzose, ein Engländer oder ein Deutscher einen langen Bericht über ihre Empfindungen gegeben hätten. Noch nie haben wir einen Dichter gehabt, der so sparsam in Wort und Ausdruck war wie Puschkin, der sich selbst so wenig beobachtete, nur um nie etwas Überflüssiges oder Übertriebenes zu sagen, da er in beiden Fällen die Banalität scheute.
Was war nun der Gegenstand seiner Dichtung? Das Ganze, nicht das Einzelne war das Objekt seiner Dichtung. Unser Denken versagt vor der ungeheuren Mannigfaltigkeit seiner Stoffe. Was hat ihn nicht ergriffen und was hat ihn nicht gefesselt? Von den über den Wolken thronenden Gipfeln des Kaukasus oder einem malerischen Tscherkessen, bis zu der elenden Hütte des Nordens und einer Schenke mit Balaleikaspiel und Trepak; — überall und allerorten: wird ihm der Ball, die Hütte, die Steppe, der Reisewagen, kurz, alles zum Objekt seiner Dichtung. Auf alles, was im Innern des Menschen vorgeht, von den höchsten und erhabensten Charakterzügen bis zum kleinsten Seufzer menschlicher Schwäche, bis zur kleinsten Regung des Aberglaubens, die ihn beunruhigt, reagiert er mit der gleichen Stärke wie auf jeden Vorgang der äußeren und sichtbaren Natur. Alles formt sich ihm zu einem abgeschlossenen Bilde, alles wird ihm zum Gegenstand, aus dem Größten schlägt er elektrische Funken jenes poetischen Feuers, das in jeder von Gottes Schöpfungen lebt: jedem Ding weiß er seine schönste Seite abzugewinnen, die nur dem Dichter bekannt ist, ohne daß er dabei an eine Anwendung auf das praktische Leben oder an die Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses denkt. Er verrät niemand, warum dieser Funke aufsprühte, und reicht keinen von denen, die taub für die Poesie sind, eine Leiter, die dorthin führt. Er kümmerte sich um niemand, es gab für ihn nur einen Wunsch: den mit poetischen Gefühl Begabten zuzurufen: „Schaut hin, wie herrlich ist doch Gottes Schöpfung!“, und sich dann sogleich, ohne noch etwas hinzuzufügen, dem nächsten Gegenstand zuzuwenden, um abermals auszurufen: „Schaut hin, wie herrlich ist Gottes Schöpfung!“ Was daher an seinen Werken immer wieder in Erstaunen setzt, ist der Widerspruch der Gefühle, die sie in dem Leser hervorrufen. Nach der Ansicht von sonst vielleicht klugen Leuten, denen es jedoch an poetischem Empfinden fehlt, sind seine Dichtungen unvollendete, leicht hingeworfene Fragmente — Kinder des Augenblicks. Nach der Ansicht dichterisch empfindender Menschen dagegen stellen sie reiche, wohldurchdachte, vollendete Dichtungen dar, die alle Elemente eines wirklichen Kunstwerks ich sich vereinigen.
Puschkin gegenüber verstummten alle Fragen, die bis dahin noch an keinen von unsern Dichtern gerichtet worden waren, und die von dem Geist eines erwachenden Zeitalters Zeugnis ablegen. Wozu diente, welchen Sinn hatte seine Poesie? Was für eine neue Richtung, welche neue Wendung hat Puschkin der Welt des Geistes gegeben? Was hat er ausgesprochen, dessen sein Zeitalter bedurfte, wonach es verlangte? Hat er einen heilsamen oder wohl gar einen destruktiven Einfluß auf dieses Zeitalter ausgeübt? Hat er, wenn auch nur durch seinen eigenen Charakter oder seine Persönlichkeit auf andre Menschen gewirkt: durch die Genialität seiner Verirrungen, wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter zweiten Ranges und minderwertige Poeten? Warum ward er der Welt geschenkt, und was hat er mit seinem Auftreten bewiesen? Puschkin ward der Welt geschenkt, um durch sein Dasein zu demonstrieren, was der Dichter ist, und sonst nichts — was der Dichter ist, sofern man ihn nicht als Produkt einer bestimmten Epoche oder bestimmter Verhältnisse aber auch nicht als Produkt seines eigenen persönlichen Charakters, d. h. als Mensch betrachtet, sondern unabhängig von allen diesen Faktoren in Betracht zieht, damit, wenn später einmal irgendein höherer Seelenanatom der Sache auf den Grund gehen und sich darüber klar werden wollte, was der Dichter in seinem innersten Wesen eigentlich ist: dieses zarte feinnervige Geschöpf, das auf alles in der Welt reagiert, selbst ewig einsam bleibt, und bei keinem Verständnis findet — damit es ihm dann an nichts fehle, da er in Puschkin alle diese Züge vereint finden würde. Puschkin war der einzige, dem diese unabhängige Geistesart und eine so fein gestimmte Seele beschieden ward, in der alles ein Echo fand und die bei jedem Ton, der die Luft durchbebte, mitschwang. Wenn wir an einen Dichter denken, stellen wir ihn uns mehr oder weniger leibhaftig vor. Vor wem ersteht nicht bei dem Gedanken an Schiller sofort diese reine kindliche Seele, die stets von den höchsten und letzten Idealen träumte, sich eine Welt aus ihnen erschuf und damit zufrieden war, daß sie in dieser poetischen Welt leben durfte? Wer denkt, wenn er Byron liest, nicht an Byron selbst, diesen stolzen, mit allen Gaben des Himmels begnadeten Mann, der doch der Vorsehung nie seinen geringfügigen körperlichen Fehler vergeben konnte, tönt doch der Groll des Dichters über dies Gebrechen bis in seine Dichtungen hinein. Selbst Goethe, dieser Proteus unter den Poeten, der alles umfassen wollte, die ganze Welt der Natur und die gesamte Welt der Wissenschaft, bringt gerade in diesem wissenschaftlichen Streben seine Persönlichkeit zu so deutlichem Ausdruck, eine Persönlichkeit, die eine echt deutsche Würde atmet und nach echt deutscher Art den Anspruch erhebt, allen Zeitaltern und Epochen genug zu tun. Alle unsere Dichter: Dershawin, Schukowski, Batjuschkow haben ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigene Physionomie. Nur Puschkin hat keine. Was wollte man auch aus seinen Dichtungen für Züge herauslesen, die für ihn persönlich charakteristisch wären? Man versuche es doch einmal, seinen Charakter als Mensch zu fassen. Statt seiner wird man sich immer wieder jener wunderbaren Gestalt gegenübersehen: der Gestalt des Menschen, in dessen Seele alles ein Echo findet, und der allein einsam und unverstanden bleibt. Alle seine Werke sind ein reiches Arsenal aller Werkzeuge, Waffen und Rüstungen der Dichtung. Nun denn, so tretet herein und wählet euch das Werkzeug, das euch paßt, und zieht mit ihm hinaus in die Schlacht; nur der Dichter selbst mischt sich nicht mit der Waffe in der Hand in den Kampf. Und warum hat er das nicht getan? — Das ist eine andre Frage. Er selbst beantwortet sie mit den Versen:
Nicht unser Teil ist das Getümmel
Des Pöbels Hast und Waffenklang,
Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel
Begeistrung, Inbrunst und Gesang.
(Eliasberg.)
Puschkin verstand seine Bedeutung besser als die, die ihm solche Fragen vorlegten, und widmete sich voller Liebe seiner Aufgabe. Selbst in Zeiten, wo er im Dunst der Leidenschaften versank, war die Poesie ihm heilig — wie ein Tempel. Nie betrat er unrein und ungeschmückt dies Heiligtum; und er brachte nie etwas Unüberlegtes und Übereiltes aus seinem Leben mit sich, wenn er ihn betrat; nie durfte sich die rohe ungezügelte Wirklichkeit in ihrer Nacktheit dort hineinwagen. Und doch ist alles darin — seine eigene Geschichte. Allein das bleibt allen verborgen. Der Leser atmet nichts als Wohlgeruch, was jedoch alles im Busen des Dichters zu Asche verbrennen mußte, damit diese Wohlgerüche aus ihm aufsteigen konnten, das ahnt keiner. Und wie hütete er sie in seinem Innern; wie sorgsam hegte er sie in sich! Kein italienischer Dichter hat seine Sonette so sorgfältig gefeilt, wie er an diesen leichten Werken gearbeitet hat, die uns wie Kinder des Augenblicks anmuten. Welche peinliche Genauigkeit liegt in jedem Wort! Wie bedeutend ist jeder Ausdruck! Wie ist hier alles abgerundet, wie vollkommen und in sich geschlossen. Jedes Gedicht ist eine Perle, es ist schwer, zu entscheiden, welche Elegie die vorzüglichste ist — sie gleichen alle den glänzenden Zähnen des schönen Mädchens, die der König Salomo mit den jungen Schafen vergleicht, welche eben aus dem Taufbecken steigen und alle gleich schön sind.
Wie hätte er über die Dinge sprechen können, die unsere moderne Gesellschaft interessieren und die für sie von Bedeutung sind, wenn er für jegliches Ding dieser Welt ein offenes Ohr haben wollte, wenn alles ein Echo bei ihm finden sollte und wenn jeder Gegenstand ihn in gleicher Weise anzog? Er wollte in seinem „Onegin“ den modernen Menschen darstellen und ein modernes Problem lösen — allein er vermochte es nicht. Er stieß seine Helden von ihrem Postament herunter, trat selbst an ihre Stelle und fühlte sich in ihrer Person auf’s tiefste von allem ergriffen, was den Poeten ergreift. So wurde dies Poem zu einer Sammlung heterogenster Gefühle, zarter Elegien, boshafter Epigramme und malerischer Idylle; wenn man es durchgelesen hat, behält man wiederum nichts zurück als das Bild des Dichters, dessen Seele auf alles reagiert und für alles Verständnis hat. Seine vollkommensten Schöpfungen: „Boris Godunow“ und die Dichtung „Poltawa“ sind gleichfalls treue Spiegelungen der Vergangenheit. Er hatte durchaus nicht die Absicht, durch sie zu seiner Zeit zu reden; er dachte nicht daran, seinen Landleuten einen Dienst zu leisten, als er sich diese beiden Stoffe auserwählte, man hat auch nicht das Gefühl, daß er eine besondere Sympathie für einen der hier dargestellten Helden empfunden und gerade aus diesem Grunde den Plan zu diesen beiden Dichtungen gefaßt hätte, die so meisterhaft und so künstlerisch gestaltet und durchgearbeitet sind. Das Staunen und die Verwunderung über diese beiden historischen Ereignisse trieben ihn dazu, sie zu gestalten, denn er wollte, daß auch andere Menschen über sie staunen und sich über sie wundern sollten.
Die Lektüre der Dichter aller Zeitalter und Nationen erzeugte bei ihm dieselbe Resonanz. Der spanische Held Don Juan, dies unerschöpfliche Thema unzähliger dramatischer Dichtungen, gab ihm plötzlich die Idee ein, den ganzen Stoff in einem kurzen dramatischen Bilde konzentriert darzustellen, in dem die unwiderstehliche lockende Macht dieses Verführers und die Schwäche des Weibes mit einer unerhörten Seelenkenntnis geschildert ist und in dem Spanien mit ungewöhnlicher Anschaulichkeit vor uns ersteht. Goethes Faust brachte ihn plötzlich auf den Gedanken, die Grundidee des deutschen Dichters auf zwei oder drei Seiten zusammenzudrängen, und man ist erstaunt, mit welcher Treffsicherheit sie erfaßt und trotz der Unbestimmtheit und Sprunghaftigkeit, die sie bei Goethe hat, zu einem festen kernhaften Ganzen zusammengefaßt ist. Die strengen Terzinen Dantes legten ihm die Idee nahe, im gleichen Versmaß und im Geiste Dantes die kindlichen Anfänge seines dichterischen Schaffens während seines Aufenthalts in Zarskoje Selo zu schildern, die Wissenschaft als strenge Frau, die die Kinder in die Schule treibt, und sich selbst als Schuljungen darzustellen, der aus der Klasse entronnen ist, sich in den Garten geflüchtet hat, und nun vor den antiken Statuen steht, die Zirkel und Lyra in der Hand tragen, und die ihm mehr zu sagen haben und eine lebendigere Sprache führen, als die Wissenschaft. Das beweist wieder, wie früh schon diese große Feinfühligkeit und diese Fähigkeit, auf alle Dinge der Welt mit äußerster Feinheit zu reagieren, in ihm erwachten.
Und wie wahr und treu spiegelt er alles wieder! Wie empfindlich ist sein Gehör. Man spürt förmlich den Duft, man glaubt die Farbe der Länder, der Zeiten und Völker förmlich mit dem Auge zu schauen. In Spanien ist er ein Spanier, unter Griechen ist er ein Grieche, im Kaukasus ist er der freie Bergbewohner im vollsten Sinne des Worts; weilt er unter den Menschen vergangener Epochen, so geht von ihm selbst ein Hauch der versunkenen Zeit aus; blickt er in die Hütte des Bauern — so ist er jeder Zoll ein Russe; alle Züge unseres Wesens finden sich bei ihm vertreten, und das alles ist häufig in ein einziges Wort, in ein einziges mit wunderbarer Feinheit gewähltes, treffendes Adjektivum zusammengefaßt.
Diese Fähigkeit entwickelte sich immer kräftiger in ihm, und er hätte sicherlich noch einmal das ganze russische Leben dichterisch gestaltet, wie er ja auch auf jeden einzelnen Zug dieses Lebens reagiert und ihm Beachtung geschenkt hat. Der Gedanke eines Romans, in dem er die schlichte kunstlose Geschichte vom einfachen ehrlichen russischen Leben erzählen wollte, beschäftigte ihn während dieser Zeit unablässig. Er schrieb nur deshalb keine Gedichte mehr, um sich durch nichts ablenken zu lassen, um sich einen schlichteren Erzählerton anzugewöhnen, und er befleißigte sich in der Prosa einer solchen Einfachheit, daß man an seinen ersten Erzählungen so gar nichts zu loben fand. Puschkin freute sich darüber und schrieb dann die „Hauptmannstochter“, sicherlich das beste Werk unserer Erzählungsliteratur. Gemessen an der „Hauptmannstochter“ erscheinen alle unsere Romane und Erzählungen wie fades Gesalbader. Die Reinheit und Kunstlosigkeit der Darstellung haben hier eine solche Höhe erreicht, daß die Wirklichkeit daneben fast wie gekünstelt und wie eine Karikatur erscheint. Zum erstenmal treten uns hier wahrhaft russische Charakter entgegen: der einfache Kommandant der Festung, die Hauptmannsgattin, der Leutnant, die Festung selbst mit ihrer einzigen Kanone, die Unruhe und Verworrenheit der Epoche und die schlichte Größe dieser einfachen Leute, — das alles ist nicht nur lauterste Wahrheit, sondern beinahe etwas noch Höheres als sie. Und so muß es auch wirklich sein: das ist ja gerade die Bestimmung des Dichters, uns selbst, unser Ich — aus uns herauszuheben und uns unser Selbst in geläuterter veredelter Gestalt zurückzugeben. In Puschkin deutete alles darauf hin, daß er für diesen Beruf geboren, daß dies sein Streben war. Fast zugleich mit der Hauptmannstochter entstanden die wundervollen Fragmente zweier Romane, die er uns hinterlassen hat: „Die Handschrift des Dorfes Gorochino“ und „Der Mohr des Zaren“, sowie der mit Bleistift geschriebene Entwurf zu dem großen Roman „Dubrowski“. Während der letzten Jahre hatte er viel vom russischen Leben kennen gelernt, und er sprach so gescheit und so klug über alle Dinge, daß man jedes Wort hätte aufschreiben mögen: denn seine Worte waren mindestens so bedeutend wie seine besten Verse. Was aber noch merkwürdiger war, das war der Bau, der in seiner eigenen Seele emporwuchs und von dem aus sich ein noch helleres Licht über das Leben verbreitet hätte. Die Anklänge daran kann man in einem, erst nach seinem Tode veröffentlichten Gedicht vornehmen [hier wird in fast apokolyptischen Tönen die Flucht aus einer dem Untergang geweihten Stadt und zum Teil auch sein eigener Seelenzustand geschildert]. Wieviel Schönes reifte in diesem Menschen heran, was Rußland zum Heil und Segen hätte gereichen können. — Aber in dem Maße, als er sich dem Mannesalter näherte und von überall her Kräfte zu großen Taten sammelte, dachte er um so weniger darüber nach, wie er mit den kleinen und nichtigen Dingen fertig werden sollte. Ein plötzlicher Tod riß ihn mit einem Schlage von uns hinweg, und jeder Mann im ganzen Staate erfuhr plötzlich, daß wir einen großen Mann verloren hatten. Der Einfluß des Dichters Puschkin auf die Gesellschaft war äußerst geringfügig. Das Publikum beachtete ihn nur zu Beginn seiner dichterischen Laufbahn, als er mit seinen ersten Jugenddichtungen noch an die Töne der Byronschen Leier erinnerte; als er sich jedoch selbst gefunden hatte und nun nicht mehr Byron, sondern Puschkin selbst wurde, da wandte sich das Publikum von ihm ab. Allein sein Einfluß auf die Dichter war sehr groß. Karamsin hat auf dem Gebiet der Prosa lange nicht das geleistet, was Puschkin auf dem Gebiet des Verses gewirkt hat. Die Nachahmer Karamsins lieferten traurige Karikaturen seiner Manier, und ihr Stil und ihre Gedanken nahmen etwas unangenehm Süßliches an. Puschkin dagegen wirkte auf alle Dichter seiner Zeit wie ein vom Himmel fallendes poetisches Feuer, an dem sich alle andern Dichter, die selbst Charakter und eigene Farbe hatten, entzündeten wie die Lichter. Ein ganzer Sternenkreis von Dichtern scharte sich um ihn: Delwig, dieser Sybarit unter den Poeten, der jeden Ton seiner fast hellenischen Leier förmlich auszukosten schien und den Trank der Poesie nicht etwa mit einem Zug hinabstürzte, sondern tropfenweise schlürfte, wie ein Weinkenner seine Blume genießt und seinen Duft einsaugt. Koslow, eine harmonische Natur, aus dessen Mund ungewohnte Töne einer zu Herzen gehenden Musik, wie man sie bisher noch nie vernommen hatte, an unser Ohr klangen. Baratynski, ein Dichter von strenger, fast finsterer Eigenart, der schon früh ein tief in seinem Wesen wurzelndes Streben nach innen an den Tag legte, dessen Gedanken ganz auf die Welt unserer Seele gerichtet waren und der sich bereits um ihre äußere Formung bemühte, noch ehe sie in ihm selbst völlig ausgereift waren. Finster und noch unfertig, wie er war, trat er vor das Publikum, entfremdete sich so alle Leute, und so gelang es ihm nie, jemand nahezukommen. Alle diese Dichter hat Puschkin zum Dichten angeregt, während er andre geradezu erst erschaffen hat. Ich meine hier unsere sogenannten anthologischen Poeten, die nur wenig produziert haben, aber wenn wir unter diesen duftigen Blumen eine Auswahl treffen, so ließe sich wohl ein Buch daraus machen, unter das die besten Dichter ruhig ihren Namen setzen könnten. Ich brauche nur die beiden Tumanski, A. Krylow, Tjutschew, Pletnjew und einige andere zu nennen, die nie ihr eigenes poetisches Licht hätten leuchten lassen und nie solch reiner, schöner seelischer Regungen fähig gewesen wären, wenn sie ihr Feuer nicht an dem Puschkins hätten entzünden können. Selbst ältere Dichter stimmten unter seinem Einfluß ihre Leier um. Der bekannte Übersetzer der Odyssee, Gneditsch, der Nachdichter der Psalmen, Th. Glinka, der Freischärler und Dichter Dawydow und endlich selbst Shukowski, Puschkins Lehrer und Erzieher in der Dichtkunst, gingen bei ihm in die Schule, und der Lehrer lernte von seinem Schüler. Selbst solche Köpfe wurden zu Poeten, die gar nicht für den Dichterberuf geboren waren, sondern vor denen sich eine keineswegs geringere Laufbahn eröffnete, wenn man nach den geistigen Kräften und Leistungen urteilen darf, die sie mit ihren dichterischen Versuchen vollbrachten, so z. B. Wenewitinow, der uns so früh entrissen wurde, oder Chomjakow, der Gott sei Dank noch am Leben ist und dem noch eine herrliche Zukunft bevorsteht, die sich ihm selbst noch nicht völlig enthüllt hat. Diese anregende erweckende Kraft Puschkins ist sogar für manche gefährlich geworden, besonders für Baratynski und für noch einen Dichter, von dem unten die Rede sein wird; sie wurde ihnen dadurch gefährlich, weil sie sie veranlaßte, gleich einen Ausdruck für ihre noch gänzlich unausgereiften seelischen Regungen zu suchen, obwohl ihre Seelen noch gar nicht von einer solchen Poesie erfüllt und durchdrungen waren, die allen vertraut und verständlich gewesen wäre; sie hätten lieber noch ein wenig an sich und an ihrem inneren Ich arbeiten und eine Zeitlang schweigen sollen. Sie standen alle völlig im Bann dieser unerhört künstlerischen Gestaltung und Formung dichterischer Schöpfungen, deren Puschkin fähig war. Die ganze moderne Gesellschaft und alle Bande, die den Menschen unserer Zeit mit ihr verbinden, alle Ansprüche und Forderungen, die das Vaterland an ihn stellt, waren vergessen, und alles lebte in einer Art poetischem Hellas und deklamierte Puschkins Verse.