Nicht unser Teil ist das Getümmel,

Des Pöbels Hast und Waffenklang.

Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel

Begeistrung, Inbrunst und Gesang.

Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt Jasykow eine ganz besondere Stelle ein. Gleich aus seinen ersten Versen dringt einem der Ton einer neuen Leier entgegen, das sind ganz neue Laute, eine freie wilde entfesselnde Kraft, eine Kühnheit in jedem Ausdruck, eine helle jugendliche Begeisterung, wie sie in solcher Stärke und Vollendung bei einer seelischen Beherrschung noch bei keinem Dichter dagewesen war. Es ist kein Zufall, daß er den Namen Jasykow (Herr der Zunge) trug: er ist Herr über seine Zunge, wie ein Araber über sein wildes Roß, und es ist fast so, als brüstete er sich mit seiner Macht über die Sprache. Er mag eine Periode beginnen, wie er will: mit dem Kopf oder mit dem Schwanze, sie steht in ihrer ganzen anschaulichen Bildhaftigkeit da, er führt sie stets zu Ende und rundet sie ab, daß man von Staunen und Bewunderung ergriffen wird. Das was die Kraft einer noch ungebrochenen mächtigen, schwellenden Jugend ausmacht, einer Jugend, die noch voller Zukunft ist, ist der Gegenstand seiner Dichtungen. Alles, was er berührt, sprüht und strömt förmlich über von jugendlicher Frische.

Man denke zum Beispiel an sein Gedicht „Der Fluß“:

Die Hüllen fort. Mit frischem Mut

Streckt sich die Hand zu kräft’gen Schlägen,

Und nun hinab. Und aus der Flut

Sprüht auf ein Diamantenregen.

Wie sind so stark, so frisch und kühl

Die Elemente, die mich wiegen.

Welch süßes, seliges Gefühl.

Wenn kosend sie den Leib umschmiegen!

Oder man denke daran, wie er das Swaikaspiel schildert, das er geradezu ein russisches Spiel genannt hat. Kraftvolle junge Burschen bilden einen Kreis und

Durch den Ring nach seinem Ziele

Saust der Nagel — er erklingt,

Bis bei heitrem Scherz und Spiele

Mild der Frühlingstag versinkt.

Alles, was den Jüngling zum kühnen Wagnis reizt — das Meer, ein Sturm, Festgelage und klingende Becher, ein brüderliches Bündnis voller Tatkraft und Tatenlust, ein felsenfester Glaube an die Zukunft, die Bereitschaft, jeden Kampf für das Vaterland zu bestehen — dies alles findet in seinen Gedichten einen Ausdruck von geradezu unerhörter Kraft. Als die erste Buchausgabe seiner Gedichte erschien, sagte Puschkin ärgerlich: Warum hat er das Buch: Gedichte von Jasykow genannt, er hätte es einfach Rausch! betiteln sollen. Ein Mensch von durchschnittsmäßiger Kraft wird nie etwas Ähnliches zustande bringen; dazu bedurfte es einer Entfesselung aller Kräfte. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie begeistert er war, als er Jasykows Gedicht an Davydow gelesen hatte, das gerade in einer Zeitschrift erschienen war. Damals sah ich zum erstenmal eine Träne in Puschkins Auge (Puschkin pflegte nie zu weinen, er sagt in der Epistel an Ovid von sich selbst: „Als rauher Slawe kannt ich keine Tränen, doch ich verstehe sie.“) Ich erinnere mich auch, welche Strophen ihn so bis zu Tränen rührten: es sind die beiden ersten, in denen sich der Dichter an Rußland wendet, das man bereits für schwach und kraftlos erklärt hatte, und in denen er ausruft

Hört ihr die Trompete schmettern?

Auf, der Feind ruft, Vaterland!

Denk wie du beim Kriegeswettern

Stets dem Gegner hieltest stand.

Laß zum blut’gen Kampf sich rüsten

Deine Recken, mutig, frei.

Ruf aus Steppen sie und Wüsten,

Von den Flüssen, von den Küsten,

Aus dem fernsten Land herbei.

Und dann folgt die Strophe, in der jene unerhörte Tat der Aufopferung dargestellt wird, wo der Dichter schildert, wie die eigene Hauptstadt mit allen ihren Schätzen, die dem ganzen Lande heilig und teuer sind, den Flammen geweiht wird.

Erd’ und Himmel stehn in Flammen,

Goldgeschmückte, heilge Stadt.

Moskau! Wie? Du stürzst zusammen?

Hörst du’s, Rußland? Auf zur Tat!

Rase Feuer der Zerstörung!

Du erhöhst nur unsern Mut.

Diese flammende Verheerung

Bringt uns Rettung, bringt Verklärung,

Phönix schwingt sich aus der Glut.

Wem sollten solche Strophen nicht Tränen entlocken? Seine Verse sind wie ein alle Kräfte entbindender durcheinanderrüttelnder Rausch, aber in diesem Rausch liegt eine höhere Gewalt, die nach oben zieht. Für Jasykow ist ein studentisches Gelage nicht so sehr eine Äußerung der Lust am Zechen und am Rausch, als vielmehr die Freude über die Kraft, die die jungen Arme schwellt, und über die große Zukunft, die der Jugend bevorsteht, einer Freude darüber, daß die Studenten einmal fortstürmen werden, um

Der großen Sache treu zu dienen,

Der Wahrheit, Ehre und dem Rechte.

Leider geht nur diese Rauschstimmung häufig bis ins Maßlose, und der Dichter gibt sich allzusehr der Freude über die ihnen winkende Zukunft hin, wie dies bei uns in Rußland so viele Leute tun, ohne über einen großartigen Anlauf hinauszukommen.

Aller Augen waren auf Jasykow gerichtet. Alle Welt erwartete etwas Außerordentliches von dem neuen Dichter, dessen Verse voll ritterlicher Großsprechereien und voll Verheißungen gewaltiger Taten waren. Allein die Erwartungen wurden nicht erfüllt. Es erschienen zwar noch ein paar Gedichte von ihm, in denen die alten Töne noch einmal, wenn auch etwas abgeschwächt, erklangen; dann aber wurde der Dichter von einer schweren Krankheit heimgesucht, die nicht ohne Folgen für seine Geistesverfassung blieb. In seinen letzten Versen gab es nichts mehr, was die russische Seele ergriff. Sie enthielten nichts als eine Beschreibung der Langenweile deutscher Städte, gleichgültige Reiseschilderungen und einen Bericht über den einförmigen Verlauf peinvoller Tage. Das alles war dem russischen Geiste fremd. Man achtete nicht einmal auf die außerordentliche Sorgfalt, mit der in diesen späten Gedichten die Form behandelt war. Allein seine Sprache, die hier noch kräftiger ist, wird ihm gerade dadurch zur Verräterin: sie dient nur dazu, einen mageren Gedanken und einen dürftigen Inhalt einzukleiden und gleicht so dem Panzer eines Riesen, der den Leib eines Zwerges umschließt. Es wurde sogar die Meinung laut, Jasykow hätte überhaupt keine Gedanken; er könne nur hohle tönende Verse schmieden und sei überhaupt kein Dichter. Alles begann wider ihn zu murren. Dieser Groll fand in den Zeitschriften ein recht törichtes Echo, allein ihm lag wirklich ein berechtigter Kern zugrunde. Jasykow hat, wenn er vom Dichter sprach, nie ausgerufen wie Puschkin:

Nicht unser Teil ist das Getümmel,

Des Pöbels Hast und Waffenklang.

Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel

Begeisterung, Inbrunst und Gesang.

Er läßt den Dichter vielmehr sagen:

Poet, ist alles in dir reif zum Werke,

Worin der Gott dem Menschen Gunst erweist,

Des feurigen Gedankens hoher Geist,

Der Rede Glut, des Wortes Stärke,

So geh und künde, daß die Welt höre.

Freilich ist hier von dem idealen Dichter die Rede, aber er hat doch sein Ideal aus seinem eigenen Wesen geschöpft. Wenn die Elemente dazu nicht in ihm selbst gelegen hätten, dann hätte er sich den Dichter auch nicht so denken können. Nein, nicht die Kraft hatte ihn verlassen, nicht Mangel an Talent und an Ideen sind schuld an dem dürftigen Inhalt der letzten Gedichte, wie anmaßende Kritiker behauptet haben, nicht einmal seine Krankheit trägt die Schuld (die Krankheiten sind immer nur dazu da, die Arbeit an einem Werk zu beschleunigen — vorausgesetzt, daß der Mensch ihren Sinn richtig erkennt) — nein, es war etwas anderes, was ihm die Kraft raubte: das Licht der Liebe war in seiner Seele erloschen. Das war der Grund, weswegen auch das Licht seiner Poesie so viel trüber brannte.

Du mußt das, dessen die Seele bedarf, was ihr not tut, mit solcher Kraft und Stärke lieben lernen, wie du einst den Rausch deiner Jugend liebtest — dann werden deine Gedanken denselben Höhenflug nehmen, wie deine Verse, und deinem Munde werden feueratmende Worte entströmen. Du wirst uns dann die große Leere deines peinvollen Lebens schildern, aber du wirst sie so schildern, daß der Mensch erschauert, daß er sich der stählernen Kraft, die sich plötzlich in ihm regt, bewußt wird, und Gott für das Übel danken wird, das ihm seine Kraft zum Bewußtsein brachte. Jasykow hätte nicht in die Fußstapfen Puschkins treten und seinen Vers nach seinem Vorbilde behandeln und formen dürfen; seine Domäne ist weder die Elegie, noch sind es die Formen der Anthologie, sondern die des Dithyrambus und des Hymnus. Das Gefühl haben alle. Und er hätte seine Fackel eher an Dershawin als an Puschkin entzünden sollen. Seine Verse gehen auch nur dann zu Herzen, wenn sie sich im vollen Glanz der Lyrik entfalten; ein Gegenstand gewinnt nur dann Leben, wenn er sich entweder bewegt, oder tönt, oder leuchtet, und nicht, wenn er ruht. Das Los der verschiedenen Dichter ist sehr ungleich. Der eine hat die Aufgabe, ein treuer Spiegel und ein treues Echo des Lebens zu sein, und dazu ward ihm ein vielseitiges Talent für das beschreibende Genre verliehen. Ein anderer erhält die Bestimmung, eine die Gesellschaft vorwärtstreibende, sie erweckende Kraft zu sein, sie zu den höchsten und hochherzigsten Regungen anzufeuern — und dazu ward ihm ein lyrisches Talent verliehen. Wenn ein solches Talent seinen Weg nicht findet, so liegt es daran, daß es seine geistigen Augen nicht auf sich selbst richtet. Aber die Vorsehung sorgt besser für den Menschen. Sie führt ihn durch Unglück, Bosheit und Krankheit mit Gewalt dahin, wohin er allein nicht den Weg gefunden hätte. In der Lyrik Jasykows machte sich übrigens wieder ein Streben zur Umkehr auf den rechten, ihm vorgezeichneten Weg erkennbar. Erst neulich haben wir sein Gedicht „Das Erdbeben“ kennen gelernt, das nach der Ansicht Shukowskis unser bestes Gedicht ist.

Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt Fürst Wjasemski eine besondere Stelle ein. Obwohl seine literarische Wirksamkeit lange vor Puschkin begann, müssen wir ihn doch erst hier nennen, da er erst nach dem Auftreten Puschkins den Höhepunkt seiner Entwicklung erreichte. Fürst Wjasemski steht in diametralem Gegensatz zu Jasykow: während jener durch seine Gedankenarmut auffällt, setzt dieser durch die Fülle seiner Ideen in Erstaunen. Der Vers ist für ihn nur Mittel zum Zweck, das erste beste Werkzeug, das sich ihm darbietet. Er verwendet nicht die geringste Sorgfalt auf seine äußere Form, ebensowenig wie auf die Konzentration, auf die Vollendung und Abrundung der Gedanken, um seine Idee dem Leser wie ein kostbares Kleinod vor Augen zu stellen: er ist kein Künstler und legt wenig Wert auf das alles. Seine Gedichte sind — Improvisationen, obwohl man freilich für derartige Improvisationen sehr große und vielseitige Fähigkeiten und einen Kopf von großer Reife und Ausbildung mitbringen muß. Er vereinigt in sich eine außerordentliche Menge vielseitiger Talente, eine starke Anschauung, Beobachtungsgabe, eine Fähigkeit für unerwartete Schlüsse und Folgerungen, Gefühl, Verstand, Scharfsinn, Heiterkeit und sogar Melancholie. Jedes dieser Gedichte ist ein buntes Gemisch aus all diesen Eigenschaften. Er ist kein geborener Poet. Die Vorsehung, die ihn mit allen Talenten begabt hatte, hatte ihm gleichsam als Zugabe auch noch die Gabe der Dichtkunst verliehen, um etwas Ganzes und Vollkommenes aus ihm zu machen. In seinem Buch: Die Biographie Von Wisins tritt die reiche Fülle seiner Talente, über die er verfügte, mit besonderer Deutlichkeit zu Tage. Aus diesem Buche spricht der Politiker, der Philosoph, der feine Kunstliebhaber und Kritiker, der gediegene Staatsmann und sogar der erfahrene Kenner der praktischen Seiten des Lebens — kurz, hier finden sich alle Fähigkeiten vereinigt, über die ein tiefer, ernster Historiker im höchsten Sinne dieses Wortes verfügen muß. Und wenn dieselbe Feder, die die Biographie Von Wisins geschrieben hat, uns die Regierungszeit Katharinas geschildert hätte, die uns heute bereits durch ihren Reichtum, ihre Buntheit und durch die große Zahl außerordentlicher Menschen und Charaktere, die sich hier begegneten, in einem beinahe phantastischen Lichte erscheint, so könnte man mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, daß Europa wohl nie ein historisches Werk von ähnlicher Bedeutung hervorgebracht hätte. Das aber ist gerade der wunde Punkt im Schaffen des Fürsten Wjasemski, daß es ihm an einer großen, umfassenden Aufgabe fehlt, und das macht sich sogar in seinen Gedichten bemerkbar. Man hat das Gefühl, daß sich die einzelnen Teile nicht zu einer harmonischen Gesamtwirkung zusammenfügen und merkt ihnen einen großen, inneren Zwiespalt an. Die Worte harmonieren nicht miteinander, ebensowenig wie die Verse; dicht neben einem starken kraftvollen Vers, wie wir ihn in ähnlicher Schönheit bei keinem andern Dichter finden, steht eine andere Zeile, die der ersten nicht im mindesten gleichkommt; bald greift er uns mit einem Gefühl an die Seele, das mitten aus unserem Herzen gerissen scheint; bald wieder stößt er uns ab durch einen Ton, der uns innerlich fremd ist, und der dem Gegenstand nicht im mindesten entspricht, man fühlt, daß ihm die innere Sammlung fehlt, daß er nicht zur vollen, lebendigen Entfaltung seiner Kräfte gelangen kann. Tief unten auf dem Grunde des Ganzen macht sich eine gewisse Gedrücktheit und Unfreiheit bemerkbar. Das Los eines Menschen, dem die reichsten und mannigfaltigsten Talente verliehen werden, und der keine große Aufgabe finden kann, die alle seine Fähigkeiten bis auf die letzte in Anspruch nimmt, ist schlimmer, als das des ärmsten Bettlers. Nur eine solche Sache, die den Menschen in sein Inneres zurückführt und ihn veranlaßt, in sich selbst einzukehren, bringt wahre Erlösung. Nur bei solch einer Arbeit, sagt der Dichter, können

Der Seele Flügel sich entfalten,

Erstarkt der Wille, und das Walten

Des Schicksals zeichnet klar sich ab.

Während unsere Poesie ihren Weg unter der Führung und Leitung der Dichter aller Zeiten und Völker so schnell und in so eigenartiger Weise zurücklegte, während die Klänge aller Länder, in denen es eine Dichtkunst gibt, ihr Ohr trafen und sie selbst sich in allen Tonarten und Akkorden versuchte, stand ein Dichter einsam und abseits von allen andern. Er hatte den unscheinbarsten und schmalsten Pfad gewählt und schritt solange still und geräuschlos auf ihm dahin, bis er eines Tages über alle andern hinausgewachsen war, wie eine starke Eiche sich hoch über ein Gehölz erhebt, in dem sie sich anfänglich versteckte. Dieser Dichter war — Krylow. Er hatte die Form der Fabel gewählt, die alle Welt bisher für eine alte, kaum noch verwendbare Gattung oder gar für ein Kinderspielzeug gehalten und darum vernachlässigt hatte, und er brachte es fertig, mit Hilfe dieser Fabel zu einem wirklichen Volksdichter zu werden. Das war einer von unsern harten starken russischen Köpfen, ein Geist, der dem Geist unserer Sprichwörter so nahe verwandt ist; hier regt sich jener Verstand, der die Stärke des Russen ausmacht, und sich in der Fähigkeit, Folgerungen zu ziehen, bekundet, der sogenannte nachhinkende Verstand. Das Sprichwort stellt nicht etwa eine vorgefaßte Meinung oder eine Vermutung über eine Sache dar, sondern vielmehr das Fazit, die Summe des Ganzen, den Bodensatz, den Niederschlag völlig durchgegorener und bereits vollendeter Tatsachen, den endgültigen Extrakt, die Essenz aus der ganzen Sache, aus allen ihren Faktoren und nicht bloß aus einem einzigen Faktor. Das kommt auch in dem Spruch zum Ausdruck: „Bloße Reden ergeben noch kein Sprichwort.“ Dieser „nachhinkende“ Verstand, dieses Talent für radikale endgültige Folgerungen, das dem russischen Volk vor allen andern Völkern eigen ist, macht, daß unsere Sprichworte so viel bedeutsamer sind, als die aller andern Nationen. Nicht nur in dem reichen Gedankengehalt, sondern auch in dem Ausdruck spiegeln sich viele von unseren nationalen Eigentümlichkeiten. In ihnen ist alles enthalten: Spott, Ironie, eine Mahnung, kurz alles, was geeignet ist, den Menschen aufzurütteln und seinen wundesten Punkt zu berühren; wie ein hundertäugiger Argus blickt jedes von ihnen den Menschen an. Alle großen Männer von Puschkin bis auf Suworow und Peter den Großen haben unsere Sprichwörter geliebt und bewundert. Die hohe Würdigung, die man ihnen angedeihen ließ, kommt in vielen Aussprüchen zum Ausdruck: „Ein Sprichwort wird nicht umsonst geprägt“ oder „ein Sprichwort bleibt ewig bestehen.“ Es ist ja bekannt, daß, wenn man sich darauf versteht, seine Rede durch ein geschickt gewähltes Sprichwort zu bekräftigen, man sie dadurch dem Volke mit einem Schlage verständlich macht, selbst wenn sie seine Begriffe noch so sehr übersteigt.

Das sind die Wurzeln, aus denen Krylow hervorgewachsen ist. Seine Fabeln sind nicht etwa für Kinder geschrieben. Man würde sich eines groben Irrtums schuldig machen, wenn man ihn einen Fabeldichter von der Art der Lafontaines, Dmitriews, Chemnitzers oder gar eines Ismailow nennen wollte. Seine Gleichnisse sind ein festes nationales Besitztum und bilden das Buch der Weisheit unsers Volkes. Seine Tiere denken und handeln nach echt russischer Weise. Die Streiche, die sie einander spielen, sind ein Spiegelbild der Kniffe, der Listen, der Streiche, die in Rußland üblich sind und dessen, was in unserem Lande zu passieren pflegt. Abgesehen von der getreuen Erfassung des tierischen Charakters, die bei ihm so genau und treffend ist, daß nicht nur der Fuchs, der Bär und der Wolf, sondern sogar der Topf lebendig werden, lassen alle Geschöpfe auch ihre echt russische Wesensart erkennen.

Selbst der Esel, der bei ihm so wunderbar typisch charakterisiert ist, daß er nur seine Ohren aus irgendeiner Fabel hervorzustecken braucht, damit der Leser sofort ausruft: das ist Krylows Esel, — selbst der Esel ist, trotzdem er doch den Ländern einer andern Zone angehört, bei Krylow ein echter Russe. Nachdem er mehrere Jahre hindurch fremde Gemüsegärten geplündert hat, wird er plötzlich von einem mächtigen Ehrgeiz erfaßt, er will durchaus einen Orden haben, und tut fürchterlich wichtig, als sein Herr ihm ein Glöckchen um den Hals gehängt hat, denn er kommt nicht auf den Gedanken, daß ja jetzt jeder seiner Diebstähle und jeder schlechte Streich, den er begehen wird, von allen bemerkt werden und daß es nun bei jeder Gelegenheit kräftige Schläge auf die Lenden setzen wird. Kurz — überall befindet man sich bei ihm in Rußland, überall fühlt man sich an Rußland erinnert. Überdies hat jede seiner Fabeln noch ihren historischen Ursprung. Denn trotz seiner Bedachtsamkeit und seiner scheinbaren Gleichgültigkeit gegen die Vorgänge und Ereignisse seiner Zeit verfolgte der Dichter jede Begebenheit, die sich in seinem Vaterlande abspielte mit großer Aufmerksamkeit: alles fand bei ihm eine Resonanz, und in seinen Urteilen findet stets das kluge Maß, die rechte Mitte ihren Ausdruck, aus ihnen spricht die versöhnende Stimme des Mittlers, eine Eigentümlichkeit, die Rußlands Stärke ausmacht, wenn der russische Geist sich zu seiner wirklichen Höhe emporschwingt. Durch ein streng abgewogenes kräftiges Wort beleuchtet Krylow mit einem Schlage den ganzen Gegenstand und bestimmt er sein wahres eigentliches Wesen. Als einmal ein paar allzusehr für das militärische Wesen begeisterte Leute behauptet hatten, daß der ganze Staat ausschließlich auf die militärische Macht gegründet werden müsse und daß in ihr das ganze Heil liege, während die Zivilbeamten sich ihrerseits über alles, was mit dem Militär zusammenhing, lustig machten, bloß weil ein Paar Leute das ganze Militärwesen zu einer Epauletten- und Litzenfrage gemacht hatten, da schrieb er seinen berühmten Streit zwischen den Kanonen und den Segeln, in dem er beide Parteien mit folgenden vier Zeilen in ihre rechtmäßigen Grenzen verweist:

Darin besteht des Staates wahre Macht,

Daß alle Teile weise Frieden halten.

Die Waffen stehen drohend auf der Wacht,

Die Segel sind der Bürger — Rechtsgewalten.

Wie treffend ist diese Entscheidung! Ohne Kanonen ist keine Verteidigung möglich, ohne Segel aber kommt man auf der See überhaupt nicht vom Flecke. Ein anderes Mal wiederum, als ein Paar Regierungsbeamte, die die allerbesten Absichten hatten, sich jedoch durch eine große Kurzsichtigkeit auszeichneten, auf den seltsamen Gedanken verfallen waren, man müsse sich vor den gescheiten und energischen Leuten in acht nehmen und sie bei der Besetzung der Ämter übergehen, bloß weil sich gerade damals einzelne von ihnen einige lose Streiche hatten zuschulden kommen lassen und sich an einem törichten Unternehmen beteiligt hatten, da schrieb Krylow seine nicht weniger bedeutende Fabel: Die beiden Rasiermesser, in der er sich gegen die Beamten wendet, die

Die klugen Menschen fürchten

Und lieber sich an einen Dummkopf halten.

Man merkt, daß er überall Partei für den Verstand nimmt, überall mahnt er immer wieder, man solle den klugen Mann nur ja nicht unterschätzen, sondern man solle ihn richtig behandeln lernen. Dieser Gedanke kommt in der Fabel „Die Musikanten“ zum Ausdruck, die mit den Worten schließt: „Ich möcht dich lieber trinken sehn, tust du nur deine Sache ganz verstehn.“ Das sagt er nicht etwa, um das Trinken und Zechen zu verherrlichen, sondern weil ihm das Herz wehe tat, wenn er mit ansehen mußte, wie manche Leute sich statt tüchtiger sachverständiger Männer allerhand hergelaufenes Gesindel herholten, und sich dann noch dessen rühmten und erklärten, sie verständen zwar nichts von ihrer Sache, hätten dafür aber ein ausgezeichnetes Benehmen. Er wußte, daß man bei einem klugen Menschen alles erreichen könne und daß es nicht schwer sei, ihm auch ein gutes Betragen beizubringen, wenn man es nur versteht, verständig mit ihm zu sprechen, dagegen sei es sehr schwer, einem Dummkopf Verstand beizubringen, selbst wenn man noch so viel auf ihn einredet: „Mit einem Diebe — ist man wie auf hoher See, mit einem Dummkopf wie in einem Topf mit abgerahmter Milch.“ Aber auch dem Gescheiten weiß er ein kräftiges Wort zu sagen, in der Fabel „Teich und Fluß“ tadelt er ihn heftig, weil er seine Fähigkeiten einschlafen läßt, und in der Fabel „Der Schriftsteller und der Räuber“ straft er ihn, weil er sie zu schlimmen und lasterhaften Zwecken mißbraucht. Überhaupt beschäftigten ihn immer nur große und bedeutende Fragen. Aus einem Buch kann jeder Mensch Belehrung schöpfen, alle Stände und Ränge im Staate, in erster Linie das Oberhaupt, von dem er sagt:

Wenn ein Monarch sein Volk erfolgreich lenken will,

Muß er die Zügel fest, doch allzu straff nicht halten,

ebenso wie der letzte Tagelöhner, der in den untersten Reihen des Staatskörpers steht und wirkt. Ihn weist er auf seine hohe Aufgabe hin, indem er ihn an die Biene erinnert, die nie darum bemüht ist, ihrer Arbeit eine besondere Würde zu verleihen.

Welch hoher Achtung wert ist auch der niedre Mann,

Der ungeehrt und im Verborgnen lebt

Und den für alle Sorgen, Mühn und Plagen

Der einzige Gedanke nur erhebt!

Er muß sie für das allgemeine Beste tragen.

Diese Worte werden ein ewiges Zeugnis für den hohen Sinn Krylows bleiben. Kein Dichter hat je vermocht, seinen Gedanken eine so greifbare Form zu geben, sie so allgemein verständlich auszudrücken, wie Krylow. Der Dichter und der Weise sind in ihm eins geworden. Bei ihm ist alles plastisch und anschaulich, seine Schilderungen der Natur in ihren hohen Reizen und in ihrer drohenden Größe, ja selbst in ihrer Häßlichkeit und in ihrem Schmutz, bis zu den feinsten Wendungen eines Gesprächs, die eine lebendige Offenbarung der innersten seelischen Regungen sind. Alles ist so treffend ausgedrückt, so richtig beobachtet, die Dinge sind mit einer solchen Sicherheit erfaßt, daß es eigentlich unmöglich ist, festzustellen, was das Charakterische der Krylowschen Schreibweise ausmacht. Der Versuch wäre vergeblich, das Wesen seines Stils zu ergründen. Der Gegenstand scheint überhaupt keine sprachliche Hülle zu besitzen und ganz nackt, ganz nur er selbst, so wie die Natur ihn geschaffen hat, vor unseren Augen zu stehen. Seine Verskunst spottet gleichfalls jeder Definition. Es läßt sich nicht sagen, worin ihre Eigenart besteht: Ist dieser Vers klangvoll, leicht, oder schwerfällig? Er fängt an zu tönen, wo sein Gegenstand zu tönen beginnt, er wird lebendig und beweglich, wo sich der Gegenstand bewegt, er wird kraftvoll und ehern, wo der Gedanke stark und kräftig ist und er wird plötzlich leicht, wo die Kraft und Schwere der Gedanken dem leichten oberflächlichen Geschwätz der Toren Platz macht. Seine Sprache folgt willig und gehorsam dem Gedanken, sie schwirrt hin und her wie eine Fliege; bald bewegt sie sich in langen sechsfüßigen Versmaßen, bald wieder in schnellen einfüßigen; in der wohlüberlegten Silbenzahl offenbart sich aufs deutlichste ihre unfaßbare Geistigkeit. Man denke bloß an den großartigen Schluß der Fabel „Die beiden Fässer“:

Den großen Mann erkennt man an der Tat

Und die Gedanken, die sein Hirn erfüllen,

Denkt er im Stillen.

Hier glaubt man aus der Anordnung und der Folge der Worte förmlich die Größe des in sich selbst versenkten Menschen herauszufühlen.

Von Krylow werden wir sofort zu einer andern Gattung unserer Poesie, nämlich zur satirischen Form hinübergeleitet. Wir Russen besitzen alle viel Ironie. Sie kommt schon in unseren Sprichwörtern und Liedern zum Vorschein und, was das Merkwürdigste ist, häufig selbst da, wo die Seele ganz offenkundig leidet und wo sie gar nicht zur Heiterkeit aufgelegt ist. Die Tiefe dieser urwüchsigen Ironie hat sich uns noch nicht völlig erschlossen, weil wir auf allen Gebieten den Einflüssen der europäischen Bildung unterlegen sind und uns auch in diesem Punkte von unserer heimatlichen Wurzel losgelöst haben. Die Tendenz zur Ironie haben wir uns indessen doch erhalten, wenn auch in etwas anderer Form. Es ist schwer, einen Russen zu finden, in dem sich nicht einerseits die Fähigkeit ehrfürchtiger Hingabe an einen Gegenstand mit der Neigung zum Spott und ehrlichem Lachen vereinigt fände. Alle unsere Dichter haben diese Fähigkeit besessen. Dershawin hat den größeren Teil seiner Oden mit diesem kräftigen Salze gewürzt. Wir finden sie aber auch bei Puschkin, bei Krylow, beim Fürsten Wjasemski, wir finden sie selbst bei solchen Dichtern, deren Charakter eher zu einer sanften Melancholie neigt: bei Kapnist, bei Shukowski, bei Karamsin, beim Fürsten Dolgoruki; dies ist ein Zug, der uns allen gemeinsam ist. So wird es begreiflich, daß unser Volk geborene Satiriker im wahren Sinn dieses Wortes hervorbringen konnte. Schon zu jener Zeit, als Lomonossow sich bemühte, seine Leier auf einen hohen lyrischen Ton abzustimmen, entdeckte Fürst Kantemir mancherlei Stoffe für die Satire und geißelte in seinen Dichtungen die Torheit unsrer noch im Werden begriffenen Gesellschaft. Wir besitzen Satiren, Epigramme, boshafte karikaturistische Umdichtungen der bekanntesten Dichtungen und alle möglichen Parodien voll Spott und Ironie aus allen Epochen, sie alle werden wahrscheinlich ewig nur im Manuskript erhalten bleiben, obwohl sie von starkem Talent zeugen. Man denke nur an die Parodien des Fürsten Gortschakow, an die Satire auf die Literaten von Wojeikow „Das Irrenhaus“ und an die talentvollen Parodien Michael Dmitrijews, in denen sich die Galle Juvenals mit einer eigentümlichen slawischen Gutmütigkeit mischt. Indes die Satire brauchte bald ein größeres Wirkungsfeld für ihre Entwicklung, und so drang sie allmählig auch in das Drama ein. Das Theater hatte bei uns denselben Ursprung wie überall; wir begannen zunächst mit Nachahmungen; bald jedoch kamen auch originelle Züge zum Vorschein. In der Tragödie regten sich sittliche Mächte und eine Erkenntnis des Menschen, wie er sich unter dem Einfluß einer bestimmten Epoche, eines bestimmten Zeitalters darstellte; in der Komödie ergossen die Dichter ihren milden Spott über die lächerlichen Seiten unserer Gesellschaft, ohne sich um die Seele der Menschen zu kümmern. Namen wie denen Oserows, Knjaschnins, Kapnists, Fürst Schahowskois, Chmelnitzkijs, Sagoskins, A. Pissarews usw., haben wir ein achtungsvolles Gedächtnis bewahrt, sie alle aber verblassen vor zwei hervorragenden Werken, nämlich vor den beiden Komödien „Der Landjunker“ von Von Wisin und vor Gribojedows „Verstand bringt Leiden“, die Fürst Wjasemski geistreich zwei moderne Tragödien genannt hat. Dies ist mehr als ein leichter milder Spott über die komischen und lächerlichen Seiten der Gesellschaft, hier werden die Wunden und Krankheiten der Gesellschaft und schwere Mißbräuche in ihrem Innern aufgedeckt, die durch die Kraft einer unerbittlichen Ironie mit erschütternder Deutlichkeit in ihrer ganzen Nacktheit ans Licht gestellt werden. Von diesen beiden Komödien hat jede eine besondere Epoche zum Gegenstand; die eine geißelt die Übel, die aus der Unbildung — die andere die, die aus einer mißverstandenen Bildung entspringen. Die Komödie Von Wisins richtet sich gegen die rohe Brutalität des Menschen, dies Produkt einer stumpfen unerschütterlichen Stagnation der entlegenen Teile und Provinzen Rußlands. Sie schildert die Rinde von Roheit und Brutalität, die die Gesellschaft umgibt, in so furchtbaren Farben, daß man in diesem Stück den Russen kaum noch wiedererkennt. Wer vermag noch einen russischen Zug in diesem boshaften Wesen voll tyrannischer Gelüste zu entdecken: in dieser Frau Prostakowa, der Peinigerin ihrer Bauern, ihres Mannes sowie aller Menschen mit der einzigen Ausnahme ihres Sohnes? Und doch fühlt man deutlich, daß in keinem Lande, weder in Frankreich noch in England, ein solches Wesen möglich wäre. Diese unsinnige Liebe zu ihrem Kinde — ist unsere eigene, starke russische Liebe, die sich in einem Menschen, der seine Menschenwürde eingebüßt hat, in so unnatürlicher Weise äußert: in dieser sonderbaren Mischung mit einer tyrannischen Sinnesart; denn je mehr sie ihr Kind liebt, um so mehr haßt sie alles, was nicht ihr Kind ist. Der Charakter Skotinins stellt ein anderes Beispiel der Verrohung dar. Dieser plumpe schwerfällige Mensch, der wiederum gar keine starken und wilden Leidenschaften kennt, geht völlig in einer stillen Liebe zum Vieh auf, die fast etwas Poetisches hat; statt auf den Menschen, richtet sie sich auf das Tier: die Schweine bedeuten für ihn ebensoviel wie eine Gemäldesammlung für einen Kunstliebhaber. Sodann der Mann der Frau Prostakowa — dies unglückliche, völlig verschüchterte Geschöpf, in dem selbst die schwachen Kräfte und Regungen, die noch in ihm waren, gänzlich durch die ewigen Nörgeleien seiner Gattin erstickt sind — in ihm ist alles abgestorben! Und endlich dieser Mitrophan, in dessen Natur keinerlei Bosheit liegt, der niemand etwas Böses antun will, und der doch ganz unmerklich, infolge der übermäßigen Verzärtelung, und weil jeder seiner Wünsche erfüllt wird, zum Tyrannen seiner ganzen Umgebung, am meisten jedoch der Menschen wird, die ihn am innigsten lieben, d. h. seiner Mutter und seiner Wärterin, so daß es ihm geradezu ein Genuß ist, sie zu kränken und zu beleidigen. Kurz, diese Menschen scheinen eigentlich gar keine Russen zu sein, es ist schwierig, überhaupt noch einen russischen Zug in ihnen wiederzufinden, abgesehen etwa von der Jeremejewna und dem alten Soldaten. Man erfährt mit Schrecken, daß bei ihnen weder der Einfluß der Kirche noch die guten alten Sitten etwas auszurichten vermögen, von denen sich bei ihnen nichts als das Häßliche und Gemeine erhalten hat; hier hat nur noch das eherne Gesetz zu sprechen. In dieser Komödie erscheint alles wie eine monströse Karikatur auf das Russentum, und doch enthält sie nichts Karikiertes, alles ist mitten aus dem Leben geschöpft und mit tiefster Seelenkenntis beobachtet. Dies sind ungeheuerliche schreckliche Beispiele der Verrohung, wie sie nur ein Mensch, dessen Wiege in Rußland gestanden hat, nie aber der Sohn eines andern Volkes erschaffen konnte.

Die Komödie von Gribojedow behandelt eine andere gesellschaftliche Epoche, sie schildert das Übel, das durch eine schlecht verdaute Aufklärung, die oberflächliche Nachäffung mondäner Äußerlichkeiten statt des Kernhaften und Wesentlichen hervorgerufen wird, kurz, sie macht sich die Donquichotterien unserer europäischen Bildung, die unorganische Vermischung der Sitten und Bräuche, die die Russen so sehr ihrem eigenen Wesen entfremdet und zu Ausländern gemacht hat, zum Vorwurf. Der Typus des Famussow ist ebenso tief erfaßt, wie der der Frau Prostakowa. Mit derselben Naivität, wie Frau Prostakowa sich ihrer Unwissenheit, rühmt er sich seiner Halbbildung, und zwar sowohl seiner eigenen wie der des ganzen Standes, dem er angehört: er ist stolz darauf, daß die jungen Mädchen von Moskau die höchsten Töne singen können, daß sie keine zwei einfache ungezierte Worte zu sagen vermögen, daß seine Türe allen offen steht, den Geladenen wie den Ungeladenen, besonders aber den Ausländern und daß in seinem Bureau lauter Verwandte sitzen, die nichts zu tun haben. Er ist ein Mann von gutem würdigen Benehmen und zugleich ein Schwerenöter; er predigt Moral und ist ein Feinschmecker und ein Freund opulenter Diners, die ihm drei Tage lang im Magen liegen. Er ist sogar ein Freidenker, wenn er in Gesellschaft ähnlicher alter Herren weilt, wie er selbst einer ist, und will doch keinen jungen Freigeist auf Schußweite in die Stadt hineinlassen; diesen Namen hält er nämlich für jeden bereit, der die Bräuche der vornehmen Welt nicht aufs strengste beobachtet. Im Grunde genommen ist dies einer jener ausgebrannten Menschen, die trotz all ihres weltmännischen „comme il faut“ gänzlich leer und hohl sind, deren Verweilen in der Hauptstadt und deren Beschäftigung mit dienstlichen Angelegenheiten für die Gesellschaft ebenso schädlich sind, wie andere Leute sie dadurch schädigen, daß sie dem Dienst zu entfliehen suchen und beständig auf dem Lande sitzen, wo sie vollends verrohen. Erstens leiden schon ihre Güter darunter, da sie ihre Bewirtschaftung gedungenen Arbeitern und Verwaltern überlassen und immer nur Geld für Bälle, sowie große und kleine Diners von ihnen verlangen; damit zerstören sie das gesunde heilige Band, das einstmals den Gutsherrn mit seinen Bauern einte; ferner aber leiden darunter auch die dienstlichen Angelegenheiten: indem sie nämlich alle Ämter und Posten ausschließlich mit ihren Verwandten besetzen, die nichts zu tun haben und sich dem Müßiggang ergeben, berauben sie den Staat der wirklichen tätigen Arbeiter und nehmen einem jede Lust, bei einem ehrlichen Menschen in den Dienst zu treten; endlich aber diskreditieren sie auch noch das Ansehen der Regierung durch ihren zweideutigen Lebenswandel — denn indem sie sich selbst den Anschein geben, als seien sie wohlgesinnte Leute, die [dem Zaren] treu ergeben sind, — verlangen sie von den jungen Leuten, daß sie Tugend heucheln sollen, dabei aber führen sie selbst einen lasterhaften Lebenswandel, bringen so die Jugend gegen sich auf und pflanzen denen, deren Köpfe nicht allzu widerstandsfähig und zu allerhand Extremen geneigt sind, — Mißachtung des Alters, wahrer Verdienste und Neigung zu wirklichem Freidenkertum ein. Nicht weniger bedeutsam ist ein anderer Typus: Sagorezki, dieser ausgesprochene Lump, über den alle schimpfen und der doch wunderbarerweise überall empfangen wird, ein Lügner und Gauner, der es aber versteht, sich bei allen hochgestellten und einflußreichen Persönlichkeiten beliebt zu machen, indem er ihnen das zu verschaffen weiß, wofür sie eine schmähliche Schwäche haben; ja er ist, wenn es darauf ankommt, sogar bereit, ein Patriot und ein Vorkämpfer der Sittlichkeit zu werden, einen Scheiterhaufen zu entzünden und alle Bücher, die es auf der Welt gibt, und mit ihnen zugleich alle Fabeldichter [wegen ihrer ewigen Scherze über die Löwen und Adler] zu verbrennen, womit er übrigens verrät, daß er, der sich vor nichts scheut, — nicht einmal vor dem elendsten Geschimpf und Gezänk — dennoch den Spott fürchtet, wie der Teufel das Kreuz. Nicht minder hervorragend ist eine dritte Figur: der törichte Liberale Repetilow, dieser Ritter der Hohlheit und Torheit, in welcher Gestalt sie auch immer erscheinen mag. Die ganze Nacht über eilt er von Versammlung zu Versammlung, und freut sich, Gott weiß wie sehr, wenn es ihm gelingt, Anschluß an irgendeine Gesellschaft zu finden, in der viel Lärm gemacht und laute Reden über Gegenstände geführt werden, die er nicht versteht, und deren Sinn er nicht einmal wiederzugeben vermag; trotzdem aber hört er sich all die verrückten Phantastereien begeistert an, und er ist überzeugt, daß er sich nun endlich auf dem richtigen Wege befindet, und daß hier wirklich eine große soziale Aufgabe vorliegt: ein Problem, das zwar noch nicht reif ist, dessen wahre Bedeutung sich jedoch schon offenbaren wird, wenn man nur gehörig Lärm macht, sich nachts recht häufig versammeln und heftige Diskussionen führen wird. — Auf derselben Höhe steht ein vierter Typus: der dumme [Soldat] Skalosub, der seinen Dienst so versteht, daß es dabei lediglich darauf ankommt, die verschiedenen Abzeichen und Uniformen unterscheiden zu können, der dabei aber an einer eigenartigen philosophischen [liberalen] Anschauung über die Ränge und Titel festhält. Er erklärt ganz offen, er halte sie für die unentbehrlichen Kanäle, die zum Generalsrang führen; und habe er erst den, dann möge kommen, was da will. Sonst macht er sich keine Sorgen, die Zustände seiner Epoche und seines Zeitalters machen ihm nicht viel Kopfzerbrechen, er ist fest davon überzeugt, daß man Ruhe in der Welt schaffen könne, wenn man ihr einen Feldwebel zum Voltaire gibt. Ein prachtvoller Typus ist ferner auch die alte Chlöstowa, diese traurige Mischung aus der Hohlheit und Trivialität zweier Jahrhunderte. Von dem ganzen Inhalt der alten Zeiten hat sie lediglich deren Torheit und Hohlheit ererbt und für diese fordert sie Achtung von der jungen Generation, sie verlangt, daß dieselben Menschen, die sie verachtet, sie respektieren sollen, überhäuft jeden, der ihr in den Weg läuft, mit Vorwürfen, weil er sich in ihrer Gegenwart nicht richtig hingesetzt oder umgedreht habe, es gibt kein Wesen, das sie liebt und achtet, dafür aber protegiert sie kleine Negerjungen, Möpse und Leute von der Art einer Moltschalin, kurz, sie ist ein widerwärtiges altes Weib im vollen Sinn des Wortes. Moltschalin ist gleichfalls ein glänzender Typus. Diese stumme gemeine Kreatur ist mit außerordentlicher Treffsicherheit erfaßt. Dieser Mensch arbeitet sich ganz still und geräuschlos empor, schlummert doch nach Tschatzkys Worten in ihm ein künftiger Sagorezki. Ein solcher Haufen von Ungeheuern, deren jedes in sich das Zerrbild einer Meinung, eines Prinzips, einer Idee darstellt, ihren vernünftigen Sinn in seiner Weise entstellt und in sein Gegenteil verkehrt, mußte eine Reaktion hervorrufen und zu dem entgegengesetzten Extrem führen, wie es in seiner ganzen Schroffheit durch Tschatzky repräsentiert wird. Tschatzky geht in seinem Ärger und in gerechter Empörung gegen alle diese Leute gleichfalls viel zu weit und bemerkt nicht, daß er gerade dadurch und durch seine unbeherrschte Sprache unerträglich und lächerlich wird. Alle Personen des Gribojedowschen Dramas sind ebensosehr Produkte der Halbbildung, wie die Personen im Drama Von Wisins Produkte der Unbildung, russische Ungeheuer, Krüppel, vorübergehende Zeiterscheinungen sind, die aus einer durch neue Fermente hervorgerufenen Gärung entsprungen sind. Kein einziger von ihnen stellt einen echten, wahrhaft russischen Typus dar: in keinem von ihnen regt sich der russische Bürger. Der Zuschauer bleibt gänzlich im Ungewissen, wie nun ein Russe in Wahrheit sein soll. Selbst Tschatzky, diese Persönlichkeit, die offenbar vorbildlich wirken soll, zeigt nur ein Streben, eine Tendenz zu einem bestimmten Ziel, und äußert bloß ihre Entrüstung über alles Gemeine und Verächtliche in der Gesellschaft, ohne in Wirklichkeit in sich selbst der Gesellschaft ein Muster und Vorbild aufzustellen.

Beide Komödien erfüllen die Forderungen der dramatischen Technik nur schlecht, in dieser Beziehung ist ihnen jedes noch so minderwertige französische Stück überlegen. Der Kern der Intrige, der Knoten des Dramas wird weder straff geknüpft noch kunstvoll gelöst. Man hat den Eindruck, als hätten die Komödiendichter sich hierfür nur wenig interessiert, als repräsentiere ihnen der Stoff nur einen andern höheren Inhalt, der allein für das Auftreten und den Abgang ihrer Person maßgebend ist. Die Notwendigkeit der Nebenpersonen und Rollen steht gleichfalls in keinem Zusammenhang mit der Hauptperson, mit dem Helden des Stücks, sondern wird lediglich daran gemessen, inwieweit diese Personen geeignet erscheinen, den Gedanken des Dichters durch ihre Anwesenheit zu erläutern und zu ergänzen und das satirische Gesamtbild zu vervollständigen. Wäre es anders, d. h. hätten die Dichter die notwendigen Forderungen der Bühntechnik erfüllt und jede ihrer Personen, die alle so außerordentlich glücklich erfaßt und gestaltet sind, sich vor dem Zuschauer in einer lebensvollen Handlung und nicht in bloßen Reden und Gegenreden ausleben lassen, so wären diese beiden Komödien sicherlich zwei großartige Schöpfungen des russischen Genius geworden. Auch jetzt kann man sie zwei echte soziale Komödien nennen; eine so ausdrucksvolle und bedeutende Komödie hat es bisher, wie ich glaube, noch bei keinem Volke gegeben. Bei den Griechen finden wir zwar Ansätze zu einer sozialen Komödie, indessen ließ sich Aristophanes doch mehr durch persönliche Sympathien leiten, er geißelte die Mißbräuche und Fehler einzelner und behielt dabei nicht immer lediglich das Interesse der Wahrheit im Auge: hat er es doch gewagt, was wohl ein genügender Beweis dafür ist, den Sokrates zu verspotten. Unsere Komödiendichter aber wurden von sozialen und nicht von persönlichen Motiven bewegt, ihre Angriffe richteten sich nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen unzählige Mißbräuche, gegen Verirrungen der Gesellschaft und ihr Abweichen vom geraden Wege des Rechts. Die Gesellschaft schien in ihnen selbst Fleisch und Blut, schien Körper geworden zu sein; am lyrischen Feuer der Entrüstung entzündete sich ihr kraftvoller schonungsloser Spott. Da ist eine Fortsetzung jenes Kampfes von Licht und Finsternis, den Peter in Rußland entfacht hat, und der jeden hochherzigen Russen unwillkürlich zu einem Vorkämpfer des Lichts macht. Beide Komödien sind keine eigentlichen Schöpfungen der Kunst, und sind nicht aus der Einbildungskraft des Dichters geboren. Es mußte sich schon viel Schmutz und Unrat in unserem Lande angehäuft haben, damit zwei solche Werke ganz aus sich selbst entstehen und wie ein reinigendes Gewitter an uns vorüberziehen konnten. Und das ist der Grund, weswegen in unserer Literatur kein Werk mehr auf sie gefolgt ist, das ihnen gleichkam, und daß ihnen wahrscheinlich auch lange kein gleiches mehr folgen wird.

Mit dem Tode Puschkins kommt die Bewegung in unserer Literatur zum Stillstand. Das bedeutet jedoch noch keineswegs, daß ihr Geist erloschen ist; im Gegenteil, er sammelt sich gleich einem Gewitter in der Ferne, und die Trockenheit und die schwüle Luft kündigen sein Nahen an. Schon heute gibt es viele talentvolle Leute unter uns. Aber noch verspüren wir die Nachwirkung der harmonischen Puschkinschen Töne; noch vermag niemand diesem Zauberkreis, den er um uns gezogen hat, zu entrinnen und zu zeigen, was er selbst vermag. Ja niemand scheint etwas davon zu merken, daß eine neue Zeit angebrochen ist, daß sich neue Lebensgrundlagen herausgebildet haben, und daß neue Fragen laut zu werden beginnen, die wir bisher nicht vernommen haben; daher haben sie alle noch keine eigene Farbe und keine selbständige Individualität. Man tut sogar besser, diese Dichter gar nicht beim Namen zu nennen, außer dem einen Lermontow, der die andern weit überholt hat und der nicht mehr unter den Lebenden weilt. Er hat Zeugnisse eines erstklassigen Talentes abgelegt; eine große Zukunft hätte ihm bevorgestanden, wenn nicht ein Unstern über ihn gewaltet hätte und wenn er sich’s nicht in den Kopf gesetzt hätte, daß dieser sein Schicksal lenke. Er war sehr früh in solche Gesellschaftskreise gekommen, denen man wohl mit Recht nur eine vorübergehende und zeitweilige Bedeutung beilegen kann, und die wie ein armes Pflänzchen, das sich vom mütterlichen Boden losgerissen hat, dazu verurteilt waren, traurig durch öde Wüsten zu irren, im sicheren Gefühl, daß sie nie in einem andern Boden Wurzeln schlagen würden und daß es ihr Los sei — zu verwelken und elend zugrunde zu gehen — daher diese herzzerreißende Gleichgültigkeit gegen alles in der Welt, die bei ihm schon so früh zum Durchbruch kommt und die wir bisher noch bei keinem unserer Dichter antrafen. Freudlose Begegnungen, ein schmerzloser Abschied, seltsame und sinnlose Liebesbündnisse, die ohne Zweck und Ziel geknüpft und ebenso ziel- und zwecklos wieder gelöst werden, das sind die Gegenstände seiner Gedichte, daher konnte Shukowski das Wesen dieser Poesie sehr treffend mit dem Ausdruck die Poesie der Illusionslosigkeit kennzeichnen. Lermontows Talent machte diese Stimmung für eine Weile populär und modern. Wie einst unter dem anfeuernden Einfluß Schillers eine Begeisterung durch die ganze Welt ging, wie es eine Zeitlang modern war, sich zu begeistern, und wie eine Weile nachher unter dem deprimierenden Eindruck der Byronschen Poesie die Enttäuschung, die „Entgeisterung“, die Desillusionierung im Schwange war, die vielleicht nur die Folge einer übermäßigen Begeisterung gewesen sein mag und dann gleichfalls modern wurde, so kam endlich auch die Reihe an die Illusionslosigkeit, dieses eigenste Kind der Byronschen Enttäuschung und Desillusionierung. Die Zeit, während der diese Stimmung herrschte, war freilich kürzer, als die Dauer der beiden andern Modeströmungen, denn die Illusionslosigkeit hat für niemand etwas Verlockendes. Lermontow glaubte, daß ein Dämon der Verführung Macht über ihn habe, und so hat er es mehr als einmal versucht, sein Bild zu gestalten, wie wenn er sich durch die dichterische Darstellung hätte von ihm befreien können. Allein dies Bild nahm keine bestimmten scharfen Konturen an, ja es fehlte ihm an jener verführerischen Macht über den Menschen, die der Dichter ihm verleihen wollte. Man merkt es Lermontow an, daß diese Gestalt nicht ein Produkt der eigenen Kraft, sondern der Müdigkeit und der Unlust der Menschen ist, den Kampf mit dem Dämon aufzunehmen. In einem unvollendeten Gedicht: „Ein Märchen für Kinder“ hat diese Gestalt mehr plastische Schärfe gewonnen, ist sie sinnvoller geworden. Vielleicht hätte sich der Dichter, wenn er diese Erzählung, die sicherlich sein bestes Gedicht ist, beendigt hätte, ganz von diesem Dämon und damit auch von seiner trostlosen Stimmung befreit (Anzeichen einer solchen Befreiung kann man bereits im „Engel“, im „Gebet“ und einigen andern Gedichten bemerken), wenn er nur selbst etwas mehr Achtung und Liebe für sein Talent besessen hätte. Noch nie hat jemand eine solche beinahe prahlerische Mißachtung für sein Können zur Schau getragen, wie Lermontow. Man hat nie den Eindruck, daß er etwas wie Liebe für die Kinder seiner Phantasie empfinde. Kein einziges seiner Gedichte ist liebevoll ausgetragen, sorgsam und mit der Zärtlichkeit einer Mutter gehegt und gepflegt. Keins ist in sich gefestigt, ins Gleichgewicht gebracht und konzentriert, sogar der Vers hat keine eigene feste Physionomie und mutet wie eine matte Reminiszenz an Shukowskis oder Puschkins Verse an. Überall herrscht Überfluß und ein unnötiger Wortreichtum. Lermontows Prosawerke dagegen sind weit bedeutender. Noch nie hat jemand eine so korrekte, schöne, duftige russische Prosa geschrieben. Aus ihr spricht eine echte Vertiefung in das Leben und die lebendige Wirklichkeit, hier kündigt sich der künftige große Maler und Darsteller russischen Lebens an .... Da aber riß der Tod ihn plötzlich von uns hinweg. Das Schicksal unserer Dichter hat etwas Schreckliches. Sowie einer von ihnen seine eigentliche Bestimmung, seine wahre Aufgabe aus den Augen verliert, nach einer andern greift oder in dem Getriebe der vornehmen Gesellschaft untertaucht, in die er nicht hingehört und in der ein Dichter nicht weilen darf, reißt ihn mit einem Schlage ein plötzlicher gewaltsamer Tod aus unserer Mitte. Drei erstklassige Dichter: Puschkin, Gribojedow und Lermontow wurden uns einer nach dem andern während eines einzigen Dezenniums in der Blüte ihres Mannesalters und ihrer Kräfte durch einen gewaltsamen Tod entrissen — und doch hat das auf keinen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht: unsere leichtsinnige Generation fühlte sich nicht im geringsten erschüttert.

Doch es wird endlich Zeit, daß wir zum Schluß noch etwas darüber sagen, was denn eigentlich unsere Poesie überhaupt darstellt, wozu sie da ist, welchem Zwecke sie gedient und was sie für unser ganzes russisches Vaterland geleistet hat. Hat sie zu ihrer Zeit den Geist der Gesellschaft beeinflußt, hat sie jeden einzelnen je nach dem Platz, den er einnahm, veredelt, hat sie zu seiner Erziehung beigetragen, hat sie der Gesamtheit, gemäß dem Geist des Landes und den wurzelhaften Kräften des Volkes, die die treibenden Mächte des Staates sein müssen, höhere Begriffe eingepflanzt? Oder war sie lediglich ein treues Abbild unserer Gesellschaft — eine vollständige detaillierte Kopie, ein klarer Spiegel unseres Lebens? — Sie ist weder das eine noch das andere gewesen und hat weder das eine noch das andere getan. Sie ist fast völlig unbekannt geblieben, unsere Gesellschaft wußte so gut wie nichts von ihr; unser Publikum genoß damals eine andere Erziehung unter der Leitung französischer, deutscher und englischer Gouverneure, fremder Auswanderer aus aller Herren Länder, aus allen Ständen und Berufen, von Menschen ganz verschiedener Sinnesart, ganz verschiedener Grundsätze und Anschauungen. — Unsere Gesellschaft wurde — was bisher noch mit keinem Volke geschehen ist, mitten im eigenen Vaterlande in der Unkenntnis ihres eigenen Landes — erzogen. Selbst die eigene Sprache war vergessen, so daß unserer Poesie alle Mittel und Wege abgeschnitten waren, um bis ans Ohr unseres Publikums zu gelangen. Wenn es ihr aber doch einmal glückte, bis zur Gesellschaft durchzudringen, so geschah dies stets auf unnatürlichen Seitenwegen: entweder eine glücklich erfundene Musik trug ein Gedicht bis in die Salons der vornehmen Gesellschaft, oder die unreife Frucht eines jugendlichen Dichters, ein minderwertiges Gedicht, das den fremdländischen — freigeistigen Ideen, die unserer Gesellschaft von irgendeinem fremden Gouverneur beigebracht worden waren, nicht entsprach, wurde der Anlaß, daß das Publikum etwas von der Existenz eines Dichters erfuhr, der sich in seiner Mitte aufhielt.

Kurz — unsere Poesie hat weder zur Belehrung und Erziehung unserer Gesellschaft beigetragen, noch war sie ein Ausdruck dieser Gesellschaft. Sie schwebte die ganze Zeit über gleichsam hoch über der Gesellschaft, wie im Gefühl, daß ihre Bestimmung nicht innerhalb der modernen Gesellschaft liege, und wenn sie sich einmal bis zu ihr herabließ, so nur zu dem Zwecke, um sie mit der Geißel der Satire zu treffen, nicht aber, um den Nachkommen durch die Darstellung des gesellschaftlichen Lebens ein Vorbild aufzustellen. Es ist höchst merkwürdig: trotz alledem waren wir selbst Gegenstand unserer Dichtkunst, und doch erkennen wir uns in ihr nicht wieder. Wenn uns ein Dichter unsere besten Seiten vor Augen stellt, scheint er uns zu übertreiben und wir wollen nicht recht daran glauben, was Dershawin uns über uns selbst sagt. Wenn aber ein Schriftsteller die häßlichen und unwürdigen Züge unseres Wesens schildert, so glauben wir ihm gleichfalls nicht, und wir halten das Bild, das er von uns entwirft, für eine Karikatur. In der Tat, in beiden Fällen ist irgendwo eine übertriebene, übersteigerte Kraft oder Potenz vorhanden, und doch ist tatsächlich nichts übertrieben. Der Grund für die erstere ist der, daß unsere lyrischen Dichter die Gabe haben, schon in dem Keim, der dem gewöhnlichen Auge fast verborgen bleibt, die künftige herrliche Frucht zu ahnen, und daher jeden Zug unseres Wesens in gereinigter, geläuterter Gestalt vor uns erstehen lassen. Der Grund der zweiten Erscheinung ist der, daß unsere satirischen Schriftsteller, wenn auch in verschwommenen Umrissen, das Ideal des besseren russischen Menschen in der Seele trugen und gerade deswegen alles Häßliche und Gemeine in den wirklich existierenden Repräsentanten des Russentums nur um so deutlicher sahen. Die Kraft einer edlen Empörung verlieh ihnen die Fähigkeit, eine Sache weit klarer und schärfer zu beleuchten, als sie dem gewöhnlichen Menschen erscheint. Das ist der Grund, weshalb sich in der letzten Zeit von allen unseren Charakterzügen — die Spottlust am allerstärksten entwickelt hat. Bei uns lacht und spottet ein jeder über seine Mitmenschen; ja im innersten Wesen unseres Landes liegt etwas, eine Neigung, über alles zu spotten: über das Alte wie über das Neue, und nur dem Achtung und Ehrfurcht zu bezeugen, was nie veraltet und was ewig ist. So also hat unsere Dichtkunst nie den russischen Menschen in seiner Vollständigkeit dargestellt, weder in dem Ideal, das er erreichen soll, noch in seinem wirklichen Dasein, wie er heute in Wirklichkeit ist. Sie hat lediglich eine schier unendliche Zahl von Nuancen unserer verschiedensten Charaktereigenschaften aufgehäuft, sie hat nur alle einzelnen Züge unserer vielseitigen Natur wie in einer Schatzkammer vereinigt. Unsere Dichter hatten das Gefühl, daß die Zeit noch nicht gekommen sei, uns vollständig und allseitig darzustellen, uns unserer Eigenart zu rühmen, daß wir uns vielmehr erst organisieren, uns selbst finden und Russen werden mußten. Unsere russische Natur ist heute erst soweit erweicht und vorbereitet, um die ihr entsprechende Form annehmen zu können; noch haben wir nicht Zeit gehabt, die Summe aller Elemente und Prinzipien zu ziehen, die von überall her in unser Land verpflanzt wurden; noch ist jeder von uns der Schauplatz, auf dem sich Fremdes und Eigenes in bunter sinnloser Mischung begegnen, noch sind wir nur ein unreifes unvernünftiges Resultat, um dessentwillen Gott diese Mischung, dieses Zusammentreffen der Elemente angeordnet hat. Das haben unsere Dichter gefühlt; aus diesem Gefühl heraus war es gleichsam ihre stete Sorge, in diesem Kampfe die besten Züge unseres Wesens nicht untergehen zu lassen. Sie nahmen dies Beste überall, wo sie es fanden, und beeilten sich, es ans Tageslicht zu bringen, ohne viel danach zu fragen, welchen Platz sie ihm anweisen sollten. So sucht der arme Besitzer eines Hauses, das ein Raub der Flammen wird, alles Wertvolle, was es birgt, zu retten, ohne sich viel um das übrige zu kümmern. Unsere Poesie hat nicht für ihr Zeitalter getönt, sie ließ ihre Stimme erschallen, damit wir, wenn die herrliche Zeit endlich anbrechen würde, wo der Gedanke einer inneren Erbauung und Verkörperung des Menschen im Bilde, für das ihn Gott erschaffen und das er auf sein Geheiß aus den eigenen urwüchsigen Materialien unseres Landes errichten sollte, ganz Rußland ergreifen und zum sehnlichsten Wünsche aller Russen werden würde — damit wir uns dann darüber klar wären, was alles an Gutem und Schönem und Eigenem in uns verborgen liegt, und nicht vergessen, es bei diesem Bau zu verwenden. Unsere eigenen Schätze werden sich uns immer mehr enthüllen, je aufmerksamer wir uns in unsere Dichter hineinlesen werden. In dem Maße, als wir sie mehr und besser kennen lernen werden, werden wir auch ihre anderen höheren Eigenschaften verstehen lernen, die bisher noch kein Mensch bemerkt hat: wir werden erkennen, daß sie nicht bloß die Hüter unserer Schätze und Kostbarkeiten, sondern zum Teil auch unsere Baumeister waren, sei es nun, daß sie sich dessen bewußt waren oder nicht; jedenfalls aber haben sie in ihrer im Vergleich zu uns so viel höheren Natur und Veranlagung einen unserer nationalen Charakterzüge zur Darstellung gebracht, der in ihnen zu weit kraftvollerer, deutlicherer Entwicklung gekommen ist, um sich uns in seinem ganzen Glanz und in seiner ganzen Herrlichkeit zu enthüllen. Dieses Streben Dershawins, das Bild eines starken, unbeugsamen Mannes von einer ungeheuren, fast biblischen Größe zu zeichnen, hatte nichts Willkürliches: den Keim dazu fand er in unserem Volke selbst. Die mächtigen Züge eines großen und gewaltigen Menschen sind in ganz Rußland überall so lebendig, daß selbst Ausländer, die etwas von Rußland kennen gelernt haben, darüber erstaunt sind, noch ehe sie sich mit den Sitten und Gebräuchen unseres Landes vertraut gemacht haben. Vor kurzem erst hat einer von ihnen seine Memoiren herausgegeben, um Rußland Europa von einer recht abschreckenden Seite zu zeigen, aber auch er vermag seine Verwunderung über die schlichten Bewohner unserer Bauernhütten nicht zu verhehlen[5]. Mit Staunen betrachtete er unsere ehrwürdigen weißhaarigen Greise, die an der Schwelle der Hütten sitzen; erschienen sie ihm doch wie die gewaltigen Patriarchen der alten biblischen Zeiten. Mehr als einmal mußte er gestehen, daß ihm in keinem Lande Europas, das er bereist hatte, das Bildnis des Menschen in solch einer an die patriarchalisch biblische Größe gemahnenden Erhabenheit erschienen war. Und dieser Gedanke kehrt in seinem Buch, das von einem mächtigen Haß gegen unser Volk erfüllt ist, mehrfach wieder. Dieser Zug, d. h. diese Feinfühligkeit, dieser scharfe Instinkt, der sich besonders bei Puschkin mit solcher Stärke äußert, ist eine unserer nationalen Eigentümlichkeiten. Man denke bloß an die Ausdrücke, mit denen das Volk selbst diesen eigentümlichen Zug eines Charakters kennzeichnet, z. B. an den Spitznamen Ohr, den man einem Menschen beilegt, in dem jede Fiber zittert und zu sprechen scheint und der keinen Augenblick untätig sein kann. Oder man denke an die Bezeichnung Allerweltskerl für einen Menschen, dem alles gelingt, und der mit allem fertig wird, und die Zahl derartiger Ausdrücke, die die verschiedensten Nuancen und Schattierungen dieses Charakterzugs bezeichnen, ist ganz außerordentlich groß.

Das ist ein großer Zug in unserem Wesen: das Bild des russischen Mannes, das Dershawin gezeichnet hat, wäre noch nicht vollständig und würde noch nicht die ganze herbe Größe atmen, wenn es diesem Manne an dem feinen Gefühl, an der Fähigkeit fehlte, lebhaft auf jeden Naturgegenstand zu reagieren und bei jedem Schritte voll Staunen über die Schönheit der Schöpfungen Gottes zu verharren. Dieser Verstand, der die richtige Mitte, das Maß eines jeden Dinges zu finden weiß, wie wir ihn besonders bei Krylow finden, das ist der echt russische Verstand. Nur in Krylow äußert sich dieser sichere Takt des russischen Geistes, der es versteht, das wahre Wesen einer Sache zum Ausdruck zu bringen, und es auszudrücken vermag, ohne jemand durch ein Wort zu verletzen und Menschen von anderer Sinnesart gegen sich und seinen Gedanken aufzubringen, kurz jener sichere Takt, den wir durch unsere weltmännische Erziehung und Bildung verloren haben und den sich nur noch unsere Bauern erhalten haben. Unser Bauer versteht es, so freimütig mit allen Höhergestellten und über ihm Stehenden zu sprechen [selbst mit dem Zaren], wie keiner von uns, und dabei verletzt er mit keinem Worte den Anstand, während wir es häufig nicht einmal verstehen, mit einem Gleichgestellten zu reden, ohne ihn durch einen Ausdruck zu verletzen. Wenn dafür aber einmal in einem von uns dieser innere sichere, echt russische geistige Takt wirklich vorhanden ist, dann genießt er bei uns die Achtung aller Leute, ihm wird kein Mensch es verwehren, etwas zu sagen, was man einem andern nie gestatten würde, ihm nimmt niemand etwas übel. Alle unsere Schriftsteller haben Feinde gehabt, selbst die gutmütigsten unter ihnen und die, die das beste Herz hatten. (Man denke nur an Karamsin und Shukowski.) Krylow aber hatte nie einen Feind. Dieser jugendliche Wagemut und dieser stürmische Drang, seine Kräfte für alles Hohe und Gute einzusetzen, der in den Versen Jasykows pulsiert, das ist die überschäumende Kraft unseres russischen Volkes, jene herrliche Eigenschaft, die nur ihm allein eigen ist und die uns Alten und Jungen ein jugendliches Feuer einhaucht, sowie sich eine Gelegenheit bietet, sich für eine große Sache, deren kein andres Volk fähig ist, einzusetzen — solch eine Aufgabe schmilzt plötzlich die ganze bunte, mit sich im Streit liegende Masse in einem mächtigen Gefühl zusammen; jeglicher Streit, alle engherzigen persönlichen Interessen — alles ist vergessen, und ganz Rußland steht plötzlich da wie ein einziger Mann. Alle diese Eigenschaften, die unsere Dichter uns offenbart haben, sind nationale Eigentümlichkeiten unseres Volks, die in ihnen bloß schärfer und deutlicher zur Ausprägung gekommen sind; die Dichter tauchen ja nicht plötzlich wie aus dem Wasser empor, sie gehen aus ihrem Volke hervor. Sie sind Funken, die von ihm selbst ausgehen, die ersten Herolde, die von seiner Kraft zeugen. Daneben aber haben unsere Dichter auch schon dadurch viel Gutes geleistet, daß sie einen bisher noch nie bekannten Wohllaut verbreitet haben. Ich weiß nicht, ob die Dichter irgendeiner andern Literatur eine so unendliche Mannigfaltigkeit von Klangnuancen hervorgebracht haben, wozu ja freilich auch unsere poetische Sprache manches beigetragen hat. Jeder von ihnen hat sein eigenes Versmaß und seinen Eigenton. Dieser eherne metallische Vers Dershawins, den unser Ohr noch bis auf den heutigen Tag nicht vergessen kann; dieser Vers Puschkins, der da tropft wie schweres Harz oder wie ein Strahl alten, hundertjährigen Tokaiers, dieser leuchtende festliche Vers Jasykows, der wie ein Lichtstrahl in die Seele dringt und ganz aus Licht gewebt zu sein scheint, dieser mit allen Düften des Mittags gesalbte Vers Batjuschkows, süß wie der Honig aus Bergschlüchten, dieser leichte ätherische Vers Shukowskis, der wie der kaum vernehmbare Ton einer Äolsharfe verschwebt, dieser schwere, uns zur Erde herabziehende Vers und häufig von einer bitteren, quälenden russischen Schwermut durchdrungene Vers Wjasemskis — sie alle haben wie verschieden abgestimmte Glocken, oder wie die vielen Flöten einer herrlichen Orgel einen wundervollen Wohllaut durch das ganze russische Land getragen. Dieser Wohllaut ist wahrlich nichts Geringes, wie die glauben mögen, die keinen Begriff von der Poesie haben. Dieser Wohllaut lullt das Volk in seinen Kinderjahren ebenso ein wie das herrliche Wiegenlied einer Mutter, noch ehe es den Sinn des Liedes verstehen lernt, und seine wilden Leidenschaften legen sich und kommen von selbst zur Ruhe. Dieser Wohllaut ist ebenso notwendig, wie der Weihrauch im Tempel, der unsere Seele unmerklich, noch ehe der Gottesdienst begonnen hat, zur Aufnahme von etwas Höheren stimmt und vorbereitet. Unsere Poesie hat alle Akkorde auserprobt, hat die Einflüsse der Literatur aller Völker erfahren, hat der Leier aller Dichter gelauscht, hat sich eine Art von Weltsprache geschaffen, um alle Menschen für eine größere Aufgabe vorzubereiten. Jetzt kann man nicht mehr von den Torheiten reden, die unsere heutige, sich ihrer Verantwortlichkeit noch nicht bewußte junge Dichtergeneration leichtsinnig weiterplappert; man kann auch der Kunst nicht mehr dienen — so schön und beglückend ein solcher Dienst auch sein mag —, ohne ihre höhere Bestimmung zu verstehen und ohne sich darüber klar zu sein, wozu uns die Kunst verliehen ward; ein Puschkin läßt sich nicht wiederholen. Nein, weder Puschkin noch irgendein anderer darf uns jetzt zum Vorbilde dienen; nun sind andre Zeiten gekommen. Heute kann man uns mit nichts mehr imponieren: weder durch die Eigenart und Eigenwilligkeit des Verstandes, noch durch die plastische Kraft des Charakters, noch durch die stolze Selbstbewußtheit der Geste: heute muß der Dichter eine höhere christliche Bildung erhalten. Andere Aufgaben erwachsen der Poesie. Wie sie während der Kindheit der Völker dazu diente, die Nationen zum Kampf anzufeuern und ihren kriegerischen Geist zu wecken, so ist es jetzt ihre Bestimmung, den Menschen zu einem andern, höheren Kampf aufzurufen — zu einem Kampf, in dem es sich schon nicht mehr um unsere zeitlichen Güter und unsere zeitliche Freiheit [unsere Rechte und Privilegien], sondern um unsere Seele handelt, die unser himmlischer Schöpfer selbst für die Perle Seiner Schöpfungen hält. Zahlreiche Aufgaben stehen heute der Dichtkunst bevor: sie muß der Gesellschaft alles wahrhaft Schöne wieder zurückerstatten, was ihr durch das sinnlose Leben von heute geraubt ward. Nein, diese künftigen Dichter werden keinem von unseren früheren Poeten ähnlich sehen. Sogar ihre Sprache wird anders klingen; sie wird unserer russischen Seele verwandter und vertrauter erscheinen, und unsere nationalen Elemente werden viel lebendiger und kräftiger in ihr zum Ausdruck kommen. Noch sprudelt jener eigene urwüchsige Quell unserer Poesie nicht kräftig und hoch genug, der schon zu einer Zeit im Innern unseres Busens kochte und strömte, als selbst das Wort Poesie noch in keines Menschen Munde war. Noch immer erscheint dieser unerklärliche Freiheitsdrang, der uns aus unseren Liedern entgegentönt, und über das Leben und sogar über das Lied selbst hinweg in unbekannte Fernen stürmt, noch erscheint uns dieser glühende, verzehrende Wunsch nach einem besseren Vaterland, nach dem sich der Mensch seit dem Tage seiner Geburt so schmerzlich sehnt — wie ein Rätsel. Noch ist in keinem einzigen Wesen jene vielseitige, poetische Harmonie und das Geschlossene unseres Geistes, die in unseren vieläugigen Sprichwörtern verborgen ist, völlig Fleisch und Blut geworden; haben sie es doch verstanden, in einem so armseligen und traurigen Zeitalter so große und bedeutsame Folgerungen und Schlüsse zu ziehen, als dem Menschen in Rußland noch so enge Grenzen gezogen waren, als er noch gezwungen war, in einem so trüben Sumpfe zu leben; so sind sie uns eine lebendige Mahnung, was für gewaltige Folgerungen der moderne Mensch in Rußland aus unseren heutigen machtvollen Zeiten ziehen kann, in denen die Ergebnisse aller Zeitalter aufgespeichert und wie allerhand ungesiebter Plunder ungeordnet in einem Haufen zusammenliegen. Noch ist vielen diese Lyrik — dies Produkt einer höchsten Verstandsreife und Nüchternheit — ein Geheimnis! diese Lyrik, die aus unseren Kirchenliedern und kanonischen Gesängen herstammt und die Seele unserer Dichter noch unbewußt begeistert, wie ihm die heimatlichen Klänge unserer Lieder unbewußt ans Herz greifen. Und endlich ist uns auch unsere merkwürdige Sprache noch ein Geheimnis. Sie enthält sämtliche Töne und Farben, alle Klangnuancen, von den kräftigsten bis herab zu den zartesten und weichsten. Sie ist unendlich und grenzenlos und vermag sich, lebendig wie das Leben selbst, in jedem Augenblick zu bereichern, indem sie einerseits die hohen gewaltigen Worte aus der biblischen Kirchensprache schöpft und sich andererseits die treffendsten Ausdrücke aus den zahllosen Dialekten, die es in unseren Provinzen gibt, aneignet; so gewinnt sie die Möglichkeit, sich in ein und derselben Rede bis zu einer Höhe emporzuschwingen, die keiner andern Sprache erreichbar, und andererseits bis zu einer Einfachheit herabzusteigen, die selbst dem Sinn des unbegabtesten Menschen verständlich ist; — eine Sprache, die selbst und an und für sich schon dichtet, und die nicht umsonst für eine geraume Zeit von den vornehmen Ständen vergessen worden war. Es war eine Notwendigkeit, daß wir alles Häßliche und Minderwertige, das wir uns zugleich mit der fremdländischen Bildung angeeignet hatten, in den fremden Mundarten ausschwatzten und ausplauderten, damit alle die unklaren Töne und die ungenauen Bezeichnungen für die Dinge — diese Produkte ungeklärter und verworrener Gedanken, die die Sprachen dunkel machen — die kindliche Klarheit unserer Sprache nicht mehr trüben, und daß wir nunmehr mit dem Drang zum Nachdenken und von dem Wunsche beseelt, unserem eigenen und nicht mehr einem fremdem Verstande zu folgen, zu ihr zurückkehren konnten. Das alles sind vorerst nur noch Werkzeuge, Material, noch Felsblöcke oder ein in der Erzader steckendes Edelmetall, aus dem einmal eine andre machtvolle Sprache geschmiedet werden wird. Und diese Sprache wird bis tief auf den Grund der Seele dringen und nicht auf unfruchtbaren Boden fallen. Ein Schmerz und eine Trauer, wie sie wohl Engel empfinden mögen, wird unserer Poesie einen mächtigen Impuls verleihen; sie wird tief in alle Saiten greifen, die in dem Russen anklingen, und selbst die rohesten Gemüter mit jenem heiligen Gefühl der Ehrfurcht erfüllen, das keine Kraft und kein Werkzeug dem Menschen einzupflanzen vermögen; sie wird unser Rußland ans Licht rufen — unser russisches Rußland, nicht das, von dem uns irgendwelche Hurrapatrioten ein rohes Bild entwerfen und auch nicht das, das uns einzelne ihrem Vaterland entfremdete Russen übers Meer herüberbringen wollen, nein, das Rußland, das unsere Dichtung aus uns selbst heraufholen und so vor uns hinstellen wird, daß alle bis auf den letzten, so verschieden ihre Sinnesart, ihre Erziehung und ihre Anschauungen auch sein mögen, einstimmig ausrufen werden: „Ja, das ist unser Rußland; hier fühlen wir uns behaglich und heimisch, jetzt sind wir wirklich zu Hause unter unserem heimatlichen Dach und nicht irgendwo draußen in der Fremde!“