Abb. 8. Durchschnitt durch eine Wand des großen Cañon des Koloradoflusses in Arizona. gn uralte gefaltete Gebirgsmasse aus Gneiß, durchsetzt mit vulkanischen Durchbrüchen, oben durch Verwitterung wieder bis auf die Wurzel platt abradiert. al aufgelagerte Schichten von Schiefern und Sandsteinen der algonkischen Periode, durch erneute Bewegungen des Bodens samt der Unterlage zerbrochen und verschoben. cam abermals platt aufgelagerte Schichten, die in der kambrischen Periode sich bildeten und bis heute horizontal liegen geblieben sind. dev ebenso aufgelagerte devonische Ablagerungen, nur schwach noch vorhanden. carb Kalk- und Sandsteine, die in der Steinkohlenperiode in außerordentlicher Masse noch darauf getürmt wurden.
(Nach Frech.)
Fast einförmig will die Erdgeschichte erscheinen, wenn man sie gleich so »modern« einsetzen sieht. Es war aber in Wahrheit noch für Überraschungen genug gesorgt, und auch das geographische Bild liefert deren noch sehr sinnfällige. Auf die algonkische folgte die kambrische Periode. War es dort möglich, an einer Stichprobe festzustellen, daß schon alle nötigen Voraussetzungen zu einer Karte gegeben waren, so besitzen wir für sie jetzt eine Anzahl erster Stichproben des Kartenbildes selbst. An den verschiedenen Punkten der Erde erscheinen Ablagerungen noch der kambrischen Meere. Eine nicht allzu reiche, aber doch kennzeichnende Tierwelt zeigt sich in versteinerten Resten darin und erleichtert die Bestimmung der Zugehörigkeit. Wo diese Schichten abreißen, wo sie fehlen, da vermutet man Küste, vermutet man Land von damals, vorausgesetzt natürlich, daß nicht spätere Zerstörung die Meereszeugnisse dort irreführend wieder beseitigt hat; eine Voraussetzung, die allerdings, wie gesagt, leider nicht immer gilt. Auf jeden Fall verraten aber die mächtigen Schuttmassen selber, die die kambrischen Meere schon häufen konnten, mit Sicherheit das Dasein großer Festlandmassen überhaupt. Gelegentlich kann man auch aus der zwar allgemein zeitgenössisch verwandten, aber doch in Einzelzügen schon örtlich etwas verschiedenen, gleichsam in abgesonderten »Provinzen« entwickelten Meerestierwelt deutlich erkennen, daß solche Landgebiete sich wie heute trennend zwischen zwei Meere schoben. So wie man aber nun Einzelheiten der Karte daraus zu erfassen sucht, treten rechte Seltsamkeiten hervor. Viel Land scheint da zu sein, auffällig weite zusammenhängende Festlandstrecken, zwischen denen auch noch das Meer, wo es eingreift, sich zumeist ganz unzweideutig als seicht darstellt. Auf keinen Fall scheint weniger Land vorhanden als heute. Und das ist gleich schon interessant für ein Anfangsbild, ja es ist wertvoll, wie ich hinzufügen möchte, auch für ein Schlußbild. Wie endlos weit wir jedenfalls schon von einem vermutungsweisen »allumflutenden Meer« der Anfangstage entfernt sind (falls ein solches Meer je vorhanden war), zeigt es. Aber es beweist auch etwas für gewisse Ideen über die Zukunft der Erde, die man öfter heute hören kann. Die Erde werde allmählich, wie der Mond, austrocknen, sagt man uns, und damit werde natürlich alles Leben, auch das menschliche, zuletzt jämmerlich zugrunde gehen. Wenn das richtig wäre, so müßte sich das Festland im Verlauf der geologischen Epochen seit der uns bekannten ältesten jedenfalls schon merkbar vergrößert, das Wasser dagegen im Kartenbilde abgenommen haben. Wir würden also auf der Karte des Kambriums größere und tiefere Ozeane mit nur erst ein wenig inselhaftem Land darin erwarten müssen. Das Gegenteil ist der Fall, und wir werden sogar gleich ein paar Karten früher Erdzeiten sehen, auf denen ganz entschieden mehr Land lag, als heute besteht. Es scheint somit, daß das Wasserschlucken und Wasserspeien der Erdkugel sich wirklich im Sinne des früher schon Gesagten auch geologisch stets mindestens die Wage gehalten hat, und so brauchen wir in dem Punkt jedenfalls nicht pessimistisch in die Zukunft zu sehen.
Abb. 9. Festländer und Meere in der unteren kambrischen Periode (größtenteils nach Frech und Arldt).
Was aber nun die Verteilung der kambrischen Festländer und Meere anbetrifft, so scheint es, daß auch damals schon die Erde eine ausgesprochene Landseite und eine ausgesprochene Wasserseite besaß. Und zwar bildete die Wasserseite wie heute der Stille oder Pazifische Ozean, der noch ein gut Teil größer war, als gegenwärtig, während die ganzen Erdteile äußerst dicht geschart auf dem übrigen Raum der Kugel beisammen lagen. Es sei gleich gesagt, daß dieses Grundverhältnis sich auch in allen zwischen heute und damals liegenden wechselvollen Erdperioden niemals ernstlich verschoben zu haben scheint. Obwohl uns die geologische Geschichte dieses Stillen Ozeans in vielem ja heute noch eine unbekannte Welt sein muß, eben weil sein Grundgestein auch heute tief unter den Wassern liegt, so sprechen doch die urweltlichen Meeresablagerungen, die sich in den verschiedenen Erdperioden immer wieder rings um seine ungefähren Ufer angesetzt haben, recht eindringlich für eine solche Beständigkeit. Das wirkt nun wieder verblüffend, obwohl es an sich auch noch bloß Heutiges urweltlich wiederholt. Verblüffend ist es nämlich für jene Vermutung, daß alle Regungen und Bewegungen der großen »Steinflut« in unserer Erdrinde, die seit alters Meeresbecken, Erdteile und Gebirge neu geschaffen haben, bloß ein Ergebnis des Nachsinkens, Einbrechens und Sichrunzelns dieser Erdrinde über einem sich beständig verkleinernden Erdkern seien. Aus dieser Meinung heraus ist jedenfalls sehr schwer verständlich, ja unbegreiflich, warum die Erdkugel alle Jahrmillionen der bekannten Erdperioden hindurch gleichsam auf ihrer einen Backe eine riesengroße mehr oder minder tiefe Grube oder Mulde dauernd bewahrt haben soll, während alles Stehenbleiben oder größere faltenhafte Emporquellen von Erdteilen durchaus auf die andere Backe beschränkt blieb. Fast möchte man hier eher an einen kosmischen oder sonst ganz allgemeinen Einfluß denken, dem die Erde noch in jener »mythischen Epoche« ihrer Uranfänge unterlegen wäre und der ihr Bild unabänderlich fortan bestimmt hätte, – wenn man nur wieder wüßte, was man sich darunter genauer vorzustellen hätte. Jedenfalls muß die merkwürdige Sache uns aber die Augen dafür offen halten, ob jene einseitige Schrumpfungstheorie so ganz auf dem richtigen Wege ist.
Uns graut heute schon vor der Wasserwüste, die dieser Stille Ozean etwa zwischen Kalifornien und China bildet. Wer damals dort hätte segeln dürfen – sagen wir in der Phantasie ein Wesen von fremdem Stern, das schon in kambrischen Tagen, fünfzig und mehr Millionen Jahre vor dem ersten Menschenauge, den Erdball entdeckt und besucht hätte – der wäre aber noch auf eine ganz andere Fläche gestoßen. Heute neigen sich doch weiter nördlich wenigstens Asien und Amerika in der Beringstraße eng zu einander. Der kambrische Pazifik trieb dagegen seine ungeheuren Wellen auch hier noch unvergleichlich viel weiter, er rollte sie über den engeren Fleck des heutigen China, über ganz Ostsibirien, wo jetzt die Lena zum Eismeer strömt, bis hoch hinauf in sieghafter Riesenentfaltung gegen die asiatische Nordspitze, das Kap Tscheljuskin. Am Schlamm, den er dort überall abgesetzt und den diese Länder, nachdem sie längst wirklich »Land« geworden, heute noch an ungestörten Stellen als dicke versteinte Decken tragen, erkennt man deutlich noch seine Spur. Und entsprechend überschwemmte er weite Gebiete des heutigen westlichen Amerika. Von Alaska bis San Franzisko wälzten sich auch hier seine grauen Wellen sintfluthaft. Er stand über der ganzen Breite des unteren, zugespitzten Teils von Südamerika, von Chile und Paraguay bis zum Kap Horn. Man fühlt sogleich, daß hier die Gebirgsmauer der amerikanischen Kordillere noch fehlen mußte, die heute als Felsengebirge und Anden westlich das Land verteidigt; und in der Tat ist auch diese Kordillere erst viel, viel jüngeres geologische Werk, wie die Anordnung und Faltung ihres Gesteins erweist. Wohl hätte ein Besucher von damals, der sich wie ein verlorener Schmetterling über diese endlosen Wasser hinausgejagt fand, doch auf eine Weile den Eindruck erhalten können, er schaue noch über eine Urerde, deren Kugelfläche ganz anders unter Wasser stand als später. Und der Eindruck hätte sich verstärkt, wenn er inmitten dieser westamerikanischen Überflutung nun folgerichtig damals auch keinem Isthmus von Panama begegnet wäre, sondern auch dort quer über den Ort des heutigen Mittelamerika hinweg in freier Fahrt ostwärts in das Gebiet des Atlantischen Ozeans hätte einlenken können. Dann erst, bei dem Versuch, dieses Becken zu erforschen, das zunächst auch nur wie eine offene östliche Fortsetzung der bisher durchquerten pazifischen Wasserfläche aussah, wäre er auf die wahre Sachlage auch der kambrischen Festlandverteilung gekommen. Er mußte auf die riesigen inneren Küsten der »Landseite« stoßen und das jetzt in einer Form, die einerseits ganz entschieden abwich vom heutigen geographischen Sachverhalt, andrerseits aber die wirklich nicht zu verachtende Masse auch des damaligen Landes dartat.
Südöstlich von der breit offenen mittelamerikanischen Einfahrt, einem natürlichen Panamakanal von damals fast zwanzig Breitengraden Öffnung, hätte unser kambrischer Seefahrer endlich erstes Land gesichtet in der Gegend etwa der heutigen atlantischen Küste von Kolumbien. Es war der damals allein über Wasser stehende Nordblock von Südamerika, in der Hauptmasse das heutige Brasilien umfassend. Es ist amüsant, sich hier daran zu erinnern, daß auch unsere späte europäische Entdeckungsgeschichte in der Zeit kurz nach Kolumbus einmal eine Neigung gehabt hat, statt des heutigen großen Kontinents von Südamerika dort bloß eine »brasilische Insel« zu suchen. Der Portugiese Cabral hatte damals im Atlantischen Ozean südwärts nach dem Kap der guten Hoffnung fahren wollen und entdeckte dabei zufällig, durch eine Strömung aus dem Kurs gebracht, die für sein Wissen ganz vereinzelte brasilische Küste. Eine Weile spukte daraufhin eine solche brasilische Insel in den Köpfen, bis man durch weiteren Verfolg der Uferlinien den wirklichen Umfang des neuen Kontinents für unsere Tage erfaßte. Aber es gibt nicht leicht eine menschliche Phantasie, die nicht irgendwo einmal auch im Reichtum der Natur verkörpert gewesen wäre, und so ist im Kambrium und noch lange später auch ein urweltliches Südamerika wirklich dagewesen, das wesentlich nur aus Brasilien bestand. Eigenartigerweise aber wieder war der Begriff »Insel« dabei aus einem ganz andern Grunde auch nicht richtig. Während dieses Stück Südamerika nämlich im Gegensatz zu unsern Karten damals bei Panama wirklich als Insel frei in den Ozean ragte, hätte unser kambrischer Seefahrer gerade an der Seite, wo Cabral es als vermeintliche Insel entdeckte, die befremdlichste Feststellung machen müssen. Eben da, wo Cabral durch den Südteil des Atlantischen Ozeans nach Südafrika durchfahren wollte, wäre ihm zu seiner Zeit der Weg völlig versperrt gewesen. In der Verlängerung rund etwa von Venezuela ostwärts steuernd, wäre er immer weiter und weiter an einer Küste entlang gefahren. Schon nach kurzer Zeit konnte das nicht mehr die südamerikanische sein. Südamerika hatte vielmehr damals ostwärts gegen Afrika zu keine abschließende Ecke. Fortlaufende Festland sperrte die ganze Einfahrt zum südlichen Atlantischen Ozean auf der vollen Breite von Venezuela bis Nordafrika. Afrika und Brasilien bildeten eine einheitliche afrikanisch-brasilische Masse mit riesigem Verbindungsstück, an dem westlich das wirkliche Brasilien nur wie eine Halbinsel hing. Nie hätte ein Portugiese den »Seeweg nach Ostindien« in dieser Richtung finden können! Vollzogen war in dieser uralt entlegenen Zeit, was wir oben als Möglichkeit einer phantasievoll ausgestalteten modernen Meereskarte flüchtig uns einmal vorgestellt hatten: der Atlantische Ozean in seinem Südteil war einfach verrammelt mit Festland, bestand als Ozean dort hinunter überhaupt nicht mehr.
Wenn unser kambrischer Segler nach dem vergeblichen Versuch, dieser einförmigen Südmauer zu entrinnen, sich aber nun quer über das Mittelstück des geheimnisvollen Meeres, in das er bei Panama doch so offen eingefahren war, nordwärts gewendet hätte, so hätte er eine neue eigentümliche Landerfahrung machen müssen. Nach Überquerung des mittleren Teils des heutigen Atlantischen Ozeans wäre er nördlich abermals auf eine ungeheure, ebenso endlos und einförmig sperrende Küste gestoßen. Sie kam zunächst etwa aus der Gegend von Mexiko im Bogen herauf. Offenbar also gehörte sie hier einem ebenfalls damals schon über Wasser stehenden Teil jetzt von Nordamerika an. Genau folgte sie allerdings zwischen Florida und Neufundland nicht dem gegenwärtigen Küstenrand, sondern schnitt ein gut Teil noch in das heutige Land selber ein. Man merkt, daß auch hier noch eine große Gebirgskette fehlte, die Alleghanys, die für diese atlantische Küste Nordamerika jetzt eine ähnliche Rolle als schützende Mauer spielen wie drüben die Parallelfalten der Felsengebirge für die pazifische. Dann aber, jenseits von Neufundland, verließ auch diese nordatlantische Sperrküste einfach jede Landgrenze von heute. Sie schritt vor der Südspitze von Grönland und Island her abermals östlich quer über den ganzen Atlantischen Ozean auf Schottland und Skandinavien zu! Ein zweites, ganz unfaßbar riesiges Festland mußte hier liegen, an dem diesmal der vorhandene Teil von Nordamerika als Halbinsel hing, wie Südamerika drüben an dem andern.
Dieses nordatlantische Festland ist die zweite recht eigentlich bedeutsame Tatsache in der Länderverteilung der Urwelt. Damals im alten Kambrium schon vorhanden, hat es eine gar nicht zu überbietende geographische Rolle durch alle die folgenden Erdepochen bis noch in die späte Tertiärzeit hinein gespielt. Wechselnd in den äußeren Grenzen, da, dort einmal durchbrochen, streckenweise überflutet, von den andern Festländern bald mehr getrennt, bald mehr brüderlich umfaßt, hat es immer doch wie ein im ganzen unbeugsamer Recke dieser Urwelt sich wieder erhoben, bis es erst ganz nahe zu unsern Tagen endlich fallen sollte. Als wesentlicher Rest steht heute von ihm nur noch Grönland. Dieses Grönland ist auf unsern Karten ja immer ein sonderbarer, man möchte sagen, nicht mit klarem Rest aufgehender Landfleck. Soll man es zu Nordamerika rechnen? Ist es eine Art eigenen Erdteils noch heute? Das versteht man eben erst geologisch jetzt. Heute ist Grönland in der Tat nur eine einzelne Ruinenzacke im Meer. Damals dehnte es sich offen verfließend durch das Herz eines Erdteils; eine Landschaft war es in seinen heutigen Nordteilen, wie heute etwa Tibet im Herzen Asiens oder der Sudan in Afrika. Wer sich in jenen kambrischen Urtagen hoch darüber hätte erheben können zu umfassender Schau, der sah das Land darüber hinausfluten östlich bis über Spitzbergen und noch weiter, westlich ohne trennende Meeresarme und Buchten über das ganze polare Inselland von Nordamerika. Wie weit die Grenzen im Norden gingen, weiß man nicht. Wahrscheinlich aber doch wohl über den Pol selbst noch hinüber. Wenn man sich denken dürfte, Erdteile ließen sich schwimmend fortbewegen wie Eisschollen, so könnte man fast versucht sein zu sagen, Nordamerika sei in Gestalt dieser riesenhaften Masse damals polwärts heraufgerutscht gewesen. Aber die ganze Größe der Dinge tritt erst hervor, wenn man sieht, daß ja Nordamerika außerdem damals noch vorhanden war oder es doch sein konnte. In den kambrischen Tagen, deren Bild wir bisher verfolgt haben (wesentlich das mutmaßliche Bild des ersten, ältesten Abschnitts noch wieder innerhalb der gesamten kambrischen Erdperiode), ragte von ihm wenigstens das Mittelstück als gewaltiges Dreieck aus dem Ozean, über den Fleck der heutigen Baffinsbai, wie gesagt, als Halbinsel anschmelzend an den rätselhaften nordatlantischen Riesenblock; in folgenden geologischen Epochen ist es aber auch gelegentlich fast ganz schon über den Wassern gewesen, und doch ragte ebenso dieser Block.
Da wird man dann genötigt sein, für das Nordland einen besonderen Namen zu suchen. Am besten wird man ihn anknüpfen an seine eigentlich revolutionärste Eigenschaft, die es gegenüber dem heutigen Kartenbilde stets besaß: seine ausgesprochene Richtung, nicht wie Nordamerika den Atlantischen Ozean südnordwärts offen an sich vorbeiströmen zu lassen gegen das Eismeer hin, sondern diesem Atlantischen Ozean von Norden eine lange Mauer hemmend quer durch den Weg zu ziehen; wie immer seine Grenzen im Verlauf der folgenden Erdperioden im einzelnen geschwankt haben mögen, bald sich noch mehr vorschoben in den Ozean hinaus, bald etwas zurückwichen, bald irgendwo vorübergehend einrissen: immer, so lange es bestand, hat es diesen zähen Eigenwillen nicht aufgegeben. Für ein Land aber, das den Atlantischen Ozean durchsetzen, einengen, teilweise ausfüllen wollte, haben wir ein altes Sagenwort: Atlantis. Die griechische Sage nennt auf Grund ägyptischer Überlieferung eigentlich so ein Land, das noch in höheren Kulturtagen parallel zu Altägypten jenseits der Säulen des Herkules, also modern gesprochen der Straße von Gibraltar, mitten im Atlantischen Ozean gelegen haben soll. Sehr hohe Kultur sollte dort geblüht haben, in einer Nacht der Schrecken aber hätte der Ozean selber es wieder verschlungen. Es ist auch hier, wie bei der Sintfluterzählung, schwer, mit der Sage geologisch zu rechten. Man hat an mancherlei Möglichkeiten gedacht: alte Ahnungen von Amerika; alte afrikanische Kultur, deren Ort später sagenhaft geworden wäre. Will man sich auf den Ort gerade westlich von Spanien versteifen, so ist wohl mit ziemlicher Gewißheit zu sagen, daß in diesem eigentlichen Mittelstück des Atlantischen Ozeans in allen bekannten Erdperioden niemals ein größeres Land gewesen ist, also vollends nicht noch in Kulturtagen. Höchstens kleine Landvorsprünge und vereinzelte Inseln könnten hier in Betracht kommen. Dagegen sind wir eben für das Kambrium ja an einem Lande vorbeigefahren, das südatlantisch Afrika mit Brasilien verband, einem atlantischen Lande wirklich und wahrhaftig fast so groß wie dreiviertel Afrika selber. Und nun haben wir entsprechend auch ein solches nordatlantisches Sperrland. Für die Sage kommen allerdings auch diese Wunderländer der Vorzeit wahrscheinlich nicht in Betracht. Das afrikanisch-brasilische hat zwar auch nach der kambrischen Zeit noch viele Jahrmillionen bestanden, aber zuletzt ist es doch endgültig fortgebröckelt, fortgeschwemmt worden bereits in Tagen, aus denen von Kulturüberlieferung noch keine Rede sein kann, denn der Mensch war noch gar nicht da; seine tierischen Vorfahren können ihm doch nicht gut von dieser »Atlantis« erzählt haben. Die letzte Brücke des nordatlantischen Festlandes aber dürfte im Ausgang der Tertiärzeit zerbrochen sein: hier könnten also höchstens noch Menschen mit Steinkultur der Neandertaler durchgezogen sein, aber auch keine Ableger ägyptischer Weisheit mehr geblüht haben. Inzwischen ist aber das hübsche Wort zu vergeben. Will man es auf die beiden atlantischen Sperrländer der Geologie übertragen, so hätten wir unten eine Südatlantis, oben eine Nordatlantis. Da aber (wie gleich zu erzählen ist) für die Südatlantis in der Hochblüte ihres Bestehens noch ein anderer Name übergreifend bedeutsam wird, empfiehlt es sich, gewöhnlich den Nordblock, der gebieterisch einen Namen für sich fordert, als »Atlantis« schlechtweg zu bezeichnen.
Gegen die Küste dieser Atlantis also fuhr unser kambrischer Entdecker (im Grunde sitzt ja im Märchenschiffchen nur verkappt der Geolog von heute) auch nordwärts steuernd an. Kein Zweifel: der ganze Atlantische Ozean von damals war nichts anderes als ein verhältnismäßig enges Zwischenmeer, das, wie man es auch hin und her überkreuzen mochte, im Norden wie im Süden gegen eine fortlaufende Landmauer brandete. Die nächste interessante Frage mußte sein, ob und wie es wenigstens rein östlich weiter ging. Dauernde Längsfahrt an der brasilianisch-afrikanischen Verbindung führte allmählich auf den echten afrikanischen Nordrand, ohne daß eine Sperre nach dieser Seite sichtbar wurde. In einer Breite fast wie früher bei Panama ging das Meer hier in das heutige westliche Mittelmeer frei ein. Spanien mit allen seinen heutigen hohen Gebirgszügen bis über die Pyrenäen hinweg fehlte, und erst ganz weit über die buchtartige blaue See dämmerte etwas wie eine Küste von Europa. Auch auf der afrikanischen Seite überschritt die offene Einfahrt ein Stück Rand, just auch hier die Ecke, die heute das stolze Atlasgebirge trägt. Im übrigen aber blieb Afrika rechts zur Seite ganz wie heute. Dieser ungeheure Erdteil ragte, wenn auch eingegliedert in den afrikanisch-brasilischen Gesamtblock, schon in diesen Urtagen in fast vollkommener Kraft aus den Wassern. Wenn irgendein Stück Land, so macht Afrika den Eindruck einer wirklichen zähen Ur- und Grundscholle auf Erden, ähnlich urgegeben und dauerhaft unter den Festen wie der Stille Ozean unter den Meeren. Zum größern Teil ist es auch in allem Wechsel der folgenden Erdperioden nie überflutet worden. Weiter östlich im Mittelmeer wurde dann die Durchfahrt wohl schwieriger. Die jetzt rasch heranbiegende europäische Küste drängte hier näher zu Afrika. Immerhin mag sich doch wenigstens zeitweise auch im Kambrium hier noch eine schmale Wasserstraße geboten haben. Und sie mußte zur merkwürdigsten Sachlage dann gerade dort überleiten, wo heute Asien unser Ostmittelmeer so nachhaltig ganz abschließt. Was wir uns vorhin einmal flüchtig als Phantasiebild beschworen, geschah auch hier wirklich. Asien selbst fehlte nicht. Aber es brach bei Palästina auseinander und gab abermals von sich aus freie Durchfahrt. Ein gewaltiger Meeresarm, streckenweise zum wirklichen kleinen Meer erweitert, trieb seine Wasser über Persien, Afghanistan, das Himalajagebiet. Seine Nordküste schnitt etwa über das heutige Kaspische Meer und vor Turkestan und Tibet hin. Wer sich wieder zu freier Höhenschau hier erheben konnte, der sah bis in fernste Weiten den Landblock des zentralen und westlichen Asien sich dahinter dehnen, der so groß wie heute stand, – abermals eine Art Urscholle der Erde, die uns ehrwürdig aus dieser ältesten bekannten Karte schon entgegenragt. Gern erinnern wir uns, wie dieses Asien im Glauben der Kulturvölker immer als eine Wiege der Dinge gegolten hat, der man so viel alten Glanz der Kultur verdankte, daß man ihr willig auch noch viel mehr: die Erzeugung des Menschengeschlechts, ja den Rang einer bevorzugten ersten Schöpfung auf Erden zuschrieb. Freilich hat auch der Teil Asiens, der geologisch so früh schon stand, im Wechsel der Folge noch vielerlei durchmachen müssen, ehe er den ruhigen Boden für eine menschliche Kultur abgeben konnte. Von den gewaltigen Gebirgszügen, die ihn heute auszeichnen und zu deren Schnee die Träger dieser Kultur, so weit sie zurückdenken konnten, als dem ewigen Sitz der Götter aufgeschaut hatten, stand im Kambrium noch kein einziger. Genau über den Fleck des zentralen Himalaja ging jene fremdartige Wasserstraße. Wenn unser Seefahrer aber ihr entgegengesetztes, ihr südliches Ufer jetzt suchte, so geriet er damals schon in den nicht rastenden Wechsel der Dinge.
Zu gewisser kambrischer Zeit, näher dem Anfang dieser Epoche, hätte er hier die Mündung eines seichten Seitenarms entdeckt, der in der Richtung des heutigen Indischen Ozeans abbog, scheinbar diesen Ozean selber schon markierend. Etwas später wiederkehrend hätte er aber auch darüber hinweg das Land geschlossen gefunden. Jetzt fuhr er also auch an diesem Südrande immer an fester Küste entlang. Seltsam genug aber wieder diese Küste. Sie ging vom afrikanischen Nordrand ununterbrochen östlich weiter. Zunächst steckten in ihr offensichtlich die Teile, die durch die große asiatische Wasserstraße selbst von dem alten Hauptblock Asiens unten abgeschnitten worden waren: also Arabien, Vorderindien und Hinterindien. Aber diese abgeschnittenen heutigen Halbinseln steckten gleichzeitig in einem ganz besonderen südlich sich fort erstreckenden großen Landgebiet, ähnlich wie Grönland in dem Atlantisblock. Dieses Land, der Größe nach abermals ein wahrhaftiger ganzer Erdteil, füllte einfach den Indischen Ozean nahezu ganz aus. Es hing auf der einen Seite in voller Breite mit Afrika zusammen, auf der andern umschloß es noch die Sundainseln und berührte Australien, so weit dieses damals über Wasser stand. Wie drüben ein Zwischenerdteil Afrika mit Brasilien verband, so verknüpfte hier einer Afrika, Indien, Australien. Als auch er sich dauernd begründet hatte, was, wie gesagt, wohl noch im Verlauf der kambrischen Periode geschah, vielleicht aber ebenfalls schon viel älteres Urweltswerk war (denn jener Seitenarm, der ihn anfangs noch ein Stück weit durchbrach, kann bloß ein kleines Zwischenspiel gewesen sein, wie es die meisten jener Urerdteile einmal früher oder später noch erlebt haben): da hätte ein Wanderer trockenen Fußes von den heutigen Quellen des Amazonenstroms in Südamerika bis nach Neuguinea gehen können! Man hat auch für diesen Erdteil im Indischen Ozean einen Namen gesucht. Viele Millionen Jahre der Erdgeschichte hat auch er (bloß mit geringen Grenzverschiebungen) weiter bestanden. So kam es, daß die Geologen auf ihn zuerst besonders deutlich aufmerksam wurden durch Schuttablagerungen, die sich noch in viel späteren Tagen (in der Permperiode und Triasperiode) an seiner nördlichsten Ecke, im heutigen Vorderindien, auf ihm gebildet hatten. Sie setzen heute dort Gebirgsgestein im Lande des einheimischen Volksstammes der sogenannten Gonds zusammen, in Gondwana. Danach hat man sich dann gewöhnt, in der Geologie den ganzen verschollenen Erdteil einfach auch als Gondwanaland (Gondwana allein heißt eigentlich schon das Gond-Land) zu bezeichnen. In gewisser Hinsicht hat der Name zweifellos so etwas Zufälliges, immerhin aber drückt er wenigstens die eine wichtige geologisch-geographische Tatsache aus, daß eben Indien, so lange wie der urweltliche Erdteil bestand, zu ihm und nicht zu Asien gehörte, nicht eine Halbinsel war, die von Asien südwärts vorsprang, sondern umgekehrt seine, des Erdteils im Indischen Ozean, äußerste Nordecke. Jedenfalls ist das Wort heute nicht mehr abzuweisen. Und da, wie schon im Kambrium selbst, so auch später noch während der meisten Tage, die das geologische Gondwanaland erlebte, tatsächlich fester Anschluß von ihm auch mit Afrika, über Afrika fort aber durch die Südatlantis selbst mit Südamerika bestand, so ist vielfach auch in der Folge der ganze ungeheure Landkomplex dieser drei Länder, also das gesamte Südland der Landseite mit Einschluß auch des südatlantischen Teils, im erweiterten Sinne als Gondwanaland bezeichnet worden – was zur Vereinfachung auch wieder unverkennbar manches für sich hat und im einheitlichen Namen verkörpert, was für eine ganz unglaublich umfangreiche Einheitsschöpfung sich damals aus so viel Ländern – Südamerika, Afrika, Arabien, den beiden Indien, Australien – zeitweise zusammengeschmiedet hatte.
Wieder jedenfalls wie bei Panama zwischen Nord- und Südamerika, wie im Atlantischen Ozean zwischen der nordischen Atlantis und dem südatlantischen Zwischenstück, wie in unserm Mittelmeer zwischen Europa und Afrika, befand sich unser kambrischer Seefahrer in der großen asiatischen Wasserstraße, die sein Schiff quer über den Himalaja fahren ließ, wie in einem Kanal eingeschlossen zwischen zwei Festlandküsten, dort der zentralasiatischen, hier der vom engeren Gondwanaland. Und immer noch gab es kein Heil zum Weiterkommen für ihn als ostwärts. Es scheint nun, daß auch schon im Kambrium die seltsame Straße jenseits der Ostecke des heutigen Himalaja wirklich noch eine letzte Durchfahrt gewährte: hinter ihr aber dehnte sich dann plötzlich wieder in unabsehbarer offener Weite der gleiche Ozean, von dem die ganze Fahrt ihren Ausgangspunkt genommen: der Stille. Es ist gesagt, daß dieses riesenhafte Meer in dieser Urwelt noch bis weit über China heraufkam. Dort konnte also schon die Ausfahrt sich vollziehen. Vollendet war damit die Durchquerung der gesamten Landseite des Planeten von Wasserseite zu Wasserseite auf Grund des fortlaufenden Zusammenhangs jenes kanalartigen Zwischenmeers zwischen den Nordmassen und den Südmassen dieser Landseite, das bei Panama einging, um zuletzt bei China wieder herauszumünden. Zu diesem merkwürdigen Urmeer waren nötig: das amerikanische Mittelmeer mit offener Panamadurchfahrt, das Mittelstück des Atlantischen Ozeans, unser hergebrachtes echtes Mittelmeer, außerdem ein für uns jetzt unmöglicher asiatischer Durchstich quer über die heutigen dicksten Gebirgsriegel zwischen dem Kaspischen Meer und Südchina. Auch dieses »große Mittelmeer« im weitesten Sinne bildet offenbar so eine grundlegende Tatsache ersten Ranges auf der Karte der gesamten Urwelt, nicht bloß des kambrischen, sondern auch aller folgenden Zeitalter. Seine Spur läßt sich heute noch verfolgen. Seine kleinen Abenteuer: ob es sich gelegentlich hier oder da auf eine Weile verschloß und wieder öffnete, ob es Ablenkungen oder Erweiterungen und Seitenanschlüsse erhielt, durchspinnen die geologische Geographie, so weit wir sie kennen, wie nicht endende kleine Unterhaltungen. Da der längst vergebene Name »Mittelmeer« aber stets etwas Irreführendes hat, war es geboten, auch ihm eine neue Bezeichnung zu geben. Sueß hat es also die Tethys genannt. Mythologisch ist das die Gattin des Okeanos und Urmutter aller Dinge, nicht zu verwechseln mit Thetis, der Mutter des Achilles, die bloß eine Nymphe war. Das Wort ist sonst schon einmal naturgeschichtlich für den dritten Saturnmond verliehen worden.
Nach glücklich vollbrachter Durchschiffung der Tethys blieb für unsern urweltlichen Geographen nur noch ein letztes Problem zu lösen. Wie verhielt sich der damalige asiatische Erdteil zu der von Norden über Island und Spitzbergen herabkommenden Atlantis? Asien war damals, wie gesagt, kleiner als heute. Es fehlte ihm nicht nur das Stück, das die Tethys abschnitt und zu Gondwanaland hinüber warf. China und Ostsibirien standen unter dem Wasser des Stillen Ozeans. Immerhin ragte der Restblock. Und an ihm hing jedenfalls auch schon ein Teil Europa, er kam ja verengend oder gar zeitweise sperrend bereits bis ans östliche Mittelmeer. Wurde nun dieser Block erreicht von der Atlantis? Verschmolz sie, über Spitzbergen vorrückend, mit der westsibirischen, über Island kommend mit der skandinavischen Küste? Dann war auch der Nordteil der Landseite von damals in seiner ganzen Riesenbreite geschlossen, wie der Südteil. Land, ununterbrochenes Land ging von Nordamerika über die Atlantis nach Asien und Europa, wie drüben in Gondwanaland von Südamerika über Afrika bis Australien. In wunderbar einfachen Zügen bot sich in dem Falle die Urkarte dar: ein nördlicher Gürtel und ein südlicher getrennt bloß durch die Tethys. Aus ferner Planetenschau, etwa wie wir den Mars sehen, würde die Landseite der Erdkugel sich dargestellt haben als ein großer gelbrötlicher Fleck, den ein schwärzlicher oder bläulicher Kanal ein Stück nördlich vom Äquator in zwei Hälften zerschnitt.
Bei einer nördlichen Umseglung Asiens würde unser Seefahrer indessen festgestellt haben, daß schon in der kambrischen Epoche eine gewisse Neigung jedenfalls der erdbildenden Kräfte bestand, diese einfache Gliederung auf der Nordseite doch nicht dauernd so schön aufkommen zu lassen. Eine Neigung oder Richtung würde er schon bemerkt haben, die bestrebt war, den kolossalen Nordblock irgendwie mit einer oder gar mehreren Spalten in ungefähr südnördlicher Richtung zu durchsetzen, Seitenkanälen, die zu der Richtung der Tethys mehr oder minder senkrecht standen. Es ist gesagt, daß auf dem heutigen Kartenbilde solche Durchbruchsspalten nach Norden mehrfach deutlich werden. Die heute entscheidendste ist der nördliche Atlantische Ozean selbst mit seiner Verlängerung zum Eismeer. Von ihm konnte damals ja nun keine Rede sein, da die Atlantis den Fleck füllte. Gleichwohl muß aber auch im Kambrium schon eine viel kleinere Kanalspalte solcher Art zwischen Asien und dieser Atlantis durchgegangen sein, deren Bruchstelle genau über Nordeuropa lag. Untergetaucht waren in ihr zeitweise ganz Großbritannien und Skandinavien. Über das Nordkap fort brach sie dann wahrscheinlich auch schon zwischen der weiteren Atlantisküste und Westsibirien an Nowaja Semlja hin bis wieder zum Stillen Ozean durch, der ja von der andern Seite Ostsibirien bis gegen das Kap Tscheljuskin unter Wasser hielt. Beim Mittelmeereingang abbiegend hätte unser Seefahrer also höchstwahrscheinlich auch durch diesen schmalen englisch-skandinavischen Kanal von der Tethys aus sein Ziel, den Pazifik, wieder erreichen können.
Die Lage einer solchen Durchbruchsspalte schon im Kambrium (der einzigen für damals im Nordgebiet der Erdkarte sicher bekannten) ausgespart über Europa ist nun wieder eine neue hochinteressante Grundtatsache urweltlicher Geographie. Sie deutet schon so früh auf ein Spannungs- und Zerstückelungsfeld der Erdrinde, dessen Unrast auf dieses Europa fiel. Wie der Kanal im Kambrium lag, könnte man versucht sein, sich ihn rein veranschaulichend als eine Art örtlicher Notwendigkeit zu denken, auch wenn man weit gehende Vermutungen über das »Wie« der Kartenbildung ablehnt. Europa scheint, so weit es über Wasser stand, damals ähnlich wie heute eine westlich am weitesten vorspringende Halbinsel Asiens gewesen zu sein. So bildete es eine Art Wellenbrecher gegen die sich stauende Tethys. Auf der einen Seite mußte diese zwischen ihm und dem alt gegebenen Block Afrika sich im Mittelmeer in enger Spalte durchdrängen. Kein Wunder wenn ihre Wasser aber auch auf der andern um den Vorsprung strudelnd sich zum Teil auch hier durchgebohrt hätten. Doch wie das ursprünglich nun gewesen sei: in der weiteren Folge der geologischen Perioden ist es jedenfalls nicht bloß bei dieser einen Spalte geblieben. Während sie sich zeitweise wieder schloß oder verlegte, öffneten sich parallele andere unabhängig an andern Stellen der kritischen Gegend. Immer aber blieb Europa diesem Spaltenspiel ausgeliefert bis heute. Bald schlug die Spaltenbildung aus ihm selber ganze große Stücke heraus (wie eben im Kambrium), bald drängelte sie es vollständig von Asien ab und zur Atlantis hinüber, bald endlich wieder schmiedete sie es erst recht an Asien und schied es fernweit von dieser Atlantis. Nimmt man nun dazu, daß gleichzeitig die Tethys selber an seiner Südseite immerfort riß und nagte, mit der Neigung, es auch von dieser Seite her immer neu zu überschwemmen und in eine Inselschar aufzulösen, so muß man die geologische Unruhe begreifen, die über dieser uralten Kreuzungsstelle zweier aufeinander senkrechter Spaltungsrichtungen in allen geologischen Perioden notwendig hat walten müssen.
Mit Absicht habe ich gerade das Erdbild der kambrischen Epoche so ausführlich hier vorgemalt, obwohl es, wie ich ausdrücklich betonen möchte, in manchen Umrissen noch besonders schwankt oder erst aus dem folgenden ergänzt werden muß. Aber wer einmal die großen Züge der urweltlichen Wasser- und Landverteilung sich hier überhaupt eingeprägt hat, der hat damit schon den Schlüssel und Kern für alles Weitere, und daß diese Grundzüge auch damals schon wenigstens im wesentlichsten vorhanden waren und aufgezeigt werden konnten, darüber ist doch kaum ein Zweifel. Man hat wohl gesagt, diese kambrische Zeit mache in vielem den Eindruck, als sei sie nicht der Anfang, sondern bereits der Abend und Abschluß eines unfaßbar weiten voraufgehenden Weltalters gewesen, und wir haben ja auch gesehen, wie sie gelegentlich bereits mit ihrem Sand und Geröll auf den abradierten Sockeln älterer Gebirgsschiebungen fußte, unter denen noch wieder ältere lagen. Aber das Kartenbild kann dann auch dort zurück schon kein ganz abweichendes gewesen sein.
Merkbar macht sich dagegen auch in ihr schon etwas, das in den folgenden Erdperioden mit der bedeutsamsten Folgerichtigkeit wiederkehrt, nämlich ein gewisser periodischer Wechsel von Zeiten zunehmender Trockenlegung, Verlandung innerhalb des allgemeinen Grundschemas der Karte mit Zeiten umgekehrt wachsender Überflutung, sieghafterer Vorwärtsbewegung (»Transgression« im geologischen Fremdwort) des Wassers innerhalb ein und der gleichen Periode. Das kommt und geht, ändert zeitweise scheinbar schon früh sehr stark das Kartenbild, läßt aber lange doch wieder abflauend die ähnlichen Grundzüge durchschimmern; während dann allerdings auf eine Reihe solcher ganzen Perioden hin auch dieses sich herausschälende Grundbild einen gewissen eigenen und dauernden Wechsel zeigt. Speziell in der kambrischen Periode kann man schon ein solches periodisches Auf und Ab besonders gut an Nordamerika verfolgen, von dem eine Weile das ganze Mittelstück als große Halbinsel an der Atlantis hängt, während später noch in der Epoche selbst das Meer zeitweise mit seichter Überschwemmung gerade über dieses Mittelstück fortgegangen ist; dieser zeitweise Wechsel hat aber doch Nordamerika deshalb nicht ganz wegwischen können.
Eine Tatsache, die doch recht merkwürdig ist, möchte ich zu diesem ältesten bekannten Kartenbilde aber auch noch wenigstens erwähnen. So viele und große und zusammenhängende Festländer damals schon da waren: es scheint, daß sie noch so gut wie gar nicht bewohnt worden sind. Während das Leben im Meer schon recht deutlich und mit Anzeichen längeren Bestehens entwickelt war, fehlen vollständig die Reste von Landtieren und Landpflanzen. Die unabsehbaren Sandfelder und Schutthalden, die in den Landablagerungen dieser fernen Urwelt stecken, sprechen durchaus für vegetationslose Wüsten, die sich einförmig über die riesigen Erdteile hinzogen. Erst in den nächsten Epochen scheint das Leben auch das Festland ganz allmählich vom Meeresrande aufwärts besiedelt zu haben. Warum hat es aber nicht früher diese Landanpassung versucht? Es ist um so auffälliger, wenn wir schon vor dem Kambrium sicher Millionen von Jahre lang ebenfalls Festländer annehmen müssen. An besonderen Schwierigkeiten der Eroberung kann es kaum damals gelegen haben. Man hat einzelne Eisspuren bereits aus dem Kambrium, die eine unmäßige Hitze schon für damals unmöglich machen. Andererseits hat damals und auf lange hinaus noch nicht die heutige dauernde Vereisung der Pole geherrscht, so daß selbst die Atlantis ganz bewohnbar gewesen sein wird. Ist das Leben doch vielleicht erst ein weit jüngeres Erzeugnis gewesen als die Erdkarte mit ihren Landbildungen, das erst landreif wurde, als die Länder selbst schon viele Jahrmillionen alt waren? Es sind vielerlei Fragen die hier aufgeworfen werden könnten.
Auf die kambrische Periode folgte in der von unserer Geologie abgegrenzten Reihenfolge die silurische, benannt nach Gesteinsschichten im alten englischen Stammland der keltischen Silurer, mit denen die Römer ihrer Zeit in Wales zu kämpfen hatten; solche Namen sind an sich so gleichgültig wie Gondwanaland, aber sie dauern, weil man sich an sie gewöhnt hat. Das Silur (wie man das Wort wieder abkürzend gebrauchen kann) war eine Epoche staunenswertester Entfaltung der Meerestierwelt. Jetzt erst schien dieses Meerleben auf seiner ganzen Höhe zu sein. Alle Tierstämme blühten bis zu ihren Kronen, soweit diese noch dem Wasser angehören, auf. Die Wirbeltiere bildeten den Fisch und damit die Grundlage aller obersten Lebensentwicklung überhaupt, durch die in späten Tagen der Mensch möglich werden sollte. Korallen und andere kalkbildenden Rifftiere ersetzten die Höhe der Einzelorganisation durch Masse der sozialen Genossenschaften, sie meldeten sich als Landbildner, als merkbare Helfer bei der Karte, ohne doch selber das Land zu betreten. Die bauenden Kräfte der Erdrinde aber unterstützten dieses Paradies der Wasserbewohner für ihr Teil aufs stärkste.
Im Anfang der silurischen Periode trat allerdings zeitweise eine gewisse Verlandung ein. Es ist bezeichnend, daß fast durchweg in diesen von uns abgegrenzten älteren Erdperioden der untere Teil mehr Land auf der Karte hat, während nachher im zweiten Abschnitt eine größere Überflutung durch das Meer erfolgt. Auf dieser ersten Stufe bildeten sich mehrfach Landbrücken in der Tethys, die bei einzelnen Forschern geradezu den Eindruck erweckt haben, diese Tethys sei überhaupt vorher noch gar nicht ordentlich dagewesen und habe sich jetzt erst allmählich herausgekämpft; solche Brückenbildung hat aber auch später noch öfter bei ihr ein Intermezzo gebildet, nachdem sie zweifellos längst im ganzen da gewesen war. So baute sich in Amerika vorübergehend eine Art Panamabrücke von Florida nach Venezuela herüber, die wahrscheinlich dadurch entstand, daß sich infolge einer Gebirgserhebung im Gebiet der heutigen Alleghanys gerade das Oststück von Nordamerika jetzt über Wasser gestellt und bis hier herüber ausgestreckt hatte, nachdem es im Kambrium lange überflutet gewesen war. Und eine andere, noch interessantere Brücke schloß sich ähnlich in Europa. Das östliche Mittelmeer, falls es im Kambrium überhaupt offen gewesen war, verstopfte sich jedenfalls in der Balkangegend jetzt eine Weile vollständig, Europa wuchs wenigstens schmal hier an Afrika. Zugleich aber sperrte sich durch Auftauchen des Landes der enge Zugang von der atlantischen Tethys zu jenem skandinavischen Kanal, – Europa wuchs mit der andern Seite des schwachen, landzungenartigen Teils, der damals überhaupt nur von ihm bestand, über die heutige Nordseite hinüber jetzt tatsächlich auch mit der Atlantis zusammen. Darüber kam die skandinavische Einbruchspalte aber selber in die Enge, und sie scheint sich in ihrer Not teilweise südwärts über Rußland verlegt zu haben, wo sie schließlich hinter dem europäischen Vorsprung auf die nicht mehr abgesperrte asiatische Fortsetzung der Tethys traf. Damit war ganz Europa also eine Weile zur freischwebenden Brücke zwischen Afrika und der Atlantis gemacht, hinter der das russische Wasser einen Abschluß jetzt gegen Asien bildete. An sich war das auch vergänglich. Schon im oberen Silur brach die Tethys wieder frei durch und die Ecke zur Atlantis fiel noch einmal. Aber eine Richtung war doch seither für längere Zeit gegeben, die jetzt den Spaltdurchbruch nach Norden zunächst einmal immer stärker hinter Europa zwischen Asien und Europa zu legen suchte und Europa selbst damit immer deutlicher zu der Atlantis hinüberdrängte. In den nächstfolgenden Weltaltern bleibt das ein zäher Zug in der Karte, so fremd es uns auch heute scheinen will, daß Europa mehr dem Westen, einem Lande, das über Island und Grönland nach Nordamerika ging, als Halbinsel angehören soll, als dem asiatischen Osten. Unwillkürlich denkt man wieder an Völkerbewegungen und Anschlüsse unserer Kulturzeit. Wie einerseits Südeuropa da immer wieder alles Heil erwartete und zu erhalten schien von Asien. Wie aber andrerseits die alten Skandinavier, die Normannen, lange einen Anschluß umgekehrt vom Norden zum Mittelmeer herab suchten, – mit dem Versuch auch damals eines Rückhaltes an Island, Grönland, Amerika, wobei sie freilich die veränderte geographische Lage hier nur noch mit dem Schiff bemeistern konnten. So wiederholte der Mensch gelegentlich noch ein Für- und Gegenspiel, das die Erdkarte seit Jahrmillionen gespielt hatte, indem sie bald Europa von Nordwesten orientierte, zur Atlantis, die bis Amerika ging, als Halbinsel oder Inselarchipel angliederte mit der Front nach Asien und zum Mittelmeer, bald es wieder ganz von diesem Asien selbst aus packte mit freier Wasserfront zur fern verschwebenden Atlantis.
Jedenfalls gewann das Meer in der zweiten Hälfte des Silur aber in größtem Siegeszuge überhaupt wieder die Oberhand. Es wusch die Panamabrücke abermals fort und stellte die Tethys in größter Pracht auch hier wieder her, zugleich der Entfaltung der Meertierwelt den entschiedensten Raum gewährend. Bis dann mit Eintritt der nächstfolgenden Devon-Periode allerdings erneut eine Verlandung eintrat, und zwar jetzt eine so ungeheuerliche, daß es am heutigen Kartenbilde gemessen wirklich aussah, als wenn das Meer damals wenigstens auf der Landseite der Erde überhaupt hätte austrocknen wollen.
Abb. 10. Festländer und Meere in der unteren Devonperiode (größtenteils nach Frech und Arldt).
Während der Südkontinent, das riesige Gondwanaland, bis auf kleine Grenzschiebungen (einmal etwas weniger Brasilien, dafür wie im Austausch drüben mehr Australien) nach wie vor ohne jeden Bruchkanal zusammenhielt, reckte sich die Nordmasse zu fast unglaublichen Maßen noch immer weiter aus. Fast überall wuchsen ihre Einzelstücke zu unabsehbaren Flächen aneinander, so daß die Namen der Erdteile belanglos zu werden beginnen. Die Tethys drohte zu ersticken. Über Wasser stand fast im ganzen heutigen Umfange Nordamerika; bloß über den Zipfel bei Alaska und seine heutigen arktischen Inseln griffen noch die Wellen des Stillen Ozeans, und durch die Mississippi-Gegend schnitt eine größere Meeresbucht ein. Nur um so gewaltiger aber ragte daneben die Atlantis, recht zum Zeugnis, daß sie damals ein eigener Erdteil blieb, auch wenn Nordamerika für sein Teil noch so vollständig da war. Indem sie aber mit ihm verschmolz, bahnte sich der größte Kontinent an, den die Nordseite je einzeln getragen hat. Südlich drängte diese Atlantis ihre Küste immer weiter und weiter auch in das Mittelstück der atlantischen Tethys hinunter, bis sie endlich von sich aus ein neues geschlossenes Panama bildete: sich in breitem Landarm mit Brasilien und dem Südkontinent vereinte, die Tethys mehr als je abfangend. Östlich faßte sie in voller Breite anrückend wieder Europa, und zwar war durch die allgemeine Verlandung diesmal auch hier wesentlich mehr zu fassen. Der letzte Rest der alten englisch-skandinavischen Nordspalte war aufgetrocknet, auch in seiner späteren russischen Abzweigung. Irland, Schottland, ganz Skandinavien und Rußland mit ihren Zwischenteilen der heutigen Nordsee und Ostsee lagen als größtenteils frisch aufgetauchter nackter Plan in mächtiger Breite dort über Wasser; während allerdings das mittlere und südliche Europa auch jetzt mehr oder minder in der Macht der Tethysfluten geblieben waren, denen man wohl zutrauen möchte, daß sie sich bei der unheimlichen Beschränkung, die sie auf der westatlantischen Seite erfahren mußten, wenigstens hier durch breiten Übergriff etwas schadlos gehalten hatten. Indem aber das, was von Europa da war (immerhin in Gestalt besonders von Skandinavien-Rußland doch der Hauptblock), ohne jeden Zwischenspalt sogleich mit der Atlantis zusammenschmolz, machte sich für diese bedeutsamste Ecke der Erdkarte eine neue Sachlage entscheidend geltend. Was im Silur sich zuerst angebahnt, vollzog sich endgültig: Europa, westlich mit der Atlantis vermählt, riß östlich vollkommen von Asien ab!
Im Silur hatte die Ablenkung des gelegentlich schon teilweise verstopften skandinavischen Nordkanals über Rußland zur Tethys diese Trennung zunächst eingeleitet. Jetzt war Rußland wieder frei, also hätte eigentlich gerade jetzt Asien doch wieder anschließen müssen. Hier aber mischte sich eine neue nordwärts schneidende Kanalspaltung ein. Sie brach hinter Rußland auf der ganzen Länge Asiens von der Tethys bis zum arktischen Meer durch, Europa in einem radikalen Schnitt vom Kaspischen Meer bis etwa nach Nowaja Semlja von Asien absägend. Ich habe früher schon darauf hingewiesen, daß noch heute bei Betrachtung unserer Karte sich die Möglichkeit gerade einer solchen Spalte auffallend deutlich in der Gegend des heutigen Laufes des Ob östlich vom Ural andeutet. Eine verhältnismäßig geringe Senkung des Landes würde hier jetzt noch einen trennenden Meeresarm schaffen können, der auch unser heutiges Europa annähernd zur Insel machte. Damals mußte die radikale Möglichkeit des Absägens in dieser Linie aber noch viel größer sein. Das Uralgebirge selber stand noch nicht, und, vom Gebiet des Kaspischen Meeres kommend, ostwärts quer durch das ganze mittlere Asien flutete in voller Breite die Tethys, mit der sich der »obische Kanal« oder das obische Meer, wie man auch zeitweise gut sagen konnte, nur zu verbinden brauchte, um einen vollständigen Wasserhalbring zwischen Europa und Asien zu legen. Auch dieser neue und entscheidendste Nordspalt im Schicksal Europas hat in den folgenden Erdperioden mancherlei engere Schwankungen durchgemacht, er ist gelegentlich auch wieder etwas verschoben, zeitweise verstopft, bald mehr nach Rußland hinüber, bald wieder mehr nach Sibirien hinein gedrängt worden, er hat sich schon früh geneigt gezeigt, zu einem wahren sibirischen Meer auseinanderzugehen: immer geblieben oder irgendwie wiedergekehrt aber ist er noch bis in die ältere Tertiärzeit hinein. Daß er seither fehlt, hat für unsere Kulturgeschichte schwerwiegende Folgen gehabt. Wenn er fortbestand, wären uns die Einbrüche der Mongolen in Europa erspart geblieben und schwerlich hätte Rußland in der Weise wie jetzt seine politische Macht über ganz Sibirien ausdehnen können.
Es macht den Beschluß in der richtigen Landentfaltung von damals, daß trotz des Umstandes, daß dieses westsibirische Kanalmeer für sein Teil doch ein altes Stück aus Zentralasien wieder herausschnitt, auch die asiatische Landmasse damals eine ganz beträchtliche blieb. Der Stille Ozean hatte allmählich ganz Ostsibirien und den größten Teil von China freigeben müssen; die Tethys scheint zeitweise in dieser Devon-Periode sogar bloß in einem schmalen Ausgang, etwa im Amurgebiet, durchgebrochen zu sein. Einzig in der ganzen Nordseite des Festlandgebietes damals der Atlantis nicht angegliedert, bildete dieser asiatische Block eine Insel für sich, etwa so groß oder größer als das heutige Südamerika. Fremdartig genug kam das im Kartenbilde: Nordamerika und Europa Halbinseln der Atlantis, Asien dagegen eine einsam fern gelagerte Insel am Stillen Ozean!
Das allgemeine Naturbild aller dieser ausgedehnten Devonländer muß dabei immer noch ein recht gespenstisches gewesen sein. Schon im Silur hatten besonders im Gebiet des Atlantis lebhafte Gebirgsfaltungen begonnen. Deren Verwitterungsschutt häuften dann große abwärts rinnende Ströme inmitten der unendlichen Verlandung vielfach in weiten abflußlosen Landsenken und vergänglichen Riesenseen an. Die unermeßlichen Lasten durch Eisenoxyd rötlich gefärbten Quarzsandes dieser Binnenwüsten erscheinen uns noch in dem kennzeichnenden rötlichen Sandstein (sog. »old red«) vieler dieser devonischen Landgebiete. In der Gegend solcher versickernden Flußnetze und verdampfenden Seen machen sich uns aber doch jetzt die ersten Spuren merkbar, daß auch das Land in dieser Zeit vom Leben erobert wurde. Groteske skorpionähnliche Riesenkrebse behaupteten sich in den trocknenden Sümpfen, echte Skorpione hatten sich schon als erste ganz aufs Land gewagt, im zeitweisen Wassermangel wurde der Fisch zum luftatmenden Molchfisch, und erste farnähnliche Pflanzen bildeten hier und da schmale grüne Säume um die Flußadern als Pioniere in der Wüste. Immerhin blieb auch das alles zunächst noch vereinzelt und ohne größern Aufschwung. Zu einer wirklich imposanten Entfaltung des Landpflanzenwuchses auf Erden scheint es erst gekommen zu sein durch einen allgemeinen klimatischen Wechsel, der in der Folge eintrat. Nachdem nämlich offenbar längere Zeit ein allgemeines Erdklima geherrscht hatte, das ziemlich trocken war und auf den Festländern auch rein mineralisch die Wüstenbildungen begünstigt hatte, stellte sich eine Epoche umgekehrt wesentlich feuchteren Klimas ein. Bloß aus dem Wechsel der geographischen Verhältnisse selbst wird dieses klimatische Schwanken sich schwerlich ableiten lassen, es müssen da wohl noch besondere Umstände unseres Planeten mitgewirkt haben, die nicht unmittelbar an Wasser und Land hingen. Der Höhepunkt dieser Dinge führt uns aber bereits in die nächstfolgende Erdperiode hinüber, in das sogenannte Karbon.
Der Name geht auf carbo, die Steinkohle; Steinkohlen sind aber versteinte Pflanzenreste, und so ist es eben das Ereignis jenes durch die Luftfeuchte begünstigten großen Pflanzenaufschwungs selber, das dieser ganzen Epoche bei uns den Namen gegeben hat. Während ihrer langen Dauer unterlag aber natürlich auch die Karte wieder für sich Wandlungen. Die geschilderte extreme Verlandung des Devon hatte sich in dieser Weise schon im Verlauf dieser Epoche nicht dauernd halten lassen. Noch im Devon selbst eroberte der Stille Ozean große Teile von Nordamerika zurück und griff jener »obische Kanal«, sich machtvoll verbreiternd, nach Rußland wie nach Ostsibirien hinein, zwischen Europa und die asiatische Insel zeitweise einen Meeresarm setzend, der ungefähr so breit wie der heutige Atlantische Ozean zwischen Amerika und Europa war. Ein Kolumbus hätte damals über einen Monat lang ostwärts fahren müssen, um von Europa aus endlich Asien zu entdecken. Mit Eintritt des Karbon (immer wieder prompt auf der Wende zu einer neuen Periode) trat aber dann erneut stärkere Verlandung ein, die sowohl in großen Teilen von Nordamerika wie in ganz Asien nicht nur den Verlust deckte, sondern die Festlandumrisse des älteren Devon sogar hier und da noch verstärkt wieder herausbrachte. Nur die auch inzwischen überschwemmte Panamabrücke von der Atlantis nach Brasilien stellte sich nicht wieder her, die Tethys strömte wieder frei vom und zum Stillen Ozean durch. Dieses Auf und Ab hat zunächst nicht viel Interessantes. Man erhält den Eindruck, daß in dieser Gegend der Erdgeschichte das Kartenbild sich im großen und ganzen eine lange Zeit hindurch gleichsam sehr zäh immer wieder verteidigte. Wenn man nur die Hauptlinien verfolgen will, kann man einzelne Blätter ganz überschlagen. Immerhin bieten sich wenigstens in der zweiten Hälfte der Steinkohlenperiode ein paar lehrreiche Einzelheiten dar.