Abb. 11. Festländer und Meere in der oberen Steinkohlenperiode (nach Frech und Arldt).

Nach den früheren Erfahrungen sollte man für diese Zeit abermals eine »Transgression«, also ein mehr oder minder starkes Vorrücken des Meeres, erwarten, und bis zu gewissem Grade erfolgte das auch wirklich. So spaltete sich gelegentlich damals ein ganz riesiger Kanal fast genau auf der Grenze ein, wo Nordamerika seit dem Kambrium an der Atlantis hing. Zweifellos handelte es sich wieder einmal um eine der mehrbesagten nördlichen Spalten senkrecht zur Tethys, die aber unmittelbar diesmal nichts mit dem europäisch-asiatischen Rißsystem zu tun hatte. Das Merkwürdige an ihr ist nur, daß sie auch schon genau in der Linie eines heute am gleichen Fleck noch vorhandenen Kanaleinschnitts lag: als karbonisches »Davis-Becken« bezeichnet, zog sie sich nämlich nahezu grenzgetreu auf der heutigen Davisstraße und Baffinsbai dahin, die jetzt Nordamerika von Grönland scheiden. Das Gebilde war zunächst nicht dauerhaft, in den nächstfolgenden Erdperioden schlossen sich allmählich Nordamerika und die Atlantis doch wieder ebenso glatt aneinander wie früher. Aber spät in der Tertiärzeit ist es wiedergekommen und bis heute geblieben. Schwer verschließt man sich vor solcher Wiederholung der Meinung, es müsse auch in diesen Längsspalten doch irgendeine geheime Gesetzmäßigkeit der Erdbildung gesteckt haben, die gleiche Plätze bevorzugte, also nicht bloß auf der Willkür regellos zufälligen Sinkens oder Steigens der Feste oder der Wasser an beliebigen Schaukelstellen beruhen konnte.

Im übrigen aber erwies sich die Überflutung in diesem oberen Karbon ersichtlich beeinflußt und teilweise gehemmt durch eine Erscheinung, die, stets in allen Epochen bisher schon vorhanden, doch hier ebenso überwältigend großartig sich aufdrängt wie jenes von dem feuchten Klima begünstigte neue Pflanzenleben, das der Epoche ihren Namen verschafft hat. Nämlich einer ganz besonders stark eingreifenden Gebirgsbildung. Sie steigerte sich um die Mitte des Karbon und reichte zum Teil noch fort bis in die nächstfolgende Periode. An den verschiedensten Stellen der Erde stauten sich ungeheure Falten empor. Die berühmteste lag bei uns in Europa. Es gab damals noch keine Schweizer Alpen, keine italienischen Apenninen, keine spanischen Pyrenäen und sollte sie noch lange nicht geben. Dafür wuchs jetzt eine ungeheure alpenhafte Kette quer über dem Fleck des heutigen Deutschland empor, in der Linie und den Seitenlinien, wo gegenwärtig die Sudeten, das Erzgebirge, das Fichtelgebirge, der Thüringer Wald, der Harz, der Spessart, Taunus, Odenwald, das rheinische Schiefergebirge und der Schwarzwald liegen und in ihren Kernmassen noch seine Ruinen enthalten. Man hat diese »karbonischen Alpen«, die sich in dieser Folge im größten Bogen etwa von Wien bis nach Mittelfrankreich zogen, als das »variskische Gebirge« (nach dem altgermanischen Stamm der Varisker im Fichtelgebirge) bezeichnet. Ein anschließender, wahrscheinlich noch viel riesigerer Faltenzug ging dann von dieser französischen Ecke über das nordwestliche und mittlere Frankreich nach England und Irland. Man hat ihn (nach einem alten Keltenstamm in der Bretagne) das »armorikanische Gebirge« genannt. Seine Falten zogen sich damals aber anscheinend noch unendlich viel weiter in den heutigen Atlantischen Ozean hinaus und liefen dort wohl über die ganze Atlantis bis nach Nordamerika durch, wo sie das schon früher angelegte Gebirge der Alleghanys vollendeten. Noch andere Falten stauten sich im Gebiet der karnischen Alpen; an der russisch-asiatischen Scheide, mitten im Gebiet der trennenden obischen Kanalspalte türmte sich allmählich der Ural empor, und so weiter regte und beugte sich die Erdrinde fernerhin noch an den verschiedensten Stellen. In den Zwischenmulden, an den flachen Hängen und neu entstandenen Randufern dieser teils werdenden, teils schon in der Zeit selbst wieder rasch verwitternden Gebirge war überall in Europa wie in Amerika und China die Hauptstätte grade der Steinkohlenwälder, zu deren Gedeihen neben der großen Feuchte des Klimas auch der Nährgehalt des frisch erschlossenen Bodens beigetragen haben mag. Schon das Vorhandensein dieser grünen Waldkränze am Sockel der jungen Gebirge deutet aber zugleich darauf hin, daß mit diesem Faltentreiben durchweg auch neue Ufer und neue Verlandungen sich bilden mußten. Und so taucht im oberen Karbon auch unser Mitteleuropa zum erstenmal recht ansehnlich aus den Wassern, während die mittelmeerische Tethys, von hier abgelenkt, sich wieder desto breiter über den Nordrand von Afrika schlägt. Je mehr aber dieses Europa damals abtrocknend sich gleichsam schon in seinen heutigen Umriß hineinzustrecken suchte, desto greller mußte auf der Karte dabei seine genau umgekehrte Orientierung gegen heute hervortreten – als vorspringende Halbinsel an der Atlantis mit fester Rückendeckung auf der Seite, wo heute der Atlantische Ozean liegt – mit der offenen Front dagegen nach Südosten in die Tethys und das von Asien trennende Meer hinaus. Zeitweise scheint diese Front genau östlich in eine lange Landspitze ausgelaufen zu sein, deren letztes Kap ungefähr in der Gegend des heutigen Kaspischen Meers gegen den weiten blauen Spiegel des asiatischen Ozeans geschaut haben mag, wie heute die letzten Klippen Irlands oder Schottlands westlich gegen die unabsehbaren Wasser des atlantischen.

Abb. 12. Durchschnitt durch die Faltungen der Schichten im Steinkohlengebiet bei Aachen. cv, cs Schichten des Kambrium du, dk, do Devon k, c 1–5 Karbon (Steinkohlenperiode) t Tertiär. (Nach Holzapfel.)

Auf die Steinkohlenzeit folgte die sogenannte Perm-Periode. Den Namen hat sie nach starken Hinterlassenschaften in der russischen Provinz Perm am Ural. So deutete er gleich selber diesmal in die Gegend des trennenden Meeres zwischen Europa und Asien. In Wahrheit ist aber gerade bezeichnend, daß in ihrem Verlauf dieses Meer zunächst einmal wieder sich zu verstopfen begann. Im zweiten Teil der Steinkohlenzeit hatte die Gebirgsbildung der Wasserbedeckung entgegengearbeitet. Jetzt trat mit der neuen Periode wieder ein Zustand überhaupt wachsender Verlandung ein, während die Gebirgsbildung für ihr Teil anfangs auch noch weiterwirkte. Selbst diese Doppelwirkung erklärt aber noch nicht ganz die Sachlage, wie sie diesmal sich anbahnte. Um diese Zeit muß eine dauernde Tendenz zur Verlandung eingetreten sein, die jetzt über zwei ganze Erdperioden (die Permperiode und die folgende Triasperiode) fort, also jedenfalls mehrere Millionen von Jahren lang, ersichtlich anhielt. In der Folge gab es dann abermals zwei große Perioden, in denen ebenso deutlich eine im ganzen überwiegende Neigung zu weitgehender Überflutung der Länder, also mehr obsiegende Wasserherrschaft hervortritt: Jura und Kreide. Was wir bisher innerhalb jeder Periode je einmal abwechseln sahen, verteilt sich also jetzt als riesiger Zyklus über vier ganze Perioden: die zwei ersten mehr mit Land, die beiden zweiten mehr mit Wasser. Das alles natürlich auch so nur innerhalb der Landseite der Erde; die Wasserseite des Stillen Ozeans liegt nach wie vor für unsere Kenntnis so gut wie unberührt. Gewisse Schwankungen schließt auch die allgemeine Tendenz nicht aus: in den beiden Landepochen steigt hier und da einmal lokal das Wasser, und die beiden Wasserepochen haben starke Maxima und Minima. Aber darüber fort bleibt stets der allgemeine Charakter ersichtlich: hie Land, hie Wasser dauernd bevorzugt. Dabei hat im ganzen die große Land-Doppelperiode noch einen konservativen Zug. Sie baut gleichsam noch einmal im ganz Großen nur das aus, was jedes der früheren Land-Zwischenspiele mehr oder minder glücklich erreichte. Die Wasser-Doppelperiode dagegen wird diesmal wirklich revolutionär: aus ihr geht, auch als ihre Wasser wieder abfließen, eine entscheidend andersartige Karte hervor. Dies spricht dafür, daß es sich bei dem großen Vierer-Zyklus nicht bloß um eine Täuschung in der Art handelt, daß etwa jede der alten Einzelperioden wie das Silur oder das Devon einzeln so lang gewesen wäre, wie jetzt vier ganze Epochen, uns aber aus Gründen vielleicht stärkerer Verschwommenheit nicht als vier Sonderepochen erschiene. Es scheint vielmehr, daß sich hier wirklich Ereignisse spiegeln.

Man hat daran gedacht, daß die gewiß riesenhaften Gebirgsbildungen der Steinkohlenzeit eine besondere Ursache für so lange Verlandungsdauer abgegeben hätten, indem sich im Verhältnis zur Gebirgsauffaltung anderswo der Meeresgrund vertieft hätte, so daß die Wasser sich in diesen großen Tiefen mehr ansammeln und das Land überall stark freigeben mußten. Die spätere lange Wasserperiode im Jura und Kreide forderte dann umgekehrt eine zeitweise Wiederaufwölbung der Ozeanböden, bei der die inzwischen durch Mangel an Gebirgsbildung und Verwitterung flacher gemachten Erdteile neuerlich stark überströmt wurden. Und es würde dazu stimmen, daß auch im weiteren Verlauf der Dinge, in der auf die große Wasserzeit folgenden Tertiärperiode, wieder Gebirgsfaltungen in größter Pracht auftraten, während zugleich sich abermals Verlandung einleitete: da wäre dann abermals Tiefsee als Gegenspiel entstanden, wie wir sie ja heute noch reichlich besitzen. Die Theorie hat gewiß etwas Sinnreiches, nur erklärt sie nicht, warum sich außer diesem Land- und Wasserwechsel noch in den jetzt folgenden vier Epochen das Kartenbild so entscheidend geändert hat, und warum gewaltige alte Festländer in der Atlantis und in Gondwanaland nach Abfließen der Jura- und Kreidewasser überhaupt nicht mehr da waren und niemals wiederkehrten, auch bei neuer Verlandung nicht. Und so bleibt auch in ihr einstweilen das Unzulängliche aller noch so geistvollen anderen »Erklärungen« für die Leitzüge der Geographie der Urwelt. Aber daß periodische, zyklische Bewegungen der Dinge auch in dieser urweltlichen Land- und Wasserverteilung immer wieder irgendwie hervortreten, einerlei was diesen »Rhythmus« nun bestimme: darüber kann rein tatsächlich wohl kein Zweifel sein. Jede Erklärung wird ihn berücksichtigen müssen. Die Urgeographie lief weder einseitig vom Land zur Sintflut, noch von einer Ursintflut zu unhemmbarer Vertrocknung; sondern sie ging durch beständige Abwechslungsperioden. Und es ist ja dieses Periodische, das auch sonst immer so deutlich die Urweltsdinge beherrscht. So wenig wir beispielsweise vom Zusammenhang des urweltlichen Klimas unmittelbar mit diesem Kartenwechsel wissen: Periodizität zeigt sich in ihrer Weise genau so auch bei diesem Klima. Die Urwelt geht nicht von Urhitze sich mäßigend zur Eiszeit; sondern sie zeigt lange Zeiträume großer Wärme mit Trockenheit, die Wüsten begünstigt; dann wieder gerade umgekehrt feuchtes Klima; feuchtwarmes, aber auch feuchtkühles, das sich wiederholt zu Eiszeiten steigern kann; auch das aber wieder endend, sich erwärmend, trocknend, – in einem Auf und Ab, das wie geschaffen scheint, alle hübsch geradeaus gebauten Theorien zu ärgern. Schließlich ist dieser Reichtum aber doch noch willkommener, als alle graue Theorie. Unser Planet ist geschichtlich und aller Wahrscheinlichkeit auch noch zukünftig eben ganz anders beweglich, als wir je geahnt hatten, ganz anders stets weiter arbeitend und jung auch inmitten seines Jahrmillionenalters. Nichts verrät, daß wir heute oder absehbar am Ende jener Periodizitäten angelangt wären.

Was wir von der Permkarte der Nordfestländer wissen, sind fast durchweg Verlandungstatsachen. Wo das obere Karbon bloß Inseln und Halbinseln geschaffen und in seinen Mulden mit den üppigen Steinkohlenwäldern doch gelegentlich immer noch kleine Einbrüche des Meeres gehabt hatte, schloß sich überall jetzt die Feste im großen aneinander. Die Nordfestländer im ganzen arbeiteten auf eine ersichtliche Vereinigung los. Mehrfach scheint die Tethys durch Brücken bedroht gewesen zu sein, die sie allerdings immer noch wieder nach einer Weile zerbrach. Das merkwürdige Davismeer bestand zwar einstweilen noch fort, hat sogar möglicherweise vorübergehend Anschluß bis zur Tethys gehabt. Dafür schlossen sich aber andere Risse auf lange jetzt. Seit alters war ein offener Wasserweg stets zwischen Nordamerika und Asien in der Richtung der heutigen Beringstraße gewesen. Es lag hier nicht eigentlich ein Spaltendurchbruch, sondern von Anfang an war über den Fleck weg freies Gebiet noch des ungeheuren urgegebenen Stillen Ozeans gewesen. Jede größere Verlandung in Ostsibirien und der Alaskaecke Nordamerikas mußte aber die Norderdteile auch hier einander annähern. Und so bahnt sich schon im oberen Karbon ein Verschluß an, der jetzt nach den letzten Schwankungen des Perm auf lange zum Dauerzustand wird: man kann trocken von Nordamerika nach Asien gehen. Die wichtigste Sache aber betrifft wieder das uralisch-russische Meer zwischen Europa und Asien. Wie schon gesagt: es schickt sich ebenfalls an, vorerst wieder zu verlanden. Zunächst trocknet es im Süden gänzlich aus, da, wo es vorher um das letzte Kap Europas mit der Tethys zusammengeflossen war. Wohl möglich, daß gerade mit dieser zunehmenden Austrocknung durch Bodenhebung, die vielleicht ähnlich auch von Norden allmählich vorrückte und die Mitte des Spaltenmeeres einengte, ein kleines geologisches Ereignis zusammengehangen hat, das für die zweite Hälfte des Perm bei uns in Deutschland, wenn man auf seine Ablagerungen stieß, stets den Eindruck einer gewissen doch wieder sich durchsetzenden Meeres-Transgression gemacht hat. Irgendwie brach nämlich von dem beengten russischen Meer eine Art Flutwelle seitlich aus, die bis nach Europa vordrang und eine Weile zwischen Skandinavien und den großen südlichen Gebirgszügen große Teile von Deutschland und England noch einmal seicht unter Wasser setzte. Deutlich kann man am heute noch erhaltenen Gestein erkennen, wie es seit dem Karbon auch diesen Gegenden gleich dem ganzen Nordgebiet der Landseite der Erde überhaupt ergangen war. Das feuchte Klima der Karbonzeit hatte mit Heraufgang des Perm abermals trockenem Wüstenklima Platz gemacht. Wieder bildeten sich ungeheure Schuttstätten, die uns heute noch in roten Sandsteinen deutlich werden; es sind die jedem Bergmann so vertrauten Schichten des sogenannten »Rotliegenden«. In diesen neuen nordischen Weltwüsten gingen die schönen Steinkohlenwälder ein. Wo noch Pflanzenwuchs möglich war, siedelten sich dafür mehr hitzeharte Nadelhölzer an. Über diese Stätte schwemmte nun bei uns eine Weile Meer. Das Zechstein-Meer, wie man es nach seiner bezeichnenden Schlammablagerung, dem heutigen Zechstein, nennt. Langen Bestand hatte es aber nicht. Zur Mittelmeer-Tethys konnte es nicht durchbrechen wegen der mitteleuropäischen Gebirge. Von Rußland ohne Nachschub gelassen, verdampfte es allmählich zu Salzpfannen und verschwand endlich spurlos wieder, die rote Wüste kam auch zu uns zurück. Im ganzen offensichtlich doch nur ein rein örtliches Ereignis.

Abb. 13. Blatt einer Pflanze aus Gondwanaland, des Farnkrauts Glossopteris indica.

Man würde aber überhaupt von der Permperiode geographisch-geologisch weniger reden, wenn nicht gerade sie dadurch berühmt geworden wäre, daß man jetzt einmal etwas mehr vom Südkontinent, vom wunderbaren Gondwanaland, erfährt. Es ist erzählt, daß Gondwanaland wahrscheinlich seit dem Kambrium bestand, Südamerika, Afrika, Indien, Australien einend. Die Überflutungszeiten hatten sich auch an seinen Grenzen gelegentlich geltend gemacht, aber von keinem Längsspalt ist etwas bekannt, der es in all der Zeit ganz durchbrochen hätte. Und so kam es auch bis ins Perm. Trotz dem meist trennenden Vorhandensein der Tethys ist nun aus jenen älteren Tagen nichts von besonderen Unterschieden seiner Oberflächenverhältnisse gegenüber den Nordländern bekannt geworden. Es hatte offenbar auch seine älteren Wüstenzeiten, und im Karbon wanderten auch in ihm die echten Steinkohlenpflanzen bis in die entlegenen Gegenden von Argentinien im heutigen Südamerika, Queensland und Viktoria in Australien, das Sambesigebiet in Südafrika ein. Im Beginn des Perm aber muß auf diesem Gondwanaland etwas vorgefallen sein, das uns noch immer in vieler Hinsicht rätselhaft ist. In Vorderindien, im Kapland, in Australien, überall wo heute noch Restblöcke seiner Mittel- und Ostseite stehen, finden wir im Gestein aus dieser Zeit die ganz unzweideutigen Spuren gewaltiger Eiswirkungen. Der Gesteinsgrund ist geschliffen und geschrammt, bezeichnend gekritzte und geschliffene lose Trümmer liegen genau in der Weise zerstreut und eingebettet, wie wir das von den sogenannten Grundmoränen unserer heutigen und der diluvialen Gletscher so genau kennen. Man findet, wie gesagt, wenigstens vermutliche kleine Gletscherspuren schon in noch älteren Erdperioden als diesem Perm. Obwohl seltsamerweise die Polargebiete früher nicht vereist waren, liegt es doch nahe genug, daß die schon so früh vorhandenen großen Gebirge gelegentlich Gletscher entsandten. Daß die riesigen deutsch-französisch-englischen Alpen der Steinkohlenzeit nicht auch ihren Firnschnee und ihre Gletscher gezeigt hätten: wer will das ohne weiteres abweisen? So hat man sich gedacht, daß auch Gondwanaland sich damals zu größten Teilen mit ungeheuren Hochgebirgsfalten bedeckt hätte, die entsprechend ihre Riesengletscher selbst in tropischen Breiten zu Tal schoben, und Anzeichen solcher Gebirgsbildung sind in der Tat vorhanden. Aber die indischen Eisspuren weisen in den Einzelheiten nicht bloß auf einfache Alpengletscher. Die Eisströme müssen an der Küste bis ins Meer, in die Tethys hinein geflossen sein, und die Schlammküste muß zeitweise winterlich hart gefroren sein. Das aber im tropischen Vorderindien! Da muß man doch zu den Gebirgen auch noch einen wirklichen Herabgang der Gesamttemperatur annehmen. Man braucht ja nicht gleich an Binneneis zu denken, das damals etwa vom Südpol kommend ganz Gondwanaland bis über den Äquator fort bedeckt hätte, wie in der späteren diluvialen Eiszeit das skandinavische Eis unser Norddeutschland. Dafür spricht nichts, und die Richtung der Eismassen ging den Spuren nach ziemlich sicher nicht überall vom Süden, also der Polrichtung aus. Über das Verhältnis von Gondwanaland zu diesem Südpol und seinem heutigen Landrest wissen wir ja vor der Hand überhaupt leider gar nichts. Vieles deutet auf schon frühes Vorhandensein eines antarktischen Meeres; inwiefern aber doch wenigstens einzelne Festlandanschlüsse auch hier bestanden haben könnten, bleibt einstweilen offen. Hoffentlich bringt die jetzt glatt fließende Erforschung der heutigen großen und gebirgigen Südpolarklippe uns da einmal Aufschluß – ein geologisches Problem, das noch mehr wiegt als die Bezwingung des Pols selbst. Aber auch ohne die ungeheuerliche Vorstellung eines solchen äquatorialen Binneneises wird man eine »permische Eiszeit« für das Gondwanaland zugeben müssen, die den Gletschern damals weit, weit tieferen Abstieg und der Küste selbst in tropischen Breiten weit, weit rauhere Winter als heute beschert hat. Die Ursache bleibt einstweilen völlig im Dunkeln, und nur die Tatsache einer solchen schon viel früheren Eiszeit der Urwelt, die wesentlich über die Südhalbkugel ging, muß von nicht abzusehendem Wert für uns sein. Als diese Kälteperiode auch dort dann wieder vorüber war, sehen wir die Küsten von Gondwanaland im Rest des Perm bedeckt mit einer neuen und eigenartigen Farnflora, die von der früheren des Karbon und aller nordischen überhaupt wesentlich abweicht. Spärlich ist sie nur auf gelegentlichen Tethysbrücken von sich aus noch nachträglich hier und da auch drüben ins nordische Randgebiet eingedrungen. An ihrem Fleck aber kann man sich schwer der Meinung entziehen, daß sie dort ein Ergebnis eben jener klimatischen Katastrophe, eine örtliche Anpassung war. Das Farnkraut Glossopteris ist ihr typischer Vertreter, zugleich also jetzt eine recht eigentliche »Gondwanapflanze«. Ganz ähnliche Verhältnisse aber gewahren wir in der Tierwelt. In den feuchten Karbonwäldern war allgemein der Molchfisch zum wirklichen Molch geworden. Im Perm gestaltete sich jetzt der Molch mehr und mehr zum Reptil. Das nacheiszeitliche Gondwanaland aber scheint das wahre Paradies der Urreptile gewesen zu sein, wie denn heute noch das letzte überlebende, die seltsame Brückeneidechse, nur auf einer seiner Restklippen, auf Neuseeland, fortdauert. Unheimliche Gesellen dieser Art haben uns besonders die Gesteine der alten Gondwanaecke, die das heutige Kapland darstellt, aus dieser und der folgenden Erdepoche im Skelett bewahrt. Da lebte der Pareiasaurus, der halb wie ein Krokodil, halb wie ein krummbeiniger Teckelhund aussah. Der Vergleich mit dem Säugetier ist dabei kein weit hervorgeholter. Aus diesen Urreptilen von Gondwanaland scheinen sich allen Ernstes damals auch die Säugetiere dort entwickelt zu haben. Auch für diese so wichtige Tiergruppe, die es bis zum Menschen bringen sollte, ist es schwerlich ein Zufall, daß ihr urtümlichster Vertreter, das noch reptilienhaft eierlegende Schnabeltier, sich bis heute nur auf Gondwanaresten, in Australien und Neuguinea, lebend erhalten hat. Ein ganzes Buch ließe sich schreiben von den Wundern des Gondwanalandes von damals, von den Rätseln und Zeichen, die es gab.

Abb. 14. Festländer und Meere in der oberen Triasperiode (nach Lapparent und Arldt).

Doch wir verfolgen die rein geographische Linie weiter. Da ist denn kaum ein Zweifel, daß die nunmehr folgende Triasperiode einen Höhepunkt der Verlandung enthält. Nie ist das alte Erdbild in einfacheren Umrissen geregelt gewesen. Geologischer Brauch läßt mit dieser Epoche das zweite Hauptweltalter beginnen, die Sekundärzeit. Geographisch aber erscheint gerade hier die ursprüngliche Länderverteilung, wie sie vom Kambrium heraufkommt, noch einmal in ihrem reinsten Glanz, wenn schon im Abendrot. Südhälfte und Nordhälfte der Landseite unseres Planeten liegen sich zeitweise noch einmal als ganz geschlossene Massen gegenüber. Zwischen Nordamerika und der Atlantis ist der Daviskanal verschwunden, beide Erdteile bilden wieder einen durchaus geschlossenen Block. Dabei ist Nordamerika größer als heute. Und ebenso ungeheuer ragt Asien. Zwischen Europa und Asien aber ist das uralische Meer jetzt ganz ausgetrocknet. So verschmilzt Europa endlich doch wieder östlich mit Asien. Aber da es zugleich westlich noch mit der Atlantis ebenso lückenlos zusammengeschmiedet bleibt, so vollzieht sich jetzt zuletzt noch die größte Tatsache: Nordamerika, die Atlantis, Europa und Asien verwachsen zu einer einzigen unfaßbar riesigen Kontinentalmasse, die jetzt würdig dem drüben ebenso geschlossenen Gondwanaland Gegenpart hält. Die Tethys trennt bloß noch zwei Erdteile. Als auch diese Tethys selbst noch mehrfach überbrückt wird (es scheint bei Panama, Spanien und in Indien geschehen zu sein), erreicht die Verlandung ihren unbestrittenen Gipfel. Wenn wir uns die Beringstraße auch jetzt noch geschlossen denken, so bildete der Nordkontinent sogar einen Polarring von Land um die ganze Nordhalbkugel. Ebenso einfach in den Umrissen wie abweichend von heute muß die Erde mit diesem nördlichen ganzen und südlichen halben Landring von weitem ausgesehen haben, wobei der ausgesprochene Wüstencharakter, der auch diese Trias beherrschte, den Landmassen auch jetzt wieder eine grell gelbrote Färbung ganz im Sinne der heutigen Oberfläche des Mars verliehen haben muß.

Abb. 15. Der Pareiasaurus, ein Tier aus Gondwanaland.

(Aus dem vollständig erhaltenen Skelett wiederhergestellt nach Hutchinson und Smit.)

Im Verlauf der langen Epoche stellt sich dann wenigstens die Tethys wieder ganz her, auch sie in der Reinheit ihrer Linie zwischen zwei jederseits lückenlos fortlaufenden Ufern vom Stillen Ozean bis wieder zum Stillen Ozean gleichsam noch einmal das Ideal ihrer uralten Versuche und Erfolge seit Jahrmillionen verkörpernd. Indem sie sich breiter noch durchzusetzen sucht, vereinigt sich eine Weile aller Wechsel zwischen Wasser und Land auf Erden nur bei dem Kampf zwischen ihrer geraden Mittelstraße und der einheitlichen Nord- und Südküste. Hier, dort greift sie bald etwas mehr, bald etwas weniger über die beiderseitigen Kanten vor. Und in die Abenteuer dieses Spiels wird eine Weile gerade wieder Europa verwickelt.

Abb. 16. Dolomitenlandschaft: Drei Zinnen bei Ampezzo.

(Phot. Voigtländer, Braunschweig.)

Europa war, wir erinnern uns, ursprünglich Halbinsel an Asien; dann wurde es umgekehrt Halbinsel an der Atlantis; jetzt hat es Anschluß sowohl an Asien wie an die Atlantis; so hat es jetzt nur noch eine Front: nach Süden, zum Mittelmeer der Tethys. Kantenangriffe der Tethys sind folgerichtig das einzige, das ihm jetzt gefährlich werden kann. Ein wundervolles Naturdenkmal ist damals entstanden, das wir heute noch in der Form, die ihm das spätere Schicksal aufgezwungen, nicht genug bewundern können: die Tiroler Dolomiten. Riffe meerbewohnender Korallentiere und besonders Kalkalgen der Triasperiode stecken eigentlich in ihnen, Riffe aus der Tethys von damals. So weit und so lange, daß sie sich bilden konnten durch unsagbar gigantische Kleinarbeit des Lebens, muß diese Tethys also damals im Gebiet unserer heutigen Ostalpen gestanden haben. Und von ihr diesmal sollte nun auch ein neues kleines Sintflutabenteuer ausgehen, das abermals vorübergehend Deutschland betraf. Im Perm kam jene kurze örtliche Zechstein-Sintflut von Nordosten, vom russischen Meer. Das gab es jetzt nicht mehr. Dafür glückte es aber im zweiten Drittel der Trias der Tethys, von Süden her den verwitternden mitteleuropäischen Gebirgsgürtel in der Gegend der schlesischen Sudeten zu durchbrechen und ein kleines Binnenmeer zu uns hereinzufluten. An sich auch ein vergängliches Werk wie jene Zechsteinüberschwemmung. Das Gestein, das sich dabei abgelagert hat, hat aber der ganzen Trias mit zu ihrem Namen verholfen. Trias heißt nämlich Dreiheit. Und in der Tat unterscheiden wir bei uns noch gut drei Stufen ihres Daseins im alten Gestein auf Grund besonders dieses Abenteuers. Zuerst, im ersten Drittel, hatte auch diese große Verlandungsperiode uns in Deutschland immer wieder bloß Wüste gebracht. Grell gefärbter Wüstenschutt, zu dem die Gebirge verwitterten und der sich im tieferen Plan allenthalben häufte, ergab damals unseren sogenannten bunten Sandstein, das Prachtmaterial unserer herrlichsten süddeutschen Dom- und Schloßbauten. Dann kam jene vorübergehende Sintflut und hinterließ den Muschelkalk. Auf den aber legte sich später wieder mehr Land- und Süßwasserschutt in Gestalt des sogenannten Keuper. Die drei Schichten dann ergeben die »Dreiheit«. Die Sache hat aber in dieser Folge eben nur für uns eine örtliche, sozusagen vaterländische Geltung.

Immerhin gibt dieses Trias-Sintflütchen zu denken. Es bedeutete doch etwas wie den Vorboten einer nahenden größeren Wende der Dinge allgemein. Gegen Ende der Trias, eben in ihrer deutschen Keuperzeit, zeigen sich im einheitlichen Nordkontinent die ersten Spuren neuer Längsrisse. Wenn auch nicht genau in der Beringstraße, so doch etwas weiter westlich nach Sibirien hinein parallel zu ihr hatte der Stille Ozean sich gelegentlich wieder einen Durchgang zum Eismeer erkämpft. Das war belangloser; höchst merkwürdig aber ist ein anderer Spalt, der sich jetzt (falls die Deutungen genau stimmen) plötzlich in einer bisher gänzlich unerhörten geographischen Linie auftat. Nämlich da, wo die Atlantis seit so langer Zeit jetzt glatt zu Nordeuropa ging: zwischen Skandinavien und Grönland. Eine Shetland-Straße, so genannt nach der Lage über den Shetland-Inseln. Seit dem Kambrium war in dieser Nähe nichts geschehen. Das Bedeutsame aber ist, daß ein Zerbrechen der Festlandmasse gerade an dieser Stelle nichts Geringeres besagte, als Beginn des heutigen Zustandes, der die Wasserspalte zwischen Grönland und England-Norwegen, die jetzt Europa von Nordamerika trennt, im nördlichen Atlantischen Ozean hier durchführt. An sich nur einmal wieder ein Spalt wie alle andern, bedeutete dieser doch das Morgenrot einer neuen Zeit. Und die kam für die Karte in der Tat jetzt, nachdem der Bann einmal gebrochen, Schlag auf Schlag. Auf die Triaszeit, die alles Alte noch einmal vereinigt herausgebracht hatte, folgte in der Juraperiode der unzweideutige Anfang einer Neuordnung der Erdkarte, in deren Vollbesitz wir Menschen selber heute noch leben. So lehrreich und wechselreich auch jetzt noch der Übergang sich gestalten mag: die eigentlich heroische Zeit der urweltlichen Karte, da »alles ganz anders« war, ist mit dieser Wende vorüber.

Die Juraperiode, benannt nach dem heutigen Juragebirge, dessen wichtigstes Gestein uns in Deutschland und der Schweiz noch durch alte Meeresböden ihrer Tage führt, ist nächst der Steinkohlenperiode das auch im weiteren Kreise bekannteste aller geologischen Zeitalter. Die berühmtesten Urweltstiere vor dem Auftreten des Menschen, der Ichthyosaurus und der Plesiosaurus, gehören hauptsächlich ihr an. Die mächtigen versteinten Schlammblöcke, aus denen kundige Hand das noch wohl erkennbare Gerippe eines solchen seinerzeit dort eingesargten Ichthyosaurus wieder herausgearbeitet hat, zumeist aus Schwaben, also eben dem echtesten Gebiet des Jura, stammend, erwecken wie nichts anderes so im Laien, der ein geologisches Museum besucht, die Schauer der Urwelt. Diese Saurier aber waren beide prächtige Schwimmer im Ozean, der Plesiosaurus noch mehr in Küstennähe, der Ichthyosaurus am liebsten im offenen Meer, und als solche Schwimmer sind sie damals auch bis ins Herz unserer Heimat gekommen, – mit ihrem Meer. Im Zeichen des allenthalben in der Erdkarte erfolgreich und immer erfolgreicher andrängenden Meeres steht im wesentlichsten Zuge die ganze lange Juraperiode.

Auch die Karte gerade des Jura hat in der Geologie eine gewisse Berühmtheit erlangt, da ihr einer der frühesten wirklich guten Wiederherstellungsversuche solcher geologischen Karten überhaupt galt, – durch den unvergeßlichen Melchior Neumayr. Vielen hat die Neumayrsche Jurakarte einen ersten Begriff gegeben, was für Wunderdinge solche Urweltskarten uns sagen könnten. Tatsächlich versteht man auch sie aber nur dann recht, wenn man sie im Anschluß an die Land- und Meerumrisse der früheren Erdperioden betrachtet. Wenn man sich die Verlandung der Perm- und Triasperiode noch einmal vergegenwärtigt und sich sagt, daß jetzt mit dem Jura im geraden Umschlag eine ganze Periode des mehr oder minder steten Meeresvorrückens kam, so muß an gewissen Punkten die zu erwartende Kartenänderung sich nach den früheren Erfahrungen in fast selbstverständlicher Richtung ergeben.

Abb. 17. Festländer und Meere in der oberen Juraperiode (nach Neumayr, Lapparent und Arldt).

Die Jura-Ichthyosaurier erscheinen in ihrem Meer schwimmend in Schwaben. Ihr Meer kommt mit ihnen etwa von Südfrankreich herauf. Das kann also nur ein neuer Angriff der Tethys gewesen sein. In der Trias lag Europas ganze Front gegen sie. Sie nagte damals schon daran, griff hinein. Einmal schon warf sie das (allerdings wieder vergängliche) Muschelkalkmeer bis nach Deutschland. Jetzt soll überall das Wasser sieghafter einströmen: also naheliegend genug, daß auch die Tethys verstärkt ihren Versuch erneuert und mit Glück im großen vollendet. Und in der Tat sehen wir im Verlauf des Jura ganz Süd- und Mitteleuropa bis nach England und Norddeutschland allenthalben in der geschlossen heranflutenden Tethys untergehen, unvergleichlich gründlicher und dauerhafter als vorher. Nur eine Anzahl Gebirgsreste oder sonst schwer bezwingliche kleine Blöcke bleiben als Inseln stehen. Dieser ganze Teil Europas bekommt auf lange jetzt geographisch den Charakter unserer heutigen polynesischen Inselgruppen in der Südsee. Und vieles auch im übrigen Landschafts- und Lebensbilde muß an diese jetzt so entlegene Erdgegend damals bei uns erinnert haben. Im blauen süddeutschen Meer wuchsen überall bunte Korallenriffe, und am Rand der Atolle wiegten tropische Palmfarne (Cykadeen) ihre großen Wedel im Seewinde. Über den feinen Kalkschlamm der Lagunen hinter dem Riff hüpfte oder flatterte allerdings im Gegensatz zu allem heutigen der seltsame Urvogel Archäopteryx, das Gemisch aus Saurier und noch werdendem Vogel. Die Tethys staut sich in ihrem Triumphzuge erst vor der großen skandinavisch-russischen Masse; bis dahin ist Europa sozusagen verschluckt vom Mittelmeer. Aber indem das so weit geschehen ist, ergibt sich eine neue folgerichtige Möglichkeit. Die so gewaltig nach Norden ausbegehrende Tethys vollzieht im Nordosten erneut einen uralten Schachzug. Sie eröffnet sich wieder die russische Wasserspalte, vom Kaspischen Meer zum Eismeer in der Richtung am Ural hin. Da sie ganz Mitteleuropa schon besitzt, kann sie gleich auch von hier noch durchfluten, auch von Norddeutschland schon ihre Wasser anschließend nach Rußland treiben. Was von Europa auch jetzt als Festland noch übrig ist (wesentlich Skandinavien), ist damit abermals in Wiederholung des alten Schicksalszuges von Asien getrennt. Nach der überlieferten Verkettung wäre der Europarest wieder einmal nur noch Halbinsel der Atlantis. Mehr noch »verwässert«, aber sonst doch unverkennbar ähnlich, scheinen an dieser Kartenecke die Zustände der Steinkohlenzeit wiederzukehren. Da aber wird noch etwas bedeutsam, das die Triaskarte schon andeutete. Jener neue Spalt zwischen Skandinavien und Island, die »Shetland-Straße«, die sich in die Verlandung der Trias doch schon gelegentlich eingemischt hatte, spaltet erneut den Europarest auch westlich von der Atlantis ab. Die Tethys greift durchströmend auch hier um Skandinavien herum. Und so erfährt der letzte ragende Landblock Europas ein neues, ein bisher noch nie erfülltes Schicksal: von Asien und von der Atlantis durch breite Meeresarme gesondert, wird er selber zur Insel. Eine skandinavische Rieseninsel, von der es südwärts unmittelbar ins Mittelmeer und in den südseehaften Archipel der kleinen Korallen- und Palmfarn-Eilande geht, – so schwebt Jura-Europa frei in den Wassern, los von Asien, los von der Atlantis, von der nordwärts bis zum Eismeer ausgeschweiften Tethys ganz umflossen wie die Erde der homerischen Griechen vom sagenhaften Okeanos.

Obwohl die meisten Züge dieses Schlußbildes sich noch irgendwie an frühere anschließen, fühlt man doch, was für eine außerordentliche Zerstückelung des Nordgebiets der Landseite sie bedeuten, eine ärgere, als je eine Wassertransgression früher erzielt hatte. Und dazu treten noch andere starke nordische Landeinbußen. Das Eismeer schneidet nördlich von der Shetlandstraße noch ein Stück von der Atlantis selbst ab, bis auf den Rand von Grönland, also nahe ans alte Herz. Von Nordamerika versinkt erneut die Alaskaecke wie in den ältesten Epochen. Die Beringstraße stellt sich also in ungeheurer Breite her. Und auch Asien verliert im Norden durch kolossale sibirische Überflutungsbuchten (Neumayr auf seiner Karte ließ es über ganz Sibirien untergehen) ein Riesengebiet. Eigentlich intakt von der gesamten nordischen Herrlichkeit bleibt nur der Hauptblock von Nordamerika und der damit verschmolzene Restteil der Atlantis. Immerhin noch ein gewaltiger Erdteil, der für die Fortentwicklung der Landtierwelt in dieser Jurazeit jedenfalls nördlich die Hauptstütze gewesen ist. Während durch die neuen Buchten und Meeresarme von der Tethys bis zum Eismeer und zum Pazifik und rund um den Europarest lustig die delphinhaften Scharen der Ichthyosaurier schwammen, erwuchsen auf diesem einzigen großen Dauerlande des Nordens jene märchenhaften Landdrachen des Dinosauriergeschlechts, deren wirkliche Größenmaße keine noch so überschwengliche frühere Urweltsphantasie sich hatte erträumen können. Dieser ganze Umsturz im Nordgebiet der Erdkarte bedeutete aber immer noch nicht das, was auf dem Südgebiet gleichzeitig geschah. Man konnte, wie gesagt, das alles dort im Norden noch für eine einfache größte Transgression halten. Im Süden aber vollzog sich etwas schlechterdings Neues: der Südkontinent, das ungeheure Gondwanaland begann zusammenzustürzen.

Wir haben unsere Betrachtung begonnen mit einem kurzen Hinweis, daß Gondwanaland im Kambrium in der Gegend des heutigen Indischen Ozeans zeitweise nicht ganz geschlossen schien. Möglich, daß das nur eine belanglose seichte Überflutung war; möglich, daß es auf eine noch ältere, uns unbekannte Urgeographie aus vorkambrischer Zeit wies, die noch kein geschlossene Gondwanaland hatte. Sicher ist jedenfalls soviel, daß jetzt seit sechs großen Erdperioden, eine endlose Kette von Jahrmillionen lang, Gondwanaland geradezu als der am meisten ruhende Landpunkt der Erdkarte bestanden hatte, unzerstückelt, ohne Spalten, ohne versunkene Zwischenteile. Vom oberen Kambrium bis zur Trias bildet es gewissermaßen die Signatur der gegen alles heutige abstechenden Alt-Karte. Jetzt aber stürzte sein erster Grundpfeiler endgültig ein.

Gondwanaland im engeren und für unsere Kenntnis sichersten Sinne, also das Stück Verbindungsland im heutigen Indischen Ozean, war es, das den Anfang machen sollte. Schon zu Beginn des Jura muß es begonnen haben, gleichsam zweiseitig zugleich, auf den beiden Eckflügeln, zu versinken, während das Mittelstück zunächst noch als lange schiefe Landzunge stehen blieb. Diese Landzunge wurzelte vermutlich auch jetzt noch am Kap der guten Hoffnung in Afrika und reichte über Madagaskar bis Ceylon und Vorderindien. Rechts und links von ihr aber hatte der Ozean das übrige Zwischengebiet endgültig verschlungen. Rechts trennte er als breite blaue Fläche von Australien, links von der Ostküste Afrikas, bei der auch das nicht mit versunkene Arabien einstweilen verblieben war. Eigentlich waren die beiden neuen Meeresstücke im heutigen Sinne schon werdender Indischer Ozean; immerhin hat man das afrikanische für diese und die nächste Erdperiode einstweilen noch mit dem besonderen Namen als »Äthiopisches Meer« auf die Karte gesetzt. Das Reststück des alten Landes selbst, die lange Landbrücke, die beide Wasser noch trennte, hat man dagegen, so lange sie sich noch hielt, als »Indomadagassische Halbinsel« bezeichnet. Gestanden hat sie tatsächlich noch in der ganzen nächstfolgenden Kreidezeit, und, wenn man will, kann man ihre letzten Spuren heute noch in den kleinen Inselschwärmen zwischen Madagaskar und Indien verfolgen. Aus historischer Pietät könnte man aber fast versucht sein, ihr in den spätesten Tagen, wo sie noch tragfähig war, auch noch einen andern Namen zu geben, den die meisten wohl gelegentlich einmal gehört haben werden, – nämlich Lemurien. Lemuren sind zoologisch die Halbaffen. Diese interessanten Tiere, von denen eine lebende Form, der sogenannte Koboldmaki, auch dem Stammbaum des Menschen zweifellos nahesteht (neuerlich hat man in Ägypten sogar einen alttertiären Kiefer entdeckt, der unmittelbar Koboldmaki und Menschenaffe zu verknüpfen scheint), finden sich heute besonders zahlreich auf Madagaskar und dann wieder im südindischen Gebiet. So meinten die ausgezeichneten Kenner Sclater und Haeckel vor Jahren, in der Tertiärzeit müsse einmal eine Landverbindung quer über den Indischen Ozean gegangen sein, die gerade diese Verbreitung erklärte. Sie bezeichneten sie als Lemurien, und lange ist viel davon die Rede gewesen; die Urheimat des Menschen selbst ist gelegentlich gern nach Lemurien verlegt worden. Inzwischen ist aber durch Versteinerungen unzweifelhaft geworden, daß eben solche Halbaffen damals auch in Europa, ja in Nordamerika gelebt haben. Da wäre also jene Brücke nicht nötig, die Halbaffen Madagaskars können zu ihrer Zeit von Afrika und die indischen unabhängig von Asien eingewandert sein. Es ist aber wieder amüsant, wie auch hier etwas, was zuerst als Phantasiegebilde und sozusagen falsch eingestellt auftauchte, sich nachher in etwas veränderter Form doch wahr gemacht hat. In der Jura- und Kreideperiode bestand wirklich diese lemurische Brücke, bloß daß sie damals nichts mit den Lemuren zu tun hatte. Wir wollen aber den jetzt irreführenden Namen lieber nicht bei ihr verewigen.

Die Zerstörung des indisch-afrikanisch-australischen Kontinentstücks bis auf diese Brückenruine mußte aber früher oder später weitere Folgen haben. Die Tethys konnte um die indische Spitze der indomadagassischen Halbinsel herum einen Ausfluß zu dem neuen Indischen Ozean, der diese Halbinsel fortan von den Sundainseln und Australien trennte, gewinnen. Wahrscheinlich ist auch das im Jura selbst schon erfolgt. Dann aber entstand die neue Möglichkeit, daß sie ganz hierherüber abströmte. Ihr letztes asiatisches Stück, das bisher über Hinterindien oder Südchina zum Pazifik ging, konnte austrocknen. Und es ist möglich, daß auch das schon im Jura geschah. Nach Neumayrs Karte hätte sich damals schon einmal ganz Hinterindien lückenlos mit dem asiatischen Kontinent vereint, wobei dieser neue Landriegel sich südlich zeitweise sogar noch über die Sundainseln bis Australien fortgesetzt haben soll. Wieder ein grober Riß im alten Bilde: die Tethys nicht mehr ihre Bahn vom Stillen Ozean zum Stillen Ozean vollendend, sondern ins Herz von Asien bloß noch bis über den Himalaja eindringend, dann aber südwärts abbiegend in den Indischen Ozean. Dauerhaft blieb einstweilen nur die Landverbindung noch zwischen Afrika und Südamerika, ein letztes Stück alter Südkarte rettend. Aber auch ihre Tage waren gezählt. Gondwanaland und mit ihm die alte Karte waren nicht mehr zu retten, – das zeigt die nächstfolgende Erdperiode.

An die Periode des Jura schließt sich zeitlich die der Kreide; benannt nach der in ihr gebildeten weißen Schreibkreide. Wie die Jurazeit aber nicht bloß Schichten gerade im Juragebirge hinterlassen hat, so hat auch sie keineswegs bloß Kreide hervorgebracht, sondern auch vielerlei anderes Gestein. Überaus wechselreich ist gerade ihr geologische Bild, bis zum Fratzenhaften gestaltenreich das Bild des Lebens in ihr. In eine ganze Reihe Einzelabteilungen hat der Geolog sie für sich auflösen müssen, um ihrer langen, vielfach verwickelten Bahn einigermaßen Herr zu werden. Und für alle diese Einzelkapitel lassen sich nach den reichen Hinterlassenschaften auch wieder Erdkarten entwerfen, auf denen, wenn man sie zuerst mustert, alles noch mehrfach wieder drunter und drüber zu gehen scheint. Genaue Betrachtung zeigt aber sofort, daß für die Hauptlinie des Kartenbildes, wie wir sie verfolgen, in Wahrheit nur wieder einige wenige Punkte dabei von wesentlicher Bedeutung waren.

Die Kreideperiode gehört eng zum Jura. Sie enthält den zweiten Höhepunkt jener großen doppelperiodischen Meerestransgression, von der wir gesprochen haben. Er ist als solcher noch ausschweifender als der erste im Jura. Wenn irgendwo das Sintflutbild noch einmal im großen angewendet werden soll, so wäre es hier am Platze, obwohl von einer wirklichen Überflutung aller Länder natürlich auch jetzt keine Rede sein konnte. Die äußerste Kurve liegt ungefähr im Beginn der zweiten Hälfte der Periode, da, wo der spezialisierende Geolog die Unterabteilung des sogenannten Cenoman (nach dem lateinischen Namen Cenomanum für die heutige Stadt Le Mans in Frankreich) ansetzt. Auf dem Kartenbilde erfolgt in dieser Gegend in der Tat ein so erdenweites Untertauchen an allen Ecken und Enden, daß man meinen könnte, die am weitesten von heute abweichende Karte zu sehen, die es je in der Urwelt gegeben hat. Inzwischen darf man aber nicht vergessen, daß es sich dabei doch zunächst nur wieder um eine jener periodischen Transgressionen handelt, bei denen das Meer überhaupt aus irgendeinem Grunde wie außer Rand und Band scheint, die riesigste von allen, aber doch auch eine, die nach einer Weile vorübergeht. Auch aus der cenomanischen Sintflut heben sich zuletzt, im Auslauf der Kreide, wieder einigermaßen verständliche, aus dem Früheren begreifliche Erdteile heraus. Und nur was auch jetzt daran sich dauernd verändert erweist, was auch jetzt nicht wiederkommt im einzelnen an ihnen, – das ist für die Hauptlinie das Entscheidende, das wirklich auch unter all dem Trubel der Periode geographisch von ihr Geleistete. Das aber läßt sich diesmal wirklich ziemlich kurz zusammenfassen, denn auch hier ist die Kreide nur eine Art vertiefenden zweiten Abschnitts der Juraarbeit gewesen.

Zwischen Jura und Kreide liegt zunächst eine kleine Pause im großen Wassertriumph. In Deutschland, Belgien, England werden die Tethysableger des Jura aus Meer zu Waldsümpfen, in denen sich damals die bekannten känguruhhaft auf den Hinterbeinen hüpfenden großen Iguanodon-Saurier herumgetrieben haben. Die Shetlandstraße schließt sich nochmals, Europa hängt sich vorübergehend noch einmal westlich ganz an die Atlantis. Sonst bleibt aber alles wesentlich wie im Jura. Dann aber, unter der allmählich heranrauschenden Riesenflut, geht das tollste Spiel los. Die Tethys wahrt nicht nur fast alle Errungenschaften, die sie im Jura erlangt hatte, sondern sie greift neuerdings an urältesten Landbesitz. Sie stellt nicht nur die Shetlandstraße neu her, sondern überschwemmt in ihrer Gegend westlich die ganze Atlantis bis auf den Umriß von Grönland und sogar noch ein Stück in die Davisstraße hinein; der ganze nördliche Atlantische Ozean von heute wogt also schon bedeutsam eine Weile frei herüber und hinüber. Ebenso bedeckt sie südlich jetzt auch das gondwanische Zwischenland von Afrika und Südamerika ganz oder doch fast ganz. Mehr aber noch: sie zerschneidet in der Gegend des Amazonenstroms Südamerika selbst und dringt mit einer ähnlichen Schnittspalte von Süd zu Nord durch den ganzen Westen von Nordamerika. Und während sie über Europa abermals in voller Pracht fortrauschend erst wieder an den Felsufern Skandinaviens brandet, schneidet sie zugleich große Teile von Nordafrika und Arabien ab. Wenn sie auch jetzt in ihrem äußersten Ostkurs zum Indischen Ozean abbiegt, so ist sie doch sicher auch dort über viel mehr Land weggegangen, über Teile von Hinterindien und den Sundainseln. Australien wurde damals auch von Asien wohl endgültig getrennt, nachdem es im Jura von Afrika losgekommen war. Als einsamer Gondwanarest sollte es fortan im Meer ragen, seltsame Tiere der älteren Urwelt wie in einem unnahbaren Zauberpark bis auf unsere Tage durchrettend. Manche Forscher glauben freilich, daß Australien gerade damals noch Sonderschicksale von geheimnisvoller Art durchgemacht habe. Die Kreideüberflutung soll eine Art Gegenangriff durch geheimnisvolle Landbildungen im Südseegebiet erfahren haben, also doch einmal in dem uralt treuen Reinwassergebiet der Erde. Wohl gar wäre ein Landstreifen zeitweise von Australien bis zu einem dunkeln, schon im Jura vermuteten sehr vulkanischen Lande jenseits der pazifischen Küste von Südamerika gegangen. Doch ist das alles noch sehr, sehr unklar und vielleicht nur ein Traum.

Für einen kühnen Seefahrer hätte es in diesen cenomanischen Wasserwüsten jedenfalls nicht an unheimlichen Abenteuern gefehlt. Die Begegnung mit der »großen Seeschlange« wäre in gewissen Meeresgebieten ein alltägliches Ereignis gewesen, denn es wimmelte von schlangenhaft langgestreckten Riesenreptilien (Mosasauriern), die allen verwegensten Phantasieanforderungen an dieses heutige ozeanische Fabeltier Genüge taten. Von oben aber schatteten über die unabsehbaren Wasserflächen ungeheuerliche »Flugmaschinen«, in denen ebenfalls drachenhafte Reptile (Pteranodon) mit einer Klafterweite bis zu sechs Meter den nicht endenden Ozean frei übersegelten.