Die Rollwagenpferde werden jetzt getränkt, wobei wir sehen, daß etwas Neid oder wenigstens Mißgunst der Seele des Pferdes nicht ganz fremd ist. Das dem Brunnen zunächststehende Sattelpferd wird zuerst getränkt, aber das Handpferd sucht fortwährend seinen Kopf ebenfalls in den Tränkeimer zu stecken, wozu der Platz nicht ausreicht.
Es ist merkwürdig, welchen Wert Pferde auf gutes Wasser legen.
Das kommt daher, weil die Wildpferde täglich in der Steppe zur Quelle laufen und dort sehr gutes und klares Wasser trinken.
Ein Gestüt, das kein gutes Wasser besitzt, wird niemals auf die Dauer große Erfolge erzielen.
Der Hund als früheres Raubtier muß dagegen aus jeder Pfütze trinken können und wird deshalb nicht krank, wie ein Pferd, wenn er dauernd schlechtes Wasser bekommt.
Jeder Kutscher weiß übrigens, daß die Pferde gewisse Brunnen bevorzugen und das Wasser von manchen Brunnen nicht saufen mögen.
Während wir noch stehen und zuschauen, kommt eine Kutsche vorbei, deren Pferde Aufsatzzügel tragen. Durch den Aufsatzzügel wird den Pferden die Möglichkeit genommen, den Kopf nach unten zu senken und wieder nach oben zu bringen, wie es alle Pferde tun. Dieses »Tunken« mit dem Kopfe finden manche Leute nicht schön. Sie bringen deshalb durch den Aufsatzzügel den Kopf des Pferdes dauernd hoch. Das soll nach der Ansicht dieser Pferdekenner einen vortrefflichen Eindruck machen.
Jeder Mensch, der sich eingehend mit dem Tierleben beschäftigt, wird zu einem ganz anderen Ergebnis gelangen. Das Tunken mit dem Kopf beim Pferde hat natürlich einen Zweck, und zwar einen sehr wichtigen. Wir sprachen früher davon, daß wilde Pferde stets gegen den Wind laufen, um vorher einen etwaigen Feind zu wittern. Dieses Mittel ist ohne Frage ausgezeichnet. Denn das Riechvermögen des Pferdes ist so gut wie das eines Hundes, obwohl es den wenigsten Menschen bekannt ist. Trotzdem kann es vorkommen, daß ein auf dem Boden lauerndes Raubtier nicht gerochen wird. Wie wir das nicht sehen können, was hinter unserem Rücken ist, so kann das Pferd das nicht riechen, was am Boden sich an Gerüchen entlangzieht. Weht also der Wind die Ausdünstung des am Boden liegenden Wolfes der Pferdenase entgegen, so kann diese leicht nichts davon merken, wenn sie stets in Kopfhöhe bleibt. Dann geht die Raubtierausdünstung durch die Beine durch.
Um das zu verhindern, tunkt das Pferd. Es senkt den Kopf, um rechtzeitig die Anwesenheit eines am Boden lauernden Feindes wahrzunehmen.
Selbstverständlich ist es eine große Tierquälerei, einem Haustiere die seit Urzeiten geübten Vorsichtsmaßregeln unmöglich zu machen. Es ist kein Wunder, daß Pferde mit Aufsatzzügeln erst recht zum Scheuen neigen.
Was würden wir Menschen sagen, wenn wir durch einen Kopfhalter gezwungen wären, stets geradeaus zu sehen, ohne uns nach rechts oder links umschauen zu können, wie wir es doch von jeher gewöhnt sind!
Der Aufsatzzügel muß also als Tierquälerei bezeichnet werden. Hier können Tierschutzvereine segensreich wirken, wenn sie für seine Abschaffung eintreten.
Aus dem Leben der Wildpferde erklärt sich ferner der Satz: Hüte dich vor den Vorderbeinen des Hengstes und vor den Hinterbeinen der Stute.
Der Hengst als Beschützer seines Rudels greift eben den Feind, namentlich den Wolf, mit den Vorderbeinen an. Auch packt er ihn mit den Zähnen, weshalb gerade Hengste bissig zu sein pflegen. Die Stute dagegen verteidigt sich und ihr Fohlen durch Auskeilen nach hinten.
Es erklärt sich hieraus ferner, daß bösartige Pferde die Ohren zurückziehen. Wollen nämlich zwei Pferde miteinander kämpfen, so suchen sie zu verhindern, daß der Gegner sie mit den Zähnen an den Ohren packt. Aus diesem Grunde ziehen sie die Ohren zurück.
Sieht man also, daß ein Pferd die Ohren zurücknimmt, so ist immer Vorsicht am Platze. Das ist z. B. bei manchen Pferden der Fall, wenn sie fressen. Alle Tiere sind bei ihrer Mahlzeit mehr oder weniger angriffslustig. Katzen fauchen, wenn sie gerade einen besonders schönen Bissen fressen, Hunde können ihren eigenen Herrn beißen, falls er ihnen einen Knochen fortnehmen will, und selbst sonst fromme Pferde sind nicht immer beim Fressen zuverlässig.
Die Rollwagenpferde haben, wie wir sahen, ein Kummetgeschirr, also ein Geschirr, das um den Hals läuft. Die Kutschpferde dagegen, auch die Droschkenkutschpferde, haben gewöhnlich ein solches Kummetgeschirr nicht. Hier ziehen die Pferde nur mit der Brust, da sie ein Sielengeschirr haben.
Es ist augenscheinlich, daß ein Pferd im Kummetgeschirr viel besser ziehen kann als im Sielengeschirr. Wenn man trotzdem Kummetgeschirre nur bei schweren Lastwagen sieht, so liegt das daran, daß ein Kummetgeschirr nichts taugt, wenn es nicht gut paßt. Gerade damit hapert es aber gewöhnlich.
Während wir uns die Rollwagenpferde ansehen, kommt ein Reiter vorbei, und wir können uns so recht den Unterschied zwischen einem schweren Pferde des abendländischen Schlages und einem leichten Pferde des morgenländischen Schlages vergegenwärtigen. Die gewaltigen Formen der Wagenpferde mit ihren plumpen dicken Beinen stehen im Gegensatz zu den schlanken Beinen des geschmeidigen Reitpferdes.
Man sollte meinen, daß der Mensch, der zuerst das Pferd gezähmt hat, es zunächst als Reittier und erst später als Zugtier verwendet hat. So wird es auch vielfach geschildert, obwohl es mit den Tatsachen nicht übereinstimmt. Wir haben eine genaue Kunde von den Wagenkämpfen der alten Griechen, die vor etwa drei Jahrtausenden stattfanden. Aber niemand reitet dort, obwohl die Kunst des Wettfahrens in hoher Blüte stand.
Der Grund liegt darin, daß jeder Pflanzenfresser den Druck auf dem Rücken sehr unangenehm empfindet. Denn er muß sofort an ein Raubtier denken, das ihm auf den Rücken springt. Deshalb muß auch heute noch ein Pferd erst zugeritten werden, obwohl es sich seit Jahrtausenden als Haustier endlich daran gewöhnt haben müßte. Das Ziehen dagegen ist dem Tiere viel weniger unangenehm, da es seit Urzeiten daran gewöhnt ist, die vor seiner Brust befindlichen Hemmnisse fortzuschieben, also Gebüsche u. dgl.
Alle Tiere lassen sich daher viel leichter zum Fahren abrichten als zum Reiten, so Elche, Renntiere, Wildrinder usw. Deshalb ist auch das Fahren viel älter als das Reiten.
Während wir dem Reiter nachschauen, fällt uns auf, daß sein Pferd ganz anders die Beine setzt wie ein daneben laufender Hund. Wie alle Pferde, die gesunde Beine haben, setzt es die Beine so, daß eine unter dem Bauche der Länge nach befindliche gerade Linie von den Beinen nicht berührt werden würde. Die rechts befindlichen Beine bleiben eben rechts und die links befindlichen links. Bei dem Hunde aber könnten wir eine solche gerade Linie nicht ziehen, ohne daß sie von den Zehen berührt würde. Woher kommt diese Verschiedenheit im Laufen?
Wie das Pferd die Beine setzt, erscheint uns naturgemäß. Dagegen ist das Durcheinanderwirbeln der Beine beim Hunde nach unsern Begriffen höchst merkwürdig.
Nebenbei sei folgendes bemerkt. Hat man ein Pferd künstlich dazu abgerichtet, die Beine derselben Seite gleichzeitig vorzusetzen – im natürlichen Zustande geschieht es abwechselnd – so spricht man von einem Paßgange. Diese Gangart ist manchen Tieren natürlich, z. B. der Giraffe, was sich aus dem Bau ihres Körpers ergibt. Pferde mit Paßgang nennt man Zelter. Sie werden wegen ihres gleichmäßigen Ganges sehr von den Damen bevorzugt.
Das schräge Laufen des Hundes ist, wie wir uns schon denken können, ein Erbteil aus der Zeit seines früheren Räuberlebens. Noch heute setzt der Fuchs seine Spur in eine Linie. Der Jäger sagt recht treffend: der Fuchs schnürt. Im Schnee sehen seine Fußstapfen wie eine Schnur aus.
Das Schnüren ist für das Raubtier eine Lebensfrage. Es will sich seinem Opfer nähern, ohne vorher gesehen oder gewittert zu werden. Zu diesem Zwecke sucht beispielsweise der Fuchs stets die tiefsten Stellen auf. Er geht über einen Acker, indem er die Ackerfurchen benutzt. Kommt er an einen Graben, so springt er hinein und läuft auf der Sohle des Grabens weiter. Ja, auf Fahrwegen läuft er aus Vorsicht regelmäßig die Wagenspuren entlang, weil diese die tiefsten Stellen der Straße ausmachen. Der Hund ist früher ebenfalls in der gleichen Weise gelaufen. Obwohl er jetzt nicht mehr auf Raub ausgeht, so läuft er doch noch auf dem Bürgersteig schräg. Man ersieht daraus, wie unausrottbar die dem Haustiere überkommenen Gewohnheiten haften.
Manche Hunde laufen noch heute mit Vorliebe in einer Wagenspur. Es ist sogar anzunehmen, daß das sogenannte Hinken der Hunde hiermit im Zusammenhang steht. Früher haben die Menschen die Tiere weit aufmerksamer beobachtet. Es gibt sogar einen Vers, in dem es heißt, daß sich niemand an das Hinken der Hunde kehren soll. Unsere Vorfahren hielten also das Hinken der Hunde für eine Heuchelei. – Heute kann man zahlreiche Kulturmenschen fragen und wird hören müssen, daß ihnen niemals das Schräglaufen der Hunde, noch weniger aber das Hinken – und zwar das grundlose Hinken – aufgefallen ist.
Obwohl das Bein ganz gesund ist, hebt es der Hund beim Laufen hoch und läuft auf drei Beinen weiter. Regelmäßig ist es ein Hinterbein.
Wir wissen, daß der Hund seiner alten Raubtiernatur gemäß gern in einer geraden Linie, womöglich in einem Gleise, laufen möchte. Ist er nun durch gute Pflege, wie es vor dem Weltkriege üblich war, gut im Stande, so ist das Laufen in der geraden Linie für ihn nicht leicht. Um es dennoch durchzuführen, hebt er einen Hinterfuß hoch.
Das Pferd als friedlicher und harmloser Pflanzenfresser hat sich an keine Opfer anzuschleichen. Es hat auch auf der Steppe stets genügenden Platz und braucht nicht wie ein Gebirgstier häufig auf einem schmalen Pfade zu wandeln. Das Pferd hat also im Gegensatz zum Hunde seinen natürlichen Gang beibehalten.
Der Droschkenkutscher hatte sein Pferd mit Hafer und Häcksel gefüttert. Warum füttert man das Pferd ausgerechnet mit Hafer und nicht mit Weizen oder Gerste?
Selbst die reichsten Leute werden ihre wertvollsten Pferde, beispielsweise erfolgreiche Rennpferde, nicht mit Gerste, geschweige denn mit Weizen füttern. Zwar lese ich bei einem sehr angesehenen Naturforscher, daß ein Bauer, dem der Hafer mißraten war, seine Pferde mit Gerste gefüttert hätte. Ich will nicht bezweifeln, daß das für ein Jahr ohne Nachteil abgelaufen ist. Im allgemeinen wird man aber auf die Dauer keine Freude an dieser Futterart haben.
Der Grund hierfür ist folgender: Tiere, die aus einer armen Gegend stammen, sind für die Gewächse dieser Gegend passend gebaut. Hierhin gehören beispielsweise unser Pferd, das Schaf, das Kamel usw. Man könnte sie als Magerfresser bezeichnen im Gegensatz zu dem in den fruchtbaren Niederungen heimischen Schwein. Es ist bekannt, daß Kamele, die man in fruchtbare Länder versetzt, dort nicht etwa Prachtkamele werden, wie die Durchschnittsmenschen meinen, sondern sterben.
Das Pferd stammt aus der Steppe, also einer Hungerleidergegend. An sich dürfte es nur mit Gräsern und nur im Herbste mit Körnern gefüttert werden. Das ist aber deshalb ganz unmöglich, weil wir dem Pferde künstlich eine Größe angezüchtet haben, die das Wildpferd nicht besitzt. Diese Größe muß erhalten werden, und das kann nur durch reichliches Futter geschehen.
Sodann lassen wir das Pferd viel und schwer arbeiten, während das Wildpferd nach unseren Begriffen den Tag über bummelt. Auch dieses schwere Arbeiten erfordert eine entsprechend bessere Fütterung.
Hafer ist das Gewächs eines kärglichen Bodens, und deshalb ist Hafer das bekömmlichste Futter für Pferde.
Weil Pferde ursprünglich Gräserfresser waren, deshalb fehlt ihnen bei ausgesprochenem Körnerfutter die zur Füllung des Magens erforderliche Menge. Um dieses Unbehagen zu beseitigen, sind die Pferde auf ein ganz merkwürdiges Auskunftsmittel verfallen. Sie pumpen sich Luft in den Magen ein, was wir als »Koppen« bezeichnen. Hiergegen sind unzählige Mittel angewendet worden, doch wird man nicht behaupten können, daß sie großen Erfolg gehabt haben. Das Koppen ist einfach eine Folge der nicht naturgemäßen Fütterung. Den Russen war es schon längst bekannt, daß ihre an Gräser gewöhnten Steppenpferde zu koppen begannen, sowie sie Körnerfutter erhielten.
Sehr häufig hört man Tierfreunde jammern, daß ein Pferd nicht in Ruhe fressen kann, wenn ein Fahrgast in eine Droschke einsteigt, während das Pferd noch nicht mit Fressen fertig ist. Diese Klage ist grundlos. Das Pferd als Pflanzenfresser muß fortwährend auf der Hut sein, ob ein Feind es nicht überfällt. Sein Leben zerfällt also in folgender Weise: Etwas fressen, dann plötzlich laufen, wieder etwas fressen, dann wieder laufen und so weiter.
Eine Störung beim Fressen schadet also einem Pflanzenfresser wenig, ganz besonders wenig aber einem Pferde. Wir verstehen jetzt, daß das Pferd einen auffallend kleinen Magen hat. Es ist ganz verfehlt, wenn der Landwirt klagt: »Wie konnte der liebe Herrgott einem so großen Tiere einen so kleinen Magen geben!« Hätte das Pferd ein schneller Renner sein können, wenn es einen großen Magen besäße, der bis oben heran voll gefüllt war? Gewiß nicht. Wir wissen ja, daß ein voller Bauch nicht gern studiert. Würde der Mensch sich nach der Lebensweise der Wildpferde richten, so würde er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, nämlich folgende zwei:
Erstens würde er durch möglichst häufiges Füttern – wie es bereits die gewitzigten Pferdehändler tun – weniger Futter brauchen. Wie Versuche an Militärpferden ergeben haben, leistet ein Pferd dieselben Dienste wie früher bei weniger Futter, wenn es nur häufiger gefüttert wird.
Sodann würde die Kolik, dieser ewige Alp der Pferdebesitzer, ebenso andere Krankheiten, die auf Ueberfütterung beruhen, ganz gewaltig zurückgehen.
Im Gegensatz zu den Pflanzenfressern wollen alle Raubtiere ihre Beute in Ruhe verzehren, da sie es so in der Natur gewöhnt sind. Sie sind deshalb sehr empfindlich gegen Störung. Auch Wiederkäuer wollen beim Wiederkäuen nicht gestört sein, da sie in diesem Zustande als wilde Tiere irgendwo in einem Gebüsch oder an einer verborgenen Stelle liegen.
Die Rollwagenpferde müssen jetzt wieder anziehen und erhalten einige kräftige Hiebe mit der Peitsche. Wie wir schon aus der Ladung vermuten konnten, geht die Fahrt nicht weit. Bereits nach einigen Häusern wird halt gemacht. Die Pferde müssen hier das Abladen gewöhnt sein, denn sie halten aus eigenem Antriebe an.
Da bei manchen tierfreundlichen Völkern des Morgenlandes Peitsche und Sporen nicht zur Anwendung gelangen, so ist die Frage naheliegend, ob wir nicht auch ohne diese Werkzeuge auskommen könnten.
Es wäre das in der Tat sehr schön, aber bei unseren deutschen Pferden ist mit bloßen Worten nichts zu erreichen. Ich habe verschiedene tierfreundliche Landwirte kennengelernt, die ohne Peitsche das Pferd ziehen lassen wollten. Aber auf die Dauer geht es nicht. Das Pferd bleibt plötzlich stehen und scheint zu sagen: »Ich habe heute genug!« Auch wenn man keine Sporen am Stiefel hat, ist man machtlos.
Also Peitsche und Sporen sind tatsächlich bei unseren Pferden, soweit man sich darüber ein Urteil erlauben darf, erforderlich. Damit ist aber das grundlose rohe Peitschen nicht entschuldigt, ebenso ist damit nicht gesagt, daß nicht allmählich auf diesem Gebiete eine Besserung möglich wäre.
Das Anhalten der Pferde aus eigenem Antriebe an Stellen, wo ihr Herr zu rasten pflegt, ist eine allbekannte Erscheinung. Merkwürdigerweise legt man hierbei wiederum den Pferden Absichten unter, die ihnen ganz fern liegen. So kann man mit ernster Miene erzählen hören, daß ein Pferd seinen Reiter zur Wohltätigkeit zwang. Das kam nämlich folgendermaßen. Es lieh sich jemand ein Pferd von einem Manne, der wegen seiner Wohltätigkeit bekannt war. Der Reiter, der es sehr eilig hatte, war sehr bestürzt darüber, daß das Pferd vor jedem Bettler, der den Hut zog, stehen blieb und nicht eher weiterging, bis er dem Bettler eine Kleinigkeit gegeben hatte. Richtig ist folgender Tatbestand. Das Pferd bleibt vor einem den Hut ziehenden Menschen stehen und geht nicht eher weiter, als bis sein Herr eine Münze gegeben oder wenigstens eine Handbewegung gemacht hat, die hierauf schließen läßt. Mit Wohltätigkeit hat das nicht das mindeste zu tun. Das Pferd will lediglich stehen bleiben, und zwar möglichst lange stehen bleiben. Denn wenn es auch seine Arbeit verrichtet, so ist ihm Ruhe noch lieber.
Das Pferd hält also nicht an, damit der Mensch ein Vergnügen hat, etwa in das Wirtshaus geht oder seinen Freund besucht, sondern lediglich seinetwegen, damit es eine Ruhepause hat. Das ist eigentlich auch ganz selbstverständlich.
Wiederum ziehen die Rollpferde an und entschwinden unsern Augen, als sie um die Ecke wenden. Etwas haben wir doch von ihnen gelernt.
Schon früher haben wir erwähnt, daß für die Wildpferde außer dem Menschen der schlimmste Feind der Tiger ist. Ebenso ist bereits der Angriff der Wölfe auf eine Pferdeherde geschildert worden. Auch der Bär tritt in einzelnen Gegenden, z. B. am Ural als gefährlicher Feind der Pferde auf.
Den großen Katzen gegenüber ist das Pferd regelmäßig verloren. Zebras wagen gegen den Löwen, der sie überfallen hat, gar keinen Kampf. Nur einmal habe ich davon gelesen, daß ein Zebra durch einen glücklichen Hufschlag den König der Tiere getötet hatte. Da der Löwenschädel mit dem eingeschlagenen Stirnbein gefunden wurde, ist an der Wahrheit des Vorganges nicht zu zweifeln. Man kann daraus die ungeheure Kraft der Hinterfüße der Einhufer erkennen. Denn der Löwenschädel ist besonders hart.
Nach den Schilderungen mancher Reisenden sollen die Hengste gegen den Bären aufgerichtet losgehen und ihn mit den Vorderhufen niedertrommeln. Das werden jedenfalls nur Ausnahmefälle sein.
Der Durchschnittswolf wird ein Durchschnittspferd wohl überwältigen, namentlich wenn es angespannt ist und sich nicht verteidigen kann. Immerhin gibt es Pferde, die jeden Wolf in die Flucht schlagen. Ein glaubwürdiger Bericht meldet sogar von einem Pferde, das gegen mehrere Wölfe siegreich blieb. Er soll hier eine Stelle finden:
Wegen der Unsicherheit der Reisenden und der Fuhrleute während der Zeit des ganz Deutschland verheerenden Dreißigjährigen Krieges pflegten die Frachtfahrenden sich zahlreich zu vereinigen, um durch gemeinschaftliche Wehr sich besser verteidigen zu können. Einer von diesen Fuhrleuten hatte ein Pferd, das in allen Ställen Händel anfing, um sich schlug und biß. Sein Herr selbst war nicht sicher dabei, und hatte oft mit seinen Kameraden deshalb Ungelegenheit. Als einst dieser vereinigt mit andern Fuhrleuten gegen Abend an einem Gebirge und hohlen Wege von drei heißhungrigen Wölfen angefallen wurde, mit denen sie lange zu streiten hatten, und die sich nicht ohne Beute abweisen lassen wollten, wurden die Fuhrleute einig, dem erwähnten Fuhrmanne sein Pferd zu bezahlen, um es den Wölfen preiszugeben. Dieser spannte es auch nach dem Vergleich sofort aus. Die hungrigen Wölfe machten sich sogleich an diese Beute, das Pferd aber schlug um sich, riß aus und ging waldein. Die Fuhrleute eilten indes in Sicherheit und freuten sich, bei dieser Gelegenheit ein unbändiges Roß aus ihrer Mitte entfernt zu sehen.
Abends, da sie in dem Wirtshaus zu Tische sitzen, klopft etwas an, und da die Magd die Obertür aufmacht, reckt das Pferd den Kopf hinein. Die Magd erschrickt, schreit überlaut und ruft die Fuhrleute herbei; diese freuten sich sehr, den heldenmütigen Ueberwinder dreier Wölfe, zwar sehr verletzt, aber doch seinem Herrn getreu zu erblicken. Sie vergaben ihm von dieser Zeit an gern seine übrigen bisher verübten Unarten.
Die vorstehende Erzählung scheint deshalb glaubhaft zu sein, weil gerade ein bissiges, unbändiges Pferd sich am besten gegen Raubtiere verteidigen wird.
Als Feind der Pferde ist noch die Panik zu erwähnen, die angeblich grundlos manche Herden halbwilder Pferde in Südamerika überfällt und sie zu einer rasenden Flucht veranlaßt, wobei viele in Abgründe stürzen. Wahrscheinlich ist diese Panik nur ein gemeinsames Durchgehen der Herden und hat ihren Grund in Dingen, die unsern stumpfen Sinnen entgehen.
Ein guter Bekannter hat uns die Erlaubnis erteilt, uns sein einige Tage altes Fohlen anzusehen. Diese Gelegenheit wollen wir uns nicht entgehen lassen.
Ein neugeborenes Fohlen ist, wie die meisten jungen Tiere, ein allerliebstes Geschöpf. Es schaut noch so vertrauensvoll in die Welt und ahnt noch nicht, was ihm alles droht. Es fällt uns besonders auf, daß es schon laufen kann, sodann, daß es so lange Beine besitzt, und schließlich sein wolliges Haar.
Warum liegen junge Hunde und Katzen wochenlang, ehe sie ordentlich laufen können, während junge Pflanzenfresser, also Fohlen, Kälber, Zicklein und Lämmer gleich auf den Beinen stehen können? Junge Hunde und Katzen entwöhnt man gewöhnlich erst nach sechs Wochen.
Auch hier gibt uns wieder die Lebensweise der wilden Verwandten Aufschluß.
Hunde und Katzen sind früher Raubtiere gewesen. Wer soll der Wildhündin, die mit ihren Jungen in einer Höhle liegt, etwas Böses antun? Aehnlich liegt die Sache bei der Wildkatze. Die Anzahl der Feinde ist sehr klein, und die Gefahr, falls die Mutter anwesend ist, sehr gering.
Ganz anders liegt die Sache bei den Pflanzenfressern. Zwar können sich die meisten gegen schwache Feinde verteidigen, aber gegen große Feinde sind sie machtlos. Gegen einen Löwen kann beispielsweise eine Zebraherde nichts ausrichten.
Würden die Fohlen, Kälber und andere junge Pflanzenfresser ebenso unbeholfen sein wie junge Hunde und Katzen, dann wären sie längst ausgerottet.
Da die Pferde viel leichter flüchten als die wehrhaften Rinder, so müssen die Fohlen bald nach der Geburt mit der Herde bereits wandern können.
Jetzt verstehen wir die unverhältnismäßig langen Beine des Fohlens und seine Fähigkeit, schon so jung laufen zu können.
Unser Bekannter, Herr Glänisch, erzählt uns noch allerlei von seinen Pferden. So erfahren wir, daß die Stute 7 Jahre alt ist, wer der Vater des Fohlens ist u. dgl.
Die Frage liegt nahe, weshalb bei den meisten Haustieren der Vater sich nicht um die Aufzucht der Jungen kümmert.
Wir sehen in der Tierwelt, daß manche Väter sich aufopfern. So schleppen manche Vogelmännchen von früh bis spät Futter für die Jungen zu. Beispielsweise ist auch der Schwan ein guter Vater. Aber Hahn, Erpel, Hund, Kater usw. denken wenig daran, sich um ihre Nachkommenschaft zu kümmern.
Da bei den freilebenden Tieren, z. B. den so häßlichen Affen, die Männchen außerordentlich gute Väter sind, so können wir nur folgendes sagen: Die Natur arbeitet überall mit den einfachsten Mitteln. Wenn der Vater nicht nötig ist, um die Jungen groß zu ziehen, so kümmert er sich nicht um sie.
Bei uns Menschen ist die Hilfe des Vaters unbedingt erforderlich, um die Kinder groß zu ziehen. Aber was bei den Menschen der Fall ist, braucht noch nicht bei den Tieren zuzutreffen.
Herr Glänisch erzählt uns noch mancherlei von seinen Erlebnissen mit Pferden. Er hält sie nicht für besonders klug. Beweisend ist für ihn folgendes. Er war bei dem Brande eines Stalles zugegen und half, die Pferde retten. Da geschah nun das Unglaubliche, daß die geretteten Pferde in den Stall zurücklaufen wollten.
Wir wollen Herrn Glänisch nicht widersprechen, zumal wir uns verabschieden müssen und keine Zeit zu einer Auseinandersetzung haben. Aber die Sache liegt doch noch etwas anders. Wenn die klugen Menschen, sobald ein Boot zu kippen beginnt, alle aufspringen und dadurch erst das Boot zum Umschlagen bringen, dann fällt es niemand ein, den Insassen wegen ihrer unbegreiflichen Dummheit Vorwürfe zu machen. Der Mensch rettet sich bei Gefahr durch Aufspringen und Flüchten. Das ist auf dem Lande richtig, aber grundverkehrt im Boote.
So begeht auch das Pferd genau dasselbe wie der Mensch. Es will sich in Gefahr nicht trennen von seinen Kameraden, wie es das seit Urzeiten getan hat. Das ist für uns sehr ärgerlich, aber vom Standpunkte des Pferdes aus begreiflich.
Die Araber, die als die besten Pferdekenner gelten, haben eigentlich nur Lobsprüche für das Pferd. Die Unterhaltung der Männer am Lagerfeuer dreht sich fast ausschließlich um das Pferd, was nach unsern Anschauungen etwas einseitig ist. Von den Lobeserhebungen der Araber seien hier einige angeführt: »Sage mir nicht, daß dieses Tier mein Pferd ist, sage, daß es mein Sohn ist. Es läuft schneller als der Sturmwind, schneller noch als der Blick über die Ebene schweift. Es versteht alles wie ein Sohn Adams, nur daß ihm die Sprache fehlt.«
Das sind natürlich unglaubliche Uebertreibungen, aber sie sind vom Standpunkte eines Wüstenvolkes aus verständlich. Die arabische Wüste wäre ohne das Pferd unbewohnbar. Ein arabisches Pferd kann ohne Wasser zwei bis drei Tage laufen und begnügt sich erforderlichen Falls mit Wüstengräsern.
Wie behandelt aber auch der Araber sein Pferd? Er schlägt es niemals und bindet es niemals kurz an.
Alexander der Große ließ zu Ehren seines schon erwähnten Pferdes für die ihm geleisteten treuen Dienste eine Stadt gründen. Er muß also sehr hoch vom Pferde gedacht haben.
Bei uns nennt man einen dummen Menschen ein »Roß«. Vielfach hört man die Ansicht: Das Pferd ist ein furchtbar dummes Geschöpf, nur hat es ein vortreffliches Gedächtnis.
Es ist merkwürdig, daß ausgerechnet eine Dame, eine vortreffliche Pferdekennerin, sehr vernünftige Ansichten über das Pferd geäußert hat. Sie liebt die Pferde, aber sie beschönigt nicht, wie es andere Pferdeliebhaber tun. Von ihren Schilderungen sei hier folgende angeführt:
Eines meiner ersten Pferde war ein russischer Doppelpony, namens Sascha, das ungezogenste Geschöpf, das man sich vorstellen kann. Da er aber gleichzeitig bildschön und hervorragend klug war, konnte man dem kleinen Kerl nicht böse sein. Im Stall hatte er so ziemlich alle Untugenden, die bei Pferden vorkommen. Vorn biß er, hinten schlug er aus; Anhängen war bei ihm ganz vergeblich, da er jedes Halfter abstreifen konnte. Hatte man ihn in einem Laufstand untergebracht, so war es für ihn ein Kinderspiel, die Türe zu öffnen. Ich beobachtete ihn einmal, wie er den Riegel seiner Boxtür mit dem Maul zurückschob. Darauf ging er zur Haferkiste. Diese öffnete er, indem er den Deckel mit der Stirn hob und zurückwarf. Den Hafer ließ er sich dann recht gut schmecken!
Beim Reiten versuchte Sascha so ziemlich alles, um seine eigenen Wege gehen zu können. Sporenstiche wurden regelmäßig mit einem Biß in die Füße beantwortet. Im Wagen war es seine Stärke umzudrehen, sobald er genug hatte, und das war leider recht oft der Fall. Da er natürlich bei solchen Gelegenheiten ordentliche Prügel bekam, so machte er diese Versuche in der Folge immer an solchen Plätzen, wo man sich in einen Kampf mit ihm nicht einlassen konnte. Mit wirklich teuflischer Bosheit blieb er z. B. mitten im Trabe am Rande eines steilen Abhangs stehen und war nicht mehr zu bewegen, einen Schritt vorwärts zu gehen. Er stieg kerzengerade in die Höhe, bewegte sich nur mehr rückwärts und brachte den Lenker damit in Gefahr, mitsamt dem Wagen in den Graben zu stürzen. Einmal überschlug er sich nach rückwärts und fiel auf mich in den Wagen. Sehr beliebt war auch das Stehenbleiben mitten am Marktplatz oder sonst an einem belebten Ort, weil er wußte, daß man ihn der Leute wegen nicht so streng bestrafen würde und er mich dadurch besonders ärgern konnte. Es bedurfte eines Studiums, Sascha bei solchen Gelegenheiten wieder in Bewegung zu setzen. Ich hatte mir mit der Zeit seinen Tücken gegenüber eine solche Festigkeit angeeignet, daß Sascha diese Witze nur mehr selten mit mir versuchte. Der Kutscher hingegen brachte ihn oft nicht zwei Kilometer weit. Bei mir genügte es später, daß ich ihm vor jeder Fahrt einen Stock zeigte, der mitgenommen wurde. Dieser Stock mußte aber wirklich mit sein, sonst wurde er wieder frech.
Sascha war bei weitem das gescheiteste Pferd, das ich je gekannt. Nicht nur, daß ich ihm Zirkuskunststücke, wie niederknieen, steigen, auf den Hinterbeinen gehen im Handumdrehen beibringen konnte, er zeigte auch seinen Verstand mehr als einmal in hinterlistigen, vollkommen überlegten Handlungen. Zweimal versuchte Sascha sich durch Verstellung vom Dienste zu befreien. Diese beiden Fälle sind durchaus wahr und mehreren Zeugen bekannt.
Er sollte eines Tages für mich gesattelt werden; da kam der Reitknecht und meldete, Sascha könne auf keinem Bein stehen, da er vollständig lahm sei. Wir stürzten in den Stall und sahen den armen Sascha ganz traurig und hilflos in seiner Box stehen, abwechselnd jedes Bein schonend. Mit vieler Mühe zogen wir ihn heraus und brachten ihn in die Reitbahn. Hier fiel er beinahe um. Wir schickten zum Tierarzt und ließen den Pony, der sich anscheinend überhaupt nicht bewegen konnte, allein in der Bahn zurück.
Nach einiger Zeit ging ich voll Sorge nach dem guten Sascha sehen. Innerlich machte ich mir die bittersten Vorwürfe über die strenge Behandlung, die ich ihm manchmal zuteil hatte werden lassen, und bat ihm im stillen alles ab. Wer beschreibt aber mein Erstaunen, als ich mit wehmütigen Gefühlen die Bahntür öffnend, den todkranken Sascha ganz fidel herumspringen sah! Nicht die leiseste Spur von einer Lahmheit war mehr zu bemerken. Das Einfangen gestaltete sich zur wilden Jagd; er schlug vorn und hinten aus und vier Personen arbeiteten im Schweiße ihres Angesichts, um seiner habhaft zu werden. Die Absicht, sich durch Vorschützen von Lahmheit dem Dienste zu entziehen, lag hier ganz klar zutage. Ein späteres Vorkommnis bewies, daß wir uns in dieser Annahme nicht getäuscht hatten.
Ich hatte mit meiner Gesellschafterin eine Schlittenfahrt unternommen. Sascha schien übler Laune zu sein und nach etwa einer Stunde benützte er die Gelegenheit, uns beim Passieren einer hohen Schneewehe umzuwerfen. Nachdem ich mich aus den verschiedenen Decken, Kissen und Fußsäcken herausgearbeitet hatte, sah ich den lieben Sascha im vollen Galopp um die nächste Straßenecke verschwinden. Ich überließ die wehklagende Gesellschafterin, der natürlich gerade so wenig zugestoßen war wie mir, ihrem Schicksal und machte mich an die Verfolgung Saschas.
Es dauerte gar nicht lange, bis ich den Ausreißer wieder fand. Bei einer scharfen Wegbiegung war Sascha offenbar gegen einen Alleebaum angerannt und lag nun, alle Viere nach oben gestreckt, im Straßengraben. Er rührte kein Glied, und ich befürchtete wirklich, daß er tot sei. Als ich noch überlegte, was zu tun sei, kam Hilfe in Gestalt eines Gendarmen, der zwei Handwerksburschen transportierte. Freundlicher Weise stellte er sich und seine Gefangenen gleich zu meiner Verfügung. Bei näherer Betrachtung Saschas meinte aber auch der Gendarm, da sei nichts zu machen, denn das Tier habe sich das Genick gebrochen. So ohne weiteres wollte ich das nach den bereits mit Sascha gemachten Erfahrungen nicht glauben, und wir gingen daran, den Pony von Geschirr und Schlitten zu befreien. Er rührte sich noch immer nicht, hielt die Augen halb geschlossen; wenn man ihm ein Bein bewegte, fiel es schlaff in die alte Lage zurück. Gendarm und »Schwerverbrecher« ergingen sich in Mitleidsäußerungen über das »schöne tote Pferderl«. Als ich die Vermutung aussprach, daß es sich um Verstellung handeln könne, wurde das als gänzlich ausgeschlossen bezeichnet. Ich ließ mich aber nicht irremachen, nahm Sascha beim Zügel, die beiden Gefangenen – die sich edler Weise während der ganzen Zeit eifrig am Rettungswerk beteiligt hatten, statt, wie ich es an ihrer Stelle getan hätte, die Gelegenheit zur Flucht zu benützen –, wurden angewiesen, den Pony am Schwanz zu fassen. Der Gendarm zog an der Mähne und so mit vereinten Kräften brachten wir den »Toten« wieder auf die Beine! Kaum zum Leben erweckt, wollte Sascha sich schleunigst empfehlen. Dafür hatte ich aber schon vorgesorgt und hielt den Zügel ordentlich fest. Es stellte sich heraus, daß der Pony nicht die geringste Verletzung erlitten und sich offenbar verstellt hatte. Er wollte, daß wir ihn von Geschirr und Schlitten befreit liegen lassen sollten, worauf er dann den Heimweg, auf eigene Faust angetreten hätte. Wie würde er sich über uns belustigt haben!
Wer zuletzt lacht, lacht am besten, und das war in diesem Falle nicht der schlaue Sascha. So gut es mit den beschädigten Sachen ging, spannte ich wieder ein.
Die Gesellschafterin war inzwischen keuchend und jammernd eingetroffen. Sie erklärte, sich dieser »lebensgefährlichen Bestie« nicht mehr anvertrauen zu können, was mir weiter gar nicht viel Eindruck machte. Ich stellte ihr anheim, entweder zwölf Kilometer im tiefen Schnee zu Fuß zu gehen oder es noch einmal mit mir zu wagen. Sie wählte schließlich das Zweite, und so fuhren wir heimwärts.
Der kleine Sascha war trotz seiner zahlreichen Untugenden zehn Jahre lang mein besonderer Liebling. Auch der Umstand, daß er mich im Laufe dieser Zeit elfmal biß, konnte ihm meine Zuneigung nicht rauben. Er war ein so verständiges und kluges Tier und dabei äußerlich so hübsch, daß ich ihm alles verzieh. Wer Sascha in seiner Box besuchte, ohne seine Eigenart zu kennen, wurde rettungslos von ihm »apportiert«. Er ließ solch einen ahnungslosen Besucher erst nahe kommen, dann stieg er auf, schlug mit den Vorderhufen nach ihm und drängte ihn in eine Ecke der Box. Hatte er ihn soweit, dann faßte er ihn mit den Zähnen und schleppte ihn herum. Auch in der Schmiede war der kleine Kerl gefürchtet, seit er eines Tages den Schmied beim Beschlagen hoch hob.
Sascha, der im allgemeinen durchaus kein scheues Pferd war, hatte merkwürdiger Weise eine unüberwindliche Angst vor Schlittengeläute. Als ich ihm das erstemal Schellen anlegte, gebärdete er sich ganz verrückt. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, im Stall sowohl wie im Freien, wendete ich keine weitere Gewalt an, weil ich das an und für sich schon sehr reizbare Tier nicht noch verrückter machen wollte. Da kam mein Bruder zu Besuch und meinte als Reiteroffizier, es sei lächerlich, mit so einem kleinen Kerl nicht fertig zu werden, er würde ihm die Schellen schon anziehen. Ich sagte ihm, er könne einen Versuch machen, wenn er für den dabei entstehenden Schaden aufkommen wolle.
Sascha wurde mit verbundenen Augen an die Leine genommen und das Geschirr mit den Glocken, denen man zuerst die Schwengel festgebunden hatte, damit sie nicht läuten konnten, wurde ihm aufgelegt. Als das getan war, befreite man Sascha von der Blende und ließ die Glocken klingen. Wie wahnsinnig lief der Pony nun an der Leine im Kreise herum. Wohl eine Stunde jagte er vollkommen toll dahin, bis man ihn schaumbedeckt und atemlos endlich zum Stehen brachte. Nun dachte man, er sei genügend erschöpft, um ihn an den Schlitten bringen zu können. Sechs Mann spannten ihn ein, nachdem man vorsichtshalber das Geläute abermals mit Tüchern umwickelt hatte, um den Schall zu dämpfen. Auf jeder Seite hielten ihn zwei Mann, weitere zwei Mann waren zur etwaigen Hilfeleistung bereit. Kaum hatte man das Geläute erklingen lassen, schob Sascha mit unverminderter Vehemenz ab; es gab kein Halten. Der Schlitten wurde total zertrümmert, vier Mann lagen am Boden und wurden geschleift, und schließlich war man froh, als man durch schleuniges Abnehmen des Geschirres der gefährlichen Geschichte ein Ende bereiten konnte.
Sascha hat diese Scheu niemals überwunden, und dieses Ereignis blieb unauslöschlich seinem Gedächtnis eingeprägt. In der Folge hatte er nicht nur Angst vor Glockengeläute sondern auch jeder blaue Gegenstand flößte ihm eine unbeschreibliche Furcht ein. Das Schlittengeläute war nämlich mit zwei blauen Federbüschen verziert gewesen, und in Saschas Gehirn waren offenbar die Begriffe der Gefährlichkeit von Glocken und blauer Farbe jetzt vereinigt. Eine blaue Wagendecke durfte er nie zu Gesicht bekommen, wollte man Unglücksfälle vermeiden; mit einem blauen Kleid ließ er mich unter gar keinen Umständen in seine Box; noch viel weniger konnte ich ihn mit einem Reitkleid dieser Farbe besteigen. Da Schellengeläute im Winter polizeiliche Vorschrift ist, nahm ich stets eine Glocke mit in den Schlitten und ließ sie nur, wenn durchaus nötig, z. B. wenn ein Schutzmann in Sicht war, ertönen. Dies trieb Sascha dann zwar zu sehr beschleunigten Gangarten, Unfälle konnten aber auf diese Weise doch vermieden werden.
Ich glaube, daß Sascha, der einerseits ein außergewöhnlich gescheites Tier war, doch in gewisser Hinsicht einen seelischen Mangel hatte. Es war nicht alles Ungezogenheit bei ihm, manchmal schien er wirklich im Gehirn nicht ganz in Ordnung zu sein. Besonders an sehr heißen Tagen blieb er z. B. beim Reiten oder Fahren plötzlich stehen, schüttelte mit dem Kopf und zeigte alle Zeichen von Dummkoller. Da er sich gern verstellte, so war es schwer, eine etwaige Gehirnkrankheit von einer Ungezogenheit zu unterscheiden. Mir war er gerade wegen dieser Abweichung vom Standpunkte der Tierseelenkunde aus wertvoll. Ich rechnete stets mit seiner Veranlagung und verzieh ihm aus diesem Grunde viel.
Seine krankhafte Abneigung gegen blaue Farben und Glocken hat er in den zehn Jahren seines Hierseins nie abgelegt, obwohl er sonst in seinen alten Tagen braver und ruhiger geworden war. Auch meine Versuche, ihn im Stall an diese Gegenstände zu gewöhnen, blieben erfolglos. Er hungerte lieber drei Tage, als daß er an die Krippe, vor welcher ein Geläute oder ein blaues Tuch befestigt war, heranging. Bei einem Pferd, das weder Eisenbahn noch Dampfstraßenbahn, noch Militärmusik, noch Schießen fürchtete, kann eine derartig unüberwindliche Angst vor an sich harmlosen Scheugegenständen wohl nur auf ungewöhnlicher Veranlagung beruhen.
Als Beispiel von Saschas Klugheit möchte ich noch erwähnen, daß er entgegenkommenden Fuhrwerken immer von selbst richtig auswich, und dies ist hier an der österreichischen Grenze keine Kleinigkeit. In Oesterreich wird links, hier in Deutschland rechts ausgewichen; die Salachbrücke bildet die Grenze. Sascha irrte sich nie und wechselte regelmäßig in der Mitte der Brücke das Ausweichsystem. Ich konnte ihm ganz ruhig die Zügel auf den Rücken legen, er hielt stets die richtige Straßenseite ein. Die Salzburger Droschkenkutscher, die mit Vorliebe in Bayern falsch ausweichen, hätten sich ein Beispiel an Sascha nehmen können. Begegnete Sascha einem falsch ausweichenden Wagen, so ließ er sich durchaus nicht irremachen, und wartete auf der richtigen Straßenseite ruhig ab, bis ihm Platz gemacht war. Man sollte glauben, daß gerade hier, wo ein Pferd sehr viel in Bayern, dann wieder häufig in Oesterreich gefahren wird, es durch die verschiedenen Ausweichsysteme verwirrt gemacht werden müßte. Bei Sascha war dies nicht der Fall, und ich gewann von ungläubigen Bekannten mehrere Wetten in dieser Angelegenheit. –
Die vorstehende Schilderung der vortrefflichen Pferdekennerin bestätigt das früher Gesagte, daß männliche Pferde mit dem Gebiß und den Vorderhufen kämpfen im Gegensatz zu den Stuten.
Höchst unwahrscheinlich klingt die Geschichte von dem richtigen Ausweichen des Pferdes. In der Lebensgeschichte berühmter Gelehrter lesen wir, daß sie als Freiwillige niemals rechts- und linksum unterscheiden lernten. Hier wird von einem Pferde berichtet, daß es in Deutschland und Oesterreich stets richtig auswich, obwohl das Ausweichen in beiden Ländern verschieden ist. Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob das wahr ist. Es ist hierbei selbstverständliche Voraussetzung, daß stets über dieselbe Brücke gefahren wurde. Da die Dame in ihrem Buche einen in jeder Hinsicht glaubwürdigen Eindruck macht, so finde ich als einzigen Ausweg die Tatsache, daß die Tiere zum Raume in einem ganz anderen Verhältnis stehen als der Mensch. Tiere finden sich im Raume leichter zurecht als wir, wie ihr Ortssinn beweist.
Selbst diese vortreffliche Tierkennerin hält ein Pferd für geisteskrank, weil es nicht mit Schellengeläut laufen will. Kann es denn nicht begründete Ursache zu seinem Verhalten haben? Man nehme einmal an, daß Sascha früher in Rußland bei einer Schlittenfahrt einen Ueberfall durch eine Räuberbande oder durch Wölfe erlebte. Hierbei wurde sein Herr oder der Kutscher oder ein Nebenpferd getötet, und er selbst nur durch Zufall gerettet. Ist es nun nicht ganz natürlich, daß ein Pferd bei seinem guten Gedächtnis ein solches Erlebnis nicht wieder vergißt?
Schaffen wir Menschen nicht alle Gegenstände fort, die uns an höchst unangenehme Vorkommnisse erinnern? Die meisten Menschen werden überhaupt sofort verstimmt, sobald das Gespräch auf Dinge stößt, die ihnen verdrießliche Sachen ins Gedächtnis zurückrufen.
Man hat dem Pferde mit Gewalt seine Abneigung gegen das Schellengeläute austreiben wollen. Hierbei hat es stundenlang in seinem verzweifelten Widerstand die blaue Farbe vor Augen gehabt. In der Folgezeit erinnerte es die blaue Farbe an das Schellengeläute, und das Schellengeläute wiederum an das furchtbare Ereignis. Auch das kann man nicht unbegreiflich finden.
Sascha hat sich durch Verstellung und Widerstand von der Arbeit gedrückt, wenn sie ihm nicht mehr paßte. Wir Menschen haben unsere menschlichen Interessen wahrzunehmen gegenüber den Haustieren, die wir füttern. Deshalb halten wir uns für berechtigt, ihren Widerstand zur Arbeit durch uns zugängliche Mittel zu brechen, also durch Peitsche und Sporen bei Pferden. Das ist alles ganz klar.
Eine ganz andere Frage ist es, ob ich ein Haustier, das sich der Arbeit entziehen will, deshalb für dumm halten muß. Da ich noch keinen Menschen angetroffen habe, der das Sichdrücken von der Arbeit für ein Zeichen von Dummheit angesehen hat – eher das Gegenteil –, so kann ich also ein Tier nicht deshalb für töricht halten, weil sein Verhalten uns Unannehmlichkeiten bereitet.
Aus dem Vorstehenden ist ersichtlich, daß gute Tierkenner sehr leicht zu einem ganz verschiedenen Urteil gelangen. Die Dame, die sich ihr Leben lang mit Pferden beschäftigt hat, hält ihren Liebling für teilweise geisteskrank und gibt die Gründe hierfür an. Ich glaube, daß meine Bücher gezeigt haben, daß ich auch eine Kleinigkeit von Tieren verstehe. Ich muß gestehen, daß ich keine Spur von Geisteskrankheit entdecken kann und Sascha für ein ungewöhnlich kluges Tier halte.
Es ist betrübend, daß erst eine Dame kommen und uns Männern so verständige Worte über die richtige Behandlung der Pferde sagen mußte.
Die im vorigen Kapitel erwähnte vortreffliche Pferdekennerin gehört zu den wenigen, die den äußerst feinen Geruch der Pferde oft hervorheben. Als große Tierfreundin hielt sie sich allerlei Getier, darunter auch eine zahme Löwin. Hierbei konnte sie täglich beobachten, daß die Löwen wie alle Katzen ausgezeichnet sehen, Pferde dagegen vortrefflich riechen können.
Mit Vorliebe kaufte sie solche Pferde, die andere Menschen für vollkommen unbrauchbar erklärten und deshalb los sein wollten. Sie sagte sich mit Recht, daß die Pferde schon ihren Grund zu ihrem Verhalten haben werden. Sobald sie diesen Grund herausgefunden hatte, konnte sie das Tier wie jedes andere gebrauchen. Nur mußte sie auf die bestimmte Eigenart Rücksicht nehmen.
Ihre Erfahrungen auf diesem Gebiete sind sehr lehrreich und so sollen einige hier ihre Stelle finden:
Als ich eine neugekaufte Stute das erstemal ritt, machte sie, neben anderen Unarten, auch ganz plötzlich kehrt in der Nähe eines Wirtshauses. Da dort ein Planwagen stand, so glaubte ich, dieser sei die Ursache ihrer Furcht gewesen. In der Folge bemerkte ich aber, daß ihr derartige Wagen, die ihr auf der Straße begegneten, ganz gleichgültig waren, während sie sich einzelnen Häusern, besonders Gasthäusern, mit allen Anzeichen der Furcht näherte, auch wenn keinerlei Gegenstände, vor denen Pferde scheuen, dort zu sehen waren. Sie machte plötzlich Kehrt und warf sich mit solcher Schnelligkeit auf den Hinterfüßen herum, daß ich mich sehr in acht nehmen mußte nicht herunterzufliegen. Nur nach langem Kampf konnte man sie an einzelnen Stellen vorbeibringen.
Es bedurfte einer längeren Untersuchung, um herauszufinden, was die eigentliche Ursache ihrer Furcht und der damit verbundenen Widersetzlichkeit war. Schließlich stellte ich fest, daß die Stute eine wahnsinnige Angst vor Blutgeruch hatte. Auf dem Land wird in den meisten Gasthäusern geschlachtet, und diesen näherte sich die Stute stets mit allen Anzeichen der Furcht. Schon von weitem begann sie zu schnauben und zu pusten und fing mit ihrer Widersetzlichkeit an, um sich, wenn irgend möglich, das Vorbeigehen am Wirtshaus zu ersparen. Als ich sie einmal in einem solchen einstellte, wollte mir der Hausknecht beim Absatteln behilflich sein. Die Stute wurde ganz toll vor Angst, als der Mann, der, wie er mir dann sagte, kurz vorher beim Schlachten beschäftigt gewesen war, sich ihr näherte. Sie wäre mir bei dieser Gelegenheit fast davongelaufen; ich hatte alle Mühe sie zu halten.
Ich wollte nun feststellen, warum dieses Pferd eine derartig außergewöhnliche Angst vor Schlachthäusern hatte, und schließlich konnte ich den Grund herausfinden. Der Stute war seinerzeit bei einem Metzger der Schwanz gekürzt worden, und die Erinnerung an die Verstümmelung blieb für sie unauslöschlich mit Schlachthausgeruch verbunden. Erinnerungsvermögen und Geruchssinn sind beim Pferde hochentwickelt.
Der Widerstand dieser Stute beruhte also keineswegs auf Bosheit, sondern lediglich auf Furcht. Menschen, die der Sache nicht auf den Grund gegangen wären, hätten das arme Tier natürlich als vollkommen störrisch betrachtet, wenn es ohne anscheinende Ursache sich weigerte, an gewissen Stellen vorbeizugehen. Tiere tun selten etwas ohne Grund; bemüht man sich ein wenig sie zu verstehen, ihnen zu folgen, so wird man meist einen, von ihrem Standpunkte aus gesehen, triftigen Grund für ihre Handlungsweise feststellen. Viele Menschen finden dies aber nicht der Mühe wert, sie fertigen derartige Tiere nur mit den Worten ab: »Der dumme Bock scheut vor allem.« Dumm braucht das Tier deshalb noch nicht zu sein. Wenn es mit einem Gegenstand einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat, so ist es ganz natürlich, daß es sich auch in Zukunft vor demselben fürchtet, denn die Fähigkeit, logisch zu denken, geht ihnen ab. Sache des Menschen ist es, das Tier in solchen Fällen durch geeignete Mittel von der Grundlosigkeit seiner Furcht zu überzeugen, ihm Vertrauen und Mut einzuflößen.
Bei dieser Stute schien die Nase ganz besonders entwickelt gewesen zu sein. Alle Ursache ihres Scheuens konnte man auf irgendwelche Witterung zurückführen.
Einmal machte sie mir mitten auf der Landstraße ohne jeden Anlaß kurz kehrt, und da ich genau wußte, daß in der ganzen Gegend kein Gasthaus und keine Metzgerei vorhanden waren, mußte diese scheinbare Ungezogenheit auf anderen Gründen beruhen. Weit und breit war nichts zu sehen; ich zweifelte aber trotzdem nicht, daß meine Stute irgend etwas bemerkt hatte, was menschlichen Sinnen eben nicht wahrnehmbar ist. Ich zwang sie weiter zu gehen. Durch ein Nachgeben in solchen Fällen würde das Pferd selbstverständlich verdorben werden. Es würde später im Gefühle seiner Macht auch aus anderen Gründen als dem der Furcht kehrtmachen. Das Tier muß sich also stets bewußt sein, daß es eine Auflehnung gegen den Willen seines Herrn nicht gibt. Hat man in einem solchen Kampf einmal den Kürzeren gezogen, so kann die Mühe von Wochen umsonst sein, und die Dressur muß von neuem beginnen. Es gilt dies nicht bloß vom Umgang mit Pferden, sondern von allen Tieren.
Ich war also etwa 300 Meter weiter geritten, als ich bei einer Wegbiegung am Rande eines Waldes eine Zigeunergesellschaft mit Bären und Kamelen lagern sah. Nun war das Benehmen meiner Stute schon erklärt.
Die Furcht vor Raubtieren ist dem Pferde gleich allen anderen Geschöpfen eigen, und die Natur hat ihm die feine Nase und die Schnelligkeit verliehen, um diese Gefahren zu wittern und ihnen zu entfliehen. Es lag also auch in diesem Fall eine von seinem Standpunkt aus ganz verständliche Handlungsweise vor.
Die Scheu vor Raubtieren konnte ich ja bei meinen Pferden am besten beobachten. Ging ich in den Stall, nachdem ich kurz vorher meine zahme Löwin gestreichelt hatte, so nahmen meine Pferde keinen Zucker aus meiner Hand. Unter Schnauben und Pusten zogen sie sich in die entfernteste Ecke ihrer Box zurück.
Alles, was die Dame hier von der Behandlung der Pferde gesagt hat, kann man nur unterschreiben. Zur Bestätigung ihrer Angaben von dem feinen Geruch der Pferde und ihrer Furcht vor Blut und Raubtieren sei folgendes angeführt.
In heißen Ländern sind Reiter oft durch ihr Pferd vor dem Tode des Verdurstens gerettet worden. Es fand nämlich durch seinen feinen Geruch verborgenes Wasser, das der stumpfen menschlichen Nase vollkommen entgangen war.
Ein Bekannter von mir, ein vorzüglicher Reiter, kommt nach Hause geritten und wird von dem sonst ruhigen Pferde um ein Haar aus dem Sattel geschleudert, da es urplötzlich davonstürmt. Er geht der Sache auf den Grund und stellt fest, daß in seiner Abwesenheit eine Zigeunerbande mit einem Bären auf dem Gehöft geweilt hatte.
Etwas Aehnliches ereignete sich vor vielen Jahren auf einer Fähre. Ein sonst frommes Pferd will plötzlich auf der Fähre mit dem Wagen und seinen Insassen in den breiten Strom springen. Nur mit Mühe kann ein gräßliches Unglück vermieden werden. Auch hier wird festgestellt, daß eine Zigeunerbande mit Bären und Kamel vorher die Fähre benutzt hatte.
Man ersieht hieraus, wie notwendig es ist, daß die Fähre, wenn sie Raubtiere übergesetzt hat, gereinigt oder doch mit Wasser übergossen wird. Wenigstens muß es an den Stellen geschehen, wo die Tiere gelegen haben.
Wir haben jetzt eingesehen, wie außerordentlich schwierig es ist, die geistigen Fähigkeiten der Tiere zu beurteilen. Die Tierliebhaber erheben sie in den Himmel, während die Gegner die Tiere nur als Maschinen betrachten. Als im Jahre 1904 der sogenannte »kluge Hans« vorgeführt wurde, glaubten viele Berliner, die sich das Pferd des Herrn von Osten angesehen hatten, daß ein Pferd sich durch geeigneten Unterricht, wie ihn Herr von Osten erteilt hatte, die Kenntnisse eines zwölfjährigen Knaben, namentlich aber Lesen und Rechnen, aneignen kann.
Nehmen wir einen Fall, wie er sich in Wirklichkeit unzählige Male ereignet hat. Wir haben uns vollständig verirrt. Der Kutscher weiß nicht mehr, wo der richtige Weg ist. Es wird dunkel, und wir fangen an zu frieren. Niemand ist weit und breit, den wir nach dem Wege fragen könnten. Da macht der Kutscher es, wie es so oft schon geschehen ist, – er überläßt dem Pferde die Führung. Und das Pferd schlägt ohne Besinnen einen Weg ein, der uns in stockdunkler Nacht nach unserm Ziele bringt.
Oder wir wollen an den vorher erwähnten Reiter denken, der, von Durst gemartert, schon zu phantasieren beginnt und die Zügel nicht mehr halten kann. Da fängt sein Pferd plötzlich an, im Sande zu scharren, und nach kurzer Zeit ist eine unterirdische Quelle freigelegt.
Oder ein Jäger hat bei Eintritt der Dämmerung einen Rehbock geschossen. Er hat keine Zeit, den nächsten Morgen abzuwarten. Deshalb holt er seinen Hund und wartet zunächst die Zeit ab, die nach solchen Schüssen üblich ist. Inzwischen ist es so dunkel geworden, daß man nicht mehr die Hand vor Augen sehen kann. Der Jäger braucht also eine Laterne, um überhaupt die Stelle wiederzufinden, wo der Rehbock gestanden hat. Auf diese Anschußstelle führt er den Hund. Dieser läuft mit gesenkter Nase der Fährte nach. Es dauert nicht lange, so hört der Jäger das Gebell seines Hundes, das ihm anzeigt, daß er den Bock gefunden hat. Wo der Mensch nichts sah, findet der Hund einen geschossenen Rehbock.
Kann man es im Ernste einfachen Leuten verdenken, daß sie, wenn sie solche Sachen erlebt haben oder täglich erleben, von der Klugheit der Tiere schwärmen? Die Gegner haben ja natürlich darin durchaus recht, daß die Tiere diese Leistungen nicht auf Grund geistiger Gaben verrichten. Der Hund findet den Rehbock in der dunklen Nacht, weil seine Augen in der Dunkelheit viel besser sehen können als die des Menschen, und weil sein Geruchssinn ganz unabhängig davon ist, ob es hell oder dunkel ist. Das Pferd findet das unterirdische Wasser ebenfalls durch die feine Nase und den Weg nach dem Ziele durch seinen Ortssinn. Ebenso ist das Pferd nicht deshalb sehr klug, weil es sich von einer Fata morgana, dem Spiegelbilde einer Oase, in der Wüste nicht täuschen läßt, wie es den Menschen passiert. Das Pferd als Nasentier traut seinen Augen überhaupt nicht, und für die Nase ist das Spiegelbild gleichgültig.
Führen wir noch weitere Fälle an, die hierhin gehören:
Ich nehme ein junges Kätzchen und setze es auf eine Tischplatte. Ich kann ganz unbesorgt sein – das erst einige Wochen alte Tier fällt nicht hinunter.
Oder ich nehme es an das offene Fenster. Es wird ebenfalls nicht hinunterfallen, während man Kindern fortwährend zurufen muß: Nehmt euch in acht, damit ihr nicht hinunterfallt!
Jetzt setze ich das Kätzchen auf eine Holzplatte und stelle die Platte schräg. Sofort bringt es seine Krallen zum Vorschein und hält sich fest.
Wie oft fliegen Vögel, wenn sie ein böser Bube ausnehmen will, sofort ohne jeden Unterricht aus dem Neste! Ich zog einmal einen jungen Kuckuck groß, der in einem Bauer stak. Er hatte noch niemals Flugversuche gemacht. Eines Tages flog er vom Tische in dem Garten, wo ich ihn fütterte, tadellos nach dem nächsten Baum und setzte sich auf einen Ast.
Wenn man sich die Schwierigkeit des Fliegens vorstellt, dann muß man staunen, daß ein Tier ohne jede Anleitung sofort alles richtig macht. Abfliegen, Fliegen, Anhalten, Sichsetzen auf den Ast. Niemand konnte dem Kuckuck ansehen, daß er das alles zum ersten Male macht.
Solche äußerst zweckmäßigen Handlungen sehen wir bei den Tieren in zahlloser Menge. Sie erkennen ihre Feinde, wissen die passende Nahrung, vermeiden giftige Stoffe, suchen Heilpflanzen auf, wandern zur rechten Zeit, wissen den Gefahren der Witterung zu entgehen usw. So nahmen Krähen, die der Jäger durch Phosphorpillen vernichten wollte, als Gegenmittel Ebereschenbeeren und wurden dadurch wieder gesund. Wo der Mensch Unterricht und Belehrung braucht, Aerzte aufsuchen muß und tausend andere Schwierigkeiten überwinden muß, um sein Leben durchzuführen, können wir bei den Tieren nichts Derartiges beobachten. Und trotzdem leben sie doch. Ja, die Tiere in der Freiheit leben sogar viel gesünder als unsere Haustiere.
Wie sollen wir uns das, was sich alltäglich vor unseren Augen abspielt, erklären?
Weil wir für die zuletzt genannten Handlungen keine Erklärung finden können, so haben wir uns darüber geeinigt, daß wir als Grund für diese unbewußt zweckmäßige Handlungsweise den »Instinkt« angeben.
Der große Naturforscher Darwin hat den Instinkt in folgender Weise zu erklären versucht. Er behauptet, daß die zweckmäßige Handlungsweise vor Urzeiten von einem Vorfahren zufälligerweise angewendet wurde. Da sich die Handlungsweise als zweckmäßig erwies, so kam das Tier dadurch in einen Vorteil vor seinen Artgenossen. Es vererbte seine zweckmäßige Handlungsweise auf seine Nachkommen.
Diese Erklärung ist sehr gelehrt, ist aber mit den Tatsachen durchaus unvereinbar. Elefantenherden überschreiten die Gebirge an den günstigsten Stellen, so daß sie seit Urzeiten für die Menschen als Lehrmeister im Wegebau dienen. Genau so ist der Eisbär in unwegsamen Polarländern der Wegweiser für Polarreisende. Wir können uns keine Vorstellung davon machen, woran ein Elefant bei einem riesigen Gebirge den zum Ueberschreiten günstigsten Paß erkennt. Sein Auge ist obendrein auffallend schwach, und sein feiner Geruch kann ihm am Fuße eines Gebirgsstocks ebenfalls nichts nützen.
Elefanten bleiben stets in Herden. Es ist also ausgeschlossen, daß ein einzelner Elefant durch Zufall die Uebergangsstelle gefunden hat.
Wäre der Instinkt eine vererbte Fähigkeit, so müßte sie versagen, sobald neue, ungewohnte Verhältnisse vorliegen. Ist das der Fall?
In der Wirklichkeit ist davon nichts zu merken. Im achtzehnten Jahrhundert hat ein Sonderling in der Nähe von Kassel eine Affenkolonie gegründet. Diese Tiere bewegten sich vollkommen frei und gediehen trotz unserer kalten Winter prächtig.
Wir müssen unsere Kinder immer wieder warnen, daß sie keine unbekannten Früchte oder Beeren essen. Trotzdem kommen alljährlich Vergiftungsfälle vor. Woher wußten nun die Affen, welche Beeren und Früchte für sie bekömmlich waren oder nicht? Sie stammten aus Afrika, und ihr vererbtes Wissen konnte ihnen in Deutschland doch nichts nützen.
Früher gab es kein Saccharin und keine Kunstwaben. Wenn der Instinkt auf Vererbung beruht, so müßten die Bienen dem Saccharin und den Kunstwaben ratlos gegenüberstehen. Das Gegenteil ist eingetreten, wie die Bienenzüchter übereinstimmend bekunden. Alle Bienen haben das Saccharin abgelehnt, und alle haben die Kunstwaben benützt. Die Sache mit dem Saccharin können wir uns zur Not erklären. Der Süßstoff hat den feinriechenden Bienen übel gerochen. Aber weshalb alle Bienen die Kunstwaben angenommen haben, bleibt ein vollkommenes Rätsel.
Wir müssen uns also bescheiden und offen zugeben, daß wir vorläufig für den Instinkt keine zufriedenstellende Erklärung geben können.
Auch bei uns Menschen spielt der Instinkt eine weit größere Rolle, als man gewöhnlich annimmt. Insbesondere lassen sich Frauen von ihren Instinkten in vielen Fällen leiten. Es kommt oft vor, daß eine Frau erklärt, wenn ihr Mann einen Bekannten einführt: »Schaffe mir diesen Menschen aus den Augen – ich kann ihn nicht leiden!« Einen Grund für diese Abneigung kann sie nicht angeben, aber sie verläßt sich auf ihren Instinkt.
Vielleicht ist unser Erstaunen über die durch den Instinkt veranlaßten zweckmäßigen Handlungen ganz unbegründet. Denn das Leben wäre kein Leben, wenn ein freilebendes Tier nicht seine Feinde und seine Nahrung kennen würde, schwimmen könnte usw. Diese Fähigkeiten gehören also zum Begriffe des Lebens. Sie verschwinden da, wo sie zum Leben nicht mehr erforderlich sind, beispielsweise bei den Haustieren und Menschen. Der Mensch kann durch sein Gehirn die meisten Instinkte ersetzen.
Hiernach müßten wir uns nicht über die Instinkte der Tiere wundern, sondern darüber, daß wir als Menschen so wenige haben.
Jeder Kutscher wird uns bestätigen, daß Pferde ein ausgezeichnetes Gedächtnis besitzen. Selbst in der Großstadt kann man solche Leistungen bewundern. So war vor dem Weltkriege unser Brotkutscher einmal erkrankt und hatte nach Art dieser Leute kein Verzeichnis seiner Kunden. Da riet er, einen Mann auf den Bock zu setzen und in jedem Hause, wo das Pferd anhielt, nach dem Kunden zu fragen. So erhielten sämtliche Kunden ihr Brot.
Das Gedächtnis der Tiere ist vielfach besser als das des Menschen. Schon im Altertum hat man das gewußt. Denn der Held Odysseus, der nach 20 Jahren in seine Heimat zurückkehrt, wird von keinem Menschen wiedererkannt, nur von seinem treuen Hunde. Wenn man auf einem langgestreckten Jagdrevier die geschossenen Hasen nicht alle mitschleppen will, sondern in ein Gebüsch steckt, um sie bei der Rückkehr mitzunehmen, so ist der Jäger abends oft im Zweifel, ob und wo er morgens einen Hasen versteckt hat. Der Hund dagegen weiß immer Bescheid. Das Gedächtnis kann also keine geistige Gabe sein, sonst könnte sie beim Tiere nicht stärker entwickelt sein als beim Menschen. Da auch Kinder ein besseres Gedächtnis haben als der Erwachsene, so geht auch hieraus hervor, daß es sich um keine geistige Fähigkeit handelt.
Das Tier hat aber ein hervorragendes Gedächtnis nur für Dinge, die es interessieren. Die rechnenden Pferde in Berlin und Elberfeld waren insofern Ausnahmeerscheinungen, als sie sich für Sachen interessierten, die einem Pferde sonst ganz fernliegen, nämlich Lesen, Schreiben und Rechnen. Von einem wirklichen Verstehen unserer Sprache, sowie von einem wirklichen Rechnen kann natürlich keine Rede sein. Vielmehr hatten sich die Pferde vermittels ihres vortrefflichen Gedächtnisses gemerkt, was sie auf gewisse Laute für Hufbewegungen zu machen hatten. Der sogenannte kluge Hans in Berlin klopfte also neunmal mit dem Hufe auf, wenn sein Lehrmeister, Herr von Osten, ihn fragte: Wieviel ist 7 und 2? Er hatte die richtige Antwort in mehrjährigem Unterricht so oft gehört, daß er die Frage spielend leicht beantworten konnte.
Neuerdings sind in Stuttgart Versuche über die geistigen Fähigkeiten der Hunde angestellt worden, woraus sich ergibt, daß Hunde trotz ihres schwachen Gesichts die Anzahl von Gegenständen schneller erfassen als der Mensch. Das halte ich für durchaus möglich. Es ist für den Wolf, den Fuchs und andere hundeartige Tiere von großer Bedeutung, die Anzahl der Pflanzenfresser, also die Zahl der zu einem Rudel gehörigen Hirsche, die Zahl der Küchlein bei einer Wildente und in ähnlichen Fällen genau zu wissen. Was dagegen sonst von den Aussprüchen der ihre Ansicht klopfenden Hunde mitgeteilt wird, steht in völligstem Widerspruch mit unseren bisherigen Anschauungen über die geistigen Fähigkeiten der Tiere. Man wird daher erst abwarten müssen, um die Ergebnisse nachzuprüfen. Vorher kann man zu ihnen keine Stellung nehmen.
Es ist klar, daß ein Pferd, das neunmal klopft, auf die Frage 7 und 2, deshalb noch nicht rechnen kann. Denn die Zahlen 7 und 2 sind abstrakte, d. h. gedachte Begriffe. Es ist schon zweifelhaft, ob ein Tier anschauliche Begriffe versteht, z. B. den Begriff Hund, Pferd usw. Diese Frage wird man wohl bejahen können. Dagegen haben wir nirgends den geringsten Anlaß, um anzunehmen, daß ein Tier für gedachte Begriffe Verständnis besitzt.
Das Tier kann also die Zahlen klopfen, wie ein Kind ein Wort nachplappert. Aber von einem Verständnis hierfür sind beide weit entfernt.
Menschen, die über solche Sachen nicht nachgedacht haben, verfallen leicht in die merkwürdigsten Irrtümer.
Ein lehrreicher Versuch wurde vor dem Kriege mit Militärpferden angestellt. Jeder Kavallerist schwört darauf, daß die Pferde die Signale verstehen. Weiß er doch, daß sie die nötigen Bewegungen viel richtiger ausführen, wenn er das Tier sich allein überläßt, als wenn er es lenkt.
Da von Gelehrten diese Angaben bezweifelt wurden, so sollte durch eine Prüfung Klarheit in die Angelegenheit gebracht werden. Den Reitern wurde aufs strengste befohlen, sich jeder Einwirkung auf das Pferd zu enthalten. – Die Signale erklangen, und die Pferde rührten sich nicht von der Stelle. Folglich, so schlossen die Gelehrten, verstehen die Pferde nichts von den Signalen.
Die Sache liegt in Wirklichkeit etwas anders. Sowohl der Kavallerist irrt, als auch der Gelehrte irrt.
Das Pferd weiß, daß, wenn ein bestimmtes Signal ertönt und sein Reiter gewisse Einwirkungen ausübt, es bestimmte Bewegungen machen soll. Bleibt jedoch bei dem ihm bekannten Signal der Reiter wie ein Mehlsack sitzen, so wird das Pferd irre und weiß nicht, was es tun soll.
Der Kavallerist irrt also insofern, als er glaubt, das Pferd verstünde das Signal als solches oder überhaupt einen Zuruf als solchen. Der Hund versteht doch auch die Worte nicht als solche. Wenn ich ihm zurufe »Komm!«, so kommt er nicht, weil er das Wort »Kommen« versteht. Er weiß nur, daß, wenn er einen ganz bestimmten Laut hört, so soll er kommen. Was das Wort bedeutet, weiß er nicht. Man kann deshalb einen deutschen Hund mit französischen und englischen Wörtern dressieren und tut es auch. Man denke an Apport, down (daun) usw. Ein Irrtum aber ist es zu sagen, es genügen die Vokale des Befehls für den Hund. Die Sachlage ist folgende. Der Hund in einer Familie hört einen Befehl, beispielsweise »Peter, mach' schön!« von den einzelnen Familienmitgliedern ganz verschieden ausgesprochen. Deshalb genügen die Vokale, um ihn zur Ausführung des Befehls zu veranlassen. Hat der Hund jedoch nur einen einzigen Herrn, so sind die Vokale gewöhnlich nicht ausreichend.
Weil das Pferd von der Bedeutung des Signals ebenfalls keine Ahnung hat, so glaubt es, daß es auf Signal und Einwirkung des Reiters sich bewegen müßte.
Die Gelehrten irren, wenn sie glauben, daß das Pferd gar kein Verständnis für das Signal besäße. Wo kein Reiter oder Kutscher ist, versteht das Pferd die Signale ausgezeichnet. Dafür kann man unzählige Beweise anführen. Hierfür dürfte nachstehender genügen. Alltäglich kann man auf dem Lande sehen, daß ein Landmann Dung ausbreitet. Hat er die genügende Menge auf eine bestimmte Stelle gebracht, so ruft er dem Pferde zu, daß es vorwärts gehen solle. Noch niemals habe ich erlebt, das ein Pferd das nicht verstanden hätte. Hier weiß das Pferd, daß es allein auf den Zuruf ziehen soll, denn der Lenker steht ja fern vom Wagen. Den Inhalt des Zurufes versteht es natürlich nicht.
Wir sehen also, daß es ungeheuer schwierig ist, über die geistigen Gaben der Tiere ein Urteil abzugeben. Die Tiere sind uns durch manche Sinne und ihre Instinkte überlegen. Hieraus erklärt es sich, daß die einfachen Leute zu den Tieren, als zu ihren Lehrmeistern, emporsehen. Dagegen sind solche zweckmäßige Handlungen, die auf Grund einer wirklichen Ueberlegung erfolgen, bei Tieren sehr selten anzutreffen. Ja, man möchte bezweifeln, ob sie überhaupt vorkommen.
Das im Kampf ums Dasein stehende Tier hat ja auch keine Zeit zur Ueberlegung, wie schon beim Scheuen erwähnt wurde. Bei Gefahren überlegt der Mensch auch nicht erst lange. Sieht er in der Nähe einen Löwen oder Tiger auftauchen, so verfällt der Mensch nicht erst in ein längeres Grübeln und überlegt sich die Sache nach allen Seiten. Er richtet sich vielmehr nach seinen Instinkten. Genau so ist es, wenn er durch einen Brand geweckt wird. Angesichts der eindringenden Flammen denkt er auch nicht daran, erst lange zu überlegen.
Die Tiere haben also weniger Gehirn oder weniger Furchen im Gehirn und mehr Instinkte, weil sie, die mitten unter Gefahren stehen, mit einem Menschengehirn nichts anfangen könnten. Sie erreichen aber mit ihren Instinkten mehr, als man denken sollte. Die menschenähnlichen Affen werden in heißen Gegenden, wo die schrecklichsten Ungeheuer hausen, alt und grau ohne Waffen, ohne Arzt und ohne alle anderen Hilfsmittel des Europäers.
Es ist also richtig, daß das Tier nicht die geistigen Gaben besitzt wie der Mensch. Es ist aber der Schluß falsch, daß es deshalb weniger als der Mensch leisten könne. Mit seinen schärferen Sinnen und seinen Instinkten ist es vielmehr dem Menschen in vielen Sachen überlegen.