146. Die Farbenblindheit der Hühner. Die Hypnose des Huhns durch einen Kreidestrich.

Auf andern Gebieten hat man neuerdings das Sehvermögen der Hühner untersucht und gefunden, daß sie farbenblind sind. Sie können grün und rot nicht erkennen.

Mit der Praxis stimmt das Ergebnis schlecht überein. Denn hiernach machte das schmucke Gewand des Hahnes, mit dem er sich so stolz brüstet, auf die Hennen gar keinen Eindruck. Diese können die grünen Federn und den roten Kamm gar nicht schätzen, weil sie diese Farben nicht wahrnehmen.

Da Versuche über das Sehvermögen ungeheuer schwierig sind, so wird das Ergebnis später wohl noch berichtigt werden. Jedenfalls sind folgende Beobachtungen damit schwer in Einklang zu bringen.

Hühner scheuen die Nässe. Das sieht man dann ganz deutlich, wenn eine Glucke junge Enten ausgebrütet hat (vgl. Kap. 173). Trotz ihrer Abneigung gegen Nässe gehen Hühner im Sommer auf die Wiesen, wenn es stark geregnet hat. Die Grashüpfer sind durch den anhaltenden Regen erstarrt und können nicht fortspringen. Die Hühner fressen sie gern und holen sie sich.

Auf einer grünen Wiese grüne Grashüpfer zu erkennen, dazu gehört ein sehr scharfes Auge. Wie das ein für Grün farbenblindes Auge leisten soll, ist nicht recht verständlich.

Man wird überhaupt gegen Versuche und ihre Ergebnisse sehr mißtrauisch, wenn man an frühere Zeiten zurückdenkt.

So lernte ich als Knabe, daß man ein Huhn hypnotisieren, d. h. in einen schlafähnlichen Zustand versetzen kann, wenn man ein Huhn sacht niederdrückt und vor seinen Augen einen geraden Kreidestrich zieht. Selbstverständlich haben wir das auch mit einem unserer Hühner getan und waren überzeugt, daß es hypnotisiert war, als es regungslos sitzen blieb.

Als ich mich später gründlich mit Tieren beschäftigt hatte, wurde mir der ganze Versuch zweifelhaft. Das Sichniederdrücken ist ja die gewöhnliche Rettungsstellung des Huhns. Es ist doch ganz selbstverständlich, daß es in dieser seit Urzeiten üblichen Lage regungslos bleibt.

Besäße man einen zahmen Hasen und legte ihn sorgsam so hin, wie er gewöhnlich in der Sasse sitzt, so würde er natürlich auch regungslos so sitzen bleiben.

Seit Urzeiten weiß das Huhn, der Hase und andere viel verfolgte Friedlinge, daß Regungslosigkeit ihre sicherste Rettung ist. Uns Menschen als Augentieren ist bekannt, daß wir einen sich bewegenden Gegenstand viel eher erkennen als einen ruhenden. Die Augen der Nasentiere können aber, wie wir erörtert haben (Kap. 2), Bewegungen noch besser wahrnehmen als die unsrigen.

Der Kreidestrich ist also ganz überflüssig. Ebenso ist das Vorhandensein der Hypnose sehr unwahrscheinlich.

Man stelle sich folgende Lage eines Jägers vor, wie sie hin und wieder vorkommt. Er hat stundenlang auf dem Anstand gesessen, und es ist kein Wild gekommen. Er sagt sich also, daß das Warten ganz zwecklos ist. Deshalb will er aufstehen und sich seine Pfeife anzünden. Kaum hat er sich etwas erhoben und nach der Tasche gegriffen, da sieht er plötzlich einen Rehbock mit einer auffallend starken Krone vor sich. Als erfahrener Jäger weiß er, daß, wenn er nicht zur Säule erstarrt, der Rehbock für ihn verloren ist. Das Tier nimmt die Bewegung wahr und flüchtet sofort. Deshalb bleibt der Jäger genau wie er ist, in seiner Lage, so wunderbar es aussieht. Könnte ihn ein Beobachter sehen, der nicht wüßte, worum es sich handelt, so würde er den Jäger für geisteskrank oder für hypnotisiert halten. Er steht regungslos da mit halbgestrecktem Knie und hat die Hand auf dem Rücken liegen. Wir wissen jedoch, daß der Jäger weder irrsinnig noch hypnotisiert ist, sondern höchst zweckmäßig handelt.

Packe ich einen Frosch, so wird er glauben, daß es ihm ans Leben ginge. Bringe ich ein Bein von ihm in eine eigentümliche Lage, so wird er es oft so lassen. Und zwar tut er es nicht, weil er hypnotisiert ist, sondern weil er weiß, wie oft er seine Rettung der Regungslosigkeit verdankt. Der Storch kann ihn übersehen, wenn er regungslos bleibt, und die Ringelnatter packt überhaupt nur nach Geschöpfen, die sich bewegen.

Weil die Bedeutung der Regungslosigkeit im Tierleben dem Kulturmenschen ganz unbekannt ist, deshalb nimmt er überall Hypnose an, wo eine ganz natürliche Handlungsweise vorliegt.

Was ist nun von dem durch einen Kreidestrich hypnotisierten Huhn geblieben, das ich in meiner Jugend als neue Weisheit lernte? Erstens ist der Kreidestrich ganz überflüssig. Zweitens ist das regungslose Sitzenbleiben gar nicht wunderbar, da es die uralte Rettungsart des Huhns ist. Drittens ist das Huhn gar nicht hypnotisiert.

147. Die naturgemäße Behandlung des Huhns.

Wenn wir bedenken, daß ein Huhn jährlich etwa 150 Eier legen oder eine Brut von einem Dutzend Jungen hochbringen kann, so müßte man meinen, daß die Hühnerzucht ein sehr lohnender Betrieb ist. Ich kenne Großstädter, die so durchdrungen waren von der Richtigkeit ihrer Berechnung, daß sie ihren Beruf aufgaben und auf dem Lande eine Geflügelzucht einrichteten. Es hat nur einige Jahre gedauert, dann hatten sie die Lust zum Betriebe verloren und obendrein ein nicht unerhebliches Vermögen. Selbstverständlich spreche ich hier von Friedenszeiten vor dem Kriege.

Warum will in diesem Falle Theorie und Wirklichkeit so gar nicht übereinstimmen?

Stellen wir uns vor, daß ein Bauer auf seinem Hofe etwa 20 Hühner hält. Diese Hühner werden morgens zeitig aus dem Stall gelassen und treiben sich den Tag über auf dem Hof oder in der Umgebung umher. Dabei hat der Bauer folgende Vorteile:

Erstens kosten ihm die Hühner den Sommer über fast gar kein Futter.

Zweitens ist das Futter, das sie fressen, für sie naturgemäß.

Drittens können die Hühner fleißig scharren und haben viel Bewegung, was für ihre Gesundheit von großer Bedeutung ist.

Viertens verteilen die Hühner am Tage ihren Unrat an den verschiedensten Stellen, so daß eine Anhäufung nicht stattfindet.

Bei dem Großstädter, der eine großartige Geflügelzucht eingerichtet hat, liegt die Sache ganz anders.

Erstens muß er auch im Sommer sehr viel Futter kaufen. Wie soll er für die Unmenge Hühner die erforderliche Nahrung herbeischaffen? Auf einem Bauernhofe gibt es reichlichen Abfall, da sich in dem Miste zahlreiche Larven und Würmer aufhalten.

Zweitens ist die Nahrung, die der Geflügelzüchter kauft, häufig nicht naturgemäß. Im Frühjahr will das Huhn tierische Nahrung haben. Deshalb reißen sich Hühner, die man eingesperrt hat und nur mit Körnern füttert, zu dieser Zeit die Federn aus oder beißen sich gegenseitig die Kämme blutig (vgl. Kap. 106).

Drittens braucht der Züchter im Gegensatz zu dem Bauern Personal, was heute ganz besonders ins Gewicht fällt.

Viertens fehlt den Hühnern die Bewegung und sie erkranken leicht.

Fünftens häuft sich der Unrat auf einem kleinen Flecke. Das ist aber die günstigste Vorbedingung für den Ausbruch einer Seuche.

Das Ende vom Liede ist gewöhnlich eine Seuche, die den ganzen Hühnerbestand dahinrafft.

Bei Wildparken und Jagdrevieren liegt die Sache ganz ähnlich. Je weniger Wild ein Jagdrevier enthält, desto gesünder ist es. Dagegen sind Seuchen an der Tagesordnung, sobald eine Ueberfüllung der Bezirke stattfindet.

In den Großstädten bestehen ebenfalls Gefahren durch zu große Besiedelung eines kleinen Bezirkes. Hier hat der Mensch durch Kanalisation, d. h. durch Fortleitung des Unrats die Macht der Seuchen gebrochen.

Es wäre also sehr wohl denkbar, daß auch die Geflügelzuchten einen ähnlichen Ausweg finden.

Auf der einen Seite ist es beklagenswert, daß wir so viel Eier aus dem Auslande einführen müssen. Darum soll jede Vermehrung unseres Hühnerbestandes unterstützt werden. Auf der andern Seite raten selbst die begeistertsten Züchter davon ab, daß ein Neuling ein großes Kapital in die Geflügelzucht steckt. Erst soll er klein anfangen und sich den Rat eines erfolgreichen Züchters einholen. Es gibt zu viele Dinge, die man nur aus der Praxis lernen kann.

Was hier von der Geflügelzucht gesagt worden ist, gilt ganz allgemein für jede Kleintierzucht.

148. Eine blinde Henne findet auch ein Korn.

Eine blinde Henne wird man wohl nirgends in Deutschland zu sehen bekommen, weil man ein solches bedauernswertes Geschöpf abschlachten würde. Früher war man in solchen Dingen weniger auf den wirtschaftlichen Vorteil bedacht.

Ein anderes Beispiel für die Verschiedenheit der Auffassung in wirtschaftlichen Angelegenheiten ist folgendes:

Heute sehen wir, daß die Hühner gewöhnlich Ringe um die Beine (Ständer) tragen. In meiner Jugendzeit kannte man das gar nicht. Erst seit einem Menschenalter habe ich sie auf Bauernhöfen angetroffen. Man weiß heute, daß die Henne eine gewisse Anzahl von Eiern legt. Folglich hat es keinen Zweck, sie über ein bestimmtes Alter gelangen zu lassen. Um dieses Alter jederzeit festzustellen, legt man ihnen Ringe um die Beine. Diese Ringe sind in den einzelnen Jahrgängen verschieden.

Diese Ringe sehen wir auch bei den Hühnern auf dem Kohlenplatz.

Wir schlachten also bereits eine Henne, weil sie nicht mehr ganz so viele Eier legt als eine etwas jüngere. Erst recht werden wir also eine blinde Henne schlachten, denn sie würde nicht genügend Futter finden und infolgedessen sehr abmagern.

In früheren Zeiten zerbrach man sich über solche Dinge den Kopf nicht. Hierbei hat man jedenfalls beobachtet, daß eine blinde Henne wie die andern scharrt und durch Zufall auch ein aufgescharrtes Korn findet.

Ein Vogel ist wie ein Mensch ein Augentier und tief zu beklagen, wenn er sein Augenlicht verloren hat. Bei den Nasentieren liegt die Sache, wie wir wissen, ganz anders. Blinde Hunde kann man sogar noch zur Jagd benützen. Deshalb wäre auch ein Sprichwort unrichtig: Ein blinder Hund findet auch einen Bissen. Er findet ihn vielmehr durch seine Nase ziemlich leicht.

Umgekehrt fehlt den Vögeln eine gute Nase. Das kann man recht deutlich bei den Hühnern wahrnehmen. Man kann ihnen nämlich Porzellaneier unterlegen, und sie brüten fleißig darauf. Ebenso brüten Kanarienvögel auf elfenbeinernen Eiern.

149. Die künstliche Glucke. Die Wetterfestigkeit des Huhns.

Eine Glucke mit Jungen bringt man gern in einen besonderen Raum, wie wir es auch hier in unserm Falle beobachten können. Die Mutter ist in gereizter Stimmung und kann leicht die andern Hennen angreifen. Diese wiederum picken nach den Küchlein und suchen selbstverständlich die besten Bissen wegzuschnappen.

Seit Jahrtausenden hat man die Bruthitze der Glucke durch künstliche Wärme ersetzt und ebenfalls Küchlein erzielt. Man hat dadurch den großen Vorteil, daß man ganz andere Mengen von Eiern ausbrüten lassen kann, als wenn man sie verschiedenen Glucken unterlegt. Allerdings fehlt dafür den Kleinen das sorgsame Auge der Mutter. Auch sonst wurden mir von Züchtern mancherlei Nachteile mitgeteilt. So können bekanntlich junge Entlein sofort schwimmen und bleiben dabei trocken. Läßt man die Enteneier jedoch von einer künstlichen Glucke ausbrüten, so werden die jungen Entlein naß. Dies wurde mir wenigstens von verschiedenen Züchtern mitgeteilt.

Das künstliche Ausbrüten der Hühnereier ist nicht so wunderbar, wie es auf den ersten Augenblick erscheint. Denn noch heute gibt es Hühnerarten, die in der Freiheit das gleiche Mittel anwenden. So legt das Talegallahuhn seine Eier in vermoderte Blätter, die es zu Haufen zusammenscharrt. Andere Wallnister benutzen den erwärmten Sand von heißen Quellen oder Vulkanen.

Es fängt jetzt etwas an zu regnen, und wir sehen, daß Regen den Hühnern durchaus nicht angenehm ist. Wie die Katze, so lieben die Hühner Nässe durchaus nicht.

Auch wenn es kalt ist, kann man aus dem Benehmen der Hühner schließen, daß ihnen nicht behaglich ist. Sie stammen eben aus einem heißen Lande. Deshalb ist Hühnerzucht nur in Ländern mit einer gewissen Wärme möglich. Frankreich, England und Italien haben eine höhere Durchschnittstemperatur als wir und haben schon aus diesem Grunde einen Vorzug gegenüber uns in der Geflügelzucht.

Da die Hühner Waldbewohner sind, so ist ihnen pralle Sonnenhitze lästig. Umgekehrt stammen sie aus einem Sonnenlande und vermissen die Sonne sehr. Ich konnte das in einem Hause, in dem ich vor vielen Jahren wohnte, recht deutlich beobachten. Der Wirt hielt Hühner auf dem Hofe. Da das Gebäude vierstöckig war, so war nur von Mitte Mai bis Mitte Juli in den Mittagsstunden Sonnenschein auf dem Hofe. Während dieser Stunden ließen die Hühner alles im Stich, selbst das Futter, und lagen aufgeplustert im Sonnenschein und genossen in vollen Zügen die Wärme der Sonnenstrahlen. Hier kam so recht der Sonnenhunger unserer Hühner zum Vorschein.

150. Wie kriecht das Küchlein aus dem Ei?

Es ist gewissermaßen ein Wunder, wenn aus dem Ei, das wohl die Möglichkeit zu einem Leben bietet, aber doch leblos ist, plötzlich allein durch die anhaltende Wärme ein lebendiges Geschöpf kriecht. Durch die Freundlichkeit unseres alten Bekannten, des bei den Ziegen erwähnten Onkels Althaus, können wir das bei ihm in Ruhe beobachten.

Onkel Althaus hält Wyandottes, weil er diese Rasse wegen ihrer Legetätigkeit und als Fleischhühner schätzt. Natürlich kann man keinen schönen Garten haben, wenn man seinen Hühnern zu ihrer Gesundheit Auslauf wünscht. So ist der Garten verschwunden, aber die Hühner befinden sich wohl bei ihrer täglichen Bewegung und legen fleißig Eier.

Zwei Glucken sitzen auf Eiern, die täglich ausfallen können. Die Glucken sträuben ihr Gefieder und stoßen einen krächzenden Laut aus, als Onkel Althaus die Eier untersuchen will. Erst ein Ei ist bei jeder Glucke angepickt. Es ist das ein Zeichen, daß das Küchlein mit seinem Eizahn das Gefängnis verlassen will.

Wir müssen am andern Tage wiederkommen. In der Zwischenzeit sind bei jeder Henne ein paar Küchlein ausgekrochen. Sie sind zum Trockenwerden in die sogenannte Küchleinwiege gebracht worden, wo es schön warm ist. Um uns nicht nochmals einen vergeblichen Weg machen zu lassen, zeigt uns Onkel Althaus an mehreren Eiern, wie man das Auskriechen beschleunigen kann. Als erfahrener Geflügelzüchter kann er sich solche Künsteleien erlauben, aber er rät jedem Neuling ganz entschieden davon ab. Denn wenn sich auch nur ein Blutstropfen bei der beschleunigten Geburt zeigt, so ist das Küchlein verloren.

Onkel Althaus wählt natürlich solche Eier, bei denen das Küchlein bereits fast einen Ring um das Ei gepickt hat. Ganz vorsichtig wird nach und nach erst die Schale und dann die dünne Haut entfernt. Man sieht, welche Anstrengungen dem kleinen Geschöpf die Befreiung aus dem engen Kerker verursacht. Nach jeder größeren Anstrengung braucht es Ruhe. Es liegt dann wie leblos, namentlich nachdem es endlich befreit ist. Zunächst gleicht es einem mit nassen Federn belegten Stück Fleisch. Wir staunen, daß ein solcher Körper überhaupt Platz in dem kleinen Ei hatte. Die Zerstörung seiner Hülle verdankt das Küchlein seinem Eizahn. Man muß sehr genau hinsehen, um ihn zu entdecken. Er hat noch nicht einmal die Größe eines Stecknadelknopfes und befindet sich oben auf dem Schnabel.

Der nasse kleine Klumpen, der seinen Kopf in die richtige Lage gebracht hat, erholt sich allmählich und wird zu den übrigen in die Küchleinwiege gebracht.

Bei der Verabschiedung können wir noch etwas von der Kehrseite der Geflügelzucht kennen lernen. Ein Küchlein ist während des Tages verunglückt. Ein anderes sieht ganz wie ein Todeskandidat aus. Es steht abseits und sieht sehr betrippt aus. Das ist ein schlechtes Zeichen für ein Küchlein, namentlich wenn es dabei die Flügel hängen läßt.

Onkel Althaus will noch einen Rettungsversuch machen und schiebt das Küchlein einer Glucke unter. Vielleicht rettet ihm die Wärme das Leben.

151. Warum brauchen die Hühner sandigen Boden?

Es wäre verfehlt, Hühnerzucht auf moorigem Boden zu errichten. Ebenso ist ein Untergrund von Ton sehr nachteilig, da er den Abfluß des Unrates verhindert. Fester Lehmboden hindert am Scharren, was die Hühner unbedingt brauchen.

Sandiger Boden ist deshalb für die Hühner notwendig, weil sie ihn zu ihrer Lebensweise brauchen. Erstens können sie scharren, zweitens können sie sich paddeln, d. h. durch Sandbäder sich vom Ungeziefer befreien, und drittens finden sie Sandkörner für ihren Magen. Sehr viele Vögel brauchen als Ersatz für die fehlenden Zähne Sandkörner oder kleine Steine zum Zerreiben des im Magen befindlichen Futters.

152. Die Rassen des Huhns.

Unser Haushuhn stammt, wie schon erwähnt wurde, aus Ostindien. Einzelne Rassen sind bereits in vorgeschichtlicher Zeit nach Westasien und Europa gelangt.

Die deutschen Hühnerrassen sind teils aus den alten deutschen Landhühnern, teils durch Kreuzungen mit anderen Rassen entstanden. Jede Rasse hatte ihr Heimatsgebiet in einem bestimmten Teile unseres Vaterlandes. Hier seien erwähnt: die Westfälischen Totleger, die Lakenfelder, die Ostfriesischen Möwen, die Ramelsloher, die Thüringer Bausbäckchen, die Bergischen Kräher usw.

Von ausländischen Rassen haben auf uns die Italiener den größten Einfluß ausgeübt. Sie haben unsere heimischen Rassen fast gänzlich verdrängt. Der Hahn und die Hühner auf dem Kohlenplatz waren ebenfalls Italiener. Sie legen fleißig, brüten aber schlecht. Viel Eier legen und gut brüten ist überhaupt selten vereinigt. Als Fleischhuhn ist der Italiener nicht viel wert. Eine andere sehr stattliche Rasse des Mittelländischen Meeres sind die Spanier.

Frankreich liefert vortreffliche Masthühner, beispielsweise die Le Mans, England ebenso in den Dorkings. Berühmt sind auch die englischen Hamburger, die ursprünglich deutsche Hühner waren, und sich durch fleißiges Legen auszeichnen. Es seien noch erwähnt die englischen Orpington, die amerikanischen Plymouth Rocks und die schon genannten Wyandottes, die Mechelner Kuckuckhühner, die in Belgien gezüchtet werden, und die Siebenbürger Nackthälse.

Wahre Riesen der Hühnerwelt sind die Kotschinchina und die Brahmaputra. Umgekehrt sind die Zwerghühner, wie schon ihr Name sagt, sehr klein, z. B. die Silber- und Goldbantam. Eine besondere Stellung unter den Hühnerrassen nehmen die Haubenhühner ein, z. B. die Holländer, Paduaner, Houdans usw.

Das Huhn ist bereits nach einigen Monaten ausgewachsen. Die Brutzeit dauert gewöhnlich 21 Tage, bei kaltem Wetter etwas länger. Einer großen Henne kann man 15 Eier unterlegen, einer kleineren etwa ein Dutzend. Auf einen Hahn rechnet man 10 bis 15 Hennen.

Es wurde bereits erwähnt, daß Krankheiten und Seuchen namentlich dann sehr gefährlich auftreten, wenn ein großer Hühnerbestand vorhanden ist.

153. Das Huhn in Redensarten und Sprichwörtern.

Bereits erklärt wurden: Eine blinde Henne findet auch ein Korn, mit den Hühnern zu Bett gehen, Frau Kratzefuß, Kratzfüße machen, den Schnabel halten und die Bezeichnung Hühnerkieke.

Jeder Hahn ist König auf seinem Miste.

Das will sagen, daß der Hahn auf seinem Hofe keinen Nebenbuhler duldet. Sonst kommt es sofort zu einem Kampfe, woher die Bezeichnung

Kampfhahn

rührt.

Den roten Hahn aufs Dach setzen

soll heißen, ein Gebäude anzünden. Man erklärt die Redensart mit dem Zusammenhang des Hahnes mit den Feuergottheiten.

Hahn im Korbe sein

heißt der bevorzugteste sein. Unter dem jungen Hühnervolke, das im Hühnerkorbe bewahrt wird, gilt der Hahn als das geschätzteste Stück.

Mit Hahnenfüßen geschrieben

nennen wir eine schlechte Schrift, deren Buchstaben nicht von einer menschlichen Hand, sondern von den Tritten eines Hahns herzurühren scheinen.

Hahnentritt

ist der steife, ernste Schritt des Hahns und dient zur Bezeichnung eines geckenhaften Trittes.

Bei Pferden nennt man so eine Erkrankung des Sprunggelenkes, wobei sie einen Fuß vor dem Hinsetzen ungewöhnlich hoch heben.

Wo die Henne nicht scharrt wie der Hahn,
Kann der Haushalt nicht bestahn.

Das soll heißen, daß die Frau auch im Haushalt tätig sein soll.

Das Huhn legt gern ins Nest, worin schon Eier sind.

Das ist eine sehr richtige Beobachtung.

Es fliegt einem kein gebraten Huhn ins Maul.

Das will sagen, daß das Glück nicht mühelos kommt.

Hühnerauge

ist eine schmerzende Hornhaut am Fuße, die wegen einer entfernten Aehnlichkeit mit einem Vogelauge, nämlich des dunkeln Punktes in der Mitte, so genannt wird. Andere Bezeichnungen sind Elsternauge, Gerstenauge usw.

Henne mit Küken
Henne mit Küken
Geflügelstall mit Scharraum um den Hühnern bei schlechtem Wetter und im Winter Gelegenheit zum Scharren zu geben
Geflügelstall mit Scharraum um den Hühnern bei schlechtem Wetter und im Winter Gelegenheit zum Scharren zu geben
Silberbrackl-Hühner
Silberbrackl-Hühner

Das Truthuhn

154. Das Hochzeitskleid des männlichen Truthuhns.

Der große Mangel an Körnerfutter bringt es mit sich, daß man in unseren Zeiten Ziergeflügel wie Pfauen, Perlhühner und Fasanen jetzt kaum noch auf einem größeren Hofe erblickt. Selbst Truthühner oder Puten, die doch mehr zu dem Nutzgeflügel als zu dem Ziergeflügel gehören, sind in den mir bekannten Kreisen gänzlich abgeschafft worden. Es ist ein großes Glück für uns, daß wir auch in diesem Falle unsern berühmten Zoologischen Garten als Helfer in der Not benützen können. Hier sehen wir ganz dicht vereinigt Pfauen, Perlhühner und Fasanen. Nur wenige Schritte davon entfernt befinden sich Puter und Puten.

Wir haben das Glück, das Männchen noch im Schmuck seines Hochzeitskleides zu sehen. Es ist Mai, und noch hat der Truthahn die merkwürdigen Anschwellungen an Kopf und Hals. Ebenso schlägt er selbstbewußt sein Rad. Die Weibchen oder Hennen sehen dagegen nicht nur kleiner, sondern auch unscheinbarer aus.

Wir müssen annehmen, daß den Weibchen der Hochzeitsschmuck der Männchen gefällt. Man muß ohne Frage sehr vorsichtig damit sein, menschliche Regungen ohne weiteres auf die Tiere zu übertragen. Aber das Hochzeitskleid der Männchen, das von ihnen mit einer unverkennbaren Absicht während der Liebeszeit zur Schau getragen wird, das aber später wieder verschwindet, dürfte doch einen gewissen Zweck haben. Sonst triebe die Natur in zahllosen Fällen eine Verschwendung, während wir sie sonst als sehr sparsame Wirtschafterin kennen lernen.

Gerade das Ausbreiten des Hochzeitsgefieders vor den Weibchen wäre vollkommen sinnlos, wenn es nicht eine Wirkung auf sie ausüben sollte. Deshalb muß man sehr vorsichtig sein gegenüber den Behauptungen, daß manche Farben des Hochzeitsschmucks wegen Farbenblindheit nicht wahrgenommen werden könnten.

155. Worauf ist die Abneigung des Truthahns gegen die rote Farbe zurückzuführen? – Die Herkunft der Truthühner.

Die Tiere im Zoologischen Garten sollen eigentlich nicht gereizt werden. Aber wenn es sich um Lehrzwecke handelt, ist man nicht verpflichtet, verbietend einzugreifen. Ein kleines Mädchen ist mit einem ziemlich großen Spiegel zu dem Truthahn gegangen und hält ihm den Spiegel vor. Seine Erregung steigert sich gewaltig, und er kollert, daß es nur so eine Art hat. Erst als das Mädchen sich mit dem Spiegel entfernt, läßt seine Wut allmählich nach.

Zwei Gründe können diese Erregung verursacht haben. Entweder sah er in dem Spiegel einen andern Truthahn und wollte ihn bekämpfen; denn gerade unter den Truthähnen finden heftige Kämpfe auf Tod und Leben statt. Näheres werden wir über diesen Punkt bei dem Kanarienvogel und seinem Spiegelbild sprechen. Oder der Truthahn sah die rote Farbe, die ihn, wie bekannt ist, in Raserei versetzen kann.

Schon bei der Abneigung des Stieres gegen die rote Farbe ist darauf hingewiesen worden, daß es sich wahrscheinlich um eine vererbte Erinnerung aus früheren Zeiten handelt. Ein rötliches Tier – wahrscheinlich der Tiger – war der Hauptfeind der Wildrinder. Vom Truthahn wissen wir nach den übereinstimmenden Angaben der Naturforscher mit Bestimmtheit, daß der Luchs mit seinem rötlichen Felle sein schlimmster Feind ist. Hierzu paßt vortrefflich folgende Beobachtung einer ausgezeichneten Vogelkennerin. Sie hält sich ein Braunkehlchen und erzählt von ihm, daß seine Abneigung gegen alles Rote ganz auffallend war. Wenn man weiß, daß das Braunkehlchen sein Nest auf sumpfigem Boden hat, so ist es klar, daß unser Wiesel mit seinem rötlichen Fell sein ärgster Feind sein muß.

Es kann auch sein, daß unser Truthahn aus beiden Gründen wütend wird. Einmal, weil er einen Gegner und sodann, weil er etwas Rotes erblickt. Denn seine eigene rote Färbung am Kopf und Hals kann er nicht sehen. –

Die Truthühner stammen aus Nordamerika, wo sie die Mexikaner bereits zähmten. Sie kamen nach Europa, wo sich besonders die Spanier und Italiener um ihre Zucht bemühten. Deshalb spricht man auch vom welschen Huhn.

Die Truthenne legt 12 bis 24 Eier. Sie ist als ausgezeichnete Brüterin bekannt, weshalb man ihr die Eier von anderm Hausgeflügel unterlegt. Ihre Brütlust ist so groß, daß man sich um ihre Ernährung bekümmern muß. Denn manche versäumen das Fressen und verhungern infolgedessen. Die jungen Truthühner sind äußerst empfindlich gegen Nässe und Hitze.

Der Pfau. Das Perlhuhn. Der Fasan

156. Warum schreit der Pfau so häßlich?

Im Zoologischen Garten sehen wir den Wildpfau, den Hauspfau, eine ganz weiße und eine gescheckte Rasse.

Der Anblick des Pfauen, namentlich wenn er sein Rad schlägt, wie es jetzt vor unsern Augen geschieht, ist entzückend. Dieses kostbare Blau, dieser herrlich schimmernde Schweif mit den großen Augen darin und das Krönlein auf dem zierlichen Kopf müssen selbst den, der aus Gewohnheit widerspricht, zu dem Geständnis veranlassen, daß wir ein schönes Tier vor uns haben. Nur sein Schrei ist geradezu widerwärtig. Schöne und eitle Frauen, die eine unangenehme Stimme besitzen, hat man deshalb mit Vorliebe als Pfauen bezeichnet.

Wir werden später beim Kanarienvogel sehen, daß eine schöne Stimme regelmäßig nur kleinen Vögeln zukommt. Große Vögel, wie Pfauen, sind keine Sänger. Ausnahmen wie der Singschwan können die Regel nur bestätigen.

Die Füße des Pfauen sind nur nach menschlichen Begriffen häßlich. Für einen Baumvogel sind sie sehr zweckmäßig und daher nicht unschön.

Der Pfau ist in Südasien heimisch. Er ist namentlich oft in Gegenden anzutreffen, wo auch der Tiger weilt.

Auch das Perlhuhn ist vielen Menschen lästig, weil es seine wenig schöne Stimme so oft erschallen läßt. Im Zoologischen Garten sehen wir außer dem gewöhnlichen silbergrauen Perlhuhn noch eine weiße Art.

Die Perlhühner stammen aus dem heißen Afrika, weshalb sie Wärme lieben. Ihre Eier legen sie gern in Gebüschen ab, was man heute bei den zahmen ebenfalls beobachten kann.

157. Vergißt der Fasan das Fliegen?

Fasanen sehen wir im Zoologischen Garten in den verschiedensten Arten, so namentlich den herrlichen Goldfasan, den sehr schönen Silberfasan usw.

Der Fasan kommt eigentlich mehr als Jagdvogel in Betracht. Vor dem Kriege gab es Fasanerien, wo Tausende von Fasanen großgezogen wurden.

Als besondere Dummheit wurde dem Fasan in Jägerkreisen angerechnet, daß er beim Erscheinen eines Hundes das Fliegen vergißt. Ich glaube nicht recht daran, daß es aus Dummheit geschieht. Alle diese schwerbeinigen Vögel sind vortreffliche Läufer, aber sehr schlechte Flieger. Viele, wie Trappen und Truthühner, müssen überhaupt erst einen Anlauf nehmen, um in die Luft zu kommen. Ein im Jagdrevier gut gefütterter Fasan weiß wahrscheinlich, daß seine Anstalten, um zu fliegen, so umständlich und zeitraubend sind, daß ihn der Hund sicher inzwischen gepackt hat. Dagegen hat er beim Rennen immer noch die Aussicht, in ein Dickicht zu geraten, wohin ihm der Hund nicht folgen kann.

Der Fasan stammt aus Westasien, nämlich von den Küstenländern des Kaspischen Meeres. Er soll schon im Altertum nach Griechenland gebracht worden sein. Heute ist er in manchen Gegenden, z. B. in Böhmen, verwildert.

Wie alle Hühnervögel ist der Fasan sehr fruchtbar. Die Fasanenhenne legt etwa 8 bis 15 Eier, die sie in etwa 24 Tagen ausbrütet.

158. Der Pfau in Redensarten und Sprichwörtern.

Die Bezeichnung einer schönen und eitlen Frau als Pfau ist schon erwähnt worden.

Pfau, schau deine Beine!

Das soll heißen, jemanden, der mit seinen Vorzügen prahlt, auf seine Schwächen aufmerksam machen.

Als Gegenstück zu dem schönen Pfau gilt die unscheinbare Krähe. Daher der Vergleich:

Wie Krähen neben dem schönen Pfau.

Die Krähen sollen daher besonders neidisch auf den Pfau sein, wie sich auch eine Krähe mit den ausgefallenen Federn eines Pfauen geschmückt haben soll. Daher der Vers:

Es meint jede Krau (Krähe)

Ihr Kind sei ein Pfau.

Vom Truthahn oder Puter wäre noch anzuführen: Als Bezeichnung für ein dummes Mädchen:

Diese Pute = dumme Gans.

Ferner als Bezeichnung eines zornigen Menschen:

Fasan
Fasan

Die Taube

159. Die Kommandosprache der Tauben.

Da sich auf dem Kohlenplatze außer Hühnern auch Tauben befinden, so begeben wir uns wieder dorthin. Während die Hühner am Boden nach Futter suchen, haben sich die Tauben mit lautem Geklatsch erhoben und sind in den Lüften bald unsern Augen entschwunden. Bei ihrer Rückkehr führen sie verschiedene Schwenkungen aus und lassen sich schließlich wieder auf ihrem Dache nieder.

Früher, als wir von der Schwierigkeit des Fliegens keine Ahnung hatten, konnten wir solche Flüge der Taubenschwärme für ganz selbstverständlich halten. Wir sahen sie eben alltäglich und regten uns weiter nicht darüber auf.

Heute, wo zahllose Flieger verunglückt sind, weil sie in der Luft mit einem andern Flieger zusammengestoßen sind, muß der Schwarmflug der Vögel auf uns den tiefsten Eindruck machen. Woher kommt es, daß die Vögel trotz größter Nähe niemals miteinander zusammenprallen?

Selbst so schlechte Flieger wie die Rebhühner fliegen in einer ziemlichen Anzahl. Der Jäger spricht von einer »Kette« oder einem »Volk« Rebhühner.

Noch auffallender ist das Schwarmfliegen bei den Staren. Auch der Star ist kein berühmter Flieger, und doch bildet er im Spätsommer, wenn die zweite Brut flügge geworden ist, bei seinen Flügen ordentlich eine lebendige Kugel. Diese Kugel aus Vogelleibern dreht sich nach einer bestimmten Richtung, wobei alle fliegenden Vögel mit größter Genauigkeit ihren Platz einnehmen, und keiner durch Tolpatschigkeit eine heillose Verwirrung anrichtet.

Ich habe oft erfahrene Tierbeobachter gefragt, ob sie jemals den Zusammenprall zweier Vögel eines Schwarmes in der Luft wahrgenommen haben. Niemand wußte etwas davon. Auch die Jagdzeitungen habe ich daraufhin seit vielen Jahren durchgesehen. Der einzige Fall, der mir vor Augen gekommen ist, ist folgender: Ein Landwirt erzählte, daß er bei einer Hühnerjagd den Zusammenstoß zweier Rebhühner beobachtet habe. Die Erklärung liegt darin, daß das eine der beiden Hühner durch Schrote verletzt war. Trotzdem hat er, der Erzähler, in seiner dreißigjährigen Jägerzeit einen ähnlichen Fall noch niemals erlebt und deshalb berichtete er ihn an die Jagdzeitung.

Darüber sind sich also wohl alle Tierkenner einig, daß Zusammenstöße unter Vogelschwärmen zu den allergrößten Seltenheiten gehören.

Wie vermeiden die Vögel diese Gefahr, die soviel Fliegerleben in unsern Reihen kostet?

Jedenfalls werden sie außerordentlich durch die Stellung ihrer Augen unterstützt. Alle Vögel, die in Schwärmen fliegen, haben die Augen seitlich zu sitzen. Wir sehen, daß es ganz verkehrt wäre, wenn die Tauben ihre Augen, wie der Mensch, nach vorn gerichtet hätten. Sie können bei seitlicher Stellung der Augen den Abstand vom Nachbarn viel leichter innehalten.

Wahrscheinlich sind auch die Augen der Vögel im Innern so gebaut, daß sie das Schwarmfliegen ohne große Anstrengung ausführen können. Wenigstens befindet sich im Auge mancher Vögel ein Organ, über dessen Bedeutung man sich noch nicht klar ist.

Müssen wir uns heute über die Kunst der Vögel, in Schwärmen zu fliegen, außerordentlich wundern, so kommt noch hinzu, daß wir gar nicht wissen, auf Grund welches Kommandos eigentlich die Schwenkungen ausgeführt werden. Würden wir unseren Kommandoworten ähnliche Laute bei den Tauben hören, so verständen wir wenigstens, weshalb der Schwarm bald so, bald so fliegt. Bei der Entfernung und dem Geklatsche der Flügel können wir nicht das mindeste vernehmen. Bei Starenschwärmen bin ich, da mich die Sache außerordentlich interessierte, in die möglichste Nähe gegangen, habe aber außer dem Surren der Flügel nichts hören können. Immer wieder fragt man sich: Wer gibt denn eigentlich das Kommando zu einer Schwenkung?

Bei Taubenschwärmen kann man übrigens nicht selten beobachten, daß eine Taube den Anschluß versäumt hat, indem sie eine Schwenkung aus Versehen nicht mitgemacht hat. Sie eilt dann in stürmischem Fluge ihren Genossen nach. Zu dieser Eile hat sie auch einen ganz besonderen Grund, denn gerade auf vereinzelte Tauben machen die Raubvögel mit Vorliebe Jagd. Wir kommen darauf im nächsten Kapitel zu sprechen.

Jedenfalls können wir mit eigenen Augen sehen, daß Tauben Schwenkungen gemeinsam ausführen. Wie sie das machen, ist uns vorläufig ein Rätsel. Ich vermute, daß, wie es bei den Säugetieren einen Leitaffen, einen Leithammel und andere Leittiere gibt, so auch bei den Vogelschwärmen ein Leitflieger vorhanden ist, nach dem sich alle anderen richten.

Jedenfalls trifft auch hier die Ansicht nicht zu, daß die Tiere deshalb keine Sprache haben, weil sie sich nichts zu sagen haben. Bei Schwarmflügen hätten sie es vielmehr sehr nötig, sich die bevorstehende Schwenkung mitzuteilen.

160. Wie retten sich die Tauben vor den Raubvögeln.

In der Großstadt haben wir nur dann eine gewisse Aussicht, die Jagd eines sogenannten Stößers auf Tauben zu beobachten, wenn sich der Himmel im Winter nach dunklen Tagen erhellt. Während des Nebels geht nämlich der Wanderfalk, wie der eigentliche Name des Stößers ist, nicht auf die Jagd. Der Grund ist wahrscheinlich der, daß er bei Nebel nicht sehen kann, auch keine Tauben findet. Nach einigen Tagen mit bedecktem Himmel hat also der Falk gewaltigen Hunger. Da der Taubenbesitzer seine Tauben fliegen läßt, sobald der Himmel klar ist, so kann man also unter solchen Umständen auf den Anblick einer Taubenjagd rechnen.

Ein Naturforscher, der in Berlin wohnte, hat sehr schön die Taubenjagd des Stößers in Berlin geschildert:

Ein Weibchen des Wanderfalken pflegte am Morgen ruhig und zusammengekauert auf einem Ziegelvorsprunge des Daches der Garnisonkirche zu sitzen. Taubenflüge erfüllen die Luft; der Falk wird erregt und verfolgt mit den Augen die Tauben. Dies währt etwa fünf Minuten, und nun erhebt er sich. Noch gewahren ihn die Tauben nicht; doch er rückt ihnen in wenigen Sekunden so nahe, daß nun plötzlich ihr leichter, ungezwungener Flug sich in ein wirres, ungestümes Fliegen und Steigen verwandelt. Aber unglaublich schnell hat er sie eingeholt und etwa um zehn Meter überstiegen. Nun entfaltet er seine ganze Gewandtheit und Schnelligkeit. In sausendem, schrägem Sturze fällt er auf eine der äußersten hinunter und richtet diesen jähen Angriff so genau, daß er allen verzweifelten Flugwendungen des schnellen Opfers folgt. Aber in dem Augenblicke, als er die Taube ergreifen will, ist sie unter ihm entwischt. Mit der durch den Sturz erlangten Geschwindigkeit steigt er sofort ohne Flügelschlag wieder empor, rüttelt schnell, und ehe zehn Sekunden verflossen sind, ist die Taube von ihm wiederum eingeholt und in derselben Höhe überstiegen, der Angriff in sausendem Sturze mit angezogenen Flügeln erneuert, und die Beute zuckt blutend in den Fängen des Räubers. In wagerechter Richtung fliegt er nun mit ihr ab und verschwindet bald aus dem Gesichtsfelde. Von den übrigen Tauben sieht man noch einzelne in fast Wolkenhöhe wirr umherfliegen, wogegen sich die anderen jäh herabgeworfen und unter dem Schutze ihrer Behausung Sicherheit gefunden haben.

Die Tauben suchen sich also vor dem Raubvogel durch ihren schnellen Flug zu retten. Das nützt ihnen aber nicht viel, denn er ist geschwinder als sie. Aus diesem Grunde flüchten sie nach Möglichkeit nach ihrem Schlag. Der Falk weiß das sehr wohl und schneidet ihnen gern den Rückzug nach dem Schlag ab. Auch dann sind die Tauben noch nicht verloren. Sie steigen so in die Höhe, daß sie oft wie ein weißer Stern erscheinen. Wenn der Falk nicht sehr hungrig ist, dann läßt er sie ungeschoren. Denn, um auf den hoch oben stehenden Taubenschwarm Jagd zu machen, müßte er sie erst überfliegen.

161. Warum muß der Stößer die Tauben erst überfliegen?

Ich weiß noch heute, wie sehr ich mich als Junge darüber gewundert habe, daß der Stößer die Tauben erst überfliegen muß. Wie ein Mensch dem andern nachläuft und ihn fängt, wie ein Hund den Hasen faßt, so sollte man meinen, müßte auch der Wanderfalk den Tauben nachjagen und sie fangen.

Eine einfache Ueberlegung ergibt das Unsinnige dieser Fangart. Habicht und Sperber verlegen sich allerdings gewöhnlich auf die Ueberraschung. Sie kommen urplötzlich dahergestürmt und schlagen ihrem Opfer die Fänge, d. h. die bewehrten Füße in den Leib. Denn bei allen Raubvögeln sind die Fänge die Hauptwaffe, während der Schnabel hauptsächlich zur Verkleinerung der Beute dient. Der Wanderfalk verläßt sich dagegen in der Regel auf seine Flugfertigkeit. Wie soll er nun ganz oben am Himmel stehenden Tauben durch Verfolgung etwas tun? Um seine Fänge wirken zu lassen, muß er höher als die Tauben stehen. Auch ist er nur dadurch, daß er einer verfolgten Taube die Fänge in die Seiten schlägt, imstande, sie schnell nach seinem Horst zu tragen. Flattert sie noch, so ist es für den Räuber um so vorteilhafter, denn um so leichter ist für ihn die Last.

Weil also der Wanderfalk seine Beute erst überfliegen und von oben stoßen muß, deshalb hat ihn der Berliner »Stößer« getauft.

Mancher wird fragen, warum die Taubenbesitzer ihre Lieblinge nicht im Schlage behalten, wenn der Stößer unter ihnen so furchtbar aufräumt. Die Antwort ist für den Jäger sehr einfach. In Bayern und Oesterreich hat man sämtliche Feinde der Gemsen vernichtet, also Bären, Luchse, Wölfe, Adler und Bartgeier – und was ist die Folge davon? Noch niemals hat es soviele Seuchen unter den Gemsen gegeben wie jetzt. Das ist ja auch ganz einleuchtend. Früher wurden erkrankte Tiere zuerst von den Raubtieren vernichtet, so daß sie die Krankheit nicht weiter verschleppen konnten. Bei den Hasen und Rebhühnern liegt die Sache ähnlich. Es ist natürlich übertrieben, wenn man den Fuchs als Hasenarzt bezeichnet, aber etwas Wahres ist daran. Jedenfalls entarten Tauben, die man nicht ausfliegen läßt. Sie verfallen in Krankheiten, weshalb es richtiger ist, sie ihren natürlichen Feinden auszusetzen, da diese Behandlungsweise sie gesund erhält.

Bei allen Raubvögeln beobachten wir, daß sie zunächst auf Albinos oder weiße oder ungewöhnlich gefleckte Tiere Jagd machen. Albinos sind entartete Geschöpfe, und ihr Wegfangen kann geradezu als ein löbliches Tun bezeichnet werden. Weiße Hühner kann man in einsamen Forsthäusern nicht halten.

Sodann richten alle Raubvögel ihre Angriffe mit Vorliebe auf solche Vögel, die sich vom Schwarm abgesondert haben. Das wird einen Sinn haben – aber welchen?

Wir sehen, daß Tauben und andere Friedvögel, z. B. Stare, sich angesichts ihrer Feinde eng zusammenballen. Vom Standpunkte des Menschen scheint das äußerst töricht zu sein, denn der Raubvogel braucht nur in die Masse hineinzugreifen, dann hat er sicherlich in seinen Fängen eine Beute.

Da der Raubvogel schließlich besser weiß als wir, wie er seine Beute zu erlangen hat, so wird er wissen, weshalb er den einzelnen Vogel verfolgt und die Masse erst im Notfall berücksichtigt.

Selbstverständlich ist es ganz ausgeschlossen, daß ein Taubenschwarm gegen einen Stößer etwas ausrichten kann. Dagegen haben sie ein Verteidigungsmittel gegen ihn zur Hand, auf das der klügste Mensch nicht verfallen wäre.

Ist der Taubenschwarm nämlich hinreichend groß, so stürzen sich alle wie auf Kommando in die Tiefe. Der Falk muß sich dann sehr vorsehen, daß er nicht in dieses Luftloch fällt. In einer ornithologischen Zeitschrift berichtete im vorigen Jahre ein Fachmann, daß vor seinen Augen ein Sperber in das von Staren gebildete Luftloch fiel und infolge des plötzlichen Sturzes betäubt in einer Hecke liegen blieb.

Unsere Flieger wissen, wie gefährlich ein Luftloch ist. Es wird aber den meisten Menschen unbekannt sein, daß Tauben, Stare und andere in Schwärmen fliegende Vögel seit Urzeiten einen künstlichen Lufttrichter bilden, um ihren Erzfeind dort hineinsausen zu lassen.

Die Raubvögel müssen mit diesem künstlichen Trichter böse Erfahrungen gemacht haben. Nur daraus läßt sich erklären, daß der Verfolger regelmäßig so lange wartet, bis sich ein einzelner Vogel vom Schwarme trennt. Auf diesen abgesprengten Vogel wird sofort Jagd gemacht. Daher rührt die ängstliche Sucht der Tauben und Stare, stets beim Schwarme zu bleiben.

Das in Schwärmen Fliegen der Friedvögel ist also eine Verteidigungsart gegen Raubvögel. Ist der Schwarm zu klein, um einen Trichter zu bilden, so stieben die Vögel, wenn der Raubvogel über ihnen steht, manchmal nach allen Seiten auseinander, so daß er in Zweifel gerät, welchen Vogel er verfolgen soll.

162. Warum sitzen unsere Haustauben auf Dächern und nicht auf Bäumen? Der Taubenschlag.

Wir haben gesehen, daß die Tauben sich nach ihrem Ausfluge wieder auf dem Dache niedergelassen haben, obwohl nicht weit davon ein prachtvoller Baum steht. Man sollte meinen, daß dem Vogel ein Baum geeigneter zur Ruhe ist als das platte Dach. Sitzen doch unsere Wildtauben, z. B. die schönen großen Ringeltauben, wenn sie auf dem Erdboden nicht nach Nahrung suchen, ständig auf Bäumen.

Die Antwort muß lauten, daß unsere Haustaube von unseren Wildtauben nicht abstammen kann. Wir wissen bereits, daß sie von der am Mittelländischen Meer heimischen Felsentaube abstammt.

Es gibt eine ganze Menge Vogelarten, deren Füße so gestaltet sind, daß sie für Baumzweige nicht geeignet sind. Unsere Feldlerche setzt sich nie auf einen Baum, ebenso die Haubenlerche, der Kiebitz und andere Vögel nicht. Die Zehen sind nicht zum Umspannen runder Zweige geeignet. Sie sind vielmehr zum Laufen auf der glatten Erde geschaffen. Die Haustaube setzt sich nur dann auf einen Baum, wenn die Aeste so stark sind, daß sie eine glatte Fläche bieten. Wenigstens ist das die Regel.

Man ersieht daraus, daß die Anpassung der Tiere an andere Verhältnisse nicht so schnell vor sich geht, wie gewöhnlich angenommen wird. Tauben werden von den Menschen seit Jahrtausenden als Haustiere gehalten. Trotzdem muß der Taubenbesitzer noch heute am Taubenschlage glatte Hölzer für die Taubenfüße anbringen. Das Taubenhaus mit seinen zahlreichen Eingängen ist auch nichts weiter als eine Nachahmung der Felsenhöhlen mit ihren vielen Löchern, in denen die Vorfahren unserer Haustauben früher hausten.

163. Wie finden sich die Brieftauben zurecht?

Bei dieser Gelegenheit wollen wir die Frage zu beantworten suchen, wie sich die Brieftauben zu orientieren suchen.

Zur Brieftaube sind solche Tauben geeignet, die sich durch breite Brust, breite und lange Schwingen und große Muskelkraft auszeichnen. Namentlich werden die belgischen Brieftauben geschätzt. Die Geschlechter werden nach der ersten oder zweiten Brut voneinander gesondert, um den Drang nach der alten Heimat besonders zu wecken. Bereits im Altertum war die Benützung von Brieftauben üblich.

Man nimmt allgemein an, daß die Brieftauben genau einen solchen Orientierungs- oder Ortssinn haben, wie ihn ohne Zweifel Säugetiere, also Wölfe, Füchse, ebenso unsere Hunde, Pferde usw., besitzen. Denn ohne einen solchen Ortssinn wären solche Säugetiere nicht in der Lage, ihr altes Lager wiederzufinden. Da obendrein ihre Augen fast ausnahmslos schwach sind und nur wenig über dem Erdboden stehen, so daß ihnen jede weitere Uebersicht fehlt, so ist ein Ortssinn für sie eine unbedingte Notwendigkeit.

Ganz anders liegt die Sache bei den Vögeln. Sie besitzen ein hervorragendes Sehvermögen und haben von ihrer hohen Warte aus eine wunderbare Uebersicht. Sie sehen ihre Umgebung wie auf einer Karte.

Ueberall machen wir die Beobachtung, daß die Natur mit den sparsamsten Mitteln waltet. Hat ein Raubtier ein kräftiges Gebiß, so hat es nicht obendrein Hörner, und ist eine Schlange giftig, so ist sie nicht obendrein kräftig. Alle Riesenschlangen sind daher ungiftig. Haben sie die Kraft zur Ueberwindung ihrer Opfer, so brauchen sie nicht noch obendrein heimtückisches Gift.

Für Tiere mit wirklichem Ortssinn ist es gleichgültig, ob Dunkelheit oder Nebel herrscht. In einem schönen Gedichte sagt unser großer Dichter Goethe:

Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.

Natürlich ist damit gemeint, daß das Maultier im Nebel seinen Weg sucht und auch findet. Das bloße Suchen ist ja kein Kunststück. Das verstehen wir auch, aber als Kulturmenschen finden wir den Weg nicht, weil wir den Ortssinn verloren haben, den das Tier noch besitzt.

Der Kulturmensch braucht eben keinen Ortssinn zu seinem Leben, denn er kann sich einen Kompaß und eine Karte anschaffen.

Findet sich nun auch eine Brieftaube im Nebel zurecht? Keineswegs. Wir wissen aus zahlreichen Beobachtungen, daß Brieftauben, die von Luftschiffern mitgenommen waren, sich in den Wolken nicht zurechtfanden. Sie wollen, solange sie von Wolken umgeben sind, das Luftschiff nicht verlassen. Sehen sie aber ein Loch in den Wolken, so fliegen sie schnell hindurch.

Ebenso findet sich die Brieftaube nicht in der Dunkelheit zurecht. Hiergegen spricht nicht, daß Brieftauben ihren Schlag in der Nacht in einer Großstadt gefunden haben. Eine Großstadt sendet in der Dunkelheit ein solches Flammenmeer gen Himmel, daß es gar kein Kunststück ist, bei freier Aussicht sie zu finden.

Weil die Brieftauben sich nach ihren wunderbaren Augen richten, so werden die Wettflüge zunächst auf kurze Entfernungen veranstaltet und allmählich erweitert. Bei Tieren mit Ortssinn wäre ein solches umständliches Verfahren nicht erforderlich. Die Brieftauben aber müssen in dieser Weise eingeübt werden, weil sie sich die nähere und entferntere Umgebung einprägen sollen. Werden sie an einem fremden Ort losgelassen, so steigen sie erst hoch. Sie wollen sich also erst vergewissern, wo sie eigentlich sind. Das ist ein untrüglicher Beweis dafür, daß sie keinen Ortssinn besitzen.

Steigt man bei klarem Wetter auf einen Aussichtsturm, z. B. auf Rügen, so liegt die ganze Insel wie auf einer Karte uns zu Füßen. Würden sich die Menschen vergegenwärtigen, welchen außerordentlichen Ueberblick die Brieftaube mit ihren viel schärferen Augen besitzt, so würde ihnen das Zurechtfinden der Brieftauben gar nicht wunderbar erscheinen.

164. Die Tauben als Vorbilder des Menschen.

Einige Täuberiche machen inzwischen ihren Damen den Hof und verbeugen sich vor ihnen in der artigsten Weise. Dabei lassen sie unablässig ihr kuruh kuruh erschallen.

Der Mensch hat anscheinend von jeher das Liebesleben der Tauben mit besonderem Wohlgefallen betrachtet. Einmal sind die Tauben ohne Frage sehr schön, ferner sanft und in ihrer Nahrung hauptsächlich auf die Pflanzenwelt beschränkt. Sie sind wie geschaffen dazu, um Lieblinge der Frauenwelt zu sein. Ganz besonders mußte den Frauen gefallen, daß der Täuberich nicht nur verliebt gurrt, sondern nachher beim Bebrüten der Eier und der Aufzucht der Jungen treu mitwirkt. Wir wissen, daß bei unsern Säugetieren von einer Tätigkeit des Vaters nichts zu merken ist. Wir haben auch die Gründe auseinandergesetzt, wie sich diese für uns Menschen so auffallende Erscheinung erklärt. Auch der Hahn weiß von Vaterpflichten nichts, wie wir schon besprochen haben. Da ist der Täuberich wirklich eine rühmenswerte Ausnahme. Wahrscheinlich kann er nichts dafür, genau so wie er nichts dafür kann, daß er zu fliegen vermag. Er tut eben das, was seine Vorfahren seit Urzeiten gemacht haben. Die junge Brut kann von der Mutter allein nicht durchgebracht werden. Folglich muß auch der Vater helfen. Denn die Erhaltung der Nachkommenschaft ist für jede Tierart das allerwichtigste.

Vermenschlichen wir die Tiere, so hat der Täuberich tiefere sittliche Grundsätze als der leichtsinnige Hahn mit seiner Paschawirtschaft. Da die Menschen naturgemäß alles von ihrem Standpunkte aus betrachten, so hat man die Tauben vielfach verhimmelt und ihnen Eigenschaften beigelegt, die nicht ganz zutreffen dürften. Auch bei den Tauben kann man Seitensprünge des Ehegatten, große Eifersucht, unglaubliche Zusetzereien und ähnliche weniger erfreuliche Eigentümlichkeiten beobachten. Umgekehrt wird man gern zugeben, daß man staunen muß, wie treu manche Gatten unter den widrigsten Verhältnissen zueinander halten. Selbst die Trennung und die lockendste Versuchung können sie in ihrem Entschlusse nicht wankend machen.

So ist es denn nicht wunderbar, daß Dichter die Taube in überschwenglichster Weise gefeiert haben. Ist ja auch ihr Schnäbeln nach unseren Begriffen von allen unter den Tieren üblichen Zärtlichkeitsausdrücken dem Küssen der Menschen am ähnlichsten.

165. Naturgemäße Fütterung und Haltung der Tauben.

Die Felsentauben als Stammeltern unserer Haustauben verzehren alle Arten unseres Getreides, ferner die Sämereien von Raps, Rübsen, Linsen, Erbsen, Lein usw., vor allen Dingen aber die Körner der Vogelwicke, die ein höchst lästiges Unkraut ist. Man hat die Haustauben, die den gleichen Speisezettel besitzen, deshalb für schädlich erklärt, da sie den Landwirten, namentlich zur Saatzeit, viele Körner wegfräßen. Das führte auch zur Zerstörung der etwa 50000 Taubentürme in Frankreich, als die Revolution 1789 ausbrach. Heute denkt man über die Schädlichkeit der Tauben etwas anders. Gewissenhafte Naturforscher haben sorgsam den Inhalt von Kropf und Magen gezählt. Dabei ist festgestellt worden, daß in einer einzigen jungen Taube die Körner und Samen von Unkraut über 3000 zählten. Auch vertilgen die Tauben eifrig Schnecken. Der Nutzen der Tauben dürfte also ihre Schädlichkeit erheblich überwiegen. Ferner brauchen die Tauben Salz, Lehm und Mörtel, außerdem Badegelegenheit und reines Trinkwasser.

Da die Felsentauben in dunkeln Höhlen der Felsen brüten, so soll man auch den Haustauben keine hellen Brutplätze anweisen. Die Zweckmäßigkeit von Taubenschlägen und Taubenhäusern ist bereits hervorgehoben worden.

Von den Feinden der Tauben sind die Raubvögel schon genannt worden. Von vierfüßigen Räubern sind Katze, Marder, Wiesel und Ratten zu nennen.

Da die Taube die Gesellschaft liebt, so verliert man manche Taube, die sich von einem größeren Schwarm als der ihrige ist, angezogen fühlt. Es gibt Taubenhalter, die das Einfangen fremder Tauben als Besonderheit betreiben und darin Meister sind.

166. Die Rassen der Haustauben.

Die Zähmung der Felsentaube ist bereits in vorgeschichtlicher Zeit erfolgt. Der Felsentaube ähnelt noch sehr der Feldflüchter, der sich am liebsten vom Menschen freimacht und seine Nahrung auf eigene Faust sucht.

Von den zahllosen Rassen seien hier folgende angeführt. Die Trommeltauben, die Tümmler, die sich während des Fluges rückwärts überschlagen, die Perücken- und Mähnentauben, die Möwchen, die Pfautauben, die schon erwähnten Brieftauben, die Riesentauben und die Huhntauben.

Die Täubin legt gewöhnlich vier- bis achtmal im Jahre je zwei Eier, die von ihr mit Unterstützung des Täuberichs in 16 bis 18 Tagen ausgebrütet werden. Die Jungen sind Nesthocker und werden bis zur Ausbildung des Gefieders von beiden Eltern aus dem Kropfe gefüttert, in dem sich ein milchartiger Brei befindet. Da die Täubin häufig zur zweiten Brut schreitet, ehe die Jungen der ersten Brut das Nest verlassen haben, so braucht jedes Taubenpaar zwei nebeneinander befindliche Nistkästen.

Manche Haustauben werden fünfzehn Jahre alt.

Es wurde schon hervorgehoben, daß Tauben, denen keine Gelegenheit zum Ausfliegen gegeben wird, leicht erkranken. Wie bei den Hühnern zu enger Raum zu Seuchen führt, so trifft ähnliches auch bei den Tauben zu.

167. Die Tauben in Redensarten und Sprichwörtern.

Es wurde schon hervorgehoben, daß die guten Eigenschaften der Tauben gewaltig überschätzt worden sind. Auf ihre friedfertige Gesinnung nimmt der Ausdruck

Friedenstaube

bezug. Von den Tauben gelten besonders die Turteltauben als Muster für ein Ehepaar. Daher stammt die Redensart:

Sie leben wie zwei Turteltauben.

Die alten Landwirte in früheren Zeiten wollten nicht viel von der Taubenzucht wissen. Wenigstens habe ich in ihren Kreisen oft den Vers gehört: