Durch die chinesische Stadt führt der Weg; die Sonne brennt senkrecht auf die blauen Tuchblenden, die von Haus zu Haus auf schwanken Bambusstäben über die winklige Strasse gespannt sind. Müde Lastträger keuchen vor mir her und scheuchen buntschillernde scheinbar phosphorisierende Fliegen auf, die über eine süsse Melonenscheibe hergefallen sind. Noch zwei Häuser, und ich bin angelangt. Auf dem Ladenschild steht: „Berghütte für zusammengekehrtes Laub“. Das ist der Buchladen des Herrn Tschen Wai ku. Die hohen Regale mit unzähligen Bänden, deren Titel durch herausragende Papierfetzchen kenntlich gemacht sind, klettern an den zwei Wänden des engen Ladens empor. Im Hintergrund blickt man in ein Zimmer, darin zwei Lehrlinge, zwei Verkäufer und der Buchhalter gerade ihr Mittagsmahl einnehmen; sie haben lange, weichgekochte Nudeln zwischen den Esstäbchen und gurgeln sie geschickt in den Magen. Der Lehrling bemerkte mich zuerst, und er rief in den Raum: „Der Ausländer ist gekommen.“ Wem der Ruf galt, wusste ich. Bald trat die Gestalt des Herrn Tschen, die unwillkürlich an den greisen Tschang Tschi tung erinnert, aus dem Hinterzimmer in den Laden. Das Gesicht ist klein und runzelig; ein weisses Ziegenbärtchen hängt am Kinn herab. Tschen wies mir mit artigen Komplimenten den Kundenstuhl an, und er selbst nahm seinen gewohnten Sitz hinter dem Ladentisch ein. In seiner Hand hielt er einen Nephritgriff, aus dem ein halbes Dutzend Adlerfedern strahlenförmig auseinandergingen und doch ein einheitliches Ganze bildeten: einen Fächer. Herr Tschen fächelte sich Kühlung zu. Dabei fiel mein Blick auf die Rückenwand des Fächers, auf der die braunweissen Farbentönungen eine flüchtig skizzierte Gebirgslandschaft darstellten. „Ein Geschenk meines Sohnes, der in Tschekiang Beamter ist,“ sagte Herr Tschen kurz, wie das seine Art ist. Eine bessere Anknüpfung für mein Gespräch hätte ich kaum finden können; sie ersparte mir die Phrasen, ob mein Gegenüber schon gespeist habe und in seinem Glückspalast Alles wohl sei. „So, ihr Sohn ist Beamter. Er wird wohl jetzt schwierige Zeiten durchmachen müssen.“ Tschen wehrte ab. „Tschekiang ist ruhig und wird es bleiben.“ Haben sie Nachrichten von dort? Herr Tschen knisterte mit seinen dürren Fingern an der Seitentasche und zog einen zerknitterten Brief heraus. „Den hat er mir vor Kurzem geschrieben. In Tschekiang lachen die Beamten über die unreifen Hitzköpfe, die Yüan Schih kai „bestrafen“ wollen. Der lässt sich nicht bestrafen. Die Republik ist doch kein Schulhaus. Ich sah, dass Tschen Wai ku heute in der besten Laune war, über Politik zu sprechen, und hielt ihn bei der Stange. „Ich bin Ausländer, Herr Tschen, und muss bei den inneren Wirren Ihres Landes unparteiisch bleiben. Ich möchte nur Ihre Meinung über die Lage hören, um die Volksstimmung zu ergründen. Ich sehne mich nach Ihrer Belehrung.“ Herr Tschen machte eine geschmeichelte Verbeugung und fächelte. Er schob die feingesponnenen Aermel zurück, damit die dürre Haut auch ein wenig gekühlt werde.
„Ja,“ sprach er dann etwas zögernd, „was ich Ihnen heute sagen werde, klingt verschieden von dem, was ich Ihnen vor zwei Jahren gesagt habe, als es in Wu tschang losging.“ Ich erinnerte mich rasch, dass damals der alte Tschen den republikanischen Segen über Alles pries. „Sehen Sie, damals fuhr unsere Volksklasse auf zwei Schiffen. Jeder stand mit einem Fuss auf dem einen, mit dem andern Fuss auf dem andern Boot. Niemand hatte Vertrauen zu den Mandschus. Und als der Augenblick gekommen war, sprang Alles auf das Boot der „Autoritätsverwerfer“.“
„Na, so billig war die Fahrt nicht,“ warf ich etwas spöttisch ein. Herr Tschen überhörte gern die Bemerkung, da sie in ihm unliebsame Erinnerungen weckte. Wie gehörig wurde er damals um des Grundsatzes der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit willen geschröpft, und er musste schliesslich als Ausdruck seiner innern Gesinnung die neue Regenbogenflagge hissen.
„Heute fahren wir nur auf einem Schiff,“ sagte Herr Tschen sehr stolz. „Wir haben Vertrauen zu Yüan Schih kai.“
„Also haben die Hetzartikel der Kuo min tang, in denen Yüan Schih kai als Mörder, Vaterlandsverräter, Volksbetrüger usw. bezeichnet wurde, keinen Eindruck auf das Volk gemacht?“
„Nein; sie haben nur den Hass des Volkes gegen die Kuo min tang erregt. Nicht deshalb, weil gerade Yüan Schih kai der angegriffene Teil war, sondern das Volk sagte: „Wer solche ungebührlichen Ausdrücke im Mund führt, ist unehrlich.“ Das Volk rückte dadurch nur von der Partei ab, anstatt (was die Kuo min tang beabsichtigte) sich ihr zu nähern. Und schliesslich: was geht es uns arbeitende Bürger an, wenn sich Yüan Schih kai nicht genau an Das hält, was ihm einige Alleswisser vorgeschrieben haben? Ein Herrscher, der sich vom Volk in seine Geschäfte reden lässt, hat noch nie lange regiert. Jetzt wird es besser gehen; Yüan wird machen, was er will.“
„Sie haben also Vertrauen zu Yüan Schih kai, Herr Tschen?“
„Ja, das habe ich,“ erwiderte er lebhaft, „nicht nur ich, sondern Jeder unseres Volkes, der sich nach Ruhe und Ordnung sehnt. Wir vertrauen ihm besondern deshalb, weil Yüan Schih kai Chinese ist. Er kennt sein Volk, wie kein Anderer im Reich; er geht auf die Wünsche des Volkes ein, und (dabei flüsterte Herr Tschen) er kennt die Sehnsucht des Volkes.“
In der Nähe klang der Marschschritt einer Patrouille. Herr Tschen blickte etwas ängstlich auf die markigen nordchinesischen Gestalten, und dann neigte er sich über den Ladentisch und flüsterte: „Wenn man auf dem Weg redet, soll man daran denken, dass es im Gras Leute geben kann.“ Ich verstand. Tschen zog mich in das Nebenzimmer, wo seine Angestellten gerade das Mittagsmahl beendet hatten, um ihre Plätze im Laden wieder einzunehmen. Bei einer Tasse Tee sass ich Herrn Tschen nun gegenüber.
„Er kennt die Sehnsucht des Volkes?“ knüpfte ich das unterbrochene Gespräch wieder an.
„Ja,“ nickte Tschen „er weiss, dass die Masse des Volkes einen starken Herrscher will, einen Herrscher, der die edlen Güter der Nation zu wahren weiss. Wenn noch Huang Hsing ans Ruder käme, so wäre unser Volk in kurzer Zeit vernichtet.“ Hier machte Tschen eine Pause und tat einige Züge aus der Wasserpfeife.
„Huang Hsing,“ wiederholte er, indem er das Wort grimmig durch die Zähne zischte. „Noch nie hat unser Volk einen Mann so gehasst wie diesen Verräter. Er ist eine doppelzüngige Schlange. Ich erinnere mich, dass er vor etwa einem Jahr eine bescheiden unterwürfige Eingabe beim Präsidenten Yüan Schih kai gemacht hat. Er klagte darin dem „Ta tsung tung“ in heuchlerischen Worten über die traurige innere Lage; die leichtfertige Jugend erränge die Oberhand und treibe mit den edelsten Gütern des Volkes eitles Spiel. Um das Reich vor innerm Zusammenbruch zu bewahren, empfahl Huang Hsing die nachdrückliche Pflege der alten Tugenden unserer Weisen: Kindesliebe, Bruderpflicht, Treue, Anstand, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Bescheidenheit. Er erwartete von Anderen, dass sie diese Tugenden pflegen sollten; er selbst lebte auf seine eigne Weise, und er wurde ein warnendes Beispiel für unsere Jugend, dieselbe Jugend, der er Aufsässigkeit und Mangel an Tugend vorwarf. So wie Huang Hsing waren seine Anhänger, die mit ihm die Herrschaft erstrebten. Jetzt ist er im Sonnenland. Das Volk atmet auf. Es kommt sich vor, als ob der Himmel ein Opfer mit Wohlgefallen angenommen habe.“ Tschen schwieg. Ich benutzte die Pause, um mich zu verabschieden, da ich meinen Zweck erreicht und einen Blick in die Volksstimmung getan hatte. „Und wie denken Sie über die Revolution im Allgemeinen?“ fragte ich beim Gehen. Tschen wai ku sann einige Sekunden nach und sagte dann: „Konfuzius sagt: Das Meer trägt ein Boot; das Meer kann im Sturm das Boot umstürzen. Ein Herrscher, der von dem ruhigen Willen des Volkes getragen wird, bleibt oben; ein Herrscher, der das Volk zum Sturm reizt, geht verloren.“
„Und wie deuten Sie diesen Ausspruch auf die heutige Lage?“
Tschen lächelte. „Auf dem weiten Meer fährt Yüan Schih kai allein im Boot. Fern, fern am Ufer stehen Huang Hsing und seine Schwurbrüder und versuchen, mit ihren zarten Händen das grosse Meer in Wallung zu bringen. Kein Wellenschlag berührt das Boot. Yüan Schih kai lacht über die unnütze Kraftanstrengung seiner Feinde am Gestade.“