Nichts ist beständiger, als der Wechsel.“ Wenn dieses Wort irgendwo Anwendung finden kann, so passt es auf das chinesische Zeitungswesen in Schanghai. Die feste Wurzel des chinesischen Pressewesens liegt in der Schantung Road, wo fünf Zeitungen, die die alte Pekinger Regierung zwar häufig bissig verhöhnt haben, aber sie nie zu stürzen drohten, seit vielen Jahren ihre redaktionellen Zelte aufgeschlagen haben. Aber diese Zeitungen allein machen nicht die öffentliche Meinung aus. Ausser ihnen gibt es noch fünfzehn andere, und der Grund, auf dem diese stehen, gleicht einem unsichern, wandernden Moorboden. Jeder einsichtige, geschäftsmässig rechnende Chinese sagt sich, dass für zwanzig politische Tagesblätter in Schanghai kein Raum sein kann, und umso weniger, als sie ja paarweise oder zur Vieren in genau das gleiche Horn stossen. Echt chinesische Eigenbrödelei, ein falsches Komma hinter irgendeinem parteipolitischen Satz, eine stärkere Betonung eines bestimmten Parteiprogramms und die Vernachlässigung minder wichtiger Dinge, persönliche Feindschaften der hinter der Presse stehenden Männer und viele andern Gründe mehr haben bisher verhindert, dass eine Verschmelzung herbeigeführt werden konnte. Der Wettbewerb im Kampf um den Leser wird mit äusserster Spannung geführt. Jede Zeitung sucht auf irgendeinem Gebiet ihre besondere Stärke. Die eine legt sie in einen flottgeschriebenen Leitartikel, die andere in masslose Beschimpfung und Ausplauderung süsser Geheimnisse politischer Gegner; andere suchen die Gunst ihrer Leser zu gewinnen, indem sie für die Einführung der freien Liebe eintreten, andere bringen geschätzte Anekdoten unter Vermischtes oder Tagesereignisse in Karikaturen, und wieder andere wollen durch eine vornehm würdevolle, an väterliche Ermahnungen erinnernde Haltung bei Beurteilung politischer Fragen Eindruck machen. Wie gesagt, sind nur fünf dieser Zeitungen wirklich lebensfähig; die anderen werden durch starke Zuschüsse einzelner Privatkreise unterhalten, die aber aufhören zu fliessen, sobald die Geldgeber glauben, dass ihr Name genügend vervolkstümlicht sei.
Um dem bekannten dringenden Bedürfnis abzuhelfen, wurde vor einigen Monaten die einundzwanzigste Zeitung gegründet. Natürlich auf Grund einer neuen „Stärke“. Diese lag in der „Benamsung“ des neuen Presserzeugnisses. Ehe das Blatt war, war der Titel.
Der Gründer war ein Lebemann, Namens Tsang, den das von seinem Grossvater Anderen abgenommene Geld juckte, und der keinen andern Ausweg wusste, als die ihm noch übriggebliebenen vierzigtausend Dollar, die nebenbei auch zum Erkaufen der unwandelbaren Treue berückender Sängerinnen dienten, in einem Zeitungsunternehmen anzulegen. Um nicht allein sein ganzes Geld zu wagen, sah er sich nach einem Teilhaber um. Den fand er durch die Einführung eines Freundes in Gestalt des Herrn Kung. Dieser verfügte „zufällig“ über kein flüssiges Kapital, konnte aber seine Kreditfähigkeit durch Aktien eines in der tibetischen Provinz Kham gelegenen Goldbergwerks beweisen, über die aber an jenem Tage gerade keine Kursnotierung vorlag. Als Dritter im Bund gesellte sich zu Tsang und Kung ein Herr Wen, der sich mit „geistigem Kapital“ an dem Unternehmen beteiligte. Es war der Mann mit der „Idee“, derselbe, der den zugkräftigen Namen „Tung pao“ vorschlug; die Stärke lag aber eigentlich in dem gleichzeitig vorgeschlagenen, bei chinesischen Zeitungen üblichen englischen Untertitel: „The Torpedo boat“.
Herr Wen wurde neben seiner Eigenschaft als Teilhaber zum Chefredakteur bestellt. Den Ausschlag gaben bei dieser Berufung die Verdienste, die er sich um das Gelingen der Revolution erworben hatte; er wies nämlich nach, dass er bei der Belagerung von Nanking höchst eigenhändig einen Schuss aus einem alten Geschütz abgefeuert hatte, ohne dass das Rohr barst, wodurch er das gefährdete Leben der umstehenden Bedienungsmannschaft gerettet hatte. Dafür erhielt er die Rettungsmedaille. Zum Verkehr mit den führenden Regierungskreisen in Schanghai und Umgebung war das zweifellos ein wichtiger Belang. Wen wurde auch mit der Oberaufsicht der geschäftlichen Leitung betraut. Seine Umsicht konnte er schon am folgenden Tag beweisen, als es galt, bei einer Druckerei die Druckkosten der neuen Zeitung, die vorläufig in zweitausend Exemplaren erscheinen sollte, festzusetzen. Er entledigte sich seiner Aufgabe mit einer grossen Kennerschaft chinesischer gewerblicher Betriebe. Zunächst bestellte er nur tausend Exemplare. Die Druckkosten für die ungedruckten restlichen tausend teilte er brüderlich mit dem Geschäftsführer der Druckerei, der sich dafür verpflichten musste, die tägliche Rechnung auf zweitausend Stück auszustellen. Wen betrachtete diese fortlaufende Nebeneinnahme als eine angemessene Ergänzung seines monatlichen Gehalts in Höhe von hundert Dollar.
Endlich war der Vorabend des Tages gekommen, an dem „Das Torpedoboot“ zum ersten Male erscheinen sollte. Herr Wen schrieb den Leitartikel, der in Form und Inhalt alles Bisherige in den Schatten stellte. Es wäre schade, wenn seine Ausführungen der Nachwelt nicht erhalten blieben. Hier sind sie:
„Die niedere Redaktion gibt heute zum ersten Mal „Das Torpedoboot“ heraus. Weil unsere Zeitung klein von Gestalt ist, haben wir ihr diesen Namen gegeben. Es gibt in Schanghai auch grosse Zeitungen. Sie gleichen schweren, unbeholfenen Panzerschiffen, die aber den Angriffen unseres Boots auf die Dauer nicht standhalten können. Mit stets wachender Mannschaft umkreisen wir die grossen Schiffe und beunruhigen sie bei Tag und Nacht, bis ein wohlgezielter Schuss eines nach dem andern in die Tiefe gurgeln lässt. Wir nehmen den Kampf mit jedem Gegner auf, der die Rechte unseres heiss geliebten Brudervolks bedroht. Und wenn die neue Regierung die Volksrechte mit Füssen tritt, so werden wir auch gegen sie kämpfen und siegen. Je mehr uns die Allgemeinheit durch das eifrige Lesen unsers Blattes unterstützt, desto erfolgreicher vermögen wir ihre Rechte zu schützen. Wir sind erst dann kampfunfähig, wenn der letzte Schuss aus dem Rohr ist. Damit kein Munitionsmangel eintritt, bitten wir ehrerbietig um dauernde Unterstützung.“
Der Hauptgründer, Herr Tsang, war entzückt von der ersten Ausgabe. Er verweilte Stunden lang in der Redaktion und schaute fast ehrfürchtig den Chefredakteur an, der eifrig die zweite Nummer vorbereitete. Draussen vor der Redaktion hielt den ganzen Nachmittag ein Automobil, das ab und zu zur Reklame ratterte, um die wohlfundierte neue Zeitungsgründung nach aussen hin würdig zu vertreten.
So verging eine Woche. Der Eifer des Herrn Tsang liess nach. Er suchte Zerstreuung bei Fräulein „Kostbarer Edelstein“, die ihm oft bis zum frühen Morgen seine Lieblingslieder singen musste. Der Teilhaber Kung, der Mann mit den tibetischen Goldaktien, kannte den verschwiegenen Aufenthalt seines Geschäftsfreundes und besuchte ihn. Er komme im Auftrag des Chefredakteurs, der Munitionsmangel festgestellt habe und um tausend Dollar bitte. In zwei Minuten war die Bankanweisung ausgeschrieben; Kung kam öfter, etwa alle zwei Tage, und erhielt in den Weinlaunen Tsangs anstandslos das Geld.
Als Kung eines Tags den Chefredakteur Wen sah, klagte ihm dieser wirklich über Munitionsmangel. Kung als Goldgrubenbesitzer in Tibet legte rasch tausend Dollar auf den Tisch des Hauses. Das beruhigte Wen. Inzwischen liefen täglich Briefe bei der Redaktion ein, die auf die allgemeine Begeisterung hinwiesen, mit der „Das Torpedoboot“ in den mittelchinesischen Provinzen gelesen wurde. Mit diesen Briefen, die er selbst bestellt hatte, ging der Chefredakteur zu dem Hauptgründer und Lebemann Tsang und regte die Erhöhung der Auflage von zwei- auf dreitausend an. Der Vorschlag wurde genehmigt, aber wie bisher kamen nur tausend aus dem Druck; die Druckkosten für die übrigen zweitausend waren der gemeinsame Gewinn des Geschäftsführers der Druckerei und des Chefredakteurs.
Chefredakteur Wen fühlte, dass er reich wurde. Und das Alles auf Kosten des kaltblütig vor Nanking abgefeuerten Kanonenschusses. Es fehlten nur noch zehntausend Dollar, dann war er angehender Grosskapitalist. Er schrieb fein säuberlich folgenden Brief an eine hochstehende Persönlichkeit:
„Euer Hochwohlgeboren! In diesen schwierigen Uebergangszeiten ist eine charaktervolle Zeitung für die Volksaufklärung unbedingt erforderlich. Ohne Zweifel werden Sie eigene Interessen haben, die Sie in diesen Zeiten vertreten sehen wünschen. Der grösste Teil der hiesigen Presse ist Ihnen feindlich gesinnt und arbeitet auf Ihren Sturz hin. Wenn Sie Ihren einträglichen Posten weiter zu halten wünschen (ich selbst weiss, wie berechtigt die Angriffe der Ihnen feindlich gesinnten Presse sind) bin ich gern bereit, höhern Orts für Sie einzutreten. Ihre Einwilligung hierzu werde ich darin bestätigt finden, dass Sie mir bis morgen früh zehntausend Dollar überweisen.“
Man muss es der neuen Zeit lassen, dass sie in gewissen Kreisen ein merkwürdig feines Verständnis für den Wert einer „guten Presse“ entwickelt hat. Am folgenden Tag war der Chefredakteur Wen im Besitz der gewünschten Summe. So, jetzt noch einen Griff in die Geschäftskasse, und fort war er.
Da sich in Folge des plötzlichen Ausscheidens des Chefredakteurs Niemand fand, der einer solch umsichtigen Geschäftsführung gewachsen gewesen wäre, musste „Das Torpedoboot“ an sich selbst zu Grunde gehen. In einer andern Tageszeitung erschien Tags darauf eine Notiz, in der mitgeteilt wurde, dass „Das Torpedoboot“ im Kampf mit dem überlegenen Feind gerammt worden und auf der Stelle gesunken wäre. Bis heute ist es noch nicht gehoben worden.
Der Lebemann Tsang ist um eine Erfahrung reicher, und er weint seinen Schmerz jetzt beim „Kostbaren Edelstein“ aus.
Kung, der Mann mit den tibetischen Goldaktien, hat einige tausend Dollar bei der Zeitungsgründung verdient. Denn die angeblich damals vom Chefredakteur alle zwei Tage verlangten Summen hat dieser natürlich nie zu sehen bekommen.
Der Chefredakteur Wen aber sitzt im sichern Port. Er beabsichtigt, mit dem rasch verdienten Geld eine Gesellschaft für „Versicherung gegen Grossstadtgefahren“ zu gründen.