SECHZEHNTES KAPITEL.
RÜCKREISE.

Fürchterliche Hitze auf dem Rothen Meere. – Die jungen Engländer. – Herr Gessi an Bord. – Die Geschichte seines Unglücks. – Sues im Festkleid. – Chedive Tewfik. – Ankunft in Berlin.

Der von uns benutzte ägyptische Dampfer war besser als die meisten übrigen; er hatte neue Kajüteinrichtung und eine Restauration, Kapitän sowie Ober- und Untersteuermann erwiesen sich als freundlich und zuvorkommend. Durchschnittlich legte er acht Knoten zurück, was für einen ägyptischen Dampfer auf dem Rothen Meere schnell genannt werden muss. Die Hitze war jetzt viel bedeutender als auf der Hinfahrt. Die Sonne hatte den Wendekreis überschritten und sandte nun ihre senkrechten Strahlen zur Erde herab. Aber wir fuhren ja dem Norden zu und waren ausserdem von einer für die dortige Gegend ausnahmsweisen Kühle begünstigt.

Die jungen englischen Gentlemen, unter der Leitung von Mr. James als dem ältesten von ihnen, benahmen sich so liebenswürdig gegen mich, dass ich es kaum nach Gebühr hervorheben kann. Alle waren gut erzogen und, obwol noch jung – Mr. James zählte erst etwa 24 Jahre – von einem Unternehmungsgeiste, wie man ihn eben nur in der angelsächsischen Rasse findet. Da die Verpflegung an Bord doch manches zu wünschen übrigliess, nahm ich dankbarlichst die Einladung der jungen englischen Jäger an, ihr Tischgenosse zu werden. Vorzüglich ausgerüstet, mit reichlichen Vorräthen und europäischen Köchen versehen, konnten sie jeden Tag lucullische Mahle halten. Aber zu den materiellen Genüssen kamen auch geistige: sie führten eine ganze Bibliothek mit sich.

In Suakin nahmen wir Gessi an Bord. Welch Bild des Jammers! Sein Geist war anscheinend frisch geblieben, aber sein Körper bestand nur noch aus Haut und Knochen. Wie ein Gespenst sah er aus. Und das Schlimmste dabei: er konnte keinerlei Nahrung bei sich behalten!

Die mit afrikanischen Forschungen Vertrauten werden sich erinnern, dass es Gessi unter Gordon’s Generalgouvernement speciell oblag, jene Räuber und Sklavenhändler unschädlich zu machen, welche den schändlichen Menschenhandel gewerbsmässig betreiben. Auch ist bekannt, in wie energischer Weise Gessi sich seiner Aufgabe entledigte. Förmliche Schlachten schlug und gewann er. Als aber Gordon, sein Beschützer und Gönner, zurücktrat und Aegypten verliess, erbleichte auch Gessi’s Stern: alle Paschas stürzten über ihn als den grimmigsten Feind der Sklaverei her, und im alten Gleis ging es wieder. Zum Unglück traf Gessi noch, als er gerade für immer den Dienst des Chedive verlassen wollte, ein entsetzliches Unglück. Eingekeilt in einer jener grossen schwimmenden Grasinseln[161] beim Glaba Gjesdiga auf dem Bahr el Gazel des obern Nil, mit 500 Soldaten an Bord, erlagen die meisten dem Hungertode. Mag vieles rätselhaft hierbei erscheinen; mag es sein, dass Gessi, wie Spruchfähige behaupten, es an den nothwendigen Vorsichtsmaassregeln fehlen liess; dass er vielleicht bei einbrechender und eingebrochener Katastrophe nicht genug Energie und Klugheit[162] entfaltete: so viel steht immer fest, dass er absichtlich nichts verschuldete und sich um die momentane Unterdrückung des Sklavenhandels die grössten Verdienste erwarb. – Von den 500 mitgenommenen Soldaten nun erlagen 400 dem Hungertode. Die befreiten Sklaven kamen alle um. Die Zahl derselben konnte mir Gessi nicht angeben. Er theilte mir ferner mit: „Meine letzte Nahrung bestand aus Schuhen und Gewehrriemen. Von den hingestorbenen Leuten ass ich jedoch nicht. Die Soldaten boten mir eines Tags einen menschlichen Schenkel an und, vom nagenden Hunger getrieben, hätte ich beinahe davon gegessen, aber Gedärme hingen am Schenkel, das machte mich schaudern, und so widerstand ich.“ Es war entsetzlich, wenn er mit matter Stimme von seinen Leiden erzählte. Gleich nach der Ankunft in Sues erlag Gessi seiner Schwäche im französischen Hospital. Am 30. April 1881 starb er.

Als wir uns Sues näherten, sahen wir die Stadt im Festkleid: die Schiffe auf der Rhede, die beflaggten Häuser, die Ehrenpforten und Blumenkränze verkündeten ein Ereigniss: die Anwesenheit des Chedive.

Abends um 9 Uhr am 27. April wurde unser Dampfer am Steindamm des Hafens befestigt, und am folgenden Tage früh bezogen wir das schon so oft bewohnte Sues-Hotel.

Der Chedive Tewfik hatte kaum meine Ankunft vernommen, als er zu mir schickte, mit der Bitte, ihn zu besuchen. Er war zum ersten mal in Sues, nicht etwa seit seiner Regierungszeit, sondern überhaupt seit seiner Geburt. Der Chedive hatte bis dahin Kairo noch nie verlassen!

Ich gab nun noch meinen Mönch auf dem Patriarchat in Cairo ab, wo man ihn freundlich aufnahm und ihm die Möglichkeit in Aussicht stellte, in Bälde mit andern abessinischen Mönchen seine Pilgerreise nach Jerusalem fortsetzen zu können. Ich selbst reiste dann ohne Aufenthalt über Neapel der Heimat zu, traf am 15. Mai in Berlin und einige Tage später in Weimar ein. Im ganzen also hatte meine Reise nach Abessinien nur sieben und einen halben Monat gedauert.