Maltzan über die schwedische und die katholische Mission. – Anders der Verfasser. – Die Kaiser Theodor und Johannes gegen die Missionare. – Die französische Regierung daheim meist freigeistig, draussen orthodox-katholisch. – Die Engländer evangelisiren und anglisiren dann. – Die Wohnung der schwedischen und französischen Missionare. – Negus Johannes’ Unterredung mit schwedischen Missionaren. – Die abessinischen Kinder in der Anstalt. – Schutzlosigkeit der nichtenglischen und nichtdeutschen Protestanten. – Gordon unterstützte die schwedischen Missionare. – Die französische Mission in Keren. – Der Abuna der Abessinier. – Kaiser Theodor und der Abuna. – Die Kirche der französischen Mission in Tigre von den Abessiniern verbrannt.
König Theodor sagte, zuerst kommen die Missionare, dann die Consuln, endlich die Soldaten. So unrecht hatte er eigentlich nicht. Der Verlauf der ganzen Colonisationsgeschichte zeigt fast überall diese, wenn auch öfters umgekehrte Reihenfolge.
Es kann natürlich hier nicht die Absicht sein, eine Geschichte abessinischer Mission von den ersten Anfängen an zu geben. Auch nicht von den Ursprüngen der protestantischen Mission in Abessinien. Wozu auch? Man würde nur ein Bild verkehrter und verfehlter Bestrebungen entrollen, verzerrter noch dadurch, dass durch die Feindseligkeit der Protestanten und Katholiken in einem fremden Lande die Bewohner daselbst keineswegs den vorteilhaftesten Eindruck vom europäischen Christenthum erhalten.
Die schwedische Mission begann ihre Thätigkeit gleich nach Beendigung des britischen Feldzugs. Der ursprüngliche Zweck war auf die Evangelisirung Abessiniens gerichtet; aber ins eigentliche Land der Monophysiten sind sie nie gekommen. Ohne Schutz einer weltlichen Macht, mit Mühe gegen die Plackereien der sonst in religiösen Dingen so duldsamen ägyptischen Regierung sich wehrend, haben sie nicht einmal sich von der Küste loszumachen vermocht. Und doch ist die schwedische Missionsanstalt diejenige, welche am meisten unsere Bewunderung und Achtung verdient!
Das ist freilich nicht die Meinung aller. Selbst Maltzan[61], wol aber nur durch Munzinger beeinflusst, welcher als französischer Consul eine protestantische Mission natürlich mit nicht wohlwollenden Blicken ansah, fällt das wegwerfendste Urtheil:
„Gern hätte ich diesen Gesprächen[62] auch den Nachmittag gewidmet, aber leider wurde mir dieser verdorben, und zwar durch die Ankunft eines schwedischen Missionars, gewiss des unwissendsten und bornirtesten Menschen, der je nach Afrika geschickt wurde, um ‚Heiden zu bekehren‘. Schweden besitzt nämlich eine Mission in Massaua, in deren Gründung und Statuten es alle andern Missionen an Ungeschicklichkeit übertrifft. So besteht hier die Bestimmung, dass ein Missionar nur drei Jahre in Afrika bleibt; hat er es hier so lange ausgehalten, so bekommt er zur Belohnung eine fette Pfarrei in Schweden. Nun sind aber drei Jahre das Minimum, welches ein Missionar an Zeit braucht, um sich in dem hiesigen Sprachenchaos zurechtzufinden. Also kommen diese Missionare gerade dann fort, wenn sie vielleicht anfangen, leistungsfähig zu werden. Die hiesigen Schweden sind übrigens so schwerfällig, dass sie noch viel längere Zeit bedürften, um sich zu wirklichen Leistungen zu befähigen. Mit der Sprache unbekannt, in ihrer nationalen Exclusivität sich streng abschliessend, haben diese Leute auch fast mit niemand Umgang, mit ‚Heiden‘, die es in Massaua nicht gibt, natürlich auch nicht. Sie leben also hier ein gemüthliches Stillleben, halten Betstunden, schreiben erbauliche Briefe nach Schweden, und damit ist wahrscheinlich den dortigen frommen Seelen gedient u.s.w.“
In anderm Sinne äussert sich aber Maltzan über die katholische Mission[63]: „Ganz anders ist dagegen der Eindruck, welchen die katholischen Missionare machen. Diese schlauen Mönche sind zwar überall gehasst und gefürchtet, aber sie fassen trotzdem doch Fuss. Jagt man sie fort, so kommen sie auf Schleichwegen zurück und erobern bald wieder ihr altes Praestigium. So ging es neulich in Tigre, dessen Fürst Dedschatsch Kassa (der jetzige Kaiser Johannes), ein fanatischer Monophysite (bekanntlich die äthiopische Heterodoxie), sämmtliche katholische Priester fortgejagt hatte. Und siehe da! jetzt sind sie wieder im Besitz aller ihrer verlorenen Stationen und sollen bereits elf Dörfer ‚bekehrt‘, d.h. vom Monophysitismus zum römischen Katholicismus gebracht haben. Diese Priester sitzen aber nicht müssig wie die Schweden, welche nichts anderes zu thun zu haben scheinen, als den ganzen Tag Orgel zu spielen, zum grossen Skandal der Moslems, denen dies ‚Bimbaumbimme‘ gar nicht gefallen will.“
Es ist kaum zu begreifen, wie Maltzan ein so vorurtheilsvolles Urtheil über die schwedischen Missionare hat fällen können. Die Schweden sind allerdings keine wissenschaftlich gebildeten und grossen Gelehrten, aber sie „unwissend“ und „bornirt“ zu nennen, ist geradezu eine Unwahrheit. Die schwedischen Missionare bleiben nicht drei Jahre in Massaua, sondern meistens lebenslänglich. Die schwedischen Missionare sind fast alle der amharischen Sprache mächtig, auch ihre Frauen. Von vielem Orgelspiel der Schweden habe ich nichts vernommen, obschon ich nicht einige Tage, wie Maltzan, in Massaua verweilte, sondern mehrere Wochen in der Nähe der protestantischen Mission in Hotumlu lagerte. Und wenn auch, welches Unrecht läge daran? Jedenfalls würden die Moslemin auch kaum etwas dagegen sagen. Viel richtiger ist aber, was von Maltzan über die Katholiken oder Franzosen sagt. Denn beide Namen, wir können das nicht genug betonen, decken sich im Orient, sobald es sich um Missionare handelt. Erst im vergangenen Sommer wurden sie wieder aus Abessinien verjagt; wer zählt zum wievielten male!?
Der eingangs erwähnte König Theodor hat in der That recht gehabt. Er liess Missionare in sein Land kommen, aber er gebrauchte sie – die protestantischen wenigstens – zur Fabrikation von Pulver und Kanonen; er empfing Consuln, aber er sperrte sie ein; er gab Veranlassung, dass eine feindliche Armee sein Land überschwemmte, und, besiegt und gedemüthigt, gab er sich den Tod! Es liegt also in der That etwas Wahres im Ausspruch des abessinischen Monarchen. Hat er doch an sich selbst die Erfahrung gemacht und als Held der blutigen Tragödie mit dem Opfer seines Lebens die Richtigkeit seiner Worte besiegelt. Auch sein Nachfolger, der Kaiser Johannes, hat über Missionare und ihre Thätigkeit, soweit es Abessinien betrifft, dieselben Ansichten. Ja, er beruft sich in dieser Angelegenheit ausdrücklich auf die Meinung und die Aussprüche seines Vorgängers.
Und speciell auf Abessinien angewandt, lässt sich ja kaum bestreiten, dass hinsichtlich des Glaubens ein Fernbleiben europäischer Missionare nur geboten erscheint. Die Abessinier sind doch Christen, wie der jetzige Negus Negesti ganz richtig betont. Und ob ihr Glaube, der Monophysitismus, der richtige ist oder nicht, wer würde das mit Bestimmtheit zu behaupten wagen? Ein vernünftiger Mensch sicher nicht. Hat man denn in Europa schon angefangen zu entscheiden, welche Religion die richtige sei? Verfluchen nicht die Katholiken die Protestanten? Fragt man die Träger der Religion, die Geistlichen, dann ist nur Heil in ihrer resp. Kirche. Aber wenn man z.B. sieht, dass die Mehrzahl der aufgeklärtesten Nationen: die Deutschen, Engländer, Schweden, Dänen, Holländer, der protestantischen Religion angehören, dass aber die protestantische Religion vom Haupte derjenigen Kirche verdammt wird, welche bei Völkern herrscht, die auf einer bedeutend tiefern Stufe der Cultur stehen, sollten einem da nicht berechtigte Zweifel erlaubt sein an der Urtheilsfähigkeit solcher Menschen, die sich freilich als von Gott besonders inspirirt hinstellen? Schliesslich dreht sich doch alles nur um Herrschergelüste: Wenn du so glaubst, wie ich, sagt der Katholik, dann wirst du selig. Wenn du so glaubst, wie ich dir die Bibel auslege, dann kommst du in den Himmel, sagt der Protestant, u.s.w. Was ist nun das Richtige? Niemand weiss es, und der vernünftige Mensch hat auch heute weder Zeit noch Bedürfniss, darüber nachzudenken.
Abgesehen von der französischen Regierung, welche im Orient als das weltliche Schwert des Nachfolgers Petri gilt, ist daher auch keine einzige Regierung für die Sache der Missionare beim äthiopischen Herrscher eingekommen. Frankreich gilt, wie gesagt, als Beschützer der Katholiken im Orient. Und wenn auch ab und zu die französische Regierung im Lande selbst Voltaire’sche Freigeisterei treibt, so huldigt sie im Auslande und namentlich im Orient nicht nur dem orthodoxesten Katholicismus, sondern trägt sogar mit Vorliebe den Propagandisten des Glaubens die Schleppe.
Früher, und in vielen Ländern und Gegenden noch heute, hatte England in ähnlicher Weise den Protestantismus im Auslande vertreten. Und was England durch die protestantischen Missionare gewann, braucht kaum hervorgehoben zu werden. In der That verhielt es sich so, wie König Theodor es sagte. Die Missionare, und es waren ebenso viele deutsche, wie englische, erwiesen sich überall als die Pionniere der grossbritannischen Colonien. Sie evangelisirten und bald darauf anglisirten sie die Länder. Die Begriffe Protestantismus und Britisch fingen an sich zu decken. Die deutschen Missionare verleugneten ihre Heimat, sie nannten sich mit Vorliebe Briten.[64]
Sollen wir ihnen einen Vorwurf daraus machen? Nein! In jener schmachvollen kaiserlosen Zeit konnten die deutschen Missionare nicht anders handeln. Fielen die Erfolge ihrer Bestrebungen einer andern Nation in den Schos, so war es nicht ihre Schuld. Wer im Vaterlande wollte sie dafür verantwortlich machen? Sollten sie etwa Länder christianisiren für Reuss Greiz, Schleiz, Lobenstein und für diese Weltmächte in Beschlag nehmen? War selbst Preussen zu der Zeit im aussereuropäischen Auslande geachteter als etwa Oldenburg oder die Hansestädte?[65]
Wir bekannten vorhin offen unsere Meinung, dass die Entsendung von Glaubensmissionaren nach Abessinien nicht schicklich und namentlich auch deshalb unrecht sei, weil die Regierung dieses Landes das Missionswesen unter den Einwohnern verboten habe. Schliesslich müssen doch immer die Gesetze eines Landes und nicht die religiösen Vorschriften die oberste Richtschnur bilden für die, welche darin leben. Es würde absolut unmöglich sein für die menschliche Gesellschaft, heutzutage blos nach religiösen Vorschriften zu leben. Selbst in Abessinien thut man das nicht. Und alle Völker, welche sich eine Zeit lang nur nach religiösen Stimmungen oder Bestimmungen richteten, sind daran bald zu Grunde gegangen. Wenn wir aber in Europa die Befolgung der Gesetze unserer Länder für alle verbindlich machten, so sollte man diese Forderung billigerweise auch für andere Länder berücksichtigen. Das haben denn auch die Schweden begriffen, denn wenn sie sich auch Eingang in Abessinien zu verschaffen suchten, thaten sie es doch immer offen, nie heimlich.
Die Missionsanstalt der Schweden, deren Existenzmittel durchaus aus privaten schwedischen Zuschüssen beschafft werden, besitzt ein geräumiges, äusserst zweckmässig eingerichtetes Gebäude auf der Grenze zwischen Hotumlu und Mkullu, welche zwei Ortschaften, wie schon erwähnt, am Festlande gegenüber Massaua gelegen sind. Die von Höfen und Gartenanpflanzungen umgebene Wohnung kann für dortige Verhältnisse luxuriös genannt werden, obschon sie nach deutschen Begriffen viel zu wünschen übriglässt. Jedenfalls ist die schwedische Mission in Massaua und Umgegend das besteingerichtete Gebäude, das an Zweckmässigkeit selbst das nicht unschöne Regierungspalais übertrifft. Dicht neben der schwedischen Mission haben die Franzosen ein unansehnliches Häuschen, dessen Vorzug aber darin besteht, dass es in einem wahren Hain von Lawsonien und Parkinsonien liegt, welche ehedem vom englischen Consul Plowden angepflanzt wurden. Mit ihren frischen immergrünen Blättern entzücken sie das in jener Gegend durch Baumüberfluss nicht verwöhnte Auge. Die eigentliche Hauptmission der französischen Lazaristen befindet sich jedoch in Massaua selbst. Der Boden wurde der schwedischen Mission von Gordon Pascha bewilligt. Gegründet 1870, hatten die Schweden anfangs auch landeinwärts Anstalten, zogen sich aber zurück, als sie vom Negus Befehl erhielten, ihre Missionsthätigkeit in Abessinien einzustellen. Selbst die nahe Station auf einem Hügel bei der heissen Quelle von Ailet verliessen sie, um in jeder Beziehung den abessinischen Vorschriften zu genügen. Ein von der Mission 1879 gemachter Versuch, durch Absendung von Geschenken, die ein Missionar nach Debra Tabor überbrachte, den Negus geneigter zu stimmen, scheiterte vollkommen. Vielleicht war der Ueberbringer der noch dazu dürftigen Geschenke nicht die geeignete Persönlichkeit.
Nach der üblichen Begrüssung fragte ihn der abessinische Herrscher: „Weshalb sind Sie eigentlich gekommen?“ – „Um mit höchster Erlaubniss die christliche Religion lehren zu dürfen.“ – „Aber wir sind ja alle Christen.“ – „Wir wollen auch nicht die christlichen Abessinier bekehren, sondern die Falascha (die Juden).“ – „Habt ihr denn in Schweden und Europa keine Juden?“ – „O ja, aber es gibt dort Geistliche genug, um sie zu bekehren.“ – „Aber wie seid ihr denn eigentlich hierhergekommen, welche Länder habt ihr durchzogen?“ – „Wir kamen durch Europa und dann durch Aegypten.“ – „Ei, welcher Religion gehören denn die Aegypter an?“ – „Der mohammedanischen.“ – „Dann bleibt doch lieber dort, um die Aegypter und Türken zu bekehren, statt nach Abessinien zu kommen, wo wir alle Christen sind. Vor allen Dingen lasst es euch angelegen sein, dass das Land und die Stätte, wo unser Heiland lebte und gekreuzigt ward, dass Palästina und Jerusalem christlich werde.“ – Sich mehr und mehr erwärmend fuhr der Negus fort: „Die christlichen Franzosen, Engländer und Deutschen prahlen immer mit ihrer Macht, und dass es eine Kleinigkeit sei, die Türken zu verjagen, aber warum lassen sie denn die Ungläubigen im Besitze der heiligen Stätten? Nur Russland und ich kämpfen fortwährend gegen die Mohammedaner, und hoffentlich werden wir uns einst in Jerusalem die Hand reichen.“[66] – Natürlich konnte der schwedische Bruder hierauf nichts erwidern. Dem Negus die Sache auseinanderzusetzen, dass sich die schwedische Mission gar nicht mit Glaubensangelegenheiten befasse, sondern nur den Kindern Unterricht ertheile in Lesen, Schreiben, Geographie, Geschichte, nützlichen Handwerken und Künsten, daran dachte er wol nicht, oder der Negus hatte nicht weiter Lust, ihn anzuhören, kurz, der Missionar musste unverrichteter Sache wieder abziehen.
Dennoch bin ich überzeugt, dass, wenn jemand den Negus Negesti klar und ruhig über die Thätigkeit der schwedischen Mission in Kenntniss setzte, würde er gewiss gerade diesen Brüdern und Schwestern den Eintritt in Abessinien gestatten.
Will er doch Fortschritt für sein Volk insofern, als er nach mit Aegypten abgeschlossenem Frieden sein Land europäischen Künstlern und Handwerkern öffnen will. Warum sollte er diese Oeffnung nicht erleichtern durch die von der schwedischen Mission begonnenen Vorarbeiten? Trotz dieses Miserfolgs hat die schwedische Mission an der Grenze des Landes ihre Thätigkeit nicht eingestellt, und wir glauben bestimmt, dass schon nach wenigen Jahren der ausgestreute Same seine Früchte tragen wird. In der von dem Bruder Lundal und seiner Frau, sowie von drei bis vier andern verheiratheten Missionaren geleiteten Anstalt (wir lernten auch eine sehr feinfühlige, aus Nürnberg gebürtige Dame kennen) werden augenblicklich gegen 150 abessinische Kinder erzogen. Es ist eine Freude, zu sehen, wie die kleinen Wesen, vom zartesten Alter an bis zu 12 und 15 Jahren, gedeihen und wachsen. Alle Abstufungen der Hautfarbe von gelb zu schwarz sind vertreten. Ausser höhern Fertigkeiten im Lesen, Schreiben, Rechnen u.s.w. muss jedes Kind irgendein Handwerk oder eine Kunst erlernen. Hier werden die Mädchen im Stricken, Sticken, Nähen unterrichtet, dort sieht man Knaben schustern, drechseln u.s.w. Alle sind reinlich und europäisch gekleidet, und dass die Ernährung eine vorzügliche und dem Klima angepasste ist, braucht wol kaum gesagt zu werden. Eine mit einer kleinen Orgel versehene Kapelle im Missionshause selber dient dazu, in den Abessiniern das Gefühl und die Liebe für die christliche Religion wachzuhalten.
Ausser der amharischen Sprache erlernen die Kinder das Schwedische. Es scheint uns dies aber ein grosser Fehler zu sein, da sie fürs spätere Leben diese Sprache gar nicht verwerthen können. Weshalb lehren sie den Kindern nicht die deutsche Sprache, da jeder Missionar doch deutsch versteht? Oder englisch? Von den Reisenden, welche nach Abessinien kommen, gehört die Hälfte der deutschen Nation an. Zur Zeit König Theodor’s waren fast alle Europäer in Abessinien Deutsche, wenn auch die Missionare, wie wir gesehen haben, es liebten, sich Engländer zu nennen.
Jetzt aber möchten wir doch noch der Schutzlosigkeit der Protestanten erwähnen, sobald sie nicht der englischen oder deutschen Nation angehören. So die schwedische Mission. Die Missionare wagen es nicht, mit ihren Beschwerden den schwedischen Generalconsul in Alexandria anzugehen, weil sie wissen, dass er nicht die Macht hat, ihren Klagen abzuhelfen, vielmehr diese nur dazu dienen, ihnen noch grössere Unannehmlichkeiten zu bereiten. So liess der Gouverneur Alla ed din zu Massaua im December vorigen Jahres einen Diener der schwedischen Mission, einen christlichen Abessinier, derart prügeln, dass dieser zeitlebens ein Krüppel bleibt. Man wollte von ihm durch Prügel das Geständniss erpressen, er habe Zündhütchen nach Abessinien eingeschmuggelt. Die Sache war erlogen, wie sich später herausstellte, aber den Diener der Schweden konnte man damit nicht wieder gesund machen. Eine Genugthuung zu fordern wagten die Schweden nicht. Herr Lundal hat nie darüber an den schwedischen Generalconsul berichtet. Dadurch würde ihre Lage nur noch schlimmer, meinte er.
Friedrich Wilhelm IV. schuf 1841 im Verein mit der Königin Victoria das Bischofthum Jerusalem. Das eine mal wird der protestantische Bischof von Preussen, das andere mal von England ernannt. In Jerusalem also haben die Protestanten Schutz, und zwar die Protestanten aller Völker. Für damalige Zeiten konnte Preussen nicht mehr thun. Ausserhalb Jerusalems waren die Preussen ebenso schutzlos, wie die Holländer[67] und Schweden es jetzt sind. Katholiken irgendeiner Nation sind nie ohne Schutz gewesen; kamen sie in Noth, so wandten sie sich einfach an den officiellen Beschützer der katholischen Kirche im Orient: an den französischen Vertreter, der überall im Orient zugleich Protector der römischen Kirche ist, namentlich seitdem der Heilige Vater aufgehört hat weltlicher Fürst zu sein, also auch keine Consuln im Auslande unterhalten kann.
Wäre es aber nicht zeitgemäss, dass das mächtige deutsche protestantische Reich sich mit dem weithin herrschenden protestantischen britischen zum Schutze solcher Protestanten vereinbarte, welche im Ausland auf ihre eigene Regierung nicht zählen können? Jene beiden protestantischen Mächte haben ja in Jerusalem einen gemeinsamen Bischof! Warum sollten sie nicht auch in andern Orten und Ländern ihre Vertreter beauftragen, überhaupt die Protestanten, also auch die schwedischen, in Schutz zu nehmen?
Als Gordon Generalgouverneur war, welcher ihnen ja auch jenes Grundstück überwies, auf dem heute ihr so zweckmässig eingerichtetes Gebäude steht, hatten die schwedischen Missionare nicht das mindeste zu fürchten. Gordon in seinem grossen Rechtssinne, mit seinem durch und durch religiösen Gemüth unterstützte in jeder Weise ihre Bestrebungen. Aber seit er von der Statthalterschaft abtrat, werden die schwedischen Missionare oft in unverantwortlicher Weise mit kleinen und grossen Plackereien behelligt. Die ganz grundlosen Mishandlungen ihres abessinischen Dieners erzählten wir. Der katholische Consul thut natürlich nichts für die protestantischen Missionare; er würde wol einschreiten, wenn es ihnen ans Leben ginge; aber übrigens sie zu schützen, hält er nicht für geboten.
Was die französische Mission anbetrifft, so haben wir der in Massaua und Hotumlu befindlichen Filiale schon gedacht.
In Keren dagegen oder vielmehr in Senhit besitzen die Katholiken eine so grossartige Anstalt, dass derselben ein Bischof vorsteht. Auch sie beschäftigen sich hier mit Kindererziehung, wohl wissend, dass, wer die Kinder, die Jugend hat, einst Gebieter der Erwachsenen ist. Aber nebenbei betreiben sie auch Glaubensmission und verfehlen nicht, sich gelegentlich in die Streitereien zwischen Abessiniern und Aegyptern, oder zwischen abessinischen Parteien einzumischen. Wenn letztere üble Angewohnheit nicht wäre – und sie ist nur dem Umstande zuzuschreiben, dass die katholischen Missionare Franzosen sind, welche es nie unterlassen, himmlische Angelegenheiten mit irdischen zu verquicken – dann würde, unserer unmassgeblichen Meinung nach, beim abessinischen Volk der Katholicismus leicht Eingang finden. Bei der Regierung, bei einem Negus Negesti nie.
Beim Volke deshalb, weil der katholische Cultus mit dem abessinischen äusserlich die grösste Aehnlichkeit hat. Derselbe Mariendienst, dieselbe Bilderanbetung, dasselbe Fasten, dieselben Aeusserlichkeiten, besonders dieselbe Sündenvergebung für Geld. Aber bei der Regierung scheiterte die Einführung der römischen Kirche immer an der Erwägung, dass man alsdann ein fremdes Oberhaupt anerkennen müsse. Eigenthümlich. Hier besteht ein scheinbarer Widerspruch.
Die Abessinier müssen nämlich, altem Herkommen gemäss, ein fremdes Oberhaupt für ihre Kirche haben, kein geborener Abessinier darf Abuna sein. Kein Negus Negesti will aber den Papst als Oberhaupt der Kirche anerkennen. Die Sache erklärt sich, wenn man bedenkt, dass der fremde Abuna im Lande selbst residiren muss. Dadurch wird er gewissermassen zum Abessinier. Und wenn auch der koptische, mit ausserordentlicher Gewalt ausgestattete Abuna, wie der Heilige Vater, lösen und binden, die schwersten Verbrechen durch ein einziges Wort entsündigen und durch ein einziges Wort denjenigen, welchen er hasst, verderben kann, so muss man doch immer bedenken, dass er schliesslich in der Hand eines energischen Negus auch weiter nichts als ein gefügiges Werkzeug ist.
Man erinnere sich des geschichtlichen Vorgangs, dass der vor öffentlicher Versammlung vom Abuna für verdammt und vogelfrei erklärte Kaiser Theodor eine Pistole auf den Abuna richtete, mit den Worten: „Lieber Vater, gib mir deinen Segen!“ – Der Abuna hatte angesichts der ihm drohenden Kugel nichts Eiligeres zu thun, als seinen Segen zu ertheilen. Diese Inderhandhabung des Abuna ist ein grosser Vortheil für den Negus oder dessen Regierung, denn in Abessinien ist Negus und Regierung ein und dasselbe.
Der Protestantismus wird sich aber am wenigsten durch Bekehrung Eingang verschaffen, weil seine Anschauung und die der Abessinier grundverschieden sind. Die Abessinier warfen den Protestanten vor, dass sie Maria hassen, nicht fasten, nicht beichten, nicht die Heiligen verehren; sie nennen die Protestanten schlechtweg „Mariahasser“. Weder Katholiken noch Protestanten haben in Abessinien nennenswerthe Erfolge aufzuweisen. Beide Missionen versuchten es daher mit Kindererziehung, und jeder, auch der Gegner von Missionsthätigkeit, wird ein solches Vorgehen nur billigen. Während aber die Schweden, die Gesetze des Landes achtend, ganz von der Glaubensverbreitung abstanden, lässt sich dies von den Franzosen nicht sagen. Nicht nur, dass Bogos und Mensa[68] fast ganz zum Katholicismus bekehrt sind, suchen die Franzosen auch in Hamasen fortwährend Proselyten zu machen. Und wenn sie auch noch so oft vertrieben, ausgeplündert und eingekerkert werden, mit echt römischer Zähigkeit kehren sie stets wieder. „Man muss Gott (d.h. hier der römischen Kirche) mehr gehorchen als dem Menschen“, ist ihr Motto, und damit gehen sie vorwärts.
So ist es denn auch im Sommer 1881 wieder zu argen Auftritten gekommen. In einem kleinen Orte der Provinz Agame (in Tigre), welchen die Franzosen St.-Etienne nannten, besassen sie eine Gemeinde von ca. 400 Seelen, denen vier Brüder vom Lazaristenorden, wie alle französischen Missionare in dieser Gegend, vorstanden. Es scheint nun, ob erwiesen oder nicht ist ganz gleichgültig, dass die Missionare einen Rebellen, den Dedjadsch Hagus, mit Geld und Pulver unterstützt hatten. So behaupteten wenigstens die abessinischen Behörden. Dafür wurde vom Generalgouverneur der Provinz Plünderung des Ortes anbefohlen. Der Ballata, d.h. der Districtsgouverneur, liess indess den Geistlichen sagen, für ihre Person hätten sie nichts zu fürchten. Die Soldaten jedoch, nachdem sie den Ort geplündert, drangen in die Kirche, nahmen die Altargeräthe weg, entkleideten den von Keren herbeigeeilten Bischof, Monseigneur Touvier, und liessen ihm nur sein Flanellhemd und seine Beinkleider. Ebenso verfuhren sie mit den übrigen Geistlichen, und einer der Brüder, in den Augen der Abessinier wahrscheinlich der am meisten schuldige, wurde gefangen fortgeschleppt. Die übrigen abessinischen katholischen Geistlichen, welche man fesselte, erduldeten sicherlich wegen ihres Uebertritts von der monophysitischen zur römischen Kirche eine harte Strafe. Auch Monseigneur Touvier und die übrigen Lazaristen liess man keineswegs gleich wieder los. Nein, ihre abessinischen Diener, sogar die eingeborenen Frauen, welche für sie Brot buken, sassen eine Zeit lang in Gefangenschaft. Das ganze Dorf sammt dem Gotteshause übergab man den Flammen. Herrn Raffray, dem französischen Consul, gelang es allerdings, schon im Verlaufe des Sommers die Freilassung seiner Landsleute vom Negus Negesti zu bewirken, aber dieser Vorfall war die Ursache seiner so unfreundlichen Aufnahme. Und von einer Genugthuung oder gar von einer Geldentschädigung wird nie die Rede sein, was auch französische Blätter darüber berichten mögen. Genugthuung kann Frankreich[69] sich nicht verschaffen, und eine Geldentschädigung kann der Negus nicht leisten, und wenn er könnte, würde er es nicht wollen. Frankreich hat sich durch die Einmischung seiner katholischen Missionare schon oft grosse Unannehmlichkeiten bereitet, ohne dass es Genugthuung erlangen konnte. Aber andererseits zog es auch häufig genug Vortheile aus seinem Missionswesen. Die französischen Missionare, so sehr sie auch ihre Arbeit für das Reich Gottes betonen, sind und bleiben bis zu einem gewissen Grad immer national. Besonders die englischen Missionare nehmen zuerst immer die Interessen ihres Landes wahr und dann diejenigen Gottes. Mögen sie auch das Gegentheil behaupten, die Geschichte bestätigt unsere Behauptung. Noch einmal also: man verzichte auf jede Glaubensbekehrung in Abessinien. Dagegen pflege man aufs eifrigste die Kindererziehung. Jeder Unparteiische wird darin nichts Feindliches gegen Missionare erblicken. Nur durch systematische geistige und körperliche Kindererziehung erreicht man seinen Zweck.
Nicht auf den Glauben an den Papst, nicht auf den Mariencultus kommt es an, sondern in erster Linie auf die Liebe zu Gott und allem Guten, auf die Liebe zu rüstiger, sich und andere belebender und erquickender Arbeit. Erreichen das die Missionare, was wollen sie mehr?