Title: Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten
Author: Nikolai Vasilevich Gogol
Editor: Otto Buek
Translator: Ullrich Steindorf
Release date: January 31, 2018 [eBook #56475]
Language: German
Credits: Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
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Digital Library
Nikolaus Gogol
Briefwechsel II
Nikolaus Gogol
Sämmtliche Werke
In 8 Bänden
Herausgegeben
von
Otto Buek
Band 8
München und Leipzig
bei Georg Müller
1914
Nikolaus Gogol
Zweiter Teil
Hans Küchelgarten
München und Leipzig
bei Georg Müller
1914
Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für Ihren Brief und die zahlreichen Mitteilungen danken soll, die er enthält, liebster, bester Arkadij Ossipowitsch. Wenn ich häufiger das Glück hätte, solche Briefe zu erhalten, selbst wenn sie nicht von solch herzlicher Teilnahme und Liebe zu mir erfüllt wären, müßte ich schon längst viel klüger sein, als ich es jetzt bin. Aber was soll ich tun, wenn es mir durchaus nicht gelingen will, jemand in irgendeiner Weise davon zu überzeugen, daß ich wissen muß, was man über mich spricht, daß das die einzige Gelegenheit für mich ist, etwas zu lernen, kurz, daß es einen Menschen gibt, dem man die Wahrheit sagen muß, so hart und bitter sie auch sein mag, und für den selbst die harten und rohen Worte, wie sie nur dem Haß und der Lieblosigkeit entspringen, ein Bedürfnis sind? So war denn auch einer der Gründe, der mich dazu bestimmte, meine Briefe herauszugeben — das Bedürfnis, zu lernen, und nicht etwa das — andere zu belehren. Da man jedoch einen Russen nicht anders zum Reden veranlassen kann, als dadurch, daß man ihn erzürnt und ungeduldig macht, so habe ich beinahe mit Vorbedacht eine Reihe von Stellen in den Briefwechsel aufgenommen, die die Menschen durch ihren arroganten Ton verletzen und an ihrer empfindlichsten Stelle treffen mußten.
Ich kann Ihnen allen Ernstes versichern: ich leide außerordentlich darunter, daß ich sehr viele Dinge nicht kenne, die ich unter allen Umständen kennen müßte; ich leide darunter, daß ich eigentlich gar nicht weiß, was heutzutage die Menschen aller Berufsarten, Ämter und aller Bildungsstufen in Rußland darstellen. Alles, was ich hierüber bisher unter einem ungeheuren Aufwand von Mühe ermitteln konnte, ist nicht ausreichend, wenn meine „Toten Seelen“ das werden sollen, was sie eigentlich sein sollten. Das ist der Grund, weswegen ich so sehr danach dürste, zu erfahren, was die Menschen aller Klassen mit Einschluß der Bedienten und Lakaien über mein gegenwärtiges Buch sagen — nicht eigentlich im Interesse meines Buches selbst, sondern weil sich der Beurteiler mit seinem Urteil über das Werk am besten charakterisiert. Aus einem solchen Urteil kann ich sofort entnehmen, was er selbst für ein Mensch ist, auf welchem Niveau geistiger Bildung er steht, wie es in seiner Seele aussieht, ob er von Natur ein schlichter und gütiger Mensch oder unwissend und korrumpiert ist. Mein Buch kann mir in gewisser Beziehung als Probierstein dienen, und glauben Sie mir, daß Sie es sich heutzutage an keinem anderen Buche so deutlich zum Bewußtsein bringen können, wie an diesem, was der Russe von heute für ein Mensch ist. Ich kann es nicht leugnen, ich hoffte auf einzelne Leute, die an gewissen Gebrechen leiden, einen wohltätigen Einfluß auszuüben, ich hatte erwartet, daß sich mehr Stimmen zu meinen Gunsten äußern würden, als das wirklich der Fall war, und es war bitter, ja sogar sehr bitter für mich, vieles mitanhören zu müssen. Aber wie danke ich Gott heute dafür, daß es gerade so und nicht anders gekommen ist! Ich sehe mich jetzt unwillkürlich genötigt, viel strenger gegen mich zu sein, ich habe jetzt die Möglichkeit, auch die Menschen weit besser und genauer kennen zu lernen, und bin endlich in der Lage, mir eine richtigere Ansicht von ihnen zu bilden. Was aber den Umstand betrifft, daß meine Persönlichkeit hierbei Schaden gelitten hat (ich muß es Ihnen gestehen; ich brenne noch heute vor Scham, wenn ich daran denke, wie anmaßend ich mich an vielen Stellen ausgedrückt habe: fast à la Chlestakow), so muß man doch immer Opfer bringen. Ich brauchte eine solche öffentliche Ohrfeige, ja ich hatte sie vielleicht nötiger als irgendein anderer. Aber es kommt darauf an, die Gelegenheit zu ergreifen und aus den Umständen Nutzen zu ziehen: Gott hat plötzlich einen ganzen Haufen von Schätzen vor mir ausgeschüttet, so daß ich mit beiden Händen danach greifen muß, wenn ich sie bergen will. Wenn Sie mir etwas wahrhaft Gutes tun wollen, etwas, dessen nur ein Christ fähig ist, dann lesen Sie diese Kostbarkeiten für mich auf, wo Sie sie immer finden mögen. Es wäre Ihnen ein leichtes, sich täglich etwa in Form eines Tagebuches ein paar Aufzeichnungen zu machen wie z. B. die folgenden: „Heute habe ich den und den, die und die Meinung äußern hören; über das Leben dieses Menschen ist folgendes bekannt, er hat einen solchen Charakter“ (kurz, Sie könnten mir in flüchtigen Zügen ein Bild von ihm entwerfen). Ist dagegen nichts über ihn bekannt, so schreiben Sie: über sein Leben kann ich nichts in Erfahrung bringen, ich glaube aber, daß er das und das ist; äußerlich macht er einen guten und anständigen (oder unanständigen) Eindruck; er hält seine Hände so; schneuzt sich folgendermaßen; er schnupft Tabak und zwar in folgender Weise; kurz, Sie dürfen keinen Zug vergessen, der Ihnen ins Auge fällt, vielmehr sollen Sie jeden wichtigen ebenso wie jeden geringfügigen Umstand sorgfältig buchen.
Glauben Sie mir, das ist keineswegs langweilig. Hierzu bedarf es weder eines bestimmten Planes, noch braucht es in einer bestimmten Ordnung und Reihenfolge zu geschehen: man wirft bloß zwei, drei Zeilen aufs Papier, ehe man daran geht, sich zu waschen. Ich bin sogar überzeugt, daß dies eine angenehme Beschäftigung für Sie sein wird, weil Sie stets das schöne Bewußtsein haben werden, daß Sie das für einen Menschen tun, der Sie inniglich liebt, und dem Sie damit eine Freude bereiten; eine so große Freude, wie sie ein Kind empfindet, das an einem Festtag sein Lieblingsspielzeug zum Geschenk erhält. Was soll ich machen, wenn dies Spielzeug — das wenigstens von anderen Leuten nur für ein Spielzeug gehalten wird — in meinen Augen nichts weniger als ein Spielzeug ist; es ist sogar so wenig ein Spielzeug, daß, wenn ich nicht genug von diesen Spielzeugen geschenkt bekomme, aus meinen „Toten Seelen“ plötzlich statt lebendiger Menschen meine eigene Nase herausgucken kann und lauter Dinge zum Vorschein kommen können, wie Sie sie in meinem Buche gefunden und die Ihnen so mißfallen haben. Glauben Sie mir: wenn dies Buch nicht erschienen wäre, hätte ich nie jene kunstlose Einfachheit erreicht, die unbedingt in allen weiteren Teilen der „Toten Seelen“ herrschen muß, wenn sie jedermann für einen treuen Spiegel des Lebens und nicht für eine Karikatur halten soll. Sie wissen nicht, welch großen Umweg man machen muß, um sich diese Einfachheit anzueignen. Sie wissen nicht, wie hoch diese schlichte Einfachheit steht. Man tut besser, hierüber gar nicht erst zu reden, helfen Sie mir — das ist alles, was ich zu sagen vermag.
Was nun die Veröffentlichung meiner Briefe anbetrifft, so habe ich folgendes beschlossen. Wegen der inhibierten Briefe einen neuen Band herauszugeben — ist mir unmöglich. Ich habe noch andere Arbeiten vor, die nicht vergessen werden dürfen, und über meine ganze Zeit habe ich schon disponiert; zudem würde ein ganz ähnliches Werk nicht einmal Aufsehen erregen. Ich möchte nur, daß Wjasemski seine Bemerkungen dazu macht und gewisse Korrekturen vornimmt. Dann will ich die Briefe noch einmal durchsehen und verbessern, so daß selbst der schlichteste Zensor, auch ohne daß sie vor eine höhere Instanz zu gelangen brauchten, die Herausgabe gestattet. Glauben Sie mir, man kann alles sagen, wenn man es nur verständig auszudrücken versteht. Der Mißerfolg der besten und hochherzigsten Unternehmungen rührt meist von unserer Ungeschicklichkeit her — da wir gewöhnlich vergessen, an die kluge Redensart zu denken: „Man muß Wasser in seinen Wein gießen“ (Nimm dieselbe Kohlsuppe, aber verdünne sie erst ein wenig). Wenn wir — statt mit großer Sicherheit und hochmütiger Miene Ratschläge zu erteilen, die wir in dem Tone eines Menschen vorbringen, dem es nie in den Sinn kommt, daß er sich irren könnte — schlicht und bescheiden unsere Meinung vortragen, können wir sicher sein, daß unsere Gedanken von vielen Lesern beifällig aufgenommen und weiterverbreitet werden. Kurz, was nicht hineingehört, mag fortfallen, das Kluge und Gescheite wird einen anderen Ausdruck finden; wo sich meine eigene Person in aufdringlicher Weise vordrängt, da soll sie nicht nur eins auf die Nase bekommen, sondern da lasse ich auch noch eine solche Stelle einschieben, durch die die vorhergehenden schon gedruckten Sätze einen maßvolleren Ton erhalten. Jedenfalls aber sollen diese Briefe mit in das Buch aufgenommen und nicht besonders veröffentlicht werden. Sie werden dem Buche trotzdem eine höhere Bedeutung verleihen und die Menschen in Rußland an Rußland erinnern und nicht an mich. Dieses Buch darf nicht zum alten Eisen geworfen werden. Obwohl es große Mängel hat, — es ist nicht auf kurze flüchtige Eindrücke berechnet. Man muß es mehrmals lesen, und das gilt nicht nur für die, die es überhaupt nicht verstanden, sondern auch für die, die es besser verstanden haben als die anderen. In diesem Buche liegen noch Geheimnisse der Seele verborgen, die nicht sofort ergründet werden können. Vieles wird selbst von sehr klugen Leuten gar nicht in dem Sinne genommen, den ich zum Ausdruck bringen wollte. Es wäre sehr schön, wenn die vollständige Ausgabe im September erscheinen könnte. Das Buch wird gekauft werden, man kann nämlich noch einiges hinzufügen, was dazu beitragen könnte, den Leuten (bis zu einem gewissen Grade) eine richtige Ansicht davon beizubringen. Geben Sie diesen Brief auch Pletnew zu lesen. Sie danken mir dafür, daß ich Ihnen (durch die Bemühungen um mein Buch) Gelegenheit gegeben habe, Pletnews herrliche Seele näher kennen zu lernen. Und ich danke Ihnen gleichfalls dafür, daß Sie mir einige Mitteilungen über ihn zukommen ließen, um derentwillen ich ihn heute noch weit mehr liebe und seine Freundschaft noch weit höher schätze als je zuvor. Diese Freundschaft hat mir Gott geschenkt, gleich einem schönen milden Trost, dessen ich in diesen Zeiten so sehr bedarf. Ich kann nicht sagen, mit welcher Freude ich ihn jetzt umarmen, was ich dafür geben würde, wenn ich ihn jetzt sehen, persönlich mit ihm sprechen und ihn an meine Brust drücken könnte. Doch nun umarme ich ihn und Sie aufs herzlichste, mein unschätzbarer Arkadij Ossipowitsch; und indem ich Ihnen vielmals für Ihre lieben Zeilen danke, bleibe ich Ihr
Gogol.
P. S. Ich begreife nicht, warum bisher noch keines von den Büchern eingetroffen ist, die, wie Sie sagen, an mich abgesandt worden sind. Alle andern erhalten durch den Kurier die schönsten Sachen zugestellt; sogar Buchweizengrütze, Wjisiga[1] und Kaviar zu Fischpasteten; nur ich erhalte nichts, nicht einmal ein Zeitungsblättchen.
Vergessen Sie nicht, mir den Empfang dieses Briefes zu bestätigen. Senden Sie bitte von nun ab alles nach Frankfurt an Schukowski und zwar senden Sie es durch unsere Botschaft an ihn.
Endlich komme ich dazu, mit dir über den „Zeitgenossen“ zu sprechen. „Der Zeitgenosse“ war eine schlechte Zeitschrift trotz des vortrefflichen Ziels, das du mit ihm im Auge hattest. Selbst dieses schöne Ziel, um dessentwillen du ihn gegründet hast, war aus der Zeitschrift für niemand klar und deutlich zu erkennen; im Gegenteil, alle Leute fragten betroffen: „Erklären Sie mir bitte, warum und zu welchem Zwecke gibt Pletnew seine Zeitschrift heraus? Was will er damit sagen? Was wollen diese Gemeinplätze in seinem Programm bedeuten, diese vielen Wiederholungen über Unparteilichkeit, seine uneigennützige Liebe zur Kunst, sein Streben nach Wahrheit usw., diese Versprechungen, die jeder Journalist macht und doch keiner hält?“ Der magere Inhalt dieser dünnen Büchlein, der leblose, gleichgültige, matte, verwaschene Stil, in dem seine Urteile über alles Moderne gehalten sind, gibt allen ein Rätsel auf: warum heißt die Zeitschrift „Der Zeitgenosse“? Wir wollen ganz offen miteinander sein. Dir fehlt die journalistische Begabung: weder besitzt du genug lebendige jugendliche Begeisterung für alle modernen Bewegungen, noch jene gespannte Neugierde für alle Fragen, die die große Masse unserer Gesellschaft beschäftigen, noch endlich jenen enzyklopädischen Wissensdrang, jenes Streben, alles mit dem gleichen Interesse zu umfassen, was sich auf den Fortschritt des menschlichen Wissens auf allen Gebieten bezieht. Deiner anthologischen Seele ward nur eine hohe Gabe zuteil — sich an dem Wohlgeruch der herrlichen Blüten, die im Garten der Poesie wachsen, zu ergötzen und die höchsten Regungen der Menschenseele zu verstehen. Der Sänger des „Münnich“ und einiger anderer schöner Elegien, die von der Reinheit des Geschmacks und der stillen bescheidenen Seele des Dichters zeugen, hätte die polemische Arena meiden sollen. „Der Zeitgenosse“ war selbst unter Puschkin nicht das, was eine rechte Zeitschrift sein soll, obwohl sich Puschkin ein viel positiveres und leichter zu verwirklichendes Ziel gesteckt hatte. Er wollte eine Vierteljahrsschrift nach Art der englischen Zeitschriften schaffen, in der durchdachtere und gründlichere Abhandlungen zum Abdruck kommen sollten als in den Wochen- und Monatsschriften, wo die Mitarbeiter zur Eile gedrängt werden und nicht einmal soviel Zeit haben, das, was sie selbst geschrieben haben, noch einmal durchzusehen. Übrigens war sein Wunsch, eine solche Zeitschrift herauszugeben, nicht allzu lebhaft, und er selbst versprach sich nicht viel Nutzen davon. Als er die Erlaubnis zur Herausgabe der Zeitschrift erhielt, wollte er zuerst sogar zurücktreten. Die ganze Schuld fällt auf mich: ich flehte ihn an, seinen Plan doch auszuführen. Ich versprach ihm meine dauernde Mitarbeit. In meinen Aufsätzen fand er vieles, was einer periodischen Zeitschrift einen lebendigen journalistischen Charakter verleihen konnte, woran es ihm selbst seiner Meinung nach mangelte. Er hatte zu jener Zeit tatsächlich eine solche Reife erlangt und stand schon zu hoch, als daß er noch ein solch jugendliches Gefühl in sich hätte bergen können: meine Seele aber war damals noch jung; ich konnte mir damals noch vieles stark zu Herzen nehmen, was ihn kalt ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Versprechen, tätig mitzuwirken, überzeugte ihn; aber ich hätte mein Wort doch nicht halten können, selbst wenn er am Leben geblieben wäre. Ich wußte noch nicht, welche Wege mich die Vorsehung führen würde, ich wußte nicht, daß ich einmal alle Kräfte und Fähigkeiten für jede lebendige literarische Betätigung verlieren und lange Zeit für alles absterben würde, was den Menschen von heute bewegt. Nach Puschkins Tode widmetest du dich, aufs tiefste erschüttert durch diesen für alle so schmerzlichen Verlust, der für dich noch weit schmerzlicher war als für alle anderen, mit Eifer der Herausgabe der Zeitschrift. Die Erkenntnis, daß die moderne Gesellschaft verwaist und des Lichts der Poesie beraubt zurückgeblieben und dazu verurteilt sein sollte, nichts wie törichte und unfruchtbare Diskussionen und Streitereien über die Kunst anzuhören, statt sich an den Werken der Kunst selbst zu erfreuen, machte einen starken Eindruck auf dich; und tief betrübt über diese Vereinsamung und Leere, die sich übrigens schon zu Puschkins Zeiten der Gesellschaft bemächtigt hatte, übernahmst du die Redaktion und nun wolltest du mit Gewalt jenes poetische Hellas errichten, das zu Beginn der Puschkinschen Ära ganz von selbst emporgeblüht war. Im Eifer deiner hochherzigen Begeisterung vergaßt du sogar, daß nicht wir die Dinge und die Ereignisse lenken, sondern daß eine höhere Macht jedem Ding seinen Platz anweist. Du merktest nicht einmal, daß du ein Ziel im Auge hattest, das sich durch die Herausgabe periodisch erscheinender Monatsschriften nie und auf keine Weise erreichen ließ. „Der Zeitgenosse“ hätte als Zeitschrift nicht einmal dann einen Erfolg gehabt, wenn du alle Eigenschaften eines guten Journalisten in dir vereinigt hättest. Ich muß gestehen, ich kann es mir nicht einmal vorstellen, was das Erscheinen einer neuen Zeitschrift zu einer Notwendigkeit für unsere Epoche machen sollte. Eine solche enzyklopädische Heranbildung und Erziehung des Publikums mit Hilfe einer Zeitschrift ist heute bei weitem kein so dringendes Bedürfnis mehr wie früher. Das Publikum ist schon weit besser vorbereitet. Heute drängt uns alles zu einem konzentrierten Studium; nicht nur die Bedeutsamkeit der modernen Probleme, nein selbst die Hohlheit der modernen Gesellschaft und die oberflächliche Leichtfertigkeit, mit der sie ihre Angelegenheiten behandelt, scheinen den Menschen von heute dazu aufzufordern, strenge Einkehr in sich selbst zu halten, seine Kräfte und seine Fähigkeiten genauer zu prüfen und sich eine Aufgabe, ein Ziel zu wählen, und zwar kein flüchtiges Augenblicksziel, sondern eine lebensvolle, reiche und große Aufgabe, die allein den Fähigkeiten entspricht, die jedem von uns je nach seiner Wesensart schon bei seiner Geburt geschenkt wurden. Keine einzige Zeitschrift vermag heute dem Publikum eine wirklich nahrhafte und substantielle Kost vorzusetzen. „Der Zeitgenosse“ sollte gänzlich auf den Namen einer Zeitschrift verzichten; statt in Heftform sollte er wie ehedem in gedrängter Buchform erscheinen und noch mehr als zu Puschkins Zeiten den Charakter eines Almanachs annehmen; er sollte eher etwas Ähnliches darstellen wie die „Blumen des Nordens“ des Barons Delwig, dem du durch dein Verständnis für den Wohllaut der Poesie und deine Fähigkeit, dich an ihr zu erfreuen und sie intensiv zu genießen, so sehr gleichst. Es ist weit besser, er erscheint bloß dreimal im Jahr zu ganz bestimmten Terminen: das erstemal zu Ostern, als eine heitere Festgabe, das zweitemal zum ersten Oktober, d. h. zu einer Zeit, wo bei uns alles vom Lande und aus der Sommerfrische in den Städten zusammenströmt, und das drittemal zu Neujahr; kurz — er sollte stets gerade zu solchen Zeiten erscheinen, wo sich alles mit dem größten Heißhunger auf ein neues Buch stürzt. Alles, was im eigentlichen Sinne dieses Worts den Charakter der Journallektüre trägt, muß wegbleiben: alle Berichte über Tagesneuigkeiten, jegliche politischen Nachrichten oder Anzeigen sämtlicher neuen Bücher; höchstens darf der Band einen ernsten kritischen Bericht über die bedeutsamsten Werke enthalten, die während eines Jahrdrittels erschienen sind, und zwar nur einen solchen Bericht, der selbst einen bedeutsamen literarischen Aufsatz darstellt. Der Leser darf nie daran erinnert werden, daß es irgendwelche Streitigkeiten und Parteiungen in der Literatur und daß es etwas wie eine Zeitschriftenpolemik gibt. Nur ganz konzentrierte Artikel, die eine Frage allseitig behandeln und keinerlei Ähnlichkeit mit den übereilten hastigen und fragmentarischen Produkten unserer Zeitschriftenliteratur haben, dürfen aufgenommen werden. Nur die schönsten Blüten unserer modernen literarischen Produktion dürfen hier vereinigt sein. Das aber läßt sich nur in einer Zeitschrift erreichen, die nicht mehr als dreimal jährlich zur Ausgabe gelangt: denn in drei Monaten kann man ganz gut ein Buch zusammenstellen.
Unserer Zeit mangelt es Gott sei Dank nicht an Talenten. Der prosaische Teil des Jahrbuchs kann heute viel bedeutsamer und reichhaltiger gestaltet werden als früher. Ich will hier ausdrücklich die modernen Schriftsteller anführen, deren Aufsätze unserm „Zeitgenossen“ zur Zierde gereichen würden. Vor allem müssen wir da den Grafen Sollogub nennen, der heute ohne allen Zweifel unser bester Erzähler ist. Niemand darf sich heute einer solchen korrekten, gewandten und eleganten Sprache rühmen wie er. Sein Stil ist treffend, jeder seiner Ausdrücke und jede seiner Wendungen ist prägnant und von einem feinen Anstandsgefühl erfüllt. Er hat einen großen Scharfsinn, Beobachtungsgabe und ist über alles unterrichtet, was heute unsere höheren Gesellschaftskreise beschäftigt. Nur eins mangelt ihm: die Seele dieses Dichters hat sich noch nicht mit einem strengeren ernsteren Inhalt erfüllt, und er ist durch seine inneren Erlebnisse noch nicht darauf hingeführt worden, sich eine ernstere und klarere Ansicht vom Leben zu erwerben. Käme noch solch ein innerliches Erlebnis bei ihm hinzu, dann könnte er ein treuer Schilderer unserer besten Gesellschaftskreise werden; seine Werke würden um mehr als hundert Prozent an Bedeutsamkeit gewinnen. —
Gleich nach ihm müssen wir einen anderen Schriftsteller nennen, der sich unter dem fingierten Namen: Kosak Luganski verbirgt. Er ist kein Poet, ihm fehlt die Erfindungsgabe, ja er hat nicht einmal den Wunsch, wahrhaft produktive Schöpfungen hervorzubringen: er sieht stets nur die Sache und betrachtet jedes Ding rein sachlich. Ein starker, durchaus solider Verstand spricht aus jedem seiner Worte, und eine scharfe Beobachtungsgabe und ein angeborener Scharfsinn verleihen seinem Stil eine große Lebendigkeit. Bei ihm ist alles wahr und unmittelbar aus der Natur geschöpft. Er braucht keinen Knoten zu schürzen und ihn dann wieder zu lösen, worüber sich die Romanschreiber so sehr die Köpfe zerbrechen, er braucht nur irgendeine Begebenheit herauszugreifen, die sich in russischen Landen ereignet hat, einen beliebigen Vorgang, den er miterlebt hat und dessen Augenzeuge er war, um daraus eine äußerst interessante Erzählung zu gestalten. Meiner Ansicht nach ist er weit bedeutender als sämtliche Erzähler von großer Erfindungsgabe. Vielleicht bin ich parteiisch in meinem Urteil, weil dieser Schriftsteller mehr als irgendein anderer meinem persönlichen Geschmack und den eigentümlichen persönlichen Forderungen, die ich an einen Erzähler stelle, entgegenkommt; aus jeder Zeile von ihm schöpfe ich Belehrung und neue Kenntnisse, da sie mich das russische Leben und das Wesen unseres Volkes besser kennen lehren; jedoch was mir wohl jeder zugeben wird, ist dies, daß ein solcher Schriftsteller uns allen gerade jetzt sehr nützlich sein kann, ja daß er eine Notwendigkeit für uns ist. Seine Werke sind ein lebendiger und getreuer statistischer Bericht über Rußland. Alles, was er aus seinem umfassenden Gedächtnis schöpft und was er uns in seiner wahrheitsgetreuen Sprache erzählt, wird ein wertvoller Beitrag für deinen Almanach sein.
Ich weiß nicht, warum N. Pawlow so gänzlich verstummt ist, ein Schriftsteller, der sich durch seine drei ersten Erzählungen sofort ein Anrecht auf einen Ehrenplatz unter unseren Prosaschriftstellern erworben und sich bloß dadurch geschadet bat, daß er es vorzog, nicht mehr er selbst zu sein, sondern auf den Einfall kam, (in seinen drei neuen Erzählungen) jene neuen Novellisten nachzuahmen, die doch so viel tiefer stehen als er. Er brauchte nur, ohne zu irgendwelchen gewaltsamen poetischen Einfällen oder zu künstlichen mosaikartigen Ausschmückungen des Stils, die seine klare edle Sprache so verunstalten, seine Zuflucht zu nehmen, er brauchte statt dessen nur aufs Geratewohl ein beliebiges psychologisches Phänomen unserer Gesellschaft herauszugreifen und es in seiner treffenden und gescheiten Art wiederzuerzählen, um eine Novelle mit allen Eigenschaften jener strengen klassischen Schöpfungen zu schaffen, die zu den ewigen Vorbildern der Literatur gehören.
Mancherlei Vorzüge hat meiner Ansicht nach auch ein Schriftsteller, dessen Werke unter dem Namen Kulisch erscheinen. Sein blühender Stil und seine große Kenntnis der Sitten und Bräuche Kleinrußlands sprechen dafür, daß er ganz vorzüglich dafür geeignet wäre, eine Geschichte dieses Landes abzufassen. Auch hätte er sicherlich in noch höherem Grade die Befähigung, frische und lebensvolle Aufsätze für den Almanach zu schreiben und uns schlicht und einfach von den Sitten und Bräuchen der alten Zeiten zu erzählen, ohne diese Schilderungen in den Rahmen einer Novelle oder einer dramatischen Erzählung hineinzustellen, ganz ähnlich wie uns einstmals Kornilowitsch von dem Zeitalter Peters und von der vorhergehenden Epoche erzählt hat. Sein Roman hat recht interessante Partien, als Ganzes ist er jedoch matt und langweilig; die kostbaren Perlen: sein großes historisches Wissen, die gediegenen Kenntnisse, die über alle Seiten des Werkes verstreut sind, gehen gänzlich verloren, ohne irgendeinen Nutzen zu bringen.
Man hat mir gesagt, daß die Novelle bei uns in der letzten Zeit im allgemeinen einen großen Erfolg habe und daß einige junge Schriftsteller eine besondere Neigung zur Beobachtung des wirklichen realen Lebens an den Tag legten. In den Werken, die ich zu lesen Gelegenheit hatte, konnte ich in der Tat eine ähnliche Tendenz konstatieren, obwohl der Aufbau dieser Novellen mir außerordentlich primitiv und ungeschickt vorkam; die Form der Erzählung erschien mir übertrieben und allzu wortreich, und dem Stil mangelte es an der rechten Einfachheit. Aber ich bin überzeugt: wenn in jedem dieser Schriftsteller erst einmal der Mensch, die Persönlichkeit — und zwar noch vor dem Schriftsteller — zum Durchbruch gekommen ist — daß sich dann alles andere ganz von selbst ergeben, daß jeder von ihnen eine starke schriftstellerische Eigenart bekunden, und daß keiner dieser Fehler mehr an ihnen zu bemerken sein wird. Ich muß hier noch des Schriftstellers gedenken, der seine literarische Wirksamkeit mit dem Drama „Der Tod Ljapunows“ begonnen hat. Diesem Drama fehlt es im Aufbau des Ganzen zwar noch an der vollen szenentechnischen und dramatischen Reife, über die nur ein erfahrener Bühnenschriftsteller verfügt, allein es besitzt viele Vorzüge, die in seinem Schöpfer einen Schriftsteller von hervorragender Bedeutung ahnen lassen. Das Vergangene so lebendig miterleben und in einer so lebensvollen Sprache von ihr künden zu können — das ist eine große Gabe! An seiner Stelle würde ich mich förmlich in die alten Chroniken vergraben, mich ganz an ihnen festsaugen und diese Lektüre keinen Augenblick im Stiche lassen. Ihnen könnte er viele herrliche Stoffe entnehmen. Wer weiß, vielleicht würde ihn eine solche Lektüre auf den vortrefflichen Gedanken bringen, eine wahrheitsgetreue Geschichte der Zeit zu schreiben, die sein Interesse am meisten fesseln würde. Ein echt historisches Werk, aus der Feder eines Schriftstellers, der sich so stark in die historischen Charaktere einzufühlen vermag, ein Werk, das so lebendig und farbig geschrieben ist, ist weit wertvoller als alle historischen Dramen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch etwas von den jungen Schriftstellern sagen, die ihre Laufbahn erst beginnen. Ich wünschte, du suchtest Prokopowitsch auf und könntest ihn dazu veranlassen, doch zur Feder zu greifen und sich im erzählenden Genre zu versuchen. Von allen denen, die mit mir zusammen die Schule besucht haben und zu gleicher Zeit mit mir zu schreiben begannen, zeigte er weit früher als alle anderen ein großes Talent für eine anschauliche Darstellungsweise, getreue Lebensschilderung und eine starke Beobachtungsgabe. Seine Prosa hatte etwas Munteres und Freies; alles kam bei ihm ungezwungen heraus und strömte ihm in reicher Fülle zu; alles gelang ihm ohne große Anstrengung, aus allem schien hervorzugehen, daß er einmal ein äußerst fruchtbarer Romanschriftsteller werden würde. Ich weiß wohl, er ist heute verstummt, er hat den Drang nach einer ausgebreiteten freien Tätigkeit in sich einschlafen lassen, sein Wirkungskreis hat sich verengt, und es liegt kaum noch ein weites Feld für die Beobachtung des Lebens vor ihm. Aber das Leben bleibt überall das gleiche Leben, und je geringer der Raum, je enger der Kreis ist, in dem es sich ausbreiten kann, um so gründlicher und tiefer können wir gerade dies Stück Leben erforschen und durchdringen. Sogar die Geschichte unserer Seele, die unser Erwachen aus einer totenähnlichen Erstarrung zum Gegenstand hat, ein Erwachen, angesichts dessen der Mensch mit Entsetzen auf sein in so tierischer Weise vergeudetes Leben zurückblickt, kann einen herrlichen Stoff für einen Roman abgeben ... Was für ein Festtag wäre das für meine Seele, wenn ich einmal im „Zeitgenossen“ eine Novelle fände, unter der sein Name stünde! Was endlich mich selbst angeht, so kann ich nach wie vor kein fleißiger und eifriger Mitarbeiter an deinem „Zeitgenossen“ sein. Du hast schon selbst bemerkt, daß man mich nicht einen Schriftsteller im strengen klassischen Sinne nennen kann. Von all den jungen Leuten, die zugleich mit mir und noch während unserer Schulzeit zu schriftstellern begannen, zeigte ich in weit geringerem Grade als alle anderen jene Fähigkeiten, die die notwendigen Vorbedingungen jedes literarischen Schaffens sind. Ich will dir gestehen, daß selbst in meinen frühsten Projekten und in meinen Träumen von einer künftigen Tätigkeit nie der Gedanke an die Schriftstellerlaufbahn auftauchte. Ich wurde fast wie durch einen Zufall darauf gestoßen. Ich hatte einige Beobachtungen über einzelne Seiten des Lebens gemacht, deren ich für meine inneren geistigen Angelegenheiten bedurfte, die mich von jeher aufs lebhafteste beschäftigten, und sie gaben den Anlaß dazu, daß ich zur Feder griff und beschloß, dem Leser voreilig alles das mitzuteilen, was ich ihm erst später, d. h. nach Vollendung meiner eigenen Erziehung hätte mitteilen sollen. Ich mußte mir alles unter großen Mühen erringen, was einem geborenen Schriftsteller mühelos zuteil wird. Bis auf den heutigen Tag will es mir nicht gelingen, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, die rechte Form für meine Sprache und meinen Stil, diese beiden wichtigsten Werkzeuge jedes Schriftstellers, zu finden: bis auf den heutigen Tag sind beide noch so ganz roh und formlos, wie bei keinem Schriftsteller, nicht einmal bei einem von den schlechten, so daß selbst ein Anfänger, ein Schuljunge das Recht hat, sich über mich lustig zu machen. Alles, was ich geschrieben habe, ist nur von psychologischer Bedeutung, kann aber nie als Muster schöner Literatur in Betracht kommen, und ein Lehrer würde sehr unvorsichtig handeln, wenn er seinen Schülern den Rat geben wollte, bei mir zu lernen, wie man schreiben oder wie man die Natur schildern muß: er würde sie dazu anhalten, Karikaturen zu zeichnen. Den Beweis dafür kannst du bei einzelnen jungen und unerfahrenen Nachahmern meiner Manier finden, die gerade durch die Nachahmung weit unter das Niveau ihres eigenen Könnens herabgesunken sind und ihre Selbständigkeit und Eigenart verloren haben. Ich habe nie den Wunsch gehabt, ein Spiegel der Dinge zu sein und die uns umgebende Wirklichkeit, ganz so wie sie ist, in mir widerzuspiegeln — ein Streben, von dem ein Dichter während seines ganzen Lebens gespornt wird und das nur mit seinem eigenen Tode zur Ruhe kommt. Ich kann auch heute nur von solchen Dingen reden, die in einer nahen Beziehung zu meiner Seele stehen. Wenn ich also einmal das Gefühl habe, daß jemand meiner offenherzigen aufrichtigen Meinung bedarf und daß meine Worte einer Menschenseele den inneren Frieden zu geben vermögen, dann sollst du einen Aufsatz von mir für deinen „Zeitgenossen“ erhalten; wenn nicht — so wirst du keinen bekommen, und deswegen darfst du mir nicht zürnen.
Ich habe hier auch keinen von unseren heutigen Prosaschriftstellern erwähnt, die teils selbst mit der Herausgabe von Zeitschriften beschäftigt sind, teils an Schöpfungen abstrakteren Charakters arbeiten, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, Schriftsteller, die weder die Möglichkeit noch Muße genug haben, an deinem „Zeitgenossen“ mitzuarbeiten. — Diese sollst du gar nicht erst bemühen. Bei dieser Gelegenheit muß ich dich ein wenig ausschelten. Du bist im Unrecht, wenn du vielen Literaten Verständnislosigkeit und mangelnde Teilnahme für deine Zeitschrift vorgeworfen und dies auf ihre Gleichgültigkeit gegen die gemeinsame Sache, ihre mangelnde Liebe zur Kunst, ihre Geldgier usw. zurückgeführt hast. Ein jeder Mensch ist mit irgendeiner eigenen inneren Angelegenheit beschäftigt; in der Seele eines jeden geht etwas vor, gibt es Erlebnisse, die ihn von der Mitarbeit an der allgemeinen, gemeinsamen Sache abziehen; und man kann absolut nicht verlangen, daß ein anderer sein eigenes Interesse einem Lieblingsgedanken von uns und unseren Zielen zum Opfer bringen soll, denen wir nachzustreben entschlossen sind. Gott weist jeglichem seinen Weg an, der immer ein ganz anderer ist wie der, den ein anderer Mensch zurücklegen muß, und man darf nicht alle Menschen mit derselben Elle messen. Daher mußt du selbst die ablehnende Antwort und die Weigerung eines Menschen respektieren, auch dann noch, wenn er den Grund nicht angeben will, weshalb er keinen Beitrag für den „Zeitgenossen“ zu liefern vermag. Sei zufrieden mit dem, was man dir gibt. Wenn bloß die von mir namhaft gemachten Autoren dir Beiträge liefern werden, so würde dies allein schon vollauf genügen. Aber ich weiß, daß auch noch andere, die ich nicht genannt habe, dir welche zur Verfügung stellen werden. Im Gegensatz zu den Menschen, die heute über einen Mangel an talentvollen Schriftstellern klagen, finde ich, daß es gegenwärtig weit mehr Talente gibt als je zuvor. Sie haben nur ihren Weg noch nicht gefunden. Keiner von ihnen hat es bisher verstanden, er selbst zu sein, und das ist der Grund, warum man sie nicht bemerkt; indessen viele von ihnen werden schon von diesem Wunsch gequält, obwohl sie noch nicht wissen, wie sie ihn befriedigen sollen. Das Streben, seine eigene Bestimmung kennen zu lernen, ist heutzutage der wunde Punkt, an dem viele begabte Leute kranken. Das ist der wahre eigentliche Grund der Trägheit und Tatenlosigkeit auf literarischem Gebiet.
Der poetische Teil des „Zeitgenossen“ kann gleichfalls sehr reichhaltig gestaltet werden, trotzdem im heutigen Publikum der Geschmack an der Poesie erloschen zu sein scheint; Gott sei Dank lebt der Patriarch unserer Poesie noch, — noch hat uns der Himmel ja Schukowski erhalten. Zum Dank für sein reines, makelloses Leben darf er sich allein unter uns allen noch im Greisenalter einer wahren Jugendfrische erfreuen und jugendliche Kraft zu neuen poetischen Taten in sich fühlen. Seine jetzigen Arbeiten sind weit ernster und bedeutsamer als seine früheren. Man darf ihn nicht nach jenen Verserzählungen und Märchen beurteilen, die in der letzten Zeit im „Zeitgenossen“ zum Abdruck gekommen sind. Sie konnten und sollten auch keinen Eindruck auf das Publikum machen, und es ist kein Wunder, daß das Publikum, das jedes neue Werk an seinen eigenen geistigen Bedürfnissen mißt und in ihm eine Antwort auf sein unruhiges Fragen und Sehnen sucht, diese Gedichte für eine „Kinderei“ von Schukowski erklärt hat. Sie waren tatsächlich für kleine Kinder geschrieben. Diese Märchen und Erzählungen hätten in Form eines besonderen Buches unter dem Titel „Eine Gabe für die Kinder“ von Schukowski, erscheinen sollen. Es war ein Fehler von ihm, sie einer Zeitschrift einzusenden. Ich habe ihm dies schon damals gesagt und ihm geraten, entweder gar nichts oder doch nur etwas einzusenden, was dem Empfinden eines erwachsenen Menschen entspricht. Jetzt aber weiß ich, daß er dir für den Almanach einige von den Perlen überlassen wird, die tief im Inneren seiner Seele gereift sind, in der sich während der letzten Zeit soviel Herrliches ereignet hat. Noch leben Gott sei Dank zwei andere von unseren erstklassigen Dichtern: Fürst Wjasemski und Jasykow. Sie können den „Zeitgenossen“ mit neuen Tönen bereichern, wie man sie von ihnen noch nicht vernommen hat — mit Tönen, die aus einem gequälten, gepreßten Herzen hervorströmen, mit Liedern, die aus der Seele selbst kommen, einer Seele, die sich bereits mit dem strengen Gehalt der Poesie erfüllt hat.
Die jüngeren von unseren Dichtern, die erst in jüngster Zeit aufgetreten sind und die ich hier nicht mit Namen nenne, haben zwar bisher nur eine gewisse Begabung für eine wohllautende, leichte und elegante Verskunst an den Tag gelegt, aber noch nicht gezeigt, daß sie echte und wahre Gefühle besitzen, allein auch sie können poetische Saiten anschlagen, die unserem Empfinden näher liegen. Die Poesie ist die reine Manifestation, die Offenbarung der Seele und nicht ein künstliches Erzeugnis oder Produkt des menschlichen Wollens; die Poesie ist die Wahrheit der Seele und kann daher allen in gleicher Weise zugänglich und verständlich sein. Die Schöpferkraft, die Dichtergabe ist eine sehr hohe Gabe und wird nur den universellen Genies verliehen, die nur ganz selten auf der Erde erscheinen; für einen anderen ist es gefährlich, diesen Weg zu betreten. Selbst von den erstklassigen Talenten sanken viele unter ihr eigenes Niveau herab, wenn sie sich in die Sphäre der reinen Erdichtung wagten, während sogar geringe Talente sich hoch über sich selbst erhoben, wenn sie durch ihre eigenen seelischen Erlebnisse dazu veranlaßt wurden, lediglich die reine nackte Wahrheit ihres geistigen Erlebens darzustellen. Die Zeit rückt immer näher, wo der Drang nach einer inneren Seelenbeichte immer lebhafter und lebhafter werden wird. Selbst die, die nicht einmal daran denken, daß sie Dichter sein könnten, werden Töne wahrer Poesie erklingen lassen; viele herrliche Blumen, viele kostbare Schätze werden dir von allen Seiten für deinen „Zeitgenossen“ zufließen. Du selbst, der du die Leier schon längst beiseitegelegt und vergessen, der du es schon lange nicht mehr versucht hast, ihr einen Ton zu entlocken, du selbst wirst von neuem zu ihr greifen. Du hast doch sicherlich in dieser Zeit auch nicht wenig schmerzliche Augenblicke und manchen Kummer erlebt, von dem niemand etwas erfahren hat; auch deine Seele wurde sicherlich von dem Verlangen verzehrt, sich jemand mitzuteilen und sich auszusprechen, sie hat sicherlich nach einem Freunde gesucht, der Verständnis für all ihre Bitternisse hätte; da sie ihn nicht finden konnte, hat sie sich sicherlich an jenes uns allen verwandte und vertraute Wesen gewandt, das es allein versteht, den Trauernden und Bekümmerten liebevoll an seinen Busen zu ziehen, jenes Wesen, an das sich schließlich alles wendet, was da lebt. Nun denn, so denke an alle diese Augenblicke, sowohl an die des Kummers, wie an die der höheren Tröstung, die auf dich herabgesandt wurde; nun denn, so finde einen Ausdruck für sie, stelle sie recht und wahrhaft dar, wie du sie erlebt hast. Die Tränen der Rührung und die innigsten Gefühle eines dankbaren Herzens werden dir dabei zu Hilfe kommen und es dir ermöglichen, sie mit solcher Kraft zum Ausdruck zu bringen, wie dies selbst ein großer, alle Zauberkünste der Dichtung beherrschender Poet, der jedoch den wahren Schmerz noch nicht kennen gelernt hat, nie vermöchte. Dann wird der „Zeitgenosse“ seinen Namen rechtfertigen, aber freilich in einem anderen — höheren Sinne: er wird allen höchsten Augenblicken, allen höchsten Empfindungen der russischen Schriftsteller und Menschen Genüge tun. Dann wird er sich auch dem eigentlichen Ziele weit mehr nähern, das deinem Geiste unklar und entfernt vorschwebte; er wird alle Schriftsteller zu einem ästhetischen Bund voll herrlicher brüderlicher Liebe vereinen. In ganz Rußland vermagst nur du so ein Wagnis zu unternehmen und eine solche Zeitschrift zu schaffen, weil du allein den Gedanken an sie fortwährend in dir genährt hast; nur du hast keine pekuniären Interessen im Auge gehabt und an keinen Lohn für deine Arbeit gedacht; nur du hast ganz unbewußt eine reine, kindliche Liebe zur Kunst in dir gehegt, die dich unseren besten Dichtern entfremdete und die die Kunst zu deiner eigensten, vertrautesten Herzens- und Familienangelegenheit machte. Folglich kann auch nur dir eine solche Zeitschrift anvertraut werden. Sie muß glänzend ausgestattet sein; sie muß eine in jeder Beziehung kostbare und wertvolle Gabe darstellen: der Druck muß so schön und vornehm wie nur möglich, die Bücher müssen mit den schönsten Stichen und Vignetten, die bei uns in Rußland hergestellt werden können, geschmückt sein (damit mußt du russische Graveure beauftragen und keine Ausländer heranziehen). Das Format der Bände mußt du nicht zu groß wählen, es sollte nur ein wenig größer sein als das der „Blüten des Nordens“, kurz, das Werk muß seinem inneren Wert und seiner äußeren Ausstattung nach den Eindruck eines kostbaren Gegenstandes machen. Das alles aber vermagst nur du zu bewerkstelligen; denn da du nicht die Absicht hast, die Einkünfte davon für deine eigenen Bedürfnisse und deinen Unterhalt zu verbrauchen, kannst du alles darauf verwenden, das Werk möglichst schön auszustatten und hierdurch unseren armen Künstlern, die häufig bitteres Elend leiden müssen, Gelegenheit geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Und nun gehe, wenn alles, was ich dir hier gesagt habe, deinen Beifall hat, in Gottes Namen an die Arbeit, stelle zunächst einmal das erste Buch des „Zeitgenossen“ zusammen und sorge dafür, daß es am kommenden Osterfeste des Jahres 1847 erscheinen kann; meinen Brief kannst du als ersten Aufsatz, als Programm oder als Einleitung zu dem Bande abdrucken. Vorher aber gib ihn allen denen zu lesen, von denen du einen Aufsatz haben möchtest. So matt und flüchtig er auch geschrieben sein mag, ich bin trotzdem davon überzeugt, daß ein jeder, der ihn lesen wird, mit dir und mir darin übereinstimmen wird, daß ein solches Werk eine Notwendigkeit für Rußland ist, und er wird dir sicherlich die beste seiner Arbeiten zur Verfügung stellen. In den Zeitungen brauchst du es nur mit wenigen Worten anzukündigen und zwar brauchst du nur zu erwähnen, — daß vom „Zeitgenossen“ dreimal im Jahre, zu den oben angeführten Terminen, je ein Band erscheinen werde; füge nur noch die Namen der Autoren hinzu, deren Aufsätze zum Abdruck kommen sollen — das wird vollständig genügen. Alles übrige — der Gehalt und die Bedeutung der Aufsätze sowie die Pracht und Schönheit der Ausstattung — mag für jeden Leser eine angenehme Überraschung sein.
Alle sind sich darüber einig, daß noch nie ein Buch soviel Aufsehen gemacht und zu so verschiedenen Meinungen und Deutungen Anlaß gegeben hat, wie die „Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden“. Und was das merkwürdigste ist, was bisher vielleicht in der Literatur noch niemals passiert ist, der Gegenstand dieses Geredes und dieser Kritiken war nicht das Buch selbst, sondern sein Autor. Jedes Wort wurde mit Mißtrauen und Argwohn analysiert, und alle Leute wetteiferten miteinander, die wahre Quelle aufzudecken, aus der es herstammte. An dem lebenden Körper eines noch lebenden Menschen wurde jene furchtbare anatomische Sektion vollzogen, bei der selbst ein Mensch von starker Konstitution in kalten Schweiß ausbricht. So erschütternd und kränkend jedoch für einen vornehm denkenden und anständigen Menschen viele von diesen Schlüssen und Folgerungen auch sein mochten, ich nahm dennoch alle die schwachen Kräfte, über die ich verfügte, zusammen, ich beschloß, alles zu ertragen, mir dies Erlebnis wie einen Wink von oben zunutze zu machen — und strenge Einkehr in mich selbst zu halten. Auch hierüber habe ich nie eine Meinung, einen Rat, einen Tadel oder einen Vorwurf geringgeachtet und verschmäht, denn ich überzeugte mich mit der Zeit immer mehr, daß, wenn der Mensch einmal alle jene empfindlichen Saiten in sich vernichtet hat, die ihn zum Zorn und Ärger geneigt machen, und wenn er sich erst einmal die Fähigkeit erworben hat, alles ruhig anzuhören, er dann jene Stimme der rechten Mitte vernehmen muß, die sich als Resultat ergibt, wenn man alle einzelnen Stimmen zusammenfügt und die Extreme auf beiden Seiten in Erwägung zieht, kurz, ich meine jene Stimme der rechten Mitte, von der es heißt: „Volkes Stimme — Gottes Stimme“ und nach der alle suchen. Aber obwohl viele Vorwürfe, die gegen mich gerichtet wurden, meiner Seele wirklich heilsam waren, diese Stimme der Mitte konnte ich diesmal nicht vernehmen, und ich vermag nicht zu sagen, welche Wendung die Sache genommen und welches Urteil man über mein Buch zu fällen beschlossen hat. Wenn ich die Summe von alledem ziehe, so sind im ganzen drei verschiedene Meinungen laut geworden: nach der ersten Ansicht ist mein Buch das Produkt eines unerhörten Hochmuts, das Werk eines Menschen, der sich eingebildet hat, er stünde hoch über allen seinen Lesern, habe ein Anrecht, von ganz Rußland gehört und beachtet zu werden, und verfüge über die Kraft und die Fähigkeit, die ganze Gesellschaft zu reformieren; nach der zweiten Ansicht ist dies Buch zwar das Werk eines guten, aber betörten Menschen, der auf Abwege geraten ist und dem das Lob und der Beifall zu Kopfe gestiegen sind; der Autor habe sich gar zu sehr an seinen Vorzügen berauscht, seine Begriffe haben sich verwirrt, und so sei er vom rechten Wege abgekommen; nach der Ansicht der dritten endlich ist dies Buch das Werk eines Christen, der die Dinge im rechten Lichte sieht und jeder Sache ihren richtigen Platz anweist. Unter jeder Partei, die eine dieser Ansichten vertritt, befinden sich gleichermaßen gescheite und aufgeklärte Leute, wie auch gläubige Christen. Folglich kann keine der Ansichten, die sicherlich alle einen Teil der Wahrheit enthalten, — völlig wahr sein. Am richtigsten wäre es noch, dies Buch einen treuen Spiegel des Menschen zu nennen. Dieses Buch hat das zum Inhalt, was in jedem Menschen verborgen liegt: vor allem das Streben nach dem Guten, dem das Buch selbst entsprungen, und das in jedem Menschen lebendig ist, wenn er erst einmal erfahren hat, was das Gute ist; ferner eine aufrichtige Erkenntnis seiner Fehler und daneben eine hohe Einschätzung seiner Vorzüge; ein ehrliches Verlangen, von andern Menschen zu lernen, und daneben die feste Überzeugung, daß auch die anderen viel von ihm lernen können; Demut und Bescheidenheit, daneben aber auch Stolz, ja vielleicht sogar ein gewisser Demutsstolz; Vorwürfe wider andere Leute wegen solcher Dinge, an denen man selbst zu Fall gekommen ist und für die man noch weit heftigere Vorwürfe verdiente — kurz alles, was man in der Seele jedes Menschen finden kann, nur mit dem Unterschiede, daß hier alle Formen und Konventionen abgestreift sind, und daß alles, was der Mensch in seinem Inneren verschließt, nach außen gekommen ist, sowie ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in weit wilderer und lauterer Weise äußert und förmlich zum Himmel schreit, eben wie in einem Schriftsteller, in dem sich alles, was seine Seele erfüllt, nach außen und ans Licht drängt; es tritt allen Leuten viel klarer und deutlicher vor Augen, eben wie bei einem Menschen, dem größere Gaben und Fähigkeiten verliehen sind als anderen Leuten. Kurz, dies Buch ist nur ein Beweis für die ewige Wahrheit der Worte des Apostels Paulus, der da gesagt hat: der ganze Mensch ist eine einzige Lüge.
Zu diesem Schluß jedoch, der sich vielleicht der Wahrheit am meisten nähert, ist niemand gekommen, weil der feierliche Ton des Buches und seine ungewohnte Sprache alle mehr oder weniger verwirrt hat und niemand das richtige Verhältnis zu ihm finden ließ. Als ich dies Buch schrieb, stand ich unablässig unter dem Druck einer Todesfurcht, die mich während der ganzen Zeit meines Krankseins verfolgte, selbst dann noch, als ich mich außer jeder Gefahr befand. So kam es, daß ich ganz unmerklich in einen mir sonst ganz fremden Ton verfiel, der einem noch lebenden Menschen durchaus nicht ansteht. In meiner Angst, ich könnte vielleicht das Werk nicht mehr vollenden, das während zehn Jahren alle meine Gedanken beschäftigte, beging ich die Unvorsichtigkeit, schon im voraus von solchen Dingen zu reden, die ich durch das Leben der Helden eines epischen, erzählenden Kunstwerks hätte beweisen sollen. So verwandelten sich meine Gedanken in eine recht unpassende Predigt, die sich im Munde eines Autors sehr seltsam ausnimmt, in eine Anzahl mystischer, unverständlicher Stücke, die keinen Zusammenhang mit den anderen Briefen hatten. Dazu kam schließlich noch der völlig verschiedene Ton dieser Briefe, die an Menschen von ganz verschiedenem Wesen und Charakter gerichtet und zu verschiedenen Zeiten und in ganz entgegengesetzten geistigen und seelischen Stimmungen geschrieben waren. Die einen von ihnen waren in einer Zeit verfaßt, als ich selbst zu meiner Erziehung des Tadels und der Rüge bedurfte, mir solche Rügen von anderen erbat und forderte und sie daher auch anderen erteilte; andere Briefe wieder waren zu einer Zeit geschrieben, als ich die Empfindung hatte, daß ich die Vorwürfe für mich selbst aufsparen und in meinen an andere Leute gerichteten Reden nur die brüderliche Liebe zum Worte kommen lassen sollte: so geschah es, daß häufig Milde und Schärfe fast dicht nebeneinander standen. Ferner sind viele Aufsätze, die für das Buch bestimmt waren, die einen Zusammenhang zwischen einzelnen Stücken herstellen und vieles näher erklären sollten, nicht aufgenommen worden. Dazu kommt schließlich noch meine dunkle Sprache und Unfähigkeit, mich auszudrücken, — zwei Eigentümlichkeiten eines noch nicht ganz ausgereiften und fertigen Schriftstellers —; das alles trug dazu bei, mehr als einen Leser zu verwirren und zu zahllosen falschen Schlüssen und Folgerungen Anlaß zu geben. Meinen Hochmut glaubte man gerade in solchen Sätzen zu entdecken, die vielleicht ganz anderen Motiven entsprungen waren; wo aber wirklicher Hochmut aus meinen Worten sprach, da bemerkte man ihn nicht; man nannte das Selbstverkleinerung, was nichts weniger als Selbstverkleinerung war. Aber was die Hauptsache ist, es gab keine zwei Menschen, die innerlich übereinstimmten, sowie sie an die Analyse der einzelnen Teile dieses Buches herangingen, was einzelne zu der sehr richtigen Bemerkung veranlaßte, daß ein jeder in der Beurteilung meines Buches mehr seine eigene Denkungsart, als die meine, als den Charakter meines Buches zum Ausdruck brachte. Es versteht sich von selbst, daß die Schuld ganz — auf meiner Seite ist. So kränkend daher auch all diese Angriffe und Verdächtigungen seiner persönlichen moralischen Qualitäten für einen Menschen sein mögen, in dem noch nicht jedes Ehrgefühl erstorben ist, — ich habe kein Recht, jemand deswegen anzuklagen.
Ich muß hier noch ein paar flüchtige Bemerkungen über eine Frage machen, die nicht mit meinen moralischen Qualitäten zusammenhängt. Ich war äußerst erstaunt, wenn gescheite und kluge Leute Anstoß an Worten nahmen, die doch völlig klar waren, wenn sie sich an zwei, drei Stellen klammerten und Schlüsse aus ihnen zogen, die in absolutem Gegensatz zu dem Geist des ganzen Werkes standen. Aus zwei, drei Worten, die an einen Gutsbesitzer gerichtet waren, dessen sämtliche Bauern Landwirte und von schweren Sorgen und Arbeiten in Anspruch genommen sind, den Schluß zu ziehen, daß ich gegen die Volksbildung zu Felde ziehe — das erschien mir äußerst sonderbar, um so mehr als ich mich ein halbes Leben lang mit dem Gedanken getragen habe, ein wahrhaft nützliches Buch für das einfache Volk zu schreiben, und nur deswegen davon abstand, weil ich das Gefühl hatte, man müsse sehr klug sein, um zu wissen, was man dem Volk in erster Linie vorsetzen müsse. Solange es jedoch noch keine so gescheiten Bücher gibt, wollte es mir so erscheinen, als ob das lebendige Wort der Diener der Kirche mehr Nutzen bringen könne und ein stärkeres Bedürfnis für die Bauern darstelle, als alles, was ihnen unsereiner, d. h. ein Schriftsteller, zu sagen vermag. Soweit meine Erinnerung reicht, bin ich stets für die Volksbildung eingetreten; aber es schien mir so, als ob es besser wäre, ehe man für die Bildung des Volkes sorgt, erst einmal für die Bildung der Menschen zu sorgen, die in engstem Verkehr mit dem Volke stehen, worunter das Volk oftmals zu leiden hat. Und endlich kam es mir so vor, als ob jener niedere wenig zahlreiche, heute jedoch an Zahl immer zunehmende Stand von Leuten, die aus dem Bauernstande hervorgehen, die allerhand kleine Stellen besetzen, denen es trotz ihrer allerdings geringen Bildung an der rechten moralischen Grundlage fehlt, und die daher überall nur Schaden stiften, weil sie bestrebt sind, auf Kosten der armen Leute zu leben, — es kam mir so vor, als ob dieser Stand weit mehr Anspruch auf unsere Beachtung hätte als der Bauernstand.
Dieser Stand schien mir weit mehr der Bücher zu bedürfen, die der Feder kluger Schriftsteller entstammten, d. h. solcher Schriftsteller, die Verständnis für ihre Pflichten haben und daher imstande sind, sie auch jenen Leuten klarzumachen. Unser mit Ackerbau beschäftigter Bauer dagegen schien mir stets weit sittlicher zu sein als die anderen Leute und weniger als andere der Belehrung durch die Schriftsteller zu bedürfen. Nicht weniger erstaunt war ich, als man aus einer Stelle meines Buches, wo ich sage, daß die gegen mich gerichteten Kritiken viel Wahres enthalten, den Schluß zog, ich spräche meinen Werken jegliche Vorzüge ab und stimmte nicht mit den Kritikern überein, die sich zu meinen Gunsten geäußert haben[2]. Ich erinnere mich sehr gut und habe es keineswegs vergessen, daß meine geringen Vorzüge und Verdienste Anlaß zu sehr bedeutsamen Kritiken gegeben haben, die ewige Denkmäler der Kunstliebe bleiben werden und die dazu beigetragen haben, in den Augen des Publikums den Wert und die Bedeutung dichterischer Werke zu erhöhen. Aber es hätte sich doch nicht geschickt, wenn ich selbst von meinen Vorzügen gesprochen hätte; ja und warum hätte ich das auch tun sollen? Ich habe von den Fehlern gesprochen, die mir als Literaten anhaften, weil eine psychologische Frage, die das Hauptthema meines Buches bildet, Anlaß dazu bot. Wie kann man nur so etwas nicht verstehen! Nicht weniger seltsam berührte es mich — daß man daraus, daß ich die Grundeigenschaften unseres russischen Wesens so stark betont und hervorgehoben habe, den Schluß zog, ich leugnete die Notwendigkeit der europäischen Bildung und hielt es für überflüssig, daß sich ein Russe über den ganzen schweren Weg, auf dem die Menschheit sich zur Vollkommenheit emporarbeitet, unterrichte. Früher sowohl als auch jetzt war ich immer der Meinung, ein russischer Bürger müsse über die europäischen Angelegenheiten unterrichtet sein. Aber ich war auch immer überzeugt, daß, wenn man über diesem sehr löblichen glühenden Interesse für die Fragen des Auslandes seine eigenen Grundlagen vergißt, eine solche Kenntnis der ausländischen Dinge nicht zu unserem Wohl ausschlagen, unsere Gedanken nur zerstreuen und verwirren, ihnen eine falsche Richtung geben könne, statt sie in sich zu sammeln und zu konzentrieren. Ich war von jeher davon überzeugt und bin es noch heute, daß wir unser russisches Wesen sehr gut und sehr gründlich kennen lernen müssen, und daß wir nur durch eine solche Kenntnis ein Gefühl dafür bekommen können, was wir aus Europa entlehnen und uns aneignen sollen, denn Europa selbst kann uns das nicht sagen. Mir ist es stets vorgekommen, als ob wir, noch ehe wir etwas Neues bei uns einführen, das Alte — nicht nur oberflächlich sondern gründlich und in seiner Wurzel — kennen lernen müßten; denn sonst kann selbst die wohltätigste Entdeckung der Wissenschaft nicht mit Erfolg angewendet werden. In dieser Absicht habe ich in erster Linie von dem Alten gesprochen.
Kurz, alle diese einseitigen Folgerungen gescheiter Leute, die ich überdies gar nicht für einseitig gehalten hatte, dieses Deuteln und am Worte Hängenbleiben, statt sich an den Sinn und Geist des Buches zu halten, beweisen mir nur, daß niemand sich bei der Lektüre meines Buches in einer ruhigen Gemütsstimmung befand; daß sich schon ein bestimmtes Vorurteil herausgebildet hatte, noch ehe das Buch erschienen war, und daß jedermann es bereits von einem festen vorher eingenommenen Standpunkt betrachtete; so kam es, daß alle nur das bemerkten, was sie in ihrem Vorurteil bestärkte und reizte, und an allem vorübergingen, was geeignet war, dies Vorurteil zu zerstören und den Leser zu beruhigen. Diese seltsame Gereiztheit hatte einen so hohen Grad erreicht, daß sie sogar alle Gesetze des Anstandes außer acht ließ, die man bisher einem Schriftsteller gegenüber noch zu beobachten pflegte. Man sagte es dem Verfasser beinahe ins Gesicht, daß er verrückt geworden sei, und man empfahl ihm allerlei Rezepte gegen seine geistige Zerrüttung. Ich kann nicht leugnen, daß es mich noch mehr betrübt hat, wenn ebenfalls gescheite und nicht einmal sehr erregte und gereizte Leute öffentlich in der Presse erklären, mein Buch enthalte nichts Neues, und wenn es etwas Neues darin gäbe, so sei es nicht wahr, sondern unrichtig und unwahr. Das erschien mir sehr hart. Wie es sich auch immer damit verhalten möge, das Buch enthielt meine Seelenbeichte, es war der Erguß meines Herzens und meines Inneren. Noch bin ich nicht öffentlich für einen ehrlosen Menschen erklärt worden, dem man kein Vertrauen schenken darf. Ich kann Fehler machen, ich kann mich irren wie jeder Mensch, ich kann eine Unwahrheit sagen, wie ja der ganze Mensch — eine einzige Lüge ist; aber alles, was meinem Herzen und meiner Seele entströmt ist, eine Lüge zu nennen — das ist zu hart. Das ist ebenso ungerecht wie die Behauptung, daß mein Buch nichts Neues enthalte. Die Bekenntnisse eines Menschen, der mehrere Jahre ganz für sein inneres Ich gelebt hat, nur mit sich selbst beschäftigt war, der sich selbst zu erziehen versucht hat wie einen Schüler, um sich einen wenn auch späten Ersatz für die in seiner Jugend verlorene Zeit zu schaffen, der überdies den andern Menschen nicht völlig gleicht, sondern gewisse Eigenschaften besitzt, die ihm allein angehören — die Bekenntnisse eines solchen Menschen können unmöglich so gar nichts Neues enthalten. Wie dem aber auch sei, in einer Angelegenheit, an der die Seele beteiligt ist, darf man kein so entscheidendes Urteil fällen. Einem solchen Fall gegenüber wird selbst der tiefste Seelenkenner nachdenklich werden müssen. In Angelegenheiten, die die Seele betreffen, ist es sogar schwierig, über einen gewöhnlichen Menschen zu richten. Es gibt Dinge, die sich der kühlen Erwägung, dem Räsonnement eines Menschen entziehen, selbst wenn dieser noch so klug sein sollte, und die man nur in solchen Augenblicken und in einer solchen Seelenstimmung versteht, wo unsere eigene Seele das Bedürfnis zu einer Aussprache, zu einer Beichte hat, wo sie Verlangen trägt, in sich zu gehen und nicht über andere, sondern über sich selbst Gericht zu halten. Kurz, die große Sicherheit, mit der diese Urteile gefällt wurden, schien mir von dem großen Selbstvertrauen des Urteilenden zu zeugen — von seinem stolzen Vertrauen auf seine Vernunft und die Überlegenheit seiner Ansicht. Ich sage das hier nicht deswegen, um jemand zu tadeln, sondern nur, um darauf hinzuweisen, wie wir bei jedem Schritt Gefahr laufen, in denselben Fehler zu verfallen, den wir soeben erst bei einem unserer Brüder gerügt haben; wie wir, indem wir einem anderen sein hochmütiges Selbstvertrauen zum Vorwurf machen, zugleich durch unsere eigenen Worte einen Beweis für unseren eigenen Hochmut und unser Selbstvertrauen liefern; wie wir, während wir einem anderen Intoleranz vorwerfen, zugleich selbst unduldsam und kleinlich werden. Jedenfalls zeugt es von einer vornehmen Gesinnung, wenn jemand den Mut hat, dies einzugestehen, und sich nicht schämt, öffentlich und vor allen Leuten zu erklären, er habe sich geirrt. Aber genug davon. Nicht um meine moralischen Qualitäten zu verteidigen, erhebe ich hier meine Stimme. Nein, ich halte es lediglich für meine Pflicht, auf eine Frage zu antworten, die fast einstimmig von seiten sämtlicher Leser aller meiner früheren Werke an mich gerichtet worden ist — auf die Frage nämlich: warum ich jene literarische Gattung und jene Sphäre aufgegeben habe, die ich einmal in Besitz genommen hatte und die ich beherrschte, über die ich fast Herr war, und warum ich mich einem neuen, mir fremden Genre zuwandte.
Um auf diese Frage zu antworten, habe ich mich entschlossen, offenherzig und in möglichster Kürze die ganze Geschichte meiner literarischen Tätigkeit zu erzählen, um einem jeden Gelegenheit zu geben, mich gerechter zu beurteilen. Der Leser soll sehen können, ob ich die Sphäre meines Schaffens wirklich gewechselt und ob ich auf eigene Verantwortung zu grübeln und klügeln begonnen habe, in der Absicht, meinem Schaffen eine andere Richtung zu geben; man wird anerkennen müssen, daß sich an meinem Schicksal wie an allen anderen Dingen der Eingriff Dessen offenbart, Der über die Welt gebietet, und zwar nicht immer so, wie wir dies wünschen, und gegen Den der Mensch nicht anzukämpfen vermag. Vielleicht wird meine treuherzige Geschichte wenigstens etwas davon erklären, was vielen in meinem vor kurzem veröffentlichten Buche als ein so unlösliches Rätsel erscheint. Wenn dies der Fall sein sollte, so würde mich das aufrichtig freuen, weil diese ganze merkwürdige Angelegenheit mich sehr mürbe und müde gemacht hat, und weil es mir nach diesem Wirbelsturm von Mißverständnissen sehr schwer ums Herz ist.
Ich kann nicht mit voller Bestimmtheit sagen, ob der Schriftstellerberuf mein eigentlicher Beruf ist. Ich weiß nur das eine: daß in den Jahren, als ich über meine Zukunft nachzudenken begann (und ich begann schon sehr früh über meine Zukunft nachzudenken, d. h. zu einer Zeit, als alle meine Altersgenossen nur ans Spielen dachten), daß mir damals der Gedanke, ich könnte Schriftsteller werden, nie in den Sinn kam, obwohl es mir immer so schien, daß ich noch einmal ein berühmter Mann werden könnte, daß mir ein großes weites Wirkungsfeld offen stände und daß ich einmal etwas für das allgemeine Wohl leisten würde. Ich dachte einfach, ich würde mich empordienen und dies alles würde mir durch den Staatsdienst gelingen. Daher hatte ich in meiner Jugend eine sehr starke Neigung für den Staatsdienst. Mein Kopf war beständig davon erfüllt, und alles, was ich tat und womit ich mich beschäftigte, tat ich im Hinblick darauf. Meine ersten Versuche, meine ersten dichterischen Experimente, in denen ich es während der letzten Schuljahre zu einer gewissen Fertigkeit brachte, hatten fast alle einen ernsten und lyrischen Charakter. Weder ich selbst, noch meine Schulkameraden, die sich mit mir in der Schriftstellerei versuchten, dachten je daran, daß ich einmal ein komischer und satirischer Autor werden könnte, obwohl ich trotz meiner melancholischen Naturanlage oft zum Scherzen aufgelegt war und sogar andere Leute mit meinen Späßen belästigte, und obgleich sich schon in meinen frühesten Urteilen über die Menschen eine gewisse Fähigkeit, bestimmte charakteristische Eigenheiten sowie gröbere und feinere und komische Charakterzüge, die von anderen nicht bemerkt werden, zu entdecken, bemerkbar machte. Man sagte, ich verstünde es, — ich möchte nicht sagen, die Menschen nachzuäffen oder zu parodieren, — sondern sie zu erraten, d. h. zu erraten, was ein Mensch in dieser oder jener Situation sagen würde, unter völliger Wahrung seiner Anschauungsweise, seiner Denkart sowie seiner Art, sich auszudrücken. Aber ich brachte dies alles nicht zu Papier, ja ich dachte gar nicht einmal daran, daß ich diese Fähigkeit noch einmal verwerten würde.
Die heitere fröhliche Stimmung, die sich in den ersten Schriften, die von mir im Druck erschienen, bemerkbar machte, hatte ihren Grund in einem gewissen seelischen Bedürfnis. Ich hatte oft unter Anfällen einer mir selbst völlig unerklärlichen Melancholie zu leiden, die vielleicht eine Folge meines krankhaften Zustandes war. Um mich zu zerstreuen, dachte ich mir die komischsten Dinge aus, die sich nur ersinnen lassen. Ich stellte mir komische Personen und Charaktere vor, die ich völlig aus dem Kopfe erfand, und versetzte sie in Gedanken in die komischsten Situationen, ohne mir viele Sorgen zu machen, wozu das gut sei und was für einen Nutzen das haben könne. Es war die Jugend in mir, die mich dazu veranlaßte, die Jugend, der ja noch keinerlei Fragen durch den Kopf gehen. Das ist der Ursprung meiner ersten Werke, die die einen ebensosehr zu einem sorglosen naiven Lachen reizten, wie mich selbst, während sich andere erstaunt fragten, wie einem vernünftigen Menschen nur solche Torheiten einfallen konnten. Vielleicht hätte diese Lustigkeit allmählich und zugleich mit dem Bedürfnis nach Zerstreuung aufgehört, ebenso wie meine schriftstellerische Tätigkeit. Allein Puschkin veranlaßte mich, diese Sache ernster anzusehen. Er hatte mich schon längst dazu zu überreden gesucht, ich sollte ein großes Werk in Angriff nehmen, und als ich ihm einmal den kurzen Entwurf einer kleinen Szene vorlas, der jedoch einen weit stärkeren Eindruck auf ihn machte, als alles, was ich ihm bis dahin vorgelesen hatte, sagte er zu mir: „Wie ist es nur möglich, daß Sie bei dieser Fähigkeit, den Charakter eines Menschen zu erraten und durch wenige Züge ganz vor einem erstehen zu lassen, wie er leibt und lebt, — wie ist es nur möglich, daß Sie sich bei dieser Fähigkeit nicht entschließen, ein großes Werk zu schreiben! Das ist einfach eine Sünde!“ Hierauf hielt er mir meine schwächliche Konstitution und meine körperlichen Gebrechen vor, die meinem Leben früh ein Ziel setzen könnten; er führte das Beispiel des Cervantes an, der zwar bereits früher ein paar ausgezeichnete, vortreffliche Erzählungen verfaßt hatte, jedoch niemals die Stelle unter den Schriftstellern einnehmen würde, die er heute inne hat, wenn er sich nicht entschlossen hätte, den Don Quijote zu schreiben, und schließlich trat er mir sein eigenes Sujet ab, aus dem er eine Art Poem hatte machen wollen und das er, wie er mir sagte, keinem anderen außer mir überlassen hätte. Dieser Stoff waren „Die toten Seelen“. (Die Idee zum „Revisor“ stammt gleichfalls von ihm.) Diesmal wurde auch ich ernstlich nachdenklich — um so mehr, als ich bereits in die Jahre zu kommen begann, wo man sich bei jeder Tat, die man vollbringen will, ganz von selbst die Frage vorlegt: warum und zu welchem Zweck willst du dies tun? Ich erkannte, daß ich in meinen Werken sinnlose Scherze trieb und spottete, ohne eigentlich zu wissen, wozu ich das tat. Wenn man schon spottet, so ist es doch besser, man lacht und spottet kraftvoll und über Dinge, die wirklich den allgemeinen Spott verdienen. Im „Revisor“ wollte ich alles Schlechte und Häßliche, das es in Rußland gibt, soweit es mir damals bekannt war, zusammentragen und anhäufen, alle Mißbräuche, die an allen den Stellen und in allen den Fällen vorkommen, wo gerade Gerechtigkeit und Redlichkeit vom Menschen verlangt werden, und dies alles auf einmal verspotten. Die Wirkung war bekanntlich eine furchtbare, erschütternde. Durch das Gelächter hindurch, das sich mir noch nie mit einer solchen Gewalt entrungen hatte, vernahm der Leser etwas wie Kummer und Schmerz. Ich selbst fühlte, daß mein Lachen nicht mehr das Lachen von ehedem war, daß ich in meinen Werken nicht mehr derselbe sein konnte, der ich früher war, und daß das Bedürfnis, mich durch harmlose heitere Szenen zu zerstreuen, zugleich mit meinen jungen Jahren verschwunden war. Nach dem Revisor empfand ich mehr denn je das Bedürfnis, ein umfassendes Werk zu schreiben, das mehr enthielt als lediglich Dinge, über die man lachen mußte. Puschkin fand, daß der Stoff der „Toten Seelen“ sich gerade darum so gut für mich eignete, weil er eine vortreffliche Gelegenheit bot, ganz Rußland in Gesellschaft des Helden nach allen Richtungen zu durchqueren und eine ganze Reihe völlig verschiedener Charaktere an uns vorüberziehen zu lassen. Ich ging ans Werk und fing an zu schreiben, ohne mir einen detaillierten Plan ausgearbeitet und ohne mir darüber Rechenschaft gegeben zu haben, was für ein Mensch mein Held eigentlich sein mußte. Ich dachte mir einfach, daß der komische Plan, mit dessen Durchführung Tschitschikow beschäftigt war, mir schon von selbst die Idee zu allerhand verschiedenen Personen und Charakteren eingeben und daß die Spott- und Lachlust, die sich in mir regte, schon von selbst eine Reihe von komischen Momenten und Phänomenen erzeugen würde, die ich mit rührenden Elementen mischen wollte. Aber bei jedem Schritt, den ich tat, mußte ich mir die Frage vorlegen: welchen Sinn? welchen Zweck hat das? was soll dieser Charakter zum Ausdruck bringen? was hat diese Erscheinung zu bedeuten? Es fragt sich nun: was soll man tun, wenn sich einem derartige Fragen aufdrängen? Soll man sie verscheuchen? Ich versuchte es damit; allein da erstanden Fragen vor mir, denen ich mich nicht zu entziehen vermochte. Da ich nichts von einer Nötigung empfand, meinen Helden gerade zu solch einem Menschen und zu keinem anderen zu machen, konnte ich auch keine Liebe für die Aufgabe empfinden, ihn darzustellen. Im Gegenteil, ich empfand etwas wie Ekel davor: alles kam gewaltsam und gezwungen heraus, und sogar das, worüber ich lachte, wirkte traurig und deprimierend.
Ich sah mit voller Klarheit ein, daß ich nicht mehr ohne einen ganz bestimmten und klaren Plan zu schreiben vermochte, daß ich mir erst selbst den Zweck meines Werks völlig deutlich machen, mir über seinen wirklichen Nutzen und seine Notwendigkeit klar werden müßte, was erst den Dichter mit einer starken und wahren Liebe für sein Werk erfüllt, die alles belebt und ohne die die Arbeit nicht vorwärtsschreitet — kurz, daß der Autor das Gefühl und die Überzeugung haben muß: indem er an seinem Werk arbeite, erfülle er gerade die Pflicht, die seine irdische Bestimmung ausmache, und für die ihm alle seine Gaben und Fähigkeiten verliehen seien, und indem er diese Pflicht erfülle, diene er zugleich seinem Staate, wie wenn er tatsächlich im Staatsdienst stünde. Der Gedanke an den Staatsdienst verließ mich nie. Ehe ich den Schriftstellerberuf wählte, wechselte ich mehrmals meine Tätigkeit und meine Stellung, um zu erfahren, für welchen Beruf ich mich am besten eignete, aber ich war weder mit dem Dienst noch mit mir selbst, noch mit denen zufrieden, die meine Vorgesetzten waren. Ich wußte damals noch nicht, wie viel mir dazu fehlte, um dem Staate so dienen zu können, wie ich ihm dienen wollte. Ich wußte damals nicht, daß man dazu jede persönliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Selbstüberhebung in sich besiegen müsse und keinen Augenblick vergessen dürfe, daß man seine Stellung nicht um seines persönlichen Glückes, sondern um des Wohles vieler solcher willen innehat, die da unglücklich werden würden, wenn ein edler Mann seinen Posten im Stiche läßt, und daß man allen persönlichen Kummer und alle Kränkungen vergessen müsse. Ich wußte damals noch nicht, daß der, der Rußland wahrhaft und ehrlich dienen will, sehr viel Liebe für sein Vaterland besitzen muß, eine Liebe, die alle anderen Gefühle in sich aufgesogen hat, daß man sehr viel Liebe für den Menschen im allgemeinen besitzen und ein wahrhafter Christ im vollen Sinn dieses Wortes sein muß. Daher ist es auch kein Wunder, wenn ich, der ich diese Eigenschaften nicht besaß, auch meinen Dienst nicht so ausüben konnte, wie ich es wollte, obwohl ich tatsächlich förmlich darauf brannte, meinem Lande ehrlich zu dienen. Sowie ich jedoch fühlte, daß ich dem Staate auch als Schriftsteller zu dienen vermag, gab ich alles andere auf: meine früheren Stellen, Petersburg, die Gesellschaft, die meinem Herzen nahestehenden Freunde, ja sogar Rußland, um in der Fremde und in der Einsamkeit fern von allen Menschen zu erwägen, wie ich es durchführen, wie ich mein Werk so gestalten, wie ich mit ihm den Beweis liefern könnte, daß ich gleichfalls ein Bürger meines Vaterlandes gewesen bin, und daß ich ihm hatte dienen wollen. Je mehr ich über mein Werk nachdachte, um so mehr fühlte ich, daß ich die Charaktere nicht auf gut Glück wählen durfte, wie sie sich mir gerade darboten, sondern nur solche Menschen darstellen mußte, an denen sich unsere wahren wesenhaften russischen Charakterzüge am stärksten und deutlichsten offenbarten. Ich wollte in meinem Werk vor allem jene höheren Züge der russischen Natur darstellen, die noch nicht von allen richtig eingeschätzt werden, sowie ferner und in erster Linie jene gemeinen und niedrigen Charaktereigenschaften, die von allen noch nicht genügend verlacht und gegeißelt werden. Ich wollte nur die hervorstechendsten charakteristischen psychologischen Phänomene zusammentragen und meine Beobachtungen über die Menschen zusammenfassen, die ich seit langen Jahren insgeheim gemacht hatte und die ich nur noch nicht dem Papier hatte anvertrauen wollen, da ich mir bewußt war, noch nicht die rechte Reife erworben zu haben; denn diese Beobachtungen konnten, richtig dargestellt, viel zur Enträtselung mancher Seiten unseres Lebens beitragen, kurz — ich wollte, daß dem Leser bei der Lektüre meines Buches der russische Mensch, mit all seinen reichen mannigfaltigen Gaben und Fähigkeiten, die ihm allein im Unterschiede von den anderen Völkern verliehen waren, aber auch mit der ganzen großen Menge von Fehlern, die ihm gleichfalls im Unterschied von den anderen Völkern eigen sind, vor Augen treten sollte. Ich glaubte, die lyrische Kraft, von der ich einen genügenden Vorrat besaß, würde mir helfen, diese Vorzüge so darzustellen, daß der Russe von einer heißen Liebe zu ihnen entbrennen würde, und die Gewalt des Lachens, von der ich gleichfalls einen genügenden Vorrat mein eigen nannte, würde es mir ermöglichen, seine Fehler und Mängel in so leuchtenden Farben zu schildern, daß den Leser ein tiefer Haß gegen sie erfassen würde, selbst wenn er sie in sich selbst entdecken sollte. Aber ich fühlte zugleich, daß ich dies alles nur dann vollbringen könnte, wenn ich mir selbst völlig darüber klar geworden war, was nun die wirklichen Vorzüge unseres Wesens und welches seine wahren Mängel und Fehler sind. Man muß sich beides genau überlegen und es gegeneinander abschätzen, man muß es sich ganz klarmachen, um nicht eine unserer Schwächen in eine Tugend zu verwandeln und nicht zugleich mit unseren Fehlern auch unsere Vorzüge dem Gelächter preiszugeben. Ich wollte meine Kraft nicht unnütz vergeuden. Seitdem man mir vorwarf, ich spottete nicht nur über die Fehler, sondern über die Menschen, die gewisse Schwächen haben, im allgemeinen, und nicht nur über den ganzen Menschen, sondern auch über seine Stellung und das Amt, das er innehat (was mir nie auch nur in Gedanken eingefallen ist), da sah ich ein, daß man sehr vorsichtig mit dem Spott umgehen müsse — um so mehr, da er ansteckend wirkt; ein witziger Mensch braucht nur irgendeine Seite einer Sache ins Lächerliche zu ziehen, damit die Dümmsten und Stumpfsinnigsten sofort über deren sämtliche Seiten lachen. Kurz, es wurde mir so klar wie der Satz: zwei mal zwei ist vier, daß ich nicht eher an die Arbeit gehen durfte, als bis ich mir ganz genau darüber klar geworden war, worin das Hohe und das Gemeine, worin die Vorzüge und die Mängel unseres russischen Wesens bestehen; um sich jedoch über das russische Wesen klar zu werden, muß man zunächst die menschliche Natur und die Seele des Menschen im allgemeinen kennen lernen: ohne dies wird man nie den richtigen Standpunkt finden, von dem aus einem die Vorzüge und Mängel eines jeden Volkes deutlich sichtbar werden.