Seit dieser Zeit wurden der Mensch und die Seele des Menschen mehr denn je Gegenstand meines Studiums. Ich wandte mich für eine Zeitlang gänzlich von der Gegenwart ab: ich hatte vor allem das Interesse, jene ewigen Gesetze kennen zu lernen, die den Menschen und die Menschheit im allgemeinen beherrschen. Die Werke der Gesetzgeber, der Seelenforscher und Erforscher der menschlichen Natur wurden von nun ab meine Lektüre. Mich begann alles zu interessieren, worin sich eine gewisse Menschenkenntnis und eine Kenntnis der Menschenseele offenbarte, von dem Wissen eines Weltmannes bis zu dem eines Anachoreten und Einsiedlers, und auf diesem Wege sah ich mich ganz unmerklich und beinahe ohne daß ich selbst wußte, wie dies geschah, zu Christus geführt, denn ich sah, daß er der Schlüssel zur Seele des Menschen war, und daß noch kein Seelenkenner sich je auf jene Höhe der Seelenkenntnis erhoben hatte, die er erreicht hat. Ich prüfte alles mit dem Verstande nach und überzeugte mich so davon, was anderen durch den Glauben völlig klar ist und was ich bisher nur dunkel und unbestimmt geahnt hatte. Und zu demselben Ergebnis brachte mich die Analyse meiner eigenen Seele: ich sah mit mathematischer Klarheit ein, daß man auf Grund von Vorstellungen unserer Einbildungskraft nicht über die höheren Regungen und Gefühle des Menschen reden und schreiben könne; man muß wenigstens etwas davon in sich selbst tragen — kurz, man muß zuvor selbst besser werden. Das mag sehr sonderbar erscheinen, besonders denen, die in ihrer Jugend eine gründliche und umfassende Bildung genossen haben. Ich muß jedoch sagen, daß ich in der Schule eine recht schlechte Erziehung erhalten hatte, und daher ist es kein Wunder, daß der Gedanke, ich müßte noch etwas lernen, sich mir erst in reiferem Alter aufdrängte. Ich begann mein Studium mit so elementaren Büchern, daß ich mich geradezu schämte, anderen Menschen zu verraten, womit ich mich beschäftigte, ja, ich suchte es vor ihnen zu verheimlichen. Ich begann nunmehr nicht so sehr beim Studium von Büchern — als vielmehr bei meinen einfachen sittlichen Übungen auf mich zu achten, wie ein Lehrer auf seinen Schüler, und ich betrachtete mich selbst als Lehrling. Ich habe auch etwas von diesen Experimenten, die ich an mir selbst vollzog, in das Buch meiner Briefe aufgenommen, nicht etwa, um damit zu prahlen (ich wüßte auch nicht, womit man hier prahlen könnte!), sondern in der allerbesten Absicht: vielleicht konnte jemand Nutzen daraus ziehen. Ich war fest davon überzeugt, daß viele gleich mir eine schlechte Schulbildung genossen haben, plötzlich zur Besinnung kommen und den ehrlichen Wunsch fassen konnten, das Verlorene nachzuholen und wieder gutzumachen. Ich hatte oft gehört, daß viele sich darüber beklagten, sie könnten sich nicht mehr von ihren schlechten Gewohnheiten befreien, trotz des heißesten Wunsches, sie loszuwerden. Ich nahm dies also in mein Buch auf, nachdem ich es, so gut es ging, dem übrigen angepaßt hatte, aber ich nahm es erst auf, nachdem ich mich durch die Erfahrung davon überzeugt hatte, daß sich manches davon verschiedenen Personen, die ich kannte, heilsam erwiesen hatte. Denen jedoch, die es mir zum Vorwurf machen, daß ich mein ganzes Innere zur Schau gestellt habe, kann ich erwidern, daß ich immerhin noch kein Mönch, sondern ein Schriftsteller bin. Ich habe in diesem Falle so gehandelt, wie alle Schriftsteller, die ausgesprochen haben, was ihre Seele bedrückte. Wenn Karamsin während seiner schriftstellerischen Tätigkeit ein ähnliches Erlebnis gehabt hätte, er hätte es sicherlich in derselben Weise zum Ausdruck gebracht. Aber Karamsin hatte in der Jugend eine gute Erziehung genossen. Er eignete sich erst die Bildung an, die dazu gehört, um ein Mensch und ein Bürger zu sein, ehe er als Schriftsteller auftrat. Mir ging es anders. Ich konnte mir nicht denken, daß jemand daran Anstoß nehmen könnte, wenn ich öffentlich erklärte, ich strebte danach, besser zu sein als ich bin. Ich finde nichts Anstößiges dabei, daß ein Mensch sich qualvoll danach sehnt und im Angesichte aller Menschen von dem Verlangen, vollkommen zu sein, verzehrt wird, wenn doch selbst Gottes Sohn vom Himmel zu uns herabgestiegen ist, um uns zu sagen: „Seid vollkommen wie unser Vater im Himmel!“

Was endlich den Vorwurf anbelangt, daß ich in meinem Buch, nur um mit meiner Demut und Bescheidenheit zu prahlen, eine Selbstverkleinerung an den Tag gelegt hätte, die schlimmer sei als jeder Stolz und Hochmut, so muß ich darauf erwidern, daß bei mir weder von Selbstverkleinerung noch Demut die Rede ist. Wer solches aus meinem Buche herausgelesen hat, hat sich durch die Ähnlichkeit gewisser Kennzeichen und Merkmale täuschen lassen. Ich kam mir in der Tat widerwärtig vor, aber nicht etwa aus Demut, sondern weil sich in meinem Geiste mit der Zeit immer deutlicher das Ideal des schönen Menschen herausarbeitete, jenes herrliche Vorbild des Menschen, wie er sich hier auf Erden darstellen sollte, und wenn ich daran dachte, so ergriff mich jedesmal ein Ekel vor mir selbst. Das aber ist nicht Demut, sondern eher ein Gefühl, das ein neidischer Mensch hat, wenn er sieht, daß ein anderer einen besseren und schöneren Gegenstand in Händen hält, als er selbst, den seinen wegwirft und nichts mehr von ihm wissen will. Dazu hatte ich das Glück gehabt, während meines Lebens, besonders aber während der letzten Zeit, einige Menschen kennen zu lernen, deren geistige und seelische Qualitäten mir so groß erschienen, daß meine eigenen daneben verblaßten, und ich zürnte mir immerfort, weil ich das nicht besaß, was andere besaßen. Man hätte also höchstens das Recht, meinen mißgünstigen und neidischen Charakter im allgemeinen verantwortlich zu machen und anzuklagen.

Aber ich will zu meiner Lebensgeschichte zurückkehren. Eine Zeitlang waren also der Gegenstand meiner Studien nicht Rußland und die Menschen in Rußland, sondern der Mensch und die menschliche Seele im allgemeinen. Alles führte mich in dieser Zeit auf die Erforschung der Gesetze unserer Seele hin: mein eigener Seelenzustand und endlich auch die äußeren Verhältnisse, über die wir keine Macht haben und die mich jedesmal gegen meinen Willen veranlaßten, mich wieder meinem Gegenstand zuzuwenden, sowie ich ihn einmal verlassen hatte. Mehrmals griff ich zur Feder, weil man mir den Vorwurf machte, ich täte nichts; ich wollte mich gewaltsam dazu zwingen, etwas zu schreiben, sei es nun eine kleine Erzählung oder irgendeinen literarischen Essay, aber ich vermochte durchaus nichts zu produzieren. Alle meine Anstrengungen endigten meist mit Unwohlsein, schweren Leiden und schließlich sogar mit solchen Anfällen, die mich dazu nötigten, jede Beschäftigung für lange Zeit gänzlich aufzugeben. Was sollte ich tun? War ich etwa schuld daran, daß ich nicht imstande war, nochmals zu wiederholen, was ich schon einmal in jüngeren Jahren gesagt und geschrieben hatte? Als ob es im Menschenleben einen doppelten Frühling gibt! Und wenn jeder Mensch beim Übergang aus einem Lebensalter in das andere unvermeidlich eine solche Verwandlung durchmachen muß, warum soll allein der Schriftsteller eine Ausnahme davon machen? Ist denn der Schriftsteller nicht auch nur ein Mensch? Ich wich nicht von meinem Wege ab. Ich verfolgte meinen Pfad immer weiter. Ich behielt immer denselben Gegenstand im Auge: das Objekt meines Studiums war — das Leben, und nichts anderes. Ich suchte das Leben, so wie es in Wirklichkeit ist, und nicht etwa so, wie es sich in den Träumen unserer Phantasie darstellt, und so fand ich schließlich Den, Der die Quelle des Lebens ist. Seit meiner frühsten Jugend hatte ich eine leidenschaftliche Vorliebe dafür, den Menschen zu beobachten, seine Seele aus seinen feinsten Zügen und Regungen, die die Menschen nicht beachten, abzulesen, — und so wurde ich zu Ihm geführt, Der allein die Seele ganz durchschaut und mit Dessen Hilfe allein ich zu einer vollständigen Kenntnis der Seele gelangen konnte. Ich beruhigte mich nicht eher, als bis ich die Lösung einiger eigener Fragen, die sich auf mich selbst bezogen, gefunden hatte; und erst, als ich mir über einige Hauptfragen im klaren war, konnte ich wieder an mein Werk gehen, dessen erstes Buch bis heute noch ein Rätsel darstellt; denn es spiegelt zum Teil noch jenen Übergangszustand, in dem sich meine Seele befand, als sie noch nicht alles von sich abgestoßen hatte, was sich einmal von mir ablösen sollte.

Sowie dieser Zustand in mir überwunden und mein Verlangen nach Erkenntnis des Menschen im allgemeinen befriedigt war, begann sich in mir der lebhafte Wunsch zu regen, Rußland näher kennen zu lernen. Ich knüpfte Bekanntschaften mit Menschen an, von denen ich etwas lernen und von denen ich erfahren konnte, was in Rußland vorgeht; ich suchte erfahrene Männer der Praxis aus allen Ständen kennen zu lernen, die alle Mißbräuche und Machenschaften in Rußland kannten. Ich wollte Bekanntschaft mit Menschen aus allen Ständen machen und von jedem etwas erfahren. Jeder Beamte, jeder Mensch, der irgendeine Beschäftigung hatte, erschien mir interessant. Vor allem aber wollte ich mir einen genauen Begriff von jedem Beruf, jedem Stand, jeder Stellung und jedem Amt im Staate bilden. Mir erschien das als eine Notwendigkeit für jeden Schriftsteller, der Menschen aus allen Berufen schildert. Wenn man nicht einen Begriff von der ganzen Pflicht und allen Aufgaben des Menschen, den man schildern will, in seinem Kopfe hat, wird es einem nie gelingen, den Menschen wahrheitsgetreu, richtig und so darzustellen, daß sich die Lebenden daraus eine Lehre ziehen, daß sie daraus etwas lernen können. Deshalb knüpfte ich einen Briefwechsel mit solchen Leuten an, die mir irgendwelche Tatsachen mitteilen konnten. Die übrigen bat ich, flüchtige Porträts und Charakterskizzen von Leuten für mich herzustellen, und zwar von den ersten besten, denen sie auf ihrem Wege begegneten. Das alles brauchte ich nicht deshalb, weil ich keine genügende Anzahl von Charakteren oder keinen Helden im Kopfe gehabt hätte; daran hatte ich keinen Mangel; diese Figuren entsprangen mir in meiner Phantasie aus einer weit vollständigeren und umfassenderen Erkenntnis der menschlichen Natur, als ich sie jemals gehabt hatte; ich brauchte diese Tatsachen ganz einfach, so wie ein Künstler, der ein großes Gemälde, eine eigene Komposition malt, nach der Natur gemalte Skizzen braucht. Er überträgt diese Skizzen nicht auf sein Bild, sondern hängt sie ringsum an den Wänden auf, um sie beständig vor Augen zu haben, und um nie einen Verstoß gegen die Natur, gegen die Zeit oder Epoche zu begehen, die er sich für die Darstellung ausersehen hat. Ich habe nie etwas rein aus der Phantasie geschöpft und erzeugt, ich besaß nie diese Fähigkeit. Mir glückte immer nur das, was ich aus dem wirklichen Leben und aus Tatsachen schöpfte, die mir bekannt waren. Einen Menschen erraten konnte ich nur dann, wenn ich mir seine äußere Gestalt bis auf die feinsten Einzelheiten vorstellen konnte. Ich habe nie ein Porträt im Sinne einer bloßen Kopie entworfen. Ich habe ein solches Porträt stets erschaffen, ich erschuf es durch Nachdenken, mit Überlegung und nicht in der reinen Phantasie. Je mehr Dinge ich in Erwägung zog, um so wahrer und treuer ward das, was ich schuf. Ich mußte weit mehr wissen als jeder andere Schriftsteller, denn ich brauchte nur ein paar Einzelheiten zu übersehen oder nicht zu berücksichtigen — damit das Unwahre und Unrechte der Darstellung weit deutlicher in die Augen sprang als bei einem anderen. Dies vermochte ich niemand klarzumachen, und daher erhielt ich fast niemals solche Briefe, wie ich sie brauchte. Alle wunderten sich und konnten es nicht begreifen, daß ich all diese Kleinigkeiten und Torheiten wissen wollte, während ich doch eine Phantasie besaß, die selbst schaffen und produzieren konnte. Allein meine Phantasie hat mich bisher noch mit keinem einzigen hervorragenden Charakter beschenkt und kein einziges Ding produziert, das mein Auge nicht irgendwo in der Natur entdeckt hätte.

Ich habe ein paar Briefe an einige Gutsbesitzer und an verschiedene Beamte in den Briefwechsel mit meinen Freunden aufgenommen (von diesen Briefen ist die große Mehrzahl nicht zum Abdruck gekommen); das habe ich jedoch nicht etwa deswegen getan, damit alle mir zustimmen, sondern gerade deswegen, damit man mich durch Anführung einzelner anekdotischer Züge widerlegen sollte. Derartige Einwände von praktischen und erfahrenen Leuten sind für mich deswegen so wichtig, weil sie mir die Sache selbst näher bringen und mir einen tieferen Einblick in das innere Wesen Rußlands gewähren. Aber man hatte kein Interesse an den Dingen, die jeden Russen etwas angehen, so wenig wie für die Fragen unseres inneren Lebens, statt dessen beschäftigte man sich mit meiner Persönlichkeit und schrieb ganze Bogen darüber voll, ob ich ein Recht habe, mich in solche Angelegenheiten hineinzumengen. Ich richtete um dieselbe Zeit einen Aufruf an alle Leser der „Toten Seelen“ — der nicht sehr taktvoll und recht ungeschickt war. Ich wußte sehr gut, daß viele sich über ihn lustig machen würden, aber ich war fest entschlossen, jeden Spott zu ertragen, wenn ich bloß mein Ziel erreichte. Ich glaubte, daß vielleicht fünf oder sechs Leser meine Bitte so erfüllen würden, wie ich es wünschte. Ich verlangte gar nicht, daß man die Fehler der „Toten Seelen“ verbessern sollte: ich hoffte mich unter diesem Vorwande bloß in den Besitz von einigen privaten Aufzeichnungen oder Erinnerungen an einzelne Charaktere und Personen, mit denen der eine oder der andere während seines Lebens zusammengetroffen war, sowie von Berichten über solche Vorfälle zu setzen, von denen ein Hauch ausgeht, der uns an Rußland gemahnt. Ich weiß, daß wir uns alle schwer aufraffen können und daß wir träge sind und nicht recht arbeiten wollen, daher wird es fast jedem von uns schwer, aus seiner Erinnerung zu schöpfen; ich dachte jedoch, die Lektüre der „Toten Seelen“ würde die Menschen aufrütteln, besonders wenn sie dabei immer Papier und Bleistift bei der Hand hätten. Ich gab meine Adresse an und bat darum, daß nur die mir in ihren Briefen solche Fälle mitteilen möchten, die sie selbst nicht in der Presse veröffentlichen wollten, im allgemeinen aber hielt ich es für weit nützlicher, sie überall bekanntzumachen. Es kam mir sogar so vor, als ob eine solche Verbreitung von Kenntnissen über Rußland in Form von lebendigen Tatsachen gerade gegenwärtig eine dringende Notwendigkeit sei, denn in unserer Zeit, die man nicht ohne Grund eine Übergangszeit nennt, macht sich bei allen Menschen und auf allen Gebieten ein Streben bemerkbar, überall zu verbessern, zu reformieren, alles umzugestalten, ja dem Übel mit allen Mitteln energisch zu Leibe zu gehen. Ich glaubte, daß wir heute mehr denn je bemüht sein müssen, alles herauszustellen und ans Licht zu bringen, was im Inneren Rußlands vorgeht, damit wir ein Gefühl dafür bekommen, aus was für einer Menge verschiedener Elemente der Grund und Boden besteht, auf dem wir alle unsere Saat ausstreuen wollen; da aber wäre es wirklich besser, wenn wir uns erst einmal ordentlich umsähen und uns die Sache überlegten, bevor wir so über die Dinge aburteilen, wie dies heute alle Leute tun. Ich hegte die geheime Hoffnung, daß die Lektüre der „Toten Seelen“ viele auf die Idee bringen würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und daß viele dazu veranlaßt werden könnten, in sich zu gehen, weil auch im Autor während der Zeit, als er die „Toten Seelen“ schrieb, eine solche Wendung nach Innen stattgefunden hatte. Ich glaubte, es könnte einem Menschen, der bereits den Gipfel seines Lebens erstiegen hat, von dem der Weg nur noch abwärts gehen kann, und der von dem Gedanken beunruhigt wird, sein Leben sei nutzlos verstrichen und er habe nur wenig für das allgemeine Wohl und sein Land geleistet, lebhafter zum Bewußtsein kommen, daß er durch eine getreue und lebendige Darstellung der Menschen, Charaktere und Ereignisse seiner Zeit die jungen Leute, die erst im Beginn ihrer Wirksamkeit stehen, mit Rußland bekannt machen und sie damit in schöner Weise für seine Untätigkeit entschädigen, ja mehr als entschädigen kann. Ein junger Mann aber, der seine Laufbahn erst eben beginnt, dessen Anteilnahme für alle Dinge noch nicht erkaltet ist, der daher noch einen frischen lebendigen Blick besitzt und der alles mit starkem Interesse verfolgt, könnte die heutige Zeit so darstellen, wie sie dem Auge des Jünglings erscheint. Kurz, ich dachte wie ein Kind; ich täuschte mich in manchen Leuten: ich glaubte, daß in einem Teil meiner Leser noch ein Funke von Liebe lebte. Ich wußte damals noch nicht, daß mein Name nur deshalb so populär ist, weil er einzelnen Leuten die Möglichkeit und das Recht zu geben schien, anderen etwas vorzuwerfen und sich gegenseitig übereinander lustig zu machen. Ich glaubte, daß viele durch mein Gelächter hindurch das Gute in meiner Natur, in meinem Ich erkennen, das ja gar nicht aus böser Absicht lachte oder spottete. Aber ich erhielt keine Aufzeichnungen zugeschickt, trotz meiner Aufforderung, und in den Zeitschriften erwiderte man mir nur mit Hohn und Spott. Ich führe dies alles nur deswegen an, um zu beweisen, daß ich alle meine Kräfte angespannt habe, um meinem Berufe treu zu bleiben, daß ich über alle nur möglichen Mittel nachgesonnen habe, die meine Arbeit fördern könnten, ich ließ es mir keinen Augenblick auch nur einfallen, meinen Schriftstellerberuf aufzugeben. Bei dieser Gelegenheit muß ich übrigens erwähnen, daß viele ihr Erstaunen darüber geäußert haben, daß ich ein solches Bedürfnis nach Daten über Rußland habe und dabei selbst fern von Rußland im Auslande bleibe, diese Leute haben es sich nicht überlegt, daß ich, ganz abgesehen von meinem leidenden Zustand, der für mich einen Aufenthalt in einem warmen Klima nötig machte, gerade eine solche Entfernung von Rußland brauchte, um mit meinen Gedanken um so intensiver in Rußland verweilen zu können. Für die, die mir das nicht nachzufühlen vermögen, will ich mich hier näher erklären, obwohl es mir etwas schwer wird, hier alles darzulegen, was die Eigenheit meines Wesens ausmacht.

Fast alle Schriftsteller, denen es nicht an jeglicher schöpferischen Begabung fehlt, besitzen eine Fähigkeit, die ich die Einbildungskraft nennen will — eine Fähigkeit, die darin besteht, sich Gegenstände, die einem nicht gegenwärtig sind, so lebhaft vorzustellen, wie wenn sie uns unmittelbar vor Augen stünden. Diese Fähigkeit ist nur dann in uns wirksam, wenn wir uns von den Gegenständen entfernen, die wir beschreiben wollen. Das ist der Grund, weswegen die Dichter sich gewöhnlich solche Epochen zum Gegenstand wählen, die bereits hinter uns liegen, und sich in die Vergangenheit versenken. Indem die Vergangenheit uns von allem, was um uns ist, loslöst, versetzt sie unsere Seele in eine stille ruhige Stimmung, wie sie zur Arbeit erforderlich ist. Ich hatte keine Vorliebe für die Vergangenheit. Mein Gegenstand war die Gegenwart und das Leben in unserer heutigen Welt, vielleicht deswegen, weil mein Geist stets eine Vorliebe für das Wesentliche und Faßliche und für einen greifbaren Nutzen hatte. Mit den Jahren wurde mein Wunsch, ein moderner Schriftsteller zu werden, immer lebhafter. Aber ich sah zugleich ein, daß man, wenn man das gegenwärtige Leben schildern will, nicht beständig in jener erhabenen und ruhigen Stimmung verharren konnte, deren man bedarf, um ein großes und formvollendetes Werk hervorzubringen. Das Gegenwärtige ist viel zu lebendig, es bewegt einen und regt einen zu sehr auf; die Feder des Schriftstellers wird ganz unmerklich und ohne daß man es fühlt, von einer satirischen Anwandlung erfaßt. Dazu sieht man, wenn man selbst mitten unter den Leuten weilt und mehr oder weniger mit ihnen zusammenarbeitet, nur die Menschen vor sich, die sich in unserer Nähe befinden: die ganze Masse, die Menge sieht man nicht, denn man kann nicht alles übersehen. Ich fing also an, darüber nachzugrübeln, wie ich mich den anderen Leuten entziehen und einen solchen Standpunkt einnehmen konnte, von dem ich die ganze Masse und nicht nur die Menschen zu sehen vermochte, die neben mir standen — wie ich mich so vom Gegenwärtigen entfernen konnte, daß es sich für mich gewissermaßen in Vergangenheit verwandelte. Meine erschütterte Gesundheit und einige kleine Unannehmlichkeiten, die noch dazu kamen und die ich heute mit Leichtigkeit ertragen hätte, mit denen ich dagegen damals noch nicht fertig zu werden vermochte, veranlaßten mich dazu, das Ausland aufzusuchen. Ich habe mich nie nach fremden Ländern hingezogen gefühlt, ich habe nie eine leidenschaftliche Vorliebe für sie gehabt. Auch besaß ich nichts von jener dunklen Neugierde, wie sie Menschen verzehrt, die nach starken Eindrücken dürsten. Aber seltsam! schon während meiner Kinderjahre, selbst während meiner Schulzeit und damals, als ich immer nur an den Staatsdienst und keinen Augenblick daran dachte, daß ich Schriftsteller werden könnte, kam es mir immer so vor, als ob ich dazu bestimmt sei, in meinem Leben noch einmal irgendein großes Opfer zu bringen, und daß ich gerade, um meinem Vaterlande zu dienen, gezwungen sein würde, mich in der Ferne darauf vorzubereiten und zu erziehen. Ich wußte nicht, wie das geschehen würde, noch wozu das nötig sei; ich dachte auch gar nicht darüber nach, ich sah mich jedoch so lebendig vor mir, sah, wie ich mich in einem fremden Lande in Sehnsucht nach meinem Vaterlande verzehre, ja dies Bild verfolgte mich so häufig, daß es mich ganz traurig machte. Vielleicht war das nur jene unbegreifliche poetische Sehnsucht, die auch Puschkin manchmal beunruhigte und ihn veranlaßte, fremde Länder aufzusuchen, lediglich um, wie er sich ausdrückt,

Mich unterm Himmel Afrikas

Nach Rußlands trüben Gaun zu sehnen.

Wie dem auch sein mag, dieser unwillkürliche Drang in mir war so stark, daß noch keine fünf Monate seit meiner Ankunft in Petersburg vergangen waren, als ich bereits ein Schiff bestieg, da ich nicht die Kraft hatte, diesem mir selbst so unbegreiflichen Gefühl zu widerstehen. Der Plan und der Zweck meiner Reise waren sehr verschwommen. Ich wußte nur das eine, daß ich sicherlich nicht deswegen auf Reisen ging, um mich an fremden Ländern zu erfreuen, sondern um schwere Leiden durchzukosten, ganz als ob ich ahnte, daß ich erst jenseits von Rußland den wahren Wert meines Vaterlandes erkennen und mich fern von ihm mit Liebe zu ihm erfüllen würde. Kaum befand ich mich auf See, auf einem fremden Schiffe und unter fremden Leuten (das Schiff war ein englischer Dampfer, auf dem sich keine Menschenseele aus Rußland befand), so wurde mir traurig zumute; ich sehnte mich so sehr nach meinen Freunden und den Kameraden meiner Kindheit, die ich verlassen und die ich stets innig geliebt hatte, daß ich, noch ehe ich das feste Land betreten hatte, schon an die Rückreise dachte. Ich blieb nicht länger als drei Tage im Auslande, und obwohl mich die Neuheit der Gegenstände reizte, beeilte ich mich, auf demselben Dampfer nach Hause zurückzukehren, aus Furcht, daß es mir später vielleicht nicht mehr gelingen könnte, den Weg nach Hause zurückzufinden. Von da ab gab ich mir das Wort, überhaupt nicht mehr an fremde Länder zu denken — und während der ganzen Zeit meines Petersburger Aufenthaltes, d. h. während voller sieben Jahre kam mir nicht der Gedanke an eine Reise in ein fremdes Land, bis der Zustand meiner Gesundheit, einige schmerzliche Erlebnisse und endlich mein Bedürfnis nach Einsamkeit mich dazu nötigten, Rußland zu verlassen.

Zweimal bin ich nachher wieder nach Rußland zurückgekehrt, einmal sogar, um für immer dort zu bleiben. Ich glaubte, jetzt, wo mich ein solches Verlangen erfaßt hatte, mir über alles klar zu werden, würde es mir bestimmt gelingen, vieles in Erfahrung zu bringen. Aber, ist es nicht merkwürdig? Mitten im Herzen Rußlands, sah ich beinahe nichts von Rußland selbst. Alle Menschen, denen ich begegnete, sprachen mit großer Vorliebe davon, was in Europa vorgeht, und dagegen redeten sie nie davon, was in Rußland passiert. Ich erfuhr nur, was man im englischen Klub treibt, und noch einiges andere, was ich schon von selbst wußte. Es ist bekannt, daß jeder von uns seinen eigenen Kreis von nahen Bekannten hat, und daher ist es sehr schwer für ihn, andere Leute, die nicht dazu gehören, kennen zu lernen, erstlich schon deswegen, weil er sich verpflichtet fühlt, möglichst häufig mit den ihm nahestehenden Menschen zusammen zu sein, und ferner, weil ein Kreis von Freunden schon an und für sich so viel Angenehmes hat, daß man sehr viel Selbstaufopferung besitzen muß, um sich ihm zu entziehen. Alle Menschen, die ich kennen lernte, teilten mir immer nur fertige Schlüsse und Folgerungen und nicht bloß schlichte Tatsachen mit, auf die es mir gerade ankam. Überhaupt bemerkte ich, daß eine gewisse Veränderung in den Köpfen und in den Gedanken der Leute vorgegangen war. Jedermann betrachtete die Sache mit einem weit philosophischeren Blick, als man dies jemals früher zu tun pflegte; man wollte stets den geheimsten Sinn und die tiefste Bedeutung einer jeden Sache ergründen: ein Motiv, eine Regung, die darauf hindeutete, daß die Gesellschaft einen mächtigen Schritt vorwärts gemacht hatte. Andererseits entsprang hieraus eine gewisse Übereilung, mit der man sogleich die Schlüsse und Konsequenzen zog und nach zwei bis drei Tatsachen über das Ganze urteilte; man übersah völlig, daß damit noch nicht alle Dinge und nicht alle Seiten einer Sache in Betracht und in Erwägung gezogen waren. Ich bemerkte, daß sich beinahe jeder in seinem Kopfe seine eigene Vorstellung über Rußland gebildet hatte, und das war der Anlaß zu fortwährenden Streitigkeiten. Ich aber brauchte etwas ganz anderes: ich brauchte jene einfachen Unterhaltungen, wie sie noch früher in den alten Zeiten üblich waren, wo jeder bloß das erzählte, was er in seinem Leben gesehen und gehört hatte, und wo ein Gespräch mehr einer Anekdotensammlung als einer Diskussion glich. Das brauchte ich gerade deswegen, weil ich unwillkürlich selbst von dieser hastigen Sucht, sofort übereilte Schlüsse und Folgerungen aus allem zu ziehen — dieser allgemeinen Tendenz unserer Zeit —, angesteckt war.

Noch mehr aber mußte ich mich über unsere Provinz wundern. Dort hörte man nicht einmal den Namen „Rußland“ aussprechen. Wie mir schien, waren nur solche Dinge in aller Munde und sprach man nur über solche Gegenstände, die man in den neuesten aus dem Französischen übersetzten Romanen gelesen hatte. Kurz — während meines ganzen Aufenthalts in Rußland zerfiel und zerstob Rußland förmlich in meinem Kopfe. Ich konnte mir durchaus kein Ganzes daraus gestalten, mein Mut sank, und sogar mein Verlangen, es kennen zu lernen, wurde schwächer. Sowie ich es jedoch verließ, formte es sich mir in Gedanken sogleich wieder zu einem Ganzen, der Wunsch, das Land kennen zu lernen, erwachte aufs neue, und die Lust, jeden frischen Menschen, der frisch aus Rußland eingetroffen war, kennen zu lernen, wurde wieder stark und mächtig in mir. Es bildete sich sogar die Fähigkeit in mir heraus, die Leute auszufragen, und oft erfuhr ich in einem Gespräch von der Dauer einer Stunde, was ich während meines Aufenthaltes in Rußland nicht einmal im Laufe einer Woche in Erfahrung zu bringen vermochte. Jedermann weiß, daß man im Ausland viel leichter Bekanntschaft macht, daß sich in den Bädern Deutschlands und in den Winterstationen Italiens Menschen begegnen, die in ihrem eigenen Lande vielleicht nie miteinander zusammengetroffen wären und die sich ihr ganzes Leben lang nicht kennen gelernt hätten. Das war es, was mich veranlaßte, einem Aufenthalt außerhalb Rußlands den Vorzug zu geben, schon im Hinblick darauf, daß ich auf diese Weise mehr von Rußland erfahren konnte. Ich dachte sehr lange darüber nach, wie ich mich in Rußland selbst über vieles unterrichten könnte, was dort vorgeht. Durch Reisen im Lande selbst erreicht man nicht viel: das einzige, was man davon im Kopfe behält, sind die Stationen und die Kneipen. In den Städten und Dörfern Bekanntschaften anzuknüpfen, ist für einen Mann, der nicht gerade im Auftrage der Regierung reist, auch nicht einfach, man wird leicht für einen Spitzel gehalten, und das einzige Ergebnis ist höchstens ein Sujet für eine Komödie, die man: Der Wirrwarr betiteln könnte. Wenn man jedoch erfährt, daß der Reisende noch dazu ein Schriftsteller ist, so wird die Situation noch weit komischer: die Hälfte aller russischen Leser ist fest davon überzeugt, daß ich nur einen einzigen Lebenszweck habe, nämlich diesen, alles am Menschen vom Kopf bis zu den Füßen zu verspotten. Und doch habe ich bisher noch nie ein so lebhaftes Bedürfnis empfunden, die gegenwärtige Lebenslage des Russen von heute kennen zu lernen — um so mehr, als gerade heute die Gegensätze in der Denkweise so groß geworden sind und alle Welt von einem wahren Wirbel von Mißverständnissen erfaßt ist, so daß kein Mensch mehr imstande ist, seine Nebenmenschen richtig zu beurteilen, und daß man genötigt ist, jedes Ding mit seinen eigenen Händen zu betasten, da man niemand mehr trauen kann. Ich konnte diese Daten nicht entbehren. Die Charaktere und Personen, die ich mir jetzt für mein Werk ausersehen habe, sind viel bedeutender als die, die ich mir früher zum Vorwurf genommen hatte. Je größer die Vorzüge einer bestimmten Persönlichkeit sind, um so greifbarer und plastischer muß man sie vor dem Leser erstehen lassen. Dazu bedarf man all der unendlichen Kleinigkeiten und Details, die dafür sprechen, daß diese bestimmte Person auch wirklich gelebt hat; sonst wird sie zu einem idealen Gebilde, sonst wird sie matt und blaß und trotz aller Tugenden, mit denen man sie ausstatten mag, armselig und nichtssagend ausfallen. Der Russe muß wirklich das Gefühl haben, daß die dargestellte Persönlichkeit aus demselben Leibe herausgeschnitten ist, dem er selbst als ein Bestandteil angehört, daß sie etwas Lebendiges, daß sie Fleisch von seinem Fleisch und Blut von seinem Blute ist. Nur dann wird er mit seinem Helden in eins zusammenfließen und unmerklich jene suggestiven Wirkungen, die von ihm ausgehen, an sich erfahren, die durch kein Räsonnement und keine Predigt hervorgebracht werden können. Eine solche volle Verkörperung, diese letzte in sich geschlossene Vollendung eines Charakters vollzieht sich nur dann in mir, wenn ich meinen Geist mit all diesen prosaischen realen Kleinigkeiten und Nichtigkeiten des Lebens erfülle, wenn ich alle großen Charakterzüge jener Menschen im Kopfe habe, zugleich jedoch auch all die Lumpen und Fetzen bis zur kleinsten Stecknadel, die den Menschen täglich umgeben, zusammentrage und um ihn herum aufstaple, kurz, wenn ich alles, das Große wie das Kleine, berücksichtige und nichts außer acht lasse. In dieser Beziehung habe ich genau so einen Verstand, wie man ihn beim größten Teil aller Russen findet, d. h. ich habe mehr die Fähigkeit, Schlüsse und Folgerungen zu ziehen, als etwas zu erfinden und zu erdichten. Ich mußte immer erst eine große Menge von Menschen anhören, wenn ich mir eine eigene Meinung bilden sollte, und dann erst fanden die Leute meine Meinung gesund und vernünftig. Hörte ich dagegen nicht alle an und zog ich einen übereilten Schluß, so waren meine Ansichten bloß schroff und ungewöhnlich. Selbst in meinem letzten Buch, in meinem „Briefwechsel mit meinen Freunden“, kommt vieles vor, das Ähnlichkeit mit einer bloßen Präsumtion oder einer Vermutung hat und doch gar keine Voraussetzung ist. Es enthält nichts als Folgerungen, aber die einen Schlüsse und Folgerungen sind unter Berücksichtigung sämtlicher Seiten einer Sache gezogen und sind daher allen klar, während andere nur Folgerungen aus einigen Tatsachen darstellen, die nicht allen bekannt sind; und daher sind sie auch so oder erscheinen sogar vielen einfach als Torheit. Das ist auch der Grund, weswegen es kaum ein Werk von mir gibt, in dem nicht neben reifen Gedanken auch ganz unreife stehen und in dem nicht der Mann und das Kind, der Lehrer und der Schüler gleichzeitig zu Worte kommen.

Es war mir also nicht möglich, mir all das zu verschaffen, was ich brauchte. Und da ich es mir nicht zu verschaffen vermochte — ist es da wohl ein Wunder, daß ich nicht arbeiten konnte? Wie kann man mit sich selbst kämpfen, wenn man solche Ansprüche an sich selbst zu stellen gelernt hat? Wie soll die Einbildungskraft sich da zum Fluge erheben — selbst wenn sie vorhanden ist —, wo der Verstand bei jedem Schritt die Frage nach dem „Warum“ stellt? Warum mußten eine Reihe von Umständen eintreten, die ich nicht herbeigerufen habe? Warum konnte ich mir erst durch eine strenge Erforschung und Analyse meiner eigenen Seele die Kenntnis der Menschenseele erwerben? Warum wurde ich erst da von dem Verlangen erfaßt, den russischen Menschen darzustellen, als ich das allgemeine Gesetz der menschlichen Handlungen kennen gelernt hatte, und warum lernte ich es erst kennen, nachdem ich den Weg zu Ihm gefunden hatte, Der allein alles menschliche Tun und jedes geringste Geheimnis unserer Seele durchschaut? — Warum wurde ich so von dem Verlangen gequält, die Seele des Menschen kennen zu lernen? Warum traten endlich solche Umstände ein, von denen ich nicht einmal sprechen kann, die mich jedoch nötigten, gegen meinen Willen tiefer in die Menschenseele hinabzutauchen? Warum blieb für mich die Fähigkeit, mich überall an der Schönheit der Menschenseele zu erfreuen, wo sie mir immer entgegentreten mochte, stets der Gipfel, die Krone aller ästhetischen Genüsse? Warum wurde ich seit den Tagen meiner Kindheit unaufhörlich von dem Verlangen gequält, die menschliche Seele zu ergründen? Erklärt mir vor allem, warum dies so kommen mußte, und dann fragt mich: warum ich nicht mehr so schreiben kann, wie ich früher geschrieben habe. Ich wollte den Umständen und dieser Ordnung, die ja nicht ich eingesetzt hatte, Widerstand leisten. Ich versuchte es mehrmals, so zu schreiben, wie ich es früher getan, wie ich in meiner Jugend geschrieben hatte, das heißt, wie sich’s traf, wie es meiner Feder beliebte, aber es wollte mir nichts mehr aus der Feder fließen. Voller Freude, daß ich durch meine an meine Freunde und Bekannten gerichteten Briefe wieder einigermaßen ins Schreiben hineingekommen war, wollte ich sofort Nutzen daraus ziehen, und sowie ich mich von meiner schweren Krankheit erholt hatte, machte ich gleich ein Buch daraus, wobei ich bestrebt war, den Stoff nach Möglichkeit zu ordnen und dem Ganzen einen gewissen Zusammenhang zu geben, damit das Buch den Charakter eines vernünftigen Werkes erhielte; ich bedachte nicht, daß das Publikum vieles davon, was an einzelne Personen gerichtet war, auf sich beziehen würde, besonders nach meinem Testament, das sich an alle meine Landsleute richtete. Ich fürchtete mich davor, die Fehler und Mängel des Buches selbst nachzuprüfen, und verschloß meine Augen, denn ich wußte, daß ich mein Buch, wenn ich es einer strengeren Prüfung unterziehen würde, vielleicht ebenso vernichten könnte, wie ich die „Toten Seelen“ und alles, was ich in der letzten Zeit geschrieben hatte, vernichtet habe. Ich glaubte, dies Buch könnte die Leser wenigstens in geringem Maße für mein langes Schweigen entschädigen, ich glaubte, ich könnte darin meine schwierige Lage schildern und darlegen, die mir in der letzten Zeit das Schreiben unmöglich gemacht hatte, und ich würde die Aufmerksamkeit auf die praktischen Fragen und die Fragen des Lebens lenken. Ich beabsichtigte ferner, solche Dinge zu berühren, die mir einen tieferen Einblick in Rußland verschaffen, mich erfrischen und beleben und zwingen würden, zur Feder zu greifen. Aber es geschah nichts von alledem: alle Welt überhäufte mich mit Vorwürfen. Ich bekam nur Worte und Reden über Dinge zu hören, die nicht durch Worte und Reden entschieden werden können. Ich ließ die Hände sinken. Der Trieb, der sich scheinbar schon in mir zu regen begonnen hatte, erlosch, und ich fühlte mich ganz von selbst und ohne daß ich es merkte, vor die Frage gestellt, die mir noch nie in den Sinn gekommen war: soll ich überhaupt noch etwas schreiben? Soll ich noch weiter in diesem Berufe tätig sein, von dem mich in der letzten Zeit alles so offenkundig abzuziehen schien? Angenommen, daß es mir selbst gelingen sollte, mich zu überwinden, angenommen selbst, daß mein Kiel wieder die nötige Leichtigkeit und Beständigkeit erlangen würde, und daß mir eine Seite nach der anderen ganz zwanglos aus der Feder fließen würde — war meine seelische Verfassung wirklich derartig, daß meine Werke der Gesellschaft von heute tatsächlich von Nutzen sein konnten und heute eine Notwendigkeit für sie darstellten? Werfen wir dazu einmal einen Blick auf den Zustand der Gesellschaft unserer Zeit: begünstigt die Gegenwart den Schriftsteller im allgemeinen? und ferner: ist sie einem Schriftsteller, wie ich einer bin, günstig?

Alle sind sich mehr oder weniger darüber einig, daß unsere heutige Zeit eine Übergangszeit genannt werden kann. Alle fühlen heute mehr denn je, daß sich die Welt auf dem Marsche und nicht im Hafen befindet, das ist nicht einmal eine Station, auf der man vorübergehend haltmacht, kein Nachtquartier und kein Rasten während der Reise. Alles sucht etwas, aber es sucht es nicht draußen, sondern in dem eigenen Inneren. Die moralischen Fragen haben ein starkes Übergewicht über die politischen, die Probleme der gelehrten Wissenschaft sowie alle anderen Probleme erlangt. Kein Schwert und kein Kanonendonner vermögen das Interesse der Welt mehr zu fesseln. Überall kommt mehr oder weniger deutlich der Gedanke eines inneren Aufbaus, einer inneren Organisation zum Durchbruch: alles wartet auf das Eintreten einer strengeren harmonischeren Lebensordnung. Der Gedanke der Organisation, des Aufbaus sowohl des eigenen Ichs wie des der anderen wird immer mehr Allgemeingut. Alle bedeutenden Menschen, die an der Spitze marschieren, erleben Krisen und Umwälzungen in ihrem Inneren, manche sogar in den Jahren, wo in der Seele des Menschen bisher noch nie ein innerer Umschwung oder eine innere Besserung und Erhebung möglich zu sein schienen. Ein jeder fühlt mehr oder weniger, daß er sich nicht in der richtigen Verfassung befindet, in der er sich eigentlich befinden sollte, wenn er auch nicht weiß, worin dieser ersehnte Zustand nun eigentlich besteht. Dennoch aber sucht und strebt alles nach diesem ersehnten Zustande; alle Ohren lauschen gespannt und richten sich dorthin, woher sie etwas über die Fragen, die heute alle beschäftigen, zu vernehmen hoffen. Kein Mensch will ein Buch lesen, das nicht wenigstens eine Spur von all jenen Fragen enthält. Bedarf man also wohl in solch einer Zeit der Werke eines Schriftstellers, der über ein gewisses schöpferisches Talent verfügt, der lebendige Bilder von Menschen zu erschaffen vermag, und der die Gabe hat, das Leben eindringlich und plastisch darzustellen, so wie es ihm erscheint, — der von dem Verlangen verzehrt wird, es kennen zu lernen? Machen wir uns zunächst einmal klar, was das für ein Schriftsteller ist, dessen Hauptbegabung sein schöpferisches Talent ist.

Alle Welt stimmt mehr oder weniger darin überein, daß ein produktiver Schriftsteller seine Werke schreibt, um die Menschen zu belehren. Die Ansprüche, die an ihn gestellt werden, sind gewaltig — und mit Recht: um nichts als eine gute Kopie dessen, was man vor Augen sieht, herzustellen, dazu gibt es auch andere Schriftsteller, die häufig ein außergewöhnliches Talent für das beschreibende, malende Genre besitzen, denen jedoch die schöpferische Gabe völlig mangelt. Wer dagegen schafft, wer viel Zeit und Mühe darauf verwendet, dem sein Werk teuer zu stehen kommt, der darf seine Mühe und Arbeit nicht umsonst verschwenden. Die Schöpfungen seiner Kunst müssen für unser Leben einen Fortschritt bedeuten, er muß, wenn er seine Zeit verstanden hat, wenn er auf der Höhe jener Epoche steht, dieser Epoche seine Schuld für die Belehrung, die er aus ihr geschöpft hat, abtragen können, indem er auch sie seinerseits wieder belehrt. So wenigstens bestimmen die Ästhetiker unserer Zeit ebenso wie die früherer Zeiten das Wesen des Dichters oder ganz allgemein das Wesen eines Schriftstellers von schöpferischer Begabung. Die Menschen ganz so zu reproduzieren, wie man sie in sich aufgenommen hat, ist für einen schöpferischen Schriftsteller sogar unmöglich, das wird ein Schriftsteller weit besser machen, der über einen flinken Pinsel verfügt, sofort und jederzeit nachzuahmen vermag, was an seinem Blick vorüberzieht, und der von keinen inneren Skrupeln gequält und beunruhigt wird.

Folglich kann in unserer heutigen Zeit, wo alle Menschen so sehr mit den Fragen des Lebens beschäftigt sind, ein solcher Schriftsteller mehr als jemand anderes das lösende Wort in den Fragen der Gegenwart sprechen; aber wann und in welchem Falle? Nur dann und in dem Falle, wenn er sich schon selbst alle Fragen, die ihn beunruhigen, beantwortet hat. Wenn er sich bei allen seinen großen Gaben zu einer plastischen Anschaulichkeit des Stils, zu der Adlerkraft und -schärfe des Blicks, zu dem fortreißenden lyrischen Schwung und der zermalmenden Wucht seines Sarkasmus noch eine umfassende Kenntnis seines Landes und seines Volkes bis hinab in seine Wurzeln und Auszweigungen erworben, wenn er sich zum Bürger seines Landes und zum Bürger der ganzen Menschheit herangebildet hat und überall da, wo dem Menschen geboten ward, hart zu sein wie ein Fels, unerschütterlich dasteht wie ein Stein, dann mag er seine Laufbahn antreten. Wenn er wirklich über solche Mittel und Werkzeuge verfügt, dann wird er dem Publikum solche Menschen vorführen, wie er sie gegenwärtig und in unserem heutigen Zeitalter braucht, und er wird sie mit jener porträthaften Anschaulichkeit ausstatten, die da macht, daß das Bild eines Menschen uns überallhin verfolgt, so daß wir es nicht wieder loswerden können. Bei solchen Mitteln wird es ihm natürlich nicht schwer werden, alle jene Heldengestalten, mit denen die modernen Schriftsteller unsere Köpfe vollgestopft haben, wieder auszutreiben. Man muß nur einmal statt durch heftige leidenschaftliche Reden durch solche lebendige Bilder, die wie die rechtmäßigen Herren in der Seele der Menschen ein und aus gehen, zum Publikum sprechen, — so werden sich einem die Tore der Herzen von selbst öffnen, um sie aufzunehmen, wenn man nur das Gefühl hat und nur das Geringste davon spürt, daß diese Gestalten und Bilder aus unserem eigenen Wesen geschöpft sind, daß sie unserem eigenen Körper entstammen. Wer könnte in solch einem Falle noch daran zweifeln, daß heutzutage niemand eine so starke Wirkung auszuüben vermöchte, wie solch ein Schriftsteller, und daß niemand unserer Zeit und unserer heutigen Epoche notwendiger ist als er. Wenn er jedoch tatsächlich über einige von diesen Mitteln und Werkzeugen verfügt, sich aber noch nicht zu einem Bürger seines Landes und der Menschheit herangebildet hat, wenn er, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend, selbst noch im Werden und in der Entwicklung begriffen ist, dann wäre es für ihn sogar gefährlich, sich in die Öffentlichkeit hinauszuwagen; dann kann seine Wirkung eher schädlich als nützlich sein. Diese Arbeit an sich selbst wird in allem zum Ausdruck kommen, was seiner Feder entstammt. Je weniger Ähnlichkeit er mit anderen Leuten hat, je ungewöhnlicher er uns erscheint, je mehr er sich von anderen Menschen unterscheidet, je eigenartiger er ist, zu um so mehr Irrtümern und Mißverständnissen kann er überall Anlaß geben. Das, was in ihm lediglich eine natürliche Äußerung, eine normale Funktion seines außergewöhnlichen Organismus, ein vorübergehender Zustand, eine Stimmung seines Geistes ist, kann anderen Menschen als ein Höhepunkt, als Zielpunkt erscheinen, den alle erreichen müssen. Je liebevoller er sich für seine Helden und Charaktere einsetzt, je gründlicher er sie ausführt, und je lebendiger seine Darstellung ist, um so größer wird der Schaden sein. Wir alle haben den Beweis dafür vor Augen. Eine bekannte französische Schriftstellerin, die alle anderen an Begabung überragt, hat in wenigen Jahren eine gewaltigere Umwälzung in den Sitten hervorgerufen als sämtliche Schriftsteller, die sich bemühten, die Menschen zu korrumpieren. Sie hat vielleicht gar nicht einmal daran gedacht, die Unsittlichkeit zu predigen, ihre Schriften waren möglicherweise nur der Ausdruck einer vorübergehenden Verirrung, der sie in einer späteren Epoche ihrer geistigen Entwicklung vielleicht wieder entsagt, von der sie sich wieder losgesagt hat, allein das Wort war bereits gefallen: „Ein Wort ist wie ein Spatz,“ sagt ein russisches Sprichwort, „läßt du es aus der Hand, so fängst du es nie mehr ein.“

Ich selbst bin ein Schriftsteller, dem es nicht ganz an schöpferischer Begabung fehlt; ich besitze auch einige von den Gaben und Fähigkeiten, in denen eine suggestiv fortreißende Kraft liegt. Der allgemeinen Zeitströmung folgend, die nicht von uns gemacht wird, sondern dem Willen des Höchsten entspringt, ... strebe auch ich nach Bildung und Organisierung meines Ichs, wie dies auch andere tun, und ich fühle, daß ich noch sehr weit von dem Ziele entfernt bin, dem ich zustrebe, und daß ich daher nicht öffentlich hervortreten sollte. Auch das unlängst veröffentlichte Buch „Briefwechsel mit meinen Freunden“ ist ein Beweis dafür. Wenn schon dies Buch, das nicht mehr als eine Abhandlung ist, wie man sagt, durch seine Unbestimmtheit zu Irrtümern Anlaß gibt und sogar zur Verbreitung verkehrter Gedanken beiträgt, wenn schon von diesen Briefen, wie man sagt, einem ganze Sätze und Seiten wie lebendige Bilder im Kopf haften bleiben, was wäre erst dann geschehen, wenn ich, statt mit diesen Briefen, mit einem erzählenden Werk voll lebendiger Anschauungen hervorgetreten wäre? Ich fühle selbst, daß hierin weit mehr meine Stärke liegt als in theoretischen Erörterungen. Jetzt kann die Kritik mich noch angreifen, dann jedoch wäre kaum jemand imstande gewesen, mich zu widerlegen. Meine Bilder hätten etwas Suggestives gehabt und hätten sich so in den Köpfen festgesetzt, daß kein Kritiker sie von dort hätte wieder austreiben können. Man darf nicht außer acht lassen, daß alle dargestellten Personen und Charaktere die Wahrheit meiner eigenen Überzeugungen hätten beweisen müssen und meine Überzeugungen ... Wenn ich dieses Buch mit den von mir vernichteten „Toten Seelen“ vergleiche, so kann ich nicht dankbar genug sein für den mir zuteil gewordenen Impuls, sie zu vernichten. Trotzdem aber stehe ich in meinem Briefwerk auf einem höheren Standpunkt als in den vernichteten „Toten Seelen“. Die Dunkelheit des Ausdrucks verwirrt an vielen Stellen den Leser; wenn ich denselben Gedanken etwas deutlicher und klarer ausgedrückt hätte, so hätten viele Leute unterlassen, mir Einwände zu machen. In den von mir vernichteten „Toten Seelen“ ist weit mehr von dem Übergangszustand, von dem inneren Umschwung in mir zum Ausdruck gekommen, es steckt noch eine weit größere Unbestimmtheit in den grundlegenden Prinzipien darin, die Gedanken haben mehr bewegende, treibende Kraft, einzelne Teile enthalten schon sehr viel Eindrucksvolles, mit sich Fortreißendes, und die Helden haben etwas Suggestives. Kurz — als ein ehrlicher Schriftsteller hätte ich die Feder niederlegen müssen, selbst dann, wenn ich wirklich den Drang gefühlt hätte, sie zu ergreifen. Aber so etwas muß mit Besonnenheit betrachtet werden. Alle die, die leichtfertig von mir verlangen, daß ich in meiner schriftstellerischen Arbeit fortfahren soll, und doch zugleich mein letztes [Buch] schlecht machen, sollten sich doch zum mindesten die ganze Sache etwas genauer überlegen und alle Umstände in Betracht ziehen, die kein Richter außer acht läßt, wenn er über jemand zu Gericht sitzt. Ich habe den Eindruck, daß heute nicht nur ein Mensch, der schriftstellerisch tätig ist, sondern jeder Kopf überhaupt sich der Tätigkeit enthalten sollte, wenn er die Neigung hat, Schlüsse und Folgerungen zu ziehen und selbst noch ... Von den klugen Leuten sollten nur solche sich öffentlich betätigen, deren Erziehung vollendet ist und die fertige Bürger ihres Landes sind, und von den Schriftstellern nur solche, die Rußland ebenso glühend lieben wie der, der sich Kosak Luganski nennt, und die es gleich ihm verstehen, die Natur so zu schildern, wie sie wirklich ist, ohne uns das Gute und Böse an der russischen Natur zu unterschlagen, das sollten nur Schriftsteller tun, die sich einzig und allein von dem Wunsche leiten lassen, alle Welt über den wirklichen Zustand aufzuklären, in dem sich heute die Menschen in Rußland befinden.

Es wird mir sicherlich viel schwerer als irgend jemand sonst, die schriftstellerische Tätigkeit aufzugeben, wo sie doch der Inhalt aller meiner Gedanken und Wünsche war, wo ich doch allem anderen, allen Lockungen des Lebens entsagt und wie ein Mönch alle Bande, die mich an alles das, was dem Menschen hier auf Erden teuer ist, zerrissen habe, um an nichts mehr zu denken als an meine Arbeit. Es wird mir nicht leicht, der schriftstellerischen Tätigkeit zu entsagen: gehörten doch gerade die Augenblicke zu den schönsten meines Lebens, wo ich das, was ich lange in Gedanken ausgebrütet hatte, zu Papier bringen durfte; bin ich doch auch jetzt noch immer überzeugt, daß es kaum einen höheren Genuß gibt als den des Schaffens. Aber — ich wiederhole dies nochmals — als ehrlicher Mensch müßte ich meine Feder selbst dann noch niederlegen, wenn ich den inneren Drang fühlte, sie zu ergreifen.

Ich weiß nicht, ob ich ehrlich genug gewesen wäre, so zu handeln, wenn ich nicht die Fähigkeit zum Schreiben verloren hätte; denn — um ganz aufrichtig zu sein — das Leben hätte dann plötzlich allen Wert für mich eingebüßt; nicht mehr schreiben, nicht schaffen, das hätte für mich ebensoviel bedeutet, wie nicht leben. Aber es gibt keinen Verlust, für den uns nicht ein Ersatz geschaffen wird, was ein Beweis dafür ist, daß der Schöpfer den Menschen keinen Augenblick verläßt. Das Herz bleibt keinen Moment ganz leer und kann nicht ganz ohne Wunsch sein. Wie die Erde, die eine Weile vom Pflug unberührt bleibt, andere und neue Kräuter und Gräser wachsen läßt, bis sie sich in ein neues von ihnen befruchtetes und gedüngtes Ackerfeld verwandelt, so kehrten auch in mir, als ich die Fähigkeit, zu schaffen verloren hatte, meine Gedanken aufs neue zu dem Gegenstand zurück, von dem ich in meiner Kindheit geträumt hatte. Ich wollte wieder dienen; jede, selbst die kleinste und unscheinbarste Stellung hätte mir genügt, wenn ich nur meinem Vaterlande so hätte dienen können, wie ich ihm einstmals hatte dienen wollen, ja ich hätte ihm jetzt noch weit treuer und besser dienen mögen, als ich dies jemals gewünscht hatte. Der Gedanke an einen solchen Dienst hat mich niemals verlassen. Ich söhnte mich auch erst mit meiner schriftstellerischen Tätigkeit aus, als ich mich innerlich überzeugte, daß man auch auf diesem Gebiete seinem Vaterlande dienen könne. Aber auch damals dachte ich noch daran, wenn ich einmal ein großes Werk vollendet haben würde, ganz so wie die anderen Menschen in den Staatsdienst einzutreten und mir eine Stellung zu suchen. Meine Pläne und Absichten hatten bloß etwas Anmaßendes und entsprangen einer hochmütigen Gesinnung. Ich glaubte, wenn ich den Beweis dafür ablegen würde, daß ich den Russen wirklich von Grund aus, in seiner Wurzel und seinen fundamentalsten Zügen kenne, d. h. wenn ich ihn sowohl in den Zügen, die allen erkennbar, als auch in denen, die bisher noch verborgen sind, verstehe, ich glaubte, wenn ich den Beweis liefern würde, daß ich die Seele des Menschen nicht aus Büchern und Erzählungen, sondern aus Erfahrung kenne, da ich schon von frühester Jugend auf von dem Wunsche beseelt war, den Menschen begreifen zu lernen, so würde man mir eine Stellung anweisen, die es mir erlauben würde, mit Menschen aller Stände und mit vielen Leuten in persönliche Berührung zu kommen, nicht erst durch Vermittlung von Akten und Kanzleien: eine Stellung, in der ich meine Menschenkenntnis mit wirklichem Nutzen verwerten, mich vielen Leuten nützlich erweisen und mir selbst noch eine größere Menschenkenntnis erwerben würde. Es schien mir so, als ob Rußland am meisten unter den gegenseitigen Mißverständnissen leidet, und daß wir vor allem solche Menschen brauchen, die bei einiger Kenntnis der Seele und des Herzens und ganz allgemein bei einigem Wissen von dem innigen Wunsche nach Frieden beseelt wären. Ich hatte gesehen und bereits die Erfahrung gemacht, daß man durch persönliche Unterhandlungen und Aufklärungen viele Streitigkeiten beilegen konnte, die niemals auf dem Aktenwege zu erledigen sind. Ich dachte mir, wenn es auch heute keine solche Stellungen gebe, so würde ich doch, wenn mein Werk ganz fertig und bereits erschienen sei, einen solchen Posten erhalten, und ich entwarf in Gedanken bereits einen Plan, ein Projekt, in dem ich darlegen wollte, wie ich mich Rußland durch die Fähigkeiten, die ich besaß, nützlich und notwendig erweisen könnte. Ich schmiedete die kühnsten Pläne, da sie sich jedoch lediglich auf den Erfolg meines Werkes gründeten, zerfielen sie sogleich in sich, als mir die Fähigkeit, dichterische Werke zu schaffen, verloren gegangen war. Jetzt sind in meinen Augen alle Ämter und Stellungen gleichwertig, jeder Posten — der kleinste wie der größte — hat die gleiche Bedeutung, wenn man ihn nur mit dem gebührenden Ernst ansieht, und es will mir so scheinen, daß man, wenn man den Menschen nur ein wenig zu schätzen weiß und einen Begriff von seiner Würde hat, die ihm selbst dann noch erhalten bleibt, wenn der Mensch viele Fehler und Mängel hat, daß man, sofern man nur etwas wahrhaft christliche Liebe für ihn hat und endlich von wirklicher Liebe zu Rußland erfüllt ist, wie ich glaube, in jeder Stellung sehr viel Gutes wirken kann. Die Kraft des sittlichen Einflusses übertrifft alles andere. Ein Amt und eine Stellung wären für mich dasselbe wie ein Hafen und das Festland für einen Seefahrer. Ich bin überzeugt, daß heutzutage ein jeder, der von dem heißen Wunsch nach dem Guten verzehrt wird, der ein Russe ist und dem Rußlands Ehre am Herzen liegt ... sich ebenso und mit demselben Eifer zu vielen Ämtern und Stellungen im Staate drängen sollte, wie einstmals jeder von uns in die Reihen trat, um das Vaterland gegen den Feind zu verteidigen; denn das Unrecht und die Zahl der Übel sind groß, und sie haben schon viel Schmach über uns gebracht. Andererseits aber bin ich auch überzeugt, daß wir schon um unserer selbst willen ein Amt und eine Stellung brauchen, um ... So stürmisch und aufgeregt die heutige Zeit ist, so erregt und bewegt auch die Geister um uns herum sind, so sehr uns unser eigener Verstand empört, man kann bei alledem doch ruhig bleiben, wenn man nur zu dem Zweck eine Stellung annimmt, um seine Pflicht so zu erfüllen, daß man dem Himmel Rechenschaft dafür abzulegen vermag und sich dessen nicht zu schämen braucht. Wie dem auch sein mag, das Leben ist für uns kein Rätsel mehr. Es war einmal ein Rätsel, als die klügsten unter den Menschen, die Denker und Dichter, über es nachsannen und zur Überzeugung kamen, daß sie nicht wissen, was das Leben ist. Aber nachdem einmal einer — der der klügste von ihnen allen war — es mit voller Sicherheit und ohne zu schwanken oder zu zweifeln ausgesprochen hat, Er wisse, was das Leben sei; seitdem dieser Eine von allen anerkanntermaßen für den größten aller Menschen, die bisher gelebt haben, selbst von denen, die nicht zugeben wollen, daß Er Gott sei, gehalten wird, muß man Ihm aufs Wort glauben, selbst wenn Er nur ein einfacher Mensch gewesen sein sollte. Folglich ist die Frage: Was ist das Leben? gelöst.

Das aber genügt noch nicht. Uns ward ein vollständiges und umfassendes Gesetz für alle unsere Handlungen gegeben — ein Gesetz, das keine Gewalt in seiner Wirkung zu hemmen oder zu beschränken vermag, das man selbst bis in die Mauern des Gefängnisses tragen, das man jedoch nicht erfüllen kann, wenn man in der Luft schwebt; dazu muß man zum mindesten ein festes irdisches Fundament unter den Füßen haben. Wenn man ein Amt und eine Stellung innehat, befindet man sich doch immer auf einem bestimmten Wege; besitzt man dagegen keine bestimmte Stellung und kein Amt, so geht man aufs Geratewohl durch Gestrüpp und Schluchten, wenn man auch das gleiche Ziel im Auge behält. Auf einem Wege geht sich’s leichter als dort, wo es keine Wege gibt. Wenn man Amt und Stellung als Mittel zu einem Ziel betrachtet, das nicht auf der Erde liegt, sondern als einen Weg zum himmlischen Ziel — zur Rettung unserer Seele — ansieht, so erkennt man, daß das Gesetz, das uns Christus gegeben hat, nur für uns selbst gegeben ward, daß er sich gleichsam an uns selbst wendet, um uns klar und deutlich zu zeigen, wie wir uns an der Stelle, an der wir stehen, und in dem Berufe, den wir uns erwählt haben, verhalten sollen. Es ward dem Christen mit aller Bestimmtheit und Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen Höhergestellte benehmen soll, und wenn er nur einen Teil davon erfüllt, so werden ihn alle, die über ihm stehen, liebgewinnen. Es ward dem Christen in aller Bestimmtheit und Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen die verhalten soll, die unter ihm stehen, und wenn er nur einen Teil hiervon erfüllt, so werden ihm alle unter ihm Stehenden von Herzen ergeben sein. Diese ganze Universalität des menschenfreundlichen Gesetzes Christi, dieses Verhältnis der Menschen untereinander kann von jedem von uns auf seine begrenzte Sphäre angewandt und übertragen werden. Wir brauchen bloß alle Menschen, mit denen wir so häufig in unangenehmster und peinlichster Art zusammenstoßen, zu unseren Nächsten und unseren Brüdern zu machen, zu jenen Nächsten, denen uns Christus am meisten zu vergeben und die Er uns am meisten zu lieben geboten hat. Man braucht bloß nicht darauf zu achten, wie die anderen sich gegen uns verhalten, und nur daran zu denken, wie man selbst gegen andere Leute handelt. Man braucht bloß nicht daran zu denken, wie die anderen uns lieben, sondern bloß darauf zu achten, ob man sie auch selbst liebt. Man braucht nur, ohne sich durch irgend etwas gekränkt zu fühlen, dem ersten, dem man begegnet, die Hand zur Versöhnung entgegenzustrecken. Man braucht bloß eine kurze Zeit lang so zu handeln und man wird bald inne werden, daß der Umgang mit anderen Leuten uns selbst und daß ihnen der Umgang mit uns viel leichter wird; dann wird man wirklich die Kraft in sich fühlen, auch an einer unscheinbaren Stelle manch nützliche Tat zu vollbringen. Am schwersten hat es der in der Welt, der noch nicht irgendwo festen Fuß gefaßt hat, der sich’s nicht klarmacht, worin sein Beruf besteht: ihm ist es am schwersten, das Gesetz Christi auf sich anzuwenden, das doch dazu da ist, um auf der Erde und nicht in der Luft verwirklicht zu werden; daher muß auch das Leben ein ewiges Rätsel für ihn sein. Ihm gegenüber ist sogar der Gefangene, der im Kerker schmachtet, noch im Vorteil: er weiß, daß er ein Gefangener ist, und er weiß daher auch, was von dem Gesetz er für sich auswählen muß. Ihm gegenüber ist noch der Bettler im Vorteil, er hat auch ein Amt: er ist ein Bettler und weiß daher, was er für sich aus dem Gesetz Christi schöpfen soll. Ein Mensch jedoch, der nicht weiß, was sein Beruf, wo sein Platz ist, der sich nichts klar, der bei nichts haltmacht und nirgends festen Fuß gefaßt hat, der hat weder in der Welt noch außer der Welt ein Heim; er weiß nicht, wer sein Nächster ist, wer seine Brüder sind, wen er lieben und wem er verzeihen soll (man kann nicht die ganze Welt lieben, wenn man nicht erst einmal die lieben lernt, die einem am nächsten stehen und die Gelegenheit haben, uns Kummer zu bereiten): sein Gemütszustand hat die meiste Ähnlichkeit mit einer trockenen mattherzigen Seelenverfassung.

So war ich denn nach vielen Jahren langer Mühe und mancherlei Versuchen und häufigem Nachdenken, auf meinem Wege sichtlich vorwärtsschreitend, endlich zu dem Ergebnis gelangt, von dem ich schon während meiner Kindheit geträumt hatte, daß das Dienen die Bestimmung des Menschen und daß unser ganzes Leben ein einziger Dienst ist. Man darf nur nicht vergessen, daß man ein Amt im irdischen Staate übernimmt, um dadurch dem himmlischen König zu dienen, und daher Sein Gesetz stets im Auge behalten muß. Nur wenn man seinen Dienst in dieser Weise auffaßt, kann man es allen recht machen: dem König, dem Volk und seinem Vaterland.

Als ich diese Überzeugung gewonnen hatte, war ich schon bereit, mich voller Eifer jedem Amte zu widmen, obwohl ich natürlich bemüht war, mir mit Rücksicht auf meine Fähigkeiten einen solchen Beruf zu wählen, der mich auch weiter in den Stand setzen würde, die Menschen in Rußland auch in der Praxis kennen zu lernen; damit ich, wenn sich bei mir die Fähigkeit zum dichterischen Schaffen wieder einstellen sollte, über ein ausreichendes Material verfügte. Und so war auch einer der Gründe meiner Reise ins Heilige Land der ehrliche Wunsch, an jener Stelle zu Gott zu beten und mir von Ihm, Der uns in jenen Gegenden, die einst Sein Fuß durchschritten, das Geheimnis des Lebens offenbart hat, den Segen für eine rechtschaffene Erfüllung meiner Pflicht und für meinen Eintritt ins Leben zu erflehen; ich wollte Ihm für alles danken, was sich in meinem Leben ereignet hatte, mir von Ihm eine Tätigkeit erbitten und Ihn um Belebung und Erfrischung für den weiteren Weg und das Werk, für das ich mich herangebildet und vorbereitet hatte, anflehen. Und darin finde ich nichts Merkwürdiges, da doch auch der Schüler nach Beendigung seines Lehrganges sich beeilt, dem Lehrer ein Wort des Dankes zu sagen. Wenn doch auch der Sohn zum Grabe des Vaters eilt, bevor er seine Tätigkeit beginnt, warum sollte ich nicht jenem Grabe Ehre und Anbetung erweisen, das alle verehren, an dem allen Trost und Kräftigung zuteil wird und vor dem alle Menschen — auch solche, die keine Dichter sind — von Begeisterung ergriffen werden. Es ist vielleicht recht sonderbar, daß ich in einem gedruckten Buche hierüber geredet habe; aber ich hatte mich damals gerade von einer schweren Krankheit erholt. Ich war noch recht schwach und glaubte gar nicht, daß ich imstande sein würde, diese Reise zu vollenden. Ich wollte, daß die für mich beten sollten, deren ganzes Leben ein einziges Gebet geworden war, wußte nicht, wie ich es anstellen sollte, daß meine Stimme bis in die Tiefe der Klosterzellen und in die Mauern der Einsiedler dränge, und ich dachte, daß vielleicht einer von denen, die mein Buch lesen würden, mein Wort bis an das Ohr jener tragen möchte. Ich bat auch die anderen, für mich zu beten, weil ich nicht wußte, wessen Gebet Ihm wohlgefälliger ist, zu Dem wir alle beten. Ich weiß nur das eine, daß der Geringste und Schlechteste unter uns schon morgen ein besserer Mensch werden kann als wir alle und daß sein Gebet eher bis an Gottes Ohr dringen kann als jedes andere Gebet. Dafür hätte man mich nicht so strenge verurteilen sollen; man hätte lieber an die Worte „Bittet, so wird euch gegeben“ denken und dies Gebot erfüllen sollen.

Wie es geschehen konnte, daß ich nun genötigt bin, dem Leser über dies alles Auskunft zu geben, das kann ich selbst nicht begreifen. Ich weiß nur das eine: daß ich nie den Wunsch hatte, mich über meine geheimsten und innersten Seelenregungen zu äußern — nicht einmal meinen aufrichtigsten Freunden gegenüber. Ich war fest entschlossen, nichts von meinen Seelenerlebnissen zu verraten und alle Urteile, die über mich gefällt wurden, ruhig über mich ergehen zu lassen, da ich fest davon überzeugt war, daß, wenn erst der zweite und dritte Band der „Toten Seelen“ erscheinen würden, sich alles aufklären und niemand mehr die Frage stellen würde: was ist der Autor selbst für ein Mensch? trotzdem der Autor gänzlich hinter seinen Helden verschwinden sollte. Nachdem ich mich jedoch einmal darauf eingelassen hatte, gewisse Erklärungen über meine Werke abzugeben, war es ganz unvermeidlich, daß ich auch von mir selbst reden mußte, weil meine Werke auf das engste mit meinen geistigen und seelischen Angelegenheiten in Zusammenhang stehen. Gott weiß, vielleicht geschah auch dies ohne den Willen Dessen, ohne Den in der Welt nichts geschieht; ja, vielleicht mußte dies gerade deswegen geschehen, damit ich einen Einblick in mein eigenes Innere gewinnen konnte. Die Versuchung, hochmütig zu werden, lag mir sehr nahe, besonders nachdem es mir gelungen war, mich tatsächlich von einigen Fehlern und Mängeln zu befreien. Dieser Hochmut nistete beständig in meiner Seele und niemand hat mich darauf aufmerksam gemacht. Bekanntlich genügt es schon, sich eine gewisse Glätte, ein gewisses Gleichmaß und eine gewisse Nachsicht und Toleranz im Umgang mit den Menschen anzueignen, damit sie unsere Fehler übersehen und nicht beachten. Wenn man sich dagegen vor unbekannten Leuten und vor der ganzen Welt zur Schau stellt, und wenn jede unserer Handlungen und Taten bis ins einzelne zerfasert wird, wenn Menschen der verschiedensten Denkungsart, der verschiedensten Anschauungen und mit den verschiedensten Vorurteilen sich jeder nach seiner Weise ein Bild von uns machen, wenn dann von allen Seiten berechtigte und unberechtigte Vorwürfe auf einen niederhageln und mit Vorbedacht oder auch ohne böse Absicht an die empfindlichsten Seiten unseres Wesens rühren, dann fängt man an — ob man nun will oder nicht — sich von solch einer Seite zu sehen, von der man sich noch nie gesehen hat, und man beginnt Fehler und Mängel in sich zu suchen, die man sonst nie in sich gesucht hätte. Das ist eine furchtbare Schule, die einen entweder um den Verstand bringt oder klüger und vernünftiger macht, als man jemals war. Nicht ohne Scham und ohne Erröten lese ich vieles in meinem Buche, trotzdem aber danke ich Gott, daß Er mir die Kraft gegeben hatte, es herauszugeben. Ich brauchte einen Spiegel, in dem ich mich erblicken und besser erkennen konnte, ohne dies Buch aber wäre ich schwerlich in den Besitz eines solchen Spiegels gekommen. Und so hat denn mein Buch, das aus der ehrlichen Absicht entsprungen war, anderen zu nützen, vor allem mir selbst am meisten genützt.

Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle auch einige Worte über den Nutzen zu sagen, den mein Buch anderen Leuten bringen kann. Ist mein Buch wirklich so ganz wertlos für andere Menschen, besonders aber für die Gesellschaft, wie sie heute ist? Mir scheint, alle, die über dies Buch geurteilt haben, haben es mit zu weit aufgerissenen Augen und gar zu hitzig und heftig betrachtet. Man hätte es weit kaltblütiger beurteilen sollen. Statt als Vorkämpfer der ganzen Gesellschaft aufzutreten und mich im Angesicht des ganzen russischen Vaterlandes vor Gericht zu laden, hätte man die Sache viel einfacher ansehen sollen. Man hätte das Buch analysieren, man hätte feststellen sollen, was es seinem innersten Wesen nach ist, und man hätte nicht eher auf die Einzelheiten und die Teile eingehen dürfen, als bis man sich den inneren Sinn des Ganzen völlig klargemacht hatte. Nun aber hatte das allerhand törichte Wortstreitigkeiten zur Folge, ja vielem wurde ein solcher Sinn untergelegt, von dem ich mir nie hatte etwas träumen lassen.

Zunächst hätte ich jederzeit das Recht gehabt, davon zu reden, wovon ich in meinem Buche gesprochen habe, wenn ich mich nur einfacher und schicklicher ausgedrückt hätte. Es ist mir nie eingefallen, die Menschen in der Weise belehren zu wollen, wie mir das einige imputieren wollten. Das Lehren verstand ich in dem einfachen Sinne, den die Kirche im Auge hat, wenn sie gebietet, einander unaufhörlich zu belehren, wobei man es verstehen muß, mit derselben Freude Ratschläge von anderen entgegenzunehmen, mit der man selbst anderen welche erteilt. Ich aber war damals wirklich bereit, Ratschläge von anderen Menschen entgegenzunehmen. Ich stellte mir die Gesellschaft keineswegs als eine Schule vor, die mit Schülern von mir angefüllt ist, deren Lehrer ich bin. Ich bestieg mit meinem Buch kein Katheder und verlangte nicht, daß alle aus diesem Buche lernen sollten. Ich kam zu meinen Mitbrüdern und Mitschülern wie ein ihnen gleichgestellter Schulkamerad; ich brachte einige Hefte mit, in denen ich die Worte des Lehrers nachgeschrieben hatte, von Dem wir alle lernen; ich brachte vielerlei mit; mochte sich jeder das davon wählen, was er brauchen konnte. Es waren Briefe darunter, die an Personen von verschiedenem Charakter und verschiedenen Anlagen und Neigungen gerichtet waren. Viele von diesen Personen standen auf ganz verschiedenen Stufen der geistigen Entwicklung; daher konnten sich diese Briefe unmöglich in gleicher Weise auf alle Menschen beziehen und auf sie alle passen. Ich dachte mir, jeder würde sich nur das davon aneignen, was er brauchte, und das andere nicht beachten. Ich hatte nicht geglaubt, daß so mancher gerade danach greifen würde, dessen ein anderer bedurfte, ausrufen würde: „Das kann ich nicht brauchen!“ und mir dann noch zürnen würde. Ich wollte auch keine neue Lehre verkünden. Als ein Schüler, der in einigen Fächern etwas weiter fortgeschritten ist als ein anderer Mitschüler, wollte ich es den übrigen Kameraden bloß klarmachen, wie man die Lektion, die uns von dem besten aller Lehrer aufgegeben wird, am schnellsten und leichtesten lernt. Ich hatte geglaubt, wenn man mein Buch gelesen haben würde, würde man zu mir sagen: „Ich danke dir, Mitbruder!“ und nicht: „Ich danke dir, mein Lehrer!“ Wenn nur nicht mein „Testament“ gewesen wäre, das ich unvorsichtigerweise mitaufgenommen habe und in dem ich auf die Belehrung anspielte, die jeder Autor seinen Mitmenschen mit seinen poetischen Werken erteilen sollte, so wäre es niemand eingefallen, mir solche apostolische Absichten zuzuschreiben, trotz meines ziemlich entschiedenen Tons, ja sogar trotz der lyrischen Feierlichkeit meiner Rede. Dagegen wird ein jeder, der bereits in seine eigene Seele zu blicken vermag, meinem Buche mancherlei entnehmen können, was ihm von Nutzen sein dürfte.

Was ferner die Meinung anbetrifft, daß mein Buch schädlich wirken müsse, so kann ich dies unter keinen Umständen zugeben. In dem Buche kommt trotz all seiner Mängel die gute Absicht und die Liebe zum Guten viel zu deutlich zum Ausdruck. Trotz vieler unbestimmter und dunkler Stellen leuchtet der Grundgedanke ganz klar aus ihm hervor; und wenn man das Werk gelesen hat, kommt man zu der gleichen Überzeugung: nämlich daß die höchste Instanz in allen Fragen die Kirche und daß sie der Schlüssel zu allen Fragen des Lebens ist. Folglich wird sich der Leser nach der Lektüre meines Buches auf jeden Fall an die Kirche wenden, in der Kirche aber wird er wiederum nur die Lehrer der Kirche finden, die ihn darüber belehren werden, was er sich aus meinem Buche für seine Zwecke aneignen soll; vielleicht aber werden sie ihm auch andere bedeutsamere Bücher statt des meinen geben, um derentwillen er mein Buch beiseitelegen wird, so wie ein Schüler das Buchstabieren aufgibt, wenn er frei lesen gelernt hat.

Zum Schluß muß ich noch folgendes bemerken: die Urteile, die über mein Buch gefällt wurden, waren wirklich gar zu apodiktisch und scharf, und keiner, der mir Mangel an echter Bescheidenheit vorgeworfen hat, hat mir gegenüber die rechte Bescheidenheit an den Tag gelegt. Angenommen selbst, ich hätte mir in meinem Hochmut, der aus dem Glauben an meine Vorzüge entsprang, die mir von allen Leuten zugeschrieben wurden, einbilden können, daß ich höher stehe als alle anderen Menschen und daß ich das Recht habe, über andere Leute zu richten, worauf aber könnte sich der stützen, der mit solcher Sicherheit über mich zu Gericht sitzt und nicht einmal das Gefühl hat, daß er höher steht als ich? Wie dem auch sein mag, um ein allseitiges Urteil über einen Menschen zu fällen, dazu muß man höher stehen als der, über den man richtet. Man kann wohl gewisse Bemerkungen über diese oder jene Einzelheit machen, man kann Meinungen äußern und Ratschläge erteilen, allein über den ganzen Menschen aburteilen, indem man sich auf diese Ratschläge stützt, ihn für völlig verrückt erklären, behaupten, er habe seinen Verstand verloren, er sei ein Lügner und Betrüger, der die Maske der Frömmigkeit angelegt habe, ihm gemeine und niederträchtige Absichten unterlegen — nein, das sind Beschuldigungen, wie ich sie niemals, nicht einmal gegen einen offenkundigen Schurken, der das Schandmal der öffentlichen Verachtung trägt, vorzubringen imstande wäre. Mir scheint, ehe man solche Beschuldigungen ausspricht, müßte man innerlich erschrecken und erbeben, man sollte erst ein wenig darüber nachdenken, wie uns selbst wohl dabei zumute wäre, wenn öffentlich und vor aller Welt solche Anschuldigungen gegen uns erhoben würden! Es wäre wirklich gut, wenn man sich’s erst ein wenig überlegte, ehe man eine solche Beschuldigung erhebt: „Irre ich mich auch selbst nicht? Ich bin doch auch ein Mensch! Es handelt sich hier um die Seele. Die Seele des Menschen ist ein Brunnen, zu dem es nicht für alle einen Zugang gibt, und man darf sich nicht auf die äußere scheinbare Ähnlichkeit gewisser Merkmale verlassen. Oft haben schon die geschicktesten Ärzte eine Krankheit für eine andere gehalten und ihren Fehler erst dann erkannt, als sie bereits den Leichnam des Toten secierten.“ Nein, das Buch „Briefwechsel mit meinen Freunden“ enthält, so große Mängel es in jeder Hinsicht haben mag, doch auch viel Derartiges, was nicht allen sofort verständlich sein kann. Es nützt nichts, sich darauf zu berufen, daß man das Buch zwei- oder dreimal gelesen hat: manch einer kann es zehnmal lesen, und es wird doch nichts dabei herauskommen. Um dieses Buch nur im mindesten nachzuerleben, muß man entweder eine sehr einfache und gütige Seele haben oder ein sehr vielseitiger Mensch sein, der außer einem Verstande, der die Dinge von allen Seiten zu umfassen vermag, auch noch über ein hohes poetisches Talent und eine Seele verfügt, die einer vollen, großen und tiefen Liebe fähig ist.

Ich kann nicht leugnen, daß diese ganzen Wirrnisse und diese Mißverständnisse sehr bitter für mich waren — um so mehr, als ich geglaubt hatte, daß mein Buch eher den Keim zur Versöhnung als zu Streit und Zwietracht enthalte. Meine Seele wäre unter all den Vorwürfen zusammengebrochen; manche darunter waren so fürchterlich, daß Gott jeden vor solchen Anklagen bewahren möge! Andererseits aber fühle ich mich verpflichtet, denen meinen Dank auszusprechen, die mich auch wegen vieler Verfehlungen hätten mit Vorwürfen überschütten können, die mich aber in dem Gefühl, daß sie bereits das Maß dessen überstiegen, was die schwache Natur des Menschen zu ertragen vermag, mit der Hand eines mitleidigen Bruders erhoben und mir Mut zugesprochen haben. Gott möge es ihnen vergelten! Ich kenne keine größere Tat, als einem Menschen, der den Mut verliert, hilfreich die Hand zu reichen.

1847.