Obwohl die Zahl der noch nicht Getauften und derer, die noch zu den Katechumenen zählen, heute nur noch gering ist, denkt doch jeder Anwesende daran, wie weit er durch Glauben und Taten noch hinter den Gläubigen zurücksteht, die gewürdigt wurden, an den Liebesmahlen der ersten christlichen Zeit teilzunehmen, sieht ein, wie er gleichsam bloß bei Christus in die Lehre gegangen ist, jedoch sein Leben noch nicht mit Ihm erfüllt hat, wie er erst die Weisheit Seiner Worte versteht, sie aber in seinem Leben noch nicht verwirklicht, wie kalt sein Glaube noch ist, und wie es ihm noch an dem Feuer einer allesverzeihenden Liebe zu seinem Bruder gebricht, einer Liebe, die alle Herzenskälte und Dürre verzehrt, und wie er, obwohl er mit dem Wasser auf den Namen Christi getauft ward, doch noch der geistigen Wiedergeburt nicht teilhaftig ist, ohne die sein Christentum nach den eigenen Worten des Heilandes nichts ist, Der da spricht: „Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen!“ — Indem also jeder Anwesende dessen eingedenk ist, zählt er sich demutsvoll zu den Katechumenen, und so antwortet er denn auch auf den Ruf des Diakons: „Lasset uns zu Gott beten, Katechumenen!“ aus der Tiefe seines Herzens: „Gott, erbarme Dich unser!“
Hierauf ruft der Diakon: „Ihr Gläubigen, lasset uns für die Katechumenen beten und Ihn bitten, Er möge ihnen gnädig sein, sie erwecken mit dem Worte der Wahrheit, ihnen das Evangelium der Gerechtigkeit offenbaren, sie vereinigen in Seiner heiligen allgemeinen apostolischen Kirche, Er möge sie erretten, Sich ihrer erbarmen, ihnen beistehen und sie erhalten in Seiner Gnade.“
Und die Gläubigen beten, tief durchdrungen von dem Gefühle, wie wenig sie den Namen der Gläubigen verdienen, indem sie für die Katechumenen bitten, auch für sich selbst und beantworten jeden Ruf des Diakons in ihrem Innern, indem sie mit dem Sängerchor die Worte nachsprechen: „Herr, erbarme Dich unser!“ Der Diakon ruft: „Katechumenen, beugt euer Haupt vor Gott!“, und alle beugen ihr Haupt, indem sie innerlich ausrufen: „Vor Dir, o Herr!“
Der Priester betet leise für die Katechumenen, sowie für die, die sich in ihrer Herzensdemut unter die Katechumenen versetzt haben. Sein Gebet hat folgenden Wortlaut: „Herr, unser Gott, Der Du in der Höhe wohnst und herabsiehst auf die Demütigen, Der Du das Heil herabsandtest dem menschlichen Geschlechte in Gestalt Jesu Christi, Deines Sohnes, unseres Herrn und Gottes! Blicke nieder auf die Katechumenen, Deine Knechte, die ihren Nacken vor Dir beugen! Nimm sie auf in Deine Kirche und in Deine auserwählte Herde, auf daß sie mit uns Deinen hehren, herrlichen Namen loben und preisen den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!“ Der Chor fällt mit einem donnernden „Amen!“ ein. Und in Erinnerung, daß nun der Augenblick gekommen ist, wo ehemals die Katechumenen aus der Kirche herausgeführt wurden, ruft der Diakon mit lauter Stimme: „Tretet heraus, Katechumenen!“ Hierauf erhebt er abermals die Stimme und ruft noch einmal: „Tretet heraus, Katechumenen!“ Und endlich ruft er noch ein drittes Mal aus: „Tretet heraus, Katechumenen! Keiner von euch Katechumenen, sondern ihr Gläubigen alleine, laßt uns abermals und abermals zu Gott beten!“
Bei diesen Worten erbeben alle im Bewußtsein ihrer Unwürdigkeit. Inbrünstig flehen sie in Gedanken Christus selbst um Gnade an, Der die Käufer und die schamlosen Krämer, die Sein Heiligtum zu einer Mördergrube gemacht hatten, aus dem Tempel Gottes jagte, und jeder Anwesende bemüht sich, den Katechumenen, der noch nicht darauf vorbereitet ist, in dem Heiligtume zu weilen, aus dem Tempel seiner Seele zu vertreiben, und er betet zu Christus, Er möge selbst den Gläubigen, der in die auserwählte Herde aufgenommen wird, in ihm erwecken, denn von ihm sagt der Apostel: „Ein heiliges Volk, Menschen der Erneuerung sind die Steine, aus denen der Tempel erbaut wird“; Er möge ihn erwecken ihn, der zu den wahrhaften Gläubigen gehört, die während der Zeit der ersten Christen, deren Gesichter von der Ikonostasis auf den Andächtigen herabblicken, an der Liturgie teilnahmen. Und indem er sie alle mit seinem Blick umfaßt, fleht er sie um Hilfe an, als seine Brüder, die jetzt im Himmel anbeten, denn nunmehr steht die allerheiligste Handlung bevor; es beginnt die Liturgie der Gläubigen.
Im geschlossenen Altarraum breitet der Priester auf dem heiligen Hochaltar das Antiminsion oder Corporale aus — ein Tuch, auf dem der Körper des Heilands abgebildet ist —, worauf das von ihm während des Offertoriums zubereitete Brot und der mit Wasser und Wein gefüllte Kelch gestellt werden, die jetzt im Angesicht aller Gläubigen vom Seitenaltar herbeigetragen werden. Das Corporale, das der Priester über den Hochaltar breitet, soll an die Zeiten der Christenverfolgungen erinnern, als die Kirche noch kein ständiges Heim hatte; man bediente sich damals, da der Altar nicht von einem Ort zum anderen getragen werden konnte, dieses Tuches sowie einzelner Stücke von Reliquien; dies Corporale ist noch heute im Gebrauch, um anzudeuten, daß die Kirche auch heute noch nicht an ein einzelnes bestimmtes Haus, an eine Stadt oder an einen Ort gebunden ist, sondern wie ein Schiff noch auf den Wellen dieser Welt schwebt, ohne irgendwo vor Anker zu gehen, denn ihr Anker ruht im Himmel. Nachdem also der Priester das Corporale ausgebreitet hat, tritt er vor den Tisch, wie wenn er das erstemal vor ihn hinträte und als ob er sich erst jetzt für die eigentliche heilige Handlung vorbereite: in der ersten christlichen Zeit wurde nämlich der Altar erst in diesem Augenblick geöffnet, bis dahin blieb er geschlossen und verhängt, weil ja die Katechumenen noch anwesend waren, und erst jetzt begannen die eigentlichen Gebete der Gläubigen. Der Priester fällt in dem noch immer geschlossenen Altarraum vor dem Tische nieder und betet zwei Gebete der Gläubigen, in denen er Gott bittet, seine Seele zu reinigen, und Ihn anfleht, ihn gerecht vor den heiligen Altar treten zu lassen, auf daß er würdig werde, das Opfer reinen Gewissens darzubringen. Der Diakon steht indessen auf der Kanzel inmitten der Kirche, einen Engel darstellend, der die Gemeinde zum Gebet anfeuert; er hält die Gebetstola mit drei Fingern empor und ruft alle Gläubigen zu denselben Gebeten auf, mit denen die Liturgie der Katechumenen begann.
Alle Gläubigen sind bemüht, ihre Herzen mit einem einträchtigen, friedlichen, versöhnlichen Gefühl zu erfüllen, das jetzt noch notwendiger ist, und rufen: „Herr, erbarme Dich!“; sie beten noch inbrünstiger und flehen Gott um den höheren Frieden, um Errettung unserer Seelen, um den Frieden der Welt, die Wohlfahrt der Kirchen Gottes und ihre Einigung an; sie beten für diesen heiligen Tempel und für die, die ihn andächtig und gottesfürchtig betreten, und bitten Gott, Er möge sie vor Kummer, Zorn und Not bewahren. Und sie rufen noch inbrünstiger in ihrem Herzen: „Herr, erbarme Dich!“
Der Priester ruft aus dem Inneren des Altarraumes: „Höchste Weisheit!“, womit er andeutet, daß dieselbe höchste Weisheit, derselbe ewige Sohn, Der in Gestalt des Evangeliums ausging, das Wort auszusäen, daraus wir Belehrung schöpfen, wie wir leben sollen, Sich jetzt in das heilige Brot verwandeln wird, um Sich für die ganze Welt aufzuopfern. Alle Anwesenden bereiten sich, aufgerüttelt durch diese Vorstellung, begeistert auf den nunmehr bevorstehenden hochheiligen Gottesdienst vor und richten ihre Gedanken auf ihn. Der Priester, der die Liturgie zelebriert, betet leise bei sich, fällt vor dem Tische nieder und spricht folgendes erhabene Gebet: „Keiner, der noch durch fleischliche Lüste und Genüsse gefesselt wird, ist würdig, sich Dir zu nahen, vor Dich hinzutreten oder Dir zu dienen, Herr der Liebe; denn Dein Dienst ist groß und furchtbar, selbst für die himmlischen Mächte. Allein da Du in Deiner unermeßlichen Menschenliebe wahrhaftig und ewiglich Mensch, da Du selbst Hoherpriester wurdest und selbst das Sakrament dieses Gottesdienstes und dieses unblutigen Opfers einsetztest, als Herr unser aller — denn Du allein, o Gott, herrschst über alle himmlischen und irdischen Geschöpfe und sitzest auf dem Throne, der von Cherubim getragen wird, Gott der Seraphim und König von Israel, Der Du allein heilig bist und in den Heiligen wohnest —, so flehe ich Dich an, Dich, den Einen, Guten, sieh herab auf mich armen Sünder und Deinen unwürdigen Knecht, reinige meine Seele und mein Herz von bösen Gedanken und mache mich würdig, bekleidet mit der priesterlichen Gnade, mache mich würdig durch die Macht Deines Heiligen Geistes, vor Deinen Tisch zu treten und Deinen heiligen reinen Leib und Dein gerechtes Blut zu konsekrieren. Ich trete vor Dich hin, beuge meinen Nacken und bete zu Dir: wende Dein Angesicht nicht von mir ab und verstoße mich nicht aus der Schar Deiner Knechte, sondern laß es geschehen, daß diese Deine Gaben Dir dargebracht werden durch mich Unwürdigen. Denn Du bist der Darbringende und Dargebrachte, der Empfangende und Der, Der sie austeilt, Christus unser Gott, wir singen Dir Ruhm und Preis samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, gütigen und lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit.“
Mitten während des Gebetes öffnet sich die Königspforte, und man sieht den Priester mit ausgebreiteten Armen und in betender Stellung knien. Der Diakon kommt mit dem Räucherfaß in der Hand gegangen, um dem höchsten König den Weg zu bereiten, er räuchert reichlich und läßt Wolken von wohlriechendem Weihrauch aufsteigen, inmitten deren Er erscheinen wird, getragen von Cherubim. So ermahnt er alle daran, ihr Gebet zu reinigen, auf daß es lauter werde wie der Weihrauch vor dem Herrn — und fordert alle auf, die nach dem Wort des Apostels ein Wohlgeruch vor Christus sind, dessen eingedenk zu sein, daß sie reine Cherubim sein sollen, um den Herrn emportragen zu können. Die Sänger auf beiden Chören stimmen im Angesicht der ganzen Kirche folgenden Cherubimgesang an: „Die wir in geheimnisvoller Weise Cherubim darstellen und das Trichagion zu Ehren der lebenspendenden Dreieinigkeit singen, lasset uns nun alles andere vergessen und den höchsten König emporheben, Der unsichtbar getragen wird von den Heerscharen der Engel und beschattet von Lanzen.“
Die alten Römer hatten den Brauch, den neugewählten König auf einem Schilde, begleitet von seinen Legionen und beschattet von zahllosen Lanzen, die über ihn gehalten wurden, vor das Volk hinauszutragen. Diesen Gesang hat jener Kaiser selbst gedichtet, der in aller seiner irdischen Größe vor der Erhabenheit des höchsten Königs in den Staub sank, Der im Schatten der Lanzen von Cherubim und von den Legionen der himmlischen Mächte getragen wird; in der ersten Zeit traten die Kaiser selbst bescheiden in die Reihe der Diener der Kirche, wenn das heilige Brot hinausgetragen wurde.
Der Gesang dieses Liedes trägt einen angelischen Charakter und soll daran erinnern, wie die unsichtbaren Heerscharen im Himmel gesungen haben. Der Priester und der Diakon wiederholen diesen Cherubimgesang leise bei sich selbst und treten sodann vor den Seitenaltar, vor dem sich das Offertorium abspielte. Indem nun der Diakon vor die Gaben hintritt, die mit dem Aër bedeckt sind, spricht er: „Nimm hin, o Herr!“ Der Priester zieht den Aër hinweg und legt ihn dem Diakon auf die linke Schulter und spricht: „Erhebet eure Hände zu dem Heiligtume und segnet den Herrn!“ Sodann nimmt er die Patene samt dem Lamm und stellt sie dem Diakon aufs Haupt; er selbst ergreift den heiligen Kelch und geht hinter einer vorausgetragenen Leuchte oder Lampe zur Seitentür oder durch das nördliche Tor zum Volke hinaus. Wenn jedoch der Gottesdienst im Beisein der ganzen Geistlichkeit d. h. vieler Geistlicher und Diakonen stattfindet, so trägt ein Priester die Patene, ein anderer den Kelch, ein dritter den heiligen Löffel, mit dem der Priester das heilige Abendmahl austeilt, ein vierter die Lanze, die in den heiligen Leib gestoßen wurde. Alle heiligen Geräte werden hinausgetragen, sogar der Schwamm, mit dem die Krümchen des heiligen Brotes auf der Hostienschüssel zusammengelesen wurden und der jenen Schwamm darstellt, welcher mit Essig und Galle gefüllt wurde und mit dem die Knechte ihren Schöpfer tränkten. Diese feierliche Prozession, die der große Ausgang genannt wird und die himmlischen Heerscharen versinnbildlicht, kommt unter dem Absingen des Cherubimgesanges herangeschritten.
Bei dem Anblick des höchsten Königs, Der in der bescheidenen Gestalt des Lammes vorausgetragen wird, umgeben von den Werkzeugen irdischer Marter wie von den Lanzen unzählbarer unsichtbarer Heerscharen und Hierarchien, und auf der Patene ruhend wie auf einem Schilde, beugen alle tief ihr Haupt und beten mit den Worten des Übeltäters, der den Herrn vom Kreuze aus anflehte: „Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.“ Mitten im Tempel macht die Prozession halt. Der Priester benutzt diesen großen Augenblick, um in Gegenwart aller derer, die die Gaben tragen, und im Angesichte Gottes der Namen aller Christen zu gedenken, wobei er mit denen beginnt, denen die schwierigsten und heiligsten Pflichten auferlegt sind, von deren Erfüllung die Wohlfahrt aller Menschen und die Rettung ihrer eigenen Seele abhängt, und er schließt mit den Worten: „Gott der Herr gedenke euer und aller [rechtgläubigen] Christen in Seinem Reiche [immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit]!“ Die Sänger beschließen den Cherubimgesang mit einem dreimaligen „Halleluja!“, das das ewige Wandeln des Herrn verkündigt. Der Zug betritt nun die Königspforte. Der Diakon nähert sich allen voran dem Altar, bleibt zur Rechten vor der Tür stehen und begrüßt den Priester mit den Worten: „Gott der Herr gedenke deiner Priesterschaft in Seinem Reiche!“ Der Priester erwidert: „Gott der Herr gedenke deines heiligen Diakonenamtes in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!“ Und er stellt den heiligen Kelch und das Brot, das den Leib Christi versinnbildlicht, auf den Tisch, als wäre er ein Sarg. Die Königspforte schließt sich, als wäre sie das Tor zum Grabe des Herrn, der Vorhang wird zugezogen, womit auf die Wache hingedeutet wird, die vor dem Grabe aufgestellt wurde. Der Priester nimmt die heilige Patene vom Haupte des Diakons, als nähme er den Leib des Heilands vom Kreuze herunter, und stellt sie auf das ausgebreitete Corporale, als wäre es das Grabtuch Christi, wozu er die Worte spricht: „Der ehrbare Joseph nahm Deinen allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein reines Grabtuch mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen niemand je gelegen war.“ Und indem er der Allgegenwart Dessen gedenkt, Der jetzt vor ihm im Grabe liegt, spricht er bei sich selbst: „Im Grabe warst Du leibhaftig, in der Hölle mit der Seele und Gott gleich, im Paradies mit dem Übeltäter und saßest doch zugleich auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geist, o Christe, der Du alles mit Dir erfüllst, Unbeschreiblicher!“ Und des Ruhms und der Ehre gedenkend, mit der dieses Grab bedeckt ward, spricht er: „Als Lebenspender, als wahrhaftiglich, herrlicher denn das Paradies und strahlender denn jeder Königspalast erschien uns Dein Grab, o Christus, Quell aller Auferstehung!“ Dann zieht er die Decke von der Patene und vom Kelch hinweg, nimmt den Aër von der Schulter des Diakons, der jetzt nicht mehr die Linnen, darin das Kind Jesus gewickelt ward, sondern das Kopftuch und die Grableinwand darstellt, in die Sein toter Leib gehüllt wurde, räuchert mit Thymian und bedeckt hierauf die Patene und den Kelch abermals, indem er spricht: „Der ehrbare Joseph nahm Deinen allerheiligsten Leib vom Kreuze herab, band ihn in ein reines Grabtuch mit Spezereien und legte ihn in ein Grab, darinnen niemand je gelegt war.“ Dann nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des Diakons entgegen, räuchert vor den heiligen Gaben mit Weihrauch, indem er sich dreimal vor ihnen verneigt, und wiederholt, während er sich zu den bevorstehenden Opferhandlungen rüstet, leise bei sich selbst die Worte des Propheten David: „Tue wohl an Zion nach Deiner Gnade, baue die Mauern zu Jerusalem. Dann werden Dir gefallen die Opfer der Gerechtigkeit, die Brandopfer und die ganzen Opfer, dann wird man Farren auf Deinem Altar opfern,“ denn solange Gott selbst uns nicht erhebt und unsere Seelen nicht mit jerusalemischen Mauern wider alle Angriffe des Fleisches schützt, sind wir nicht imstande, Ihm Opfer und Brandopfer darzubringen und wird nie die Flamme eines geistigen Gebetes emporlodern, denn sie wird zerstreut und verweht werden durch fremde nebensächliche Gedanken und Rücksichten, durch den Ansturm der Leidenschaften und den Wirbelwind eines seelischen Aufruhrs.
Der Priester bittet Gott, seine Seele für das bevorstehende Opferwerk zu reinigen, legt das Räucherfaß wieder in die Hände des Diakons, läßt das Ornat herabfallen, beugt sein Haupt und spricht zu ihm: „Gedenke meiner, mein Bruder und Amtsgenosse!“ „Gott gedenke deiner Priesterschaft in Seinem Reiche!“ erwidert der Diakon, beugt seinerseits das Haupt, denkt an seine Unwürdigkeit und spricht, indem er die Stola emporhält: „Bete für mich, heiliger Herr!“ Der Priester antwortet: „Der Heilige Geist komme über dich, und die Kraft des Höchsten erleuchte dich!“ — „Derselbige Geist helfe uns alle Tage unseres Lebens.“ Und im vollen Bewußtsein seiner Unwürdigkeit fügt er [der Diakon] hinzu: „Gedenke meiner, o heiliger Herr!“ Der Priester erwidert: „Gott gedenke deiner in Seinem Reiche immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit!“ Der Diakon sagt: „Amen!“ küßt dem Priester die Hand und geht durch die nördliche Seitentür hinaus, um alle Anwesenden zum Gebet für die dargebrachten und auf dem Hochaltar stehenden heiligen Gaben aufzufordern.
Er besteigt den Altar und richtet, das Gesicht der Königspforte zugewandt und die Stola, gleich dem erhobenen Flügel eines Engels, der zum Gebet erweckt und anfeuert, mit drei Fingern emporhebend, eine ganze Reihe von Gebeten, die schon keine Ähnlichkeit mit den früheren mehr haben, zum Himmel empor. Nachdem er die Gemeinde aufgefordert hat, in ihren Gebeten der auf dem Hochaltar stehenden Gaben zu gedenken, geht er alsbald zu solchen Gebeten über, die nur die Gläubigen, die in Christo leben, an Gott richten.
„Wir bitten Gott, daß Er diesen Tag zu einem vollkommenen, heiligen, friedlichen und sündenlosen mache!“ fleht der Diakon.
Die Gemeinde der Betenden vereinigt ihre Stimme mit dem Chor der Sänger und ruft aus tiefstem Herzen zu Gott empor: „Gewähre ihn uns, o Herr!“
„Wir bitten Gott, daß Er uns einen friedlichen Engel, einen treuen Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen und unserer Leiber sende!“
Die Gemeinde: „Gewähre ihn uns, o Herr!“
„Wir bitten Gott um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und Verfehlungen!“
Die Gemeinde: „Gewähre sie uns, o Herr!“
„Wir bitten Gott um alles Gute und um alles, was unserer Seele nützlich ist, und um Frieden auf Erden!“
Die Gemeinde: „Gewähre es uns, o Herr!“
„Wir bitten Gott um ein ferneres Leben in Frieden und um ein reumütiges Ende!“
Die Gemeinde: „Gewähre es uns, o Herr!“
„Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und friedliches Ende unseres Lebens und darum, daß wir einst gute Rechenschaft ablegen am Jüngsten Gerichte Christi!“
Die Gemeinde: „Gewähre uns das, o Herr!“
„Wir gedenken unserer hochheiligen, reinen, gesegneten, herrlichen Gebärerin, unserer Heiligen Jungfrau, sowie aller Heiligen und weihen uns selbst, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gott.“
Und in dem innigen Wunsche, sich also selbst und einander Christus, ihrem Herrn, zu weihen, rufen alle: „Dir, o Herr!“
Die Ektenia wird mit folgendem Gebet beschlossen: „Durch die große Gnade Deines eingeborenen Sohnes, sei gesegnet mit Ihm samt Deinem allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in alle Ewigkeit!“
Der Chor singt ein donnerndes „Amen!“
Noch immer bleibt der Altar geschlossen. Noch immer beginnt der Priester nicht mit dem Opfer; denn noch muß vieles geschehen, ehe das heilige Abendmahl stattfinden kann. Aus der Tiefe des Altarraumes ruft der Priester der Gemeinde den Gruß des Heilands zu: „Friede sei mit euch allen!“ Die Gemeinde antwortet: „Und mit deinem Geiste!“ Der Diakon steht auf der Kanzel und ermahnt, wie dies bei den ersten Christen Sitte war, alle, einander zu lieben, indem er spricht: „Laßt uns einander lieben und einmütig bekennen ...“ Hier fällt der Sängerchor ein, indem er die Schlußworte: „Den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die alleinige unteilbare Dreieinigkeit!“ mitsingt, wodurch wir daran erinnert werden sollen, daß wir, wenn wir einander nicht liebhaben, auch Den nicht liebgewinnen können, Der ganz Liebe, Der die ganze vollkommene Liebe ist und Der in Seiner Heiligen Dreieinigkeit den Liebenden und den Geliebten, sowie die Handlung der Liebe, mit der der Liebende den Geliebten liebt, vereinigt: der Liebende ist Gott der Vater, der Geliebte Gott der Sohn, und die Liebe selbst, die Sie vereinigt, Gott der Heilige Geist. Dreimal verneigt sich der Priester im Inneren des Altarraumes, indem er leise bei sich wiederholt: „Ich will Dich lieben, o Herr, meine Stärke, mein Fels und mein Hort!“ Er küßt die mit dem Tuch verdeckte heilige Patene und den heiligen Kelch, küßt den Rand des heiligen Hochaltars und alle Priester, die mit ihm am Gottesdienst teilnehmen, tuen desgleichen; dann küssen sie sich alle untereinander und der Hauptpriester spricht: „Christus ist mitten unter uns!“ Man antwortet ihm: „Er ist und wird sein!“ Auch alle Diakone, die zugegen sind, küssen zuerst die Stelle ihrer Stola, auf der das Kreuz abgebildet ist, und dann einander, indem sie dieselben Worte sprechen.
Früher küßten alle, die in der Kirche waren, einander gleichfalls, die Männer die Männer, die Frauen die Frauen, indem sie sprachen: „Christus ist mitten unter uns!“ und gleich darauf die Antwort erhielten: „Er ist und wird sein!“ daher stellt sich auch heute ein jeder, der in der Kirche anwesend ist, in Gedanken vor, daß er alle Christen vor sich hat, nicht nur die, die in der Kirche sind, sondern auch die Abwesenden, nicht nur die, die seinem Herzen nahestehen, sondern auch die, die ihm fernstehen, beeilt sich, sich mit denen von ihnen auszusöhnen, gegen die er etwas wie Mißgunst, Haß oder Zorn hegte — und gibt jedem von ihnen in Gedanken einen Kuß, indem er bei sich spricht: „Christus ist mitten unter uns!“ und in ihrem Namen antwortet: „Er ist und wird sein!“ denn ohne dies wäre er tot für alle folgenden heiligen Handlungen nach Christi eigenem Wort: „So lasse allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und opfere deine Gabe“; und an einer anderen Stelle heißt es: „Und wer da sagt, ich liebe Gott und hasse meinen Bruder, der lügt; denn wenn er seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, Den er nicht sieht?“
Der Diakon steht auf der Kanzel, er wendet sein Gesicht den Anwesenden zu, hält die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und ruft nach altem Brauch: „Die Tore, die Tore!“ Ehedem wurde dieser Ruf an die Pförtner gerichtet, die am Toreingang standen, damit sich keiner von den Heiden, die den christlichen Gottesdienst zu stören pflegten, frech und blasphemisch in die Kirche eindrängte; heute wird dieser Ruf an die Anwesenden selbst gerichtet, die hierdurch ermahnt werden sollen, die Tore ihres Herzens zu behüten, in denen die Liebe bereits Eingang gefunden hat, auf daß kein Feind der Liebe sich in die Herzen eindränge, und die Tore ihres Mundes und ihrer Ohren weit aufzutun und für die Verlesung des Glaubenssymbols offen zu halten; zum Zeichen dafür wird der Vorhang vor der Königspforte, oder die „hohe Pforte“, hinweggezogen, die sich nur dann öffnet, wenn die Aufmerksamkeit des Geistes auf die höchsten Mysterien hingelenkt werden soll. Der Diakon fordert die Versammlung mit folgenden Worten zum Zuhören auf: „Laßt uns der höchsten Weisheit lauschen!“ Die Sänger stimmen einen kraftvollen mannhaften Gesang an, der mehr einer Art Sprechgesang gleicht, und rufen laut und ausdrucksvoll: „Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erden, alles Sichtbaren und Unsichtbaren.“ Dann machen sie eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die erste Person der Heiligen Dreieinigkeit — Gott den Vater klar und deutlich vorstellen, und fahren dann fort: „Und an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn, vom Vater in Ewigkeit geboren, Licht vom Licht, wahrhaftigen Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht erschaffen, einerlei Wesens mit dem Vater, durch welchen alle Dinge geworden sind. Um der Menschen und um des Heiles willen vom Himmel Fleisch geworden aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria und Mensch geworden, um unseretwillen gekreuzigt unter Pontius Pilatus, gelitten, gestorben und begraben. Am dritten Tage nach der Schrift wiederauferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel und sitzend zur Rechten des Vaters. Von dannen Er wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu richten die Lebendigen und die Toten und Dessen Reiches kein Ende sein wird. Und an den Heiligen Geist, Der da machet lebendig und gehet aus vom Vater, Der da zusammen mit dem Vater und dem Sohne angebetet und verehret wird und durch die Propheten geredet hat.“ Dann machen sie wieder eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die dritte Person der Heiligen Dreieinigkeit — Gott, den Heiligen Geist klar und deutlich vorstellen, und fahren fort: „Und an eine heilige katholische und apostolische Kirche. Ich glaube an eine Taufe zur Vergebung der Sünden und hoffe auf die Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben. Amen!“
Mannhaft und kraftvoll ist der Gesang der Sänger und er prägt jedes Wort des Glaubenssymbols den Herzen tief ein. Mit fester Stimme wiederholt hierauf ein jeder die Worte des Symbols. Mutigen Herzens und voll starken Geistes wiederholt auch der Priester vor dem heiligen Hochaltar, der den heiligen Abendmahlstisch darstellen soll, leise bei sich selbst das Glaubensbekenntnis, auch alle Zelebranten, die ihm zur Seite stehen, wiederholen es still bei sich selbst, indem sie den heiligen Aër, der über den heiligen Gaben ruht, hin und her bewegen.
Festen Schrittes kommt jetzt der Diakon gegangen und verkündet: „Laßt uns fromm, laßt uns ehrfurchtsvoll dastehen und aufmerken und das heilige Opfer in Frieden darbringen,“ d. h. laßt uns würdig vor Gott hintreten, wie es sich für den Menschen geziemt, d. h. mit Zittern und Ehrfurcht, zugleich aber auch tapfer und kühnen Mutes, indem wir Gott loben, mit friedlichem versöhntem, einträchtigem Herzen, denn ohne dies vermag man sich nicht zu Gott zu erheben. Und die ganze Kirche wiederholt, diesen Ruf beantwortend, indem sie den Lobgesang, der aus ihrem Munde emporsteigt, und die Besänftigung der Herzen als Opfergabe darbringt mit dem Sängerchor: „Die Gnade des Friedens, das Opfer des Dankes.“ In der Urkirche herrschte die Sitte, bei dieser Gelegenheit etwas Salböl als Opfergabe darzubringen, welches ein Symbol der Besänftigung ist, denn Salböl und Barmherzigkeit bedeuten im Griechischen dasselbe.
Unterdessen zieht der Priester im Altarraum den Aër von den heiligen Gaben hinweg, küßt ihn und legt ihn zur Seite, indem er spricht: „Die Gnade unseres Herrn ...“ Der Diakon aber betritt den Altarraum, nimmt den Fächer oder das Rhipidion in die Hand und schwingt ihn andachtsvoll über den heiligen Gaben.
Indem nun der Priester sich anschickt, das heilige Abendmahl zu zelebrieren, richtet er aus dem Inneren des Altarraums folgenden frohen Ruf an das Volk: „Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ worauf ihm alle Anwesenden antworten: „Und mit deinem Geiste!“ Der Altar, der vorhin die Krippe vorstellte, versinnbildlicht jetzt das Zimmer, in dem das Abendmahl zubereitet wurde; und der Hochaltar, der das Grab versinnbildlichte, stellt jetzt den Abendmahlstisch und nicht mehr das Grab dar. Der Priester gedenkt des Erlösers, Der Seine Augen zum Himmel emporrichtete, ehe Er Seinen Jüngern die göttliche Speise darreichte, und ruft: „Laßt uns unsere Herzen zum Himmel erheben!“ Und jeder, der in der Kirche anwesend ist, richtet seine Gedanken auf das, was nun geschehen wird — und er denkt daran, daß in diesem Augenblick das göttliche Lamm für ihn geschlachtet wird, daß das göttliche Blut des Herrn selbst in den Kelch fließt, um ihn zu entsühnen, und daß alle himmlischen Mächte sich mit dem Priester vereinigen, um für ihn zu beten; und indem er seine Gedanken [hierauf] richtet und seine Seele von der Erde abzieht und zum Himmel und aus der Finsternis zum Lichte erhebt, ruft er zugleich mit allen anderen aus: „Wir wollen uns zu Gott erheben!“
Der Priester ruft, des Erlösers gedenkend, Der da dankte, nachdem Er Seine Augen gen Himmel erhoben hatte: „Laßt uns unserem Gotte danken!“ Der Chor erwidert: „Geziemend ist es und fromm, anzubeten den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die Heilige Dreieinigkeit, Die eines Wesens und unfehlbar ist.“ Der Priester aber betet im stillen bei sich: „Geziemend ist es und fromm, Dich zu verherrlichen, zu loben, Dir zu danken und Dich anzubeten allerorten in Deinem Reiche, denn Du bist Gott, der Unaussprechliche, Unergründliche, Unsichtbare und Unbegreifliche, denn Du bist ewig Derselbe samt Deinem eingeborenen Sohn und Deinem Heiligen Geist. Du hast uns aus dem Nichtsein zum Sein erweckt, hast uns Abtrünnige wieder aufgerichtet und hast uns nicht verlassen, sondern uns in den Himmel erhoben und uns Dein künftiges Reich geschenkt. Für dieses alles danken wir Dir und Deinem eingeborenen Sohn und Deinem Heiligen Geiste, danken Dir alle, für alle die Wohltaten, die wir kennen und die wir nicht kennen, die offenkundigen und die unbekannten, die Du an uns getan hast. Wir danken Dir auch für diesen Gottesdienst und bitten Dich, ihn aus unserer Hand entgegenzunehmen, obwohl Dir Tausende von Erzengeln und Legionen von Engeln, Cherubim und sechsfach geflügelte Seraphim zur Verfügung stehen, vieläugige, gefiederte, gen Himmel strebend, Dir Siegeslieder singen, rufen, jauchzen und sprechen: „Heilig, heilig, heilig ist der Gott Zebaoth; Himmel und Erde sind Deines Ruhmes voll!“
Dieses Siegeslied der Seraphim, das die Propheten in ihren heiligen Gesichten vernahmen, wird von dem ganzen Sängerchor aufgenommen; es trägt die Gedanken der Gläubigen in unsichtbare Himmelsfernen mit sich fort, nötigt alle, mit den Seraphim in den Ruf einzustimmen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth!“ und mit ihnen den Thron des göttlichen Ruhmes zu umkreisen. Und da ferner die ganze Kirche in diesem Augenblick erwartungsvoll dessen harrt, daß der Herr selbst herabsteigen und Sich für alle zum Opfer darbringen wird, so vereinigt sich mit dem Gesang der Seraphim, der im Himmel ertönt, noch der Gesang der hebräischen Jünglinge, mit dem Ihn diese bei Seinem Einzug in Jerusalem begrüßten, Zweige auf den Weg streuend: „Hosianna in der Höhe. Gelobt sei, Der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ Denn der Herr bereitet sich, in den Tempel einzuziehen, wie in das mystische Jerusalem. Der Diakon fährt fort, mit dem Fächer über die heiligen Gaben hinzufächeln, damit kein Insekt auf sie herniederfalle, und symbolisiert mit dieser Bewegung des Fächers das Walten der Gnade. Der Priester aber betet im stillen weiter: „Mit diesen heiligen Mächten, o Herr, Der Du die Menschen liebhast, flehen auch wir zu Dir und sprechen: Heilig und hochheilig bist Du und Dein eingeborener Sohn und Dein Heiliger Geist. Heilig bist Du und hochheilig, und herrlich ist Dein Ruhm, denn also hast Du die Welt geliebt, daß Du Deinen eingeborenen Sohn gabst, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben, Der da kam und alles erfüllte, was von uns verkündet ward; in der Nacht, da Er verraten ward, oder besser, da Er Sich selbst dahingab für das Leben der Welt, nahm Er das Brot in Seine reinen unschuldigen Hände, dankte, segnete und heiligte es, brach es und gab es Seinen heiligen Jüngern und Aposteln und sprach ...“ Und mit lauter Stimme verkündete der Priester die Worte des Heilandes: „Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.“ Bei diesen Worten fallen die ganze Kirche und der Chor ein und rufen „Amen!“ Der Diakon aber weist, die Stola in der Hand haltend und sich zum Priester hinwendend, auf die heilige Patene hin, auf welcher das Brot ruht. Der Priester aber fährt leise fort: „Desselbigengleichen nahm Er auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach ...“ und er verkündet laut, nachdem der Diakon auf den Kelch gedeutet hat: „Trinket alle daraus, dies ist Mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für euch und für viele zur Vergebung der Sünden.“ Und die ganze Kirche antwortet ebenso laut wie das erstemal: „Amen!“
Der Priester fährt fort, leise zu beten: „Und indem wir also gedenken dieses erlösenden Gebotes und alles dessen, das für uns getan ward: des Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tage, der Himmelfahrt, des Sitzens zur Rechten Gottes und der zweiten ruhmvollen Wiederkunft“ — und nun, nachdem er dies leise vor sich hingesprochen, erhebt er die Stimme und spricht: „— bringen wir Dir dar das Deinige von den Deinigen für alle und für alles!“ Der Diakon legt nun den Fächer beiseite und hebt die heilige Patene und den heiligen Kelch in die Höhe: in diesem Augenblick stellt der Altar nicht mehr das Zimmer, in dem das heilige Abendmahl stattfand, und der Hochaltar nicht mehr den Abendmahlstisch dar; jetzt ist er der Opferaltar, auf dem das furchtbare Opfer für die ganze Welt dargebracht wird — das Golgatha, wo die furchtbare Hinschlachtung des göttlichen Opferlamms sich vollzog. Dieser Augenblick stellt den Augenblick des Opfers und den Moment dar, da ein jeder an das dem Schöpfer dargebrachte Opfer gemahnt wird. Wir beugen uns ja auch vor den irdischen Gewalten; wir verehren und achten ja auch die Menschen und gehorchen ihnen, aber wir opfern nur dem alleinigen Gott. Und dies Opfer hat nie aufgehört seit Erschaffung der Welt, in welcher Form es auch immer dargebracht werden mochte, das, worauf es dabei ankam, war nicht das Opfer selbst, sondern ein reumütiger Geist, mit dem es dargebracht wurde. Daher muß jeder der Anwesenden dessen eingedenk sein, daß der Priester in diesem Augenblick alles Gemeine und Diesseitige geringschätzen und alle irdischen Begierden und Gedanken vergessen muß gleichwie Abraham, der, als er zum Berg emporstieg, um das Opfer darzubringen, seine Frau, seinen Knecht und seinen Esel unten ließ und nur das Holz des bitteren Bekenntnisses seiner Sünden mit sich nahm, es im Feuer seiner inneren Reue zu Asche verbrannte und mit der Flamme und dem Schwerte des Geistes in sich jede Begierde nach irdischem Besitz und irdischen Gütern tötete. Was aber sind alle unsere Opfer vor dem Angesichte Gottes, wenn Er durch den Mund des Propheten zu uns spricht. „Wie ein unreines Gewand sind alle unsere Taten.“
Tief durchdrungen vom Bewußtsein, daß es auf Erden nichts gibt, das da wert wäre, Gott zum Opfer gebracht zu werden, richtet jeder der Anwesenden seine Gedanken auf den Kelch, den der Diener des Altars im Altarraum emporhebt, und ruft im Inneren seines Herzens aus: „Also sei Dir dargebracht das Deinige von den Deinigen, für alle und für alles!“ Der Chor singt: „Dir lobsingen wir, Dich segnen wir, Dir danken wir, o Herr, und wir beten zu Dir, unser Gott!“
Und nun folgt der Höhepunkt der ganzen Liturgie: die Transsubstantiation. Im Inneren des Altarraumes wird jetzt der Heilige Geist dreimal angerufen und angefleht, Sich auf die heiligen Gaben herabzusenken — derselbe Heilige Geist, durch Den die Fleischwerdung Christi, Seine Geburt durch die Jungfrau, Sein Tod und Seine Auferstehung vollzogen ward, und ohne Den sich das Brot und der Wein nicht in den Leib und das Blut Christi verwandeln können.
Der Priester fällt vor dem heiligen Hochaltar nieder, und auch der Diakon verbeugt sich dreimal bis zur Erde, indem er bei sich selbst spricht: „Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.“ Und nach diesem Anruf des Heiligen Geistes wiederholen alle bei sich den Vers: „Gib mir, o Gott, ein reines Herz und erneure in meinem Inneren einen gerechten Geist.“
Noch einmal wird der Anruf wiederholt: „Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.“ Und die Gemeinde singt den Vers: „Verwirf mich nicht von Deinem Angesicht und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von mir!“ Und zum drittenmal erfolgt der Anruf: „Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.“ Der Diakon weist gesenkten Hauptes mit der Stola auf das heilige Brot hin und spricht bei sich selbst: „Segne, o Herr, das heilige Brot!“ Und der Priester segnet es dreimal mit dem Kreuze und spricht: „Und mache dieses Brot zu dem heiligen Leibe Deines Christus.“ Der Diakon sagt: „Amen!“ Und damit ist das Brot in den Leib Christi verwandelt. Und abermals weist der Diakon mit der Stola stumm auf den heiligen Kelch und spricht bei sich selbst: „Segne, o Herr, den heiligen Kelch!“ Und der Priester segnet ihn und spricht: „Mache, den Inhalt dieses Kelches zum heiligen Blut Deines Christus.“ Der Diakon sagt: „Amen!“ und spricht, indem er auf die beiden heiligen Gaben hinweist: „Segne sie beide, o Herr!“ Der Priester segnet sie und spricht: „Verwandle sie durch Deinen Heiligen Geist!“ Der Diakon sagt dreimal: „Amen!“ Und auf dem Hochaltar ruhen jetzt der Leib und das Blut Christi selbst: die Transsubstantiation hat sich vollzogen! Ein Wort rief das ewige Wort herbei. Der Priester, dessen Stimme das Schwert vertritt, hat das Opfer vollbracht. Wer es auch sein möge — ob er Peter oder Iwan heißt —, in seiner Person hat der ewige Hohepriester selbst dies Opfer vollbracht, und Er vollbringt es ewiglich durch die Person Seiner Priester, wie auf das Wort: „Es werde Licht!“ das Licht ewiglich leuchtet und wie auf das Wort: „Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut!“ die Erde sie ewiglich aufgehen läßt. Und es ist nicht ein Bildnis oder die bloße Erscheinung des Leibes, die sich auf dem Hochaltar befindet, sondern der Leib Christi selbst — derselbe Leib, der auf Erden Backenstreiche erhalten, bespien, gekreuzigt, begraben ward, auferstand und mit dem Herrn gen Himmel fuhr und nun zur Rechten des Vaters sitzt. Er behält nur deshalb auch weiter die Gestalt des Brotes, um dem Menschen zur Speise zu dienen, und weil der Herr selbst gesagt hat: „Ich bin das Brot.“
Vom Kirchturm her ertönt jetzt Glockengeläut, um allen den großen Augenblick zu verkündigen, auf daß der Mensch — wo er sich in diesem Moment auch befinden mag — ob er unterwegs, ob er auf Reisen ist oder seinen Acker bestellt, ob er zu Hause sitzt oder einer anderen Beschäftigung nachgeht, ob er auf dem Krankenbett liegt oder in den Mauern eines Gefängnisses schmachtet — kurz, damit er überall, wo er sich auch aufhält, in diesem furchtbaren Augenblick auch für sich beten könne. Alles stürzt vor dem Leib und Blut Christi nieder und fleht den Herrn mit den Worten des Übeltäters an: „Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.“
Der Diakon beugt sein Haupt vor dem Priester und spricht: „Gedenke an mich, o heiliger Herr!“ und der Priester antwortet: „Gott gedenke deiner in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!“ Und nun gedenkt der Priester aller vor dem Angesichte Gottes, indem er die ganze Kirche, die triumphierende wie die kämpfende, mit in sein Gebet einschließt und zwar in derselben Weise und Reihenfolge, wie ihrer aller während des Offertoriums gedacht wurde, wobei er mit der heiligen, reinen, göttlichen Jungfrau und Mutter Gottes beginnt. Ihr zu Ehren, als der Fürsprecherin der ganzen Menschheit und als der einzigen, die für ihre hohe Demut und Bescheidenheit würdig erachtet wurde, Gott in ihrem Schoße zu tragen, stimmt die ganze Kirche zusamt dem Chor einen Lobgesang an, damit ein jeder in diesem Augenblick vernehme, daß die Demut die höchste Tugend und daß in dem Herzen des Demütigen Gott lebendig sei.
Nach der Mutter Gottes wird der Propheten, der Apostel und der Kirchenväter gedacht und zwar in derselben Reihenfolge, in der während des Offertoriums die Brotstücke für sie herausgeschnitten wurden; sodann wird aller Entschlafenen gedacht, deren Namen der Diakon verliest, sodann der Lebenden, wobei mit denen begonnen wird, denen die wichtigsten und höchsten Pflichten anvertraut sind, — d. h. mit denen, die das Wort der Wahrheit gerecht verwalten, der geistlichen und weltlichen Obrigkeit und dem Kaiser; [„Gott helfe ihm und unterstütze ihn in seinem schweren Amt bei jedem Werke, das das allgemeine Wohl betrifft; möge ihm in seinem edlen Streben das ganze Staatsschiff einträchtiglich folgen, zusamt der Regierung und der Militärkammer, auf daß sie getreulich ihre Pflicht erfüllen, und auch uns lasset im Frieden, der von ihnen ausgeht, ein ruhiges Leben führen in aller Frömmigkeit und Reinheit!“ Bei dieser Gelegenheit betet der Priester auch für alle anwesenden Christen bis auf den letzten, daß der allgütige Gott Seine Gnade über sie alle ergießen, ihre Schatzkammern mit Gütern füllen, die Eintracht und den Frieden in ihren Ehen walten, ihre Kinder groß werden lassen, die Jugend belehren, das Alter stützen und kräftigen, die Kleinmütigen trösten, die Zerstreuten sammeln, die Verführten zurechtweisen und in Seine heilige allgemeine apostolische Kirche aufnehmen möge. Für alle Christen bis auf den allerletzten, wo sich ein solcher Christ auch immer aufhalten möge, betet bei dieser Gelegenheit der demütige Priester;] ob der Christ unterwegs, auf der Wanderschaft, auf der See oder auf Reisen ist, ob er an einer Krankheit daniederliegt oder in der Verbannung, in Bergwerken oder unterirdischen Schächten schmachtet. Für alle — bis auf den allerletzten — betet bei dieser Gelegenheit die Kirche, und jeder Anwesende beteiligt sich nicht allein an diesem gemeinsamen Gebete für alle Menschen, sondern er betet auch für alle die Seinen, die seinem Herzen nahestehen, indem er sie insgesamt im Angesichte des Leibes und Blutes Christi beim Namen nennt. Dann ruft der Priester laut aus dem Altarraum: „Und laß uns preisen und lobsingen wie aus einem Munde und aus einem Herzen Deinen heiligen und herrlichen Namen, den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!“ Die ganze Kirche antwortet mit einem bestätigenden „Amen!“ Der Priester ruft: „Die Gnade des großen Gottes und unseres Heilandes Jesu Christi sei mit euch allen!“, und die Gemeinde erwidert: „Und mit deinem Geiste!“ Hiermit haben die Gebete für alle, die der Kirche Christi angehören, ihr Ende erreicht, wie sie im Angesicht des Leibes und des Blutes Christi zu Gott emporgerichtet werden.
Nun besteigt der Diakon die Kanzel, um zum Gebet für die Gaben selbst aufzufordern, die Gott dargebracht werden und die bereits verwandelt sind, auf daß sie uns nicht zum Gericht und nicht zu einer Strafe für uns werden. Er erhebt die Stola mit drei Fingern seiner rechten Hand und ermuntert alle zum Gebet, indem er spricht: „Laßt uns aller Heiligen gedenken und immer wieder und wieder in Frieden zu Gott beten!“ Der Chor singt: „Herr, erbarme Dich!“ „Laßt uns beten für die dargebrachten und geweihten heiligen Gaben!“ Der Chor singt: „Herr, erbarme Dich!“ „Laßt uns beten, daß unser Gott, Der die Menschen liebet, sie aufnehmen möge auf Seinem heiligen, über dem Himmel thronenden geistigen Altar, duftend von geistigen Wohlgerüchen, und daß Er uns herabsenden möge Seine göttliche Gnade und die Gabe des Heiligen Geistes!“ Der Chor singt: „Herr, erbarme Dich!“ „Laßt uns zu Gott beten, daß Er uns bewahren möge vor Kummer, Zorn und Not!“ Der Chor singt: „Herr, erbarme Dich!“ „Hilf, rette, erbarme Dich und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!“ Der Chor singt: „Herr, erbarme Dich!“ „Wir bitten Gott um einen vollkommen ungetrübten, vollkommen heiligen, friedlichen und sündlosen Tag!“ Der Chor singt: „Gewähre ihn uns, o Gott!“ „Wir bitten Gott um einen Friedensengel, einen treuen Lehrmeister und Beschützer unserer Seelen und Leiber!“ Der Chor singt: „Gewähre es uns, o Herr!“ „Wir bitten Gott um Vergebung und Erlassung unserer Sünden und Verfehlungen!“ Der Chor singt: „Gewähre sie uns, o Gott!“ „Wir bitten den Herrn um alles Gute, was unserer Seele heilsam ist, und um Frieden auf Erden!“ Der Chor singt: „Gewähre es uns, o Herr!“ „Wir bitten Gott um ein Leben in Frieden und um ein reumütiges Ende!“ Der Chor singt: „Gewähre es uns, o Herr!“ „Wir bitten Gott um ein christliches, schmerzloses, ehrbares und friedliches Ende und darum, daß es uns beschieden sein möge, in Ehren Rechenschaft abzulegen am Jüngsten Tage Christi!“ Der Chor singt: „Gewähre es uns, o Herr!“ Und nun ruft der Diakon nicht mehr die Heiligen um Hilfe an, sondern er wendet sich direkt an Gott: „Wir bitten Dich um Einheit des Glaubens und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes und weihen uns, einander und unser ganzes Leben Jesus Christus, unserem Gotte!“ Und alle singen mit völliger und inniger Hingebung: „Dir, o Herr!“
Nun stimmt der Priester statt eines Trichagions folgenden Gesang an: „Würdige uns, o Herr, daß wir Dich, Gott, unseren himmlischen Vater, zuversichtlich und als Gerechtfertigte anrufen und lobsingen.“ Und alle Gläubigen beten nicht mehr wie mit Furcht erfüllte Sklaven, sondern wie reine unschuldige Kinder, die sich durch das Gebet, den ganzen Gottesdienst und die stetige Ausführung der heiligen Bräuche in jenen engelhaften Gemütszustand himmlischer Rührung versetzt fühlen, in dem der Mensch unmittelbar mit Gott sprechen kann wie mit seinem Vater, das Gebet des Herrn: „Vater unser, der Du bist im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel.“
Dieses Gebet umfaßt alles und schließt alles in sich ein, was wir brauchen. Die Bitte: „Geheiligt werde Dein Name!“ enthält das Erste, worum wir zuerst und vor allem bitten müssen: wo Gottes Name geheiligt wird, da ist allen wohl, da sind folglich alle in Liebe miteinander verbunden, denn nur durch die Liebe wird Gottes Name geheiligt. Mit den Worten: „Dein Reich komme!“ flehen wir das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit auf die Erde herab; ohne Gottes Herabkunft wird es nie eine Gerechtigkeit geben: denn Gott ist die Gerechtigkeit. Bei den Worten: „Dein Wille geschehe!“ wird der Mensch durch den Glauben wie durch die Vernunft geführt: denn wessen Wille kann wohl herrlicher sein, als der Wille Gottes? Wer weiß denn besser als der Schöpfer, was Seinen Geschöpfen not tut. Wem soll man also vertrauen, wenn nicht Ihm, Der durch und durch nichts als die ewiglich nur Gutes zeugende Güte und Vollkommenheit ist! Mit dem Worte: „Unser täglich Brot gib uns heute!“ bitten wir um alles, dessen wir zu unserem täglichen Lebensunterhalt bedürfen. Unser Brot aber ist die höchste göttliche Weisheit und Christus selbst. Er selbst hat gesagt: „Ich bin das Brot und wer von Mir isset, wird nicht sterben.“ Mit den Worten: „Vergib uns unsere Schuld!“ bitten wir, daß alle unsere schweren Sünden, die auf uns lasten, von uns genommen werden mögen — wir bitten, daß uns alles erlassen werden möge, dessen wir uns gegenüber dem Schöpfer selbst schuldig gemacht haben, indem wir uns an unseren Brüdern vergingen; streckt Er uns doch jeden Tag und jede Minute in ihrer Gestalt Seine Hand entgegen, indem Er uns mit herzzerreißendem Klagelaut um Mitleid und Erbarmen anfleht. Mit den Worten: „Und führe uns nicht in Versuchung!“ bitten wir Gott, uns vor allem zu behüten, was unser Gemüt verwirrt, uns irre leitet und uns unsere Seelenruhe raubt. Mit den Worten: „Sondern erlöse uns von dem Übel!“ bitten wir um die himmlische Seligkeit; denn sowie der Böse von uns weicht, bemächtigt sich sogleich eine hohe Freudigkeit unserer Seele, und wir fühlen uns schon auf Erden wie im Himmel.
So umfaßt und schließt dieses Gebet alles in sich ein, was uns die höchste göttliche Weisheit selbst beten gelehrt hat. Und zu wem beten wir? Zum Vater der Weisheit, Der Seine ewige Weisheit vor Beginn aller Zeiten zeugte. Da alle Anwesenden dieses Gebet bei sich wiederholen müssen, nicht mit dem Munde, sondern in der reinsten Unschuld eines kindlichen Herzens, so muß auch der Abgesang des Gebets auf den Chören einen kindlichen Charakter tragen: nicht in rauhen männlichen Tönen, sondern mit kindlicher Stimme, die die Seele selbst zu liebkosen scheint, muß dieses Gebet gesungen werden, auf daß man in ihr den Frühlingshauch des Himmels zu verspüren meine und daß in ihm etwas erklinge, was uns wie die Liebkosungen der Engel selbst berührt, denn in diesem Gebet reden wir ja Den, Der uns erschaffen hat, nicht mehr mit Gott an, sondern ganz schlicht mit den Worten: „Vater unser!“
Der Priester begrüßt die Gemeinde aus dem Inneren des Altarraumes mit dem Gruße des Heilands: „Friede sei mit euch allen!“ Die Gemeinde erwidert: „Und mit deinem Geiste!“ Jetzt fordert der Diakon alle zu einer inneren Herzensbeichte auf, die jeder nunmehr vor sich selbst ablegen muß, indem er ruft: „Beugt eure Häupter vor dem Herrn!“ Und indem nun alle Anwesenden bis auf den letzten ihr Haupt beugen, sprechen sie bei sich selbst etwa folgendes Gebet: „Ich beuge mein Haupt vor Dir, mein Herr und Gott, ich bekenne meine Sünden aufrichtig und schreie zu Dir: ich bin sündig, o Herr, und unwert, Dich um Vergebung zu bitten, aber Du bist menschenfreundlich, so erbarme Dich denn meiner, obwohl ich es nicht verdient habe, wie der verlorene Sohn, rechtfertige mich wie den Zöllner und mache mich würdig, gleich dem Übeltäter in Dein himmlisches Reich einzugehen.“ Und während so alle gebeugten Hauptes in innerer Herzenszerknirschung verharren, betet der Priester am Altare für alle mit folgenden Worten bei sich selbst: „Wir danken Dir, unsichtbarer König, Der Du in Deiner unermeßlichen Kraft alles erschaffen und durch Deine große Gnade alles aus dem Nichtsein ins Dasein gerufen hast; blicke selbst vom Himmel auf die herab, o Herr, die ihr Haupt vor Dir beugen, denn sie beugen es nicht vor dem Fleische und dem Blute, sondern vor Dir, furchtbarer Gott. Wende alles, was uns bevorsteht, zu unserem Besten, o Herr, so wie es jedem not tut: Laß den Seefahrer den Hafen und den Reisenden sein Ziel erreichen, heile den Kranken, o Arzt der Seele und des Leibes!“ Dann stimmt der Priester den herrlichen Lobgesang auf die Dreieinigkeit an, der sich an die himmlische Güte Gottes wendet: „Gesegnet seist Du durch die Gnade, die Milde und die Menschenliebe Deines eingeborenen Sohnes samt Ihm, Deinem Sohne und Deinem Allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!“ Der Chor ruft: „Amen!“ Nunmehr rüstet sich der Priester, selbst, und in Gemeinschaft mit allen, den Leib und das Blut Christi in sich aufzunehmen, indem er leise bei sich folgendes Gebet spricht: „Blicke herab, Herr Jesus Christus, unser Gott, aus Deiner heiligen Wohnung und vom ruhmvollen Thron Deines Reiches. Komm und heilige uns, Der Du hoch oben neben dem Vater sitzest und unsichtbar bei uns weilst, und mache uns [Priester] würdig, aus Deiner allmächtigen Hand Deinen reinen Leib und Dein gerechtes Blut zu empfangen und es allen den Deinen darzureichen.“
Während der Priester dies Gebet spricht, rüstet sich der Diakon zum heiligen Abendmahl: er tritt vor die Königspforte, umgürtet sich mit der Stola und kreuzt sie auf seiner Brust, gleich den Engeln, die ihre Flügel kreuzweise zusammenlegen und ihr Antlitz mit ihnen verdecken vor dem unnahbaren Lichte der Gottheit. Wie der Priester, verbeugt er sich dreimal und spricht bei sich selbst: „O Gott, reinige mich Sünder und erbarme Dich meiner!“ Wenn dann der Priester seine Hand nach der heiligen Patene ausstreckt, fordert er alle, die im Tempel anwesend sind, durch das anfeuernde Wort: „Laßt uns aufmerken!“ auf, alle ihre Gedanken auf das, was nun geschieht, hinzulenken. Der Altar entzieht sich dem Anblick des Volkes, der Vorhang wird zugezogen, damit zuerst der Priester das Abendmahl empfange. Nur die Stimme des Priesters, der die Patene in die Höhe hebt und ruft: „Das Heilige den Heiligen!“ dringt aus dem Altar hervor. Tief erschüttert von dieser Verkündigung, die da besagt, daß man selbst heilig sein muß, um das Heilige in sich aufzunehmen, erwidert die ganz im Gebet versunkene Gemeinde: „Einer ist heilig, der eine Gott, Jesus Christus, zur Ehre Gottes des Vaters!“ worauf eine Lobhymne auf den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist, gesungen wird, um hierdurch anzudeuten, daß auch der Mensch heilig sein kann, so wie auch der Heilige, zu dessen Preis die Hymne gesungen wird, ein Heiliger werden konnte; auch er ward freilich heilig nicht durch seine eigene Heiligkeit, sondern durch die Heiligkeit Christi selbst. Durch sein Leben in Christo wird der Mensch geheiligt und in solchen Augenblicken der Ruhe in Christo ist er heilig wie Christus selbst, gleichwie das Eisen, wenn es im Feuer steckt, selbst zu Feuer wird und sofort erlöscht, sowie man es aus dem Feuer herausnimmt, und wieder gewöhnliches dunkles Eisen wird.
Nun bricht der Priester das heilige Brot; zuerst bricht er es gemäß dem Zeichen, das während des Offertoriums auf ihm gemacht wurde, in vier Teile, indem er spricht: „Das Lamm Gottes wird zerlegt und zerteilt, das zerlegt und doch unteilbar ist, das stets gegessen und nie aufgezehrt wird, und das da heiligt, die davon essen.“ Er legt eins von den Stücken des heiligen Leibes noch unvermischt mit dem Blute für sich und den Diakon zurück und zerlegt dann das Brot in so viele Teile, als die Zahl der Kommunikanten beträgt; aber durch diese Teilung wird doch der Leib Christi selbst nicht zerteilt, der Leib, dem kein Bein zerbrochen ward, und in dem kleinsten Teil erhält sich der Christus ganz und unversehrt, wie in jedem Gliede unseres Körpers dieselbe ganze und unteilbare Seele zugegen ist, und wie sich in einem Spiegel, auch wenn er in hundert Stücke zerspringt, selbst noch im kleinsten Splitter das Abbild derselben Dinge erhält. Wie in einem Ton, der an unser Ohr dringt, dieselbe Einheit erhalten bleibt oder wie derselbe ganze Ton sich unversehrt erhält, auch wenn tausend Ohren ihn vernehmen. Die Stücke, die während des Offertoriums zu Ehren der Heiligen und der Entschlafenen und im Namen einzelner von den Lebenden herausgeschnitten wurden, werden nicht alle in den Kelch getaucht. Sie bleiben einstweilen noch auf der Patene; nur die Teile, die den Leib und das Blut des Herrn darstellen, werden der Gemeinde während des heiligen Abendmahls dargereicht. In den ersten Zeiten der Kirche wurden sie in getrennter Gestalt dargereicht, wie sie auch heute noch von den Priestern genossen werden; ein jeglicher nahm den Leib des Herrn in die Hand und trank dann selbst aus dem Kelch. Aber da die heiligen Gaben infolge der Zuchtlosigkeit der neubekehrten und noch unwissenden Christen, die bloß dem Namen nach Christen geworden waren, oftmals von ihnen fortgetragen und mit nach Hause genommen wurden, wo man sie zu abergläubischen Zwecken und Zauberkünsten verwendete, oder da man in der Kirche in unwürdiger Weise mit ihnen umging, sich hierbei stieß, Lärm machte und die heiligen Gaben sogar verschüttete, als die Väter vieler Kirchen sich genötigt sahen, dem Volke den Kelch völlig vorzuenthalten und ihn durch die Darreichung der Oblate, als Symbol des Brotes, zu ersetzen, ein Brauch, den die abendländische römisch-katholische Kirche bei sich eingeführt hat, da ordnete der heilige Johannes Chrysostomus an, damit in der morgenländischen Kirche nicht das gleiche geschähe: daß Leib und Blut dem Volke nicht in getrennter und gesonderter, sondern in vereinigter Gestalt dargereicht werden und daß ihm beides nicht in die Hand gegeben, sondern in einem heiligen Löffel gereicht werden solle, der die Form jener Zange haben müsse, mit der der feurige Seraphim die Lippen des Propheten Jesaias berührte. Hierdurch sollen alle daran gemahnt werden, was das für eine Berührung ist, deren ihr Mund gewürdigt wird, und ein jeglicher deutlich erkennen, daß der Priester in diesem heiligen Löffel jene glühende Kohle hält, die der Seraphim mit der geheimnisvollen Zange vom Altar Gottes nahm, also daß bei der bloßen Berührung der Lippen des Propheten alle seine Missetat von ihm genommen wurde. Derselbe Johannes Chrysostomus ordnete ferner, um jeden Gedanken daran fernzuhalten, daß eine solche Vereinigung von Leib und Blut ein Willkürakt des Priesters sein könne, an, daß im Augenblick ihrer Vereinigung warmes Wasser in das Gefäß gegossen werde, was die erwärmende Gnade des Heiligen Geistes symbolisieren soll, der da ausgegossen wird, um diese Vereinigung zu heiligen, woher auch der Diakon dabei die Worte spricht: „Die Wärme des Glaubens, erfüllet vom Heiligen Geiste!“ Beim Einschütten des warmen Wassers wird die Gnade des Heiligen Geistes herabgefleht, damit nichts ohne den Segen des Herrn dabei geschehe und auf daß die Wärme zugleich zum Sinnbild der Blutwärme diene und, indem sie sich jedem fühlbar macht, ihm zum Bewußtsein bringe, daß sie nicht aus einem toten Leib, dem ja kein warmes Blut entfließt, sondern aus dem lebendigen, lebenspendenden und lebenzeugenden Leibe des Herrn in ihn einströmt; denn er soll auch hierbei daran erinnert werden, daß auch der tote Leib des Herrn nicht von Seiner göttlichen Seele verlassen, daß er voll der Wirkung des Heiligen Geistes ist, und daß die Gottheit Sich nicht von ihm getrennt hat.
Nachdem der Priester zuerst selbst das Abendmahl genommen und es dann dem Diakon gereicht hat, steht der Diener Christi als ein neuer, durch das Sakrament der Kommunion von allen seinen Sünden gereinigter Mensch da; in diesem Augenblick ist er im wahren Sinn des Wortes ein Heiliger und würdig, anderen das Abendmahl zu reichen.
Die Königspforte tut sich auf, und der Diakon erhebt feierlich seine Stimme: „Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben!“ Nun erscheint der verwandelte Seraphim — d. h. der in der Königspforte stehende Priester mit dem Kelch in der Hand — vor der ganzen Gemeinde.
Verzehrt von der Sehnsucht nach ihrem Gotte und von der heißen Flamme der Liebe zu Ihm, treten alle Kommunikanten, einer nach dem anderen, die Hände auf der Brust gekreuzt, vor den Priester und sprechen gebeugten Hauptes leise bei sich selbst folgendes Gebet, in dem sie ihren Glauben zu dem Gekreuzigten bekennen: „Ich glaube, o Herr, und bekenne, daß Du in Wahrheit bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der in die Welt gekommen ist, die Sünder zu erlösen, deren vornehmster ich selbst bin. Ich glaube auch, daß dies Dein heiliger Leib und daß dies Dein gerechtes Blut ist; daher bete ich zu Dir: erbarme Dich meiner und vergib mir meine Sünden, die freiwilligen wie die unfreiwilligen, deren ich mich in Worten oder Taten, wissentlich oder unwissentlich schuldig gemacht habe, und gib, daß ich nicht als Verworfener teilhaftig werde Deines heiligen Sakramentes zur Vergebung der Sünden und zum ewigen Leben.“ Hier hält der Andächtige einen Augenblick inne, um die Bedeutung dessen, wozu er sich anschickt, in Gedanken zu erfassen, und fährt sodann aus innerstem Herzen fort, indem er folgende Worte spricht:
„Laß mich heute Deines heiligen Abendmahls teilhaftig werden, o Sohn Gottes, denn nicht als Dein Feind will ich Dein Geheimnis verraten, noch Dich küssen mit dem Kusse des Judas, sondern ich will Dich bekennen gleich dem Übeltäter, indem ich spreche: „Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.“ Und indem der Betende in seinem Inneren einen Augenblick andächtig innehält, fährt er fort: „Gib, o Herr, daß ich mir aus Deinem heiligen Abendmahl nicht das Gericht und die Verdammnis esse und trinke, sondern daß es mir zum Heil meiner Seele und meines Körpers gereiche.“
Nachdem nun ein jeglicher dieses Bekenntnis abgelegt hat, naht er sich dem Geistlichen nicht wie einem gewöhnlichen Priester, sondern wie dem feurigen Seraphim selbst, indem er sich bereit hält, mit offenem Munde die glühende Kohle des heiligen göttlichen Leibes und Blutes, die ihm im Löffel gereicht wird, in sich aufzunehmen, sie, die den ganzen häßlichen Schmutz und Unrat seiner Sünden zu Asche verbrennen soll, wie trockenes Reisig, die ewige Nacht aus seiner Seele verscheuchen und ihn selbst in einen strahlenden Seraph verwandeln soll. Und wenn dann der Priester den heiligen Löffel an seine Lippen führt, den Kommunikanten beim Namen nennt und spricht: „Der Knecht Gottes empfängt das gerechte und heilige Blut des Herrn und Gottes, unseres Heilandes Jesu Christi, zur Vergebung der Sünden und zum ewigen Leben,“ nimmt er den Leib und das Blut des Herrn in sich auf; so steht er in seinem Inneren einen Augenblick seinem Gott gegenüber, indem er Ihm selbst vor das Angesicht tritt. Dieser Augenblick ist unzeitlich und er unterscheidet sich durch nichts von der Ewigkeit, denn er ist erfüllt von Dem, Der da der Grund aller Ewigkeit ist.
Indem der Mensch durch den Genuß des Leibes und des Blutes dieses großen Augenblicks teilhaftig geworden ist, steht er von heiliger Ehrfurcht erfüllt da; nun wird sein Mund mit dem heiligen Aër abgetrocknet, und diese Handlung wird mit den Worten des Seraphs begleitet, die dieser an den Propheten Jesaias richtete: „Siehe, hiermit sind deine Lippen gerühret, daß deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde versöhnet sei.“ Nunmehr tritt er selbst als ein Heiliger von dem heiligen Kelche zurück, indem er sich vor den Heiligen verbeugt, sie grüßt und sich vor den Anwesenden verneigt, die seinem Herzen jetzt soviel näher stehen als bis dahin und die nun durch das Band einer heiligen himmlischen Blutsverwandtschaft mit ihm verbunden sind; dann geht er wieder an seinen Platz zurück, ganz erfüllt von dem Gedanken, daß er Christus selbst in sich aufgenommen hat, daß Christus in ihm weilt und in fleischlicher Gestalt in seinen Leib hinabgestiegen ist, wie in ein Grab, um bis in die geheimste Kammer seines Herzens einzudringen und aufzuerstehen in seinem Geiste, denn in ihm selbst vollzieht Er Sein Begräbnis und Seine Auferstehung. Und die ganze Kirche leuchtet auf im Lichte dieser geistigen Auferstehung und jauchzend stimmt der Sängerchor einen Jubelgesang an:
„Wir haben gesehen Christi Auferstehung, so lasset uns anbeten den heiligen Herrn Jesum, Ihn, den Einzigen, Sündlosen. Wir beten Dein Kreuz an, o Christus, und lobsingen und preisen Deine heilige Auferstehung, denn Du bist unser Gott, wir kennen keinen, außer Dir, und preisen Deinen Namen. Kommet her, alle ihr Gläubigen, lasset uns anbeten die heilige Auferstehung Christi, denn durch das Kreuz ward der ganzen Welt große Freude zuteil. Wir segnen den Herrn ewiglich und preisen Seine Auferstehung: denn Er erlitt und erduldete den Kreuzestod, und indem er starb, hat Er den Tod überwunden.“ Und hierauf singt der Chor gleich den Engeln, die sich zu dieser Zeit versammeln:
„Strahle auf und leuchte, neues Jerusalem, denn Gottes Ruhm ist über dir aufgegangen. Jubele und freue dich nun, o Zion. Und du, reine Jungfrau und Mutter Gottes schmücke dich, denn Er, Den du geboren hast, ist auferstanden. O großes, heiligstes Passahfest Christi! O Weisheit, du Wort und Kraft Gottes! laß uns deiner noch in vollkommener Weise teilhaftig werden an dem nie endenden Tage deines Reiches!“
Während die frohlockende Kirche also widerhallt von den Auferstehungsliedern, stellt der Priester, im geschlossenen Altarraum, den heiligen Kelch auf den heiligen Hochaltar, der gleich der Patene wieder mit einer Decke zugedeckt wird, und richtet ein Dankgebet an den Herrn und Wohltäter unserer Seelen dafür, daß Er alle durch Seine Gnade teilnehmen ließ an Seinem himmlischen ewigen Sakramente, und er schließt mit der Bitte, Gott möge uns auf den rechten Weg führen, uns alle in der heiligen Ehrfurcht zu Ihm befestigen, unser Leben behüten und unseren Schritten Kraft und Festigkeit verleihen.
Und nun öffnet sich die Königspforte zum letztenmal, denn dieses offene Tor soll die offenen Pforten des Himmelreiches versinnbildlichen, das Christus allen zuteil werden ließ, indem Er Sich selbst der ganzen Welt zur Speise darbrachte. Das Hinaustragen des heiligen Kelches, wobei der Diakon die Worte spricht: „Tretet heran mit Gottesfurcht und Glauben,“ sowie das Zurücktragen des Kelches soll versinnbildlichen, daß Christus zum Volke hinausgeht, um alle Menschen mit Sich in das Haus Seines Vaters zurückzuführen. Vom Chor ertönt ein donnernder feierlicher Jubelgesang zur Antwort: „Gesegnet sei Der da kommt im Namen des Herrn; unser Herr und Gott erscheine, Der uns erscheint.“ Und die ganze Gemeinde vereinigt sich mit dem Chor und stimmt einen donnernden geistlichen Lobgesang an, der aus der Tiefe des gewaltig erstarkten und erhobenen Geistes kommt. Der Priester segnet die Anwesenden mit den Worten: „Errette, o Herr, Deine Menschen und segne Dein Eigentum,“ denn er nimmt an, daß in diesem Augenblick alle durch ihre Reinheit zu Gottes eigenstem Eigentum geworden sind — dann schwingt er sich in Gedanken empor und gedenkt der Himmelfahrt Christi, die den Abschluß Seines Erdenwandels bildete: er tritt zusammen mit dem Diakon vor den heiligen Hochaltar, verneigt sich und räuchert zum letztenmal, indem er spricht: „Aufgefahren zum Himmel bist Du, o Herr, die ganze Erde ist Deines Ruhmes voll,“ inzwischen aber begeistert der Chor durch jauchzende Jubelgesänge und Töne, die von strahlender geistiger Freude erfüllt sind, die verklärten Gemüter der Anwesenden zu folgenden Worten, dem höchsten Ausdruck geistiger Freude: „Wir haben das wahre Licht geschaut, wir haben den himmlischen Geist empfangen, wir haben uns mit dem wahrhaften Glauben erfüllt und beten an die Heilige unteilbare Dreieinigkeit, denn Sie hat uns erlöst.“
Der Diakon erscheint mit der heiligen Patene auf dem Haupte im heiligen Tor, er spricht kein Wort, blickt stumm auf die ganze Versammlung und entfernt sich hierauf wieder, womit er andeuten will, daß Christus uns verlassen hat und gen Himmel gefahren ist. Nach dem Diakon erscheint der Priester mit dem heiligen Kelch im heiligen Tore und verkündigt, daß der Herr, Der gen Himmel gefahren ist, alle Tage bis zum Ende der Welt bei uns weilet, indem er spricht: „Immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit,“ worauf der Kelch und die Patene zurückgetragen und auf den Seitenaltar gestellt werden, auf dem das Offertorium stattfand und der jetzt nicht mehr die Krippe, die eine Zeugin der Geburt Christi war, sondern jenen höchsten Ort des Ruhmes darstellt, auf dem sich die Himmelfahrt Christi in den Schoß des Vaters vollzog.
Hier vereinigt sich die ganze Kirche unter Führung des Sängerchors zu einem feierlichen Dankgesang der Seelen, und dies sind die Worte des Lobgesangs: „Laß unseren Mund sich erfüllen mit Deinem Lobe, o Herr, daß wir Deinen Ruhm singen, Der Du uns würdigest, an Deinem heiligen, göttlichen, unvergänglichen, lebenspendenden Sakramente teilzunehmen; behüte uns in Deinem Heiligtume, auf daß wir den ganzen Tag Belehrung schöpfen aus Deiner Weisheit!“ Hierauf singt der Sängerchor dreimal ein begeistertes: „Halleluja!“, das allen das ewige Wandeln und die Allgegenwart Gottes in Erinnerung ruft. Der Diakon besteigt die Kanzel, um die Anwesenden zum letztenmal zu Dankgebeten aufzufordern. Er hebt die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und spricht: „Vergib! lasset uns, nachdem wir empfangen haben das göttliche, heilige, reine, unvergängliche, himmlische, lebenspendende und furchtbare Sakrament Christi, würdig danken dem Herrn.“ Und alle Anwesenden singen leise und mit dankbarem Herzen: „Herr, erbarme Dich!“ „Hilf, rette, erbarme Dich und erhalte uns durch Deine Gnade, o Gott!“ ruft der Diakon zum letztenmal. Und alle singen den Gesang: „Herr, erbarme Dich! Wir beten, daß dieser ganze Tag heilig, friedlich und sündlos zu Ende gehe und weihen uns, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gotte!“ Und mit der sanften Fügsamkeit eines Kindes und dem himmlischen Vertrauen auf Gott rufen alle aus: „Dir, o Herr!“ Der Priester hat währenddessen das Corporale zusammengelegt und verkündigt nun mit dem Evangelium in der Hand ... und stimmt einen Lobgesang auf die Dreieinigkeit an, der bisher gleich einem alles erhellenden Leuchtturm den ganzen Gang des Gottesdienstes erleuchtete und jetzt mit noch hellerem Lichte in den verklärten Seelen aufstrahlt; diesmal aber lautet der Lobgesang auf die Dreieinigkeit folgendermaßen: „Da Du bist unsere Heiligung, so singen wir Dir Ruhm und Preis: dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit.“
Dann tritt der Priester vor den Seitenaltar, auf dem der Kelch und die Patene stehen. Alle die Stücke, die bisher auf der Patene lagen und die während des Offertoriums zum Gedächtnis der Heiligen, zu Ehren der Entschlafenen und für das geistige Wohlergehen der Lebenden herausgeschnitten wurden, werden jetzt in den heiligen Kelch getaucht, und durch diesen Akt des Eintauchens nimmt die ganze Kirche am Leibe und Blute Christi teil — sowohl die, die noch auf Erden umherirrt und kämpft, als auch die, die bereits triumphieret im Himmel: die Mutter Gottes, die Propheten, die Apostel, die Kirchenväter, die Priester, die Einsiedler, die Märtyrer, alle Sünder, für die ein Stück aus dem Brote herausgeschnitten wurde, sowohl die, die auf Erden leben, als auch die, die schon dahingegangen sind, nehmen in diesem Augenblick am Leibe und Blute Christi teil. Und der Priester, der in diesem Augenblick als der Vertreter der ganzen Kirche vor Gottes Angesichte steht, trinkt aus dem Kelche diese Kommunion aller und betet, nachdem er die Kommunion in sich aufgenommen hat, für alle, auf daß ihre Sünden weggewaschen werden, denn um der Erlösung aller willen ward dieses Opfer von Christus dargebracht, sowohl für die, die vor Seinem Kommen gelebt haben, als auch für die, die nach seinem Erscheinen leben. Und so sündhaft sein Gebet auch sein mag, der Priester richtet es für alle zu Gott empor, selbst für die heiligsten unter den Menschen, denn Johannes Chrysostomus hat gesagt: „Die ganze Welt muß gereiniget werden.“
Die Kirche ordnet ein allgemeines Gebet für alle an, und die hohe Bedeutung eines solchen Gebets und seine strenge Notwendigkeit sind nicht von den Philosophen und nicht von Gelehrten und Weltweisen des Zeitalters, sondern von den erhabensten Menschen erkannt worden, die durch ihre hohe geistige Vollkommenheit und durch ihr himmlisches engelhaftes Leben bis zur Erkenntnis der tiefsten geistigen Geheimnisse durchdrangen und klar einsahen, daß es keine Trennung unter denen, so in Gott leben, gibt, daß ihr Verkehr infolge der momentanen Verweslichkeit unseres Leibes nicht aufhört, daß die Liebe, die hier erblühte und uns verband auf der Erde, im Himmel als in ihrer Heimat noch viel mächtiger wird, und daß ein Bruder, der uns verlassen hat, uns durch die Macht der Liebe noch weit näher gerückt wird. Und alles, was aus Christus hervorgeht, ist ewig, wie die Quelle selbst ewig ist, aus der es entspringt. Sie haben ja auch durch ihre höheren Sinnesorgane erfahren, daß sogar die triumphierende Kirche im Himmel beten muß, und daß sie in der Tat für ihre auf Erden herumirrenden Brüder betet; sie haben auch erkannt, daß Gott uns im Gebet die höchste Seligkeit beschieden hat, denn Gott tut nichts und erweist niemand eine Wohltat, ohne Sein Geschöpf an Seinem Werke mitwirken zu lassen, auf daß es die hohe Wonne des Wohltuns mitgenieße; der Engel, der der Überbringer Seines Befehls ist, versinkt förmlich in Seligkeit, bloß weil er Seine Befehle überbringen darf. Der Heilige betet im Himmel für seine Mitbrüder, die hier auf Erden weilen, und versinkt in lauter Seligkeit, weil er beten darf. Und alles nimmt mit Gott an allen Seinen höchsten Wonnen und an Seiner Seligkeit teil: Millionen der vollkommensten Geschöpfe gehen aus Gottes Hand hervor, um an der höchsten und erhabensten Seligkeit teilzunehmen, und dies nimmt kein Ende, wie Gottes Seligkeit kein Ende nimmt.
Nachdem der Priester die Kommunion aller mit Gott aus dem Kelche getrunken hat, verteilt er die Weihbrote, denen die Stücke entnommen und aus denen sie herausgeschnitten wurden, an das Volk und übt damit den alten hohen Brauch des Liebesmahls aus, der bei den ersten Christen herrschte. Obwohl heute zu diesem Zweck kein Tisch mehr gedeckt wird, weil die ungebildeten und noch rohen Christen durch törichte Kundgebungen einer ungestümen Freude und durch Worte des Streits statt durch Worte der Liebe die Heiligkeit dieses rührenden himmlischen Mahles im Hause Gottes entweiht hatten, eines Mahles, bei dem alle Teilnehmer Heilige waren, bei dem alle Teile in eins zusammenflossen und währenddessen sie miteinander sprachen und sich unterhielten wie reine, unschuldige Kindlein, als wenn sie bei Gott im Himmel weilten; obwohl die Kirchen selbst einsahen, daß es unbedingt notwendig sei, diesen Brauch aufzuheben und selbst die Erinnerung an dieses Festmahl in vielen Kirchen zu tilgen, konnte die morgenländische Kirche sich nichtsdestoweniger nicht entschließen, diese Sitte gänzlich abzuschaffen, und so feiert sie auch heute noch in der Verteilung des heiligen Brotes an das gesamte in der Kirche versammelte Volk das alte Liebesmahl. Daher nimmt ein jeder, der das Weihbrot empfängt, dieses statt des Brotes entgegen, das von jenem Mahle herstammt, bei dem der Herr der Welt selbst Sich mit Seinen Jüngern unterredet hat, daher muß er es voller Ehrfurcht genießen und sich vorstellen, er sei von allen Menschen wie von lieben Brüdern umgeben, daher genießt er es denn auch, wie das in der Urkirche Sitte war, vor jeder anderen Speise, nimmt es mit sich nach Hause, oder er bringt es den Kranken, den Armen und solchen, die an jenem Tage aus irgendeinem Grunde nicht in der Kirche sein konnten.